Kitabı oku: «Die Nachtwachen des Bonaventura»
August Klingemann
Die Nachtwachen des Bonaventura
Saga
Die Nachtwachen des BonaventuraCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1804, 2020 August Klingemann und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642841
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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ERSTE NACHTWACHE
Der sterbende Freigeist
Die Nachtstunde schlug; ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm die Pike und das Horn zur Hand, ging in die Finsternis hinaus und rief die Stunde ab, nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte.
Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsternis schnell und seltsam miteinander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Reisebilder vorüber, und der Mond erschien und verschwand in raschem Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Totenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm wie ein unsichtbarer Geist.
Es war mir schon recht, und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt, denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Märchen in der bezauberten Stadt, wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündflut.
Der letzte Vergleich machte mich schaudern, und ich war froh ein einzelnes mattes Lämpchen noch hoch oben über der Stadt auf einem freien Daehkämmerchen brennen zu sehen.
Ich wußte wohl, wer da so hoch in den Lüften regierte, es war ein verunglückter Poet, der nur in der Nacht wachte, weil dann seine Gläubiger schliefen, und die Musen allein nicht zu den letztern gehörten.
Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten: „O du, der du da oben dich herumtreibst, ich verstehe dich wohl, denn ich war einst deinesgleichen! Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk, das seinen Mann ernährt, und das für denjenigen, der sie darin aufzufinden weiß, doch keineswegs ganz ohne Poesie ist. Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt, und unterbreche deine Träume von Unsterblichkeit, die du da oben in der Luft träumst, hier unten auf der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit. Nachtwächter sind wir zwar beide; schade nur daß dir deine Nachtwachen in dieser kalt prosaischen Zeit nichts einbringen, indeß die meinigen doch immer ein Übriges abwerfen. Als ich noch in der Nacht poesierte, wie du, mußte ich hungern, wie du, und sang tauben Ohren; das letzte tue ich zwar noch jetzt, aber man bezahlt mich dafür. O Freund Poet, wer jetzt leben will, der darf nicht dichten! Ist dir aber das Singen angeboren und kannst du es durchaus nicht unterlassen, nun so werde Nachtwächter, wie ich, das ist noch der einzige solide Posten wo es bezahlt wird, und man dich nicht dabei verhungern läßt. – Gute Nacht, Bruder Poet!“
Ich blickte noch einmal hinauf, und gewahrte seinen Schatten an der Wand, er war in einer tragischen Stellung begriffen, die eine Hand in den Haaren, die andre hielt das Blatt, von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich vorrezitierte.
Ich stieß ins Horn, rief ihm die Zeit zu und ging meiner Wege. –
Halt! dort wacht ein Kranker – auch in Träumen, wie der Poet, in wahren Fieberträumen!
Der Mann war ein Freigeist von jeher, und er hält sich stark in seiner letzten Stunde, wie Voltaire. Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im Fensterladen; er schaut blaß und ruhig in das leere Nichts, wohin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt, um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen. Die Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen, aber sie blühen rund um ihn auf den Gesichtern dreier holder Knaben. Der jüngste droht ihm kindlich unwissend in das blasse starre Antlitz, weil es nicht mehr lächeln will wie sonst. Die andern beiden stehen ernst betrachtend, sie können sich den Tod noch nicht denken in ihrem frischen Leben.
Das junge Weib dagegen mit aufgelöstem Haar und offner schöner Brust blickt verzweifelnd in die schwarze Gruft und wischt nur dann und wann den Schweiß, wie mechanisch, von der kalten Stirn des Sterbenden.
Neben ihm steht, glühend vor Zorn, der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe, den Freigeist zu bekehren. Seine Rede schwillt mächtig an wie ein Strom, und er malt das Jenseits in kühnen Bildern; aber nicht das schöne Morgenrot des neuen Tages und die aufblühenden Lauben und Engel, sondern (wie ein wilder Höllenbreugel) die Flammen und Abgründe und die ganze schaudervolle Unterwelt des Dante.
Vergebens! der Kranke bleibt stumm und starr, er sieht mit einer fürchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen und fühlt, wie sich die kalte Eisrinde des Todes höher und höher zum Herzen hinaufzieht.
Der Nacht wind pfiff mir durch die Haare und schüttelte die morschen Fensterladen wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist. Ich schauderte, der Kranke blickte plötzlich kräftig um sich, als gesundete er rasch durch ein Wunder und fühlte neues höheres Leben. Dieses schnelle leuchtende Auflodern der schon verlöschenden Flamme, der sichere Vorbote des nahen Todes, wirft zugleich ein glänzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstück und leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frühlingswelt des Glaubens und der Poesie. Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Correggionacht, und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu einem wunderbaren Glanze.
Höllenbreugel (Pieter Bruegbel, † 1638): aus der flämischen Malerschule
Der Kranke wies die höhere Hoffnung fest und entschieden zurück und führte dadurch einen großen Moment herbei. Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele und malte jetzt mit Flammenzügen wie ein Verzweifelnder, und bannte den ganzen Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden. Dieser lächelte nur und schüttelte den Kopf.
Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiß; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, während der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann, wie sich die indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen und der Vernichtung weihen.
Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen, und, getreu seinem Charakter, redete er jetzt, indem ihm das Beschreiben zu ohnmächtig erschien, in der Person des Teufels selbst, der ihm am nächsten lag. Er drückte sich wie ein Meister darin aus, echt teufelisch im kühnsten Stile und fern von der schwachen Manier des modernen Teufels.
Dem Kranken wurde es zu arg. Er wendete sich finster weg, und blickte die drei Frühlingsrosen an, die um sein Bette blüheten. Da loderte die ganze heiße Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf, und über das blasse Antlitz flog ein leichtes Rot wie eine Erinnerung. Er ließ sich die Knaben reichen und küßte sie mit Anstrengung, dann legte er das schwere Haupt an die wallende Brust des Weibes, stieß ein leises ach! aus, das mehr Wollust als Schmerz schien, und entschlief liebend im Arm der Liebe.
Der Pfaff, seiner Teufelsrolle getreu, donnerte ihm, der Bemerkung gemäß, daß das Gehör bei Verstorbenen noch eine längere Zeit reizbar bleibt, in die Ohren und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bündig, daß der Teufel nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Leib abfordern würde. Somit stürzte er fort und hinaus auf die Gasse. Ich war verwirrt worden, hielt ihn in der Täuschung wahrhaft für den Teufel und setzte ihm, als er an mir vorüberfahren wollte, die Pike auf die Brust. „Geh zum Teufel!“ sagte er schnaubend, da besann ich mich und sagte: „Verzeiht, Hochwürdiger, ich hielt euch in einer Art Besessenheit für ihn selbst, und setzte euch deshalb die Pike als ein Gott sei bei uns! aufs Herz. Haltet mirs diesmal zu Gute!“
Correggio († 1534): ital. Maler, Meister des Helldunkel Tartarus: Unterwelt Er stürzte fort.
