Kitabı oku: «In der Waldklause - Märchen für kleine und große Kinder bis zu 80 Jahre und darüber»
IN DER WALDKLAUSE
– Märchen für kleine und große Kinder bis zu 80 Jahren und darüber –
Mit Zeichnungen von Hauke Kock
Für O und Susy. In Erinnerung an Papa.
1. Auflage
Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2019
www.mantikore-verlag.de
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text Augustin Wibbelt 1929
Textbearbeitung und Lektorat: Jan Enseling, Anja Koda
Satz: Karl-Heinz Zapf
Covergestaltung: J. Begovic, Matthias Lück
VP: 271-162-01-03/03-1219
eISBN: 978-3-96188-113-0
Augustin Wibbelt
In der
Waldklause
MÄRCHEN FÜR KLEINE UND GROSSE KINDER BIS ZU 80 JAHREN UND DARÜBER

Inhalt
Vorwort des Verlegers
Einladung
Winter
Drei Gedichte
Willkommen!
Das Märchen
Mein Patenkindchen
Fastnacht
Die Entdeckung
Verdruss
Frühling
Drei Gedichte
Veilchenjagd
Wallfahrt
Das Geheimnis des Osterhasen
Aprilscherze
Der Wettlauf
Wahltag
Maifest
Maiandacht
Das arme Bienchen
Frau Nachtigall
Königin Aschenputtel
Prinz Asche und Prinzessin Puttel
Sommer
Drei Gedichte
Mondnacht
Klagen
Die Kobolde
Die missglückte Bußpredigt
Waldgericht
Fee Minimax
Waldfrieden
Erntearbeit
Die Waldhochschule
Wissenschaft im Walde
Der Rundreisefahrschein
Herbst
Drei Gedichte
Der Färbermeister
Turnfest
Sprit
Herr Storch
Rübezahl
Die Wilde Jagd
Zwergenhochzeit
Vater Sturm
Winter
Prosit Neujahr!
Prinzessin Raureif
Bettelvolk
Der Zaunkönig
Frau Schlackerwetter
Zwei Einsiedler
Es geht los!
Das Tunier
Des Winters Rache
Frühling
Vornehmer Besuch
Der erste April
Froschkonzert
Prinz Sonnenstrahl
Der Herr Professor
Krieg im Walde
Wettsingen
Frau Echo
Sommer
Das Gewitter
Die neue Familie
Frau Dürre
Max und Moritz
Ein Nachtschwärmer
Ein langweiliger Patron
Kirmes
Der Zweikampf
Friede
Die Dreiländerecke
Die umgekehrte Welt
Herbst
Sonderbare Briefe
Frau Spinne
Die Strafe
Eine stille Gesellschaft
Vogelvisite
Bunte Sippschaft
Die Fernbrille
Ein seltsamer Besenbinder
Putzis Ende
Meine Krippe
Winter
Grüß Gott
Silvesternacht
Die Zwölf
Die Sternschnuppe
Das wandernde Laternchen
Ahasverus
Jungfer Reh
Der Mondelf
Frühling
Die Baukommission
Weidenkätzchen
Die kleine Majestät
Allerlei Medizin
Ein neuer Ankömmling
Eine Ratsversammlung
Kunterbunt
Maria im Walde
Der Herr Geheimrat
Frau Tulpe
Ein Glockentraum
Sommer
Professor Heuschreck
Die Wäscherinnen
Der Sensenmann
Im Feengärtlein
Herr Sommerwind
Der kleine Däumling
Frau Gewitterwolke
Der Regenbogen
Die Abordnung
Verteilung der Rollen
Das Theater
Herbst
Marienfäden
Die Hexen
Die alte Stritzebill
Die verstopfte Wasserleitung
Die Hexen-Austreibung
Der Wundervogel
Das goldene Ei
Eine Überraschung
Die Nikolaus Bescherung
Das Krachmännchen
Weihnachtsfreude
Augustin Wibbelt
Vorwort des Verlegers
»O«
Meine Großmutter Hilde nennen wir in der Familie nur »O«. »O« ist die Abkürzung für »Oma«, denn als ich auf die Welt kam, war meine Oma gerade Mitte vierzig und fühlte sich viel zu jung, um »Oma« genannt zu werden. Dieses Jahr hat sie ihren 93-sten Geburtstag gefeiert. O hat mich immer unterstützt, jederzeit hatte sie ein offenes Ohr und Verständnis für einen Jungen, der nicht so recht den Vorstellungen seiner Eltern entsprach. Bis heute stehe ich meiner Oma sehr nahe und dieses Buch ist Teil ihrer und auch meiner Familiengeschichte.
Die Geschichte um dieses Buch begann in den 1930er Jahren. Meine Oma war damals sieben Jahre alt. Zu Weihnachten bekam sie ein Buch mit dem Titel »In der Waldklause« geschenkt. Ihr Vater las Ihr regelmäßig aus dem Buch vor, an dem sie schon bald sehr viel Freude hatte. Damals waren die Folgen des Ersten Weltkriegs noch nicht überstanden, doch schon ging im Land ein neues Gespenst um, das die gesamte Welt in einen noch schrecklicheren Krieg stürzen sollte. Meine Familie überlebte, und auch einige Habseligkeiten und Erbstücke – darunter drei der vier Waldklausner-Bände – konnten gerettet werden.
Als die Schrecken des Krieges überstanden waren und endlich friedliche Zeiten anbrachen, heiratete meine Oma und brachte ihren Sohn Peter, meinen Vater, zur Welt. Ein paar Jahre später wurde meine Tante Susanne geboren, die beste Tante der Welt übrigens. Zu Weihnachten wurde wieder aus dem Waldklausner vorgelesen, und auch als ich auf die Welt kam, wurde dieser schöne Brauch fortgesetzt. So entstehen Familientraditionen.
Vor vielen Jahren erfuhr ich, dass meiner Oma immer einer der Bände aus der Waldklausner-Reihe gefehlt hat, also machte ich mich auf die Suche. Doch die stellte sich als äußerst schwierig heraus, denn die Reihe war seit Jahrzehnten nicht mehr erhältlich. In den letzten Jahren habe ich immer wieder nach dem fehlenden Band gesucht, immer mit dem Wunsch, O diesen vierten Teil der Waldklausner-Geschichten schenken zu können. Als ich schon fast aufgeben wollte, wurde ich letztes Jahr in einem Antiquariat fündig. Inzwischen hatte ich selbst einen Verlag gegründet. So kam ich auf die Idee, nicht nur den fehlenden Band zu verschenken, sondern sämtliche Geschichten vom Waldklausner zusammenzutragen und einen Sammelband herauszubringen. Und nun halten Sie genau diesen in Händen.
Die Geschichten selbst stammen aus einem anderen Jahrhundert. Der Verfasser war Pastor und somit sind seine Geschichten aus der Perspektive eines frommen, gottesfürchtigen Mannes verfasst. Handlungen und Moralvorstellungen passen daher oft nicht mehr in unsere moderne Welt. Die Geschichten mögen auf den einen oder anderen etwas seltsam wirken, vielleicht erscheinen sie nicht mehr zeitgemäß oder zumindest etwas aus der Zeit gefallen, ich jedoch verbinde damit wunderschöne Erinnerungen an Weihnachten und die Kindheit. Der Weg bis zur Veröffentlichung war eine Reise in die Vergangenheit, zu Erinnerungen an meinen verstorbenen Vater und vieles mehr. Es ist mein persönlichstes Buch.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern besinnliche Lesestunden und schöne Erinnerungen. Dir liebe O und dir liebe Susy: Danke für alles.
Euer Nicolai
Einladung
Ich bin es leid. Es wird immer wunderlicher in der Welt. Das ist ein Hasten und Rennen, ein Lärmen und Toben, dass einem alten Manne der Kopf schwindelig wird und die Ohren brummen. Ich gehe fort, ich ziehe in meine Waldklause. Habe mich lange genug geplagt und geplackt; jetzt will ich wenigstens einen ruhigen Lebensabend haben.
Der Schneider soll mir einen langen, braunen Rock machen, warm und wetterfest, wie es sich für einen Waldbruder gehört. Beim Schuster bestelle ich dicke Sandalen, die lange vorhalten; im Sommer kann ich auch barfuß gehen, wie die lieben Tierlein. Dann lasse ich mir, so schnell es geht, einen langen, langen Bart wachsen, der mir Hals und Brust warm hält. Nächstes Jahr reicht er mir schon bis an den ledernen Gürtel. Einen Rucksack habe ich schon und einen dicken Knotenstock auch. Ein paar Töpfe sind leicht beschafft, und was sonst noch nötig ist, findet sich mit der Zeit zusammen. Es steht fest, ich ziehe in meine Waldklause.
Wollt ihr wissen, wo sie liegt? Sie liegt hinter den sieben Bergen, über die Schneewittchen geklettert ist. Die sieben Zwerge sind meine Nachbarn und helfen mir mein Gärtchen zu bauen. Sie liegt mitten in dem Wald, in dem Hänsel und Gretel sich verirrt haben; aber die Knusperhexe ist, Gott sei Dank, tot. Sie ist in ihrem Backofen verbrannt, und der Wind hat die Asche verweht. Die Klause ist fest und stark gebaut, aus dicken Baumstämmen, und alle Ritzen sind mit Moos ausgestopft. Daneben fließt das klare Jungbrünnlein vom Felsen. Jedes Mal, wenn man daraus trinkt, wird man einen Tag jünger. Auch eine Laube ist da von Jelängerjelieber; sie blüht beinahe das ganze Jahr, und da sitze ich an heißen Sommertagen. Für den Winter liegt ein hoher Stapel Holz hinter der Klause, das heizt mir die Kälte weg. Es ist nicht gestohlen, der Förster Specht hat es mir geschenkt. Vorräte habe ich genug. Meister Hamster und Frau Eichhörnchen sind meine Lieferanten, und sie geben es billig. Musikanten habe ich einen ganzen Chor; sie spielen die allerneuesten Stücke umsonst, und wenn ich will, kann ich auch dazu tanzen. Aber das wäre eher etwas für euch, mir geht der Atem aus, wenn ich springe. Mir steht es besser an, aus meinem großen Buche zu beten. Dann läute ich vorher mit meinem Glöcklein, dass die Leute weit draußen auf dem Felde die Mütze abnehmen und sich von fern erbauen an dem frommen Waldbruder.
Und schön ist es hier, wunderbar schön! Ihr glaubt es gar nicht. Die alten Bäume haben Stämme wie Kirchsäulen, und ihre Wipfel wiegen sich im blauen Himmel und brausen wie eine mächtige Orgel. Die Sonnenstrahlen hüpfen durch die Zweige nieder bis zu den stillen Waldblumen und streicheln ihnen über das fromme Gesicht. Das Moos brennt wie grünes Feuer. Und es ist so still, dass man die Käferchen krabbeln hört im Laub. Wenn man ganz angestrengt lauscht, hört man die dicke Hummel husten. Sie ist gestern in den Bach gefallen und wäre ertrunken, wenn ich ihr nicht herausgeholfen hätte. Jetzt hat sie einen leichten Schnupfen. Sie will mir auch zum Danke ein Eichelnäpfchen voll Honig schenken. Ihr dürft einmal daran lecken, wenn ihr mich besucht. Zuweilen weht auch ein leises, tiefes Atmen herüber, dann geht der liebe Gott durch den Wald.
Ja, es ist wunderschön, aber etwas fehlt mir noch. Es ist zu einsam. Ich muss ein bisschen Leben um mich haben. Am liebsten habe ich Kinder. Lustige, kleine Trabanten, mit denen ich ein wenig plaudern kann. Wollt ihr mich nicht zuweilen auf ein Stündchen besuchen kommen in meiner Waldklause? Wenn ihr bange seid vor meinem langen Barte, dann schneide ich ihn wieder ab. Aber er tut euch nichts. Es ist kurzweilig hier, und ich weiß viele Geschichten, schöne Märchen, die man kaum glauben kann, und Gedichte, die sich ganz geschickt reimen, und Rätsel, die man aufknacken muss wie Nüsse, und lustige Spiele. Auch ein paar gute Lehren gebe ich euch dazu, aber nicht zu viel. Was meint ihr nun, wollt ihr zu dem alten Waldbruder kommen, dann und wann auf ein Stündchen?
Ihr denkt wohl, der Weg sei zu weit und schwer zu finden. Keine Sorge, die Sache ist ganz einfach. Ich habe mir ein Luftschiff gekauft, das soll euch abholen und zurückbringen – wuppdich, seid ihr hier, und wuppdich, seid ihr wieder zu Hause. Es ist ein feines Luftschiff, rosenrot angestrichen; darum habe ich es »Morgenrot« getauft. Herauspurzeln wird keins, denn die Bänke sind stark mit Pech bestrichen. Es ist aber Glückspech und lässt zur rechten Zeit los, macht euch keine Flecken. Frau Holle hat mir dies Pech geschenkt, das ist eine gute alte Tante von mir. Hunger braucht ihr bei mir nicht zu leiden. Ich habe mir ein Tischleindeckdich bestellt. Der Schreiner sagt, morgen wäre es fertig; es ist aber teuer gewesen.
Dass mir nur die Knaben keinen Unfug machen und mein Füchslein in den Schwanz kneifen oder gar meinem Häslein das Fell über die Ohren ziehen! Sonst kommt der Knüppel-aus-dem-Sack, der lauert immer hinter meiner Klausentür. Die Mädchen werden schon artig sein, dürfen aber nicht allzu viel plappern. Sonst wird meine Nachbarin, Frau Einsamkeit, verdrießlich. Singen und springen dürft ihr, so viel ihr wollt. Dabei werdet ihr gute Gesellschaft haben. Frau Nachtigall hat viele neue Lieder eingeübt und die Eichhörnchen allerlei Reigentänze. Sogar das Schnecklein hat verlauten lassen, es wolle mittanzen. Ich fürchte aber, dass es etwas langsam geht, denn es will sein Häuslein nicht zu Hause lassen.
Also, liebe Kinder, kommt zum Waldbruder!
In der
Waldklause
Erlebnisse des Waldbruders im ersten Jahre
Winter
Drei Gedichte
Willkommen!
Das Märchen
Mein Patenkindchen
Fastnacht
Die Entdeckung
Verdruss
Winter
In den langen Stiefeln schwer
Stapft der König Winter her,
Weiß der Pelz und rot die Nase.
Blanke Brücken baut er flink,
Und auf seinen Hauch und Wink
Blumen blüh’n am Fensterglase,
Deckt die Welt zur guten Ruh
Weich mit weißen Decken zu.
Doch in meinem Kohl der Hase
Hoppelt sachte hin und her,
Weiß, ich habe kein Gewehr –
Lass ihn! Hunger macht Beschwer.
Herr Winter ist ein guter Mann,
Der gar gewaltig schneien kann,
Da muss man schön zu Hause bleiben
Und sich daheim die Zeit vertreiben.
Im Winter gibt es Eis und Schnee,
das tut mir aber gar nicht weh.
Ich mach‘ ein Feuerlein und hause
Vergnügt in meiner warmen Klause.

Willkommen!
Seid ihr alle da, Buben und Mädchen, groß und klein? Das freut mich, und nun sollt ihr mir herzlich willkommen sein in meiner Klause.
Ihr schaut euch um und denkt, wo ist denn der grüne Wald? Es ist ja alles kahl, und der Wind pfeift scharf durch die Baumstämme. Ja, liebe Kinder, es ist Wintertag, auch in meinem Walde. Aber das macht nichts; es ist hier auch im Winter lustig. Nur herein in meine Klause, da drinnen brennt ein warmes Feuer. Nur herein, so viele ihr seid, ihr habt Platz genug! Mein Haus wird nie voll, so kunstvoll hat der Baumeister es gebaut. Es findet sich immer noch ein behagliches Eckchen, wo man unterschlüpfen kann.
So, nun will ich noch einen Armvoll Tannenzapfen aufs Feuer werfen. Das prasselt so lustig, und die Funken sprühen dann wie goldene Garben in die Höhe. Ihr müsst nicht erschrecken, wenn es zuweilen dahinten in der Ecke unheimlich knappt. Das tut Frau Eule mit ihrem dicken Schnabel. Der hohle Baum, in dem sie wohnte, ist neulich bei dem großen Sturm umgefallen. Sie war sehr betrübt, da sie obdachlos war, und hatte vergebens bei Frau Eichhörnchen angeklopft. Die hat ihr mit dem buschigen Schweif um die Ohren gefegt und gesagt, sie solle sich zum Kuckuck scheren. Herr Kuckuck ist aber verreist und kommt erst nächsten Sommer wieder. Da habe ich der Muhme Eule Quartier gegeben in meiner Klause, und zum Dank fängt sie mir die überflüssigen Mäuse weg, die mir mein bisschen Speck auffressen wollen. Nur meinen drei weißen Mäuslein darf sie nichts tun. Die wohnen dort in dem alten verschlissenen Holzschuh und sollen euch gleich eine kleine, feine Komödie vorspielen. Sie spielen am besten das Stück von der geduldigen Genoveva und können dabei so rührend piepen, dass sogar Frau Eule anfängt zu schluchzen. Gestern hat sie geweint, dass die Tränen nur so ins Feuer zischten. Sie hätte es beinahe ausgelöscht.
Hört ihr, da kratzt es an der Tür, und da flattert es vorm Fenster. Das sind meine Bettelleute. Meister Lampe mit den langen Ohren guckt schon durch die Ritzen. Seine Beine sind noch einmal so lang geworden und sein Bäuchlein noch einmal so dünn; er hat in den letzten vierzehn Tagen ganze drei Pfund abgenommen. Ich gebe ihm eine schöne gelbe Rübe zum Abknabbern. Und die kleinen Meisen sind auch da; sie kriegen eine Speckschwarte. Am besten hat es noch mein Rotkehlchen. Seht, da oben sitzt es auf dem Zapfen und äugt neugierig zu uns herunter. Es hat mir versprochen, dass es den Winter über bei mir bleiben will, um mir die Zeit zu vertreiben. Dafür bekommt es alle Tage satt Brotkrümchen. Wenn der böse Wind gar zu arg schnaubt, dann kriecht es in meine Kapuze. Es hat mir neulich ins Ohr gesagt, dass es nächstes Frühjahr sein Nestchen darin bauen wolle; aber ich will es mir doch noch überlegen.
Nun müsst ihr nicht spotten und sagen: Der alte Waldbruder hat bloß geträumt. Die Träume, liebe Kinder, sind oft das Beste im Leben; aber das versteht ihr noch nicht. So, nun erzählen wir uns Geschichten und singen ein Lied, und dann bekommt ihr zum Abschied eine Handvoll Nüsse, damit ihr nächstens gerne wiederkommt.
Das Märchen
Mit Ungeduld habe ich euch erwartet, denn ich habe euch viel zu erzählen. Setzt euch schnell ans Feuer! Die Mädchen kommen auf die Bänkchen, die haben die sieben Zwerge mir eigens für sie gezimmert. Und die Knaben können sich dort in das dürre Laub legen und die Beine von sich strecken nach Herzenslust. Knaben können ja nicht gut stillsitzen und stellen die Beine am liebsten in die Höhe. Nur zu! Ihr müsst euch aber nicht stoßen wie junge Ziegenböckchen. Der Knüppel-aus-dem-Sack lauert immer noch hinter der Tür.
Nun denkt euch, ich habe dieser Tage Besuch gehabt. Ihr sollt nicht raten, von wem. Von dem Märchen! Das ist ein uraltes Großmütterchen mit einem braunen, faltigen Gesicht unter der großen Haube; aber die Augen sind jung wie die Frühlingssonne. Es geht gebückt in dem dicken, weiten Mantel; aber die Füße sind flink wie Kinderfüße. Und eine Stimme hat es, so klar wie ein Silberglöcklein. Ich war gerade dabei, einen Weidenkorb zu flechten; man muss sich seinen Hausrat selbst anfertigen, so viel man kann. Wenn man Tannenzapfen sammelt, muss man einen ordentlichen Korb haben. Tannzapfen sind so gut zum Feueranmachen.

Da kam das uralte Mütterchen herangetrippelt und bot mir freundlich einen guten Tag.
Ich sagte: »Guten Tag, Großmutter Märchen! Wo kommt Ihr denn her, und wo wollt Ihr denn hin?« Mit dem Märchen muss man nämlich altmodisch sprechen, denn es ist von der alten Welt.
»Waldbruder«, sagte das Großmütterchen, »darf ich mich ein wenig bei Euch ausruhen?«
Und wie es den dunklen Mantel etwas lüftete, sah ich, dass es ein blitzgoldenes Kleid darunter anhatte. Nun saßen wir denn bald gemütlich an meinem Herd, und das Feuer fing auf einmal von selbst an zu brennen und zu prasseln, und es wurde ganz hell und behaglich in der alte Klause. Die Eule kam gleich aus ihrem Winkel herangeflogen und setzte sich dem Märchen auf die Schulter und sagte: »Uhuuu!«
Ich fragte, ob ich einen braven Kaffee brauen sollte, denn so alte Großmütterchen lieben gewöhnlich einen kräftigen Kaffee.
»Nicht nötig«, schmunzelte das Märchen und zog ein Fläschchen hervor, »habt Ihr ein Gläschen zur Hand?«
Da wurde ich erst ein bisschen verlegen und bemerkte schüchtern, ich tränke keinen Branntwein. Da hättet ihr hören sollen, wie das Mütterchen lachte! Es klang, als wenn eine ganze Handvoll Goldperlen eine silberne Treppe herunterrollte. Die Eule plusterte sich dick auf vor lauter Vergnügen und knappte mit ihrem Schnabel.
»Wie könnt Ihr von Branntwein sprechen, Waldbruder!«, rief das Märchen und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Dies ist Maientau, vermischt mit Kleeblütenhonig und Nektar aus Geißblattblumen, auch eine kleine Prise vom Samen des Hexenkrautes ist darin.«
»Das habe ich noch nie gekostet«, sagte ich, »ein Glas habe ich nicht, aber ich habe eine halbe Eierschale, die ich unter dem Turteltaubennest gefunden habe.«
»Gebt her«, sagte das Mütterchen, und als es nun vorsichtig ein paar funkelnde Tropfen in das weiße Schälchen goss, da duftete die ganze Klause. Die Eule wollte gleich mittrinken, sie kriegte aber eins auf den Schnabel.
Wie das Tröpfchen schmeckte, kann ich euch gar nicht sagen, liebe Kinder! Es rann mir durchs Blut wie Rosenfeuer, und ich fühlte mich mit einem Schlage kinderjung. Ich hätte wahrhaftig bald einen Purzelbaum geschlagen, aber ich genierte mich vor der alten Eule, die etwas verstimmt in ihren Winkel geflogen war und ganz große, runde Augen machte.
Nun haben wir ein schönes Plauderstündchen gehalten, und die Zeit verflog im Nu. Das Märchen erkundigte sich zunächst nach den sieben Zwergen, ob sie mir auch fleißig hälfen. Ich konnte sie nur loben, und daraufhin versprach das Mütterchen, sie sollten jeder ein funkelnagelneues, rotes Röckchen haben. Das wird sie freuen, denn die Kerlchen sind eitel. Unterdessen hatte das Märchen einen Rocken von gelbem Flachs hervorgeholt und ließ die Spindel tanzen.
Ich dachte mir gleich, dass es dieselbe Spindel sei, an der Dornröschen sich gestochen hatte, und fragte, wie es der jungen Königin gehe.
»Sie lebt ganz vergnügt«, sagte das Märchen, »und hat schon drei Prinzlein, die alle Hagebutte heißen. Der älteste Hagebutt hat eine Tochter von Schneewittchen gefreit, und es ist eine große Hochzeit gewesen. Rübezahl hat sich dabei den Magen verdorben, weil er bloß die mageren Rüben gewöhnt war. Aber jetzt ist er wieder gesund, nachdem er einen Schiebkarren voller Rettiche gegessen hat.«
Dann erzählte sie mir, Rotkäppchens Großmutter sei immer noch am Leben und säße den ganzen Tag an der Wiege und sänge »Schlaf, Kindlein, schlaf!«. Denn Rotkäppchen habe den Jäger geheiratet, und die Geiß mit den sieben Geißlein hätte bei ihnen eine fette Weide gefunden.
»Was macht denn der kleine Däumling?«, fragte ich.
»Oh, der!«, rief das Märchen, »der ist groß und stark geworden. Er ist Hufschmied geworden und beschlägt den vier Haymonskindern das starke Ross Bayard, wenn sie von ihren Fahrten nach Hause kommen. Und der freche Junge, der auszog, um das Fürchten zu lernen, ist jetzt ein alter Mümmelgreis und hat nur noch einen Zahn.«
Ich hatte immer schon ein Scharren und Kratzen gehört vor meiner Klause, und als ich die Tür öffnete, war das ganze Waldgetier draußen versammelt, das vierbeinige und das geflügelte. Sogar ein Schlänglein war darunter, aber eine harmlose Ringelnatter. Sie wollten alle das Märchen begrüßen.
»Kommt nur alle herein«, rief das Mütterchen, »aber seid hübsch artig.«
Im Augenblick war die ganze Waldklause voll bis auf das letzte Eckchen. Und nun fing das Mütterchen an zu erzählen, die allerschönsten Märchen und Geschichten, bis der graue Morgen verwundert durch das Fensterlein blickte. Jetzt weiß ich so viele schöne, neue Sachen, dass ich gar nicht mehr fertig werde, wenn ich einmal anfange. Ihr sollt noch euer blaues Wunder erleben.
Mein Patenkindchen
Was man doch nicht alles erleben kann, sogar mitten im einsamen Walde! Ihr wisst, die letzten Tage war kaltes Wetter eingefallen, und es fror Stein und Bein. Nun, mir hat es nichts getan. Ich habe einen tüchtigen Eichenklotz ans Feuer gelegt und habe es draußen stürmen und schneien lassen nach Herzenslust. Gestern Mittag hatte es sich etwas aufgehellt, und ich hatte einen kurzen Gang gemacht durch das Tannicht, um zu sehen, ob die Meisen noch Hanfsamen in ihrer Vogelglocke haben. Es ist eine richtige Berlepsche Vogelglocke von rundem Glas, in das man Hanfsamen schüttet. Der Samen bleibt schön trocken und fällt langsam durch die untere Öffnung in ein Schälchen, das darunter befestigt ist.
Dann kommen die kleinen Meisen und klammern sich mit ihren geschickten Zehen an das Schälchen und knuspern den fetten Samen. Oh, das tut ihnen so gut in der Winterkälte! Ihr könntet auch eine solche Meisenglocke aufhängen in eurem Garten. Meine Glocke war noch halbvoll, und Herr Meis und Frau Meise haben sich bereits bestens bedankt.
Als ich heimging, kratzte ich mir ein Flöckchen Moos von dem alten, grauen Stein, der neben der Klause liegt. Ich nahm es mit herein und legte es auf den Tisch. Dann holte ich ein dickes, gelehrtes Buch, um den Namen der Moospflänzchen nachzuschlagen. Sie sind nicht leicht zu bestimmen, und gerade die kleinsten Pflänzchen haben die längsten Namen, in die man sie wohl zehnmal einwickeln könnte. Als ich das Moos nun auseinanderzerrte, hörte ich ein ganz leises, feines Stimmchen; ich bin nämlich sehr scharfhörig.
Es rief: »Nun drück mir doch mein armes Bäuchlein nicht platt!« Ich war sehr verwundert, denn ich sah nichts, so genau ich auch durch meine Brille hinschaute. »Wer bist du denn?«, fragte ich.
Da sagte das Ding: »Was? Kennst du mich nicht? Ich bin doch dein Patenkindchen.«
»Ei«, sagte ich, »wie heißt du denn?«
Die Antwort kam ganz feierlich heraus: »Ich heiße Hypsidius Wibbelti.«
Da fiel es mir ein. Es war früher einmal ein ganz gelehrter Pater bei mir gewesen, der immer auf der Jagd ist nach den winzig kleinen Moostierchen. Er kennt sie alle mit Namen, diejenigen ausgenommen, die noch gar keine Namen haben, weil noch kein Mensch sie entdeckt hat. So hat er auch in dem Moose an meiner Kirchenmauer ein unbekanntes Moostierchen gefunden. Weil er ein sehr höflicher Mann ist, hat er mir die Ehre angetan, es nach mir zu taufen. Gesehen hatte ich dies Patenkindchen noch nie, es ist auch nur ein Fünftel von einem Millimeter lang.
