Kitabı oku: «Maghena»
Axel Rudolph
Maghena
Kriminalroman
Saga
Personen des Romans
Maghena (Die Leopardenkralle)
Christoph Kind, Afrikareisender
Dr. Damm, Wissenschaftler
Imma Damm, seine Frau
Ursula Helbis, Laborantin des Dr. Damm
Quimbo, ein Negerartist des Zirkus Banta
Tillolois, genannt Cherry, Clown des Zirkus Banta
Die Lorry-Sisters, Kunstreiterinnen
Direktor Banta
Frank Giles, mysteriöse Amerikaner
Mr. Butt, mysteriöse Amerikaner
Mr. Salden, mysteriöse Amerikaner
Dr. Mohr, Berliner Kriminalkommissar
Gneidel, Münchner Kriminalkommissar
Breitschütz, Hamburger Kriminalassistent
Orte der Handlung:
Berlin, München, Hamburg
Zeit: 1932
I
Ein sonderbares Telefongespräch
Christoph Kind war doch etwas „schwer“ nach Hause gekommen. Er nahm zwar jeden Abend an seinem Stammtisch in der kleinen Weinstube am Breitenbachplatz seinen gewohnten Trunk und palaverte mit einigen alten Freunden, aber heute hatte sich die Sitzung ungewohnt in die Länge gezogen. Zumhoff hatte eine Filmidee verkauft, und das wurde gefeiert. Aus der einen Flasche Gin waren drei und vier Flaschen geworden. Genau hatte Christoph Kind sie dann nicht mehr gezählt. Er war jedenfalls heilfroh, als er endlich seine Wohnung erreicht hatte. Während er mit einem Seufzer der Erleichterung den Rock abwarf, klingelte der Fernsprecher. Kinds erster Gedanke war, ihn ruhig klingeln zu lassen. Wahrscheinlich war es Zumhoff, der ihn zurücklotsen wollte. Dann fiel ihm ein, daß es auch Peter Kowitz sein konnte. Peter, der ihm heute abend Nachricht geben wollte, ob eine gewisse Hamburger Firma gewillt war, den alten Afrikaner Christoph Kind als Häuteaufkäufer an die Elfenbeinküste zu schicken. Es war sehr wichtig, zu wissen, ob aus dieser Sache etwas wurde oder nicht. Auf nicht ganz sicheren Beinen wankte Christoph Kind zum Schreibtisch, ließ sich der Sicherheit halber im Sessel nieder und hob den Hörer ab.
Es war nicht Peter Kowitz. Eine dunkle Frauenstimme kam aus dem Apparat.
„Guten Abend, Herr Kind. Ich nehme an, daß Sie selbst am Apparat sind?“
„Allerdings –“
„Sehr gut. Ich hatte schon Angst, Ihre Frau könnte an den Apparat kommen.“
Christoph Kind war unverheiratet. Jeder, der ihn kannte, wußte das und kannte seine Abneigung gegen die Ehe. Er stutzte und räusperte sich. „Verzeihung, aber ich glaube, Sie sind falsch verbunden, mein Fräulein.“
„Wieso? Ist dort nicht Oliva 8522?“
„Doch. Und Kind heiße ich auch. Aber – – entschuldigen Sie, mit wem spreche ich denn eigentlich?“
„Das tut vorläufig nichts zur Sache. Ich bitte Sie nur herzlich, mir ein paar dringende Fragen zu beantworten. Haben Sie etwas von der Geschichte mit Doktor Damm gehört? Natürlich haben Sie das! Alle Zeitungen schrieben ja darüber.“
Christoph Kind hielt die Hand vor den Mund, um ein Gähnen zu verbergen. Er war zwar allein im Zimmer, aber er telefonierte mit einer Dame. „Meinen Sie den Doktor Damm, der seine Frau – – —“
„Ja. Den Doktor Damm, der vor drei Tagen verhaftet worden ist unter dem Verdacht, seine Frau ermordet zu haben. Den meine ich. Aber Doktor Damm ist bestimmt unschuldig.“
Die Sache begann Christoph Kind zu belustigen. „Sie sind anscheinend doch falsch verbunden, mein Fräulein“, sagte er gutmütig. „Hier ist weder das Polizeipräsidium noch die hohe Staatsanwaltschaft, denen gegenüber die Versicherung von Doktor Damms Unschuld angebracht wäre, sondern nur ein harmloser alter Afrikaner namens Christoph Kind.“
„Das weiß ich doch. Gerade den Afrikareisenden Kind wollte ich sprechen.“
„Sehr erfreut. Aber vielleicht sagen Sie mir nun endlich, wer die hübsche Stimme am andern Ende der Leitung ist?“
„Eine alte Frau. Wenn es Sie interessiert: ich bin einundfünfzig Jahre alt, mittelgroß, gesund, noch ziemlich wohlerhalten, in Berlin geboren, berufstätig und nicht ohne Ersparnisse.“
„Famos. Wenn das ein Heiratsantrag sein soll, – bitte, sprechen Sie mit meiner Wirtin, ich bin nämlich noch unverheiratet.“
„Im Ernst, Herr Kind, es ist natürlich ungehörig, daß ich Sie so spät einfach anrufe, aber die Sache eilt.“
„Welche Sache denn, zum Donner ... entschuldigen Sie, aber ich habe immer noch keine Ahnung, wer Sie sind und was Sie denn eigentlich von mir wollen.“
„Nur fragen, ob Sie einem Menschen helfen können, der unschuldig in einen furchtbaren Verdacht geraten ist.“
„Etwa diesem Herrn Doktor Damm?“
„Ja. Ich kann beschwören, daß er die entsetzliche Tat, die man ihm vorwirft, nie und nimmer begangen hat.“
„Schön, mein Fräulein. Aber ich bin weder Detektiv noch Rechtsanwalt und begreife absolut nicht, wie ich dem Manne helfen könnte.“
„Vielleicht können Sie es doch. Darf ich ein paar Fragen stellen?“
„Wenn’s nicht zu lange dauert?“
„Ich werde kurz sein, Herr Kind. Sie waren doch lange in Afrika?“
„Na, im ganzen so an die fünfzehn Jahre.“
„Ja, ich weiß. Ich habe auch Ihr Buch gelesen.“
„Wenn man telefonisch Autogramme geben könnte, würde ich ja – – –“
„Ich bin kein Backfisch, Herr Kind. Darf ich weiter fragen?“ seine Frau – – –“
„Bitte!“
„Also hören Sie zu: In meiner Wohnung habe ich einen ausgestopften Leopardenkopf, ein altes Familienstück. Nein, ich war nicht in Afrika, wie Sie vielleicht vermuten. Das Stück stammt ganz prosaisch von einer Leipziger Pelzfirma. Aber nun sagen Sie mir bitte: Was an so einem Leopardenkopf kann einen Menschen, der in Afrika war, erschrecken?“
„Ich verstehe nicht recht, wohinaus Sie wollen ...?“
„Ich werde etwas deutlicher sein. Eine Bekannte besuchte mich vor einiger Zeit in meiner Wohnung. Sie war zum erstenmal bei mir. Als wir uns unterhielten, wurde sie plötzlich kreidebleich. Ihre Augen starrten mit einem entsetzten Ausdruck nach der Wand. Aber dort, wohin sie sah, war nichts als mein alter Leopardenkopf.“
„Vielleicht hat die Dame gefürchtet, das gute Tier könnte lebendig sein und sich auf sie stürzen? Oder sie hat den Kopf für ein Gespenst gehalten?“
„Schwerlich, Herr Kind. Meine Bekannte hat in ihrer Jugend selber drei Jahre in Afrika gelebt. Außerdem ist sie noch heute eine waidgerechte Jägerin.“
„Und warum haben Sie Ihre Bekannte nicht nach dem Grund ihres Erschreckens gefragt?“
„Das tat ich natürlich. Aber sie behauptete, ihr sei nur plötzlich schlecht geworden. Ich hätte der Sache auch keine Bedeutung beigemessen, wenn nicht inzwischen Dinge eingetreten wären, die ... also, ich kann’s Ihnen ebensogut gleich sagen: jene Bekannte ist Frau Imma Damm, die Gattin des vorhin erwähnten Doktor Damm. Sie werden aus der Zeitung wissen, daß Imma Damm vor kurzem auf einer Reise in die Lüneburger Heide spurlos verschwunden ist und daß man ihren Mann unter dem Verdacht des Gattenmordes festgenommen hat.“
Christoph Kind rieb sich die Augen mit der freien Hand. Das war ja ein reichlich sonderbares Gespräch. Einen Augenblick hatte er das Gefühl, als läge er in seinem Bett und sein schwerer Kopf gaukle ihm Phantasien vor. Er mußte sich zusammennehmen, um sich zu erinnern, daß er wirklich hier am Telefon saß und eine sonderbar dunkle, wohlklingende fremde Stimme hörte.
„Eine seltsame Geschichte, meine Gnädigste. In der Lüneburger Heide gibt es ja nun bestimmt keine Leoparden. Aber ... wollen Sie nicht, bevor wir weiter sprechen, mir nun endlich Ihren Namen sagen?“
„Nachher, Herr Kind. Wenn es Ihnen möglich ist, dann beantworten Sie mir doch bitte die Frage, die mich Tag und Nacht quält. Warum erschrak Frau Damm so fürchterlich, als sie den Leopardenkopf sah? Von wem konnte sie sich bedroht fühlen? Denn das war es, wie ich glaube, was sie so entsetzt zur Wand starren ließ: sie fühlte sich bedroht! Aber wie ist das möglich? Sie ist ihrer Natur nach absolut nicht furchtsam und kennt Afrika aus eigener Anschauung. Es muß irgendein Erlebnis aus dieser Zeit sein, unter dessen Eindruck sie stand.“
„Schwer zu sagen. Der Leopard ist ein blutgieriger Räuber, dem zu begegnen nicht eben angenehm ist. Das heißt, wenn er lebt. Möglicherweise hat Frau Damm einmal ein böses Abenteuer mit solch einer Bestie gehabt und die Erinnerung daran hat sie überwältigt. Oder ... sie hat eine Erfahrung mit Leopardenmenschen gemacht.“
„Leopardenmenschen?“
„Ja. Maghena nennt man sie dort, oder auch Anyotas. Eine unheimliche Negersekte, halb religiös, halb verbrecherisch. Die Burschen pflegen in die Dörfer einzubrechen und Menschen zu rauben, die sie dann im Busch abschlachten, das Blut trinken und das Fleisch in den Kochtopf stecken.“
„Mir ist bei Gott nicht nach Scherzen zumute, Herr Kind!“
„Aber ich spreche in vollem Ernst! Es ist so. Die Verbrechen der Leopardenmenschen haben schon viel Aufsehen erregt. Leider gelingt es nur selten, einen der Burschen zu fassen. Ihr Name rührt daher, daß sie ihre Schandtaten dem Leoparden unterschieben. Sie kleiden sich bei ihren Mordzügen in Leopardenfelle und benutzen meist eine Leopardenklaue, um ihr Opfer zu zerreißen. Ich habe selber ...“
Ein kurzer, erstickter Laut im Fernsprecher ließ Christoph Kind verwundert abbrechen. Dann kam die Frauenstimme wieder, diesmal fast heiser, zitternd vor mühsam unterdrückter Erregung.
