Kitabı oku: «Wortstoffhof»
Axel Hacke
WORTSTOFFHOF
Sprachgeschichten von
Äh bis Zeitfenster
Verlag Antje Kunstmann

WORTSTOFFHOFVORWORT
Kaum ein Land dürfte es auf der Welt geben, in dem der Wiederverwertungsgedanke ausgeprägter wäre als in unserem lieben Deutschland. Jede Gemeinde hat ihren Wertstoffhof, auf dem man von leeren Flaschen bis zu alten Lampen einfach alles abgeben kann; nahezu jedes Haus hat mindestens eine Altpapier-, eine Bio- und eine Restmülltonne; fast jede Wohnung hat ihr Schächtelchen für alte Batterien, ihren Korb für leere Flaschen, ihr Eimerchen für leer geleckte Joghurtbecher.
Dieser Idee folgend (dass also fast kein Müll einfach nur Müll ist, sondern immer Rohstoff) habe ich einmal vor vielen Jahren beschlossen, in meinem Büro auch ein Eckchen für Sprachabfall einzurichten: gesprochenes und geschriebenes Zeug, das ich nicht mehr benötigte, leere Floskeln, hohle Sprüche, zu oft verwendete Wörter, verbrauchte Sätze, so etwas. Man findet das ja überall, in den Zeitungen wie im Fernsehen, selbst wenn die Ehepartnerin spricht oder die eigenen Kinder oder man selbst.
Viele Jahre lang hatte ich zum Beispiel eine wöchentliche Kolumne im Berliner Tagesspiegel, in der ich mich nicht selten mit der Sprache der Politiker, der Sportler, der Wirtschaftsleute beschäftigte. Sie glauben ja nicht, wie schnell der Sprachmüllkorb sich da füllte.
Oder glauben Sie es doch? Ja, ich sehe schon, Sie glauben es doch.
In einer anderen Kolumne, Das Beste aus meinem Leben im Magazin der Süddeutschen Zeitung, richtete ich zur gleichen Zeit eine Art Unterkolumne namens Der Sprach-Wertstoffhof ein, mit dem Ziel, ebenfalls für nicht mehr benötigte Sprache einen Platz zu schaffen, von dem aus sie wieder verwertet werden kann. Denn auch in der Sprache gibt es eigentlich keinen Müll. Aus fast allem kann man noch etwas machen, und genau das soll mit diesem Buch hier bewiesen werden. Auch Leser sammelten also jetzt anderswo nicht mehr brauchbare Wörter, Wortfetzen, Sätze, Satzteile und Satzzeichen. Sie schickten und schicken mir auf wunderbarste Weise schlecht übersetzte Speisekarten, rätselhafte Schild-Texte, kryptische Gebrauchsanweisungen, falsch getrennte Wörter, vollkommen unkapierbare Tourismus-Prospekte. Nichts von dem erklärt uns etwas oder ist irgendwie verständlich, es ist alles unnütz – und doch, und doch … Der Behalter in uns sagt: Man könnte es vielleicht noch mal gebrauchen. Man soll Wörter nicht gering achten. Man soll sie nicht wegwerfen. Man kann sie vielleicht wieder verwenden, und wenn es nur zum Spaß ist. Zum Basteln.
So, und nun machen wir kurz Pause mit dem Vorwort. Ich schlage vor, Sie lesen mal ein, zwei kurze Kapitel dieses Buchs, um zu verstehen, was ich meine, Lustmühle vielleicht und, na … ja, genau: Mpfplan.
So. Sind Sie wieder da? Schön.
Sie sehen: Es geht hier um nichts anderes als um den Spaß am Valschen, die Poesie des Irrtuhms, die Freude an der Fehlleistunck – um einen Reichtum also, der erst durch menschliche Schwäche entsteht. Von welch anderem Reichtum könnte man dies behaupten?
Übrigens entdeckte ich dann eines Tages bei Goethe den Begriff Wortstoff, und zwar in einem Satz, in dem er sich gegen die Sprachreiniger und Puristen wendet:
»Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat … Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben (der Sprache) hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.«
Da hat er recht, finde ich. Und ich habe hier jetzt eben einen Wortstoffhof.
Was ich noch sagen wollte: Ein bisschen wundert es mich schon, vor welchem Berg von Material ich hier sitze, in einem Altwörterlager von nicht mehr überschaubaren Ausmaßen. Ich muss mir morgens, um überhaupt an meinen Schreibtisch zu gelangen, mit einem Schneeschieber den Weg durch Wörterhaufen bahnen und überlege andererseits, warum nie jemand bisher auf den Gedanken kam, analog zu den Altkleidersammlungen in Deutschland Altwörtersammlungen zu veranstalten. Oder wenigstens an den wichtigsten Straßenecken Gebrauchtwörter-Container aufzustellen. Es bleibt sonst – und dies in unseren zunehmend ausdrucksarmen Zeiten! – wertvolles Verbalmaterial ungenutzt. Wir haben es hier, ganz klar, mit einer Ausformung deutscher Sprachleidenschaft zu tun, die ich besonders erfreulich finde, weil sie sich nicht in Besserwisserei und den anderswo beliebten Falsch-Richtig-Kategorien äußert. Sprachkritik sollte ja, finde ich, nicht darin bestehen, sich über die lustig zu machen, die es nicht besser können. Sondern sie hat sich, wenn schon, jene vorzunehmen, die es nicht besser wollen, die also Sprache als Imponierinstrument oder zur Verschleierung ihrer wahren Absichten benutzen. Oder die einfach zu faul sind, das Richtige zu sagen.
Und, um auch dies gleich mal zu sagen: Ich halte nicht viel von denen, die das Deutsche »pflegen« wollen, als sei es ein Patient. Oder die nach aussterbenden Wörtern suchen, als sei die Sprache ein bedrohtes Ökosystem und der Verlust des Wortes »Backfisch« dem Aussterben des Kabeljaus gleichzusetzen. In Wahrheit stehen bei uns, wenn ein Wort ausstirbt, doch gleich zwei neue an der nächsten Straßenecke, und noch im letzten Ich-mach-dich-Messer-Dialog zweier Neuköllner Türkenjungs steckt mehr von der Kraft des Deutschen als in den Teilnehmern betulicher Sprachhütertagungen.
Wir vom Wortstoffhof versuchen Tag für Tag, in neue Sprachdimensionen vorzudringen. Und fragen uns, wie sehr eine Sprache vielleicht gerade durch das Falsche bereichert wird.
Dazu ein Beispiel. In Christian Eichlers sehr schönem Lexikon der Fußball-Mythen lese ich über die legendäre Abrechnung des Trainers Trapattoni mit den Fußballern seiner Mannschaft: »Nach einem Solo von 3 : 10 Minuten im Presse-Kabuff des FC Bayern, abgeschlossen mit dem legendären ›Ich habe fertig‹, war die deutsche Sprache nicht mehr dieselbe. Ausgerechnet ein aufgeregter Italiener zeigte, wieviel Kraft diese Sprache hat, wenn man auf ihre Korrektheit pfeift: ›Trapattoni‹, schrieb die Londoner Times, ›erfand eine ganze neue Art von Deutsch.‹«
Bitte sehr, hier ist jener Trapattoni: »Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr Mehmet e mehr Basler. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was hab ich gesagt? Danke.«
Wobei ich daraus jetzt keine große Theorie machen will, so etwas liegt mir nicht. Alles, worum es mir geht, ist in zwei Sätzen gesagt: Zwischen all den hoch ernsten Debatten über den Niedergang des Deutschen, über Rechtschreibreform, über Sprachverarmung, -fall und -lust, über schönste Wörter und Unworte des Jahres sollte man sich ab und zu etwas Spaß mit der eigenen Sprache gönnen. Bisschen mit ihr spielen.
Jedenfalls habe ich in meinem Berufsleben selten so viel Vergnügen wie in jenen Stunden, in denen ich auf dem Wortstoffhof arbeite und Eingeliefertes wie selbst Gefundenes auf seine Wiederverwendbarkeit oder (das gibt es ja nun auch) endgültige Unbrauchbarkeit prüfe. In denen ich Briefe öffne wie den von Herrn M. aus Egling, der schreibt, er sei gerade aus einem stundenlangen, ermüdenden »Meeting mit endlosem Palaver« gekommen und habe sich in der Küche erst einmal einen Kaffee holen wollen – da lese er auf dem Display der Kaffeemaschine: »Satzbehälter leeren!« Genauso wie die Kaffeemaschine habe er sich gefühlt, schreibt M., überfüllt mit Sätzen. Wohin damit? Auf den Wortstoffhof? Oder doch lieber in den Restmüll?
Ich würde sagen, in diesem Fall und was das Palaver betrifft: Restmüll. Aber den Ruf »Satzbehälter leeren!« kann ich natürlich sehr schön für den Wortstoffhof gebrauchen, denn auch hier müssen die Satzbehälter ständig geleert werden, damit sie frei sind für Neues.
Also, bitte: Besuchen Sie mich. Es ist durchgehend geöffnet.
