Kitabı oku: «Die Ewigkeit ist jetzt»

Yazı tipi:

Ayya Khema

JhanaVerlag im Buddha-Haus

www.jhanaverlag.de oder www.buddha-haus.de

Die englische Originalausgabe erschien 1987 unter dem Titel:

Being Nobody, Going Nowhere

bei Wisdom Publications, Boston, USA

© 1987 by Ayya Khema

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 bei O.W.BarthVerlag.

Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.

Print-ISBN 978-3-931274-63-4

eBook-ISBN 978-3-931274-64-1

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Copyright eBook: © Jhana Verlag, Uttenbühl 2018

© der überarbeiteten Neuausgabe by JhanaVerlag, Uttenbühl 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Dies gilt auch für die Vervielfältigung, Übersetzungen, Microverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Titelfoto: Nomi Baumgartl

Cover, Layout und Satz: Claudia Wildgruber

Lektorat und Korrektorat: Bärbel Wildgruber

Druck: Druckerei Steinmeier GmbH, Deiningen

Inhalt

Vorwort

1 | Das Warum und Wie der Meditation

2 | Meditation beeinflusst unser Leben

3 | Ruhe und Einsicht

4 | Vier Freunde

5 | Die fünf Hindernisse

6 | Karma und Wiedergeburt

7 | Die Lehrrede über die Liebende Güte

8 | Vier Arten von Glück

9 | Die fünf Daseinsgruppen

10 | Die zehn Vollkommenheiten

11 | Die Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad

12 | Ein neuer Anfang

Meditation der Liebenden Güte

Glossar

Anmerkungen

Vorwort

Dies ist ein einfaches Buch für ganz gewöhnliche Menschen, die zu mehr Glück und Zufriedenheit finden wollen, indem sie einem spirituellen Weg folgen. Der Weg des Buddha ist einfach, und er ist für gewöhnliche Menschen gedacht. Wer über guten Willen und Entschlossenheit verfügt, kann diesen Weg zur Freiheit des Herzens und des Geistes beschreiten. Herz und Geist müssen an dieser Reise zur Befreiung vom Ich beteiligt sein. Der Geist versteht und kommt zu Schlussfolgerungen, verbindet und unterscheidet. Das Herz hingegen empfindet.

Sind unsere Empfindungen von emotionalen Reaktionen frei und voller Liebe und Mitgefühl, wird unser Geist für die großen Wahrheiten von universaler Bedeutung offen sein. Je mehr wir uns auf diese Wahrheiten beziehen, desto näher werden wir der spirituellen Befreiung kommen. Hoffentlich kann dieses Buch Ihnen einige Schritte weit den Weg gemäß der Lehre des Buddha weisen und damit die Reise erleichtern.

Ein zehntägiger Meditationskurs in Sri Lanka war Anlass für die hier veröffentlichten Ausführungen. Zwar erscheint das Buch unter meinem Namen. Doch ohne die Mithilfe vieler anderer hätte es niemals zustande kommen können. Den Teilnehmern dieses Kurses verdanke ich viele Anregungen, und zahlreiche Themen, die hier angesprochen werden, gehen auf ihre Fragen zurück. Stanley Wijegunawardena war der Organisator des Kurses, und ohne ihn wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.

Barbara Raif übertrug die Bänder, und Schwester Sanghamittā tippte die erste Version. Schwester Vayāmā las Korrektur. Katja und Amara kümmerten sich um mein physisches Wohlbefinden. Helga massierte mich und gab mir moralische Unterstützung.

Alle, die mich in Sri Lanka unterstützt haben, besonders Mr. Arthur de Silva, machten es mir möglich, mich in Ruhe und Frieden diesem Buch zu widmen.

Wie kann ich meine Dankbarkeit zeigen? Wenn dieses Buch nur einem einzigen Menschen den Weg zur Freiheit weist, so ist dies reicher Lohn für alle Mühe.

Ayya Khema,

im Oktober 1985 auf Parappuduwa Nuns Island,

Dodanduwa, Sri Lanka

1
Das Warum und Wie der Meditation

Warum ist Meditation so wichtig? Dass sie wichtig ist, habt ihr offenbar festgestellt, sonst wärt ihr nicht hier. Ich möchte betonen, dass Meditation nicht einfach eine weitere Freizeitbeschäftigung, sondern unverzichtbar für unser Wohlergehen ist. Zu den Absurditäten des menschlichen Daseins gehört, dass wir ständig über die Vergangenheit oder die Zukunft nachdenken. Junge Leute denken an die Zukunft, weil sie den Großteil ihres Lebens noch vor sich haben. Die Älteren denken mehr an die Vergangenheit, weil sie den größeren Teil des Lebens hinter sich haben. Um wirklich zu leben, müssen wir jedoch jeden Augenblick erleben. Das Leben findet nicht in der Vergangenheit statt – das ist Erinnerung. Wir leben auch nicht in der Zukunft. Das sind Pläne. Wir können nur in diesem Augenblick leben, und so absurd es scheinen mag – genau das müssen wir lernen. Als Menschen mit Lebensspannen von sechzig bis achtzig Jahren müssen wir lernen, tatsächlich in der Gegenwart zu leben. Wenn wir das lernen, haben wir ein Großteil unserer Probleme behoben.

So leicht es klingt, so schwer ist es. Jeder, der es versucht hat, weiß das. Wer es noch nicht probiert hat, wird es sicherlich noch feststellen. So eine einfache Aufgabe – und überhaupt nicht leicht zu lösen. Allein durch Meditation können wir lernen, in der Gegenwart zu leben. Sie hat aber auch noch weitere hilfreiche Aspekte.

Wir alle sind imstande, unseren Körper zu pflegen. Wir waschen uns mindestens einmal am Tag, wenn nicht öfter. Wir tragen saubere Kleidung. Nachts gönnen wir dem Körper Ruhe. Jeder besitzt ein Bett. Wir könnten den Belastungen des Alltags nicht standhalten, wenn wir uns nicht ausruhen würden. Wir haben ein Haus, um uns vor Regen, Wind, Sonne, Hitze und Kälte zu schützen. Sonst wäre mit uns nicht viel anzufangen. Wir geben dem Körper gesunde Nahrung – essen nicht einfach irgendetwas – und sorgen für Bewegung. Zumindest gehen wir. Täten wir das nicht, würden unsere Beine verkümmern, und wir könnten sie nicht mehr benutzen.

Genauso müssen wir für den Geist sorgen. Tatsächlich ist das noch viel wichtiger. Denn der Geist ist der Herr, der Körper hingegen nur der Diener. Der allerbeste Diener, mag er auch jung, energiegeladen und stark sein, kann nicht zufriedenstellend arbeiten, wenn er einen schwachen Herrn hat. Der Herr muss den Diener anleiten. Selbst wenn der Diener nicht allzu leistungsfähig und regsam ist, wird ein Haushalt mit einem gescheiten und fähigen Vorstand doch ordentlich funktionieren.

Geist und Körper sind unser Haushalt. Wenn jedoch dieser innere Haushalt nicht in Ordnung ist, wie kann es dann der äußere sein? In was für einem Haushalt wir leben und arbeiten, hängt davon ab, wie wir den inneren Haushalt in Ordnung gebracht haben. Der Herr, der die Verantwortung trägt, muss in bestmöglicher Verfassung sein.

Nichts im gesamten Universum ist mit dem Geist vergleichbar oder dazu imstande, seine Aufgaben zu übernehmen. Alles ist vom Geist geschaffen. Dennoch halten wir unseren Geist für ganz selbstverständlich. Das ist absurd. Niemand betrachtet den Körper als selbstverständliche Gegebenheit. Wird dieser Körper krank, dann rennen wir ganz schnell zum Arzt. Wird er hungrig, geben wir ihm Nahrung. Wird er müde, sorgen wir dafür, dass er sich ausruht. Wie ist das nun aber mit dem Geist? Nur der Meditierende trägt Sorge für den Geist.

Für den Geist Sorge zu tragen ist absolut notwendig, damit das Leben an Tiefe und Inspiration gewinnt. Sonst bleibt es zweidimensional. Die meisten Menschen verbringen ihr Leben in der Vergangenheit und in der Zukunft, zwischen «gut» und «schlecht», «ich mag» und «ich mag nicht», «ich will haben» und «ich will nicht haben», «das ist mein» und «das ist dein». Erst durch die Schulung des Geistes können wir weitere Dimensionen erfahren. Als Erstes kommt der «Hausputz»: Wir müssen den Geist reinigen und ihn sauber halten. Und das nicht nur ein- oder zweimal am Tag, wie wir es mit dem Körper zu tun gewohnt sind, sondern in jedem wachen Augenblick. Damit wir dies tun können, müssen wir erst lernen, wie es geht. Mit dem Körper ist es ganz einfach: Wir verwenden Wasser und Seife. Das haben wir schon als kleine Kinder so gelernt. Der Geist kann jedoch nur durch den Geist gereinigt werden. Was der Geist angenommen hat, kann er auch wieder hergeben. Eine Sekunde der meditativen Sammlung ist eine Sekunde der Reinigung, weil der Geist glücklicherweise nur jeweils eine Sache erledigen kann. Obwohl wir – wie der Buddha sagte – bei einem einzigen Wimpernschlag dreitausend Geistesblitze haben können, ist dies selten der Fall und vor allem haben wir sie nicht alle gleichzeitig. Geistesblitze können zwar schnell aufeinanderfolgen – aber immer einer nach dem anderen.

Wenn wir konzentriert sind, können die fünf Hindernisse (siehe Seite 69) nicht auftreten, weil der Geist immer nur eines nach dem anderen bewältigen kann. Wenn wir uns dann länger konzentrieren können, wird der Geist allmählich von seinen Verunreinigungen befreit.

Unser Geist, dem im gesamten Universum nichts gleichkommt, ist unser einziges Werkzeug. Normalerweise würden wir ein hochwertiges Werkzeug instand halten und pflegen. Wir würden es polieren und keinen Rost ansetzen lassen. Wir würden es schärfen, ölen und es von Zeit zu Zeit ruhen lassen. Und nun verfügen wir über dieses wundervolle Werkzeug, mit dem man alles erreichen kann – bis hin zur Erleuchtung – und es liegt ganz allein an uns, dass wir lernen, pfleglich mit ihm umzugehen. Es würde sonst einfach nicht gut funktionieren.

Wir lernen in der Meditation, alles beiseite zu lassen, wovon der Geist frei sein soll, und ihn nur auf den Meditationsgegenstand zu richten. Mit wachsender Geschicklichkeit werden wir fähig, Entsprechendes auch im Alltag zu tun und alle Gedanken, die nicht heilsam sind, loszulassen. Auf diese Weise unterstützt uns die Meditation im Lebensalltag, und gleichzeitig vertieft sich unsere Meditation. Ein Mensch, der seine Gedanken meistert und nur noch das denkt, was er denken will, wird ein Arahant, ein Erleuchteter.

Wir dürfen nicht überrascht sein, dass wir es nicht immer schaffen, die Gedanken loszulassen. Sicher wird es aber von Zeit zu Zeit gelingen. Es ist eine ungeheure Erleichterung und Befreiung, wenn es uns gelingt – und sei es nur für einen kleinen Augenblick –, das zu denken, was wir wirklich denken wollen. Wir sind dann Herr unseres Geistes, statt von ihm beherrscht zu werden. In das ständige Hin und Her unserer Gedanken, seien diese nun gut oder übel, verwickelt zu sein – davon müssen wir loszukommen lernen, um uns auf einen einzigen Meditationsgegenstand konzentrieren zu können.

Der zweite Schritt ist die Übung des Geistes. Ein ungeübter Geist ist unstet und flatterhaft, hastet von einer Sache zur anderen, ohne verweilen zu können. Wahrscheinlich hat schon jeder die Erfahrung gemacht, beim Lesen eines Buches am Ende der Seite noch einmal von vorne beginnen zu müssen, um das Gelesene zu verstehen. Manchmal muss man den Geist dazu bringen, sich auf einen Punkt zu konzentrieren, als trainiere man Liegestütz oder Gewichtheben. Kraft wird durch ständige Übung erworben, und so muss auch der Geist dazu angehalten werden, genau das zu tun, was er tun soll, ruhig zu sein, wenn er ruhig sein soll.

Dies stärkt den Geist auch deshalb, weil es mit Entsagung, mit Loslassen zu tun hat. Wir alle, die wir keine Arahants sind, haben ein ziemlich großes Ego. Das «Ich-und-Mein-Syndrom» und die «Das-gehört-mir-und-nicht-dir-Haltung» ruft alle Probleme dieser Welt hervor. Bestätigung können wir unserem Ego nur dadurch geben, dass wir denken, reden, lesen, uns Filme ansehen, den Geist im Sinne des Ego einsetzen. Die große Entsagung, die durch Meditation herbeigeführt wird, ist das Loslassen aller Gedanken. Ohne Gedanken kann das Ego keine Bestätigung erhalten.