Ach! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden. Das schöne Weib hielt den blassen Geliebten still in ihren Armen wie einen Schlummernden; in schöner Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht und glaubte, daß ihn der Schlaf zu neuem Leben stärken werde – ein holder Glaube, der im höhern Sinne sie nicht täuschte. Die Kinder knieten ernst am Bette, während die Mutter, ihm schweigend mit den Augen zuwinkend, die Hand auf sein umlocktes Haupt legte. Die Szene war zu schön; ich wandte mich weg, um den Augenblick nicht zu schauen, in dem die Täuschung schwände. Mit gedämpfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster, um in dem noch hörenden Ohre den Feuerruf des Mönchs durch leise Töne zu verdrängen. Den Sterbenden ist die Musik verschwistert, sie ist der erste süße Laut vom fernen Jenseits, und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester, die zum Himmel zeigt. So entschlummerte Jakob Böhme, indem er die ferne Musik vernahm, die niemand, außer dem Sterbenden hörte.
ZWEITE NACHTWACHE
Die Erscheinung des Teufels
Die Stunde rief mich wieder zu meiner nächtlichen Hantierung; da lagen die öden Straßen wie zugedeckt vor mir, und nur dann und wann flog ein Wetterleuchten lustig und rasch durch sie hin, und weit, weit in der Ferne murmelte es drein wie unverständlicher Zauberspruch.
Mein Poet hatte das Licht ausgelöscht, weil der Himmel leuchtete und er dies letztere für wohlfeiler und poetischer zugleich hielt. Er schauete hoch droben in die Blitze hinein, im Fenster liegend, das weiße Nachthemd offen auf der Brust, und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf. Ich erinnerte mich an ähnliche überpoetische Stunden, wo das Innere Sturm ist, der Mund im Donner reden und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen möchte, um damit in feurigen Worten zu schreiben. Da fliegt der Geist von Pole zu Pole, glaubt das ganze Universum zu überflügeln, und wenn er zuletzt zur Sprache kommt – so ist es kindisch Wort, und die Hand zerreißt rasch das Papier.
J. Böhme († 1624): Schuster und schlesischer Mystiker
Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir, der am Ende immer nur schadenfroh über meine Schwäche aufzulachen pflegte, gewöhnlich durch das Beschwörungsmittel der Musik. Jetzt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn zu stoßen, und da gehts auch vorüber.
Überall kann ich allen denen, die sich vor ähnlichen poetischen Überraschungen wie vor einem Fieber scheuen, den Ton meines Nachtwächterhorns als ein echtes antipoeticum empfehlen. Das Mittel ist wohlfeil und von großer Wichtigkeit zugleich, da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie für eine Wut Zu halten pflegt, mit dem einzigen Unterschiede, daß jener diese Wut vom Himmel und nicht aus dem Narrenhause herleitete.
Mag dem indeß sein, wie ihm wolle, so bleibt es doch heutzutage mit der Dichterei überall bedenklich, weil es so wenig Verrückte mehr gibt und ein solcher Überfluß an Vernünftigen vorhanden ist, daß sie aus ihren eigenen Mitteln alle Fächer und sogar die Poesie besetzen können. Ein rein Toller, wie ich, findet unter solchen Umständen kein Unterkommen. Ich gehe deshalb auch nur jetzt bloß noch um die Poesie herum, das heißt, ich bin ein Humorist worden, wozu ich als Nachtwächter die meiste Muße habe. –
Meinen Beruf zum Humoristen müßte ich hier freilich wohl zuvor erst dartun, allein ich lasse mich nicht darauf ein, weil man es überhaupt jetzt mit dem Berufe selbst so genau nicht nimmt, und sich dagegen mit dem Rufe allein begnügt. Gibt es doch auch Dichter ohne Beruf, durch den bloßen Ruf – und somit ziehe ich mich aus dem Handel.
Eben flammte ein Blitz durch die Luft, da schlichen drei an der Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven. Ich rief sie an, doch wars schon wieder Nacht ringsum, und ich sah nichts, als einen glühenden Schweif und ein paar feurige Augen, und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nähe, wie zu einer Don-Juans-Begleitung: „Tu was deines Amtes ist, Nachtrabe; aber mische dich nicht ins Geisterwerk!“
Das war mir doch etwas zu arg, und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme herkam; eben blitzte es wieder – da waren die drei in Luft zerronnen wie Macbeths Hexen.
„Erkennt ihr mich nicht für einen Geist an“; rief ich noch zornig hinterdrein, in der Hoffnung, daß sie’s vernähmen – „und doch war ich Poet, Bänkelsänger, Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nacheinander. Ich möchte doch Eure Geister gekannt haben im Leben – wenn ihr anders wirklich bereits daraus seid! – ob sich der meinige mit ihnen nicht hätte messen können; oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode, wie wir das Beispiel bei manchen großen Männern erfuhren, die erst nach ihrem Tode berühmt wurden und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen; gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird.“ –
Jetzt war ich der Wohnung des exkommunizierten Freigeistes bis auf einige Schritte nahegekommen. Aus der offenen Tür legte sich ein matter Schein in die Nacht hinein und floß oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen, auch murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen herüber, wie wenn das Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedächte.
Auf dem Hausflur war der Tote der üblichen Sitte gemäß offen ausgestellt, um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen, weil der Pfaff, teuflischen Andenkens, die Weihe verweigert hatte. Der Verstorbene lächelte in seinem festen Schlafe darüber, oder über seinen eignen törichten Wahn, den das Jenseits widerlegt hatte, und sein Lächeln glänzte wie ein ferner Widerschein vom Leben über die starren vom Tode verfestigten Züge.
Durch eine lange, wenig erleuchtete Halle, schaute man in eine schwarz behängte Nische; dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter vor einem Altare – die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern – in stummes angstvolles Gebet versunken, um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel, dem der Pfaff sie zugesprochen, zu entreißen.
Der Bruder des Abgeschiedenen allein, ein Soldat, hielt im festen sichern Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Mut, der es mit dem Teufel selbst aufzunehmen wagte, Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig und erwartend, und er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Toten und in das Wetterleuchten, das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte; sein Säbel lag gezogen auf der Leiche und glich mit seinem wie ein Kreuz gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich.
Übrigens herrschte Totenstille ringsum, und außer dem fernen Murren des Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts.
