Kitabı oku: «Wie zerplatzte Seifenblasen ...», sayfa 4

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*

Ben

Mai

Cagney war überrascht, mich zu sehen, weil ich mittwochs meinen freien Tag hatte. Als ich in den Imbiss gestürmt kam und der mittlerweile vertraute Gestank nach verbranntem Käse meine Nasenflügel erreichte, tat er ausnahmsweise einmal etwas anderes, als Kette zu rauchen, er fror Pizzateige ein. Sobald er mich sah, begann er dümmlich zu grinsen.

„Na, meine kleine Ameisenkönigin? Wer hat dir denn ins Hirn geschissen? Hast du so starke Sehnsucht nach mir, dass du mich an deinem freien Tag besuchen kommst?“ Er versuchte, mir in die Backe zu kneifen, und ich schlug seine eisige Hand, die zuvor in der Tiefkühltruhe gesteckt hatte, reflexartig weg. „Wir liegen beide richtig“, setzte ich ihn in Kenntnis.

Er sah mich verständnislos an. „Wovon redest du?“

„Vom Erreichen des Glückszustands. Man muss auch kämpfen, wenn man weiß, dass man wiedergeboren wird. Weil man daran arbeitet, irgendwann aus dem Kreislauf zu verschwinden. Ich glaube, du hast recht. Aber ich habe auch recht. Und deine Chance ist nicht verstrichen. Du hast noch dein ganzes Leben Zeit, um alles richtig zu machen.“

Mir erschien plötzlich alles ganz logisch, aber Cagney schüttelte nur den Kopf und griff wieder in die Tiefkühltruhe, als würde er meine Gedanken als Hirngespinste und mich als Vollidioten abstempeln.

„Ich habe es dir gestern schon gesagt, Ben, manchmal kriegt man keine zweite Chance.“

„Also hast du aufgegeben?“

„Kann man so sagen.“

„Warum?“ „Du nervst, Ben, ehrlich. Lass mich meine Arbeit machen, vielleicht können wir wann anders schwule Gespräche führen.“

Es war nicht okay und er machte mich WAHNSINNIG. Er hatte eine Familie, zu der er zurückkehren konnte. Und er behauptete einfach, er habe seine Chance gehabt und es lohne sich nicht mehr, zu kämpfen. Könnte ich irgendetwas ändern, dann würde ich kämpfen. Jeden Tag. Ich würde alles dafür tun, nur für eine Stunde meine Familie wiederzusehen. Und Cagney gab einfach auf.

„Weißt du, was du in deinem nächsten Leben sein wirst?“, fuhr ich ihn beim Herausgehen an. „Eine Eintagsfliege. Weil du zu blöd bist, um zu erkennen, dass du ein ganzes Leben hast und nicht nur einen Tag.“

Ich wusste nicht, ob es meine Worte waren, die Cagney dazu brachten, alles auszuspucken. Aber am Abend stand er wie ein Häufchen Elend vor meiner Zimmertür. Ich machte eine einladende Kopfbewegung und sah zu, wie Cagney kurz im Türrahmen verharrte, um sich aus dieser Perspektive das unaufgeräumte Zimmer anzusehen, bevor er mit großen Füßen große Schritte ins Zimmer machte und seinen Hintern auf der Couch platzierte. Ich öffnete das Fenster und lehnte mich heraus, während ich rauchte. Die weiße Farbe auf dem Fensterrahmen war abgeplatzt. Der Rauch, den ich ausstieß, tanzte durch die Luft, bevor er verblasste und unsichtbar wurde.

Als Cagney zu sprechen begann, hatte ich ihm den Rücken zugewandt. „Es war vor vier Jahren. Ich war neunzehn und ich hatte eine Freundin.“

Ich schwieg und wartete darauf, dass er weiterredete. Es dauerte eine Weile, bis er die Worte fand.

