Kitabı oku: «Der Weltkrieg, Deutsche Träume»

Yazı tipi:

August Niemann

Der Weltkrieg, Deutsche Träume


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066113711

Inhaltsverzeichnis

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

XXXII.

XXXIII.

XXXIV.

XXXV.

I.

Inhaltsverzeichnis

Eine glänzende Versammlung hoher Würdenträger und Militärs war es, die sich im kaiserlichen Winterpalast zu St. Petersburg zusammenfand. Von den einflußreichen Persönlichkeiten, die durch ihre amtliche Stellung oder durch ihre persönlichen Beziehungen zum Herrscherhause berufen waren, beratend und bestimmend auf die Geschicke des Zarenreiches einzuwirken, fehlte kaum eine einzige. Aber es konnte kein festlicher Anlaß sein, der sie hier zusammen führte; denn in allen Mienen war der Ausdruck tiefen Ernstes, der sich hier und da bis zu banger Sorge steigerte. Und die in leisem Flüsterton geführten Gespräche bewegten sich um sehr bedeutsame Dinge.

Die breiten Flügeltüren gegenüber dem lebensgroßen Bilde des regierenden Zaren wurden weit geöffnet, und unter lautloser Stille der Versammelten betrat der greise Präsident des Reichsrats, der Großoheim des Zaren, Großfürst Michael, den Saal. Zwei andere Mitglieder des Kaiserhauses, die Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch und Alexis Alexandrowitsch, die Brüder des verstorbenen Herrschers, befanden sich in seiner Begleitung.

Huldvoll erwiderten die Prinzen die tiefen Verbeugungen der Anwesenden. Auf einen Wink des Großfürsten Michael gruppierte man sich um den langen, mit grünem Tuch überzogenen Konferenztisch inmitten des säulengetragenen Saales. Noch herrschte tiefe, ehrfurchtsvolle Stille; aber auf ein Zeichen des Präsidenten erhob sich nunmehr der Staatssekretär Witte, Vorsitzender des Minister-Komitees, um, gegen die Großfürsten gewendet, zu beginnen:

„Kaiserliche Hoheiten und verehrte Herren! Eure Kaiserliche Hoheit haben zu einer dringenden Beratung befohlen und mich mit dem Auftrage betraut, deren Ursachen und Zweck darzulegen. Wir alle wissen, daß Seine Majestät, der Kaiser, unser erhabener Herr und Gebieter, die Erhaltung des Weltfriedens als das höchste Ziel seiner Politik bezeichnet hat. Die christliche Idee, daß die Menschheit eine Herde unter einem Hirten sein soll, hat in unserm erlauchten Herrscher ihren ersten und vornehmsten Vertreter auf Erden gefunden. Die Liga für den Weltfrieden ist das eigenste Werk Seiner Majestät, und wenn wir berufen worden sind, um unsere untertänigsten Vorschläge zur Beseitigung der dem Vaterlande in diesem Augenblick drohenden Gefahr dem Allerhöchsten Herrn zu unterbreiten, so dürfen unsere Beratungen immer nur von jenem Geiste erfüllt sein, der dem christlichen Gebot der Menschenliebe entspricht.“

Unterbrechend erhob Großfürst Michael die Hand.

„Alexander Nikolajewitsch,“ wandte er sich an den Protokollführer, „vergiß nicht, diesen Satz wörtlich niederzuschreiben.“

Der Staatssekretär machte eine kurze Pause, um dann mit etwas erhobener Stimme und nachdrücklicherem Ton fortzufahren:

„Es bedarf keiner besonderen Beteuerung, daß bei solcher hochsinnigen Denkungsart unseres höchsten Herrn ein Bruch des Weltfriedens niemals von uns ausgehen konnte. Ein heiliges Besitztum aber, das wir von niemandem antasten lassen dürfen, ist die nationale Ehre, und der Angriff, den Japan im fernen Osten auf uns unternommen hat, zwang uns zu ihrer Verteidigung das Schwert in die Hand. In der ganzen Welt kann es keinen gerecht und billig denkenden Menschen geben, der um dieses uns aufgezwungenen Krieges willen einen Vorwurf gegen uns erheben dürfte. Aber es ist in der gegenwärtigen Gefahr für uns ein Gebot der Selbsterhaltung, zu erwägen, ob Japan in Wahrheit der einzige und der eigentliche Feind ist, gegen den wir uns zu verteidigen haben. Und es liegen triftige Gründe vor, die uns dahin führen müssen, diese Frage zu verneinen. Die Regierung Seiner Majestät ist überzeugt, daß wir den japanischen Angriff lediglich der lange währenden und in ihrer heimlichen Wühlarbeit nimmer ruhenden Feindschaft Englands zu danken haben. Unablässig ist England von jeher darauf bedacht gewesen, uns zur Erlangung eigenen Vorteils zu schaden. Bei allen unseren Bestrebungen, das Wohl des Reiches zu fördern und die Völker glücklich zu machen, sind wir von jeher auf den Widerstand Englands gestoßen. Vom chinesischen Meere aus durch ganz Asien hindurch bis zur baltischen See legt England uns Schwierigkeiten in den Weg, um uns der Früchte unserer Kulturarbeit zu berauben. Niemand von uns ist darüber im Zweifel, daß Japan in Wahrheit die Sache Englands führt. Aber auch überall, wo sonst auf dem Erdball unsere Interessen in Frage stehen, stoßen wir auf die offenen oder versteckten Feindseligkeiten Englands. Die von ihm erregten und mit den verwerflichsten Mitteln begünstigten Wirren in den Balkanländern und in der Türkei haben einzig den Zweck, uns mit Oesterreich und Deutschland zu verfeinden. Und nirgends treten die eigentlichen Ziele Britanniens deutlicher zu Tage, als in Mittelasien. Mit unsäglichen Mühen und den größten Opfern an Gut und Blut haben weise Regenten die öden, von halbwilden Völkern bewohnten Landstrecken zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und östlich von diesem bis zur chinesischen Grenze und an den Himalaja der russischen Kultur zugänglich gemacht. Nie aber haben wir einen Schritt nach Osten oder Süden tun können, ohne englischem Widerspruch oder englischen Intriguen zu begegnen. Jetzt stehen wir nahe der Grenze des britischen Ostindien und unmittelbar an der Grenze Persiens und Afghanistans. Wir haben freundschaftliche Beziehungen zu den Herrschern dieser beiden Reiche geschaffen, pflegen einen eifrigen Handelsverkehr mit ihren Völkern, unterstützen ihre industriellen Unternehmungen und sind vor keinen Opfern zurückgeschreckt, um diese Länder den Segnungen der Kultur zugänglich zu machen. Aber auf Schritt und Tritt sucht England unsere Tätigkeit zu hemmen. Britisches Gold und britische Hetzereien waren es, die in Afghanistan zeitweilig eine kriegerische Stellung gegen uns hervorzurufen vermochten. Einmal endlich müssen wir uns die Frage vorlegen, wie lange wir solchem Beginnen untätig zusehen dürfen. Rußland muß sich den Weg zum Meere frei machen. Viele Millionen rüstiger Arme bebauen die heilige Erde unseres Vaterlandes. Wir verfügen über unermeßliche Schätze an Getreide, Holz und an allen Produkten der Landwirtschaft. Aber wir können nur mit einem geringfügigen Bruchteil dieses uns vom Himmel beschiedenen Segens auf den Weltmarkt gelangen, weil wir von allen Seiten eingeschlossen und eingeengt sind, solange uns der Weg zum Meere versperrt bleibt. Unsere mittelasiatischen Provinzen ersticken aus Mangel an Seeluft. Das weiß England sehr gut, und darum ist all sein Verlangen darauf gerichtet, uns das Meer zu verschließen. Mit einer durch nichts berechtigten Anmaßung erklärt es den persischen Golf für seine Domäne und möchte das ganze indische Meer, gleich Indien selbst, für sein Eigentum gehalten wissen. Diesem Uebermut sollte endlich ein gebieterisches ‚Halt‘ zugerufen werden, wenn unser geliebtes Vaterland nicht in die Gefahr geraten soll, unübersehbaren Schaden zu erleiden. Nicht wir sind es, die den Kampf suchen, sondern man zwingt ihn uns auf. Ueber die Mittel aber, mit denen er zu führen wäre, wenn England sich aus freien Stücken zu einer Erfüllung unserer berechtigten Forderungen nicht versteht, würde uns am besten Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister Auskunft zu geben vermögen.“

Er verbeugte sich abermals gegen die Großfürsten und ließ sich in seinen Sessel nieder; die hohe stattliche Gestalt des Kriegsministers Kuropatkin war es, die sich jetzt auf einen Wink des Präsidenten erhob und Antwort gab.

„Zwanzig Jahre habe ich in Mittelasien gedient, und ich beurteile unsere Lage an der Südgrenze aus eigener Anschauung. Für einen Krieg gegen England ist Afghanistan zunächst der entscheidende Schauplatz. Drei wichtige Pässe führen aus Afghanistan nach Indien hinein: der Kaiberpaß, der Bolanpaß und das Kuramtal. Als die Engländer im November des Jahres 1878 in Afghanistan einmarschierten, gingen sie in drei Kolonnen von Peschawar, von Kohat und von Quetta aus auf Kabul, Gasna und Kandahar. Diese drei Wege sind auch uns vorgezeichnet. Die öffentliche Meinung hält sie für die allein möglichen. Es würde zu weit führen, wenn ich meine strategische Ansicht über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Annahme hier entwickeln wollte. Genug: wir werden den Weg nach Indien finden. Habib Ullah Khan würde sein sechzigtausend Mann starkes Afghanenheer zu uns stoßen lassen, sobald wir in sein Land einrückten. Allerdings ist er ein Bundesgenosse von zweifelhafter Zuverlässigkeit; denn er würde wahrscheinlich ebenso bereitwillig mit den Engländern gehen, wenn diese zuerst mit einer Macht, die ihm hinlänglich imponierte, in seinem Lande erschienen. Aber es hindert uns nichts, die ersten zu sein. Unsere Eisenbahn führt bis Merw, 120 Kilometer von Herat, und von dieser Zentralstelle bis zur Grenze Afghanistans. Mit unserer transkaspischen Bahn können wir die kaukasischen Armeekorps und die Truppen des Generalgouvernements Turkestan an die afghanische Grenze bringen. Ich mache mich anheischig, innerhalb vier Wochen nach der Kriegserklärung eine ausreichende Feldarmee in Afghanistan um Herat herum konzentriert zu haben. Unserer ersten Armee aber kann ein unablässiger Strom von Regimentern und Batterien folgen. Die Reserven des russischen Heeres sind unerschöpflich, und wir stellen, wenn es sein muß, vier Millionen Soldaten und mehr als eine halbe Million Pferde ins Feld. Ich möchte aber bezweifeln, daß England uns in Afghanistan entgegentreten wird. Die englischen Generäle würden jedenfalls nicht sehr klug daran tun, Indien zu verlassen. Würden sie in Afghanistan geschlagen, so kämen sicherlich nur schwache Trümmer ihres Heeres nach Indien zurück. Die Afghanen würden eine fliehende englische Armee erbarmungslos vernichten, wie sie es schon einmal getan haben. Wir aber, wenn sich, was Gott verhüten möge, das Kriegsglück anfänglich gegen uns wendete, hätten immer noch einen Rückweg nach Turkestan offen, auf dem man uns schwerlich folgen würde, und wir könnten den Angriff jederzeit erneuern. Wird die englische Armee geschlagen, so ist Indien für Großbritannien verloren. Denn die Engländer stehen in Indien wie in Feindesland; sie finden als Unterliegende keinen Rückhalt im indischen Volke. Von den eingeborenen Fürsten, deren Selbständigkeit sie brutal vernichtet haben, würden sie in dem Augenblick, da ihre Macht zusammenbricht, auf allen Seiten angegriffen werden. Uns aber würde man als Befreier von einem unerträglichen Joch mit offenen Armen empfangen. Die anglo-indische Armee sieht auf dem Papier viel gefährlicher aus, als in der Wirklichkeit, sie zählt angeblich 200000 Mann; aber nur ein Drittel davon sind englische Soldaten, während sich der Rest aus Eingeborenen zusammensetzt. Und diese Armee besteht überdies aus vier Korps, die über das ganze große Gebiet Indiens verteilt sind. Eine Feldarmee, die an der Grenze oder jenseits der Grenze verwendet werden sollte, müßte erst aus diesen vier Korps herausgezogen und neu organisiert werden. Sie könnte höchstens 60000 Mann stark sein, weil das Land um der Unzuverlässigkeit der Bevölkerung willen nicht von Garnisonen entblößt werden darf. Ich möchte nach all diesem meiner Ueberzeugung dahin Ausdruck geben, daß der Krieg in Indien selbst geführt werden muß und daß Gott uns den Sieg verleihen wird.“

Die in energischem und zuversichtlichem Ton vorgebrachten Ausführungen des Generals hatten ersichtlich einen tiefen Eindruck auf die Hörer gemacht. Aber die Rücksicht auf die Anwesenheit der Großfürsten verhinderte jede laute Kundgebung. Der greise Präsident reichte dem Kriegsminister die Hand. Dann erteilte er dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten das Wort.