„Das ... das ist doch von allergrößter Wichtigkeit, Herr Kind! Sie wissen doch ... aber nein, das können Sie natürlich noch nicht wissen! Die Polizei hat in einem Weggraben in der Lüneburger Heide den Schal der verschwundenen Frau Damm gefunden. Dieser Schal war, wie mir der Kriminalkommissar sagte, zerrissen. Vielmehr, es gingen einige lange, scharfe Risse mitten durch das Gewebe. ‚Wie von einem mehrzinkigen Haken oder einer Kralle‘ – ja, so sagte mir der Beamte wörtlich! Und! nun sagen Sie ... großer Gott! Das unheimliche Erschrecken damals und dieser Krallenriß ... wenn ich das zusammenhalte ...“
„Eine etwas weit hergeholte Vermutung, Fräulein Detektiv.“
„Ach, ich bin kein Detektiv! Aber – was Sie sagen, stimmt wirklich?“
„Aber natürlich. Haben Sie denn noch nie von den Leopardenmenschen gehört? Ab und zu steht doch etwas in der Zeitung, wenn man auch noch herzlich wenig über die Bande weiß.“
„Ich habe noch nie davon gelesen. – Herr Kind, würden Sie morgen vormittag mit mir zum Polizeipräsidium gehen und dort Ihre Erzählung von den Leopardenmenschen wiederholen?“
„Na, hören Sie mal ...“ Christoph Kind lachte unwillkürlich auf. „Was soll denn die Polizei mit dieser Geschichte? Sie glauben doch nicht im Ernst, daß in der guten alten Lüneburger Heide Leopardenmenschen ihr Unwesen treiben?“
„Ich weiß nicht. Es ist soviel möglich. Und darum bitte ich Sie, Herr Kind! Bitte Sie so herzlich, wie ich kann! Es geht um einen Unschuldigen! Jede Kleinigkeit, jede noch so vage Spur ist dabei äußerst wichtig! Mich würde man auslachen, wenn ich mit dieser neuen Theorie käme, die wie eine unhaltbare Phantasie aussieht. Aber Sie, der Sie ein bekannter Forscher sind, sozusagen Fachmann.“
„Wer bearbeitet denn eigentlich den Fall?“
„Ein Kriminalkommissar Doktor Mohr.“
„So. Den kenne ich zufällig persönlich.“
„Um so eher wäre es doch möglich, daß Sie mit mir zu ihm gehen und mir helfen!“
„Schön. Ich werde kommen. Nicht, weil ich glaube, daß ich da etwas tun kann, sondern um unsere telefonische Bekanntschaft etwas zu vertiefen.“
„Sie kommen – das ist mir genug. Paßt es Ihnen um elf Uhr? Dann sagen wir also um elf beim Polizeipräsidium Portal II. Bitte, bitte, vergessen Sie es nicht!“
„Gut denn, ich werde da sein. Und ich werde mich freuen, die Inhaberin dieser sympathischen Stimme persönlich kennenzulernen. Aber wie erkenne ich Sie?“
„Erstens werde ich Sie auf Grund der Bilder in Ihrem Afrikabuch erkennen und zweitens trage ich ein dunkelgraues Kostüm.“
„Und Ihr Name? Vielleicht dürfte ich den jetzt erfahren?“
„Ach so, das hätte ich beinahe vergessen. Also ich heiße Ursula Helbis und bin Laborantin bei Doktor Damm.“
*
Als Christoph Kind den Hörer zurück auf die Gabel gelegt hatte, empfand er seine Müdigkeit fast gar nicht mehr. Dafür brummte ihm der Schädel desto mehr. Entschlossen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, suchte er eine Flasche Kognak hervor und trank das Glas mit einem Zug leer. Das starke Getränk belebte ihn sichtlich.
„Wenn ich nicht vollständig wach wäre“, philosophierte er vor sich hin, „dann könnte ich mir einbilden, daß ich keinen Gin mehr vertrage und daß ich all diesen Unsinn nur im Rausch geträumt habe. Aber ich bin wach und leidlich bei Sinnen. Ich sitze hier in meiner Bude und habe ein langes Telefongespräch mit einer Unbekannten geführt. Ich weiß sogar, daß ich versprochen habe, diese Unbekannte morgen vormittag elf Uhr am Polizeipräsidium Portal II zu treffen. Also überlegen wir noch einmal diese komische Sache. Was kann dahinterstecken? Ein Witz? Es gibt böse Menschen. Wollen mich ein paar Ulkbrüder zum Alexanderplatz lotsen und mich auslachen, wenn ich da vergebens warte? Eigentlich wüßte ich keinen unter meinen Freunden, dem ich solch einen Dummenjungensstreich zutrauen könnte. Oder handelt es sich um ein Frauenzimmer, das sich interessant machen will, um eine Bekanntschaft auf diese Weise anzuknüpfen? Das wäre möglich, wenn es sich um ein junges Mädchen handeln würde, aber eine einundfünfzigjährige Frau – nein, kaum anzunehmen! Übrigens klang die Stimme noch verdammt jung. Die Frage, ob ich nach dem Alex gelockt werden soll, damit irgendein Gauner inzwischen in Ruhe bei mir einbrechen kann, erübrigt sich auch. In meiner Wohnung befinden sich keine Kostbarkeiten und mein Barbestand ist nicht des Zählens wert. Außerdem bin ich täglich viele Stunden hindurch abwesend. Zum Beispiel jeden Abend von sechs bis neun, wenn ich in meiner Stammkneipe hocke. Ein Einbrecher, der so raffiniert vorginge, hätte das natürlich längst beobachtet und wüßte, daß er mich nicht aus meiner Wohnung ‚fortzulocken‘ brauchte. Also bleibt nur die Annahme, daß sich tatsächlich alles so verhält, wie dieses Fräulein oder diese Frau Helbis am Apparat sagte.“
Christoph Kind langte sich das Fernsprechbuch und begann zu suchen. Ein Lokomotivführer Johann Helbis, Trautenauer Straße 99, stand verzeichnet. Eine Ursula Helbis dagegen war nicht zu finden. Nun, das wollte wenig besagen. Vielleicht hatte die alte Dame keinen eigenen Fernsprechanschluß oder sie wohnte bei Angehörigen oder in Untermiete.
„Muß doch mal nachsehen, wie das eigentlich mit dem Fall Damm war“, murmelte Kind vor sich hin und erhob sich, um in einem hinter dem Schreibtisch liegenden Stoß Zeitungen zu kramen. Nach einigen Minuten hatte er mehrere Blätter mit Datum der letzten Tage herausgesucht und machte sich an die Durchsicht. Es war nicht schwer, das Gewünschte zu finden. Einige Zeitungen trugen auf der Vorderseite dicke Überschriften, die sich auf den Fall bezogen. Auch im Innenteil der Blätter fand Kind Artikel über den „Fall Doktor Damm“.
Gattenmord in der Lüneburger Heide!
Angesehener Gelehrter unter dem Verdacht des Gattenmordes verhaftet!
Geheimnisvolles Verschwinden einer Frau!
Ein zweiter Tetzner?
An diese Überschriften erinnerte sich Christoph Kind ganz gut. Auch einige Bruchstücke der Zeitungsberichte hafteten noch in seinem Gehirn. Aber genau hatte er diese Sensationsberichte bisher noch nicht gelesen, da sie ihn nicht sonderlich interessierten. Erst jetzt, beim aufmerksamen Durchlesen der Zeitungen, bekam er ein klareres Bild von der Sache.
Etwas Geheimnisvolles war eigentlich an der Geschichte nicht. Im Gegenteil, sie schien ihm schon mehr als klar zu liegen. Ein Kellner in einem Gasthof zu Lüneburg hatte der dortigen Polizei einen Verdacht gemeldet. Am 2. September war ein Ehepaar in dem Gasthof abgestiegen, das sich als „Doktor Damm und Frau, Berlin“, ins Fremdenbuch eintrug. Der Kellner hatte nun folgendes beobachtet: Als die Herrschaften Kaffee tranken, schien es einen Streit zwischen den Eheleuten gegeben zu haben. Die Dame war plötzlich aufgestanden, hatte ihrem Mann halblaut etwas gesagt, den Stuhl zurückgestoßen und war auf ihr Zimmer gegangen. Gleich darauf folgte ihr der Herr. Sowohl der Kellner wie das Stubenmädchen hatten bald danach einen heftigen Wortwechsel aus dem Zimmer gehört und neugierig gelauscht. „Und es ist doch so!“, hatten sie die Dame laut und heftig sagen hören. „Du wolltest mich vergiften, damit der Weg zu deiner geliebten Usch frei wird!“ Viel mehr hatten weder Kellner noch Stubenmädchen vernehmen können. Das Ehepaar schien sich jedoch noch weiter gestritten zu haben. Nach einer knappen halben Stunde war die Dame herausgekommen, in Hut und Handschuhen, und hatte ohne ein Wort und sichtlich sehr aufgeregt, den Gasthof verlassen. Zehn Minuten später war auch der Herr erschienen und rasch aus dem Städtchen gegangen, in der gleichen Richtung, die vorher seine Frau eingeschlagen hatte. Der Kellner hatte ihm eine ganze Weile nachgeschaut. Um 23,30 Uhr abends war dann Doktor Damm allein zurückgekommen. Er hatte klingeln müssen, da die Hoteltür bereits geschlossen war, und der Kellner hatte ihm geöffnet. Letzterer hatte dabei die Beobachtung gemacht, daß Doktor Damm allein und sehr aufgeregt war. Seine Schuhe und der untere Rand seiner Beinkleider waren stark beschmutzt. Doktor Damm hatte dem Kellner ein übermäßig hohes Trinkgeld gegeben und hastig erklärt, er müsse dringender Geschäfte halber sofort nach Berlin zurückfahren. Der Kellner hatte den Hausknecht geweckt, der dann die Garage aufschloß. Nach einer Viertelstunde war Doktor Damm in seinem Wagen abgefahren. Seinen Koffer hatte er mitgenommen, die Sachen seiner Frau jedoch dagelassen.
Der Kellner hatte, an seine vorhergehenden Beobachtungen denkend, zunächst angenommen, daß es zwischen dem Ehepaar zu einem ernsten Zerwürfnis gekommen sei. Merkwürdigerweise war aber Frau Damm auch bis zum nächsten Morgen nicht wieder in dem Gasthof erschienen. Als sie drei Tage verschwunden blieb und auch niemand sich um ihre zurückgelassenen Sachen kümmerte, war dem Kellner die Sache verdächtig erschienen und er hatte seine Beobachtungen der Polizei mitgeteilt.
Die örtliche Polizei hatte zunächst den Angaben wenig Bedeutung beigemessen und sich damit begnügt, in Berlin einige Ermittlungen über das Ehepaar Damm anzustellen. Bald aber waren Tatsachen bekannt geworden, die dem Verdacht des Kellners eine ernste Unterlage gaben. Frau Damm war auch in ihrem Heim nicht wieder aufgetaucht. Ihr Mann erklärte auf Befragen, seine Frau habe ihn nach einem schweren, ehelichen Streit verlassen. Wohin sie sich gewandt habe, sei ihm unbekannt. Gleichzeitig wurde jedoch festgestellt, daß Doktor Damm erst vor vier Monaten seine Frau in eine Lebensversicherungsgesellschaft eingekauft habe, und zwar für die hohe Summe von 80 000 Goldmark. Noch verdächtiger wurde die Sache, als eine alte Tante der Frau Damm der Polizei einen Brief vorlegte, den sie vor einiger Zeit von ihrer Nichte Imma erhalten hatte. Es war ein ziemlich konfuser Brief, in dem Frau Imma Damm unter anderem auf das Testament ihrer Tante Bezug nahm. „Es ist lieb von Dir, Tante Margrete, daß Du mich zu Deiner Erbin einsetzen willst, aber ich glaube bestimmt, daß Du länger leben wirst als ich. Vielleicht sind meine Tage schon gezählt. Denke daran, wenn Du hörst, daß ich nicht mehr bin.“
Es waren auch einige andere schwerbelastende Dinge ans Licht gekommen. Ein Bauer aus der Umgebung von Lüneburg hatte in den Abendstunden ein Paar beobachtet, das auf einem Feldweg in der Richtung des großen Moores ging und sich heftig zu streiten schien. In der Heide, unweit der Moorfläche, hatten die Landjäger einen Seidenschal gefunden, in dem das Personal des Gasthofs in Lüneburg ein Tuch erkannte, das Frau Damm bei ihrem dortigen Aufenthalt getragen hatte. Auch Doktor Damm selbst mußte den Schal als Eigentum seiner Frau anerkennen. Die Hausgehilfin bei Damms bekundete, daß das eheliche Verhältnis zwischen den Gatten seit längerer Zeit getrübt war. Frau Damm hatte ihrem Gatten mehrfach heftige Vorwürfe gemacht über seine Freundschaft mit der Laborantin Ursula Helbis.
Hier gab es Christoph Kind einen Ruck. Ursula Helbis ... aber war das möglich? Eine Einundfünfzigjährige? Vielleicht handelte es sich um die Tochter der Dame, die bei ihm angerufen hatte? Aber hatte sie sich nicht selbst als Laborantin des Doktor Damm bezeichnet? Wie alt war denn dieser Doktor Damm eigentlich? Kind blätterte noch einmal die Zeitungen durch. Über das Alter des Verdächtigen war keine Angabe zu finden.