Anfangs werden wir nur kurzzeitig fähig sein, die Gedanken loszulassen, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auf dem spirituellen Weg geht es allein um das Loslassen. Es gibt nichts zu erreichen oder zu gewinnen. Diese so oft gebrauchten Worte sind lediglich ein Ausdrucksmittel. In Wirklichkeit ist der spirituelle Weg ein Weg des Loslassens, des Aufgebens von all dem, was wir uns so mühsam aufgebaut haben. Das schließt Besitz ein, Ideen, Gewohnheiten, Glaubensmuster und Gedankenfolgen. Wir tun uns schwer, in der Meditation das Denken abzustellen, weil es Loslassen bedeutet und unser Ego reduziert. Wenn es zum ersten Mal geschieht, dann reagiert der Geist sogleich mit einem: «Oh, was war denn das?» Und schon denken wir wieder.

Durch die Möglichkeit, den Geist auf einen Punkt zu konzentrieren, entwickeln wir geistige Fähigkeiten, gewinnen Kraft und Stärke. Die Lehre des Buddha reicht außerordentlich tief, und nur der außerordentlich tiefgründige Geist kann ihre innere Bedeutung tatsächlich verstehen. Zu diesem Ziel muss die Schulung unseres Geistes hinführen.

Körperkraft erlaubt uns, körperliche Leistungen zu vollbringen. Die Kraft des Geistes ermöglicht uns das Gleiche auf geistigem Gebiet. Ein starker Geist leidet nicht unter Langeweile, Frustration, Depression oder Kummer – was er nicht will, das hat er loszulassen gelernt. Meditationspraxis verschafft uns die dazu nötigen Fähigkeiten.

Der Geist, das wertvollste Werkzeug des Universums, braucht aber hin und wieder Ruhe. Wir haben schon gedacht, als wir noch ganz kleine Kinder waren – und ungezählte Leben davor. Wir denken den ganzen Tag und träumen jede Nacht. Keinen Augenblick gibt es Ruhe. Wir mögen Urlaub machen – und was geschieht dann? Der Körper macht Urlaub. Er begibt sich an den Strand, in die Berge oder in ein anderes Land. Was aber ist mit dem Geist? Statt wie daheim an die Arbeit zu denken, denkt man jetzt an die Aussicht, an die Geräusche und Gerüche, die man an diesem neuen Ort vorfindet. Der Geist hat keinen Urlaub. Er beschäftigt sich lediglich mit etwas anderem.

Würden wir dem Körper keine Nachtruhe gönnen, dann würde er nicht mehr lange funktionieren. Auch unser Geist benötigt Ruhepausen. Der Schlaf verschafft sie ihm nicht. Erholen kann sich der Geist lediglich in der Zeit, da er zu denken aufhört und in bloßer Erfahrung verweilt. Eins der Sinnbilder für den Geist ist das der leeren Projektionswand, auf der pausenlos ein nicht endender Film abläuft. Da dieser Film – die Gedanken – dauernd läuft, vergisst man, dass eine Leinwand vorhanden sein muss, auf die er projiziert wird.

Stellen wir diesen Film in der Meditation für einen Augenblick ab, dann können wir die grundlegende Reinheit des Geistes erfahren. Das ist ein segensreicher Augenblick. Ein Moment, der jene Art von Glück schenkt, das nichts und niemand sonst uns vermitteln kann. Ein von äußeren Umständen völlig unabhängiges Glück – nicht unbedingt, sondern allein durch Konzentration bedingt. Es ist nicht abhängig von gutem Essen, angenehmem Wetter, Unterhaltung oder von anderen Menschen. All dies ist völlig unzuverlässig, und man kann nicht darauf vertrauen, weil es sich unablässig ändert. Innere Sammlung ist zuverlässig, sofern man sich ständig darin übt.

Wenn wir für einen Moment aufhören können, alles in Worte zu fassen, stellt sich ein Gefühl von Zufriedenheit ein. Der Geist hat schließlich nach Hause gefunden. Wir wären gar nicht glücklich, wenn wir für unseren Körper kein Zuhause besäßen. Genauso wenig können wir glücklich sein, wenn der Geist kein Zuhause hat. Dieser ruhige, friedvolle Raum ist das Zuhause des Geistes. Er kann heimgehen und sich ausruhen, genauso, wie wir es nach einem harten Arbeitstag tun, wenn wir den Körper in einem Sessel oder im Bett ruhen lassen. Jetzt kann auch der Geist entspannen. Er muss nicht unentwegt denken. Denken bedeutet leiden, ganz gleich, was man denkt. Denn es beinhaltet Bewegung, und diese erzeugt Reibung. Alles, was sich bewegt, ruft Reibung hervor.

In dem Augenblick, in dem wir den Geist entspannen und ihn zur Ruhe kommen lassen, gewinnt er neue Kraft und erlebt ein Glücksgefühl, weil er weiß, dass er jederzeit nach Hause zurückkehren kann. Das in der Meditation erfahrene Glück begleitet uns durch den Alltag, weil der Geist weiß, dass nichts ihn daran hindern kann, wieder nach Hause zurückzukehren, um dort Ruhe und Frieden zu finden.

Das sind die wichtigsten Gründe dafür, weshalb das Leben ohne Meditation keine Erfüllung bietet. Es mag äußere Bedingungen mit sich bringen, die erfreulich sind. Doch jene Erfüllung, die wir aus den uns innewohnenden Möglichkeiten gewinnen können, reicht viel weiter. Loslassen schenkt Einsicht: Insbesondere begreifen wir, dass das Ego dauernd Wünsche hat und darum auch immer denken will. Hat das Ego keine Wünsche mehr, dann hört auch das Denken auf. Darum sollten wir meditieren. Nun wollen wir uns das «Wie» der Meditation ansehen.

Wir wenden unsere Aufmerksamkeit dem Ein- und Ausatmen zu. Am besten können wir es an den Nasenflügeln wahrnehmen. Atem ist Wind, und wenn er die Nasenflügel streift, empfinden wir etwas. Diese Empfindung hilft uns, genau auf diesen Punkt zu achten. Anfangs fällt uns das schwer.

Atem bedeutet Leben, und so ist er aus verschiedenen Gründen ein idealer Meditationsgegenstand: Wir haben ihn immer bei uns und können ihn nicht einfach irgendwo liegenlassen. Außerdem halten wir ihn für selbstverständlich. Wir beachten ihn erst, wenn wir ihn kurz verlieren, weil wir uns verschluckt haben, weil wir zu ertrinken oder zu ersticken drohen. Dann wird der Atem auf einmal ganz wichtig. Solange wir frei über ihn verfügen, denken wir nicht weiter über ihn nach, obwohl er im wahrsten Sinne des Wortes Leben bedeutet. Und das ist uns doch das Teuerste überhaupt. Der Atem ist ganz eng mit dem Geist verbunden. Wenn jemand aufgeregt ist oder es eilig hat, dann geht der Atem schnell. Wird der Geist still und ruhig, dann wird es der Atem auch. Wird der Atem so leicht, dass wir ihn fast nicht mehr bemerken, dann treten wir in einen Zustand der Sammlung ein. Um uns darin zu schulen, machen wir den Atem zum Meditationsgegenstand. Der Atem ist die einzige Körperfunktion, die diesen Doppelcharakter hat: Er ist einerseits selbstregulierend, andererseits bewusst regulierbar. Wir können ihn vertiefen, verlängern, verkürzen und sogar für einige Zeit anhalten.

Es existieren noch viele andere Methoden, den Atem zu beobachten. Wir können dem Atem so weit nach innen und nach außen folgen, wie wir ihn wahrnehmen können. Macht nichts Besonderes aus eurem Atem, folgt ihm einfach. Das erweitert unsere Aufmerksamkeit, und wir brauchen uns nicht in dem Maß zu konzentrieren wie bei der Wahrnehmung des Atems an den Nasenflügeln.

Ihr könnt auch zusätzlich zum Atem noch ein Wort verwenden. «Buddho» zum Beispiel. Beim Einatmen «Bud», beim Ausatmen «dho». Den Ein- und Ausatem mit je einer Silbe verbinden, das ist für jene Menschen sehr hilfreich, denen der Ausdruck «Buddho» etwas bedeutet.

Ihr könnt auch zählen: Eins beim Einatmen, eins beim Ausatmen. Zwei beim Einatmen, zwei beim Ausatmen. Zählt mindestens bis fünf und höchstens bis zehn. Seid ihr bei zehn angelangt, dann beginnt wieder bei eins. Jedes Mal, wenn der Geist anfängt abzuschweifen, beginnt erneut bei eins. Es macht nichts, wenn ihr am Anfang über eins nicht hinauskommt.

Ein Geist gleicht dem anderen. Ihr müsst nicht denken: «Ich bin dazu besonders ungeeignet.» Wer ist denn dieses Ich? Es handelt sich hier um einen ungeübten Geist im Unterschied zu einem geübten. Jeder, der an einem Marathonlauf teilnimmt, kann gut und schnell laufen, wenn er eifrig trainiert. Anzunehmen, man könne ohne Übung ausdauernd und schnell laufen, wäre töricht.

Zählen, «Buddho», Beobachten des Ein- und Ausatmens – aus all diesen Möglichkeiten solltet ihr diejenige auswählen, die euch am besten liegt. Ihr solltet dann aber dabeibleiben. Bringt eure Beine in eine Position, die ihr eine Zeitlang beibehalten könnt. Der Rücken sollte gerade, aber entspannt sein. Schultern, Magen und Nacken sollten ebenfalls entspannt sein. Wenn ihr merkt, dass ihr nach vorne sinkt, dann richtet euch wieder auf. Das Gleiche gilt für den Kopf. Wird euch bewusst, dass der Kopf sich senkt, dann hebt ihn. Jedes Vornübersinken deutet auf Schläfrigkeit oder zumindest auf Trägheit hin – und somit auf das genaue Gegenteil von Meditation. Meditation verlangt totales Gewahrsein.

Wahrscheinlich wird euer Geist nicht beim Atem verweilen wollen, wie sehr ihr es auch versucht. Der Geist wird euch nicht gehorchen, solange ihr ihn nicht einige Jahre geübt habt. Der Film der Gedanken wird immer da sein. Ihr könnt so damit umgehen, dass ihr jeden Gedanken schnell etikettiert. Wenn euch das zu schwierig ist, benennt sie nur kurz: «Denken», «Verwirrung», «Erinnerung», «Planung», «Unsinn» – wie auch immer. In dem Augenblick, in dem ihr die Gedanken etikettiert, tretet ihr einen Schritt zurück und beobachtet. Gelingt euch das nicht, dann bleibt ihr der Denker und seid total abgelenkt. Ihr macht euch vielleicht Sorgen um die Katze, die im Schlafzimmer eingesperrt ist, oder um die Kinder, die ihr Abendbrot brauchen. Woran ihr auch denkt, ihr macht euch Sorgen, und euer Geist hat auch gleich die passende Erklärung, indem er sagt: «Aber daran muss ich doch denken.» Während der Meditation müssen wir an gar nichts denken. Das Leben geht weiter, auch wenn wir nicht daran denken.

Tauchen Gedanken auf, beobachtet und benennt sie. Ob das Etikett zutrifft oder nicht spielt keine Rolle. Jede Etikettierung während der Meditation bedeutet, dass wir den dazugehörigen Gedanken fallen lassen sollen. Habt ihr gelernt, in der Meditation zu etikettieren, dann könnt ihr auch im täglichen Leben die Gedanken als heilsam, nützlich, hilfreich oder dergleichen benennen. Ist ein Gedanke nicht hilfreich oder heilsam, dann könnt ihr ihn loslassen. Ihr lernt, das zu denken, was ihr denken wollt. Und wer das beherrscht, wird nie wieder unglücklich sein. Nur ein Narr wird freiwillig unglücklich sein.

Darin liegt der Nutzen des Benennens im Alltagsleben. Aber in der Meditation bedeutet Etikettieren, dass man achtsam geworden ist. Bei dieser Übung geht es einzig und allein um Achtsamkeit.

Der Buddha hat gesagt: «Der einzige Weg zur Läuterung von Wesen, zur Auflösung von Unzufriedenheit, zum Betreten des Edlen Achtfachen Pfades, zum Erreichen von Leidensfreiheit ist Achtsamkeit.» Zu wissen: ich denke; ich meditiere nicht; ich bin besorgt; ich bin beängstigt; ich träume von der Zukunft; ich hoffe; ich wünsche – das gilt es lediglich zu erkennen und dann zum Atem zurückzukehren. Habt ihr während der Meditation tausend Gedanken, dann verseht sie mit tausend Etiketten. Das ist der Weg zu wirklicher Achtsamkeit: Den Denkprozess ebenso zu kennen wie den Inhalt der Gedanken. Das sind die Grundlagen für Achtsamkeit im Alltag – der einzige Weg zur Freiheit, wenn sie tatsächlich geübt werden.