„Es unterliegt für mich keinem Zweifel,“ sagte der Diplomat, „daß die soeben von Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister entwickelten strategischen Ansichten einer eingehenden Sachkenntnis und richtigen Würdigung der Verhältnisse entsprungen sind, und ich bin gewiß, daß die sieggewohnten Truppen Seiner Majestät des Zaren im Falle eines Krieges bald in der Ebene des Indus stehen werden. Auch ist es durchaus meine Ueberzeugung, daß Rußland am besten tun würde, die Offensive zu ergreifen, sobald sich einmal die Unhaltbarkeit des gegenwärtigen Verhältnisses zu England erwiesen hat. Aber wer mit Großbritannien Krieg führt, darf nicht mit einem Kriegsschauplatz rechnen. Wir müßten im Gegenteil auf Angriffe der verschiedensten Art gefaßt sein, zunächst wohl auf einen Angriff auf unsere Finanzen, unsern Kredit, worüber Exzellenz Witte uns bessere Aufschlüsse geben könnte als ich. Die englische Bank und die mit ihr verbündeten großen Bankhäuser würden diesen Finanzkrieg ungesäumt eröffnen. Weiter würde sich schwerlich noch ein unter russischer Flagge segelndes Schiff auf offenem Meere zeigen dürfen, und unser internationaler Handel würde bis zur Niederwerfung des Gegners völlig unterbunden sein. Bedeutsamer aber als Erwägungen dieser Art muß für uns die Frage nach dem Verhalten der anderen Großmächte sein. Wer wird für uns und wer wird gegen uns sein? Englands politische Kunst hat sich seit der Zeit Oliver Cromwells hauptsächlich in der geschickten Ausnutzung der kontinentalen Mächte offenbart. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß Englands Kriege vornehmlich mit kontinentalen Heeren geführt worden sind. Das ist keine Herabsetzung der Kriegstüchtigkeit Englands. Wo immer die englische Flotte und englische Armeen auf dem Kriegsschauplatze erschienen sind, hat sich die Energie, die Zähigkeit und Tapferkeit ihrer Offiziere, ihrer Seeleute und Soldaten stets im glänzendsten Lichte gezeigt. Die Tradition der englischen Truppen, die einst Frankreich unter Führung des Schwarzen Prinzen und Heinrichs V. siegreich durchzogen, ist in den Kriegen gegen Frankreich im 18. Jahrhundert und gegen Napoleon lebendig geblieben. Ungleich größere Erfolge aber als durch diese eigenen Waffentaten hat England dadurch errungen, daß es fremde Völker für sich kämpfen ließ und auf dem Kontinent die Truppen Oesterreichs, Frankreichs, Deutschlands und Rußlands gegeneinander führte. Seit zweihundert Jahren sind überhaupt sehr wenig Kriege ohne Englands Zutun und ohne Nutzen für England geführt worden. Diese wenigen Ausnahmen sind die nur zum Vorteile und zum Ruhme des eigenen Volkes geführten Kriege Bismarcks, der darum auch der bestgehaßte Mann der Engländer war. Während das europäische Festland von inneren Kriegen zerrissen wurde, die Englands Staatskunst angeschürt, hat Großbritannien seinen ungeheuren Kolonialbesitz erworben. Uns selbst hat England in Feldzüge verwickelt, die lediglich seinen Vorteil bildeten. Ich erinnere nur an den blutigen, opfervollen Krieg von 1877/78 und an den verhängnisvollen Frieden von San Stefano, wo Englands Intriguen uns um den Lohn unserer Siege über den Halbmond brachten. Ich erinnere weiter an den Krimkrieg, wo eine kleine englische und eine große französische Armee uns zum Vorteil Englands bekriegten. Daß jetzt hinter unseren japanischen Angreifern wiederum nur England steht, ist von den Vorrednern bereits betont worden. Unsere Gegner haben eben nicht die mindeste Veranlassung, von ihrer so gut bewährten Politik abzugehen, und die Aufgabe der unsrigen mußte es deshalb sein, uns der Bundesgenossenschaft oder wo dies durch die Umstände ausgeschlossen war, wenigstens der wohlwollenden Neutralität der übrigen kontinentalen Großmächte für den Fall eines Krieges gegen England zu versichern. Was zunächst unseren Alliierten, die französische Republik, betrifft, so war eine befriedigende Lösung der Aufgabe schon durch die bestehenden Verträge gesichert. Immerhin verpflichten dieselben die französische Regierung nicht, uns für den Fall eines Krieges, der in den Augen kurzsichtiger Beobachter vielleicht als ein von uns heraufbeschworener Angriffskrieg erscheinen wird, seine militärische Unterstützung zu gewähren. Wir haben deshalb durch unsern Botschafter Verhandlungen mit Mr. Delcassé, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, und mit dem Präsidenten selbst führen lassen. Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, Ihnen das Ergebnis dieser Verhandlungen in folgender, heute eingetroffener Depesche unseres Botschafters vorlegen zu dürfen. Dieselbe lautet in der Hauptsache wie folgt: „Ich beeile mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, daß mir von seiten des Herrn Delcassé namens der französischen Regierung die bindende Zusage erteilt worden ist, Frankreich werde England sofort den Krieg erklären, wenn Seine Majestät der Zar seine Armeen gegen Indien marschieren ließe.“ Ueber die Erwägungen, von denen die französische Regierung zu diesem Beschlusse geführt worden sei, sprach sich Mr. Delcassé in unserer heutigen Unterredung ungefähr dahin aus: „Schon Napoleon hat vor mehr als 100 Jahren mit genialem Scharfblick erkannt, daß England der eigentliche Feind aller kontinentalen Völker ist und daß der europäische Kontinent keine andere Politik verfolgen sollte, als die der gemeinsamen Abwehr dieses großen Seeräubers. Der grandiose Plan Napoleons war die Vereinigung Frankreichs mit Spanien, Italien, Oesterreich, Deutschland und Rußland, um dem System der Ausbeutung von seiten Englands entgegenzutreten. Und er würde diesen Plan wahrscheinlich durchgeführt haben, wenn nicht Rücksichten der inneren Politik den Zaren Alexander I. trotz seiner Verehrung für das Genie Napoleons zum Widerstande gegen seine Absichten bestimmt hätten. Die Folgen der Niederlage Napoleons haben sich in dem gewaltigen Anwachsen der englischen Macht während der letzten 100 Jahre deutlich genug gezeigt. Darum sollte man die gegenwärtige politische Konstellation, die der vom Jahre 1804 in vielen Stücken sehr ähnlich ist, dazu benützen, den Plan Napoleons wieder zu beleben. Rußland hat an einer Niederwerfung Englands allerdings das nächste und dringendste Interesse; denn es gleicht einem Riesen, dem Hände und Füße gebunden sind, so lange Großbritannien alle Meere und alle wichtigen Küstenstriche beherrscht. Aber auch Frankreich ist in seiner natürlichen Entwickelung gehemmt. Seine blühenden Kolonien in Amerika und im Atlantischen Ozean wurden ihm im 18. Jahrhundert durch England entrissen. Aus seinen Niederlassungen in Ostindien wurde es durch diesen übermächtigen Gegner verdrängt, und — was vom französischen Volke vielleicht am schmerzlichsten empfunden wird — Aegypten, das der große Napoleon mit dem Blute seiner Soldaten für Frankreich erkaufte, wurde ihm durch englisches Gold und englische Intriguen genommen. Der von dem Franzosen Lesseps erbaute Suezkanal ist im Besitz der Engländer. Er erleichtert ihnen den Verkehr mit Indien und sichert ihnen die Weltherrschaft. Frankreich wird also für seine Bundesgenossenschaft gewisse Forderungen stellen — Bedingungen, die so loyal und billig sind, daß ihre Annahme von seiten des alliierten Rußland von vornherein keinem Zweifel unterliegen kann. Frankreich verlangt, daß ihm seine Erwerbungen in Tonking, Kochinchina, Kambodscha, Annam und Laos garantiert werden, daß Rußland ihm behilflich sei, Aegypten zu erwerben, und daß es sich verpflichte, die französische Politik in Tunis und im übrigen Afrika zu unterstützen.“ Nach den mir gewordenen Instruktionen glaubte ich, Monsieur Delcassé die Annahme dieser Bedingungen zusichern zu dürfen. Auf meine Frage, ob ein Krieg gegen England in Frankreich populär sein würde, erhielt ich die Antwort: ‚Das französische Volk wird zu jedem Opfer bereit sein, wenn wir Faschoda zu unserer Parole machen.‘ Niemals hat sich der britische Uebermut brutaler und beleidigender geoffenbart als in diesem Falle. Unser braver Marchand war mit einer überlegenen Mannschaft am Platze, und Frankreich befand sich in seinem guten Recht. Aber die bloße Aufforderung eines englischen Offiziers, dem keine andere Macht als die moralische der englischen Fahne zur Seite stand, zwang uns unter den damaligen politischen Verhältnissen, unsere begründeten Ansprüche aufzugeben und den tapferen Führer zurückzurufen. Wie das Volk diese Niederlage aufnahm, haben wir deutlich genug gesehen. Die Pariser begrüßten Marchand jubelnd, wie einen Nationalhelden, und die französische Regierung rechnete allen Ernstes mit der Möglichkeit einer Revolution. Jetzt könnten wir Revanche nehmen für die Demütigung, die wir damals aus vielleicht allzugroßer Vorsicht über uns ergehen ließen. Schreiben wir den Namen Faschoda auf die Trikolore, und es wird keinen waffenfähigen Mann in ganz Frankreich geben, der uns nicht mit Begeisterung folgte. Es schien mir ratsam, mich zu vergewissern, ob die Regierung oder die von ihr inspirierte Presse dem Volke vielleicht auch die Wiedererwerbung Elsaß-Lothringens als Preis eines siegreichen Krieges verheißen würde. Aber der Minister verneinte mit aller Entschiedenheit. ‚Die Frage Elsaß-Lothringen muß gänzlich aus dem Spiele bleiben, sobald wir uns anschicken, Realpolitik zu treiben,‘ erklärte er. ‚Nichts könnte verhängnisvoller sein, als die Erregung einer Mißstimmung in Deutschland. Denn der deutsche Kaiser ist das Zünglein an der Wage, auf der die Geschicke der Welt gewogen werden.‘ Daß England von ihm, den es nicht als einen Deutschen, sondern als einen Engländer ansieht, keine Feindseligkeiten zu befürchten habe, ist eine feststehende Ueberzeugung bei unsern Nachbarn jenseits des Kanals. Und diese Zuversicht ist eine der stärksten Stützen des britischen Uebermuts. Die immer wiederholten Versicherungen des deutschen Kaisers, daß er den Frieden und nichts als den Frieden wolle, scheinen ja die Richtigkeit dieser Auffassung zu bestätigen. Aber ich bin gewiß, daß Kaiser Wilhelms Friedensliebe da eine Grenze hat, wo das Wohl und die Sicherheit Deutschlands ernstlich in Frage stehen. Er ist trotz seines impulsiven Temperaments nicht der Herrscher, der sich von jeder Aeußerung der Volksstimme beeinflussen und von jeder aufrauschenden Strömung zu entscheidenden Handlungen treiben ließe. Aber er ist weitblickend genug, eine wirkliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen und ihr mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit entgegenzutreten. Ich halte darum die Hoffnung, ihn als Alliierten zu gewinnen, nicht für eine Utopie, und ich hoffe, daß die russische Diplomatie sich mit der unsrigen vereinigen werde, dieses Bündnis zustande zu bringen. Ein Krieg gegen England ohne die Unterstützung Deutschlands würde immerhin ein bedenkliches Unternehmen bleiben. Wir sind ja bereit, uns um unserer Freundschaft für Rußland und um unserer nationalen Ehre willen darauf einzulassen, aber wir würden uns einen sicheren Erfolg nur von einem geschlossenen Zusammengehen aller kontinentalen Großmächte versprechen können.“

Mochte auch die Tatsache des mit Frankreich für den Fall eines Krieges gegen England abgeschlossenen Schutz- und Trutzbündnisses den meisten der hier Versammelten nicht mehr unbekannt gewesen sein, so war die Vorlesung der Depesche, der man in atemloser Spannung gefolgt war, doch unverkennbar von tiefer Wirkung. Ihre Bekanntgabe ließ keinen Zweifel mehr, daß man an höchster Stelle zu diesem Kriege entschlossen sei, und wenn auch keine laute Kundgebung des Beifalls erfolgte, ging es doch wie ein Aufatmen der Erleichterung durch die illustre Versammlung, und deutlich war auf fast allen Gesichtern die freudigste Genugtuung zu lesen.

Einer nur blickte mit finster zusammengezogenen Brauen wie in ernster Mißbilligung drein — und dieser Eine galt seit Jahrzehnten für den einflußreichsten Mann in Rußland — für eine Macht, die schon oft alle Pläne der leitenden Staatsmänner durchkreuzt und mit unbeugsamer Energie ihren Willen durchgesetzt hatte.

Das war der vielgehaßte und noch mehr gefürchtete greise Pobjedonoszew, der Oberprokurator des heiligen Synod.

Seine düstere Miene und sein Kopfschütteln waren dem präsidierenden Großfürsten nicht entgangen. Und er hielt es offenbar für seine Pflicht, dem durch die Gunst dreier Zaren fast allmächtig gewordenen Manne Gelegenheit zur Aeußerung seiner abweichenden Meinung zu geben.

Auf seinen Wink erhob sich der Oberprokurator und sagte unter lautloser Stille der Versammelten:

„Es kann nicht meine Aufgabe sein, mich über die Möglichkeit oder die Aussichten eines Bündnisses mit Deutschland zu äußern. Denn ich kenne ebensowenig wie einer der hier Anwesenden die Absichten und Pläne des deutschen Kaisers. Wilhelm II. ist die große Sphinx unserer Zeit. Er spricht viel, und seine Reden machen den Eindruck vollster Offenherzigkeit. Wer aber mag erraten, was sich hinter ihnen verbirgt? Daß er sich ein bestimmtes Programm für sein Lebenswerk gesetzt hat, und daß er der Mann ist, es durchzuführen, gleichviel, ob die öffentliche Meinung für ihn oder gegen ihn sei, scheint mir gewiß. Bildet die Niederwerfung Englands einen Teil dieses Programms, so dürfte die Hoffnung des französischen Ministers ja in der Tat keine Utopie sein, vorausgesetzt, daß Kaiser Wilhelm den gegenwärtigen Zeitpunkt für den geeigneten hält, der Welt seine letzten Ziele zu offenbaren. Die Aufgabe unseres diplomatischen Vertreters am Berliner Hofe würde es sein, sich darüber zu informieren. Aber eine andere Frage wäre es, ob Rußland eines Bündnisses mit Deutschland oder mit der westlichen Macht, die vorhin hier genannt worden ist, überhaupt bedarf. Und meine Anschauung der Dinge führt mich dahin, diese Frage zu verneinen. Rußland ist zur Zeit in Europa der letzte und einzige Hort des absolutistischen Prinzips. Und wenn ein von Gottes Gnade zu dem höchsten und verantwortlichsten aller irdischen Aemter berufener Herrscher stark genug bleiben soll, den Geist der Unbotmäßigkeit und der Unmoral niederzuwerfen, der sich hier und da unter dem Einfluß fremder staatsfeindlicher Elemente in unserem geliebten Vaterlande regen will, so müssen wir vor allem darauf bedacht sein, das Gift der sogenannten liberalen Ideen, des Unglaubens und des Atheismus, mit dem es von Westen her verseucht werden soll, von unserem Volke fernzuhalten. Wie wir vor einem Jahrhundert den mächtigen Heerführer der Revolution niedergeworfen haben, so werden wir auch heute über unsern Feind triumphieren — wir ganz allein! Laßt unsere Heere in Persien, Afghanistan und Indien einmarschieren und durch ganz Asien die Herrschaft des wahren Glaubens zum Siege führen. Aber hütet unser heiliges Rußland vor der Ansteckung durch das Gift jenes ketzerischen Geistes, der ihm ein schlimmerer Feind werden würde, als es ihm je eine auswärtige Macht sein kann.“

Er setzte sich, und sekundenlang herrschte eine tiefe Stille. Der Großfürst machte ein ernstes Gesicht und wechselte ein paar geflüsterte Worte mit seinen beiden Neffen.