Jedenfalls war auf Grund all dieser Ermittlungen Doktor Damm in Untersuchungshaft genommen worden. Er selbst bestritt entschieden, über das Verschwinden seiner Frau irgend etwas zu wissen. Ebenso bestritt er, daß die Eifersucht seiner Frau begründet gewesen wäre. Sein Verhältnis zu Fräulein Helbis sei stets nur freundschaftlich gewesen. Befragt, ob er einen Selbstmord seiner Frau für möglich halte, sagte Doktor Damm entschieden, daß er dies für ausgeschlossen halte.
Dennoch wäre die Polizei geneigt gewesen, an einen Freitod zu glauben, wenn nicht zwei weitere Feststellungen Doktor Damm schwer belastet hätten. Erstens war es Doktor Damm unmöglich, nachzuweisen, welcher Art die Geschäfte waren, die ihn zu dem eiligen Verlassen Lüneburgs und zur Rückkehr nach Berlin zwangen, und zweitens hatten die von Berlin nach Lüneburg entsandten Kriminalbeamten bei einer Untersuchung des Gasthofes einen wichtigen Fund gemacht. In dem Sofa, auf dem das Ehepaar Damm in der Gaststube gesessen hatte, als es seinen Kaffee einnahm, entdeckte einer der Beamten zwischen Polster und Lehne eingeklemmt ein zerknülltes Papierchen, das offenbar als Umhüllung für ein Pulver gedient hatte. In den längst abgespülten Kaffeetassen waren natürlich keine Spuren mehr zu finden, aber die Untersuchung, die im Laboratorium der Kriminalpolizei angestellt wurde, ergab, daß das Papier winzige Spuren von Morphium enthielt. Die vorhandenen leichten Kniffe des Papiers wiesen darauf hin, daß es als Umhüllung für mehrere Morphiumtabletten in der handelsüblichen und auf ärztliches Attest hin verordneten Form diente. Damit gewann der Ausruf Frau Damms: „Du hast versucht, mich zu vergiften!“ eine ernste Bedeutung.
Doktor Damm war ein bisher unbescholtener, angesehener Gelehrter. Seine Vorgesetzten und Mitarbeiter im Laboratorium des Geheimrates Drusen stellten ihm sowohl als Mensch wie auch als Wissenschaftler ein glänzendes Zeugnis aus. Seine Vermögenslage war gut und durchaus geordnet. Doktor Damm verfügte neben seinem guten Gehalt über ein eigenes, nicht unbeträchtliches Vermögen, das sogar das Vermögen seiner Frau überstieg. Niemand hatte an ihm Neigung zu Verschwendung oder kostspieligen Liebhabereien bemerkt. Es erschien etwas merkwürdig, daß ein solcher Mann einen Versicherungsmord begangen haben sollte. Die Polizei neigte daher auch eher zu der Ansicht, eine Ehetragödie vor sich zu haben. Jedenfalls aber sprachen die Verdachtsmomente stark gegen Doktor Damm. Zur Zeit wurde fieberhaft nach der Verschwundenen gesucht. Aber wen die trügerische grüne Decke des Moores einmal verschluckt hatte, den gab sie nicht wieder her. Polizei und Öffentlichkeit vermuteten, daß Frau Imma Damm irgendwo unter der grundlosen Moorfläche der Ewigkeit entgegenschlief und die Zeitungen waren sich über die Schuld des Doktor Damm einig.
Christoph Kind trank nachdenklich noch einen Kognak. Er erinnerte sich jetzt, daß vor ein paar Tagen am Stammtisch auch über diesen Fall gesprochen wurde und daß zum Beispiel der Sanitätsrat Ebel von der Täterschaft des Doktor Damm überzeugt gewesen war. Es sah ja auch wirklich so aus, als ob es sich so verhielte. Die Aussagen des Kellners, die kürzlich abgeschlossene Versicherung, die Bekundung der Hausangestellten, das Morphium in der Sofaecke und nicht zuletzt das verdächtige Benehmen des Doktor Damm bei seiner Abreise von Lüneburg – das alles ließ eigentlich keinen Zweifel aufkommen.
Und nun hatte die Freundin Doktor Damms, Ursula Helbis, bei ihm angerufen und etwas von einem zerrissenen Seidenschal erzählt. Deshalb aber an Leopardenmenschen zu glauben, war Blödsinn! Freilich, Frau Damm war bei dem Anblick des ausgestopften Leoparden erschrocken, aber wer weiß, welche Erinnerung er in ihr auslöste. Wie sollten Leopardenmenschen in die Lüneburger Heide kommen? Ein Glück, daß Doktor Mohr, der alte Bekannte, die Sache bearbeitete. Ein anderer Beamter würde ihn grob anfahren, wenn er Dinge erzählte, die mit dem vorliegenden Fall gar nichts zu tun hatten. Mohr würde ihn höchstens furchtbar auslachen. Ob es überhaupt einen Sinn hatte, hinzugehen? Aber er hatte es versprochen, und ein wenig neugierig war er doch auf diese Frau Helbis, die sich da am Telefon so warm für Doktor Damm eingesetzt hatte. Außerdem interessierte ihn die ganze Sache allmählich.
Christoph Kind packte gähnend die Zeitungen zusammen und stellte bedauernd fest, daß er den Rest der Kognakflasche genehmigt hatte, während seine Gedanken dem Kriminalfall nachgingen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich nun doch ins Bett zu verfrachten. Trotz der nötigen Schwere konnte er lange nicht einschlafen. Seine Gedanken kreisten hartnäckig um Afrika, quälten ihn mit Erinnerungen an seine eigenen abenteuerlichen Erlebnisse mit Leopardenmenschen. Er sah sich selbst in dem fernen Urwalddorf nachts aus dem Schlaf auffahren, hörte den gellenden Schrei seines Hüttennachbars: „Zu Hilfe!!! Der Maghena hat meinen Vater geholt!“ Er dachte an die Stunde, da er, im Busch versteckt, dem grausigen Tanz der Leopardenmänner um den Bluttopf zusah. Jede Sekunde konnte er selbst entdeckt werden und unter den Messern und Keulen der Wilden enden. Dann sah er wieder die gefangenen Leopardenmenschen, die in schweren Ketten in das Gefängnis zu Kinshassa eingebracht wurden. Ganz deutlich sah er ihre Gesichter vor sich, diese starren, ausdruckslosen. Gesichter mit dem unheimlichen, raubtierhaften Blick.
„Verflucht und zugenäht! Schon drei Uhr!“
Christoph Kind griff nach dem Wecker und stellte ihn ein. Dann warf er sich auf die Seite, zog die Decke hoch ans Kinn und befahl sich energisch den Schlaf. Aber auch durch seine Träume geisterte noch der Maghena.
II
Kommissar Mohr lacht nicht
Christoph Kind vergewisserte sich durch einen Blick, daß er vor dem Portal II stand, und durch einen zweiten auf seine Armbanduhr, daß es Punkt elf war. Eben wollte er sich suchend umsehen, als eine junge Dame im dunkelgrauen Kostüm auf ihn zutrat.
„Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr Kind!“
„Bitte?“ Kind musterte überrascht die schlanke, feste Gestalt und das jugendlich frische, wenn auch schmale und fast zarte Gesicht. „Habe ich denn das Vergnügen mit ...“
„Mit Ursula Helbis – ja.“
„Die Stimme glaube ich allerdings wiederzuerkennen. Aber alle Achtung, Fräulein Helbis, für Ihre einundfünfzig Jahre haben Sie sich wirklich vorzüglich konserviert!“
„Verzeihen Sie die Notlüge. Wenn ich am Apparat gesagt hätte, daß ich vierundzwanzig bin, so würden Sie mich wahrscheinlich für ein Mädel gehalten haben, das mit Ihnen anbändeln möchte.“
„Wahrscheinlich wäre ich auch dann gekommen“, lachte er, „aber die Überraschung ist so natürlich größer. Ich hatte, offen gesagt, eine dolle Spinatwachtel erwartet, und sehe mich nun einer sehr reizenden jungen Dame gegenüber.“
„Danke für das Kompliment. Sie selbst sehen übrigens auch viel jünger aus, als ich Sie mir vorgestellt habe. Sie haben doch immerhin fünfzehn Jahre Afrika hinter sich ...“
„Wenn Sie bedenken, daß ich schon mit siebzehn Jahren nach Südwest ging, so kommen, trotz der Tatsache, daß ich seit drei Jahren wieder in der Heimat bin, nur die bescheidene Anzahl von fünfunddreißig Jährchen heraus. Aber nun verraten Sie mir um Gottes willen, wie Sie darauf verfallen sind, ausgerechnet mich anzurufen und meine Mitwirkung in einem Kriminalfall zu wünschen?“
„Sie waren nicht der erste.“ Ursula Helbis lächelte flüchtig, wurde jedoch sofort wieder ernst. „Ich hatte vorher schon versucht, alle Herren zu erreichen, die mir als Afrikaner durch Bücher oder Artikel bekannt waren. Herr Benthin war nicht im Telefonbuch aufzufinden, Herr von Osterode meldete sich nicht, Herr Reith war nicht zu erreichen. Sie waren der vorletzte in meiner Liste.“
„Schmeichelhaft. Aber ich habe mir die Sache durch den Kopf gehen lassen und bin eigentlich nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß meine Kenntnisse über Afrika Ihnen gar nichts nützen können. Ich habe gestern abend noch alles über den Fall Damm nachgelesen, was die Zeitungen gebracht haben, und die Überzeugung gewonnen, daß diese Geschichte nicht das geringste mit Afrika zu tun hat. Wollen wir nicht lieber gemütlich zusammen eine Tasse Kaffee trinken? Oder bestehen Sie immer noch darauf, daß ich mit Ihnen in dies Haus da hineingehe und Doktor Mohr eine Räubergeschichte über Leopardenmenschen auftische?“
Ursula Helbis sah ihn aus großen Augen an. Diese Augen waren von einem tiefen, dunklen Blau, sie erschienen fast schwarz. „Sie haben mir versprochen, das zu tun, Herr Kind! Und wieso: Räubergeschichte? Sie sagten mir doch, daß alles auf Tatsachen beruht??“
„Herrgott, ja, natürlich. Aber an so etwas in Deutschland zu denken ist absurd. Doktor Mohr wird mich gräßlich auslachen.“
„Ich werde ihm sagen, daß ich es war, die Sie dazu veranlaßt hat. Ich bitte Sie herzlich, Herr Kind, lassen Sie mich nicht im Stich!“
„Wenn Sie unbedingt wollen ...“ Kind seufzte und wandte sich dem Portal zu. In der halbdunklen, breiten Torwölbung blieb er noch einmal stehen. „Eine Frage noch, Fräulein Helbis, die ich mir aufrichtig zu beantworten bitte: Sie stehen in ... näheren Beziehungen zu Doktor Damm?“
Ursula Helbis schloß einen Augenblick den schmalen Mund fester. Dann sah sie auf: „Nicht in dem Sinn, wie Sie denken, Herr Kind. Ich weiß, daß die Zeitungen geschrieben haben, ich sei die Geliebte Doktor Damms. Das ist nicht wahr. Zwischen ihm und mir besteht nichts als eine herzliche Kameradschaft, die im täglichen Zusammenarbeiten gewachsen ist. Frau Damm war auf mich eifersüchtig, das ist wahr. Sie hat eine Zeitlang befürchtet, unsere Freundschaft sei mehr, als sie sein dürfte. Zum Glück aber konnte ich sie vom Gegenteil überzeugen. Frau Damm war so vernünftig, mich in meiner Wohnung aufzusuchen und sich offen mit mir auszusprechen.“
„Das war an dem Tag, an welchem sie vor dem Leopardenkopf so erschrak?“
„Ja. Darum ist mir ihr Verschwinden so unerklärlich. Frau Damm wußte seit jenem Besuch bei mir, daß ihre Eifersucht unbegründet war. Sie hatte also gar keine Veranlassung, sich das Leben zu nehmen. Noch weniger hatte Doktor Damm einen Grund, seine Frau zu töten, da tatsächlich zwischen ihm und mir nie etwas bestanden hat.“
„Und die Sache mit der Versicherung?“
Ein zorniger Blick schoß aus den dunklen Augen des Mädchens. „Ich kenne Doktor Damm seit Jahren. Ihm eine solche Schmutzigkeit zutrauen, das kann nur ein sehr gemeiner oder ein ganz dummer Mensch.“
„Ihre Menschenkenntnis in Ehren, aber ... na, wir wollen mal in Ruhe mit Doktor Mohr darüber sprechen.“
Sie mußten auf einer Bank in einem der langen Gänge etwa dreiviertel Stunden warten, bis der vielbeschäftigte Kriminalkommissar sich freimachen konnte. Sie sprachen während dieser Zeit nicht viel, und wenn, nur Belangloses miteinander, aber Christoph Kind musterte des öfteren verstohlen seine Begleiterin. Der Kontrast der dunkelblauen Augen zu dem ganz hellen Haar, das in weichen Wellen fast bis auf die Schultern hing, frappierte ihn. Die gerade, feingemeißelte Nase wäre klassisch schön gewesen, wenn sie nicht ganz zum Schluß einen lustigen kleinen Satz nach oben gemacht hätte. Einen ganz kleinen, winzigen Satz, aber der verlieh ihrem sonst so ernsten Gesicht einen Schimmer von Fröhlichkeit. Der schmale, schöngezeichnete Mund war traurig, und Christoph Kind verspürte plötzlich den Wunsch, ihn zum Lächeln zu bringen, nur um zu sehen, wie sich dieses Lächeln mit dem lustigen Satz der Nase vertragen hätte.
