Kitabı oku: «Nächte mit Bosch»

Yazı tipi:

AXEL HACKE

NÄCHTE MIT BOSCH

18 unwahrscheinlich

wahre Geschichten

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

Vorwort

Nächte mit Bosch

Mensch, danke, Onkel Oskar

Sterben vor prima Kulisse

Wolfgang – so issa

Die kleinen Laster des Mf. 369

I mog nimmer inkarnier’n

Pigmentveränderungen bei Perlewitz

Kein Gedanke. Nirgends

Hauptsache verbunden

Ein Radler fährt schwarz

Kleine Rülpser, dumpfes Gluckern

Schnägg! Schnägg!

Das Wüste lebt

Ich traf den Yeti

Feinkost schlägt zurück

Ein Affe für mich allein

Hühner meines Lebens

VORWORT

EINES TAGES, als ich allein in der Kneipe stand, zupfte mich ein riesiges graugrünes Monster am Ärmel und sagte: »Hey, willste nicht mal ein Buch schreiben? Ich hab nix mehr zu lesen.«

»Heute noch?«, fragte ich müde.

»Ja!«, rief das Monster und spuckte Flammen aus seinem greulichen Maul, sodass mein Bier verdunstete.

»Was soll ich schreiben? Soll ich was erfinden?«

»Oh, erfinden ist gut!«, brüllte das Monster.

Ich erfand ein zweites Bier, und dann erfand ich ein noch viel graugrüneres Monster. Es war so rüpelhaft, dass es mir absichtlich das Bier umstießt. Ich bestellte ein drittes.

Das neue Monster war unangenehm. »Du faules Schwein«, herrschte es mich an. »Glaubst wohl, ein Monster erfinden reicht schon, was? Mach weiter!«

»Genau«, sagte das erste Monster, das ich gar nicht erfunden hatte, »jetzt schreib mal was Wahres!«

Ich erfand eine Verlegerin. »Was Wahres!«, brüllte das erste Monster.

Die Verlegerin trank mein drittes Bier aus. »Diese Verlegerin ist wahr«, sagte ich bestimmt und verlangte ein viertes Bier. »Es ist doch absurd, mit zwei Monstern und einer Verlegerin in einer Kneipe zu stehen«, sagte ich.

»Da haben Sie recht«, sagte die Verlegerin.

»Aber wir stehen tatsächlich hier«, ereiferte ich mich.

»Auch wieder wahr«, sagte die Verlegerin.

»Dann ist alles wahr, was ich erfinde?«, fragte ich.

»Und alles ist erfunden, was wahr ist«, sagte die Verlegerin.

Ich trank das vierte Bier und erfand sofort meinen Onkel Oskar, den Schriftsteller Perlewitz sowie Herrn Erich Scheitelmüller nebst verschiedenen Hühnern. Als ich gerade das Telefon erfinden wollte, betrat Johann Philipp Reis den Raum und sagte: »Das habe ich bereits erfunden.«

»Auch gut«, sagte ich und erfand 86000 Neuerscheinungen und die Frankfurter Buchmesse gleich dazu.

Da weinten die Monster sehr. So hatten sie sich das nicht vorgestellt.

»Same procedure as every year«, sagte die Verlegerin und bestellte Bier für alle.

NÄCHTE MIT BOSCH

NACHTS, WENN ICH EINSAM BIN, wenn mich die letzten Gesichter auf dem Fernsehschirm verlassen haben und weiße Krokodile sich langsam aus dem Spülstein schieben, setze ich mich gern ein wenig in die Küche und unterhalte mich mit dem Kühlschrank. Ich schätze diese Gespräche. Der gute alte Kerl, er heißt im Übrigen Bosch, hat immer was zu trinken da, und sein Verstand analysiert die Dinge auch zu dieser Stunde eiskalt.

Ich starre dann auf die Fläche des Küchentisches und stelle viele Fragen: Warum muss ich im Omnibus eine Fahrkarte in einen klackenden Apparat schieben, im Schwimmbad ein Ticket im Maul eines grünen Kastens abstempeln lassen, vor dem Büro eine grüne Plastikscheibe in einen schwarzen Rachen stecken, dem Schrankenautomaten in der Tiefgarage weißes Papier zu fressen geben, den öffentlichen Telefonapparat bunten Kunststoff schmecken lassen – warum? Wohin senden die Geräte ihr Wissen über mein Vorbeikommen? Was merken sie sich, was vergessen sie? Wer will das alles wissen? Wer fasst alles zusammen?

In letzter Zeit beginnt Bosch, meine Melancholie gelegentlich zu teilen. Er sei, sagt er dann, nun auch nicht mehr der Jüngste, das Tiefkühlfach tue es schon nicht mehr so recht, die Abtauautomatik schmerze, und dann immer das viele kalte Bier. Neulich hat er gebeten, ich möge, wenn es mit ihm so weit sei, für eine anständige Entsorgung seines FCKW-haltigen Kühlmittels sorgen.

Meinen Fragen, meinen Klagen lauscht er immer noch summend. Nur manchmal macht er Einwände, wie neulich, als ich ihm aus einem alten »Journal of the American Medical Association« vorlas. Es ging um eine Studie über Verletzungen, die Menschen bei Unfällen mit Getränkeautomaten davongetragen hatten, ja von Todesfällen war die Rede. Immer wieder geschehe es, so las ich, dass Cola-Automaten, vollbeladen mit gefüllten Dosen, sich nach vorne neigten und auf die Kunden stürzten. Drei Soldaten seien, Angaben der US-Armee zufolge, auf diese Weise zerdrückt worden.

»Und warum?«, brummte mein alter Freund, dem die Untersuchung auf geheimnisvolle Weise schon zur Kenntnis gelangt war. »Weil sie die Geräte getreten und beschimpft haben. Weil sie ihnen die Getränke aus dem Leib schütteln wollten. Da kippen sie halt um. Sollen sie sich alles gefallen lassen?«

Ich lief ins Wohnzimmer, um den ersten Band meines geliebten Lexikons zu holen. Ein Automat, definierte ich, erregt das Buch schwenkend, sei eine Vorrichtung, die vorbestimm te Handlungen nach einem Auslöseimpuls selbstständig und zwangsläufig ablaufen lasse; nichts anderes sei ihm gegeben.

»Stimmt das denn?«, fragte mein Gegenüber.

Natürlich stimme es nicht, brüllte ich, heiser vor Wut, aber man müsse darauf mal wieder zurückkommen. Wie oft habe so ein Ding schon mein mühsam zusammengepumptes Kleingeld ohne Gegenleistung gefressen! Wie oft sei am Kaffeeautomaten der Pappbecher leer geblieben! Und wenn es mal genug Kaffee gebe, garantiert seien dann die Pappbecher alle! Die Cola-Automaten habe man doch nicht grundlos geschüttelt. Nie mache ein Automat, was ich wolle, nie!

»Siehst du«, seufzte Bosch und schüttelte sich, dass die Flaschen klirrten, bevor sein Summen erstarb.

Die in Europa stationierten GIs, so hieß es in dem Artikel, würden durch eine Informationskampagne davor gewarnt, Automaten zu misshandeln. Wer aber warnt die Automaten? Wer sagt ihnen, dass sie nicht ohne Gegenleistung unsere Münzen für sich behalten dürfen? Wir sollen friedlich sein – und sie? Ich musste an den Getränkeautomaten in der Fernsehserie »Kottan ermittelt« denken, der mit den Menschen in seinem Büro so zerstritten war, dass er einigen von ihnen grundsätzlich nichts mehr servierte. Also haben sie doch – eine Seele? So viele Fragen in der Nacht. »Bosch! Bosch!! Sag mir, ob das Licht in deinem Innern wirklich aus ist«, flehte ich den Kühlschrank an.

Keine Antwort. Es war dunkel, und die Krokodile glotzten. Morgen würde ich den Voice-Control-Wecker anschreien, und er würde zurückbrüllen, ich sei ein Schinder und ein Säufer und solle ins Bad verschwinden. Den Kopf auf dem Arm schlief ich ein und träumte, dass einarmige Banditen mich ausraubten.