Dann sagte er: „Von all den Herren, die uns hier ihre Ansichten vorgetragen haben, ist die Kriegserklärung an England als eine zwar tief beklagenswerte aber den Umständen nach unabweisbare Notwendigkeit bezeichnet worden. Ehe ich aber Seiner Majestät, unserem erhabenen Herrn, diese Anschauung als die der hier Versammelten unterbreite, richte ich an Sie, meine Herren, die Frage, ob unter Ihnen jemand ist, der eine abweichende Meinung vertritt. Ich würde ihn bitten, sich zum Worte zu melden.“

Er wartete eine kleine Weile, aber niemand leistete der Aufforderung Folge. Da erhob er sich aus seinem Sessel und gab durch ein kurzes Wort des Dankes und durch eine leichte Verneigung gegen die ebenfalls aufgestandenen Würdenträger kund, daß er die Sitzung, die für die Geschicke der Welt von entscheidender Bedeutung gewesen war, als geschlossen betrachte.


II.

Inhaltsverzeichnis

Es war zu Chanidigot im britischen Ostindien. — Der blendenden Helligkeit des heißen Tages war unvermittelt, fast ohne Dämmerungsübergang, die abendliche Dunkelheit gefolgt und mit ihr eine erquickende Kühle, die alles Lebendige aufatmen ließ.

In dem weiten Camp, das dem englischen Lancerregiment als Lagerplatz diente, war es mit dem Sinken der Sonne lebendig geworden. Die Soldaten, frei von der Last des Dienstes, vergnügten sich je nach Laune und Temperament mit Spiel, Gesang und fröhlichem Zechen. Auch in dem großen Zelt, das als Offiziersmesse benutzt wurde, ging es lebhaft her. Das gemeinsame Mahl war vorüber, und ein Teil der Herren hatte sich nach täglicher Gewohnheit zum Kartenspiel niedergesetzt. Aber die Unterhaltung war hier weniger harmlos als draußen bei den gemeinen Soldaten. Denn man begnügte sich nicht mit einem unschuldigen Whist, sondern spielte bei ziemlich hohen Einsätzen das in Amerika und teilweise auch in England beliebte Poker, bei dem lediglich der Zufall und eine gewisse schauspielerische Geschicklichkeit der Teilnehmer den Ausschlag gibt. Zumeist allerdings waren es die jüngeren Herren, die diesen abendlichen Nervenkitzel in dem eintönigen Lagerleben als unentbehrlich betrachteten. Die älteren saßen mit ihren kurzen Pfeifen und ihrem Whisky und Sodawasser plaudernd an den abseits stehenden Tischen. Auch ein Herr in bürgerlicher Kleidung war unter ihnen. Die zuvorkommende Höflichkeit, mit der man ihn behandelte, ließ vermuten, daß er nicht dem Offizierkorps des Regiments angehörte, sondern nur dessen Gast war. Der Klang seines Namens — man redete ihn mit Mr. Heideck an — würde seine deutsche Abstammung verraten haben, auch wenn sie sich nicht schon in seiner äußeren Erscheinung kundgegeben hätte. Er war von nur mittelgroßer Gestalt, aber von athletischem Körperbau. Seine straffe, soldatische Haltung und die elastische Leichtigkeit seiner Bewegungen waren unzweideutige Kennzeichen einer vortrefflichen Gesundheit und einer nicht geringen körperlichen Kraft. Für den Engländer aber kann der Fremde kaum eine bessere Empfehlung mitbringen als diese. Und vielleicht war es vor allem seine imponierende Erscheinung gewesen, die im Verein mit seinem liebenswürdigen, durchaus gentlemanmäßigen Auftreten diesem blondbärtigen jungen Deutschen mit dem scharf geschnittenen, energischen Gesicht und den treuherzig blickenden, blauen Augen so schnell Zutritt in die sonst sehr exklusiven Offizierskreise verschafft hatte.

Seinem Stande nach mochte er ja nach der Auffassung einiger dieser Herren nicht gerade in ihre Gesellschaft gehören. Denn man wußte, daß er zu geschäftlichen Zwecken für ein großes Hamburger Handelshaus reiste. Sein Oheim, der Chef dieses Hauses, befaßte sich mit dem Import von Indigo. Und da der Maharadjah von Chanidigot sehr ausgedehnte Indigo-Plantagen besaß, hielt die geschäftliche Verhandlung mit dem Fürsten den jungen Heideck nun schon seit vierzehn Tagen hier fest. Es war ihm gelungen, während dieser Zeit die lebhaften Sympathien namentlich der älteren britischen Offiziere zu gewinnen. In den indischen Garnisonen ist jeder Europäer willkommen, man zog Heideck auch zu denjenigen geselligen Veranstaltungen hinzu, an denen die Damen des Regiments teilnahmen.

Die Einladung zum Spiel hatte er indessen jedesmal mit höflicher Bestimmtheit abgelehnt, und auch heute machte er dabei nur den unbeteiligten, wenig interessierten Zuschauer.

Jetzt öffnete sich die Tür des Zeltes, und sporenklirrend, in sehr selbstbewußter, fast hochmütiger Haltung trat ein hochgewachsener, aber auffallend hagerer Offizier in den Kreis der Kameraden. Er war im Dienstanzuge und sprach zu einem der Herren, der ihn als Kapitän Irwin begrüßt hatte, davon, daß er einen zur Inspizierung eines Außenpostens unternommenen anstrengenden Ritt hinter sich habe. Von einer der aufwartenden Ordonnanzen ließ er sich einen erfrischenden Trunk, das beliebte Gemisch aus Whisky und Sodawasser, bringen. Dann näherte er sich dem Tische der Spieler.

„Ist hier noch Raum für einen kleinen Kerl?“ fragte er. Und bereitwillig machte man ihm Platz.

Eine Weile ging es bei der Pokerpartie in der bisherigen ruhigen Weise fort. Plötzlich aber mußte etwas Außergewöhnliches eingetreten sein. Denn man sah, daß die Herren bis auf Kapitän Irwin und einen der Mitspieler ihre Karten niederlegten, und man hörte die unangenehm scharfklingende Stimme Irwins.

„Sie sind ein alter Fuchs, Kapitän Mc. Gregor! Aber ich kenne Ihre Tricks und falle nicht mehr darauf hinein. Noch einmal also: sechshundert Rupien!“

Wer die Gesetze des Poker kennt, weiß, daß es bei diesem Spiel, worin gewissen Kartenkombinationen der Gewinn zufällt, nicht für unehrenhaft, sondern im Gegenteil für eine besondere Feinheit gilt, die Mitspieler durch kleine, komödiantische Kniffe über den Wert der beim Austeilen erhaltenen Karten zu täuschen. Der Name ‚Bluff‘, den man diesem Hazardspiel beigelegt hat, verrät ja schon, daß jeder nach Kräften versuchen muß, seinen Gegner zu verblüffen.

Dem Kameraden Mc. Gregor gegenüber aber schien es Irwin diesmal nicht recht zu gelingen. Denn der Kapitän erwiderte mit großer Ruhe:

„Sechshundertfünfzig. Aber ich rate Ihnen, Irwin, sie nicht zu halten.“

„Siebenhundert.“

„Siebenhundertfünfzig!“

„Tausend!“ rief Irwin mit dröhnender Stimme und lehnte sich mit einem siegesgewissen Lächeln in seinen Stuhl zurück.

„Ueberlegen Sie, was Sie tun,“ sagte Mc. Gregor. „Ich habe Sie gewarnt.“

„Eine bequeme Manier, siebenhundertfünfzig Rupien einzustreichen. Ich wiederhole: Tausend Rupien.“

„Tausendundfünfzig!“

„Zweitausend!“

Alle im Zelt anwesenden Herren hatten sich erhoben und umstanden die beiden Spieler, die, ihre Karten verdeckt in der Hand haltend, einander mit scharfen Blicken betrachteten. Hermann Heideck, der hinter Irwin getreten war, sah an der Rechten des Kapitäns einen wundervollen Brillanten funkeln. Aber an dem Tanzen der bunten Strahlen, die von diesem Stein ausgingen, sah er auch, wie die Finger des Spielers bebten.

Kapitän Mc. Gregor wandte sich an seine Umgebung.

„Ich rufe die Herren zu Zeugen an, daß ich den Kameraden schon bei sechshundert gewarnt habe.“

„Wozu bedarf es da einer Warnung?“ fiel Irwin fast heftig ein. „Bin ich denn ein Knabe? Halten Sie die zweitausend, Mc. Gregor, oder halten Sie sie nicht?“

„Nun denn, da Sie es nicht anders wollen: dreitausend.“

„Fünftausend!“

„Fünftausendfünfhundert.“

„Zehntausend.“

Jetzt legte einer der höheren Offiziere, der Major Robertson, seine Hand leicht auf die Schulter des tollkühnen Spielers.

„Das ist zuviel, Irwin! Ich mische mich nicht gern in solche Dinge, und da Sie nicht von meinem Regiment sind, kann ich nicht dienstlich, sondern nur kameradschaftlich mit Ihnen reden. Aber mir scheint, daß Sie sich in Verlegenheit befinden würden, wenn Sie verlören.“

Unwillig fuhr der Angeredete auf.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Major? Wenn Ihre Worte einen Zweifel an meiner Zahlungsfähigkeit ausdrücken sollen, — —“

„Nun, nun — ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie müssen ja schließlich am besten wissen, was Sie verantworten können.“

Und mit trotziger Miene wiederholte Irwin:

„Zehntausend also! Ich erwarte Ihre Antwort, Mc. Gregor.“

Der Gegner blieb unverändert ruhig.

„Zehntausendfünfhundert.“

„Zwanzigtausend!“

„Sind Sie denn betrunken, Irwin?“ flüsterte von der anderen Seite her der junge Leutnant Temple dem Kapitän ins Ohr. Der aber streifte ihn mit einem zornfunkelnden Blick.

„Nicht mehr als Sie. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“

„Einundzwanzigtausend,“ klang es gelassen von der gegenüberliegenden Seite des Tisches.

Eine kurze, erwartungsvolle Pause folgte. Kapitän Irwin kaute nervös an seinem kleinen, dunklen Schnurrbart. Dann aber reckte er seine hagere Gestalt und rief:

„Fünfzigtausend.“

Noch einmal glaubte der Major, Halt gebieten zu müssen.

„Ich erhebe Einspruch!“ sagte er. „Es ist bisher Regel bei uns gewesen, daß der Pool nicht um mehr als tausend Rupien auf einmal erhöht werden darf. Diese Regel ist längst überschritten.“

Ein häßliches, rauhes Lachen kam von Irwins Lippen.

„Es scheint, daß Sie die Absicht haben, mich zu retten, Herr Major! Aber ich brauche durchaus keinen Retter. Wenn ich verliere, werde ich zahlen. Und ich begreife nicht, weshalb sich die Herren in meinem Interesse die Köpfe zerbrechen.“

Der Major, der einsehen mußte, daß er hier mit allem guten Willen nichts auszurichten vermochte, zuckte die Achseln. Leutnant Temple aber vermeinte, einen guten Einfall zu haben. Mit einer anscheinend unbeabsichtigten, ungestümen Bewegung stieß er gegen den leichten Feldtisch, daß Aschenbecher, Flaschen, Gläser und Karten zu Boden fielen. Aber es war nichts damit gewonnen, denn die beiden hielten ihr Spiel fest in der Hand und ließen sich durch den Zwischenfall nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen.

„Einundfünfzig,“ sagte Mc. Gregor.

„Sechzig.“

„Einundsechzig.“

„Siebzig.“

„Einundsiebzig.“

„Achtzig.“

„Einundachtzig.“

„Ein Lakh!“ schrie Irwin, der jetzt vor Aufregung kreidebleich geworden war.

„Wirklich?“ fragte Mc. Gregor gleichmütig. „Das ist ein schönes Gebot. Ein Lakh also — nach dem heutigen Kurse sechstausendfünfhundert Pfund Sterling. Sie werden ein reicher Mann sein, Irwin, wenn Sie gewinnen. Zeigen Sie doch, was Sie in der Hand haben.“

Mit zitternden Fingern, doch mit triumphierender Miene deckte der Kapitän seine Karten auf.

„Straight flush!“ sagte er heiser.

„Ja, das ist ein starkes Spiel,“ erwiderte der andere lächelnd. „Aber sagen Sie doch, welches ist Ihre höchste Karte?“

„Der König, wie Sie sehen.“

„Schade! Ich habe nämlich auch straight flush. Aber bei mir steht das Aß an der Spitze.“

Langsam, eine nach der anderen, legte er seine Karten auf den Tisch: Coeuraß, Coeurkönig, Coeurdame, Coeurbube, Coeurzehn. Wie ein einziger Ausruf der Verwunderung kam es von den Lippen der Umstehenden. Keiner hatte je das Zusammentreffen einer so merkwürdigen Kartenkombination erlebt.

Kapitän Irwin saß für einen Moment regungslos, die flackernden Augen starr auf die Karten seines Gegners geheftet. Dann plötzlich sprang er mit einem wilden Lachen auf und verließ mit klirrenden Schritten das Zelt.

„Dieser Verlust bedeutet für Irwin eine Katastrophe,“ sagte der Major sehr ernst. „Er ist außer stande, eine solche Summe zu zahlen.“

„Mit Hülfe seiner Frau könnte er es wohl,“ meinte ein anderer, „aber es würde sie so ziemlich den ganzen Rest ihres Vermögens kosten.“

„Ich nehme die Herren zu Zeugen, daß es nicht meine Schuld ist,“ erklärte Mc. Gregor, der einen gewissen Vorwurf in den Mienen seiner Umgebung zu lesen glaubte. Man stimmte ihm zu. Aber Leutnant Temple, der einzige unter allen Anwesenden, den eine gewisse oberflächliche Freundschaft mit Irwin verband, bemerkte:

„Irgend jemand wird ihm nachgehen müssen, damit er in der ersten Aufregung nicht eine Torheit begeht.“

Er wandte sich schon zum Gehen, aber ein Zuruf Mc. Gregors hielt ihn zurück.