„Alles war … irgendwie in Ordnung, verstehst du? Alles war okay.“

Ohne den Blick von der Straße ein Stockwerk tiefer abzuwenden, nickte ich. Ein kleiner Junge fuhr auf seinem roten Fahrrad mit Stützrädern die Straße entlang und lachte. Ich sah ihm hinterher, bis er hinter der nächsten Ecke verschwunden und die Straße wieder menschenleer war.

„Wir waren auf derselben Schule“, fuhr er fort.

Als ich mich zu ihm herumdrehte, sah ich, dass er beim Gedanken an die Vergangenheit traurig lächelte. Er hatte die Schuhe abgestreift und die Knie an die Brust angezogen, in dieser Position sah er nicht aus wie der dreiundzwanzigjährige Kettenraucher, den ich vor wenigen Tagen in der Imbissbude kennengelernt hatte. Stattdessen war er plötzlich ein kleiner Junge. Ein Kind.

„Wir haben darüber geredet, zusammenzuziehen, später. Im Vergleich zu ihr war ich der totale Versager. Die Schule hat mich nie interessiert. Ich hatte nicht einmal ein Lieblingsfach, ich war wirklich überall nur mittelmäßig oder unterdurchschnittlich.“ Cagney strich mit seinen rauen Händen nervös über den Sofabezug. „Sie war schwanger.“

Als er schwer schluckte, erschien mir das Geräusch zu laut. „Schwanger von dir?“

„Natürlich von mir, du Vollidiot.“

Ich war vollkommen perplex. Ich hätte alles erwartet. Alles, aber bestimmt nicht das. Ich konnte mir meinen nach Rauch stinkenden Freund in den zerrissenen Jeans nicht als Vater vorstellen. Es ging nicht. „Aber …“, begann ich, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Meine Stimme klang belegt und Cagney lachte bitter.

„Das wollte ich nicht, Ben. Ich wollte kein Vater sein. Ich hätte keinem Kind der Welt etwas bieten können ohne richtige Ausbildung, ohne Job. Ich hätte ihr nichts bieten können.“ Er starrte in die Ferne. Es gab keine Worte, um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu beschreiben.

Nach einer langen Pause schaute er mich an. Wie ein geprügelter Hund sah er aus, als er sagte: „Deshalb habe ich zu ihr gesagt, sie soll es wegmachen lassen. Und dann bin ich abgehauen.“

*

Cagney

Mai

Ich grinste, weil ich drauf war. Vor lauter Grinsen taten mir schon die Mundwinkel weh. Ben saß neben mir auf dem Hosenboden, war ein alter Spießer und wollte nichts von dem Joint. „I-D-I-O-T“, buchstabierte ich. Er warf mir einen genervten Blick zu. Hätte er nur mitgekifft. Ich fühlte mich entspannt und warm, als hätte mein Gehirn alle Gedanken zerlegt – ich musste mich mit keinem davon mehr quälen.

„Du solltest das lassen, Cag“, sagte Ben nüchtern.

Ich kiffte weiter. „Bald wird das Zeug eh legalisiert, du kleiner Hosenscheißer. Dann kannst du nichts mehr dagegen sagen. Es gibt… Petitionen. Überall. Wirst schon noch sehen.“

„Denkst du nicht manchmal an das Kind?“, nervte Ben weiter.

Das Gras beschützte mich vor meinen Schuldgefühlen, ich hatte mir eine Mauer gebaut, die nicht einmal Ben zerschlagen konnte. Alles war verlangsamt durch das Gras, aber die Mauer war in meinem Kopf in rasender Geschwindigkeit in die Höhe geschossen. „Es gibt kein Kind, Ben. Es gibt kein Kind, weil wir es so ausgemacht haben. Sie und ich. Wir beide“, antwortete ich. Ich nahm einen tiefen Zug, schloss die Lippen und bemühte mich, das Ausstoßen des Rauches hinauszuzögern, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ben neben mir den Kopf schüttelte.

„Das meinte ich doch gar nicht!“, sagte er.

Langsam drehte ich den Kopf in seine Richtung. „Was meintest du dann?“ Ich hielt ihm den Joint unter die Nase, obwohl ich wusste, dass er den Geruch nicht ausstehen konnte.