A
ABSÄTZE
Eine der schönsten Einlieferungen in den Wortstoffhof überhaupt erreichte mich aus Karlsruhe, von Frau S. nämlich, die sich an einen Schuster erinnerte, in dessen Schaufenster sie ein Schild mit folgender Aufschrift sah:
»Auf Absätze kann gewartet werden.«
So etwas landet gar nicht erst auf dem Wortstoffhof, es wird direkt über meinem Schreibtisch befestigt, an dem ich bedrängt werde von Redakteuren, Verlegerinnen und Buchherstellern, die Texte wollen, Texte, Texte, Texte … Ich kann nun auf dieses Schild verweisen und auf die Wartebank neben meinem Arbeitsplatz. Ein Absatz dauert ja nicht lange, darauf können die Leute warten, aber ganze Manuskripte müssen weiterhin nach einigen Tagen, Monaten, Jahren abgeholt werden. Ich gebe dazu diese kleinen Nummernzettel aus, Sie kennen das vom Schuster oder aus der Wäscherei.
ÄH
Ich musste mein Büro aufräumen. Ich sortierte Wörter. Wenn man als Autor nicht täglich Wörter aufräumt, findet man sie nicht, wenn man sie braucht. Man muss zum Beispiel »Liebesglut« schreiben und kann es nicht, weil »Liebesglut« unter Zeitungen verborgen liegt. Dann schreibt man statt »Liebesglut« etwa »Feuer der Zuneigung«, aber das ist was anderes.
Viel Schwaches in der Literatur rührt daher, dass Autoren nicht aufräumen und sich mit dem behelfen müssen, was gerade daliegt. Es gibt Schriftsteller, die produktiver wären, wenn sie nicht dauernd passende Wörter suchen müssten. Irgendwo fand ich ein Äh und ein Ähm. Sind das eigentlich Wörter?, dachte ich. Oder nur Laute?
Ich weiß nicht, ob Sie die psycholinguistische Debatte in den USA und Großbritannien verfolgen … Sehr interessant. Man hat dort lange Äh und Ähm (im Englischen Uh und Um) nicht als Bestandteile der Sprache gesehen, eher als Geräusch oder Sprech-Abfall.
Dann haben Forscher den Fluss der Sprache untersucht. Und heute finden sie, Äh und Ähm seien normale Wörter. Das eine signalisiere eine kurze, das andere eine längere Pause im Redestrom.
Und dann, hier, Folgendes, ein Aufsatz in Bild der Wissenschaft, das Äh betreffend: Schottische Experten maßen die Stromspannung auf der Kopfhaut von Versuchspersonen und stellten fest, dass ein gut platziertes Äh es dem Zuhörer erleichtert, sich auf überraschende, schwer verständliche Wörter einzustellen. Er wird aufmerksamer. Auch hilft das Äh ihm, sich später an das Wort zu erinnern.
Liz Shriberg, eine Psychologin aus Kalifornien, sagte dazu vor Jahren, wenn man erkenne, wie sauber Äh und Ähm in Sätzen verteilt seien und dabei »eine sehr elegante Struktur haben, sieht man, dass sie überhaupt kein Müll sind«. Sondern Wortstoff.
Übrigens: Elegante Struktur …
Werfen diese Untersuchungen nicht auch, lange nach seiner Amtszeit als bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, ein neues Licht auf die Sprachführung unseres lieben Edmund Stoiber? Der mit seinem Äh in einer Weise unvergesslich geworden ist, dass unsere Kopfhäute sich noch in Jahrzehnten spannen werden, wird sein Name genannt. Wer die Verwendung des Äh durch Stoiber bei seinem legendären Christiansen-Auftritt im Januar 2002 noch mal unter die Lupe nimmt, wird hier eines Variantenreichtums und einer Eleganz gewahr, bitte … Ich möchte jetzt einen Beitrag zum psycholinguistischen Diskurs leisten, indem ich eine Systematisierung des Äh-Einsatzes bei Stoiber vorlege.
Das einleitende Äh: »Äh, es geht doch nicht darum …«
Das Äh im Satz: »Ich glaube, dass, äh, viele …«
Das Doppel-Äh im Satz: »Das hat, äh, äh, verschiedene Aspekte …«
Das einfache, Wort einrahmende Äh: »Wir schaffen das, äh, mit, äh, Schwierigkeiten …«
Das doppelte, Wort einrahmende Äh: »… Herr Merz, äh, äh, Frau, äh, äh, Frau Merkel …«
Das einfache, mehrere Wörter einrahmende Äh mit Wiederholung des Eingerahmten außerhalb der Einrahmung: »… äh, zahlen sie, äh, zahlen sie die Zeche …«
Das einfache, Wörter einrahmende Äh mit Wiederholung des Eingerahmten innerhalb der Einrahmung: »… äh, dass wir, wir, wir, dass wir natürlich uns vernünftig, äh …«
Das einfache, Silben einrahmende Äh mit Vernichtung der eingerahmten Silbe: »… die 209 Milliarden DM, die, äh, ver-, äh, für Fort-, die, den Solidarpakt, also das bitte ich …«
Das doppelte, Wörter einrahmende Äh mit Wortwiederholung und einem Wort innerhalb des zweiten Äh, Äh: »… das ist noch lange nicht abschließend, äh, äh, abschließend, äh, damit, äh, befunden …«
Das ins Wort eingesprungene einfache Äh mit Anlauf: »… von, von, von, von Ost nach West-, äh, -deutschland.« Das ins Wort eingesprungene einfache Äh mit Wiederholung eines anderen Wortes in diesem Wort, ohne Anlauf: »… zwei Prozent des, äh, Brutt-, äh, des, des, des Bruttosozialprodukts …«
Das mehrmals in den Satz gestreute Äh, mit Wiederholung von Satzbestandteilen und einer falsch angeredeten Person in der Einrahmung: »Wir liegen mit 5,8 Prozent, äh, wenn Deutschland, äh, bei 5,8 Prozent Arbeitslosigkeit läge, dann hätten wir viele Probleme nicht, also ich glaube, dass Sie nicht unbedingt jetzt den Spitzenreiter oder den Zweiten…, ja, Frau Merkel, ich bin, Frau…, Sie sehen, Sie sehen, Sie sehen, wie, Entschuldigung, aber Sie sehen, wie eng, ich hab auch heute zweimal mit ihr telefoniert, wie eng wir natürlich auch, äh …«
Schließlich das vierfache, ins Wort eingesprungene Äh mit vierfacher, ins Äh eingesprungener Wiederholung eines anderen Wortes – mit Anlauf (nie vorher wurde so etwas versucht!): »… jetzt schreiben die großen Firmen, ob das British Telecom, ob das VIAG, ob das Telek-, äh, die, die, die, die, äh, äh, äh, die große deutsche Gesellschaft ist, Herr Sommer, der schreibt jetzt ab…«
Ganz groß. Ein Rhythmiker. Ein Sprachmusiker. Ein Virtuose des Äh.
ALPENHAUPTKAMM
Gott, wie ich dieses Wort mag! Alpenhauptkamm. Manchmal bilde ich mir ein, ich wohne nur deswegen in München, weil ich in Norddeutschland dieses Wort viel zu selten hören würde. Denn für die Menschen in den Tiefebenen sind ja die Haupt- und Nebenkämme der Alpen weitgehend bedeutungslos. Ob es auch einen Pyrenäenhauptkamm oder einen Karpatenhauptkamm gibt? Egal, es wäre bedeutungslos. Rein klanglich nicht zu vergleichen. Nur der Alpenhauptkamm hat dieses über die Vokale A, e, au und die Konsonanten l, p, n und h sich langsam Erhebende, dann plötzlich steil zum schmalen, scharfen Grat des -ptk-Emporschnellende, schließlich weich ins Bett des -amm Hinunterfallende.
Alpenhauptkamm. Man hört das oft im Wetterbericht.
Da fällt mir der Brief von Herrn E. aus Göppingen ein. E. verfolgte Anfang März 2006 den Wetterbericht im Bayerischen Fernsehen und hörte dort, dass »die Niederschläge zunehmend weniger« würden, eine Wortwahl, die mich an einen pubertierenden Neffen erinnert, mit dem zusammen ich einmal ein Lokal betrat, in dem sich fast keine Gäste befanden, was meinen Neffen zu der Bemerkung veranlasste: »Ist ja voll leer hier!«
E. indessen dachte nach diesem Wetterbericht über einen Kurzurlaub in Südtirol nach, bis, so schreibt er, das Fernsehen einige Tage später berichtete, dass es »die Sonne südlich des Alpenhauptkamms immer öfter schaffen würde, sich vor die Wolken zu schieben«. E. war alarmiert: die Sonne vor den Wolken! Südlich des Alpenhauptkamms! In Südtirol! Er verzichtete auf seinen Urlaub, »dieser brandgefährlichen Lage wollte ich mich dann doch nicht aussetzen«. Fast wundert es einen, dass es heute südlich des Alpenhauptkammes überhaupt noch Leben gibt, ja, dass – im Gegenteil – gerade in der Nähe des Alpenhauptkammes das Leben sich in einer Weise intensiviert, nein: extensiviert zu haben scheint, sodass es zum Beispiel in Arosa der Firma B.Hilty, Heizung, Sanitär, Lüftung, Haustechnik möglich ist, einen »25h Service« anzubieten, wie mir Leserin P. mitteilte und durch Foto des Firmenwerbeschildes auch belegen konnte.
ALTGERT
Von Herrn H. aus München bekam ich ein Foto geschickt: Man sieht darauf einen großen gelben Müllcontainer mit der Aufschrift »Männer«, wie er sich laut Auskunft von H. in der Gemeinde Zell unter Aichelberg befindet. Und man staunt: dass hier am Fuße der Schwäbischen Alb offensichtlich Männer problemlos entsorgt werden können beziehungsweise vielleicht sogar einem Recycling zugänglich zu machen sind, auf einer Art Männer-Wertstoffhof. Ich erinnerte mich angesichts dessen an den Kollegen M., der vor vielen Jahren nach seiner Scheidung einen Verein für Gebrauchtmänner ins Leben rief. Keine Ahnung, was aus dem geworden ist, dem Verein, meine ich. Der Kollege ist natürlich längst wieder verheiratet.