„Es würde keinen Zweck haben, Temple, wenn Sie ihm nicht zugleich etwas Beruhigendes sagen können. Und es gibt meines Erachtens da nur einen einzigen Ausweg. Man müßte ihm einreden, die Sache hätte nur ein Spaß sein sollen und die Karten wären vorher geordnet gewesen.“

Der Leutnant kehrte zum Tische zurück.

„Die Erfindung dieses Auskunftsmittels gereicht Ihnen zur Ehre, Herr Kapitän! Aber ich zweifle, daß jemand von uns den Mut haben würde, ihm mit solcher Lüge zu kommen.“

Das Schweigen der anderen schien diesen Zweifel zu bestätigen. Da ertönte die markige Stimme des deutschen Gastes:

„Wollen Sie mich mit dieser Mission betrauen, meine Herren? Ich kenne den Kapitän Irwin zwar nur flüchtig, und ich hätte keinen Anlaß, mich in seine Angelegenheiten zu mischen; aber ich höre, daß es das Vermögen seiner Gattin ist, das hier auf dem Spiel steht. Und da ich Mrs. Irwin für eine sehr verehrungswürdige Dame halte, würde ich gern das meinige dazu beitragen, sie vor einem so schweren Verlust zu bewahren.“

Mc. Gregor reichte ihm die Hand.

„Sie würden mich zu Dank verpflichten, Mr. Heideck, wenn es Ihnen gelänge. Aber ich rate Ihnen, keine Zeit zu verlieren.“

Rasch verließ Heideck das Zelt. Und als er in die köstliche, mondhelle Nacht hinaustrat, sah er in der Entfernung von zwanzig Schritten Kapitän Irwin neben seinem Pferde. Der Bursche hielt das Tier am Zügel, Kapitän Irwin aber machte sich am Sattel zu schaffen. Während Heideck näher kam, sah er den Soldaten sich entfernen und gewahrte, daß Irwin einen Revolver in der Hand hielt.

Mit raschem Griff hatte er das Handgelenk des Offiziers erfaßt.

„Einen Augenblick, Kapitän Irwin.“

Dieser schrak zusammen, drehte sich um und blickte wütend auf Heideck.

„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte der Deutsche. „Aber Sie befinden sich im Irrtum, Herr Kapitän. Das Spiel gilt nicht. Man hat sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Die Karten sind vorher arrangiert worden.“

Irwin erwiderte nichts, aber er pfiff nach seinem Burschen und ging, noch immer ohne mit Heideck zu sprechen, in das Zelt zurück, den Revolver in der Hand. Heideck folgte ihm.

Beide Herren traten an den Spieltisch, und Irwin wandte sich an Mc. Gregor. „Also das Spiel ist arrangiert gewesen?“ fragte er.

„Zur Lehre für Sie, Irwin, der Sie immer wie toll und töricht darauf losgehen und sich einbilden, ein guter Spieler zu sein, während Sie gar nicht das kalte Blut dazu haben.“

„Nun,“ sagte Irwin, „das ist eine Geschichte, die ich als Beispiel kameradschaftlicher Gesinnung in allen Garnisonen Indiens herumbringen werde, damit ein jeder sich hütet, der einmal hierherkommt und verführt werden sollte, ein Spiel zu machen. Eine solche niederträchtige Geschichte habe ich noch nicht erlebt, aber es ist mir allerdings eine Lehre, daß man nur mit ehrlichen Leuten — —“

„Ah, Kapitän Irwin,“ sagte Mc. Gregor, sich hoch aufrichtend, indem er den Beleidiger mit einem vernichtenden Blick seiner großen blauen Augen fixierte, „an Ihre junge Frau sollten Sie lieber denken, die Sie in Armut gestürzt hätten, wenn dies Spiel kein Scherz war.“

Irwin taumelte zurück, der Revolver entfiel seiner Hand.

„Was?“ kreischte er, „was ist das? So ist es kein Scherz gewesen? So habe ich das Geld wirklich verloren? O, ihr — ihr — Aber für wen haltet ihr mich? Seid gewiß, ich werde bezahlen!“ „Aber,“ rief er, sich besinnend, „ich möchte doch wohl wissen, was nun Wahrheit ist. Euch alle frage ich und nenne euch Schurken und Lügner, wenn ihr nicht die Wahrheit sagt: hat man wirklich einen Spaß mit mir getrieben oder ist das Spiel ein ehrliches Spiel gewesen?“

„Kapitän Irwin,“ entgegnete der Major, ihm entgegentretend, „ich sage Ihnen als Aeltester im Namen der Kameraden, daß Ihr Benehmen unverzeihlich wäre, wenn nicht eine Art von Tollheit Sie beherrschte. Dies ist ein ehrliches Spiel gewesen, und nur die Großmut des Kapitän Mc. Gregor war es, die — — —“

Irwin hörte den Schluß seiner Rede nicht mehr, denn mit einem wilden Fluch hatte er abermals das Zelt verlassen.


III.

Inhaltsverzeichnis

Hermann Heideck wohnte in einem Dak Bungalo, einem jener von der Regierung unterhaltenen Gasthäuser, die dem Reisenden zwar Unterkunft aber weder Betten noch Verpflegung bieten. Als er aus dem Camp dahin zurückkehrte, stand sein indischer Diener Morar Gopal in der Tür, um den Herrn zu empfangen und teilte ihm mit, daß ein neuer Gast mit zwei Dienern angekommen wäre. Da dieses Dak Bungalo geräumiger war als die meisten anderen, so hatten die Neuangekommenen Platz, und Heideck brauchte nicht, wie sonst üblich, als älterer Gast dem später eingetroffenen zu weichen.

„Was für ein Landsmann ist der Herr?“ fragte er.

„Ein Engländer, Sahib!“

Heideck trat in sein Zimmer und ließ sich am Tische nieder, auf dem neben den beiden mattleuchtenden Kerzen eine Whiskyflasche, einige Flaschen Sodawasser und das Zigarettenkistchen standen. Er war nachdenklich und übel gelaunt. Die aufregende Szene in der Offiziersmesse war ihm persönlich nahe gegangen. Nicht um des Kapitän Irwin willen, der ihm seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft in hohem Maße unsympathisch gewesen war, sondern einzig wegen der schönen jungen Frau des leichtsinnigen Offiziers, an die er sich von ihren wiederholten gesellschaftlichen Begegnungen her gut genug erinnerte. Keine der anderen Offiziersdamen — und es waren sehr hübsche und liebenswürdige unter ihnen — hatte einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, wie Mrs. Edith Irwin, deren persönlicher Liebreiz ihn in ebenso hohem Maße gefesselt hatte, wie ihre ungewöhnliche Klugheit ihn in Erstaunen setzte. Die Vorstellung, daß dieses anmutige Wesen mit unzerreißbaren Ketten an einen brutalen und ausschweifenden Menschen vom Schlage Irwins gefesselt war, und daß ihr Mann sie vielleicht eines Tages mit sich hinabriß in sein unausbleibliches Verderben, bereitete ihm eine schmerzhafte Empfindung. Er hätte so gern irgend etwas für die unglückliche junge Frau getan. Aber er mußte sich sagen, daß es dazu für ihn, den Fremden, der ihr nichts als eine oberflächliche Bekanntschaft war, keine Möglichkeit gab. Der Kapitän wäre vollkommen berechtigt gewesen, jede unberufene Einmischung als eine unerhörte Dreistigkeit zurückzuweisen. Und auf welche Art hätte er hier helfend eingreifen können?

Ein Lärm, der sich plötzlich im Nebenzimmer erhob, riß Heideck aus seinen unerfreulichen Grübeleien. Er hörte lautes Schelten und ein klatschendes Geräusch, wie wenn Peitschenhiebe auf einen nackten menschlichen Körper fallen. Eine Minute später wurde die Verbindungstür aufgerissen und ein nur mit Hüftschurz und Turban bekleideter Inder stürzte in das Zimmer, als ob er hier Schutz vor seinem Peiniger suchen wollte. Ein lang gewachsener, ganz in weißen Flanell gekleideter Europäer war ihm auf den Fersen und ließ unbarmherzig seine Reitgerte auf den bloßen Rücken des wehklagenden Mannes niedersausen. Die Anwesenheit Heidecks genierte ihn dabei offenbar nicht im mindesten.

Auf den ersten Blick hatte der junge Deutsche erkannt, daß sein Nachbar nicht, wie der Diener ihm gesagt hatte, ein Engländer sein konnte. Sein auffallend schmales, fein geschnittenes Gesicht, seine eigentümlich geschlitzten schwarzen Augen und sein weicher dunkler Bart hatten viel mehr von dem sarmatischen als von dem charakteristisch angelsächsischen Typus.

Der Mann gefiel ihm seinem Aeußeren nach nicht übel, sein Betragen aber konnte er unmöglich ruhig hinnehmen. Indem er zwischen ihn und den Mißhandelten trat, fragte er sehr energisch, was dieser Auftritt bedeuten solle.

Lachend ließ der andere den eben wieder zum Schlage erhobenen Arm sinken.

„Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,“ sagte er in fremdartig klingendem Englisch, „ein sehr guter Boy, aber er stiehlt wie ein Rabe und muß von Zeit zu Zeit seine Prügel haben. Ich weiß, daß er irgendwo an seinem Leibe die fünf Rupien versteckt haben muß, die mir heute wieder fehlen.“

Damit packte er, als hielte er die gegebene Auskunft für vollkommen ausreichend, seine Handlungsweise zu erklären, den braunen Burschen von neuem und riß ihm mit raschem Griffe den Turban vom Kopfe. Aus dem weißen, rotgesäumten Tuche rollten klirrend ein paar Silberstücke über die Steinplatten hin. Zugleich aber war auch ein größerer Gegenstand vor Heidecks Füße niedergefallen. Er hob ihn auf und hielt ein goldenes Zigarettenetui in der Hand, auf dessen Deckel ein Wappen mit einer Fürstenkrone eingraviert war. Als er es dem Fremden überreichte, verbeugte sich dieser dankend und entschuldigte sich wie ein Mann von der besten Gesellschaft. Der Inder aber nahm die Gelegenheit wahr, sich mit einigen affenartigen Sprüngen aus dem Staube zu machen.

Der Anblick des Wappens auf dem Zigarettenetui hatte in Heideck das Verlangen geweckt, diesen gewalttätigen Nachbar näher kennen zu lernen. Als hätte er die sonderbare Art seines Eintritts ganz vergessen, fragte er artig, ob er den ihm vom Zufall bescherten Hausgenossen zu einer Zigarre und einem Abendtrunk einladen dürfe.

Mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit nahm der andere die Aufforderung an.

„Sie reisen auch in Geschäften, mein Herr?“ fragte Heideck. Und da er eine bejahende Antwort erhielt, fügte er hinzu:

„Wir wären also Kollegen. Sind Sie mit Ihren hiesigen Erfolgen zufrieden?“

„O, es könnte besser gehen. Man hat zuviel Konkurrenz!“

„Baumwolle?“

„Nein. Bronzewaren und Seide. Habe von Delhi auch wunderbare Goldarbeit mitgebracht.“

„Dann stammt Ihr Zigarettenetui vermutlich auch aus Delhi?“

Die geschlitzten Augen des anderen streiften ihn mit einem forschenden Blick.

„Mein Zigarettenetui? Nein! — Arbeiten Sie vielleicht in Fellen, Herr Kollege? Haben Sie Kaschmirziegen?“

„Ich habe alles. Mein Haus arbeitet in allem.“

„Sie kommen nicht von Kalkutta?“

„Nein, nicht von Kalkutta.“

„Schlechtes Wetter da. All mein Leder ist verdorben.“

„Ist es so feucht dort?“

„Dampfbad, sage ich Ihnen, veritables Dampfbad.“

Heideck war längst überzeugt, einen Russen vor sich zu haben. Aber um seiner Sache ganz sicher zu sein, machte er eine scherzhafte Bemerkung in russischer Sprache. Verwundert blickte sein neuer Bekannter auf.

„Sie sprechen russisch, mein Herr?“

„Ein wenig.“

„Sie sind aber kein Russe?“

„Nein, ich bin ein Deutscher, der sich während eines vorübergehenden Aufenthaltes in Rußland einige Sprachkenntnisse angeeignet hat. Wir Kaufleute kommen ja weit herum.“

Der Herr, der seiner Angabe nach in Seide und Bronzewaren reiste, war sichtlich erfreut, hier, wo er es gewiß am wenigsten erwartet hatte, die anheimelnden Laute seiner Muttersprache zu vernehmen. Und Heideck bemühte sich mit einem fast befremdlichen Eifer, ihn bei guter Laune zu erhalten. Er rief seinen Diener und befahl ihm, heißes Wasser zu bereiten.

„Es ist sehr kühl diese Nacht,“ wandte er sich an seinen Gast. „Ein Brandy mit heißem Wasser ist da nicht zu verachten.“

„Ah,“ sagte der Russe, „warten Sie einen Augenblick. Es ist besser, das Wasser wegzulassen und es durch etwas Schmackhafteres zu ersetzen.“

Er ging in sein Zimmer und kehrte alsbald mit einer Flasche Sherry und zwei Flaschen Champagner zurück.

„Ich werde mit Ihrer Erlaubnis hier in diesem Kessel einmal eine Bowle nach russischem Geschmack mischen. Zucker muß auch hinein. Dieser für englische Zungen berechnete Champagner ist so trocken, daß er gesüßt werden muß, um für unsereinen genießbar zu werden.“

Er goß die Flasche Kognak, die der Diener gebracht hatte, ebenso wie den Sherry zu dem Champagner und füllte die Gläser.

Nach deutscher Sitte stießen die beiden Herren mit einander an. Noch einmal betrachtete Heideck dabei aufmerksam seinen neuen Bekannten. Der lauernde Ausdruck, mit dem er die Augen des anderen auf sich gerichtet fühlte, machte ihn einen Moment stutzig. Sollte der Russe etwa die gleiche Absicht haben, wie er selbst, und ihm mit dem Sekt nur die Zunge lösen wollen? Jedenfalls war er jetzt auf seiner Hut.