Endlich erschien Doktor Mohr selbst in der Tür, die auf einem kleinen Schild seinen Namen trug. Er lud Fräulein Helbis höflich ein, näher zu treten, und heftete dann seinen Blick erstaunt auf ihren Begleiter.
„Sieh da! Kindchen! Wollen Sie auch zu mir?“
„Ich bin mit Fräulein Helbis gekommen, lieber Doktor Mohr.“
Ein rascher Blick des Kommissars ging zwischen den beiden hin und her. Ausnahmsweise war Doktor Mohr wirklich einmal erstaunt. „Ich hatte keine Ahnung, daß Sie mit Fräulein Helbis bekannt sind, Kind. Aber bitte, kommen Sie doch herein!“
Dann saßen sie in dem nüchternen Dienstzimmer vor dem Kriminalkommissar, der rasch noch ein paar Unterschriften erledigte und dem wartenden Assistenten die Akten übergab.
„So, nun stehe ich zu Ihrer Verfügung. Es handelt sich ja wohl um den Fall Damm?“
„Zunächst muß ich Ihnen erzählen, wieso ich eigentlich hierherkomme“, begann Christoph Kind und gab einen ausführlichen Bericht des gestrigen Telefongesprächs. Bei der Erwähnung der Leopardenmänner lächelte er den Kommissar entschuldigend an und wählte seine Worte so, daß sie deutlich besagten: er, Christoph Kind, sei natürlich weit davon entfernt, diese afrikanischen Abenteuer in Verbindung mit dem vorliegenden Kriminalfall zu bringen. Diese sonderbare Idee gehe auf das Schuldkonto des Fräulein Helbis. Christoph Kind erwartete jeden Augenblick, daß Kommissar Mohr ihn ungeduldig unterbrechen oder herzlich auslachen werde. Zu seiner Verwunderung tat Doktor Mohr weder das eine noch das andere.
„Tolle Sache“, meinte er nur, als Kind geendet hatte. „Von den Leopardenmännern hab’ ich allerdings auch mal gelesen. Haben Sie die Brüder wirklich kennengelernt, Kindchen?“
„Sogar in voller Tätigkeit!“ Wenn die Rede auf Afrika kam, pflegte Christoph Kind aufgeschlossen zu werden. Auch jetzt war er bald, ohne es zu wollen, mitten in einer ausführlichen Beschreibung seiner Erfahrungen und Abenteuer und hatte den „Fall Damm“ gänzlich vergessen, bis ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, daß er schon eine Viertelstunde von Afrika erzählte, hier in diesem kühlen Dienstzimmer, in dem Kommissar Mohr doch sicher andere, wichtigere Dinge zu tun hatte, als über die Sitten und Gebräuche ferner Negerstämme zu palavern. Schuldbewußt hielt er inne und sah den ruhig dasitzenden Beamten wie um Entschuldigung bittend an.
Doktor Mohr lachte noch immer nicht. Im Gegenteil, sein Gesicht war viel ernster als zu Beginn der Unterhaltung.
„Das ist alles sehr interessant, Kind, und bei Gelegenheit müssen Sie mir noch mehr davon erzählen.“ Dann wandte er langsam, fast nachdenklich den Kopf zu Ursula Helbis, die schweigend zugehört hatte. „Frau Damm erschrak also sichtlich beim Anblick des Leopardenkopfes? Warum haben Sie mir das bisher noch nicht gesagt?“
„Ich dachte gar nicht mehr daran, Herr Kommissar. Es stand ja anscheinend auch in gar keiner Verbindung mit den furchtbaren Dingen, die sich nachher abspielten. Erst gestern, als ich mir wieder den Kopf zermarterte, um hinter das Rätsel zu kommen, tauchte in mir die Erinnerung an dieses tödliche Erschrecken auf, und da beschloß ich, einen Afrika-Spezialisten um Rat zu fragen, mehr aus Instinkt als aus logischer Folgerung.“
„Es wäre richtiger gewesen, wenn Sie mich angerufen hätten, Fräulein Helbis“, meinte Doktor Mohr. „Wir hätten dann schon selber unsere Experten zu Rat gezogen.“
„Verzeihen Sie, Herr Kommissar. Es war ja nur eine vage Vermutung von mir, daß ein Zusammenhang bestehen könnte, und ich konnte nicht ahnen, daß Sie sich auf Grund der bloßen Mitteilung hin mit der Sache beschäftigen würden.“
Doktor Mohr spielte mit einem Bleistift und blickte ein paar Sekunden lang schweigend vor sich hin. „Doch“, sagte er dann ernst und hob den Kopf, seine Besucher anschauend, „ich hätte mich bestimmt damit beschäftigt. Sehr energisch sogar.“
„Also das begreife ich nicht!“ Christoph Kind starrte ihn mehr als erstaunt an. „Wenn Sie, Doktor Mohr, sich tatsächlich mit dieser mehr als an den Haaren herbeigezogenen Verbindung zwischen den Leopardenmenschen und dem Mord an Frau Damm beschäftigen, dann ... dann glaube ich selbst schon bald alles, was Fräulein Helbis für möglich hält. Sogar, daß dieser Doktor Damm unschuldig ist.“
„Nun, das eine ergibt sich nicht unbedingt aus dem anderen. Aber es ist gut, daß Sie mich auf Doktor Damm bringen, Kindchen. Ich möchte da gleich ein paar Fragen an Fräulein Helbis stellen. Hat Doktor Damm Ihnen jemals etwas von der Lebensversicherung gesagt?“
„Nein, kein Wort. Warum sollte er das auch? Es war doch eine Sache, die nur ihn und seine Frau etwas anging.“
„Sehr schade. Sie können also in diesem Punkt nicht als Entlastungszeugin dienen. Doktor Damm behauptet nämlich, er habe seine Frau auf deren eigenen, ausdrücklichen Wunsch so hoch versichert. Wenn er einen Zeugen dafür hätte, wäre das für ihn von großem Vorteil.“
„Nein, leider weiß ich nichts darüber.“
„Dann noch eine andere Frage: Haben Sie etwas von Lebensüberdruß an Frau Damm bemerkt? Hat sie Ihnen irgend etwas gesagt, das auf Selbstmordabsichten schließen läßt? Oder hat Doktor Damm etwas darüber geäußert?“
„Auch das kann ich nur verneinen, Herr Kommissar. Doktor Damm sprach nur selten mit mir über seine Frau. Auch als Frau Damm mich besuchte, habe ich nichts von Lebensüberdruß bemerkt. Da war nur dieses sonderbare Erschrecken.“
„Bei Ihrer Vernehmung haben Sie angegeben, daß Doktor Damm die Absicht hatte, den Urlaub mit seiner Frau am Rhein zu verbringen?“
„Ja, so sagte er mir.“
„Es ist dies auch von anderer Seite ausgesagt worden. Die Hausangestellte Erna Schulte hat erklärt, Doktor Damm habe in ihrer Gegenwart seiner Frau vorgeschlagen, an den Rhein zu fahren. Frau Damm hatte erst gar keine Lust dazu, ließ sich dann aber doch überreden. Finden Sie es nicht merkwürdig, daß die beiden dann plötzlich nach Lüneburg fuhren?“
„Sie werden sich unterwegs anders entschlossen haben.“
„Ja, so sagt auch Doktor Damm. Er behauptet sogar, seine Frau sei es gewesen, die diese Programmänderung durchgesetzt habe. Merkwürdig –“ Doktor Mohr richtete jetzt seine Worte fast mehr an Christoph Kind, als an Ursula Helbis. „Trotz aller Bemühungen haben wir bisher keinerlei Beziehungen zwischen Damms und Lüneburg oder der Lüneburger Heide herauskriegen können. Keiner von beiden ist jemals früher dort gewesen. Sie haben auch keine Bekannten in der Gegend. Was, zum Kuckuck, konnte Frau Damm veranlassen, eine Fahrt an den Rhein abzubrechen und statt dessen in die Lüneburger Heide zu fahren? Im Vergleich mit dem Rhein bietet sie doch wesentlich geringere Reize.“
„Sie halten also die Behauptung Doktor Damms für unglaubhaft?“
„Ziemlich. Aber – und das ist ja eben der Haken – auch die Vermutung, Damm habe seine Frau nach Lüneburg gefahren, um sie vorsätzlich umzubringen, will mir nicht einleuchten. Er ist völlig unbekannt in der Gegend. Die Heide ist groß. Ein Moorloch zu finden, das für einen solchen verbrecherischen Zweck geeignet wäre, ist nicht so ohne weiteres möglich. Wenigstens nicht für einen Menschen, der ortsunkundig ist. Um Auskunft hat Doktor Damm niemand gefragt. Das hätten wir längst festgestellt.“ Doktor Mohr machte eine Pause und trommelte mit den Fingern auf einem Aktenband. „Wenn ich herausbekäme, daß Doktor Damm die Gegend doch kennt, hätten wir einen Anhaltspunkt. Außerdem eine unwahre Aussage.“
„Doktor Damm ist unschuldig!!“
Der Kommissar wandte sich wieder Ursula Helbis zu und sah ihr freundlich in die dunkel-blitzenden Augen. „Wir wollen es hoffen, Fräulein Helbis. Aber wenn ich Ihnen etwas raten darf, schreien Sie Ihren schönen Glauben nicht bei jeder Gelegenheit heraus! Es gibt eine Menge Leute, welche die Ansicht verfechten, man müsse Sie als eventuelle Helferin Doktor Damms in Untersuchung nehmen.“
„Tun Sie es doch, wenn das Ihre Ansicht ist! Auf einen Unschuldigen mehr oder weniger kommt es schon nicht mehr an.“ Ursula hatte alle Sachlichkeit verloren, ihre Lippen zitterten leise vor Empörung.