Kaum hatte ich H. s Brief gelesen und beantwortet, schrieb mir Herr K. aus München. Er hatte von der Karstadt-Filiale in Augsburg eine »Wertmarke fr den Transport von 1 Altgert« zugeschickt bekommen, versehen mit der Anmerkung: »Kleben Sie diese Wertmarke auf das zu entsorgende Gert«.
Man ahnt ja nun, wo Altgert landen wird, nicht wahr? Aber ist es nicht schnöde, den Gert, kaum dass er verbraucht ist, nur noch »das Gert« zu nennen?
Dies wenige kann man doch auch für den ältesten Gert der Welt noch tun, nämlich dass man ihn in einen anständigen Container für alte Männer wirft, wobei ich spätestens hier jetzt leider erwähnen muss: Das Geheimnis des Containers in Zell unter Aichelberg liegt im Kleingeschriebenen unter dem Wort »Männer«. Er gehört der Entsorgungsfirma von Herrn Willi Männer in Bissingen.
ANDEREMÄNNER
Jetzt mal zu einem Wort, das mir lange Zeit sehr auf die Nerven ging: Anderemänner.
Anderemänner, es reichte mir ganz schön mit Anderemänner. Wenn ich es nur hörte, Anderemänner, ich hätte in die nächste Wirtschaft rennen und mich volllaufen lassen können wie ein Fass, so zuwider war es mir. Anderemänner. Anderemänner sind die, die es anders machen als ich. Besser in jedem Fall. Anderemänner lassen ihrer Frau ein duftendes Bad ein, wenn sie gestresst ist. Massieren ungefragt, aber immer im richtigen Moment ihre Kopfhaut. Sie kochen einen Tee, wenn ihre Frau noch nicht einmal gedacht hat, dass sie einen Tee wünschen könnte, aber es gleich denken wird – dann steht der Anderemänner-Tee schon da. Anderemänner sind von großer emotionaler Präsenz, und wenn sie es gerade einmal nicht sind, können sie mit sanfter Stimme begründen, warum nicht. Anderemänner kommen auf Gedanken, die mir nicht kommen, jedenfalls nicht im richtigen Moment. Anderemänner sind der Wahnsinn, die ganze Welt scheint voll von ihnen zu sein, sie schlafen nie, ihre Energie ist unerschöpflich, und falls sie doch erschöpflich ist, lassen sie es sich nicht anmerken, oder sie weisen zum rechten Zeitpunkt (wenn es also einer Frau gerade überhaupt nichts ausmacht) auf diese momentane und bald vorübergehende Erschöpflichkeit hin.
Manchmal sind Anderemänner bei uns zu Besuch. Freund D. zum Beispiel kam mit seiner jungen Frau zum Kaffeetrinken vorbei, ihren winzigen Sohn hatten sie im Tragekörbchen bei sich, und wenn der winzige Sohn einmal auch nur winzig wenig wimmerte, stand D. sofort auf, um die noch gar nicht geäußerten und vielfach auch gar nicht äußerbaren Wünsche des Kleinen zu erfüllen. Ein Fläschchen. Ein Nuckinucki. Ein Windelchen. Ein Streichelchen.
Und wenn D. sich dann wieder setzte, ging er an seiner Frau vorbei und strich ihr mit zärtlicher Gebärde über den Kopf. Und ich wusste schon, was kommen würde, ich betrachtete D. mit flackerndem Blick, aber er machte einfach weiter.
Kaum waren sie gegangen, rief Paola: »Hast du gesehen, wie er ihr immer über die Haare strich! Ach, wenn du doch nur einmal …«
Jahrzehntelang kannte ich nur einen Wunsch: einmal wie Anderemänner sein. Und neulich erfüllte es sich, dieses Sehnen.
Da waren wir mit Paul und seiner Frau Anna zum Abendessen verabredet, in einem Restaurant. Anna und Paul haben ein Kind, das ist anderthalb Jahre alt, und wir haben auch so ein Kind, das anderthalb ist, Sophie heißt es. Aber für diesen Abend hatten wir Babysitter engagiert, Anna und Paul einen und Paola und ich auch einen. So konnten wir eben im Restaurant sitzen und uns in aller Ruhe gegenseitig von großen Müdigkeiten berichten, den verschiedenen Müdigkeitsformen und -stufen von Eltern, die jede Nacht aufstehen müssen, um Fläschchen zu bereiten oder sonstwie nett zu sein zu ihrem Baby.
Und plötzlich sagte Paola, seit einer Weile, seit sie nämlich zu und zu müde geworden sei vom nächtlichen Aufstehen und stundenlang schon gar nicht mehr einschlafen könne, wenn sie einmal nachts aufgestanden sei, seitdem also stünde ich (ihr Mann nämlich) nachts auf, um Fläschlein zu geben und Windilein zu wechseln und Dutzidutzi zu machen. Und sogar erhöbe ich mich um halb sieben schon wieder, um dem Luis sein Frühstück zu machen und dann ins Büro zu gehen – nur damit sie einige Monate lang mal wieder normal schlafen könne. Das sagte sie in die Gesichter Annas und Pauls hinein.
Und ich sah Interesse in den Augen Annas, und in denen ihres Mannes erblickte ich etwas wie, nun ja, war es Angst? War es Hass?
Jedenfalls wusste ich: In diesem Moment war ich Anderemänner für ihn und würde es noch eine Weile bleiben, und, wie soll ich sagen: Es war ganz schön, Freunde, es war ganz okay.
ANREDE
»Meine gefühlten Herzgrüße und Empfehlungen« – so beginnt eine E-Mail, die Professor S. in Tübingen eines Tages auf seinem Bildschirm fand, abgesandt von einem Absolventen der Universität Madras/Indien, der sich bei ihm um einen Posten bewarb, »ungeachtet der Tatsache, dass ich in ganz eine bequeme Position in der gegenwärtigen Universität gelegt werde«.
»Ist er schon deutscher Beamter?«, fragt dazu S.
Meine gefühlten Herzgrüße: eine ganz wunderbare Grußformel, wie ich finde, geeignet sowohl für Anfang wie für Ende von Briefen, wobei ich statt des ewigen »Mit freundlichen Grüßen« auch jenen Briefschluss in Erwägung ziehen würde, den mir Frau S. aus dem Münchner Fremdenverkehrsamt überließ, ein schönes und rares Stück aus Belgien: »Vorwärtshörfähigkeit von Ihnen bald schauend, danken wir Ihnen für Ihre Hilfe und Mitarbeit.«
Vorwärtshörfähigkeit – das haben viel zu wenige Menschen. Rar sind schon jene, die voraus schauend sind, aber vorwärts hörend? Ich wüsste niemand zu nennen. Rätselhaft bleibt, wie man eine Vorwärtshörfähigkeit schaut. Aber gut.
Alternativ kann ich anbieten, was Herr Dr. H., seines Zeichens Philologe in München, mir von einem seiner Kollegen in Weimar berichtete: Der erhielt eines Tages das Schreiben eines japanischen Germanisten, welches, so H., in die »unübertreffliche Formulierung« mündete: »Mit kochendheißem Dankgebet.«
Ein bisschen spezieller, weil persönlicher ist, was ich einem Schreiben von Leser T. aus Waldshut entnehme, der in seiner Familie vor Jahren eine französische Austauschschülerin zu Gast hatte, Anne aus Blois war das. Kaum nach Blois zurückgekehrt, schrieb Anne einen Brief, dankte für den angenehmen Aufenthalt und schloss mit einem besonderen Gruß an die Tochter: »Und viele Nordwinde für Petra.« Ein Rätsel. Bis man im Lexikon nachschlug und entdeckte, dass Anne wohl hatte schreiben wollen: »Und viele Küsse für Petra«. Kuss bzw. Wangenkuss heißt bise im Französischen, schlägt man aber unter bise nach, findet sich als erste deutsche Bedeutung »Nordwind«, dann erst »Wangenkuss«. Aber ist ein Nordwind – zumal in einem heißen Sommer – nicht ein ganz wunderbarer Gruß aus der Fremde?
Bei zu viel Nordwind kann ein Brief allerdings auch enden wie der, den vor Jahren eine meiner Leserinnen bekam. Er war unterzeichnet mit den Worten »Nach Diktat vereist«. Kaum hatte ich davon in einer Lesung dem Publikum berichtet, meldete sich Frau F. aus Köln, die den Abschiedsbrief einer aus der Firma scheidenden Kollegin zitierte. Er endete so: »Damit verbleiche ich mit freundlichen Grüßen.«
ANSCHLUSSMOBILITÄT
Was ich an der Deutschen Bahn immer besonders geliebt habe, war, dass sie eine eigene, ganz unverwechselbare Sprache hat (→ Fahrgastwunsch, Übergangsreisender), die einem immer neu zu denken gibt. In der es Wörter gibt wie »Anschlussmobilität«, das ich vor Jahren in der Bahn-Zeitschrift mobil entdeckte.
Was damit gemeint ist?