»Bist du denn das kleine Krüperchen«, so fragte ich, »das der gute Pater Gilbert entdeckt hat?«
Da wurde das kleine Ding patzig und murrte: »Pater Gilbert hat mich allerdings aufgefunden, aber ein Krüperchen bin ich nicht, wenn ich auch nicht so ein ungeschlachter Riese bin wie du.«
»Wir wollen uns nicht zanken, liebes Patenkindchen«, sagte ich, »aber ich möchte dich gern einmal sehen. Wo bist du denn?«
»Hier«, piepte es ganz fein, »mach deine großen Glotzaugen doch besser auf!«
Da kam die gute Frau Eule mir zu Hilfe. Sie lieh mir ihre grüne Bille, und als ich sie über meine eigene setzte, da sah ich wirklich den klitzekleinen Hypsidius Wibbelti. Ach, du lieber Himmel, wie winzig klein war er doch! Er hatte ein walzenförmiges Körperchen von brauner Farbe, bedeckt mit kleinen Warzen. An den sechs kurzen Beinen sah ich je zwei Krallen. Fünf Gürtel wie kleine Tonnenbänder hatte er sich um den Leib geschlungen. Schön war er gerade nicht, aber das habe ich dem kleinen Ding nicht gesagt, um es nicht verdrießlich zu machen. Auch die allerkleinsten Moostierchen sind ein bisschen eitel, gerade wie kleine Mädchen. Als ich mit dem Finger das Moos glattstrich, fing es an zu schreien: »Nimm doch den dicken Baumstamm weg! Oder willst du mich umbringen?«
Ich sagte: »Das ist kein Baumstamm, das ist mein Zeigefinger.«
»Einerlei«, piepte es, »nimm das wüste Ungetüm weg!«
Ich war nun ganz behutsam und fragte: »Warum hast du mich noch gar nicht besucht? Wohnst doch so nahe vor meiner Klause!«
Da murrte es: »Ich habe dich schon dreimal angerufen, als du vorbeigingst; aber du hast mich nicht gehört! Ihr habt so grobe Ohren!«
Ich sagte: »Nun sei artig, kleiner Hypsidius Wibbelti! Und dann sag‘ mal, ist es dir draußen nicht zu kalt?«
Da lachte er laut auf: »Hier in deiner Klause ist es freilich schön warm. Das gefällt mir wohl besser. Aber das bisschen Frost macht mir gar nichts. Ich ziehe mich zusammen und schlafe. Dem Pater Gilbert bin ich aber böse. Er hat mich einmal in 150 Grad unter null gebracht, und dabei ist mir eine Zehe erfroren am rechten Vorderfuße. Ich bin aber doch lebendig geblieben.«
Ich wunderte mich über diese Zähigkeit und sagte: »Wie kannst du dann die Sommerhitze aushalten, wenn die grelle Sonne auf deinen Stein prellt?«
Da lachte es wieder: »Oh, das tut mir auch nichts. Ich werde staubtrocken und schlafe wieder, bis ein Regen fällt und mich anfeuchtet. Dann werde ich wieder wach und strecke mein Beinchen.«
»Na«, sagte ich, »wenn wir das auch so könnten, dann könnten wir viel Holz und Kleider sparen und Essen dazu.«
»Ihr könnt auch nichts vertragen«, sagte der kleine Wicht verächtlich.
»Was isst du denn?«, fragte ich.
»Ich esse den süßen grünen Brei in den Moospflänzchen. Oh, der schmeckt lecker! Willst du ihn mal probieren?«
Ich bedankte mich und sagte, ich hätte schon gefrühstückt und augenblicklich gar keinen Appetit.
»Dann bringe mich wieder auf meinen Stein zurück«, sagte der Hypsidius, und ich tat ihm seinen Willen.
Ihr müsst das Tierchen aber nicht stören, liebe Kinder! Es schläft jetzt wieder.
Fastnacht
Im Walde geht es oft anders zu als in der Welt, mitunter gerade umgekehrt. In der Welt feiert man Fastnacht vor der Fastenzeit, im Walde ist die Fastenzeit vor Fastnacht. Denn wenn erst Fastnacht ist, wird das Wetter schon besser, und die Tiere und Vögel finden wieder Futter. Vorher aber, um Weihnachten und Neujahr, wenn der Boden hartgefroren ist oder dicker Schnee liegt, dann ist Fastenzeit im Walde. Fastnacht aber feiert man zur richtigen Zeit, wie es sich gehört, und diesmal war die Fastnachtsfeier besonders lustig und endete besonders traurig. Ich muss euch das mal erzählen.
Weil ich noch ein Neuling bin in Waldsachen, so wusste ich nicht, wie es mit der Fastnacht dort gehalten wurde. Ich erkundigte mich gelegentlich bei meinen sieben Zwergen, die mir gerade Holz spalteten und recht fleißig bei der Arbeit waren.
»Ja«, sagte der Erste und strich steinen grauen Bart, »Fastnacht wird gefeiert, aber es ist nicht weit her. Die Eichhörnchen machen sich Hüte aus Nussschalen und Bärte aus Flechten und Moos. Voriges Jahr hat Frau Elster großes Aufsehen erregt. Sie hat nämlich irgendwo einen Pfauenfeder gestohlen und sich in den Schwanz gesteckt. Und wenn Meister Grimbart, der Dachs, guter Laune ist, dann spaziert er wohl durch den Wald und trommelt mit zwei Tannenzapfen auf seinem dicken Bauch. Genug, die Sache ist ziemlich armselig, und die meisten kümmern sich nicht drum.«
»Na«, meinte ich, »es gibt ja auch sonst Pläsier genug im Walde«, und ging in meine Klause.
Die kleinen Knirpse fuhren fort, das Holz zu spalten, aber zwischendurch steckten sie immer die Köpfe zusammen und schwätzten und nickten. Als sie nun abends nach Hause gehen sollten, klopften sie an meine Tür und kamen mir mit einem feinen Plane, den sie unter sich beraten und fix und fertig überlegt hatten. Es sollte diesmal eine schöne Fastnacht gefeiert werden; sie wollten es schon machen, aber ich müsste mittun.
»Das kommt ganz darauf an«, sagte ich, »als Waldbruder kann ich doch nicht den Narren und Gecken spielen.«
Das wollten sie auch nicht verlangen, antworteten sie; es solle vor der Waldklause ein Zirkus gezeigt werden, und ich müsste der Zirkusdirektor sein und alles erklären.
»Und was für Tiere sollen denn auftreten?«, fragte ich.
»Lauter Haustiere«, war die Antwort, »denn das ist etwas Neues im Walde, also Hund und Katze und Ziege und so weiter. Ihr müsst die Tiere erklären, Waldbruder, und hinterher machen wir allerlei Spiel und Ulk.«
Das Ding gefiel mir gar nicht übel. Ich konnte mir nur nicht denken, woher sie die Masken bekommen wollten. Sie sagten, das sei ihre Sache; ich solle nur rechtzeitig einladen zum Besuch. So schickte ich den meinen Vizeküster Häher und unsern Polizeidiener Specht durch den Wald und ließ bekanntmachen, dass am Rosenmontag, morgens um zehn Uhr, eine Zirkusvorstellung vor der Waldklause sein würde, Eintritt frei.
Schon um neun Uhr waren alle Plätze besetzt, vom Boden an bis auf die höchsten Zweige der Bäume. Meine Zwerge erschienen und marschierten in die Hütte. Jeder trug ein Päckchen unter dem Arme, nur der Jüngste nicht. Er hatte es unterwegs verloren und weinte bitterlich.

»Es ist jammerschade«, sagte der Älteste, »er sollte das Lamm sein und kann so schön bäh sagen.«
Ich tröstete ihn und sagte, er könne durch den Türspalt gucken, wenn die anderen spielten.
Nun hätte es bald Streit gegeben. Sie hatten nämlich für mich eine lange Nase mitgebracht, die ich vorbinden sollte, und das wollte ich nicht.
»Waldbruder«, sagte der älteste der Zwerge, »das wird Euch bedeutend verschönern. Seht, die Tiere haben fast alle längere Nasen als Ihr, und dann erst die Vögel mit ihren Schnäbeln! Die sind Euch weit über.«
Ich ließ mich bereden und band die Nase vor, sie war lang wie ein Storchenschnabel. Und richtig, als ich heraustrat, erhob sich ein Schrei der Bewunderung.
»Ach, wie schön! Wie stattlich! Jetzt hat der Waldbruder erst ein Ansehen!« So ging das von allen Seiten, und ich überlegte schon, ob ich die lange Nase nicht alle Tage tragen sollte, oder wenigstens alle Feiertage. Die Vorstellung begann. Einzeln tragen die Zwerge heraus in ihrer Verkleidung, die sehr täuschend war, und ich sprach einige erläuternde Worte. Der Erste kam als Hund, als schwarzer Pudel, wedelte mit dem Schwanz und bellte.
Alles lachte, und Frau Amsel rief: »Ach, singe doch einmal, liebes Tier!« Der Zweite kam als Katze mit krummem Buckel und gesträubtem Schwanze; von seinem Miau hörte man nichts, denn alle Vögel pfiffen ihn aus und schrien und schlugen mit den Flügeln. Dann stolzierte der Hahn herein, schüttelte den feuerroten Kamm und krähte, dass es schallte. Allgemeines Bravo antwortete ihm. Nun kam ein grunzendes Schweinchen angetrottet mit geringeltem Schwänzchen. Es fand Beifall, und Meister Grimbart nannte es »Die Unschuld vom Lande«.
Lustig sprang ein Ziegenböcklein herein und meckerte. Frau Elster schrie: »Ach, Jungfer Reh, das ist sicher Euer Vetter.«
Zuletzt kam Frau Gans, schneeweiß und mit vieler Würde; sie hob die Füße sehr hoch und wackelte anmutig hin und her. Man fand sie nobel, und ich bemerkte, sie sei auch von altem Adel und hätte schon vor Christi Geburt die Stadt Rom durch ihr Geschrei gerettet.
»Nun sollte eigentlich das Lamm kommen«, fügte ich hinzu, »aber es ist verlorengegangen.«
»Da kommt es ja«, unterbrach man mich, und richtig kam das Lämmchen herangeschwänzelt, zu meinem großen Erstaunen.
Ich dachte: »Sieh, da hat der Kleine das verlorene Päckchen wohl wiedergefunden.«
Da geschah etwas Furchtbares. Zwei Hasen waren zutraulich herangehüpft. Im Nu hatte das Lamm sein weißes Fell abgeworfen, und Reineke, der Fuchs, sprang heraus, biss die armen Häslein tot und schleppte sie in den Wald. Alles schrie laut auf und stürzte herbei, aber es war zu spät. Der Fuchs hatte das Päckchen mit dem Lammfell gefunden und sich damit verkleidet. Nun wurde aus dem Zirkusspiel nichts. Frau Häsin weinte bittere Tränen, und alle trauerten mit ihr.
Die Entdeckung
Es geht etwas vor im Walde. Wir werden etwas erleben, große Dinge bereiten sich vor. Riecht ihr nichts? Schnüffelt nur einmal mit eurem Näschen in den Wind, dann werdet ihr bald merken, dass ein wunderbarer süßer Duft ganz leicht und leise durch die Luft kommt. Ich habe eine herrliche Entdeckung gemacht. Soll ich es euch verraten? Der junge Herr Frühling ist unterwegs.
Die letzten Tage ging ein gewaltiger Sturm durch den Wald. Er hat die alten Eichen mit ihren strubbeligen Köpfen zusammengestoßen, dass sie laut aufheulten und mit allen Armen um sich schlugen. Meine Waldquelle war auch wie verrückt. Sie sprang in wilden Sätzen zu Tal und zischte und schäumte wie nichts Gutes. Und ist doch sonst so zahm und manierlich.

Als ich einen Augenblick aus meiner Klause trat, hätte der Sturm mich bald umgeworfen. So ungestüm stieß er mich in den Rücken. Ich musste zuerst lachen, denn ich sah zwei Krähen kopfüber, kopfunter über die kahlen Wipfel flattern, indem sie einander zuriefen: »Frau Base, welch ein Wetter, krahkrah! Eine Haube hängt ganz schief auf dem Kopfe!«
Zuletzt wurde ich böse, und da habe ich den Sturm tüchtig ausgeschimpft. Der lachte oben in den Wipfeln, dass es rollte wie Donner und schrie: »Freu dich, alter Waldbruder! Es kommt bessere Zeit; mein Herr, der Frühling, zieht ein!«
Ich sagte: »Es ist merkwürdig, dass feine Herren oft so unfeine Diener haben.«
Da gab er mir einen Stoß, dass ich in meine Klause taumelte und mit Mühe die Tür zurammelte.
Die Nacht war schrecklich. Ich habe einen Rosenkranz extra gebetet, damit mir meine gute Waldklause nicht umgeworfen werde. Es ging immerfort Hoiho, Hoiho, gerade wie die Wilde Jagd. Am Morgen wurde es still. Als ich mein Fensterchen losmachte und hinauslugte, saß der Zaunkönig auf einem Ast und strich sich die zerzausten Federn glatt.
»Guten Morgen, Waldbruder«, rief er mir zu, »weißt du es schon, dass der Frühling kommt?« Dann stellte er sein keckes Schwänzchen steil in die Höhe und schlug einen Triller.
»Ich kann es so recht noch nicht glauben«, antwortete ich.
Er machte eine zierliche Verbeugung, denn er ist ein höflicher Mann, und sagte: »Geh mal hinaus auf die Lichtung, wo die Haseln stehen; dann wirst du es schon glauben.«
Ich zog meine dicken Nagelschuhe an, denn der Weg war aufgeweicht und voller Pfützen. Dann nahm ich meinen Knotenstock, denn glitschig war es auch, und stapfte durch den Morgennebel zu der Lichtung. Da hat man vor zwei Jahren die alten Buchen gefällt, und nun haben die Nusssträucher sich tüchtig in die Höhe gereckt. Wie ich so durch den Wald patsche, höre ich ein tausendstimmiges Summen und Singen. Erst meinte ich, es sei einen Bienenschwarm, aber wo sollte der herkommen um diese Zeit? Ich horche genauer hin, und da sind es ganz feine, feine Stimmchen, und sie kommen aus den Knospen am Gesträuch. Bei den Eichen war es noch ganz still, aber bei den Erlen und Birken und Buchen ging es lebhaft zu.
Bald verstand ich auch einzelne Worte: »Ich will hinaus, ich will hinaus – es ist mir hier zu enge – ich platze vor Ungeduld – lass los, du dumme Hülle!«
Da merkte ich, dass der Sturm die Knospen aus dem Winterschlafe geweckt hatte und dass sie ans Licht drängten. Das freute mich recht von Herzen, aber helfen konnte ich ihnen nicht.
Ich sagte: »Ihr müsst allein fertigwerden«, und ging weiter. Als ich nun zu den Haseln kam, da machte ich unwillkürlich einen Hopser vor lauter Pläsier. Hingen da an den Zweigen lange, schlanke Kätzchen und schaukelten im Winde und streuten feinen, wehenden Goldstaub umher. Wie ich genauer zusehe, sitzen auch die roten Härchen auf den Knospen, wie zarte Federbüschlein. Ihr kennt sie sicher. Ich war froh wie ein König und faltete die Hände, um dem lieben Gott zu danken, dass er nun wirklich den Frühling schicken wolle. »Guck! Guck!«, rief es da vom nächsten Baum, und Frau Eichhorn schaute listig und lustig hinter dem Stamme hervor.
»Freust dich wohl, alter Waldbruder! Ja, das gibt Nüsse für nächsten Herbst, ich will aber meinen Teil mithaben.«
»Ich auch, ich auch! Hähähä!«, schrie der Häher und schoss quer über die Lichtung, dass die blauen Schwungfedern in der Sonne aufleuchteten. Seht, liebe Kinder, es ist gar kein Zweifel mehr. Der Frühling ist unterwegs, und wenn er kommt, gibt es eine große Revolution, aber eine schöne und lustige! Mich soll bloß wundern, was der alte Winter macht. Tot ist er noch nicht, aber steinalt, und wahrscheinlich schläft er irgendwo in einem dunklen Winkel. Wenn er merkt, dass der junge Frühling nach seiner Krone greift, dann wird er wütend, und wir können noch etwas erleben. Ich weiß es von früheren Jahren her, wie er dann mit Schnee und Hagel und kaltem Wind angestoben kommt und den ersten vorwitzigen Blumen die zarten Hälse umdreht. Aber er hat kurzen Atem und hält es nicht lange aus. Der junge Frühling ist ganz artig gegen ihn. Er macht es nicht wie so viele naseweise junge Leute, die grob und unmanierlich sind gegen die Alten.
Der liebe Herr Frühling tritt sachte zurück, wenn der zornige Winter daher poltert, und lässt ihn ruhig schimpfen. Dann kommt er leise lächelnd näher und streichelt den Alten mit seiner weichen, warmen Hand über den Rücken und summt ihm ein Liedchen ins Ohr. Es wird dem Winter so schwül, dass er den dicken Pelz lüften muss. Er brummt und knurrt dazu, aber er wird schon ruhiger. Bald kann er die buschigen Augen vor lauter Schlaf nicht mehr offenhalten, und die Knie werden ihm müde. Der Frühling fasst ihn unter die Arme, redet ihm zu und führt ihn beiseite in die dunkelste Höhle.
»Na, na«, sagte der alte Winter dann, »ich muss ein bisschen schlafen. Da, bewahre mir solange meine Krone.«
Und dann ist Herr Frühling König und regiert. So geht das.
Verdruss
Ich habe eine kleine Aufmunterung nötig. Es scheint nicht immer die Sonne, draußen nicht und im Menschenherzen auch nicht. Aufrichtig gesagt, bin ich die letzten Tage etwas trübselig geworden. Ich weiß nicht, ob mir eine Erkältung im Leibe steckt. Allerlei Verdrießlichkeiten habe ich auch gehabt.
So habe ich mich mit Frau Eule ganz überworfen, und sie ist ausgezogen aus meiner Waldklause. Das heißt, eigentlich habe ich sie hinausgeworfen. Es war aber auch zu arg mit ihr. Denkt euch, sie hat eins von meinen weißen Mäuslein aufgefressen mit Haut und Haar, und nun sind die anderen traurig und furchtsam und wollen nicht mehr Komödie spielen. Und dann wollte sie über mein Rotkehlchen her, das jeden Tag in meine Klause kommt und sich Brotkrümchen holt. Es wohnt draußen in einem Astloche über der Tür, denn in der Klause zu wohnen getraute es sich nicht aus Furcht vor Frau Eule. Sie wollte es auch richtig fangen, hat es aber nicht bekommen, denn der Zaunkönig schlug rechtzeitig Lärm. Da habe ich die böse Eule beim Schlafittich genommen und vor die Tür geworfen. Mag sie sehen, wo sie ein Unterkommen findet. Zum Abschied riss sie mir einen Fetzen Haut vom Daumen.
Der zweite Verdruss war noch ärger. Mir war es schon einige Male aufgefallen, dass meine Vorratskammer neben dem Herd sich so schnell leerte. Es war gerade, als wenn das Brot sich selbst verzehrte, und die Äpfel und Nüsse schmolzen wie Schnee in der Sonne. Nur die Kartoffeln hielten sich. Die süßen gelben Möhren aber schienen heimlich davonzulaufen.
Gestern habe ich eine genaue Untersuchung angestellt und ein Loch entdeckt in der Wand meiner Klause. Aha, dachte ich, da geht der Dieb ein und aus! Ich hing eine Schlinge vor das Loch, und als es eben dunkel geworden war, hörte ich es quäken und schreien. Ein fetter Hamster saß in der Schlinge. Ich war so böse, dass ich ihn erst totschlagen wollte, aber ich brachte es nicht übers Herz. Da hättet ihr hören sollen, wie er bat und bettelte! Er sagte, er hätte bloß nachsehen wollen, ob meine Äpfel auch faul würden. Da habe ich ihm eine strenge Strafpredigt gehalten.
»Du bist ein Dieb und Lügner«, habe ich ihm gesagt, »und es ist ganz in der Ordnung, dass die Menschen das Wort ›Hamster‹ als Schimpfwort gebrauchen. Schämst du dich nicht, einem armen Waldbruder das Wenige zu stehlen? Du bist viel fetter als ich und hast deinen Bau sicher ganz voll von guten Sachen.«
Er sagte, er wolle mir alles wiederbringen, und weinte dicke Tränen. Ich glaubte nicht, dass seine Reue ganz echt war, aber ich habe ihn doch mit einem tüchtigen Klaps laufenlassen. Er war sehr eilig und guckte sich gar nicht mehr um. Das Loch habe ich zugemacht. Seht, so hat man auch im Walde allerlei Ärger, und Frau Elster hat mir prophezeit, ich würde noch mehr Verdruss haben. Nun, ein bisschen Kreuz gehört zum Leben, denn wenn es uns immer gut geht, dann werden wir mutwillig. Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Jetzt wollen wir erst ein Lied zusammen singen; es geht nach der Melodie »Ein Männlein steht im Walde« – also eins, zwei, drei – los!
Wenn dich die Grillen plagen!
So sing’ ein Lied!
Soll sehn, der dumme Ärger
Sich schnell verzieht.
Singen ist wie Medizin,
All die bösen Sorgen flieh‘n,
Und die graue Welt wird wieder grün.
So, das haben wir gut gemacht. Wenn ihr aus Sachsen kommt, liebe Kinder, dann reimt es sich ganz gut; denn in Sachsen sagt man statt »grün« immer »grien«.
Jetzt will ich euch meine Schneeglöckchen zeigen, sie stehen in meinem Gärtchen in voller Blüte. Dass ihr sie mir aber nicht abpflückt! Des Abends, wenn es dunkel wird, läuten sie wunderfein, und ich kann so gut dabei einschlafen. Wisst ihr noch, warum das Schneeglöckchen so früh kommen darf und den kalten Schnee gar nicht zu fürchten braucht? Großmutter Märchen hat es mir erzählt. Also passt auf!
Als der liebe Gott alle Dinge erschaffen hat, da hat er zuletzt den Schnee gemacht, und da war ihm die Farbe ausgegangen. Es war kein Tröpflein mehr in allen Farbtöpfen.
Da sagte der liebe Gott: »Mein guter Schnee, ich habe keine Farbe mehr, du musst sie dir erbetteln bei den Blumen, denn die haben Überfluss.«
Der Schnee war sehr betrübt, denn es ist genierlich, wenn man keine Farbe hat; die Leute können einen gar nicht recht sehen und haben keinen Respekt vor einem. Da ging der Schnee zur Rose, denn er dachte, Purpur sei die allerschönste Farbe. Aber die Rose ist sehr vornehm; sie tat, als wenn sie seine Bitte gar nicht einmal hörte.
Da ging der Schnee zum Löwenzahn, denn das goldene Gelb gefiel ihm auch nicht übel. Der Löwenzahn ist ein grober Patron, er schrie: »Scher dich weg, von mir kriegst du nichts.«
Da ging der Schnee zum Veilchen und bettelte: »Gib mir doch etwas blaue Farbe!« »Ich täte es ja gern«, sagte das Veilchen, »aber ich habe so wenig; sieh, mein Kleidchen ist kurz, ich kann nichts abgeben.«
Da wurde der arme Schnee so traurig, dass er anfangen wollte zu weinen. Aber es fiel ihm zur rechten Zeit ein, dass er dann leicht schmelzen könnte. Darum ließ er das Weinen sein und seufzte bloß aus Herzensgrund.
»Wer seufzt da so erbärmlich?«, fragte das Schneeglöckchen, das fein und zierlich auf dem Rasen stand in seinem weißen Hemdlein. »Ich höre etwas und sehe nichts. Was ist das?«
Da klagte der Schnee: »Ach, liebes Kind, ich bin der Schnee und habe noch gar keine Farbe. Alle Blumen haben mich abgewiesen. Aber warte, wenn ich sie erwische, dann sollen sie alle erfrieren.«
»Nun sei nicht gleich so böse«, sagte Schneeglöckchen, »meine Farbe ist nur ganz einfach weiß; aber wenn sie dir passt, will ich dir gern etwas mitgeben.«
Seht, so ist der Schnee weiß geworden, und aus Dankbarkeit tut er dem Schneeglöckchen nichts zuleide.
In der
Waldklause
Erlebnisse des Waldbruders im ersten Jahre
Frühling
Drei Gedichte
Veilchenjagd
Wallfahrt
Das Geheimnis des Osterhasen
Aprilscherze
Der Wettlauf
Wahltag
Maifest
Maiandacht
Das arme Bienchen
Frau Nachtigall
Königin Aschenputtel
Prinz Asche und Prinzessin Puttel
Frühling
Ei, was fällt dem Bächlein ein?
Spring so wild von Stein zu Stein,
Freut sich, dass der Schnee zerronnen,
Und die Blumenkinder – schau!
Weiß und gelb und rot und blau,
Wie sie stillvergnügt sich sonnen!
Vögel pfeifen froh vom Tanz,
Schlagen Takt mit ihrem Schwanz.
Alles schwimmt in Maienwonnen,
Und es tanzen Halm und Strauch,
Bruder, das ist Frühlingsbrauch,
Schürz‘ den Rock und tanze auch!
Herr Frühling fegt den Schnee hinaus
Und pflückt sich einen Blumenstrauß.
Wenn linde Maienlüfte wehen,
Dann lässt sich gut spazieren gehen.
Im Frühling, wenn es blüht und mait,
Juchhei, das ist wohl schöne Zeit!
Der Himmel blau, die Erde grün,
Waldbruders Herz will auch noch blühn.
Veilchenjagd
Nun sieh einer an! Da kommen die braven Kinder singend heranmarschiert! Die Knaben tragen grüne Zweiglein an der Mütze, die Mädchen haben Kränze von weißen Anemonen und gelben Primeln im Haar. Das sieht allerliebst aus, aber werdet mir nur nicht eitel! Und noch eins! Reißt mir nicht mutwillig alle die lieben Blumen ab, das kann ich nicht leiden. Ein Kränzlein oder ein Sträußein lasse ich gelten, besonders wenn ihr das Sträußlein in Wasser stellt, dass eure Stube daheim hell und freundlich wird. Noch schöner finde ich es, wenn ihr ein Kränzlein vor das Kruzifixbild hängt, das draußen vor dem Walde am Wege steht. Das ist ein Gruß für den lieben Heiland und gilt so viel wie ein Gebet.
Nun setzt euch nieder! Die Sonne scheint heute so warm, dass wir ruhig im Freien vor meiner Klause sitzen dürfen. Setzt euch der Reihe nach auf den Fichtenstamm! Den hat der Sturm vor Wochen umgeworfen, und so hat der wüste Geselle für uns eine Bank besorgt.
Seht ihr, die Brombeeren haben schon grüne Blätter, und der Weißdorn auch, wenn sie auch noch klein sind. Und aus allen Gesträuchen schauen die Anemonen heraus mit ihren weißen Gesichtchen. Taubnesseln blühen auch schon, rote und weiße, und eine dicke Hummel brummelt vergnügt vor einer Blüte zur nächsten und leckt die süßen Schüsselchen aus. Hummeln sind rechte Leckertanten, sie wollen viel Zucker in ihrem Frühstückskaffee haben.
Draußen vor dem Walde hat die Feigwurz die Hecke vollgestreut mit Goldsternen, und drunten am Bache hat die Primel den ganzen Wiesenteppich mit Gold bestickt. Ich war noch nicht dort, aber Frau Amsel hat es gesagt, und sie ist eine ernste Person, man muss ihr Glauben schenken. Sie kann auch sehr lustig sein, obwohl sie immer ein schwarzes Kleid trägt. Neulich, als großer Ball war im Walde, hat sie tüchtig mitgetanzt, und dazu hatte sie den Schnabel ganz neu vergolden lassen.
Es gibt überhaupt so viel Gold auf der Welt, dass ich nicht begreife, warum die Menschen immer so klagen über Geldnot. Aber – was ich eigentlich sagen wollte – habt ihr auch schon ein Veilchen gefunden? Solange man noch kein Veilchen gefunden hat, weiß man gar nicht recht, ob es wirklich Frühling ist. Ich muss euch doch mal erzählen von meiner Veilchenjagd.
Es war mir schon einige Male so vorgekommen, als ob ich sie gerochen hätte. Wenn ich dann meiner Nase nachging, konnte ich nichts finden. Ich sagte mir: Du hast doch den Geruch nicht an dir selbst, denn ein alter Waldbruder riecht eher nach Knaster und dergleichen als nach Veilchen. Ich ging also los und ließ mein Stummelpfeifchen eigens zu Hause, um schärfer riechen zu können. Erst wandte ich mich an den Junker Waldmeister, denn ich hatte von der Frau Elster gehört, dass er nach dem Veilchen freit. Frau Elster weiß alles, was zehn Stunden in der Runde passiert, und plaudert alles aus. Junker Waldmeister stand zierlich in seinem grünen Jägerröckchen am Wege, das Hütchen keck auf einem Ohre. Wirklich ein nettes Bürschlein!
»Lieber Junker«, sagte ich artig, »ist Eure Jungfer Braut schon angekommen?«
Aber die Junker sind mitunter ungnädig. Er drehte sein Schnurrbärtchen und schnarrte: »Macht, dass Ihr weiterkommt, Waldbruder! Ihr riecht nicht gut, entweder schnupft Ihr, oder Euer Tabak taugt nichts.«
»Mit Verlaub«, sagte ich, »wie steht es denn mit der Jungfer Braut?«
»Was für eine Braut?«, schnarrte er.
»Na«, sagte ich, »ich meine das liebe Veilchen.«
Da setzte er eine hochmütige Miene auf und erwiderte: »Ihr seid auf dem Holzwege, Waldbruder! Ich habe die besten Aussichten, dass die hochgeborene Prinzessin Rebenblüte vom Rhein mir ihre edle Hand reicht.«
»Dann wünsche ich viel Glück«, sagte ich und ging weiter.
So kam ich zum Schwarzdorn, der stand in voller Blüte. »Herr Schwarzdorn, Ihr macht aber Staat, dass einem fast die Augen vergehen«, sagte ich, um ihn gutzustimmen.
Er blähte sich auf und brummte: »Nicht wahr?«
Als ich aber nach dem Veilchen fragte, tat er ganz erstaunt: »Veilchen? Kenne ich nicht! Hat die so viele Blumen wie ich?«
Ich sagte: »Nein, bei Weitem nicht, aber es ist eine Person aus guter Familie …«
»Kenne ich nicht«, unterbrach er mich, und ich ging weiter.
Da lief mir ein Käferchen über den Weg. »Heda«, rief ich, »kleiner Mann, hast du das Veilchen gesehen oder vielleicht gerochen? Es riecht nämlich sehr schön.«
Der kleine Mann guckte mich verdrießlich an und knurrte: »Bin ich ein kleiner Mann, dann bist du ein großer, dicker, plumper Mensch, und für Düfte interessiere ich mich nicht. Mein Name ist Aaskäfer.« »Entschuldige, mein Freund«, sagte ich, »aber vielleicht hast du …«
Er ließ mich gar nicht aussprechen. »Nein«, sagte er, »ich habe nicht. Aber hast du nicht unterwegs eine tote Maus liegen sehen? Es riecht hier so lecker.«
»Pfui!«, sagte ich und ging weiter, er auch.
Da kam eine Meise vorbeigeflogen, Meisen sind sehr klug. »Frau Meise, einen Augenblick!«, rief ich sie freundlich an, »ich habe Euch im Winter eine Speckschwarte gegeben …«
»Wie? Wie? Speckschwarte? Wo?«, zwitscherte sie und kam näher.
