Kitabı oku: «Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte»

Yazı tipi:

Berthold Auerbach

Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte

(1852.)

Saga

Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. Eine Schwarzwälder DorfgeschichteCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1852, 2020 Berthold Auerbach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614541

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Erstes Kapitel.

In dem freundlichen Städtchen G. war lebhaftes Marktgewühl und mitten durch das auf und abwogende Menschengedränge bewegte sich, von zwei fetten, tief eingekreuzten Rappen gezogen, ein Bernerwägelein, auf dessen niedergelassener Halbkutsche ein breitschulteriger Mann sass. Der breitkrämpige schwarze Hut mit handhoher Silberschnalle im Sammtbande, der kragenlose einreihige schwarze Sammtrock mit den nahe zusammengerückten flachen silbernen Knöpfen, die rothe Scharlachweste mit den kugelförmig silbernen Knöpfen zeigten den reichen oberländischen Bauer. Er hielt mit beiden Händen die Pferde straff im Zügel, die Peitsche stack neben ihm und er rief nur manchmal den zögernd Ausweichenden ein Aufg’schaut! oder einfach Hoho! zu. Die Pferde trugen die Köpfe mit dem messingbeschlagenen Riemenzeug so stolz, als wüssten sie, welch’ ein Aufsehen sie erregten. Neben dem Manne sass ein junges Mädchen, ebenfalls in oberländischer Tracht, die sich aber mehr im Schnitt als im Stoff zeigte; denn der braune Spenzer und die schwarze Schürze waren von Seide, nur die Haube war noch in der landesüblichen Weise und aus den schwarzen am Kinn geknüpften Bändern sah ein blasses längliches Gesicht mit dunkeln Augen.

Die Leute im Gedränge gafften Alle nach dem Gefährte und dessen überaus stattlichen Insassen. Manche vergassen darüber auszuweichen und mussten von Nachbarn angerufen werden, und bald da bald dort gab es ein heftigeres Gedränge, aber die Rappen standen jedesmal auf einen Pfiff ihres Herrn stille. Oftmals auch grüsste dieser einen Bekannten und rief ihm zu: ,,Weisst schon, im Hirsch.“ In dem Marktgemühl stachen besonders die Schäfer hervor in ihren weissen rothausgeschlagenen und mit rothen Einnäthen versehenen Zwillichröcken, auf denen noch, über die rechte Schulter gelegt, schärpenartig der lederne Gurt mit glänzenden Messingringen prangte; ihre Hunde liefen hart neben ihnen, denn sie hatten sie an die vielgelenkige Kette angekoppelt. Ueber das bartlose runde Antlitz des Fahrenden zuckte oft ein Lächeln, denn er hörte die Staunenden am Wege fragen: „Wer ist das?“ worauf die Antwortenden immer ihre Verwunderung ausdrückten, dass man den nicht kenne: „Das ist ja der Diethelm von Buchenberg,“ hiess es dann, ,,der hat mehr Kronenthaler, als die zwei Gäul’ ziehen können,“ und ein Anderer sagte wieder: „Ich wollt’, du und ich, wir hätten das mit einander im Vermögen, was der heut’ für Woll’ und Schafe einnimmt.“ „Wenn der Diethelm da ist, geht der Markt erst an,“ sagte ein Dritter; „die Engelländer warten Alle auf ihn,“ rief ein Vierter. Ein Mann, der mit mehreren anderen eine gute Strecke neben dem Wagen herging, berichtete: ,,Ich bin von Letzweiler und der Diethelm ist auch von da gebürtig. Er hat einen grausam mächtigen Familienanhang. Vor zwanzig Jahren sind das lauter Krattenmacher (Korbmacher) und Bettelleut’ gewesen und der Diethelm hat sie hingestellt, dass sie capitalfest sind. Ja, ja, so ein Mann in der Freundschaft und sie ist glücklich.“

Der Fahrende stiess manchmal die neben ihm Sitzende an, dass sie auch hinhorche auf das, was man sage; die üble Nachrede im eigentlichsten Sinn des Wortes schien der Fahrende nicht zu vernehmen, denn es gab auch Manche, die über die Ungebühr schimpften, mit Ross und Wagen mitten durch das Menschengedräng zu fahren; Andere machten darob Witze und einige gehobene Heldenseelen fluchten hinter dem Wagen drein und schalten auf die Polizei, die so etwas dulde. Ein Bretzelverkäufer, der seinen Kram auf einem langen Stock aufgereiht trug, sagte geradezu: es sei nichts schlimmer, als wenn der Bauer auf den Gaul käme, der mache es ärger als die Herren.

Der Vielberufene fuhr aber strahlenden Antlitzes wie ein Triumphirender dahin, und endlich war man beim Wirthshaus zum Hirsch, das eine ganze Wagenburg umstellte, angelangt. Eine mächtige Glocke erschallte im Hausflur, die Frau Hirschwirthin, oder wie sie lieber genannt war, die Frau Postmeisterin, erschien selber, reichte Diethelm die Hand, hiess die „Jungfer Tochter,“ die als schlanke, biegsame Gestalt auf dem Wagen stand, willkommen, half ihr absteigen und nahm ihr eine bunt gestickte Reisetasche ab. Der Hausknecht, der heute seinen grossen Tag hatte, war doch bei der Hand, und während er die Aufhaltketten der Pferde löste, half ihm ein Schäfer dieselben aussträngen.

,,Ist Alles in Ordnung, Medard?“ fragte Diethelm den Schäfer, indem er sich neben die Pferde stellte; der Schäfer bejahte, eilte dem Mädchen nach und raunte ihm schnell zu:

,,Mein Munde (Raimund) ist auf Urlaub auch hier.“

Das Mädchen erröthete und antwortete nichts, es band sich die Haube fester, indem es in das Wirthshaus trat.

Der Schäfer Medard eilte zu seinem Herrn zurück und sagte, dass er schon beim Einfahren von einem Händler darum angehalten worden sei, wie theuer er verkaufe.

„Wie ich dir gesagt habe,“ erwiderte Diethelm ruhig, ,,siebzehn Gulden das Paar und keinen rothen Heller weniger. Sag nur, dein Herr sei der Diethelm und der lass nicht mit sich handeln. Wir nehmen unser Vieh wieder heim, es ist mir so lieb wie baar Geld.“

Der Schäfer nickte, in seinem gerötheten Antlitze, das von einem langen zottigen Backenbarte eingefasst war, zuckte es; er ging davon, wobei man ein Hinken am rechten Fusse bemerkte.

Diethelm streichelte die Rappen und lobte sie, dass ihnen trotz des scharfen Fahrens kein Haar krumm geworden sei, er liess sie desshalb nicht sogleich nach dem Stall bringen, sondern hielt sie noch auf, bis sich immer mehr Bekannte sammelten, die sein „Baronen-Fuhrwerk“ lobten und theils geradezu, theils auf Umwegen seinen Reichthum hervorhoben. Diethelm hielt die Hand auf den Sattelgaul gelegt, er war im Stehen kleiner als er auf dem Wagen erschienen war, er mass kaum etwas mehr als sechzehn Faust wie die Rappen, und war auch so wohlgenährt und breit wie sie. Er vernahm nun, wie das immer geht, von schlechten Marktaussichten, das Ausgebot sei gross und die Nachfrage gering, da Händler und Fabrikanten den Preis sehr drückten und überhaupt baar Geld sehr knapp sei, weil Alles auf Zeit kaufen wolle.

,,Dann verkauf’ ich gar nicht und kauf’ selber,“ erwiderte Diethelm und schlug sich dabei auf den Bauch, um den er eine umfangreiche leere Geldgurt geschnallt hatte. Mehrere boten ihm nun sogleich Wolle und Schafe an, aber er lehnte für jetzt noch ab und als man ihn aufforderte mit in die Stube zu gehen, schien er sich schwer von seinem Gefährte zu trennen und aus seinen Mienen sprach nur halb der ihn bewegende Gedanke: „So wie man geht und steht herumlaufen, das hat kein Ansehen, da ist man wie jeder Hergelaufene; ich wollt’ ich könnt’ mit meinen Rappen und meinem Kütschle in den Stuben herumfahren, da zeigt sich doch auch gleich wer man ist.“ Es war ein seltsames Lächeln, mit dem endlich Diethelm die Rappen in den Stall schickte. Die stattliche Rotte, die ihn umgab, konnte er mit Fug als sein Geleite betrachten und waren auch verkommene Leute darunter, ehemalige Schafhalter, die jetzt als Unterhändler dienten, Schmarotzer, deren ganzes Marktgeschäft im Erhaschen eines Freitrunkes bestand: bah! grosse Männer haben immer auch solche in ihrem Geleite, und Diethelm schritt an der Spitze seines Trosses breitspurig einher.

Der Reppenberger, ein hagerer Bauer im zertragenen blauen Kittel, mit einem schmutzigen Wochenbarte auf dem listigen Gesichte, war ehemals selbst wohlhabend gewesen, hatte sich im Schafhandel „verspekulirt“ und war jetzt der gewandteste Unterhändler. Dieser wollte sich an die Seite Diethelms drängen; er bot ihm eine Prise aus seiner grossen birkenrindenen Dose und wollte ihm allerlei mittheilen, aber Diethelm vertröstete ihn mit herrischer Miene auf später und zog den Schultheiss von Rettinghausen, einen mehr ebenbürtigen Genossen an sich, und so trat er in die Wirthsstube, wo jetzt im halben Morgen schon voller Mittag gehalten wurde; denn an langer Tafel und an Seitentischen sassen Männer und Frauen und erlabten sich an Sauerkraut und Speck und gedeihlichem Unterländer Wein, und was sie nicht aufspeisten, wickelten sie in ein daneben gelegtes Papier und steckten es zu sich. Da und dort war auch der Tisch zu einer Rechentafel geworden und mit Kreide wurde der Erlös zusammengerechnet, denn es war schon Mehreres verkauft. Mancher vollgestopfte Mund nickte Diethelm zu und manche Hand legte die Gabel weg und streckte sich ihm entgegen.

„Je später der Markt, je schöner die Leut’,“ rief ein Weisskopf Diethelm zu.

,,Kommst spät.“

„Bist alleine oder hast die Frau bei dir?“

,,Ist das zimpfere Mädle dein’ Fränz?“ (Franziska.)

Solche und viele andere Anreden bestürmten Diethelm von allen Seiten und manche Gabel deutete nach ihm und mancher Kopf drehte sich um, denn die, die ihn kannten, zeigten ihn den Fremden und eine Weile war alle Aufmerksamkeit nach ihm gerichtet. Erregte der Duft der Speisen einen ungeahnten Hunger, so gab dieses allgemeine Ansehen eine andere Sättigung. Eine Kellnerin fragte Diethelm nach altem Brauch, was er befehle; aber die Wirthin, die eben durch die Stube ging, schnitt ihr das Wort ab und sagte:

,,Der Herr Diethelm sitzt in die Herrenstube, der Advokat Rothmann sind auch schon drüben und unterhalten sich mit der Fränz.“

,,Die Fränz soll da herein kommen,“ entgegnete Diethelm und so laut, dass es Alle hören konnten, ,,wenn der Advokat Rothmann was von mir will, kann er zu mir kommen; ich lauf’ ihm nicht nach, ich hab’ Gottlob nichts mit ihm. Ich bleib’ da unter Meinesgleichen.“

Man sprach davon, dass es einen harten Wahlkampf geben werde, wenn Diethelm gegen den Rothmann als Mitwerber um die Abgeordnetenstelle auftrete; Diethelm lehnte mit halber Miene jede Bewerbung ab, und stimmte selber in das Lob Rothmanns ein, der als ,,fadengrader“ Ehrenmann gepriesen und oft bei seinem Beinamen ,,der Schweizertell.“ genannt wurde, denn er hatte nicht nur zweimal auf dem eidgenössifchen Freischiessen den Preis gewonnen, sondern stand überhaupt in vielfachem Verkehr mit dem benachbarten Freistaate und war selber ein Charakter als wäre er in der Republik aufgewachsen, schlicht, derb und unverbogen bei aller gelehrten Bildung.