Einfach, dass man auch nach Verlassen des Zuges nicht stehen bleibt, sondern sich weiter bewegt, zum Beispiel mit Call a Bike oder DB Carsharing, ihrerseits ganz neue Wörter aus dem Bahnsprech. Man kann natürlich auch weiter gehen. Oder sich von der Ehefrau mit dem Auto abholen lassen, gute alte Formen der Anschlussmobilität, für die wir aber bisher einfach kein Wort hatten. Solche Wörter erfindet die Bahn für uns, da ist sie ganz groß, das macht ihr keiner nach.
Leser T. schickte mir eine E-Mail, in der er beschrieb, was er auf der Anzeigetafel las, als er von München aus mit dem ICE nach Mannheim fahren wollte: »Zug verkehrt in umgekehrter Zugreihung.«
Das sind Momente, in denen der Reisende sich wünscht, es gäbe ein kleines Lexikon der Bahnsprache, in dem man nachschlagen könnte, was eine »Zugreihung« ist, sodass man sich dann selbst vorstellen könnte, was es bedeutet, wenn man diese Zugreihung umkehrt. Herr T. schrieb, er habe dank der Wagennummerierung seinen reservierten Sitzplatz gefunden und gleich darauf den »Zugbegleiter« (auch so ein Wort!) gehört, wie er über Lautsprecher bekannt gab: »Dieser Zug verkehrt heute in umgereihter Zugreihung…«
Hä?
»… das heißt, die erste Klasse befindet sich am Zuganfang.«
Aha. Und wo war noch mal der Zuganfang?
Am Bahnsteigende.
Apropos Anfang und Ende. Da fällt mir ein, was der Zugchef einmal auf einer Fahrt nach Westdeutschland mitteilte: dass nämlich der Zug einen »Zuglaufteil« mit sich führe, der nur bis Köln »verkehre« – und dann? Darüber informierte der Zugchef dergestalt, dass er sagte: »Die Wagen verbleiben in Köln und enden dort.« Und auch Herr H. aus Erlangen schrieb mir, er habe sich neulich »in der Anfahrt« (ach, seufz!) auf Nürnberg befunden, als es hieß: »Der Zug endet hier, bitte alles aussteigen!«
Dazu bemerkt H. in seinem Brief: »Nachdem ›alles‹ ausgestiegen ist, werfe ich einen wehmütigen Blick auf den noch ganz rüstig aussehenden Zug, der hier endet, und bin froh, daß ich mit meinem Gepäck dem Ende entrinnen konnte!« In der Zeitung las ich dann, die Bahn bemühe sich nun um einen neuen Ton in ihren Ansagen, man werde die Bahnsprache reformieren und zum Beispiel nicht mehr vom »Wagen mit der Ordnungsnummer sieben« reden, wenn man auf den Speisewagen verweise, sondern einfach vom »Wagen Nummer sieben«.
Eine Sprachwelt geht unter. Endet hier.
Schade.
AUFSTELLUNGSORT DES SEINS
Das Reisen ist ja in den Zeiten der Pauschalreisen und Billigflieger bis zur Unerträglichkeit so banalisiert worden, dass der empfindsame Mensch am liebsten nur zu Hause bliebe. Doch lässt sich beweisen, dass es noch Ziele gibt, an denen es Unglaubliches zu entdecken gibt (→ Betäubunglärm), Abenteuer der Poesie und Leidenschaft, so erregend, dass ich mit dem Gedanken spiele, eine Tourismus-Gesellschaft zu gründen, Wortstoffhof-Tours, warum nicht? Hier eine Auswahl möglicher Ziele:
Das Hotel S. Mamede in Portugal, auf das mich Frau D. aufmerksam machte, die in einem Münchner Reisebüro arbeitet und der Folgendes angeboten wurde: »Hotel S. Mamede benutzen 41 Viertel und 2 Räume. Alle Viertel haben privative WC, Trockner des Haares, bedingte Luft, Stab, Aufstellungsort des Seins, Aufstellungsort der Mahlzeiten und Aufstellungsort des Fernsehapparates.«
Das Hotel Principe Palace am Lido di Jesolo in Italien, das Frau T. aus Bischofswiesen kennenlernte. Das Hotel empfiehlt seinen Gästen Exkursionen nach Österreich, wo ein rares Vergnügen angeboten wird: »Durchnässen Sie auf der Atmosphäre des Landes zusammen mit dem Probieren des örtlichen Apfelstrudels.«
Die kleine Stadt Nant in Frankreich, die Frau V. aus München besuchte. Dort gibt es eine Kirche, an deren Eingang dieses Angebot gemacht wird: »Um Ihnen zu erlauben, die Schönheit besser zu schätzen von dieses Romane Abteikirche: stehen zu Ihrer Verfügung – Ein Zeitmesser, um ›schönen Christus von Nant‹ zu beleuchten, tief in die Die Kirche, an Ihrer Rechte, indem man hineingeht. – Ein Zerstäuber der Umgebungsmusik mit Beleuchtung des ganze angesiedelten Gebäudes, indem man auf der niedrigen Seite der Rechte aufrichtet, angesichts des dritten Pfeilers. Dort ein Stück von 1 Euro zu rutschen, dann zu bewundern.«
Urlaub auf dem Bauernhof L’Uliveto bei Imperia, wie Frau W. aus Wien ihn kennenlernte: »Für die Entspannung der netten Gäste bietet der Garten Winkel von Schatten und anderen von Tankfüllung allein an … Die Struktur verfügt über fünf Wohnungen von verschiedenen Oberflächen alle mit FERNSEHER satellitare und beraubt Parkplatz … Vorherige nach Buchung kann Ausflüge im Boot machen sowohl für sportliche Fischerei sowohl für die Sichtung von Walen ins Heiligtum der Walfische.«
Schließlich das Hotel La Perla in Rimini, von dem mir Leser S. berichtete. Es heißt dort auf der Internet-Seite: »Das Hotel La Perla von Rimini hat von Semprini Familie, die eine Erfahrung prahlt, geleitet von darüber hinaus 20 Jahre, siegreiche auch mit dem 1° Preis ›Gradisca 2001,‹ im 2002 und im 2003, außer: Besonderer Preis 2004! Das Hotel La Perla bietet die folgenden Dienste an: Heben Sie; Nacht-Pförtner; Weltraum hat mit Tischen und Stühle auf dem Spaziergang ausgestattet; Herrenfriseur und schmutzige Wäsche-Dienste (auf Bitte); Großer Karpfen-Arche…«
Wenn man darauf am Ende eines langen Lebens zurückblicken könnte, auf ein Leben voller Reisen. Einmal am Aufstellungsort des Seins gewesen! Einmal Umgebungsmusik zerstäubt! Einmal auf der Atmosphäre Österreichs durchnässt! Einmal das Heiligtum der Walfische gesehen – und auch die Große Karpfen-Arche!
Alles hätte sich gelohnt, nicht wahr?
AUF- UND ABSCHMELZEN
Aus der Welt der Koalitionsverhandlungen drang vor Jahren das Wort »Ehegattensplitting« an mein Ohr. Das hört sich an, dachte ich, wie ein anderes Wort für Scheidung, oder es klingt jedenfalls irgendwie nach einem schweren, mit Äxten ausgetragenen Ehestreit, bei welchem am Ende der eine oder andere Gattensplitter im Flur liegt.
Aber es ist ein Begriff aus dem Steuerrecht. Man wolle das Ehegattensplitting »maßvoll und flexibel abschmelzen«, sagte damals Frau Göring-Eckardt von den Grünen.
Abschmelzen.
Der Sprachfreund staunt, wie jenes wunderbar klangvolle Wort, das Connaisseure am liebsten im Konjunktiv genießen (Hamlet: »Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch…«), wie dieses Poetenverb also nun in der Hans-Eichel-Welt angekommen ist. Und wie doch das Steuerrecht alles im Leben aufnimmt und sich anverwandelt, auch die Liebe, die stets beginnt mit maßlos-leidenschaftlichem Dahinschmelzen im Arme eines anderen und dann eben endet im maßvoll-flexiblen Abschmelzen von Gattensteuersätzen.
Schmelzlich, schmelzlich, wie der Chinese sagt.
In vielen Fällen sind die Vorteile, welche Ehepartner aus dem Splitting ziehen, ja nichts anderes als Schmelzensgeld. Kann eigentlich etwas, das abschmilzt, auch aufschmelzen? Irgendwo bei Goethe heißt es:
» Das Allerstarrste freudig aufzuschmelzen
Muss Liebesfeuer allgewaltig glühen.«
Aber hier liegt der Verdacht nahe, der Alte habe das »auf« bloß aus metrischen Gründen angefügt; ihm wäre sonst der Versrhythmus zum Teufel gegangen. Hätte er übrigens geschrieben »Das Allerstarrste freudig abzuschmelzen«, wäre es das Gleiche gewesen – zwischen Auf- und Abschmelzen ist kein Unterschied, immer wird Hartes weich und Festes flüssig.
In Ganghofers Roman Das große Jagen findet sich der Satz: »Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter … den stillgewordenen Hofraum.« Aber hier bedeutet »aufschmälzen«: einer Sache etwas hinzuzufügen, so wie man Maultaschen oder Brotsuppe mit Fett aufschmälzt, nicht wahr? Vor Jahren noch hätte man gesagt: »Frank Lehmann, die Berichterstattermiene mit einiger Heiterkeit aufgeschmälzt, verkündet uns Tag für Tag das Abschmelzen der Aktienkurse.« Sie erinnern sich an Lehmann? Das war jener Herr, der früher vor der Tagesschau die Börse kommentierte, lustig wie im Kasperltheater.
Man wartete immer, dass einer kam und ihm mit Kasperls Klatsche auf den Kopf haute. An manchen Tagen wollte man’s am liebsten selbst tun.