Es werden auch Empfindungen des Unbehagens auftauchen, weil der Körper sich in einer ungewohnten Position befindet, hauptsächlich aber, weil wir den Körper ruhig zu halten versuchen. Der Körper mag es gar nicht, über einen längeren Zeitraum ruhig zu sein. Selbst wenn man eine ganz teure Matratze hat und gut schläft, bewegt sich der Körper viele Male im Laufe der Nacht. Er will nicht in ein und derselben Position verharren, sondern jegliches Unbehagen beheben. Der Körper fühlt sich unbehaglich, und darum bewegt er sich, obwohl der Geist im Schlaf nur vage bei Bewusstsein ist. Wenn wir sitzend meditieren, dann geschieht genau dasselbe. Statt sofort zu versuchen, die Position zu verändern, wie es nun mal die gewohnheitsmäßige, spontane und impulsive Reaktion auf eine unbequeme Position ist, solltet ihr die Situation prüfen. Werdet gewahr, worauf diese Empfindung beruht. Ihr steht in Kontakt mit dem Sitzkissen und dem Boden. Der Kontakt ruft die Empfindung hervor. Die Empfindung löst die Reaktion aus. Dies hält uns übrigens auch im Kreislauf von Geburt und Tod gefangen. Unsere Reaktionen auf unsere Empfindungen sind der Schlüssel zur Wiedergeburt.

Es gibt nur drei Arten von Empfindungen: angenehme, neutrale und unangenehme. «Das jetzt ist unangenehm», sagt uns der Geist. «Das ist ein unangenehmes Gefühl, (Schmerz). Ich mag das gar nicht und will es loswerden!» So leben wir jeden einzelnen Tag unseres Lebens. Vor allem, was sich unangenehm anfühlt, fliehen wir, wir unterdrücken es oder versuchen es zu ändern. Wir tun alles, um unsere Empfindungen von Unbehagen loszuwerden. Doch es gibt keinen Weg, ihnen zu entrinnen, solange wir nicht unseren Wünschen entronnen sind. Was wir auch mit unserem Körper tun, wie wir ihn bewegen, irgendwann wird er sich wieder unbehaglich fühlen, weil wir uns stets nach Behaglichkeit sehnen. Beobachtet die Abfolge von Berührung, Empfindung, Reaktion: «Das ist Schmerz. Ich möchte ihn loswerden.» Statt den Schmerz zu verdrängen, solltet ihr eure volle Aufmerksamkeit auf die Stelle lenken, an der die Empfindung auftritt, und euch darüber klarwerden, dass sie der Veränderung unterliegt. Die Empfindung wird entweder ihre Intensität oder ihre Position verändern. Ihr könnt gewahr werden, dass Bewegung in ihr ist. Sie hat keinen festen Bestand.

Werdet gewahr, dass der Körper kein Leid hat, sondern Leid ist. Erst dann können wir damit beginnen, die Wirklichkeit des menschlichen Leids zu verstehen. Es ist nicht so, dass wir uns ab und zu unbehaglich fühlen, sondern dieser Körper besteht aus Leid. Er kann nicht stillsitzen oder -liegen, ohne Unbehagen zu empfinden. Erkennt die Unbeständigkeit. Erkennt, dass es für den Körper keine dauerhafte Befriedigung geben kann. Erkennt, dass Empfindungen unaufgefordert auftauchen. Warum sie also «meine» nennen? Zieht aus den unangenehmen Empfindungen eure Lehren, und bewegt euch dann, wenn es unbedingt nötig ist – aber bewegt euch nicht unüberlegt. Bewegt euch erst, nachdem ihr geprüft habt, warum ihr es tut. Bewegt euch so behutsam und achtsam, dass es weder euch selbst noch euren Nachbarn stört.

Wenn ihr die Zähne zusammenbeißt und denkt: «Ich bleibe sitzen, koste es, was es wolle», ruft das eine Abneigung gegen die Gesamtsituation – und somit gegen die Meditation – hervor. Diese Reaktion wäre genauso falsch wie das impulsive Bewegen. Im ersten Fall handelt es sich um Begierde nach Bequemlichkeit und im zweiten um Ablehnung des Unbehagens. Das sind die beiden Seiten derselben Medaille. Das einzig Sinnvolle ist Einsicht in uns selbst und in die eigenen Reaktionen – das bringt Resultate. Arbeitet mit den Gedanken und Empfindungen, so wie sie auftauchen. Achtet darauf, wie unbeständig beide sind. Sie tauchen auf und verschwinden. Warum nennt ihr sie dann eure? Habt ihr sie darum gebeten aufzutauchen? Sicher nicht. Tatsächlich wolltet ihr doch meditieren. Und doch sind so viele Gedanken da. Gehören sie zu euch? Ist das kein Leid?

Vergänglichkeit, Unerfülltheit, Nicht-Selbst: Diese drei Daseinsmerkmale finden sich in allem, was existiert. Solange wir sie nicht in uns selbst erkennen, werden wir nie lernen, was der Buddha gelehrt hat. Meditation ist der Weg, das herauszufinden – alles andere sind bloß Worte. Das ist der springende Punkt.

2
Meditation beeinflusst unser Leben

Der Reinigungs- und Läuterungsprozess, von dem ich gesprochen habe, findet im Geist statt. Dennoch werdet ihr feststellen, dass ihr manch alten Unrat beseitigen müsst, der sich aufgrund von psychischen Reaktionen im Körper angesammelt hat.

Stellt euch einen Menschen vor, der die letzten zwanzig, dreißig Jahre in einem Zimmer gelebt und es nie für nötig befunden hat, es sauberzumachen. All die Speisereste und die schmutzige Kleidung – der angesammelte Unrat reicht bis zur Decke. In diesem Müll zu leben ist äußerst unangenehm. Der Mensch in dem Zimmer nimmt das gar nicht wahr, bis eines Tages ein Freund zu Besuch kommt und sagt: «Warum machst du nicht mal sauber?» Gemeinsam machen sie eine kleine Ecke sauber. Jetzt findet diese imaginäre Person heraus, dass es sich in dieser sauberen Ecke wesentlich angenehmer leben lässt. Daraufhin beginnen die beiden den ganzen Raum zu reinigen, bis man schließlich aus dem Fenster schauen und sich im Zimmer bewegen kann. Da er sich nun behaglicher fühlt, kann dieser Mensch ungehindert über seinen Geist verfügen, ohne sich mit körperlichen Unannehmlichkeiten abgeben zu müssen.

Das Haus, in dem wir leben, ist unser Körper. Es spielt keine Rolle, wohin wir uns begeben, unseren Körper nehmen wir überallhin mit, bis er zerfällt und zu Staub wird. In diesem Haus benötigen wir etwas mehr Platz und Behaglichkeit.

Bei unseren psychischen Hindernissen und Blockaden handelt es sich um Ablagerungen unserer emotionalen Reaktionen. Der Geist hat sie angenommen, und darum kann der Geist sie auch wieder loslassen. Für unsere Meditationspraxis bedeutet das: Die Empfindung erkennen, nicht reagieren, dann loslassen!

Das zweite Merkmal unserer Meditationspraxis ist das Nicht-Reagieren: Ein überaus wichtiger Aspekt, wenn wir inneren Frieden und Harmonie erreichen wollen. Ohne dieses Nicht-Reagieren werden unsere Reaktionen uns in Wellenbewegungen mit sich reißen, und wir können den Weg nicht klar erkennen. Er wird uns schleierhaft bleiben. Wir mögen von ihm hören. Wir mögen sogar ahnen, was gemeint ist, aber wir werden ihn nie sehen, weil sehen hier Einsicht bedeutet, inneres Sehen also. Diese innere Sicht wird von unseren psychischen Reaktionen behindert.

Beobachten wir Gefühle und Empfindungen während der Meditation, dann ist es selten notwendig, darauf zu reagieren. Sich einer Reaktion zu enthalten ist also möglich: Genau daran arbeiten wir! Wir können dieses Nicht-Reagieren in unseren Alltag übernehmen, indem wir lernen, alle auftauchenden Gefühle als das zu betrachten, was sie sind: Emotionen, die zum Vorschein gekommen sind und wieder verschwinden. Wenn wir das in unserer Meditationspraxis lernen, so lernen wir etwas ganz Wertvolles über den Umgang mit uns selbst.

Zu den Absurditäten des menschlichen Daseins gehört das weitverbreitete Missverständnis, zu glauben, da wir Lebewesen sind, wüssten wir auch, wie man lebt. Das Leben zu leben ist eine Kunst, und die meisten Menschen erleben im Laufe ihres Daseins manchen Reinfall. Das nennen sie dann eine Tragödie oder ein individuelles Problem. Dabei haben sie lediglich die Kunst zu leben nicht vervollkommnet.

Der dritte, doch nicht minder wichtige Aspekt der Meditation ist die persönliche Erfahrung der Vergänglichkeit. Bevor wir nicht selbst diese Erfahrung gemacht haben, wird sie nur ein Wort bleiben. Worte können niemals befreiend wirken, dazu ist Erfahrung nötig. Den Weg des Buddha gehen heißt nach Befreiung streben, vollkommene und absolute Freiheit, und die kann man nur erfahren. In der Meditation ist die Erfahrung der Vergänglichkeit sehr direkt. Wenn ihr den eigenen Atem beobachtet, merkt ihr, dass der hereinfließende Atem nicht derselbe ist wie der ausströmende. Empfindungen kommen und gehen. Ein Schmerz im Bein: Man bewegt es, und schon ist er fort. Empfindungen kommen und gehen!

Mit ein bisschen mehr Übung in der Meditation ist die Vergänglichkeit der Gefühle und Empfindungen leicht zu erkennen. Gleichzeitig gewinnen wir aber auch Einsicht in die Vergänglichkeit unseres Körpers. Jeder weiß darüber Bescheid. Auf der ganzen Welt gibt es keinen einzigen Menschen, der nicht über die Vergänglichkeit des Körpers Bescheid weiß. Trotzdem leben wir alle so, als beträfe die Vergänglichkeit uns nicht und grämen uns um jene, deren Körper bereits dem gesetzmäßigen Walten der Natur ihren Tribut zollen musste, als ob das etwas ganz und gar Unerwartetes sei.

Offenkundig hegen wir da trügerische und wenig sinnvolle Vorstellungen. Das liegt daran, dass wir vor der Wirklichkeit unsere Augen schließen. Wir wollen nur sehen, was uns gefällt. Dass wir trotzdem unentwegt auch mit Unannehmlichkeiten konfrontiert werden, ist ein Umstand, für den wir ständig jemand anderem die Schuld zu geben versuchen. Viele Menschen gehen so weit, alle Schuld dem Teufel zuzuschieben. Es ist gleichgültig, wen man beschuldigt – den Nachbarn oder den Teufel. In Wirklichkeit ist das Leben totale Vergänglichkeit. Das müssen wir erfahren und akzeptieren. Dann können wir dementsprechend leben.

Wenn wir lernen, in tiefere Bereiche vorzudringen, werden wir feststellen, dass in jeder Zelle unseres Körpers ständig Bewegung herrscht. Dieses Naturgesetz haben wir alle in der Schule gelernt. Wir waren vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als man uns beigebracht hat, dass sich die Körperzellen alle sieben Jahre erneuern. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich überlegt habe, ob der Körper wohl all seine Zellen verliert und diese durch neue ersetzt werden. Da mir das unmöglich schien, gab ich auf. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Jetzt können wir verstehen, was wirklich geschieht: Im Verlauf von sieben Jahren haben sämtliche Körperzellen einen Verfallsprozess durchlaufen und sind erneuert worden – ständige Bewegung.

Es muss doch einen Weg geben, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. In meditativer Sammlung können wir uns die Bewegung auf der Haut und unter der Haut bewusst machen. Danach werden wir uns selbst und die Welt um uns herum mit anderen Augen betrachten, weil wir aus persönlicher Erfahrung wissen, dass es nichts Festes und Statisches gibt. Am allerwenigsten in unserem Körper.

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass es im ganzen Universum nicht einen einzigen stabilen Baustein gibt. Alles Existierende besteht aus Energiepartikeln. Sie bewegen sich mit solcher Geschwindigkeit – treffen aufeinander und entfernen sich wieder –, dass die Illusion von Stabilität entsteht. Ebendies sagte der Buddha, als er vor zweieinhalbtausend Jahren von solchen Partikeln sprach. Er benötigte allerdings kein Labor, um dies herauszufinden und zu beweisen. Er selbst machte diese Erfahrung. Daraus erwuchs seine Erleuchtung. Unsere Wissenschaftler wissen alles darüber. Dennoch kann man sie kaum als erleuchtet bezeichnen. Was ihnen fehlt, ist die persönliche Erfahrung.

Wir können selbst erkennen, dass es nirgendwo etwas Festes gibt. Sogar die verstandesmäßige Logik zeigt uns, dass es nichts Statisches geben kann, sonst wären wir keine menschlichen Wesen, sondern nur leblose Körper. Das verstandesmäßige Wissen genügt aber nicht, diese Tatsachen müssen erfahren werden. Erst wenn wir dies in der Meditation empfinden, wissen wir Bescheid. Was man aus persönlicher Erfahrung weiß, lässt sich nicht wegdiskutieren. Würde euch auch alle Welt von der Beständigkeit des Körpers zu überzeugen versuchen, ihr würdet euch nicht überzeugen lassen, denn ihr habt eure eigenen Erfahrungen gemacht. Als die Menschen über die Lehren des Buddha diskutierten, widersprach er niemals. Er hatte keinen Standpunkt zu verteidigen, denn er sprach über seine eigene Erfahrung.