„Darf ich Sie bitten, eine meiner Havannazigarren zu versuchen?“ fragte der Russe, indem er ihm sein Etui darreichte. „Die indischen Zigarren sind nicht schlecht und sehr billig. Die Beaconsfield ist meine Lieblingssorte. Hier und da muß man aber zur Abwechslung doch etwas anderes rauchen.“

Heideck nahm dankend an und es begann jetzt ein ziemlich scharfes Zechen, zu welchem der Russe das Tempo angab. Aber er war der Wirkung des ebenso wohlschmeckenden wie starken Getränkes offenbar viel weniger gewachsen, als der Deutsche. Von Minute zu Minute gesprächiger werdend, fing er bald an, seinen neuen Freund Brüderchen zu nennen und allerlei mehr oder weniger verfängliche Geschichten zu erzählen. Auch auf seine heimischen Familienverhältnisse kam er, durch einige geschickte Fragen Heidecks veranlaßt, zu sprechen. Er lachte über eine alte Tante, die ihr Haar mit Rosen zu schmücken pflege, um kahle Stellen zu verdecken, und fügte hinzu, daß diese Tante wegen ihrer unvergleichlichen Klatschgeschichten am Zarenhofe ganz besonders beliebt sei. Daß solche Familienbeziehungen bei einem Geschäftsreisenden etwas verwunderlich wären, kam ihm augenscheinlich nicht in den Sinn.

Im Verlauf der Unterhaltung erwähnte er auch, daß er vor nicht langer Zeit in China gewesen wäre.

„Wir sind zu langsam, Brüderchen, viel zu langsam,“ versicherte er, „mit fünfzigtausend Mann konnten wir uns alles nehmen, was wir haben wollten, und die Japaner hätten wir unsererseits schon längst angreifen sollen.“

„Sagen Sie doch,“ fragte Heideck anscheinend gleichgiltig, „wie stark ist denn eigentlich die Armee des General-Gouvernements Turkestan?“

Der Russe blickte auf, aber es geschah nicht, weil er sich auf die verlangte Antwort besann. Denn nachdem er langsam ein Glas Sodawasser ausgetrunken hatte, sagte er:

„Wenn du gut leben willst, Brüderchen, mußt du in die Mandschurei gehen. Lachse, sage ich dir — ah! Und kosten beinahe nichts. — Und hübsche Mädchen in Menge! Pelze aber kannst du kaufen — so gut wie umsonst. Was in Petersburg zehntausend Rubel kostet, hast du in China, da oben im Norden, für hundert.“

„Da haben Sie wohl schöne Pelze mitgebracht?“

„Pelze in Indien? Da würden sie im Handumdrehen von den Ameisen aufgefressen werden. Für meinen Gebrauch allerdings habe ich einen mitgebracht, der in Petersburg unter Brüdern fünftausend Rubel wert sein würde. Werde ihn später im Gebirge gut genug brauchen können. Er riecht eine Werst weit, so gut habe ich ihn eingepfeffert!“

Wieder gab es eine kleine Pause. Dann, indem er sein Gegenüber scharf ansah, sagte Heideck plötzlich:

„Sie sind Offizier!“

Ganz fassungslos starrte ihm der Russe ins Gesicht.

„Offenheit gegen Offenheit!“ erwiderte er nach längerem Besinnen. „Auch Sie sind Soldat, mein Herr?“

„Einem Kameraden brauche ich es nicht zu verschweigen. Hermann Heideck, Hauptmann vom preußischen Generalstabe.“

Der Russe erhob sich und machte eine sehr korrekte Verbeugung.

„Fürst Fedor Andrejewitsch Tschadschawadse, Hauptmann im Garderegiment Preobraschensky.“

Dann klangen aufs neue die Gläser zusammen.

„Auf gute Kameradschaft!“ hieß es hüben und drüben.

„Kamerad, ich will Ihnen etwas verraten,“ sagte der Russe. „General Iwanow ist im Anmarsch gegen die indische Grenze. Der Zar beschäftigt sich nicht mehr mit Theosophie, er will England den Krieg erklären.“

Heideck hätte gern noch mehr erfahren, doch der Fürst hatte der berauschenden Mischung wohl schon über seine Kräfte zugesprochen. Er fing an, leichtfertige französische Chansons zu singen, um dann plötzlich auf schwermütige russische Volkslieder überzugehen. An ein halbwegs vernünftiges Gespräch war in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht mehr zu denken.

Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu Teil. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich und ein schöner, schlanker Bursche von höchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.

Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine Maskerade gewirkt haben würde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit einer rotseidenen Schärpe umgürtet und die weiten roten Beinkleider verschwanden an den Knieen in hohen, glänzenden Lackstiefeln, deren elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Füße erkennen ließ. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf die Schultern des knabenhaften Jünglings herab. Das schöne, längliche Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den großen, blauen Augen aber blitzte die Energie eines starken Temperaments.

Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Fürst aufgehört zu singen.

„Ah, Georgij —“ stammelte er.

Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und hatte den plötzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Fürst Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und ließ sich hinausführen, ohne seinem deutschen Kameraden eine ‚Gute Nacht‘ zu wünschen.

Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß dieser schlanke Page ein verkleidetes Mädchen wäre. Der schöne Wuchs und der seltsame Ausdruck ungebändigter Naturkraft in den wunderbar regelmäßigen Zügen waren unverkennbar Eigentümlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Räubers, wie auch Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen Fürstengeschlechter angehörte, die einst als echte Raubritter in dem von Rußland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust hatten.


IV.

Inhaltsverzeichnis

Die Angabe des Hauptmanns Heideck, daß er für ein Hamburger Handelshaus reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb er die kaufmännischen Geschäfte, die ihm als Maske für den wirklichen Zweck seiner Reise dienten, mit größtem Ernst.

Er hatte von dem Chef des Großen Generalstabes den Auftrag erhalten, die militärischen Verhältnisse in Indien und die strategische Bedeutung der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter Urlaub bewilligt worden.

Aber der General hatte ihm ausdrücklich erklärt:

„Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt mit den Engländern geraten sollten, würden wir in keiner Weise die Verantwortung für Ihre Taten und Erlebnisse übernehmen können. Sie erhalten einen Paß auf Ihren richtigen Namen, aber natürlich ohne Erwähnung Ihrer militärischen Eigenschaft. Daß wir Sie bei einer etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverständlich. In einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener Takt muß Ihnen Führer sein.“

Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische Geschäftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus über Allahabad in die nördlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen, Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner Geschäfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden und durch den Kaiberpaß nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit Rücksicht auf diesen Plan hatte er die nähere Bekanntschaft mit dem Russen gesucht. Er wurde sich klar darüber, daß dieser von seiner Regierung einen ähnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und gewisse Andeutungen des Fürsten hatten ihn in der Vermutung bestärkt, daß er die nämliche Reiseroute zu wählen gedenke. So konnte es für den deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen Kameraden anschloß, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle Empfehlungen zu verschaffen vermochte. —

Die gehaltvolle Bowle des Fürsten machte sich noch in einigen unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frühe des nächsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.

Es war ein indischer Frühlingsmorgen von strahlender Schönheit, in den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale des Indus unter dem 29° nördlicher Breite etwa die Temperatur des römischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersäule des Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber waren erquickend kühl und die Nächte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen sogar empfindlich kalt.

Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des Maharadjah geladen, um über das beabsichtigte Indigogeschäft mit ihm zu verhandeln.

Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es war ein inmitten eines großen Gartens gelegenes einstöckiges Gebäude mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weißen Rasse, blieb diese lästige Unbequemlichkeit erspart. Der in weißen Musselin gekleidete und zum Zeichen seiner Würde mit einer breiten roten Schärpe umgürtete Pförtner führte ihn vielmehr gleich in das ganz europäisch ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.

Auch in seiner äußeren Erscheinung verriet der Würdenträger nur durch seine Hautfarbe und seinen Gesichtsschnitt den Inder. Kleidung und Manieren waren ganz die eines abendländischen Diplomaten. Er reichte Heideck die Hand und teilte ihm mit, daß Seine Hoheit selbst mit ihm über den Indigo verhandeln wolle.

„Der Preis, den Sie zahlen wollen, ist ungewöhnlich niedrig,“ fügte er in einem Tone leiser Mißbilligung hinzu.

Heideck aber war auf diesen Einwand offenbar vorbereitet gewesen.

„Exzellenz mögen darin recht haben, daß der gebotene Preis niedriger ist als in früheren Jahren. Aber er ist noch immer sehr hoch, wenn man die inzwischen eingetretenen Veränderungen des Marktes berücksichtigt. In Deutschland wird jetzt durch Anilin ein Ersatz geschaffen, der so billig ist, daß in absehbarer Zeit vermutlich überhaupt kein Indigo mehr gekauft werden wird. Wenn es mir gestattet ist, Seiner Hoheit einen Rat zu geben, so wäre es der, statt des Indigobaus künftig eine Industrie zu wählen.“

„Und welche hätten Sie dabei im Auge?“

„Am vorteilhaftesten würden mir oil-mills und cotton-mills erscheinen. Sie könnten der europäischen und japanischen Konkurrenz damit wirksam begegnen.“

Ein indischer Diener erstattete eine Meldung, und der Minister lud Heideck ein, sogleich mit ihm zum Maharadjah zu fahren. Sie bestiegen einen mit zwei schnellen turkestanischen Pferden bespannten offenen Wagen. Der gelb gekleidete Kutscher, der merkwürdige Aehnlichkeit mit einem geputzten Affen hatte, schnalzte mit der Zunge, und im Galopp ging es durch weit ausgedehnte Parkanlagen zum Schlosse, dessen weiße Marmorwände bald aus dem Grün der Palmen und Tamarinden hervorleuchteten.

Heideck mußte während der kurzen Fahrt an die zahllosen Kriegsstürme denken, die über diesen Boden dahingebraust waren, ehe die englische Herrschaft alle religiösen Kämpfe, alle blutigen Aufstände und alle Einfälle fremder Eroberer für immer unmöglich gemacht zu haben schien. Jetzt konnten hier, wo Alexander des Großen sieggewohnte Krieger gekämpft hatten, wo sich Mohammedaner und Hindus, Afghanen und Sonnenanbeter blutige Schlachten geliefert, Werke des Friedens geschaffen werden, die auf eine Dauer von Jahrhunderten berechnet waren. Es war ein Triumph der Zivilisation, dessen imponierendem Eindruck sich ein Kenner von Indiens geschichtlicher Vergangenheit kaum entziehen konnte.

Der Maharadjah von Chanidigot bekannte sich gleich dem größten Teil seiner Untertanen zum Islam, und schon die äußere Anlage seines Palastes ließ den mohammedanischen Fürsten erkennen. Abseits von dem Hauptgebäude, aber durch eine gedeckte Galerie mit ihm verbunden, lag der kleine Haremsflügel, dessen Inneres hinlänglich vor jedem fremden Blicke geschützt war. Hier wie dort offenbarte sich in der Ausschmückung des Palastes die verschwenderischste Pracht. Und Heideck dachte mitleidig an die armen Untertanen des Maharadjah, deren Sklavenarbeit die Mittel für diesen üppigen Luxus hatte liefern müssen.

Der Minister und sein Begleiter wurden nicht in die große Audienzhalle geführt, die nur für besondere feierliche Empfänge bestimmt war, sondern in eine Loggia des ersten Stockwerkes. Die von zierlichen Marmorsäulen getragene offene Seite derselben ging nach einem inneren Hofe hinaus, der mit seinem tropischen Pflanzenreichtum einen wahrhaft paradiesischen Anblick gewährte. Eine leise plätschernde Fontäne, die aus dem Marmorbassin in seiner Mitte emporstieg, warf ihren feinen Sprühregen bis zu der Loggia hinauf und verbreitete angenehme Kühle.

Eine gute Weile ließ ihn der Minister warten. Dann kehrte er zurück und forderte ihn durch ein stummes Zeichen auf, ihn zum Fürsten zu begleiten.

Das Gemach, in welchem der Maharadjah sie empfing, war in seiner Ausstattung ein sonderbares, für die Augen eines Europäers nicht gerade anmutiges Gemisch von orientalischem Luxus und englischem Modegeschmack. Zwischen herrlichen Teppichen und kostbaren Waffen, mit denen die Wände geschmückt waren, hingen grellbunte Gemälde von wahrhaft barbarischem Geschmack, wie man sie in Deutschland kaum im Hause eines mäßig begüterten Bürgers angetroffen haben würde. Und ähnliche Widersprüche zeigten sich mehrfach. Am auffallendsten vielleicht traten sie in der Erscheinung des Fürsten selbst zu Tage. Denn dieser hochgewachsene Mann mit dem weichen schwarzen Vollbart und den brennenden Augen, der in seiner malerischen Landestracht ohne Zweifel schön und imponierend ausgesehen hätte, machte in dem grauen englischen Anzug und dem roten Turban auf dem Kopfe einen unharmonischen Eindruck.

Er saß in einem mit rotem Juchtenleder überzogenen englischen Klubsessel und neigte auf Heidecks tiefe Verbeugung zu leichtem Gegengruße den Kopf.

Es entging dem deutschen Offizier nicht, daß der Maharadjah äußerst verdrießlich aussah. Und er vermutete, daß es der für den Indigo gebotene niedrige Preis sei, der ihn verstimmt hätte.

Aber schon die ersten Worte des Fürsten belehrten ihn eines anderen.

„Wie ich höre,“ sagte er in ziemlich mangelhaftem Englisch, „sind Sie zwar Europäer, aber nicht Engländer. Darum hoffe ich, von Ihnen die Wahrheit zu hören. Ich bin gern bereit, Sie für Ihre Auskunft zu belohnen.“

„Ich pflege auch ohne Belohnung die Wahrheit zu sagen, Hoheit!“

Der Maharadjah maß ihn mit einem mißtrauischen Blick.

„Ich bin ein treuer Freund Englands,“ sagte er nach kurzem Zaudern, „und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizekönig. Aber es geschehen jetzt Dinge, für die mir jede Erklärung fehlt. An diesem Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und fünfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin zu senden. Können Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlaßt, eine so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?“

„Es dürfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßregel handeln, Hoheit! Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.“

„Unruhen in Afghanistan? Dabei könnte nur Rußland seine Hand im Spiele haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?“

Heideck mußte verneinen. Und der Maharadjah, der seine üble Laune nicht verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen Luft zu machen.