Was noch mal das Ehegattensplitting angeht, so handelte es sich bei seinem Abschmelzen um eine Steuererhöhung, wenn ich alles richtig verstanden habe. Seltsam: Gewinne, Aktienkurse, Vermögen, auch die Polkappen – alles schmilzt ab. Aber die Zeiten werden immer kälter und härter.
AUSGEMACHTENUDELTUCKE
Dank eines weit gespannten Leserkorrespondentennetzes bin ich seit einiger Zeit in der Lage, über kulinarische Entwicklungen in aller Welt zu berichten, von denen man anderswo nicht mal etwas ahnt (→ Drahthuhn, Fischtageszeitung, Huhntorte). In diesem Kapitel möchte ich auf ungewöhnliche gastronomische Ideen rund um den Globus hinweisen. Bitte bedenken Sie: Jedes Küchengenie hat namenlos begonnen, und was heute noch ohne Aufsehen in Quedlinburg oder der Bretagne aufgetischt wird, kann morgen schon in berühmten Restaurants Münchens, Hamburgs oder Berlins auf dem Teller liegen.
Ich habe mir erlaubt, die Zuschriften nach Länderküchen zu gliedern.
Deutsche Küche. Hier ist von einer erstaunlichen Entwicklung zu berichten, zuerst von Familie B. bei einem Ausflug in Quedlinburg entdeckt, auf dem Weg zum Burgberg. Dort wurde neben Schweinebraten auch »Bauernmädchen mit Rotkraut und Klösse« angeboten. Kein Einzelfall! Denn in Kulmbach, im Bistro einer dortigen Metzgerei (Frau F. schickte mir das Inserat), gibt es: »Omas Saures Fleisch mit Baumwollnem Kloß«. Und Frau E. berichtet aus der Kantine ihrer Firma in München, dort habe eines Montags »Fenchel-Organsuppe« auf dem Speiseplan gestanden.
Ist es zu fassen? Nach der nouvelle cuisine ein nouveau cannibalisme? Das kann jeden treffen, wie ich selbst von Leser K. erfahren musste, der in der Münchner Giselastraße vor einem Lokal ein Schild fotografierte, auf dem es hieß: »Heute: Gebacken Hackefleisch mit Kartoffelen In tomaten Soß u. Basmati Reis«.
So schnell kann es gehen. Da ich selbst noch am Leben bin und keine Körperteile fehlen … Ein Familienangehöriger? Ein Namensvetter? Wir zählen jetzt jeden Tag beim Abendessen durch.
Ob übrigens die Oma in Kulmbach ihren Beilagenkloß noch selbst gestrickt hat? Die Mitarbeit von Familienmitgliedern in der Küche ist ja gelegentlich im Gastgewerbe ohnehin etwas grenzwertig, wie ich aus der Zuschrift von Frau L. und Herrn H. aus Biberbach erfuhr. Sie ließen mir das Exemplar einer Speisekarte des Highlander Hotel irgendwo in Großbritannien zukommen, auf der zunächst ein vegetarisches Gericht mit der knappen Beschreibung »Pfanne Hat Mittelmeergemüse Gebraten« annonciert wird, die nächste Speise aber schon so lautet: »Frischer Örtlicher Lachssalat Garniert Hat, der in Zitrone & Estragon sich Erschlichen Worden Ist, und Hat Sanft auf einem Bett von Gemischt Verläßt Gehockt«. Das ist wahrhaft schön gesagt, und wer nicht böswillig ist, weiß auch ungefähr, was gemeint ist. Anscheinend handelt es sich beim Highlander Hotel um einen Familienbetrieb, bei dem, wie gesagt, alle mitarbeiten müssen, denn am Schluss heißt es: »Alle gediente mit Küchenchef’s Jahreszeitlich Gemüse auftischt, und Baby Hat Kartoffeln Gekocht.«
Sollte halt nur das Jugendamt nichts davon erfahren.
Italienische Küche. Hier scheinen sich ähnliche Ideen Bahn zu brechen, wenn auch zurückhaltender. Eine Runde von Freunden (ich war leider nicht dabei) entdeckte auf Elba »Fisch mit Weib und frisches Tomatensoße« auf der Karte. Herrn W. aus Meran wurde im Hotel Corona in Tirano »Kotelett zur Mailänderin« angeboten (aber auch »Wird tollwütig Pennette« sowie »Ich schneide ein Gewinde zum grünen Pfeffer oder dem Gitterrost«). In Fiesole fand Frau M. aus Baden-Baden »Ausgemachtenudeltucke mit kleine Gemüse«, Frau S. aus Coburg las auf den Zattere in Venedig das Angebot »Nudelspein« im Menü und entschied sich dann lieber für »Wrüstel«. Und Frau D. aß zum Dessert in Desenzano »Tartufo schwarzer weißer Mann oder«. Schließlich diese unfassbare Nachricht: Frau von Z. aus Schwabing berichtet von einem Hotelrestaurant in Abano Terme, in dem auf der Karte »Der Schwanz des Anglers« stand. (Es ging um eine coda di rospo, einen Seeteufel, wobei coda eben auch Schwanz bedeutet und der Seeteufel im Deutschen einen zweiten, seltener benutzten Namen hat, Angler nämlich, anglerfish sagt der Engländer.)
Internationale Küche. Hier möchte ich den Brief von Frau S. aus München zitieren, die auf der Isla Margarita in Venezuela eine »Sauce de tartare« sah, die auf Deutsch »Zahnstein sosse« hieß, wie immer sie hergestellt worden sein mag. Herr B. aus Aying weilte zu Recherchen im Hotel Prima Sol El Mehdi in Tunesien und entdeckte, dass man dort zu radikaler Ehrlichkeit, den Wein betreffend, gelangt ist, denn es wurde angeboten: »Tunesischer Wein (rot und geschönt)«. Ein Catering-Service aus Haimhausen bot, berichtet Frau F. aus Freising, »Chili con cane« an, Hundechili. Man hätte das eher in Asien erwartet. Herr H. fotografierte in Lissabon eine Speisekarte, auf der »Stange des meers gekocht/geröstet« ebenso angeboten wurde wie »Schweinefleisch an der Portugiesin« und »Schweinefleisch an den Papas« (→ Schweinekäse).
Asiatische Küche. Herr H. aus Wiesbaden kann per Foto beweisen, dass in der Mensa der Universität in Mainz im Frühjahr »Gerüchte aus dem Wok« angeboten wurden.
Französische Küche. Die gewagtesten Trends kommen aus Frankreich, wo Herr R. aus Mammendorf einmal seinen Sommerurlaub verbrachte, in der Nähe von Carnac in der Bretagne. Hier scheint ein unentdecktes Genie am Werk, denn es wird angeboten, was in der Weltküche bisher unbekannt war: »Radhemmungen«. Niemand hat es bisher gewagt, »Radhemmungen« zu essen oder zu kochen, in Carnac aber werden sie auf souveränste Weise serviert und kombiniert, sowohl als Beilage eines Salattellers als auch zusammen mit »Ziegenkäse an den drei Parfüms«. Dazu dieser wohl zwischen Maschinenöl und Bremsbelag oszillierende Radhemmungsgeschmack, irgendwie dem Ich-schneide-ein-Gewinde-Gericht in Tirano verwandt – wuff! Wie schnell solche Trends in Frankreich voranschreiten, mag die wenig später eingetroffene Post von Frau L. aus Bochum belegen, die in der Camargue »Topf Formen bildet fraiche radhemmungen« auf dem Speiseplan sah, aber auch »Topf Formen des sünders fischsuppe, ausfugmasse von tomate, weibhan«, als wahre Sensation aber: »Kartoffeln am alten, grünem Salat Soße«. Eines der Hauptgerichte in Carnac übrigens: »Das Ding des Chefs«. Leider war Herr R. nicht bereit zur Bestellung. Aber man hat ja öfter Ferien. Carnac samt Umgebung sollte auf der persönlichen Reisespeisekarte jedes Gourmets von Anspruch verzeichnet sein.
Zum Ende unseres kleinen Ausflugs in die Weltküche fällt mir ein Gespräch mit Frau M. aus Mainz ein, die sich ihrerseits an eine Klassenreise nach Paris erinnerte, bei der die Schüler in einer Pariser Jugendherberge übernachteten. An deren Eingangstür stand auf Deutsch: »Bitte aufstoßen!« Man könne sich ja vorstellen, sagte Frau M., was da geschehen sei, wenn eine ganze deutsche Schulklasse diese Tür passierte. Ja, das kann man, das kann man…
AUTORENERWACHEN
Über die Frage, wann Schriftsteller eigentlich aufstehen, weiß man wenig. Fontanes Tagebücher beginnen Tag für Tag mit dem Wort »Gearbeitet«, nichts übers Vorhergehende. Bei Kafka: nichts. Bei Frisch: auch nix. Nur Thomas Mann, natürlich, notierte Morgen für Morgen: »Gegen 8 Uhr auf. Heiterer Himmel.« Oder: »8 Uhr auf. Nebel.« Oder, am 3. April 1950: »Stand versehentlich um 7 statt um 8 auf. Unbehaglich.«
Dabei interessiert die Frage, wann Schriftsteller sich morgens erheben, den Bürger brennend. Denn der Nichtschriftsteller fantasiert sich den Schriftsteller gern als Bohemien und ist überrascht (und enttäuscht) zu erfahren, dass Künstler Kinder haben, die sie wecken, oder einen Wecker, der … Egal. Worum es jetzt hier geht: dass die Süddeutsche Zeitung im Sommer 2004 einmal Tag für Tag einen Autor fragte, wann er eigentlich aufstehe.