So bliebs, bis in einzelnen ernsten Schlägen die Glocke Mitternacht ankündigte – da führte plötzlich der Sturmwind hoch oben in den Lüften die Gewitterwolke wie ein nächtliches Schreckbild herüber, und bald hatte sie ihr Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet. Die Kerzen um den Sarg verlöschten, der Donner brüllte zürnend wie eine aufrührerische Macht herunter und rief die festen Schläfer auf, und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus, wodurch das starre blasse Antlitz des Toten allein grell und periodisch beleuchtet wurde.
Ich sah jetzt, daß der Säbel des Soldaten durch die Nacht blitzte, und dieser sich mutig zum Kampfe rüstete.
Es währte auch nicht lange – die Luft warf Blasen auf, und die drei Macbethgeister waren plötzlich wieder sichtbar, wie wenn der Sturmwind sie beim Scheitel herangewirbelt hätte. Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und Schlangenhaar und den ganzen höllischen Apparat.
Mich faßte in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare, und als sie die Gasse herauffuhren, mischte ich mich rasch unter sie. Sie stutzten, wie wenn sie auf bösen Wegen gingen, über den vierten ungebetenen, der zu ihnen stieß. „Nun zum Teufel! Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen?“ rief ich wildlachend aus: „Drum laßt euch nicht irren, daß ich euch auf bösen antreffe. Ich bin eures Gleichen, Brüder, ich mache mit euch Gemeinschaft!“–
Das brachte sie wahrhaftig in Verlegenheit. Der Eine stieß ein „Gott sei bei uns!“ aus und kreuzte sich, was mich Wunder nahm, weshalb ich ausrief: „Bruder Teufel, fall nicht so hart aus dem Charakter, ich möchte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich für einen Heiligen halten, zum mindesten für einen Geweihten. – Überlege ichs indeß reiflicher, so muß ich dir wohl eher Glück wünschen, daß du endlich auch das Kreuz verdauet hast und, von Haus aus ein eingefleischter Teufel, dich dem Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest!“
An der Sprache mochten sie es endlich weg haben, daß ich nicht einer ihres Gleichen wäre, und sie fuhren alle drei auf mich ein, und sprachen nun gar in einem echt klerischen Tone von Exkommunizieren u. dgl., wenn ich sie in ihrer Hantierung stören würde.
„Sorgt nicht“, erwiderte ich, „ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht geglaubt, doch seit ich euch gesehen, ist es mir klar worden, und ich bin gewiß, daß ihr zunftfähig seid. Macht eure Sachen ab, denn mit der Hölle und der Kirche kanns kein armer Nachtwächter aufnehmen.“
Dahin fuhren sie, ins Haus hinein. Ich folgte bedenklich nach.
Es war ein furchtbares Schauspiel. Blitz und Nacht wechselten Schlag auf Schlag, Jetzt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und das Blitzen des Säbels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes, dazwischen schauete der Tote mit seinem blassen starren Gesichte unbeweglich wie eine Larve. Dann war es wieder tiefe Nacht, und nur fern, im Hintergrunde der Nische ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im verzweifelten Gebet.
Es ging alles still und ohne Worte zu; aber jetzt krachte es auf einmal zusammen, wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte. Die Blitze wurden sparsamer und es blieb längere Zeit Nacht. Nach einem Weilchen indeß fuhren zwei rasch zur Tür heraus, und ich sah es durch die Finsternis bei dem Leuchten ihrer Augen ‒ sie trugen wirklich einen Toten mit sich fort.
Da stand ich, in mich hineinfluchend vor der Tür; auf dem Flur war es ganz finster, keine Seele regte sich, und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmann den Hals gebrochen.
In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz, mit dem sich die Gewitterwolke völlig entlud, und blieb, gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel, eine Zeitlang in der Luft ohne zu verlöschen. Da sah ich den Soldaten wieder ruhig und kalt am Sarge stehen, und die Leiche lächelte wie zuvor – aber, o Wunder! Dicht neben dem lächelnden Totenantlitze grinsete eine Teufelslarve, und der Rumpf fehlte zum Ganzen, und ein purpurroter Blutstrom färbte das weiße Sterbegewand des schlafenden Freigeistes. –
Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel, vergaß es, zu blasen und die Stunde abzusingen und floh meiner Hütte zu.
DRITTE NACHTWACHE
Rede des steinernen Crispinus über das Kapitel De adulteriis
Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage in der Tat wenig; denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens wenn sie träumen einiges Interesse abgewinnen.
Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit nur Unzusammenhängendes, das ich ebenso unzusammenhängend mitteilen will.
De adulteriis: Vom Ehebruch
Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe, war es doch kein gewöhnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt. Die Justiz, der es vorgelegt wurde, wies die Sache von sich, indem sie äußerte, daß die Köpfe eben nicht in ihr Fach schlügen. Es war in der Tat ein böser Handel und man geriet sogar in Streit darüber, ob man gegen den Soldaten criminaliter verfahren, indem er einen Totschlag begangen, oder vielmehr kanonisieren müsse, weil der Erschlagene der Teufel. Aus dem letzteren entsprang wieder ein neues Übel; es wurde nämlich in mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt, weil man den Teufel jetzt geradezu leugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief. Die Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres, daß ein Teufel auch ohne Kopf bestehen könne, wovon sie Beweisgründe aus ihren eigenen Mitteln anzuführen erbötig wären.
Aus dem Kopfe selbst konnte man in der Tat nicht ganz klug werden. Die Physiognomie war von Eisen; doch ein Schloß, das sich an der Seite befand, führte fast auf die Vermutung, daß der Teufel noch ein zweites Gesicht unter dem ersten verborgen hätte, welches er vielleicht nur für besondere Festtage aufsparte. Das Schlimmste war, daß zu dem Schlosse, und also auch zu diesem zweiten Gesichte, der Schlüssel fehlte. Wer weiß was sonst für furchtbare Bemerkungen über Teufelsphysiognomien hätten gemacht werden können, dahingegen das erste nur ein bloßes Alltagsgesicht war, das der Teufel auf jedem Holzschnitte führt.
In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewißheit, ob man ein echtes Teufelshaupt vor sich habe, wurde beschlossen, daß der Kopf dem Doktor Gall in Wien zugesandt würde, damit er die untrüglichen satanischen Protuberanzen an ihm aufsuchen möchte; jetzt mischte sich plötzlich die Kirche ins Spiel und erklärte, daß sie bei solchen Entscheidungen als die erste und letzte Instanz anzusehen sei. Sie ließ sich den Schädel ausliefern, und wie es bald darauf hieß, war er verschwunden, und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm.
Somit blieb die ganze Sache so gut, wie unaufgeklärt, um so mehr, da der einzige, der allenfalls noch einiges Licht hätte geben können, jener Pflaff nämlich, der das Anathema über den Freigeist aussprach, an einem Schlagflusse plötzlich Todes verfahren war. So sagte es wenigstens das Gerücht und die Klosterherren; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen, weil er, der warmen Jahreszeit wegen, schnell beigesetzt werden mußte.