»Sagt mal, wisst Ihr nicht, wo das Veilchen wohnt?«, fragte ich.
Da lachte sie: »Veilchen ist keine Speckschwarte, Ihr närrischer Waldbruder! Draußen an der Hecke vor dem Walde, an der Südseite – lebt wohl! Hab‘ keine Zeit! Ziwi!« Weg war sie.
Ich folgte der Weisung, und da habe ich das Veilchen gefunden. Der Duft verriet seine Anwesenheit, aber ich musste noch lange suchen, denn es versteckte sich unter den Blättern.
»Veilchen«, rief ich, »wo bist du?«
»Hier!«, kicherte ein Stimmchen.
»Wo? Ich sehe dich nicht!«
Da hörte ich wieder kichern: »Hier! Suche mich!«
Endlich fand ich es. Es lugte mit blauen Äuglein aus seinem Versteck, und in jedem Äuglein glomm ein goldenes Fünklein. Die ganze Luft war voll wie vom süßesten Weihrauch. Nun wusste ich sicher, dass es Frühling war, und ihr wisst es jetzt auch.
Wallfahrt
Im Walde ist ein lustiges Leben, aber dabei sind wir auch fromm. Die guten Tierlein können freilich nicht beten, sie dienen Gott auf ihre Weise, und der Herrgott ist mit ihnen zufrieden.
Von dem Waldbruder verlangt er etwas mehr, besonders in der heiligen Fastenzeit. In dieser muss jeder gute Christ frömmer sein und mehr tun zu Gottes Ehre als gewöhnlich. Darum hatte ich mir schon lange vorgenommen, eine kleine Wallfahrt zu machen zur Schmerzhaften Mutter Maria. Sie hat nämlich ein kleines Kapellchen, weit hinten im Walde, wo zwei Wege sich kreuzen. Es ist nur ein kleines, armseliges Kapellchen, und das Bild der Schmerzensmutter ist schon stark verblasst, aber man kann dort andächtig beten.
Erst wollte es mir gar nicht passen mit der Wallfahrt, weil ich Rheuma im linken Knie hatte und den weiten Weg nicht gut machen konnte. Da hat mir der Weidenhofbauer ein Katzenfell gegeben. Er hat nämlich seinen alten Kater totgeschossen, weil er ihm immer in den Taubenschlag kletterte, und das gute Fell von diesem bösen Kater hat mir mein Rheuma weggenommen.
So machte ich mich denn des Morgens früh auf den Weg, den Rosenkranz in der einen Hand und den dicken Kreuzdornstock in der anderen und das linke Knie mit dem warmen Katzenfell umwickelt. Kaum hatte ich meine Wallfahrt angetreten, da kam Jungfer Reh mir entgegen und fragte, ob sie mitgehen dürfe. Sie ist fromm von Natur und auch schweigsam, darum erlaubte ich es ihr gern. Als aber Frau Häsin sich zu uns gesellte, musst ich ihr erst eine ernste Vermahnung geben, denn sie ist schwatzhaft.
Meister Igel schloss sich auch an, und das war mir eine Beruhigung; er hält nämlich sehr auf Ordnung, und jedes Mal, wenn Frau Häsin anfangen wollte zu plappern, piekte er sie mit seinen Stacheln. Frau Amsel saß auf dem Nest, als wir vorbeikamen. »Wie gerne ginge ich mit!«, rief sie, »aber ich muss brüten. Ich will meinen Mann rufen, dem wird eine Wallfahrt guttun.« Aber Herr Amsel war ausgegangen. Wir waren schon weit, da hörten wir Frau Amsel immer noch rufen und schelten, ohne dass eine Antwort kam.
»Ja, diese Männer!«, seufzte Frau Häsin und fügte »Au! Au!« hinzu, denn Meister Igel hatte sie gepiekt. Unsere Prozession wurde immer größer, denn von allen Seiten schlossen sich die Tierlein und Vöglein an, Frau Eichhörnchen und das Rotkehlchen, Meister Maulwurf und zwei junge Frösche und viele andere. Auch die dicke Frau Hummel flog mit und spielte unterwegs die Orgel, sodass es recht feierlich wurde. Meister Grimbart, der Dachs, hatte keine Lust; er sagte, er fühle sich zu schwach von seinem strengen Fasten. Meister Specht war natürlich auch dabei und lachte ein paarmal in unpassender Weise.
Aber ich bin daran gewöhnt, und es stört mich weiter nicht. Ich betete einen Rosenkranz nach dem anderen, und die Tierlein zogen sittsam hinter mir her. So kamen wir zu dem Kapellchen, und da wurden die Tierlein mäuschenstill. Die liebe Schmerzensmutter saß so traurig da und hielt den blutigen Leichnam ihres Sohnes auf den Knien. Der Efeu, der an dem Gemäuer hochgekrochen war, zitterte vor Mitleid und weinte blanke Tränen.
Da erzählte ich den Tierlein von dem bitteren Leiden und Sterben des Heilandes, und sie sperrten Schnäuzlein und Schnäbelchen auf und horchten.
»Du bist ja dabei gewesen, gutes Rotkehlchen!«, sagte ich.
»Ach ja«, seufzte das Rotkehlchen, »ich wollte ihm die bösen Nägel aus den Händchen ziehen, aber es ging nicht. Seht, meine Brust ist noch ganz rot von Blut.«
Meister Igel richtete all seine Stacheln auf und brummte: »Dieser Judas! Das war ein böser Mann! Wenn ich den einmal tüchtig pieken könnte!«
»Waldbruder«, sagte Frau Eichhörnchen und wischte sich mit dem dicken Schweife die Tränen aus den Augen, »was ist denn aus den dreißig Silberlingen geworden, die Judas bekommen hatte?«
Ich dachte nach und sagte: »Er hat sie in den Tempel geworfen, und dann haben die Hohenpriester von dem Töpfer einen Acker dafür gekauft, den Blutacker, auf dem man die Selbstmörder begraben hat. Mehr weiß ich nicht, denn mehr steht nicht im Buche.«
»Ich weiß es ganz genau«, sagte eine Stimme. Sieh, da kam ein altes gebücktes Mütterlein herangehumpelt, das hinter dem Kapellchen gesessen hatte mit seinem Rosenkranz. Es war steinalt und ganz runzelig. »Wer seid Ihr denn Mütterlein?«, fragte ich.
Sie hockte sich auf die Betbank nieder und stützte sich mit zitternden Händen auf den Stock. »Ich heiße Legende«, sagte sie und lächelte freundlich, sodass man den einzigen Zahn sehen konnte, den sie noch hatte. »Hört zu, ich will euch von den dreißig Silberlingen erzählen.«
Nach einer kurzen Pause hob das Mütterlein Legende an zu erzählen. »Es war Blutgeld, und der Fluch Gottes ruhte auf diesen dreißig Silberlingen. Ihr wisst, Judas hat sich erhängt, und der Töpfer, der das Geld bekam, hat es ebenso gemacht. Er war ein böser, geiziger Mann und geriet in Verzweiflung, als ihm sein Geld gestohlen wurde. Die Diebe haben das Geld vertrunken in einem Wirtshause und sind dabei in Streit geraten, sodass einer erstochen wurde. Der Wirt hat viele Leute unglücklich gemacht, denn in seiner Schenke herrschte ein wüstes Leben. Seine Tochter hat sich für dreißig Silberlinge ein seidenes Kleid gekauft, und dann ist sie in die weite Welt gelaufen und verdorben. Der reiche Kaufmann, von dem sie das seidene Kleid gekauft hatte, war ein verschwenderischer Mann; er fiel in die Hände eines Wucherers und wurde ganz arm. Der Wucherer hatte das Geld ausgeliehen auf Wucherzinsen und eine arme Witwe damit unglücklich gemacht. Die arme Witwe hatte sich Brot dafür gekauft. So kam das Geld in die Hände eines Bäckers, der die Leute immer betrogen hatte mit viel zu kleinen Brötchen. Der Sohn des Bäckers, der die dreißig Silberlinge geerbt hatte, hat sie vergeudet, und nun sind sie in der ganzen Welt zerstreut. Wo sie hinkamen, haben sie das andere Geld angesteckt mit ihrem Fluche. Einige Stücke kamen in eine fromme Hand. Sie wurden eingeschmolzen für ein Weihrauchfass und dienen nun der Ehre Gottes, und der Fluch ist von ihnen genommen. Ein paar Stücke wurden als Almosen gegeben, sie sind durch die gute Tat gereinigt. Aber die anderen verbreiten immer noch Fluch, und kein Mensch, der Geld annimmt, weiß, ob nicht etwas von diesem Blutgelde dabei ist. Seht, das ist die Geschichte von den dreißig Silberlingen.«
Das Mütterlein schwieg, und die Tierlein horchten noch immer.
Da rief das Rotkehlchen: »Wie gut ist es doch, dass wir kein Geld brauchen! Es ist ein hässliches und unheimliches Ding!«
Und ich, liebe Kinder, freue mich auch, dass ein Waldbruder arm sein muss und kein Geld in seinem Sacke hat. Leider können die anderen Menschen es nicht so gut entbehren wie euer Waldbruder.
Das Geheimnis des Osterhasen
Als ich noch in der Welt war, liebe Kinder, habe ich mir oft den Kopf zerbrochen über das Geheimnis des Osterhasen. Ich konnte es nicht recht glauben, dass ein Hase Eier legen könne und dazu so schöne bunte. Jetzt, da ich im lieben Walde wohne und mit den lieben Tierlein so vertraut bin, wollte ich gern dahinterkommen und das Geheimnis ergründen. Zuerst wandte ich mich an die Frau Häsin, denn ihr traute ich das Eierlegen noch eher zu als dem Meister Lampe, ihrem Manne.
Eines Morgens, als sie gerade den Kohl in meinem Gärtchen besichtigte, ging ich zu ihr hinaus. »Guten Morgen, Frau Häsin«, sprach ich sie an, »hat Ihr gut geschlafen?«
Sie legte die langen Löffel auf den Rücken, wischte sich mit der Pfote durch die Augen und seufzte: »Ach, Waldbruder, ich kann es immer noch nicht vergessen, dass Reineke zu Fasnacht meine beiden Kinderchen abgemurkst hat. Wir haben ja eine zahlreiche Familie, und es wird schon wieder Nachwuchs kommen, aber diese beiden waren so allerliebst und auch so begabt. Das eine hieß Mümmelpeter und das andere Hoppelfritz. Die Klugheit hatten sie von dem Papa und die Schönheit von mir.«
Ich tröstete sie, so gut es ging, und kam dann auf die Ostereier zu sprechen.
»Damit habe ich nichts zu tun«, sagte sie kurz. Ich fragte, ob Meister Lampe, ihr Mann, vielleicht die Ostereier lege. Sie strich ihren Schnurrbart, denn beim Hasengeschlecht haben auch die Damen einen Schnurrbart, aber einen kleinen, feinen, der sehr niedlich aussieht.
»Dass er sie selbst legt, glaube ich nicht«, antwortete Frau Häsin, »im Übrigen ist das sein Geheimnis. Ich habe ihn einmal danach gefragt, und da hat er mir einen hinter die Löffel gehauen. Fragt ihn selbst, Waldbruder!«
Damit hoppelte sie in den Wald. Sie hatte ihre Schürze voll Kohl und wahrscheinlich ihr Bäuchlein auch. Ich hörte sie noch seufzen: »Ach, Mümmelpeterchen, ach, Hoppelfritzchen!« Und sie war verschwunden.
Meister Lampe wollte ich lieber gar nicht fragen. Ich suchte Frau Elster auf, die über alles Bescheid weiß, was im Walde passiert.
»Waldbruder«, plapperte sie in ihrer geschwätzigen Art, »er hat damit etwas zu tun, das ist sicher, aber ich kann ihm noch nicht hinter die Schliche kommen. Dass er die Ostereier selbst legt, glaube ich nie und nimmer. Dazu sind die Mannsleute viel zu dumm. Vielleicht stiehlt er sie. Was gebt Ihr mir, wenn ich es herausbringe?«
Ich versprach ihr ein Stück Speck.
»Gut«, sagte sie, »legt noch eine dicke Käserinde dazu, dann will ich’s versuchen.«
»Es gilt«, antwortete ich, und sie flog plappernd und schnatternd in den Wald.
Am anderen Morgen pickte sie an mein Fensterlein.
»Den Speck her, Waldbruder!«, rief sie, »ich weiß es jetzt.«
»Erst das Geheimnis«, sagte ich.
»Nein, erst den Speck«, und sie hackte gleich hinein.
»Er ist ein bisschen ranzig«, bemerkte sie, »und wo ist die Käserinde?«
»Nichts da, Frau Elster«, sagte ich. »Ihr wollt mich betrügen, Ihr wisst nichts.«
Da wippte sie feierlich mit dem langen Schwanz und flüsterte geheimnisvoll: »Nun, dann passt gut auf. In dem Wall hinter dem Waldteich ist ein großes Loch. Da hat Meister Lampe sein Lager. Es ist ganz voll von Ostereiern, und es sind richtige Eier, ich habe selbst eins probiert. Nun aber erst die Käserinde!«
Ich holte sie. Frau Elster griff danach und flog auf den nächsten Baum. »Holla«, rief ich, »wo kriegt er die Ostereier denn her?«
»Fragt ihn selbst«, lachte sie und flog weiter.
Frau Elster ist eine unzuverlässige Person, aber etwas wusste ich nun doch. Ich beschloss, selbst nachzuforschen, und ging in der Abenddämmerung zum Waldteich. Ich fand das Loch erst nach langem Suchen, denn es lag gut versteckt unter Farnkräutern. Verwundert schlug ich die Hände zusammen, denn da lagen wohl an die hundert Ostereier, schön bemalt in allen Farben, rot und gelb und blau. Gerade kam Frau Elster heran, um wieder eins zu probieren, aber ich trieb sie fort, so viel sie auch schimpfte. Dann versteckte ich mich hinter einem Wacholderstrauch und wartete. Nicht lange, da kam Meister Lampe leise herbeigehuscht. Er stutzte und schnüffelte herum.
»Da ist einer gewesen«, murmelte er, »na, wahrscheinlich ist der Waldbruder hier vorbeigetrampelt mit seinen plumpen Füßen.« Dann fing er an, die Eier zu zählen, und er war noch nicht damit fertig, als ein heller Schein durch den Wald flog. Meister Lampe setzte sich auf die Hinterfüße und machte ein artiges Männchen. Zwei wunderschöne, schneeweiße Engel kamen von oben durch die Wipfel und trugen einen großen Korb zwischen sich, der ganz voll war von bunten Ostereiern.
»Langsam«, rief der eine, »sonst fallen die Eier heraus.«
»Der Korb ist so schwer«, sagte der andere, »der Arm wird mir ganz lahm.«
Da lachte der erste: »Ach, Bruder, er ist doch lange nicht so schwer wie der große Stein, den wir damals vom Grabe weggewälzt haben.«
Ich merkte nun, dass es die beiden Osterengel waren, die bei der Auferstehung erschienen, und dachte, wo sie die Eier wohl herhätten.
»Meister Lampe«, rief der eine wieder, »jetzt hast du wohl bald genug. Mutter Annas Hühner legen ja fleißig, aber die heilige Martha hat Pech gehabt, sie hat so viele Hähne bei der letzten Brut gehabt.«
Meister Lampe verneigte sich artig und sagte: »Ein paar Dutzend muss ich doch noch haben, sonst komme ich nicht aus.«
Sie packten die bunten Eier aus. Dann sagte der zweite Engel: »Gut, wie bringen morgen noch einen Korb voll. Dann ist es genug. Wir haben schon seit acht Tagen keinen Eierkuchen mehr bekommen im Himmel. Die kleinen Engel wollen schon verdrießlich werden.«
Dann befahlen sie ihm, die Eier ganz vorsichtig wegzutragen und in den Gärten zu verstecken. »Aber bloß, wo artige Kinder sind. Bedenke wohl, wenn du keins zerbrichst, dann wird dich das ganze Jahr kein Jäger treffen mit seinem Mordgewehr.«
Husch, weg waren sie mit dem leeren Korb. Meister Lampe bog vorsichtig das Farnkraut über die Höhle und hoppelte nach Hause. Nun wusste ich Bescheid, und ihr wisst es auch, aber sagt es nicht weiter. Sonst bin ich euch böse, ich, euer Waldbruder.
Aprilscherze
Schnell herein, schnell herein in meine Klause! Da kommt schon wieder ein Schauer. April tut, was er will. Er ist ein wetterwendischer Herr. Hört ihr? Nun prasseln die Graupeln ans Fensterchen, dass es nur so klirrt, und man könnte meinen, der gestrenge Herr Winter habe das Regiment wieder genommen. Aber es ist nicht so. Herr Winter ist abgereist zum Nordpol, wo er sein Sommerschloss stehen hat, ganz aus blankem Eise erbaut. Dort fährt er auf dem Schnee spazieren, und zwei zottige Eisbären ziehen den Schlitten. Ich glaube aber, der junge Frühling ist ein wenig eingeschlafen, und nun treibt der April einen Schabernack.
Vielleicht hat der Frühling auch sein Pläsier an diesen Neckereien, der April ist nämlich ein Hofnarr. Ich weiß es sicher, denn ich bin ihm neulich begegnet. Er trug ein weißrotgestreiftes Kleid und eine Narrenkappe mit Schellen daran. Mit dem einen Auge weinte er, und mit dem anderen schaute er spitzbübisch blinzelnd in die Welt.
Ich war gerade aufgestanden und schaute gähnend durchs Fensterlein in den frischen Morgen. Es war mir noch etwas steif in den Gliedern, und ich musste niesen.
»Gesundheit!«, rief es draußen, und als ich um die Ecke schaute, da stand der närrische April da in seiner ganzen Fastnachtsherrlichkeit. »Danke schön!«, sagte ich höflich und nahm eine Prise und bot ihm auch eine an, denn auch ein alter Waldbruder zeigt noch gern, dass er Lebensart hat. Der April griff mit spitzen Fingern zu und schnupfte – und Hussa! Er nieste, dass die dunkle Wolke, die gerade über meiner Waldklause stand, kopfüber hinter die Bäume purzelte und der ganze blaue Himmel lachte.
»Starker Tabak, Waldbruder«, sagte der April, »so recht etwas für unsereinen. Wollt Ihr nicht ein bisschen spazieren gehen? Die Sonne scheint so prächtig, Ihr könnt den Mantel zu Hause lassen.« Dann machte er noch ein freundliches Kompliment und verschwand. Ich machte mich also auf den Weg. Aber ich war noch keine hundert Schritte gegangen, da prasselte mir ein kalter Regen um die Ohren, dass mir Hören und Sehen verging.
»Liebe Tante Tanne«, rief ich, »sei so gut und nimm mich unter deinen grünen Regenschirm!«
»Komm her, komm her!«, sagte die gute Tante und spannte so eilig ihren Schirm auf, dass sie mir mit den spitzen Nadeln fast die Augen ausstach.
Ich kauerte mich nieder, so gut es ging, und ehe ich mich versah, hatte ich einer Spitzmaus auf das Schwänzlein getreten. Es war mir sehr peinlich, denn Spitzmäuse sind feine Damen; sie sind nahe verwandt mit den Haselmäusen, und die sind schon vom Adel.
»Bitte sehr, mein Herr!«, piepte die Spitzmaus in aller Entrüstung.
»Exkusez, Madame«, sagte ich, so fein und zierlich, wie ich es nur herausbringen konnte.
Als sie hörte, dass ich Französisch sprach, wurde sie gnädig gestimmt und knüpfte ein gebildetes Gespräch mit mir an über die neueste Literatur. Sie schwärmte für den Dichter Waldemar Bonsels und fand ihn »himmlisch süß«.
»Er ist dem steifen Goethe bedeutend überlegen«, piepte sie. Es wurde mir etwas unbehaglich, und ich freute mich, als ein kleiner Sonnenstrahl hereintanzte und lachte wie ein Spitzbube.
»Das grelle Licht verdirbt die zarte Hautfarbe«, sagte die Spitzmaus und zog sich zurück.
Ich ging meiner Wege. Da stand der bunte Geck, der April, in den triefenden Sträuchern und lachte: »Wünsche, wohl geruht zu haben!«

»Du Schelm!«, drohte ich um und wandte ihm den Rücken. Da blies er mir mit vollen Backen einen Wind nach, dass meine Kutte sich aufblähte wie ein Ballon. Auf ein Haar wäre ich über alle Bäume geflogen. Für den Spott brauchte ich nicht zu sorgen.
Der rote Fuchs grinste über den Wall und schrie: »Waldbruder, was kommt Euch an? Wollt Ihr das Fliegen lernen?«
Im Augenblick war es wieder ruhig in der Luft, und Frau Sonne guckte durch ein Wolkenloch mit ihrem breiten Gesichte. Es wurde mir warm auf dem Rücken, und ich dachte: Es ist doch gut, dass ich den Mantel zu Hause gelassen habe!
Da – was war das? Prrrr – klirrte es mir um die Ohren, dass ich meine Kapuze nicht schnell genug hochziehen konnte. Ein Hagelschauer prasselte nieder, und die Eiskörnlein hüpften und sprangen um mich herum und riefen: »Fang mich! Fang mich!«
Ich stellte mich hinter einen dicken Eichenstamm und schnaufte vor Ärger.
»Na, na, was machst du da?«, kam eine tiefe Stimme von oben aus dem Wipfel. Ich schaute herauf. Wahrhaftig, da saß Großvater Rabe auf einem kahlen Ast und plusterte sich. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen.
»Großvater«, rief ich erfreut, »lebst du noch? Wie bist du durch den Winter gekommen?«
»Recht und schlecht«, krächzte er und kraute sich mit einem Bein den ruppigen Kopf. »Wenn du einen alten Schinkenknochen hast, woran noch ein Happen Fleisch sitzt, dann wirf ihn mir heraus. Ich habe Hunger.«
»Soll geschehen, Großvater«, sagte ich und wollte fragen, wie es denn der Großmutter ginge. Da reckte er die Flügel, rief »Rab! Rab!« und flog weg.
Sieh, da war wieder das schöne Wetter. Man hätte schwören mögen, es sei Maitag. Richtig fing auch der Zaunkönig an zu singen: »Alles neu macht der Mai«, und ich wandelte weiter. O weh, ich ließ mich verleiten und ging zu weit. Im Handumdrehen fing es wieder an zu regnen, und ich wurde so gründlich durchgeweicht, dass ich spornstreichs zu meiner Klause zurücklief. Ich dachte: Das gibt einen fürchterlichen Schnupfen, und zündete ein Feuer an, um mich zu trocknen. Meine Kutte dampfte wie ein siedender Kessel.
Da klopft es an mein Fensterlein. Ich schaue auf und sehe den bunten Narren April draußen stehen im hellen Sonnenschein.
Er schüttelte die Narrenkappe, dass die Schellen klingelten, und rief: »Waldbruder, wollt Ihr nicht spazieren gehen? Die Sonne scheint prächtig.«
Ich habe ihm eine lange Nase gemacht, und da lachte er laut auf. So treibt der April seinen Schabernack mit eurem Waldbruder.
Der Wettlauf
Es ist unglaublich, was hier im Walde alles passiert! Als ich noch in der Welt war, da meinte ich, wichtige Dinge passierten nur in der Welt bei den Menschen; der Wald sei bloß Wald, ein grünes Einerlei, und dort sei weiter nichts los. Das weiß ich jetzt besser. Die Menschen treiben immer dasselbe, und es ist durchweg gar nicht schön, was sie treiben. Hier im Walde ist alles jeden Tag wieder neu, so frisch, als wenn es gerade aus Gottes Hand käme.
Ihr denkt vielleicht, das Marienkäferchen dort auf dem breiten Bärenklaublatt sei eben bloß ein Marienkäferchen, wie es Hunderte gibt, und weiter nichts. Höchstens, dass es elf schwarze Punkte auf seinem roten Panzer hat und andere bloß neun oder sieben. Ihr irrt euch. Dies Marienkäferchen hat schon eine ganze Geschichte erlebt, und wenn es erzählen wollte, würdet ihr euch wundern. Und der liebe Gott hat dies eine Marienkäferchen immer im Auge gehabt und hat seine Freude an dem schmucken Ding, so gut wie wir.
Darum habe ich mir auch hinterher Gedanken gemacht über die alte Frau Eule, die ich im Winter hinausgeworfen habe aus meiner Klause. Wisst ihr noch? Sie hatte eins von meinen weißen Mäuslein gefressen. Die Mäuslein haben sich vermehrt, es ist ein ganzes Dutzend, und sie können jetzt schon Komödien spielen, worin viel Volk vorkommt. Frau Eule lebt auch noch. Sie hat einen hohlen Weidenstumpf gefunden, und es geht ihr gut. Sie ist ziemlich fett geworden.
Als ich neulich bei ihr anklopfte, war sie zuerst sehr ungnädig und knappte stark mit dem krummen Schnabel. Sie ließ mich auch einige unhöfliche Redensarten hören. Wir sind aber als gute Freude voneinander geschieden, und sie will mich nächstens besuchen. Der alte Weidenstumpf ist wackelig, und ich glaube, bei den nächsten Herbststürmen fällt er um. Dann nimmt Frau Eule vielleicht wieder Wohnung in meiner Waldklause. Es wäre mir nicht unlieb, denn sie ist sehr gelehrt und hat viele Bücher durchstudiert. Ich fürchte auch, dass die Mäuse bei mir sonst überhand nehmen, besonders die gewöhnlichen grauen. Aber das liegt noch in ferner Zukunft. Heute muss ich euch von dem großen Wettrennen erzählen, dem ich neulich beigewohnt habe.
Es war ein schöner und sonniger Nachmittag, und ich hatte einen weiten Gang gemacht bis zu der großen Wiese im Walde. Da sah ich zwei langbeinige Herren am Graben stehen. Wahrhaftig, es war Herr Storch und sein vornehmer Vetter, Herr Reiher. Sie schienen Streit zu haben, denn Herr Storch klapperte gewaltig mit dem Schnabel, und Herr Reiher sträubte unwillig die schönen Federn in seinem Schopfe.
Ich begrüßte sie mit aller Artigkeit und fragte, ob sie von der langen Reise zurück seine und wie es drüben in Ägypten aussehe, ob die Pyramiden noch aufrecht ständen und was die Krokodile machten im Nil.
Sie gaben mir keine Antwort. Dann wandte Herr Storch sich gravitätisch um und fragte mich: »Sagt, Waldbruder, Ihr habt ein gutes Augenmaß, wer von uns hat die längeren Beine, der da oder ich?«
Ich wollte schon sagen, dass ich selbst die längsten Beine hätte, aber die beiden Herren verstehen so recht keinen Scherz. Die Frage war heikel. Da fiel mir ein Ausweg ein.
»Meine edlen Herren«, sagte ich, »die Frage lässt sich am besten ausmachen durch ein Wettrennen, denn wer die längsten Beine hat, wird gewinnen.«
»Sehr gut!«, rief Herr Reiher und schlug mit den Flügeln, »fangen wir gleich an. Diese Wiese ist lang, eine sehr gute Bahn.«
Ich machte den Vorschlag, dass eine so wichtige Sache mit der gehörigen Feierlichkeit vor sich gehen müsse, und man gestattete mir, die nötigen Vorkehrungen zu treffen.
Den Meister Specht, der gerade vorbeiflog, rief ich an und bat ihn, das ganze Getier und Gevögel des Waldes zusammenzutrommeln zu dem bevorstehenden Wettlaufe. Er lachte laut auf vor Vergnügen und trommelte dann tüchtig auf dem nächsten dürren Aste. Der Häher half als Ausrufer, und bald wimmelte die Wiese von Tieren und Vögeln.
Das war ein Schwirren und Zwitschern, ein Plappern und Pfeifen, ein Knurren und Murren und Fauchen, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Nun ging es los.
Ich zählte bis drei, und die beiden Langbeine schossen über die die Wiese, die langen Hälse vorgestreckt, die Flügel ausgebreitet. In unglaublich weiten Sprüngen hopsten sie daher, und die kleinen Maßliebchen duckten sich tief ins Gras. Aber wer war nun der erste gewesen? Ein Frosch guckte aus dem Graben und quakte: »Der Storch, der Storch hat …« gesiegt, wollte er sagen. Wupp – hatte der Reiher ihn heruntergeschluckt. Ich freute mich, dass ich kein Frosch war. Wenn man ein Frosch ist, muss man bei solcher Gelegenheit hübsch unter Wasser bleiben. Eine Maus guckte aus dem Erdloche und piepte: »Der Reiher, der Reiher hat …« – gesiegt, wollte sie sagen. Wupp – hatte der Storch sie heruntergeschluckt.
Ich freute, dass ich keine Maus war. Wenn man eine Maus ist, muss man hübsch im Loche bleiben.
Die Sache war unentschieden, es wurde ein zweiter Wettlauf gemacht. Diesmal liefen sie noch viel schneller als das erste Mal. Ich konnte gar nicht folgen mit den Augen. Wer war den jetzt der erste gewesen?
Ein Maulwurf quäkte: »Ich glaube …« Weiter kam er nicht. Storch und Reiher fielen beide über ihn her; wer ihn heruntergeschluckt hat, weiß ich nicht. Aber fort war er.
Da trat der Igel auf. Seitdem er mit seiner Frau den Hasen besiegt hat im Wettlaufe, gilt er als erster Sachverständiger auf allen Rennplätzen. Also der Igel trat auf und bat um Ruhe und Aufmerksamkeit. Dann hielt er einen langen Vortrag von dem rechten Anlaufe und Fortlaufe und Auslaufe und wurde so langweilig, dass die ganze Gesellschaft sich auflöste und nach Hause ging.
Storch und Reiher gaben sich einen Schnabelhieb und flogen weg. Nun kann ich euch nicht berichten, wer die längsten Beine hat. Ich glaube aber, die längsten hat euer Waldbruder.