Als er jetzt in die äussere Stube trat und seine hagere hohe Figur Alle überragte, ging ihm Diethelm zuerst entgegen und reichte ihm die Hand, worauf fast alle Anwesenden nacheinander ihm zutranken.

Der Reppenberger kam hastig, klopfte Diethelm auf die Schulter und sagte ihm ins Ohr: man rede schon überall davon, dass der Diethelm einkaufen wolle und just heute liesse sich ein gutes Geschäft machen. Der Krebssteinbauer da hinten aus dem Lenninger Thal, der dort an der Ecke sitze, den müsse man zuerst einfangen; er mache die Andern kopfscheu und sprenge aus, der Diethelm thäte nur so als wenn er einkaufen wolle, der habe gewiss schon verkauft und stecke mit den Händlern unter Einer Decke, und man könne überhaupt nicht wissen was der vorhabe; der Steinbauer werde aber schon einen geringeren Preis angeben als wofür man abgekauft habe, wenn er nur baar Geld kriege, dafür wolle er schon als Unterhändler sorgen.

Diethelm sah dem Reppenberger steif ins Gesicht, als müsste er herausgraben, was er von ihm denke; schnell sagte er aber ganz laut:

„Es ist nur Spass, dass ich einkaufen will, das Futter ist klemm und ich brauch’ Geld, ich hab’s nicht in Säcken stehen wie Ihr meint.“

Alles widersprach und schalt zutraulich auf ihn, dass so ein Mann sage, er brauche Geld; man wisse ja, dass er Capitale ausstehen habe mehr als seinen Schuldnern lieb sei.

––––––––––

Zweites Kapitel.

Diethelm ging lächelnd die Stube auf und ab, sein Kleinthun hatte mehr genützt als alle Prahlerei; er blieb bei dem Steinbauer stehen, gab ihm einen derben Schlag auf den Buckel und sagte:

,,Wie, Steinbauer, kennst mich noch?“

,,Freilich, grüss Gott. Ich hab’ nur warten wollen, bis ich gessen hab’.“

„Ruck’ ein bisle zusammen, ich will mich zu dir setzen. Fränz, da komm’ her.“

,,Ist das die Tochter?“ fragte der Steinbauer, etwas verwirrt an die Seite rückend; er erinnerte sich nicht, dass er sich mit Diethelm duzte.

„Wenn du nicht so altbacken wärst, könntest sie heirathen,“ entgegnete Diethelm. Der Krebssteinbauer grinste nun gar seltsam und schwieg, er war überhaupt kein Freund vom vielen Reden und vorab beim Essen. Nur Einmal wendete er sich um und auf das Haupt Diethelms deutend, sagte er: „Auch grau geworden seit dem letzten Jahr.“

„Ja, der Esel kommt heraus,“ sagte Diethelm lachend, aber der Steinbauer liess sich nicht zu der doch rechtmässig erwarteten höflichen Entgegnung herbei; er ass ruhig weiter als hätte er Nichts gesagt und Nichts gehört.

Diethelm kannte die hinterhältige und selbst mit Worten karge Weise dieses Mannes wohl, und doch klammerte er sich an ihn und that gar zutraulich. Der Steinbauer liess sich das gefallen aber mit einer Miene, in der der Ausdruck lag: mein Geldbeutel ist fest zu, mir schwätzt Keiner einen Kreuzer heraus, wenn ich nicht mag.

Als Diethelm sich einen Schoppen Batzenwein bestellte, schaute der Steinbauer nur flüchtig nach ihm um, aber er sprach kein Wort der Verwunderung und des Lobes über die Sparsamkeit Diethelms und diesem erschien solch ein Benehmen noch saurer als der ungewohnte Halskratzer. Diese in sich vermauerte Natur des Steinbauern, der über Thun und Lassen Anderer kein Wort verlor und selber that was ihm gutdünkte, ohne umzuschauen was man dazu denke oder sage; diese verschlossene Sicherheit, die ihr Benehmen nicht änderte und von hundert Augen bemerkt dieselbe blieb wie daheim auf dem einödigen Hofe, — Alles das erkannte Diethelm als Gegensatz und es reizte nothwendig sein herausforderndes Gebaren zum Kampfe. Er mochte aber den Steinbauern anzapfen wie er wollte, höchstens ein Freilich, ein Jawohl oder ein kopfschüttelndes Verneinen war aus ihm heraus zu bringen. Als Diethelm fragte, ob er auf des Steinbauern Stimme zählen könne, wenn er sich um die Abgeordnetenstelle bewerbe, liess sich der Steinbauer endlich zu den vielen Worten herbei: ,,Ich wüsst’ nicht, warum nicht.“ Nun lachte Diethelm über das ausgesprengte Gerücht, dass er Landstand werden wolle; er denke nicht daran, bei diesen schlechten Zeiten könne man ein grosses Anwesen nicht verlassen, da müsse, man jede Stunde und jeden Kreuzer sparen, wenn man der rechte Mann bleiben wolle, es mögen andere Leute den Staat regieren, das gehe ihn nichts an.

Der Steinbauer wickelte gelassen das übrig gebliebene Fleisch in ein Papier und steckte es zu sich, er hob und senkte nun mehrmals seine geschlossenen Lippen, sei es zum Nachkosten des Genossenen oder dem Gehörten beistimmend.

Diethelm setzte nun noch weiter auseinander, dass er sich nichts um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern möge, und das gilt jetzt wieder unter vielen Menschen, besonders aber bei den Bauern, als grosser Ruhm. Als er aber darauf hinwies, dass er in seinem Hauswesen vielerlei zu sorgen habe, sagte der Schultheiss von Rettinghausen: „Die Kläger haben kein’ Noth und die Prahler kein Brod.“

Der Steinbauer erhielt sich noch immer in seiner unerschütterlichen Theilnahmlosigkeit, methodisch und langsam stopfte er seine Pfeife, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloss den Zündschwamm und wollte nun aufstehen. Diethelm aber hielt ihn noch fest und fragte zuerst, ob er nicht seinen Hof verkaufen wolle, sein Schwager, der Schäuflerdavid, suche so einen herrenmässig gelegenen für einen Ausländer. Der Steinbauer sagte, dass er zwar nicht verkaufen wolle, aber wenn er ein rechtes Anbot bekäme, liesse sich davon reden. Nun hatte ihn Diethelm doch flüssiger, und indem er noch mehrmals von seinem Schwager, dem Schäuflerdavid und ihren gemeinsamen Geschäften sprach, kam er endlich ans Ziel zu erklären, dass er allerdings Willens sei, wenn die fremden Händler nicht höher hinaufgehen, selber einzukaufen. Der Steinbauer, dem es ersichtlich Mühe machte, sein saures Dreinsehen aufzugeben, ward plötzlich freundlicher, nahm ohne Widerrede das Glas an, das ihm Diethelm einschenkte, und erklärte nun mit erstaunlicher Redseligkeit, welch einen Ausbund von Wolle und Schafen er habe, wie die Alle so wolltreu seien, ein Haar dem andern gleiche und der Stapel vom besten Fluss und gleich rund sei, wie ,,viel Leib“ seine Schafe hätten, dass er aber doch um einen annehmbaren Preis Alles verkaufe, weil er kein Glück in der Schafhalterei habe. Er legte das Zeugniss seines Schultheissen vor, darin nach einem Formular beurkundet war, wo seine Schafe geweidet und dass keine Krankheit dort und auch keine kranken darunter waren, und schloss endlich:

„Neun und neunzig Schäfer hundert Betrüger sagt man im Sprüchwort, und es ist noch mehr als wahr. Drum will ich Nichts mehr davon.“

Die Umsitzenden stimmten auch in die Klagen über die Schäfer ein und Jeder hatte zu erzählen, wie man seit des Erzvaters Jakob Zeiten um ihrer sicher zu sein, ihnen einige Schafe als Eigenthum bei der Heerde halten muss, wie sie diese aber zu gewöhnen wissen, dass sie den anderen stets das beste Futter wegfressen, wie sie den Hund abrichten, dass er nie ein Schäferschaf beisst, wie sie immer die besten und schönsten Lämmer haben und den Mutterschafen ihre nichtsnutzigen unterschieben; kommt dann der Herr dazu, so heisst es, wie das auch bei der natürlichen Mutter sein kann: es will noch nicht recht annehmen. Allerlei Schelmenstreiche von Schäfern wurden erzählt und das Gespräch schien sich fast ganz hierin zu verlieren, bis es Diethelm wieder auf den Handel brachte, aber er zuckte zusammen, als der Steinbauer, nachdem per das eingeschenkte Glas ausgetrunken hatte, ruhig sagte, er handle nur um baar Geld.

,,Bin ich dir nicht gut?“ fragte Diethelm trotzig.

,,Du bist mir gut, und dass du mir’s bleibst, ist baar Geld das beste,“ sagte der Steinbauer und schob seine Tabakspfeife in den linken Mundwinkel, während er aus dem rechten den Rauch blies. Er sah dabei nochmal so listig aus.

„Ist dir mein Schwager, der Schäuflerdavid auch nicht gut?“ fragte Diethelm.

,,Der Schäuflerdavid? freilich, der ist auch gut; wenn er sich verbürgt, kann ich bis Fastnacht mit dem Geld warten.“

Diethelm hob hastig beide Achseln, wie wenn er etwas abschütteln müsse, dann lachte er laut und sagte:

,,Komm jetzt, wir wollen, ’naus auf den Markt.“

Der Steinbauer zog einen ledernen Geldbeutel, der dreifach verknüpft war, bezahlte, nahm seinen hohen Schwarzdornstock, der in der Ecke lehnte, und ging mit Diethelm.

Auf dem Schafmarkt stand in einer Doppelreihe Hurde an Hurde, darin die Schafe eng zusammengedrängt, theils lagen, theils standen und wiederkäuten, Alle aber waren lautlos und das allezeit blöde Dreinsehen der Schafe hatte fast noch etwas Gesteigertes. Knaben mit flüssigem Zinnober in offenen Schüsseln liefen umher und gesellten sich zu Gruppen, wo mit lautem Geschrei und heftigen Geberden gehandelt wurde. Händler stiegen in die Hurden, zogen den Schafen die Augenlider auf und schauten nach den Zähnen, Andere bezeichneten mit einer in Zinnober eingetauchten Schablone die eingekauften und zählten dabei; dort sprang eine Heerde lustig aus der geöffneten Hurde, sich in der wiedergewonnenen Freiheit überstürzend, überall war buntes lebendiges Treiben. Der Schäfer Medard kam Diethelm entgegen und sagte, dass er noch nicht verkauft, aber sichere Hoffnung habe. Nun einigte sich Diethelm schnell mit dem Steinbauer, kaufte ihm seine Zeithämmel (jährige) ab und nahm auch die Bracken dazu.