Frz. Jos. Gall († 1828): Scbädellebre; er glaubte, aus den Auswölbungen (Protuberanzen) am Schädel auf die Veranlagung schließen zu können / Anathema: Bannfluch
Die Geschichte ging mir während meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn ich hatte bis jetzt nur an einen poetischen Teufel geglaubt, keineswegs aber an den wirklichen. Was den poetischen anbetrifft, so ist es gewiß sehr schade, daß man ihn jetzt so äußerst vernachlässiget, und statt eines absolut bösen Prinzips lieber die tugendhaften Bösewichter (in Iffland- und Kotzebuescher Manier) vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht und der Mensch verteufelt erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbständige; deshalb mögen wir denn auch weder echten Spaß, noch echten Ernst, weder echte Tugend noch echte Bosheit mehr leiden. Der Zeitcharakter ist zusammengeflickt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das Ärgste dabei ist ‒ der Narr, der darin steckt, möchte ernsthaft scheinen. –
Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug, als ich. Da bewegten sich plötzlich eine weibliche und eine männliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich für den Blind- und Taubstummen von Stein hielten.
Der Mann ließ es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast und sprach in einem Atem von Liebe und Treue; das Frauenbild dagegen zweifelte gläubig und machte viel künstlichen Händeringens. Jetzt berief sich der Mann kecklich auf mich und schwur, er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die Hand gleichsam zur Beteuerung auf meinen Mantel legte, schüttelte ich mich boshaft ein wenig, worüber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt, wodurch es das Gleichgewicht in etwas verloren.
Er verschwur jetzt nacheinander in zehn Charaktern aus den neuesten Dramen und Tragödien seine Seele, wenn er jemals treulos; zuletzt redete er gar noch in der Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schloß mit den bedeutenden Worten: „Dieser Stein soll als furchtbarer Geist erscheinen bei unserm nächtlichen Mahle, meine ichs nicht redlich!“
Iffland(† 1814): Schauspieler / Kotzebue († 1819): Lustspieldichter
Ich merkte mirs und hörte nun noch, wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine geheime Feder an der Tür, wodurch er sie öffnen könne, zugleich auch die Mitternachtsstunde zum Gastmahle festsetzte.
Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Platze, fand das Haus, die Tür nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem Saale, auf dem es dämmerte. Das Licht fiel durch zwei Glastüren; ich nahete mich der einen, und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sei, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur bloß der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenstöße vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Lappländer. Es kam mir vor, als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus über ihr kosten, denn alles Leidenschaftliche und Teilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne ausgelöscht, und die Marionette saß, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll Bücherwürmer. Jetzt wurde der unsichtbare Draht gezogen, da klapperten die Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nacheinander; ich blickte schärfer hin – es waren Todesurteile. Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizierte Seele der Marionette.
Tadeln konnte ichs nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfällt; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstätte, auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurteile vollstreckt hatte. Beim Himmel! hätte ich die Wahl zwischen beiden, lieber wäre ich der lebende Sünder, als dieser tote Gerechte!
Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossiertes Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah, als wäre es an einem leblosen Exemplare nicht genug, und eine Dublette nötig, um die tote Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen.
Jetzt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mütze ab und legte sie ängstlich erwartend bei sich hin. „Noch nicht schlafen gegangen?“ sagte jene, „was führen Sie für ein wildes Leben! die Phantasie ewig angespannt!“ „Phantasie?“ fragte er verwundert, „was meinen Sie damit? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jetzt reden.“ „Weil Sie sich für nichts Höheres interessieren; nicht einmal für das Tragische!“ „Tragisch? Ei allerdings!“ antwortete er selbstgefällig, „sehen Sie hier, ich lasse drei Delinquenten hinrichten!“ „O weh, welche Sentiments!“ „Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Büchern die Sie lesen, so viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu überraschen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesetzt!“ „Mein Gott! Meine Nerven!“ „O weh, Sie bekommen den Zufall jetzt so häufig, daß mir jedesmal bang im Voraus wird!“ „Ach ja, Sie können leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie sich schlafen!“
Justinian, Halsordnung: Rechtsbücher
Das Gespräch war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schweiß von der Stirn trocknete. Ich beschloß in dem Augenblicke, teuflisch genug, ihm noch womöglich diese Nacht seine Frau in die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung auszuliefern, damit er Macht über sie erhielte.
Es währte nun auch gar nicht lange, als mein Mars zu seiner Venus schlich. Mir fehlte zum Vulkan, da ich von Natur hinkte, und nicht zum Besten aussah, eben wenig mehr, als das goldne Netz, indeß beschloß ich, in Ermangelung dessen, einige goldene Wahrheiten und Sittensprüchlein anzuwenden. Anfänglich ging es ganz leidlich zu; mein Bursche sündigte bloß an der Poesie durch eine zu materielle Tendenz seiner Schilderungen; er malte einen Himmel von Nymphen und sich neckender Liebesgötter an den Betthimmel, unter dem er zu ruhen gedachte, den Weg dahin bestreute er mit Vexierrosen, die er zahlreich in zierlichen Redefloskeln von sich warf, und die Dornen die ihm dann und wann die Füße verwunden wollten, umging er durch leichte frivole Wendungen.
Als der Sünder sich nun aber so in ein poetisches Element versetzt, und die Moral völlig, dem Geiste der neuesten Theorien gemäß, abgewiesen hatte, der grünseidene Vorhang vor der Glastür herabrollte und das Ganze ein Gardinenstück zu werden begann, wandte ich rasch mein antipoeticum an und stieß gellend in das Nachtwächterhorn, worauf ich mich auf ein leeres Piedestal, das für die Statue der Gerechtigkeit, die bis jetzt noch in der Arbeit, bestimmt war, schwang, und still und unbeweglich stehen blieb.
Der furchtbare Ton hatte die beiden aus der Poesie und den Ehemann aus dem Schlafe geschreckt, und alle drei eilten plötzlich zu gleicher Zeit aus zwei verschiedenen Türen.