Wahltag
Ihr wisst wohl, wenn ein Wahltag ist, dann machen sich die Leute viel Arbeit und kommen sich sehr wichtig vor. Sie drängen sich zum Wahllokale und geben ihre Stimmzettel ab, und manche benutzen die Gelegenheit und gönnen sich ein Glas Bier und führen dabei sehr kluge Reden. Ich will übrigens auch gar nicht bestreiten, dass es wichtig ist. Die Reden meine ich nicht und das Glas Bier auch nicht, sondern das Wählen.
Die Menschen müssen sich aber nicht einbilden, dass sie allein das Wahlgeschäft verständen. Die Tiere haben den Löwen zum König gewählt und die Blumen die Rose zur Königin. Die Vögel aber haben sogar zwei gewählt für die königliche Würde, den Adler wegen seines hohen Fluges und die Nachtigall als Sangeskönigin. Nun war ich bisher der Meinung, diese Sache sei ein für alle Mal erledigt, und ihr habt das auch wohl geglaubt. Aber das ist ein Irrtum, wenigstens soweit es die Blumen angeht.
Die Blumen haben vor Kurzem Wahltag gehabt, und durch einen glücklichen Zufall bin ich dahintergekommen. Am liebsten machen sie das für sich allein ab. Aber so ein Waldbruder, der überall herumspioniert, wird doch manches gewahr, wovon andere Leute gar keine Ahnung haben.
Es war mir in der letzten Zeit schon aufgefallen, dass die Blumen immer die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten und wisperten; wenn ich aber dazu kam, kniffen sie die Äuglein zusammen und schwiegen mäuschenstill.
Einmal ertappte ich den Aronstab bei einer lustigen Rede. Ihr kennt doch den Aronstab, der im Schatten wächst und eine grüne Hülle trägt mit einem Zipfel daran? Er sieht fast aus wie ein kleiner Waldbruder, bloß dass er etwas aufgeblasen ist. Er hatte seinen langen Hals hoch herausgestreckt aus seiner grünen Kutte und redet viel von »Prinzipien«, und die weißen Windröschen rundum hörten ihm andächtig zu. Als ich kam, zog er den Hals ein und schwieg.
Nun ging ich gestern Mittag etwas spazieren im warmen Sonnenschein und horchte vergnügt das schöne Lied der Frau Nachtigall. In Gedanken versunken kam ich auf die Waldwiese hinaus, und da traf ich eine große Blumenversammlung an der Hecke.
In der Hecke, im grünen Schatten, saßen die Waldblumen, vor der Hecke, im prallen Sonnenschein, die Wiesenblumen, und einige Feldblumen hatten sich auch herangeschlichen. Das war ein Geflimmer wie von Hunderten Regenbogen und ein Gesumm wie von einem Dutzend Bienenstöcken. Mitten unter den Blumen thronten drei schöne Feen in luftigen Schleiergewändern. Die in der Mitte erkannte ich an dem vielfarbigen, blumendurchwirkten Kleide, es war die Blumenfee Flora. Sie winkte mir gnädig zu und beruhigte die Versammlung, die bei meinem Erscheinen ganz aufgeregt geworden war.
»Waldbruder«, sagt sie mit ihrer süßen Stimme, »kommt heran! Wir haben Wahltag, und Ihr könnt Protokoll führen. Ich bin Wahlvorsteherin, und das sind meine beiden Beisitzerinnen, Jungfer Chlorophyllis und Frau Samenkapsel.«
Ich schaute mir die beiden an. Die Fee Chlorophyllis trug ein grünes Gewand; sie macht das Blattgrün, das die Pflanzen so nötig haben zum Leben und Gedeihen. Frau Samenkapsel war ein altes, vergnügtes Mütterchen und schaute mit roten Apfelbäckchen aus ihrer gestärkten Haube. Ihr Kleid war von silbergrauer Seide und knisterte bei jeder Bewegung.
Ich machte zuerst ein höfliches Kompliment, wie es sich gehört, und ließ mich dann auf einem Maulwurfshügel nieder. Zwei winzige braune Kerlchen sprangen zum Graben herunter, schöpften Wasser mit silbernen Eimerchen und wollten es mir auf die Füße gießen. Ich gehe barfuß und trage bloß Sandalen.
Die Fee Flora wehrte ihnen und sagte: »Lasst nur! Der Waldbruder braucht kein Wasser von unten, er hat ja keine Wurzeln. Das sind nämlich unsere Wurzelmännchen«, sagte sie dann zu mir, »die den Pflanzen das Wasser liefern.«
»Mit Verlaub, Eure blumenreiche Hoheit«, sagte ich höflich wie möglich, denn wenn es darauf ankommt, verstehe ich mich auch auf den Hofton, »darf ich fragen, was für eine Wahl denn im Gange ist? Reichstag oder Landtag oder …«, da unterbrach mich ein hundertstimmiges Gelächter.
Der gelbe Löwenzahn brüllte ordentlich vor Vergnügen. »Ruhe!«, rief Flor, und als der Löwenzahn etwas von »Dummkopf« sagte, bekam er einen Ordnungsruf.
»Wir wählen die Blumenkönigin«, belehrte mich die gute Fee.
»Ist das denn nicht, Frau Rose?«, fragte ich harmlos. Da hättet ihr den Lärm hören sollen.
»Die ist bloß von den Menschen gewählt. Die gilt bloß im Garten. Die Aristokratin, wir sind Demokraten, und unsere Königin soll die erste Demokratin sein.«
So ging das durcheinander, und die Fee Flora musste tüchtig läuten mit weißen und blauen Glöckchen, bis die Ruhe wiederhergestellt war.
Ich bat um Entschuldigung und beschloss, ganz still zu schweigen und mich auf das Protokoll zu beschränken. Die Wurzelmännchen hatten ein Huflattichblatt gereicht und eine Binse; sie hielten mir ihre Eimerchen hin, dass ich fleißig eintunken konnte.
»Wir fahren in den Verhandlungen fort«, sagte Flora, »wer wünscht das Wort?«
Der Führer der gelben Partei, Herr Löwenzahn, hielt eine glänzende Rede. Er sprach mit so einem Kraftaufwande, dass er schwitze, und sagte viel Schönes von der gelben Sonne und dem gelben Golde und schlug vor, Frau Himmelsschlüssel als Königin zu wählen. Seine Rede machte tiefen Eindruck.
Da erhob sich der Führer der blauen Partei, Herr Ehrenpreis, und redete fast noch schöner vom blauen Himmel, indem er empfahl, entweder der Kornblume oder der blauen Glockenblume die Krone zu geben. Auch er fand Beifall.
Dann kamen die Roten an die Reihe und verlangten die Königswürde stürmisch für die rote Orchidee, denn das sei eine ganz vornehme Blume.
Da erhoben sich viele Zwischenrufe: »Was soll uns das Vornehme? Die Orchidee heißt eigentlich Knabenkraut. Knaben sollen nicht herrschen. Übrigens riecht sie unangenehm, ja, sie stinkt sogar ein bisschen.« Frau Orchidee in ihrem roten Samtkleide drehte sich auf dem Absatz um und ging stolz davon.
Nun trat eine ganz neue Partei auf, die Partei der Duftspender, vertreten durch Junker Waldmeister. Er hatte ein sehr aristokratisches Benehmen und näselte ein bisschen.
»Aller Pöbel riecht schlecht«, sagte er, »und der gute Geruch ist doch schließlich die Hauptsache. Wer möchte sonst neben dem Thron stehen?«
Hier wurde er unterbrochen. »Arroganter Kerl!«, schrie Herr Löwenzahn, der sehr böse war, weil er gar nicht duften konnte, »hast ja bloß so kleine weiße Blümchen …«
»Weiß ist die nobelste Farbe«, näselte Junker Waldmeister, »sie fasst alle Farben in sich zusammen …«
»Schluss! Schluss!«, schrie das ganze Blumenvolk, und Fee Flora läutete gewaltig.
Als es endlich ruhig geworden war, sagte Flora: »Ich mache einen Vorschlag zur Güte. Nehmen wir eine Blume, die ganz bescheiden ist und zeitgleich eine schöne Farbe hat und einen süßen Duft. Komm, mein kleines Veilchen! Warum versteckst du dich?«
Das kleine Veilchen war sehr erschrocken und kroch noch tiefer unter die Blätter, alles klatsche Beifall und rief: »Ja, ja, das Veilchen soll Königin sein! Hoch das Veilchen!«
Maifest
Zuerst singen wir nun das schöne Lied »Der Mai ist gekommen«. Es lautet ein bisschen gefährlich, wenn es weiter heißt: »Die Bäume schlagen aus«, denn man denkt unwillkürlich an mutwillige Pferde. Noch gefährlicher lautet die Redensart: »Das Gras fängt an zu schießen«. Man sollte meinen, die halbe Welt würde totgeschossen, aber so schlimm ist es nicht. Also nun singen wir – eins, zwei, drei!
So, das war schön. Nun kommt mit mir! Wir setzen uns an den Waldsaum so recht mitten in die Maiensonne. Die Mädchen können Kränzlein flechten, es gibt Maßliebchen genug. Die Knaben schnitzen Weidenflöten; mich soll wundern, wer die erste fertig hat. Und ich erzähle euch von dem großen Feste, das wir in den ersten Tagen des Mai gefeiert haben. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie lustig es gewesen ist.
Die Nacht vor dem ersten Mai war es etwas unheimlich gewesen. Ihr wisst, in der Walpurgisnacht fliegen die Hexen auf Besenstielen zum Blocksberg. Das ist ein mächtiger Berg im Harz; ich bin selbst oben gewesen, aber nicht in der Walpurgisnacht. Da habe ich mit eigenen Augen die Teufelskanzel gesehen, wo der Gottseibeiuns thront, während die Hexen vor ihm tanzen. Frau Eule hatte große Lust hinzureisen. Ich habe ihr aber ins Gewissen geredet und gesagt, sie dürfe niemals wieder in meine Klause kommen. Da ist sie zu Hause geblieben.
Sie hat mir nachher erzählt, ihre beiden Nachbarinnen, die beiden Fledermäuse, seien hingeflogen zum Blocksberge, und da habe der Teufel die eine gebraten und aufgegessen. Die andere ist zurückgekommen und geht jetzt in tiefer Trauer. Aber ich wollte euch von unserem Maifest erzählen.
Ich wurde früh morgens wach von einem durchdringenden Gebimmel und wusste gar nicht, was es zu bedeuten habe. Ich dachte: Ist denn heute Sonntag, dass die Glocken so hell läuten?
Der Specht flog gerade vorbei und gab mir Bescheid: »Maiglöckchen läutet das Maifest ein. Aber ich habe keine Zeit, ich bin Kapellmeister und muss noch schnell eine Generalprobe abhalten.« Er lachte, dass es durch den Wald gellte, und flog weiter.
»Ei«, dachte ich, »wo mag das Fest wohl sein? Und ob ich auch wohl hingehen darf?«
Da kam der Kuckuck und rief mich an. Der Kuckuck ist mein guter Freund und nebenbei mein Küster, wenn ich mal Waldgottesdienst halte. Er antwortet immer so prompt bei der Litanei, und keine ist ihm zu lang.
»Waldbruder«, rief der Kuckuck, »Ihr seid zu unserem Feste geladen auf der großen Waldwiese, Ihr wisst ja, wo. Und kommt nicht zu spät, es fängt gleich an.«
Weg war er. Ich wollte noch fragen, ob man in Frack und Zylinder kommen müsse, ich hätte weder das eine noch das andere. Ach, dachte ich, bei einem alten Waldbruder nimmt man es nicht so genau. Ich steckte mir einen grünen Tannenzweig an die Kapuze und stiefelte los zur Waldwiese. Die liegt ganz versteckt mitten im tiefen Walde, wo rundherum die dicken Eichen stehen.
Das Fest war in vollem Gange, als ich kam. Schon von Weitem hörte ich die Musik. Das hättet ihr sehen sollen, dies Gewimmel und Durcheinander, bunt wie der Regenbogen! Alles sang und tanzte, fiedelte und pfiff und sprang und hüpfte und hopste, Tierlein und Vöglein und Blümlein. Auch die Insekten taten wacker mit, und die dicken Hummeln, die sonst behäbig sind, waren wie verrückt. Am tollsten trieben es die Schmetterlinge, es ging immer im Zickzack mit ihnen. Ich blieb stehen und sah mir zuerst mal die Musik an.
Meister Specht hämmerte den Takt. Die Grillen spielten Geige und fiedelten ohne Bogen, bloß mit den dünnen Beinchen. Frau Amsel führte die erste Flöte, und Fräulein Lerche schlug den Triangel, dass es klingelte und klirrte. Drei dicke Hummeln strichen den Brummbass, und zwei Unken machten seltsame Glockentöne. Dazu kam noch ein hundertstimmiger Gesang aus Vogelkehlen. Sogar Meister Grimbart, der Dachs, tat mit. Es war bloß ein Grunzen, aber es lautete sehr schön. Am Tanzen hatte er keine Freude, er ist zu fett und muss gleich schwitzen. Mir wirbelte der Kopf von all dem Getön und Gedudel.
Da klang es oben »Rab! Rab!« Richtig, Großvater Rabe saß auf dem höchsten Eichbaum und schmunzelte vergnügt herunter. »Großvater«, rief ich herauf, »sollen wir ein Tänzchen wagen?« »Mach dich nicht lächerlich«, krächzte er, »ich bedanke mich noch für den Schinkenknochen, den du mir gegeben hast. Es war freilich nicht mehr viel dran.«
Unterdessen hatte man mich bemerkt, und nun kam eine Abordnung, um mich feierlich in Empfang zu nehmen. Voran ging Küster Kuckuck. Der fromme Mann wackelte ein bisschen; ich glaube, er hatte zu viel von dem Maientau genippt, denn die Glockenblume immerfort kredenzte in schlanken blauen Kelchen. Ihm folgten zwei Vergissmeinnicht als Ehrenjungfern im himmelblauen Kleide. So wurde ich zum Throne geführt, wo der König und die Königin des Festes saßen, und das waren Prinz Waldmeister und Veilchen. Der eitle Fant hatte mir neulich etwas vorgefaselt von der Prinzessin Rebenblüte, aber ich ließ mir nichts merken. Das Veilchen saß wunderlieblich da, ganz verschämt unter seinem goldenen Krönlein.
Neben dem Throne, der mit Purpur ausgeschlagen war, stand für mich ein Sitz bereit. Es war nur ein alter Baumstumpf, aber er war breit und bequem, so recht passend für mich. Man hatte noch ein weiches Moospolster daraufgelegt. Ich ließ mich nieder und sah mir das Tanzen an.
Die Blumen hatten große Toilette gemacht und rochen wunderschön. Am meisten ergötzte mich der Maulwurf. Der plumpe Geselle tanzte mit der hochadeligen Haselmaus und benahm sich sehr täppisch. Er konnte die Sonne nicht gut vertragen und machte die Augen nur halb auf. So kam es denn, dass er drei Paare niedertanzte. Zuletzt bekam er Schläge, fing an zu schimpfen und zu fluchen und kroch in die Erde.
Nach dem Tanze wurde geschmaust und getrunken, lauter feine Sachen, Ameiseneier und Blütenstaub und Lindenhonig – was weiß ich! Ich brachte ein Hoch aus auf das Königspaar und bekam selbst auch ein Hoch, das mein Küster Kuckuck ausbrachte. Er war wieder ganz nüchtern.
Nach dem Essen bin ich etwas eingenickt. Die Wahrheit zu sagen, ich war ein wenig benebelt und weiß nicht mehr, was später noch kam. Sagt es aber nicht weiter, sonst lacht man über euren Waldbruder.
Maiandacht
Ich glaube, ihr habt geplaudert! Ich hatte euch von unserm Maifest erzählt, und nun kommt gestern ein langer Mahnbrief, des Inhaltes, dass ich ein ernstes Leben führen müsste, wie es sich für einen Waldbruder gehöre. Ich solle wie Johannes der Täufer von Heuschrecken und wildem Honig leben und die sonderbaren Zaubertränke meiden, die wahrscheinlich berauschender Art seien. Aber Heuschrecken gibt es hier nicht, und wenn es welche gäbe, so möchte ich sie nicht. Sie sind mir zu knusprig. Das bisschen Honig aber, das Frau Hummel mir zuweilen spendiert, kann mein Leben nicht fristen. Und was die Maientautränklein betrifft, so sind sie ganz unschuldig und machen kein Kopfweh. Man muss übrigens nicht glauben, dass wir alle Tage Feste feiern und tanzen. Maifest gibt es nur einmal im Jahre.
Damit ihr nun sehet, dass wir auch fromme Leute sind, will ich euch heute von unserer Maiandacht erzählen. Das könnt ihr dann ruhig weitererzählen, damit wir die Leute draußen erbauen. Sie haben es nötig. Nun muss ich allerdings sagen, dass der Gedanke, eine feierliche Maiandacht zu halten, nicht von mir ausgegangen ist. Ist bete meine Sache gewöhnlich allein. Das fromme Reh ist auf den Gedanken gekommen. Eines Abends in der Dämmerung klopfte es bescheiden an meine Klause. Als ich hinausschaute – ich schaue lieber hinaus und rufe nicht gleich herein, seitdem mir der Igel einmal gekommen ist und sich so breit bei mir gemacht hat, dass ich mich immer an seinen Stacheln stieß –, also, als ich hinausschaute, stand Jungfer Reh draußen. Sie machte einen schönen Kratzfuß, schaute mich mit den braunen Augen an und sagte, sie hätte ein Anliegen.
»Mit Vergnügen«, sagte ich, »nur heraus damit!«
Ich sollte ihnen doch einmal eine schöne Maiandacht halten, meinte sie. Zum ersten Mai sei ich ja zu spät gekommen, jetzt möchten sie noch einmal die liebe Gottesmutter grüßen und ehren und dabei solle ich ihnen helfen. Die Frömmigkeit sei auch etwas lau geworden, und hie und da zeige sich heidnisches Wesen. Vielleicht würde sogar der arge Räuber, Reineke der Fuchs, sich bekehren; er triebe es arg und habe vor acht Tagen ein kleines Rehbrüderlein aufgefressen.
»Gegessen«, sagte das Reh, denn es drückt sich immer sehr anständig aus. Ich schämte mich etwas, dass ich in dieser Weise angemahnt werden musste, und sagte ohne Weiteres zu.
Am nächsten Morgen berief ich meinen Küster Kuckuck, um mit ihm zu überlegen. Er schluckte rasch eine haarige Raupe herunter, die gerade im Schnabel hatte, und erklärte, er wolle sein Mögliches tun.
»Gleich heute Abend«, rief er voll Eifer, »kann es losgehen. Ich übernehme die Einladungen und will ihnen die Ohren so vollschreien, dass keiner fehlt. Wir kommen hier an der Klause zusammen und ziehen dann die Prozession zum Waldkapellchen, wo die liebe Mutter Gottes steht. Eine Prozession muss dabei sein, sonst ist es nichts. Für den Blumenschmuck muss die gute Fee Flora sorgen, die da hinten auf der Lichtung ihren Garten hat. Ich will gleich mit ihr sprechen.«
Ich konnte seine Vorschläge nur billigen, und er hob schon die Flügel.
Da drehte er noch einmal den Kopf und sagte: »Aber wir machen keinen künstlichen mehrstimmigen Gesang. Ich bin für den schlichten Choral.«
Er ist nämlich nicht besonders stark in der Musik. Ich sagte, es sei gut, und er flog ab.
Den Tag benutzte ich nun, um eine kräftige Bußpredigt zu studieren, die für Reineke bestimmt war. Ich will aber gleich sagen, dass die Predigt gar nicht gehalten worden ist, weil Reineke ausgeblieben ist. Er ist verstockt. Außerdem hätte die strenge Predigt auch nicht gut gepasst; ich halte sie ihm nächstens allein, sobald ich ihn erwische. Dann mache ich ihm gründlich die Hölle heiß.
Alles verlief in schöner Ordnung, und die Beteiligung war sehr stark. Bei der Prozession sagen wir die Litanei, ich und der Küster allein, die anderen können kein Latein. Der Kuckuck traf die Terz so rein und klar, dass es ordentlich ein Ohrenschmaus war. Alle drei Schritte machten wir eine Pause, Frau Schnecke konnte sonst nicht mitkommen. Zuletzt nahm Frau Eichhörnchen die Alte auf den Rücken, mitsamt ihrem Häuschen, und da ging es schneller. Nun hättet ihr einmal sehen sollen, wie wunderprächtig die gute Fee Flora das Waldkapellchen geschmückt hatte! Es war ein kleines Paradies, ja, ein Stückchen Himmel.
Dichte Gewinde von weißen Waldröslein lagen zu den Füßen der lieben Mutter Gottes, und rechts und links flammten große Büsche von roten Weidenröschen. Die Stufen waren bedeckt mit einem himmelblauen Teppich von lauter Vergissmeinnicht, und alle Wände waren bunt von Blumen. Es sah aus, als wenn die Steine alle am Blühen wären. Und ein Duft war in der Luft, als wenn man allen Weihrauch Arabiens auf glühende Kohlen geschüttet hätte. Der Küster hatte auch sein Bestes getan. Er hatte zwei Dutzend lange Königskerzen aufgestellt. Die liebe Mutter Gottes lächelte liebreich inmitten der Pracht und nickte zuweilen der guten Fee Flora zu. Die kauerte neben dem Kapellchen und guckte um die Ecke. Nach vorn mochte sie nicht kommen, weil sie eine kleine Heidin ist, aber eine brave.
Nein, meine Bußpredigt hätte gar nicht gepasst, es war alles so lieblich und so freundlich. Aber ich habe sie mir eingesalzen, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Ich hielt eine Ansprache und musste mir immer die Augen wischen, damit mir die Tränen der Rührung nicht in den langen Bart rollten. Frau Schnecke weinte so sehr, dass sie den Schnupfen kriegte, und dabei hatte sie ihr Taschentuch vergessen. Dann haben wir gebetet und zuletzt gesungen, dass es nur so schallte durch den stillen Wald. Der Gesang wurde immer mehrstimmiger, und Küster Kuckuck machte schon ein verdrießliches Gesicht.
Zuletzt hat die liebe Mutter Gottes uns allen den Segen gegeben. Auch die gute Fee Flora hat ein bisschen davon mitbekommen. Ich glaube, ich werde sie nächstens noch taufen müssen. Es war ganz dunkel geworden, und zwei Glühwürmchen haben eurem Waldbruder mit ihren Laternchen heimgeleuchtet.
Das arme Bienchen
Gestern habe ich eine neue Freundschaft geschlossen, und zwar mit Fräulein Bienchen. Das ist eine vornehme Person, sie wohnt auf dem Weidenhofe in einem großen Bienenstocke und gehört zu dem berühmten Volke der Honigbienen, die eine großmächtige Königin haben. Ich habe ihr das Leben gerettet, von Rechts wegen müsste ich die Rettungsmedaille haben. Aber ich gebe nichts auf Orden; ich glaube, sie würden auch auf meiner groben Kutte gar nicht aussehen. Es kam so.
Ich saß am Waldbächlein mitten in dem blühenden Vergissmeinnicht. Meine Sandalen hatte ich ausgezogen und plätscherte vergnügt mit den Füßen im kühlen Wasser, was ich schon als kleiner Junge gern getan habe. Die Maiensonne schien mir warm auf den Rücken, und ich unterhielt mich gemütlich mit Herrn Krebs, der auf dem Ufersande saß. Erst hatte er Reißaus nehmen wollen, als ich kam, denn wir sind im Mai. Das ist einer von den Monaten ohne den Buchstaben r, und da stellen die Menschen den Krebsen nach, weil sie in diesen Monaten gut schmecken. Als er mich erkannte, blieb er ruhig sitzen und legte seine Scheren friedfertig zusammen.

»Guten Tag, Waldbruder«, sagte er, »Ihr seid zwar ein Mensch, aber doch kein Mörder wie die meisten Menschen. Die Menschen schimpfen immer auf die schlechte Welt, aber sie sind die Schlimmsten von allen und meinen, sie müssten alles auffressen.« Wir waren dann in ein gemütliches Gespräch gekommen, und er hatte mir viel erzählt von dem Leben und Treiben im Wasser. Frau Forelle sei eine sehr gefräßige Person, sagte er, aber Herr Fischotter sei noch viel schlimmer. Er habe vor einigen Tagen die Frau Krebsin aufgefressen, und er, der Herr Krebs, sei nun ein tiefbetrübter Witwer.
»Seht, Waldbruder«, schluchzte er und wühlte etwas aus dem Sande heraus, »das sind die Scheren meiner seligen Frau, das einzige, was von ihr noch übrig ist. Ach, sie war eine Seele von einer Frau und hat mich nie gekniffen, obwohl sie sehr kräftige Scheren hatte.«
Als ich ihm gerade mein Bedauern aussprechen wollte, ertönte ein schriller Hilfeschrei in feinen, durchdringenden Tönen. Ich sah ein Bienchen, das auf einem Stückchen Holz auf dem Wasser dahintrieb und vergebens die nassen Flügel reckte.
»Schnell, Herr Krebs«, rief ich, »schwimmt hinüber und rettet die Person.«
Er zwickte ein paarmal mit den Scheren und glotzt mit den vorstehenden Augen. »Geht mich nichts an«, murrte er dann, »sollte zu Hause bleiben, die naseweise Person!«
Damit kroch er rückwärts in sein Loch und verschwand. Nun sprang ich schnell in das Bächlein und wäre auf den glatten Steinen bald ausgerutscht, aber es gelang mir, das arme Bienchen zu retten. Ich setzte es auf mein Knie in die warme Sonne. Es trug ein graues Jäckchen und dicke, gelbe Höschen von Blütenstaub. Dankbar schaute es mich an mit den klugen Augen und zugleich etwas misstrauisch, ja, es ließ sogar seinen Stachel sehen.
»Armes Kind«, sagte ich freundlich, »beruhige dich nur, ich tue dir nichts. Aber wie kommst du in den Bach?«
Fräulein Bienchen atmete tief auf und zog den Stachel ein.
»Ihr seid ein guter Mann, Waldbruder, und habt mir das Leben gerettet. Das vergesse ich Euch nicht. Ihr sollt zum Danke Honig haben, wir sind reich. Und nun will ich euch meine Geschichte erzählen, bis meine Flügel wieder trocken sind. Ach, wie tut die Sonne doch gut! Seht, Waldbruder, ich lebe auf dem Weidenhofe in dem Bienenhause, das dort im Obstgarten steht. Es ist heute ein Unglückstag. Mit drei von meinen Schwestern bin ich heute Morgen ausgeflogen, mit Minchen, Linchen und Finchen. So wie wir ins Freie kamen, um an die Arbeit zu gehen, wurde Minchen von dem bösen Fliegenschnäpper gefressen. Er hat sein Nest neben dem Bienenhause und sitzt immer auf der Lauer, ob er nicht eine von uns schnappen kann, gerade als wenn wir gewöhnliche Fliegen wären. Ach, das arme Minchen war ein so fleißiges Mädchen! Sie hatte immer die dicksten Höschen an, wenn wir heimkamen, und wurde von der Frau Königin oft gelobt. Ihr wisst, die Obstblüte ist vorbei, und die Lindenblüte hat noch nicht angefangen, und die Heideblüte kommt noch später. Wir flogen über das schöne Kleefeld, das herrlich duftete, und beneideten die dicke Frau Hummel, unsere Tante, die dort bei der Arbeit war.«
»Warum geht ihr denn nicht alle in den blühenden Klee?«, fragte ich, »er hat sehr viel Honig, das habe ich als Kind schon zuweilen probiert.«
Fräulein Bienchen lächelte. »Ja, das möchten wir wohl«, sagte sie, »und die jungen unerfahrenen Bienen probieren es auch, aber unsere Zunge ist zu kurz. Zeigt mal die Eure, Waldbruder!«
Ich streckte meine Zunge aus, soweit es ging. »Großartig!«, rief Bienchen bewundernd aus, »nur ein wenig zu plump. Unsere Tante, Frau Hummel, hat auch eine lange Zunge, nicht so lang wie Eure, aber feiner. Die kann mit dem Klee fertigwerden. Sie rief uns zu: Kinder, dies ist nicht für euch, geht auf die Waldwiese, da stehen viele Blumen mit kurzen Hälsen. Die will ich euch alle überlassen. Dann bummelte sie gemütlich zum nächsten Kleekopf und streckte ihre lange Zunge hinein – ach, es ist der schönste Traum meines Lebens, dass ich es auch noch zu einer solchen Zunge bringe! Ich mache jeden Abend, ehe ich zu Bett gehe, gymnastische Zungenübungen. Genug, wir flogen auf die Waldwiese und fanden Arbeit in Fülle. Aber, o weh, da kam ein dicker Frosch herangehüpft.
Ich rief ›Achtung‹, doch es war zu spät. Er hatte mein Schwesterchen, das liebe Linchen, schon heruntergeschluckt. Sie hat ihn noch schnell gestochen, er sprang in den Graben und sitzt wahrscheinlich noch jetzt dort im Wasser und kühlt seinen dicken Kopf. Aber das gute Linchen ist hin. Wir hatten eine reiche Ausbeute, und da wurden wir übermütig.
Meine Schwester Finchen schlug vor, wir wollten einmal in den Wald fliegen und sehen, was dort wohl für Blumen blühten. Ich fürchtete mich, schließlich ließ ich mich bereden. Ach, es war schön, aber auch unheimlich. Alle Augenblicke stieß ich mir den Kopf an einem Zweig. Als wir über den Waldbach flogen, fiel Finchen hinein und schrie jämmerlich. Ich wollte ihr helfen. Da kam eine Forelle geschossen, wie ein Blitz so schnell, und verschlang mein armes Schwesterlein vor meinen Augen. Vor Schrecken bin ich selbst auch ins Wasser gefallen, konnte aber zum Glück ein Hölzchen erwischen und mich daran festklammern. Da habt Ihr mir geholfen, guter Waldbruder, und das werde ich Euch nie vergessen.«
Fräulein Bienchen probierte ihre feinen, silbergrauen Flügel. Sie waren trocken geworden und schwirrten lustig in der Sonne.