Er eilte mit dem Steinbauer in das Kaufhaus, ihnen vorauf lief das Gerücht, dass Diethelm bereits Schafe eingekauft habe und auch für die Wolle die besten Preise bezahle. Diethelm war aber noch nicht zum Wolleinkauf entschlossen, er hatte diesen Gedanken nur so in leichtfertiger Prahlerei hingeworfen um zu verdecken, wie sehr es ihm zum Verkaufen auf den Nägeln brenne; jetzt wurde ihm das Vorhaben immer genehmer und mit seltsamem Blicke betrachtete er seinen Genossen mit dem mehr als mannsgrossen Stocke, mit dem schlichten Anzuge und der selbstzufriedenen Miene; der wünschte wohl nicht, wie er, mit Wagen und Pferd in den Stuben umherzufahren; wie weit zurück lag ihm jetzt die Zeit, wo auch er so stolz sein konnte, statt dass er jetzt, um sich nicht zu verrathen, stolz thun musste.

„Hast kein Fuhrwerk bei dir?“ fragte Diethelm, worauf der Steinbauer erwiderte:

„Nein, ich bin noch gut zuweg, mit dem Fahren hat’s Zeit bis ich alt bin.“

Im Kaufhause sah Diethelm, dass die verpflichteten Wollsetzer seine Schepper (Vliesse) gut aufgesetzt hatten, sie standen an guter Stelle, nicht zu hell und nicht zu dunkel; seine spanische und seine Bastardwolle durfte sich sehen lassen. Sein nächster Nachbar war der Steinbauer, der sich darüber beklagte, dass er einen schlechten Platz habe, gerade neben der Feuerspritze und dem grossen Wasserfasse, die unter der Treppe standen. Diethelm stand mit übereinandergeschlagenen Armen ruhig neben seiner Lammwolle, als hastigen Schrittes der Reppenberger kam. Alles Blut schoss Diethelm zu Kopfe, indem er dachte, dass er vielleicht auch einst als Unterhändler hier sich tummeln, sich abweisen und anfahren lassen müsse, während Alles jetzt seine Nähe suchte und um seine Freundschaft buhlte. Diethelm war entschlossen, mindestens vom Steinbauern noch die Wolle einzukaufen. Zwar hatte er die Bürgschaft des Schwagers zu leichtfertig versprochen, aber der Steinbauer muss ihm vor der Hand glauben, und dann will er noch heute all das Mitgebrachte und das Erkaufte in der Stille versilbern, es sind dann drei Monate Zeit gewonnen, es gilt Luck auf und Luck zu zu machen, bis man den rechten Schick trifft, und der kann doch nicht ewig ausbleiben. Diethelm wurde auch hier schnell handelseins mit dem Steinbauer und als nun Andere sahen, dass dieser ihm das Seinige übergab, bestürmten sie ihn ebenfalls mit Anerbietungen. Er wehrte Anfangs ab; er wollte nicht weiter gehen. Aber vielleicht lässt sich gerade jetzt der rechte Schick machen, man darf ihn nicht aus der Hand lassen, mit so viel Waare lässt sich was Grosses versuchen — die Hand Diethelms wurde brennend von dem öfteren Handschlag, er wusste fast gar nicht mehr wie viel er eingekauft hatte und der Reppenberger brachte neue und immer bessere Gelegenheiten mit Zahlungsterminen auf Ostern oder noch weiter hinaus. Wie berauscht ging Diethelm von Stapel zu Stapel und wiederum hinaus auf den Schafmarkt von Hurde zu Hurde; ihm war’s, als hätte alles Besitzthum der Welt gesagt: ich will dein sein, du musst mich nehmen.

Das Lärmen und Rennen um ihr her, das ferne verworrene Brausen des städtischen Marktgewühls, aus dem bisweilen einzelne Accorde der Musik, die jetzt zum Tanze aufspielte, wie aus dem Stimmengedränge heraus schlüpften, Alles das machte einen sinnverwirrenden Eindruck auf Diethelm; bald lächelte er Jedem und sein Antlitz war hochgeröthet, bald wurde es schlaff und verdrossen und alles Blut wich daraus zurück. Auf einem Wollsacke nicht weit von der grossen Feuerspritze, die im Hofe stand, sass er mit entblösstem Haupte und gekreuzten Beinen und sein Auge schaute hinein in die rothe Schreibtafel, in die er sich seine Einkäufe nach Sorte u. s. w. eingezeichnet hatte, um ihn her lagen in verschiedenen Papieren Wollproben. Diethelm fuhr sich mit der Hand über das Haupt und er meinte, er spüre es, wie ihm die Haare jetzt plötzlich grauer werden. Eben kam der Reppenberger wieder und brachte einen Mann, der eine überaus feine und haartreue Wolle habe, da sei jedes Härchen von unten bis oben gleich und Alles im Vliess gewaschen. Diethelm nebelte es vor den Augen und er ersuchte den Reppenberger, vor Allem einen guten Trunk Wein herbeizuschaffen; er fühlte sich so matt, dass er auf keinem Beine mehr stehen konnte, und besonders in den Knieen spürte er eine unerhörte Müdigkeit. Er gab den Umstehenden wenig Bescheid und starrte hinein in seine Schreibtafel und sprach mit den Lippen lautlos die Zahlen vor sich hin. Vom Hauptthurm der Stadtkirche bliesen eben die Stadtzinkenisten den althergebrachten Mittagschoral; sie standen eben auf der Westseite der Thurmgallerie und diese Posaunen und Trompeten strömten ihre langgezogenen Töne gerade zu Häupten Diethelms nieder. Er zuckte zusammen und schaute auf, als hörte er die Posaune des jüngsten Gerichtes vom Himmel herab; er fuhr sich in mit der breiten Hand langsam über das ganze Gesicht, dann schaute er hell auf, der Reppenberger rief ihm. Der herbeigebrachte Wein richtete ihn bald wieder auf und nun galt es, die begonnene Rolle muthig fortzusetzen. Die Stadtzinkenisten bliesen eben nach einer andern Himmelsgegend und die Klänge schwebten wie verloren über dem lauten Marktgewühle. Einmal sprach er eifrig und ganz allein mit einem fremden Händler und es verbreitete sich rasch die Sage, dass er im Auftrage dieses, der noch gar nichts eingekauft hatte, die Händel abschliesse. Diethelm merkte bald, dass sein Auftreten dem Markt eine ganz andere Wendung gegeben hatte; es kamen schon Unterhändler die sich im Auftrage Ungenannter nach dem Wiederverkaufe erkundigten. Eine Weile stockte er und gedachte mit mässigem Gewinn darauf einzugehen, aber der Reppenberger hatte Recht: jetzt im hohen Verkehr, wo Alles im Trab geht, kann man nicht hufen und rückwärts fahren; wenn Alles vorbei ist, dann lässt sich ein guter Treffer machen, dann hat man die ganze Geschichte allein in der Hand, drum jetzt nur muthig vorwärts. Und immer neue Zahlen stellten sich in die Schreibtafel Diethelms, er hatte schon dreimal die Schreibtafel in die Tasche gesteckt und die Hand darauf gelegt mit der Versicherung, dass er sie nicht mehr herausthue, und wenn er die Sachen halb geschenkt bekäme, er gehe nicht weiter ins Wasser, als er Boden habe; aber Alles schrie über seine Bescheidenheit, so ein Mann wie er, könne dreimal den Markt auskaufen. Dieser Ruhm stachelte ihn immer wieder aufs Neue, denn er sah, wie seine prahlerische Bescheidenheit ihm immer mehr Vertrauen an den Hals warf. Der Gedanke, wie sehr er dieses Zutrauen täusche und vielleicht ganz betrüge, zuckte ihm wieder durch die Seele, aber jetzt fand er eine rasche Aushülfe: da ist der Steinbauer, der so heilig thut, wie ein frisch vom Himmel geflogener Engel, und ohne Widerrede gibt er einen geringern Preis an, als er bekommt und betrügt damit alle Anderen. Aller Handel und Wandel ist auf Lug und Trug gestellt, ein bischen mehr, ein bischen weniger; und es kann ja wohl sein, es ist so viel als sicher, dass kein Mensch einen Heller verliert. — Die Leute zeigten einander, wie zuversichtlich und froh der Diethelm dreinsah und beneideten ihn um den Haupttreffer, den er heute mache.

––––––––––

Drittes Kapitel.

Wieder kehrte Diethelm mit grossem Geleite in das Wirthshaus zurück. Es waren nun wirklich seine Vasallen, denn ihn umgaben alle Die, denen er abgekauft hatte.

Unter dem Thore begegnete er seiner Tochter, die mit einigen Mädchen dort seiner harrte; sie fragte ihn, ob er nun mitgehe, ihr, wie er versprochen, einen Marktkram zu kaufen. Diethelm sagte, er habe keine Zeit und gab ihr zwei Kronenthaler, dass sie sich selber etwas kaufe.

Mit dem Steinbauer musste nun vor Allem glatte Rechnung gemacht werden. Diethelm nahm ihn zuerst allein vor, aber er mochte reden, was er wollte, der Steinbauer blieb bei seiner Aussage, er verlangte ein Viertheil des Kaufpreises als Anzahlung und binnen acht Tagen die Unterschrift des Schäuflerdavid als Bürgen. Diethelm suchte das Ungerechte dieser Bedingungen, die gar nicht festgestellt waren, darzuthun; der Steinbauer verzog keine Miene und blieb dabei, selbst als Diethelm laut lachte und die Sache ins Scherzhafte ziehen wollte, blieb sein Widerpart ohne Theilnahme und war, was man so nennt, ein bestandener Bauer, der sich nicht so leicht aus seinem Schritt bringen liess. Schnell in Zorn überspringend, schalt ihn Diethelm einen Betrüger, da er einen geringeren Kaufpreis angegeben habe, um die Anderen zu hintergehen. Der Steinbauer läugnete diess und behauptete, er habe zur Angabe Diethelms nur geschwiegen, er könne aber jetzt auch reden und vielleicht mehr als lieb sei.

,,Was meinst? was?“ fragte Diethelm hastig.

,,Ich mein’ gar nichts, ich will mein Geld und da bleibt ein Jeder wer er ist.“

,,Hältst mich für ein Schuldenbäuerle?“ fragte Diethelm halbzornig.

,,Nein, b’hüt Gott, ich könnt’ mit dir tauschen, wenn’s drauf ankäm’; aber weisst: zahlen mit baar Geld, das zwingt die Welt. Du brauchst ja nur pfeifen, da hast’s, und wenn ich mein Sach’ wieder an mich zieh’, und das thu’ ich, wenn du mich nicht baar bezahlst, ich liess’ es aber nicht dabei, ich müsst’ vor’s Amt damit, so hart es mich ankommt.“

Diethelm fühlte, was es heisst, sich in schwankender oder gar in verzweifelter Lage zu befinden, da muss man sich so zu sagen über’s Ohr hauen lassen und thun, als ob nichts geschehen wäre, nur um Aufsehen und genauere Nachforschung zu vermeiden.

„In einer Stunde hast all dein Geld,“ rief Diethelm den ihn ungerecht Bedrängenden überbietend.