„Der steinerne Gast“, rief der Liebhaber schaudernd, indem er mich erblickte; „Ah, meine Gerechtigkeit!“ der Ehemann, „ist sie endlich fertig geworden; wie unerwartet hast du mich dadurch überrascht, Liebchen!“ „Reiner Irrtum“, sagte ich, „die Gerechtigkeit liegt noch immer drüben beim Bildhauer, und ich habe mich nur provisorisch auf das Piedestal gestellt, damit es bei besonders wichtigen Gelegenheiten nicht ganz leer sei. Es bleibt zwar immer mit mir nur ein Notbehelf, denn die Gerechtigkeit ist kalt wie Marmor und hat kein Herz in der steinernen Brust, ich aber bin ein armer Schelm voll sentimentaler Weichlichkeit und gar dann und wann etwas poetisch gestimmt; indeß, bei gewöhnlichen Fällen für das Haus, mag ich immer gut genug sein, und wenn es Not tut, einen steinernen Gast abgeben. Solche Gäste haben das für sich, daß sie nicht mitessen und auch nicht warm werden, wo es Schaden bringen könnte, dagegen die andern leicht Feuer fangen, und es dem Hausherrn vor der Stirn heiß machen, wie mir das Beispiel nahe liegt.“
„Ei, ei, mein Gott, was ist denn das?“ stammelte der Ehemann.
„Daß die Stummen zu reden anfangen, meinen Sie? das fließt aus der Frivolität des Zeitalters. Man sollte nie den Teufel an die Wand malen! Unsere jungen Herren von Welt setzen sich aber darüber hinaus und mißbrauchen dergleichen bei schwachen Seelen, um sich von der heroischen Seite zu zeigen. Da habe ich nun meinen Mann beim Worte genommen, ob ich gleich eigentlich nicht hierher gehöre, sondern draußen auf dem Markte stehe im grauen Mantel als heiliger Crispinus von Stein.“
„Du Gott, was soll man davon denken!“ fuhr jener beängstet fort, „es ist gar nicht in der Ordnung und ein unerhörter Fall!“
„Für den Rechtsgelehrten gewiß! Dieser Crispinus war nämlich ein Schuster, legte sich aber aus besonderer Frömmigkeit und einem wirklichen Überflusse von Tugend auf die Dieberei und stahl das Leder, um den Armen Schuhe daraus zu machen. Was läßt sich da entscheiden, reden Sie selbst! Ich sehe keinen andern Ausweg, als ihn zuerst zu hängen, und nachher zu kanonisieren. Aus ähnlichen Gründen müßte man z. B. gegen Ehebrecher verfahren, die bloß um den Hausfrieden aufrecht zu erhalten, gegen die Gesetze verstoßen; der ahimus ist hier offenbar ein löblicher, und darauf kommts doch hauptsächlich an. Wie manche Frau würde nicht ihren Mann zu Tode quälen, wenn nicht ein solcher Hausfreund sich einfände und aus reiner Moralität zum Schurken würde. Hier stehe ich eigentlich an meinem Thema, und wir können nun in Gottes Namen die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung aufschlagen. – Doch ich sehe daß die Inquisiten bereits beide in Ohnmacht liegen; da müssen wir im Prozesse eine Pause machen!“ „Inquisiten?“ fragte der Ehemann mechanisch. „Ich sehe keine, die dort ist meine Ehehälfte!“ „Schon gut, wir wollen fürs erste bei ihr stehen bleiben. Ehehälfte! Ganz recht! das heißt: das Kreuz oder die Qual in der Ehe – und wahrhaftig das ist schon eine exemplarische Ehe, wo dieses Kreuz nur die Hälfte ausmacht. Seid Ihr nun, als die zweite Hälfte, der Ehesegen, so ist Eure Ehe wirklich ein Himmel auf Erden.“
animus: Geist, Antrieb / Inquisit: Angeschuldigter
„Der Ehesegen!“ sagte jener mit einem tiefen Seufzer.
„Keine sentimentale Randglosse, lieber Freund, werfen wir hier vielmehr einen Blick auf den zweiten Inquisiten, der ebenfalls aus Schrecken über den steinernen Gast in Ohnmacht liegt. Wenn wir Personen von Rechts wegen Milderungsgründe aus moralischen Prinzipien herleiten dürften, so möchte ich schon sein Defensor sein, und wollte wenigstens die Strafe des Köpfens, die die Carolina über ihn verhängt, von ihm abwenden; zumal da bei solchen Schächern das Köpfen doch nur in effigie angewandt werden kann, weil bei ihnen, ernstlich genommen, von einem Kopfe nie die Rede ist!“
„Die Karolina sollte auf einmal so grausam geworden sein?“ sagte jener ganz konfus. „Vorhin schauderte sie doch noch, als ich vom Hinrichten sprach!“
„Ich verdenke es Euch nicht“, antwortete ich, „daß ihr beide Karolinen miteinander verwechselt; denn Eure lebende Karolina ist, als Ehekreuz und Folter, leicht mit der hochnotpeinlichen zu vertauschen, die ebenfalls keinen Himmel voll Geigen abhandelt. Ja fast möchte ich behaupten, eine solche eheliche sei noch viel ärger als die kaiserliche, indem in dieser wenigstens, in keinem einzigen Falle von lebenslänglicher Folter die Rede ist.“
„Aber mein Gott, das kann doch nicht so fort gehen!“ sagte er auf einmal wie zu sich kommend. „Man weiß nicht so recht mehr, ob man wacht oder träumt; ja ich hätte Lust, mich zu betasten und zu zwicken, bloß um zu sehen, ob ich wachte oder schliefe, wenn ich nicht darauf schwören wollte, vorher wirklich den Nachtwächter gehört zu haben!“
„Ei mein Gott!“ rief ich aus. „Jetzt erwache ich; Ihr habt mich beim Namen gerufen, und es ist noch mein Glück, daß ich mich gerade nicht zu hoch befinde, etwa auf einem Dache oder in einer dichterischen Begeisterung, um mir jetzt beim Herabfallen den Hals zu brechen. So aber stehe ich glücklicherweise nicht höher als hier die Gerechtigkeit stehen soll, und da bleibe ich noch menschlich und unter den Menschen. Ihr starrt mich an und könnt Euch nicht darein finden; doch will ichs Euch sogleich lösen. Ich bin Nachtwächter hier und zugleich Nachtwandler, wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in einer Person vorstellen lassen. Wenn ich nun als Nachtwächter mein Amt verrichte, so kommt mir oft die Lust an, als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen wie auf Dachspitzen oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben; und so bin ich denn auch wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Themis gekommen. Es ist eine verzweifelte Laune, die mich noch um den Hals bringen kann; indeß fügte es sich doch oft, daß ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise vor Diebstählen gesichert habe, eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege, und das gerade die unschädlichsten Diebe sind, die ihr Handwerk nur draußen herum an den Läden mit Brechstangen exerzieren. Dieser Punkt, glaube ich, entschuldigt mich; und somit gehe es Euch wohl!“
Defensor: Verteidiger / Carolina: peinliche Gerichtsordnung Karls V., 1532 / in effigie: bildlich
Ich entfernte mich und ließ den Ehemann und die andern beiden, die nun auch wieder zu sich gekommen waren, erstaunt zurück. Wie sie nachher sich noch miteinander unterhalten haben, weiß ich nicht.