»Nun muss ich heim«, sagte sie, »ach, was wird die Frau Königin sagen, dass ich allein komme und dass Minchen, Linchen und Finchen tot sind. Den Honig bringe ich Euch morgen, Waldbruder.« Damit machte sie eine zierliche Verbeugung, hob sich in die Lüfte und verschwand.
Zu dem Honigfeste, liebe Kinder, lädt euch euer Waldbruder freundlichst ein.
Frau Nachtigall
Gerade neben meiner Waldklause wohnt Frau Nachtigall in einem alten Holunderstrauch. Zu dem Bächlein nebenan geht sie trinken und baden, unter dem vorjährigen Laube am Boden findet sie fette Würmlein, schöne, saftige Braten, und zwischendurch singt sie ein Lied nach dem anderen. Zuweilen kann ich nachts nicht schlafen, weil ich Herzklopfen bekomme von ihrem wunderschönen Gesange.
Gestern Abend hättet ihr hier sein müssen. Da hat sie ein großes, herrliches Konzert gegeben. Die Luft war feucht und warm und still, gerade wie sie es besonders gern hat. Ich saß vor meiner Klause auf dem Bänkchen und hörte zu.
Zuerst störten mich die Maikäfer, die in Scharen durch die Luft summten. Es sind etwas unsolide Gesellen, sie kamen so spät noch aus dem Wirtshaus und waren ein wenig angetrunken. Ich glaube, es war ein Fässchen mit Maientau frisch angestochen worden; die braunen Burschen torkelten bedenklich und summten Trinklieder.
Frau Fledermaus, die gerade Polizeiwache hatte, war sehr strenge und hat mehrere eingelocht. Sie bringt sie in ihrem Magen unter, weil wir kein Arrestlokal haben. Es soll nächstens eins gebaut werden, Herr Igel hat es beantragt. Der gehört auch zur Polizei und hat ebenfalls verschiedene Nachtbummler verhaftet. Natürlich musste er sie auch in seinem Magen unterbringen. Allmählich wurde es ruhig, und ich konnte den herrlichen Gesang ungestört genießen. Wie schön es war, lässt sich gar nicht sagen. Ich meinte, dass lauter goldene Perlen durch das Dunkel rollten.
Als sie gerade eine Pause machte, huschte Frau Eule neben mich auf die Bank. Sie hat die Oberinspektion bei der Nachtpolizei.
»Na, Waldbruder«, sagte sie gut gelaunt, »nun müsst Ihr doch zugeben, dass die Nacht viel schöner ist als der Tag.«
»Wenigstens«, sagte ich, »singt Frau Nachtigall bei Nacht viel schöner als am Tage, und das ist schon etwas wert.«
Frau Eule verhaftete einen dicken Nachtfalter, der ihr unvorsichtigerweise zu nahe gekommen war, und sagte dann: »Frau Nachtigall ist eine kluge und geschmackvolle Person. Sie weiß, dass wir Nachtvögel ein kunstverständiges Publikum sind. Wisst Ihr auch, Waldbruder, wie sie zu ihrer schönen Stimme gekommen ist?«
Ich wusste es nicht, und da hat sie es mir erzählt. Frau Eule ist furchtbar gelehrt und weiß mit allem Bescheid.
»Als der liebe Gott uns Vögel geschaffen hatte, war er in besonders guter Laune, weil ihm das Werk so vortrefflich gelungen war. Darum durften wir alle einen Wunsch aussprechen, er wollte ihn erfüllen. Da gab es ein großes Geflatter und Gebettel. Viele wünschten sich bunte Farben, so der Papagei und Paradiesvogel und Buntspecht und Stieglitz und Pfau, der Strauß schnelle Beine, der Falke ein scharfes Auge, die Ente Schwimmfüße, der Zaunkönig vergnügten Sinn, der Storch lange Beine, die Schnepfe einen langen Schnabel, und so ging es weiter ohne Ende.«
»Was habt Ihr Euch gewünscht, Frau Eule?«, warf ich dazwischen.
Sie guckte mich von der Seite an und knurrte: »Wie könnt Ihr noch lange fragen, Waldbruder? Ich habe mir Weisheit gewünscht.«
Ich entschuldigte mich und bat, sie möchte weitererzählen.
»Nun gut«, fuhr sie fort, »als alle bekommen hatten, was sie wünschten, sah der liebe Gott ein schlankes, unscheinbares Vögelchen auf dem Zweige sitzen, das ihn mit blanken Augen immerfort anschaute. Nun, sagte der Herrgott, was willst du denn, Kleine? Ach, lieber Herrgott, antwortete das Vögelchen leise, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Da fragte der liebe Gott: Warum schaust du mich denn so an? Weil ich mich herzlich freue, dass du so gut bist, sagte das Vögelchen. Da lächelte der Herrgott so freundlich, dass der Sonnenschein noch einmal so hell wurde. Du gutes Ding, sagte er und strich mit dem Finger über die Kehle des Vögelchens, du sollst mein Lob singen, schöner als alle anderen. Seitdem hat Frau Nachtigall eine wunderschöne Stimme, und man sagt, dass sogar die kleinen Engelbüblein zuweilen vom Himmel kommen, um von ihr die schönsten Triller zu lernen.«
»Bravo, Frau Eule«, sagte ich von Herzen, »dass Ihr Euch Weisheit ausgebeten habt, hört man schon an Euren schönen Geschichten.«
Das Kompliment tat ihr wohl. Sie strich ihre Federn glatt und reckte sich hoch auf. Dann verhaftete sie flink einen späten Maikäfer und rief zu Frau Fledermaus, die gerade vorbeiflog, in amtlich strengem Tone hinüber: »Alarmiert sofort die ganze Polizei, heute ist die Nachtschwärmerei zu arg.«
Dann wandte sie sich freundlich zu mir. »Ihr seid ein verständiger Mann, Waldbruder, mit Euch kann man ein vernünftiges Wort reden. Nun will ich Euch noch mehr erzählen von Frau Nachtigall. Sie kann zaubern mit ihrer Stimme. Wisst Ihr auch, woher die schönen Rosen kommen? Ich meine die Gartenrosen mit ihren herrlichen Farben.«
»Nun«, sagte ich, »die sind von den Menschen gezüchtet worden.«
»Bildet Euch nur nichts ein«, lachte Frau Eule spöttisch. »Freilich, jetzt züchtet Ihr weitere Sorten, aber die ersten richtigen Gartenrosen hat Frau Nachtigall hervorgezaubert. Ich will es Euch erzählen.
Früher gab es bloß die wilde Heckenrose. Sie ist ja auch schön, aber nur einfach und etwas blass. Duften tut sie nur wenig. Nun, Frau Nachtigall hatte immer eine besondere Vorliebe für diese Blume. Da standen einmal drei Rosensträucher dicht zusammen, sie waren voll von Knospen. Frau Nachtigall saß ihnen gegenüber in einem Dornenstrauche, und da hat sie so übermäßig schön gesungen, dass die Rosenknospen anfingen zu schwellen vor Glück und Seligkeit. Am nächsten Morgen waren lauter gefüllte Rosen aufgeblüht, aber sie waren noch blass. Da setzte sich Frau Nachtigall in den ersten Strauch und sang ihre lustigen Lieder. Am nächsten Morgen waren die blassen Rosen ganz rot geworden vor Freude. Da setzte sich Frau Nachtigall in den zweiten Strauch und sang ihre traurigsten Lieder. Am nächsten Morgen waren die Rosen weiß geworden vor lauter Leid. In den dritten Strauch baute Frau Nachtigall ihr Nest. Da wurde er so stolz, dass er alle seine Blumen vergolden ließ. So entstanden die gelben Rosen.«
»Ei«, sagte ich, »warum hat sie denn keine blauen Rosen gemacht?« Frau Eule kratzte sich hinter den Ohren und dachte nach mit großer Anstrengung. »Wisst, Waldbruder«, sagte sie dann, »ich glaube, wenn Frau Nachtigall noch einen vierten Strauch gefunden hätte, sodass sie den Winter über wohnen bleiben konnte, so hätte sie ihm blaue Rosen angesungen. Denn Blau ist die Farbe der Treue. Aber es gibt keine rechte Treue auf der Welt. Kurz ist die Freude, und treulos ist das Glück.«
In diesem Augenblick fing Frau Nachtigall wieder an zu singen, und wir schwiegen und horchten. Sie sang zauberhaft schön. Ich glaube, wenn mein Gesicht nicht so braun gewesen wäre von der Sonne, es wäre rosenrot geworden vor Freude. Nun aber müsst ihr vorliebnehmen mit einem braunen Waldbruder.
Königin Aschenputtel
Auf ein Haar wäre ich in ein königliches Schloss gekommen, und ihr hättet die Klause leer gefunden. Der Waldbruder ist nämlich berühmt geworden, und man kommt von weither und bietet ihm hohe Ehrenstellen und Vertrauensposten an. Doch ich muss Euch die Sache der Reihe nach erzählen.
Eines guten Nachmittags stand ich vor meiner Klause und überlegte, was ich tun sollte. Sollte ich mein Gärtchen jäten, oder sollte ich den kranken Meister Grimbart besuchen in seinem Dachsbau? Seine Krankheit ist allerdings nicht bedenklich; ich glaube, dass er etwas zu viel gegessen hat. Da kamen auf einmal zwei weiße Tauben in pfeilschnellem Fluge über die Bäume weg direkt in mein Gärtchen geflogen, machten eine geschickte Schwenkung und setzten sich auf das Dach meiner Klause. Sie brachten Botschaft von Königin Aschenputtel, sie käme mich besuchen und hätte etwas Wichtiges mit mir zu überlegen. In einer Stunde wäre sie hier. Witsch – waren sie wieder fort.
Es war mir ordentlich in die Glieder gefahren, denn eine Majestät empfangen ist keine Kleinigkeit. Und womit sollte ich sie bewirten? Mit Brot und Speck oder mit Pellkartoffeln, das ging doch nicht an. Ich hatte auch nicht einmal einen ordentlichen Stuhl mit einem Polster darauf, von einem Sofa gar nicht zu sprechen.

Zum Glück hatte ich meine sieben Zwerge gerade da, und die klugen Kerlchen wusste Rat für alles.
»Ich weiß reife Erdbeeren«, schrie der eine.
»Ich lauf zu Frau Hirschkuh und hole frische Milch«, rief der andere.
»Wir richten im Garten einen Sitz her«, sagte der Dritte.
Hast du nicht gesehen, so ging es los. Bald hatten sie die Gartenbank schön gepolstert mit Moos und meine Bettdecke darüber gebreitet. Der Tisch war weiß gedeckt; die Weidenhofbäuerin hatte ihr feinstes Tuch hergeliehen. Mächtige Blumensträuße standen auf dem Tisch, eine blanke Kanne mit Milch in der Mitte und rundherum auf grünen Kohlblättern duftende rote Erdbeeren. Saubere Halme lagen daneben, womit man die Beeren aufspießen konnte. Kurz und gut, es kam mir ganz königlich vor, und ich hatte guten Mut.
Da erscholl Getrappel und Geschnaube von Pferden. In einer goldenen Kutsche mit vier Schimmeln fuhr Königin Aschenputtel vor. Neben ihr saßen ein Prinzlein und eine kleine Prinzessin und ihr gegenüber eine schrecklich vornehme alte Dame. Ich dachte gleich, dass es die Oberhofmeisterin wäre. Sie trug silbergraue Seide und strahlte von Brillanten, während die Königin ein einfaches weißes Kleid trug und keinerlei Schmuck, bloß ein goldenes Krönlein.
Ich stand vor dem Törchen und machte drei Verbeugungen, eine immer tiefer als die andere.
»Grüß Gott, Waldbruder!«, rief die Königin freundlich und reichte mir die Hand. »Wie nett wohnt Ihr hier, und das sind wohl Eure braven Knechtlein.«
Die sieben Zwerge standen in einer Reihe aufgepflanzt wie die Orgelpfeifen und neigten sich noch viel tiefer als ich.
»Das ist mein Sohn, Prinz Asche, und dies mein Töchterlein, Prinzessin Puttel«, sagte die Königin, »seht, Kinder, da gibt es Erdbeeren, das wird euch gefallen.«
Bald saßen wir am Tische. Die beiden Lakaien, die hinten auf der Kutsche gestanden hatten, stellten sich hinter die Bank wie zwei Bildsäulen und verzogen keine Miene. Die Frau Oberhofmeisterin saß links von der Königin, lang und dürr wie ein Zaunstecken und hässlich wie die Nacht. Sie beschaute alles von oben her durch eine bestielte Brille, die sie vor die scharfen grauen Augen hielt. Die Königin aber war holdselig wie der Frühling, und die beiden lieben Kinder spießten vergnügt zwischen den Erdbeeren umher. Die Zwerge schenkten Milch ein, wir hatten aber nur zwei Gläser.
»Waldbruder«, sagte die Königin, nachdem sie ein paar Erdbeeren genommen hatte, »ich komme mit einer Bitte.« Ich verneigte mich.
»Seht, Waldbruder, ich suche einen Erzieher für Prinz Asche. Unser guter Schlosskaplan ist gestorben, und nun haben wir keinen Menschen mehr, der Latein kann. Meine liebe Gelbrüssel spricht ausgezeichnet Französisch« – dabei schaute sie huldvoll auf die Oberhofmeisterin, die vor Ehrfurcht zusammenknickte – »aber ein Prinz muss auch etwas Latein lernen. Nun habe ich von Euch gehört, dass Ihr ein frommer und gelehrter Mann seid« – hier wurde ich rot vor Beschämung und wollte das unverdiente Lob abwehren.
Die Königin winkte mit der Hand und fuhr fort: »Die Bescheidenheit ehrt Euch, Waldbruder! Seht, Ihr werdet einen willigen folgsamen Schüler haben, und was das Gehalt betrifft« – hier wurde ich noch röter und konnte es nicht lassen zu sagen: »Majestät, was soll ein armer Waldbruder mit Geld?«
Die Oberhofmeisterin Frau von Gelbrüssel warf mir einen empörten Blick zu und bemerkte mit scharfer Stimme: »Man unterbricht die Majestät nicht.« Ich war vernichtet.
»Lassen Sie, liebe Gelbrüssel«, sagte die Königin lächelnd und legte ihr die Hand auf den Arm. »Wenn Ihr das Geld selbst nicht braucht, Waldbruder, so könnt Ihr jedes Jahr eine große, schöne Kirche dafür bauen lassen.«
Mir schwindelte der Kopf, als ich das hörte, und ich schwankte einen Augenblick, ob ich das Anerbieten nicht annehmen sollte. Da kam die Oberhofmeisterin mir zu Hilfe.
»Majestät«, flüsterte sie ehrfurchtsvoll, »wenn es gestattet ist, möchte ich den Waldbruder darauf aufmerksam machen, dass er seine Tracht ändern muss. In dieser Fasson ist er am Hofe unmöglich.«
Die Königin zog eine verdrießliche Falte zwischen den Augenbrauen und sagte: »Liebe Gelbrüssel, das wird sich schon finden. Wir lassen ihm eine neue Kutte machen. Der lange Bart steht einem gelehrten Manne gut.«
Aber die Frau Oberhofmeisterin machte ein furchtbar vornehmes Gesicht und flüsterte noch ehrfurchtsvoller: »Majestät, dann muss die Kutte wenigstens von Seide sein, und er muss unbedingt Schuhe und Strümpfe tragen. Den Bart muss er pudern lassen. Auch muss er vorläufig jeden Tag eine Anstandsstunde bei mir nehmen, sonst wird er uns die ganze Etikette am Hofe umwerfen.«
Da hatte ich genug. So etwas würde der Herrgott nicht von mir verlangen, trotz all der neuen Kirchen, die ich ihm bauen konnte. Ein Esel darf nicht aufs Eis gehen, ein Waldbruder nicht an den Hof.
Und wenn ich noch daran gedacht hätte, die Stelle anzunehmen, dann würde das, was jetzt plötzlich geschah, mich davon abgehalten haben. Leise und unbemerkt war das ganze Getier und Gevögel des Waldes an den Gartenzaun geschlichen. Wie die Nachricht von dem hohen Besuche sich so schnell verbreitet hatte, weiß ich nicht. Nun erhob sich ein Rufen und Jammern und Weinen: »Waldbruder, hierbleiben! Waldbruder, nicht fortgehen! Ihr seid unser Waldbruder – oh, Waldbruder, Waldbruder!«
»Welch ein Pöbel«, schrie die Frau Oberhofmeisterin und wollte noch mehr sagen, aber die Königin legte ihr die Hand auf den Arm. Ich aber wandte mich um und rief: »Liebes Gesindel, ich bleibe bei euch!« Da hättet ihr den Jubel hören sollen!
»Schade ist es doch«, sagte die Königin und stand auf, »aber ich kann es Euch nicht übelnehmen, Waldbruder!«
Dann meinte sie, Prinz Asche könnte wöchentlich einen Nachmittag zu mir herüberreiten und Lateinstunden nehmen. Damit war ich gern einverstanden. Er ist schon einmal hier gewesen, und wir haben gleich angefangen mit mensa.
Als die goldene Kutsche fortgerollt war, sah ich ein Goldstück neben der Milchkanne liegen. Das passte mir. Nun kann ich der lieben Gottesmutter in unserm Waldkapellchen den Mantel neu vergolden lassen.
Prinz Asche und Prinzessin Puttel
Liebe Kinder! Prinzenerzieher sein ist nicht leicht, wenn man auch bloß Lateinstunden zu geben hat. Ich kann ein Lied davon singen. Die Gottesmutter im Waldkapellchen hat ihren goldenen Mantel bekommen und sieht holdselig und prächtig darin aus. Der Prinz bringt mir auch für jede Stunde ein Goldstück mit. Ich denke schon daran, mir nächstens ein neues Glöckchen anzuschaffen für meine Klause. Das jetzige ist eigentlich bloß eine Kuhschelle. Aber ich muss es sauer verdienen.
In der ersten Stunde haben wir fast nichts anderes getan als Honig geschleckt. Fräulein Bienchen hatte mir tags zuvor einen großen Topf mit Honig geschickt, wie sie es versprochen hatte. Des Weidenhofbauern Fränzchen schleppte ihn herbei mit einem schönen Kompliment. Eigentlich wollte ich euch, liebe Kinder, mit dem Honig bewirten, aber Prinz Asche schleckte mir den ganzen Topf leer. Ich hätte es ihm nicht verraten sollen, dass ich Honig habe. Doch der Prinz ist so ein nettes Kerlchen, auch dachte ich, der Honig würde ihm die Zunge geschmeidig machen für das schwere Latein.
Der Honig schmeckte ihm gut, aber das Latein nicht. Wir stehen immer noch bei der ersten Deklination, bei mensa, und er wirft mir alle Fälle durcheinander und macht zuweilen ganz neue dazu, die gar nicht im Buche stehen. Trotzdem kann man ihm nicht böse sein, weil er so lustig ist. Wenn ich mal ein ernstes Gesicht mache, dann erzählt er mir schnell einen Streich, den er der Frau Oberhofmeisterin gespielt hat, und dann muss ich wieder lachen.
Das wäre nun soweit ganz gut, wer nur das Lernen nicht wäre! Wenn der Prinz von seinem Pferdchen springt, dann ruft er schon: »Mensa, der Tisch! Waldbruder, Ihr habt ja nichts auf Eurem Tische stehen.« Dann muss ich den Honigtopf holen.
Neulich wurde ich verdrießlich. Da zeigte ich dem Prinzen ein Birkenbäumchen, das neben meinem Garten steht, und sagte: »Prinz, auf diesem Bäumchen wächst der Fleiß.«
»Wie geht das zu?«, fragte er erstaunt.
Ich sagte: »Man bindet die feinen Zweiglein zu einer Rute zusammen und dann – hui!« Ich machte die entsprechende Handbewegung.
Prinz Asche schaute mich mit großen Augen an. »Ich reite«, befahl der Prinz, »lebt wohl, Waldbruder! Mensa, der Tisch, aber niemals Hui vom Fleißbäumchen!« Fort brausten er wie die Wilde Jagd, das Kerlchen reitet wie der Teufel.
Das nächste Mal kam Prinzessin Puttel mit. Saß im grünen Kleidchen auf einem goldbraunen Rösslein, und goldbraun flatterte das Haar.
»Waldbruder«, rief sie, »mensa, der Tisch.« Das hatte die kleine Kröte schon gelernt. Und nun ging es über den Honigtopf her. Mit langen Strohhalmen sogen sie den süßen Saft in vollen Zügen und schmatzten vor Behagen.
»Ach, Latein ist süß«, rief das Prinzesschen, »ich komme jetzt immer mit.«
»Was sagt denn die Frau Königin dazu?«, fragte ich, »und die Frau Oberhofmeisterin?«
Da lachten sie beide. »Mama weiß nichts«, sagte Prinzessin Puttel, »und die Gelbrüssel haben wir eingesperrt in ihrem Turm, die faucht jetzt wie eine Katze.«
Ich machte ihnen Vorwürfe, aber das Prinzesschen ließ mich nicht ausreden. Sie sprang auf, tanzte durch die Blumen und blieb dann vor mir stehen, gerade wie ein Irrwisch in ihrem goldbraunen Haar.
»Waldbruder, was macht Ihr für Geschichten?« Sie drohte mit dem Fingerlein. »Wo steht das Fleißbäumchen mit dem Hui? Mein Bruder hasst es, und wir wollen es umhauen. Das ist es, nicht wahr?« Sie zeigte auf das Birkenbäumchen, das vor Angst zitterte.
»Das Beil!«, rief die Prinzess und zog ein blitzendes, silbernes Beil hervor.
»Gib her!«, schrie der Prinz und griff nach dem Beile. Das war mir denn doch zu arg. Ich stellte mich vor das Bäumchen und breitete beide Arme aus, es duckte sich ängstlich hinter meinem Rücken.
»Halt, Königliche Hoheiten«, rief ich, »daraus wird nichts. Dem Bäumchen wird kein Zweig geknickt; es sei denn, dass es freiwillig eine Rute hergibt für unartige Kinder.«
Da hättet ihr das Prinzlein sehen sollen. Es wurde feuerrot vor Zorn und hob das Beil gegen mich.
Prinzessin Puttel zog seinen Arm herunter und sagte: »Lieber Asche, mach keinen dummen Streich. Komm, wir wollen den groben Waldbruder verlassen.«
»Das wird wohl das Beste sein«, sagte ich ruhig. Alle beide waren wie der Wind auf den Pferdchen und wie der Sturm durch den Wald – weg! Ich dankte Gott, als sie fort waren, und dachte, da mag ein anderer Prinzenerzieher sein. Ich tue nicht mehr mit. Heute noch schreibe ich einen Brief und kündige die Stunden auf. Küster Kuckuck kann ihn zum Schloss tragen.
Aber die Gelbrüssel kam mir zuvor. Nach zwei Stunden erschienen die beiden weißen Tauben und brachten einen Brief von der Frau Oberhofmeisterin, der also lautete: »Ehrwürdiger, aber wenig hofmäßiger Waldbruder! Herr Professor Schwalbenschwanz, der zurzeit hier weilt, hat durch eine Prüfung festgestellt, dass Prinz Asche sehr wenig Fortschritte im Latein gemacht hat. Auch hat das Betragen des Prinzen nicht gewonnen, seit er in der Waldklause verkehrt. Vor Kurzem war sogar ein ungebührliches Benehmen gegen eine der obersten Hofchargen zu beklagen. Ich bin deshalb beim König vorstellig geworden. Seine Majestät haben huldvoll geruht, Herrn Professor Schwalbenschwanz zum Prinzenerzieher zu ernennen. Somit seid Ihr Eures Amtes in Gnaden entbunden. Reichsfreifrau Aldaberta von Gelbrüssel, geborene Gräfin von Katzenkrall, Oberhofmeisterin.«
Den Brief rahm ich mir ein. Gestern kam Prinz Asche mit dem Möhrchen hier vorbeigeritten.
Er rief über den Zaun: »Waldbruder, Ihr seid ein grober Mann mit Eurem Birken-Hui, aber Professor Schwalbenschwanz ist hundertmal schlimmer – mensa, der Tisch! Juchhe!«
Damit warf er eine Handvoll Goldstücke in den Garten. Ist doch ein nettes Kerlchen, und jetzt bekommt euer alter Waldbruder eine neue Glocke.
In der
Waldklause
Erlebnisse des Waldbruders im ersten Jahre
Sommer
Drei Gedichte
Mondnacht
Klagen
Die Kobolde
Die missglückte Bußpredigt
Waldgericht
Fee Minimax
Waldfrieden
Erntearbeit
Die Waldhochschule
Wissenschaft im Walde
Der Rundreisefahrschein
Sommer
Ach, Frau Sonne meint es gut,
Kocht und schürt die heiße Glut
Und hantiert in ihrer Küche,
Backt im Feld das braune Brot,
Kirsch‘ und Erdbeer‘ schmoren rot,
Lieblich duften die Gerüche.
Das gibt sicher guten Schmack,
Doch ich schwitz‘ in meinem Sack,
Und mein Mut geht in die Brüche.
Nun, so komm! Das Bächlein schreit:
»Hab‘ ein kühles Bad bereit,
Ist dazu die rechte Zeit!«
Herr Sommer heizt gehörig ein,
Er heizt mit lauter Sonnenschein.
Was nützt das Rennen und das Schwitzen?
Im Schatten lässt sich lieblich sitzen.
Die Sonne brennt, die Luft ist schwül,
Im grünen Walde weht es kühl,
Das Bächlein hält zu jeder Zeit
Ein frisches Bad für euch bereit.
Mondnacht
Diesmal habe ich ein kurioses Abenteuer zu erzählen! Setzt euch dort in den Schatten, die Sonne brennt schon recht tüchtig.
Halt! Der kleine Junge da trinkt zu hastig aus der kalten Quelle, das tut nicht gut. Trinkt nicht aus der Mütze, sondern aus der hohlen Hand. Dann ist das Wasser etwas angewärmt, und ihr trinkt nicht zu schnell. Nun gebt Acht!
Gestern Nacht wurde ich plötzlich wach. Als ich die Augen aufschlug, sah ich dem Monde gerade in das große, weiße Gesicht. Und als ich noch genauer hinschaute, merkte ich, dass der Mond nicht droben am Himmel stand, sondern unmittelbar vor meinem Fensterlein.
So nahe stand er, dass er ordentlich seine Nase plattdrückte an der Scheibe.
Ich erhob mich von meinem Strohsack, um diese kuriose Sache etwas näher zu untersuchen.
Der Mond nickte mir freundlich zu und sagte: »Schönen guten Abend! Eigentlich sollte ich sagen gute Nacht, denn es hat schon zwölf geschlagen.«
Ich war etwas verblüfft, denn ich hatte den Mond noch nie so nahe gesehen. »Guter Mond«, stotterte ich, »was willst du hier?«
Er kniff ein Auge zu und antwortete: »Ach, Waldbruder, es wurde mir so langweilig da oben. Mit den Sternen kann sich ein vernünftiger Mann nicht unterhalten, sie sind so klein und schwätzen lauter kindisches Zeug. Komm, wir wollen einen Spaziergang zusammen machen.«
Es war eine stille, wunderwarme Nacht, und da mir der Schlaf doch vergangen war, sagte ich gern zu. Ich sah, dass der Mond ein paar große, schwarze Flecken im Gesicht hatte, und fragte, ob er sich vielleicht erst das Gesicht waschen wolle.
Er zog die Stirn kraus: »Warum?«
»Oh, ich dachte nur so«, sagte ich, »weil du ein klein bisschen schmutzig bist.«
»Einbildung!«, schnarrte er, »pure Einbildung! Es sind bloß Schatten. Übrigens bin ich viel sauberer rasiert als du mit deinem wirren Barte.«
»Das mag wohl stimmen«, begütigte ich ihn und trat ins Freie.
Ei, wie hell war es draußen! Und wie fein war der Mond mit seinem silbernen Mantel! Ich schämte mich fast mit meiner rauen, groben Kutte. Aber er war gar nicht stolz, sondern nahm mich vertraulich am Arm und spazierte mit mir den Waldweg hinunter. Die Bäume glotzten uns verwundert nach, und Herr Hase, der uns gerade entgegenkam, schlug zwei Purzelbäume hintereinander.
»Du hast aber eine weite Reise gemacht«, sagte ich.
Der Mond lächelte. »Das geht ganz schnell«, belehrte er mich, »ich bin einfach die Milchstraße heruntergefahren, und am Ende brauchte ich nur noch einen Katzensprung zu machen bis in den nächsten Baum. Ich habe es drollig getroffen, denn ich bin gerade in das Nest des alten Bussard gesprungen.«
Ich meinte, da würde der alte Herr wohl sehr zornig geworden sein. Herr Bussard hat nämlich Generalsrang und lässt nicht mit sich spaßen.
»Ach«, lachte der Mond, »der Herr General war nicht zu Hause, aber die Frau General hat mir gründlich den Marsch geblasen. Schau mich mal an! Siehst du nichts?«
Da sah ich, dass er ein schiefes Gesicht hatte, die linke Backe war geschwollen.
»Da hat sie mir eine Ohrfeige hingefegt«, lachte der Mond, »aber das macht nichts. Vornehmen Damen muss man schon etwas zugutehalten.«
Unterdessen waren wir auf eine Lichtung hinausgetreten und setzten uns auf einem Baumstamm nieder. Mein Begleiter ließ seinen ganzen Mondschein über die Fläche gleiten, es war fast taghell.
»Gib Acht«, flüsterte er, »gleich kommt er. Wir wollen ihn mal belauern.«
»Wer kommt?«, fragte ich.
»Still – Reineke!«, war die Antwort, »er hat nebenan seinen Bau.«
Richtig, da kam der alte, rote Fuchs langsam und vorsichtig, spähend und witternd auf die Lichtung geschlichen. Er schnüffelte bedenklich nach uns herüber, beruhigte sich aber und fing an zu kichern. Auf dies Zeichen kam die Frau Füchsin mit einer braunen Haube und drei jungen Füchslein. Zwei trugen die ersten Höslein, eins hatte noch ein Kleidchen an, aus dem hinten das Schwänzlein drollig hervor sah. Die beiden Alten setzten sich auf einen Baumstumpf, Mutter Füchsin zog einen Strickstrumpf hervor, und Papa Fuchs zündete sich ein Stummelpfeifchen an. Die Jungen sprangen und tollten herum wie die Affen.