,,So recht,“ sagte der Steinbauer, „wie viel Uhr ist jetzt? Drei? Um viere bin ich wieder da. B’hüt’ dich Gott und zürn’ nicht.“

Die Uebrigen, die den zähen Steinbauer so zufrieden davon gehen sahen, waren schnell befriedigt, und Diethelm drang selber drauf, dass sie „wegen Leben und Sterben“ eine Handschrift von ihm nehmen mussten. Nun eilte er zu dem Advokat Rothmann und verlangte von ihm ein Darleihen für den Steinbauer; der Advokat beglückwünschte Diethelm zu seinen guten Einkäufen und schloss eine eiserne Geldkiste, indem er sagte: ,,Das sind Pfleggelder, Ihr seid ja selber Waisenpfleger und wisst, dass ich solches Geld nicht ohne gerichtliche Bürgschaft verleihen darf.“ Diethelm ging um die Kiste herum wie die Katze um einen Wursthäckler und sah mit Schmerzen das Alles verschliessen, ohne Miau zu machen; er blieb noch eine Weile harmlos plaudernd bei dem Advokaten und that, als ob er nie ein Anliegen gehabt hätte, mit dem er abgewiesen worden war. Er versicherte Rothmann, dass er weit davon entfernt sei, ihn aus der Abgeordnetenstelle verdrängen zu wollen, der Advokat entgegnete, dass er Diethelm Glück wünsche, wenn er als Candidat der sich so nennenden Conservativ-Liberalen durchdringe, die Herren möchten dann einmal ihre sogenannte Möglichkeitspolitik versuchen, um zu erfahren, dass das Schlechte leichter möglich sei als das einfach Rechte.

Diethelm zeigte sich eifrig in Darlegung seiner Gesinnungen und doch dachte er jetzt an nichts weniger als an diess.

Offen und versteckt laufen überall und allzeit die verschiedensten Interessen durcheinander.

Als Diethelm das Haus verliess, traf er glücklich den Reppenberger vor demselben; durch diesen liess er nun ein gut Theil des Eingekauften unter der Hand zu baar Geld machen, mit der Bedingung, dass nicht hier unter den Augen der Marktaufseher, sondern morgen auf dem eine Stunde entlegenen Dorfe oder noch besser in seiner eigenen Heimath abgeliefert werde. Bis dieses Geschäft abgemacht war, wollte sich Diethelm verborgen halten und dazu gab es kein besseres Versteck als der Tanzboden im Stern, wo eben die Musik aufspielte; dort würde ihn gewiss Niemand suchen und dorthin sollte Reppenberger mit dem fremden Händler kommen.

Es war, als ob doch etwas von dem Wunsche Diethelms, mit seinen zwei Rappen in den Stuben herum zu kutschiren, erfüllt wäre; denn kaum war er auf dem Tanzboden, wo sich eben in lärmender Pause die erhitzten Paare verliefen, als Alles ehrerbietig vor ihm auswich und da und dort hörte er seinen Namen pispern. Einige ältere Leute, die ihm zutranken und stolz darauf schienen, dass er das Glas annahm, fragte er nach dem Reppenberger, den er zu suchen vorgab; sogleich erboten sich mehrere Trinkgelds-Bedürftige den Reppenberger aufzusuchen. Diethelm hatte abzuwehren so gut er konnte, und glücklicherweise erlöste ihn ein junger, modisch gekleideter Mann, der mit vielen Bücklingen auf ihn zukam, sich als ältesten. Sohn des Sternwirths vorstellte und Diethelm bat in die Herrenstube zu kommen.

Die Welt duldete es gar nicht mehr, auch wenn er es selbst gewollt hätte, dass er in niederem Bereiche verweilte. Diethelm betrachtete sich selbst, um zu erkunden, was denn an ihm sei, dass ihm Jeder ungefragt eine höhere Stufe anwies. Er folgte dem jungen Manne, der äusserst ehrerbietig war, die Treppe hinab und als er eben die Klinke zur Herrenstube in der Hand hatte, hörte er einen Soldaten unter der Hausthüre sagen: ,,komm nur.“ Diethelm drehte sich um, die Stimme war ihm bekannt, und der Soldat fuhr fort:

,,Tanz’ du nur einmal, während der Zeit wird dein Vater um ein paar tausend Gulden reicher und ich krieg’ dich immer weniger.“

„Ich weiss nicht, ob’s recht ist,“ sagte eine Mädchenstimme und halb gezogen erschien Fränz auf der Schwelle mit hochglühendem Antlitze.

,,Soll ich euch aufspielen?“ rief Diethelm, sich umwendend. Der Soldat und Fränz liessen vor Schreck die Hände los.

Der Soldat fasste sich schnell wieder und grüsste Diethelm, dieser aber sagte:

,,Du bist’s? wie kommst du daher, Munde?“

,,Ich hab’ Urlaub genommen und es freut mich, dass ich auch meinen alten Herrn seh’.“

„So? Willst eine Halbe trinken?“

,,Freilich.“

,,Säh, da hast Geld, trink’ eine,“ und Diethelm reichte mit diesen Worten dem über und über erröthenden Soldaten einen Sechsbätzner. Der Soldat, der nicht anders erwartet zu haben schien, als Diethelm würde ihn mit zum Wein nehmen, wusste nicht, sollte er die Hand zum Faustschlag ballen oder zum Empfang der Gabe darreichen. Beides schien gleich misslich, offene Feindseligkeit wie die beabsichtigte Demüthigung vor den Augen der Geliebten, es fand sich aber noch ein Ausweg und lächelnd sagte der Soldat:

„Dank’ gehorsamst, ich will warten, bis ich einmal ein’ Halbe mit Euch trink; vor der Hand hab’ ich schon noch, um von meinem Geld ein Glas auf Euer Wohlsein zu trinken.“

Mit einem Gemisch seltsamer Empfindungen reichte Diethelm dem Soldaten die Hand und stand von dem Vorhaben ab, dem Burschen auf strenge Weise zu zeigen, an welchen Platz er gehöre; diese geschickte, höfliche Wendung und der Stolz, der darin lag, gefiel ihm. Das gestand sich Diethelm, aber nicht, dass er sich in diesem Augenblicke selber zu sehr gedemüthigt fühlte, um die Unterwürfigkeit Anderer herauszufordern. Er sagte daher nichts weiter, winkte dem Soldaten einen Abschied zu und verschwand mit Fränz hinter der Thür der Herrenstube. Der Soldat ging im Hausflur auf und ab wie ein Wachtposten und seine Gedanken gingen mit ihm hin und her: sollte er auch hinein in die Herrenstube und sich austischen lassen? Aber wer weiss, wozu das führt? Es sind viele Fälle möglich. Der Schluss blieb jenes letzte Mittel, das Gelehrten und Ungelehrten gleich genehm ist, nämlich: vor Allem und vor der Hand nichts thun — da macht man nichts gut und nichts böse und kann getrosten Muthes und ruhigen Gewissens die kommenden Ereignisse abwarten.

––––––––––

Viertes Kapitel.

Der Soldat ging nach dem Schafmarkt. Viele Hurden waren bereits leer, die noch zurückgebliebenen Schäfer hatten ihre Mäntel bereits lose zusammengerollt auf der Schulter hängen. Das Marktgewühl brauste und toste in der Ferne, hier aber war Alles so still wie auf einsamer Höhe, an deren Fuss ein wildrauschender Bach über Felsen braust; nur bisweilen hörte man das klagende Blöcken eines Schafes, dem ein Metzger durch einen Schnitt ins Ohr das Kennzeichen seines Eigenthums gab. Die also bezeichneten Schafe duckten die Köpfe und sahen traurig und dumpf nieder, als wüssten sie, dass die Tage ihres Weidganges gezählt sind. Von einer Heerde führte ein Metzger eben einen Hammel weg, und das sonst so geduldige Thier war störrig und musste mehr gezogen und geschoben werden als dass es ging; es kümmerte sich wenig um Bellen und Beissen des Hundes und blöckte nur kläglich. Der Soldat schaute dem Allem mit dumpfer Verwunderung zu; er war selber Schäfer gewesen und doch war ihm alles Das wieder neu und fast seltsam. Er sah die Hurde seines Bruders, des Schäfers Medard, den wir beim Ausspannen gesehen haben, und schon von fern zerrte der falbe Hund an der Kette, die am Gurte seines Herrn befestigt war und weckte diesen aus stillem Niederschauen, so dass er aufblickend rief:

,,Hast sie gefunden?“

Der Soldat nickte mit dem Kopfe und erst als er bei seinem Bruder war und den Hund gestreichelt hatte, erzählte er, wie er die Fränz allein auf dem Markte getroffen, wie sie miteinander umhergeschlendert und eben zum Tanze gehen wollten, als Diethelm dazwischen kam und ihn so sonderbar davon schickte.

Der Schäfer dagegen berichtete, wie es ihm sei, als ob die ganze Welt aus dem Leim ginge: daheim habe der Meister so nöthlich gethan, wie wenn Alles bei ihm auf Spitz und Knopf stehe und kaum auf den Markt gekommen, kaufe er wie besessen ein und thue, wie wenn er fragen möchte, was kostet das Schwabenländle? Er habe die Hämmel verkauft und könne den Herrn nirgends finden, um ihm das Geld zu geben. Ueberhaupt erzählte er, sei der Meister seit fast einem Jahr zweierlei Menschen: bald streichle er Einen wie mit Sammtpfoten, bald sei er ein borstiger Igel, bald lobe er Alles, bald mache man ihm gar nichts recht. Die Brüder besprachen sich noch lange über das seltsame Wesen des Meisters, denn auch der Soldat hatte ehemals bei Diethelm als Schäfer gedient.

Als der Schäfer äusserte, dass Diethelm vielleicht um so grösser thue, je kleiner er geworden sei und vielleicht noch einen tüchtigen Raps mache, so lang man ihm traue, fuhr der Soldat dagegen los, als ob er selber beleidigt wäre, und es war noch mehr als das: denn da gilt ja gar nichts mehr, wenn man gegen solch’ einen Mann nur so was denken darf; worauf der Andere lächelnd erwiderte:

,,Büble, Büble, du wirst dein Lebtag nicht gescheit; du glaubst den Leuten, was sie dir vormachen. Lass sehen, was du für Tubak hast,“ schloss er und nahm dem Soldaten die Pfeife aus dem Mund und rauchte sie weiter; der Soldat sagte kein Wort dazu.

Es war ein seltsames Brüderpaar, das da bei einander sass. Medard hätte bei Alter nach der Vater Munde’s sein können, aber ähnlich sahen sich die Brüder nicht. Medard hatte ein langes dürres Gesicht, das durch den zottigen Backenbart und die aufgesträubten röthlichen Augenbrauen Aehnlichkeit mit dem Schäferhunde hatte, während Munde kugelrund aussah und Angesicht und Hals von dunkelbrauner Farbe war; er hatte kohlichwarzes Haar und kleine in fetten Augenlidern versteckte braune Augen, aus denen ein stilles sanftes Gemüth sprach. Medard sah aus, als könnte er nie lachen, und Munde sah noch jetzt in seiner Betrübniss aus, als könnte Schmerz und Zorn keine Heimath in seinem Gesichtsausdruck finden.

Medard war gerade um fünf und zwanzig Jahre älter als sein Bruder, und diese beiden und noch eine Schwester, die dem alten Vater in Buchenberg Haus hielt, waren von neun Kindern am Leben geblieben. Als der kleine Munde so verspätet und plötzlich geboren wurde, verliess Medard unter Verwünschungen das väterliche Haus und betrat sechs volle Jahre dessen Schwelle nicht mehr. Es war nicht Aerger wegen des Erbes — da war ja nichts zu theilen — aber Medard schämte und ärgerte sich über den nachgebornen Bruder, dass er von seinen Eltern gar nichts mehr wissen wollte; er verdingte sich weit weg und kam erst nach sechs Jahren wieder, als er aus dem Zuchthause entlassen wurde, wo er wegen einer Rauferei, in der er einen Nebenbuhler erschlagen, fünf Jahre gebüsst hatte. Es war ihm nun doch nichts übrig geblieben, als in das elterliche Haus zurück zu kehren. Als er zum Erstenmal wieder in des Vaters Stube trat — die Mutter war schon seit sechs Jahren gestorben, und wie der Vater sagte, an den Folgen der Verheimlichung ihrer Schwangerschaft, die sie vor dem erwachsenen Sohne verbergen wollte — da war’s, als ob der kleine Munde es dem Bruder wie mit Zauber angethan hätte; er umklammerte gleich beim Eintreten seine Füsse und Medard liess den schon ziemlich grossen Bengel oft Stunden lang nicht vom Arm herunter und tollte mit ihm wie närrisch umher, die ganze verhaltene Bruderliebe schien auf Einmal sich zu entfalten und eine Sühne für seine früher verübte Härte zu Tage zu fördern.