Und was die Leute antworteten!
Kaum einer, von Yann Martel und Henning Mankell abgesehen, gab eine schlanke Antwort, teilte eine Uhrzeit mit oder so.
Nein, man las, dass Aris Fioretos sich auf Zehenspitzen aus dem Bett stiehlt »wie ein Dieb in der Nacht«, um sich dann, zwei orangefarbene Stöpsel in den Ohren, anzuschicken, »aus den Träumen Worte zu machen«.
Man las, dass Katja Lange-Müller aus einem Teller, der auf ungeöffneten Briefen steht, Linsensuppe frühstückt – unglaublich, aber anscheinend wahr.
Man las, dass Durs Grünbein gar nicht aufsteht, denn wer aufstehe, schrieb er, sei verloren. Man habe ihn ungefragt geboren, »und niemand fragt mich, ob ich sterben will. So leb ich hin und bald ist es vollbracht.«
Da bleiben einem gleich ganz früh die Linsensuppe im Hals und die Stöpsel in den Ohren stecken, so traurig ist das.
Mein Nummer-eins-Hit unter den Antworten: der wunderbare, leider verstorbene Walter Kempowski. Der stand zweimal auf, zuerst um sechs, duschte und rasierte sich, guckte aus dem Fenster – dann schlief er wieder. »Dann wird gelesen, und um neun erquickt an den Frühstückstisch geschritten. Hier kommt es zum Tagesgespräch mit meiner Frau, und dazu werden Marmeladenbrote gegessen.« Alles Passiv, aber besonders schön dieses »Tagesgespräch«, das offenbar einen so einmaligen, ritualisierten Charakter hatte. Was die Marmeladenbrote angeht: Da ruft der Leser von Uns geht’s ja noch gold mit Mutter K. ein herzliches: »Mahlpolzeipott! Fiss biste patzt!«
Auf Platz zwei meiner kleinen Antwort-Hitliste lag Michael Lentz mit dem Rat: »Bei Unschlüssigkeit, ob der zum Aufstehen angemessene Körperzustand erreicht ist, in einem unter dem Bett liegenden Buch lesen.« Ja nun, aber wie? Hat der Mann ein Glasbett? Liegt er, samt Buch, lesend unter seiner Lagerstatt?
Falls jemand übrigens unschlüssig ist, was er lesen sollte … Warum nicht mal wieder Max Frisch und seine Tagebücher, darin die Frage: »Wieso haben die Intellektuellen, wenn sie scharenweise vorkommen, unweigerlich etwas Komisches?«
B
BETÄUBUNGLÄRM
Gelegentlich erreichen mich deutsche Übersetzungen von Reiseprospekten, die in einem so süßen Deutsch abgefasst sind, dass man sofort aufbrechen möchte (→ Aufstellungsort des Seins). Zum Beispiel die Gemeinde Santa Teresa Gallura auf Sardinien (das schickte Frau H. aus Erlangen), welche ihren Gästen schreibt: »Netter Gast, Willkommen zu Santa Teresa Gallura. Wir hoffen, daß die verhaltenen Auskünfte diese Broschüre ihr nützlich zurückkommen können. Santa ist Teresa Gallura eine kleine Mitte, wenig weniger weniger von fünftausend Einwohner …«
Dort, in Santa Teresa Gallura, befindet sich übrigens an einer Tankstelle ein Autostaubsauger, von dessen Existenz mich eine andere Leserin, Frau von K. aus Icking, unterrichtete. Sie las auf einem Schildchen dessen Gebrauchsanweisung: »Nur Stadtpulver können eingesaugt werden.« Frau von K. saugte Sand und Muscheln, was der Sauger erstaunlicherweise aber alles klaglos aufnahm und dem in seinem Inneren befindlichen Stadtpulver (oder im Falle von Santa Teresa Gallura, 4681 Einwohner, vielleicht eher: Städtchenpulver) hinzufügte.
Oder hier, das sandte eine Leserin, deren Brief ich leider verschlampt habe, ein ins Deutsche übertragenes Gedicht über die Isola Maggiore im Trasimenischen See:
» Es gibt keine Verkehrsampel,
Zebrastreifen und Schutzmann
mit dem Taschenbuch,
keine Auto-Mopeds
Betäubunglärm.
Ist deiner Kopf zu schwer,
oder eilig Klapf dir deines
Herz, oder ist der Strick zu
viel gespannt ? – Komme
hier: es gibt jedes Mittel.«
Unübertroffen aber ist ein Text, in dem Anfang der neunziger Jahre der damalige Fremdenverkehrsdirektor des slowenischen Thermalbades Dolenjske Toplice, ein leider verstorbener Herr namens Pjut, seine Heimat pries. Herr S. aus Eichenau schickte mir die sentimental-poetischen Zeilen, in denen nicht nur die Schönheit Weißkrains (das ist die Gegend, in der die Thermen Dolenjske Toplices sich befinden) vor unserem geistigen Auge erscheint, sondern auch die Größe und Ausdrucksfähigkeit der deutschen Sprache jenseits aller grammatischen Korrektheit und Verständlichkeit. Pjut schrieb: »Hier leben die Leute, denen sind die Woerter: das Has, die Unfreundlichkeit, Hochmut, Aufgeblasenheit, und vielleicht noch die Ungastlichkeit – fremdlich … In Weisskrain die Traurigkeit, ueble Laune und aenliche Sache ausdunsten, weil die sind nicht in Zusammenhang mit Gesang und Jauchzen … Weinsfruehlung kann nur in seine Brust werden wo – wegen guten Tropfen – die Arme Reiche, unglueckliche glueckliche, Feinde Freunde und die Narren Vernunfte entstehen. Behalten sie da um alles – was sie schon vergessen haben dass noch existiert – zu einsaugen.«
Und (dies wirklich abschließend) falls Sie je das Hotel The Tea Factory in Sri Lanka besuchen, das früher wirklich einmal eine Teefabrik war, stellen Sie sich auf Folgendes ein, übersandt von Herrn F. aus München: »Erst das Hotel als ein Tee Fabrik gebaut das war in gute Kondition das Hochgeschwindigkeit blaste Wind zu halten. Das Wind fliest brancht naturalich fur grune Tee Blatter trocken die erste Processe der Orthodox Tees. Manche Gueste denken das Larm kommt aus das Wind und stort Mann ind er Nacht weitermehr whrend der Mittelnacht konnte Mann trommlen un dlante Texte singen hores von Nachbare Bauern dass sie Wild Tiere wie Wild Schweine und Wilde Buffelows. Die Gemuse und Kartofel Anbau zerstoren kommen farn zu haltenversuchen. Wenn Sie finden dies alles zu Schdafen stort konnen Sie an die Rezeption wenden und kostenlos Wattepfropfe kriegen.«
BEUTELTROPFEN
Falls Sie einmal in London-Heathrow landen und zwecks Weiterflug nach Gatwick transportiert werden möchten, vergessen Sie auf keinen Fall diese Information von British Airways, eingesandt von Frau P. aus Langenbach: »Wenn Sie mit britischen Fluglinien reisen und bereits eine verschalende Karte für Ihren vorwärts Flug haben, benutzen Sie unseren schnellen Beuteltropfen-Service, um Ihre Beutel niederzulegen.«
Das Wort »Beuteltropfen« verstand ich nicht, ich gab es also bei Google ein und landete so auf www.articlestreet.com, wo ich eingehend über französische Leuchter informiert wurde und eine Reihe von hochinteressanten neuen Wörtern lernte, ich zitiere auszugsweise:
»Wenn Sie einen Leuchter in Ihrem Haus hängen, das Sie schönes und praktisches etwas erwerben und ein Gegenstand, der ein Fokus für den Raum wird. Alle weiteren Dekorationen rotieren um ihn. Es wird ein sprechenpunkt, das Mittelstück … Die Art des Leuchters, der mit Franzosearbeit ist, ist mehr geöffnet mit seiner strukturellen hauptsächlichunterstützung, die nicht durch Ketten oder einen Stamm aber eher durch einen Rahmen oder einen Rahmen mit den hübsch gebogenen Armen geliefert wird, häufig vergoldet und mit Tropfen oder Kerzen im Mitteraum … Das ironwork auf französischen Leuchtern bis zum den 1900s war superbly verfeinert und attraktiv. Der Stamm konnte die Blätter und Stiele haben, die weg von ihm stützende Kristalltropfen, Blumen und Korne kräuseln. Für alle Girlanden und Beuteltropfen ist Glasarme, volle Panoplie anderer Elemente, der französische Leuchter unterscheidend nie schwer oder gedrängt und immer, anziehend…«
Das finde ich nun wieder großartig von British Airways. Dass sie für die wenigen Besitzer französischer Leuchter, die unter Mitnahme ihres Leuchters nach Heathrow fliegen und von dort aus Richtung Gatwick weiterreisen müssen, einen solchen Service anbieten!
Wenn ich aber sagen sollte, woran mich der Beuteltropfen-Service in Wahrheit noch erinnert: Es ist der Brief von Herrn S. aus Unterschleißheim, der schrieb, er grübele seit Längerem »über die Aufforderung an den Zapfsäulen der Tankstellen, man solle ›Blasenfrei zapfen‹. Die ›Zapfpistole‹ ließ sich ja nicht beeinflussen, Blasen zu bilden oder nicht«. Aber gerade jetzt, schreibt S., da er »überlege, ob es nicht doch eine Anspielung auf die Probleme älterer Männer ist, scheint die Aufforderung zu verschwinden«.