Ärgerlich schob er meine Hand weg. „Fragst du dich nicht manchmal, wie es geworden wäre, das Kind? Wie es ausgesehen hätte. Denkst du nicht manchmal, es wollte existieren? Und du hast alles in den Sand gesetzt? Vielleicht wäre es der neue Bundeskanzler geworden. Oder würde Siedlungen auf dem Mars bauen.“

Das Gras machte, dass ich die Vorstellung davon unglaublich witzig fand. „So gute Gene habe ich nicht“, gab ich zurück.

Ben lachte und ich hörte auch mein eigenes, dümmliches Kichern. Mein Arsch schmerzte vom Sitzen auf den Pflastersteinen, aber aufstehen wollte ich nicht. „Weißt du, was wir tun sollten?“, fragte ich.

Ben zuckte mit den Schultern. „Nein, Cag, ich weiß nicht, was wir tun sollten.“

Ich setzte mich aufrecht hin, holte tief Luft. „Wir sparen jeden Dreckscent, den wir in dieser Bruchbude machen“, begann ich dann feierlich. „Dann kaufen wir uns ein Flugticket. Irgendwohin, es ist egal. Ein neuer Start.“ Die Gedanken nahmen in meinem Kopf schillernde Farben an. Ich sah förmlich vor mir, wie ich diese verdammte Stadt und den widerlichen Schnellimbiss verlassen und nie wieder nach verschmortem, billigem Käse stinken würde. Und Luigi würde als Abschiedsgeschenk einen Arschtritt bekommen.

„Cag, wie lange willst du denn noch vor deiner Vergangenheit fliehen?“ Ben schwang sich auf die Füße und sah von oben auf mich herunter.

Für seine Frage hasste ich ihn. „Ich fliehe nicht“, sagte ich beleidigt.

Ben rollte mit den Augen. „Natürlich tust du das. Wir alle machen es.“ Traurig sah er mich an. „Na ja, ist ja ein ganz nettes Plätzchen hier“, war er überzeugt, im Recht zu sein.

Das machte mich wütend. „Du hast doch keine Ahnung, Ben. Wahrscheinlich bist du nur zu feige, um abzuhauen“, sagte ich scharf. Dann hielt ich kurz inne und plötzlich war da ein ganz neuer Gedanke in meinem Kopf. „Oder aber es ist die Tusse.“

Ben schnellte herum. Volltreffer. „Lina?“

„Ja, genau die. Schau’ mir in die Augen und sag mir, dass du nicht nur wegen ihr hierbleiben würdest.“

Er schüttelte so wild den Kopf, dass seine dunklen Locken flogen. „Das ist lächerlich! Ich würde nicht nur wegen ihr … Wir sind nicht ... Ach, vergiss es, Cagney.“ Er begann, wegzulaufen. Angesehen hatte er mich nicht. „Deine Spinnereien kannst du alleine durchziehen.“

„Du hast mir nicht in die Augen geschaut.“

„Halt die Klappe.“

Ich hasste sie, fand es ekelerregend, dass er an sie dachte. Sie machte alles kaputt. „Hör mal zu, Ben, das geht nicht“, sagte ich laut.

Ben sah mich an, als wäre ich verrückt geworden. Er machte einen Schritt auf mich zu und klopfte mir beruhigend auf die Schultern. „Ich mag sie, Cag, das ist alles. Und du bist mir wichtiger. Wir sind ein gutes Team.“

„Ein gutes Team“, wiederholte ich und nickte langsam. „Ja, du hast recht. Das darf nicht von einem Weib zerstört werden.“

Ben nickte, sah allerdings nicht sonderlich überzeugt aus. Und da wusste ich, dass ich Lina irgendwie loswerden musste. Allein schon, um Ben davor abzuhalten, einen gewaltigen Fehler zu machen. Denn sie würde nicht hierbleiben. Sie war anders als wir. Ich wusste nicht, was Ben passiert war, aber ich spürte, dass er Scheiße gefressen hatte. Genau wie ich. Jeden Tag.