Diethelm that gerade um diese Zeit eine grossartige Schäferei auf und auf die Bitten des alten Schäferle und die Zureden seiner Frau nahm er den Medard in Dienst, der nun von Georgi bis Michaeli im freien Felde war und stets den Munde bei sich hatte und ihn mit einer Sorgfalt ohne Grenzen wartete und pflegte. Der alte Schäferle überliess ihm gern das Kind; er war mit Allem zufrieden, wenn er nur hinlänglich Tabak hatte, um seine Holzpfeife in beständigem Brand zu erhalten. Medard versorgte ihn jetzt mit Tabak, während er sonst oft hatte dürre Nussblätter rauchen müssen.

Wenn Medard manchmal dachte, dass ihm das Kind sterben könnte, fühlte er alle Haare zu Berg stehen. Stundenlang konnte er in das braune Antlitz und in die dunkeln Augen des Knaben schauen und sich nur ärgern, dass dieser ihn gewiss nicht so lieb habe, wie er ihn, es wenigstens nicht darthun konnte; dann konnte er aber auch stundenlang vor sich hin lächeln über eine einfältige oder kluge Bemerkung des Munde. Auf den falben Schäferhund, den Passauf, war Medard oft eifersüchtig, denn der Knabe war mit dem Hund so zutraulich und verschwendete an ihn so viel Liebe, die doch ihm gebührte. An Einer Sache hatte aber Medard stets seine ungetrübte Freude. Munde war nämlich äusserst gelehrig in der Musik. Vielleicht ist es noch ein Ueberbleibsel aus den verklungenen Schalmeienzeiten, dass die Schäfer in der Regel kunstfertige Pfeifer sind, und Medard war hierin noch ein besonderer Meister. Er verstand nicht nur den nothwendigen Signalpfiff, der dem Passauf als Commando galt, er konnte auch alle Vögel des Waldes nachahmen und hatte noch dazu eine unerschöpfliche Quelle von Lieder- und Tanzweisen, in denen er trillern konnte wie ein Kanarienvogel. Er lehrte nun den Munde diese Fertigkeit, und wenn der Knabe dann vor ihm stand und den Mund spitzte und hellauf pfiff, umfasste Medard mit beiden Händen seine Schäferschippe und bohrte sie tief in den Boden vor Freude. Im Herbst lockte Medard andere Knaben zu sich aufs Feld, damit sie mit dem Munde spielen, denn dieser kam ihm manchmal so traurig und nachsinnend vor, so verlassen wie ein Schäfchen, das von der Heerde genommen ist, und das einsam in sich hinein jammert. Da däuchte es dann Medard, als ob sein Munde über Alle herrsche, sie beugten sich ihm ungeheissen, und alte Sagen kamen ihm in den Sinn, wie ein Schäferknabe plötzlich zu einem König geworden und eine schöne Prinzessin im diamantenen Palaste zum Ehegemahl erhielt. Er lächelte wohl über diese Sagen, er wusste ja, dass daran kein wahres Wort sei, aber Munde war gewiss zu etwas Grossem geboren, wenn auch just nicht zu einem König; und dann wollte sich Medard in seinen alten Tagen das Gnadenbrod bei ihm ausbitten und unter der Stallthür stehend glücklich sein, wenn sein Bruder in der Kutsche dahinfuhr oder auf einen schönen Apfelschimmel daherritt. Was lässt sich nicht Alles ausdenken draussen bei den still weidenden Thieren! Medard erschien sich oft ganze Wochen wie verzaubert, Alles, was er that, kam ihm so vor, als wäre das nur für einstweilen, nur noch jetzt, in einer Stunde wird’s anders; da kommt auf einmal ein gross Glück. Und manchmal konnte er es gar nicht fassen, dass der Munde noch so klein und jung sei und noch so lange zu wachsen habe, bis er ein grosser Mann, mindestens ein reicher Graf sei. Natürlich fehlte es auch nicht an Zeiten, wo sich Medard vor die Stirn schlug und sich selber auslachte über all die Narretheien, die er im Kopfe herumtrage; er war dann froh, dass Niemand davon wusste und schlug sich Alles aus dem Sinn; aber innerlich verborgen konnte er doch eine gewisse Hoffnung des Unerwarteten nicht ertödten, er wusste nicht was und wie, aber doch blieb’s.

Als dem Diethelm seine Fränz geboren war, hatte Medard dieser schon einen Ehemann bestimmt, lange bevor sie ein Wort sprechen konnte.

Munde war acht Jahre alt geworden. Es war im hohen Sommer, im Thale war abgeweidet und der Pferch begann noch nicht, Medard hatte seinen sämmtlichen Schafen Schellen umgehängt, und es ging nun auf den Trieb ins hohe Waldgebirge. Das Schellengeläute währte unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend, denn die Schase auf der Weide fressen beständig im Gehen und stehen meist kaum so lange still, um das Gras abzuraufen; Medard war immer in wundersamer Aufregung, und er dachte mit schweren Sinnen, dass dies der letzte Sommer sei, in dem er den Munde bei sich hatte; zu Ostern musste dieser bei Strafe endlich in die Schule. „Es ist vorher gegangen, es muss nachher auch gehen,“ tröstete sich Medard, wenn er überlegte, wie er diese Trennung ertragen werde. An einem Mittag, an dem die Nebel nicht von Berg und Thal wichen, sass Medard am Waldrande, an dem ein schmaler Holzweg sich hinzog, und vor ihm, den jähen Berghang hinab, weideten die Schafe; Munde stand weiter unten, just in der Biegung des Weges in einer Brombeerhecke und erlabte sich an der saftigen Frucht. Vom Walde oben vernahm man Hacken und Knacken der Holzhauer, und das Schellengeläute war so summend, dass Medard fast in Schlaf versinken wollte. Da hörte er über sich etwas poltern, er schaute rückwärts — hat sich ein Felsen aus seiner uralten Ruhe losgelöst? Da kommt es den Weg herab, ein in Schuss gerathener lediger zweirädriger Karren, Medard ist ganz erstarrt, er schaut auf und schaut hinab und ruft schnell: Munde, geh’ bei Seite, Munde, um Gottes Willen lug’ auf! Aber das Kind hörte nicht, und der Wagen ist schon so nahe; kommt er bei Munde an, stürzt er die Halde hinab und zerschmettert das Kind, es ist kein Stein am Wege, nichts, womit man einhalten kann. All’ dies Schauen, Denken, Rufen, wär das Werk eines Augenblickes, schon ist das zermalmende Rad nahe, Medard kann sich retten — aber das Kind! Schnell streckt Medard halb träumend, halb wissend, was er thut, den rechten Fuss weit vor, es knackt, der Karren steht still . . . Die Leute, denen der Karren entronnen war, kamen mit Geschrei hinterdrein, sie fanden Medard mit zerknicktem Fusse, leblos, sie warfen schnell das Holz ab und luden Medard auf den Karren und führten ihn nach dem Dorf, wo er Monate lang eingeschindelt lag. Um so lustiger aber sprang Munde um ihn her, und das erquickte den Leidenden mehr, als all’ die guten Tränkchen, die der alte Schäfer bereitete, und mehr als die sorgsame Abwartung der Meistersfrau. Medard war nicht so grossmüthig, seinem Bruder nie zu sagen, was für ein Opfer er ihm gebracht. Das Kind verstand dessen Bedeutung noch nicht, und als er in spätern Jahren es erkannte, war die That eine längst gewohnte, wenig beherzigte, wenn gleich Munde dem älteren Bruder mit kindlicher Hingebung zugethan war, und es ihm nie in den Sinn kam, eine Einsprache dagegen zu erheben, dass ihn Medard stets ,,Büble“ hiess. Medard konnte, wenn auch mit einem lahmen Fuss, seinem Geschäfte nachgehen; die Ruhe, die es mit sich brachte, war ihm nun besonders genehm. Munde war in der Schule und Medard blickte auf die Tage, da es ihm das Kind wie mit einem Zauber angethan hatte, mit verwundertem Lächeln zurück; und doch war etwas eingetroffen, und wer wusste, was noch daraus wird. Munde lebte im Hause Diethelms wie das eigene Kind, und es war nicht anders zu vermuthen, als Diethelm würde dem Munde gern seine Fränz zur Frau geben, denn Diethelm war wegen seiner Gutherzigkeit berühmt, die er allerdings zumeist nur auf seine Freundschaft (Verwandtschaft) anwendete. Munde war und blieb eben der Schäferprinz, wie ihn Medard oft im Stillen nannte. Bei all’ seiner Zärtlichkeit für das kleine Brüderchen und dessen grosse Hoffnungen versäumte indessen Medard doch seinen einstweiligen Vortheil nicht, er wollte für alle Fälle geborgen sein, er verstand es, wie man hier erst recht sagen kann, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und zwar mit so verschlagener List, dass Diethelm das unbedingteste Vertrauen in ihn setzte, obgleich er es ihm noch manchmal vorrückte, dass er ein Sträfling sei. Medard machte sich nicht im Entferntesten ein Gewissen daraus, das Vertrauen Diethelms zu missbrauchen; denn das ist das Unergründliche in des Menschen Brust, dass oft Betrügerei neben Treuherzigkeit, Verstocktheit neben Zartsinn friedlich zu wohnen vermag. Als Munde confirmirt war, wurde er Schäfer, aber der ältere Bruder gab seine Hoffnung noch nicht auf: Munde musste einst die Fränz heirathen; und je mehr das Mädchen heranwuchs, um so grösser wurde auch seine Liebe zu dem jungen Schäfer, immer hütete Medard den Bruder wie seinen Augapfel und diente ihm, als wäre er sein angeborener Herr. Erst als Munde Soldat werden musste und der Diethelm ihn nicht loskaufte, fasste Medard einen tiefen Hass gegen seinen Meister; es genügte ihm nicht mehr an den gewohnten kleinen Veruntreuungen, er wünschte sich eine gewaltige That, um Zorn und Rache loszulassen; nur die Meisterin that ihm leid dabei, und wenn sie nicht wäre, sagte er oft, hätte er den Meister schon im Stall erwürgt.

Als Medard jetzt den Bericht seines Bruders hörte, sagte er nichts, sondern stiess nur den Rauch der Pfeife immer rascher heraus.

,,Ich wollt’,“ schloss der Soldat, „der Diethelm würde über Nacht ein armer Mann, nachher könnt’ ich die Fränz heirathen ungefragt.“

„Büble, du bist ein Narr,“ rief Medard, „du musst sie haben mitsammt ihrem Geld, und mag sie noch so hoffärtig sein, und ein Nückel ist und bleibt sie; aber freilich da drüber darf man mit dir nicht reden. Wenn ich nur wüsst’, wie’s mit dem Meister steht; sauber ist’s nicht, das glaub’ mir.