MENSCH, DANKE, ONKEL OSKAR

MEIN ONKEL OSKAR lebte vor vielen Jahren in Westberlin, und als ich 16 war, besuchte ich ihn zum ersten Mal. Wir gingen morgens um zehn in die Kantine des Blumengroßmarktes beim Checkpoint Charlie, und Onkel Oskar sagte:

»Was willst’n haben?«

»Kaffee«, sagte ich.

Onkel Oskar tippte mit dem Zeigefinger hinter sein rechtes Ohr, wo ein fleischfarbenes Hörgerät saß, und ich wiederholte laut: »Kaffee!«

Er nickte der Bedienung zu, die mittlerweile an unserem Tisch stand. Sie trug einen ärmellosen weißen Kittel, hatte dünne graue Locken und eine grob gefurchte, großporige Gesichtshaut. Sie notierte. Was Onkel Oskar für sich selbst wünschte, wusste sie offenbar, denn er sagte und sie fragte nichts. (Dennoch war ich sicher, dass sie eine heisere, überanstrengte Stimme hatte.) Als sie sich umdrehte, fasste Onkel Oskar, ohne sie anzusehen, rasch ihr Handgelenk und sagte zu mir:

»Willste was essen?«

Ich überlegte.

»Iss mal was!« Er sah wieder zu der Bedienung hoch und sagte: »Bringste ihm mal Eier mit Schinken!«

Dann schwiegen wir. Es war mühsam, mit Onkel Oskar zu reden, er war wirklich sehr schwerhörig. Sein Blick war oft in die Ferne gerichtet, und wenn man etwas zu ihm sagte, war es, als ob man ihn erst weckte. Immer musste man wiederholen, einmal, zweimal.

Ich betrachtete die kleinen Biere auf den Tischen nebenan und dachte, dass es nebenan in der Markthalle sicher einen Obststand gäbe, und dass Onkel Oskar dort bestimmt immer Bananen gekauft hatte, natürlich, wo denn sonst?

Mein Onkel Oskar hieß in unserer Familie »der Bananen-Onkel«. Er besuchte uns in der kleinen Stadt 200 Kilometer von Westberlin alle paar Jahre einmal, immer unverhofft und ohne jede Anmeldung. Dann stand er vor der Tür und sagte: »Tach.« Wir sagten: »Ach, Onkel Oskar«, und bekamen die Bananen mit den Worten: »Da ist was für euch, ’n paar Bananen.« Später, wenn kein Erwachsener guckte, drückte er mir immer hastig zehn Mark in die Hand und sagte: »Steck ein.«

»Mensch, danke, Onkel Oskar.«

»Steck weg!«

Wir wussten nie genau, wie er gekommen war. Es hieß oft, er sei getrampt, eine Reiseform, die auf der Skala der Unvorstellbarkeiten in unserer Familie denselben Platz einnahm wie ein Ufo-Flug.

Getrampt? Onkel Oskar war, seit ich ihn kannte, immer mindestens 75 gewesen.

Er fahre mit irgendwelchen Lastwagen von Berlin hierher, steige an der Autobahnabfahrt aus und komme dann zu uns, sagte mein Vater. Zu Fuß? Mit dem Taxi? Keine Ahnung. Er hätte auch vom Himmel heruntersteigen oder aus dem Erdboden wachsen können, und heute bin ich ziemlich sicher, dass er genau das tat.

Einmal vergaß er seine Brieftasche auf dem Küchentisch, als er aufs Klo ging, und hinterher wusste man, dass sie dick gewesen war und voller Geldscheine. Das sicherte ihm den Respekt der Erwachsenen, aber das Unverständnis für seine Schrulligkeiten vergrößerte es auch. Hätte er doch auch mit der Bahn fahren können! Am Geld konnte es nicht liegen mit der Tramperei! Woher er es wohl hatte?

»Er ist ein Filou«, sagte mein Vater. Verkaufe vielleicht Blumen an Berliner Straßenecken. Oder so was eben.

Ich besuchte Onkel Oskar in Berlin, sobald man mich allein von daheim wegfahren ließ, und ein halbes Jahr später besuchte ich ihn wieder und dann alle paar Wochen. Anfangs fuhr ich, sobald ich genug Geld gespart hatte, mit dem Interzonenzug. Später bin ich getrampt, jedenfalls auf der Rückfahrt. Onkel Oskar brachte mich zum Großmarkt, ging mit mir zu einem Lastwagenfahrer, und der nahm mich mit. Einmal sah ich, wie mein Onkel ihm hastig 20 Mark zusteckte, und hörte, wie er sagte:

»Pass bisschen auf den auf!«

Wenn er verreiste, um uns zu besuchen, war mein Onkel gut gekleidet. Er trug dicke wollene Anzüge mit Weste, schwarze, hoch geschnürte Stiefel und Krawatte. In der Westentasche hatte er eine alte Taschenuhr mit einem Deckel, der bei Knopfdruck aufsprang. Wenn er uns nicht besuchte, also fast immer, sah er anders aus: kein Anzug, keine Krawatte, statt dessen ein hellblauer, verwaschener Kittel um seinen langen, hageren Körper, ob im Garten oder in seiner Wohnung.

Nur ein paar Meter vom Großmarkt entfernt hatte er einen Kleingarten, noch näher am Checkpoint Charlie gelegen als die Markthalle, an einer Stelle mitten in Gesamtberlin, an der heute keine Gärten mehr denkbar sind. Dort stand ein hölzernes grünes Gartenhaus, in dem sogar Platz für einen Tisch und ein Sofa war, und wenn die Sonne schien, saß mein Onkel Oskar vor diesem Häuschen auf einer schmalen Holzbank und sah aus, als ob Walter Trier ihn gezeichnet hätte, der Illustrator von Erich Kästners Kinderbüchern: ein alter, weißhaariger Mann (mein Onkel, nicht Walter Trier) mit einer runden Nickelbrille und einem gelben Strohhut und einem Kittel. Ich setzte mich dann neben ihn, blinzelte in die Sonne, sah hinüber zum Großmarkt und dachte an Spiegeleier mit Schinken und an Kaffee.

Seine Wohnung lag auch in Kreuzberg, einige Straßenzüge weiter, ganz in der Nähe der Möckernbrücke. Man ging durch den Torbogen eines alten Hauses, dessen Wände grau und rissig waren, und überquerte auf einem Plattenweg einen sandigen, kahlen Hinterhof, der, ohnehin ringsum von hohen Mauern umgeben, durch eine riesige Kastanie gänzlich verschattet wurde. Da standen immer alte Fahrräder, und über eine hölzerne Treppe gelangte man in den zweiten Stock zu meinem Onkel.

Wenn ich kam, schaltete er zuerst den Fernseher ab, der tonlos lief, dann nestelte er am Ohr, um sein Hörgerät anzuknipsen. Onkel Oskar lebte zu Hause in gründlicher Schallisolierung – die Gründe dafür verstand ich erst später. (Übrigens war es dadurch kompliziert, in die Wohnung zu gelangen. Meistens hämmerte ich gegen die Tür, bis mich die Nachbarn hörten, die einen Schlüssel hatten. Sie sperrten seine Wohnung auf und ließen mich ein. Ich tippte dem Onkel dann sanft auf die Schulter. Überrascht oder erschrocken war er nie.)

Es roch in seinem Wohnzimmer, das voll war mit Sofa, Sesseln, Schränken, Tischen, immer nach Orangen. Das lag daran, dass er auf den Heizkörpern deren Schalen trocknete, dichte Schichten von Orangenschalen, die langsam in sich zusammenschnurzelten und eine fahle Färbung bekamen – weiß der Himmel, was er damit machte und wann er all diese Orangen aß. Bananenschalen sah ich nie. Ich glaube, er mochte selbst keine Bananen.

Stundenlang saß Onkel Oskar in einem Sessel und schaute an die Wand, auf einen Schrank, in die Luft. Ich nahm mir eine Zeitung von den vielen Papierstapeln, die uns umgaben. Haufen von uralten, gelben Zeitungen, deren Papier staubig und ledrig geworden war, und in denen noch von der Berlinblockade berichtet wurde, und das Anfang der Siebzigerjahre. So saßen wir und schwiegen.