Meine Worte hatten ihn verunsichert. Das merkte ich, als Ben später sagte: „Ich bin dabei.“

„Dabei bei was?“

„Bei der Sache mit dem Flugticket.“

Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Ab jetzt würde ich nicht mehr alleine durch die Weltgeschichte trampeln. „Und, wo fahren wir hin? Frankreich? Italien? Griechenland?“ Zwar antwortete er nicht auf diese Frage, aber er füllte die abkühlende Abendluft mit einem ohrenbetäubend lauten, aufgeregten, jungenhaften Schrei. Dieser Schrei war der Beweis dafür, dass ich gewonnen hatte.

Obwohl die Imbissbude längst geschlossen hatte, gingen wir automatisch den Weg zu unserem Arbeitsplatz und zündeten uns auf dem Hinterhof eine an. An diesem Abend konnte man die Sterne sehen. Ich hatte in dieser Stadt noch nie die Sterne gesehen, jetzt konnte ich den Kopf in den Nacken legen und sah sie klar und deutlich über mir. Hunderte, Tausende von glitzernden Punkten.

„Du meinst es ernst, oder?“, fragte Ben. Er sprach leise. „Du meinst es wirklich ernst. Du glaubst, dass wir es schaffen können.“

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es“, entgegnete ich. „Ich bin mir ganz sicher. Wir müssen nur irgendwie hier rauskommen, und dann fliegen wir.“ Noch immer beobachtete ich den Himmel, lächelte den Sternen zu. „Wir fliegen.“

Ben grinste, als ich den Blick vom Sternenhimmel abwandte und in seine Richtung sah. „Was zur Hölle hast du denn jetzt schon wieder gekifft, Cag?“, fragte er kopfschüttelnd.

„Ich sehe es schon vor mir. Wir suchen uns ein warmes Land. Dann suchen wir Arbeit. Und um die anderen Dinge ...“ Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „... um die anderen Dinge kümmern wir uns, wenn wir damit fertig und zufrieden sind.“

„Ich mag sie wirklich, Cag.“

Ich stöhnte. Die Phrase bereitete mir Kopfschmerzen. „Ich sehe das, verdammt. Ich sehe das, aber ich weiß, dass es falsch ist. Deshalb helfe ich dir nur, wenn ich dir so früh wie möglich sage, dass du sie schleunigst vergessen musst. Vielleicht solltest du dir ein anderes Zimmer buchen. In einem anderen Hotel. Am anderen Ende der Stadt.“

„Spinnst du?“ Ben zeigte mir den Vogel. „Damit ich jeden Morgen ewig zum Imbiss laufen muss, oder was?“

Daran hatte ich nicht gedacht. „Punkt für dich“, sagte ich trocken. Dann schnipste ich meinen Kippenstummel auf den Boden und beobachtete, wie kleine Fünkchen auf dem Asphalt auftrafen, bevor die brennende Zigarette erlosch. „Also haben wir einen Deal.“

„Ja, ich schätze, den haben wir.“

*

Ben

Mai

„Es ist bald vorbei, Ben. Ich muss bald zurück.“

„Das weiß ich.“ Ich wollte nicht, dass sie abreiste. Ich wollte sie nicht verlieren. Aber ich traute mich nicht, sie zu fragen, wann sie gehen würde. Deshalb waren wir einfach still und sagten kein Wort.

„Leg dich zu mir“, bat sie plötzlich, ohne mich anzusehen.

Ich streifte die Schuhe von den Füßen und ließ meinen Körper ebenfalls auf die Matratze sinken. Obwohl sich unsere Körper nicht berührten, waren wir einander nahe. Ich konnte ihre Körperwärme spüren. „Ich will nicht, dass du gehst“, sagte ich leise. „Ich bin es nur nicht mehr gewohnt, so viel Zeit mit jemandem zu verbringen. Jemanden zu mögen. Ich meine, wirklich zu mögen.“

„Jemanden?“

„Du weißt genau, dass ich dich meine.“

Lina lächelte zufrieden. „Ich mag dich auch, Ben.“

Wir schliefen nebeneinander ein. Ich spürte Linas Kopf, den sie im Schlaf auf meiner Schulter abgelegt hatte, als ich aufwachte und in die Sonne blinzelte. Obwohl ich ihre Berührung genoss, schob ich sie vorsichtig von mir weg, bevor ich sie weckte.