Nun besprachen die Brüder das Leben des Meisters. Diethelm war ehedem ein wohlhäbiger, still arbeitsamer Bauer gewesen, er war als Knecht nach Buchenberg gekommen und hatte die reiche Wittwe, die Schwester des Schäuflerdavids, gegen den Willen ihres Bruders und ihrer ganzen Familie geheirathet. Stolz war er von je, und selbst seine vorherrschende Tugend, die ihm einen grossen Namen machte, schien davon nicht frei. Damals, als Diethelm die reiche Wittwe heirathete, lebten seine Eltern noch, aber sie wie ihre anderen sechs Kinder, die theils dienten, theils selber Familien gegründet hatten, lebten in äusserster Dürftigkeit. Das nahm nun schnell ein Ende, denn mit reicher Hand setzte Diethelm alle seine Angehörigen in Wohlhabenheit und Alles was Diethelmisch hiess, stand plötzlich in Ehre und Ansehen. Hatte Diethelm im Allgemeinen eine freigebige Hand, so war sie es noch besonders für einen auffälligen Zweck. Er kleidete nämlich gern die Armen und es war seine besondere Lust, dass Alles stattlich daher käme; und wurde er auch oft von Solchen missbraucht, die fremder Gabe gar nicht bedurften, immer wieder fand ihn Jeder bereitwillig und hülfreich. Wenn unser Meister nach Letzweiler kam, stand Alles still, als erschiene ein höheres Wesen und die Lippen bewegten sich wie zu Segenssprüchen, denn solch einen Wohlthäter hatte man noch nie gesehen und Diethelm hatte nur abzuwehren, dass ihm nicht Kinder und Greise die Hände küssten. Seine hülfreiche Mildthätigkeit war aber auch ohne Grenzen und man fabelte allerlei über seine unermesslichen Reichthümer: er habe ein grosses Loos in einer fremden Lotterie gewonnen, er habe einen Schatz gefunden und dergleichen mehr, Diethelm gefiel sich in dem Ruhm seines Reichthums und seiner Wohlthätigkeit. In den besten, manneskräftigen Jahren, als er Schultheiss geworden war, fiel es ihm auf Einmal ein, dass er genug gearbeitet habe. Er verpachtete daher seine Aecker und lief müssig und mit eingebildeten Krankheiten im Dorf umher; aber auch diess Leben verleidete ihm nach wenigen Jahren, zumal er mit den Pachtbeständern vielerlei Quengeleien hatte. Er wollte ändern, mochte aber nicht mehr zurück, verkaufte nun trotz heftigen Widerspruchs seiner Frau alle seine Aecker, nur die Wiesen behielt er und lebte von Zinsen. Bald aber fieng er einen kleinen Kornhandel an, der nicht ohne Gewinn war, und nun ging er Tag und Nacht auf sogenannte Spekulationen aus, die ihm auch meist glückten.

Dieses Verwenden der ganzen Lebensarbeit seiner Dorfbewohner als blossen Werthgegenstandes hatte schon in sich etwas Herausforderndes, Feindseliges. Der ewige Kampf zwischen den Hervorbringenden und denen, die solches mühsame Händewerk mit Reden und Schreiben zu eigenem Vortheil verwenden, ist auf dem Lande naturgemäss ein Widerstreit gegen die Kornhändler, der sich je nach den Zeitläuften zu ausgesprochenem Hasse entwickelt. Das Vorhalten des Gedankens von dem grossen Weltverkehre und dass die Thätigkeitsergebnisse der ganzen Menschheit einander angehören, will bei dem, dessen Auge auf der beschränkten Stätte seiner Arbeit haften muss, nicht Eingang finden; in dieser wie in mancher andern Beziehung arbeitet die Zeit noch überall an der Erhebung zum Gedanken der grossen Weltgehörigkeit.

Auch Diethelm erfuhr in seinem Thun mancherlei Hass und statt ihn zu versöhnen, reizte er ihn noch, indem er oft laut sagte: „Ihr arbeitet euch krumm und lahm und ich schau’ zum Fenster hinaus und hab’ meine grünen Saffian-Pantöffele an, und verdien’ dabei in einer Stunde mehr, als ihr in drei Monaten.“ Das war aber nicht immer der Fall und in demselben Jahre, als Diethelm in seinem Handel eine grosse Schlappe erlitt, wurde er auch nicht mehr zum Schultheiss gewählt und er begann nun das Schafhalten und den Wollhandel. Die Umgegend von Buchenberg eignete sich allerdings dazu, die Schafe ihre sieben Monate auf dem Weidgang zu erhalten, aber auch Seuchen blieben nicht aus, die empfindliche Verluste mit sich führten.

Medard war gegen seinen Herrn voll Zorn und Hass, und wieder voll ergebener Abhängigkeit. Wenn er auch nun schon so viele Jahre bei ihm diente, liess es ihn Diethelm gelegentlich doch noch immer fühlen, dass er ihn als Sträfling zu sich genommen und behandelte ihn oft mit tyrannischer Willkür, gegen die auch nicht der leiseste Widerspruch sich erheben durfte. In der Seele des Schäfers setzte sich daher eine Bitterkeit fest, die ihn wünschen liess, dass sein Herr einmal zu Falle kommen oder in seine Hand gerathen möge.

Munde dagegen war voll aufrichtiger Liebe gegen Diethelm, der ihm dafür auch mit besonderer Freundlichkeit zugethan blieb.

––––––––––

Fünftes Kapitel.

Während die Brüder draussen vor dem Thor sich über das Leben ihres Meisters besprachen, sass dieser drin beim Sternenwirth im hintern Stübchen vor einer Flasche vom Besten, die der Sternenwirth zu Ehren seines Gastes auftischte und dabei seine Familienverhältnisse darlegte.

Halb klagend, halb ruhmredig erzählte er, wie sich die Zeiten ändern: er selber sei noch Metzger gewesen und habe dabei gewirthet, jetzt aber müsse ein Wirth alle Sprachen kennen und ein Handwerk daneben zu treiben sei gar nicht denkbar; sein Wilhelm sei aber auch in Genf und „auf der Universität von allen Kellnern, im Schwan in Frankfurt gewesen.“

Diethelm zeigte sich diesen Mittheilungen besonders theilnehmend und aufmerksam, denn es ist dem bangenden Herzen oft nichts erwünschter als durch Aufnahme fremden Schicksals sein selbst zu vergessen. Während der Sternenwirth erzählte, hatte sich eine von dessen Töchtern und der Sohn angelegentlich mit Fränz beschäftigt und waren oft in lauten Scherz ausgebrochen. Der Sternenwirth rückte nun, von der Theilnahme seines Zuhörers ermuthigt, weiter heraus: wie glücklich ein vermögliches Mädchen mit seinem Wilhelm werden könne, er wolle den Engel in der obern Stadt kaufen und ausbauen und sei ohne Rühmens der geschickteste Wirth. Diethelm nickte einverständlich und bemerkte nur, dass der Wilhelm noch jung sei und wohl noch ein paar Jährchen warten müsse, und der Wirth stiess eben mit ihm an, als der Reppenberger eintrat. Diethelm nahm ihn bei Seite und vernahm, dass nichts zu verkaufen sei und höchstens ums halbe Geld.

,,Sag’ nur, ich behalt’ den Posten auch noch,“ rief Diethelm plötzlich laut und sagte dann, dass es Alle hören konnten, leichthin zu dem Wirth:

„Kannst mir nicht auf eine Stunde fünfhundert Gulden geben?“

,,Auf eine Stunde kann’s schon sein,“ erwiderte der Wirth, ,,es hat mir ein Händler tausend Gulden aufzubewahren gegeben. Nicht wahr, du bringst mir’s gleich wieder? Von wegen, wenn’s mein wär’, könntest’s behalten so lang du willst, wär’ mir sicherer als im Kasten. Es ist halb Silber und halb Papier. Was willst?“

,,Die Thaler, der Steinbauer hört das Geld gern klappern, er traut ihm eher.“

Diethelm empfing ein graues Säckchen mit den Geldrollen, er übergab die kleine Last dem Reppenberger zum Tragen, befahl der Fränz ihn hier zu erwarten und ging mit seinem Geleite stolz durch das Marktgewühl. In der Post brach er alle Rollen auf und zählte und klimperte lange mit dem Gelde, das er dem Steinbauer einhändigte; das graue Säckchen betrachtete er dann eine Weile still und steckte es endlich zu sich, wobei er es an Spottreden auf den Steinbauer nicht fehlen liess; dieser zählte aber- und abermals die Häufchen ab und hörte auf Nichts.

Vor dem Hause athmete Diethelm tief auf und sagte dem Reppenberger, dass er tausend Gulden haben müsse, und wenn er sie aus dem Heiligenkasten stehlen sollte.

„In dem Nest muss Geld sein, hilf’s holen,“ ermahnte er den Reppenberger. Dieser wusste auch Rath: der Kastenverwalter hatte einen grossen Posten bereit, aber nur auf Hypothek oder Wechsel. Von ersterer konnte bei Diethelm keine Rede mehr sein, er hatte nichts Unbewegliches als sein Haus und die Wiesen, und das war die letzte Sicherheit der Frau; und hätte er auch diese, wie er wohl wusste, zu einer Unterschrift bewegen können, er durfte es für sich selbst nicht thun, denn mit Aufnahme einer Hypothek wäre all’ sein Ansehen vernichtet; vor dem Wechsel aber hatte Diethelm eine Höllenscheu, der Reppenberger mochte das einen albernen Bauernaberglauben schelten und darüber spötteln wie er wollte. Vor der Thüre des Kastenverwalters stand Diethelm mit Reppenberger wie angewurzelt; er lachte zwar, wenn Reppenberger das „Haus Diethelm“ aufforderte, zu verfahren wie ihm zukam, aber innerlich bebte ihm das Herz; endlich musste doch ein Entschluss gefasst werden, und weil denn einmal das Unvermeidliche zu vollziehen war, entlehnte Diethelm gleich noch ein zweites Tausend. Dennoch erhielt er nur mit grosser Mühe sechshundert Gulden baar, das Uebrige musste er in fremden Staatspapieren zu hohen Tagespreisen annehmen. Noch nie zitterte die Hand Diethelms so sehr, als da er den Wechsel unterschrieb. Auf der Strasse war’s, ihm als sähe es ihm Jedermann an, dass er sich dazu verpflichtet hatte, nach drei Monaten in schmähliche Gefangenschaft zu gehen; aber die Leute waren so ehrerbietig wie je, im Stern fand man es nicht im Entferntesten verwunderlich, dass Diethelm auf die Minute sein Wort hielt; und als dieser dem Wirthe die Staatspapiere aufzubewahren gab, kam ein neuer Stolz über ihn: ,,Tausende handeln ja nur mit Credit, warum soll ich es nicht auch? Ich kann auch mit einem Federstrich Summen hin- und herschieben.“

Die Furcht vor einer Wechselschuld erschien ihm jetzt in der That nur als ein Aberglaube, und der Wein erfrischte ihm das Herz, wie noch nie. Auf die Bitten der Wirthsleute und der Fränz versprach er, über Nacht zu bleiben und den Honoratioren-Ball zu besuchen. ,,Das Haus Diethelm bleibt,“ sagte er halb selbstspöttisch; es wusste Niemand was er damit meinte. Er ging nun hinaus vor das Thor, um seinen Schäfern Bescheid zu sagen und der Mutter Nachricht zu geben.