Wenn wir uns besser sammeln und in tiefere Schichten vordringen können, werden wir diese unablässige Bewegung in uns erkennen. Für den Geist ist klar, dass diese Bewegung, wenn sie denn innen ständig vorhanden ist, auch außen stattfinden muss. Wo also ist etwas Festes zu finden? Der Geist mag fragen: «Wenn alles ständig in Bewegung ist, wo bleibt dann das Ich? Empfindungen ändern sich andauernd, von Augenblick zu Augenblick. Der Körper ist in Bewegung. An nichts kann ich mich halten. Die Gedanken sind unablässig in Bewegung. Wo also bin ich?» Um sich selbst «finden» zu können, ersinnen die Menschen etwas Imaginäres wie zum Beispiel ein höheres Selbst, einen festen Wesenskern oder eine Seele. Bei genauerer Nachforschung stellt sich allerdings heraus, dass es sich hierbei wiederum nur um Illusionen handelt. Vergänglichkeit muss erfahren werden.

Einen anderen Aspekt unserer Meditationspraxis hat der Buddha in den Lehrreden über die Grundlagen der Achtsamkeit erwähnt: Die Meditation über die vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Luft. Die Empfindung von Festigkeit im Körper entspricht dem Erdelement. Ebenso die Festigkeit des Sitzkissens, das wir spüren. Das Erdelement ist überall gegenwärtig, auch im Wasser, sonst könnten wir nicht schwimmen; auch in der Luft, sonst könnten weder Vögel noch Flugzeuge fliegen.

Das Feuerelement ist gleichfalls überall gegenwärtig. Innerlich wird es für uns spürbar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken. Normalerweise nehmen wir es nur wahr, wenn uns eiskalt oder glühend heiß ist oder wenn wir Fieber haben. Aber Temperatur (die Ausdrucksform des Feuerelements) ist stets und überall vorhanden – in allem, was lebt.

Das Wasserelement können wir in unserem Blut, im Speichel und im Urin wahrnehmen. Das Wasserelement ist die verbindende Kraft. Um einen Teig herzustellen, muss man dem Mehl etwas Wasser hinzufügen. Wasser ist das überall anzutreffende Verbindungselement. Ohne Wasser würden all die sich ständig bewegenden Zellen auseinanderfallen. Ohne die haltgebende Kraft dieses Verbindungselements würde niemand von uns hier sitzen.

Das alles klingt sehr interessant, hilft uns jedoch nicht weiter, solange wir es nicht selbst erfahren haben. Erst durch die persönliche Erfahrung entwickelt sich die Einsicht, wie die Dinge wirklich sind: Die Dinge so erkennen und sehen, «wie sie wirklich sind» – dieser Worte bedient sich der Buddha häufig.

Wir können als fünftes Element den Raum hinzufügen. In uns ist Raum im Sinne von Öffnungen vorhanden, Mund und Nase beispielsweise. Entsprechendes gilt für das Körperinnere. Das Universum ist Raum. Wenn wir uns dies klarmachen und uns mit der Tatsache anfreunden können, dass diese Elemente überall gleichermaßen zu finden sind, werden wir etwas von unserer Gewohnheit, alles zu trennen, aufgeben können – dieses: «Das bin ich – mag der Rest der Welt in Frieden leben, aber ich sorge zuerst mal für mich selbst. Die anderen sollen mir bloß nicht zu nahe kommen.»

Begreifen wir, dass wir lediglich aus Energiepartikel bestehen, die zusammentreffen und sich wieder trennen, nichts weiter als die fünf Elemente – was ist dann jenes «Ich», das wir so eifrig schützen? Und was ist der Rest der Welt, der so bedrohlich scheint?

Meditation bedeutet nach Einsicht streben. Einsicht ist das Ziel der buddhistischen Meditation. Die Techniken dienen dabei als Werkzeug. Ihr nutzt sie, so gut ihr eben könnt. Jeder geht mit Werkzeug ein wenig anders um. Je geschickter wir damit umzugehen lernen, desto einfacher und schneller erzielen wir Resultate. Die volle Aufmerksamkeit muss jedoch auf das Werkzeug gerichtet sein und nicht auf das eventuelle Resultat. Erst dann können sich Geschicklichkeit und Leichtigkeit entwickeln.

3
Ruhe und Einsicht

Es gibt viele verschiedene Meditationstechniken. Im «Weg zur Reinheit» sind vierzig erwähnt. Diese Techniken richten sich aber nur auf zwei Ziele: Ruhe und Einsicht. Diese beiden gehen Hand in Hand. Wissen wir nicht, in welche Richtung wir gehen, ist es höchst unwahrscheinlich, dass wir unser Ziel erreichen. Wir müssen unseren Weg kennen, um ihn gehen zu können.

In beidem – Ruhe und Einsicht – müssen wir uns üben, um tatsächlich die Resultate zu erzielen, die in der Meditation möglich sind. Jeder sucht nach innerem Frieden, nach dieser Empfindung glücklicher Zufriedenheit. Wer in der Meditation auch nur ein Zipfelchen davon erhascht, fühlt sich richtig glücklich und will mehr davon haben. Mit einem hübschen Anteil daran wären die meisten schon zufrieden. Doch dazu ist die Meditation nicht da.

Die Ruhe, der innere Frieden, ist ein Hilfsmittel und dient einem Zweck: Ruhe ist das Mittel – Einsicht das Ziel. Hilfsmittel sind wichtig und notwendig, dürfen aber nie mit dem eigentlichen Ziel verwechselt werden. Weil es hier aber um eine so ganz und gar angenehme Erfahrung geht, erwächst daraus eine neue Anhaftung.

Unser ständiges Problem ist, dass wir festhalten wollen, was uns angenehm ist, und zurückweisen, was uns nicht gefällt. Weil wir das zu unserem Lebenszweck machen, hat unser Leben keinen wirklichen Zweck. Es ist unmöglich, alles Unangenehme auszuschalten und nur das Angenehme zu behalten. Solange wir das als Ziel betrachten, haben wir kein Ziel. Das Gleiche gilt für die Meditation.

Wie können wir also zu etwas Ruhe finden, und was haben wir davon? Halten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Atem gerichtet, wird irgendwann Ruhe einkehren. Der Geist wird einen Moment aufhören zu denken und sich entspannen. Ein denkender Geist wird nie zur Ruhe kommen, weil der Denkprozess an sich Bewegung ist und Bewegung immer ablenkend wirkt. Dennoch kann für einen Augenblick Ruhe einkehren, und wir können ihn vielleicht sogar verlängern. Je länger wir üben, umso mehr sind wir dazu imstande. So schwer ist es gar nicht. Anfangs mag es schwierig scheinen, aber alles, was wir brauchen, ist Geduld und Entschlossenheit, ein wenig gutes Karma1 und einen ruhigen Platz.

Wir alle verfügen über ein wenig gutes Karma, sonst säßen wir nicht hier. Menschen, die viel schlechtes Karma geschaffen haben, kommen in der Regel nicht zu einem Meditationsseminar. Kommen sie trotzdem, dann bleiben sie nicht. So muss also das gute Karma bereits vorhanden sein.

Was die Geduld anbelangt – allein schon damit wir hierbleiben, müssen wir Geduld haben. Hinzu kommt ferner Entschlossenheit. Wenn ihr euch zum ersten Mal hinsetzt, fasst einen Entschluss: «Ich will wirklich bei meinem Atem bleiben, und jedes Mal, wenn ich abschweife, fange ich wieder von vorn an.» Das ist eine regelrechte Gratwanderung. Jedes Mal, wenn ihr abschweift, müsst ihr euch erneut dem Atem zuwenden. Dazu braucht man Entschlusskraft.

Tritt jenes ruhige und angenehme Empfinden ein, das der Buddha als wohltuendes Verweilen bezeichnet hat, so wird es wieder verschwinden, weil alles, was entsteht, keine Dauer hat. Unsere erste Reaktion darauf sollte der Gedanke an die Vergänglichkeit sein. Wir sollten nicht denken: «Oje, jetzt ist es fort.» Oder: «Das war gut. Wie kann ich es bloß von neuem hervorrufen?» Denn dies entspräche dem gängigen Reaktionsmuster.

Dem Dhamma gemäß zu leben und die entsprechenden Erfahrungen zu machen ist ungewöhnlich. Es ist die Umkehrung dessen, was die große Mehrheit der Menschen tut und eine eigene Sicht der Dinge. Als der Buddha vor seiner Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum saß, brachte Sujata ihm Milchreis in einer goldenen Schale, die sie ihm schenken wollte. Buddha warf die leere Schale hinter sich in den Fluss und erklärte, falls die Schale stromaufwärts schwimme, werde er erleuchtet werden. Natürlich schwamm die Schale stromaufwärts. Kann denn irgendetwas stromaufwärts schwimmen? Diese Geschichte besagt, dass wir gegen den Strom schwimmen müssen, unseren natürlichen Instinkten und Neigungen entgegengesetzt, wenn wir uns auf den Weg des Dhamma begeben. Wir müssen uns gegen das wenden, was so einfach und angenehm ist, dass jedermann es tut. Es ist viel schwieriger, gegen den Strom zu schwimmen, als sich von der Strömung treiben zu lassen.

Das wohltuende Verweilen, das angenehme Empfinden, das man zuerst im Körper und dann auch im Geist wahrnimmt und schließlich als ganz und gar friedvoll empfindet, muss ebenfalls vorübergehen. Wir müssen seine Vergänglichkeit anerkennen. Erst dann können wir es einem bestimmten Zweck nutzbar machen. Erkennen wir seine Vergänglichkeit nicht an, dann wollen wir es bloß zum eigenen Nutzen verwenden. Doch alles, was wir nur für uns allein besitzen, stärkt unser Ego, und wir lösen uns nicht von ihm, wie es den grundlegenden Lehren des Buddha entspräche.

Alles in den Lehren des Buddha ist darauf ausgerichtet, dieses Ego aufzugeben. Er hat gesagt: «Nur eins lehre ich: Das Vorhandensein von Leid und wie ihr ihm ein Ende setzen könnt.» Das heißt allerdings nicht, dass alles Leid auf der Welt ein Ende erreicht. Es bedeutet, wenn kein Ich da ist, das auf Leid reagiert, wird es kein Leid mehr geben. Wenn niemand ein Problem hat, wie können dann Probleme existieren? Setzen wir allerdings das wohltuende Verweilen als Mittel für das eigene Wohlbefinden ein, so ist dies der falsche Weg.

Kehren wir immer wieder zur Beobachtung des Atems zurück, so führt dies dazu, dass wir zur Ruhe kommen. Der achte Schritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad – die Rechte Sammlung – bedeutet meditative Vertiefung. Der Versuch, beim Atem zu verweilen, weist in diese Richtung. Doch in diese meditative Vertiefung kann man nicht dadurch eintreten, dass man sich mit der Absicht, sie zu erreichen, ein- oder zweimal zum Meditieren hinsetzt. Das braucht Zeit. Alles das, was während der Konzentration auf den Atem auftaucht, sollte zur Einsicht genutzt werden. Gedanken, die in der Meditation auftauchen, sind weder ein Störfaktor noch ein Hinweis darauf, dass man nicht zum Meditieren taugt; oder dass es zu heiß oder zu kalt, zu unbequem, zu spät oder zu früh ist – nichts von alldem trifft zu. Gedanken wollen uns nicht stören. Sie sind Lehrer, die uns etwas beibringen wollen. Letzten Endes sind wir alle selbst unser Lehrer und unser Schüler, und das ist gut so. Wir müssen allerdings wissen, worauf wir zu achten haben, damit wir etwas lernen können.

Jeder Gedanke ist ein Lehrer. Zuallererst lernen wir etwas über die Unlenkbarkeit der Gedanken. Wir merken, dass unser Geist unzuverlässig ist. Gedanken tauchen auf, die wir überhaupt nicht denken wollen, weil wir viel lieber ruhig und gesammelt wären. Als Erstes können wir lernen, dass unser Geist nicht so wunderbar ist, wie wir immer angenommen haben – bloß weil wir etwas gelernt und ein Gedächtnis haben und bestimmte Fakten und Begriffe verstehen. In Wirklichkeit ist der Geist schwer in den Griff zu kriegen und unzuverlässig, weil er absolut nicht das tut, was wir von ihm erwarten.

Als Zweites müssen wir verstehen, dass wir unserem Geist nicht alles glauben sollten. Wir müssen nicht an alle Gedanken glauben, die da auftauchen. Sie sind ohne unser Zutun aufgetaucht, und so werden sie auch wieder verschwinden. Sie haben wenig Sinn – erst recht in der Meditation. Einige davon sind mehr als zwanzig Jahre alt. Einige sind reine Fantasie. Andere können ganz und gar unangenehm sein, und wieder andere sind Träume. Und manche sind so flüchtig, dass wir sie gar nicht richtig wahrnehmen. Aber alle tauchen so schnell auf, dass wir sie kaum etikettieren können. Warum also an all dies Zeug glauben, das uns gewöhnlich durch den Kopf geht?