„Wie viel Uhr ist es?“, fragte sie schläfrig. Ihr dunkles Haar war wirr und verknotet.

„Halb elf. Du solltest aufstehen, weil wir etwas vorhaben“, erklärte ich. Sie setzte sich auf, rieb sich die Augen und runzelte die Stirn. Ich widerstand dem Bedürfnis, die Sorgenfalte glatt zu streichen.

„Wir?“, fragte sie argwöhnisch.

Die Federn der Matratze quietschten erneut, als ich aus dem Bett sprang. „Du und ich. Kein Cagney.“

Als wir das Hostel verließen, hatte ich noch den Geschmack von Erdbeermarmelade auf der Zunge. Lina lief mit hüpfenden Schritten direkt neben mir. Ich wusste nicht, wohin ich sie bringen würde.

„Es ist komisch, das Leben“, sagte sie.

„Ich weiß“, sagte ich.

Sie sah mich mit großen Augen an. „Du weißt nicht, was ich meine.“

„Dann erklär es mir.“

„Findest du es nicht komisch, wie wir unser ganzes Leben für die Zukunft aufopfern? Ich … Seit ich hier bin, hat sich irgendetwas verändert. Weil das Leben trotzdem weitergeht, obwohl ich mich nicht jeden Tag anstrenge. Verstehst du?“

Ich verstand sie. „Zuerst muss es stehen bleiben, das Leben“, gab ich nach kurzem Nachdenken zurück.

Sie schwieg und es dauerte eine Weile, bis sie wieder die Stimme erhob. „Ist es stehen geblieben, dein Leben?“

Ich hätte ihr davon erzählen können. Von den Blaulichtern und Sirenen. Von dem Anruf, der mein Leben zerstört hatte. Von meinen täglichen Schuldgefühlen. Aber ich erzählte es ihr nicht. Ich schwieg und wusste nicht recht, wieso. Vielleicht, weil die Wahrheit alles verändert hätte. Und weil ich nicht bereit dafür war, mich jemandem zu öffnen, jemandem meine Fehler und Ängste zu gestehen. Jemanden an meiner Seite zu haben und nicht mehr allein zu sein. Jemanden.

„Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst“, sagte sie und bedachte mich mit einem besorgten Blick.

Aber ich würde nicht abhauen. Genauso wenig wie ich hoffte, dass sie abhaute. „Es ist stehen geblieben, ja.“

„Und willst du, dass es weiterhin stehen bleibt?“

Ich war so in Gedanken und Erinnerungen versunken, dass ich eine Weile brauchte, um zu bemerken, dass sie nicht mehr neben mir lief. Sie stand auf der Straße und suchte die Antwort in meinem Gesicht, als ich mich zu ihr umdrehte. Ich dachte daran, ihr zu zeigen, wie die Welt stehen bleiben konnte. Ja, ich dachte daran, sie zu küssen. Aber stattdessen zuckte ich nur mit den Schultern. „Zumindest fühlt es sich gerade ganz in Ordnung an.“

„Ganz in Ordnung“, wiederholte sie. Dann schüttelte sie den Kopf, wie, um einen lästigen Gedanken zu vertreiben. „Ich wollte nach Amerika nach den Ferien“, erzählte sie mir dann.

Ich nickte interessiert mit dem Kopf, aber sie sah nicht in meine Richtung. „Mit einer Freundin. Ich habe so lange darauf gespart ... und jetzt gebe ich mein Geld hier aus. Ich gebe Geld aus für etwas, was zu Hause meine Eltern finanziert hätten. Es ist dumm, aber irgendwie ist es auch …“

„Wichtig“, unterbrach ich sie.