Manchmal stand plötzlich eine Frau im Zimmer, Anfang 40, mit kurzen schwarzen Haaren, einer billigen Hornbrille und einem dunkelroten, weiten Umhängemantel. Stumm machte sie jedesmal einige Schritte in das Zimmer hinein, entschlossene, zielgerichtete Schritte auf meinen Onkel zu . . . dann drehte sie auf dem Absatz um und verschwand so lautlos, wie sie gekommen war. Mein Onkel beachtete sie nicht. Ich ahnte, dass es sich um seine Tochter handelte. Ich wusste, dass seine Frau seit Langem tot war, dass er aber diese Tochter hatte, die irgendwo in Berlin in einem Pflegeheim lebte, weil sie den Krieg nicht ohne Geistesverwirrung überstanden hatte. Niemand wusste genau, weshalb das so war, am wenigsten ich. Aber ich saß da im Sessel und las die alten Zeitungen und sah diese rote Frau und versank in Geschichten vom Ende des Krieges in Berlin, die mir ein Lastwagenfahrer auf der Transitautobahn erzählt hatte. Die grauenhafteste dieser Geschichten handelte von einer Nazigröße in Karlshorst, weit im Osten der Stadt: Als der Krieg fast vorbei war und die Russen den Stadtteil besetzten, hätten, so erzählte der Fahrer, jener Mann und seine Frau gemeinsam Selbstmord begehen wollen – die sowjetischen Soldaten standen schon im Treppenhaus. Zuerst habe das Ehepaar aber seine fünfzehnjährige Tochter erschossen, und dann sei es plötzlich unfähig gewesen, sich selbst zu richten. So seien die beiden, verrückt vor Angst neben der sterbenden Tochter hockend, den Soldaten in die Hände gefallen.

Irgendwann in solchen Geschichten (oder waren es Träume?) zupfte mich mein Onkel am Ärmel und sagte:

»Ick zeig’ dir mal was.« (Er war kein geborener Berliner, er hatte vom Berlinischen nur dieses »Ick« übernommen, sprach sonst klares Hochdeutsch, nur dieses »Ick« benutzte er. Kein »Wat«, kein »Gar nischt«, aber »Ick«.)

Ich legte den schon in Auflösung befindlichen »Tagesspiegel« vom Januar 1956, der auf mein Gesicht gesunken war, beiseite und folgte meinem Onkel. Er öffnete den rechten Flügel der hohen Doppeltür zum Nebenzimmer, das ich vorher nie betreten hatte. Warum auch? Ich hatte es für sein Schlafzimmer gehalten. Das war es aber nicht.

Die hohen Wände dieses Raumes waren bis unter die Decke bedeckt von dunklen Holzregalen, in denen dicht gepackt und gestapelt längliche, einzeln in Zeitungspapier gewickelte Gegenstände lagen, teilweise so lang, dass sie über die Regalbretter hinaus in den Raum ragten. In der Mitte des Zimmers befand sich ein großer, niedriger Eichentisch, vielleicht zwei mal vier Meter groß. Um diesen Tisch herum standen auf dem Boden Hunderte von roten Säckchen, solche, in denen normalerweise Orangen abgepackt werden, weiche Plastiknetze, die man mit einem Griff zerreißen kann, um an die Orangen heranzukommen.

Diese Säckchen waren nicht zerrissen, aber es waren auch keine Orangen mehr darin. Sie alle enthielten Buchstaben, fingerlange, schwere, gusseiserne Buchstaben, jeder so dick wie ein Leibniz-Keks. Auf dem Tisch sah ich, zwei Meter hoch, ein silbern glänzendes Ungetüm, das die gesamte Tischfläche in Anspruch nahm. Zwischen den massiven, schweren Metallstreben, die es oben und unten sowie an den Seiten begrenzten und die zu einem Kubus verschraubt waren, hingen dicke und weniger dicke, gerade und leicht gebogene Röhren, ein verzweigtes Labyrinth, dessen Eingang offenbar ein großer Plastiktrichter war, der oben auf dem Apparat in einer offenen Röhre steckte, und dessen Ausgang ich in einem armdicken, geriffelten Kunststoffschlauch vermutete. Er endete in einem weiß emaillierten Eimer auf der linken Seite des Tisches.

»Pass auf!«, sagte mein Onkel Oskar. Er griff sich eines der Säckchen auf dem Boden, schnürte es mit geübten Bewegungen sorgfältig auf, kletterte auf eine kleine Trittleiter neben dem Tisch und schüttete alle Buchstaben in den Trichter. Die Maschine begann sofort, ohne dass mein Onkel einen Schalter berührt hätte, im surrenden Ton einer Kaffeemühle zu arbeiten. Das dauerte ungefähr eine Minute. Dann ertönte aus dem Eimer neben dem Tisch ein hohles »Klock«, darauf mehrere Male, leiser und nicht ganz so hohl, ein »Klack«. Mein Onkel bückte sich und griff in den Eimer. Er hatte mehrere Buchstaben in der Hand, die zu einer Folge verschweißt waren.

»Virkkuukoukku«, stand da. Ich sah erst das Wort, dann meinen Onkel fragend an.

»Das heißt ›Häkelnadel‹. Ich hab’ sie noch auf Finnisch eingestellt«, sagte mein Onkel. Er nahm ein zweites Säckchen und schüttete den Inhalt wieder in den Trichter. Ich sah, dass im Eimer lauter einzelne Buchstaben lagen, die der Apparat für »Virkkuukoukku« nicht gebraucht hatte. Er arbeitete schon wieder, schnurrte, surrte, summte – klock, klackklackklack . . .

»Lätäkkö.«

Mein Onkel schüttelten den Kopf. »Pfütze«, sagte er. Noch ein Säckchen.

»Kansallisuustunnus.«

»Nationalitätenkennzeichen«, sagte mein Onkel. »Komische Worte macht sie heute. Was soll das?«

Noch ein Säckchen.

»Denkt sie sich die Worte selbst aus?«, fragte ich.

»Ja«, sagte mein Onkel Oskar, »und immer nur einzelne Worte. Ick sammle sie und lege sie ins Regal.« Er nahm Virkkuukoukku, Lätäkkö und Kansallisuustunnus und wickelte sie einzeln in Zeitungspapier.

»Hast du das gebaut?«, fragte ich.

»Fünfzehn Jahre lang.« Er seufzte. »Meine Buchstabiermaschine. Sie macht aus Buchstaben Worte, und ick will aus den Worten irgendwann mal eine Geschichte machen. Weiß nicht, ob ick das noch schaffe. Ein finnisches Märchen vielleicht. Aber ick habe ja keinen Einfluss darauf, welche Worte sie macht.« Er sah nachdenklich seine Regale an. »Sie passen nicht zueinander. Häkelnadel, Pfütze und Nationalitätenkennzeichen – wie soll man daraus ein Märchen machen? Das reicht ja nicht mal für ein modernes Gedicht.«

Klock – klackklackklack . . .

»Tyytymättömyys.«

»Unzufriedenheit«, sagte mein Onkel. »Merkwürdig, trifft genau das, was ick gesagt habe. Es klingt so schön: Tyytymättömyys. Und sieht schön aus. Finnisch klingt schön und sieht noch besser aus.«

Ich hatte noch nie erlebt, dass er so viel redete. Aus der linken Tasche seines Kittels fingerte er einen kleinen Schraubenzieher. »Ick stell sie jetzt mal auf Ungarisch um.« Er kroch mit dem Oberkörper halb in den Apparat hinein, bog sich unter Röhren hindurch und drehte an Schrauben, die ich nicht sehen konnte. Als er wieder neben mir stand, nahm er ein Säckchen von einer anderen Ecke unter dem Tisch und schüttete den Inhalt wieder in den Trichter. »Für Ungarisch kann man fast dasselbe Buchstabensortiment nehmen«, sagte er.