Wir schwiegen mäuschenstille. Da fing der alte Fuchs an zu plaudern. »Mutter«, sagte er, »ich bin die Mäuse jetzt gründlich satt. Es ist kein gutes Fressen für einen ordentlichen Fuchs. Du musst besser kochen.«
Frau Füchsin kratzte sich mit der Stricknadel unter der Haube und sagte: »Dann schaff mir etwas Besseres in die Küche. Übrigens, vorgestern haben wir doch noch ein junges Feldhuhn gehabt, das war delikat.«
Papa Fuchs spuckte aus: »Ich habe bloß ein paar Knochen davon bekommen. Du steckst alles den kleinen Bälgern ins Maul.«
»Wie kannst du so sprechen?«, rief die Füchsin, »die lieben Kleinen wollen doch auch leben.«
Papa Fuchs zog einige dicke Rauchwolken aus seinem Stummel.
»Mutter«, fing er nach einer Weile wieder an, »ich probiere es wieder auf dem Weidenhofe. Da ist ein Brett lose am Hühnerstall, und ich denke, die Küken sind jetzt gut herangewachsen und stichfett.« Er schmatzte ordentlich vor Lust.
»Nimm dich in Acht vor dem bösen Hund«, warnte Frau Füchsin.
»Oh, der liegt an einer Kette«, grinste der Rote und zeigte dabei alle seine weißen Zähne.
Frau Füchsin schaute sich unruhig um: »Was ist dahinten los?«
Der Fuchs stand auf und schaute gespannt herüber. »Hat nichts zu sagen«, sagte er dann, »das verrückte Volk treibt wieder sein Unwesen.«
»Wer?«, fragte die Füchsin. »Ach – die Elfen!«, murrte er.
Da sah ich ein merkwürdiges Schauspiel. Erst meinte ich, ein weißer Nebelstreif schwebe über der Lichtung, aber bald erkannte ich lustige Frauengestalten in langen Schleiern. Sie hielten sich an der Hand und tanzten einen seltsamen Reigen, und ich vergaß alles im Zuschauen. So wunderschön war es.
Als ich wieder zu mir kam, war die Fuchsfamilie verschwunden, und der Mond – wo war der Mond? Der stand wahrhaftig oben hoch am Himmel. Ich schlich in meine Klause zurück.
Klagen
Ach, es geht böse zu in der Welt. Der Große frisst den Kleinen, und der Schlaue übertölpelt den Dummen. Wenn ich euch so vor mir sitzen sehe, schaut ihr alle aus wie die liebe Unschuld selbst. Ausgenommen der Peter dahinten, der hat es jetzt schon hinter den Ohren, faustdick! Aber ihr seid doch noch unverdorben. Werdet ihr so bleiben, oder werdet ihr später teilnehmen an der allgemeinen Spitzbüberei? Hier im Walde ist auch nicht alles, wie es sein sollte. Reineke treibt es je länger, je ärger, und die Klagen mehren sich von Tag zu Tag.
Gestern war ich in meinem Gärtchen beschäftigt mit schwerer Arbeit. Ich will es nämlich etwas vergrößern, und da musste ich einige dicke Baumstämme ausroden. Der Schweiß lief mir in Strömen von der Stirne herunter, aber das tut nichts, das ist gesund. Als ich mich einmal aufrichtete, um ein wenig zu verschnaufen, schaute Frau Häsin über den Zaun.
»Gott helfe Euch«, rief sie mir zu; sie ist eine fromme Frau.
»Gott lohne es!«, erwiderte ich, wie es sich gehört, und dann gab ein Wort das andere. Frau Häsin lobte meinen Fleiß und empfahl mir, auf dem neugewonnen Stück Garten nächsten Herbst Braunkohl zu pflanzen. »Dann hat man etwas für den Winter«, sagte sie und dachte dabei wohl besonders an sich selbst. Nun, ich habe nichts dagegen, wenn die Hasenfamilie von meinem Kohl mitisst. Man muss leben und leben lassen. Darauf machte Frau Häsin ein betrübtes Gesicht, schlug die Ohren nieder, kreuzte die Pfoten über der Brust und fing ein langes Lamento an.
»Waldbruder«, klagte sie, »es ist nicht mehr zum Aushalten mit dem roten Räuber, er stört den ganzen Waldfrieden.«
»Meint Ihr den Reineke, Frau Häsin?«, fragte ich, »und was hat er denn wieder verbrochen?«
»Ach, Waldbruder!« Sie wischte sich mit beiden Pfoten die Tränen aus den Augen. »Er hat meinen Jüngsten verzehrt – rein aufgefressen hat er ihn. Und es war ein so liebes Kerlchen und konnte so putzige Männchen machen. Ach, wie hat er gequäkt, als Reineke ihn beim Wickel hatte. Aber es half ihm nichts.« Ich schalt wacker auf den Bösewicht und ließ mich auf den Baumstumpf nieder. Denn ich merkte, dass die gute Frau noch mehr auf dem Herzen hatte.
»Das ist nicht seine einzige Untat«, fing sie wieder an. »Einmal könnte man ja ein Auge zudrücken, denn wir sind eine große Familie und können schließlich wohl eines entbehren. Aber denkt Euch, meinen guten Vetter Kaninchen hat er neulich ganz schrecklich betrogen. Der falsche Mann sagte ihm einen freundnachbarlichen Besuch an. Er wolle sich den neuen Bau einmal ansehen, weil er selbst auch neu bauen müsse; Vetter Kaninchen sei so geschickt, dass jeder von ihm lernen könne. Mein guter Vetter ist etwas dumm und eitel. Er ließ den falschen Reineke ein und stellte ihm seine ganze Familie vor und machte noch viele Komplimente dabei. Das Ende vom Lied war, dass der Räuber zwei Kaninchenkinder tot biss und wegschleppte. Es waren gerade die fettesten von allen, so niedliche Bübchen, wenn sie auch nicht besonders begabt waren. Die Dummheit ist erblich in der Familie, während bei uns das Gegenteil der Fall ist. Denkt Euch, zwei auf einmal und dann so ein Hausfriedensbruch!«
Frau Häsin trommelte mit beiden Pfoten auf den Gartenzaun und sträubte zornig ihren Schnurrbart. In demselben Augenblick duckte sie sich und machte einen Hopser rückwärts, denn es ließ sich ein Geräusch vernehmen. Es war aber bloß mein Küster, Meister Kuckuck, der sich auf den Zaun schwang und wie verrückt schrie.
»Was ist denn wieder los?«, fragte ich.
»Der Reineke«, rief der Kuckuck, »der Dieb, der Räuber, der Schuft, er ist bei der gnädigen Frau Fasan eingebrochen und hat ihr das ganze Gelege weggeholt – sechs schöne Eier! Ich freue mich, dass nicht zufällig eins von mir dabei war.«
Ihr wisst, dass der Kuckuck seine Eier immer bei anderen Leuten unterbringt. Ich habe ihm schon oft gesagt, er solle sich doch selbst ein Haus bauen, aber er ist ein Faulpelz und macht es sich gern bequem.
»Die gnädige Frau ist ganz untröstlich«, fuhr er fort, »sie will fortziehen aus dem Walde, und das wäre schade, sie ist die vornehmste Person und gibt auch immer ein anständiges Trinkgeld, wenn sie taufen lässt.«
Frau Häsin war wieder hochgekommen und lehnte sich auf den Gartenzaun. »Waldbruder«, sagte sie, »Ihr müsst für Ordnung sorgen, so geht es nicht weiter. Wir hatten früher einen Waldbruder mit einem Schießgewehr. Es knallte allerdings fürchterlich, aber er hat den alten Vater Reineke totgeschossen. Das war eine große Tat.«
»Frau Häsin«, sagte ich, »ich habe gehört, dass mein Vorgänger auch Schlingen gelegt hat in seinen Kohlgarten.«
»Was? Schlingen?« Sie tat wieder einen Hopser nach rückwärts. »Schlingen sind eine Gottlosigkeit, daran dürft Ihr gar nicht denken. Aber noch eins! Reineke hat der Weidenbäuerin unten am Bach die beste Henne fortgeholt. Er bringt den ganzen Wald in Verruf, und zuletzt heißt es noch, mein guter Mann hätte es getan.«
Ich beruhigte die beiden, so gut es gehen wollte.
Da schnurrte Frau Feldhuhn über den Zaun, trippelte eilig durch den Salat und duckte sich unter die Bohnenstauden.
»Wie kommt Ihr denn in den Wald, Frau Feldhuhn?«, rief ich erstaunt.
»Ach, Reineke!«, schluchzte sie ganz verstört, flog auf und schnurrte wieder fort.
»Da habt Ihr es!«, riefen der Kuckuck und die Häsin mit einer Stimme und machten sich schleunigst aus dem Staube. Ich nahm meine Hacke und ging in die Klause, indem ich mir überlegte, wie dem Unwesen zu steuern sei.
Zunächst bin ich zur Weidenbäuerin hinübergegangen und habe ihr gesagt, sie solle das lose Brett an ihrem Hühnerstall wieder festnageln. Sie gab mir ein halbes Dutzend Eier für die gute Warnung. Wenn es mehr gewesen wäre, würde ich euch allen jetzt ein gesottenes Ei spendieren, aber so weit reicht der Vorrat nicht.
Die Kobolde
Man kann lange im Walde wohnen, ohne alle Leute zu kennen, mit denen man zusammenwohnt. Ich meine nicht bloß das winzig kleine Zeug, das im Grase und Moose haust oder gar in der Erde, all die Würmlein und Käferlein und dazu das Mückenvolk. Ich meine besonders die Heimlichen, von denen nichts in den Büchern steht, weil die Gwlehrten nichts von ihnen wissen und auch nichts von ihnen wissen wollen.

Von meinen sieben Zwergen will ich schweigen, die sind schon ziemlich weit bekannt geworden. Auch von dem Elfenvolk wissen die Menschen allerlei. Sie kommen in vielen Gedichten vor. Sie tanzen gern im Mondschein und werden wohl mal vom nächtlichen Wanderer belauscht. Die Feen sind weniger bekannt, sie lassen sich selten sehen. Ebenso geht es mit den Nixen, die im Wasser leben und meist einen Fischschwanz haben. Sie sind sehr scheu.
Aber am scheuesten und heimlichsten sind die Kobolde, die Neck- und Plagegeister. Sie tun manchem einen Schabernack an, aber sie halten sich verborgen oder verwandeln sich. Sie legen sich gern im Dunkeln über den Weg, sodass man stolpert und auf die Nase fällt. Schaut man nach, so sieht man eine alte Baumwurzel, die dumm und steif daliegt. Dreht man den Rücken, so macht die Baumwurzel eine boshafte Fratze und kriecht sachte in den Boden. Es war nämlich ein Kobold. Ich kenne diese Kobolde jetzt und bin gut Freund mit ihnen. Das ist so gekommen.
Seit Monaten wohnte ich ungestört in meiner Waldklause weit hinter der Welt. Die Welt kümmerte sich so wenig um mich, wie ich mich um sie kümmerte. Nicht mal die Post und nicht mal die Zeitung kamen in meine Einsamkeit. Da stand plötzlich eines Tages ein Mann mit einer bunten Mütze vor meiner Klause und schaute durch die offene Tür. Es war ein heißer Tag, und ich hielt gerade mein Mittagsschläfchen.
»Guten Tag«, rief der Mann mit schnarrender Stimme. »Seid Ihr der Waldbruder?«
Ich erhob mich und sagte: »Das stimmt, guter Mann! Was steht zu Diensten?«
Er zog ein Papier heraus und zeigte es mir. Es war – ein Steuerzettel. »Ich komme vom Finanzamt«, schnarrte er, »Ihr müsst Steuern zahlen, Waldbruder! Übrigens, wie ist Euer Name?«
»Ich heiße bloß Waldbruder«, sagte ich, »meinen Namen habe ich abgelegt, der muss irgendwo draußen in der Welt liegen. Wenn Ihr ihn findet, will ich ihn Euch schenken.«
Er verzog keine Miene und sagte mit steifem Ernst: »Auf Ulk und dergleichen lasse ich mich nicht ein. Ich bin eine öffentliche Person, und ich sage Euch: Steuern müsst Ihr bezahlen. Es hilft Euch nichts.«
»Was für Steuern?«, fragte ich.
Er zählte an den Fingern auf: »Einkommenssteuer, Grundsteuer, Gewerbesteuer, Umsatzsteuer, Hauszinssteuer, Luxussteuer …«
»Was?«, unterbrach ich ihn. »Luxussteuer? Was ist hier denn Luxus?« Er schaute sich prüfend um, dann schaute er mich durchdringend an und sagte mit Nachdruck: »Der lange Bart.«
Ich dachte, er sei ein Spaßmacher, und fing an zu lachen. Da wurde er böse und schrie: »Ihr dürft mich nicht auslachen, ich bin eine öffentliche Person. Übrigens kommen nächstens noch mehr Steuern dazu, so die Gesundheitssteuer, die müsst Ihr unbedingt bezahlen, denn Ihr seid unverschämt gesund. Auch das Lachen fällt nächstens unter die Lustbarkeitssteuer, wenigstens, wenn man laut lacht, wie Ihr soeben. Und dann die Rocksteuer, die wird für Euch hoch werden, denn es geht nach Länge. Dann die Zahnsteuer. Ich sehe, Ihr habt Eure Zähne noch so ziemlich alle. Das gibt eine hohe Steuer. Habt Ihr eine Frau?«
»Nein«, sagte ich, »Gott sei Dank!«
»Also, Junggesellensteuer, wird mit jedem Jahr höher. Und noch Verschiedenes. Wollt Ihr nun zahlen oder nicht?«
»Guter Mann«, antwortete ich, »kann ich vielleicht mit Tannenzapfen oder Nüssen bezahlen? Denn Geld habe ich nicht.«
Da trampelte er mit beiden Beinen vor Wut und schrie: »Habt Ihr nicht vor Kurzem eine neue Glocke gekauft? Gekauft und bezahlt?«
Ich konnte es nicht leugnen. »Weil ich sie bezahlt habe, gerade darum habe ich kein Geld mehr.«
Er schrieb etwas in sein Notizbuch und knurrte dann: »Wartet nur, wir wollen Euch schon kriegen. Wir schicken den Gerichtsvollzieher und lassen Euch pfänden.« Damit ging er.
»In Gottes Namen«, seufzte ich, es war mir doch etwas unbehaglich zumute. Gegen Abend begab ich mich zu dem hohlen Weidenbaum, wo Frau Eule wohnt, um mir Rat zu holen. Als ich klopfte, schaute sie etwas verschlafen aus ihrem Loche und hörte meine Klagen an. Die Sache interessierte sie.
»Waldbruder«, gähnte sie, »ich will Euch etwas sagen. Wendet Euch an die Kobolde, die können Euch am besten helfen.«
Ich machte ein dummes Gesicht, denn ich kannte die Kobolde gar nicht. Sie gab mir die Aufklärung und sagte: »Kommt, ich führe Euch gleich zu dem König der Kobolde. Er heißt Fliegenschwamm und wohnt in der Nähe hinter einem alten Baumstumpf.«
Sie flog voraus, ich folgte. König Fliegenschwamm war zu Hause und empfing uns ohne jede Förmlichkeit. Er sah auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Schwamm aus, aber unter dem roten Hute grinste mir ein breites Gesicht entgegen. Frau Eule brachte mein Anliegen vor und empfahl es dringend.
»Was gebt Ihr mir?«, fragte König Fliegenschwamm und blinzelte verschmitzt. Ich schaute Frau Eule ratlos an.
»Waldbruder«, sagte sie, »stellt jeden Abend ein Schüsselchen mit süßer Milch vor Eure Klausentür.«
Der Kobold schnalzte vor Vergnügen und rief: »Wenn Ihr das tut, dann stehen alle meine Knechte zu Euren Diensten.«
»Gut«, sagte ich, »das verspreche ich gern.«
Frau Eule, die kluge Person, wollte Sicherheit haben und fragte: »Wen werdet Ihr aussenden, König?«
Der Fliegenschwamm reckte sich und flüsterte mit wichtiger Miene: »Kein Gerichtsvollzieher soll die Klause finden. Der Stolperfritz legt sich über den Weg und bringt ihn zu Falle. Der Schlingenpeter wickelt sich um seine Beine. Der Nesselkasper kitzelt ihm die Nase mit Brennnesseln. Der Wasserfranz führt ihn in den Bach. Der Rüttelhans wirft ihm Tannenzapfen auf den Kopf. Der Pickstoffer kneift und sticht ihn in die Waden. Und zuletzt leitet ihn der Wischelwuschel so in die Irre, dass er drei Stunden im Kreise herumläuft und dann wieder am Eingange des Waldes steht. Das wird wohl genügen. Wenn nicht, dann müssen wir dem Kerl ein Bein brechen.«
»Um Gottes willen«, rief ich aus, und Frau Eule meinte auch, das sei gerade nicht nötig.
Wir schieden als gute Freunde. Ich stellte abends gleich ein Schüsselchen Milch vor die Tür. Es war am Morgen rein ausgeleckt. Seitdem habe ich vom Finanzamte nichts mehr gesehen. Gehört habe ich in den ersten Tagen zuweilen ein Schimpfen und Fluchen, aber allmählich ist es ganz still geworden. Das Schüsselchen Milch stelle ich getreulich hin, und die Kobolde besuchen mich jetzt zuweilen als gute Freunde, aber ganz verstohlen in der Dunkelheit. Ich kann bemerken, dass sie ein bisschen fett geworden sind.
Die missglückte Bußpredigt
Wenn man Waldbruder ist, hat man eine gewisse Verantwortung. Man ist eine Art Waldpastor und muss für seine Gemeinde aufkommen. Die Missetaten des alten Reineke Fuchs wollten mir nicht aus dem Sinn, und ich überlegte hin und her, wie ich diesem hartgesottenen Sünder am besten beikommen könnte. Aber die Schwierigkeit bestand darin, ihn zu treffen. Er ging mir offenbar aus dem Wege.
Vergebens hatte ich den Küster Kuckuck mit einer freundlichen Einladung zu ihm geschickt. Ich lud ihn ein zu einem gemütlichen Herrenabend mit Honig, den mag das Leckermaul gern. Meister Grimbart, der Dachs, und Meister Igel waren auch geladen; sie kamen und waren sehr vergnügt.
Aber Reineke schickte sein Söhnchen und ließ sich entschuldigen. Es passe nicht recht zu seiner eingezogenen Lebensweise. Er pflege die Abende im Kreise der Familie zu verbringen, auch leide er gerade an Hexenschuss, und endlich sei er in Trauer, weil ihm ein Großoheim gestorben sei. Der Entschuldigungen waren so viele, dass ich keine glaubte. Meinen Honig war ich quitt, aber Reineke bekam ich nicht in die Finger.
Da machte ich mich auf, um ihn selbst aufzusuchen. Ich ging zu guter Zeit, des Morgens früh, um ihn zu Hause zu treffen. Er war auch zu Hause. Ich sah ihn schon von Weitem vor seinem Bau in der Morgensonne liegen, und Frau Füchsin war daran, ihn zu frisieren. Denn Reineke ist eine Art Stutzer. Ich glaube sogar, dass er Schnurrbartwichse gebraucht.
Als ich anlangte, war der Schlauberger verschwunden. Frau Füchsin bedauerte sehr, dass ihr Mann nicht zu Hause sei; er sei schon mit Sonnenaufgang auf Wallfahrt gegangen, wie er es beim letzten starken Gewitter gelobt habe. Vor Abend könne er kaum heimkommen. »Aber«, sagte ich, »ich meine, ihn soeben hier gesehen zu haben.«
»Dann habt Ihr Euch getäuscht, Waldbruder«, grinste das verlogene Geschöpf, »das war unser Ältester. Er ist eben zur Schule gegangen. Wisset, er nimmt Lateinstunden bei Professor Schwalbenschwanz. Der Junge ist außergewöhnlich talentiert, und wir lassen ihn studieren, so schwer es uns auch fällt.«
»Worauf studiert er denn?«, fragte ich.
Sie fletschte die Zähne: »Mein Mann meint, er solle Advokat werden; aber ich möchte lieber, dass er Pastor würde – oder auch Waldbruder. Die Gottseligkeit geht doch über alles.«
Ich merkte den Spott wohl, aber was sollte ich machen? Unverrichteter Sache musste ich abziehen.
Einen Köder wollte ich doch nicht auswerfen: »Grüßt Euren Mann, Frau Füchsin, und sagt ihm, ich hätte sehr leckeren Honig. Den müsste er einmal probieren.«
Sie reichte mir die Pfote und sagte: »Zu freundlich, Waldbruder! Wenn es recht ist, schicke ich heute Nachmittag die Kleinen herüber.«
Als ich beim Fortgehen noch einmal zurückschaute, sah ich, wie der alte Fuchs den Kopf aus dem Loch steckte. Er fuhr zurück wie der Blitz. Nachmittags kamen richtig die drei gefräßigen Fuchskinder, und von meinem Honig blieb kein Tropfen übrig.
Am Abend kam Jungfer Reh und gab mir einen guten Rat.
»Waldbruder«, sagte sie, »studiert Euch eine tüchtige Bußpredigt ein.«
»Soll ich sie denn vor den Bäumen halten«, fragte ich, »oder etwa vor Euch, gute Jungfer, die Ihr sie gar nicht nötig habt?«
Da entwickelte sie mir einen guten Plan. Es war auf eine Überrumpelung abgesehen. Sie wollte selbst zum Fuchsbau gehen und Reineke festhalten durch ein Gespräch. Ich sollte mich dann von der anderen Seite heranschleichen und ihn überraschen.
»Ihr sollt sehen, dann hält er stand, denn er ist darauf bedacht, den Anstand zu wahren.«
Der Plan gefiel mir. Bis tief in die Nacht hinein habe ich an meiner Bußpredigt gearbeitet und habe sie kräftig gesalzen und gepfeffert mit den stärksten Sprüchen. Die Predigt war so rührend und beweglich, dass ich selbst Tränen vergoss. Ich malte alle Höllenstrafen so grausam aus, dass meine weißen Mäuslein, die zitternd zuhörten, sich zuletzt in ihre Löcher verkrochen und drei Tage lang nicht wieder zum Vorschein kamen.
Am nächsten Morgen glückte unser Plan ganz ausgezeichnet. Jungfer Reh traf den alten Reineke und erzählte ihm von einer neuen Kaninchenfamilie, die sich bei uns angesiedelt habe. Reineke erkundigte sich genau, wo sie wohnte, und war so sehr bei der Sache, dass er mein Herankommen von der anderen Seite her gar nicht bemerkte. Auf einmal stand ich vor ihm.
Er machte unwillkürlich einen Satz, als wenn er in den Bau schlüpfen wollte. Dann besann er sich, reichte mir die Pfote und bedankte sich höflich für den Honig, den ich seinen lieben Kleinen spendiert hätte.
»Meister Reineke«, sagte ich darauf, »Ihr erlaubt wohl, dass ich für einen Augenblick Platz nehme. Ich habe Euch etwas Wichtiges zu sagen. Jungfer Reh darf es ruhig hören, das ist eine verschwiegene Person.«
Er schaute mich zweifelnd an. »Von Herzen gern, Waldbruder«, sagte er dann freundlich, »ich will nur eben meine Frau rufen, die wird es auch gern hören.«
Ich ergriff schnell seine Pfote und beteuerte, das sei gar nicht nötig. Die Sache ginge ihn persönlich an. Damit wollte ich Platz nehmen und einem Baumstumpf, aber er litt es nicht.
»Der Sitz ist zu hart und zu unbequem, Waldbruder«, lächelte er, »seht, dieser Hügel ist schön weich gepolstert, da sitzt Ihr viel besser.« Er riss sogar ein paar Farnwedel ab und legte sie auf den Sitz, damit er noch bequemer werde.
Ich war ordentlich gerührt über diese Höflichkeit und ließ mich nieder. Er hockte mir gegenüber und schaute mich so gutmütig an mit seinen schlauen Äugelein, dass ich kaum anfangen konnte mit meiner strengen Predigt. Jungfer Reh trat zu mir und flüsterte: »Jetzt nur los, Waldbruder. Tut Euer Bestes!« Ich sammelte mich und fing an.
Erst sagte ich einige allgemeine Sätze über den Frieden und die Eintracht im Walde, über den Segen der Gottesfurcht und der Nächstenliebe. Der alte Heuchler seufzte tief auf und faltete andächtig seine Pfoten. Dann ging ich zu einer strengeren Tonart über und sprach von Kain und seinem Brudermord und kam dann allmählich auf die trüben Zustände in unserm Walde zu sprechen. Reineke wischte sich mit den Pfoten durch die Augen. Nun legte ich los und hielt ihm seine Missetaten vor mit flammenden Worten. Er schluchzte immer lauter, aber zwischendurch bemerkte ich, dass er mich neugierig und schalkhaft beobachtete. Ich fing an zu drohen, aber bevor ich recht im Zuge war und mit den höllischen Strafen begonnen hatte, fühlte ich ein seltsames Kribbeln in den Waden. Ich griff mit der Hand dahin und redete weiter in meinem Eifer. Der alte Schelm hatte schon aufgehört zu schluchzen und grinste ganz unverhohlen. Das Kribbeln wurde unleidlich, es verwandelte sich in Jucken und Beißen und Brennen. Ich schaute nach und sah, dass meine Füße ganz bedeckt waren mit den bösen, braunen Ameisen. Der Bösewicht hatte mich auf einen Ameisenhaufen gesetzt.
Entsetzt sprang ich auf und suchte die wütenden Tiere abzuschütteln, und Jungfer Reh half mir dabei.
Da lachte der Schelm laut heraus: »Ach, Waldbruder, welch ein Missgeschick. Seht, das ist ein ganz kleiner Vorgeschmack von der Hölle, über die Ihr so schön predigen könnt. Erlaubt, dass ich mich in Sicherheit bringe.« Lachend schlüpfte er in seinen Bau, und ich konnte mit Jungfer Reh abziehen. Die Füße waren mir ganz geschwollen und brannten wie Feuer. Ich tröstete mich damit, dass Ameisensäure gut ist gegen Rheuma. Aber die Bußpredigt war missglückt.
Am nächsten Morgen hörte ich, dass Reineke die neu zugezogene Kaninchenfamilie besucht und zwei Junge mitgenommen hatte. Passt auf, es nimmt doch kein gutes Ende mit ihm.
Waldgericht
Kinder, Kinder, was haben wir für einen großen Spektakel gehabt im Walde! Schade, dass ihr es nicht miterlebt habt! Ich will es euch erzählen, so gut ich kann.
Vor einigen Tagen kam eine Abordnung zu mir. Ich saß vor meiner Waldklause und schälte Kartoffeln zum Mittagessen. Es mochte um zehn Uhr sein, die Sonne stand schon hoch. Die Abordnung bestand aus drei Personen. Die gnädige Frau Fasan war die Führerin und Sprecherin, sie wurde begleitet von Frau Häsin und Herrn Igel. Alle drei machten sehr feierliche Gesichter, was aber dem Igel nicht recht gelingen wollte. Er hatte sich nicht einmal ordentlich gekämmt.
Umso feiner war die gnädige Frau Fasan. Sie trug eine Schleppe, denn um die Mode kümmert man sich nicht im Walde, und es war zu verwundern, wie geschickt sie ihre Schleppe über Gras und Farnkraut zu ziehen wusste. In der Hand hatte sie ein Spitzentüchlein. Die alte Jungfer Spinne muss ihr die feinsten Sachen weben mit ihren langen, dünnen Fingern. Frau Häsin hatte ihre beste Haube aufgesetzt. Ich war ganz erstaunt über den Aufzug, schob meinen Kartoffelkorb beiseite und erwiderte die Verbeugung, so gut es bei meinen steifen Knochen gehen wollte.
»Ehrwürdiger Waldbruder«, begann die gnädige Frau Fasan und hüstelte in ihr Spitzentüchlein, »wir gestatten uns, eine Bittschrift zu überreichen. Wollen Eure Ehrwürden gefälligst Einsicht nehmen.«
Ich rückte meine Brille zurecht und sah mir zunächst die Unterschriften an. Potztausend, sie hatten alle unterschrieben, Reh und Hase und Eichhörnchen und so weiter bis herunter zu Frau Hummel, die einen großen Schnörkel hinter ihren Namen gemacht hatte. Der Igel hatte einen dicken Klecks gemacht, und Frau Schnecke musste wohl beim Unterschreiben geweint haben. Ihre Schriftzüge waren stark verwischt.
Erst dachte ich, es würde sich um eine neue Waldandacht handeln oder um eine große Bittprozession. Aber es war etwas ganz anderes. Es war eine Klageschrift gegen Reineke mit der Aufforderung an mich, Gericht über ihn zu halten; der ganze Wald habe mich einstimmig zum Richter erwählt. Ich merkte, dass die Sache ernst war, und kratzte mich bedenklich hinter dem Ohre.

Unterdessen hielt die gnädige Frau Fasan eine lange, wohlgesetzte Rede und sie zitierte sogar den Dichter Schiller:
»Dann geendigt nach langem, verderblichem Streit
War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,
Und ein Richter war wieder auf Erden.«
Es blieb nun nichts übrig, als meine Zusage zu geben. Ich machte mein feierlichstes Gesicht und versicherte, ich würde die Sache unverzüglich in die Wege leiten.
Nur ein Bedenken hatte ich: »Wenn aber Reineke die Ladung vor Gericht in den Wind schlägt und nicht erscheint?«
Da trat Meister Igel vor: »Dann rücke ich ihm auf den Pelz und piesacke ihn so lange mit meinen Stacheln, bis er aus seinem Bau herausrückt.«
Gut, ich sagte, ich wolle die Sache sofort besprechen mit Meister Kuckuck und Frau Eule, und Frau Eule solle alle Gesetzbücher mitbringen. Da zogen sie mit Dank von dannen.