Doktor Mohr lächelte gutmütig. „Nicht ausfallend werden, Fräulein Helbis! Sie wissen doch, wie ich zu Ihnen stehe! Ich habe es Ihnen beim ersten Verhör offen gesagt. Wenn ich persönlich nicht davon überzeugt wäre, daß Sie mit dem Verbrechen nichts zu tun haben, hätte ich Sie natürlich längst in Gewahrsam genommen. Aber es spricht bis jetzt nichts gegen Sie, warum sollte ich also zweifeln? Ob Sie nun, wie Sie selber sagen, mit Doktor Damm nur kameradschaftlich befreundet waren, oder ob Sie in engeren Beziehungen zu ihm standen ...“
„Ich hatte kein Verhältnis mit Doktor Damm!!“
„Jedenfalls würde auch das meine Überzeugung nicht ändern“, fuhr Doktor Mohr ruhig fort. „Der Rat, den ich Ihnen vorhin gab, bezieht sich nur auf gewisse Stimmen der Öffentlichkeit, die leider geneigt sind, Sie als Mithelferin Damms zu verurteilen.“
„Das ist mir gleichgültig, Herr Kommissar!“
„Fräulein Helbis läßt sich durch nichts beirren“, wandte sich Doktor Mohr wieder an Kind. „Seit Doktor Damm in Haft ist, kämpft sie wie eine Löwin für ihn. Jedenfalls ist ihre Idee von den Leopardenmenschen von ungeheurer Wichtigkeit und Tragweite.“
Christoph Kind war immer noch unsicher. „Lieber Mohr, ich habe den Eindruck, daß Sie sich ziemlich lustig über uns machen.“
„Sie haben diesen Eindruck sehr zu Unrecht, Kind. In dienstlichen Angelegenheiten scherze ich nie. Und die vorliegende Sache wäre wohl auch zu Späßen schlecht geeignet. In vollem Ernst also: Das Moment, welches Fräulein Helbis angeführt hat, nämlich die hakenartigen Risse in dem Schal Frau Damms, ist schon seit einer Woche das Problem, um welches unsere ganze Arbeit fieberhaft kreist. Ich bin leider nicht berechtigt, Ihnen Einsicht in die Dienstakten zu geben, sonst könnte ich Ihnen schwarz auf weiß zeigen, wie intensiv wir uns gerade damit beschäftigt haben.“
„Ja ... ist denn aber dieser zerrissene Schal für die Aufklärung so wichtig?“
„Es handelt sich nicht nur um den Fall Damm. Die Sache zieht bedeutend weitere Kreise.“ Doktor Mohr sah einen Augenblick wie überlegend vor sich hin, dann fuhr er entschlossen und ernst fort: „Ist Ihnen der Fall Nesso bekannt?“
„Ich wüßte nicht.“
„Am 23. August dieses Jahres wurde ein Doktor Nesso und seine neunzehnjährige Tochter in ihrer Wohnung in Aachen ermordet aufgefunden.“
„Ach ja, ich erinnere mich dunkel, etwas davon in den Zeitungen gelesen zu haben. Nun – und?“
„Es lag Raubmord vor. Die Wohnung war durchwühlt, Geld, Schmucksachen und Aufzeichnungen gestohlen. Die Fußspuren deuteten auf mehrere Täter hin. Nun, das hat alles in den Blättern gestanden. Was aber bisher niemand, außer der Polizei, weiß, ist, daß die Kleider der Ermordeten von einem Haken oder einer Kralle zerrissen waren. Auch am Hals des Mädchens fanden sich mehrere Wunden, die mit einem solchen Instrument beigebracht worden sein müssen. Was sagen Sie nun, Kind?“
„Das ist allerdings seltsam. Und Sie meinen nun ...“
„Vorläufig meine ich, daß es gut sein wird, wenn die Öffentlichkeit nicht erfährt, daß wir uns mit dieser Haken- oder Krallenspur beschäftigen. Ich muß Sie daher beide darum bitten, das, was ich Ihnen eben anvertraute, als Dienstgeheimnis zu behandeln. Nach dieser Eröffnung würden Sie sich strafbar machen, wenn Sie einem Dritten davon erzählten.“
„Ich werde gewiß nichts sagen“, beteuerte Ursula Helbis erregt.
„Diskretion ist Ehrensache“, versicherte Christoph Kind ebenfalls. „Aber sagen Sie, lieber Mohr, aus welchem Grunde hat die Polizei diese ... diese sonderbare Spur verheimlicht?“
„Bravo, Kindchen, Sie legen den Finger an den rechten Punkt. Wir hatten allerdings einen triftigen Grund, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen. Wir hoffen nämlich, durch diese Spur dem Rätsel einer ganzen Reihe von ungeklärten Mordtaten nahe zu kommen. Soviel ich weiß, interessieren Sie sich nicht sonderlich für Kriminalfälle und werden daher kaum Notiz genommen haben von einem anderen Geschehnis, das ich in Verbindung bringe. Am 25. Juni fand man in ihrem Haus in einem Vorort von Paris das jungvermählte Ehepaar Dubois ermordet auf. Auch in diesem Fall die Fuß- und Krallenspuren, wie bei dem in Aachen begangenen Mord an Doktor Nesso und seiner Tochter und wie im Fall Damm. Wunden und Risse von einem Instrument, das man als spitzen, gebogenen Haken oder eine Art Kralle bezeichnen muß.“
„Aber diese Geschehnisse liegen doch räumlich so weit auseinander, daß sie schwerlich von ein und derselben Person ausgeführt sein können!“
„Unmöglich wäre das nicht, lieber Kind, wenn man die Daten in Betracht zieht. Es haben sich auch noch mehr Ähnlichkeiten gezeigt. Fußspuren, die von mehreren Personen herrühren. Die Polizei in Paris glaubt daher an die Tätigkeit einer Verbrecherbande. Bisher ist es ihr jedoch nicht gelungen, den oder die Täter zu fassen.“
Christoph Kind beugte sich interessiert vor: „Und nun glauben Sie ... die Leopardenmänner ...?“
„Vielleicht ist es blinder Alarm“, sagte Doktor Mohr sachlich. „Wir wollen nicht vorschnell urteilen. Aber wichtig ist die Sache. Bisher haben wir völlig im Dunkeln getappt. Wir sowohl wie die Pariser Polizei. Nur durch einen Zufall wurde uns das Aktenmaterial über den Fall Dubois zugesandt, da einige Spuren nach Deutschland wiesen. Die Sachverständigen haben die genaue Art des verwendeten Instrumentes nicht herausfinden können. Da die Verbrecher im übrigen mit Dolch und Revolver arbeiteten, so scheint es sich bei diesen sonderbaren Wunden um etwas Ähnliches wie ein Geheimzeichen zu handeln. Wie gesagt, wir hatten bisher keine brauchbare Theorie darüber. Nun aber ...“ Doktor Mohr atmete tief auf, „... nun will mir scheinen, als ob Fräulein Helbis uns auf eine Spur gebracht hat. Ein wahres Glück, daß ihr die Beobachtung des Erschreckens Frau Damms nicht aus dem Gedächtnis entschwunden war. Wenn sie sich allerdings nicht mit Ihnen in Verbindung gesetzt hätte, lieber Kind, hätte wohl kein Mensch an die Leopardenmenschen gedacht.“
„Also war es doch gut, daß ich Herrn Kind anrief?“ warf Ursula dazwischen und lächelte ein klein wenig.
„Im Prinzip, ja. Wir haben nun zum mindesten eine neue Theorie.“
„Aber wie sollten diese Kerle nach Europa kommen? Was sollten sie hier suchen? Vor allem aber: eine Bande dieser Neger müßte doch auffallen und leicht zu ermitteln sein!“
„Es braucht keine Bande zu sein, lieber Kind. Aber kann nicht ein solch schwarzer Halunke nach Europa gekommen sein und sich irgendeiner Verbrecherbande angeschlossen haben?“
„Das ... wäre natürlich möglich.“
„Sehen Sie! Außerdem bitte ich Sie, zu bedenken: Bisher hat niemand einen Verdacht in dieser Richtung gehabt. Die Polizei hat also auch gar nicht auf Schwarze geachtet oder gar nach solchen gefahndet. Nun, das wird von jetzt ab anders werden.“
„Mir wirbelt noch immer der Kopf. Sie halten also wirklich an diesem ... Märchen fest, Doktor Mohr?“
„Ich ziehe das Märchen jedenfalls mit in Betracht. Es gibt unleugbar einige Anzeichen, die auf Afrika hindeuten könnten. Frau Damm war früher in Afrika und erschrak – wenn wir Fräulein Helbis glauben dürfen, sogar furchtbar – beim Anblick des Leopardenkopfes. Sollte mich nicht wundern, wenn wir demnächst bei weiteren Ermittlungen darauf stoßen, daß auch die anderen Opfer der ‚Klaue‘ irgendwie in Verbindung mit Afrika stehen oder gestanden haben.“
„Aber dann ... wenn Sie annehmen, daß all diese schrecklichen Verbrechen aus einer Quelle stammen ...“ Ursula Helbis hob erregt und hoffnungsvoll den Kopf ... „dann kann Doktor Damm doch nicht der Täter sein! Er ist weder in Paris noch in Aachen gewesen, hat überhaupt in den letzten drei Jahren Berlin nicht verlassen. Er gönnte sich bis zu jener letzten Reise keinen Urlaub. Das ist doch leicht nachzuweisen!“
„Ich könnte Ihnen erwidern“, sagte Doktor Mohr lächelnd, „daß Doktor Damm nicht notwendigerweise in allen drei Fällen der Täter zu sein braucht. Er kann ein einzelnes Mitglied der Bande sein. Aber ich will mal nett und ehrlich sein und Ihnen offen gestehen, daß gerade dies der Grund ist, warum ich, im Gegensatz zu meinen Kollegen, nicht hundertprozentig davon überzeugt bin, daß Doktor Damm seine Frau ermordet hat. Es liegen schwere Verdachtsgründe gegen ihn vor, gewiß, und an eine Haftentlassung wird vorläufig nicht zu denken sein. Ich müßte sie selber ablehnen. Aber trotzdem – überzeugt bin ich noch nicht davon, daß er der Täter ist.“
Christoph Kind war noch immer wie vor den Kopf geschlagen. „Wenn ich Sie nicht genau kennte, Mohr, so würde ich fragen, ob Sie in letzter Zeit zuviel Kriminalromane gelesen haben. Ist ja haarsträubend. Wenn ich mir vorstellen soll, daß hier in Deutschland die Leopardenmenschen Leute abschlachten, dann... kein Mensch würde das glauben!“
„Jedenfalls ersuche ich Sie beide nochmals um äußerste Verschwiegenheit. Ihnen, Kindchen, fällt das ja nicht weiter schwer, und Sie, Fräulein Helbis, haben ja offenbar das größte Interesse daran, Doktor Damms Unschuld zu beweisen. Wir kommen aber nur dann weiter, wenn der oder die Täter vollkommen im unklaren darüber bleiben, daß wir eine neue Spur aufgenommen haben.“
„Darf man fragen, was Sie nun in der Sache zu unternehmen gedenken?“ fragte Kind interessiert.
„Arbeit genug, lieber Freund. Gesichtspunkt: Afrika! Ich werde veranlassen, daß Paris Ermittlungen anstellt, ob das Ehepaar Dubois irgendwelche Beziehungen zu dem dunklen Erdteil hatte. Aachen muß in ähnlicher Weise recherchieren, und ich persönlich werde genau festzustellen versuchen, wie weit die Verbindungen Frau Damms zu Afrika gingen. Außerdem aber möchte ich Sie, lieber Kind, für die Mitarbeit an der Aufklärung dieser geheimnisvollen Verbrechen gewinnen.“
„Mich? Machen Sie keine Scherze, Mohr! Ich habe gar kein Talent zum Detektiv.“
„Brauchen Sie auch nicht. Gesunder Menschenverstand genügt. Na, und daß Sie den haben, bewiesen Sie in der Betrugssache Zöller. Ihre Vermutung erwies sich damals als vollkommen richtig.“
„Na ja, damals habe ich recht behalten, aber ...“
„Kein Aber. Damals sagten Sie mir privatim und ungefragt Ihre Meinung. Heute brauchen wir Sie. Wie der Fall jetzt liegt, kann ein erfahrener Kenner Afrikas uns von großem Wert bei unserer Arbeit sein. Also seien Sie ein gutes Kind und schlagen Sie ein!“
Christoph Kind zögerte noch. Aber Ursula Helbis’ Augen, die bittend und vertrauensvoll an seinem Gesicht hingen, gaben den Ausschlag.