»Und warum ausgerechnet Ungarisch?«, fragte ich. Dass er Finnisch konnte, hatte ich gewusst. Er hatte dort nach dem Krieg viele Jahre gelebt, wenn auch niemand wusste, wie und wovon. »Hat sich durchgeschlagen, als Holzfäller wahrscheinlich«, mutmaßte mein Vater immer.

Klock – klackklackklack . . .

»Wahnsinn«, flüsterte ich. Mein Onkel zog einen armlangen Begriff aus dem Eimer.

»Pénzbedobós távbeszélökészülék.«

Wir standen stumm da und betrachteten die Worte. »Es heißt ›Münzfernsprecher‹«, flüsterte mein Onkel. »Verstehst du jetzt? Nur das Ungarische hat solche Begriffe. Und das Walisische natürlich. Aber walisische Worte passen nicht mehr durch die Windungen der Röhren, so lang sind sie. Dafür müsste die Maschine doppelt so groß sein oder die Buchstaben kleiner.«

Er schüttete Säckchen auf Säckchen in den Trichter.

»Öblök.«

»Die Buchten«, sagte mein Onkel.

»Öklök.«

»Die Fäuste.«

»Ötvösök.«

»Die Goldschmiede. Sie macht nur noch Pluralformen«, sagte mein Onkel. »bloß noch Plurale. Weiß der Himmel, warum! Ick hätte gern eine Geschichte über die Einsamkeit einer alten Frau mitten in Budapest gemacht. Was soll ick mit dem ganzen Pluralzeugs?«

»Ördögök.«

»Die Teufel.« Irgendwo in der Maschine knirschte es, und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Mein Onkel griff hastig nach einem Säckchen, das unter dem Tisch lag. »Das kommt davon«, schimpfte er, »natürlich sind zu wenig Umlaute in dem Säckchen. Wenn sie aber auch nur noch Plurale macht, immer -ök, -ök hinten dran an die Worte, da reichen natürlich die Umlaute nicht.« Er schüttete einen ganzen Haufen Ös in den Trichter. Das Knirschen hörte auf, das Lämpchen erlosch. Der Geruch von heißem Metall hing in der Luft.

»Örület!«, murmelte ich. Mein Onkel schaute mich verwundert an.

»Kannst du Ungarisch?«, fragte er.

»Nein . . . nein«, sagte ich, »ich weiß nicht . . . ich weiß nicht, woher das jetzt kam. Was heißt es denn?«

»Wahnsinn!«, sagte mein Onkel. Er schraubte schon wieder irgendwo in der Maschine herum, nahm dann den weißen Eimer und schüttete die einzelnen Buchstaben darin, die für die bisherigen Worte nicht verbraucht worden waren, in den Trichter. »Ick will nicht, dass etwas umkommt«, sagte er, »alles soll verwertet werden.«

»Warum hast du das Ding gebaut?«, fragte ich.

Er zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich doch, weil ick Worte so mag. Ick kann stundenlang dasitzen und mir ein Wort ansehen. Es ist blöd, aber es ist nun mal so. Ick erzähle es ja auch niemand, halten einen ja alle für verrückt. Nur du weißt es jetzt. Ick hab’s dir erzählt, weil du einer bist, der auch die Klappe halten kann.«

»Broileri«, klockerte in den Eimer.

»DDR-Deutsch kann sie?«, fragte ich verblüfft.

»Das ist wieder Finnisch«, sagte Onkel Oskar, »aber ›Hähnchen‹ heißt es auch.«

Es klockte und klackte ununterbrochen, lauter Worte mit einfachen Vokalen jetzt, Resteverwertung. »Pappi« sei der Pfarrer, erklärte mein Onkel, »Tutti« der Schnuller, »Banaani« die Banane, alles Finnisch.

Ich besuchte ihn von nun an, so oft ich konnte. Wenn ich kam, gingen wir jetzt stets sofort in das Zimmer mit der Buchstabiermaschine und ließen sie surren und schnurren und lagen davor auf dem Boden und kicherten über die Worte. Sobald mein Onkel dieses Zimmer betrat und anfing, an seiner Maschine zu schrauben und zu wienern und sie in Betrieb zu nehmen, war er nicht mehr schweigsam und wortkarg, und nie schaute er abwesend in die Ferne. Er hörte gut, und manchmal schaute er mich lachend an und klopfte mir fest auf die Schulter. Es musste mit den Worten zusammenhängen, eine andere Erklärung wusste ich nicht.

Wenn wir bei schönem Wetter zusammen in seinen Garten hinübergingen, schenkte er Kindern auf der Straße kleine Worte. Manche steckten sie ein, andere sagten, von fremden Männern dürften sie keine Worte nehmen. Seine Tochter kam immer noch, aber nie betrat sie das Zimmer mit der Buchstabiermaschine, und nie redete sie. Einmal sah ich durch den Türspalt, wie mein Onkel sie auf dem Flur lange und still umarmte. Ein andermal, später, als wir uns wochenlang nicht gesehen hatten, erzählte er mir, er sei in der Schweiz gewesen und zeigte Bilder vom Matterhorn, murmelte immerzu das Wort »Chuchichäschtli« vor sich hin und wollte, dass die Buchstabiermaschine auch schwyzerdütsche Worte machte.

Sächsisch konnte sie schon, und ich lernte, dass es ein schöneres Sächsisch gab als das hochnäsige Marienborner Vopo-Sächsisch, das mir von meinen Transitfahrten in den Ohren klang. »Morchngonzärrd« klockte heraus und »Babbgardong, Gwargguchn, Rodgohl, Zebbelin, Gamelhaarmandl«. Mein Onkel kam gar nicht nach, so oft blinkte die rote Lampe, und so viele Bertas und Doras und Gasimiers musste er oben in den Trichter nachfüllen. »Bluddurschd hat sie«, sagte er dann.

Wenn er ganz tief in den Apparat hineinkroch und lange an den verschiedensten Schrauben drehte, spuckte der Schlauch Tiernamen in den Eimer:

»Blaulappenhokko, Halsbandschnäpper, Odinshühnchen, Spießflughuhn, Langschnabelbrillenvogel,

Rallenreiher, Gelbkopfgeier,

Kanaren-Schmätzer, Kabylen-Kleiber,

Schwarzstirnwürger, Langschwanzdracke, Rübenschwanzgecko, Achtzehnfleckiger Ohneschild-Prachtkäfer, Linienhalsiger Zahnflügelprachtkäfer, Veränderlicher Edelschnarrkäfer, Zottiger Bienenkäfer,

Furchenlippige Kerbameise,

Schwarze Hochglanzeule, Eichen-Nulleneule, Standfuß’ Zackenbindeneule,

Zürgelbaum-Schnauzenfalter,

Quenselis Alpenbär.«

Sie hörte überhaupt nicht mehr auf. Mein Onkel sagte, man müsse sparsam sein mit Worten und jedes einzelne genießen. »Ick will Respekt haben vor jedem Wort«, sagte er, »und ick will es mir genau anschauen.« Aber dann saßen wir doch da und fraßen Worte und hatten am Ende so ein Das-hättest-du-nicht-tun-sollen-Gefühl von Reue und Fettheit. »Sie ist gefährlich«, sagte Onkel Oskar, »sie hört nicht mehr auf mit den Worten. Man muss aufpassen, sonst überschwemmt sie alles.«

Ein paar Tage später ließ er trotzdem Pflanzennamen ausspucken, und es war wieder dasselbe. Wir trugen Säckchen um Säckchen die Stehleiter hinauf und konnten nicht genug bekommen: »Zarter Gauchheil, Breitblättriger Stinkstrauch, Warziger Tragant, Gewöhnliche Brillenschote, Langstrahliges Laserkraut, Großfrüchtiger Kohl, Drüsige Zwergfetthenne, Zottige Fahnenwicke, Starknerviges Gliedkraut, Johnstons Schnabelsenf . . .«

Es war zum Wortekotzen, so übel war uns am Abend! Gab es solche Pflanzen wirklich? Hatte ich Johnstons Schnabelsenf nicht schon mal im Regal des Supermarktes gesehen?