VIERTE NACHTWACHE
Holzschnitte / Nebst dem Leben eines Wahnsinnigen als Marionettenspiel
Zu den Lieblingsörtern, an denen ich mich während meiner Nachtwachen aufzuhalten pflege, gehört der Vorsprung in dem alten gothischen Dome. Hier sitze ich bei dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort lädt zu Betrachtungen ein; heute führte es mich auf meine eigene Geschichte, und ich blätterte, gleichsam aus Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.
Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht gewöhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, gibt ihm eine Wünschelrute und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen Schatz heben soll. Ich habe heute bloß die Laune mich bei den Holzschnitten in dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum
Themis: Gerechtigkeit
pagina: Seite / Kabbala: mittelalterlich-jüdische Geheimlehre
z weiten Holzschnitte
über. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist diesmal dem Künstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat kräftige Züge und zeigt an, daß der Mann nicht bloß bei den Füßen stehen geblieben, sondern ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher geworden wäre, einen schlechten Schuhmacher abgeben muß, und auch im Gegenteile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. – Das Lokale ist ein Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das Zickzack am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar: ein anderer ehrlicher Mann von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber läßt sich nicht stören. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben und ist auch schon darüber aus gewesen, sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen. Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein Schatz zu nennen ‒ denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein und zwar ohne alle fahrende Habe und schon ein ganz fertiger Weltbürger.
Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat, davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Künstler die Grenzen seiner Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen.
Dritter Holzschnitt
Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöten. ‒ Auf einem Buche sitze ich, aus einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschäftigt sich mit einem Schuhe, scheint aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das Buch, worauf ich sitze, enthält Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das, woraus ich lese, ist Jakob Böhmens Morgenröthe, sie sind der Kern aus unserer Hausbibliothek, weil beide Verfasser zunftfähige Schuhmacher und Poeten waren.
ultra crepidam: „über die Sohle hinaus“
J. Böhme († 1624): schlesischer Mystiker. Seine „Morgenröthe im
Aufgang oder Aurora“ wurde 1634 im Auszug gedruckt
Weiter mag ich nicht im Erklären gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner eigenen Originalität zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehörige
dritte Kapitel
für mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging, meinen Lebenslauf selbst fortgeführt hat, verfaßt und hebt so an:
„Wunderlich ist mir gar oft zu Mute, wenn ich den Kreuzgang betrachte.“ – Es war nämlich dem Gebrauche gemäß, der Ort, wo ich gefunden, bei meiner Taufe zu mir Gevatter geworden. – „Über einen gewöhnlichen Leisten kann ich ihn nicht schlagen, denn es ist etwas Überschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten Böhme, der auch schon früh über dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimnis verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewöhnliche Dinge höchst ungewöhlich vor; wie z. B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtäglich zuträgt und wobei wir andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft untereinander sich besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben läßt. Hat er mich doch neulich über einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs über seine Bestandteile befragte und als ich ihm darauf Rede und Antwort gegeben hatte, plötzlich über jede einzelne Substanz Aufklärung verlangte, immer höher und höher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das Leder auf den Ochsen zurückführte, dann gar noch weiter, bis ich mich zuletzt mit meinem Schuh hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte, daß ich in meinem Fache ein Stümper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum letzten Grunde Auskunft geben könnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift, die wir nur nicht zu lesen verständen, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er hofft diese Sprache noch einst zu lernen und verspricht dann gar wundersame Dinge daraus mitzuteilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mücken oder Fliegen, wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt, sie unterredeten sich über wichtige Gegenstände, von denen bis jetzt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwatzt er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen über ihn, so erklärte er sie sehr ernsthaft für Blinde und Taube, die weder sähen noch hörten, was um sie her vorginge. Jetzt sitzt er Tag und Nacht beim Jakob Böhme und Hans Sachs, welches zween gar absonderliche Schuhmacher waren, aus denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte. –
Soviel ist mir sonnenklar; ein gewöhnliches Menschenkind ist dieser Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewöhnliche Weise zu ihm gekommen.
Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmutig über meinen wenigen Verdienst hier auf dem Dreifuße eingeschlummert war; – daß es gerade ein Dreifuß sein mußte, soll, wie man mir sagt, nicht ohne Einfluß gewesen sein – es träumte mir wie ich einen Schatz fände in einer verschlossenen Truhe doch gebot man mir, diese Truhe nicht eher zu öffnen, bis ich erwacht sein würde. Das war alles so deutlich und selbstverständig, indem Traum und Wachen sich ganz klar von einander unterschieden, daß es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte und ich zuletzt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich anzustellen.
Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe, die ich im Traume gesehen, besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und öffnete sie dann; aber statt des Goldes, was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben!
Anfangs war ich wohl etwas betreten darüber, weil solch ein lebendiger Schatz zum mindesten von einem toten begleitet sein muß, wenn ein Übriges dabei herauskommen soll, und der Bube war mutternackt und lachte noch dazu darüber, als ich ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich indeß die Sache tiefer und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schatz sorgsam nach Hause trug.“ –
Soweit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plötzlich durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurde. Eine große männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, schritt durch das Gewölbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich schlich mich leise hinter eine Säule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief über die Stirne herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem südlichen blaßgrauen Kolorit.
Ich trete immer vor ein fremdes ungewöhnliches Menschenleben mit denselben Gefühlen hin, wie vor den Vorhang, hinter dem ein Shakespearsches Schauspiel aufgeführt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes – so wie dieses – ein Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem echten Ernst nur tragischen Spaß leiden mag und solche Narren wie im König Lear; eben weil diese allein wahrhaft keck sind und die Possenreißerei en gros treiben und ohne Rücksichten, über das ganze Menschenleben. Die kleinen Witzbolde und gutmütigen Komödienverfasser dagegen, die sich nur bloß in den Familien umher treiben und nicht, wie Aristophanes, selbst über die Götter sich lustig zu machen wagen, sind mir herzlich zuwider, ebenso wie jene schwachen gerührten Seelen, die statt ein ganzes Menschenleben zu zertrümmern, um den Menschen selbst darüber zu erheben, sich nur mit der kleinen Quälerei beschäftigen und neben ihrem Gefolterten den Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt, damit der arme Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zuletzt noch davongehen kann; als ob das Leben das Höchste wäre, und nicht vielmehr der Mensch, der noch weiter geht als das Leben, das grade nur den ersten Akt und den Inferno in der Divina Comedia, durch die er, um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht. –
Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schön gearbeiteten Scheide gezogen, in der Hand, schien mir echt tragischer Natur zu sein, und fesselte mich in seine Nähe.