„Gut“, erklärte er entschieden. „Wenn Sie wirklich an Leopardenmenschen glauben, interessiert mich die Sache natürlich ohnehin. Und solange ich noch Zeit habe, stehe ich zu Ihrer Verfügung.“
„Ich dachte, Sie haben immer Zeit, Kindchen? Ihre schriftstellerischen Arbeiten erledigen Sie doch bei Ihrer Begabung so nebenbei?“
„Schöne Meinung haben Sie von meiner Arbeit!“ lachte Kind. „Ich arbeite so ziemlich zwölf Stunden am Tag, nur mache ich kein Wesen daraus und habe für Freunde immer Zeit. Aber abgesehen davon – voraussichtlich fahre ich in Kürze wieder nach Afrika.“
„Oh!“ Ursula Helbis stieß einen kleinen, erschrockenen Laut aus. „Und wovon hängt das ab?“
„Nur von meiner ... wie soll ich sagen? ... Berufung. Ich warte täglich auf die Order der Hamburger Firma, die mich wieder einmal zum Einkauf hinunterschicken will.“
„Aber vielleicht –“ Ursula zögerte und fuhr dann schnell fort: „Vielleicht fahren Sie doch erst, wenn es sich herausgestellt hat, daß Doktor Damm unschuldig ist.“
Christoph sah sie aufmerksam an. ‚Wieviel ihr an diesem Damm liegt‘, dachte er. Dann sagte er laut: „Wir werden sehen, wie weit wir kommen. Was wünschen Sie, das ich tun soll, Mohr?“ „Zunächst mal sollen Sie sich zu Hause hinsetzen und mir eine ausführliche Abhandlung über diese Leopardenmenschen schreiben. Alles, was Sie darüber wissen. Und dann ... haben Sie persönlich in Afrika ein Opfer dieser Sekte oder Bande gesehen? Ja? Dann werde ich dafür sorgen, daß Ihnen Fotos von einem der Opfer vorgelegt werden, auf denen die ‚Krallenspuren‘ besonders deutlich zu sehen sind.“
„Ich werde mehr tun, Doktor Mohr, ich werde mich im ganzen Dorf Berlin umtun, ob und wo sich zur Zeit Neger aufhalten. Dann werde ich mir gegebenenfalls die schwarzen Jungen ansehen und ihnen auf den Zahn fühlen.“
„Letzteres überlassen Sie lieber uns, aber sonst ausgezeichnet. Etwas Ähnliches habe ich selber vor. Aber jeder für sich. Wir arbeiten einzeln und vergleichen später unsere Ergebnisse. Damit Sie im Bilde sind, werde ich Ihnen noch heute eine kurze Zusammenstellung der Mordfälle und einige Angaben über das bisherige Ergebnis der Untersuchungen zukommen lassen. Ich muß nur erst solch eine Aufstellung diktieren, denn die amtlichen Aktenstücke kann ich Ihnen natürlich nicht aushändigen.“ „Und ich?“ fragte Ursula Helbis atemlos vor Erregung. „Kann ich denn gar nichts tun?“
Doktor Mohr lächelte. „Doch, Fräulein Helbis, Sie können zum Beispiel Herrn Kind heute nachmittag zu einer Tasse Tee einladen und ihm bei dieser Gelegenheit den Leopardenkopf zeigen. Sonst brauchen Sie wirklich nichts mehr zu tun, denn Sie haben schon etwas getan, indem Sie uns auf die Spur brachten. Das ist mehr, viel mehr, als Sie glauben. Warum ich Ihre Idee für so wichtig halte, das habe ich Ihnen bisher noch nicht gesagt.“
„Noch etwas?“ rief Kind erstaunt.
„Ja“, erwiderte Doktor Mohr ernst. „Das Allerwichtigste. Die Klauenspuren, die übereinstimmenden Anzeichen bei all diesen Verbrechen, die Verbindung Frau Damms mit Afrika, das sind vorläufig nur vage Indizien. Aber vorhin, als Kind mir von den Leopardenmännern erzählte, da hatte ich ein ganz bestimmtes Gefühl. Das unabweisbare Gefühl, das für einen Kriminalisten wichtiger ist als die schönsten Indizien. Ich wußte in diesem Augenblick: das ist der Schlüssel! Nicht nur zum Fall Damm, sondern auch zu den anderen Verbrechen. Gucken Sie mich nicht so ungläubig an, Kindchen! Ich bin wahrhaftig kein Phantast oder Romantiker. Nee, kann mir mein Feind nicht nachsagen. Aber ich behaupte und bleibe dabei: wer dieses Gefühl, diesen sechsten Sinn nicht hat, der soll in Gottes Namen seinen Abschied nehmen von der Kriminalpolizei und sich irgendeinem anderen Beruf widmen. – Auf Wiedersehn denn! Die Arbeit brennt mir auf den Nägeln. Halten Sie mich auf dem Laufenden, Kind, und vergessen Sie nicht: Vorsicht und Verschwiegenheit!“
Doktor Mohr reichte seinen Besuchern die Hand und blieb aufrecht hinter seinem Schreibtisch stehen, bis Kind und Ursula Helbis das Zimmer verlassen hatten. Seine linke Hand drückte dabei unauffällig zweimal auf einen unter der Schreibtischplatte angebrachten Klingelknopf. Das hieß für den diensthabenden Beamten draußen: Der Besuch darf das Haus verlassen.
Dann öffnete Doktor Mohr die Tür zum Nebenzimmer und rief seinen Assistenten herein. „Heute nachmittag 16 Uhr Doktor Damm zur Vernehmung.“
„Doktor Damm zur Vernehmung.“
„Das von Paris eingesandte Aktenmaterial über den Fall Dubois und unsere eigenen Akten über die Mordsache Nesso möchte ich herhaben.“
„Jawohl, Herr Kommissar. Und die Helbis?“
„Bleibt weiter unter Beobachtung. Keine neuen Instruktionen an den Außendienst. Und rufen Sie mir mal Fräulein Äukens herüber. Ich möchte etwas diktieren.“
III
Ein unheimliches Aktenstück
„Bitte.“
Ursula Helbis hatte die Tür ihrer kleinen Junggesellenwohnung aufgeschlossen und lud Christoph Kind ein, näherzutreten. Ein winziger, weißgelackter Vorraum, der in einer Ecke hinter einem hellen Chintzvorhang eine Kochnische barg, dann kam man gleich in das einzige Zimmer der Wohnung, die außerdem nur noch ein Badezimmer enthielt. Der große, sehr helle und freundliche Raum lag nach Südwesten, und durch die hohen Scheiben der breiten Balkontür fiel jetzt am Nachmittag die Sonne in breiten, goldenen Bahnen auf den farbenschönen Täbris, der den Boden bedeckte. Dieser Teppich war das einzige wirklich Wertvolle des Raumes. Die Möbel waren geradlinig und schlicht, vor einer mit bunten Kissen bedeckten Schlafcouch stand ein niederer Tisch mit einem modernen schmiedeeisernen Kerzenleuchter und zwei tiefe Kanadier luden zum Sitzen ein. Schräg vor der Balkontür ein glatter Schreibtisch, mit wenigen Papieren bedeckt, die chemische Formeln aufwiesen. An der linken Seite eine Fotografie im Postkartenformat in schlichtem, verchromtem Rahmen. Ein kantig und gut geschnittenes Männergesicht sah den Beschauer aus sicheren Augen an. Neben dem Schreibtisch ein eingebauter Schrank, die übrigen freien Stellen der Wände durch niedere Bücherregale ausgefüllt. Die Bilder an den Wänden waren moderne, gute Landschaften, und dort, über der Couch, hing der Leopardenkopf. Der aufgerissene Rachen und die blutdürstig schillernden Glasaugen gaben in der Tat ein gutes Bild des gefährlichen Raubtieres, aber etwas Besonderes konnte Christoph Kind an ihm nicht entdecken. Er sagte dies auch Ursula, die ihn gespannt ansah und nun ein wenig enttäuscht schien.
Christoph Kind lachte.
„Ja, Fräulein Helbis, so schnell, wie Sie es sich für Ihren Schützling wünschen, wird die Aufklärung wohl nicht kommen. Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß die Aufklärung eines solch komplizierten Mordes, bei dem man noch nicht einmal die Leiche gefunden hat, Monate dauern kann.“
„Doktor Damm tut mir ja so leid“, erwiderte Ursula leise, dann begab sie sich – wie es Christoph vorkam, in leichter Verlegenheit – in den Vorraum, um Teewasser aufzusetzen. Er machte es sich in einem der tiefen Sessel bequem und ließ seine Augen noch einmal durch das Zimmer wandern, das er vorhin nur flüchtig überflogen hatte. Ohne daß er sagen konnte, was es ausmachte, war es ausgesprochen gemütlich bei diesem kleinen Fräulein Helbis. Mit einem leisen Seufzer dachte er an seine eigene ungemütliche Bude, in der auf dem Schreibtisch ein wildes Durcheinander von Manuskripten und auf Tischen und Regalen ein Stilleben von Likör- und Weinresten in angebrochenen Flaschen herrschte. Hier war alles so sauber und klar wie die Bewohnerin.
Als Ursula nun mit formschönen Bewegungen den Tisch deckte, vor Christoph eine Teeschale aus dünnem Glas aufstellte und die Keksdose den Leuchter verdrängte, als sie ihm hausfraulich besorgt einschenkte und ihm Rum und Zucker näher schob, da fühlte er sich bereits wie zu Hause. Nein, zu Hause fühlte er sich eben nicht zu Hause, so paradox es klang, aber hier – das war etwas anderes.
‚Vielleicht sollte ich doch heiraten!‘ philosophierte er in sich hinein. Aber wo fand man so schnell ein Mädchen, die einen ähnlichen Typ verkörperte wie Ursula? Und diese selbst ...
„Woran denken Sie, Herr Kind?“ kam ihre klangvolle Stimme in der ewig fraulichen Frage, wenn der Partner schweigt, zu ihm.
Er blickte schnell zu der Fotografie auf dem Schreibtisch und sah ihr dann gerade in die Augen. „Ich dachte gerade darüber nach, wo ich jenes Gesicht schon gesehen habe, ich kenne es bestimmt“, log er vergnügt darauflos.
Ursula schüttelte den Kopf. „Sie irren sich bestimmt – es ist Doktor Damm“, sagte sie ruhig.
Christoph wußte nicht, warum er einen ganz kleinen Stich in keinem Innern verspürte. Vielleicht wäre es ihm lieber gewesen, wenn der Mann, der dort auf ihrem Schreibtisch einen Platz gefunden hatte, irgendein anderer gewesen wäre. Aber gerade Doktor Damm, mit dem alle Welt Ursula in Verbindung brachte ...
„Sie denken jetzt etwas ganz Falsches.“ Ursula lächelte fast mütterlich, was ihrem jungen Gesicht einen eigenartigen Reiz des Fraulichen verlieh. „Doktor Damm ist wirklich nur ein guter Kamerad von mir, und ich schätze ihn als Wissenschaftler sowohl wie als Menschen so hoch wie niemand anders, den ich kenne.“
„Ich schätze auch viele Menschen“, sagte Christoph etwas störrisch und zerbröckelte zornig einen Keks, „aber deswegen pflege ich mir keine Bilder von ihnen aufzustellen.“
Überrascht sah sie ihn an. Er mußte diesen Blick wohl fühlen, denn er fuhr rasch fort: „Es ist mir natürlich ganz gleichgültig, ob und wie Sie zu Doktor Damm stehen, aber ich denke mir, daß es Ihnen schaden könnte, wenn man sein Bild hier bei Ihnen sieht.“
Ursula zuckte etwas verächtlich die Achseln. „Ich habe es heute schon einmal gesagt, daß mir die Meinung der Umwelt gleichgültig ist, außerdem kommt kein Mensch zu mir. Ich lebe ganz für mich, und seit Frau Damm bei mir war, sind Sie heute der erste Besuch in der ganzen Zeit.“
„Oh, ich weiß die Ehre zu schätzen!“ Christoph lachte so ansteckend spitzbubenhaft, daß Ursula einstimmen mußte. Sie sahen sich an und lachten immer herzlicher; es geschah ihnen, wie es manchmal geschieht, daß sie aus einem nichtigen Anlaß heraus so lachen mußten, daß sie kaum aufhören konnten. Endlich brach Ursula unvermittelt ab, aber um ihre schöngeschwungenen Lippen blieb ein Lächeln, als sie sagte: „Ich habe lange nicht mehr so gelacht, Herr Kind, es tat richtig gut. Ich glaube, ich war in der letzten Zeit überhaupt etwas zu gedrückt und verkrampft, es ist gar nicht meine Art, aber das Geschehen hatte mich so stark beeindruckt, und nun, wo ich wieder daran denke, kommt es mir wie ein Unrecht vor, daß ich so lustig war.“
Christoph legte impulsiv seine Hand auf die ihre. „Liebes Fräulein Helbis: es ist nie ein Unrecht, wenn man fröhlich ist! Was Sie tun können, um Doktor Damm zu helfen, tun Sie, das muß Ihnen genügen. Wenn Sie darüber hinaus mit einer Leichenbittermiene herumlaufen, nützen Sie niemand.“
„Vielleicht haben Sie recht und vielleicht ist es ganz gut, daß mir jemand das sagt. Und es ist auch gut, wenn ich manchmal, ab und zu, überhaupt nicht mehr an die Sache denke. Als Sie heute vormittag bei Kommissar Doktor Mohr von Afrika erzählten, da vergaß ich auch für Momente alles, was mich sonst unablässig von früh bis spät verfolgt, so interessant war es. Wollen Sie mir die Freude machen und mir noch etwas von dort erzählen?“
Christoph Kind ließ sich nie lange bitten, wenn er von Afrika erzählen sollte, und hier tat er es um so lieber. Er war mit dem dunklen Erdteil auf Gedeih und Verderb verschworen, seine ganze Liebe galt den dunkelgrünen Urwäldern Gabuns und den Weiten der Sahara, den Giganten des Urwaldes, den Elefanten und den roten Brüdern der Pygmäen, den Gorillas. In seine grauen Augen trat ein helles Licht, als er nun vor Ursula die Schönheiten einer unberührten Natur ausbreitete, sein scharfgeschnittenes Gesicht mit den markanten Falten, die sich von der Nase zum Mund hinabzogen, wurde so jung und froh wie das eines Fünfundzwanzigjährigen, und seine schmalen und doch so kraftvollen Hände unterstrichen mit sparsamen Gebärden seine Erzählung.