»Sie erfindet nie etwas«, sagte mein Onkel, »für jedes Wort gibt es irgendwo auch einen Gegenstand.« Würden diese Pflanzen einmal aussterben, so selten wie sie sich anhörten? So herrliche Namen, und sie würden nichts mehr bezeichnen und müssten ebenfalls verschwinden!

Es klingelte.

»Hat es geklingelt?«, fragte Onkel Oskar. Er verließ das Zimmer, um zu öffnen. Ich hörte Stimmen auf dem Flur, die meines Onkels und die zweier Männer.

»Wollen Sie schon wieder mehr?«, fragte mein Onkel.

»Natürlich, so viel wie möglich«, sagte einer der beiden.

»Können Sie uns nicht schnell was machen? Mindestens acht Worte, für einen Autoprospekt. Es ist eilig.«

»Ick will das nicht mehr«, sagte mein Onkel, »ick will nicht so viele Worte machen.«

»Fangen Sie nicht wieder damit an«, sagte der zweite Mann, »was Sie letztes Mal geliefert haben, war doch wunderbar, hat hundertpro gepasst. Wissen Sie noch, die Gebrauchsanweisung für den neuen Turboladerstaubsauger? Entriegelungszunge, Sicherheitsarretierung, Rastnase, Ausblasöffnung, Gebläseflansch . . . war alles super.«

»Schlucksaugeranschluss . . .«, seufzte mein Onkel.

»Wie bitte?«

»Schlucksaugeranschluss war das schönste Wort.«

»Ja, gut, und jetzt brauchen wir mehr«, sagte der zweite Mann. »Zuerst für diesen Autoprospekt, und dann steht die Sportartikelmesse vor der Tür – die haben dauernd neue Geräte und brauchen Worte dafür«, sagte der erste Mann.

»Ganzkörpertrainingsgerät neulich – haben Sie wunderbar gemacht«, warf der Zweite ein.

»Es gibt neue Werbefilme für Schokolinsen, und der Bundestagswahlkampf steht vor der Tür. Wir brauchen nicht bloß ein paar Worte, wir brauchen Geschwätz, Mann, säckeweise. Mit diesen homöopathischen Dosen kommen wir nicht weiter«, sagte der Erste.

»Es gibt genug Worte«, sagte mein Onkel, »es werden zu viele. Nur noch ein paar brauche ick, damit ick endlich eine Geschichte erfinden kann, dann ist Schluss.«

»Wir zahlen gut«, sagte der erste Mann, »das wissen Sie doch.«

»Ick will kein Geld mehr«, sagte Onkel Oskar.

»Denken Sie an Ihre Tochter, an die Pflegekosten«, sagte der zweite Mann, »oder geben Sie uns endlich die Maschine, dann schwimmen Sie im Geld. Wir geben es Ihnen.«

»Nie«, rief mein Onkel, »niemals!«

»Sie sind ein alter Mann! Was wollen Sie mit so vielen Worten? Wir holen uns den Apparat! Eines Tages holen wir ihn uns einfach!«

»Geben Sie doch Ruhe!«, sagte mein Onkel. »Warten Sie! Ick hole etwas.«

Er senkte den Kopf und kam langsam wieder in das Zimmer mit der Buchstabiermaschine. Er sah mich nicht an, dreht an zwei kleinen Schrauben und schüttete zehn Säckchen mit Buchstaben in den Trichter. In den Eimer klockerten lange Worte. »Heckspoiler«, las ich, »Fächerauspuffkrümmer, Hinterachsöltemperatur, Ölkühlertrockensumpfschmierung, Absolutdruckladeregelung, Hinterachsquersperre, Magnesiumhohlspeichenrad, Gusskolbenquetschkante, Peitschenantenne, gewichtsoptimiertes Speichendesign.«

Mein Onkel nahm wortlos die Worte unter den Arm, ging hinaus, gab sie den Männern und sagte: »Hier, zwei mehr, als Sie wollten. Und nun gehen Sie und lassen Sie mich!«

»Niemals!«, sagten die Männer wie aus einem Mund. Sie gaben Onkel Oskar ein Bündel Geldscheine, das er in seiner Kitteltasche verschwinden ließ. Er schob sie zur Tür hinaus. Dann kehrte er zurück. Er sah mich noch immer nicht an, sondern polierte mit einem weichen Lappen sorgsam die Rohre seiner Maschine.

»Du verkaufst Worte?«, sagte ich.

Er polierte weiter.

»Ick muss es tun«, sagte er schließlich. »Ick brauche Geld. Du hast es ja gehört, wegen meiner Tochter. Und sie brauchen Worte. Sie bauen dauernd neue Autos oder machen Parfüms oder Waschmittel, aber sie haben immer zu wenig Worte und wollen ständig neue. Die holen sie bei mir. Sie wissen seit einiger Zeit von der Maschine, irgendwie wussten sie es, ick weiß nicht, woher. Ick hörte die Worte dann irgendwann wieder, im Fernsehen zum Beispiel. Deshalb stelle ick immer den Ton ab. Es ist mir zu viel, und ick bereue es.«

Er nahm seine Brille ab und putzte sie mit dem Lappen, den er noch in der Hand hatte. »Zeitungen nehme ick nur noch zum Worte-Einwickeln«, sagte er, »es ist fast dasselbe wie mit dem Fernsehen.« Er setzte die Brille wieder auf.

»Geh mal jetzt«, sagte er leise.

Drei Tage später lag er im Krankenhaus, in einem Bett auf einem Flur, bleich und matt. Ein Arm war gelähmt. Der Schlaganfall sei gar nicht so schlimm, aber er habe beschlossen zu sterben, sagten die Ärzte.

»Mit mir ist es aus«, sagte er selbst. Er schob mir ein kleines Paket zu, etwas Schmales, in Zeitungspapier Gewickeltes.

»Hier«, sagte er, »steck ein.«

»Mensch, danke, Onkel Oskar.«

»Steck weg!«

Er sprach mühsam, den Blick starr in die Luft gerichtet. »Ick wollte . . . sie zerschlagen, alles . . . kaputt hauen . . . ging nicht mehr. Wahrscheinlich . . . haben sie sie schon.« Er drehte den Kopf langsam zu mir und schaute mich lange an. »Verstehste?«

Ich hastete in seine Wohnung. Die Tür war offen, das Zimmer, in dem die Maschine gestanden hatte, leer. Zeitungspapier lag herum, dazwischen ein paar zerbrochene Worte. Ich ging wieder in den Hof. Das Päckchen, das er mir gegeben hatte, steckte in meiner Manteltasche. Ich wickelte das Wort, das darin war, langsam aus, ein nicht sehr langes, gußeisernes, schwer in der Hand liegendes Wort.

»Kurzschröter.«

Keine Ahnung, was das war. Ein Tier? Eine Pflanze?

Seine Tochter stand unter der Kastanie. Ich drückte ihr das Wort in die Hand. Wir gingen zusammen durch den Torbogen des Vorderhauses. Ich holte tief Luft und brüllte:

»Kurzschröter!!!!«

Dann blickte ich nach unten auf die Straße. Die Worte standen schon knöchelhoch.

STERBEN VOR PRIMA KULISSE

DER TOD KOMMT UNAUFFÄLLIG in die Crellestraße; manchmal bemerkt man ihn nur, wenn er wieder einmal vergessen hat, das Licht auszumachen. Wer weiß denn genau, wie lange Gehrets Leiche damals schon in seiner Küche gelegen hatte, als dem Hausmeister eines Tages auffiel, dass hinter dem Fenster da oben im vierten Stock schon seit Tagen die Lampe nicht mehr ausgeknipst worden war? Die alte Frau in der zweiten Etage erinnert sich nicht einmal mehr, dass Gehret hier je gewohnt hat. Aber dass es keinen Hauswart mehr gibt, weiß sie und faucht es durch den Türspalt hinaus ins Treppenhaus. Bevor sie die Tür schließt, ruft sie noch: »Wir müssen alle raus!«

Ja, die Crellestraße wird saniert. Auf der Straßenseite gegenüber haben die Häuser schon wieder Farbe. Das Trottoir ist frisch gebügelt, und gusseiserne Pfeiler, Zaunpfähle Altberliner Gemütlichkeit, begrenzen den Gehweg. Um die Ecke bietet der Hundesalon preisgünstig »Fleischschlund, Schlund mit Knorpel, Gurgel, Pansen, Fleck« an. Die Tasse Frucht- und Getreidekaffee bei Mangold-Naturkost kostet 1,20 Mark, und gleich nebenan annonciert der Wirt von »Schultheiß Zur Tankstelle« ein Eisbeinessen, pro Person 15 Mark, »plus ein Freigetränk«, aber nur, wenn man eine Woche vorher bezahlt.