Feuerlärm hatte ich eben nicht Lust zu machen, im Falle er etwas Ernsthaftes unternehmen würde, ebensowenig wollte ich als Vertrauter in der Kulisse stehen, um im fünften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein, meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die schön gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hülle den Dolch verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt hat, muß man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.
Ich hatte einen König Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er aufs. Haar glich; auch in allen seinen Manieren – grade solche hölzerne mechanische Bewegungen und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich Marionettentruppen von lebenden Schauspielern auszeichnen, die heutzutage auf unsern Theatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.
Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da blieb dem Manne plötzlich der schon zum Todesstoße aufgehobene Arm erstarrt, und er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch einer Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die Zeit aufgehört zu haben und nicht mehr fortrücken zu wollen und der eine Moment zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Veränderung aufgehoben.
Inferno: die „Hölle“ in Dantes „Göttlicher Komödie“
Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und gerade auf der Mitternachtszahl. Ich schien mir gelähmt und rings war alles unbeweglich und tot. Der Mann auf dem Grabe, der Dom mit seinen starren hohen Säulen und Monumenten und den umher knienden steinernen Rittern und Heiligen, die unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in ihr, wodurch sie entfesselt würden, zu harren schienen.
Jetzt wars vorüber, das Räderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger rückte fort, und der erste Schlag der Mitternaehtsstunde hallte langsam durch das öde Gewölbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine hin und zerbrach.
„Verwünscht sei die Starrsucht“, sagte er kalt, wie wenn ers schon gewohnt wäre, „sie läßt mich hie den Stoß vollführen!“ Damit stand er, wie wenn nichts weiter vorgefallen wäre, auf und wollte sich wieder entfernen.
„Du gefällst mir“, rief ich, „es ist doch Haltung in deinem Leben und echte tragische Ruhe! Ich liebe die große klassische Würde im Menschen, die viel Worte haßt, wo viel getan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem du eben bereit warst, ist doch nichts kleines und gehört zu den Forçestücken, die man bis zuletzt aufspart.“
„Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen“, sagte er finster, „so ists gut; sonst bemühe dich nicht weiter in Lobsprüchen und Bemerkungen. Über die Kunst zu leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat über die Kunst zu sterben vergeblich; und ich kann nicht sterben!“
„O besäßen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten Schriftstellern!“ rief ich aus, „ihre Werke könnten dann immerhin Ephemeren bleiben, wären sie selbst doch unsterblich, und könnten ihre ephemerische Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jüngsten Tage beliebt bleiben. Leider kommt für sie die Stunde nur zu früh, in der sie und ihre Eintagsfliegen mit ihnen sterben müssen. O – Freund, könnte ich dich doch in diesem Augenblicke zu einem Kotzebue erheben, dieser Kotzebue ginge dann nie unter, und selbst am Ende aller Dinge lägen noch seine letzten Werke in dem Hogarthschen Schwanzstücke, und die Zeit könnte ihre letzte Pfeife, die sie da raucht, mit einer Szene aus seinem letzten Drama anbrennen und so, begeistert, in die Ewigkeit übergehen!“
Ephemeren: Eintagsfliegen, Tagebücher—Anspielung auf literarische Erscheinungen der Zeit
Der Mann wollte jetzt still abtreten und ohne, wie ein schlechter Akteur, noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der Hand und sagte: „Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nötig, da du immer Zeit hast, so lange nur überhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn aus deinen Worten zu schließen halte ich dich für den ewigen Juden, der, weil er das Unsterbliche lästerte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden ist, wo alles um ihn her vergeht. Du bist finster, du einziger Mensch, dessen Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes, nie im Morden innehaltendes Schwert auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll und der nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Räderwerk selbst zertrümmert. Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spaßhaft und der Mühe wert, dieser großen Tragikomödie, der Weltgeschichte, bis zum letzten Akte als Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zuletzt das ganz eigne Vergnügen machen, wenn du am Ende aller Dinge über der allgemeinen Sündflut auf dem letzten hervorragenden Berggipfel als einzig Übriggebliebener stehst, das ganze Stück auf deine eigene Hand auszupfeifen und dich dann wild und zornig, ein zweiter Prometheus, in den Abgrund zu stürzen.“
„Pfeifen will ich“, sagte der Mann trotzig, „hätte mich nur der Dichter nicht selbst mit ins Stück verflochten als handelnde Person; das verzeih ich ihm nimmer!“
„Um so besser!“ rief ich, „da gibt es wohl gar noch zuguterletzt eine Revolte im Stücke selbst, und der erste Held empört sich gegen seinen Verfasser. Ist das doch auch in der, der großen Weltkomödie nachgeäfften kleinen nicht selten, und der Held wächst am Ende dem Dichter über den Kopf, daß er ihn nicht mehr bezwingen kann. – O ich hätte wohl Lust, deine Geschichte anzuhören, du ewig Reisender, um darüber mich auszuschütten vor Lachen; wie ich denn oft bei einer echten ernsten Tragödie brav zu lachen pflege, und im Gegenteile beim guten Possenspiele dann und wann weinen muß, indem das wahrhaft Kühne und Große immer zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefaßt werden kann!“
William Hogarth († 1764): bissiger engl. Sittenzeichner
„Ich verstehe dich, Spaßvogel“, sagte der Mann. „Bin auch gerade jetzt wild genug um zu lachen und dir meine Geschichte zu erzählen. Doch, beim Himmel, laß dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich im Augenblicke stumm!“
„Sorge nicht, Kamerad, ich lache mit“, antwortete ich, und jener setzte sich unter eine steinerne, am Grabe betende Ritterfamilie und hub an:
„Es ist, du wirst mirs zugeben, verdammt langweilig, seine eigene Geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemütlich, aufzurollen; ich bringe sie deshalb lieber in Handlung, und führe sie als ein Marionettenspiel mit dem Hanswurst auf.
Zuerst gibt es eine Mozartsche Symphonie, von schlechten Dorfmusikanten exekutiert, das paßt so recht zu einem verpfuschten Leben und erhebt das Gemüt durch die großen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekratze des Teufels werden möchte. Dann kommt der Hanswurst und entschuldigt den Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht und die wichtigsten Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber auch wieder das Gute her, daß das Stück rührend ausfallen müsse, eben wie es bei großen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewöhnliche Dichter bearbeitet würden. Über das Leben und den Zeitcharakter machte er die höchst albernen Bemerkungen, daß beide jetzt mehr rührend als komisch seien und daß man jetzt weniger über die Menschen lachen als weinen könne, weshalb er denn auch selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden und immer nur im edlen Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekäme.