In der Meditation haben wir Gelegenheit, den Geist – die dauernde gedankliche Aktivität – kennenzulernen, und vor allem können wir lernen, uns nicht mehr auf jeden Gedanken, der da kommt und geht, einzulassen. Entsprechendes gilt für unsere Gedanken im Alltag: Sollten wir all diesen Gedanken Glauben schenken und uns auf sie einlassen? Wir glauben unserem Geist, wenn er behauptet: «Dieser Mann ist entsetzlich.» – «Diese Frau lügt.» – «Davon bin ich so enttäuscht.» – «Das langweilt mich unendlich.» – «Das da muss ich unbedingt haben.» – «Da muss ich unbedingt dabei sein.» All das glauben wir einfach. Warum eigentlich? Um genau den gleichen Prozess handelt es sich bei der Meditation. Gedanken tauchen auf, verharren für kurze Zeit und verflüchtigen sich wieder – ohne Sinn und Verstand.

Haben wir dies erst einmal wirklich begriffen, so können wir diese ungebetenen Gedanken in solche umwandeln, die wir tatsächlich denken wollen. Genau das wird geschehen, wenn wir nicht mehr unbedarft alles glauben, was unser Geist uns weismachen will, sondern nur noch die Denkprozesse beobachten. Es ist genau das Gleiche mit der Luft um uns herum. Wir können sie uns nicht aneignen und behaupten, sie gehöre uns. Dennoch – gäbe es sie nicht, könnten wir nicht leben. Sie ist da. Genauso verhält es sich mit den Gedanken. Der Denkprozess ist für den Geist vollkommen natürlich, und er dauert an, solange wir leben. Aber er ist nicht zuverlässig und nicht glaubwürdig. Ganz im Gegenteil: Es wäre weit besser, den größten Teil der Gedanken aufzugeben.

Noch etwas können wir über den Geist lernen. Wenn sich in der Meditationssitzung keine Sammlung einstellt, sondern nur Gedanken, wenn wir uns träge fühlen und es an Aufmerksamkeit mangelt, dann könnten wir daraus lernen: Fehlt es dem Geist an Unterhaltung, dann schlafen wir ein. Der Geist will unterhalten werden. Er will lesen, fernsehen, arbeiten – irgendetwas tun, um beschäftigt zu sein und Unterhaltung zu haben. Ganz auf sich allein gestellt, ist er nicht glücklich und zufrieden: Eine interessante neue Einsicht, die sich einstellt, wenn wir meditieren.

Stellt euch vor, ihr wäret eine Woche lang in einem leeren Zimmer, ganz allein. Die Menschen halten das für eine furchtbare Zumutung – zu Recht, denn der Geist weiß damit nicht umzugehen. Genau wie der Körper verlangt er dauernd nach Nahrung. Er braucht Anregung, weil er sich selbst nicht genug ist. Das ist eine weitere Entdeckung, die wir in der Meditationssitzung machen können.

Gedanken sind unbeständig. Sie kommen und gehen. Sie bleiben nicht da – genau wie der Atem. Wenn ihr ganz aufmerksam seid, könnt ihr feststellen, wie sie auftauchen. Ihr könnt sicher ihr Verschwinden beobachten, denn das ist einfach. Das Auftauchen dagegen ist etwas schwerer zu erkennen. Aber ihr könnt keinen dieser Gedanken festhalten.

Unbeständigkeit und Besitzlosigkeit: Aber eigentlich wollt ihr all diese Gedanken gar nicht behalten, weil sie es nicht wert sind. Nur ganz wenige Gedanken sind etwas wert, weshalb soll man sie alle also festhalten? Warum soll man versuchen zu denken: «Das bin ich»? Warum nicht einsehen, dass es da nur ein natürliches Kommen und Gehen gibt? Und wie ist es mit dem Körper? Bin das wirklich ich? Zugrunde liegt ein natürliches Entstehen (durch Empfängnis) und ein natürliches Vergehen (durch den Tod). Ein Naturgesetz und eine universelle Tatsache, die unser Ego nicht wahrhaben will.

Ich-Bezogenheit oder Hochmut bedeutet nicht, dass wir allesamt eingebildete Menschen sind. Hochmut heißt lediglich, dass wir nicht erleuchtet sind. Nur Arahants sind frei von Ich-Bezogenheit. Wir betrachten uns selbst und die Welt von einem Ich-Standpunkt aus, und darum erscheinen andere Menschen und die Welt oft als so bedrohlich. Dieses Ich ist zerbrechlich und sehr verletzlich.

Alle jene Gedanken, die in unserer Meditation auftauchen, schenken uns Einsicht in uns selbst, in die Vergänglichkeit dieser Erscheinung von Körper und Geist. Wir sehen, dass wir nicht ihr Eigentümer sind. Wären wir wirklich die Besitzer unserer Gedanken, wären wir dann nicht lieber Besitzer von etwas Wertvollerem? Niemand legt Wert darauf, alten Krempel zu besitzen. Wir alle versuchen wertvolle Dinge zu besitzen. In der Meditation findet man heraus, dass Gedanken nichts Wertvolles sind.

Drittens können wir aus dieser Gedankenaktivität lernen, dass es sich hier um Dukkha handelt, um Unerfülltheit. Dukkha bedeutet nicht nur Leiden. Dukkha bedeutet auch Unbefriedigtsein, Unerfülltheit. Dieser viel umfassendere Begriff charakterisiert alles, was uns widerfahrt, sogar das Allerangenehmste – denn alles ist vergänglich. Das Unbefriedigende unseres Denkprozesses wird im Lauf der Meditation ganz deutlich, weil wir uns ja eigentlich sammeln wollen. Und dennoch sitzen wir da und denken.

Durch persönliche Erfahrung gewinnen wir Einsicht in die Vergänglichkeit, die Unerfülltheit und das Nicht-Selbst. Niemand kennt diese drei, solange er sie nicht selbst erfahren hat. Diese drei Wörter werden den meisten von euch geläufig sein. Doch wahrhaft begreifen könnt ihr sie nur durch direkte innere Erkenntnis. Obwohl wir sie in jedem einzelnen Moment erleben, schenken wir ihnen im Allgemeinen viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Wir sterben ja auch in jedem Augenblick, aber wir merken auch das nicht. Dazu ist große Achtsamkeit erforderlich, die wir durch den Meditationsprozess erlernen können. Schaut genau hin und entdeckt, welche Qualität der Unzulänglichkeit dem Denkprozesses innewohnt.

Wir alle können die Realität erfahren – können erfahren, wie die Dinge wirklich sind –, wenn wir unsere Achtsamkeit bis zu dem Punkt ausweiten, an dem wir sie tatsächlich zu erkennen vermögen. Wir können genau das erfahren, worüber der Buddha gesprochen hat, aber wir müssen voll und ganz erfassen, was es bedeutet. Es bringt nichts, dazusitzen und zu denken: «Hätte ich doch bloß keine Gedanken.» Oder: «Wie gern wäre ich gesammelt.» Oder: «Wenn es doch nicht so schwer wäre.» Oder: «Wenn doch mein rechtes Bein nicht so schmerzen würde.» Das sind Träume und Hoffnungen. Wenn wir den Dingen auf den Grund gehen wollen, können wir es uns nicht leisten, zu wünschen und zu hoffen.

Der Buddha hat gesagt, wir alle seien krank und das Dhamma sei das Heilmittel. Manchmal wurde er als der «Große Arzt» bezeichnet. Wie bei jeder anderen Arznei genügt es allerdings nicht, von ihr zu wissen oder nur den Beipackzettel zu lesen. Letzteres haben die Menschen nun schon viele tausend Jahre lang getan. Jetzt müssen wir aufhören, nur die Aufschrift zu lesen, und die Pille zu schlucken. Das fällt gar nicht so schwer, sobald uns klar ist, welchen Unterschied dies macht.

Wenn das Sitzen in ein und derselben Position unangenehme Empfindungen hervorruft, wird der Geist sofort Widerstand dagegensetzen. Sogleich sagt er: «Das mag ich nicht. So etwas Unangenehmes. Das schaff ich keine zehn Tage. Ich brauche einen Stuhl.» Oder: «Wie töricht, so zu sitzen.» Oder: «Das ist es doch gar nicht wert. Die ganze Meditation kann doch diese Mühsal nicht aufwiegen.» Oder was auch immer sonst uns der Geist zu erzählen versucht. Er kann uns viel erzählen. Er kann uns von jedem erdenklichen Gegenstand erzählen und diesen von allen Seiten betrachten. Eine beliebte Technik beleuchtet zuerst die Vorzüge einer Sache und dann ihre Nachteile. Jeder Geist kann das. Unser Geist kann alles mögliche plappern.

Sitzt nicht da und denkt: «Ich mag das nicht, in meinem rechten Bein, meinem Rücken, meinem Nacken» – oder wo auch immer – «spüre ich solch ein Unbehagen.» Nein. Nutzt jede aufkommende Empfindung als Mittel zur Einsicht. Empfinden ist die Grundlage unseres Lebens. Die Art, wie wir reagieren, entsteht durch den Kontakt, den unsere Sinne herstellen. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und berühren; und natürlich denken wir auch. Der Buddha hat das Denken als den sechsten Sinn bezeichnet, und auch wir reden manchmal bei bestimmten Gedanken vom sechsten Sinn. Wären wir etwa blind, würden wir die Welt auf eine andere Art erfahren. Wären wir taub, so wäre sie wiederum anders. Das Gleiche gilt für alle übrigen Sinne. Wenn aber all unsere Sinne in Ordnung sind, treten wir durch sie zur Welt in Kontakt, und daraus erwachsen Empfindungen. Daran ist nichts zu ändern. Diese Sinneskontakte finden unweigerlich statt. Auch ein Arahant hat Empfindungen, und zwar drei Arten: angenehme, unangenehme oder neutrale. Wir alle haben sie. Die neutralen werden uns nicht bewusst, weil wir nicht aufmerksam genug sind. Wir verfügen noch nicht über genügend Achtsamkeit. Ganz sicher nehmen wir aber die angenehmen Empfindungen und Gefühle wahr, schwelgen in ihnen und suchen nach Mitteln und Wegen, sie aufrechtzuerhalten. Die gesamte Weltwirtschaft ist darauf angelegt, angenehme Empfindungen zu wecken und die Menschen dahin zu bringen, dass sie mehr davon haben wollen. Würden alle dies ablehnen, wäre dies gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch weiter Teile der Wirtschaft. Angenehme Empfindungen werden durch warmes Wasser, Kühlschränke, Ventilatoren, verschiedenerlei Nahrungsmittel, bessere Matratzen und vieles mehr ausgelöst.

Jeder hat Empfindungen – angenehme, unangenehme und neutrale. Sie treten in rascher Folge auf. Die meisten Menschen versuchen ihr ganzes Leben lang, angenehme Empfindungen festzuhalten und die unangenehmen zu vermeiden. Sie kämpfen einen aussichtslosen Kampf. Niemand kann die angenehmen Gefühle festhalten. Niemand kann auf Dauer den unangenehmen entgehen. Mit fortschreitendem Alter nehmen die unangenehmen körperlichen Empfindungen zu, wie manche schon feststellen konnten. Niemand ist davon ausgenommen. Das ist ein Naturgesetz. Der Tod ist eine Gewissheit und sehr oft mit außerordentlich unangenehmen Empfindungen verknüpft. Aber diese unangenehmen Empfindungen beschränken sich keineswegs auf Alter und Tod. Selbst junge, kräftige Menschen haben unangenehme körperliche und emotionale Empfindungen.

Wenn es uns gelingt – und sei es auch nur für eine Meditationssitzung –, einmal stillzuhalten und hinzusehen, vor dem Unangenehmen nicht wegzulaufen und nicht nach dem Angenehmen zu trachten, werden wir sehr viel über uns selbst in Erfahrung bringen. Betrachten wir die unangenehmen Empfindungen, die bei den meisten Menschen während der Sitzungen auftreten, so ist dies eine Möglichkeit zu sehen, wie wir reagieren. Man möchte sich dieser unangenehmen Empfindungen entledigen. So kommt es zu einer spontanen, impulsiven Reaktion, und man bewegt sich, um sie möglichst schnell loszuwerden.

Im Alltag versuchen wir, uns solch unangenehmer Empfindungen dadurch zu entledigen, dass wir uns jene Menschen vom Leib halten, die sie in uns auslösen. Damit geben wir andern die Schuld, statt die Empfindung zu beobachten und uns zu sagen: «Nun ist sie also aufgetreten, sie wird kurz da sein und dann wieder verschwinden. Nichts bleibt, wie es war. Wenn ich sie genau genug beobachte, dann lasse ich Achtsamkeit walten, statt zu reagieren.»

Indem wir so reagieren, dass wir ständig das Angenehme aufrechtzuerhalten und das Unangenehme loszuwerden suchen, schaffen wir die Grundlage dafür, dass wir uns ständig zwischen Tod und Wiedergeburt bewegen. Denn uns fehlt die Richtung. Wir bewegen uns im Kreis – immer weiter. Es ist ein Karussell ohne Ausstieg. In einem nicht enden wollenden Kreislauf versuchen wir immer wieder, Angenehmes zu behalten und Unangenehmes loszuwerden. Dem können wir nur dadurch entrinnen, dass wir die Empfindungen beobachten, aber nicht reagieren. Wenn wir das in der Meditation lernen – und sei es auch nur für einen einzigen Augenblick –, dann können wir es im Alltag mit großem Gewinn wiederholen.