Das Haus Nummer 17, in dem Gehret 1986 tot gefunden wurde, hat sich nicht verändert. Neben den Zetteln, mit denen auf die ausgelegten Rattenköder hingewiesen wird, hängen aber schon Einladungen der SPD zur Diskussion über »Sozialdemokratische Erfolge und Perspektiven für das Sanierungsgebiet Crellestraße«. Die Hausfassade ist von Putzresten bedeckt wie von Blatternnarben. Unten im Eingang hat jemand das Wort »Mistschwein« in die Farbreste geritzt. Gleich hinter dem Haus beginnt die Berliner Steppe: Sand, Teppichreste, Kaffeefilter, alte Antennen, leere Apfelsaftgetränkekartons, rostige Lampen. An der Brandmauer des Nachbarhauses steht »Angesichts der Vergänglichkeit«.

Hier fällt der Tod nicht auf, oder doch, manchmal doch. Per Aushang kündigt die bibo tv und film productions GmbH einige Zwischenfälle an. Man drehe einen Film, heißt es: Ein Mann solle verhaftet werden, flüchte aber und werde erschossen. »Die Aufnahmen werden mit einigem Lichtaufwand (Nacht) und einer gewissen Lärmbelästigung (Schüsse) verbunden sein.« Man bittet um Verständnis, die Genehmigung liege vor. Prima Kulisse fürs Sterben! Bronxberlin, Pudelberlin, Rentnerberlin, Müsliberlin, Türkenberlin, Berlin-Schöneberg – Gehretberlin.

Diesen Gehret fand man am 24. April 1986. Man fand neben der Küche ein Zimmer mit einem von Zetteln, Zeitungen, Büchern, Aufzeichnungen übersäten, blutigen und schmutzigen Bett, daneben einen Eimer mit Erbrochenem. Man fand ein weiteres Zimmer, in dem sich unter anderem befanden: 14 Aktenordner mit mehreren Tausend kurzen, jeweils vier bis acht handgeschriebenen Seiten umfassenden, bizarr-surrealistischen Texten; ebenso viele ganz ähnliche, aber auf Tonbandkassetten gesprochene Werke; etliche Hundert Seiten Kurzgeschichten; ein Tagebuch über 24 Jahre in 30 Kladden; 40 Ordner mit Sprachstudien, dem kindischgenialen Versuch der Entwicklung einer eigenen Sprache, einer eigenen Schrift sowie einem Sortiment selbst gebastelter Stempel, die ihrerseits mit jeweils eigenen Wortbedeutungen versehen waren.

Die Geschichte des Reinhard Gehret verdichtet sich in zwei Fluchtversuchen vor dem Kleinbürgerleben in einer fränkischen Kleinstadt und vor dem drakonischen, jähzornigen Regiment des Vaters, Metzger dortselbst. Es ist die Geschichte vom Scheitern dieser beiden Versuche, von ein paar glücklichen Jahren dazwischen, vom verzweifelten Willen eines Menschen zur Unabhängigkeit und vom Preis, den er dafür zahlte. Und vom Entstehen einiger ziemlich guter Texte.

Reinhard Gehret, geboren am 14. Juni 1949, gestorben im April 1986, unternimmt bereits mit 17 Jahren einen Selbstmordversuch, der keineswegs als Hilferuf inszeniert ist, sondern seinem Willen entspricht, endgültig Schluss zu machen: Gehret schießt sich mit einem Bolzenschussgerät, das normalerweise zur Tötung von Vieh verwendet wird, in den Kopf. Er überlebt, weil das Projektil zwischen beiden Hirnhälften hindurchgeht und die Ärzte eine Meisterleistung vollbringen, ist aber fortan schwer zuckerkrank, verliert den Geruchssinn und kann auf dem rechten Auge fast nichts mehr sehen. Unübersehbar ist für immer an diesem Auge die vom Einschuss herrührende Narbe.

Später wird Gehret sagen, er habe keinen anderen Weg des Entkommens mehr gesehen. Nun findet er ihn. Nach monatelangem Krankenhausaufenthalt beginnt er sich als Hilfsarbeiter durchzuschlagen, zunächst im Würzburger Hafen, dann in einer Druckerei. Mit 18, das war 1968, packt er die Koffer und fährt nach Berlin, holt dort das Abitur nach, nimmt dann ein Linguistikstudium auf. Zu Hause lässt er zunächst einfach wissen, man solle ihn als gestorben betrachten.

Bald bricht er auch sein Studium ab. Geld verdient er wieder als Hilfsarbeiter, die letzten zehn Jahre vier Stunden pro Tag in einer Kreuzberger Druckerei. Gehret versucht, mit einem Minimum an Geld auszukommen. Einmal notiert er stolz, dass ihm diesmal zehn Mark pro Woche gereicht hätten. Äußerlich wird er zu einem Stadtschrat mit langem, zotteligem Bart, den er gelegentlich wie einen Pferdeschwanz zusammenbindet, mit filzigen Pullovern und Hosen, die er in Altkleidersammlungen aufstöbert. Wenn es kalt wird, rollt er einen alten Teppich um den Leib. In seiner Wohnung friert regelmäßig das Wasser ein. Wenn Gehret heizt, verbrennt er im Ofen Holzabfälle, die er auf der Straße oder im Bauschutt gefunden hat. Neben dem Ofen hängt stets eine große Säge. Mit einem alten Fahrrad, das er aus Angst vor Dieben Abend für Abend über steile Treppen in seine Wohnung schleppt, bewegt er sich fort; die Berliner Verkehrsgesellschaft boykottiert er aus finanziellen Gründen.

Dabei ist Gehret ein liebenswürdiger Mensch von philosophischer Freundlichkeit, der durch intensive Zuwendung und Zuhören die abstoßende Wirkung seines Äußeren meist nach wenigen Sätzen ins Gegenteil verkehrt. Seine Unabhängigkeit aber lässt er nicht antasten. Als seine sonst über alles geliebte Schwester, Zahnärztin in Dillingen, ihm den Kauf einer Eigentumswohnung in Berlin anbietet, droht er mit dem Abbruch der Kontakte. Jeden Pfennig (zum Schluss werden es mehrere Zehntausend Mark sein) legt er für die Realisierung seines Traums zurück: »Das Bild von einem eigenen (oder gemieteten) Haus im Süden: hell, luftig, mit weiß gekalkten Wänden und in der schönsten Ecke der Schreibtisch mit allen Utensilien. H. Hesses Montagnola kenne ich nicht; davon habe ich nicht einmal ein Foto gesehen. Aber ich stelle es mir ideal vor für meine Bedürfnisse.« So steht es im Tagebuch.

Das Leben zu diesem Ziel ist drakonischer Systematik unterworfen. Als Diabetiker hat Gehret strenge Diät zu leben, gegen die der Körper immer wieder rebelliert. Jeder Krümel Knäckebrot wird in einem speziellen Tagebuch notiert, aber fast immer endet der Tag mit dem Selbstvorwurf, »gefressen« zu haben. Einmal schreibt er: »Der Diabetes ist eine objektive Unterdrückungsmaschine im Gegensatz zum Katholizismus. Wäre das was: Den Diabetes zum Gott zu machen für ein schönes, neurotisches Ritual? Beichten, wenn ich gefressen habe. Beschwörungen, dass die Regelmäßigkeit zwischen Dosis, Diät und Blutzuckerwert (das Orakel) erhalten bleibt?« Das steht auch in jenem minutiösen Tagebuch, für ihn »mein Kompass durch den Sumpf«, »meine einzige Rettung vor dem Sumpf«, mit dem er sich die »Depressionen vom Hals geschrieben« hat.