Darauf treten die hölzernen Puppen selbst auf; zwei Brüder ohne Herzen umarmen sich, und der Hanswurst lacht über das Zusammenklappern der Arme und über den Kuß, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen können. Der eine hölzerne Bruder bleibt im Marionettencharakter und drückt sich unendlich steif aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen will und die deshalb Muster im prosaischen Stile abgeben. Die andere Puppe aber möchte gern einen lebendigen Akteur affektieren und spricht hin und wieder in schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsilben, und der Hanswurst nickt dabei mit dem Kopfe und hält eine Rede über die Wärme des Gefühls in einer Marionette und über den eleganten Vortrag bei tragischen Gedichten. Darauf geben sich die Brüder die hölzernen Hände und gehen ab. Der Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart wieder durch die Dorfmusikanten.
Jetzt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem Pagen, der den Sonnenschein über sie ausspannt; die Kolombine ist die Primadonna der Gesellschaft und ohne Schmeichelei das Meisterstück des Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture und alles an ihr ins Ideale hinübergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach; er erblickt sie, schlägt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plötzlich in Versen, reimt alle Endsilben, oder bringt die Assonanz in A und O an, daß die Kolombine darüber erschrickt, und mit dem Pagen davonläuft. Jener will ihr nachstürzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht, sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte satirische Rede hält, worin er ihm dartut, daß es seinem Schöpfer – dem Marionettendirektor nämlich – nicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und daß dadurch eben das Stück recht toll und komisch werden würde, indem ein melancholischer Narr die possierlichste Person in einem Possenspiele abgäbe. Die andere Puppe stößt Flüche aus, lästert sogar in Verzweiflung auf den Direktor, wobei den Zuschauern vor Lachen die Tränen aus den Augen stürzen. Zuletzt faßt sie aber doch noch Hoffnung, die Dame wiederzufinden, und beschließt wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen. Der Hanswurst begleitet sie.
Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder, und tut sehr schön mit der andern Brudermarionette, sie singen auch ein zärtliches Duett miteinander und wechseln sodann die Ringe, worauf ein alter geschäftiger Pantalon mit Musikanten ankommt, die viel lustige Musik abspielen, wobei man nur allein die Töne nicht hört, was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht. Zuletzt wird bei der stummen Musik getanzt, und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen über sein musikalisches Gehör, verteidigt auch das Märchen, daß die Töne am Nordpole gefrören und nur im warmen Süden wieder auftaueten und hörbar würden. Das alles ist so sonderbar, daß man schlechterdings nicht weiß, ob mans ernsthaft oder lustig nehmen soll; einige gescheute Leute unter den Zuschauern haltens gar für toll.
Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind, kommt der Hanswurst mit dem andern Bruder wieder. Dieser spricht, wie er weite Reisen von einem Pole zum andern gemacht und doch die Kolombine nicht gefunden, weshalb er verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte. Der Hanswurst öffnet eine Klappe an der Brust der Marionette und findet wirklich jetzt zu seinem Erstaunen ein Herz darin, worüber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen bekommt, z. B. daß alles in dem Leben, sowohl der Schmerz wie die Freude, nur Erscheinung sei, wobei nur bloß das ein böser Punkt, daß die Erscheinung selbst nie zur Erscheinung käme, weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten, daß man sie zum Besten hätte und bloß zum Zeitvertreib mit ihnen spielte, sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dünkten. Er will ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen, konfundiert sich aber beständig dabei, und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am Ende da, wo er anfing. Nun lachte er in der Stille hämisch ins Fäustchen und geht ab.
Assonanz: start des Reims nur Gleichklang des Hellants – beliebtes Kunstmittel der romantischen Dicher Pantalon (Hosenmann): lustige Person der ital. Volksbuhne
Im vierten Akte treffen die beiden Brüder zusammen, und indem der mit dem Herzen redet, werden plötzlich die stummen Töne aus dem vorigen Akte hörbar, und begleiten die Worte, worüber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird. Arlequin kommt nun auch dazu und spottet über die Liebe, weil sie keine heroische Empfindung sei, und nicht für das allgemeine Beste benutzt werden könne. Er fordert auch den Direktor auf, sie für die Folge ganz abzuschaffen und reine moralische Gefühle bei seiner Truppe einzuführen. Zuletzt dringt er auf eine Revision des Menschengeschlechts und auf einige höchstnötige Weltreparaturen; besteht auch sehr trotzig darauf zu wissen, weshalb er den Narren eines ihm unbekannten Publikums abgeben müsse.
Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgeführt. Die schöne Kolombine erscheint nämlich, und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als seine Gattin vorstellt, fällt dieser ohne ein Wort zu sagen, höchst ungeschickt, mit dem hölzernen Kopfe auf einen Stein. Jene beiden laufen fort, um Hülfe zu senden; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige Stirn abwischt, bittet er ihn ganz gelassen, daß, weil es keine Dinge an sich gäbe, er sich den Stein sowie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe schlagen möge. Auch lobt er den Direktor, daß er das griechische Fatum abgeschafft und dafür eine moralische Theaterordnung eingeführt habe, nach der alles zuletzt sich gut auflösen müsse.
Der letzte Akt ist nun gar zum Totlachen. Erst werden alberne Walzer gespielt, um die Gemüter zu besänftigen; dann erscheint die Marionette mit dem Herzen und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen, daß der Direktor die Puppen vertauscht, und sie, in einem Irrtume, seinem Bruder zur Gemahlin gegeben, da sie doch, dem komischen Ausgange des Stükkes gemäß, ihm selbst gehöre. Die Kolombine scheint ihm zu glauben, will aber doch aus Moralität und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben, worauf er in Verzweiflung gerät und kurze Anstalt sie zu entführen macht. Sie stößt ihn verächtlich zurück, da gebärdet er sich wie ein Rasender, rennt die hölzerne Stirn gegen die Wand, und wendet die Assonanz in U an. Zuletzt stürzt er fort und schleudert nur noch den schönen Pagen aus dem zweiten Akte, der eben schlaftrunken im Nachtkleide vorübergehen will, in das Zimmer, das er hinter sich zuschließt.
konfundieren: verwirren
Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette, die einen gezogenen Degen in der Hand hält und nach einer kurzen steifen Tirade erst den Pagen, dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstößt. Der Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hölzernen Puppen, die ringsumher auf der Erde liegen; dann greift er, ohne ein Wort weiter zu sagen, ebenfalls nach dem Degen, um auch sich selbst zuguterletzt hinterherzusenden; doch in diesem Augenblicke reißt der Draht, den der Direktor zu starr anzieht, und der Arm kann den Stoß nicht vollführen und hängt unbeweglich nieder; zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft: „Du sollst ewig leben!“
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