Jeder macht unangenehme Erfahrungen im Leben. Die Leute sagen Dinge, die wir nicht gerne hören. Manche tun auch Dinge, die uns nicht recht sind. Es gibt Menschen, die uns nicht schätzen, nicht mögen, nicht anerkennen. Andere verlassen uns, obwohl wir sie gerne bei uns hätten. Wieder andere bleiben, obwohl wir sie viel lieber los wären. Diese Dinge widerfahren jedem. Selbst der Buddha wurde geschmäht. Auch er hat Situationen erlebt, die unangenehme Empfindungen hervorriefen, aber nicht darauf reagiert.

Man gibt einfach nur auf die Empfindungen acht. Tritt also im Körper eine unangenehme Empfindung auf, weil wir ungewöhnlich lange stillsitzen, dann gebt nichts und niemandem die Schuld daran. Niemand ist schuld, dass Empfindungen auftreten. Es handelt sich schließlich nur um Empfindungen, die auftauchen und wieder verschwinden. Beobachtet und erkennt die Empfindung. Solange ihr nicht in der Lage seid, unangenehme Empfindungen mit Abstand zu betrachten werdet ihr überhaupt nichts ändern können. Irgendwann einmal müsst ihr das einfach fertigbringen. Im Idealfall weiß man, dass die unangenehmen Empfindungen lediglich Empfindungen sind, nichts weiter. Diese Empfindungen treten ungebeten auf, und deshalb brauchen wir sie nicht als die unsrigen zu betrachten. Wir haben nicht um sie gebeten. Warum meinen wir dann, dass sie zu uns gehören?

Solange wir nicht wirklich erkennen, was in unserem Geist vorgeht, wenn diese Empfindungen auftreten, werden wir immer wieder in unsere lange eingeschliffenen, gewohnheitsmäßigen Muster verfallen. Was wir fortwährend denken und worauf wir immer und immer wieder reagieren, das hinterlässt Prägungen im Geist. Im Geist geschieht das Gleiche, wie wenn auf einer verschlammten Straße ein vor und zurück fahrendes Auto immer tiefere Fahrrinnen verursacht. Die Rinnen werden tiefer und tiefer, bis sie schließlich so tief sind, dass das Herauskommen aus der Fahrrinne und ein weiteres Vorankommen unmöglich scheint.

Dies ist genau die richtige Situation, eine echte Gelegenheit, unsere Reaktion auf unangenehme Empfindungen zu beobachten. Bitte keine Rationalisierung: «Das ist schlecht für mich, für meinen Kreislauf, ich sollte das nicht tun, sagt mein Arzt immer.» Nichts dergleichen. Es kommt hier lediglich darauf an, den Geist bei seinen Reaktionen zu beobachten. Der Geist ist ein schlauer Manipulationskünstler. Er kann wirklich alles. Wir nennen ihn einen Magier, und das ist eine treffende Bezeichnung. Unser Geist kann aus jedem Hut ein Kaninchen ziehen. Er kann alles so hinstellen, als ob alle anderen unrecht hätten und nur wir die Gescheiten seien.

Das müssen wir durch die Meditation lernen: Man kann unmöglich immer recht haben. Meist verteidigen wir lediglich einen Standpunkt, der auf unserem Ego basiert. Aufgrund dieses Ego, dieser Ich-Täuschung, sind alle unsere Standpunkte, all unsere Meinungen, von diesem Ich beeinflusst, ja entstellt. Das kann gar nicht anders sein. Hat die Fensterscheibe einen rötlichen Farbton, dann sieht draußen alles rot aus.

Wenn wir unseren Geist und seine Reaktionen nach und nach durch den meditativen Prozess kennenlernen, können wir akzeptieren, dass, während wir etwas denken, vier Milliarden andere Menschen etwas anderes denken. Ist es dann möglich, dass ausgerechnet wir das Richtige denken und die vier Milliarden das Falsche? Wir verteidigen einen Gesichtspunkt, der manchmal gültig sein mag – aber nur dann, wenn es um uns geht. Als Einziger voll und ganz richtig denkt ein Arahant, weil er nicht die Illusion eines Ego hat.

Dies sind mögliche Schritte, um dann Einsicht zu gewinnen, wenn wir nicht beim Atem verweilen, sondern wenn der Geist auf Eindrücke und Empfindungen reagiert. Jeder Augenblick kann dazu dienen, Einsicht zu erlangen, und daraus erwächst Ruhe. Ein bisschen Einsicht schafft ein bisschen Ruhe. Sehen wir ein, dass wir unseren Gedanken keine Aufmerksamkeit zu schenken brauchen, wird es leichter, sie einfach loszulassen. Erkennen wir, dass wir auf Empfindungen nicht unbedingt reagieren müssen, können wir diese Reaktion viel leichter vermeiden. Ein wenig Ruhe schafft auch ein wenig Einsicht. Beides sollten wir nutzen.

Die Lehre des Buddha schwimmt nicht mit dem Strom unserer Instinkte und ist deshalb nicht leicht zu verstehen. Ein Geist, der sie begreifen kann, ist ein geschulter Geist. Der durchschnittliche Geist diskutiert lieber über sie. Das ist aber nur eine Art Zeitvertreib, ohne jedes Resultat. Um wirklich in uns zu erfahren, worüber der Buddha gesprochen hat, benötigen wir einen Geist, der überdurchschnittlich ruhig und gesammelt ist. Er muss erkannt haben, dass er nichts anderes ist als eine Erscheinung, die entsteht und vergeht.

All dies kann geschehen, während wir dasitzen und unseren Atem beobachten.

Ruhe und Einsicht. Einsicht ist das Ziel, Ruhe das Mittel dazu. Solange im Geist keine Ruhe eingekehrt ist, wird er durch Wellen von Vorlieben und Abneigungen in Bewegung gehalten. Diese Wellen trüben unsere Sicht. In einem See, in dem Wellen emporsteigen, kann man sein Spiegelbild nicht erkennen. Dazu muss das Wasser ruhig und sanft sein. Ebenso muss auch der Geist ruhig sein, damit wir zu klarer und gründlicher Einsicht fähig sind.

Die Gehmeditation führt in die gleiche Richtung. Indem wir wirklich achtsam werden, kehrt Ruhe ein. Setzt der Denkprozess ein, so nutzen wir ihn, um in Erfahrung zu bringen, was in unserem Geist vorgeht.

Das Etikettieren ist ebenfalls eine Möglichkeit, zu erfahren, was der Geist tut. Sind wir dazu während der Meditation imstande, dann sind wir es auch im Alltag. Jeder gutwillige Mensch wird einen Gedanken, der das Etikett Gier oder Hass erhält, sofort fallen lassen. Das ist der Weg zur Läuterung. Die Geistesruhe ist auf diese Läuterung angewiesen. Zu Läuterung kommt es auch durch Einsicht, durch Selbsterkenntnis. Durch das Etikettieren wird deutlich, was im Geist vor sich geht. In der Meditation müssen wir alle Etiketten und Gedanken loslassen, im Alltag die nutzlosen und unzuträglichen Gedanken. Lernen wir das, kann die Läuterung vonstatten gehen. Der Weg der Läuterung führt zur Beendigung allen Leidens.

4
Vier Freunde

In unserem Herzen haben wir vier Freunde, die darauf warten, dass sie uns zu Diensten sein dürfen. Allerdings haben wir auch fünf Feinde, die darauf lauern, jeden Moment loszustürmen. Sie rasten nie2. Das Problem ist, dass wir nicht genügend Eifer aufbringen, die Feinde hinauszuwerfen und die Freunde zu bestärken. Die Freunde zu bestärken ist das natürliche und sinnvolle Verhalten. Leider fehlt es dem Geist der Menschen an der nötigen Klarheit, das zu erkennen.

Unsere Freunde sind die vier göttlichen Eigenschaften: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Nach diesen Eigenschaften sollten wir in unserem Herzen suchen. Stellen wir fest, dass es uns daran mangelt, und erkennen wir den Schaden, den dieser Mangel anrichtet, dann unternehmen wir etwas, um diese Eigenschaften zu entwickeln.

Liebende Güte

Wörter sind gefährlich. Sie vermitteln uns die Illusion von Sicherheit. Wir werden mit Worten gefüttert, aber sie sind lediglich Gedanken, nicht die Wirklichkeit. Stellt euch einen Fluss vor: Das Wort «Fluss» kann die Tatsache, dass Wasser fließt, nicht zum Ausdruck bringen. Das Wort «Fluss» ist statisch. Die elementare Eigenschaft eines Flusses ist das Dahinströmen. Liebende Güte kann nur dem Herzen entströmen. Bloß in ein Wort eingebettet, ist sie wertlos. Um diese Herzensgüte tatsächlich zu kennen, muss man sie erfahren. Eine Beschreibung genügt nicht. Nennt ihr einem kleinen Kind das Wort «Fluss», so wird es nicht wissen, was ihr meint. Legt ihr aber die Hand dieses Kindes in dahinströmendes Wasser, dann weiß es, was ein Fluss ist – ob es nun das Wort kennt oder nicht.

Das Gleiche gilt für die Liebende Güte. Der Ausdruck an sich ist bedeutungslos. Erst wenn ihr spürt, wie sie eurem Herzen entströmt, werdet ihr wissen, worüber der Buddha in so vielen Lehrreden sprach. Das Leben kann nur mit Herz und Geist voll und ganz gelebt werden. Wer nur mit dem Herzen lebt, wird sentimental, ein überaus verbreiteter Fehler, der nicht allein dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, allerdings hier besonders stark vertreten ist. Sentimentalität bedeutet, jedem Impuls nachzugeben. Das geht nicht. Der Geist hat ebenfalls seine Berechtigung. Man muss auch begreifen, was geschieht. Das Begreifen allein kann dazu führen, dass man sich intellektuell sehr weit entwickelt, jedoch das Herz nicht mitspielt. Herz und Geist müssen sozusagen Hand in Hand gehen. Wir müssen auch unsere Emotionen verstehen und positiven Gebrauch von ihnen machen – von Emotionen, die Erfüllung bringen und dem Herzen ein Gefühl von Frieden und Harmonie vermitteln.

Liebende Güte oder Liebe – je nachdem, welches Wort euch mehr bedeutet – ist keine Emotion, die abhängig ist von der Gegenwart eines geliebten Menschen, eines Familienmitglieds etwa, oder von der Liebenswürdigkeit eines Menschen. Solche Denkweisen oder instinktiven Reaktionen haben mit dieser Art von Liebe nichts zu tun. So kann im Grunde jeder reagieren. Es ist nicht besonders schwierig, die eigenen Kinder zu lieben. Das schaffen die meisten Menschen. Die Eltern zu lieben ist ebenfalls nicht so schrecklich schwierig. Manche Menschen tun sich zwar selbst damit schwer, aber die meisten sind imstande, die Eltern zu lieben. Das ist jedoch nicht die Bedeutung von Mettā oder Liebender Güte.

Spricht der Buddha von Liebender Güte, dann spricht er über eine Eigenschaft des Herzens, die zwischen allen Lebewesen keinerlei Unterschied macht. Als höchstes Bestreben empfiehlt er in seiner Lehrrede über die Herzensgüte, alle Wesen so zu lieben, wie eine Mutter ihr Kind liebt. Wer von euch Kinder hat, kennt den Unterschied genau: Wie empfindet ihr – im Vergleich zu anderen Menschen – euren Kindern gegenüber? Darin besteht unsere Aufgabe: Solange wir nicht so weit geläutert sind, dass wir alle Wesen so betrachten, als seien sie unsere eigenen Kinder, haben wir nicht die Bedeutung von Liebender Güte begriffen.

Wenn ihr ein kleines Kind vom Fahrrad fallen und weinen seht, wird es euch ganz natürlich erscheinen, es hochzuheben und zu trösten. Das ist Herzensgüte, die uns nicht besonders schwer fällt. Die Schwierigkeit liegt darin, dieses Gefühl jedem entgegenzubringen, obwohl die meisten Menschen eigentlich nicht so furchtbar liebenswert sind. Niemand von uns ist absolut liebenswert. Nur ein Arahant ist es. Wenn wir jedoch selbst gar nicht so liebenswert sind, weshalb erwarten wir das dann von anderen? Warum nur machen wir so einen Unterschied zwischen denen, die wir zu lieben bereit sind, und den anderen? Wir bilden uns ein, dass wir jene, die sich nicht so verhalten, wie es uns richtig scheint, auch nicht zu lieben brauchen. Aber niemand handelt immer richtig. Davon sind wir selbst nicht ausgenommen. Wenn man nur einen Moment überlegt, muss man zugeben, dass wir alle Fehler machen. Zwar kenne ich euer Leben nicht, dennoch bin ich davon überzeugt, wenn ich mir nur mein eigenes Leben anschaue. Jeder macht Fehler. Warum also erwarten wir von anderen, dass sie vollkommen sind, wenn wir es selbst doch auch nicht sein können?

Es gibt sozusagen drei Stufen von Liebender Güte. Die erste können wir Wohlwollen nennen. Wir verfügen über Wohlwollen füreinander. Es ist die Grundvoraussetzung für ein Zusammenleben. Hätten wir dieses Wohlwollen nicht, könnten wir nicht einmal miteinander meditieren. Wir würden aufstehen und umhergehen. Wir würden Krach machen, wenn alle ruhig sind. Kein Land könnte existieren, brächten seine Bewohner einander kein Wohlwollen entgegen. Habt ihr jemals bedacht, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind? Wir sind auf den Milchmann angewiesen, den Gemüseverkäufer, den Reisbauern und auf unsere Gemeinde, die uns mit Wasser versorgt. Wir sind auf das Wohlwollen unserer Nachbarn angewiesen. Weil dieses Wohlwollen für unser Überleben unerlässlich ist, verfügen die meisten Menschen darüber. Ginge es in die Brüche, hätten wir Chaos.

Den nächsten Grad von Liebender Güte können wir als Freundschaft bezeichnen. Einer gewissen Gruppe von Menschen gegenüber hegen wir freundliche Gefühle. Das sind unsere Freunde, vielleicht die Nachbarn; jedenfalls handelt es sich um Menschen, die uns gefallen. Freundlichkeit ist zwar ein Schritt zu liebender Güte hin, wirkliche Herzensgüte ist dies jedoch noch nicht. Sie ist eine Herzlichkeit, durch die wir die Zuneigung anderer Menschen gewinnen. Aber in sich trägt sie den Intimfeind der Liebe, die Zuneigung. Zwar halten wir Zuneigung für etwas Positives, doch sie beinhaltet Anhaftung. Anhaftung an unsere Freunde und Gefährten, an diejenigen, die uns helfen und mit uns zusammenleben. Dieses Anhaften ruft Hass hervor. Nicht den Menschen gegenüber, an denen wir hängen, sondern dem Gedanken gegenüber, dass wir sie verlieren könnten. Angst kommt ins Spiel. Und wir haben nur Angst vor dem, was wir hassen. Darum geht der Liebe ihre Reinheit verloren. Anhaftung verunreinigt die Liebe und macht sie darum unbefriedigend. Sie kann so keine restlose Erfüllung bringen. Genau das geschieht innerhalb der Familien. Deshalb gibt es bei dieser Art von Liebe so viel Unzufriedenheit.

Die Liebe, die man für seine Familie empfindet, kann man als Grundlage für die Erfahrung von Liebender Güte nutzen. Dann kann man sie weiter entwickeln und wachsen lassen. Erst dadurch erhält die Liebe zur Familie ihren tieferen Sinn. Andernfalls kann sie – wie so häufig zu beobachten – zu einem Wechselbad der Gefühle werden, vergleichbar mit einem unter Druck stehenden Wasserkessel. Die Liebesempfindung für die Familie müssen wir nutzen, um jene wahre Herzensgüte zu entwickeln, die nicht auf solchen Voraussetzungen fußt wie: «Mein Mann, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter, mein Onkel, meine Tante, meine Mutter, mein Vater». Hier geht es uns noch um «ich» und «mein». Bevor wir darüber nicht hinaus- und zu bedingungsloser Liebe hingelangen, hat die Liebe zur Familie ihren wahren Zweck nicht erfüllt. Sie hat dann lediglich zur Stärkung des Ego und zum Überleben gedient. Am Leben zu bleiben ist ein aussichtsloses Unterfangen, daher sollten wir keine Energie darauf verschwenden. Atombombe hin oder her: Überleben werden wir auf keinen Fall. Es gibt nur einen einzigen Ort, wo wir alle hingehen, wo wir uns alle wiedertreffen.

In unseren Freundschaften haben wir die gleichen Schwierigkeiten mit dem Anhaften. Wir hängen an unseren Freunden. Wir wollen sie nicht verlieren. Wir behandeln sie gut, damit sie unsere Freunde bleiben. Sind sie nicht ebenfalls nett zu uns, beginnen wir umgehend zu überlegen, ob wir mit ihnen befreundet bleiben sollten. Wir wollen, dass man uns die gleiche Freundschaft erwidert, die gleiche Rücksichtnahme und Fürsorge. Es wird zu einem Geschäft: Ich gebe etwas und will dafür einen guten Gegenwert haben. Die meisten Menschen machen dies mit solcher Selbstverständlichkeit, dass wir noch nicht einmal darüber nachdenken. So verfahren wir mit unseren Freunden, aber auch mit denen, die wir innig zu lieben glauben. Erwidern sie unsere Liebe nicht, fühlen wir uns verwaist, verzweifelt und deprimiert. Verlässt uns jemand, dann scheint die Liebe dahin zu sein. Ist es nicht widersinnig, dass Liebe auf eine, zwei oder drei Personen eingeschränkt sein soll?

Die Liebe kann nicht im menschlichen Körper stecken. Ein Mensch ist lediglich ein mit Haut überzogener Sack voll Knochen (siehe Seite 77). Wie kann die Liebe darin eingebettet sein? Und doch handeln alle großen Tragödien davon. Romeo und Julia und Vom Winde verweht sind Dramen, in denen man auseinandergeht oder durch den Tod getrennt wird. Menschen müssen zwangsläufig Abschied nehmen – sei es auf Grund eines Sinneswandels oder sich ändernder Gefühle oder sei es durch den Tod. Ob sie das tun sollten oder nicht, ist nicht die Frage. Diese lautet: Wie kann Liebe auf ein oder zwei derartige Personen eingeschränkt sein?

Liebe ist in eine Empfindung eingebettet. Hat man die Liebe zur Familie nicht genutzt, um dieses Empfinden zu erweitern, wird man zwangsläufig eine traumatische Erfahrung durchleben, wenn sich aus irgendeinem Grund diese Verbundenheit auflöst. Der eigentliche Sinn der Liebe zur Familie liegt darin, die Liebesempfindung kennenzulernen und dann mit ihr zu arbeiten.

Diese Arbeit beschränkt sich nicht auf einen zehntägigen Meditationskurs und auch nicht darauf, dass man die Lehrrede über die Liebende Güte rezitativ singt. Weder den Geist noch das Herz kann man an- und ausschalten wie einen Lichtschalter. Sie benötigen systematische Übung in Geduld und Entschlossenheit.

Das Herz muss geübt werden, weil es nicht über die natürliche Anlage verfügt, stets nur Güte zu empfinden. Von Natur aus ist Liebe wie auch Hass in ihm. Es trägt Widerwillen, Ablehnung, Groll und Angst in sich – und auch Liebesfähigkeit. Solange wir aber im Alltag nichts unternehmen, die Liebe zu mehren und den Hass zu vermindern, haben wir keine Chance, dieses friedvolle Gefühl der Liebenden Güte zu erfahren.

Wenn man Liebe im Herzen hat – bedingungslose Liebe für andere –, verleiht dies dem Herzen Sicherheit. Man weiß, wie man reagiert. Man kann sich auf sich selbst verlassen. Man ist absolut zuverlässig und hat keine Angst. Man weiß, dass man so geübt ist, dass keine Reaktion von Hass, Zorn und ähnlichem mehr den Frieden bedrohen kann. Das ist das hervorstechendste Resultat, wenn man Liebende Güte im Herzen entwickelt hat.

Besonders dann ist es wichtig, diese Liebe entwickelt zu haben, wenn wir jemandem gegenüberstehen, der überhaupt nicht liebenswert ist. Bei dieser Gelegenheit können wir wirklich an der Umwandlung von Herz und Geist arbeiten. Dann sind wir nämlich dazu gezwungen. Die meisten kennen jemanden, den zu lieben schwerfällt. Dafür sollten wir dankbar sein. Im Rückblick kann man leicht dankbar sein. Doch im Augenblick der Konfrontation kommen all die negativen Seiten empor: Abneigung, Hass, die Rechtfertigung für unsere Abneigung und unseren Hass, Rationalisierung und Zorn. Liebevoll sollten wir gerade dann sein, wenn all diese negativen Gefühle uns überkommen. Das ist der beste Augenblick dafür.

Es ist jammerschade, wenn man solch eine Gelegenheit hat und sie ungenutzt lässt. Habt ihr gerade jetzt niemanden, der nicht liebenswert ist, dann sucht euch jemanden. Jeder Mensch gibt euch Gelegenheit, liebevoll zu sein, egal, was er oder sie ist, tut oder glaubt. Dabei spielt es keine Rolle, was die Betreffenden sagen; ob sie euch gegenüber Interesse zeigen oder ob sie sich als liebenswert erweisen oder nicht. Das alles zählt nicht. Was allein zählt, ist das eigene Herz, und das sollte man stets im Sinn behalten. Wird mein Herz liebevoll und offen, kann ich bewirken, dass es keinen Zorn und keinen Groll hegt, dann bin ich auf dem Weg des Dhamma einen großen Schritt weitergekommen. Das Dhamma will verstanden, verdaut und gelebt werden.

Uns allen bietet sich die Gelegenheit, an unseren Reaktionen auf andere zu arbeiten. Jeder begegnet dauernd anderen Menschen, und immer wieder gibt es dabei unterschiedliche Auffassungen. Wenn man seinen Mund hält und gar nichts sagt, so erwächst daraus keine Liebende Güte. Daraus erwachsen lediglich Groll, Verdrängung und Sorge. Oder es kann aus solchem Verhalten auch Gleichgültigkeit resultieren. Nichts davon ist hilfreich oder läutert uns. Der große Erfolg, dass wir zuverlässig sind und Selbstgewissheit haben, kann sich nur einstellen, wenn wir sicher sind, dass wir stets aus der ganzen Fülle unseres Herzens reagieren.

Der Buddha hat von elf Wohltaten gesprochen, die aus der Herzensgüte erwachsen. Die ersten drei sind: «Man schläft beglückt ein, hat keine schlimmen Träume und wacht beglückt auf.» Wenn jemand nur schwer einschlafen kann, ist das ein sicheres Zeichen für fehlende Herzensgüte. Schlaftabletten können da keine Abhilfe schaffen. Liebende Güte kann das. Dann wird das Unbewusste nicht länger unliebsam reagieren, und die schlimmen Träume und die Angstgefühle hören auf, und man erwacht mit demselben Gefühl, das man beim Einschlafen hatte – mit denselben liebevollen Gedanken an alle Wesen, die man auch schon am Vortag gehabt hat.

Es ist hilfreich, abends Bilanz zu ziehen. Das kann in Gedanken oder schriftlich, falls dies eurer Neigung entspricht, geschehen. Zieht Bilanz: «Wie oft war ich heute anderen Menschen gegenüber liebevoll?» Auf die andere Seite gehört: «Wie oft habe ich heute beim Zusammentreffen mit anderen Menschen Zorn, Verletztheit, Groll, Ablehnung, Furcht und Angst empfunden?» Dann zieht Vergleiche und nehmt euch vor, Änderungen vorzunehmen, wo ein Mangel herrscht. Jeder gute Ladenbesitzer zieht abends Bilanz, und falls sein Angebot bei den Kunden nicht gut ankommt, wird er es ändern.

Es handelt sich um eine Fertigkeit, die man erwerben kann, nicht um angeborenes Talent oder den Mangel daran. Die Fertigkeit besteht darin, sich so lange zu ändern, bis alle Verunreinigung beseitigt ist. Das besagt nicht, die anderen seien ganz und gar liebenswert. Sonst würden sie sich in den lichteren Gefilden aufhalten und wären nicht hier unten. Wir befinden uns auf der fünften Bewusstseinsebene von unten in einem Kosmos mit 31 Bewusstseinsebenen. Wenn wir uns auf der fünften Ebene aufhalten und es 31 Ebenen gibt – was kann man da erwarten?

Allerdings gibt es auf dieser Ebene viel zu lernen, und das ist ihr Daseinszweck. Sie ist eine Schule für Erwachsene, ohne Pause. Darin liegt die Bestimmung dieses menschlichen Daseins, nicht in Komfort, Reichtum, Wohlstand und Besitztümern; auch nicht in Ruhm oder in Weltverbesserung. Menschen haben vielerlei Vorstellungen. Doch das Leben ist die Schule für Erwachsene, und das Wichtigste, was wir dort lernen können, ist: Wir sollten unser Herz entfalten und es wachsen lassen. Es gibt nichts Wichtigeres zu lernen. Das ist so, als sei in einem Garten ein wunderschöner Rosenstrauch von Unkraut umwuchert. Dadurch werden ihm die Nährstoffe entzogen, und er kann nicht blühen. Niemand kann sich an seinen Blüten und seinem Duft erfreuen. Schließlich wird das Unkraut die Rosen ersticken. Das Gleiche geschieht in unserem Herzen. Der Rosenstrauch ist die Liebende Güte, die in ihm wächst. Schneiden wir das Unkraut nicht zurück, sondern lassen es weiterwuchern, wird die Herzensgüte völlig erstickt werden. Das Unkraut ist der Ärger und alle damit zusammenhängenden Emotionen.