Gehret schreibt besessen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, immer nach der Uhr. Am Anfang und Ende jeder Seite wird die Zeit vermerkt, manchmal mitten im Wort: »viel – 15:10–leicht«. Vier bis neun Minuten benötigt er für ein Blatt in seinen Kladden. Gehret sammelt Material dafür, wo es geht, schneidet belanglose Gespräche auf einem Tonband mit, das er mal in einem Backofen, mal in der Tasche versteckt, sammelt noch weggeworfene Tonbänder auf, die er im Müll findet, spricht seine Halluzinationen während eines LSD-Rausches ins Mikrofon, spielt mit Zuständen von Über- und Unterzucker, um die Bewusstseinszustände dabei zu protokollieren, liest Berge von Zeitungen und Büchern.

Er saugt Leben auf und sondert es in neuer Form wieder ab – wie in Trance. Gehret schreibt surrealistische Texte, die er selbst »Fölmene« nennt. Er geht mit dem Rekorder in der Hand durch die Straßen und diktiert mit fränkischem Akzent und leicht anstoßender Zunge, beinahe atemlos keuchend, weitere Texte, die er als »Dikdale« bezeichnet. Absurde Geschichten sind das, von Tanzlehrerministerien und Belobigungsbüros, Texte, die wimmeln von Schwarzwurzeltänzerinnen und Maikäferlikör, von Greisbrei und Darmgeschmeide. Ein Schlaflied ist auch dabei:

Ich habe die Decke über mich gezogen & die

Augenlider.

Und ich warte ein wenig

bis die Wörter kommen

Buchstabenbilder mit angeheiratetem Lautwerk

und Wortfühler

und Wortgliedmaßen

Assoziationen und anderes Spielzeug

Bewusstseinsreste und vergessenes Wissen,

(jedenfalls passt Netzhaut zu gefallenem Schnee,

und Kohlkopf zu Holzkuchen)

Natürlich passt das zusammen, ganz klar.

Nur nachdenken darf man nicht. – Sonst biste gleich

wieda wach.

Schreiben war für ihn Weiterträumen auf dem Papier, die große, ganz große Freiheit. Und die Fölmene waren Vorarbeiten, Stücke, an denen er für Größeres lernen, Werkzeuge, mit denen er sich hinuntergraben wollte ins eigene Innenleben. »Mit Fölmenen«, schrieb er, »finde ich den Weg nach unten.«

Beispiel eines Fölmens von Reinhard Gehret, geschrieben am 25. Dezember 1981 unter dem Titel »Schmerzhaft der Schweiß von Spezereien«. »23:47. Und im gummigepolsterten Zoo, neben dem Becken mit den Zitteraalen, erstrecken sich wie eine weite Reihe gelber Zähne die Schaufenster des Kaufhauses zur letzten Gelegenheit. Dort kann man Hüte kaufen und gebrauchte Nähmaschinen, Tabaksgemälde und Gesäße aus Porzellan. Alles ist ausgestellt und mit schlankem Rauch umhüllt, die Elektrizitätszigarren stehen auf Grün, automatische Münder öffnen sich und klappen zu, vergoldete Erbsen klappern über das Parkett der Schaufensterböden, und das Publikum strömt draußen vorbei, hastig, unbeteiligt, mit wehem Herzen wegen der schwachsüchtigen Kaufkraft in ihren Hosen und dem geringen Mut in ihren Herzen und dem herben Schicksal auf der Straße, die an den schmalen, säurehaltigen Kanälen vorbeiführt. Große und kleine Wasserwege kreuzen sich, verdünnen sich, setzen sich fort in Abflussrinnen und Gullys, und unterirdisch brodelt es weiter, tauscht das urbane Gedärm seinen Atem mit dem Brodem der Großstadt, chemische Gedanken blubbern, Affenschweiß und Rentnerfett schwimmen auf der dunklen Brühe, die, mit der Kraft und dem Schmutz der Bewohner gesättigt, ihren Weg nimmt durch das bedrohliche Labyrinth unter der Stadt, vorbei an Ratten und Leichenresten, Müll und toter Gesinnung. Aus dem Verstorbenen wächst Neues, aber es ist ein langer Prozess, eine kaugummilange, übelriechende Pein, ein Schmerz von der Größe und der Lautstärke eines verängstigten Hundes, der aus Furchtsamkeit beißt und in die Wolken pisst, wenn keiner zuschaut oder es zu verhindern vermag. Die Kräfte der dünn aufgetragenen Nachdenklichkeit wohnen in Autowracks am Rande der Wüste. Auch Schaufensterpuppenwracks wohnen dort und Radio- und Fernsehwracks mit abgewrackten Nachrichten, alten, vergammelten Zeitungen, die zu abgewrackten Kriegen aufhetzen, die dann von einbeinigen Wracks geschlagen und gewonnen oder verloren werden. Kein Arsch will seinen Kopf hinhalten für das Geschäft der Kapitalistenklasse. Jeder Arbeiter ist blöd, der nicht alles tut, um dem Wehrdienst zu entgehen. Und wenn er wenigstens einen Pfarrer erschießt und eine Kirche sprengt. Die goldenen Erbsen kollern immer noch, Stahlbomben platzen am Himmel. Ein Feuerwerk der buntesten Farben und Sexsymbole öffnet die Herzen. Auch die Hungrigen haben ein Stück Kuchen geschenkt bekommen. Auch sie fühlen eine Zufriedenheit ihre Brust beklemmen. Ihre Stimmen werden gebraucht. Auch das bescheidenste Scherflein schlägt einen Nagel in die Brust des Bösen, und seine Diamantenkrone verliert an Glanz. Zwischen den Stiefeln der Macht haben wir unser geheimes Informationsbüro eingerichtet, das seine Sensoren auf den Augenlidern installiert hat und das den Himmel gleichermaßen durchforscht wie die innerpsychischen Regionen der arbeitenden Klasse. Da muss doch ein Hebel oder ein Schlangenbiss zu finden sein, der bewirkt, dass die Leute arbeiten. So was tut doch keiner freiwillig. Aus irgendeinem Loch des Kosmos muss doch die Macht kommen, die so viele Individuen unterdrücken und ausbeuten kann. Mit Wimpeln allein und Blut in den Zeitungen lässt sich das nicht erreichen. Die Propaganda muss tief in die Zähne gehen, muss das Kopffleisch unterwandern und durchdringen und den Blick der selbstgerechten Justiz in ihrem senfgelben Kleid zu Ehren des 100 000. polnischen Würstchens im zarten Darm feiern. Überhaupt die Feiern. Das tausendste Schiff wurde versenkt, die hundertste Zigarette geraucht, und im Windkanal der alten Goten verschluckten sich die Weltreligionen mit Zähnen und Klauen. Steinchen und Bausteinchen funken sich Sympathien zu. Die Anziehung geht in die Beine. Zentimeter um Zentimeter schiebt Gregor Samsa sich vor, rudert mit den steifen Armen seiner langen Verzweiflung über das Meer der Rückschläge in Rückenlage. Kein saftiges Gras vermag an dieser Politik etwas zu ändern. Kein Geheimnis um die Schuld von Unfällen bei glitschigem Blaulicht. Seine Zunge hängt im Windkanal und ringelt sich, denn die Post vom September aus der Hauptstadt der Tiger ist noch nicht angekommen. Kein weißes Gewand vermag die Schuld zu verbergen, die Bruder Geronimo auf die Flasche zog. Also gehören die Schlösser, die Villen und Paläste uns. Aber wer sind die ›uns‹? Wer regiert den Mond mit solcher Entschiedenheit, dass er seine Entschlüsse auch durchzusetzen vermag? Daran mag es bei ihm hapern mit seinen 92 Jahren. Die Gesundheit im Kreuz wie das Spielzeug die Batterie. Werbeengel auf wattegeschüttelten Schlitten. Alles war herrliche Literatur, bis der Überfall geschah. Als die Masthähnchen ins Kaufhaus stürmten und an die Decke ballerten, da hielt ich alles für witzig. Aber dann kam alles anders: Die Decke des Tanzstundensaales brach ein, die Hühner waren los und die Weihnachtsgans wurde vergessen. So verging ein einziger Tag, dem noch tausend andere über die Schulter blickten. 24.18«

Gehrets Geschichte führt hinein in das unstete Leben der Berliner Untergrundliteratur, der unablässig erblühenden und wieder schließenden, sich gründenden und spaltenden Selbstverlage und Zwergeditionen, der Literaturoffensiven und Schreibzirkel. Dass er schrieb, wussten einige. Er hatte in Zimmern und Hinterzimmern Kurzgeschichten und Gedichte vorgelesen, alles andere aber verschwiegen. Vom Textgebirge in seiner Wohnung ahnte niemand etwas.