So traf Diethelm die beiden Brüder mitten im Gespräch über ihn; er war voll guter Laune, als ihm Medard das Geld für die verkauften siebzig Paar Hämmel übergab, händigte ihm ein namhaftes Trinkgeld ein und befahl ihm ein Fuhrwerk zu nehmen und rasch nach Buchenberg zu fahren, dort der Meisterin Bescheid zu bringen und Alles herzurichten zur Aufnahme der neuen Waaren und Schafe. Bald fuhr Medard mit seinem Bruder in die linde Nacht hinein, Buchenberg zu.

––––––––––

Sechstes Kapitel.

Diethelm wollte nun sogleich von dem Kastenverwalter den Wechsel auslösen, aber er überlegte, dass er dann ohne baar Geld sei und noch nie hatte er solche Freude an diesem gehabt wie heute.

Das Marktgewühl verlief sich allmälig: die grossen Leiterwagen, mit lustigen Bauern und Bäuerinnen voll besetzt, konnten schon in ungehemmtem Schritte durch die Strassen heimwärts fahren, in den Krämerbuden wurde bereits eingepackt und gehämmert und die Pferde der Uebernachtenden wurden zur Abendtränke an den Marktbrunnen geführt. Es war Diethelm, der in Gedanken verloren Allem zuschaute, als bliebe er zum Erstenmal in seinem Leben in einem fremden Orte über Nacht und als sei er fern in der weiten Welt und diese Stadt ihm nicht wohlbekannt und heimisch. Er wartete noch bis auch seine Rappen zur Tränke geführt wurden, dann ging er abermals nach dem Kaufhause, um die Beförderung der eingekauften Vorräthe nach seinem Heimathsort anzuordnen. Als begänne das eben am Himmel aufflammende Abendroth zu tönen, so war’s als jetzt die Stadtzinkenisten den feierlichen Abendchoral vom Thurme erschallen liessen. Diethelm achtete nicht lange darauf und die Oedigkeit und Kühle, die jetzt in dem vor Stunden so menschenvollen Kaufhause herrschte, machte ihn eine Weile frösteln; aber er liess es dennoch nicht an Umsicht fehlen und der Reppenberger versab sein Aufseheramt meisterlich. Fünf grosse Wagen fuhren nach Buchenberg, als Diethelm wieder in den Stern zu seiner Fränz zurückkehrte, und zu neuem Aufsehen eine weitere Summe zum Aufbewahren übergab. Das Innere des Hauses hatte in wenigen Stunden ein ganz anderes Ansehen gewonnen und in der Stube lachte ein Mädchen Diethelm aus, weil er es lange anstarrte und nicht erkennen wollte: es war Fränz, die in dem weissen Kleide der Wirthstochter mit veränderter Haartracht in der That ganz unkenntlich war. Diethelm schalt offen über diese Vermummung, denn theils regte sich der Bauernstolz in ihm, theils fühlte er auch wohl, wie ungemäss diese Erscheinungsart für die Fränz war. Der Wirth suchte ihn zu beschwichtigen, aber eine Stimme aus der Ecke rief:

,,Der Herr Diethelm hat ganz Recht: die gewohnte Tracht ziert den Bauersmann am besten, und ist auch die nützlichste, weil sie nicht aus der Mode kommt.“

Zu seinem Schreck erkannte Diethelm den Kastenverwalter und doch that er rasch freundlich zu ihm und rühmte sich beim Glase sehr viel, wie stolz er darauf halte, ein schlichter echter Bauersmann zu sein.

,,Dreieckiger Hut, dreifache Versicherung, hat ehemals bei uns gegolten,“ sagte ein hagerer Stammgast mit langer Pfeife, der neben dem Kastenverwalter sass und sich als Kaufmann Gäbler aus der Stadt zu erkennen gab. Und wo Drei im Vaterlande heutigen Tages beisammen sitzen, sprechen sie über die fortschreitende Noth und Verarmung des mittleren Bürger- und Bauernstandes. So auch hier.

Leicht aber nehmen solche Gespräche eine selbstische Wendung, die mehr oder minder ausdrücklich darauf hinausläuft, sich am eigenen Wohlgefühl zu erquicken. Diethelm verstand es dabei meisterlich, eine bescheidene Grossthuerei an den Tag zu legen; und als der Kastenverwalter die sichern Hypotheken lobte, gab Diethelm zu verstehen, dass er deren auch manche habe, dass er sie aber für den Handel nicht angreife. „Das wäre ja,“ sagte er, „wie wenn man einen Balken aus dem Hause nähme, um damit Feuer auf dem Herd zu machen.“ Der Kastenverwalter fand das klug und lobte das Haus Diethelm, und dieser fand ein eigenes Wohlgefühl darin, mit Prahlereien, um sich zu werfen und sie dünkten ihn bald nichts als reine Wahrheit; denn es ist ja gleich was man besitzen mag, wenn nur die Menschen daran glauben: der Glaube macht selig und der Glaube macht reich. Endlich rückte der Kaufmann Gäbler mit seinem eigentlichen Vorsatze heraus, er war Agent einer Brandversicherungs-Gesellschaft und Diethelm sollte die eingekaufte Waare und all seinen Hausrath versichern. Mit überlautem Widerspruch verneinte Diethelm diese Zumuthung und hatte dafür allerlei unhaltbare Gründe vorzubringen, die der Kastenverwalter mit Siegesstolz widerlegte, wobei er mit besonderem Nachdruck wiederholte: dass nicht der Bauer Diethelm, sondern das Handlungshaus Diethelm versichern müsse. Als endlich auch der Sternenwirth beistimmte, gab Diethelm nach, aber unweigerlich beharrte er gegen den neuen Vorschlag: auch sein Leben zu versichern; ja es wäre vielleicht darob zu einem heftigen Streite mit dem Kastenverwalter gekommen, wenn nicht plötzlich ein Zwischenfall eingetreten wäre, der Diethelm im hellsten Glanze strahlen machte. Ein junger Mann trat ein und fragte nach Diethelm; dieser ging auf ihn zu und begrüsste ihn mit hoher Freude und zwang ihn mit an den Herrentisch zu sitzen. Nach vielem Widerstreben willfahrte der junge Mann, der ein Zeugweber aus der Stadt war, und so viel auch Diethelm abmehrte, bald sprach Alles am Tisch nur Lob und Preis über ihn, denn der junge Handwerker, Kübler mit Namen, war Bräutigam mit der Bruderstochter Diethelms aus Letzweiler, und Diethelm allein war es, der das Mädchen ausstattete, so dass zu Neujahr die Hochzeit sein sollte. Diethelm nickte bejahend, als der Kaufmann Gäbler sagte: „Wenn Der Vetter Diethelm für. Euch gut sagt, Kübler, könnt Ihr bei mir holen, was Ihr wollt.“ Immer aufs Neue erhob sich das Lob Diethelms, der mit fürstlicher Freigebigkeit seinen Verwandten aufhelfe und der Sternenwirth nannte ihn sogar einen Napoleon. Anfangs war Diethelm dieser Ruhm im Beisein seines Gläubigers peinlich gewesen; als aber auch der Kastenverwalter einstimmte, war es ihm, als wachse er immer. Und als endlich der Beginn des Honoratioren-Balls in der Post angekündigt war, trat Diethelm so breit in den Saal, dass die beiden Flügelthüren nicht vergebens aufgemacht waren.

Diethelm fühlte sich bei all seinem Stolz doch bald nicht recht wohl bei dieser Lustbarkeit. So genehm es ihm auch war, mit Beamten an Einem Tisch zu sitzen, er machte sich doch bald zu dem alten Sternenwirth, der daheim in der untern Stube geblieben war, und hier ging ihm eine neue Hoffnung auf. Der Sternenwirth sagte offen, dass er und Diethelm keine Unterhändler brauchten und erklärte geradezu, dass sein Wilhelm und die Fränz wohl für einander passten; er verbreitete sich sehr über die wirthliche Tüchtigkeit eines klugen Bauernmädchens und wie wohl angelegt hier eine reiche Mitgift sei. Diethelm gab nur abgebrochene Antworten und hielt dabei immer der Art inne, dass der Sternenwirth etwas einschieben musste. Immer wohlgemuther und zutraulicher wurden die beiden Genossen, denn der Sternenwirth bewährte heute an sich seine alte wirthliche Ermahnung: „Der Wein hängt an einander.“ Mit diesem Worte brachte er immer wieder volle Flaschen auf den Tisch.

Spät in der Nacht, als die Gäste sich bereits entfernt hatten, sassen Diethelm und Fränz noch bei den Wirthsleuten und es war ihnen Allen so vertraut zu Muthe, dass man sich gar nicht trennen mochte; und doch sprach man nichts von der neuen Familieneinigung, aber diese schien Allen in der Seele zu leben.

Um dieselbe Zeit sass in Buchenberg noch die Frau Diethelms harrend bei der einsamen Lampe. Es war eine Frau von grosser hagerer Gestalt und feinem fast vogelartigem Gesichte, sie war ersichtlich älter als Diethelm; und wie sie jetzt tief Athem holend. vom Spinnen aufschaute und in die Lampe hinein starrte, sah man, dass ein schwerer Kummer sich in diesem Antlitze heimisch angesiedelt hatte. Sie hatte heute alle heimkehrenden Marktgänger nach ihrem Mann ausgefragt: die Einen gaben nur halben Bescheid, die Anderen verkündeten Dinge die unglaublich waren. Freilich hielt Diethelm streng darauf, dass sie keine volle Einsicht in seine Handelschaft hatte, so viel aber wusste sie doch, dass er jetzt baar Geld brauchte, er konnte also unmöglich eingekauft haben. Mit den heimkehrenden Marktgängern, ihren mitgebrachten Lederspangen, Gewandstoffen, Kinderpfeifen und Kindertrompeten, mit der Musterung der eingekauften Pferde und Kühe, vor Allem aber mit der lärmenden Laune der Angetrunkenen war etwas von dem geräuschvollen Marktgewühl in das stille Dorf gedrungen und die Heimgebliebenen sahen dem verwunderlich zu; vor Allen aber betrachtete die Grobbäuerin — wie Martha Diethelm noch immer nach ihrem ersten Manne genannt wurde — das Alles als wäre es etwas Unerhörtes. Da zeigten die Einen — die neuen Schuhe und Stiefel, die sie in der Hand trugen und liessen um den Preis rathen, oder sie übergaben den Kindern die für sie eingekauften, die damit davon rannten; Andere liessen ihre neuen Hüte mustern, die sie auf dem Kopfe trugen, während sie die alten in der Hand hielten, und mancher Spassvogel stülpte den neuen Hut über den alten auf den Kopf. Der Schmied hatte seinen Weissdornstock quer über den Rücken gelegt und die Arme als Haken darüber geschlungen, Martha wusste nicht, war es die Weinlaune oder Ernst als er ihr berichtete: der Diethelm käme zehnmal so reich wieder heim. Als es wieder still im Dorfe! wurde, in den Häusern die Lichter erflammten und ein Jedes im Kreise der Seinen erzählte, was ihm am heutigen wichtigen Tage begegnet war, sass Martha noch immer im Dunkeln in ihrer Stube; ihr war so bang, sie war wie festgezaubert, dass sie der Magd nicht nach Licht rufen konnte; und als diese endlich von selbst damit kam, heiterte sie sich wieder auf: es war ja nichts geschehen, worüber sie zu, bangen ein Recht hatte, und sie liess sich gern von der Magd berichten, welche neue Kleider u. dgl. in das Dorf gekommen waren. Als endlich Schlafenszeit und noch immer kein Diethelm und keine ausdrückliche Nachricht von ihm kommen wollte, schickte sie die Magd zu Bett und setzte sich an ihren Spinnrocken, um sich wach zu halten. Die Wanduhr schlug neun, die an Ketten hängenden Gewichte rasselten nieder und pochten an den Uhrenkasten. Martha erhob sich und zog die Uhr auf, sie erinnerte sich, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, als Diethelm noch ,,hauslich“ war, er jeden Abend selbst zur bestimmten Stunde die Uhr aufgezogen; sie betrachtete das Zifferblatt: da stand mit grosser Schrift ihr Name und der Diethelms, so wie die Jahreszahl ihrer Hochzeit in einem Blumenkranze. Damals als die Uhr zum Erstenmal hier hing, war grosse Freude, und wie viel schwere Stunden hat sie seitdem geschlagen und wie ist sie selbst ein Erinnerungszeichen des Zerfalls geworden, denn diese einfache Uhr kostete dreitausend Gulden; Diethelm halte für seinen Schwager, der sich mit dem Uhrenhandel beschäftigte, um diese Summe Bürgschaft geleistet, der Schwager war in der Fremde geblieben, und man konnte noch von Glück sagen, dass er seine Familie nachkommen liess, nachdem man sie mehrere Jahre ernähren musste.