Stattdessen aber gibt es ja nun den Beuteltropfen-Service, vielleicht gerade auch für ältere Herren.
Noch später verstand ich dann, dass der »Beuteltropfen-Service« eigentlich ein Bag Drop Service ist. Man kann dort also seine Tasche abgeben, droppen, aber Bag heißt eben nicht nur »Tasche«, sondern auch »Beutel« und Drop nicht nur abgeben, sondern auch »Tropfen«, und so ist es im Grunde ja auch viel schöner, rätselhafter, weiterführend.
BIERMÖRDER
Wir sitzen beim Frühstück, und Luis fragt: »Wovon gibt es eigentlich mehr: Wörter oder Menschen?«
Das sind Fragen, die mir gefallen. Wenn ich mir zehn Gründe überlegen müsste, warum es schön ist, Kinder zu haben, dann wäre einer der ersten drei Punkte auf dieser Hitliste: dass sie einem solche Fragen stellen.
Paola sagt: »Das ist eine sehr gute Frage, Luis.«
»Ja, aber die Antwort«, sage ich.
Es entsteht eine Pause. Dann sage ich: »Kommt darauf an, ob du nur jeweils das einzelne Wort meinst, oder ob man die Wiederholung eines Wortes mitzählt. Also, wenn ich ›Wolkenkuckucksheim, Wolkenkuckucksheim, Wolkenkuckucksheim‹ sage, sind das drei Wörter, oder ist es eines?«
»Ist egal«, sagt Luis.
»Ist es nicht«, sage ich. »Wenn es drei Wörter sind, ist die Zahl der Wörter größer als die der Menschen, wenn nicht – dann weiß ich es nicht.«
»Natürlich ist es ein Wort«, sagt Paola. Menschen seien unterschiedlich, also müssten es auch die Wörter sein.
»So unterschiedlich sind die Menschen auch wieder nicht«, sage ich. In irgendeinem Erziehungsbuch habe ich mal gelesen, es sei nicht wichtig, ob man einem Kind eine richtige Antwort gebe. Sondern es komme darauf an, dass man sich bei der Fragenbeantwortung Mühe gebe, und dass man auch sage, wenn man eine Antwort nicht wisse, damit das Kind lerne, dass seine Eltern nicht perfekt seien. Es verstehe dann, dass es selbst nicht vollkommen sein müsse.
Aber mich interessiert die Sache jetzt. Ich ziehe den Rechtschreib-Duden aus dem Regal und zähle die Zahl der Einträge, also die fett gedruckten in zehn Spalten, addiere das, teile durch zehn und habe eine Durchschnittszahl von Wörtern pro Spalte. Dann zähle ich die Spalten, multipliziere sie mit der Durchschnittszahl der Wörter und komme auf 124.410 Wörter.
»Es gibt mehr Menschen«, sage ich, »ganz klar.«
»Manche Wörter stehen nicht im Duden«, sagt Paola.
»Ganz klar«, sage ich und hole Band zwei des Grimmschen Wörterbuches, Biermörder bis Dwatsch. »Hört mal, was es hier für Wörter gibt!«, sage ich. »Bittrigkeit, Duzbrüdericht, Davidsschleuderstein, Bohnenkönig, dunstgeboren. Da ist manches Wort für zwei, drei Menschen gut.« Dann zähle ich die Stichwörter wie beim Duden und komme auf 1.130.320 Wörter in den 32 Bänden. Ich errechne die ungefähre Zahl aller Wörter (also auch die der erklärenden nach den Stichwörtern) im gesamten Grimmschen Wörterbuch: 78.724.800.
»Da sind Wörter doppelt drin«, sage ich. »Aber bei 80 Millionen Deutschen, hmm … Sind wir nahe dran mit den Wörtern. Und die meisten modernen Wörter kommen wiederum im Grimmschen nicht vor.«
»Und es gibt die Österreicher«, sagt Paola. »Und die deutschsprachigen Schweizer.«
»Wie es in China ist, weiß ich nicht«, sage ich. »Weiß der Henker, wie viele Wörter die Chinesen haben.«
»Es gibt sicher kleine Südseevölker mit eigener Sprache, die haben mehr Wörter als Menschen«, sagt Paola.
»Wie kamst du auf die Frage, Luis?«, frage ich.
»Weiß nicht«, sagt er und blättert im Micky-Maus-Heft der Woche.
BONUSMEILE
Die Bonusmeile ist in aller Munde, aber haben wir ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung wirklich ganz erkannt? Im Economist war zu lesen, zur Zeit seien etwa hundert Millionen Menschen auf der Welt an irgendwelchen Meilensammelprogrammen beteiligt. Sie hätten 8,5 Billionen nicht eingelöste Meilen auf ihren Konten gelagert, einen Gesamtwert von 550 Milliarden Euro repräsentierend: mehr als zwei komplette deutsche Bundeshaushalte. Der Spiegel prophezeite, eines Tages dürfte die Bonusmeile den Dollar als Weltleitwährung abgelöst haben.
Man stelle sich vor, all diese Menschen würden ihre ersparten Meilen mit einem Schlag einlösen wollen. Riesige Schlangen vor den Flughäfen, Menschentrauben vor den Schaltern, an den Tragflächen hängende Senator-Card-Besitzer, zwei Frequent Traveller auf einem Economy-Class-Sitz. Die Meile müsste abgewertet werden, es gäbe keine Flüge mehr dafür, nicht einmal Pilotensonnenbrillen oder Bordtrolleys aus dem Lufthansa-Skyshop. Nur noch Bahnausflüge nach Cottbus (mit dem Meilzug!) oder eine Familienkarte für die Wuppertaler Schwebebahn.
Weltumwallende Wut! Gestürmte Reisebüros! Revolution! Man mag sich das nicht weiter ausmalen. Lieber stellen wir uns vor, alle Bundestagsabgeordneten müssten zukünftig ihre Privat- und Dienstmeilen auf ein Gesamtkonto spenden, aus dem dann jedem Bundesbürger ein Mallorca-Freiflug zustünde. Das wäre gerecht. Damit wären der widerlichen Egoistik der Politiker und ihrer grenzenlosen Flugsucht Grenzen gesetzt, zu unseren Gunsten, bitteschön.
Andere Möglichkeit: Im Economist war auch zu lesen, dass man ja Meilen nicht bloß per Miles-and-More-Abo sammeln könne, sondern auch mit der Kreditkarte, ja sogar durch den Verzehr bestimmter Cornflakes. Zum weltweit reichsten Meilenbesitzer, einem wahren Meilionär, sei ein Mann geworden, der die gesamte Portokasse seiner Firma über die eigene Kreditkarte abgewickelt habe. Auf diese Weise sei er in den Besitz von 25 Millionen Meilen gelangt, genug, um 250 Mal London –Sydney und zurück zu fliegen.
Wie wäre es, wir würden den gesamten Bundesetat über die American-Express-Karte des Bundesfinanzministers laufen lassen? Das gäbe Meilen! Genug, um alle Bundestagsabgeordneten jahrelang zwischen Frankfurt und Australien pendeln zu lassen, inklusive Rudi Scharping als Ehrengast. Diese schrecklichen Politiker, die einen immer nur ärgern, wären aus dem Weg.
Und wir könnten uns endlich selbst regieren.
D
DADA
Vom Dadaismus hat man lange nichts gehört, schade, ich habe ihn gemocht, Hans Arp, Max Ernst, Hugo Ball, Tristan Tzara. Hier einige Zeilen als Beispiel, Auszug aus Richard Huelsenbecks Gedicht Ebene:
» oder oder birribum birribum saust der Ochs im
Kreis herum
oder Bohraufträge für leichte Wurfminen-Rohlinge
7,6 cm
Chauceur Beteiligung Soda calc. 98/100%
Vorstehund damo birridamo holla di funga qualla
di mango damai da dai umbala damo
brrs pffi commencer Abrr Kpppi commence
Anfang Anfang
sei hei fe da heim gefragt«
Na, vielleicht muss man das einfach hören, wie man Ernst-Jandl-Gedichte hören muss, von ihm selbst gelesen.
Dada – wo bist du?
Kürzlich besuchten wir Freunde, die hatten eine Schreibmaschine, da setzte sich Luis davor, wir spannten ein Blatt ein, er schrieb. Eine Stunde später las ich:
» die kröte wer ist
der traktor ich fare mit dem traktor du
das ist ja gut 123456789 ich kome
der pawian ach du schrek komm schnel
komm endlich mach mach schon
du weist ja überhaupt nichtzz
da sind ja schpuren wein doch nicht
opel astra ist blöt wein doch nicht so
verari ist kuhl wein trinken
wein trinken verboten du bist ja net
der nikolaus das auto die garage
der blitz das kristkind ohoh oh
der atwentz j krans der atwentz kalender
die zwibel die tulpe bums
hiristes ja öde das ist ja zum kotzen
was ist den los auf die pletze vertig los
einlos bitte mano och nö
der schaten ja monopoli
wilkomer wilkomen im auto center münchen
die mäuse heilige ab anna heiliger peter
es regnet die katze der vogel die maus
überraschung äöü du esel
dein haus ist aber schön
dein lebkuchen haus ist aber schön
jetzt ist schlus
na endlich
ich kündige ich mach schlus
ende«
Dada lebt! In meinem eigenen Haus!