„Ich bin ein treuer Freund der Engländer, aber der Druck, den sie auf uns ausüben, wird täglich schwerer. Wenn England einen Krieg führen will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafür hergeben? Wissen wir doch nicht einmal, wie mächtig die Feinde der Engländer sind. Sie gehören dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister mitteilte. Deshalb könnten Sie mich recht wohl darüber unterrichten. Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht über London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr verstorbene Königin zu ihrem Geburtstage zu beglückwünschen. Ich habe nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroße, schmutzige Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mächtige Staaten, die England feindlich gesinnt sind?“

Derartige Fragen waren für Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer bestimmten Antwort auszuweichen.

„Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich weiß von den politischen Ereignissen nur, was die ‚India Times‘ und andere englische Zeitungen darüber berichten. Eine gewisse Rivalität besteht zwischen den europäischen Großmächten selbstverständlich immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so groß geworden, daß es naturgemäß viele Feinde haben muß. Darüber aber, wie sich die politischen Verhältnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mögen, wage ich nicht ein Urteil zu äußern.“

Unmutig schüttelte der Maharadjah den Kopf.

„Machen Sie die Geschäfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab,“ wandte er sich kurz an den Minister, während zugleich eine verabschiedende Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, daß er entlassen sei.

Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitän Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen Geschäftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurückhaltung lag in der Art, wie er den Gruß Heidecks erwiderte. Dieser kümmerte sich wenig darum, langsam schlenderte er durch den weitläufigen Park, auf dessen prachtvollen alten Bäumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, daß sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan, unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Fürsten in Anspruch nahm, mußte es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch war ja der Krieg nicht erklärt, aber Heidecks Mission konnte unter diesen Umständen plötzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen, und es war jedenfalls unmöglich, in diesem Augenblick bestimmte Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen.

Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nähe des englischen Camp gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben, Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb durchaus nicht unangenehm, daß er seinen russischen Kameraden an einem schattigen Platze vor der Tür des Gasthauses beim Frühstück sitzen sah, und mit einem herzlich erwiderten Gruß nahm er ohne viel Umstände an dem Tische Platz. Fürst Tschadschawadse sah recht blaß aus und hielt sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden gebackenen Eier mit Schinken standen unberührt vor ihm, und er lächelte etwas wehmütig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine Einladung munden ließ.

Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei indische Mädchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten. Die jüngere, deren nackter Oberkörper wie Bronze glänzte, war von großer Schönheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die natürliche Anmut der feinen Züge nicht zu zerstören. Aber so hübsch sie war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglänzendes Armband über das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser betrachten könne, so weit über seine Schulter, daß ihre lebenswarme, junge Brust seine Wange streifte.

Fürst Tschadschawadse war von zu heißblütigem Temperament, um solcher Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mädchen um, ihren biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.

Zu weiteren Zärtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine Abenteuer, das Heideck unangenehm berührte, erfuhr eine jähe Unterbrechung.

Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schöne, blonde Page des Fürsten aus der Tür des Bungalo getreten, einen Teller mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Teller mit den Früchten so geschickt und kräftig nach der bronzefarbigen Verführerin, daß das Mädchen mit einem lauten Aufschrei nach der getroffenen Schulter griff, während das Geschirr zerbrochen am Boden klirrte.

In der nächsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger Flucht verschwunden. Das Gesicht des Fürsten aber war rot vor Zorn, und er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.

Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mädchen vor einem ähnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, daß es seiner Intervention hier nicht bedurfte.

Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verächtlichen Zucken der schönen Lippen war der junge Page dicht vor den Fürsten hingetreten. Ein halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mußte den Zorn des Russen plötzlich beschwichtigt haben. Denn er ließ den schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den Tisch.

„Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij!“ sagte er so gleichmütig, als wäre gar nichts geschehen. „Es ist eine wahre Plage, daß man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.“

Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes Lächeln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine leise Regung des Neides gegen den glücklichen Besitzer von soviel berückender weiblicher Schönheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig, sich leicht in den Hüften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine Bemerkung auf den Lippen, die dem Fürsten verraten sollte, daß er hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen Zwischenfall daran gehindert.

Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und überreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mußte, mit militärischem Gruße ein Billet.

„Von dem Herrn Obersten,“ sagte er. „Und ich soll melden, daß es sehr dringlich sei.“

Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar höflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen möglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte, einen Befehl, dem er ohne Zögern und Widerspruch gehorchen mußte.

Baird war der Höchstkommandierende des hier stationierten Detachements, das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie bestand. Wie in allen anderen Residenzen der großen indischen Fürsten, hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu halten und alle Rebellionsgelüste im Keime zu ersticken. Da Oberst Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Fürsten bekleidete und somit alle diplomatische und militärische Gewalt in seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in Chanidigot anzusehen.

Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grünen Ebene aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebäuden, die einen mit Pflanzen und einem plätschernden Brunnen geschmückten viereckigen Hof umschlossen.

Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen. Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, führte ihn ohne weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

Höflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann für sein rasches Erscheinen.

„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Heideck,“ fügte er hinzu, „ich habe mich ungern entschlossen, Sie zu bemühen, aber ich konnte es Ihnen nicht ersparen. Es ist mir gemeldet worden, daß Sie heute Morgen bei dem Maharadjah waren.“

„Allerdings. Ich hatte in Geschäften mit ihm zu reden. Denn ich stehe im Begriff, für mein Hamburger Haus einen großen Posten Indigo von ihm zu kaufen.“

„In Ihre Geschäfte habe ich mich selbstverständlich nicht einzumischen. Aber ich muß Ihnen sagen, daß wir einen direkten Verkehr von Europäern mit den eingeborenen Fürsten nicht gern sehen. Sie werden deshalb gut tun, mir in künftigen Fällen vorher Mitteilung davon zu machen, wenn Sie zu dem Maharadjah berufen werden, damit wir uns über das, was Sie ihm sagen oder nicht sagen dürfen, verständigen können. Wir dürfen leider nicht allen indischen Fürsten trauen, und dieser hier ist vielleicht einer der unzuverlässigsten unter ihnen. Sie dürfen das, was ich Ihnen da sage, nicht als einen Ausdruck des Mißtrauens gegen Sie ansehen. Die Verantwortlichkeit meiner Stellung aber gebietet mir die allergrößte Vorsicht.“

„Ich begreife das vollkommen, Herr Oberst!“

„Gerade in diesem Augenblick scheint sich die Lage besonders schwierig zu gestalten. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir nicht recht unruhigen Zeiten entgegen gingen. Der Generalgouverneur von Turkestan ist auf dem Marsche, und seine Avantgarde ist bereits über die Grenze von Afghanistan vorgedrungen.“

Heideck hatte Mühe, die Erregung zu verbergen, in welche diese Bestätigung der Mitteilung Tschadschawadses ihn versetzte.

„Ist das gewiß, Herr Oberst? Was wollen die Russen in Afghanistan?“

„Was sie da wollen? Nun, mein lieber Mr. Heideck, ich denke, das ist ziemlich klar. Ihr Vorgehen bedeutet den Krieg gegen uns. Rußland will das natürlich vorläufig noch nicht offen zugeben. Man behandelt den Vormarsch als eine Angelegenheit, die nur den Emir anginge und um die wir uns nicht zu kümmern hätten. Aber man müßte sehr befangen sein, um die wahre Absicht nicht zu durchschauen.“

„Und darf ich fragen, was der Herr Oberst zu tun gedenkt?“

Oberst Baird mußte den jungen Deutschen in der Tat für eine sehr vertrauenswürdige oder für eine sehr ungefährliche Persönlichkeit halten, da er ihm bereitwillig Antwort gab.

„Die russische Avantgarde hat den Amu darja überschritten und zieht das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maßregeln treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getäuscht haben. So geduldig und langmütig sind wir doch nicht, daß wir unsere lieben Nachbarn einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in Afghanistan plötzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas, gegenüber sehen.“

Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und da Heideck wahrnahm, daß der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier unter vier Augen zu sprechen wünsche, hielt er es für ein Gebot der Höflichkeit, sich zu empfehlen.

Die Worte des Obersten: ‚Das Vorgehen der Russen in Afghanistan bedeutet den Krieg‘, klangen ihm unablässig in den Ohren wieder. Er pries in seinem Herzen den glücklichen Zufall, der ihn zur rechten Zeit auf den Schauplatz großer weltgeschichtlicher Ereignisse geführt hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es anfangen könne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und Beobachter zugegen zu sein.

Daß sein russischer Freund von demselben Wunsche erfüllt sein würde, durfte er um so eher voraussetzen, als Fürst Tschadschawadse ja einer der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehörte. Er beeilte sich deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den Fürsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.

„Also wirklich! Die Avantgarde ist schon über den Amu darja! Und es wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen!“ rief der Russe in hellem Jubel aus. „In unserer Armee herrschte die Befürchtung, daß der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen würde, einen Krieg zu führen. Es müssen mächtige und unwiderstehliche Einflüsse gewesen sein, die zuletzt doch über seine Friedensliebe gesiegt haben.“

„Sie wollen natürlich so schnell als möglich zur Armee?“ fragte Heideck. Und da der Fürst bejahte, fügte er hinzu:

„Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich Ihnen anzuschließen. Wie aber kommen wir über die Grenze? Hoffentlich läßt man uns als unverdächtige Kaufleute unbehelligt passieren.“

„Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin aber müssen wir’s versuchen. Wir können mit der Bahn in zwölf Stunden in Peschawar und in fünfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien dürften augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein. Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich würden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische Truppen stoßen. Denn ich zweifle nicht, daß auch gegen Kabul hin ein russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen, nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.“

„Ich würde vorschlagen, über Peschawar und durch den Kaiberpaß zu gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.“

„Wir werden das nachher noch des näheren besprechen, Herr Kamerad! Jedenfalls ist es ausgemacht, daß wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch, daß auch auf der großen Weltbühne in diesem Augenblick Ihre Nation Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.“


V.

Inhaltsverzeichnis

Als verheirateter Offizier bewohnte Kapitän Irwin nicht eine der hölzernen Baracken im englischen Camp, sondern ein Bungalo in der Vorstadt.

Es war ein einstöckiges, von einem großen, gut gehaltenen Garten umgebenes Haus mit breiten Veranden, das früher einem hohen Hofbeamten des Maharadjah als Wohnung gedient hatte. Abseits lagen zwei kleinere, für die Dienerschaft bestimmte Gebäude, von denen gegenwärtig nur eines benutzt wurde.

Die Sonne desselben Tages, der ihm so wichtige und für die Gestaltung seiner nächsten Zukunft entscheidende Entschlüsse nahe gelegt hatte, neigte sich bereits dem Untergange zu, als Hermann Heideck die Kaktushecke und das Bambusgebüsch des zum Irwinschen Bungalo gehörenden Gartens durchschritt.

Er war in einen Gesellschaftsanzug aus leichtestem schwarzen Tuch gekleidet, wie es englische Sitte für einen um die abendliche Dinerzeit abgestatteten Besuch unter jenem Himmelsstrich vorschreibt.

Er kam heute nicht aus eigenem Antrieb, und der Morgengruß Irwins hatte nichts Einladendes gehabt. Ein Billet von Mrs. Irwin hatte ihn zu seiner Ueberraschung um sein Erscheinen zu dieser Stunde gebeten. Er hatte der Fassung des Briefes entnommen, daß es sich um etwas Dringliches handeln müsse, und es lag nicht fern, zu vermuten, daß die unglückliche Pokerpartie des Kapitäns die Ursache wäre. Was Mrs. Edith veranlaßt haben konnte, sich gerade an ihn zu wenden, war ihm allerdings vorläufig ein Rätsel. Denn seine Beziehungen zu der schönen jungen Frau hatten bis zu diesem Augenblick ganz und gar nichts Vertrauliches gehabt. Er war ihr einigemal in größerer Gesellschaft, beim Polospiel der Offiziere und ähnlichen Anlässen begegnet. Und wenn er, durch ihre Anmut und ihren Geist gefesselt, sich der Gattin des Kapitäns vielleicht auch lebhafter gewidmet hatte, als irgend einer der anderen anwesenden Damen, so hatte sich ihr Verkehr doch durchaus in den konventionellen Grenzen bewegt. Und niemals würde es ihm eingefallen sein, sich einer besonderen Bevorzugung durch Mrs. Irwin zu rühmen.

Die zierliche indische Zofe der Hausfrau empfing den Besucher und führte ihn zu der Veranda. Mrs. Irwin, die in einem Kleide von roher Seide auf einem Schaukelstuhl gesessen hatte, ging ihm einige Schritte entgegen. Aufs neue fühlte sich Heideck entzückt durch den Liebreiz ihrer Erscheinung. Sie war eine echt englische Schönheit von hoher, wundervoll ebenmäßiger Gestalt, feinen Zügen und jener weißen, durchsichtigen Haut, die den Töchtern Albions einen ihrer eigenartigsten Reize verleiht. Reiches, dunkelblondes Haar schmiegte sich in dichten, natürlichen Wellen um die breite Stirn, und ihre blauen Augen hatten den klaren, ruhigen Blick einer ebenso intelligenten wie willensstarken Persönlichkeit.

In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher nur als die gelassene und beherrschte Dame der großen Welt kennen gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentümlich Befangenes war in der Art, wie sie den Besucher begrüßte.

„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird Sie befremdet haben, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Bitte, lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier draußen empfindlich kühl.“

Von solcher Kühle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er glaubte zu verstehen, daß es nur die Furcht vor einem Lauscher sei, die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schloß sie hinter ihm die Glastür und lud ihn ein, ihr gegenüber auf einem der breiten Rohrstühle Platz zu nehmen.

„Kapitän Irwin ist nicht anwesend,“ eröffnete sie, noch immer ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kämpfend, das Gespräch. „Er ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurückkehren.“

Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte. Wäre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugter Frauenjäger gewesen, so würde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schönen Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht hatte, schützte sie hinlänglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte, daß ihr Gespräch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestört werden konnte, so hatte sie dafür sicherlich andere Gründe gehabt, als den Wunsch nach einem Abenteuer.

Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers, regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglücklichen Wesen irgend einen ritterlichen Dienst erweisen zu dürfen.

Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben hätte. Darum wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wünsche. Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs. Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:

„Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitän Mc. Gregor abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar lediglich Ihnen zu verdanken, daß mein Mann nicht in der ersten Erregung Hand an sich gelegt hat.“

Bescheiden wehrte Heideck ab.

„Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit gäbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, daß Ihr Gatte sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat hätte hinreißen lassen. Im entscheidenden Augenblick würde der Gedanke an Sie ihn sicherlich vor dem Aeußersten bewahrt haben.“

Er war überrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schöne Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:

„Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist nicht gewöhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und vielleicht wäre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was er mir hätte antun können.“

Sie sah wohl die Bestürzung in seinen Zügen, und deshalb fügte sie rasch hinzu:

„Sie werden mich gewiß für das herzloseste Geschöpf halten, weil ich so zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der Verlust der Ehre für schlimmer als der Tod?“

„Unter gewissen Umständen — ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher von der Persönlichkeit des Kapitäns Mc. Gregor empfangen habe, ist er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen Spielschuld willen zum Aeußersten treiben wird.“

„O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er würde am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein derartiges Arrangement herbeizuführen, war er heute nachmittag hier. Aber der törichte Stolz, die maßlose Eitelkeit Irwins machten alle seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut gemeinten Bemühungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine Schuld um jeden Preis zu bezahlen.“

„Und — verzeihen Sie die indiskrete Frage — ist er dazu imstande?“

„Wenn er sich meines Vermögens bedient — gewiß! Und ich habe es ihm ohne weiteres zur Verfügung gestellt. Ich habe ihm gesagt, daß er alles bis auf den letzten Penny nehmen möge, wenn dieses Opfer ausreichend sei, mich für immer von ihm zu befreien.“

Heideck wußte kaum, ob er seinen Ohren trauen dürfe. Auf nichts in der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche Geständnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau, die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthüllungen vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nächsten Stunde bereut haben würde.

„Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, daß Sie für eine sträfliche Leichtfertigkeit, für eine vielleicht im halben Rausch begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen. Aber da Sie mich einmal der Ehre gewürdigt haben, mit mir über diese Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich Ihnen sage, daß es meiner Ansicht nach das richtigste wäre, Ihren Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen wohl kaum zu fürchten, daß diese Folgen allzu schlimm sein werden. Mc. Gregor wird ihn gewiß nicht drängen. Und da wir unmittelbar vor dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben, sein erschüttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.“

„Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen für Ihre freundliche Absicht. Aber ich würde Sie nicht zu einer so ungewöhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun wäre, durch liebenswürdigen Zuspruch getröstet zu werden. Ich befinde mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage — entsetzlich besonders deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem ich mir Rat und Beistand holen könnte. Daß ich in meiner Verzweiflung darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, muß Sie gewiß in Erstaunen setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.“

„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen können, Mrs. Irwin, Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt über mich zu verfügen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten. Und Ihr Vertrauen würde mich sehr glücklich machen.“

„Als Gentleman dürfen Sie mir natürlich nicht anders antworten. In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht für unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, daß wir einander kaum kennen. Drüben in England und gewiß nicht weniger in Ihrer deutschen Heimat würden so flüchtige Begegnungen, wie es die unsrigen waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einfluß dieser europäischen Anschauungen stehen.“

„Auch in Deutschland würde jede schutzlose und unglückliche Frau unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben,“ erwiderte er ernst. „Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so habe ich das nur dankbar anzuerkennen und über Ihre Beweggründe nicht weiter nachzudenken.“

„Aber Sie sollen sie selbstverständlich erfahren. Meine hiesigen Freunde sind natürlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil über Irwin sprechen will. Keiner von ihnen dürfte es geschehen lassen, daß ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde länger dem Offizierkorps des britischen Heeres angehört.“

„Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffäre des Kapitäns ist seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.“

„Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber würden Sie über den Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um seine Schulden zu bezahlen?“

Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit großen Augen starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er mit gleicher Deutlichkeit gefühlt, ein wie köstlicher, unschätzbarer Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein müsse, dem es sich liebend zu eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, daß sie soeben die volle Wahrheit gesprochen, desto heißer wallte in seinem Herzen ein leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.

„Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitän Irwin zu beziehen,“ sagte Heideck mit merklich bebender Stimme. „Denn wenn er dazu in Wahrheit fähig gewesen wäre — — —“

Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem neben ihr stehenden Tischchen lag.

„Möchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?“

Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstück denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck, und die junge Frau nickte bestätigend.

„Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring ist ein altes Erbstück in meiner Familie. Juweliere schätzen seinen Wert auf mehr als tausend Pfund.“

„Und weshalb trägt Ihr Gatte ihn nicht mehr?“

„Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natürlich ist der Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen gestatten darf. Und mein Gatte wünscht, daß ich den Handel mit dem Fürsten abschließe.“

„Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?“

„Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert. Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.“

„Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wäre er mehr als zwölffach überzahlt!“

„Mein Mann ist trotzdem sicher, daß das Geschäft ohne Schwierigkeiten zustande kommen würde, wenn ich die persönliche Vermittelung übernähme.“

Es war unmöglich, den Sinn ihrer Worte mißzuverstehen. Und so groß war die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, daß er ungestüm von seinem Stuhle aufsprang.

„Nein, das ist unmöglich — undenkbar! — Das konnte er Ihnen nicht zumuten! Sie müssen ihn mißverstanden haben. Einer solchen Nichtswürdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman niemals fähig sein!“

„Sie würden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt hätten, ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner Handlungsweise überraschen könnte. Er hat eben längst aufgehört, mich zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist, hat für ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt es für seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist möglicherweise ein atavistischer Rückfall in die Anschauungen seiner Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren, mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz führten, um sie an den Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein, daß sich diese schöne Sitte verloren hat.“

„Nicht weiter, Mrs. Irwin!“ fiel ihr Heideck ins Wort. „Ich kann es nicht ertragen, Sie so sprechen zu hören. Und noch immer bin ich der Meinung, daß der Kapitän unzurechnungsfähig gewesen sein muß, als er Ihnen das zumuten konnte.“

Die junge Frau schüttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.

„O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich um diese ‚kleine‘ Gefälligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fühlen, daß Seine indische Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so großen Wert beimißt. Daß ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe, war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewußtsein gekommen. Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen Aufmerksamkeiten zu belästigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und nicht einen Augenblick an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine — nun, nennen wir es: seine Zuneigung — bis zu verbrecherischen Wünschen versteigen könnte. Nach allem, was ich heute erfahren, muß ich es indes wohl glauben.“

„Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch für Sie in demselben Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten zurückwiesen?“

„Zwischen ihm und mir — ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit die Wünsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wüßte nicht, woher sie kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.“

Ungläubig schüttelte Heideck den Kopf.

„Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu fürchten. Er weiß sehr wohl, daß er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern würde, wenn er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu verletzen wagte. Er müßte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf ankommen ließe.“

„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte — — — Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen. Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“

„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“

Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte Edith Irwin den Kopf.

„Nein — nein! — Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser begreifen.“

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß, den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand des armen jungen Weibes drückten.

„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu machen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“

Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen, und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres ganzen, langen Beisammenseins.


VI.

Inhaltsverzeichnis

Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück. Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte, konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem Platze, und als er endlich — das törichte seines Beginnens erkennend — den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen zu veranlassen.

Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau umklammerten.

Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen, weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht zurück.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins Leben zurückzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte, mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.

Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen Willens abschüttelnd, sprang sie auf.

„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck — Sie haben Ihr Leben für mich eingesetzt — wie soll ich Ihnen danken!“

„Allein damit, gnädige Frau, daß Sie mir erlauben, Sie unverzüglich in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich notwendig bis zur Rückkehr Ihres Gatten stellen müssen. Von wem auch immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, — ob diese Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage gehandelt, jedenfalls fühle ich mich als einzelner Mann nicht stark genug, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen.“

„Sie haben recht,“ erwiderte Edith fügsam. „Ich werde mich sogleich bereit machen, mit Ihnen zu gehen. — Aber dieser Mann da —“ fügte sie erschauernd hinzu, — „ist er tot? Oder kann man noch etwas für ihn tun?“

Heideck neigte sich über den Regungslosen herab, und ein einziger Blick in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren, verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.

„Er hat empfangen, was ihm gebührte,“ sagte er, „und für Ihr hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar kein männliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein könnte, den Mann beiseite zu schaffen?“

„Alle sind fort,“ sagte die Zofe. „Der Haushofmeister hat sie aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergnügten Abend zu machen.“

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, daß es sich bei dem tollkühnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber des schändlichen Anschlags.

Aber sie sprachen sich nicht darüber aus. Gerade weil sie sich durch die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer zueinander führen kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende Schranke zwischen ihnen niedergerissen hätte. Und Kapitän Irwins Name wurde nicht zwischen ihnen genannt.


VII.

Inhaltsverzeichnis

Es war um die Mittagszeit, als Kapitän Irwin aus dem Bungalo des Obersten trat und sich seinem Hause zuwandte. Die Unterhaltung mit seinem Vorgesetzten mußte für ihn sehr bedeutungsvoll und wenig erfreulich gewesen sein. Denn er war sehr bleich. Auf seinen Wangen brannten rote Flecken und seine tiefliegenden Augen blickten finster, wie in mühsam beherrschtem Zorn.

Kurze Zeit darauf wurde das Pferd des Obersten vorgeführt und gleichzeitig ritt ein Zug Lancers unter dem Kommando eines Wachtmeisters in den Hof ein. Der Kommandierende erschien in großer Uniform und setzte sich an die Spitze des Zuges, der im Galopp dem Schlosse des Maharadjah zusprengte.

Unmittelbar vor dem Palast machten die Reiter Halt, und in befehlendem Ton rief Oberst Baird den am Eingangstor lungernden Dienern zu, daß er den Maharadjah zu sprechen wünsche.

Ein paar Minuten vergingen, ehe ein prächtig gekleideter Palastbeamter mit der Meldung zurückkam, daß Seine Hoheit augenblicklich niemanden empfangen könne. Der Herr Oberst würde Nachricht erhalten, sobald die erbetene Audienz bewilligt werden würde.

Jetzt schwang sich der Befehlshaber aus dem Sattel und ging festen, sporenklirrenden Schrittes in das Schloß, seinen Säbel mit lautem Gerassel hinter sich her über die Marmorfliesen schleifend.

„Melden Sie dem Fürsten, daß ich auf der Stelle mit ihm zu reden habe!“ rief er mit drohender Stimme den Palastbeamten und Dienern zu, die ihm in sichtlicher Bestürzung folgten.

Einer so kategorischen Erklärung wagte man offenbar keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen. Alle Tore öffneten sich vor dem Engländer, und auch im Vorzimmer brauchte er kaum eine Minute lang zu warten, ehe sich der Fürst bereitfinden ließ, ihn zu empfangen.

Auf einer kleinen, hochgelegenen Terrasse des Erdgeschosses saß der Maharadjah beim Luncheon. Er veränderte seine absichtlich lässige Haltung nicht, als der englische Resident auf ihn zutrat. Und der sprühende Blick, mit dem seine dunklen Augen sich auf den Eindringling richteten, sollte den Fremden offenbar einschüchtern.

Den Helm auf dem Kopf, die Faust auf den Säbel gestützt blieb der Oberst hart vor dem Fürsten stehen.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Maharadjah!“

„Und ich habe Ihnen durch meine Diener sagen lassen, daß ich jetzt nicht zu sprechen bin. Sie sehen, ich bin bei der Mahlzeit!“

„Das darf für Sie kein Hindernis sein, den Vertreter Seiner britischen Majestät zu empfangen. Der Bescheid, den Sie mir erteilen ließen, war eine Beleidigung, die bei einer Wiederholung nicht ungesühnt bleiben würde.“

In aufloderndem Zorn fuhr der Fürst von seinem Sessel empor. Er schleuderte dem Obersten ein Schmähwort ins Gesicht, und seine Rechte fuhr gleichzeitig nach dem Dolche in seinem Leibgurt. Erschrocken prallte der Diener zurück, der eben im Begriff gewesen war, ihm auf silberner Schale eine rotschimmernde Languste zu präsentieren. Der Oberst aber setzte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von seinem Platze zu rühren, das silberne Jagdpfeifchen an den Mund, das an seiner Schulter hing. Zwei gellende Pfiffe ertönten, und unmittelbar darauf wurde das Trappeln von Pferdehufen und das Klirren von Waffen vernehmlich. Die hohen, blaugestreiften Turbane der Reiter und die Fähnchen ihrer Lanzen tauchten neben der Terrasse auf.

„Man rufe meine Leibgarde!“ schrie der Fürst mit vor Wut heiserer Stimme.

Aber mit eisiger Ruhe klang es von den Lippen des Obersten:

„Wenn Sie Ihre Leibgarde kommen lassen, Maharadjah, sind Sie ein toter Mann. Das wäre Rebellion. Und mit Rebellen pflegen wir keine Umstände zu machen.“

Der Fürst preßte die Lippen zusammen. Die mit ungeheurer Anstrengung beherrschte Wut ließ seinen Körper wie im Fieber erzittern. Aber er mußte einsehen, daß er hier der schwächere sei, denn ohne ein weiteres Wort ließ er sich wieder in seinen Sessel fallen.

Der Oberst trat an die Brüstung der Terrasse.

„Wachtmeister Thomson!“ rief er in den Park hinaus.

Auf den Marmorstufen erklangen schwere Schritte, und der Gerufene, dem zwei Soldaten folgten, trat in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten gegenüber.

„Wissen Sie, Wachtmeister, wer der Herr dort am Tische ist?“

„Zu Befehl, Herr Oberst! Das ist Seine Hoheit der Maharadjah.“

„Wenn ich Ihnen Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften und zum Camp zu führen, — würden Sie Bedenken tragen, zu gehorchen?“

Der Wachtmeister sah den Fragenden an, als ob der Zweifel an seinem bedingungslosen, militärischen Gehorsam ihn in Erstaunen setzte. Dann machte er eine Kopfbewegung gegen die beiden Soldaten hin und trat, als wollte er den Auftrag sofort zur Ausführung bringen, um einen weiteren Schritt auf den Fürsten zu.

„Halt, Wachtmeister!“ rief der Oberst. „Ich hoffe, Seine Hoheit wird es nicht zum äußersten kommen lassen. Sie sind doch bereit, Maharadjah, mir jetzt Rede zu stehen?“

Schweigend deutete der Inder auf den vergoldeten Sessel an der anderen Seite des Tisches. Auf einen Wink des Obersten traten der Wachtmeister und die beiden Soldaten wieder ab.

„Ich habe eine sehr ernste Frage an Sie zu richten, Maharadjah!“

„Sprechen Sie!“

„In der letzten Nacht, während der Kapitän Irwin abwesend war, sind einige verbrecherische Leute in sein Haus eingedrungen in der Absicht, sich tätlich an der Gemahlin des Kapitäns zu vergreifen. Was wissen Sie von dieser Sache, Maharadjah?“

„Ich verstehe Sie nicht, Oberst! Was sollte ich davon wissen?“

„Vielleicht täten Sie doch gut, sich zu besinnen. Sie hören von dieser Affäre zum ersten Mal?“

„Gewiß. Ich habe bisher nicht das geringste davon gewußt.“

„Auch das hat man Ihnen also nicht gemeldet, daß derjenige von den Einbrechern, der tot auf dem Platze geblieben ist, einer Ihrer Diener war?“

„Nein. Ich habe sehr viele Diener, und ich bin nicht verantwortlich für das, was sie tun, wenn es nicht in meinem Auftrage geschah.“

„Gerade das aber ist es, was ich vermute. Sie werden mir schwerlich zumuten zu glauben, daß einer Ihrer Diener einen derartigen Ueberfall auf eigene Hand gewagt haben sollte. Die anderen Schurken sind zwar entkommen, aber einer von ihnen hat einen Säbel zurücklassen müssen, der einem Manne Ihrer Leibgarde angehörte.“

Der Maharadjah kämpfte augenscheinlich einen schweren Kampf, seine Fassung zu bewahren. Indem er seine Wut hinter einem verächtlichen Lächeln zu verbergen suchte, sagte er:

„Es ist unter meiner Würde, Oberst, Ihnen darauf zu antworten.“

„Von irgend einer Würde, die Sie berechtigte, eine von dem britischen Residenten verlangte Auskunft zu verweigern, kann nicht die Rede sein. Sie haben es nicht mit einem einfachen englischen Offizier, sondern mit dem Vertreter Seiner Majestät des indischen Kaisers zu tun. Wie es meine Pflicht ist, Sie zu fragen, so ist es die Ihre, mir zu antworten. Eine Weigerung könnte leicht die schwersten Folgen für Eure Hoheit haben. Denn die Regierungskommissare, die man auf meinen Bericht hin von Kalkutta nach Chanidigot entsenden würde, dürften sich von Ihrer Würde sehr wenig imponieren lassen.“

Wieder biß der Inder die Zähne zusammen, und ein wilder, leidenschaftlicher Haß glänzte in seinen Augen. Aber er mochte zu gleicher Zeit daran denken, daß er nicht der erste unter den indischen Fürsten gewesen wäre, den man wegen eines geringfügigen Uebergriffes auch um den letzten Rest seiner Scheinherrschaft gebracht hätte. Darum zwang er sich zu einer äußerlich ruhigen Entgegnung.

„Wenn Sie es für nötig halten, nach Kalkutta zu berichten, so kann ich Sie daran nicht hindern. Aber ich denke, der Vizekönig wird sich besinnen, einen treuen Alliierten Englands gerade in dem Augenblick zu beleidigen, wo er ihn um die Entsendung einer Hilfstruppe angeht.“

„Da Sie dieses Umstandes einmal erwähnen — wer ist zum Kommandeur der Truppe bestimmt?“

„Mein Vetter Tasatat Radjah.“

„Und wann wird er marschieren?“

„In etwa vier Wochen, wie ich hoffe.“

Der Offizier schüttelte den Kopf.

„Das wäre viel mehr Zeit, als wir Ihnen geben können. Ihre Truppe soll sich meinem Detachement anschließen, und ich werde spätestens in vierzehn Tagen ausrücken.“

„Sie verlangen Unmögliches. Es fehlt vorläufig noch an Pferden, und ich weiß nicht, woher ich in so kurzer Zeit zweitausend Kamele nehmen sollte. Auch habe ich bei weitem nicht genug Munition für die Infanterie.“

„Die fehlende Munition kann für Rechnung Eurer Hoheit aus dem Arsenal zu Mooltan geliefert werden. Was aber die Pferde und Kamele betrifft, so werden Sie bei einiger Anstrengung die nötige Anzahl ohne Zweifel zu rechter Zeit stellen können. Ich wiederhole, daß in vierzehn Tagen alles bereit sein muß. Vergessen Sie nicht, daß die pünktliche Ausführung des Ihnen erteilten Befehls gewissermaßen eine Probe auf Ihre Treue und Ihren Eifer darstellt. Jedes unnötige Zaudern und jede Zweideutigkeit in Ihrer Haltung müßten Ihnen verhängnisvoll werden.“

Der Nachdruck, mit dem diese Worte gesprochen waren, verriet hinlänglich, wie ernst sie gemeint seien. Und der Maharadjah, dessen gelbliche Haut sich für einen Moment dunkler gefärbt hatte, neigte schweigend den Kopf.

Oberst Baird erhob sich von seinem Sitz.

„Was die Angelegenheit der Mrs. Irwin betrifft, so erwarte ich die sofortige Einleitung einer gründlichen Untersuchung. Und ich verlange, daß sie mit schonungsloser Strenge, ohne alle Winkelzüge und Heimlichkeiten geführt werde. Die Beleidigung, die von einigen Ihrer Untertanen einem Offizier Seiner Majestät und einer britischen Dame zugefügt wurde, ist eine so ungeheuerliche, daß nicht nur die Verbrecher selbst, sondern auch der Anstifter dieser Tat der verdienten Strafe überliefert werden müssen. Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit. Wenn ich nicht vor Ablauf dieser Frist einen befriedigenden Bericht von Ihnen erhalten habe, so werde ich selbst die Untersuchung führen. Und Sie dürfen gewiß sein, daß die gewünschte Aufklärung dann binnen kürzester Frist erfolgt sein wird.“

Er legte militärisch grüßend die Hand an den Helm und schritt, diesmal den kürzesten Weg wählend, die Stufen der Terrasse hinab. Klirrend und rasselnd sprengte der Reiterzug davon.

Mit düster funkelnden Augen blickte ihm der Maharadjah nach. Dann befahl er dem Diener, Mohammed Bhawon, seinen Leibarzt, zu rufen. Und als wenige Minuten später das ganz in weißen Musselin gekleidete magere, verhutzelte Männchen mit dem faltigen braunen Gesicht und den stechenden schwarzen Augen zu ihm trat, winkte er ihm gnädig zu, sich auf dem goldgestickten Polster an seiner Seite niederzulassen.

Eine zweite gebieterische Handbewegung wies den Diener hinaus. Und indem er seinen Arm vertraulich um den Nacken des Arztes legte, sprach der Maharadjah lange und angelegentlich mit behutsam gedämpfter Stimme auf ihn ein — freundlich und schmeichelnd, wie man zu jemandem redet, von dem man außerordentliches verlangt — aber noch immer mit dem Glitzern einer leidenschaftlichen Wut und eines tödlichen Hasses in den Augen.


VIII.

Inhaltsverzeichnis

Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nächtlichen Ueberfall auf eine Botschaft von Edith, die ihm die Möglichkeit gewährt hätte, sie wiederzusehen. Er war darauf gefaßt, von Irwin wegen seines abendlichen Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitän ließ sich nicht bei ihm blicken.

Am frühen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden, um über den Hergang des nächtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten. Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck, daß der Oberst in seinen Fragen eine eigentümliche Zurückhaltung beobachtete. Offenbar wünschte er in dem Deutschen die Vorstellung zu erwecken, daß er selbst fest überzeugt sei, man habe es nur mit verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt hätten. Ganz beiläufig nur erwähnte er, daß der Tote als ein Mann von der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck fragte, ob ihm aus der Tötung des Mannes von seiten der Zivilbehörden noch Weiterungen erwachsen könnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein entschiedenes Nein.

„Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen niederschossen, und ich verbürge mich dafür, daß Sie weder von den englischen Behörden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden sollen.“

Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls eine beruhigende Antwort gegeben.

„Die Dame erfreut sich glücklicherweise des besten Wohlseins,“ sagte der Oberst. „Sie ist eben eine Frau von bewundernswürdiger Seelenstärke.“

Auch bis zum nächsten Morgen hatte Kapitän Irwin noch nichts von sich hören lassen. Heideck und Fürst Tschadschawadse saßen in ihrem Bungalo beim Frühstück und plauderten über die wichtigen Nachrichten, welche die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.

Die ‚India Times‘ schrieb, daß Rußland durch seinen Einmarsch in Afghanistan die Londoner Verträge verletzt habe und daß England dadurch ebenfalls berechtigt und genötigt würde, eine Armee nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, daß friedliche Verhandlungen den drohenden Konflikt lösen würden. Wenn aber die russische Armee nicht nach Turkestan zurückkehre, würde England sich ebenfalls zu energischen Maßregeln veranlaßt sehen. Eine englische Truppenmacht würde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen Bündnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf alle Fälle würde eine starke Flotte in den Häfen von Plymouth und Portsmouth ausgerüstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.

„Bezeichnender als das,“ sagte Heideck, „ist die Tatsache, daß die zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Börse gestern einen Kurs von neunzig notierten, während sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig standen. Die Engländer scheuen sich, offen auszusprechen, daß der Krieg tatsächlich begonnen hat.“

„Ein Krieg ohne Kriegserklärung,“ stimmte der Fürst zu. „Jedenfalls müssen wir uns beeilen, über die Grenze zu kommen. Ich möchte nicht gern den Augenblick versäumen, wo man in Afghanistan losschlägt.“

„Das kann ich Ihnen nachfühlen. Aber es dürfte alsdann in der Tat keine Zeit zu verlieren sein.“

„Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock. Morgen Abend können wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je früher wir durch den Paß kommen, desto besser, denn später dürfte es Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.“

„Sie führen doch nichts Verdächtiges bei sich — Karten, Zeichnungen oder dergleichen?“

Der Russe schüttelte lächelnd den Kopf, „Nichts als Murrays Handbuch, den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich würde mich wohl hüten, etwas anderes mitzunehmen. Für Sie liegt die Sache ja weniger ängstlich.“

„Weshalb für mich?“

„Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege. Ich aber würde sofort in Gefahr sein, für einen Spion gehalten zu werden.“

„Uebrigens glaube ich, daß wir beide nichts zu fürchten hätten, selbst wenn man uns als Offiziere erkennen würde. Es dürften in diesem Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem Gebiet als russische hier in Indien sein.“

„Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, pflegt man mit den Offizieren fremder Mächte allerdings höflich zu verfahren. Aber unter den obwaltenden Umständen möchte ich es doch nicht gern darauf ankommen lassen. Die Möglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, läge nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplänen in meinem Gedächtnis bewahre, könnte man ja glücklicherweise selbst mit Röntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht geäußert, Herr Kamerad — sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?“

„Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich möchte vorläufig noch bleiben.“

Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:

„Sie sagten selbst, daß ich mich als Deutscher in einer weniger gefährlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt, kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten hier, wo nichts auszuspionieren wäre.“

Daß es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die plötzliche Aenderung seiner Entschlüsse herbeigeführt hatte, verriet er nicht. Und der Russe zerbrach sich über seine Beweggründe allem Anschein nach nicht weiter den Kopf.

„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte, uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III. ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres Sieges über die Türken gebracht hat.“

„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die Rede ist.“

„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien beschränken.“

Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.

„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“

„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich, wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu treiben.“

Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das ursprüngliche Thema zurück.

„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“

„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee gelange.“

„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan. In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß kommen.“

„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte England den Paß nicht zu halten.“

„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“ fragte Heideck.

„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“

„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß nach Indien zurückgekehrt.“

Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.

„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand vollständig auf.“

„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“

„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben, wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November 1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß, das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten. Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“

„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter gehen?“

„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet. Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel. Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow, mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen, daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch viel näher gekommen.“

„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am Pamirgebiet machen können.“

„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht. Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen. Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“

„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“

„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“

„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“

„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte, und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten, übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie; denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen, daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß stehenden Tschitratal hinabsteigen.“

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen, der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen; denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich wiederzusehen.

„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“

„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich einstweilen noch hier zurück.“

„Nun — wie Sie wollen, — ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage auf mich zählen dürfen.“


IX.

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Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte, blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.

Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt in den schweigenden Tannenwald.

Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.

Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren Entschluß.

Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer, die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm fremd.

Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:

„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren, und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben, hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt, der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen Vaterlandes ist.“

„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“

„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres Kaisers ins Feld zu führen.“

„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte? Gegen wen sollten wir fechten?“

„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für den ich ihn halte, — — —“

Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.

„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“

„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:

„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“

Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:

„Sie haben gedient?“

„Zu Befehl, Majestät — als Leutnant beim Königlich hannoverschen Regiment Garde du Corps.“

„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“

„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen. Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“

Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und intelligente Augen leuchteten.

„Sie haben viel von der Welt gesehen?“

„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich mein Geschäft in Hamburg errichtete.“

„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“

„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu hören.“

„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“

„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“

„Und wie denken Sie?“

„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens, Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich ankristallisieren müssen.“

„O! — Sie haben Mut!“

„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“

Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:

„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“

Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.

Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn von Grubenhagen.

„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines Krieges denkt.“

Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:

„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder, ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot, die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne. Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen. Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als Gold, denn dem Eisen verdanken wir all’ unsern Besitz. Wozu wären denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen, um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte; wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“


X.

Inhaltsverzeichnis

Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf, waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst, namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.

Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.

Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.

„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“

Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz und sagte:

„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“

Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:

„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“

Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe. Aber er fragte nur:

„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz des Obersten bleiben?“

„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden. Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“

„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“

„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen wäre.“

„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“

„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“

„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“

„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm, wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker, den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist. Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben, und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“

Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man sich zu Tisch.

Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre. Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.

„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“

Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.

„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen wird.“

Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen Moment die Hand über die Augen.

Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte acqua toffana bei den italienischen Despoten.“

Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die Tafel aufzuheben.

Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen, der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.

„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck — bitte — hier ist noch ein Stuhl frei.“

Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines Herzens ihn darüber belehrt haben.

Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das — den Obersten vielleicht ausgenommen — zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.

Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde des Maharadjah eskortierte.

Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda, schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des Obersten empor.

Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen Strahlen aus.

„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der Maharadjah in einer besonderen Mission.“

Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch nicht zum Niedersitzen ein.

„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich, es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner Hoheit gesprochen wurde.“

„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen. „Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“

Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden Gefährte.

„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“

„Das wären also fünf Lakh?“

„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine günstige Antwort zu erfreuen.“

Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht, wie zuvor:

„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll, werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“

Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte, daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder in Bewegung und verschwand in der Ferne.

Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet, daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig sei.

„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat, glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte — sowohl den Anschlag gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta berichtete.“

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