Meister Kuckuck war Feuer und Flamme und wollte die Ladung an Reineke übernehmen.
»Ich will ihm die Ohren schon vollschreien«, sagte er. Frau Eule war auch bereit. Sie wollte das Protokoll führen, sie kann nämlich gut mit der Feder umgehen.
»Aber«, sagte sie, »nicht vor der Dämmerung, damit man ordentlich sehen kann. Bis dahin kann ich auch die Paragrafen noch einmal durchstudieren.«
Ich überlegte, wen ich wohl als Beisitzer des Gerichts ernennen solle. Der Kuckuck meinte, ich solle den Junker Marder nehmen, das sein ein schneidiger Herr.
»Hat er nicht auch etwas auf dem Kerbholz?«, fragte ich, »mir ist etwas zu Ohren gekommen.« Frau Eule bemerkte, Herr Baummarder sei ziemlich stark belastet, aber seinen Vetter, Herrn Steinmarder, könne ich ruhig wählen, der sei noch nicht vorbestraft.
»Gut«, sagte ich, »und dann nehme ich Frau Hornisse als zweite Beisitzerin.«
»Sehr gut«, riefen die beiden, »Frau Hornisse ist eine schneidige Person und hat auch Courage.«
Nun ging die Sache ihren Lauf. Es war ungeheuer feierlich. Das Gericht wurde am Ufer des Waldteichs abgehalten, damit die Frösche auch teilnehmen könnten und der dicke Großvater Karpfen, der sehr klug ist, auch wenn er sehr wenig spricht. Der Platz hat etwas Gruseliges und passt gut für die ernste Verhandlung.
Der ganze Wald war versammelt, und Meister Reineke war tatsächlich gekommen. Er tat sehr zuversichtlich und rauchte sein Mutzpfeifchen, gerade als wenn alles nur Spaß wäre. Ich gebot ihm, sein Pfeifchen wegzustecken, und als er es nicht gleich tat, piesackte ihn der Igel. Der Igel war nämlich als Gerichtsdiener bestellt worden.
Frau Eule verlas die Klageschrift und mischte viele Paragrafen hinein. Die Anklage lautete auf sechsfachen vorsätzlichen Mord, auf fünffachen Diebstahl, dreimal auf Einbruch, auf zwei räuberische Überfälle und eine Plünderung bei der gnädigen Frau Fasan, verbunden mit Eieraussaufen.
Hier unterbrach der Angeklagte die Vorlesung mit dem Zwischenruf: »Das hat der Marder getan.«
Mein Beisitzer, Junker Steinmarder, sprang wütend auf und strich drohend seinen Schnauzbart. Ich hatte Mühe, ihn zurückzuhalten und die Ruhe wiederherzustellen. Dann folgten noch unzählige Beleidigungsklagen.
Ich fragte nun den Angeklagten, ob er seine Schandtaten eingestehen wolle.
Er grinste mir frech ins Gesicht mit allen seinen weißen Zähnen und sagte: »Ich lehne das Gericht ab als befangen.«
Ein Schrei der Entrüstung erhob sich, und der Igel wollte Reineke wieder piesacken, aber ich wies ihn zur Ruhe.
»Warum befangen?«, fragte ich.
»Weil ich dem Marder Konkurrenz mache«, antwortete Reineke, »und nicht bloß befangen ist das Gericht, es ist anrüchig.« Das war eine starke Beleidigung, und ich fürchtete mit Recht, dass ich die Versammlung nicht bändigen könne in ihrer Wut. Da trat eine Katastrophe ein. Bums – fiel ein Schuss.
Alles stob auseinander. Als der Pulverrauch sich verzogen hatte, stand der Jäger da, und Reineke lag in seinem Blute. Jägers Waldmann biss ihm zum Überfluss noch durch die Kehle. Das Gericht war zu Ende, ehe es recht angefangen hatte.
Ich nahm den Jäger mit in meine Waldklause und ließ ihn sein Pfeifchen stopfen mit meinem selbstgezogenen Tabak. Er lobte das Kraut sehr, tat bloß drei Züge aus der Pfeife, weil er einen Katarrh hatte, wie er sagte.
Fee Minimax
Meine Freundschaft mit den Kobolden ist im Walde bekannt geworden. Das ganze heimliche Volk ist mir gewogen. Ich habe auch schon Beziehungen zu dem Feenreiche und werde jetzt manches gewahr, wovon die Menschen nicht leicht etwas erfahren.
Von einer Studienreise mit der Fee Minimax will ich euch heute erzählen. Das ist eine wenig bekannte, aber sehr mächtige Fee. Für gewöhnlich sieht sie aus wie eine kleine, grüne Fliege, die flink und lustig herumschwirrt, und so erschien sie mir, als ich ihre Bekanntschaft machte.
Ich war recht ärgerlich über diese grüne Fliege, die mir immer um den Kopf summte, als ich eines Tages auf der Bank vor meiner Klause saß. Ein paarmal schlug ich sogar nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen.
»Na, was willst du denn?«, rief ich verdrießlich aus. In demselben Augenblick verwandelte sich die Fliege in eine wunderschöne Fee mit wallendem, grünem Haar, das wie ein Mantel um sie herumhing. Das Haar war wirklich grün, aber es stand ihr gut. Ihr könnt euch denken, dass ich nicht wenig verdutzt war. Da ich nicht wusste, ob ich es mit einem guten oder bösen Geiste zu tun hatte, schlug ich zur Vorsicht ein Kreuz.

Die Fee lächelte freundlich und sprach mit glockenheller Stimme: »Seid nicht bange, Waldbruder, ich tue Euch nichts zuleide. Ich bin die gute Fee Minimax. Gebt mir etwas Honig, so will ich Euch interessante Dinge zeigen.«
»Gern«, antwortete ich, »aber der Honigtopf ist leer. Die Fuchskinder haben alles aufgegessen.«
»Schaut mal nach«, sagte die Fee, »ein Tropfen genügt für mich.«
Es fand sich wirklich noch ein Tropfen, und sie leckte ihn zierlich aus dem Topfe und wischte sich vergnügt das Mäulchen mit dem Handrücken.
»Nun hört zu, Waldbruder«, fing sie dann an, »ich will Euch mitnehmen auf eine Reise und an Orte führen, wohin sonst kein Mensch kommt. Aber unter einer Bedingung, nämlich, dass ich Euch ganz klein mache, denn sonst geht es nicht.«
Ich fragte verwundert, ob sie das denn könne. »Freilich«, sagte sie, »ich bin ja die Fee Minimax und kann das Größte ganz klein machen. Ihr braucht aber nicht so klein zu bleiben, nachher gebe ich Euch Eure natürliche Größe wieder.«
Daraufhin wollte ich es wagen, sagte ich, vorausgesetzt, dass weiter keine Gefahr dabei sei.
»Nicht die geringste«, versicherte die Fee und machte dann ein paar Zeichen in die Luft. Sogleich fühlte ich, wie ich zusammenschrumpfte, immer mehr und immer mehr. Zuletzt war ich klein wie ein winziger Käfer, kleiner als ein Maikäferchen. Die Fee Minimax war wieder zu einer Fliege geworden.
Sie ergriff mich bei der Hand und rief: »Auf! Zuerst besuchen wir den Tanzsaal zum Aronsstab!« Surr – ging es durch die Luft.
Ihr kennt doch den Aronsstab. Das ist eine Pflanze, die gern im Schatten wächst. Sie hat große fleischige Blätter. Die Blüte ist umgeben von einer hellgrünen Tüte, die sich in der Mitte verengt und unten zu einem Ballon erweitert. Aus dieser Tüte ragt ein violetter Kolben heraus. Auf einen solchen Kolben setzten wir uns nieder. Ich war außer Atem von dem schnellen Fliegen.
»Kriecht nur hinter mir her«, sagte Fee Minimax und kletterte an dem Kolben abwärts. Die enge Stelle in der Tüte, die mir gewaltig groß erschien, war versperrt durch einen Zaun von dicken weißen Borsten. Sie standen wie ein Gartengitter kranzförmig nach allen Seiten hin. Die grüne Fliege drängte sich hindurch und hielt mir den Eingang offen. So kamen wir in den unteren Raum, der ringsum geschlossen war. Da war ein Leben! Eine warme Luft schlug mir entgegen, und ein lustiger Lärm füllte den runden Saal. Dutzende von Fliegen und Mücken tanzten nach Herzenslust. Zwischendurch drängten sie sich zu einer Honigquelle unten am Boden und labten sich. Mitunter wollten einige nach oben hinausfliegen ins Freie, aber dann stießen sie gegen den Borstenzaun und fielen wieder zurück.
»Seht, Waldbruder«, sagte die Fee Minimax, »sie sind alle in die Falle gegangen. Hinein geht es leicht, weil die Borsten nach unten gerichtet sind, aber hinaus schwer.«
»Wie grausam!«, rief ich aus, »da müssen sie ja schließlich alle zugrunde gehen.«
Die Fee belehrte mich eines anderen: »Seht Ihr dort den Kranz von gelben Blättern? Das sind die Staubblüten des Aronsstabes. Und dort unten die weißen Köpfe sind Stempelblüten. Das Mückenzeug soll den Blütenstaub auf die Stempel bringen, sonst bekommt der Aronsstab keine Frucht. Wenn das genügend besorgt ist, schrumpfen die dicken Borsten ein, und der Ausgang wird frei. Der Aronsstab speist seine Gäste auch mit Honig, solange sie bei der Arbeit sind. Es ist also ein ganz reelles Geschäft.«
Das gefiel mir nicht schlecht, und ich trank auch mal aus der Honigquelle. Aber nun wurden die Mücken zudringlich und wollten alle mit mir tanzen. »Holla«, riefen sie, »was für ein putziger brauner Kerl! Komm, tanz mit mir, tanz mit mir!«
Es wurde mir ganz schwindlig. Da kam die gute Fee mir zu Hilfe, sie ergriff mich bei der Hand und kletterte hinaus. Die Borsten rissen meine Kutte fast in Fetzen, ich werde tüchtig flicken müssen.
»Jetzt zum Waldteich!«, rief Fee Minimax, »da gibt es noch mehr zu sehen!« Surr – ging es durch die Luft bis an das Ufer des Waldteiches.
»Jetzt tauchen wir unter Wasser«, sagte die Fee, »aber seid nicht bange. Lasst mir nur machen.«
Nun fing die kleine, grüne Fliege an zu surren in einem schrillen Tone. Nicht lange, da kletterte eine dicke Spinne mit langen braunen Haaren an einer Binse aus dem Wasser und glotzte uns an.
»Frau Wasserspinne«, sagte die Fee, »habt Ihr Eure Taucherglocke da unten fertig? Dann nehmt uns mal mit in die Tiefe.«
Frau Wasserspinne stellte die Haare aufrecht, dass sie wie Lanzen aussahen, und knurrte verdrießlich: »Meine Glocke ist fertig. Ich bin gerade daran, sie tüchtig mit Luft zu füllen. Soll ich den Braunen da auch mitnehmen? Der ist mir zu dick und zu schwer.«
Die grüne Fliege machte einige Zeichen mit den Vorderbeinen. Da schrumpfte ich noch mehr zusammen und wurde klein wie ein Floh.
»Nun mag es gehen«, knurrte Frau Wasserspinne. Wir setzten uns auf ihren Rücken und klammerten uns an den Haaren fest. Hopp, da tauchte sie nieder, und mir verging Hören und Sehen von dem Brausen des Wassers, das uns umspülte.
Als ich wieder zu mir kam, saßen wir ganz trocken und vergnügt in einer Taucherglocke unten im Wasser. Sie war kunstvoll gesponnen aus feinen, weißen Fäden und hatte bloß unten eine Öffnung. Beim Tauchen nimmt Frau Wasserspinne zwischen ihren Haaren eine Menge von Luftbläschen mit hinunter und füllt ihre Glocke damit an. Da haust sie und lauert am Eingange. Wenn ein Tierlein vorbeischwimmt, greift sie es mit ihren langen Spinnenarmen und saugt es aus.
Ich glaube, sie hätte mich auch ausgesogen, wenn die gute Fee nicht dabei gewesen wäre. Ich fürchtete mich vor den glotzenden Augen und den scharfen Zähnen und Beißzangen. Aber sie durfte mir nichts tun.
»Nun schaut Euch um, Waldbruder!«, sagte die Fee Minimax.
Ach, was es da zu sehen gab, da unten im Wasser! Riesige Kolbenkäfer fuhren umher, und Wasserflöhe wimmelten in Scharen, und ein Einsiedlerkrebs kroch in seinem Gehäuse von Holzstückchen und Steinchen langsam seines Weges.
Plötzlich kamen zwei Stichlinge daher geschossen. Ihr kennt sie gewiss, es sind eigentlich ganz kleine Fischlein, eine halben Finger lang. Mir erschienen sie furchtbar groß. Sie verfolgten sich und hatten den scharfen Stachelkamm auf dem Rücken steil aufgerichtet. Da war es dem einen geglückt, den anderen von unten her zu fassen. Im Nu hatte er ihm den Bauch aufgeschlitzt.
»Seht da den Wasserschlauch«, sagte die Fee. Ich sah ein grünes Gewächs, das viele kleine, offene Säckchen an den Zweigen trug.
»Damit fängt es die winzigen Wassertierchen«, erklärte die Fee, »sie können nicht wieder heraus und werden langsam von der Pflanze aufgefressen.«
Es wurde mir unheimlich, und ich verlangte heimgebracht zu werden. »Gut«, sagte Fee Minimax, »also nach oben!«
Eine Viertelstunde später saß ich wieder auf der Bank vor der Klause. Die grüne Fliege summte mir zweimal um den Kopf und verschwand. Ich war wieder ein richtiger Waldbruder.
Waldfrieden
Wie gut ist es dort, wo Friede ist! Wenn ich an diesen Hochsommerabenden vor meiner Klause sitze und den Rosenkranz durch die Finger gleiten lasse, wenn es dann wie ein tiefes, ruhiges Atmen durch den Wald geht und die lieben Sterne verstohlen durch die Wipfel blinzeln, dann wird es mir so stillselig ums Herz, als wenn ich im Paradiese wäre.
Es würde mich gar nicht wundern, wenn der gute Herrgott selbst den Waldweg entlangkäme in einem blauen, goldgestickten Mantel und mit einem langen, schlohweißen Bart, viel länger und schöner als der meine. Ich würde ihm ehrerbietig entgegengehen und ihm die Vaterhand küssen, und er würde gnädig lächeln und sagen: »Friede mit dir, Waldbruder! Wie steht’s im grünen Walde?«
Er weiß es selbst am besten, aber er will es auch mal von anderen hören. Was müsste ich dann sagen? Die reine Wahrheit, denn man kann dem lieben Gott keinen blauen Dunst vormachen.
»Lieber Herrgott«, würde ich sagen, »es steht gut in deinem Walde, aber so gut doch nicht, wie es aussieht.«
Dann würde der Herrgott wieder lächeln, und vielleicht würde er auf meiner armen Holzbank Platz nehmen, und wenn ich dann, wie es sich für einen Knecht passt, drei Schritte weit vor ihm stünde, so sagte er wohl: »Komm, setz dich zu mir, Waldbruder, und schütte mir dein Herz aus.« Denn er ist ja ein guter Herr. Das Herz würde mir klopfen, wenn ich so an seiner Seite sitzen dürfte, und am nächsten Tag hätte meine alte Kutte einen goldenen Ärmel, da, wo sie den Mantel des Herrgottes gestreift hätte.
Dann finge ich an zu reden, wie ein Kind zum Vater: »Lieber Himmelsvater, es ist Unfrieden auch im Walde. Deine Geschöpfe vertragen sich nicht immer, wenn man auch an diesem schönen, stillen Abende nichts davon sieht.«
»Das kommt von der bösen Sünde, Waldbruder«, würde der Herrgott dann antworten, »die Sünde hat den Fluch gebracht über meine liebe Welt. Aber der Fluch wird einmal hinweggenommen. Einstweilen magst du sehen, ob du das Kleine beschützen und hier und da Frieden stiften kannst.« So ungefähr denke ich es mir, und danach suche ich zu handeln. Neulich noch habe ich den Häher weggescheucht, als er das Rotkehlchennest überfallen wollte. Die kleinen Vögel wissen es schon, dass sie einen Beschützer an mir haben. Sie nisten gern nahe bei meiner Waldklause; ein Schwalbenpärchen hat sogar drinnen genistet und weckt mich jeden Morgen reichlich früh. Wenn der Junker Marder kommt, dem gar nicht zu trauen ist, obwohl er neulich beim Waldgericht über Reineke ein sehr ehrbares Gesicht machte, oder sein Vetter Iltis, der nichts besser ist, oder Frau Eule, die alle Paragrafen im Gesetzbuche kennt, aber nicht immer danach handelt, dann rufen die kleinen Vögel mich zu Hilfe.
»Waldbruder, Waldbruder«, jammern sie dann, und ich springe flugs mit meinem Knotenstock daher und vertreibe die Räuber. Die kleinen Vögel haben mich zum Ehrenmitglied der Singvögelgilde ernannt, obschon ich gar nicht so schön singen kann wie sie. Und Frau Nachtigall hat eigens ein Lied auf mich gedichtet, das sehr schmeichelhaft für mich ist. Ich sage es euch aber nicht auf, sonst merkt ihr zu deutlich, dass ich etwas eitel darauf bin.
Bald nach dem Waldgericht über Reineke kam Küster Kuckuck zu mir und erzählte, Frau Füchsin sei fortgegangen und habe die beiden ältesten Jungen mitgenommen. Den Jüngsten, den kleinen Hosenmatz, habe sie zurückgelassen, und er sitze vor dem Bau und hungere und heule gottserbärmlich. Das Büblein tut mir leid. Ich habe es in meine Waldklause geholt.
Erst wollte es gar nicht mitgehen und schrie immer nach seiner Mama. Ich habe es kurzentschlossen in meinen Kuttenärmel gesteckt und mitgenommen. Jetzt ist es schon ganz zutraulich und spielt mit meinen weißen Mäuslein, die sich wieder vermehrt haben. Es sind jetzt zwölf, ein ganzes Dutzend. Ich hoffe, dass ich den kleinen Fuchs zu einem anständigen, braven Waldburschen erziehen kann. Ich werde allerdings meine Last mit ihm haben. Die Kartoffeln wollen ihm nicht recht schmecken, und gestern hat er einem Mäusefräulein das weiße Schwänzchen abgebissen. Es schämt sich sehr und will sich gar nicht von hinten sehen lassen. Der kleine Fuchs hat die Rute bekommen und Besserung gelobt.
Er ist auch sonst ein lieber Kerl und heißt »Putzi«, weil er so drollig ist.
Ja, man hat oft seine Not mit dem Friedenstiften. Vorgestern zankten sich Frau Amsel, die ernste Person, und Frau Starin, die ein bisschen frech ist, gerade vor meiner Tür um einen Regenwurm und sagten sich die gröbsten Anzüglichkeiten. Der Wurm war schon tot.
Da habe ich ihn mit einem Spaten durchgeteilt und gesagt: »Nehmt jeder die Hälfte und vertragt euch!« Frau Amsel war zufrieden, aber Frau Starin sagte, sie hätte das kleinste Stück bekommen, und sie hätte mehr Kinder als Frau Amsel. Sie sind gerade wie die Menschen, diese Vögel.
Jungfer Reh ist ganz verträglich und spielt artig mit dem Brüderchen. Aber sie nagt zuweilen die Spitzen von den jungen Bäumchen, und das kann Herr Förster nicht leiden. Auch über Meister Lampe, den Hasen, kann ich nicht klagen. Er macht immer ein Männchen, wenn ich ihm begegne, und ist sehr höflich.
Aber einmal habe ich ihn doch bei einer Prügelei getroffen. Er gab einem Bruder tüchtige Pfotenhiebe über die Löffel, und der war auch nicht faul und trommelte wider mit aller Kraft. Ich wollte ihnen eine strenge Bußpredigt halten; ich hatte noch eine vorrätig, die ich für Reineke gemacht hatte und die ich leicht umändern konnte, sodass sie gut gepasst hätte.
Aber die beiden laufen mir zu schnell davon.
Das Ärgste hat Junker Marder begangen. Vor meinen Augen hat er das Eichhörnchen durch die Bäume gehetzt und ihm zuletzt trotz meines Scheltens die Kehle durchgebissen. Mein Freund, der Förster, will eine Knüppelfalle aufstellen für den Marder.
Es tut mir leid, aber er hat es verdient.
Erntearbeit
Wie steht es draußen auf dem Felde? Haben die Bauern die Ernte schon eingebracht? Ich denke, das Getreide wird schon meist eingefahren sein, aber mit den Kartoffeln wird es noch gute Weile haben.
Wisst ihr auch, wer früher mit der Ernte beginnt als der eifrigste Bauer? Das ist Herr Hamster. Ich traf ihn schon vor Wochen bei der Arbeit, als ich eines Abends zum Weidenhofe herausspaziert war. Da kam ich an einem Weizenfeld vorbei und sah, wie ein Bursche im grauen Rock eifrig zwischen den reifen Ähren herumhantierte. Es war schon dämmerig, und ich musste nahe hinzugehen, ehe ich ihn erkannte.
»Na, Herr Hamster«, sagte ich, »arbeitet Ihr im Akkord, dass Ihr Euch so spät noch dranhaltet?«
»Hm?«, brummte er und sah mich verdrießlich von der Seite an; er hatte den Klaps noch nicht vergessen, den er damals von mir bekommen hatte, als er in meiner Vorratskammer gemaust hatte.
»Sagt mal, Herr Hamster«, fragte ich weiter, »habt Ihr den Weidenhofbauern auch um Erlaubnis gefragt, dass Ihr auf seinem Acker ernten dürft?«
»Hm?«, brummte er wieder. Es war mir auffallend, dass er so wortkarg blieb. Als ich ihn genauer betrachtete, löste sich das Rätsel. Er konnte nicht sprechen, weil er beide Backen voll Weizen hatte.
So ein Hamster hat es bequem, er hat immer zwei Säcke bei sich. Ich wollte ihm eine kleine Strafpredigt halten, da schnitt er mir eine Fratze und hoppelte die Furche entlang zu seinem Bau in der alten Wallhecke.
Er wird schon einen guten Vorrat haben für den nächsten Winter, und man muss die Klugheit loben. Aber der alte Kerl treibt es ein bisschen arg, und dabei ist er ein rechter Geizkragen. Vorigen Winter war Frau Spitzmaus in Not geraten. Da hat sie bei Herrn Hamster angeklopft und um eine kleine Unterstützung gebeten. Er hat sie nicht bloß abgewiesen, sondern auch sehr grob angefahren und von »Bettelpack« gesprochen. Sie hat es mir selbst geklagt. Und dabei ist Frau Spitzmaus eine Person von guter Familie.
Da muss ich Frau Eichhörnchen loben, sie ist viel gutherziger. Einmal hat sie mir eine Haselnuss zugeworfen, als ich gerade an ihrem Hause vorbeiging.
»Da habt Ihr etwas zu knuspern, Waldbruder«, rief sie so recht freundlich und großmütig, und ich habe mich auch artig bedankt. Nachher sah ich freilich, dass die Nuss taub war; das wird sie wohl übersehen haben.
Frau Eichhörnchen ist eine reiche Frau. Sie hat außer ihrer Wohnung drei bis vier Vorratshäuser, und die sind jeden Herbst gefüllt mit Nüssen und Eicheln und Bucheckern, bis oben voll. Sie spaziert dann von einer Kammer zur anderen und isst sich ganz tüchtig durch den Winter. Vor der Kälte fürchtet sie sich auch nicht, denn sie schafft sich jeden Winter einen neuen Pelz an. Er ist nicht ganz so kostbar wie der, den Junker Marder trägt, aber doch hübsch und warm. Mit Kleidern und Pelzen wird überhaupt ziemlich viel Staat getrieben im Walde. Neulich begegnete ich dem kleinen Fräulein Wiesel, das trug einen schneeweißen Pelz, war aber auch so stolz, dass es meinen Gruß nicht einmal erwiderte.
Übrigens, ich ernte auch im Walde. Meistens lebe ich von der Hand in den Mund. Was war das für ein Pläsier zur Erdbeerzeit! Jeden Morgen zog ich zur Waldlichtung und holte mir eine ganze Schüssel voll. Man spürte den Duft schon von Weitem, und wenn man näherkam, sollte man glauben, eine gute Fee habe einen ganzen Sack voll Rubinen ausgeschüttet.
Frau Amsel fand sie auch sehr gut, und erst Frau Schnecke! Die ging gar nicht mehr fort und schmatzte den ganzen Tag an den süßen, roten Beeren herum. Nun, sie hatte ihr Haus ja auch bei sich und konnte auf der Stelle zu Bett gehen, wenn sie wollte. Waldbeeren und Brombeeren sind auch gut, aber Erdbeeren sind doch noch besser. Meine sieben Zwerge sind ganz närrisch darauf.
Die kleinen Kerle helfen mir wacker bei der Gartenarbeit und beim Einsammeln von Nüssen und verlangen gar keinen Lohn dafür. Ich muss ihnen nur bei jedem Neumonde den Bart etwas zustutzen und frisieren, denn sie sind ja ein bisschen eitel. Sie stehen dann nachher eine geschlagene Stunde am Waldteich und bespiegeln sich und drehen ihre Schnauzbärtchen. Wenn ich nächstens einmal in die Stadt komme, will ich ihnen einen kleinen Spiegel mitbringen. Oder ihr könnt mir einen besorgen. Ein Waldbruder passt nicht in die Stadt. Vielleicht hält man mich da für einen Bären und sperrt mich in einen Zoologischen Garten.
Ich ernte auch Pilze und trockne sie für den Winter. Das ist nahrhafte und leckere Kost, aber man muss sie kennen. Die Schönsten sind nicht immer die Besten.
Wie ich neulich mit meinem Korb daherkam, stand Herr Fliegenpilz am Wege und lachte mich schon von Weitem an und seinem purpurroten Hut.
»Nehmt mich mit, Waldbruder«, sagte ich, »ich bin der Schönste von allen.«
Aber ich habe ihm eine lange Nase gemacht und geantwortet: »Bleib, wo du bist! Du kommst mir nicht in meinen Topf, du Teufelskerl!« Seitdem sieht er mich nicht mehr an, mir ist es einerlei.
Ich traf damals auch den Meister Grimbart, den Dachs. Er lag vor seinem Bau und sonnte sich.
»Waldbruder«, gähnte er und gähnte vor Faulheit, »warum macht Ihr Euch das Leben schwer und schleppt Euch allerlei Sachen zusammen? Seht mich mal an!« Dabei drehte er sich herum und zeigte seinen dicken Specknacken.
»Macht es wie ich! Ich fresse mich den Sommer über dick und fett, und wenn der Winter kommt, gehe ich zu Bett und schlafe. Ich zehre vom eigenen Fett bis zum Frühjahr.«
Diese Methode ist allerdings bequem. Ich sagte ihm aber: »Eins schickt sich nicht für alle, Meister Grimbart! Ich kann nicht gut so lange schlafen, und dann sieht so ein dickes Bäuchlein auch nicht gut aus für einen Waldbruder.«
Die Waldhochschule
Diesmal kann ich euch ein Ereignis berichten, das jedenfalls euer besonderes Interesse erregen wird. Es ist die kürzlich erfolgte Gründung unserer Waldhochschule.
Da macht ihr Augen, nicht wahr? Damit ihr den rechten Respekt bekommt, will ich euch auch gleich sagen, dass euer Waldbruder einstimmig zum Leiter der Schule erwählt worden ist. Da es nun eine Hochschule ist – unter dem tun wir es nicht –, so bin ich also Hochschuldirektor und kann Anspruch machen auf den Titel »Magnifizenz«. In meiner Bescheidenheit habe ich mir diesen Titel aber verbeten, und ihr dürft mich nach wie vor einfach »Waldbruder« nennen. Nur Frau Eule, die große Stücke auf das gelehrte Wesen hält, redet mich hartnäckig mit Magnifizenz an. Sie lässt es sich nicht nehmen. Dafür erwartet sie aber auch, dass man sie »Frau Dekanin« tituliert. Sie bekleidet nämlich die Dekanswürde in der juristischen Fakultät, das will sagen, in der Abteilung für Rechtsgelehrsamkeit.
Von Frau Eule ist die Idee, eine Waldhochschule zu gründen, ausgegangen. Ich hatte deshalb auch vorgeschlagen, ihr den Ehrentitel »Universitäts-Mutter« zu geben. Das hat sie aber abgelehnt, doch hört sie es gern, wenn man jene Ehrenbezeichnung gebraucht, die dem Dekan zusteht, nämlich »Spektabilität«. Das heißt soviel wie Ansehnlichkeit, während Magnifizenz Großmächtigkeit bedeutet. Ich habe den Eindruck, dass Frau Eule den Titel Spektabilität deshalb so sehr liebt, weil er durch seinen Klang lebhaft an Speck erinnert. Speck isst sie nämlich sehr gern.
Die Gründung ging nicht ganz glatt vonstatten. Frau Eule hatte schon einige Male geäußert, es sei bedauerlich, dass die Bildung bei uns im Walde viel zu wünschen übrig ließe, von Wissenschaft ganz zu schweigen. »Außer Euch und mir«, sagte sie, »gibt es kaum einen, der lesen und schreiben kann, und was das Rechnen anbetrifft, so können die meisten nicht bis drei zählen. Frau Amsel zum Beispiel merkt es gar nicht, wenn der Häher ihr ein Ei aus dem Neste stibitzt, solange noch ein oder zwei darin bleiben. Und Frau Meise weiß niemals, wie viele Kinder sie hat. Die Person treibt allerdings auch große Verschwendung mit dem Kindersegen.«
»Nun«, sagte ich, »der kleine schwarze Taumelkäfer auf dem Waldteiche schreibt doch sehr flott und macht die schönsten Schnörkel, indem er auf der Oberfläche des Wassers herumfährt. Man nennt ihn ja auch das Schreiberlein.«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: »Ach, der kann ja selbst nicht lesen, was er schreibt, und andere Leute können es auch nicht.«
Nach kurzem Besinnen fuhr sie fort: »Was wäre das für ein Gewinn für die Wissenschaft, wenn jedes Geschöpf im Walde seine ausführliche Lebensbeschreibung verfassen würde. Dann würde auch viel dummes Zeug aus den Menschenbüchern verschwinden.«
Das leuchtete mir ein, und halb im Scherz warf ich die Bemerkung hin: »Wenn schon, denn schon! Gründen wir eine Schule, dann müsste es gleich eine Waldhochschule sein. Man muss sich das Ziel hochstecken.«
Frau Eule sah mich nachdenklich an, rückte ihre Haube zurecht, murmelte etwas vor sich hin und verabschiedete sich. Am nächsten Morgen, früh in der Dämmerung, klopfte sie an mein Fensterlein:
»Waldbruder, ich habe gleich alles in die Wege geleitet. Heute Abend ist Versammlung zur Gründung einer Waldhochschule. Punkt acht Uhr am Unkenteich. Ihr übernehmt doch den Vorsitz?«
Nun, man will ja nicht gern als ein Vertreter der Volksverdummung dastehen, und so sagte ich denn zu. Ich war sehr gespannt auf das Ereignis. Es fiel glänzend aus.
Als ich um acht Uhr beim Unkenteich ankam, wimmelte es von Volk. Vorläufig konnte man eher an alles andere als an eine Hochschule denken, so ging das Gezwitscher und Geplapper durcheinander. Als ich um Ruhe bat, verstummte alles und sperrte Maul oder Schnabel auf. Ich eröffnete die Versammlung, legte kurz den Plan der beabsichtigten Gründung vor und erteilte Frau Eule das Wort. Sie putzte die Brille, spuckte etwas Mäusewolle aus und hielt dann einen langen, scharf durchdachten Vortrag über den Nutzen der Wissenschaft, erstens im Allgemeinen, zweitens im Besonderen, drittens im Walde. Die meisten Vögel schliefen während des Vortrages ein, wurden aber wieder wach, als sich eine lebhafte Debatte anknüpfte. Frau Häsin fragte, ob an der neuen Schule auch Kochunterricht gegeben würde. Frau Eule verneinte es, stellte aber in Aussicht, dass eine Vorlesung gehalten werden sollte über Nahrungsmittelchemie, was Frau Häsin wenig zu interessieren schien.
»Ich meine«, sagte sie, »die Zubereitung des Winterkohls wäre viel wichtiger. Er liegt meinem Manne immer so schwer im Magen.«
»Du musst ihn auch gut durchfrieren lassen«, bemerkte Frau Kanin und fragte dann, ob an der Schule auch Handarbeit gelehrt würde. »Denn«, sagte sie, »die Kinder verschleißen schrecklich viele Socken, und die jungen Mädchen lernen gar kein ordentliches Stopfen mehr.«
Frau Eule lehnte auch die Handarbeit ab und meinte, sie sei Sache der Familienerziehung. Frau Graudrossel erkundigte sich nach dem Gesangunterricht. Dieses Fach müsste besetzt werden, erwiderte Frau Eule, und sie hoffe, dass Frau Graudrossel selbst die praktischen Übungen übernehmen würde.
Da meldete sich Küster Kuckuck und sagte: »Besonders wichtig sind die Treffübungen, denn es kommt alles auf die richtigen Tonintervalle an. Wenn einer die Terz rein herausbringt, dann ist schon viel gewonnen. Ich bin bereit, diese Spezialübungen zu leiten.«
»Gut«, entschied Frau Eule, »damit aber die Wissenschaft zur Geltung kommt, müsst Ihr auch ein Kolleg halten über Geschichte und Theorie der Musik.« Meister Kuckuck machte sich stark dafür.
»Wie ist es mit dem Turnen?«, rief der älteste Sohn von Frau Eichhörnchen und machte gleich ein paar gymnastische Übungen an seinem Ast, die große Welle, die kleine Welle und sonst noch allerlei.
»Gymnastik und Rhythmik gehören dazu«, sagte Frau Eule.
»Auch das Tanzen?«, fragte Fräulein Hermeline Wiesel und brüstete sich trotz der Sommerwärme mit seinem weißen Pelz.
»Auch«, sagte Frau Eule, »aber eine wissenschaftliche Grundlage …«
»Auch das Rudern?«, unterbrach sie ein Froschjüngling.
»Gewiss«, sagte Frau Eule, und da merkte ich an dem Beifall der jungen Welt, dass die Sache gewonnen war. Nur schien mir die eigentliche Wissenschaft etwas zu kurz zu kommen.
Frau Eule war offenbar derselben Meinung und gab dieser Meinung beredten Ausdruck, unterstützt von Meister Grimbart, dem Dachs.
»Kommilitonen«, schnarrte er mit einem Bierbass, wie ein alter bemooster Bursche ihn sich nicht besser wünschen kann, »das sind doch alles mehr oder weniger Fisimatenten …«
»Nieder mit dem Kerl!«, riefen die sämtlichen Frosch- und Eichhörnchenjünglinge.
Aber Meister Grimbart fuhr ruhig fort: »Meinethalben kann das alles dabei sein, aber die Hauptsache ist strenge Wissenschaft. Ich zum Beispiel bin gern bereit, eine Vorlesung zu halten über Geschichte und System der Philosophie, besonders über Metaphysik und Metapsychik mit Einschluss der Mystik und des Okkultismus …« Hier wurde er durch einen starken Lärm unterbrochen.
Ich hielt es an der Zeit einzugreifen. So machte ich den Vorschlag, die Sache an eine Kommission zu verweisen. Das fand allgemeinen Beifall. Gewählt wurden Frau Eule, Meister Grimbart, der Waldbruder und Krax junior, der Frosch. Wir sollten nun die Statuten entwerfen, die akademischen Lehrer anwerben und das Verzeichnis der Vorlesungen aufstellen. Arbeit genug! Ihr könnt euch denken, dass euer Waldbruder jetzt alle Hände voll zu tun hat.
Wissenschaft im Walde
Ihr werdet sicher gespannt sein auf die weitere Entwicklung unserer Waldhochschule. Das Ding ist am Rollen. Aber es waren doch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden. Ich hatte viel zu tun, um zwischen den verschiedenen Richtungen zu vermitteln. Die ersten Sitzungen der Kommissionen verliefen etwas stürmisch. Frau Eule hat sich stark auf die reine Wissenschaft verbissen, und Meister Grimbart stimmt ihr bei. Die beiden sind dicke Freunde geworden und wollen ein sehr gelehrtes Lexikon herausgeben, worin sämtliche Dialekte des Waldes verzeichnet stehen, sogar die stumme Fischsprache.
Krax junior spricht immer von Leibesübungen und studentischen Verbindungen und akademischer Freiheit und führt ein großes Wort mit seinem breiten Maule. Er hat bereits einen Ruderklub gegründet, und wie man hört, feiern die Frösche jeden Abend einen Kommers im Unkenteiche. »Saufgelage« nennt es Frau Eule. Die Frösche haben sich ein Kommersbuch angeschafft und brüllen alle möglichen Studentenlieder und trinken sehr viel dazu – zum Glück bloß Wasser.
Die Eichhörnchen haben einen Turnverein gegründet unter dem Namen »Gutsprung«. Die Junker Marder sollen mit dem Gedanken umgehen, ein Korps zu stiften, und suchen einen passenden Paukboden für die Mensur. All dies bezeichnet Frau Eule als »Auswüchse«. Sie hat diesen Ausdruck aber auf meine Veranlassung zurückgenommen; andernfalls wollte Krax junior aus der Kommission austreten.
Endlich kam doch eine Verständigung zustande. Für die Statuten wurde eine Unterkommission ernannt, Frau Eule und ich. Wir wollen uns die Sache reiflich überlegen und gründlich ausarbeiten. Sodann wurde ich als Rektor erwählt, was ich ja schon berichtet habe.
Zugleich muss ich die theologischen Vorlesungen übernehmen; ich halte ein Kolleg über die Tier-, Vogel- und Pflanzenwelt im Alten und Neuen Testamente mit besonderer Berücksichtigung des Waldes. Meister Grimbart, der eigentlich die philosophische Abteilung übernimmt, will nebenbei auch die Theologie unterstützen. Er liest über ein asketisches Thema, nämlich über die gründliche Anfettung als Voraussetzung eines langandauernden Fastens während des Winterschlafes.
Frau Schnecke hat sich erhoben, ein philosophisches Thema behandeln, nämlich das höhere und das niedere Seelenleben der Kriechtiere. Frau Eule vertritt ganz allein die Rechtsgelehrsamkeit. Sie hält Vorlesungen über Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie, über den Zivil- und Strafprozess und stellt praktische Übungen an im Lesen der Pandekten.
Die medizinische Abteilung ist nicht übel vertreten durch Junker Edelmarder. Er verlangt aber für seine chirurgischen und anatomischen Übungen jede Woche ein Versuchskaninchen. Das scheint uns etwas viel zu sein, und ich bin überhaupt dagegen. Sein Kollege, Junker Steinmarder, verlangt bloß wöchentlich eine Maus. Er will über innere Krankheiten lesen, mit besonderer Berücksichtigung der Bakteriologie.
Meister Lampe, der Hase, will ein Kolleg halten über höhere Mathematik, Frau Fledermaus über Sternkunde und Krax junior über die neuere Atomlehre. Wir wissen aber nicht recht, ob diese drei die nötigen Lehrbefähigungen besitzen. Die anderen Fächer sind noch nicht besetzt, aber wir dachten, wir könnten schon den Anfang machen. Das Weitere würde sich schon finden.
Nun ist der wissenschaftliche Betrieb in vollem Gange. Gehälter werden nicht gezahlt; jeder muss sich selbst suchen, was er braucht, wie das im Walde immer so gewesen ist.
Zunächst haben sich sämtliche Hochschullehrer eine Brille angeschafft und sehen nun sehr gelehrt aus. Zur Eröffnung der Waldhochschule wurde ein feierlicher Akt abgehalten, bei dem ich als Rektor eine Programmrede vom Stapel lassen musste. Frau Graudrossel hatte in der Eile einen akademischen Gesangchor zusammengestellt, der seine Sache recht gut machte. Nur Meister Kuckuck behauptete, eine Terz sei etwas zu tief genommen worden. Dann trug Jungfer Reh ein selbstverfasstes, sehr gefühlvolles Gedicht vor, blieb aber leider mitten darin stecken, weil sie in ihrer Schüchternheit Herzklopfen bekam.
Im Allgemeinen sind die Vorlesungen gut besucht. Nur im Kolleg von Frau Eule ist es leer. Sie spricht entsetzlich langweilig und blättert immer in den Gesetzbüchern, weil sie die richtigen Paragrafen nicht finden kann. Ich glaube, es gibt auch viel zu viele Paragrafen.
Die medizinischen Vorlesungen fallen aus, weil weder die Kaninchen noch die Mäuse sich zur Verfügung stellen wollen.
Die beiden Junker Marder haben richtig ein Korps gegründet. Sie tragen weiße Stürmer, und man muss sich in Acht nehmen, sonst wird man von ihnen angerempelt. Auch ist zu beklagen, dass die Frösche vielfach das Kolleg schwänzen; sie kommersieren zu viel und schlafen dann den halben Tag.
Frau Eule liest allerdings immer des Abends in der Dämmerung, weil sie dann am besten sehen kann. Aber dann kommen die Frösche auch nicht, weil sie beim Dämmerschoppen sitzen.
Dem Meister Lampe ist die Lehrbefugnis für Mathematik aberkannt worden, weil er steif behauptete, zwei mal zwei sei fünf, ohne es beweisen zu können.
Im Übrigen geht alles flott und glatt. Frau Häsin besucht sehr fleißig das Kolleg von Meister Grimbart über die Anfettung, wie man sieht, mit bestem Erfolge. Nur plagt sie den Professor in jeder Stunde mit der Frage der besten Zubereitung des Winterkohls.
Wie man hört, will der Studiosus Karl Eichhorn junior seinen Doktor machen. Er hat eine Arbeit eingereicht mit dem Titel »Über den richtigen Absprung zum Weitsprung und über die Verwendung des Schweifes als Fallschirm beim Gleitsprung«. Sein Bruder, Fritz Eichhorn, tritt ihm entgegen mit der Behauptung, der Schweif sei mehr als Steuer zu benutzen und habe als Fallschirm weniger Bedeutung. Er arbeitet an seiner Gegenschrift mit dem Titel »Über die waagerechte Beinspreizung als Fallschirm unter Berücksichtigung der Schweifsteuerung«.
Professor Heuschreck soll als Sachverständiger über die Streitfrage entscheiden. Da er selbst über keinen Schweif verfügt, will er ein Gutachten von Frau Elster und Fräulein Buchstelze anfordern. Diese beiden gelehrten Damen haben sich aber in einem Disput stark veruneinigt und dabei heftig mit den Schwänzen gewippt. Zuletzt gerieten sie sich in die Haare, das heißt in die Federn. Bei alledem ist es zweifelhaft, ob die Streitfrage entschieden werden kann.
Ihr seht, die Wissenschaft ist nicht so leicht. Man hat einen schweren Stand, wenn man Universitätsrektor und Magnifizenz ist wie euer Waldbruder.
Der Rundreisefahrschein
Es geht toll her in unserem Walde mit dem Wissenschaftsbetrieb. Wenn ich gewusst hätte, was für Scherereien man hat mit einer Waldhochschule, dann hätte ich mich gar nicht darauf eingelassen.
Als Rektor soll man für alles aufkommen. Frau Eule, die gar keine Zuhörer mehr hat bei ihren Vorlesungen, hat sich auf das Schreiben verlegt. Neulich brachte sie mir eine umfangreiche Handschrift. Es war ein ganzer Ballen und so schwer, dass sie ihn selbst nicht tragen konnte. Meister Grimbart hatte das gelehrte Werk auf seinen Rücken genommen und schwitzte sehr. Es ist der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches für Waldstaaten. Ich soll eine Vorrede dazu schreiben und auch einen Verleger ausfindig machen, der es drucken will.
Dann plagt mich auch Jungfer Reh mit ihren Waldliedern, die Gedichte sind sehr gefühlvoll, wenn die Rechtschreibung und die Satzlehre auch nur mangelhaft beachtet sind. Aber die Verse sind so furchtbar lang, dass man die Versfüße gar nicht zählen kann; es sind richtige Tausendfüßler.
Um mich dieser Belästigung zu entziehen, habe ich mir ein gutes Mittel ersonnen. Ganz still und heimlich habe ich mir einen Hochsitz erbaut in dem Wipfel der dicksten und höchsten Eiche. Aus kräftigen Brettern habe ich den Sitz zusammengezimmert, mit bequemen Armlehnen daneben. Der Weidenhofbauer hat mir Hanf gegeben, und daraus habe ich eine Strickleiter geflochten, um heraufzuklettern. Da sitze ich in stillen Stunden in luftiger, grüner Höhe. Wenn der Wind geht, ist es wie eine Wiege oder wie ein Schiff. Ich schaue über die Gipfel wie über ein grünes Meer.
Die Brüder Eichhorn haben mein Lufthäuschen entdeckt und besuchen mich zuweilen; sie wollen es aber nicht verraten. Nur reden sie mir immer zu, ich solle von oben her den Gleitsprung versuchen. Sie machen es mir zuweilen vor, ich mache es ihnen aber nicht nach, denn meine Knochen sind mir zu lieb.
Auch General Bussard hat mich schon besucht in meiner Höhe. Er meinte erst, es habe sich ein Vetter von ihm dort angesiedelt, und machte ein böses Gesicht. Als er den Waldbruder erkannte, war er zufrieden, weil ich keine Mäuse esse. Er sagt, die Mäuse seien etwas rar dieses Jahr.
Als ich gestern Mittag bei ganz ruhiger Luft auf meinem Hochsitze saß und träumte, bemerkte ich, dass ein weißes Sommerwölkchen unbeweglich über mir stand. Es ging nicht von der Stelle und schaute mich an in seinem feinen, weißen Kleidchen.
»Grüß Gott, kleines Fräulein«, rief ich hinauf, »wohin willst du?« Wolken und Sterne muss man duzen, sie wohnen nahe beim lieben Gott, und im Himmel duzt sich alles.
Das weiße Wölkchen lächelte leise und reichte mir mit der zarten Kinderhand einen Zettel herunter. Es war ein Fahrschein, und viele, viele Stationen standen darauf verzeichnet. Ich konnte so schnell gar nicht alle lesen, aber so viel sah ich wohl, dass es eine Rundreise war von Meer zu Meer.
»Eine so weite Reise willst du machen?«, fragte ich erstaunt, »und bist du denn nicht bange?«
»Keineswegs«, sagte die Kleine, »der mir die Fahrkarte ausgestellt hat, wird mich auch führen.«
Ich bat das Wolkenjüngferlein, mir etwas von seinen Fahrten zu erzählen. Es war gern dazu bereit, denn es machte gerade eine Ruhepause. »Bruder Wind ist schlafengegangen«, sagte es, »und so haben wir etwas Zeit zum Plaudern. Ach, Waldbruder, es gibt nichts Schöneres als das Reisen. Ich komme aus der Nordsee und habe wochenlang ein vergnügtes Leben geführt, getanzt bei Tag und Nacht. Da kam Mutter Sonne und sagte: Kind, du musst reisen! Dann webte sie mir mit ihren goldenen Fingern ein weißes Kleidchen und zwei leichte Flügel, übergab mir den Fahrschein und sagte: Da steht alles drauf, der Herrgott selbst hat den Schein gestempelt, und nun Glück auf die Fahrt! Jubelnd schwang ich mich empor, und der Wind trug mich mit starken Armen fort.
So ging es über die fetten Weiden des Marschlandes, wo die schweren Kühe grasten und die Holländer mit großen Holzschuhen umhertrampelten; das war lustig. Über viele Dörfer und Städte bin ich gezogen und habe in manchen Schornstein geguckt. Die Hähne auf den Kirchtürmen schauten mir erstaunt nach und wären gern mitgeflogen, aber sie saßen fest. Ich habe sie ausgelacht.

Da sah ich den Rhein mächtig und breit dahinziehen und sah viele qualmende Schornsteine. Ich bin schnell weitergeflogen, denn ich wollte mir mein weißes Kleid nicht rußig machen. Nun bin ich aber über deinem großen Walde und atme ordentlich auf. Er gefällt mir wohl, und es riecht auch so gut hier, aber bleiben darf ich nicht.«
»Wohin geht es denn weiter?«, fragte ich.
»Über das weite, deutsche Land«, sagte das Sommerwölkchen, »ach, das ist schön, mit seinen grünen Bergen und goldenen Feldern und silbernen Flüssen und roten Städtchen! Dann kommen die hohen Alpen. Die solltest du sehen, Waldbruder! Wir ein gewaltiger Marmordom ragt das Hochgebirge in die blaue Luft. Ich war schon einmal dort und freue mich, wieder hinzukommen. Aber kalt ist es dort oben, da werde ich zu Schnee und muss dort eine ganze Weile rasten auf dem höchsten Gipfel, von dem man die weite Welt überschaut.«
»Da wäre ich nicht so gern dabei«, meinte ich, »jedenfalls würde ich mir warme Wollsocken anziehen.«
»Es kommt bloß auf die Gewohnheit an«, lachte das Wölkchen, »den ganzen Winter darf ich dort oben wohnen und sehe die stolzen Adler kreisen und höre die Murmeltiere pfeifen. Im Frühjahr aber mache ich eine Rutschpartie. Heißa, dann geht es mit einer Lawine donnernd zum Tal, das ist ein herrlicher Sport, noch ganz anders als Skilaufen und Telemarkensprung. Ich will mich aber in Acht nehmen, dass ich keine Häuser und Almhütten umreiße. Dann schmelze ich in der Frühjahrssonne, und nun kommt die unterirdische Reise. Ich dringe tief in die dunklen Gründe der Erde und betrachte ihr verborgenen Geheimnisse, das harte Gestein und das schimmernde Erz. Zuletzt komme ich dann in einer Quelle wieder ans Licht. Ach, man freut sich so sehr, wenn man die Sonne wiedersieht!«
»Das kann ich mir denken«, sagte ich, »und da wäre ich auch gern dabei.«
»Du?«, lachte das Sommerwölkchen, »du würdest alle Knochen zerbrechen, denn das geht nicht so langsam und bedächtig, sondern mit allem Mutwillen. Ich springe und schäume von Fels zu Fels und stürze mich turmhoch hinunter. Purzelbäume schlage ich ohne Zahl, und nebenbei gebe ich den Alpenrosen und dem Edelweiß etwas zu trinken.
Der Tessin führt mich dann in den schönen Lago Maggiore. Da stehen die alten Kastanienwälder. Da sind die Städtchen nicht rot wie in Deutschland, sondern weiß. Da glühen die Orangen im dunklen Laub, und die Sonne! Die Sonne ist dort herrlich und der blaue Himmel unvergleichlich. In dem schönen See will ich nach Herzenslust tanzen und will mir auch die wunderbaren Borromäischen Inseln ansehen. Was da für Blumen blühen, kannst du dir gar nicht denken.«
»Bleibst du denn dort?«, fragte ich.
»Bewahre!«, rief das Wölkchen, »bleiben darf ich nirgends. Ich wandere in die blaue Adria und dann nach Süden weiter. Auswendig weiß ich nicht alles, aber es steht auf meinem Fahrschein. Ich komme durch die Meerenge von Gibraltar und soll im Golf von Biskaya einen Seesturm mitmachen. Da will ich aber den großen Wogen tüchtig brüllen helfen. Als Nebel besuche ich die große Stadt London und plage die zähen Engländer ein bisschen. Vielleicht muss ich noch zum Nordpol hinauf, wo die Eisbären hausen. Doch da ist Bruder Wind wach geworden, nun geht’s weiter. Lebe wohl, Waldbruder!«
Das Laub am Baume fing an zu säuseln und zu rauschen. Schnell spannte das Wölkchen die Flügel auf wie weiße Segel, und leicht wie eine Feder flog es davon.
In der
Waldklause
Erlebnisse des Waldbruders im ersten Jahre
Herbst
Drei Gedichte
Der Färbermeister
Turnfest
Sprit
Herr Storch
Rübezahl
Die Wilde Jagd
Zwergenhochzeit
Vater Sturm
Herbst
Herbst, du bist der rechte Mann!
Dass man gut spazieren kann,
Gehst du sacht mit leichten Schritten;
Färbst den Wald mit goldnem Schein,
Webst Marienfäden ein,
Und das Laub, das hingeglitten,
Gibst du als ein Winterbett
All den Würzlein, fein und nett.
Ach, wie bist du wohlgelitten!
Aber lass den Sturm zu Haus,
Sausebraus, sonst reiß ich aus
Und verkriech mich in die Klaus!
Herr Herbst hat eine offene Hand
Und streut die Früchte übers Land.
Wir sammeln seine guten Gaben,
damit wir was zu knuspern haben.
Und zieht der bunte Herbst ins Land,
Dann gilt es sammeln allerhand;
Bucheckern, Nüsse, haufenweise,
das gibt mir fette Winterspeise.
Der Färbermeister
Heute sollt ihr einen Augenschmaus haben. Kommt, wir steigen diese Anhöhe hinan. Oben öffnet sich eine freie Aussicht, und da habt ihr den Wald vor euch zu Füßen und könnt darüber hinwegschauen. Nun seht einmal das Farbenspiel in Grün, Gelb und Rot und dazwischen die schwarzen Tannen! Der Wald ist niemals schöner als im Herbst. Frau Sonne schaut durch die weißen Wolken und gibt uns die rechte Beleuchtung. Dann wird alles noch einmal so bunt.
Habt ihr es schon gewusst, dass Herr Herbst ein Färbemeister ist? Der Frühling ist von Beruf Gärtner, er pflanzt all die schönen Blumen. Der Sommer ist Koch, er kocht die Früchte reif mit süßen Säften und braucht keine Töpfe und kein Feuer. Frau Sonne geht ihm zur Hand mit ihren warmen Strahlen. Der Gärtner Frühling trägt einen bunten, kurzen Kittel und der Sommer einen schneeweißen, leichten Anzug, wie es für einen Koch passt. Auch eine weiße Mütze, die sehr proper aussieht. Aber der Herbst, das ist ein Mann!
Dieser Tage bin ich ihm begegnet, als ich gerade auszog, um Bucheckern zu sammeln. Frau Eichhörnchen hatte mir eine dicke, runde Buche bezeichnet, die besonders reichlich Frucht trägt.
Wie ich so den Waldweg entlangwandelte und ein Liedchen vor mich hin summte, stieg mir ein sonderbarer brenzliger Geruch in die Nase. Ich blieb stehen und schnüffelte in die Luft und brummte: »Wenn das nicht Rauch von Kartoffelkraut ist, dann will ich kein Waldbruder sein.« Da kam ein behäbiger Mann im Färberkittel mit allerlei Töpfen und vielen Pinseln, kurzen und langen, um eine Webbiegung und rief schon von Weitem: »Gut, dass ich Euch treffe, Waldbruder! Ihr könnt mir die Töpfe tragen. Ich bin schrecklich beladen und habe ungeheuer viel Arbeit zu tun.« Er sprach etwas undeutlich durch die Zähne, denn er hielt eine kurze Pfeife im Munde.
»Na«, sagte ich, »wo wollt Ihr denn hin, Meister Färber? Hier im Walde gibt es doch nichts anzustreichen.« Er stellte seine Töpfe auf den Boden und stopfte seine Pfeife. Er tat wirklich trockenes Kartoffelkraut hinein.

»Ich rieche es so gern«, schmunzelte er vergnügt, »ich bin nämlich der Herbst. Nichts anzustreichen im Walde? Da sollt Ihr Euch wundern. Hier, nehmt den großen Topf mit Gelb in die rechte Hand. Gelb brauche ich am meisten. In die linke nehmt den Topf mit Braun, der ist auch ziemlich schwer. Den Topf mit Rot hänge ich mir vorn ins Knopfloch, der ist leicht. Die anderen Töpfchen mit den Mischfarben hänge ich mir der Reihe nach vor den Leib in meinen Gürtel. So, nun kann es losgehen.«
Damit tauchte er seinen Pinsel in Gelb und fuhr über den Feldahorn. Sogleich leuchtete er wie eitel Gold. Dann fuhr er über die Eichen her mit Braun und spritzte etwas Rot auf die Brombeerblätter. Als wir zu den Buchen kamen, fasste er den längsten Pinsel mit beiden Händen und wischte und tupfte und spritzte und sprühte mit allen möglichen Farben. Ich hätte gar nicht gedacht, dass der behäbige Mann so flink sein könnte. Und dabei schwätzte er in einem fort und lachte dazwischen und paffte, dass der blaue Rauch lustig durch den bunten Wald wirbelte. Das graue Spitzbärtchen zuckte munter auf und ab, und seine gesunden roten Backen glänzten ordentlich vor Vergnügen.
»Waldbruder«, sagte er, »weil Ihr ein so guter Mann seid und mir so wacker helft, will ich Euch ein Pläsier machen. Ihr habt wilden Wein an Eurer Klause, der soll leuchten wie Purpur. Ich will mit der Farbe nicht sparen. Und die Dornsträucher daneben will ich Euch vergolden, dass es eine Pracht ist. Wenn Ihr wünscht, mache ich Euch auch einige bunte Tupfen auf Eure braune Kutte.«
Ich bedankte mich und sagte: »Die Kutte wollen wir lieber so lassen, wie sie ist, sonst lacht das ganze Waldgesindel mich aus.«
»Auch gut«, lachte er, »Braun ist eine schöne Farbe, ich mag sie gern leiden. Nur Grün kann ich nicht ausstehen.«
Ich meinte, dann würden wir noch viel Arbeit haben mit den Tannen, denn die wären alle noch grün.
Da zog er ein etwas verdrießliches Gesicht und brummte: »Über die Tannen ärgere ich mich jedes Jahr. Aber ich darf ihnen mit meinem Pinsel nicht nahekommen. Wisset, das liebe Christkind hat es mir verboten, es will zu Weihnachten einen grünen Baum haben. Ich habe mich untertänigst erboten, die Tanne so bunt zu malen wie einen Regenbogen, aber es wollte nichts davon wissen. Nun gut, die Menschen hängen schon allerlei bunten Flitter hinein in den Christbaum.«
Es fing an zu dunkeln, und der Herr Färbermeister machte Feierabend. Er spritzte seine Pinsel aus, dass die gelben und roten Tropfen nur so herumsprühten. All das kleine Kraut haschte danach und rief: »Mir auch! Mir auch!« Und wer einen farbigen Tupfer erwischt hatte, war ganz stolz.
»Aber«, sagte ich, »gehen wir denn nicht ins Feld?«
Er schüttelte mit dem Kopf: »Nein, da steht die junge Saat, die darf ich nicht anrühren. Aber ich gehe noch eben durch den Obstgarten und mache den Birnen ein gelbes Gesicht und den Äpfeln eine rote Backe. Hier habe ich auch noch ein kleines Töpfchen mit Blau, damit will ich die Schlehen noch flink anmalen. Geht nur schon in Eure Klause, Waldbruder, und macht Feuer an. Es wird kühl am Abend. Ich komme gleich nach, und dann setzen wir uns gemütlich zusammen und braten Kartoffeln in der heißen Asche. Weil Ihr mir so fleißig geholfen habt, bringe ich Euch auch eine süße Weintraube mit. Ich weiß wohl, Ihr seid ein Leckermaul, wenn Ihr es auch nicht wahrhaben wollt. Also bis gleich!«
Damit trippelte er flink weiter, und ich ging heim. Was wir uns dann später am Feuer erzählt haben, das waren lange Geschichten, und davon berichtet euer Waldbruder euch vielleicht ein andermal.
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