Kreuzberg, Winterfeldtstraße 36. »Wieder einmal war es das überhebliche, selbstgefällige Getue, das Besserwissen, kurz, die Ablehnung (was wir indirekte Zensur nennen) unserer Texte von verschiedenen Verlagen, was uns dazu veranlasste, zur Selbsthilfe zu greifen.« So schrieb der Soziologiestudent Horst Walter Krowinn im Vorwort zu einem selbst verlegten Buch, in dem Texte jener veröffentlicht wurden, die sich jahrelang im »Literaturcafé« hier in der Winterfeldtstraße trafen, einer Zentrale der Unverstandenen und Verkannten.

Die Hausnummer 36, deren Fassade sich heute in adrettem Alt- und Schweinchenrosa in den aufpolierten Kiez fügt, war ein besetztes Haus, als man 1981 hier das Café gründete, in dem schon bald Krowinn, Gehret und andere ihre Texte vorlasen und besprachen. Gehret fiel nicht weiter auf, es sei denn durch sein von der allgemeinen Neigung zum anerkennenden Schulterklopfen abstechendes Bedürfnis, hart zu kritisieren und kritisiert zu werden. Tausende, sagt Krowinn heute, seien in den Jahren an ihm vorbeigezogen, 140 Veranstaltungen habe man im Jahr gehabt. »In Berlin«, sagt Annegret Gollin, »sprießen die Dichter aus dem Boden, da kannste zugucken.«

Gleich um die Ecke, in der Vorbergstraße, hatte die junge Frau einen kleinen Laden mit dem Namen »Rauchzeichen«, Buchhandlung und Vertrieb für Selbst- und Kleinverleger. Auch da saß man abends zusammen, auch da war Gehret dabei. »Wir hatten alle die gleiche Spinne«, sagt Annegret Gollin. »Wir glaubten, die großen Literaten zu sein, Verrückte, die dachten, sie machen hier die neue Literatur.« Einmal veranstalteten sie in der Oranienstraße 58, wo früher der Kommunistische Bund Westdeutschland seine Zentrale hatte, eine Serie von Abenden unter dem Titel »Berliner, das ist Euer Schwindel«. Man wollte dadaistisch sein, hatte ein »Bruitistisches Ballet« im Programm und besprach die Frage »Ist Sozialismus Literatur?« Gehret las, die Augen rot-weiß-blau umringt, »aus dem Gesamtwerk«. Mancher hat in dieser Atmosphäre aus Hilflosigkeit und Enthusiasmus Schlüsselerlebnisse gehabt. Die Lehrerin Sigrun Casper zum Beispiel, die im Literaturcafé »meine Geburt als Schriftstellerin« erlebte, als einer ihrer Texte dort heftigen Beifall fand.

Sonst dominiert das Scheitern. Wer das »Rauchzeichen« sucht, findet einen EDV-Laden, denn nach einigen Jahren gab Annegret Gollin unter einem Berg von Werken über Kochtöpfe, Kanarienvögel und Kriegserlebnisse resigniert auf. Aus dem Literaturcafé ist das schnieke kleine »Café Belmundo« geworden. In der Oranienstraße 58 lassen Arbeiter einer Renovierungsfirma Schutt durch einen großen grünen Kunststoffrüssel in ihre Container rasseln. Nebenan ist der U-Bahnhof Moritzplatz. Auch dort unten haben Krowinn und Kollegen laut ihre Texte vorgelesen. Straßenmaler und -musikanten? Warum nicht Straßenliteratur? Passiert sei aber, sagt er, leider nichts.

In einem kleinen Zimmer in Berlin sitzt ein Mann und bearbeitet, was man in Gehrets Wohnung fand. Schreibt Text auf Text in einen Computer und lässt rasselnd den Drucker laufen. Schaufelt Worte hin und her und sagt, er sei manchmal »abgründig traurig, weil das eine Geschichte ist, wie man sich verpasst hat«. Dann wieder habe er »so eine Wut gegen den: Warum hast du mir das nicht gesagt?« Paul Schuster, der in Siebenbürgen ein bekannter Schriftsteller war und seit 1974 in Berlin im Exil lebt, veranstaltet Kurse im literarischen Schreiben, und bei denen hat auch Gehret mitgemacht, als, wie Schuster sagt, »ganz normaler Teilnehmer, der ein bissel bizarr aussah und der regelmäßig den Vogel abgeschossen hat, wenn er vorlas«. Was er sonst schrieb, erwähnte er nicht. »Er hat sich nicht getraut, mir diese verrückten Texte zu zeigen. Er hat gezweifelt.« Heute sitzt Schuster darüber wie »ein Bergmann an einem Wahnsinnsflöz«, und alle paar Wochen macht er neue »sensationelle Entdeckungen«. Natürlich will er davon was veröffentlichen, wenigstens jetzt, ja, natürlich, was denn sonst?

»Egal, ich will mein Haupt erheben aus dem Meer der zahllosen Literaten . . . Wer weiß, vielleicht bringe ich es doch noch als Schriftsteller« – das war eine der letzten Tagebucheintragungen Gehrets. Am 29. März 1986 sollte er in einer von seinem Freund Krowinn organisierten »Literaturnacht« zum ersten Mal vor größerem Publikum lesen. Diese Aussicht beherrschte ihn. »Seltsam, wie mir der Gedanke an die Lesenacht die Glut ins Gesicht treibt! Ich werde lesen! Und ich will alle in den Schatten stellen. Jawoll!« Dann wieder: »Mit dem, was ich bisher in der Mappe habe, traue ich mir nicht zu, die anderen Autoren der Literaturnacht in den Schatten zu stellen.« Schließlich: »Klar, ich kann nicht ewig mit dem schmalen Repertoire von Sex, Blut, Scheiße und farbigen Schmetterlingen protzen. Das nutzt sich ab. Aber in meinen 14 Ordnern stecken genug inventiones, um nicht nur während der Literaturnacht am 29. März den Vogel abzuschießen.«

Das schrieb er im Krankenhaus. Schon Anfang März war er zur Notaufnahme eines Berliner Hospitals gebracht worden, nachdem er seiner Schwester telefonisch mitgeteilt hatte, er habe eine schwere Grippe, könne weder gehen noch stehen, sprechen, heizen. Das Krankenhaus nahm ihn nicht auf. Gehret lag zwei Tage und Nächte apathisch in der Wohnung, landete schließlich doch mit doppelseitiger Lungenentzündung und völlig entgleistem Stoffwechsel in einem anderen Krankenhaus. Seinem Drängen folgend, entließ man ihn am Tag der Lesung, die er mit Beifall hinter sich brachte.

Drei Wochen später, wieder krank, verließ er seinen Arbeitsplatz und wurde von niemandem mehr lebend gesehen. Seinem eigenen Diabetes-Tagebuch war zu entnehmen, dass er seine Blutzuckerwerte nicht mehr in den Griff bekommen hatte. Wahrscheinlich sank er langsam in ein Koma, desorientiert durch abnehmenden Blutzucker, geschwächt durch fehlende Nahrungsaufnahme. Gehret starb mit 36 Jahren in der Anonymität der Stadt, in die er geflüchtet war, an dem Diabetes, den er sich selbst beigebracht hatte. Man fand ihn vor dem Schrank mit den Insulinspritzen, auf dem Rücken liegend, die Arme ausgebreitet, der Gesichtsausdruck ruhig und entspannt.

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