Lina nickte. „Alles, woran ich geglaubt habe ... Alle Menschen, die Teil meines Lebens waren, sind blöderweise beschissene Heuchler.“

Ich musste lachen über ihren trockenen Ton, aber sie stimmte nicht mit ein in mein Gelächter. Und die Töne, die meiner Kehle entschlüpften, hörten sich fremdartig und einsam an, als sie nicht mit mir lachte.

„Jetzt bin ich hier und ich bin allein ...“ Sie warf mir einen flüchtigen Seitenblick zu. „Fast allein. Und es fühlt sich richtig an. Ich bin dabei, meine gesamte Zukunftsplanung über den Haufen zu werfen … Aber Zukunft, was ist das schon? Es ist doch der Moment, auf den wir uns konzentrieren sollten, richtig?“

„Richtig.“

„Und wenn es mich im Moment glücklich macht, hierzubleiben und nichts zu tun und nicht meine Koffer für Amerika zu packen, dann muss das doch richtig sein.“

„Es macht dich glücklich, hier zu sein?“, hakte ich nach. Ich beobachtete ihre Reaktion und mir ging das Herz auf, als ich ihr wunderschönes Lächeln sah.

„Natürlich“, antwortete sie. „Natürlich macht es mich glücklich.“

Ich hatte oft darüber nachgedacht, womit man das verdiente, was einem im Laufe des Lebens zustieß. Es gab Kleinkinder, die mit zwei Jahren an Krebs erkrankten. Was konnte ein zweijähriges Kind getan haben, um so etwas zu verdienen? Es gab Kinder, die in Kriegsgebieten geboren wurden, die minderjährig Waffen in die Hände gedrückt bekamen und lernten, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Es gab Kinder, die vor Panzer gekettet wurden, um die Gegner davon abzuhalten, zu schießen. Natürlich schossen sie trotzdem. Ich hatte all das noch nie verstanden, die einzige Lösung, das einzig Sinnvolle war der Glaube daran, dass es ein weiteres Leben gab. Und ein weiteres. Und ein weiteres. Dass jeder irgendwann das bekam, was er verdiente. Jeder.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lina, die meine gedankliche Abwesenheit bemerkt hatte.

„Sicher. Wenn Luis derjenige ist, der dir wehgetan hat, dann ... “

„Lass uns nicht darüber reden, bitte“, unterbrach sie mich hastig.

„Ich wollte nur sagen, dass du dich immer an das Prinzip erinnern solltest.“

„An welches Prinzip, bitteschön?“

„Dass jeder irgendwann das bekommt, was er verdient. Erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich. Lass uns trotzdem nicht über ihn reden. Der Ort hier ist magisch für mich und alles, was mit Luis zu tun hat, macht die Magie kaputt.“

Ich wusste nicht, wer Luis war oder was er getan hatte. Aber falls ich ihm jemals begegnen sollte, wusste ich, dass meine Faust in seiner Fresse landen würde.

Ich wusste, dass es Cagney war, als mein Handy klingelte. Ich wusste es, ohne aufs Display zu schauen. „Hey, Ameisenkönigin. Wo treibst du dich rum?“

„In der Nähe der Brücke.“

„Ist Lina da?“, fragte er sofort lauernd. Die Stille, die auf seine Frage folgte, war für ihn wohl Antwort genug. „Komm, Ben, echt jetzt?“

Ich hörte ihn durch den Hörer entnervt ausatmen. Lina sah zu mir herüber. Ich wollte, dass sie bei mir war, einfach so. Ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Ohne daran zu denken, dass wir uns wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würden, wenn sie abreiste. Ich sah den verunsicherten Blick in ihrem Gesicht. Da legte ich auf und stopfte das Handy zurück in meine Hosentasche.

„Das war Cagney, oder?“ Lina machte einen zögerlichen Schritt auf mich zu. Ich nickte. „Haust du jetzt wieder ab und lässt mich hier stehen wie bestellt und nicht abgeholt?“, fragte sie bitter.

Jetzt schüttelte ich den Kopf. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem scheuen Lächeln. „Hast du das Sprechen verlernt?“

Gewissermaßen hatte ich das, ja. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war überfordert. Mit allem. Auf der einen Seite wollte ich ihr alles erzählen, ich wollte keine Distanz mehr zwischen uns. Ihr trauen. Vertrauen. Und auf der anderen Seite hatte Cagney recht und alles, was ich hier trieb, war die reinste Zeitverschwendung. Wie gerne wäre ich einfach umgedreht und zu Cagney zurückgegangen. Wie gerne hätte ich mich neben ihn auf den Asphalt unseres Hinterhofs gesetzt. In die Wolken gestarrt. Ein Kippchen geraucht. Aber hier direkt vor mir stand Lina und ich wusste nicht, was genau es war, dass es mir unmöglich machte, zu gehen und den enttäuschten Blick in ihren Augen zu sehen. Natürlich war es nie zuvor so gewesen. Und natürlich war es lächerlich und naiv, mich an das winzige Stückchen Normalität zu klammern, das sie mir schenkte. Aber sie war da. Und sie war real. Ich konnte sie sehen: Ihre schwarzen Wellen, die Falte, die an ihrer Stirn auftauchte, wenn die Sonne sie blendete oder sie sich ärgerte.

„Irgendwie habe ich wirklich verlernt, zu sprechen“, antwortete ich verspätet.

„Ah ja, ist das so?“ Ihre Frage klang neckisch.

Ich wusste, dass sie sich einen Spaß aus dem machte, was ich sagte. Aber ich meinte es ernst. „Ja. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, weil ich ... “

Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Ich glaube, ich weiß ganz genau, was du sagen willst“, unterbrach sie meine umständlichen Erklärungen. Plötzlich war sie ganz nah.

„Es macht mir Angst“, gab ich leise zu.

„Mir macht es auch Angst. Aber du hast gesagt, dass es der Moment ist, der zählt.“

Ich wünschte, ich könnte es. Loslassen. Ihre Hand war nur Zentimeter von meiner entfernt und ich wollte nach ihr greifen. Aber ich konnte nicht. Wenn ich den Faden weiterspann, wenn ich an die Zukunft dachte – dann war da keine Zukunft. Und was nutzte es mir, noch einen Menschen zu verlieren? Ein weiteres Mal Abschied nehmen zu müssen? „Du weißt nicht, wie gerne ich gerade alles vergessen und den Moment leben würde“, sagte ich.

Lina hatte ihre Hände in den Jackentaschen vergraben und schwieg. „Warum tust du es dann nicht einfach?“ Auf diese Frage hatte ich keine Antwort. Zumindest keine Antwort, die ich mit ihr teilen konnte. „Warum muss alles immer so kompliziert sein?“, fragte sie weiter.

Eigentlich war es doch gar nicht kompliziert. Ich mochte sie. Ich kannte sie seit nicht einmal zwei Wochen, aber da war eine Verbindung zwischen uns, die ich nicht beschreiben konnte. Wenn ich ein ganz normaler Junge wäre, dann hätte ich ihr all das längst gesagt. Aber ich war feige, und wer war schon ein ganz normaler Junge?

„Der abgesplitterte Zahn … Was ist da passiert?“, wollte sie wissen.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ist bei einer Party passiert“, sagte ich ausweichend. Ich wollte auf keinen Fall über diese Party reden. Die Erinnerungen, die damit verknüpft waren, waren unerträglich. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich sie nicht einfach angelogen hatte. Dass ich die Party erwähnt hatte.

„Muss ja eine sehr wilde Party gewesen sein“, urteilte sie kichernd. Das gespielte Lachen blieb mir fast im Hals stecken. „Eine Sache habe ich gelernt“, sagte sie. „Sei niemals der Gastgeber. Der warst du doch nicht, oder?“

Ich war der Gastgeber gewesen und ich erinnerte mich an den Abend, als wäre es gestern gewesen. An diesem Abend hatte ich nicht nur mein eigenes Leben zerstört. Ich hatte das Leben meiner Familie zerstört.

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