DIALOGE
Dieses Angebot hier könnte den Wortstoffhof entlasten, findet Leser M. aus München. Er entdeckte es seltsamerweise in seiner Autowerkstatt, wo über der Halle auf einem großen Schild stand: »Dialogannahme«. So etwas wird seit einer Weile von fast jedem Autohaus angeboten (wovon man sich im Internet leicht überzeugen kann), und man sollte nicht lange grübeln, warum ausgerechnet Kfz-Mechaniker Dialoge annehmen, sondern einfach seine alten, nicht mehr benötigten Dialoge dort vorbeibringen.
Weiß der Himmel, was sie damit tun, vielleicht werden sie in Radios eingebaut oder in Navigationssysteme.
DRAHTHUHN
Jeder kennt das: Man sitzt in einem Restaurant irgendwo im Ausland, möchte etwas essen, nimmt die Speisekarte zur Hand (→ Ausgemachtenudeltucke, Fischtageszeitung, Huhntorte). Links sieht man die Speisen in der Landessprache verzeichnet, rechts in einer Sprache, bei deren Anblick man sich sagt: Kommt mir irgendwie bekannt vor. Sieht aus wie die Sprache, die ich selbst spreche, ist aber unverständlich. Mutet an wie Deutsch, ist aber kein Deutsch. Klingt jedoch, wenn man es leise vor sich hinmurmelt, schöner. Wie viele Leser haben mir schon von ihren Reisen reizendste deutsche Übersetzungen auswärtiger Speisekarten mitgebracht!
Da wäre Frau J. aus Stephanskirchen, die am Gardasee ein Gericht namens »Carpaccio von der Fischklinge« (Carpaccio di pesce spada) entdeckte, ein weiteres unter dem Titel »Geschnittene Kälte des Pferdes« (Tagliata fredda di cavallo). Oder hier, Herr R. aus Berlin, er verzehrte in Harrachov/ Tschechien eine »Rübezahl Nadel«, das war ein Fleischspieß. In Ungarn fand Frau G. aus Starnberg auf verschiedenen Speisekarten »Drahthuhn«, welches sich als »Truthahn« entpuppte; auf Mallorca gab es »Huhnklumpen«, nämlich Chicken McNuggets. Frau W. aus Gronsdorf wurde auf einem Campingplatz bei Grosseto eine Speise mit der Bezeichnung »Du entgehst zum gitterrost« angeboten, auf Italienisch waren das Scampi alla griglia. Dazu muss man wissen: scampare heißt »entgehen«, scampi bedeutet »du entgehst« – wobei das Interessante ist, dass nicht erwähnt wird, wem »du« (wer denn überhaupt?) entgehst, wohl aber wohin: alla griglia, zum Gitterrost, dem Schicksalsort so vieler Scampi. Kann man da wirklich von »entgehen« reden, jedenfalls wenn »du« ein Tiefseekrebs wärest? Man grübelt lange.
Zum Besten im Genre zählt die Nachricht von Herrn U. aus Falkensee, der in der polnischen Stadt Torun (zu deutsch: Thorn) ein Restaurant namens Magyar Etterem Hungaria besuchte, wobei Hungaria keineswegs »großer Appetit« bedeutet, sondern »Ungarn«. Hier fand U. ein Gericht namens »Schweinefleisch Dänemark«, eine Seite weiter sogar »Dänemark ohne Fleisch«. U. hatte polnische Verwandte bei sich, die erklärten, das polnische danie bedeute »Gericht«, sein Plural sei dania, was »Dänemark« heiße. Also seien dania z wieprzowiny einerseits »Schweinefleischgerichte«, andererseits »Schweinefleisch Dänemark«. Und vegetarische Speisen (»ohne Fleisch« also) sind »Dänemark ohne Fleisch«. U. schreibt: »Allein die Möglichkeit, als Deutscher in einem ungarischen Restaurant in Polen »Dänemark« bestellen zu können, begeistert mich. Solche Chancen verdanken wir der europäischen Einigung.«
Und wenn auch die Türkei einmal der EU beiträte? Dann wäre unser Glück perfekt, denn hier kommt nun der absolute Höhepunkt des Themas, die Rezepte auf der einerseits türkischen, andererseits irgendwie deutschsprachigen Internetseite turkiyeninrehberi.com auf die mich Herr K. aus Mittenwald hingewiesen hat. Dort wird (sehen Sie nach, wenn Sie es nicht glauben) unter anderem die Zubereitung so wunderbarer wie selten-seltsamer Speisen erläutert: Kunsti Erwürgt Salat, Schenkel der Frau Kofte, Feiger Fischteich, Hühnchen und Gemüse stopften sich voll, Pilaf mit Leber und Wahnsinnigen, Aufregung Kebabi, Auf und Ab Geback, Enträtselte Schweiß-Geback sowie, ist es denn die Möglichkeit!?: Atem Mit Pilz.
Solche Gerichte sind, das wird jeder Verständige einsehen, nicht mit normalen Mitteln zuzubereiten. Wir finden daher im Rezeptteil Maßnahmen wie folgende:
»Hacken Sie die Rakete, bevor alle Zutaten mischen.«
»Breiten Sie sich über den Salat gleichmäßig.«
»Vermischen Sie sich mit Hackfleisch.«
»Füllen Sie sich mit Mischung, Verständigen Sie sich in einem Kochtopf nebeneinander.«
»Kochen Sie Die Salat-Blätter freundlich.«
»Nehmen Sie den Halblamm-Hieb, biegen Sie es und Krawatte(Band) mit Seil, Platz in einem Brett.«
»Verständigen Sie sich auf einem eingefetteten Backen-Bettuch.«
»Machen Sie die feigen geistigen Leiste-Fähigkeiten hout Knochen, und teilen Sie sich in vier.«
»Waschen Sie sich und Blutgeschwür in zwei Schalen des Wassers, bis sie ziemlich weich sind.«
»Peitschen Sie den Käse.«
»Zerquetschen Sie oder schleifen Sie die pistachio Wahnsinnigen.«
»Falte-Ecken von Geback über Zentrum, leicht drückende Ecken, um auf Robbenjagd zu gehen.«
»Waschen Sie sich und trocknen Sie die Auberginen.«
»5 Minuten vor dem Ende der kochenden Zeit, Fügen Sie die Erbsen und den schwarzen Pfeffer, Decke mit einer Serviette hinzu, und reisen Sie nach 20 Minuten ab.«
Falls Sie nach Ihrer Abreise noch kochen möchten, hier ein Komplettrezept, jenes für »Senf-Steak-Leiste« nämlich:
»Schmutzflocke der Knoblauch und Senf auf zur Leiste. Gestellt in zum Ofen dann Schmutzflocke brät das feine weiße Mehl auf Leiste es dann. Dienen Sie durch Senf-Wurst. Guter Apetite.«
DUDEUTSCHLAND
Das Ruck- und Racker-Gerede nahm kein Ende mehr, gerade hatte es in Bild noch geheißen »Wir sind Papst«, da begann 2005 die große Kampagne Du bist Deutschland.
Muss man denn alles selbst machen?, dachten nicht wenige von uns.
Du bist Deutschland. Verlage, Fernsehanstalten, alle hatten sich untergehakt, überall in Duzland stellten sie Anzeigenplatz im Wert von dreißig Millionen bereit.
Dreißich Milljonen, is dit mehr wie hundat mal hundat, Vatta?
Ja, mein Sohn, und außerdem gibt es noch heute die offizielle Internet-Seite Du-bist-Deutschland.de, auf der hatte ein anonymer Sprachkünstler das Manifest »Du bist das Wunder von Deutschland« veröffentlicht, vielleicht haben den Text auch Nena, Horst Köhler und Maharishi Yoga gemeinsam geschrieben, man weiß es nicht.
Jedenfalls beginnt das Manifest folgendermaßen: »Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume.«
Wenn das so ist, möchte man angesichts der immer zahlreicher werdenden Naturkatastrophen sagen: Vielleicht könnten die Herren Schmetterlinge mal ein bisschen vorsichtiger sein?
Aber Achtung: Das ist eine Metapher, du verstehn, Deutschland? Metaffa. Will bedeuten: kleine Ursache, große Wirkung. Du, kleiner Mann, der du Deutschland bist, zu dem wir also unsere Dreißig-Millionen-Kampagne hinuntertröten, kannst Erhebliches bewirken, wenn du dich ein bisschen zusammenreißt. In der Sprache des Manifests: »Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil von dir.« So weit wäre noch alles in Buddha, aber nun kommt’s langsam dicke. Denn manifest heißt eigentlich »handgreiflich«, und deswegen schreiben die Manifest-Autoren: »Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken. Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen.« Das ist die Stelle, an der man, erstens, sich fragt, warum eigentlich nur immer Pete Doherty in den Entzug muss. Zweitens möchte man Jack Nicholson zitieren, wie er in Besser geht’s nicht sagt: »Wer in Metaphern spricht, kann mir mal den Schritt shampoonieren.«
Aber! Wir sind noch nicht am Ende, Deutschland, auch wenn du jetzt deine 164 Millionen schmutzigen Hände über deinen 82 Millionen Köpfen zusammenschlägst.
Wir sind nicht am Ende!
Denn da war ja noch die Sache mit den Flügeln. Und den Bäumen. Darauf muss man zurückkommen, und deshalb heißt es am Manifestschluss: »Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist. Und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst. Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus. Du bist die Flügel, du bist der Baum. Du bist Deutschland.« So liegt das nun hier im Wortstoffhof. Und keiner holt es ab.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.