Ach! An Alles knüpften sich traurige Erinnerungen.

Es war still ringsum, denn das Haus Diethelms lag weitab vom Dorf auf einer Anhöhe. Martha öffnete das Fenster, horchte hinab und schaute hinein in die sternglitzernde Nacht, dann setzte sie sich wieder zur wachhaltenden Arbeit und ihr ganzes Leben zog an ihrem Sinnen vorüber. Jung verheirathet an einen grämlichen, bis zum Hungerleiden geizigen Mann, der nicht umsonst der Grobbauer hiess, hatte sie ein schweres Loos; sie gebar drei Kinder, von denen sie zwei begrub und nur das älteste, eine Tochter, war ihr geblieben als auch ihr Mann starb. Sie verfeindete sich mit ihrer ganzen Familie, besonders aber mit ihrem Bruder, dem Schäuflerdavid, als sie ihren überaus schmucken Knecht, den Diethelm heirathete. Die Leute sagten, der Diethelm habe um die Tochter Martha’s gefreit, die Mutter aber habe ihn für sich behalten. Bald nachdem die Tochter auf den Kohlenhof, zwei Stunden von Buchenberg, verheirathet war, feierte Martha ihre Hochzeit mit Diethelm. Dieser, obgleich zwölf Jahr jünger, schien überaus glücklich mit seiner rüstigen wohlhäbigen Frau, er ehrte und erfreute sie, wo er es nur immer vermochte und schien sich noch immer fast als Knecht zu betrachten, denn er verfügte über Nichts in Haus und Feld, ohne vorher die Frau darum zu befragen.

Buchenberg gehört noch zu jenen Dörfern, wo Alles mit einander verwandt ist, weil die grossen Bauern nur unter sich heirathen. Um so glücklicher durfte sich Diethelm schätzen, vom fremden Knechte zum reich angesessenen Hofbauern erhoben zu sein. Er schien das auch zu erkennen. Bald aber erhielt Martha die Kunde, wie er hinter ihrem Rücken über Grosses verfügte und namhafte Summen seinen Verwandten schenkte. In seltsamer und doch so häufig vorkommender Verkehrtheit ging sie Tage ja Wochen lang mit tiefem, immer sich steigerndem Zorn in der Seele umher, und unversehens, bei den geringsten Anlässen, brach sie in Verwünschungen, in Schelten und Weinen aus, dass Alles zu Grunde gerichtet werde. Die Erwartung, dass Diethelm endlich selber seine geheime Schuld bekennen würde, konnte immer schwerer in Erfüllung geben, denn Diethelm sah nun auf Einmal in seiner Frau ein verändertes zänkisches Wesen, sah sich für sein ganzes Leben ans Unglück geschmiedet und freute sich im Stillen doppelt, dass er in der Aufhülfe seiner Familie doch noch eine Freude habe, während ihm sonst nur Leid bevorstand. Er wusste doch jetzt, wofür er das zu erdulden habe. Dem allzeit keifenden Wesen seiner Frau setzte er unverbrüchliches Stillschweigen gegenüber; und als er dies endlich brach, da die Frau ihn im Beisein des Metzgers über den eigenmächtigen Verkauf eines Kälbchens hart anliess, erfuhr er endlich die lange verhaltene Ursache vom Zorn seiner Frau. Jetzt aber war der gerechte Grund ihres Unwillens längst in ihm vernichtet und abgebüsst, und mit schneidendem Spott erklärte er seiner Frau, dass er nicht, wie sie, kein Herz für die ihm angehörige Familie habe.

So verkehrt es auch war, dass Diethelm seiner Frau ein Verhältniss zum Vorwurf machte, das doch nur um seinetwillen, eingetreten war, so wirkte dies doch so erbitternd auf Martha, dass sie, ohne ein Wort zu sagen, mit hervorgequollenen Augen, mit knirschenden Zähnen und zitternd gekrallten Fingern auf Diethelm eindrang, als wollte sie ihn in Stücke zerreissen. Diethelm stand starr und regungslos bei diesem Anblicke. So hatte er sich nie gedacht, dass seine Frau werden könne. Als sie nun ihm ganz nahe war, verzerrten sich ihre Mienen zur grimmigsten Fratze; aber sie letzte nicht Hand an ihn, sondern stiess nur einen unartikulirten Schrei höchster Verachtung aus und verliess die Stube.

Von jenem Tage an und gerade aus dem Ausbruch von so mächtigen Zorn- und Hassgedanken war eine seltsame und doch wieder so leicht erklärliche Einkehr in den Gemüthern der beiden Ehegatten vorgegangen. Diethelm erkannte und sprach es aus, dass er seiner Frau Unrecht gethan, da sie vollberechtigt sei, in der Verwendung ihres Besitzthumes darein zu reden. Er erklärte ihr nun die Hülflosigkeit seiner Angehörigen, und wie er sich schämen müsste, selber im Ueberflusse zu leben, während seine Nächsten darbten. Auch Martha erkannte dies und dass sie ungerecht gegen ihren Mann gewesen, aber ausdrücklich bekennen konnte sie das nicht, obgleich sie oftmals auf Diethelms Gutherzigkeit zu sprechen kam und dabei das zum Verzweifeln karge Wesen ihres verstorbenen Mannes erwähnte. Sie schickte nun selbst, so oft sie Gelegenheit gab, Allerlei nach Letzweiler, und Diethelm, nun vollkommen gedeckt, wollte allen seinen Angehörigen gründlich aufhelfen. Ein wirklich ungewöhnlich mächtiger Familiensinn, dabei aber auch die Lust, frei und offen über ein grosses Besitzthum zu verfügen und vor Allem die Ehre und der Ruhm, der ihm dadurch ward, liessen ihn fast keine Grenzen mehr kennen.

Das Haus des Grobbauern, das ehedem von den Bettlern gemieden war, zeigte sich seit Diethelms, Zeiten als die reichste Quelle der Wohlthaten, und es wurde viel gerühmt, dass Martha nie einem Armen eine abgerahmte Milch gab.

Eine Eigenschaft zeigte sich bei Diethelm in Allem: es war eine unersättliche Ehrbegierde; er hätte lieber das tiefste häusliche Elend ertragen, ehe er davon etwas in der Welt verlauten und so seine Ehre blossstellen liess. Als nun nach fünf Jahren kinderloser Ehe die kleine Fränz geboren wurde, war er voll steten Jubels und an dem Kinde schien immerwährend sein ganzes Leben zu hängen. Aus dem Gespräche der beiden Schäfer ist uns noch erinnerlich, welch’ eine seltsame Lebenswendung Diethelm einschlug und wie bald keine Spur mehr davon übrig war, dass er einst das Besitzthum seiner Frau wie ein Dienstbote betrachtet hatte. Er schien fortan keine Ruhe mehr in seinem Hause und in seinem ganzen Leben zu haben; es kam hierüber zu heftigen Erörterungen, und Diethelm behauptete ein für allemal, er habe es versäumt, seine jungen Jahre zu geniessen und müsse das jetzt nachholen. Von jener Zeit an sah Martha, welch’ ein Leben ihr geworden war, sie liess Alles ohne Widerrede geschehen, den Güterverkauf, den Fruchthandel, die Schafhalterei; sie hatte einen Mann, der sie des Reichthums wegen geheirathet, und der nun, dessen gewohnt, ihrer kaum mehr achtete und seine Freude ausser dem Hause suchte. Das war aber nicht immer der Fall, denn Diethelm, hatte Zeiten, da er voll Ehrerbietung gegen seine Frau war und sie scherzweise Meisterin nannte, und die Frau hatte bei all’ ihrem vergrämten Wesen doch oft Mitleiden mit dem Mann, der vielleicht mit einer jungen minder begüterten Frau glücklicher geworden wäre. So lebten diese Leute schon zwei und zwanzig Jahre in der Ehe und hatten noch ihre Einigung nicht gefunden, und doch strebte eigentlich im Innersten ein Jedes dem Andern zu Gefallen zu leben und war auch viel Streit und Zank zwischen ihnen: war das Eine vom Andern entfernt, gedachten sie mit inniger Sehnsucht einander und die Frau besonders war dann bestrebt, gegen Jedermann ihren Diethelm zu preisen. An Fränz, wenn sie zu Haus war und nicht nach ihrer Gewohnheit den Vater überall geleitete, hatte sie keine Stütze; denn das Mädchen hatte das hoffärtige Wesen ihres Vaters geerbt: Grossthun, die Welt in Neid von sich reden machen, war ihr ewiges Dichten und Trachten, und sie schalt wie Diethelm die Grämlichkeit und das Schwarzsehen der Mutter eine Alterskrankheit, die sie höchstens bemitleidete.

Martha sass jetzt allein, rückwärts schauend in die Vergangenheit und vorwärts nach ihrer einzigen Sehnsucht: dem Tod. Da hörte sie einen Wagen die Strasse daherfahren, eine Männerstimme rufen, und mit der Freude eines Mädchens, das den Bräutigam erwartet, rief sie zum Fenster hinaus in die Nacht: willkommen Diethelm! Es antwortete Niemand, sie steckte schnell die Ampel in die Laterne, eilte hinab und als sie die Ankommenden sah, schrie i sie jammernd laut auf.

,,Was habt Ihr, Meisterin?“ fragte der Schäfer, dem sein Bruder voraufgegangen war.

„Was will der Landjäger?“ fragte die Frau.

,,Das ist kein Landjäger, das ist ja mein Munde,“ antwortete der Schäfer, und Munde sasste die Hand der Frau, die zitternd, und kalt war.

Als Medard in der Stube die Vorgänge in der Stadt erzählte, presste die Frau die Lippen und ihre, vogelartige Nase wurde kreideweiss; sie sprach, kein Wort und schüttelte nur mehrmals mit dem Kopf. Als sie endlich in ihrer Kammer allein war, warf sie sich auf die Kissen und weinte hinein und schrie die Worte: „Ausborger! Vergantet! Letzweiler Lump.“ Dann richtete sie sich wieder schnell auf, riss die Kissen vom Bett und schrie wie rasend: „Das Alles wird versteigert, Ales. Auf’s Stroh, auf’s Stroh bringst du mich.“ Sie warf sich auf das Stroh und weinte lange, bis sie endlich einschlief.

––––––––––

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726614541
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar