Kitabı oku: «Deutsche Sprachwissenschaft»
Ingo Reich / Augustin Speyer
Deutsche Sprachwissenschaft
Eine Einführung
Reclam
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung nach einem Konzept von zero-media.net
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961715-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011276-2
www.reclam.de
Inhalt
1 Deutsche Sprachwissenschaft: Einführendes1.1 Sprachwissenschaft als Teil der Germanistik1.2 Teilgebiete der (Germanistischen) Linguistik1.3 Weiteres zur Konzeption dieser Einführung
2 Textlinguistik: Alltägliches 2.1 Sprachliche Kommunikation 2.2 Aspekte sprachlicher Kodierung 2.3 Von der Äußerung zum Text 2.4 Zur Mikrostruktur von Texten: Kohärenz und Kohäsion 2.5 Zur Makrostruktur von Texten: Diskurstopiks 2.6 Vom Text zur Textsorte Empfohlene Literatur
3 Pragmatik: Gemeintes 3.1 Ausdrucksbedeutung und Äußerungsbedeutung 3.2 Äußerungssituation und deiktische Interpretation 3.3 Äußerungsbedeutung und kommunikativer Sinn 3.4 Gesagtes und Gemeintes 3.5 Sprechakte 3.6 Zwischen Semantik und Pragmatik Empfohlene Literatur
4 Syntax: Gruppiertes4.1 Grundbegriffe der Syntax4.2 Topologie und Wortstellung4.3 Konstituenten – Wortgruppen von außen betrachtet4.4 Valenz4.5 Die ›Baumschule‹ der Syntax: Phrasen und X-bar-Theorie4.6 Der komplexe SatzEmpfohlene Literatur
5 Wortbildung: Kreatives5.1 Neue Wörter braucht das Land5.2 Das Morphem5.3 Wortbildungsarten5.4 Komposition5.5 Derivation5.6 KonversionEmpfohlene Literatur
6 Flexionsmorphologie: Gebeugtes6.1 Wozu brauchen wir Flexion?6.2 Ausdruck grammatischer Funktionen6.3 Wortarten, Konjugation und Deklination6.4 Flexion im Deutschen I: Die deklinierbaren Wortarten6.5 Flexion im Deutschen II: Das VerbEmpfohlene Literatur
7 Semantik: Gesagtes 7.1 Ausdrucksbedeutung und Lexikoneintrag 7.2 Bedeutung und Wirklichkeitsbezug 7.3 Kompositionalität und (strukturelle) Ambiguität 7.4 Referenz, Prädikation und Modifikation 7.5 Intension und Extension 7.6 Bedeutung und Kognition 7.7 Bedeutungsrelationen 7.8 Zur Semantik von Verben, Nomen und Adjektiven Empfohlene Literatur
8 Graphematik: Geschriebenes8.1 Zwischen Satz und Diskurs8.2 Zwischen Wort und Wortgruppe8.3 Die Wortebene8.4 »Laut-Buchstaben-Zuordnungen«8.4.1 Die morphologische Ebene8.4.2 Die silbische Ebene8.4.3 Die phonematische EbeneEmpfohlene Literatur
9 Phonologie: Gesprochenes9.1 Von Düsen und Explosionen – wie Laute entstehen9.2 Phonologische Merkmale und Regeln9.3 Silben9.4 Prosodie und BetonungEmpfohlene Literatur
10 Sprachverarbeitung: Kognitives 10.1 Auf dem Holzweg 10.2 Vom Gedanken zur Äußerung 10.3 Das mentale Lexikon 10.4 Aphasien und Hirnareale 10.5 Grammatik und Gebrauch Empfohlene Literatur
11 Erstspracherwerb: Erworbenes 11.1 Eine erste Ein- und Abgrenzung 11.2 Rezeption und Produktion 11.3 Erste Äußerungsprodukte 11.4 Voraussetzungen für den L1-Erwerb 11.5 Einfache Äußerungen 11.6 Komplex(er)e Äußerungen 11.7 Strukturerwartung oder Mustererkennung? Empfohlene Literatur
12 Sprachwandel: Historisches12.1 Alles fließt …12.2 Wandel in Bedeutung und Verwendung12.3 Syntaktischer Wandel12.4 Morphologischer Wandel: Grammatikalisierung12.5 Phonologischer WandelEmpfohlene Literatur
13 Variation: Regionales13.1 ›Das‹ Deutsche?13.2 Diatopische Variation13.3 Ausprägungsebenen diatopischer VariationEmpfohlene Literatur
Literaturhinweise
Zu den Autoren
Sachregister
[7]1 Deutsche Sprachwissenschaft: Einführendes
1.1 Sprachwissenschaft als Teil der Germanistik
Wenn Sie sich für dieses Buch interessieren, ist die Annahme nicht ganz unbegründet, dass Sie entweder bereits Germanistik studieren oder sich zumindest mit dem Gedanken tragen, sich für dieses Fach zu entscheiden. Und als angehende Germanist*innen werden Sie auch inzwischen festgestellt haben, dass sich die Germanistik als Fach nicht alleine mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt, sondern auch mit der deutschen Sprache. Da beide Gegenstände auch in ihrer historischen Dimension untersucht werden, gliedert sich die Germanistik in der Regel in drei Teilgebiete der GermanistikAbteilungen: die Neuere deutsche Literaturwissenschaft, die Neuere deutsche Sprachwissenschaft (auch Germanistische Linguistik genannt) und die Ältere Abteilung (auch mediävistische Abteilung genannt), die sich sowohl mit der älteren Literatur als auch mit der älteren Sprache beschäftigt (vgl. Abbildung 1.1).

Abb. 1.1: Teilbereiche der Germanistik
Der Gegenstand der Germanistischen Gegenstand der Germanistischen LinguistikLinguistik ist die deutsche Gegenwartssprache in all ihren Dimensionen. Damit grenzt sie sich deutlich von anderen Philologien wie der Anglistik, der Romanistik oder der Slawistik ab, die sich mit dem Englischen, den romanischen bzw. den slawischen Sprachen und Literaturen beschäftigen. Nicht wenige Berührungspunkte hat die Germanistische Linguistik mit der stärker theoretisch ausgerichteten Allgemeinen Linguistik bis hin zur Computerlinguistik, in der es primär um die automatische Verarbeitung großer Mengen sprachlicher Daten geht. Diese Fächer können aber eine vertiefte Auseinandersetzung mit einer Einzelsprache nicht ersetzen, und genau darin besteht der Reiz der Germanistischen Linguistik.
[8]1.2 Teilgebiete der (Germanistischen) Linguistik
Nähern wir uns also unserem Gegenstand an. Wir haben gerade formuliert, dass dies die deutsche Sprache in all ihren Dimensionen ist. Damit stellt sich sofort die Frage: Was genau sind diese Dimensionen? Um die Gliederung der (Germanistischen) Linguistik in ihre Teilgebiete nachvollziehen zu können, sollte man sich zunächst bewusst machen, was Sprache eigentlich ausmacht. Sprache dient offenbar der Kommunikation. Wir wünschen uns einen guten Morgen, indem wir »Guten Morgen!« sagen, wir bestellen uns mit den Worten »Ich hätte gerne einen Cappuccino« einen Cappuccino und wir entnehmen der Schlagzeile »Frankreich ist Weltmeister« auf z. B. Zeit Online (15. 7. 2018), dass Frankreich Weltmeister ist. Form und Inhalt sprachlicher AusdrückeSprache hat also zunächst eine inhaltliche Seite: Mit »Ich hätte gerne einen Cappuccino« bestelle ich eben einen Cappuccino und keinen Apfelsaft, ganz einfach weil ich mich mit dem Wort Cappuccino auf Cappuccino beziehe und nicht auf Apfelsaft. Die sprachlichen Äußerungen haben dabei aber immer auch eine bestimmte Form oder Struktur. Ich kann nicht sagen: »Frankreich bist Weltmeister«. Diese Äußerung würden wir als nicht akzeptabel, als ungrammatisch bezeichnen, auch wenn wir die damit verbundene Aussage vielleicht verstehen. Das Problem ist, sprachwissenschaftlich gesprochen, dass der Eigenname Frankreich in der dritten Person steht, die Kopula bist aber in der zweiten Person. »Frankreich, du bist Weltmeister« wäre dagegen wieder akzeptabel. Sprachwissenschaftler stehen also vor mindestens zwei Herausforderungen: Sie müssen zum einen die Struktur, den Aufbau sprachlicher Ausdrücke beschreiben, also die Regeln, nach denen diese Ausdrücke gebildet werden. Zum anderen müssen sie den inhaltlichen Bezug, also die Bedeutung dieser Ausdrücke beschreiben. Und am Ende wird man auch erklären wollen, wie die Ausdrücke zu ihrer Bedeutung kommen. Für ein Wort wie Cappuccino ist das vielleicht noch recht naheliegend: Wir haben einfach gelernt, dass wir uns mit dem (eigentlich italienischen) Wort Cappuccino auf Cappuccino beziehen. Nicht ganz so einfach zu erklären ist aber, was die Bedeutung des Satzes ich hätte gerne einen Cappuccino ist und wie diese Bedeutung auf der Basis der einzelnen Wörter zustande kommt.
Was die Struktur sprachlicher Ausdrücke betrifft, werden in der Linguistik im Wesentlichen drei Ebenen unterschieden: die Struktur von Sätzen, die Struktur von komplexen Wörtern und der lautliche Aufbau sprachlicher Ausdrücke. Mit der Struktur von Kerngebiete der (Germanistischen) LinguistikSätzen beschäftigt sich die SyntaxSyntax, mit der Struktur von komplexen Wörtern die MorphologieMorphologie und mit dem lautlichen Aufbau die PhonetikPhonetik und die PhonologiePhonologie. (Was genau der Unterschied ist zwischen Phonetik und Phonologie, darauf werden wir in Kapitel 9 noch zu [9]sprechen kommen.) Fragen des inhaltlichen Bezugs, der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke, sind schließlich Gegenstand der SemantikSemantik. Untersucht man die Bedeutung von Wörtern, dann spricht man von der lexikalischen Semantik. Wird die Bedeutung komplexerer Ausdrücke untersucht, spricht man von Satzsemantik.

Abb. 1.2: Kerngebiete der (Germanistischen) Linguistik
DieGrammatikKompetenz genannten Bereiche der Linguistik werden in dem Sinne als Kerngebiete bezeichnet, als sie das Grammatik und Kompetenzgrundlegende grammatische System einer Sprache beschreiben, das die Basis unserer sprachlichen Kompetenz darstellt. Mit ›grammatisches System‹ ist hier aber keine präskriptive Grammatik gemeint, also eine Grammatik, die wir aus dem Regal nehmen können und in der steht, was ›richtiges‹ Deutsch ist. Was wir hier meinen, ist das System, das wir als Kinder gewissermaßen nebenbei erwerben und das in unserem Gehirn in irgendeiner Form als eine mentale Grammatik repräsentiert sein muss. Da wir zu diesem System leider keinen direkten Zugang haben, muss das Ziel sprachwissenschaftlicher Forschung sein, dieses System auf der Grundlage sprachlicher Äußerungen zu rekonstruieren, zu beschreiben und letztlich zu modellieren.
Eine GebrauchFunktionweit verbreitete Vorstellung ist dabei, dass diese mentale Grammatik in einer konkreten Situation den Gedanken eines Sprechers gewissermaßen ›in Worte kleidet‹, also einen sprachlichen Ausdruck generiert (erzeugt), der den Gedanken des Sprechers möglichst präzise wiedergibt. Von diesem sprachlichen Ausdruck selbst ist dann zu unterscheiden, wie der Sprecher diesen Ausdruck in der konkreten Situation verwendet, welche Funktion der Ausdruck in der konkreten Situation hat. So werde ich in der Regel mit der Äußerung »Guten Morgen!« jemanden morgens begrüßen. Wenn ich aber »Guten Morgen!« zu meinen Studierenden sage, denen gerade in meiner Vorlesung die Augen zugefallen sind (was natürlich ein rein hypothetischer Fall ist), dann hat diese Äußerung sicherlich eine ganz andere Funktion (und wäre auch zum Beispiel an einem Nachmittag angemessen). Mit Fragen des Gebrauch und FunktionGebrauchs [10]und der Funktion von sprachlichen Ausdrücken beschäftigt sich die PragmatikPragmatik und bis zu einem gewissen Grad auch die TextlinguistikTextlinguistik. Die Pragmatik fällt im Allgemeinen auch unter die Kerngebiete der Linguistik, ist aber nicht Teil des grammatischen Systems im engeren Sinne.
Neben den genannten Kerngebieten gibt es noch eine Reihe weiterer Weitere zentrale TeilgebieteGebiete, die Berührungspunkte zu allen Kerngebieten aufweisen. (Man sagt auch, dass sie quer zu den Kerngebieten liegen.) So untersucht der ErstspracherwerbErstspracherwerb zum Beispiel, wie wir als Kinder zu unserer Muttersprache kommen. Zum Erwerb unserer Muttersprache gehört aber natürlich nicht nur der Erwerb von bestimmten Lauten oder von bestimmten Wörtern, sondern auch die Kompetenz zur Bildung von Sätzen und deren angemessene Verwendung in einer konkreten Situation (dass man jemanden mit »Guten Morgen!« eben normalerweise morgens begrüßt und nicht abends). Ähnlich ist es im Fall der OrthographieOrthographie: Wenn ich das Schriftsystem des Deutschen untersuche, dann kann das bei der Worttrennung die Struktur von Wörtern betreffen und bei der Zeichensetzung die Struktur von Sätzen. Und so weiter und so fort. Während wir im ersten Teil dieser Einführung die Kerngebiete in ihren Grundzügen darstellen, werden wir im zweiten Teil auf einige dieser quer liegenden Gebiete eingehen. Neben dem Erstspracherwerb und der Orthographie sind dies Sprachverarbeitung, Sprachwandel und dialektale Variation: Die SprachverarbeitungSprachverarbeitung beschäftigt sich mit den kognitiven Prozessen, die bei der Produktion und bei der Rezeption von sprachlichen Ausdrücken ablaufen. In der SprachgeschichteSprachgeschichte wird untersucht, wie sich Sprache über die Zeit verändert, vom Alt- über das Mittel- und Frühneuhochdeutsche bis hin zum Gegenwartsdeutschen. Und unter dialektaler VariationDialektologie sollte sich jeder etwas vorstellen können, der nicht gerade im Raum Hannover/Braunschweig aufgewachsen ist. Es ist klar, dass wir hier aus verschiedenen Gründen eine Auswahl treffen mussten (so konnte z. B. der Bereich des Zweitspracherwerbs nicht berücksichtigt werden), aber wir denken dennoch, ein so breites Feld abgedeckt zu haben, dass man einen guten Eindruck von der Vielfalt des Faches bekommt.

Abb. 1.3: Weitere Gebiete der (Germanistischen) Linguistik
[11]1.3 Weiteres zur Konzeption dieser Einführung
Im letzten Abschnitt wurde bereits angedeutet, dass diese Einführung inhaltlich in Zweiteilungzwei größere Teile gegliedert ist: Kernbereiche und Querschnittsbereiche. Diese Einteilung ergibt sich daraus, dass die Querschnittsbereiche auf die Kernbereiche aufbauen. Ergänzt werden diese beiden Bereiche durch ein methodisches Kapitel »Projektorientiertes Arbeiten«, das über die Webseite des Verlags zur Verfügung gestellt wird.
Bei der Anordnung der Kernbereiche gibt es im Allgemeinen zwei Möglichkeiten. Der klassische Aufbau beginnt bei den kleinsten sprachlichen Einheiten, den Lauten und schreitet fort zu den größeren Einheiten wie Wort, Satz und Text. Die Alternative ist, diesen Vom Großen zum KleinenAufbau auf den Kopf zu stellen und mit Texten zu beginnen. Wir haben uns in dieser Einführung bewusst für diese Möglichkeit entschieden, da wir Texte in unserem Alltag (mehr oder weniger) bewusst wahrnehmen und der Einstieg in die Linguistik damit an etwas anknüpft, womit wir zumindest vortheoretisch vertraut sind. Außerdem haben wir die Hoffnung, dass sich die verschiedenen Begriffsbildungen wie Phrase, Morphem oder Phonem auf diese Weise besser motivieren lassen. Diese Vorgehensweise erfordert allerdings, dass man an der ein oder anderen Stelle schon Begriffe andeutet, ohne sie an Ort und Stelle gleich präzise einführen zu können.
Wie schon bei der Auswahl der Teilgebiete haben wir uns auch bei der Auswahl der Phänomene in diesen Teilgebieten bewusst Bewusste Beschränkungbeschränkt, um die einzelnen Kapitel nicht zu umfangreich werden zu lassen und damit noch verdaulich zu gestalten. Das Ziel war, dass man mit den kürzeren Kapiteln ein bis zwei und mit den längeren Kapiteln zwei bis drei Sitzungen einer einführenden Vorlesung gestalten kann. Mit insgesamt zwölf Kapiteln sollte also eine Einführungsvorlesung komplett abgedeckt werden können. Unser Ziel war dezidiert nicht, dass in jedem Kapitel alle relevanten Phänomene zur Sprache kommen. So haben wir im Kapitel zu Text und Diskurs zum Beispiel vollständig auf die Gesprächsanalyse verzichtet (die ein eigenes Kapitel rechtfertigen würde) und im Kapitel zur Pragmatik haben wir den Bereich der Informationsstruktur und den der (pragmatischen) Präsupposition ausgespart. Ähnliches gilt für die anderen Kapitel. Das kann man sicher auf der einen Seite bedauern. Auf der anderen Seite wird so aber vermieden, dass die einzelnen Kapitel überfrachtet oder Themen nur oberflächlich angesprochen werden. Unseres Erachtens sollte man sich immer bewusst sein, dass die Darstellungen in den Einzelkapiteln keine Einführungen in die Teilgebiete ersetzen, sondern einen ersten, dabei gerne auch tiefergehenden Einblick in das Gebiet geben sollen. [12]Und denjenigen, die auf den Geschmack gekommen sind, empfehlen wir jeweils die weiterführende Literatur.
Was die Strukturierung innerhalb der Kapitel betrifft, sollten wir noch darauf hinweisen, dass sich dort immer wieder abgesetzte und grau hinterlegte VertiefungsboxenBoxen finden. Diese Vertiefungsboxen sind für weiterführende Diskussionen (oder fortgeschrittene Studierende) gedacht und können beim ersten Lesen übersprungen werden.
Die eine oder der andere wird außerdem schon festgestellt haben, dass wir in diesem einführenden Kapitel nicht überall Geschlechtergerechte Sprachegeschlechtergerecht formuliert haben. Wir haben von dem Sprecher und dem Adressaten gesprochen, aber von den Germanist*innen. Im Sinne einer besseren Lesbarkeit haben wir uns bewusst entschieden, bei technischen Begriffen (die keine guten Alternativen zulassen) wie Sprecher oder Adressat das generische Maskulinum zu verwenden. Bei (im linguistischen Kontext) nicht-technischen Begriffen wird auch das generische Femininum verwendet (z. B. Ärztin). Bei nicht-generischen Verwendungen und dort, wo sich die Leser*in oder ein konkreter Personenkreis mehr oder weniger direkt angesprochen fühlen könnte, machen wir jedoch vom Gendersternchen Gebrauch, das sich gegenüber anderen Binnenvarianten immer mehr durchzusetzen scheint.
Wie bei jeder größeren Arbeit waren auch an dieser Einführung mehr Menschen beteiligt, als am Ende auf dem Buchdeckel stehen. Und hier ist der Ort, allen DanksagungDank zu sagen für die großartige Unterstützung, ob in Form von Kommentaren und Anregungen, ob beim Erstellen des Literaturverzeichnisses oder beim Korrekturlesen oder am Ende in Form von Kürzungsvorschlägen. Namentlich danken wollen wir in alphabetischer Reihenfolge: Oliver Bott, Jenny Diener, Heiner Drenhaus, Fabian Ehrmantraut, Luise Ehrmantraut, Anne Eiswirth, Peter Gallmann, Nele Hartung, Julia Hertel, Natascha Immesberger, Sergey Kulakov, Robin Lemke, Philipp Rauth, Lisa Schäfer, Jessica Schmidt, Katrin Schneider, Josef Schu, Sophia Voigtmann und Magdalena Wojtecka. Zwei Personen möchten wir an dieser Stelle aber ganz besonders danken. Das ist zum einen Julia Stark, die mit ihren Illustrationen den streckenweise sicherlich auch etwas dichten Text aufgelockert hat, und zum anderen Marga Reis, ohne die wir beide ganz sicher heute nicht dort wären, wo wir sind. Danke.
Ingo Reich & Augustin Speyer
Im März 2020
[13]2 Textlinguistik: Alltägliches
Sprache ist für uns (im Normalfall) etwas sehr Selbstverständliches, etwas wovon wir im Sprache im AlltagAlltag einfach Gebrauch machen, ohne groß darüber nachzudenken: Wir lesen zum Frühstück unsere Zeitung, wir schreiben im Büro einige Mails, wir diskutieren in unseren Lehrveranstaltungen, wir tauschen in der Mittagspause Neuigkeiten aus, wir schreiben an einer Hausarbeit oder einer Publikation, wir verabreden uns mit unseren Freunden zum Essen und lesen abends noch etwas in einem spannenden Buch.
2.1 Sprachliche Kommunikation
Sprache dient uns im Alltag also (vor allem) zur Kommunikation, das heißt in erster Annäherung, sie dient der gezielten Vermittlung Information und Kommunikationvon Information. Der Begriff der sprachlichen KommunikationKommunikation steht damit im Zentrum des Sprachgebrauchs. Nähern wir uns diesem Begriff eher deskriptiv an (und verweisen hier nur nebenbei auf komplexe Modelle wie das Organon-Modell von Bühler 1934 oder das Sender/Empfänger-Modell von Shannon & Weaver 1949), indem wir eine nicht untypische Situation betrachten: Erna ist bei Lisbeth zu Besuch. Lisbeth bietet ihr zunächst einen Platz an und fragt dann:

Abb. 2.1: Eine typische Kommunikationssituation. – © Julia Stark
Halten wir zunächst das (mehr oder weniger) Offensichtliche fest: Kommunikation erfolgt typischerweise zwischen zwei oder mehreren Kommunikationspartnern, Sprecher und Adressateinem SprecherSprecher (in unserem Fall Lisbeth) und einem (oder mehreren) AdressatenAdressat (in unserem Fall Erna). Die Unterscheidung zwischen Sprecher und Adressat bildet dabei die Basis für die Unterscheidung zwischen [14](sprecherseitiger) Sprachproduktion und (adressatenseitiger) Sprachverarbeitung in der Psycholinguistik.
Der Sprecher äußert in der fraglichen Situation (der ÄußerungssituationÄußerungssituation) einen sprachlichen Ausdruck (in unserem Fall »Eine Tasse Kaffee?«) mit einem bestimmten kommunikativen Zielkommunikatives Ziel, das heißt, er verfolgt Kommunikative Intention und kommunizierte Informationeine kommunikative Intentionkommunikative Intention (Absicht). Der Adressat hört und verarbeitet diese Äußerung und kommt am Ende dieses Prozesses zu einer begründeten Hypothese darüber, warum der Sprecher diesen sprachlichen Ausdruck geäußert hat und was er ihm, dem Adressaten, mit dieser Äußerung sagen möchte. (In unserem Fall wäre das die Annahme, dass Lisbeth mit ihrer Äußerung Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte.) Entspricht das, was der Adressat auf diese Weise verstanden hat, im Wesentlichen dem, was der Sprecher tatsächlich kommunizieren wollte, dann sprechen wir von erfolgreicher Kommunikation.
Ein Sprecher hat mit seiner Äußerung eine bestimmte Information (erfolgreich) kommuniziert, wenn (i) der Sprecher diese Information kommunizieren wollte und (ii) der Adressat aufgrund der Äußerung (und weiterer Überlegungen) auch annimmt, dass der Sprecher ihm genau diese Information kommunizieren wollte.
Bei diesem adressatenseitigen Verstehensprozess muss man nun offenbar zwei Ebenen der Kommunikation unterscheiden. Ausgangspunkt der Hypothesenbildung ist natürlich das Verstehen der sprachlichen Äußerung selbst: Die Äußerung besteht aus einzelnen Wörtern mit einer (mehr oder weniger) festen und gelernten Bedeutung. Diese einzelnen Wortbedeutungen verbinden sich in der Äußerung zu einer komplexen Bedeutung. In diesem Sprachlich kodierte InformationSinne kodiertkodiert der komplexe Ausdruck sprachlich eine bestimmte Information: Die Äußerung »Eine Tasse Kaffee?« wird aufgrund der Bedeutung von eine Tasse Kaffee immer in irgendeiner Form mit einer Tasse Kaffee zu tun haben (und nicht etwa mit einem Stück Holz). Diese Information wird explizit kommuniziert. Wie einzelne Wortbedeutungen sprachlich kodiert werden und wie sie sich zu komplexen Bedeutungen kombinieren, untersucht die SemantikSemantik.
Das Dekodieren der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks reicht aber im Allgemeinen noch nicht aus, um eine Hypothese darüber bilden zu können, warum der Sprecher die Äußerung vollzogen hat und was er damit sagen möchte. In unserem Beispiel liegt es natürlich nahe anzunehmen, dass Lisbeth ihrer Freundin Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte und wir werden ihre Äußerung entsprechend in der Art von Möchtest du eine Tasse Kaffee? [15]verstehen. Diese Annahme kommt aber nicht alleine auf der Basis sprachlich kodierter Information zustande. Erna weiß, dass Lisbeth weiß, dass Erna gerne Kaffee trinkt. Außerdem ist es in unserem Kulturkreis üblich und höflich, Gästen etwas zum Trinken anzubieten. Daher ist es eben eine plausible Annahme, dass Lisbeth Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte. (Das sind die weiteren Überlegungen, von denen in der obigen Definition die Rede ist.) Diese Annahme, so plausibel sie in der gegebenen Situation auch ist, ist jedoch äußerst abhängig von nicht-sprachlichen Faktoren: Davon, was Sprecher und Adressat voneinander wissen. Davon, was man in solchen Situationen üblicherweise tut. (In einer Situation, in der Erna gerade etwas auf ein Blatt Papier malt und Lisbeth dies beobachtet, würden wir die gleiche Äußerung eher in der Art von Malst du da gerade eine Tasse Kaffee? interpretieren.) Diese Informationen werden also Kontextuell inferierte Informationkontextuell inferiertinferiert (erschlossen) und implizit kommuniziert. Derartige Inferenzprozesse sind Gegenstand der PragmatikPragmatik.
Kommunikation muss dabei natürlich immer über Kommunikationskanal und -mediumeinen KanalKommunikationskanal und ein MediumKommunikationsmedium erfolgen. Bei sprachlicher Kommunikation ist dies nicht selten ein auditiver Kanal mit Schallwellen als Medium (oder auch Träger). Wir sprechen dann von mündlicher KommunikationKommunikationmündliche. Das ist aber nicht die einzige Form sprachlicher Kommunikation. Sprachliche Kommunikation kann auch gestischKommunikationgestische (z. B. im Fall von Gebärdensprachen) oder schriftlichKommunikationschriftliche über einen visuellen Kanal erfolgen. Vor allem bei schriftlicher Kommunikation wird man darüber hinaus elektronischeKommunikationelektronische von nicht-elektronischer Kommunikation unterscheiden. Schriftliche Kommunikation erfolgt meist asynchronKommunikationasynchrone, d. h., die Produktion (das Senden) und die Rezeption (das Empfangen) erfolgen grundsätzlich zeitlich versetzt.
Darüber hinaus kann Monologische und dialogische KommunikationKommunikation unidirektional (monologisch)Kommunikationmonologische oder bidirektional (dialogisch)Kommunikationdialogisch erfolgen. Von unidirektionaler Kommunikation können wir in erster Annäherung dann sprechen, wenn die Äußerung grundsätzlich keine sprachliche Reaktion des Adressaten erfordert. Typische Beispiele sind oft schriftlicher Natur (z. B. Romane oder Zeitungsartikel), können aber natürlich auch mündlicher Natur sein (z. B. Radionachrichten, Reden oder Vorträge). Umgekehrt ist bidirektionale Kommunikation häufig mündlicher Natur (z. B. in alltäglichen Gesprächen), kann aber natürlich auch schriftlicher Natur sein (z. B. in einem Briefwechsel).
Auf der Basis dieser grundlegenden Eigenschaften sprachlicher Kommunikation kann man eine Eine erste Klassifikation von KommunikationsformenKlassifikation verschiedener KommunikationsformenKommunikationsformen versuchen: Die Unterscheidung zwischen dialogischer und monologischer Kommunikation resultiert zunächst in zwei großen Klassen: verschiedene Formen des Gesprächs (dialogisch) und verschiedene Formen der [16]Mitteilung (monologisch). Diese können dann jeweils weiter in synchrone und asynchrone Formen untergliedert werden, die digital oder analog und schriftlich oder mündlich vermittelt werden. In Abbildung 2.2 wird diese Klassifikation tabellarisch zusammengefasst. Dabei ist anzumerken, dass die Bezeichnungen der Kommunikationsformen (mangels präziser Begrifflichkeiten) nicht immer ganz überzeugen und sie an der ein oder anderen Stelle eher als (mehr oder weniger) typische Repräsentanten der fraglichen Kommunikationsform aufzufassen sind.

Abb. 2.2: Eine erste Klassifikation von Kommunikationsformen
In dieser Klassifikation wird nicht explizit berücksichtigt, dass von der ursprünglichen Konzeption her genuin unidirektionale (monologische) Kommunikationsformen wie die Kurznachricht (über SMS oder Twitter) natürlich auch für bidirektionale (dialogische) Kommunikation genutzt werden können. Im Fall der SMS ist eine solche Verwendung inzwischen sicher üblich, wenn nicht sogar dominant. Aber auch bei Twitter gibt es inzwischen technisch die Möglichkeit der Antwort auf einen Tweet. Umgekehrt kann auch eine typische dialogische Kommunikationsform wie der Brief für Mitteilungen (wie z. B. einen Steuerbescheid oder eine Vorladung) genutzt werden.
In der Literatur werden nicht selten noch zwei weitere Kriterien genannt, die hier ebenfalls bewusst ausgeklammert werden. Zum einen ist das die Distanz zwischen Sprecher und Adressat, zum anderen die Frage, ob Kommunikation von Angesicht zu Face-to-face-KommunikationAngesicht, also face-to-faceKommunikationface-to-face, erfolgt oder nicht. Ist der Ort, an dem sich der Adressat befindet, im Wesentlichen identisch mit dem [17]des Sprechers, dann sprechen wir von lokaler Kommunikation. Ist er hinreichend weit von dem des Sprechers entfernt, sprechen wir von distalerdistal Kommunikation. Wird Face-to-face-Kommunikation jetzt so verstanden, dass Sprecher und Adressat am selben Ort physisch präsent sein müssen, dann fallen beide Kriterien zusammen und als distale Kommunikationsform könnte man dann das klassische Telefongespräch nennen. Wird aber lediglich gefordert, dass Sprecher und Adressat Zugang zu mimischer und gestischer Information über einen visuellen Kanal haben, dann kann man außerdem noch das Video-Telefonat (face-to-face und distal) vom klassischen Telefonat (distal, aber nicht face-to-face) unterscheiden. Auch wenn beide Faktoren (wie wir gleich noch sehen werden) großen Einfluss darauf haben, wie wir zu kommunizierende Information versprachlichen, spielen sie für die Klassifikation von Kommunikationsformen eine eher untergeordnete Rolle.
2.2 Aspekte sprachlicher Kodierung
Die spezifischen Charakteristika einer Kommunikationsform haben im Allgemeinen einen nicht geringen Einfluss darauf, wie wir die Information, die wir kommunizieren wollen, sprachlich verpacken (versprachlichen, kodieren). Während wir z. B. bei schriftlicher Kommunikation jederzeit an den Anfang eines Satzes oder an eine andere Stelle im Text zurückspringen und das gerade Gelesene nochmals verarbeiten können, ist das bei mündlicher Kommunikation nicht so einfach möglich. Wir können zwar Gehörtes in unserem Gedächtnis speichern, aber unser kognitiver Arbeitsspeicher ist hier, das zeigen experimentelle Untersuchungen, vergleichsweise Flüchtigkeit mündlicher Äußerungenklein. Eine unmittelbare Konsequenz ist, dass uns zu komplexe mündliche Äußerungen schnell vor Verarbeitungsschwierigkeiten stellen können. Das ist sicher einer der Gründe, wieso mündliche Äußerungen in der Regel kürzer und weniger komplex sind.
Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich auch darin, dass synchrone mündliche Kommunikation (wie gerade gesehen) im Allgemeinen face-to-face erfolgt, wir also neben der sprachlichen Information gleichzeitig auch noch Fehlen mimischer und gestischer Informationgestische und mimische Informationen visuell verarbeiten, die uns wertvolle Hinweise geben können, wie wir eine sprachliche Äußerung letztlich zu interpretieren haben. Und selbst bei einem Telefongespräch haben wir immerhin noch Zugang zur Betonung. Bei schriftlicher Kommunikation sind diese Informationen aber nicht verfügbar. Dass dies problematisch ist, zeigt sich vor allem dann, wenn wir Emotionales oder allgemeiner ExpressivesBedeutungexpressive kommunizieren möchten. Natürlich kann man schreiben ich freu mich oder ich [18]lach mich schief, aber diese Beschreibung von Emotionen hat eben nicht dieselbe Unmittelbarkeit wie ein strahlendes Gesicht oder ein sich vor Lachen krümmendes Gegenüber. In eher formellen Kontexten ist dies selten ein Problem, da wir hier aufgrund der Kommunikationssituation weniger das Bedürfnis haben, Emotionen zu kommunizieren. In eher informellen Kontexten, in der Familie und unter Freunden, besteht dieses Bedürfnis aber und hat zunächst (und tatsächlich schon viel früher als mancher vermuten würde) die Entwicklung von EmoticonsEmoticon (Folgen von ASCII-Zeichen, die einen emotionalen Zustand kommunizieren:-) und InflektivenInflektiv (*grins*, *kotz*) motiviert. Mit der Einführung von Unicode und den technischen Möglichkeiten von Smartphones wurden Emoticons und Inflektive dann weitgehend von EmojisEmoji (standardisierten Piktogrammen) abgelöst. Mit diesen Mitteln wird die Kommunikation von Emotionen nun offenbar sehr unmittelbar möglich, wie das Beispiel einer innerfamiliären Kommunikation in Abbildung 2.3 illustrieren soll.

Abb. 2.3: (konstruiertes) Beispiel für einen SMS-Dialog – Emojis: OpenMoji / CC BY-SA 4.0
Auch die Frage, ob wir uns in einem eher Formelle und informelle Kommunikationinformellen oder einem eher formellen gesellschaftlichen Rahmen bewegen, hat einen erheblichen Einfluss auf die Art und Weise der Versprachlichung. (In-)Formalität ist genau genommen zunächst einmal ein soziologischer Begriff: In unserem täglichen Miteinander kommen wir mit Personen in Kontakt, die uns vertrauter oder weniger vertraut sind, und dies in Situationen, die mehr oder weniger öffentlich sind. Relativ zu diesen unterschiedlichen Graden an Vertrautheit und Öffentlichkeit verhalten wir uns auch anders. In einem vornehmen Restaurant werden wir unsere Pizza [19]eher mit Messer und Gabel essen, zu Hause essen wir die Pizza aber wohl eher aus der Hand. Dieses unterschiedliche Verhalten in mehr oder weniger formellen Situationen betrifft nun insbesondere auch unser sprachliches Verhalten, und zwar sowohl auf der Ausdrucksebene (also in der Wortwahl) wie auch in der Art und Komplexität unserer sprachlichen Äußerungen: Studentinnen und Studenten untereinander werden sicher immer wieder über ihren ›Prof‹ lästern, aber sie werden ihn wohl eher selten mit »Hey, Prof!« begrüßen. Innerhalb der Familie oder unter Freunden werden viele eine eher dialektale Ausdrucksweise benutzen. Aber in einem Brief an das Finanzamt oder an einen Rechtsanwalt wird man sich eher an einer (gehobenen) Standardsprache und normativen Vorgaben (wie einer korrekten Rechtschreibung) orientieren. Mit anderen Worten: Unser Sprachstil hängt wesentlich von der jeweiligen Kommunikationssituation ab. In der Linguistik sagt man dazu auch, dass wir unser Register an die jeweilige Kommunikationssituation anpassen.
Ausgehend von typischen Charakteristika mündlicher und schriftlicher Kommunikation haben Koch & Oesterreicher (1985) in einer einflussreichen Arbeit darüber hinaus Konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeitzwischen konzeptioneller MündlichkeitMündlichkeitkonzeptionelleMündlichkeitmediale (einer Sprache der Nähe) und konzeptioneller SchriftlichkeitSchriftlichkeitkonzeptionelleSchriftlichkeitmediale (einer Sprache der Distanz) unterschieden. Die zentrale Idee hier ist, dass sprachliche Äußerungen zwar schriftlich erfolgen, aber dennoch typische Charakteristika mündlicher Kommunikation (z. B. spontan, expressiv, nicht öffentlich, dialogisch, face-to-face, vertraut, mit geringer Komplexität und Elaboriertheit) aufweisen können und in diesem Sinne konzeptionell mündlich sind. Umgekehrt kann eine sprachliche Äußerung mündlich erfolgen, aber dennoch typische Charakteristika schriftlicher Kommunikation (z. B. reflektiert, objektiv, öffentlich, monologisch, raumzeitlich getrennt, nicht vertraut, mit hoher Komplexität und Elaboriertheit) aufweisen und in diesem Sinne konzeptionell schriftlich sein. Konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeit werden dabei als ein graduelles und mehrdimensionales Phänomen aufgefasst, dessen Endpunkte typische Verwendungen darstellen.
Die Unterscheidung zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit ist einerseits sehr intuitiv, andererseits ist sie aber nicht einfach operationalisierbar (d. h., es ist im Einzelfall nicht immer klar zu entscheiden, welche Form vorliegt). SMS-Kommunikation beispielsweise wird häufig als eher konzeptionell mündlich betrachtet. Das mag unter anderem in Bezug auf (geringeres) normatives Verhalten oder (geringere) Komplexität im Ausdruck (unter einem sehr spezifischen Verständnis von Komplexität) der Fall sein. Andererseits finden sich in Kurznachrichten vor dem finiten Verb (in Hauptsätzen) in einer Häufigkeit Auslassungen der ersten Person Singular (ich), die man in Korpora gesprochener Sprache zumindest in dieser Häufigkeit nicht findet. Darüber hinaus ist für Kurznachrichten die Verwendung von Emoticons, Emojis und spezifischen Kürzeln (Netzjargon) wie LOL oder ROFL sehr charakteristisch, diese finden sich aber naturgemäß gar nicht (Emoticons, Emojis) oder nur sehr selten (z. B. ASAP, LOL) in der gesprochenen Sprache. Da nicht unmittelbar klar ist, welche Phänomene letztlich relevant sind und wie diese relativ zueinander gewichtet werden, ist es nicht einfach (wenn auch nicht unmöglich), ein geeignetes Maß für den Grad einer konzeptionellen Mündlichkeit oder einer konzeptionellen Schriftlichkeit anzugeben.
[20]2.3 Von der Äußerung zum Text
Nach allem, was wir in Abschnitt 2.1 gesagt haben, können wir jede sprachliche Äußerung, mit der ein kommunikatives Ziel verbunden ist, als eine Einheit sprachlicher Kommunikation auffassen. Als kleinste Einheit sprachlicher Kleinste Einheiten sprachlicher KommunikationKommunikation werden wir also diejenigen sprachlichen Äußerungen betrachten, mit denen wir eine sprachliche Handlung vollziehen, mit denen wir eine Frage stellen, jemandem etwas anbieten, jemanden warnen, etwas versprechen oder einfach etwas behaupten. Im Kapitel zur Pragmatik werden wir solche Sprachhandlungen auch SprechakteSprechakt nennen.
Dass die kleinsten Einheiten sprachlicher Kommunikation nicht notwendigerweise Sätze sein müssen, wurde bereits mit unserem Eingangsbeispiel deutlich. Weitere gute Beispiele wären etwa Begrüßungen (Hallo!) oder Flüche (Verdammt!). Umgekehrt muss natürlich auch nicht jeder Satz notwendigerweise mit einer kommunikativen Intention bzw. einer sprachlichen Handlung verbunden sein (z. B. Nebensätze). Es scheint also zumindest deskriptiv nicht sinnvoll zu sein, kommunikative Einheiten über rein formale Eigenschaften zu definieren. Ob Äußerungen wie Eine Tasse Kaffee? am Ende möglicherweise doch auf Sätze zurückzuführen sind, ist eine empirische Frage und kann hier nicht diskutiert und schon gar nicht entschieden werden.
Komplexe Einheiten sprachlicher KommunikationKommunikation erschöpft sich natürlich nicht in einzelnen Äußerungen, sondern beinhaltet in der Regel eine Folge mehrerer Äußerungen. So könnte man sich vorstellen, dass Erna auf Lisbeths Frage in (2.1) mit den Äußerungen in (2.2) und (2.3) antwortet.

[21]Die Folge der Äußerungen in (2.1) bis (2.3) weist nun zwei zentrale strukturelle Eigenschaften auf: Zum einen beziehen sich die Äußerungen offenbar inhaltlich aufeinander und sind in diesem Sinne miteinander verbunden. Man sagt, dass sie eine kohärenteKohärenz Folge von Äußerungen darstellen. Zum anderen bilden sie als Ganzes in dem Sinne eine thematische Einheit, als sich alle Äußerungen letztlich um die (hier explizit aufgeworfene) Frage drehen, ob Erna eine Tasse Kaffee möchte. Wir werden später von einer QuaestioQuestioDiskurstopik (lateinisch für Frage), einem DiskurstopikDiskurstopik oder einer Question under Discussion (QUD)Question under DiscussionDiskurstopik sprechen. Kohärente und thematisch (im Wesentlichen) einheitliche Abfolgen von Äußerungen werden in der einschlägigen Literatur als Text oder Diskurs bezeichnet. (Wir werden im Folgenden zunächst die Rolle des Kohärenzbegriffs in den Vordergrund stellen und erst danach auf Quaestiones/Diskurstopiks eingehen.)
Wir bezeichnen eine Abfolge von Äußerungen als einen TextText oder DiskursDiskursText, wenn sie (in einem noch zu präzisierenden Sinne) kohärent und thematisch einheitlich ist.
Ob eine gegebene Sequenz von mündlichen oder schriftlichen Äußerungen als ein Text oder Diskurs bezeichnet werden kann, hängt natürlich zunächst von der Was alles ist ein Text?Definition ab. In der Textlinguistik ist die Definition des Textbegriffs eine vieldiskutierte Frage und entsprechend gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Ansätze (man vergleiche z. B. Adamzik 2016 für eine ausführliche Darstellung). So kann man z. B. die Frage stellen, ob die Kurznachrichten in Abbildung 2.3 und damit insbesondere die benutzten Emojis und Emoticons als Text bzw. als Teile eines Texts aufzufassen sind. Beantwortet man diese Frage positiv (und es spricht wohl einiges dafür), dann wird man in der Textdefinition neben rein sprachlichen Äußerungen generell auch symbolische Äußerungen (mit einem kommunikativen Ziel) zulassen müssen. (Wir haben das in der obigen Definition bewusst offengelassen.) Auf der anderen Seite wird man dann auch in Extremfällen (wie z. B. bei einem Stoppschild) von einem Text sprechen müssen (was vielleicht nicht mehr ganz so intuitiv ist). Und was ist mit der Zutatenliste in einem Rezept? Oder mit der bildlichen Illustration, die uns einen Eindruck vermitteln soll, wie das Resultat unserer kulinarischen Bemühungen am Ende aussehen sollte? Hier wird letztlich entscheidend sein, ob man überzeugend argumentieren kann, dass mit diesen Elementen ein kommunikatives Ziel (im Sinne eines Sprechakts) verbunden ist.
Eine ebenfalls häufig gestellte Frage ist, ob es überhaupt Sequenzen von (natürlichen) Äußerungen gibt, die nichtGibt es inkohärente Texte? kohärent und damit auch kein Text sind. Was ist beispielsweise mit einem Dada-Gedicht? Oder wenn Erna auf Lisbeths Frage mit Die Quadratwurzel von 49 ist 7 ›antwortet‹? Es ist sicherlich möglich, dass ein Sprecher Folgen von Äußerungen produziert, die als nicht kohärent intendiert sind. Tatsache ist aber auch, dass ein Rezipient immer nach einem inhaltlichen Zusammenhang suchen wird, auch wenn die fraglichen Äußerungen völlig zusammenhangslos erscheinen. So wird am Ende ein Dada-Gedicht dennoch zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtung und Lisbeth wird Ernas Äußerung wahrscheinlich in der Art von Natürlich will ich einen Kaffee! Wie kannst du da nur fragen?! interpretieren.
Die Frage, was alles ein Text ist und ob man zwischen Texten und Nicht-Texten unterscheiden kann bzw. muss, wird häufig mit Bezug auf einen sehr einflussreichen Vorschlag von de Beaugrande & Dressler (1981) diskutiert (vgl. hierzu z. B. die Diskussion in Gansel & Jürgens 2009 oder Averintseva-Klisch 2013), die insgesamt 7 Text(ualitäts)kriterienTextualitätskriterien Textualitätskriterienannehmen, die alle für sich genommen notwendigen und gemeinsam hinreichenden Charakter haben (sollen): Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität. Wir werden uns im Folgenden auf Fragen der Kohärenz und Kohäsion beschränken, da sich die meisten der verbleibenden Kriterien bereits aus der Definition von Kommunikation (Intentionalität), Eigenschaften der Kommunikationssituation (Situationalität), und unabhängigen pragmatischen Prinzipien (Informativität) erklären lassen. Ergänzt wird die Diskussion dagegen um den Aspekt der Topikalität.
2.4 Zur Mikrostruktur von Texten: Kohärenz und Kohäsion
Kohärenz ist also ein konstitutives Merkmal von Texten und Diskursen. Kohärenzrelation und rhetorische SubordinationFormal ist KohärenzKohärenz eine inhaltliche Beziehung (eine Relation) zwischen zwei Diskursabschnitten, häufig (wenn auch nicht notwendigerweise) zwischen zwei unmittelbar aufeinander folgenden (kommunikativen) Äußerungen (vgl. z. B. Hobbs 1979). So sind (2.1) und (2.2) über die Antwortrelation und (2.2) und (2.3) über eine Begründungsrelation verknüpft. Die beiden genannten KohärenzrelationenKohärenzrelation haben dabei genuin asymmetrischen Charakter: Eine Antwort setzt eben eine Frage voraus, und eine Erklärung setzt etwas voraus, das erklärt werden soll. In diesem Sinne ist z. B. die Äußerung (2.3) hier der Äußerung (2.2) untergeordnet. Man spricht auch von rhetorischer [23]SubordinationSubordinationrhetorische. Subordinierende Relationen lassen sich graphisch wie in Abbildung 2.4 skizziert darstellen.

Abb. 2.4: Graphische Darstellung einer subordinierenden Relation
Angenommen, Erna würde (2.4) statt (2.3) äußern:

Dann hätte ihre Antwort eine etwas andere Struktur: Sowohl die Äußerung in (2.2) als auch die Äußerung in (2.4) würden sich dann gleichermaßen auf die übergeordnete Frage beziehen, was Erna trinken möchte. In diesem Sinne hat die kontrastierende Beziehung zwischen den Äußerungen in (2.2) und (2.4) einen symmetrischen bzw. nebenordnenden Charakter. Man spricht dann auch Kohärenzrelation und rhetorische Koordinationvon rhetorischer KoordinationKoordinationrhetorische. Koordinierende Relationen können graphisch wie in Abbildung 2.5 angedeutet dargestellt werden.

Abb. 2.5: Graphische Darstellung einer koordinierenden Relation
Mit dem Begriff der KohärenzrelationKohärenzrelation bezeichnet man eine inhaltliche Beziehung zwischen zwei (oder mehr) Äußerungen. Dabei wird auf diskursstruktureller Ebene zwischen koordinierenden und subordinierenden Relationen unterschieden.
Markiert man nun außerdem enger zusammengehörende Diskurseinheiten mit umschließenden Boxen, dann kann die inhaltliche Struktur des Dialogs [24]bestehend aus (2.1), (2.2), (2.3) und (2.4) in der Art von Abbildung 2.6 Graphische Repräsentation von Diskursenrepräsentiert werden.

Abb. 2.6: Graphische Repräsentation der Mikrostruktur des Diskurses (2.1) – (2.4)
Mit der Struktur in Abbildung 2.6 sollte deutlich geworden sein, dass Texte und Diskurse eine komplexe inhaltliche Struktur aufweisen können. Gleichzeitig sollte aber auch deutlich geworden sein, dass diese in systematischer Weise erfasst und dargestellt werden kann. Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass jede neue (kommunikative) Äußerung über eine Kohärenzrelation an einen früheren Diskursabschnitt angebunden werden Kohärenzaxiommuss (KohärenzaxiomKohärenzaxiom). Wie diese Anbindung im Einzelnen erfolgt, ist eine nicht triviale Frage. Klar ist, dass Anbindungen nicht beliebig erfolgen.
Obige Darstellung orientiert sich stark an der Segmented Discourse Representation Theory (SDRT) wie sie in Asher & Lascarides (2003) entwickelt wird. Vergleichbare Strukturen und Annahmen finden sich aber auch in anderen Ansätzen wie der in Mann & Thompson (1988) entwickelten Rhetorical Structure Theory (RST). Welche Kohärenzrelationen im Einzelnen angenommen werden, variiert stark von Theorie zu Theorie. In den meisten Modellen finden sich aber zumindest Kohärenzrelationen, die entweder Antwortbeziehungen (answer), Erklärungen (explanation), Erläuterungen (elaboration), Folgerungen (consequence), Unerwartetes (violated expectations), Kontrastbeziehungen (contrast), parallele Strukturen (parallel) oder die Darstellung einer Abfolge von Ereignissen (narration) zum Gegenstand haben. Manche dieser Kohärenzrelationen werden klar über Konjunktionen oder Konjunktionaladverbien kommuniziert. Die subordinierende Konjunktion weil etabliert z. B. notwendig eine (wie auch immer geartete) Form der Begründung. Die Konjunktion und dagegen ist ziemlich flexibel, sie kann als und weil (explanation) oder auch als und dann (narration) interpretiert werden, kann aber auch parallele Fortführungen wie in Lisbeth mag Muffins und Erna Donuts einleiten. Die Konjunktion aber ist nicht ganz so flexibel wie und, aber sicher flexibler als weil: Sie kann kontrastive Beziehungen etablieren (wie in Lisbeth mag Muffins, aber keine Donuts), sie kann aber auch das Nichteintreffen von Erwartetem ausdrücken (Greuther Fürth spielt immer oben mit, steigt aber nie auf). Man sieht an diesen Beispielen, dass es zum einen keinen Konsens gibt, was Art und Anzahl von Kohärenzrelationen betrifft, und dass zum anderen die Beziehung zwischen Kohärenzrelation und kohäsiven Mitteln ziemlich komplex ist. Ein guter erster Überblick findet sich in Kehler (2002).
Betrachtet man nochmals den gerade besprochenen Text, dann sieht man schnell, dass Kohärenzrelationen nicht notwendigerweise sprachlich kodiert werden, sondern unter Umständen kontextuell inferiert werden müssen. So wird z. B. an keiner Stelle explizit gesagt, dass (2.3) als eine Erklärung für (2.2) verstanden werden soll. Aber wir wissen, dass man nach drei Tassen Kaffee bereits eine Menge Koffein zu sich genommen hat und zu viel Koffein nicht gut für uns ist. Daher ist es einfach plausibel, dass dieser Sachverhalt als Grund für die negative Antwort aufzufassen ist. Etwas anders liegt dagegen der Fall bei der Äußerung in (2.4). Die Äußerung in (2.4) wird durch die (syntaktisch) koordinierende Konjunktion aber eingeleitet, mit der inhaltlich explizit ein Kontrast zu einer vorhergehenden Aussage ausgedrückt wird. An dieser Stelle sind wir also nicht auf Mutmaßungen angewiesen. Konjunktionen wie und, aber, weil oder wenn und Konjunktionaladverbien wie trotzdem, deswegen oder dennoch haben (unter anderem) offenbar die Funktion, die Verschränkung zweier Diskurseinheiten sprachlich zu vermitteln. Man spricht hier auch Kohäsion und kohäsive Mittelvon KohäsionKohäsion und bezeichnet die sprachlichen Ausdrücke als kohäsive Mittelkohäsive Mittel (vgl. z. B. Halliday & Hasan 1976).
Neben diesen expliziten Verknüpfungen zweier Diskurseinheiten gibt es weitere sprachliche Phänomene, die Bezüge zwischen (Teilen) zwei(er) Diskurseinheiten herstellen. Eines dieser Phänomene ist die Anaphorische Ausdrückeanaphorische Verwendung von Pronomina, wie man sie in dem folgenden kleinen Textbeispiel beobachten kann:

[26]Pronomina wie das Personalpronomen sie in (2.6) zeichnen sich dadurch aus, dass ihr referenzieller Bezug (auf welche Person sich der Sprecher mit dem Pronomen beziehen möchte) entweder situativ (wir sprechen dann von einer deiktischen Verwendungdeiktischer Gebrauch) oder sprachlich über einen Vorgängerausdruck (ein AntezedensAntezedens) vermittelt werden muss (wir sprechen dann von einer anaphorischen Verwendunganaphorischer Gebrauch). In unserem Beispiel ist dieser Vorgängerausdruck der (unterstrichene) Eigenname Erna in (2.5): Wenn wir (2.6) im Kontext von (2.5) hören oder lesen, dann gehen wir sehr schnell davon aus, dass sich das Pronomen sie auf Erna beziehen soll. Würden wir den Satz in (2.6) isoliert lesen, dann könnten wir gar nicht sagen, was genau mit ihm kommuniziert werden soll. Die anaphorische Verwendung von pronominalen Ausdrücken erzeugt auf diese Weise weitere inhaltliche und strukturelle Verschränkungen im Diskurs und trägt so zum Eindruck eines kohärenten Textes wesentlich bei (vgl. z. B. Hobbs 1979).
Das zweite in diesem Kontext häufig genannte EllipsenPhänomen ist die EllipseEllipse. Mit dem Begriff ›Ellipse‹ bezeichnet man verschiedene Formen der Auslassung von sprachlichen Ausdrücken (vgl. z. B. Klein 1993, Reich 2018). Ähnlich wie bei anaphorisch verwendeten Pronomina kann die Auslassung sprachlicher Ausdrücke ebenfalls situativ oder sprachlich motiviert sein. Ist sie sprachlich motiviert, dann gibt es wie bei den anaphorischen Verwendungen von Pronomina einen sprachlichen Vorgängerausdruck (ein Antezedens), über das die Auslassung rekonstruiert werden kann. Ein Beispiel findet sich bereits in unserem obigen Mini-Diskurs (2.1) bis (2.3): In der Äußerung (2.1) von Lisbeth wird eine Tasse Kaffee thematisiert, in der Äußerung (2.3) von Erna wird jedoch nur noch von drei Tassen gesprochen und nicht (was präziser wäre) von drei Tassen Kaffee. Im Kontext von (2.1) kann Erna in ihrer Äußerung offenbar auf die explizite Erwähnung von Kaffee verzichten, da über den Kontext klar ist, dass es um Kaffee geht. Hätte Lisbeth dagegen Eine Tasse Tee? geäußert, dann würden wir Ernas Äußerung so interpretieren, dass sie bereits drei Tassen Tee getrunken hat. Ellipsen führen also zu vergleichbaren inhaltlichen und strukturellen Verschränkungen im Diskurs, wie wir das bereits bei den anaphorischen Verwendungen von Pronomina gesehen haben. Entsprechend tragen auch Ellipsen wesentlich zum Eindruck von Textkohärenz bei.
[27]2.5 Zur Makrostruktur von Texten: Diskurstopiks
Wir haben gerade gesehen, dass Kohärenzrelationen gewissermaßen der Kitt sind, der einzelne Äußerungen zu komplexeren Gebilden zusammenfügt und in dieser Weise auf Mikrostruktur und Makrostruktureiner mikrostrukturellen EbeneMikrostruktur (bottom-up) die Grundlage für einen Text bzw. Diskurs schafft. Am Beispiel der Äußerungen in (2.1) bis (2.4) haben wir außerdem gesehen, dass diese kohärente Folge von Äußerungen in dem Sinne eine thematische Einheit bildet, als mit der Äußerung (2.1) explizit eine Frage aufgeworfen wird, die mit den Äußerungen in (2.2) bis (2.4) beantwortet wird bzw. diese Äußerungen zumindest inhaltlich mehr oder weniger direkt auf (2.1) Bezug nehmen. (Dies wurde durch die große umschließende Box in Abbildung 2.6 angedeutet.) In diesem Sinn definiert die Frage in (2.1) also, worum es inhaltlich in diesem Diskurs geht, was der Gegenstand, das Topik des Diskurses ist. In unserem Fall wäre das die Frage, was Erna zum Trinken möchte. Da das Diskurstopik den thematischen Rahmen aller Äußerungen des Diskurses vorgibt, kann man hier von einer makrostrukturellen EbeneMakrostruktur (top-down) sprechen.
Mit dem Begriff DiskurstopikDiskurstopik bezeichnen wir das Thema, den Gegenstand eines Textes oder Diskurses, also das, worum es in einem Text oder Diskurs (primär) geht.
Die Annahme Diskurstopiks und die Struktur von Textenvon Diskurstopiks als zentrales Element der Diskursstruktur lässt zunächst einmal offen, wie Diskurstopiks im Einzelnen zu charakterisieren sind (vgl. z. B. van Dijk 1977) und in welcher Weise sie die Struktur eines Textes determinieren. In neueren Ansätzen wird häufig angenommen, dass das Format der Frage/Antwort-Struktur das prägende Strukturelement von Texten und Diskursen ist. Die Idee ist, dass jeder Text gewissermaßen als Antwort auf eine explizit oder implizit aufgeworfene Frage betrachtet werden kann. So beantwortet in unserem Beispieldiskurs die Äußerung in (2.2) die explizite Frage in (2.1). Die Äußerung in (2.2) wirft aber wiederum implizit die Frage auf, warum Erna keinen Kaffee möchte, eine Frage, die durch die Äußerung in (2.3) beantwortet wird. Die Äußerung in (2.4) schließlich bezieht sich genau genommen nur indirekt auf die Frage in (2.1) und wirft implizit die allgemeinere Frage auf, was Erna trinken möchte (Q). Das übergeordnete Diskurstopik ist damit die Frage Q (was Erna trinken möchte), die im Diskurs über die Teilfragen Q1 (ob Erna Kaffee trinken möchte) und Q2 (ob Erna Wasser trinken möchte) in zwei Schritten beantwortet wird. Schematisch kann die [28]Makrostruktur dann wie in Abbildung 2.7 repräsentiert werden (wobei wir hier der Einfachheit halber auf die Begründung von (2.2) verzichten).

Abb. 2.7: (Vereinfachte) graphische Darstellung der Makrostruktur des Diskurses (2.1) – (2.4)
Die Vorstellung, dass Fragen Texte strukturieren, ist bereits in der klassischen Rhetorik zu finden. In der neueren Literatur werden damit vor allem zwei Arbeiten verbunden: Klein & von Stutterheim (1987) und Roberts (1996). In Klein & von Stutterheim (1987) wird die leitende Frage eines Textes in Anlehnung an die klassische QuaestioRhetorik als Quaestio bezeichnet. Die Quaestio gliedert dabei einen Text in eine HauptstrukturHauptstruktur (die Teile des Textes, die sich direkt auf die Quaestio beziehen) und eine NebenstrukturNebenstruktur (die Teile eines Textes, die dies nicht tun).
Roberts (1996) ist einer der ersten Versuche, diese Idee stärker zu formalisieren. Sie vergleicht Diskurse dabei mit einer Art Kartenspiel: Ist ein Spieler in einem Diskurs am Zug, dann wirft er eine Frage (Question under Discussioneine Question under Discussion, kurz QUD) auf, die in Form einer Spielkarte auf einen Kartenstapel gelegt wird. Die oberste Spielkarte definiert dabei die unmittelbar relevante Frage. Ist eine Frage beantwortet, wird sie wieder vom Stapel genommen. Dies geht so lange, bis der Stapel leer ist.
In unserem Ein konstruiertes BeispielBeispieldiskurs wirft die Äußerung in (2.1) explizit die Frage Q1 auf, gleichzeitig aber auch die übergeordnete Frage Q mit allen relevanten Teilfragen (Q2). Das Resultat ist ein Kartenstapel, bei dem die Frage Q1 ganz oben liegt, gefolgt von Q2. Ganz unten im Stapel liegt die übergeordnete Frage Q. Da mit der Äußerung in (2.2) die Frage Q1 beantwortet ist, wird die oberste Karte gleich wieder vom Stapel genommen. Gleichzeitig wirft (2.2) aber die Frage auf, warum Erna keinen Kaffee möchte. Diese Frage kommt ebenfalls auf den Stapel, wird aber durch die Äußerung in (2.3) ebenfalls sofort wieder eliminiert. Bleiben Q2 und Q auf dem Stapel. Die Äußerung in (2.4) beantwortet Q2 und mit Q2 wird gleichzeitig auch Q mitbeantwortet. Alle Fragen sind beantwortet, der Stapel ist leer und der fragliche Diskurs ist abgeschlossen (bis erneut ein Spieler eine Karte auf den Stapel legt, also eine Frage thematisiert).
An dieser Stelle ist es nicht notwendig und sicherlich auch gar nicht sinnvoll, sich auf eine dieser Theorien festzulegen. Dass die grundlegende Idee tragfähig zu sein scheint, lässt sich auch an Beispielen aus der freien Ein Beispiel aus der freien WildbahnWildbahn illustrieren. So findet man in Zeitungsartikeln nicht selten recht explizit diese Form der Strukturierung. Als Beispiel sei hier ein Online-Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 7. 10. 2014 genannt, der sich auf ein Länderspiel der DFB-Elf in Warschau (Polen) bezieht, vgl. Abbildung 2.8.

Abb. 2.8: Auszug aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung online
In diesem Artikel wirft die Schlagzeile die Frage Q auf, warum die DFB-Elf mit mulmigen Gefühlen nach Warschau fährt. Ziel des Artikels ist dann, diese Frage zu beantworten oder zumindest dieser nachzugehen. Der Artikel tut dies, indem er verschiedene Teilaspekte thematisiert, die zum Teil in den Unterüberschriften explizit als Fragen formuliert sind: Wer ersetzt Lahm? (Q4), Warum Polen den Deutschen Respekt einflößt (Q3) und Wie Löw die Sache sieht (Q2). Lediglich der erste Absatz wird durch ein Statement (DFB-Elf längst nicht in bester Verfassung) eingeleitet, das jedoch unmittelbar die Frage nach dem Warum aufwirft (Q1). Der Aufbau des Artikels kann also im Wesentlichen wie in Abbildung 2.9 skizziert strukturiert werden.

Abb. 2.9: Makrostruktur des Zeitungsartikels in Abb. 2.8
[30]2.6 Vom Text zur Textsorte
Die in Kapitel 2.1 skizzierte Klassifikation von Kommunikationsformen auf der Grundlage zentraler Eigenschaften der Kommunikationssituation führt zunächst nur zu einem vergleichsweise groben (wenn auch wohlfundierten) Raster. Auch die Diskussion der konstitutiven Eigenschaften von Texten (Kohärenz, Kohäsion, Diskurstopik) in den Kapiteln 2.4 und 2.5 führt naturgemäß zu keiner weiteren Ausdifferenzierung des Textbegriffs. Tatsache ist aber auch, dass wir in unserem Alltag eine Vielzahl von Texten unterscheiden, die die verschiedensten Funktionen haben und auch in formaler Hinsicht stark voneinander abweichen können. Wir sprechen z. B. von einer Anhörung, einem Verhör, einem Vortrag oder einer Rede, wir sprechen von einem Artikel, einer Schlagzeile, einem Rezept oder einer Kleinanzeige, wir sprechen von einem Brief, einer Mitteilung, einem Gutachten oder einer Steuererklärung.
Um diese vortheoretische Binnendifferenzierung von Texten zu erfassen, hat sich in der Textlinguistik der Begriff Textsorteder Textsorte herausgebildet. Textsorten können dabei im Wesentlichen als weitgehend konventionalisiertes Muster zur Erreichung eines bestimmten kommunikativen Ziels definiert werden. Oder in den Worten von Schwarz-Friesel & Consten (2014: 22): »Es ist typisch für einen Text, dass er als Exemplar einer Textsorte mit einer grammatischen Oberflächenstruktur, einem inhaltlichen Zusammenhang und einem globalen Sinngehalt von jemandem (für jemanden) mit einer bestimmten Intention in einer bestimmten Situation produziert wurde.«
Mit dem Begriff der TextsorteTextsorte bezeichnen wir vortheoretisch Muster von Texten, die sich zur Erreichung eines bestimmten kommunikativen Ziels herausgebildet haben.
Aufgrund der erwähnten Konventionalisierung können sich Textsorten formal auf zwei Ebenen unterscheiden, einer textstrukturellen Ebene und einer grammatischen Ebene. Machen wir uns das wieder an einem Beispiel klar, vgl. hierzu Abbildung 2.10.

Abb. 2.10: Beispiel für den strukturellen Aufbau eines Artikels
Abbildung 2.10 zeigt den typischen Aufbau eines Zeitungsartikels: Eine Schlagzeile betitelt den Artikel, gefolgt von einem Schlagzeile, Lead und BodyLead mit zusammenfassendem Charakter und dem eigentlichen Body des Artikels. Dieser strukturelle Aufbau ist konventionalisiert und in diesem Aufbau unterscheidet sich ein Zeitungsartikel wesentlich von einem Rezept, einem Wetterbericht oder einer Kleinanzeige. Innerhalb dieser textuellen Strukturierung gibt es aber einen wesentlichen Unterschied zwischen Lead und Body einerseits und der Schlagzeile andererseits: In Schlagzeilen ist die Auslassung des Artikels bei Nomen im Singular möglich, im Lead und Body dagegen nicht. So ist z. B. die Schlagzeile Kuh springt durch Fenster in Küche (dapd vom 22. 6. 2012) im Body eines Artikels schlicht kein akzeptables Deutsch. In einer Schlagzeile dagegen nehmen wir die Auslassung der Artikel in der Regel gar nicht wahr.
Das Kulturelles WissenWissen über die textstrukturellen und grammatischen Eigenschaften einer Textsorte ist etwas, das erlernt werden muss: Ein Journalist muss lernen, wie man einen Artikel schreibt, ein Meteorologe muss lernen, wie man einen Wetterbericht verfasst, und ein Personalchef muss wissen, wie ein Arbeitszeugnis auszusehen hat. In manchen Fällen erwerben wir dieses Textsortenwissen mehr oder weniger nebenbei (z. B. durch das Lesen von Zeitungen oder das Hören von Wetterberichten), in anderen Fällen muss dieses Wissen bei Bedarf bewusst erworben werden (z. B. das Schreiben einer Hausarbeit oder das Verfassen eines Gutachtens). Über dieses Wissen zu verfügen, heißt allerdings wiederum nicht, in jedem Fall klar entscheiden zu können, ob im Fall zweier gegebener Texte auch unterschiedliche Textsorten vorliegen.
Geben wir auch hier ein Beispiel zur Illustration. Die meisten von uns haben eine recht klare Vorstellung davon, was einen Geschäftsbrief und E-MailGeschäftsbrief ausmacht. [32]Tatsächlich gibt es hier sogar eine DIN-Vorgabe (DIN 5008, Abschnitt 17): Ein Brief enthält unter anderem ein Adressfeld und eine Rücksendeangabe. Ein Brief ist datiert und es gibt eine Betreffzeile. Der Textteil beginnt mit einer abgesetzten Anrede und schließt mit einer abgesetzten Grußformel, wobei der Grußformel kein Komma folgt. Das im Hinterkopf kann man nun die Frage stellen, ob eine (geschäftliche) E-Mail eine andere Textsorte darstellt oder nicht. Tatsächlich ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Zunächst kann man sicher festhalten, dass das kommunikative Ziel in beiden Fällen im Wesentlichen dasselbe ist (die Kommunikation mit einer Geschäftspartner*in). Auch auf grammatischer Ebene unterscheiden sich klassische Geschäftsbriefe nicht wesentlich von geschäftlichen E-Mails. Bleibt also die textstrukturelle Ebene. Auch hier ist natürlich eine große Ähnlichkeit festzustellen: E-Mails verfügen ebenfalls über ein Adressfeld und eine Rückadresse, sie verfügen über eine Betreffzeile und einen Zeitstempel. Und der Textteil einer geschäftlichen E-Mail folgt ebenfalls demselben Muster eines Geschäftsbriefs. Im Gegensatz zum Geschäftsbrief ist bei einer E-Mail jedoch standardmäßig die Möglichkeit von Blindkopien vorgesehen, der (meist versteckte) Header enthält noch zusätzliche Informationen über die Kodierung des Textes, über Servernamen und IP-Adressen. Und nach der Grußformel folgt meist noch eine Signatur mit der klassischen Postadresse und der eigenen Webseite. Möchte man von unterschiedlichen Textsorten sprechen, dann wird man diese Unterschiede als wesentliche einordnen müssen. Kommt man jedoch zu der Auffassung, dass diese Unterschiede nicht wesentlich (und letztlich primär auf Eigenschaften des Mediums zurückzuführen) sind, dann liegt hier lediglich ein Unterschied in der Kommunikationsform vor: elektronisch vs. nicht-elektronisch.
Empfohlene Literatur
Adamzik, Kirsten: Textlinguistik: Grundlagen, Kontroversen, Perspektiven. Berlin / New York: de Gruyter, 22016.
Averintseva-Klisch, Maria: Textkohärenz. Heidelberg: Winter, 2013.
Brinker, Klaus / Antos, Gerd / Heinemann, Wolfgang / Sager, Sven F.: Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. 1. und 2. Halbbd. Berlin / New York: de Gruyter, 2008.
Gansel, Christina / Jürgens, Frank: Textlinguistik und Textgrammatik. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, 2009.
Schwarz-Friesel, Monika / Consten, Manfred: Einführung in die Textlinguistik. Darmstadt: WBG, 2014.
[33]3 Pragmatik: Gemeintes
Als ich vor einigen Jahren mit dem Wagen Richtung Saarbrücken gefahren bin, ist mir an der Grenze zum Saarland ein Plakat aufgefallen: »50 Jahre Saarland. Schön, dass du da bist.« Meine erste Reaktion war: »Was für eine nette Begrüßung!« Meine zweite: »Oh, ich bin ja gar nicht gemeint!« Die Ursache meiner kurzzeitigen Verwirrung ist schnell aufgeklärt: Das Plakat spielt mit einer MehrdeutigkeitMehrdeutigkeit (einer AmbiguitätAmbiguitätMehrdeutigkeit), die auf das Pronomen du zurückzuführen ist: Das Pronomen du kann sich bei diesem Plakat einerseits auf das Saarland beziehen. In diesem Fall wird der inhaltliche Bezug (die Referenz) des Pronomens über die vorherige Äußerung »50 Jahre Saarland« vermittelt, und man spricht von Deiktischer und anaphorischer Gebraucheinem anaphorischen Gebrauchanaphorischer Gebrauch. Das Pronomen du kann sich aber andererseits auch auf den Adressaten des Plakats beziehen. In diesem Fall wird die Referenz des Pronomens über nicht-sprachliche Aspekte der Äußerungssituation festgelegt, und man spricht von einem deiktischen Gebrauchdeiktischer Gebrauch.

Abb. 3.1: Plakat zum 50-jährigen Bestehen des Saarlandes. – © Staatskanzlei des Saarlands
3.1 Ausdrucksbedeutung und Äußerungsbedeutung
Am Beispiel deiktisch gebrauchter Ausdrücke lässt sich gut eine Unterscheidung illustrieren, die die inhaltliche Seite sprachlicher Ausdrücke betrifft, die Unterscheidung Äußerungsbedeutungzwischen Ausdrucksbedeutung und ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutung.
Zunächst sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass der inhaltliche Bezug, die Referenz des Pronomens du, systematisch von der [34]Äußerungssituation abhängt: Wenn ich, Ingo Reich, an dem Plakat vorbeifahre und es lese, dann konstituiert das eine Äußerungssituation, in der ich, Ingo Reich, der Adressat des Plakats bin. In dieser Situation interpretiere ich das Pronomen du so, dass es sich auf mich, Ingo Reich, bezieht. Wenn mein Kollege Augustin Speyer an dem Plakat vorbeifährt und es liest, dann konstituiert dies eine andere Äußerungssituation, eine Äußerungssituation, in der er der Adressat des Plakats ist. In dieser Situation wird er natürlich das Pronomen du so interpretieren, dass es sich auf ihn, Augustin Speyer, bezieht. Generell wird jeder, der das Plakat liest, das Pronomen du (bei deiktischer Interpretation) so verstehen, dass es sich auf ihn bezieht. Diese kontext-abhängige Referenz von du in einer konkreten Äußerungssituation bezeichnen wir als die Bedeutung der Äußerung des Pronomens du (in dieser Äußerungssituation) oder kurz als die Äußerungsbedeutung von du.
WoraufAusdrucksbedeutung oder besser auf wen sich das Pronomen du in einer Äußerungssituation bezieht, ist natürlich nicht zufällig. Wir wissen, dass wir uns mit dem Pronomen du auf den Adressaten einer Äußerung beziehen und mit dem Pronomen ich auf den Sprecher. Dieser Aspekt der Bedeutung von du und ich ist etwas, das wir im Erstspracherwerb erlernen müssen und in unserem mentalen Lexikon jeweils als Bedeutung für die beiden Pronomina abgespeichert haben. Diese kontext-unabhängige Bedeutung der beiden Pronomina du und ich bezeichnen wir als Ausdrucksbedeutungihre Ausdrucksbedeutung.
DerVerankerung Zusammenhang zwischen der Ausdrucks- und der Äußerungsbedeutung von z. B. du lässt sich dann so charakterisieren, dass sich die Äußerungsbedeutung aus der Ausdrucksbedeutung und Eigenschaften der jeweiligen Äußerungssituation ergibt: Mit du beziehen wir uns auf den Adressaten einer Äußerungssituation. Ist Ingo Reich der Adressat in der fraglichen Äußerungssituation, dann bezieht sich das Pronomen du folglich auf Ingo Reich. Ist dagegen Augustin Speyer der Adressat in der Äußerungssituation, dann bezieht sich du eben auf Augustin Speyer. Diese Beziehung lässt sich dabei als eine funktionale beschreiben, d. h., einer Ausdrucksbedeutung und einem Kontext wird eine Äußerungsbedeutung eindeutig zugeordnet. Man sagt auch, dass die Ausdrucksbedeutung im Von der Ausdrucks- zur ÄußerungsbedeutungÄußerungskontext verankertVerankerung wird.
Die AusdrucksbedeutungAusdrucksbedeutung eines lexikalischen Ausdrucks ist diejenige Bedeutung, die kompetente Sprecher in ihrem mentalen Lexikon abgespeichert haben. Die Ausdrucksbedeutung eines komplexen sprachlichen Ausdrucks ergibt sich aus den Ausdrucksbedeutungen seiner Teile und der Art ihrer Kombination.
Die ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutung eines lexikalischen Ausdrucks ergibt sich aus dessen Ausdrucksbedeutung und ihrer Verankerung im sprachlichen und nicht-sprachlichen Äußerungskontext. Die Äußerungsbedeutung eines komplexen Ausdrucks ergibt sich aus den Äußerungsbedeutungen seiner Teile und der Art ihrer Kombination.
Die Unterscheidung zwischen der Ausdrucksbedeutung und der Äußerungsbedeutung sprachlicher Ausdrücke nimmt nicht zuletzt deswegen eine so zentrale Stellung ein, weil sie die (oder zumindest eine mögliche) Grenze markiert zwischen den beiden Gebieten, die sich mit der inhaltlichen Interpretation von sprachlichen Ausdrücken Von der Semantik zur Pragmatikbeschäftigen: Semantik und Pragmatik. Während sich die SemantikSemantik auf die Untersuchung von (komplexen) Ausdrucksbedeutungen fokussiert, fallen Fragen der Äußerungsbedeutung in den Bereich der PragmatikPragmatik. Entsprechend wird die Arbeitsteilung zwischen Semantik und Pragmatik häufig auch so charakterisiert, dass sich die Semantik mit kontext-unabhängigen, die Pragmatik dagegen (eher) mit kontext-abhängigenKontext-Abhängigkeit Phänomenen beschäftigt sowie generell mit Fragen des sprachlichen Gebrauchs. Diese Grenzziehung zwischen Semantik und Pragmatik schränkt die Semantik auf einen vergleichsweise engen Bereich ein. Traditionell sieht die Semantik ihr Feld aber auch in dem Bereich der Äußerungsbedeutungen, die (primär) auf der Basis sprachlicher Kodierung oder allgemeiner auf grammatischer Basis zustande kommen. Auf diese Sichtweise werden wir in den Abschnitten 3.2 und vor allem in 3.4 noch zu sprechen kommen.
Die Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik haben wir auch schon in Kapitel 2 thematisiert und dort die Grenze zwischen einerseits sprachlich kodierter und andererseits kontextuell inferierter Information gezogen. Fällt diese Grenze nun im Wesentlichen zusammen mit der, die auf der Basis der Unterscheidung zwischen Ausdrucks- und Äußerungsbedeutung zustande kommt? Ja und nein. Betrachten wir dazu den folgenden Satz: Freiburg ist eine grüne Stadt. Wird dieser Satz in einem politischen Kontext geäußert, dann wird man grün in dem Sinne interpretieren, dass die Freiburger gerne grün wählen oder zumindest ökologisch bewusst leben. Wird der Satz aber im Kontext von Stadtplanung und Lebensqualität geäußert, dann ist es eher naheliegend, an eine Vielzahl von Grünflächen zu denken. Je nach Äußerungskontext hat dieser Satz und insbesondere das Adjektiv grün also eine andere Interpretation, eine andere Äußerungsbedeutung. Und bei der Bestimmung der Äußerungsbedeutung gehen sicherlich kontextuelle Inferenzen (in irgendeiner Form) ein. Damit sind die Äußerungsbedeutungen von grün aber sowohl kodiertkodiert (da sie auf dem Adjektiv grün basieren) als auch kontextuell inferiertinferiert (wie gerade ausgeführt). Versteht man die Aussage, dass sich die Semantik mit kodierter Information beschäftigt, jetzt so, dass dies kontextuelle Inferenzen strikt ausschließt, dann kommt man zu dem erwähnten engen Verständnis von Semantik (im Sinne von Ausdrucksbedeutung). Lässt man dagegen zu, dass die in der Semantik verhandelten Bedeutungen neben [!] kodierter Information auch (bis zu einem gewissen Grad) auf kontextuellen Inferenzen beruhen dürfen, dann kommt man zu einem wesentlich weiteren Begriff, der auch Aspekte der Äußerungsbedeutung einschließt. Wir werden in Fällen wie dem gerade diskutierten in Abschnitt 3.4 Explizit kodierte Äußerungsbedeutungvon explizit kodierter ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutungexplizit kodierte (oder allgemeiner von grammatisch determinierter ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutunggrammatisch determinierte) sprechen, da es hier in erster Linie um Aspekte der Äußerungsbedeutung geht, die auf einer expliziten sprachlichen Kodierung (oder allgemeiner auf einer grammatischen Basis) beruhen. Wo man die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik zieht, wird dann davon abhängen, welche Art kontextuell inferierter Information man noch in der Semantik zulassen will.
[36]3.2 Äußerungssituation und deiktische Interpretation
Da die Interpretation deiktischer Ausdrücke den Bezug auf die Äußerungssituation erfordert und damit ein hohes Kontextabhängigkeit deiktischer AusdrückeMaß an Kontextabhängigkeit aufweist, ist es sicher nicht verkehrt, deiktische Ausdrücke im Rahmen der Pragmatik zu diskutieren. Eine zentrale Eigenschaft deiktischer Ausdrücke wurde bereits im letzten Abschnitt angedeutet: Im Gegensatz zu Eigennamen wie Lisbeth oder Erna weisen deiktische Ausdrücke wie ich oder du keinen festen inhaltlichen Bezug, keine feste Referenz auf. Worauf deiktische Ausdrücke in einer konkreten Äußerung referieren, wird über ihre Ausdrucksbedeutung und relevante Eigenschaften der Äußerungssituation festgelegt.
Wird die Referenz deiktischer Ausdrücke allein über die Ausdrucksbedeutung und relevante Eigenschaften der Äußerungssituation festgelegt, dann spricht man auch Rein indexikalische und echt demonstrative Ausdrückevon rein indexikalischenrein indexikalisch Ausdrücken. Tatsächlich sind die Pronomina ich und du in diesem Sinne rein indexikalisch, genauso wie das Temporaladverb jetzt oder das Lokaladverb hier. Demonstrative Ausdrücke wie der, dieser Mann oder auch das lokale Adverb dort sind dagegen nicht rein indexikalisch, da für die eindeutige Identifizierung der (intendierten) Referenz im Allgemeinen noch weitere Informationen erforderlich sind wie z. B. ein gestischer Verweis auf die gemeinte Person. So wird ein Sprecher bei der [37]Äußerung des Satzes »Diesen Mann dort drüben, den konnte ich noch nie leiden!« in Richtung der fraglichen Person nicken oder vielleicht sogar mit dem Finger auf sie zeigen (ZeigegestusZeigegestus). Ist die fragliche Person auch auf andere Art und Weise identifizierbar (z. B., weil er gerade großspurig eine Runde Champagner spendiert hat), dann kann der Zeigegestus auch entfallen. Echt demonstrativDeixisecht demonstrativ deiktische Ausdrücke sind dadurch charakterisiert, dass sie ohne einen Zeigegestus überhaupt nicht inhaltlich interpretiert werden können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Partikel so in einem Satz wie »Ich habe gestern einen Fisch gefangen, der war SO groß!«.
Der Begriff des rein indexikalischen Ausdrucks geht im Wesentlichen auf die Vorstellung zurück, dass die für die Interpretation von Ausdrücken wie ich, du, hier oder jetzt relevanten Eigenschaften des Äußerungskontexts (Wer ist der Sprecher? Wer ist der Adressat? Wo fand die Äußerung statt? Wann fand die Äußerung statt?) über Indexeinen Index, also eine geordnete Liste von (abstrakten) Gegenständen der Art <Sprecher, Adressat, Ort, Zeit …>, modelliert werden können. Der Index einer Äußerungssituation beinhaltet damit alle relevanten Informationen zur Interpretation dieser Ausdrücke. In diesem Sinne sind sie nur vom Index der Äußerungssituation abhängig (vgl. hierzu z. B. die Arbeiten von Lewis 1970 und Kaplan 1989; weitere Diskussion, insbesondere zum Deutschen, findet sich z. B. in Ehrich 1992a).
Mit der Art der Referenz (Person, Ort, Zeit) werden in der Regel mindestens drei Typen deiktischer Ausdrücke unterschieden: personale DeixisDeixispersonale, lokale DeixisDeixislokale und temporale DeixisDeixistemporale. Für alle diese deiktischen Ausdrücke ist nicht nur charakteristisch, dass sie über die Äußerungssituation zu interpretieren sind. Es ist auch charakteristisch, dass diese Interpretation auf eine ganz spezifische Art und Weise erfolgt: Deiktische Ausdrücke wie ich, jetzt oder hier werden systematisch auf ein mehrdimensionales Koordinatensystem bezogen, in dessen Mittelpunkt (im Normalfall) der Sprecher zu lokalisieren ist. Dieser Mittelpunkt wird mit Bühler (1934) die Ich-Jetzt-Hier-Origo oder einfach Origobezug deiktischer Ausdrückekurz die OrigoOrigo (der Ursprung, das deiktische ZentrumZentrumdeiktischesOrigo) genannt.
Als deiktisch oder indexikalisch bezeichnet man sprachliche Ausdrücke, die nicht aus eigener Kraft direkt auf einen (abstrakten) Gegenstand referieren, sondern deren Referenz relativ zum deiktischen Zentrum, der Origo, über relevante Eigenschaften der Äußerungssituation und weitere Hinweise wie z. B. Gesten festgelegt wird.
Dieser relationale Bezug auf die Origo lässt sich am besten an einem Ein BeispielBeispiel illustrieren: Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Promotionsfeier und Sie hören eine Ihnen unbekannte Person in der Ferne sagen: »Dort hinten habe ich gestern ganz alleine das Buffet aufgebaut.« Nehmen wir außerdem an, Sie stehen gerade direkt neben dem Buffet. Dann werden Sie keine Probleme haben aufzulösen, was die fragliche Person mit »dort hinten« gemeint hat, und Sie werden sich etwas denken in der Art: »Ah, hier hat er gestern (angeblich) ganz alleine das Buffet aufgebaut«. Vergleicht man nun die beiden Äußerungen, dann ist klar, dass sich die beiden lokalen Adverbien dort und hier in den Äußerungen auf denselben Ort beziehen (den Ort des Buffets) und die beiden Personalpronomina ich und er auf dieselbe Person (die Person, die das Buffet nach eigener Aussage ganz alleine aufgebaut hat). Aber während der Sprecher der ersten Äußerung das Adverb dort benutzt, um sich auf den Ort des Buffets zu beziehen, und das Pronomen ich, um auf sich selbst zu referieren, benutzen Sie in ihrer gedanklichen Äußerung bei gleichem Bezug das Adverb hier und das Pronomen er. Die Wahl des pronominalen Ausdrucks hängt also offenbar erstens davon ab, wer der Produzent der Äußerung ist: Mit ich bezieht sich der Produzent einer Äußerung auf sich selbst, mit er bezieht er sich (im Normalfall) auf eine dritte Person (und mit du bezieht er sich auf den Adressaten der Äußerung). Zweitens hängt sie aber (mindestens) im Fall von dort und hier auch davon ab, wie der fragliche Ort relativ zum Sprecher zu verorten ist: Ist er in seiner unmittelbaren Nähe, dann wird der Sprecher hier verwenden. Ist der Ort aber hinreichend weit vom Sprecher entfernt, dann wird er dort verwenden.
Dieses Beispiel zeigt, dass man bei lokaler Deixis zwischen Nahraum und (gerichteter) Distanzraumeinem NahraumNahraum, dem Hier, der den Ort des Sprechers inkludiert, und einem komplementären DistanzraumDistanzraum, dem Dort, unterscheiden kann. Die Ausdehnung des Nahraums ist dabei selbst wieder stark kontextabhängig (ich kann von hier in meinem Büro, von hier in Saarbrücken oder auch von hier in Europa sprechen) und die Grenze zwischen Nah- und Distanzraum ist im Allgemeinen vage. Die Richtung, in der das distaledistal (vom Sprecher entfernte) Objekt zu lokalisieren ist, ist dagegen zumindest im Fall von dort für die Unterscheidung zwischen Nahraum und Distanzraum zunächst unerheblich.
Im Fall der temporalen Deixis ist das etwas anders. Zeit hat (in unserer Vorstellung) eine gerichtete lineare Struktur und der Zeitpunkt der Äußerung, das Jetzt, teilt diese gerichtete Zeitlinie ein in ein Davor und ein Danach, in eine Vergangenheit und eine Zukunft. Diese Zweiteilung schlägt sich natürlich auch in der Art der Versprachlichung nieder: Mit gestern beziehen wir uns eben auf den Tag vor dem Tag der Äußerung und mit morgen auf den Tag nach dem [39]Tag der Äußerung. Mit vorhin bezeichnen wir einen Zeitraum, der zwar Teil des Davor ist, dabei aber relativ nahe am Jetzt, und mit nachher bezeichnen wir einen ebenfalls Jetzt-nahen Zeitraum im Danach.
Ob die Unterscheidung zwischen Nähe und Distanz auch bei der personalen Deixis sinnvoll ist, ist nicht völlig klar. Für die Charakterisierung von ich und du ist eigentlich die Unterscheidung zwischen Produzent und Adressat ausreichend. Dennoch wird nicht selten angenommen, dass die erste Person ich ein proximalesproximal (inkludiert den Sprecher) und die zweite Person du ein medialesmedial Verhältnis ausdrückt in dem Sinne, dass der Adressat zwar nicht mehr Teil der Origo, aber noch Teil der Äußerungssituation ist. Die dritte Person er, sie, es dagegen würde man eher als distal charakterisieren: Sie ist im Gegensatz zu ich und du eben nicht mehr notwendig Teil der Äußerungssituation.
Abschließend sei noch erwähnt, dass der Bezugspunkt deiktischer Ausdrücke, die Ich-Jetzt-Hier-Origo, entlang jeder der drei Dimensionen Das Verschieben der Origoverschoben werden kann. Man spricht hier auch von Deixis am PhantasmaDeixisam Phantasma (vgl. Bühler 1934). Am deutlichsten ist dies wohl im Fall der lokalen Deixis: Wenn eine Ärztin in einer Krankenakte notiert, dass das linke Bein des Patienten gebrochen ist und operiert werden muss, dann meint links hier links vom Patienten aus gesehen, und nicht links von der Ärztin aus gesehen. Die Ärztin nimmt hier bei der Formulierung per Konvention (aus guten Gründen) gedanklich die Perspektive des Patienten ein.
3.3 Äußerungsbedeutung und kommunikativer Sinn
In Abschnitt 3.1 wurde gezeigt, dass sich die Äußerungsbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks direkt aus seiner Ausdrucksbedeutung durch Verankerung der in der Äußerung enthaltenen deiktischen Ausdrücke in der Äußerungssituation ergibt. Machen wir uns das noch einmal an einem inzwischen klassischen Beispiel von Posner (1979: 357) klar, das als »Maat-Beispiel« in die Literatur eingegangen ist:
Ein Schiffsmaat versteht sich nicht mit seinem Kapitän. Der Kapitän ist Antialkoholiker, während der Maat häufig betrunken ist. Der Kapitän möchte ihm deshalb gerne eine Ordnungsstrafe verpassen lassen, wenn das Schiff wieder in den Hafen kommt. Eines Tages, als der Kapitän Wache hat und der Maat wieder zu grölen anfängt, wird es dem Kapitän zu viel, und er schreibt in das Logbuch: […] »Heute, 23. März, der Maat ist betrunken.« Als der Maat [40]einige Tage später selbst Wache hat, sieht er diesen Logbucheintrag und überlegt, wie er dagegen angehen kann, ohne sich weiter zu kompromittieren. Schließlich macht auch er einen Eintrag ins Logbuch, der lautet: […] »Heute, 26. März, der Kapitän ist nicht betrunken«.
Betrachten wir zunächst den Logbucheintrag des Der Maat und sein KapitänKapitäns. Der Kapitän hat »Heute, 23. März, der Maat ist betrunken.« in das Logbuch eingetragen. Diesen Eintrag können wir natürlich als eine Form der Äußerung auffassen, und in dieser Äußerung sind deiktische Ausdrücke wie heute auch bereits (im Wesentlichen) im Äußerungskontext verankert. Die Äußerungsbedeutung des Logbucheintrags lässt sich damit in aller Kürze wie folgt zusammenfassen: »Dass der Maat (des fraglichen Schiffs) am 23. März (des fraglichen Jahres) betrunken ist.« Dies ist im Wesentlichen auch die Information, die der Kapitän mit seinem Logbucheintrag den verantwortlichen Personen kommunizieren möchte. Analog können wir die Äußerungsbedeutung des zweiten Logbucheintrags wie folgt paraphrasieren: »Dass der Kapitän (des fraglichen Schiffs) am 26. März (des fraglichen Jahres) nicht betrunken ist.« Der wesentliche Unterschied zum Eintrag des Kapitäns und damit der Witz der ganzen Geschichte ist natürlich, dass der Maat mit seiner Äußerung dem Leser des Logbuchs etwas ganz anderes nahelegen möchte, ohne dies aber explizit zu formulieren: »Dass der Kapitän normalerweise betrunken ist.« Tatsächlich zielt der Logbucheintrag des Maats vor allem darauf ab. Mit anderen Worten: Der Maat hat etwas (intentional und erfolgreich) kommuniziert (»dass der Kapitän normalerweise betrunken ist«), ohne dies explizit zu sagen. Das, was er im eigentlichen Sinne ›gesagt‹ hat und worauf man ihn festnageln kann, ist lediglich die unstrittige Aussage, dass der Kapitän am 26. März nicht betrunken war.
Die zentrale Frage, die dieses Beispiel aufwirft, ist die folgende: Wie kann es sein, dass wir mehr (intentional und erfolgreich) kommunizieren können, als wir im strikten Sinne des Wortes eigentlich sagen? Eine erste Ein erster ErklärungsversuchErklärung liegt gerade bei diesem Beispiel recht nahe: Ein Logbuch ist dadurch charakterisiert, dass in ihm nur besonders relevante bzw. erwähnenswerte Ereignisse verzeichnet werden. Indem der Maat die Aussage, dass der Kapitän am 26. März nicht betrunken war, explizit ins Logbuch aufnimmt, kennzeichnet er sie als besonders relevant. Besonders relevant ist sie aber eigentlich nur, wenn der Kapitän im Normalfall betrunken ist. Folglich ist es für den Leser des Logbucheintrags naheliegend und plausibel, genau dies anzunehmen. Diese zusätzliche Annahme hat aber lediglich den Status einer Hypothese des Adressaten, die die Äußerung in einen größeren Zusammenhang einordnet und ihr damit einen tieferen, erklärenden Sinn verleiht. Plausibilitätsannahmen dieser [41]Art werden auch als abduktive Schlussfolgerungen bezeichnet (vgl. hierzu Peirce 1997 [1903] und mit Bezug auf die Grice’sche Implikaturtheorie auch Hobbs 2004). Charakteristisch für abduktive Schlüsse ist, dass zusätzliche Information dazu führen kann, dass der Adressat die fragliche Hypothese wieder verwirft (oder erst gar nicht annimmt). Stellen wir uns zum Beispiel vor, dass der Leser des Logbuchs außerdem weiß, dass am 24. März (des fraglichen Jahres) die Trinkwasservorräte an Bord zur Neige gegangen sind und die Besatzung von diesem Zeitpunkt an nur noch Rum trinken konnte, um ihren Durst zu stillen. In einem solchen Kontext wird der Leser sicher nicht den Schluss ziehen, dass der Kapitän sonst immer betrunken ist. Er wird wohl eher annehmen, dass der Kapitän, vermutlich aus Pflichtbewusstsein, an diesem Tag gar nichts getrunken hat. Schlussfolgerungen, die durch zusätzliches Wissen aufgehoben werden können, heißen nicht-monoton.
Unter einer abduktiven FolgerungSchlussfolgerungabduktive ist eine erklärende Hypothese zu verstehen: Eine beobachtete Äußerung erklärt sich nur über eine plausible Zusatzannahme.
Eine Schlussfolgerung heißt nicht-monotonSchlussfolgerungnicht-monotone, wenn die Hinzunahme einer weiteren Annahme dazu führen kann, dass die Schlussfolgerung nicht mehr legitim ist.
Das, was der Produzent einer Äußerung in erster Linie mit seiner Äußerung kommunizieren möchte, werden wir im Folgenden Kommunikativer Sinnden kommunikativen Sinn dieser Äußerung nennen. Der kommunikative Sinn einer Äußerung kann im Wesentlichen mit ihrer Äußerungsbedeutung zusammenfallen (wie das vielleicht im Fall des Kapitäns ist; wobei wir auch hier ein übergeordnetes Ziel unterstellen können, nämlich dass er den Maat für sein unverantwortliches Handeln bestraft wissen will). Das ist aber wohl eher die Ausnahme. Im Normalfall zielen unsere Äußerungen auf mehr oder sogar auf ganz anderes ab, als wir im strikten Sinne eigentlich sagen. Nehmen wir z. B. an, dass mich eine Kollegin fragt, ob ich mit in die Mensa komme, und ich darauf lediglich antworte, dass (heute) um 12 Uhr die Einführungsvorlesung stattfindet. Dann wird die fragliche Kollegin nicht annehmen, dass mein primäres kommunikatives Ziel darin besteht, ihr mitzuteilen, dass (heute) um 12 Uhr die Einführungsvorlesung stattfindet. Sondern sie wird aus meiner Äußerung schließen, dass ich vermutlich die Vorlesung halten muss und deswegen nicht mit in die [42]Mensa gehen kann. Und sie wird annehmen, dass ich ihr genau das mit meiner Äußerung vermitteln wollte. Mit anderen Worten: Sie wird unterstellen, dass genau dies der kommunikative Sinn meiner Äußerung ist.
Der kommunikative Sinnkommunikativer Sinn einer Äußerung ergibt sich ausgehend von der (angereicherten) Äußerungsbedeutung als nicht-monotoner Schlussprozess auf der Grundlage von Relevanzbetrachtungen und weiteren kontextuellen Annahmen.
3.4 Gesagtes und Gemeintes
In der Literatur gibt es inzwischen eine Vielzahl prominenter Ansätze, die das oben angedeutete Phänomen zu erklären versuchen. Ein besonders einflussreicher Ansatz ist sicher die von Sperber & Wilson (1986) entwickelte Relevanztheorie, in deren Zentrum die Annahme der (optimalen) Relevanz sprachlicher Äußerungen steht. Der Fixpunkt in dieser Diskussion ist und bleibt aber nach wie vor die Arbeit von H. Paul Grice (1975) zu Logic and Conversation. H. Paul Grice war der Erste, der dem Phänomen, dass wir Mehr meinen als sagenmehr meinen können als wir sagen, systematisch nachgegangen ist.
Der zentrale Gedanke seines Erklärungsansatzes besteht in der Annahme, dass Kommunikation als rationales VerhaltenKommunikation eine Form rationalen Verhaltens ist: Sprecher und Adressat verfolgen in einem Gespräch im Regelfall ein gemeinsames Ziel. Dieses Ziel kann sehr unterschiedlicher Natur sein (Sprecher und Adressat möchten sich vielleicht auf einen Cappuccino verabreden; oder Sprecher und Adressat sind Tischnachbarn bei einer Feier und wollen sich nur unterhalten; oder beide sind Wissenschaftler und diskutieren über eine neue Theorie), und wir können dieses Ziel vielleicht nicht einmal klar formulieren, aber wir unterstellen, dass wir ein solches gemeinsames Ziel haben. Um dieses Ziel zu erreichen, so Grice, orientieren wir uns an bestimmten Regeln oder Maximen. Diese beiden Annahmen bilden gewissermaßen den theoretischen Überbau.
Wenn wir uns jetzt der Kommunikation auf der Ebene einer einzelnen Äußerung zuwenden, dann ist hier der zentrale Gedanke, dass ein Sprecher mit seiner Äußerung immer eine Kommunikative Intention und Hypothesenbildungbestimmte kommunikative Intentionkommunikative Intention (Absicht) verfolgt. Die Aufgabe des Adressaten in einer Kommunikationssituation ist dann, ausgehend von der Annahme, dass der Sprecher eine solche Intention verfolgt, diese Intention zu rekonstruieren, also danach zu fragen, warum der Sprecher das geäußert hat, was er geäußert hat, und was der Sprecher mit seiner Äußerung kommunizieren wollte, was also ihr [43]kommunikativer Sinn ist. Da dieser im Allgemeinen nicht mit dem zusammenfällt, was der Sprecher mit seiner Äußerung explizit gesagt hat, wird der Adressat plausible Hypothesen darüber aufstellen müssen, was die kommunikative Intention des Sprechers sein könnte.
Hier wird sich der Adressat nicht zuletzt davon leiten lassen, was das gemeinsame Ziel der Konversation ist. Und er wird unterstellen, dass sich der Sprecher an denselben Regeln orientiert wie er. Und er wird annehmen, dass auch der Sprecher unterstellt, dass sich der Adressat an denselben Regeln orientiert wie der Sprecher. Und er wird davon ausgehen, dass sie sich nicht nur dieses Verhalten gegenseitig zuschreiben, sondern dass sie sich auch gegenseitig zuschreiben, dass sie sich dieses Verhalten zuschreiben. Diese gestufte Gegenseitige ZuschreibungenForm der gegenseitigen Zuschreibung führt leicht zu einem Knoten im Kopf, sie ist aber absolut zentral dafür, dass wir als Adressat die kommunikative Intention des Sprechers rekonstruieren können: Nur wenn der Adressat davon ausgehen kann, dass auch der Sprecher davon ausgeht, dass Sprecher und Adressat voneinander annehmen, dass sie sich an denselben Regeln orientieren, kann der Adressat unterstellen, dass der Sprecher diese Regeln gezielt einsetzt, um das zu kommunizieren, was er kommunizieren möchte. Und nur weil der Sprecher annimmt, dass der Hörer dies annimmt, kann er die Ausrichtung an diesen Regeln erst gezielt einsetzen.
So viel zu den zentralen Gedanken, die dem Grice’schen Ansatz zugrunde liegen. Wie hat Grice diese Gedanken jetzt aber in seinem Ansatz umgesetzt? Die Annahme, dass Sprecher und Adressat in einem Gespräch ein gemeinsames Ziel verfolgen, geht in ein Kooperationsprinzip und Konversationsmaximenübergeordnetes KooperationsprinzipKooperationsprinzip ein (das nur bei unkooperativem Verhalten in Frage gestellt wird). Die erwähnten Regeln, an denen sich Sprecher und Adressat nach Grice in einem Gespräch orientieren, finden sich in vier KonversationsmaximenKonversationsmaximenMaxime wieder, die in Anlehnung an Immanuel Kants Kategorienlehre in der Kritik der reinen Vernunft als Maxime der QualitätMaximeder Qualität, Maxime der QuantitätMaximeder Quantität, Maxime der RelationMaximeder Relation (oder auch der Relevanz) und Maxime der ModalitätMaximeder Modalität bezeichnet werden. Die Maximen sind in Abbildung 3.2 in vereinfachter Form und in Übersetzung wiedergegeben.

Abb. 3.2: Die Grice’schen Konversationsmaximen
Um es gleich ganz deutlich zu sagen: Grice nimmt weder an, dass die Zum Status der KonversationsmaximenMaximen alle gleichrangig nebeneinander stünden (er gesteht z. B. der Maxime der Qualität eine besondere Rolle zu), noch nimmt er etwa an, dass es eine perfekte Arbeitsteilung zwischen den Maximen gäbe (so ist zum Beispiel ein Zuviel an Information in der Regel irrelevante Information). Auch nimmt Grice nicht an, dass wir uns in unserer alltäglichen Kommunikation sklavisch an diese Maximen halten würden. Im Gegenteil. Eine der zentralen Einsichten von Grice [44]ist gerade, dass wir die obigen Maximen (mehr oder weniger bewusst) in unterschiedlicher Weise einsetzen können, um Inhalte indirekt und auf einer impliziten Ebene zu kommunizieren: Indem wir uns an die Maximen halten, aber auch, indem wir gegen die Maximen (scheinbar) verstoßen. Inhalte, die wir auf der Grundlage der Grice’schen Maximen und auf der Grundlage dessen, was explizit gesagt wurde, kommunizieren, nennt Grice Konversationsimplikaturen. Vor allem in der germanistisch-linguistischen Literatur werden Konversationsimplikaturen auch gerne als das GemeinteGemeintes bezeichnet. Der Begriff der Konversationsimplikatur fällt dabei im Wesentlichen zusammen mit dem des kommunikativen Sinns.
Der Begriff der KonversationsimplikaturKonversationsimplikaturenImplikatur bezeichnet Inhalte, die auf der Basis des Gesagten, auf der Basis der Grice’schen Maximen und auf der Grundlage von allgemeinem und persönlichem Weltwissen (nicht-monoton) kommuniziert werden.
Das GesagteGesagtes im Sinne von Grice (1975) fällt im Wesentlichen mit der als wahr bzw. falsch beurteilbaren Äußerungsbedeutung eines satzwertigen Ausdrucks zusammen.
Machen wir uns die Stellung der (Scheinbarer) Verstoß gegen eine MaximeKonversationsmaximen im kommunikativen Verstehensprozess an einem einfachen Beispiel klar. Im letzten Abschnitt wurde ein Szenario entwickelt, in dem ich einer Kollegin auf die Frage, ob ich mit in die Mensa komme, antworte: »Um 12 Uhr findet die Einführungsvorlesung statt«. Das, was ich mit dieser Äußerung explizit gesagt habe, ist, dass (am [45]Tag der Äußerung) um 12 Uhr die Einführungsvorlesung stattfindet. Das ist aber nicht, was meine Kollegin wissen wollte. Sie wollte wissen, ob ich mit zur Mensa komme. Da meine Äußerung diese Frage nicht direkt beantwortet, ist sie zumindest auf den ersten Blick irrelevant (ein Verstoß gegen die Maxime der Relation). Wieso kann ich dann aber mit dieser Äußerung dennoch kommunizieren, dass ich nicht mit in die Mensa kommen kann?
Nach Grice (1975) räsoniert der Adressat in etwa wie folgt: Ingo Reich hat mir gesagt, dass heute um 12 Uhr die Einführungsvorlesung stattfindet. Das beantwortet aber nicht direkt meine Frage und ist daher streng genommen irrelevant. Da ich aber unterstellen kann, dass er das weiß, kann die Äußerungsbedeutung (das Gesagte) nicht bereits der kommunikative Sinn seiner Äußerung sein. Da es keine erkennbaren Gründe gibt anzunehmen, dass er sich bewusst unkooperativ verhält (sich also nicht an das Kooperationsprinzip hält), muss ich annehmen, dass seine Äußerung einen anderen kommunikativen Sinn hat und dieser kommunikative Sinn für mich von Relevanz ist (also meine Frage beantwortet). Was könnte dieser kommunikative Skizze eines InferenzprozessesSinn sein? Ich weiß, dass Ingo Reich gemeinsam mit Augustin Speyer die Einführungsvorlesung hält. Wenn er mir mit seiner Äußerung sagen möchte, dass er zur Mensazeit die Vorlesung halten muss, dann beantwortet das meine Frage (da ich dann schlussfolgern kann, dass er keine Zeit hat, mich in die Mensa zu begleiten). Also wird er wohl das gemeint haben. Explizit gesagt hat er also, dass heute um 12 Uhr die Einführungsvorlesung stattfindet. Gemeint hat er damit (auf indirekte Weise) aber, dass er nicht mit in die Mensa kann.
Diese in ihrer Explizitheit vielleicht etwas skurril anmutende Rekonstruktion der Herleitung einer Konversationsimplikatur macht die Charakteristika dieser Art von Implikaturen recht deutlich: Das Gesagte für sich genommen stellt einen Verstoß gegen (mindestens) eine der Maximen dar. Gleichzeitig gibt es aber keine erkennbaren Gründe anzunehmen, dass sich der Sprecher nicht kooperativ verhält. Die Implikatur, das Gemeinte, ergibt sich dann letztlich aus der Frage, wie man diese beiden Sachverhalte miteinander in Einklang bringen kann. Grice spricht hier Ausbeutung und Aufhebbarkeitvon AusbeutungAusbeutung. Bei der Beantwortung der Frage, wie beide obigen Annahmen miteinander vereinbart werden können, müssen wir erstens notgedrungen auf unser Weltwissen zurückgreifen und können zweitens nur plausible Vermutungen anstellen, die sich auch als falsch erweisen können. So hätte ich als Sprecher meine Äußerung ergänzen können durch: »Aber ich glaube Augustin Speyer ist heute dran«. Dies widerspricht explizit der Implikatur, dass ich zur Mensazeit die Einführungsvorlesung halten muss, und der Adressat wird daher entweder die Implikatur erst gar nicht ziehen oder sie wieder verwerfen müssen. Grice spricht hier davon, dass [46]Konversationsimplikaturen aufgrund ihres indirekten (nicht-monotonen) Charakters aufhebbarAufhebbarkeit (cancelable) sind.
Ein besonderes Charakteristikum dieser Art von Konversationsimplikatur ist, dass die Implikaturen nur in ganz spezifischen Kontexten überhaupt entstehen, also einen sehr hohen Grad an Kontextabhängigkeit aufweisen. Stellen wir uns zur Illustration einen ganz anderen Kontext vor. In diesem anderen Kontext planen wir mit der ganzen Abteilung die Lehre für das kommende Semester. Ein neuer Mitarbeiter sagt, dass er seinen Grundkurs (zur Einführungsvorlesung) gerne dienstags von 12–14 Uhr halten würde. Darauf erwidere ich: »Um 12 Uhr ist die Einführungsvorlesung«. In diesem Kontext löst die Äußerung eine ganz andere Implikatur aus. Der neue Mitarbeiter wird die Äußerung sicher so verstehen, dass er mit seinem Grundkurs auf einen anderen Termin ausweichen muss. Und in einem Kontext, in dem ein Studierender von mir die Grice’sche Theorie der Konversationsimplikaturen erklärt bekommen möchte, wird er die Äußerung als Aufforderung verstehen, vielleicht doch besser in die Vorlesung zu gehen. Implikaturen, die nur in solchen ganz spezifischen Kontexten entstehen, werden in der Partikulare KonversationsimplikaturenLiteratur partikulare Konversationsimplikaturen genannt. Partikulare Konversationsimplikaturen entstehen typischerweise durch Ausbeutung einer Maxime, beinhalten also meist einen (scheinbaren) Verstoß und sind damit für den Adressaten vergleichsweise leicht wahrnehmbar bzw. auffällig.
Partikulare KonversationsimplikaturenImplikaturpartikulare sind Konversationsimplikaturen, die ganz spezifische Kontexte benötigen, um den fraglichen Inferenzprozess auszulösen.
Generalisierte KonversationsimplikaturenImplikaturgeneralisierte sind Konversationsimplikaturen, die ganz spezifische Kontexte benötigen, um den Inferenzprozess zu blockieren.
Die Beachtung von Konversationsmaximen führt in der Regel ebenfalls zu Konversationsimplikaturen, so genannte Generalisierte Konversationsimplikaturengeneralisierte Konversationsimplikaturen. Diese sind aber eher unauffälliger Natur, da sie gewissermaßen den Normalfall darstellen und es ganz spezifische Kontexte braucht, damit sie nicht entstehen. Geben wir auch hierzu ein einfaches Beispiel: Aufgrund der Maxime der Qualität löst bei Annahme der Beachtung jede Äußerung eines (deklarativen) Satzes S die Implikatur aus, dass der Sprecher glaubt, dass S [47]wahr ist. Diese Implikatur wird jetzt nur unter ganz spezifischen Umständen blockiert. Ein solcher Umstand wäre Ironie.
Da die Maxime der Qualität einen etwas besonderen Status hat, möchte ich das Phänomen der generalisierten Konversationsimplikaturen hier lieber am Beispiel der Beachtung der Maxime der Quantität illustrieren. Nehmen wir an, ich gebe die Klausur zur Pragmatik-Vorlesung zurück und sage in meinen einleitenden Einige sagen, nicht alle meinenWorten: Einige Studierende haben die Klausur bestanden. Wie würden Sie diese Äußerung verstehen? Vermutlich als: Nicht alle Studierende haben die Klausur bestanden. Und entsprechend würde sich wohl etwas Unruhe im Plenum breit machen. Die zentrale Beobachtung ist nun, dass mit der Äußerung von einige X ein Sprecher im Regelfall gleichzeitig nicht alle X kommuniziert: Wenn ich sage, dass einige deutsche Spieler bei der WM 2018 gut gespielt haben, dann lege ich nahe, dass das nicht auf alle zutrifft. Und wenn ich sage, dass einige Würstchen beim Grillen nicht verbrannt sind, dann heißt es für die Adressaten der Äußerung: Augen auf bei der Auswahl der Würstchen.
Die Tatsache, dass in der Regel mit einer Äußerung von einige auch nicht alle kommuniziert wird, könnte zu der Annahme verführen, dass dies Teil der lexikalischen Bedeutung von einige ist: Einige bedeutet eben einige und nicht alle. Tatsache ist aber auch, dass einige nicht in jeder Verwendung einige und nicht alle bedeuten kann. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich gestern Abend einige Gläser Wein getrunken habe, dann will ich damit nicht nahelegen, dass ich nicht alle Gläser Wein getrunken habe. Oder wenn eine Kollegin bei mir zu Hause anruft und mir sagt, dass einige Studierende vor meinem Büro warten, dann wird sie damit ebenfalls nicht sagen wollen, dass nicht alle Studierende vor meinem Büro warten. Diese Beispiele sind nicht einfach zu erklären, wenn man einen Semantik oder Pragmatik?semantischen Ansatz verfolgt. Aus pragmatischer Perspektive kann man dagegen argumentieren, dass die Inferenz von einige auf nicht alle eben in solchen Kontexten blockiert wird, in denen das Quantifizierte (also die Studierenden bzw. der Wein) keine (wie auch immer) abgeschlossene Menge darstellt (innerhalb der wir die eine Gruppe von Personen bzw. Objekten mit der anderen kontrastieren können).
Die Frage aber bleibt, wie diese Generalisierte Quantitätsimplikaturengeneralisierten Konversationsimplikaturen zustande kommen. Im Allgemeinen wird mit Grice angenommen, dass Implikaturen dieser Art auf die Beachtung der Maxime der Quantität zurückgehen. Nehmen wir an, es hätten tatsächlich alle Studierende die Klausur bestanden. Dann ist sowohl die Aussage, dass alle Studierende die Klausur bestanden haben, wahr als auch die Aussage, dass einige Studierende die Klausur bestanden haben. Denn wenn alle die Klausur bestanden haben, dann haben notwendigerweise immer auch einige die Klausur bestanden. Aber die Aussage, dass alle [48]Studierende die Klausur bestanden haben, ist in diesem Kontext die informativere und damit nach der Maxime der Quantität auch angemessenere Äußerung. Wenn nun aber der Sprecher die weniger informative Aussage äußert und wir davon ausgehen können, dass er die Maxime der Quantität beachtet, dann müssen wir daraus schließen, dass die Voraussetzung für die stärkere Aussage nicht gegeben ist. Und diese Voraussetzung ist, dass alle Studierende die Klausur bestanden haben. Also werden wir daraus schließen, dass nicht alle Studierende die Klausur bestanden haben.
Interessanterweise findet sich das obige Muster – die Äußerung eines schwächeren AusdrucksSkalare ImplikaturenImplikaturskalare implikatiertimplikatieren das Nichtzutreffen des stärkeren Ausdrucks – nicht nur im Fall von einige und alle, sondern zum Beispiel auch bei können und müssen: Wenn ich mir einen Keks nehmen kann, dann muss ich ihn mir nicht nehmen. Oder auch bei glauben und wissen: Wenn ich sage, dass ich glaube, dass Augustin Speyer in seinem Büro ist, dann heißt das eben auch, dass ich es nicht (sicher) weiß. Dass dieses Phänomen ein sehr systematisches ist, wurde unter anderem in Horn (1972) beobachtet, der die Idee entwickelte, dieses Muster in so genannten SkalenSkala (heute Horn-Skalen genannt) zu formalisieren. Eine Skala meint in diesem Zusammenhang eine geordnete Liste von gleichartigen Ausdrücken, wobei der links stehende Ausdruck immer echt informativer ist als der rechts stehende Ausdruck. So ist < alle, einige > eine Skala bestehend aus den Quantoren einige und alle, < müssen, können > eine Skala bestehend aus den Modalverben können und müssen, und < wissen, glauben > eine Skala bestehend aus den Verben der propositionalen Einstellung glauben und wissen. Die Generalisierung ist nun, dass bei einer Skala < A2, A1 > der Ausdruck A2 (qua lexikalische Bedeutung) echt informativer ist als der Ausdruck A1 und die Äußerung von A1 (daher) im Normalfall das Nichtzutreffen von A2 kommuniziert. Diese Annahme lässt sich auch auf größere Skalen wie z. B. Numerale < n, n-1, …, 5, 4, 3, 2, 1 > generalisieren: Wenn ich einem Polizisten sage, dass ich 2 Gläser Wein getrunken habe, dann wird er davon ausgehen, dass ich keine 3 getrunken habe, und auch keine 4, und auch keine 5 etc. Die Annahme von Default-Folgerungen, die genau genommen nicht mehr direkt auf den Grice’schen Maximen operieren, nimmt die Weiterentwicklung der Theorie der generalisierten Implikaturen in Levinson (2000) bis zu einem gewissen Grad vorweg.
Die Theorie der skalaren Implikaturen eröffnet unter anderem eine Lösung für ein Problem, das sich im Zusammenhang mit der Frage nach der Bedeutung der koordinierenden Konjunktion oderoderinklusivesoderexklusives im Deutschen stellt. Das Pendant zu oder in der Aussagenlogik, das formale Symbol ˅, verknüpft zwei Aussagen p und q zu einer komplexen Aussage (p ˅ q), die genau dann wahr ist, wenn mindestens eine der beiden Teilaussagen p und q wahr ist. In Form einer Wahrheitswerttabelle lässt sich diese inklusive Zur Arbeitsteilung zwischen Semantik und PragmatikSemantik des Junktors ˅ wie folgt darstellen: Die beiden Teilaussagen p und q können jeweils entweder den Wahrheitswert 1 (wahr) oder 0 (falsch) annehmen. Damit ergeben sich insgesamt 2 × 2 = 4 Möglichkeiten: Entweder sind beide wahr oder beide falsch oder genau eine der beiden wahr. Jede Zeile in der Tabelle repräsentiert eine dieser Möglichkeiten (vergleiche hierzu die Einträge in den beiden linken Spalten zu p und q). In der Spalte (p ˅ q) ist dann jeweils angegeben, ob der Satz (p ˅ q) unter dieser Wahrheitswertverteilung wahr ist oder falsch:

Die Frage, die sich nun stellt, ist: Ist die Bedeutungsbeschreibung des Junktors ˅ in der Aussagenlogik auch eine geeignete Bedeutungsbeschreibung für die Konjunktion oder im Deutschen? Auf den ersten Blick möchte man sagen: Nein! Denn oder im Deutschen schließt im Allgemeinen aus, dass beide Aussagen gleichzeitig zutreffen. Wenn ich sage: Ich wasche dir das Auto oder ich mähe den Rasen, dann schließe ich damit offenbar die Möglichkeit aus, dass ich beides mache. Betrachtet man sich nun aber auch die Bedeutungsbeschreibung des Pendants ˄ zu und in der Aussagenlogik, dann sieht man schnell, dass ˅ und ˄ eine Skala <˄, ˅> bilden: Wenn die Aussage (p ˄ q) wahr ist, dann ist immer auch (p ˅ q) wahr, aber nicht umgekehrt. Nach der Theorie der skalaren Implikaturen löst dann aber eine Äußerung von (p ˅ q) die Annahme aus, dass (p ˄ q) nicht zutrifft. Beide Aussagen zusammen, also die komplexe Aussage ((p ˅ q) ˄ ¬ (p ˄ q)), sind aber inhaltlich äquivalent zu einer exklusiven (also ausschließenden) Interpretation von ˅. Übernimmt man also die Bedeutungsbeschreibungen von ˄ und ˅ für die Konjunktionen und und oder, dann lässt sich die exklusive Interpretation von oder auf der Basis einer inklusiven Semantik von oder in Interaktion mit pragmatischen Prinzipien herleiten.
Beschließen wir den Abschnitt zu Konversationsimplikaturen mit einem weiteren Beispiel. Nehmen wir an, Sie stehen mit Ihrem Kollegen vor Ihrer Bürotür, haben einen Kaffee in der Hand und suchen nach Ihrem Schlüssel. Sie finden ihn aber nicht. Darauf hin sagen Sie zu Ihrem Kollegen: Kannst du mir die Türe öffnen? Genau genommen ist diese Frage eine Frage nach der Fähigkeit [50]oder Möglichkeit des Kollegen, die Türe zu öffnen. Dass dem tatsächlich so ist, zeigt die Tatsache, dass der Kollege die Frage im Prinzip mit ja beantworten kann (z. B., weil alle Bürotüren mit demselben Gruppenschlüssel geöffnet werden). Die Frage nach der Möglichkeit ist aber natürlich nicht der kommunikative Sinn der Äußerung. Was der Sprecher primär möchte, ist, dass der Kollege einfach die Bürotür öffnet. Mit anderen Worten: Wir verstehen die Frage nach der Möglichkeit, etwas zu tun, als die Aufforderung, es zu tun. Dieses Phänomen wird in der Literatur unter dem Indirekte SprechakteBegriff der indirekten SprechakteSprechaktindirekter diskutiert.
3.5 Sprechakte
Was ist ein Sprechakt? Bis jetzt haben wir uns darauf konzentriert, dass ein zentraler Aspekt sprachlicher Kommunikation darin besteht, Informationen zu kommunizieren (über sprachliche Kodierung und nicht-monotone Inferenz). Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Es ist zwar richtig, dass mit einer Äußerung in der Regel (auf irgendeine Art und Weise) Information kommuniziert wird, gleichzeitig können sprachliche Äußerungen aber immer auch als eine Form der HandlungHandlungAkt aufgefasst werden: Wenn ich den Satz Gib mir doch bitte mal das Buch da rüber! äußere, dann fordere ich den Adressaten mit dieser Äußerung auf, mir das fragliche Buch zu geben. Und wenn der Adressat darauf mit Welches Buch meinst du denn? reagiert, dann werde ich diese Äußerung als eine Frage verstehen, die ich zum Beispiel mit Ich meine »Homers letzter Satz« von Simon Singh beantworte. Die Handlung, die mit einer sprachlichen Äußerung verbunden wird, wird mit Austin (1962) Was ist ein Sprechakt?als Sprechakt bezeichnet.
Mit sprachlichen Äußerungen wird (typischerweise) auch eine sprachliche Handlung vollzogen. Diese Handlung wird seit Austin (1962) als SprechaktSprechakt bezeichnet.
Tatsächlich unterscheidet Austin (1962) bei sprachlichen Äußerungen drei Arten von Lokutionärer, illokutionärer und perlokutionärer AktHandlungen: den lokutionärenAktlokutionärer, den illokutionärenAktillokutionärer und den perlokutionärenAktperlokutionärer Akt. Der lokutionäre Akt fällt im Wesentlichen mit dem eigentlichen Äußerungsakt (also dem phonetischen Ereignis, inklusive der auf diese Weise kodierten syntaktischen und semantischen Information) zusammen. Der illokutionäre Akt meint dagegen genau den Handlungsaspekt, den wir [51]gerade thematisiert und dann als Sprechakt bezeichnet haben. Entsprechend spricht man häufig auch von der IllokutionIllokution einer sprachlichen Äußerung. Mit dem perlokutionären Akt einer sprachlichen Äußerung ist schließlich der intendierte Effekt beim Adressaten gemeint (also z. B., dass er mir das Buch gibt, im Fall einer Aufforderung; dass er meine Frage beantwortet, im Fall einer Frage; oder dass er mir glaubt, was ich gesagt habe, im Fall einer Behauptung). Im Zentrum der Sprechakttheorie steht naturgemäß der illokutionäre Akt und wir werden uns im Folgenden auch auf diesen Aspekt der sprachlichen Handlung beschränken.
Eine naheliegende Frage ist zunächst, ob mit jeder sprachlichen Mindestens ein Sprechakt?Äußerung auch immer eine sprachliche Handlung im Sinne eines Sprechakts (Illokution) verbunden ist. Im Allgemeinen wird das der Fall sein, es gibt aber auch Fälle, für die das zumindest nicht völlig offensichtlich ist. Ein solcher Fall ist die Diskurspartikel »Hm«. Die Partikel »Hm« kann von Zuhörern in einem Diskurs unter anderem als ein Signal eingesetzt werden, dass sie noch bei der Sache sind, dass sie noch zuhören. Diese Verwendung von »Hm« ist zwar genau genommen ebenfalls eine sprachliche Handlung, wird aber wohl besser als eine spezifische Funktion im Diskurs beschrieben.
Beschränken wir uns also auf die klar(er)en Fälle wie Fragen, Behauptungen, Versprechen oder Aufforderungen. Für diese Fälle liegt es wiederum nahe zu fragen, ob entsprechende Äußerungen immer mit genau einem Höchstens ein Sprechakt?Sprechakt verbunden sind oder ob gleichzeitig mehrere Handlungen durchgeführt werden können. Ein solcher Fall scheint nun tatsächlich mit den bereits erwähnten indirekten Sprechakten vorzuliegen: Wenn ich meinen Kollegen frage, ob er mir die Tür öffnen kann, dann ist und bleibt das letztlich eine Frage (der Kollege kann wie gesagt immer mit den Antwortpartikeln ja oder nein reagieren). Diese sprachliche Handlung ist in dieser Situation aber offenbar nicht die primäre: In erster Linie ist die Äußerung als eine Aufforderung zu verstehen, die Tür zu öffnen. Daher spricht man hier bei der Frage auch von der sekundären IllokutionIllokutionsekundäre und bei der Aufforderung von der primären IllokutionIllokutionprimäre.
Zwischen diesen beiden Illokutionen besteht nun ein wichtiger Zusammenhang: Die Aufforderung, die Türe zu öffnen, erfolgt offenbar auf der Grundlage der Frage, ob der Adressat dem Sprecher die Tür öffnen kann. Hier wird jetzt die Verbindung zu Implikaturen deutlich: Die Indirekter Sprechakt und KonversationsimplikaturÄußerung wird nur deswegen als Aufforderung verstanden, die Tür zu öffnen, da Sprecher und Adressat wissen (und sich dieses Wissen gegenseitig zuschreiben), dass der Adressat die Türe öffnen kann. Damit kann die Beantwortung der Frage aber nicht das primäre kommunikative Ziel des Sprechers sein, die Äußerung muss auf etwas anderes abzielen. In diesem Kontext liegt es dann nahe zu schließen, [52]dass der Sprecher möchte, dass der Adressat ihm die Türe öffnet. Damit muss die Äußerung aber als eine Form der Aufforderung verstanden werden.
Folgt man dieser Argumentation, dann hat der primäre Sprechakt den Status einer partikularen Konversationsimplikatur. Und der sekundäre Sprechakt? Muss man ihn ebenfalls als eine (partikulare) Konversationsimplikatur auffassen oder besteht hier eine direktere (konventionelle) Beziehung zwischen dem (syntaktischen) Zum Verhältnis von Satztyp und SprechaktSatztyp einerseits und dem (pragmatischen) Sprechakt andererseits? Mit anderen Worten: Verbinden wir in systematischer Weise den Satztyp Interrogativsatz mit dem Sprechakt der Frage, den Satztyp Imperativsatz mit dem Sprechakt der Aufforderung und den Satztyp Deklarativsatz mit dem Sprechakt der Aussage bzw. Behauptung? Auf den ersten Blick scheint es so. Auf den zweiten Blick muss man aber feststellen, dass die Beziehung zwischen Satztyp und Sprechakt sehr vielschichtig ist. So kann man gerade und vor allem mit Deklarativsätzen sehr unterschiedliche Sprachhandlungen vollziehen: Mit ich komme nächstes Mal pünktlich kann ich etwas versprechen, mit du öffnest mir jetzt sofort die Tür kann ich eine nachdrückliche Aufforderung aussprechen und mit ich bin gerade noch rechtzeitig angekommen kann ich einen Sachverhalt beschreiben und gleichzeitig meine Erleichterung darüber ausdrücken. Umgekehrt kann ein und dieselbe Sprachhandlung über verschiedene Satztypen realisiert werden, wie man gerade am Beispiel der nachdrücklichen Aufforderung gesehen hat (öffne mir jetzt sofort die Tür vs. du öffnest mir jetzt sofort die Tür). Dieses Verhältnis, das auch unter dem Begriff des SatzmodusSatzmodus in der Literatur diskutiert wird (vgl. z. B. Altmann 1993, Brandt u. a. 1992), kann hier aus Platzgründen leider nicht eingehender diskutiert werden (man vgl. hierzu aber z. B. das Kapitel zu Satzmodus in Pafel & Reich 2016).
Gleichzeitig hat obige Diskussion aber auch gezeigt, wie viele und wie heterogene Sprachhandlungen mit sprachlichen Äußerungen durchgeführt werden können. Daher scheint es unabhängig von der angedeuteten Beziehung zur Syntax sinnvoll, etwas Ordnung in das Chaos der Sprechakte zu bringen. Die Frage ist also, ob sich Kriterien finden lassen, nach denen verschiedene Sprechakte zu einigen wenigen (natürlichen) (Natürliche) Klassen von SprechaktenKlassen zusammengefasst werden können. Obwohl bereits mit Austin (1962) eine Taxonomie von Sprechakten vorliegt, muss man den in Searle (1979) entwickelten Alternativvorschlag sicherlich als den einflussreicheren bezeichnen.
Searle (1979) diskutiert eine ganze Reihe möglicher Kriterien, gründet seine Hauptklassen aber im Wesentlichen auf drei: den so genannten Illokutionärer Witzillokutionären Witzillokutionärer Witz eines Sprechakts, seine Wort-Welt-AusrichtungWort-Welt-Ausrichtung und die SprechereinstellungSprechereinstellung. Da die Sprechereinstellung letztlich eng mit dem [53]illokutionären Witz zusammenhängt, wird sie hier vernachlässigt. Mit dem Begriff des illokutionären Witzes bezeichnet Searle das, als was ein Sprechakt in letzter Konsequenz aufzufassen ist: Wenn ich zum Beispiel etwas behaupte, dann ist das als eine Festlegung auf das Gesagte aufzufassen. Und wenn ich etwas verspreche, dann ist das eine Verpflichtung, es auch zu tun.
In Analogie zu den Wahrheitsbedingungen, denen der propositionale Gehalt eines Sprechaktes unterliegt (Näheres hierzu im Kapitel zur Semantik), formuliert Searle (1969) auch GelingensbedingungenBedingungen für das Gelingen eines Sprechaktes. Aus Platzgründen können wir auf diese vier Bedingungen nicht im Einzelnen eingehen, es sei aber doch zumindest angemerkt, dass das Kriterium des illokutionären Witzes bei der Klassifikation von Sprechakten mit einer dieser Gelingensbedingungen, der wesentlichen Bedingung (das Tun von X zählt als Y), zusammenfällt. Ähnliches gilt für die Sprechereinstellung, die weitgehend der Aufrichtigkeitsbedingung (welche Sprecherintention mit einem Sprechakt verbunden ist) entspricht. Die Klassifikation von Sprechakten knüpft damit in natürlicher Weise an deren Charakterisierung an. Allein das Kriterium der Wort-Welt-Ausrichtung findet dort kein Pendant.
Das KriteriumWort-Welt-Ausrichtung der Wort-Welt-Ausrichtung bezieht sich im Gegensatz zum illokutionären Witz nicht primär auf die Natur des Sprechakts, sondern auf dessen propositionalen Gehalt (also im Wesentlichen den Teil der Äußerungsbedeutung, der einen Sachverhaltsbezug aufweist): Ist der ausgedrückte Sachverhalt wie in dem Satz 2018 wurde Frankreich Weltmeister grundsätzlich unabhängig von der Äußerung, dann hat die Äußerung nur rein beschreibenden Charakter und in diesem Sinne richtet sich das Wort nach der Welt. Man spricht dann von einer Wort-nach-Welt-Ausrichtung und symbolisiert dies mit einem nach unten gerichteten Pfeil ↓. Hängt der ausgedrückte Sachverhalt aber wie bei dem Satz Kauf doch bitte noch einen Ring Lyoner in dem Sinne von der Äußerung ab, dass die Äußerung den Auslöser für eine potentielle spätere Realisierung darstellt, dann richtet sich hier gewissermaßen die Welt nach dem Wort. Man spricht dann von einer Welt-nach-Wort-Ausrichtung und symbolisiert dies mit einem nach oben gerichteten Pfeil ↑. Und kommt der Sachverhalt wie bei Ernennungen (Hiermit ernenne ich Sie zur Professorin!) oder Schiedsrichterentscheidungen (Tor!) im Wesentlichen allein aufgrund und gleichzeitig mit der Äußerung in die Welt (Saying makes it so!), dann liegt anders als in den vorigen Fällen keine Asymmetrie vor und die Wort-Welt-Beziehung wird entsprechend durch einen Doppelpfeil ↕ dargestellt. Für Äußerungen wie Herzlichen Glückwunsch! oder Ohje!, die eher (oder rein) [54]expressiven Charakter haben, also primär einen emotionalen Zustand des Sprechers kommunizieren, wird von Searle keine (relevante) Wort-Welt-Beziehung angenommen (Ø).
Die zentrale Bedeutung der beiden Kriterien illokutionärer Witz und Wort-Welt-Ausrichtung für die Klassifikation von Sprechakten wird vor allem dann verständlich, wenn man weiß, dass Searle (1969) sprachlichen Äußerungen generell eine Struktur F(p) zuschreibt, in derIllokutionäre Kraft und propositionaler Gehalt eine illokutionäre Kraftillokutionäre Kraft F (Force) auf einem propositionalen GehaltGehaltpropositionaler p operiert. Mit diesen Kriterien (und weiteren Überlegungen) kommt Searle (1979) zu einer Taxonomie, die fünf verschiedene Klassen unterscheidet (vgl. hierzu Abb. 3.3): Assertive, Direktive, Kommissive, Expressive und Deklarative.

Abb. 3.3: Die Searle’sche Klassifikation von Sprechakten
Das klassische Beispiel für Assertive Sprechakteeinen assertiven SprechaktSprechaktassertiver ist die bereits vielfach erwähnte Behauptung: Wenn ich sage, dass Frankreich 2018 Weltmeister geworden ist, dann behaupte ich damit einen unabhängigen Sachverhalt (↓) und kommuniziere gleichzeitig, dass ich die Aussage für wahr halte. (Hier sollte sich der eine oder die andere an die Grice’sche Maxime der Qualität erinnert fühlen.) In diese Klasse fallen aber auch hypothetische Annahmen der Art wenn die Erde ein Scheibe wäre, dann würde man irgendwann runterfallen. Die Klasse der assertiven Sprechakte ist vergleichsweise klar umrissen und insgesamt wenig kontrovers.
Das kann von den beiden nächsten Direktive und kommissive SprechakteKlassen, den DirektivenSprechaktdirektiver und den KommissivenSprechaktkommissiver, nicht unbedingt behauptet werden. Der typische Fall eines direktiven Sprechakts ist die schon erwähnte Aufforderung, bei der der Sprecher den Adressaten auf eine (über die Äußerung präzisierte) zukünftige Handlung verpflichten möchte. Bei kommissiven Sprechakten wie dem Versprechen ist es dagegen der Sprecher selbst, der sich auf eine zukünftige Handlung verpflichtet. Da in beiden Fällen die Äußerung der Auslöser für die spätere Handlung ist, ist die Wort-Welt-Ausrichtung in beiden Fällen gleich: [55]Welt-nach-Wort (↑). Damit ist die Searle’sche Taxonomie aber keine Kreuzklassifikation mehr, in der jede Merkmalsausprägung nur genau eine Klasse charakterisiert.
In die Klasse der Direktive fallen nach Searle darüber hinaus auch Problemfälle und eine alternative KlassifikationFragen, da diese als eine Aufforderung an den Adressaten aufgefasst werden können, eine Antwort zu geben. In Brandt et al. (1992) wird allerdings kritisch angemerkt, dass bei Fragen der propositionale Gehalt grundsätzlich unabhängig von der Äußerung ist: Wenn ich frage, wer 2018 Weltmeister geworden ist, dann steht das bereits vor meiner Äußerung fest. Daraus sollte man aber schließen können, dass Fragen wie Assertive eine Wort-nach-Welt-Ausrichtung (↓) haben, die offenbar mit der Welt-nach-Wort-Ausrichtung (↑) von Direktiven kollidiert. Daher fassen Brandt et al. (1992) Assertive und Fragehandlungen in einer Klasse der DarstellungshandlungenHandlungDarstellungshandlung zusammen, die allein über die Wort-Welt-Ausrichtung Wort-nach-Welt (↓) definiert ist. Kommissive und Direktive bilden in dieser alternativen Taxonomie eine gemeinsame Klasse von RegulierungshandlungenHandlungRegulierungshandlung, die über die Wort-Welt-Ausrichtung Welt-nach-Wort (↑) konstituiert wird.
Die Klasse Expressive Sprechakteder expressiven SprechakteSprechaktexpressiver (die man in Brandt et al. 1992 als Klasse der Ausdruckshandlungen wiederfindet) scheint dagegen wiederum recht homogen über den Ausdruck psychischer Zustände charakterisiert zu sein. Hierunter fallen zum Beispiel der Ausdruck von Bedauern, von Freude oder von Schmerz. Searle fasst unter diese Gruppe allerdings auch Begrüßungen (Guten Morgen!) oder Gratulationen (Gratulation zur Beförderung!), bei denen nicht notwendigerweise ein entsprechender psychischer Zustand vorliegen muss und die möglicherweise nicht einmal notwendig einen solchen psychischen Zustand kommunizieren. Auch die Annahme einer fehlenden Wort-Welt-Ausrichtung ist durchaus nicht unkontrovers, da der Ausdruck von Schmerz oder von Freude offenbar einen entsprechenden psychischen Zustand voraussetzt. Das Kriterium der Wort-Welt-Ausrichtung orientiert sich folglich sehr eng an der semantischen Unterscheidung zwischen propositionalem und expressivem Gehalt einer Äußerung, eine Unterscheidung, auf die wir in Kapitel 7 zurückkommen.
Die letzte Klasse in Searles Taxonomie, die Deklarative Sprechakteder deklarativen SprechakteSprechaktdeklarativer, ist die vielleicht prominenteste Klasse, da entsprechende Sprachhandlungen bereits in Austin (1962) unter dem Begriff der performativen SprechakteSprechaktperformativer eingehend diskutiert werden und sich bei diesen Fällen der Handlungscharakter der Äußerungen vielleicht am deutlichsten herauskristallisiert: Wenn die Bundespräsidentin den zukünftigen Kanzler (fristgerecht nach der Kanzlerwahl) ernennt, dann ist die betreffende Person mit der Ernennung (durch [56]Verlesen und Übergabe der Ernennungsurkunde) Kanzler. Mit anderen Worten: Die Äußerung selbst verändert die Welt (und dies eben nicht nur in dem Sinne, dass etwas neu geäußert wurde oder dass sich der kognitive Zustand des Adressaten durch die Verarbeitung der Äußerung verändert hat). Deklarative Sprechakte sind in der Regel an ein Ritual oder zumindest an eine Art von Autorität gebunden: In Deutschland kann nur der Bundespräsident jemanden zur Kanzlerin ernennen und dies auch nur unter ganz spezifischen formalen Vorgaben. Andererseits kann natürlich ein Kind beim Playmobil-Spielen ganz informell qua Autorität festlegen, dass die eine Playmobil-Figur im Spiel jetzt der Papa ist und die andere die Mama.
3.6 Zwischen Semantik und Pragmatik
Die Diskussion in den letzten fünf Abschnitten hat gezeigt, dass sprachliche Kommunikation auf verschiedenen Ebenen stattfindet: explizit sprachlich kodiert, aber auch implizit (nicht-monoton) inferiert; auf einer inhaltlichen (propositionalen) Ebene, aber auch auf einer Handlungsebene. Möchte man sich dieses System nochmals in Gänze am Beispiel der Äußerung ich habe gerade leider viel zu tun vor Augen führen, dann könnte dies wie folgt aussehen: Für jedes einzelne Wort in dem Satz ich habe gerade leider viel zu tun haben wir in unserem mentalen Lexikon eine gelernte Bedeutung abgespeichert, Von der Ausdrucksbedeutung zur Äußerungsbedeutungdie AusdrucksbedeutungAusdrucksbedeutung des Wortes. In dem Satz ich habe gerade leider viel zu tun werden diese Ausdrucksbedeutungen entlang der syntaktischen Struktur zu einer komplexen Ausdrucksbedeutung kombiniert. Diese komplexe Ausdrucksbedeutung muss (um beurteilbar zu sein) in der Äußerungssituation verankert werden, insbesondere muss den deiktischen Ausdrücken ein referenzieller Bezug zugewiesen werden. Das Resultat der Verankerung der Ausdrucksbedeutung des Satzes im Äußerungskontext haben wir seine ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutung genannt.
Wie wir in Kapitel 7 noch sehen werden, kann sich diese Äußerungsbedeutung grundsätzlich aus expressiven und aus propositionalen Bestandteilen zusammensetzen. Beschränken wir uns auf den propositionalen GehaltGehaltpropositionaler der Äußerungsbedeutung des Satzes ich habe gerade leider viel zu tun (»dass ich gerade viel zu tun habe«), dann fällt dieser im Wesentlichen mit dem zusammen, was Grice (1975) als das GesagteGesagtes bezeichnet hat. Mit der Äußerung von ich habe gerade leider viel zu tun wird dieser propositionale Gehalt (das Gesagte) behauptet (Handlungsebene). Ausgehend von der Behauptung des Gesagten können nun auf der Basis der Grice’schen Maximen weitere Annahmen darüber getroffen [57]werden, worin der Von der Äußerungsbedeutung zum kommunikativen Sinneigentliche kommunikative Sinnkommunikativer Sinn der Äußerung besteht, was mit ihr gemeintGemeintes ist. In einem Kontext, in dem ein Studierender außerhalb der Sprechstunde an meine Tür klopft und etwas mit mir besprechen möchte, könnte dies zum Beispiel die Aufforderung sein, ein anderes Mal vorbei zu kommen. Dies wäre eine (partikulare) Konversationsimplikatur. Die Beziehung der fraglichen Ebenen zueinander ist in Abbildung 3.4 schematisch dargestellt.

Abb. 3.4: Erste schematische Darstellung der Interpretationsebenen
Wie die Darstellung in Abbildung 3.4 nahelegt und auch schon mehrfach angedeutet wurde, werden die Begriffe Sprechakt und kommunikativer Sinn in dieser Einführung so verwendet, dass sie Unterschiedliches bezeichnen: Der Begriff des Sprechakts bezieht sich auf eine sprachliche Handlung, der Begriff des Kommunikativer Sinn und Sprechaktkommunikativen Sinnskommunikativer Sinn ist dagegen ein rein inhaltlicher Begriff und fällt im Wesentlichen mit dem Begriff der (partikularen) Konversationsimplikatur im Sinne von Grice (1975) zusammen. Das ist grundsätzlich konsistent mit der ursprünglichen Verwendung in Bierwisch (1980), auf den der Begriff des kommunikativen Sinns letztlich zurückgeht. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen kommunikativem Sinn und Sprechakt mit Bierwisch (1980) jedoch etwas komplexer: Der kommunikative Sinn ist in dem Sinne als Teil eines Sprechaktes aufzufassen, als er erst zur Realisierung eines Sprechaktes führt. Daher müsste der kommunikative Sinn in dem obigen Schema eigentlich dem Sprechakt vorausgehen. Da wir die Beziehung zwischen der Äußerung eines Satzes und dem mit der Äußerung typischerweise verbundenen Sprechakt direkter charakterisieren würden (über eine Default-Beziehung), weichen wir hier von Bierwisch (1980) ab. Im Fall indirekter Sprechakte müsste man dem kommunikativen Sinn aber tatsächlich eine weitere Sprechaktebene nachschalten, die die primäre Illokution bezeichnet.
So weit, so gut. Die zentrale Idee von Grice ist also, dass wir das Gemeinte auf der Basis des Gesagten, den Grice’schen Maximen und Weltwissen ableiten. Das Gesagte ist dabei als der Teil einer Äußerungsbedeutung aufzufassen, der grundsätzlich als wahr oder als falsch bewertbar ist. In der Semantik (Kapitel 7) ist hierfür auch der Begriff der PropositionProposition (Aussage) üblich. Eine zentrale Beobachtung ist nun, dass sprachliche Unvollständige ÄußerungenÄußerungen für sich genommen im Allgemeinen noch keine Proposition (also eine als wahr oder falsch bewertbare Aussage) ausdrücken. Machen wir hierzu ein konkretes Beispiel: Zu Beginn von Kapitel 2 hatten wir eine Situation beschrieben, in der Erna, Lisbeths beste Freundin, nachmittags bei Lisbeth zu Besuch ist. Erna setzt sich an den Tisch und Lisbeth bietet ihr daraufhin mit den Worten »Eine Tasse Kaffee?« eine Tasse Kaffee an. Lassen wir Erna nun wie folgt antworten: »Ich hatte schon drei.«
Wie für die Frage »Eine Tasse Kaffee?« ist auch für die Antwort »Ich hatte schon drei.« offensichtlich, dass sie keinen vollständigen Satz darstellt und die Verankerung der deiktischen Ausdrücke damit allein noch nicht zu einer als wahr oder falsch bewertbaren Aussage (einer Proposition) führt: Die Äußerung »Ich hatte schon drei.« ist in dem Sinne unvollständig, dass durch die Äußerung selbst nicht explizit gemacht wird, wovon Erna schon drei hatte. Im Kontext der Frage ist zwar sofort klar, dass es sich um drei Tassen Kaffee handelt, und wir werden die Äußerung auch sofort entsprechend gedanklich ergänzen, aber diese Annahme ist eben eine Annahme, die wir auf der Basis des Kontexts machen und nicht (allein) auf der Basis der Äußerung. Da die Verankerung der Ausdrucksbedeutung einer Äußerung im Äußerungskontext nicht immer unmittelbar zu einer Proposition führt, werden wir im Folgenden zwischen Sprachliche Kodierung und pragmatische Anreicherungeiner explizit kodierten ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutungexplizit kodierte und einer pragmatisch angereicherten ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutungpragmatisch angereicherte unterscheiden. Letztere ist die (gegebenenfalls erforderliche) pragmatische AnreicherungAnreicherungpragmatische der explizit kodierten Äußerungsbedeutung auf der Basis kontextuell plausibler Annahmen, mit dem Resultat einer (minimalen) als wahr oder falsch bewertbaren Aussage (Proposition). Wenn wir im Folgenden also von Äußerungsbedeutung sprechen, dann ist damit (solange nichts anderes gesagt wird) immer die pragmatisch angereicherte Äußerungsbedeutung gemeint.
[59]Die explizit kodierte Äußerungsbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks ergibt sich aus dessen Ausdrucksbedeutung und ihrer Verankerung im Äußerungskontext. (In Abschnitt 3.1 haben wir sie noch einfach Äußerungsbedeutung genannt.)
Werden sprachliche Äußerungen vom Adressaten (über nicht-monotone Inferenzen) inhaltlich ergänzt, dann spricht man von pragmatischer Anreicherung.
Die (pragmatisch angereicherte) Äußerungsbedeutung ergibt sich aus der explizit kodierten Äußerungsbedeutung über pragmatische Anreicherungen. Sie ist im Prinzip als wahr oder falsch beurteilbar, kann aber auch expressive Bedeutung tragen.
Die Beobachtung, dass die explizit kodierte Äußerungsbedeutung im Allgemeinen noch pragmatisch angereichert werden muss, um eine grundsätzlich als wahr oder falsch beurteilbare Aussage zu erhalten, ist für den Grice’schen Ansatz nicht ganz unproblematisch. Das Problem ist – wie z. B. Levinson (2000) ausführlich darstellt –, dass nach Grice (1975) Konversationsimplikaturen immer auf der Basis des Gesagten (unter Bezug auf die Gesprächsmaximen) herzuleiten sind. Um bei unvollständigen Äußerungen aber überhaupt zu einer als wahr oder falsch beurteilbaren Aussage (also dem Gesagten) kommen zu können, muss die explizit kodierte Äußerungsbedeutung pragmatisch angereichert werden. Dieser Prozess der pragmatischen Anreicherung ist aber wiederum ein nicht-monotoner Inferenzprozess, der dem der konversationellen Implikaturen zumindest sehr nahekommt, wenn nicht sogar mit ihm identisch ist. Im Allgemeinen braucht man also das Gesagte, um Implikaturen abzuleiten, gleichzeitig aber auch Implikaturen, um zum Gesagten zu kommen. Levinson (2000) nennt dies Der Grice’sche Zirkelden Grice’schen ZirkelGrice'sche Zirkel. Dieser wird von Levinson (2000) in der Weise aufgelöst, dass erstens generalisierte und partikulare Implikaturen als unterschiedliche Prozesse betrachtet werden: Generalisierte Konversationsimplikaturen sind Default-Annahmen auf der Basis von Heuristika, während partikulare Konversationsimplikaturen alleine über Relevanzbetrachtungen ausgelöst werden. Zweitens nimmt Levinson (2000) an, dass pragmatische Anreicherung nur über generalisierte Konversationsimplikaturen erfolgt. Damit muss bei der pragmatischen Anreicherung nicht mehr Bezug auf die Maximen genommen werden und die Zirkularität ist damit aufgelöst.
In der Relevanztheorie (Sperber & Wilson 1986) wird dieses Problem gelöst, indem die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik verschoben und zwischen dem gezogen wird, was wir Ausdrucksbedeutung (›Logische Form‹ in der Terminologie der Relevanztheoretiker) und explizit kodierte Äußerungsbedeutung genannt haben: Dem Prozess der pragmatischen Anreicherung (der ›Explikatur‹) und des Ziehens weiterer Schlussfolgerungen (also von ›Implikaturen‹ im engeren Sinne) liegt zwar derselbe Mechanismus zugrunde (die Annahme optimaler Relevanz), aber da beide Prozesse (i) pragmatischer Natur und (ii) nicht linear geordnet sind (im Sinne von zuerst Explikatur, dann Implikatur), kann Zirkularität erst gar nicht entstehen.
Betrachtet man das obige Beispiel »ich hatte schon drei« nochmal etwas genauer, dann ist am Ende gar nicht so klar, dass die Äußerung in syntaktischer Hinsicht wirklich unvollständig ist. Man kann in der Syntax durchaus argumentieren, dass das Numeral drei hier allein noch kein geeignetes Objekt ist und aus strukturellen Gründen einen so genannten nominalen Kopf benötigt. Tatsächlich wird von nicht wenigen Linguisten in solchen Fällen angenommen, dass hier eine Ellipse vorliegt: Auf syntaktischer Ebene ist die Phrase Tassen Kaffee eigentlich präsent, sie wird aber (aus Ökonomiegründen) nicht ausgesprochen, da sie über die vorige Äußerung leicht rekonstruierbar ist. So gesehen wäre die Phrase Tassen Kaffee sprachlich kodiert, aber eben nur auf syntaktischer Ebene und nicht auf phonetischer Ebene, also implizit und nicht explizit. Damit ist sie folglich nicht Teil der explizit kodierten Äußerungsbedeutung. Folgt man dieser Argumentation, dann ist die Rekonstruktion der Lücke grammatisch bzw. strukturell motiviert und wir sprechen daher Strukturbedingte Anreicherungvon strukturbedingter AnreicherungAnreicherungstrukturbedingte oder auch von SättigungSättigungAnreicherung. Die strukturbedingte Anreicherung einer explizit kodierten Äußerungsbedeutung bezeichnen wir als die grammatisch determinierte ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutunggrammatisch determinierte. (Man vergleiche hierzu auch die Überlegungen in der entsprechenden Vertiefungsbox in Abschnitt 3.1.)
Wenn es pragmatische Anreicherungen gibt, die strukturbedingt sind, dann gibt es vermutlich auch pragmatische Anreicherungen, die dies (höchstwahrscheinlich) nicht sind. Tatsächlich lässt sich auch dies an unserem Beispiel illustrieren. Denn was mit der Äußerung von »Ich hatte schon drei« in der obigen Situation kommuniziert wird, ist ja nicht einfach, dass Erna schon drei Tassen Kaffee hatte, sondern genau genommen, dass Erna heute schon drei Tassen Kaffee hatte. Der Adressat (in diesem Fall Lisbeth) ergänzt die Äußerung gedanklich also auch noch durch heute. Die naheliegende Frage ist nun, ob diese Ergänzung wie im vorigen Fall strukturell motiviert ist. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass hier ein etwas anderer Fall vorliegt. Wir werden in der Syntax noch sehen, dass heute (in unserem Beispiel) als temporales Adverbial eine Angabe ist. Das heißt im Wesentlichen, dass heute (in diesem Fall) in syntaktischer Hinsicht nicht zwingend erforderlich ist, um einen vollständigen Satz zu bilden. Das Adverbial kann also frei hinzugefügt werden, muss es aber nicht. In diesem Sinne hat die pragmatische Anreicherung der Äußerung durch das Temporaladverbial heute keine strukturelle Basis und wir sprechen entsprechend von Freie Anreicherungeiner freien AnreicherungAnreicherungfreie.
Man könnte hier argumentieren, dass das Adverbial heute zwar syntaktisch fakultativ, aber in Semantisch motivierte Anreicherung?semantischer Hinsicht obligatorisch ist, damit die Äußerung überhaupt eine beurteilbare Aussage ausdrückt, also eine Aussage, die wir als [61]wahr oder falsch bewerten können. Diese Frage ist empirisch nicht einfach zu entscheiden. Vermutlich wird man sagen müssen, dass eine Äußerung der Art »Ich hatte schon drei Tassen Kaffee« bereits temporal spezifiziert ist und (semantisch) ausdrückt, dass Erna irgendwann (in ihrem Leben) schon drei Tassen Kaffee hatte. Diese Aussage ist aber sicher nicht die Aussage, die wir verstehen und die vom Sprecher intendiert ist. Da es in der gegebenen Situation aber nicht relevant ist, ob Erna schon einmal irgendwann in ihrem Leben drei Tassen Kaffee getrunken hat, wird der Adressat die Aussage auf den relevanten Zeitraum (heute) verengen. Bei einer Äußerung von »Ich habe schon dreimal geheiratet« wird er es dagegen (sehr wahrscheinlich) nicht tun.
Abbildung 3.5 soll die in diesem Kapitel eingeführten Begrifflichkeiten und die jeweiligen Eine schematische ZusammenfassungZusammenhänge (in leicht vereinfachter Form) grafisch verdeutlichen:

Abb. 3.5: Interpretations- und Handlungsebenen im Beispiel »Ich hatte schon drei.«
Ziel der schematischen Darstellung in Abbildung 3.5 ist vor allem, die Ebenen der Ausdrucksbedeutung, der Ebenen der Äußerungsbedeutung und kognitive VerarbeitungÄußerungsbedeutung, des kommunikativen Sinns und des Sprechakts deutlich voneinander zu trennen und innerhalb der Äußerungsbedeutung nochmals zwischen den verschiedenen Ebenen zu differenzieren. Die Pfeile sollen hier den strukturellen Zusammenhang zwischen diesen Ebenen deutlich machen. Die Linearisierung sollte dabei aber nicht so verstanden werden, dass mit ihr gleichzeitig eine entsprechende linear geordnete kognitive Verarbeitung behauptet wird. Es ist zwar sicherlich so, dass das Erfassen der Äußerungsbedeutung der Aktivierung von Ausdrücken im mentalen Lexikon nachfolgt. Aber ob z. B. die Prozesse der strukturbedingten und der freien Anreicherung ebenfalls kognitiv aufeinander folgen, kann durchaus und mit einiger Berechtigung in Frage gestellt werden. Daher sollte man solche didaktisch motivierten Abbildungen nicht überinterpretieren. Wer sich für eher kognitive Aspekte pragmatischer Prozesse interessiert, sei auf die genannten Arbeiten der Relevanztheorie verwiesen oder – wer vor etwas formaleren Zugängen nicht zurückschreckt – auch auf spieltheoretische Ansätze (vgl. z. B. Jäger 2012).
Empfohlene Literatur
Ehrich, Veronika: Wann ist jetzt? Anmerkungen zum Adverbialen Zeitlexikon des Deutschen. In: Kognitionswissenschaft 2 (1992). S. 119–135.
Finkbeiner, Rita: Einführung in die Pragmatik. Darmstadt: WBG, 2015.
Grice, H. Paul: Logic and Conversation. In: H. P. G.: Studies in the Way of Words. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1991. S. 22–40. [Erstpublikation: 1975.]
Klein, Wolfgang: Wo ist hier? Präliminarien zu einer Untersuchung der lokalen Deixis. Linguistische Berichte 58 (1978). S. 18–40.
Levinson, Stephen C.: Pragmatik. Tübingen: Niemeyer, 1990.
[63]4 Syntax: Gruppiertes
4.1 Grundbegriffe der Syntax
Eine gängige Auffassung ist, Was ist Syntax?dass das Wort Syntax irgendwie als ›Satzbau‹ ins Deutsche zu übertragen ist. Das ist nur zum Teil richtig. Wenn wir die Etymologie des Wortes ›SyntaxSyntax‹ ernst nehmen, erhalten wir einen sehr allgemeinen Begriff, der allerdings der Wahrheit ziemlich nahekommt. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen, es ist eine Nominalisierung des Verbs syn-tattein, was ›zusammen-stellen‹ heißt. Es geht in der Syntax also darum, Dinge zusammenzustellen, oder man könnte auch sagen, miteinander zu kombinieren. Und tatsächlich geht es in der Syntax um nichts anderes als darum, aus kleineren sprachlichen Einheiten größere Einheiten zusammenzustellen. Die größten dieser größeren Einheiten sind letztlich Sätze, insofern ist die intuitive Übertragung mit ›Satzbau‹ gar nicht so verkehrt.
Doch was sind diese kleineren sprachlichen Einheiten? Hier fängt es an, interessant zu werden. Die kleinsten denkbaren für die Syntax relevanten sprachlichen Einheiten der SyntaxEinheiten sind Wörter. Das heißt natürlich nicht, dass Wörter nicht noch weiter zerlegbar sind, es heißt nur, dass die interne Struktur von Wörtern für die Syntax unerheblich ist (mit Ausnahme der Flexionsmerkmale, die syntaktische Bezüge direkt anzeigen). Doch Syntax bedeutet nicht einfach, Wörter irgendwie zusammenzustellen. Manche Wörter haben einen engeren Bezug zueinander als zu anderen Wörtern, so dass sich aus Wörtern zunächst einmal Wortgruppen zusammenstellen lassen. WortgruppeWortgruppe ist hier als theorieneutraler Begriff gewählt, den wir später (vgl. Abschnitt 4.3) durch einen klarer definierten Begriff ersetzen werden. Wortgruppen können sich ihrerseits mit anderen Wortgruppen oder Wörtern zu anderen, größeren Wortgruppen kombinieren, bis irgendwann der Punkt erreicht ist, dass eine Kombination mehrerer Wortgruppen einen Satz ergibt.
Die Einheiten, die Sätze letztlich bilden, sind tatsächlich eher Wortgruppen als Wörter. Eine Wortgruppe kann nur aus einem Wort bestehen, wie die Wortgruppen in (4.1 a), sie können aber auch länger sein, vielleicht sogar eine innere Gruppierung erkennen lassen, wie in (4.1 b). Zur Veranschaulichung haben wir die Wortgruppen auf der Satzebene (und mögliche Gruppen innerhalb der Gruppen) mit eckigen Klammern markiert.

Zu beachten ist, dass auf der höchsten, der Satzebene, beide Sätze (4.1 a) und (4.1 b) eigentlich identisch strukturiert sind: Sie bestehen aus einem Subjekt, einem Verb, und einem Objekt, also aus drei Teilen (was unter diesen Begriffen zu verstehen ist, wissen die meisten Leserinnen und Leser sicher schon, wir erklären sie aber auf alle Fälle in Abschnitt 4.4 genauer). Wenn wir uns die Bedeutung der beiden Sätze anschauen, stellen wir fest, dass sie letztlich auf dasselbe hinauslaufen (vorausgesetzt, dass das Subjekt in beiden Fällen auf dieselbe Person referiert), in einem Fall nur etwas ausführlicher beschrieben wird, um wen und was es geht.
Beide sprachlichen Äußerungen in (4.1) sind also Sätze. Der Der SatzBegriff SatzSatz ist gar nicht so einfach zu definieren. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man ›den Satz‹ betrachten will. Aus syntaktischer Sicht wird traditionell als ein (vollständiger) Satz ein Gebilde angesehen, das ein finites Verb aufweist, von dem die anderen Bestandteile in einer irgendwie gearteten Weise abhängen. Hier steht also die hierarchische Struktur des Satzes im Vordergrund. In der Pragmatik, die wir schon kennengelernt haben (vgl. Abschnitt 3.5), zeigt sich, dass die gleiche Funktion, die Sätze haben, auch von Äußerungen wahrgenommen werden können, die aus syntaktischer Sicht keine vollständigen Sätze sind, wie Stehenbleiben!, das im Wesentlichen dieselbe Funktion einnimmt wie z. B. Wir fordern, verdammt noch mal, dass Sie sofort stehenbleiben, anderenfalls beginnen wir zu schießen, oder huch!, das dieselbe ›Bedeutung‹ haben kann wie Weil ich gestolpert bin, habe ich mich erschreckt. Im ersten Fall ist eine gewisse Beziehung zwischen der ›Kurzform‹ und der ›Langform‹ zu erkennen, man könnte sogar annehmen, die ›Kurzform‹ ist dadurch entstanden, dass man aus der Langform alle möglichen Wörter und Wortgruppen herausgelöst hat, bis am Schluss nur noch eine Verbform übriggeblieben ist (solche und ähnliche ›Kurzformen‹ nennt man EllipsenEllipse). Im zweiten ist keine Beziehung zu sehen.
Schauen wir uns noch einmal (4.1 b) an. Wir sehen, dass der Satz aus Wortgruppen aufgebaut ist, die ihrerseits aus Wörtern und Wortgruppen aufgebaut sind. Wir sehen auch, dass ein Bestandteil der dritten Wortgruppe, nämlich die im frühen Hochsommer reif werden, selbst ein Satz ist, der seinerseits aus Wortgruppen und so weiter besteht. Diese Eigenschaft, dass Bauteile ihrerseits aus Bauteilen bestehen, die auf gleiche Weise gebaut sind (oder zu [65]zerlegen sind) wie die größeren Bauteile, und diese sich wieder auf dieselbe Weise in kleinere, gleich gebaute Bauteile zerlegen lassen, nennen Rekursivitätwir Rekursivität.Rekursivität Nahezu alle menschlichen Sprachen haben eine rekursiv aufgebaute Syntax, und selbst Sprecher von Sprachen, von denen behauptet wird, sie verfügten nicht über rekursive Strukturen, wenden Rekursivität beim Erlernen von (rekursiv gebauten) Fremdsprachen problemlos an.
Solche größeren Einheiten sollten so Kompositionalitätsprinzipzusammengebaut werden, dass nachher jeder versteht, was gemeint ist. Es ist ja nicht so, dass wir im Spracherwerb alle möglichen Sätze auswendig lernen und dann einfach, wenn wir z. B. Satz Nr. 10 687 hören, sagen: »Ach ja, das ist ja Satz 10 687, zu dem habe ich damals die Bedeutung ›Uller mag Himbeeren‹ gelernt.« Was das Kind beim Spracherwerb tatsächlich im engeren Sinne ›lernt‹, sind sprachliche Einheiten, die Lexikoneinträgen zugrundeliegen (vgl. Abschnitt 7.1), also zunächst einmal einzelne Wörter mit ihren Bedeutungen, dazu vielleicht größere Einheiten – idiomatische Ausdrücke idiomatischer Ausdruckoder Phraseologismen Phraseologismus(das sind Gebilde, in denen mehrere Wörter zusammen eine Bedeutung haben wie in auf den Wecker gehen, was streng genommen weder mit gehen noch Weckern etwas zu tun hat), mehr jedoch nicht. Aber das kann noch nicht alles sein.
Wenn man nun eine Anzahl von Wörtern irgendwie miteinander verbinden will, braucht man eine Bauanleitung – ganz ähnlich, wie wenn man in einem Möbelhaus ein flaches Päckchen kauft, aus dem später einmal ein Schrank werden soll, und nach Auspacken des Päckchens vor einer Menge an Brettern, Schrauben, Muttern und anderer Teile steht, denen man nicht direkt ansieht, wie sie zusammengehören. Üblicherweise (hoffentlich!) ist eine Bauanleitung mitgeliefert. Wenn wir Wortgruppen bis hin zu Sätzen bilden, wenden wir ebenfalls eine Art Bauanleitung an, die in unserem Kopf verankert ist. Das ist nun nicht ein schlecht kopiertes DIN-A4-Blatt wie bei unserem Schrank, sondern eine bestimmte ›Programmierung‹ im Hirn, die wir im Lauf des Spracherwerbs aus der Beobachtung unseres linguistischen Umfeldes – ein hochtrabender Name für alles, was wir an Sprache hören oder sonstwie aufnehmen – als die richtige Bauanleitung erschließen. Das Kind ist also eigentlich in derselben Situation, wie Sie, wenn Sie ein Möbel, dass Sie noch zusammenbauen müssen, kaufen und feststellen, dass keine Bauanleitung im Paket ist.
Eine ganz wichtige Regel zum Zusammenbau ist das so genannte Kompositionalitätsprinzip, Kompositionalitätsprinzipauch Fregeprinzip genannt nach dem Mathematiker, der es zuerst beschrieben hat. Es besagt, dass die Bedeutung einer komplexen (also: aus mehreren Teilen zusammengesetzten) sprachlichen Äußerung sich einerseits aus der Summe der Einzelbedeutungen ergibt, andererseits aus einem Bedeutungsbeitrag, der sich durch die Art der Kombination ergibt. Auf dieses Prinzip wird aus semantischer Sicht in Abschnitt 7.3 eingegangen; für den Syntaktiker ist der letzte Teil der Definition interessant, die Art der Kombination. Wenn ich einen Satz wie … dass das kratzbürstige Mädchen den Klavierspieler liebt äußere, hat er eine bestimmte Bedeutung. Diese Bedeutung erschließt sich aber nicht nur aus den Einzelbedeutungen der Wörter. Wenn ich eine Kleinigkeit ändere, nämlich den Fall des Artikels vor Klavierspieler, ergibt sich eine völlig andere Bedeutung: … dass das kratzbürstige Mädchen der Klavierspieler liebt. Es ergibt sich nicht nur eine andere Bedeutung, sondern auch das Gefühl, dass der Satz komisch klingt; besser würde er klingen, wenn ich ihn umstellte: … dass der Klavierspieler das kratzbürstige Mädchen liebt. Auf jeden Fall: Das Wortmaterial ist identisch. Der Bedeutungsunterschied kommt durch die Art der Zusammensetzung zustande, nämlich dadurch, dass ich im ersten Fall die Wortgruppe das kratzbürstige Mädchen als Subjekt und die Wortgruppe den Klavierspieler als Objekt mit dem Verb verbunden habe, im zweiten genau umgekehrt: Hier ist das kratzbürstige Mädchen das Objekt, der Klavierspieler das Subjekt.
Zurück zur Bauanleitung. Tatsächlich ist die Bauanleitung, die das Kind beim Spracherwerb lernen muss und die wir als Verwender der Sprache tagtäglich mehrere hundert Male anwenden, nicht ganz so einfach, das Kompositionalitätsprinzip ist nur ein Bestandteil davon. Da diese Bauanleitung jedoch nirgendwo notiert ist, sondern nur in unseren Köpfen existiert, ist es für den Sprachforscher nicht leicht, an diese Anleitung heranzukommen. Deshalb benutzen GrammatiktheorienSprachforscher Theorien zur Grammatik. Es gibt einige Theorien auf dem Markt, die wir hier nicht alle anführen wollen; wir werden uns auf einige beschränken. Eine Theorie (die Valenzgrammatik)Valenzgrammatik geht beispielsweise davon aus, dass das Verb die absolute Keimzelle des Satzes ist und alles bestimmt, was sonst in dem Satz passiert. Eine andere Theorie (die Generative Grammatik)Generative Grammatik geht davon aus, dass es ein paar wenige Bildungsregeln gibt, die alle Wortgruppen und Sätze erzeugen können (die generative Grammatik ist sehr verbreitet, weshalb wir es für hilfreich halten, in diesem Kapitel in diese Theorie einzuführen). Wieder eine andere Theorie geht davon aus, dass Satztypen und Phrasentypen ganz ähnlich wie Wörter als Ganzes im Lexikon gespeichert sind, genauer gesagt, als Form-Funktionspaare, und bei Bedarf hervorgeholt werden (Konstruktionsgrammatik)Konstruktionsgrammatik. Und wieder eine andere Theorie geht davon aus, dass die Funktion von Äußerungen das wichtigste ist und die Form der Äußerungen sich aus der Funktion direkt ergibt (funktionale Grammatik)funktionale Grammatik. Das sind nur ein paar relativ prominente Vertreter von Theorien.
Es kommt manchmal – leider viel zu häufig – vor, dass sich die Vertreter verschiedener Theorien mit fast zelotischem Eifer bekämpfen, als ob es sich um (Ersatz-)Religionen handelte. Hier ist tatsächlich eine gewisse Gelassenheit wesentlich zielführender. Es gibt sicher nicht die Theorie, die alles restfrei erklärt und darum allen anderen überlegen ist. Theorien sind an sich nichts anderes als Versuche, die mentalen Prozesse, die die Sprache erzeugen, irgendwie modellhaft sinnfällig zu machen. Manche haben ihre Stärken in einem Aspekt, andere in einem anderen Aspekt, aber solange sie in sich logisch ist, ist keine Theorie von vorneherein ›besser‹ oder ›schlechter‹ als die andere.
[67]Bevor wir aber eine Theorie entwickeln können, benötigen wir zuerst einmal Daten. Diese Daten stammen in der Syntax in der Regel entweder aus der Beobachtung tatsächlich produzierter sprachlicher Äußerungen oder aus der Beurteilung von Äußerungen, die zu exakt dem Zweck der Beurteilung ›gebastelt‹ wurden. Je nachdem, ob Sprecher der zu untersuchenden Sprache – z. B. des Deutschen – bestimmte Sätze als akzeptabel oder nicht akzeptabel einstufen, lässt sich einiges über den Aufbau der Sprache sagen.
EinGrammatikalität Beispiel: Betrachten wir den Satz in (4.2 a). Ich gehe davon aus, dass Sie diesen Satz als völlig akzeptabel beurteilen: Sie können sich vorstellen, einen Satz dieser Form schon einmal gehört zu haben, können sich vielleicht auch vorstellen, so einen Satz in einem passenden Zusammenhang selbst zu äußern. Ein solcher GrammatikalitätSatz ist grammatisch. Grammatisch kann man umschreiben mit: Die Regeln der Sprache sind in der Lage, diesen Satz hervorzubringen.

Wie ist es dagegen mit Satz (4.2 b)? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie diesen Satz schlichtweg falsch finden. Sowas würden Sie nie sagen, und Sie könnten sich auch nicht vorstellen, dass Sie so einen Satz jemals gehört haben. Solch ein Satz ist ungrammatisch, das heißt: Die grammatischen Regeln der Sprache sind nicht in der Lage, diesen Satz hervorzubringen. Wir markieren solche ungrammatischen Sätze in linguistischen Veröffentlichungen in der Regel mit einem vorgesetzten Asterisk, einem Sternchen.
Was ich hier gemacht habe, ist tatsächlich recht einfach: Ich habe bei jeder Wortgruppe die Reihenfolge der Wörter innerhalb der Wortgruppe [68]umgedreht, also aus ›nach Köln‹ ›Köln nach‹ etc. gemacht. Man sieht: Auch das Falsche kann System haben. Tatsächlich wären diese Abfolgen im Deutschen zwar undenkbar, es ist aber theoretisch möglich, dass es andere Sprachen gibt, die solche Abfolgen ganz grammatisch finden und die bei uns gängigen als ungrammatisch beurteilen. Im Japanischen z. B. wäre die Stellung des richtungsanzeigenden Elements nach dem Bezugsnomen die einzig mögliche Reihenfolge.
Ungrammatikalität muss nicht einmal mit dem Verständnis zusammenhängen. Vielleicht wären Sie sogar in der Lage, aus (4.2 b) den intendierten Sinn herauszulesen. Die Wörter kennen Sie alle, es sind genau die gleichen Wörter wie in (4.2 a). Umgekehrt würden Sie einen Satz wie (4.2 c) vermutlich niemals akzeptieren. Was soll das denn heißen? Der Satz ist in sich voller Widersprüche, die Bedeutungen passen nicht zueinander. Die Unverständlichkeit und die daraus AkzeptabilitätGrammatikalität, Akzeptabilität und ›Stil‹resultierende Inakzeptabilität hat aber nichts mit der GrammatikalitätGrammatikalität zu tun: Rein syntaktisch betrachtet, ist an dem Satz nichts auszusetzen: das Verb schlafen hat ein Subjekt, wie es sich gehört, es wird durch ein Adverbial modifiziert, und dass Substantive durch Adjektive näher bestimmt werden, ist ja auch ganz normal. Nur die Semantik ist eben unsinnig. Solche Sätze würden deshalb nie als ungrammatisch markiert werden. Der Satz stammt übrigens aus einer frühen Publikation von Noam Chomsky (Chomsky 1957), einem der Väter der generativen Grammatiktheorie, der genau diesen Satz (auf Englisch, natürlich) zur Illustration des hier besprochenen Befundes verwendete.
Wie ist es nun mit einem Satz wie in (4.2 d)? Vielleicht wurde Ihnen beigebracht, dieser Satz sei falsch: Wegen hat mit Genitiv zu stehen, nicht mit Dativ. Tatsächlich aber ist dieser Satz nach unserer Definition ein völlig grammatischer Satz des Deutschen, denn die Beobachtung dessen, was in der Sprache tatsächlich vorkommt, lehrt uns, dass die Konstruktion der Präposition wegen mit dem Dativ sehr häufig benutzt wird. Wie die Beobachtung zeigt, ist der Kasusgebrauch hier variabel: Grundsätzlich lässt das System beide Kasus zu. Die Variation ist aber nicht völlig frei, sondern hängt in diesem Fall vom Register Registerab, also der Stilebene, wenn Sie so wollen: Im Schreiben und in eher formalen Kontexten wird eher der Genitiv verwendet, in der alltäglichen Sprache der Dativ. Konservativ eingestellte Sprachbenutzer bemerken, dass es vor mehreren hundert Jahren diese Variation nicht gab und leiten daraus ab, dass die ›neuere‹ Variante falsch sein muss. Dass dieser Schluss unlogisch (und damit die Behauptung unsinnig) ist, liegt unter anderem daran, dass Variation eine ganz normale Sache in der Sprache ist, ebenso wie jede Sprache ständig Veränderungen unterworfen ist – wir werden im Kapitel zum Sprachwandel [69](Kapitel 12) darauf zurückkommen. Die Prämisse ist also falsch: es ist einfach nicht der Fall, und es ist nicht einmal wünschenswert, dass nur eine bestimmte Variante richtig und alle anderen falsch sind.
Regeln der Art ›Nach wegen hat man den Genitiv und nicht den Dativ zu gebrauchen‹ kann man als präskriptive Regeln RegelpräskriptiveDer Regelbegriff in der Linguistikbezeichnen: Sie geben Hinweise, wie man zu schreiben oder zu sprechen hat, wenn man bestimmte stilistische Standards erfüllen will. Präskriptive Regeln interessieren den Linguisten nicht, höchstens in der Form, dass der Linguist schließen kann, dass eine bestimmte sprachliche Form im System existiert, wenn es eine präskriptive Regel gibt, die diese Form verbietet. Das ist sehr nützlich, wenn man z. B. historische Sprachen untersucht.
Diejenigen Regeln, die den Linguisten interessieren, sind Regeldeskriptivedeskriptive Regeln, also Beschreibungen des Ist-Zustandes, im Idealfall Generalisierungen Generalisierungüber die Gesamtmenge der sprachlichen Äußerungen, aus denen man etwas über das sprachliche System oder die Funktionsweise des Hirnes lernen kann und im Idealfall zu generativen RegelnRegelgenerative, also Bauanleitungen, kommen kann.
Wir werden nun im Folgenden einige Aspekte der Syntax zu beleuchten versuchen. Ausführlichere Darstellungen finden sich in Lehrbüchern wie Dürscheid (2007), Pittner/Berman (2013) oder Wöllstein-Leisten et al. (1997). Sehr zu empfehlen sind auch die neueren Versionen der Dudengrammatik, z. B. Duden (2016). Wir werden zu den einzelnen Themen weitere Lesehinweise zur Vertiefung geben.
4.2 Topologie und Wortstellung
Dem Geist dieses Einführungsbuches folgend, wollen wir uns vom Größeren zum Kleineren begeben. Das heißt dann, dass wir jetzt hier zunächst mit dem Satz als Ganzem beginnen (bzw. dem einfachen Satz; den Satzgefügen werden wir uns erst am Schluss des Kapitels widmen). Die Einteilung des einfachen Satzes wird in der germanistischen Linguistik häufig mit dem topologischen Feldermodell geleistet, weswegen wir es hier vorstellen wollen. Zunächst aber nähern wir uns dem Thema von einer etwas anderen, weniger theoretischen Perspektive, nämlich dem der Wortstellung.
ManWortstellungfreie hört manchmal, das Deutsche habe ›Freie‹ Wortstellungeine freie Wortstellung. Nun ist der Begriff der freien WortstellungWortstellung sowieso etwas schillernd. Heißt das, dass grundsätzlich alles möglich ist? Vielleicht. Es gibt jedoch wenige Sprachen, in denen das der Fall ist. Nicht einmal das Lateinische, das als Paradebeispiel für [70]freie Wortstellung gilt, lässt alle möglichen Abfolgen zu. Heißt das, dass die Abfolge der Elemente völlig beliebig ist? Das mit Sicherheit nicht; in den allermeisten Sprachen mit ›freier Wortstellung‹ (Latein inklusive) gibt es Faktoren, die die Wortstellung steuern. Was den Anschein der ›Freiheit‹ hervorruft, ist, dass diese Faktoren nicht grammatischer Art sind, wie in Sprachen mit ›fester Wortstellung‹ wie dem Englischen. Im Englischen ist es völlig klar: Zuerst kommt das Subjekt, dann das Verb, dann das Objekt, dann präpositionale Elemente. Im Lateinischen wäre das eine Stellungsmöglichkeit unter vielen (und eine wenig benutzte); dort steht das, was am wenigsten informativ ist, vorne, und je informativer ein Element ist, desto weiter hinten steht es.
Wie ist es mit dem Deutschen? Das Deutsche nimmt hinsichtlich der Wortstellung eine Mittelstellung zwischen dem Lateinischen und dem Englischen ein. Vieles ist ›frei‹ in dem Sinne, dass nicht-grammatische Faktoren eine große Rolle spielen. Doch es gibt einige Konstanten in der Wortstellung, die absolut feststehen, und dazu gehören die Positionen der verbalen Bestandteile. Diese Beobachtung führte zu dem deskriptiv sehr adäquaten Motivation des topologischen FeldermodellsModell der Topologischen Felder, topologisches Feldermodelldas wir jetzt hier vorstellen wollen. Wir halten uns dabei an die Standardversion, wie sie z. B. in Pittner/Berman (2013) oder Grewendorf/Hamm/Sternefeld (1987) vorgestellt wird, reichern sie aber mit Gedanken an, wie sie Höhle (1986), einer der Pioniere der ›modernen‹ Topologie, formuliert hat, ganz ähnlich wie das z. B. auch Wöllstein (2014) in ihrem Band zur Topologie tut.
Wenn wir eine Reihe ganz normaler Sätze des Deutschen betrachten, wie die in (4.3), können wir einige Generalisierungen über die Anordnung der Wortgruppen (weiter hinten werden wir das begrifflich als ›Konstituenten‹ etwas genauer fassen) anstellen. Die Sätze in (4.3 a–e) sind Hauptsätze, Satz (4.3 f) ist ein Nebensatz. Zunächst zu den Hauptsätzen: Wir sehen an (4.3 b–d), dass Verbformen über den Satz verteilt auftauchen. Ein Teil steht vorne, ein Teil steht hinten. Wir können noch mehr über die Verteilung der Bestandteile der Verbformen sagen: Der Teil, der eher vorne steht, ist der finite Teil der Verbform, der hintere Teil ist der Rest der Verbform. Das können infinite Teile der Verbform sein, wie in den Beispielen, aber auch z. B. Verbpartikel bei zusammengesetzten Verben (Wir reisen morgen ab). Wenn ein Verb nur aus einer Verbform besteht, steht diese vorne, wie in (4.3 a, e). Und wenn wir nun auf den Nebensatz schauen, stellen wir fest, dass da die Verbform eben nicht über den Satz verteilt auftritt, sondern dass sie ganz hinten steht. Vorne steht dafür eine Konjunktion. Diese festgelegten Verbpositionen geben dem ganzen Satzgebilde einen Rahmen bzw. eine Klammer. Folglich hat sich als Bezeichnung für diese beiden Verbpositionen eingebürgert, sie Satzklammern zu [71]nennen. Die vordere ist dieSatzklammerlinke Linke Satzklammer, die hintere die SatzklammerrechteSatzklammerrechteRechte Satzklammer. Den Rest des Satzes kann man nun relativ zu diesen Satzklammern bestimmen: Es gibt eine Position vor der Satzklammer, die naheliegenderweise VorfeldVorfeld Das topologische Feldermodellheißt, eine hinter der Satzklammer, das NachfeldNachfeld, und schließlich noch den Raum zwischen den Klammern, das MittelfeldMittelfeld. Wir haben diese Felder in den Sätzen (4.3) durch Striche und die abgekürzten Feldernamen in der untersten Zeile angedeutet.

Wir können nun aber auch ›vorne‹ definieren. Vorne heißt in diesem Fall: entweder ganz vorne, wie in (4.3 d, e), oder nach der ersten unabhängigen Konstituente, wie in (4.3 a–c). Welcher Fall eintritt, hängt letztlich von der Funktion des Satzes ab. Der SatztypenSatztyp DeklarativsatzDeklarativsatz (4.3 a, b), der von der Funktion her eine Aussage tätigtAussagesatz, hat im Normalfall eine Konstituente vor dem finiten Verb, also im Vorfeld, ist also vom Verbstellungstyp her ein VerbzweitsatzVerbzweitsatz. Bei Interrogativsätzen, Interrogativsatzmit deren Hilfe man Fragen stellt, ist die Zuordnung schwieriger, da es in Gestalt der Fragesatzw-FragesatzWortfragesätze bzw. w-Fragesätze (4.3 c) ebenfalls Verbzweitsätze gibt, nur gilt da die Bedingung, dass das Element im Vorfeld das Fragewort bzw. die Fragephrase sein muss. Bei EntscheidungsfragesätzenFragesatzEntscheidungsfragesatz gibt es hingegen kein Vorfeld, sondern sie beginnen gleich mit der Linken Satzklammer, sind also VerberstsätzeVerberstsatz. Für Sätze, deren Funktion es ist, Befehle Befehlsatzauszudrücken (vom Formtyp her wären das ImperativsatzImperativsätze, 4.3 e), gilt dasselbe. GliedsatzGliedsätze wie in (4.3 f) schließlich haben alles verbale Material in der Rechten Satzklammer. Die linke Peripherielinke Peripherie (also das Vorfeld und die Linke Satzklammer zusammengenommen) beherbergt in diesen Sätzen einleitende Element wie z. B. KonjunktionKonjunktionen oder RelativpronomenRelativpronomen. Dieser Verbstellungstyp wird häufig als VerbletztsatzVerbletztsatz bezeichnet.
Die Beziehung zwischen den Verbstellungstypen, Formtypen und den Funktionstypen wird unter dem SatzmodusBegriff des SatzmodusSatzmodus eingehend diskutiert, und ist tatsächlich deutlich komplizierter, als wir es hier dargestellt haben (siehe auch Abschnitt 3.5). Grundlegende Arbeiten dazu wären Brandt/Reis/Rosengren/Zimmermann (1992) und Lohnstein (2000).
Es ist auch möglich, Aussagen zu den einzelnen Positionen zu treffen. Über die Satzklammern haben wir bereits geredet. Das VorfeldDas VorfeldVorfeld als Position vor der Linken Satzklammer zeichnet sich dadurch aus, dass es im Normalfall nur eineKonstituenteunabhängige unabhängige Konstituente beherbergen kann. Wie wir in Abschnitt 4.3 näher diskutieren werden, ist eine Konstituente eine in sich geschlossene [72]Wortgruppe, innerhalb derer die Worte in einer gewissen Beziehung zueinander stehen. Eine unabhängige Konstituente ist eine Konstituente, die von keiner anderen Konstituente abhängt und die als Ganzes eine grammatische Funktion (wie Subjekt, Objekt, Adverbial) trägt. Eine unabhängige Konstituente entspricht also ganz grob dem, was man traditionell als Satzglied Satzgliedbezeichnet. Welche unabhängige Konstituente des Satzes nun im Vorfeld steht, wird von der Grammatik nicht festgelegt – es kann ein Adverbial sein wie in (4.4 a) oder (4.3 a), es kann das Subjekt sein wie in (4.4 b) oder (4.3 b), es könnte ein Objekt sein, wie in (4.4 c).

Man sieht, dass sich die Bedeutung der Sätze in (4.4) nicht wirklich ändert, eventuelle Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen liegen eher in der Gewichtung. Festgelegt wird die Vorfeldfüllung durch eine eher pragmatische Größe, die Informationsstruktur, Informationsstrukturauf die wir später in diesem Abschnitt näher eingehen werden (vgl. Speyer 2008). Auf jeden Fall ist es wichtig festzuhalten, dass es im Deutschen nicht so ist, dass das Subjekt grundsätzlich vor dem Verb steht. Die ›logische‹ Satzstruktur, wie sie in Abschnitt 7.3 eingeführt wird und nach der ein Satz aus (logischem) SubjektSubjekt und PrädikatPrädikat (= VerbalphraseVerbalphrase) besteht, ist also im Deutschen oftmals an der Oberfläche nicht sichtbar.
Das NachfeldNachfeld Das Nachfeldwird auch selten von mehr als einer Konstituente besetzt – wenn überhaupt. Als Faustregel für die Nachfeldfüllung gilt, je komplexer eine Konstituente ist, desto eher kann sie ins Nachfeld (für eine genauere Betrachtung vgl. z. B. Vinckel 2006). Klassiker für die Nachfeldfüllung sind GliedsatzGliedsätze, wie der angedeutete dass-Satz in (4.3 b), die als Satzglieder bzw. Konstituenten ihres jeweils übergeordneten Satzes gelten und die aufgrund ihrer Komplexität gut ins Nachfeld passen. Extrem nicht-komplexe Elemente [73]wie z. B. Pronomina finden wir dagegen nie im Nachfeld (*Kannst du mir rüberreichen es?). Für die Besetzung des Nachfeldes spielt, neben der Komplexität der Konstituente, ebenfalls die Informationsstruktur eine Rolle; unabhängig davon finden sich Objekte deutlich seltener im Nachfeld, Subjekte so gut wie nie.
Bleibt noch Das Mittelfelddas MittelfeldMittelfeld. Für das Mittelfeld gelten keine Beschränkungen, in ihm kann so ziemlich alles stehen, und es kann auch beliebig viel Material dort stehen. WortstellungunmarkierteTrotzdem gibt es einige Gesetzmäßigkeiten und Tendenzen, denen die Abfolge im Mittelfeld unterworfen ist. Auch gibt es einige Elemente, bzw. Elementklassen, die innerhalb des Mittelfelds relativ stellungsfest sind: Am linken Rand des Mittelfelds ballen sich einige unbetonte bzw. schwachbetonte Elemente zusammen, nämlich Personalpronomina und Modalpartikeln. Ein Beispiel wäre Gestern hat sie ihm ja das Buch nach vielen Diskussionen endlich gegeben. Diese Position am linken Rand des Mittelfelds wird oft als Wackernagelposition Wackernagelpositionbezeichnet, nach dem Indogermanisten, der sie zuerst für eine Reihe indoeuropäischer Sprachen beschrieben hat. Eine Umstellung der Pronomina nach weiter hinten, wie in Gestern hat das Buch nach vielen Diskussionen sie ihm ja endlich gegeben, würde die Akzeptabilität stark beeinträchtigen, für manche vielleicht sogar zur Ungrammatikalität führen. Ebenso gibt es Elemente, die auf den rechten Rand des Mittelfelds abonniert sind, z. B. die Negationspartikel (Sie hat ihm das Buch nach diesen Diskussionen schließlich nicht gegeben), nicht-verbale Bestandteile von Funktionsverbgefügen (Uller kann seinen Freunden manchmal ganz schön auf den Wecker gehen; unter FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefügen versteht man feste Fügungen von relativ blassen Verben und einer sinntragenden Ergänzung) und bestimmte Gruppen von Adverbialen, z. B. Richtungsadverbiale (Morgen wird Gwendolyn mit ihrer ganzen Familie endlich nach Trier fahren).
WortstellungunmarkierteFür andere Elemente im Mittelfeld gibt es, wie gesagt, eher Tendenzen als feste Regeln. Wir betrachten hier Unmarkierte Abfolge im Mittelfelddie unmarkierte Wortstellung (vgl. Höhle 1982), d. h. die Wortstellung, die ein Satz in möglichst neutralen Kontexten hat, ohne dass ein Element besonders hervorgehoben ist. Wenn ein Satz z. B. auf eine Frage wie ›Was ist passiert?‹ als Antwort gegeben wird, wird in ihm kein Wort besonders hervorgehoben, da alle Stücke der Information gleichermaßen ›neu‹ und interessant sind (das nennt manFokusweiter weiten Fokus). Für diese unmarkierte Abfolge gilt, dass sie bis zu einem gewissen Grad von Satzgliedfunktionen abhängig ist (Subjekte stehen eher vor Objekten, das Dativobjekt steht eher vor dem Akkusativobjekt) oder von der Form der Satzglieder (nominale Satzglieder stehen vor präpositionalen). Es gibt aber sehr viele Faktoren, die dem entgegenwirken (vgl. Lenerz 1977 und die Zusammenschau in [74]Wöllstein-Leisten et al. 1997). Wenn man z. B. ein definites Akkusativobjekt und ein indefinites Dativobjekt hat, ist die Abfolge Akkusativ vor Dativ auf einmal relativ unmarkiert (Gestern haben wir das Buch einem Studierenden verkauft). Definitheit Definitheitspielt also eine Rolle, aber auch Belebtheit Belebtheit(Satzglieder, die einen Menschen oder ein Tier bezeichnen, stehen vor Satzgliedern, die etwas Unbelebtes bezeichnen), oder – mal wieder – die Informationsstruktur.
InformationsstrukturInformationsstruktur Informationsstrukturist ein Sammelbegriff für verschiedene Eigenschaften, die ein sprachlicher Ausdruck haben kann in Beziehung auf die Information, die er transportiert. Genauer gesagt, geht es darum, inwiefern ein sprachlicher Ausdruck zu dem gemeinsamen Wissensstand, den alle Gesprächspartner zu einem bestimmten Zeitpunkt des Gespräches oder Diskurses haben, beiträgt (diesen gemeinsamen Wissensstand nennt man Common Ground, vgl. Krifka 2007). Information kann bereits bekannt oder neu sein. Information kann besonders herausgehoben – imFokus Fokus – sein, oder eher ›Hintergrundinformation‹ darstellen. Ein Ausdruck kann dasjenige angeben, worum es in dem Satz oder Textabschnitt geht Thema-Rhema-GliederungTopik-Kommentar-Gliederung(Topik oder Thema), Topik-Kommentar-Gliederungandere Ausdrücke können das angeben, was über diese Sache ausgesagt wird (Kommentar oder Rhema). Damit die Gesprächspartner merken, was für einen informationellen Status bestimmte Elemente haben, wenden viele Sprachen verschiedene Mittel an. Im Deutschen wird z. B. an der Betonung manipuliert und die Wortstellung entsprechend angepasst: Bekannte Information pflegt vor neuer zu stehen, und das Topik pflegt so weit vorne im Mittelfeld wie möglich zu stehen – wenn es nicht im Vorfeld steht.
AußenfeldlinkesDas wären also die zentralen Felder. Aber im totalen Die AußenfelderAußenbereich kann sich auch noch etwas abspielen. In einem Satz wie Und den Haifisch, den können wir mal zum Zahnarzt schicken sieht es so aus, als wäre deutlich mehr als eine Konstituente vor der Linken Satzklammer. Tatsächlich ist es nur eine – den. Den Haifisch ist ein mit dem Pronomen im Vorfeld koreferenter, also sich auf die gleiche Sache beziehender, Ausdruck. Solche Ausdrücke nennt man Linksversetzung. LinksversetzungSie haben immer eine ganz spezielle Satzmelodie, und sind eigentlich für die Grammatikalität unnötig – im eigentlichen Satz erfüllt ja schon das Pronomen die Aufgabe, auf das Objekt (in diesem Fall) zu referieren. Daran ersieht man, dass dieses Element eigentlich außerhalb des Satzes steht. Und und steht unanfechtbar an der linken Spitze des – erweiterten – Satzes. Seine Aufgabe ist es, den unabhängigen Satz mit dem vorherigen unabhängigen Satz zu verbinden, also eine Koordination Koordinationherzustellen. Es gibt gerade mal eine Handvoll Ausdrücke, die das leisten können. Solche Konnektoren Konnektorkönnten nie alleine das Vorfeld besetzen (*Und hat der Haifisch Zähne), die [75]Vorfeldbesetzung nimmt auf sie keine Rücksicht, was klar darauf hindeutet, dass auch sie außerhalb des eigentlichen Satzes stehen.
Diese Position vor dem Vorfeld wird oft alsVorvorfeldAußenfeld Vorvorfeld oder linkes Außenfeld zusammengefasst. Man muss sich allerdings klar machen, dass es aus (mindestens) zwei Positionen besteht, die nichts miteinander zu tun haben, aber deren Abfolge klar geregelt ist. Das sind zuerst dieKoordinatorenposition Koordinatorenposition (abgekürzt oft KOORD) und, dahinter, die Position für linksversetztes Material Linksversetzungsposition(Linksversetzungsposition, abgekürzt oft LV-POS). Wir haben den Beispielsatz von oben unter (4.5) vollständig topologisch analysiert.

Wenn es ein linkes Außenfeld gibt, muss es auch ein rechtes AußenfeldAußenfeldrechtes geben. Dieses Feld ist sehr schwer zu fassen, es enthält aber z. B. Ausdrücke, deren sehr lose Verbindung zum Satz man nachweisen kann, wie beispielsweise freie Relativsätze (Uller kam mal wieder spät nach Hause, was Gwendolyn überhaupt nicht gut fand).
Im Vorfeld Vorfeldsteht eine unabhängige Konstituente, die Funktion ist nicht festgelegt.
In derSatzklammerlinke linken Satzklammer steht der finite Teil der Verbform (im Hauptsatz) bzw. eine Konjunktion (im Nebensatz).
Im Mittelfeld Mittelfeldkönnen beliebig viele Konstituenten stehen, ihre Abfolge wird durch eine Reihe grammatischer und nichtgrammatischer Faktoren geregelt.
In der rechten Satzklammer Satzklammerrechtestehen alle Teile der Verbform, die nicht in der linken Satzklammer stehen.
Im Nachfeld können komplexe Konstituenten (wie Nebensätze) stehen. Das Nachfeld muss nicht gefüllt sein.
Schließlich gibt es noch Elemente, die sich der Feldereinteilung überhaupt zu entziehen scheinen, Parenthesennämlich Parenthesen, wie die Anredeform in Wir kennen doch, Julia, deine Studierenden. ParenthesenParenthese sind ziemlich selbständige kommunikative Einheiten mit einer charakteristischen ProsodieProsodie, die die Selbständigkeit klar sinnfällig macht. Diese Parenthesen werden in den Satz eingesprenkelt, vermutlich nachdem er bereits fertig geplant ist. Daher nehmen sie keine Rücksicht auf die Felder und deren Füllung; das einzige, worauf sie Rücksicht zu nehmen scheinen, ist die Konstituentenstruktur: Parenthesen unterbrechen keine Konstituenten.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.