Ursula kauerte auf der Couch, hatte die Hände um die Knie geschlungen und hörte ohne einen einzigen Zwischenruf zu. Sie fühlte sich wie in eine Zauberwelt versetzt. Einmal warf sie den Kopf in den Nacken und hielt unwillkürlich den Atem an, als Christoph von einem lebensgefährlichen Abenteuer mit Krokodilen berichtete; sie atmete erst wieder auf, als die Gefahr vorüber war.
Christoph Kind entging der Eindruck nicht, den seine Erzählungen auf das Mädchen machten. Plötzlich brach er ab und schwieg.
„Warum schweigen Sie?“ fragte sie wie gebannt.
Christoph betrachtete angelegentlich seine Zigarette. Die geliebte Pfeife hatte er zu Hause vergessen. „Ich frage mich, ob Sie nicht einen ganz falschen Eindruck von mir bekommen“, murmelte er vor sich hin.
„Wieso?“ Ihre dunkelblauen Augen wurden vor Erstaunen ganz groß.
„Sehen Sie, Fräulein Helbis, ich habe diese Dinge alle erlebt, die ich Ihnen erzähle. Da sie für europäische Begriffe abenteuerlich und gefährlich sind, kann leicht der Eindruck erweckt werden, daß der Erlebende ein Held sei, wenn er diese oder jene Situation meistert. Vielleicht ist er es auch für ... europäische Begriffe. Aber drüben in Afrika laufen Hunderte von Menschen herum, die alle das gleiche erleben und es ebenso selbstverständlich meistern wie ich. Verstehen Sie mich recht: diese Fähigkeit, gefährliche Situationen zu beherrschen, erwächst aus dem Land, aus Afrika selbst, und weniger aus der Person.“
„Ja“, erwiderte sie eifrig, „aber Sie können doch nicht leugnen, daß es immer nur ein gewisser Typus ist, der überhaupt daran denkt, nach Afrika zu gehen, um dort Farmer, Forscher oder Jäger zu sein. Die andern – die kommen gar nicht auf die Idee.“ „Vielleicht. Aber Sie sollen mich nicht nur nach meinen afrikanischen Erlebnissen beurteilen. Es gibt doch auch soviel anderes, über das man sprechen kann. Ich möchte, daß Sie mich richtig kennenlernen, Fräulein Helbis, und hoffe, daß unsere gemeinsame Arbeit für den Fall Damm uns noch recht oft zusammenbringt.“
„Das hoffe ich auch!“ sagte sie freimütig und streckte ihm die Hand hin. Christoph hielt sie einen Moment zu lange fest. In einer ganz flüchtigen Verlegenheit befreite sie sich.
„Wie spät es schon ist!“ Sie sah hinaus in die blaue Dämmerung.
Christoph blickte auf seine Armbanduhr. „Ja – mein Stammtisch ist futsch.“
„Sie haben auch solch einen gräßlichen Stammtisch?“ fragte sie entsetzt. „Ich versteh das einfach nicht! Es ist doch bestimmt viel befriedigender, während dieser Zeit ein Buch zu lesen oder ein Theater zu besuchen oder sonst was. Aber in einem Restaurant zu hocken, zu trinken und womöglich Karten zu spielen – puh!“ Sie schüttelte sich.
„Sagen Sie mir nichts gegen den Stammtisch! Männer unter sich – ein herzhaftes Gespräch, das ist außerordentlich erfrischend. Karten spiele ich übrigens nicht.“
„Erfrischend – ach, gehen Sie! Es ist ja nur die liebe Gewohnheit, die Sie immer wieder und jeden Tag dorthin treibt. Ich finde es scheußlich!“
„Sagen Sie, Fräulein Helbis“, Christoph lehnte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück und lächelte, „was haben Sie eigentlich gegen meinen Stammtisch? Warum regen Sie sich so auf?“
Sie wurde flammend rot. „Ich hab’ gar nichts gegen Ihren Stammtisch, sondern gegen Stammtische im allgemeinen. Aber es geht mich ja im Grund gar nichts an.“
„Also würden Sie Ihrem Mann, wenn Sie einmal heiraten, nie erlauben, einen Stammtisch zu haben?“
„Nie!“
„Das ist ein Scheidungsgrund!“ protestierte er. „Ein Mann kann doch nicht ganz und gar und von früh bis spät nur für seine Familie da sein!“
„Doch!“ Ihre Augen blitzten herausfordernd.
Er seufzte. „So sind die Frauen. Sie selbst aber wollen unbedingt ihr Kaffeekränzchen haben.“
„Finde ich genau so scheußlich!“
Er schüttelte lachend den Kopf. „Wir streiten uns ja um des Kaisers Bart. Und daß ich heute meinen Stammtisch versäumt habe, tut mir gar nicht leid. Aber man hat ja nicht immer solch vollwertigen Ersatz.“
„Wollen Sie sich über mich lustig machen?“
„Um Gottes willen! Es war mein vollster Ernst. Beweis: ich hoffe, noch recht oft mit Ihnen zusammen sein zu können, auch wenn dies Beisammensein auf die Stammtischstunde fällt. Sind Sie nun wieder beruhigt?“
Sie nickte lachend und begleitete ihn zur Tür. Dann kehrte sie in das Zimmer zurück und betrachtete nachdenklich die Zigarettenstummel, die im Aschbecher lagen. ‚Rauchen tut er auch zuviel!‘, dachte sie. Gleich darauf verwunderte sie sich über sich selbst. Warum beschäftigte sie sich überhaupt damit, was der Herr Afrikaforscher tat oder unterließ? Und sie mußte zu ihrer Beschämung gestehen, daß ihr Herz ein ganz klein wenig schneller klopfte als sonst. Ihr Blick flog unwillkürlich zu dem Bild Doktor Damms auf dem Schreibtisch. Dort das durchgeistigte Gesicht des Gelehrten, in ihren Gedanken das kühne und unwahrscheinliche junge des Afrikaners, wie sie ihn heimlich titulierte. Die grauen, scharfen Augen Christoph Kinds, die so gutmütig lachen konnten, das von der Sonne hellgebleichte Haar, fast so hell wie ihr eigenes, das energische Kinn – er sah gut aus, der Afrikaner, aber das war eigentlich noch lange kein Grund, sich mit ihm mehr zu beschäftigen als mit Doktor Damm.
Sie seufzte unwillkürlich vor sich hin und räumte das Teegeschirr zusammen.
*
In seiner Wohnung fand Christoph Kind bereits ein sorgfältig verpacktes und versiegeltes Paket vor, das als Absender den Namen F. Mohr trug. Ein Herr hatte es vor zwei Stunden gebracht und sich von der Haushälterin den Empfang sogar bescheinigen lassen. Es war das versprochene Aktenstück. Christoph Kind beeilte sich, sein Abendbrot einzunehmen und zog sich dann in sein Arbeitszimmer zurück. Die Stehlampe an einen Sessel gerückt, Pfeife und Tabaksdose auf den kleinen Rauchtisch aus Gabunholz, – so, nun konnte man bequem an die Lektüre gehen. Natürlich schrillte der Fernsprecher gerade, als er das Aktenstück aus der Umhüllung geschält hatte. Es waren die Stammtischfreunde, die wissen wollten, warum er heute nicht wie üblich um sechs Uhr zum Abendschoppen erschienen war.
„Ach, ihr mit eurem blöden Stammtisch!“ knurrte Kind in den Apparat. „Ich hatte dringend zu arbeiten. Und jetzt bin ich überhaupt bei einem Geschäftsfreund eingeladen und gar nicht zu Hause. Ja, ich gehe gleich weg, habe schon den Hut auf dem Kopf!“ versicherte er treuherzig und hängte ein. Nun würden sie wohl keine weiteren Versuche machen, ihn noch wegzulotsen.
Endlich qualmte die Pfeife, und er konnte sich in die Aufzeichnungen vertiefen, die Kommissar Mohr für ihn zusammengestellt hatte. Ein kurzer Brief lag obenauf, in dem Doktor Mohr nochmals darauf hinwies, er habe aus den Akten nur das für die genannten Fälle Wesentliche herausgezogen und zusammengestellt und einige der bisher ins Auge gefaßten Theorien kurz gestreift.
Christoph las sehr gern, aber vom trockenen Aktenstudium war er kein Freund. Etwas mißmutig flog sein Blick über die erste Seite, diese nüchternen Sätze im schmucklosen Amtsstil, aber bald nahm ihn der Inhalt gefangen, und er hatte das Empfinden, als sei dieser trockene, aktenmäßige Auszug spannender als der tollste Kriminalroman. Allerdings hatte er noch nie einen gelesen. Ab und zu mechanisch die Pfeife stopfend und in Brand setzend, las er:
Mordsache Dubois. In den Morgenstunden des 25. Juni bemerkte der Polizeisergeant Turou in Joinville bei Paris bei seinem Streifengang Brandgeruch, der aus der alleinstehenden Villa des Ehepaares Dubois kam. Da der Beamte auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, alarmierte er die nächsten Nachbarn und drang nach Zertrümmerung eines Fensters in die Wohnung ein. In einem Zimmer des oberen Stockwerkes fand er den Brandherd. Ein Haufen augenscheinlich aus dem gewaltsam geöffneten Schreibtisch gerissener Papiere war in Brand gesteckt worden.
Die Gardinen hatten bereits Feuer gefangen. Zum Glück hatte sich der Brand noch nicht weiter ausgebreitet und konnte gelöscht werden. Im Nebenzimmer fand man die Leichen des Ehepaares, des fünfundvierzigjährigen Kaufmanns Pierre Dubois, der durch einen Messerstich ins Herz getötet worden war, und seiner Frau Madeleine, geborene Bartels, die an Hals und Brust furchtbare Verletzungen aufwies, die ihr mit einem scharfen, gekrümmten Gegenstand beigebracht worden waren. Die Blutspuren ließen erkennen, daß nur Frau Dubois im Schlafzimmer ermordet worden ist. Ihr Mann Pierre muß auf der Treppe getötet und erst später in das Schlafzimmer getragen worden sein. Die ganze Wohnung war durchwühlt, Schränke und Kästen erbrochen. Geraubt wurden, soweit feststellbar, die im beiliegenden Verzeichnis angeführten Schmucksachen im Werte von 80 000 Francs und ein Barbetrag von mindestens 3000 Francs. Wahrscheinlich haben die Täter nach weiterem Geld oder Wertpapieren gesucht, da der ganze Inhalt des Schreibtisches und alle sonstigen Papiere und Briefschaften zerwühlt waren.
Brauchbare Fingerabdrücke wurden nicht gefunden. Dagegen wurden im Erdreich des Vorgartens und an der Straße vor dem Hause Fußspuren sichergestellt. Es handelt sich um die Fußabdrücke mehrerer, wahrscheinlich dreier Männer. Etwa zwanzig Meter vom Hause entfernt fand sich dicht am Gehsteig die Schleifspur eines Autos. Eingesetzte Polizeihunde nahmen die Fährte auf, die aber nur bis zum Auto führte. Wahrscheinlich haben sich die Verbrecher mit diesem aus dem Staub gemacht.
Die Untersuchung hat ergeben, daß die Täter durch ein offenstehendes oder nur angelehntes Fenster im Erdgeschoß eingestiegen sein müssen. Eine Mordwaffe wurde nicht gefunden. Auch sonst weisen – außer den Fußspuren – keine Anhaltspunkte auf die Täter hin. Die Furchtbarkeit und die ganze Anlage des Verbrechens legen die Vermutung nahe, daß es sich um die Tat einer internationalen Gangsterbande handelt. Sämtliche Dienststellen der Polizei werden ersucht, ihr Augenmerk auf das eventuelle Auftauchen der in der Anlage bezeichneten Schmuckstücke zu richten. Auch die deutsche Polizei wird darum gebeten, da Frau Dubois eine gebürtige Deutsche ist und in Briefbeziehungen zu ihrer Heimat stand. Von einer Zwistigkeit zwischen ihr und ihrem Mann ist von den Nachbarn nichts bemerkt worden. Sie lebten im besten Einvernehmen. Die Eltern der Frau Dubois, die in München leben, erhielten von ihrer Tochter einen Brief, in dem sie schreibt, sie sei sehr glücklich. Dieser Brief ist erst vier Stunden vor der von dem Gerichtsarzt festgestellten Todesstunde in Joinville zur Post gegeben worden. Herr Dubois hatte keine geldlichen oder geschäftlichen Sorgen und erfreute sich ebenso wie seine Frau der besten Gesundheit.
Als Täter oder Mittäter kommt eventuell ein mittelgroßer, etwa fünfundvierzig- bis fünfzigjähriger Mann in Frage, der am Mordtage im Garten der Villa gesehen wurde. Über die Persönlichkeit dieses Mannes konnte bisher nichts weiter in Erfahrung gebracht werden. Seine Haarfarbe wurde teils mit braun, teils mit grau angegeben. Besondere Merkmale sind dem Nachbar, der den Mann gesehen hatte, nicht aufgefallen.
Das Motiv der Tat, sofern es sich nicht um einen einfachen Raubmord handelt, ist noch in tiefstes Dunkel gehüllt.
Mordsache Nesso. Am 23. August um 21 Uhr fand die Hausangestellte Maria Breuer, von ihrem Sonntagsausgang zurückkehrend, die Tür der Villa ihres Arbeitgebers Doktor Nesso in Aachen-Rotehaag erbrochen vor. Sie rief einen vorüberkommenden Wachtmeister an und begab sich mit ihm in die Wohnung. Im Wohnzimmer lag Doktor Nesso mit einem Brustschuß und eingeschlagenem Schädel und Stich- und Kratzwunden im Gesicht und an den Händen. In der Küche fand man die neunzehnjährige Tochter des Doktor Nesso mit einer tiefen, blutenden Wunde ebenfalls ermordet auf. Ihre Kleidung wies tiefe Risse von einem hakenartigen Instrument auf. Die Mordkommission stellte fest, daß die Tat zwischen 15 und 16 Uhr verübt worden sein muß. Sämtliche Räume des Hauses waren nach Wertsachen durchsucht worden. Nach bisheriger Feststellung haben die Täter das vorhandene Bargeld, Schmucksachen und einige Aktien geraubt. Bei dem Bargeld kann es sich nach Aussage der Hausangestellten nur um eine geringfügige Summe handeln, da Doktor Nesso nie größere Beträge im Haus zu behalten pflegte. Auch für die wissenschaftlichen Aufzeichnungen Doktor Nessos scheint der Täter sich interessiert zu haben. Diese waren dem Schreibtisch entnommen und augenscheinlich durchwühlt. Da Doktor Nesso Mitarbeiter eines Forschungsinstitutes war, lag die Vermutung einer Werkspionage nahe. Sie scheint jedoch hinfällig, da nach der Erklärung der Kollegen Doktor Nessos von den Aufzeichnungen nichts fehlt. Doktor Nesso war auch nicht im Besitz irgendwelcher wichtiger Forschungsgeheimnisse. Die Suche nach Fingerabdrücken blieb erfolglos. In dem an die Rückfront des Hauses grenzenden Garten wurden Fußspuren sichergestellt. Der Erkennungsdienst stellte fest, daß es sich um die gleichen Fußspuren wie im Falle Dubois handelt. Die Täter sind von rückwärts an das Haus herangekommen und haben – da sie kein Fenster offen fanden – in einem günstigen Augenblick die Haustür erbrochen.
Doktor Nesso und seine Tochter befanden sich allein im Hause. Die Hausangestellte hatte ihren freien Sonntag. Im Laufe des Nachmittags haben ein Bekannter Doktor Nessos und eine Schulfreundin seiner Tochter angerufen, konnten jedoch keine Sprechverbindung erhalten und nahmen daher an, daß die Nessos ausgegangen seien. Straßenpassanten haben um 14 Uhr 15 einen kleinen, älteren Mann gesehen, der ein paar zusammengebundene Stöcke und ein längliches Paket unter dem Arm trug und auf der entgegengesetzten Straßenseite vor dem Hause Doktor Nessos auf und ab ging. Er war mit einem dunkelgrauen Regenmantel und einer weichen Sportmütze mit breitem Schirm bekleidet. Eine genaue Beschreibung des Mannes vermögen die Zeugen nicht zu geben, glauben jedoch, daß es sich um einen bartlosen, etwa fünfzigjährigen Mann handelt.
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„Puhl“ Christoph Kind ließ die Blätter sinken. Er versuchte das eben Gelesene in Gedanken zu rekonstruieren, um ein klares Bild zu bekommen, aber er sah ein, daß beim einmaligen Durchlesen der Fälle nur die hauptsächlichsten Tatsachen haften blieben. Außerdem hatte er noch diesen Stoß von Verzeichnissen und Zeugenaussagen durchzuackern, die der kurzgefaßten Darstellung angeheftet waren.
Er ging zum Fenster und riß es auf, um dem Tabaksqualm, der in breiten Schwaden das Zimmer durchzog, einen Abzug zu verschaffen. Dann goß er sich ein Glas Weinbrand ein und trank es in einem Zug aus. Erst nach zehn Minuten war er so weit, daß er sich wieder ruhig hinsetzen und erneut die Blätter zur Hand nehmen konnte.
„Obiger Auszug enthält natürlich nur das Wesentliche der Fälle“, las er eine Nachschrift, die Doktor Mohr unter die letzte Seite gesetzt hatte. „Ich habe alle Spuren, die sich bereits als falsch erwiesen haben, weggelassen, um Sie nicht unnötig zu verwirren. Lesen Sie die beiden Fälle aufmerksam durch, nicht einmal, sondern zwei- und dreimal. So lange, bis Sie im Kopf ein klares Bild jedes einzelnen Falles haben. Sie werden dann zu der Überzeugung kommen, daß diese Verbrechen irgendwie zusammenhängen, daß wahrscheinlich alle drei Fälle dem gleichen Täter zuzuschreiben sind. Vorläufig allerdings stehe ich mit dieser Ansicht ziemlich allein da und bin daher sehr gespannt, ob Sie, lieber Kind, meiner Theorie folgen können.“
Christoph Kind schloß das Fenster wieder und machte sich, ruhiger geworden, noch einmal an das genaue Studium der Fälle. Allmählich gelang es ihm, die einzelnen Verbrechen zu übersehen. Aber je klarer sich die Bilder herausschälten, um so verwunderter wurde er. Gewiß, die Fälle Dubois und Doktor Nesso wiesen die gleichen, charakteristischen Einzelheiten auf. Man konnte ohne Bedenken auf ein und dieselbe Bande schließen. Aber etwas Geheimnisvolles vermochte Kind nicht zu entdecken. In beiden Fällen waren Geld und Wertsachen gestohlen worden. Im dritten Fall, Doktor Damm, war nichts Derartiges ermittelt worden. Wie kam Doktor Mohr dazu, eine fortlaufende Verbindung zu vermuten? Nach seiner Darstellung waren die Opfer der drei Tragödien weder verwandt noch bekannt.
Die sonderbaren Verletzungen durch eine Kralle oder durch einen Haken? Die zerrissenen Kleider, die allesamt die Spuren eines ähnlichen Instrumentes aufwiesen? Ja, das war wohl der einzige Anhaltspunkt, den Doktor Mohr für seine Theorie hatte. Aber konnte es sich da nicht um Zufälligkeiten handeln? War es überhaupt so sicher, daß in allen Fällen ein gleiches oder ähnliches Instrument verwandt worden war? Oder beliebte es nur Doktor Mohr, dies vorauszusetzen? Hielt man dieser Ähnlichkeit die völlige Unzusammenhängigkeit der einzelnen Verbrechen gegenüber, so war es schwer, dem guten Doktor Mohr zu folgen.
Aber angenommen nun, daß Doktor Mohr recht hatte – – Christoph Kind zwang sein Gehirn, sich auf diese Krallenspur zu konzentrieren und die ganze Sache von Doktor Mohrs Standpunkt anzusehen. Afrika? Die Leopardenmenschen? Es war schon richtig, sie pflegten bei ihren Schandtaten Leopardenklauen zu verwenden, um den Anschein zu erwecken, der „Maghena“ habe das Opfer zerrissen. Aber je öfter Kind die Aufzeichnungen durchlas, um so unsinniger erschien ihm diese Theorie. Drüben im Busch waren die Leopardenmänner gerissene Burschen, die ihre Spuren meist ausgezeichnet zu verbergen verstanden. Aber damit wären sie in Europa nicht weitergekommen, Leopardenmänner, die offensichtlich mit den raffiniertesten Gangstermethoden arbeiteten, die ihre Opfer je nach Zweckmäßigkeit mit Dolch, Revolver, Erschlagen oder Erwürgen beseitigten, die gab es einfach nicht, die konnte Christoph Kind sichnicht vorstellen! Das war phantastisch, absurd, lächerlich!
Vergebens suchte er in den Aufzeichnungen nach irgendeiner anderen Einzelheit, die auf Afrika hindeuten könnte. Nicht das Geringste war zu finden. Keiner der Ermordeten war aus Afrika gekommen. Nirgends war ein Schwarzer in der näheren Umgebung der Tatorte beobachtet worden. Wenn man von den „Krallenspuren“ absah, was lag schließlich der ganzen Theorie Doktor Mohrs zugrunde? Du lieber Himmel, nichts als die Behauptung von Fräulein Helbis, Frau Imma Damm sei bei dem Anblick des Leopardenkopfes furchtbar erschrocken.
„Nee, lieber Mohr“, schloß Kind seine Überlegungen ab, „tut mir leid, aber da kann ich dir wirklich nicht folgen. Das ist mir denn doch ein bißchen zu phantastisch. Wenn du schon meine Meinung hören willst, dann muß ich dir sagen, daß ich in diesen Aufzeichnungen weder eine Spur von Leopardenmenschen entdecken kann, noch überhaupt den Eindruck habe, daß diese Verbrechen zusammenhängen.“
Christoph Kind sah nach der Uhr und verschloß das Aktenstück in seinem Schreibtisch. Morgen vormittag würde er zum Alex gehen und dem guten Mohr schonend beibringen, daß er, Christoph Kind, die ganze Theorie für abwegig halte und nicht gesonnen sei, seine Zeit damit zu vergeuden. Dann würde er auch Ursula Helbis anrufen und ihr sagen, daß ... Herrgott, dies nette Mädel, das so energisch für ihren Freund kämpfte, würde natürlich schwer enttäuscht sein und sein Abspringen als eine Art Verrat an ihr betrachten. Jedenfalls würde sie auf seine weitere Bekanntschaft keinen Wert mehr legen, und das wäre verdammt schade. Nee, verliebt war er nicht in diese großen, dunkelblauen Augen, war ja Blödsinn, aber wenn er sich vorstellte, wie traurig und erstaunt sie dreinblicken würde, dann ... Warum sollte er sich nicht, wenn auch gegen seine Überzeugung, weiter für den Fall Damm einsetzen? Viel Arbeit lag zur Zeit nicht vor, und wenn die Sache mit der Hamburger Firma sich noch weiter so in die Länge zog, dann hätte er ja Zeit. Jedenfalls täte er Ursula Helbis einen Gefallen damit, wenn er sich weiterhin um die Sache kümmern würde. Doktor Mohr mußte man natürlich klipp und klar seine Ansicht sagen, und auch der kleinen Ursula konnte man so nach und nach recht vorsichtig beibringen, daß diese ganze „Krallentheorie“ irrig sei, aber darüber hinaus könnte man ihr doch als guter Freund und Kamerad zur Seite stehen. Christoph Kind gestand es sich ehrlich ein: es lag etwas Verlockendes in dem Gedanken, wenigstens ein paar Wochen der Kamerad und Vertraute Ursulas zu sein, sie täglich zu sehen und ihr womöglich doch ein wenig zu helfen. Also in Gottes Namen, ’ran an die Sache! Morgen würde er sich, wie versprochen, in Berlin ein wenig nach Negern umsehen. Und Ursula Helbis würde natürlich bei diesen Streifzügen dabeisein. Warum sollte sie nicht? Selbstverständlich würde die Umschau zu keinem Ergebnis führen, aber es würde außerordentlich nett sein, einige Tage mit Ursula Helbis durch die Stadt zu streifen. Christoph Kind legte sich befriedigt zu Bett, ohne zu ahnen, daß schon am nächsten Tage eine neue Entdeckung seine ganze Überlegung und Überzeugung über den Haufen werfen sollte.
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