Die meisten Menschen suchen jemanden, der sie liebt. Manche finden jemanden und sind sogar manchmal in der Lage, die Liebe zu erwidern. Aber einige haben kein Glück und finden niemanden. Sie werden verbittert und sind voller Groll. Tatsächlich funktioniert es jedoch genau andersherum: Sind wir liebevoll, so gibt es unzählige Menschen, die alle geliebt werden wollen. Wenn jemand uns liebt, bedeutet das nicht, dass wir auch lieben. Der andere empfindet Liebe. Wir empfinden sie nicht. Was wir empfinden, ist Dankbarkeit, dass uns jemand liebenswert findet. Dabei handelt es sich wieder um eine Ich-Bestärkung. Andere zu lieben verkleinert das Ego.

Je mehr Liebe wir zu geben vermögen, desto mehr Menschen können wir in sie einschließen und über desto mehr Liebe verfügen wir. Je mehr Liebe wir hervorbringen, desto mehr tragen wir in uns. Das ist eine ganz einfache Gleichung, doch nur wenige Menschen sehen das so. Alle suchen nur nach noch mehr Menschen, die ihnen Liebe schenken. Das ist widersinnig. Aber in unserem Leben gibt es so viele Absurditäten.

Das entspricht einer anderen der elf Wohltaten, von denen der Buddha gesprochen hat: «Man wird von menschlichen und nichtmenschlichen Wesen geliebt.» Dehnen wir unsere Liebe auf andere aus, fühlen sie sich von uns angezogen. Es herrscht kein Mangel an Menschen, die uns lieben. Wir lieben sie nicht deshalb, weil wir ihnen etwas geben wollen, nicht, weil sie es brauchen; nicht, weil sie es wert sind, sondern einzig und allein weil unser Herz geschult ist, nichts anderes zu tun. Nehmen wir an, ihr seid im Rechnen geübt. Gibt man euch eine Reihe von Zahlen vor, werdet ihr sie addieren können. Wie sonst könntet ihr das Resultat herausfinden? Euer Geist wurde dementsprechend geschult. Wurde das Herz geschult, dann wird es Liebe ausströmen, gleichgültig was passiert.

«Die Devas beschützen uns.» Devas sind Wesen von anderen Daseinsebenen, Schutzengel. Jemand, der seine Liebe auf andere ausdehnt, wird beschützt. Manch einer wird dagegenhalten: «Behandeln dich andere schlecht und du reagierst mit Liebender Güte, dann werden sie dich für einen Weichling halten und dich übervorteilen.» Tun sie das – und das ist wahrscheinlich, weil Menschen nun mal so veranlagt sind –, dann führt das zu schlechtem Karma. Aber ein gütiger Mensch kann niemals verlieren. Wie könntet ihr die Liebe verlieren, die ihr im Herzen tragt? Übervorteilt euch jemand, dann ist das wieder ein Augenblick, in dem sich erweist, was euer Herz gelernt hat. Empfindet ihr Groll, oder könnt ihr dem Betreffenden tatsächlich liebevoll und mit Herzensgüte begegnen? Wir können überprüfen, ob wir unsere Arbeit getan haben oder nicht. Natürlich schließt Liebe die Rücksichtnahme auf die Rechte der anderen ein. Einem Menschen, der andere übervorteilt, mangelt es an Liebe. Die Angst, Nachgiebigkeit zu zeigen, ist ein Trugschluss, weil Liebe Kraft gibt und nicht schwächt. Jemand, der von Liebender Güte erfüllt ist, fühlt sich sicher und beschützt, vollkommen unbeschwert, weil nichts und niemand ihn erschüttern kann. Liebe macht stark, nicht schwach. Ist sie jedoch mit Leidenschaft verknüpft – oft wird fälschlich angenommen, dies müsse der Fall sein –, dann schwächt sie, weil sie Abhängigkeit erzeugt. Nur wenn man sie im eigenen Herzen empfindet und sie dort entwickelt hat, wird sie ein Fels in der Brandung sein. Der Schutz, der einem dann zuteil wird, beruht auf der eigenen Lauterkeit.

«Der Geist ist schnell gesammelt.» Dies ist eine andere der elf Wohltaten, die durch Liebende Güte entstehen. Aus diesem Grund beginnen wir jede Meditationssitzung mit liebevollen Gedanken an uns selbst. Der Geist kann sich nicht sammeln, ohne die drei Grundlagen geschaffen zu haben: Gebefreudigkeit, ethisches Verhalten und Liebende Güte. Das sind die drei Säulen der Meditation, auf sie stützt sich die Meditationspraxis. Damit wir uns sammeln können, ist es absolut unverzichtbar, Herzensgüte zu empfinden. Denn sie ruft im Geist Ruhe und Frieden hervor. Mangelt es daran, so können uns zusätzliche Herzensgüte-Meditationen bei Beginn jeder Sitzung helfen, diese Liebende Güte zu entwickeln.

Liebt man sich nicht, kann man unmöglich andere lieben. Sich selbst zu lieben heißt aber nicht, sich zu verwöhnen. Es bedeutet nicht, dass man es ununterbrochen sehr bequem haben muss, keine Mücken duldet und immer nur das essen will, was man gewohnt ist. Das ist Verzärtelung und keine Liebe. Das ist Dummheit. Die Liebe, die eine Mutter für ihr Kind empfindet, ist von Weisheit durchdrungen. Verwöhnt sie das Kind, wird es später teuer dafür zahlen müssen und die Mutter ebenfalls. Eine wirklich liebende Mutter wird ihr Kind nicht verwöhnen. Sie wird es mit Liebe und Weisheit erziehen und – aus Liebe – verlangen, dass es sich an gewisse Verhaltensrichtlinien hält. So müssen wir auch mit uns verfahren. Wir müssen einige Verhaltensregeln beachten, weil wir uns selbst lieben. Zu einem Meditationskurs kommen und die Sitzungen bis zum Schluss mitmachen – das ist sich selbst lieben.

Die Sammlung, die jeder Meditierende erreichen möchte, beruht wirklich auf Liebender Güte. Ebenso beruht sie auf Übung. Wo es an Übung fehlt, kann stattdessen jedoch Herzensgüte diese Sammlung ermöglichen.

«Man hat ein strahlendes Aussehen.» Das bedeutet, man hat einen liebenswürdigen Gesichtsausdruck. Das bringt weit mehr für unser gutes Aussehen, als alle Kosmetik die man in der Drogerie kaufen kann. Wer sich wünscht, schön wiedergeboren zu werden, braucht diese Zutat. Ein junger Mensch kann gut aussehen, ohne dass viel Schönheit in ihm ist. Ist man aufmerksam, kann man jedoch oft auch die wirkliche Schönheit eines Menschen erkennen. Der Buddha hat auf manche Menschen so großen Eindruck gemacht, dass sie ihm gefolgt sind und seine Schüler wurden, nachdem er nur einmal an ihnen vorbeigegangen war. Rahula, des Buddhas Sohn, war einmal stolz darauf, dass er so schön wie sein Vater aussah. Sofort wies der Buddha ihn zurecht, indem er sagte: «Jegliche Erscheinungsform sollte man folgendermaßen betrachten: Das gehört nicht mir, das bin nicht ich, das hat keine Substanz.»

Eine andere der elf Wohltaten ist: «Feuer, Gift und Pfeile werden einen nicht verletzen.» Heutzutage benutzen die Menschen kaum noch Pfeile, statt dessen benutzen sie Pistolen oder Knüppel. Feuer und Gift finden aber immer noch Verwendung. Hier ist nicht unbedingt gemeint, dass man unüberwindlich wird, sondern dass Menschen mit viel Herzensgüte sich normalerweise nicht mehr in derartigen Situationen wiederfinden. Geschieht es dennoch, dann ist ihr Herz davon nicht betroffen. Vielleicht ihre Besitztümer, doch nicht ihr Herz. Im Herzen ist man unüberwindlich, weil man nicht mehr hassen kann.

«Man stirbt nicht in Verwirrung.» Wir alle werden sterben. Der Augenblick des Todes ist bedeutsam, weil er der Moment der Wiedergeburt ist. Eigentlich ist er unser Geburtstag. Alle reden vom Tod als von etwas Traurigem, das von Kummer erfüllt ist. Wird der Tod bewusst erfahren, mit Gewahrsein und voller Herzensgüte, dann ist er ein guter Geburtstag. So ist das, falls man kein Arahant ist. Unsere gewohnheitsmäßige Art zu denken und zu fühlen wird uns bis ans Lebensende, bis zum Augenblick des Todes begleiten. Das gewohnte Denkmuster kann nicht plötzlich verändert werden. War es von Liebender Güte geprägt, dann werden Gewahrsein, keine Angst, Frieden und Sicherheit im Herzen sein. Der Augenblick des Todes muss ein gewinnbringender Moment sein, weil er der Beginn eines ganz neuen Lebens ist.

Entwickeln wir diese Herzensgüte, dann ist das von großem Nutzen. Jemand hat mal – völlig zu Recht – gesagt: «Das ist ein Egotrip.» Stimmt. Solange wir über ein Ich verfügen, ist jeder Trip ein Egotrip. Zumindest führt dieser Trip aber in die richtige Richtung. Diese Reise bringt uns zum letztlichen Ziel – der Ego-Losigkeit. Denn je mehr Liebende Güte im Herzen ist, desto weniger Ich. Nimmt man andere Menschen in sein Herz auf, dann muss das Ich Platz machen. Natürlich profitieren die anderen davon, aber das ist eine sekundäre Überlegung. Der Einzige, den wir zur Befreiung führen können, sind wir selbst. Jeder muss diesen Weg allein gehen. Aber jeder, der mitgehen will, ist willkommen.

Mitgefühl

Unser zweiter Freund ist das Mitgefühl (Karuna). Dessen Widersacher ist die Grausamkeit. Sein naher Feind ist das Mitleid. Mitleid wird als naher Feind bezeichnet, weil es dem Mitgefühl so ähnlich zu sein scheint. Es kommt ihm sehr nahe, und dennoch ist Mitleid ein Feind. Mitleid empfinden wir für jemanden, Mitgefühl empfinden wir mit jemandem. Mitgefühl bezeichnet ein Sich-Einfühlen, mit einem anderen Wesen empfinden.

Mitgefühl entsteht, wenn wir das Leid, die Unzulänglichkeit in uns erkennen. Erst das befähigt uns, mit anderen zu fühlen. Andernfalls ist man noch immer der Illusion erlegen, mit einem selbst sei alles in Ordnung und nur den anderen Menschen ergehe es schlecht. Sieht man jedoch ganz klar all die Unzulänglichkeiten immer wieder bei sich selbst auftreten – Zu- und Abneigung, Bedauern und Groll, Angst und Sorgen, Spannungen –, dann weiß man, dass wir alle denselben Dingen ausgesetzt sind. Hat dann jemand eine schwere Zeit, kann man mitfühlen, weil man um die eigenen Probleme weiß.

Mitgefühl ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für die Liebe. Können wir echtes Gefühl für einen anderen entwickeln und spüren, wie schwierig seine momentane Lage sein muss, dann ist es nicht mehr weit bis zur Herzensgüte.

Wiederum aber dürfen wir keinen Unterschied zwischen den Menschen machen, was wir zumeist tun. Normalerweise können wir für jene Menschen Mitgefühl aufbringen, denen wir uns durch Gemeinsamkeiten verbunden fühlen. Sie mögen zur gleichen Gruppe, zur gleichen Region, zum gleichen Land, zur gleichen Nachbarschaft oder zum gleichen Club gehören – etwas, woran uns gelegen ist, etwas, das wir «mein» nennen, das also unserer Wahl entspricht. Diese Wahl, die wir treffen, trennt uns voneinander, und wo immer wir hingehen, wird diese Trennung vorhanden sein. Das ruft all die Zwietracht zwischen den Menschen hervor.

Unser Getrenntsein voneinander beruht auf unserer Vorstellung von einem Ich. Das bin ich, und ich muss mich schützen und verteidigen. Das Ich fühlt sich so oft bedroht, dass man dieses Ich gar nicht richtig kennt. Wir wissen nicht, was dieses Ich eigentlich ist. Wir nehmen bloß seine Bedrohung und die damit verbundene Angst wahr. Wenn Angst da ist, gibt es kein Mitgefühl, denn Angst gründet auf Hass. Wir fürchten nur, was wir nicht mögen. Was wir lieben, das fürchten wir nicht. Je mehr Angst im Herzen ist, desto weniger Mitgefühl gibt es dort. Angst basiert immer auf der Vorstellung von einem Ich. Ein Arahant ist vollkommen frei von Angst. Ein Erleuchteter hat keine Angst. Es gibt nichts zu fürchten, weil es nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren gibt. All dies wird bedeutungslos. Je größer das Ego, desto größer die Angst. Angst vor Dunkelheit, Angst vor Dieben, Angst vor schlechtem Wetter, Angst vor der Zukunft – jegliche Angst. Angst beruht stets darauf, dass wir dieses illusorische «Ich» zu schützen versuchen. Je mehr wir dieses Ich beschützen wollen, desto weniger Mitgefühl können wir empfinden.

Mitgefühl kann natürlich auch nur ein Lippenbekenntnis sein. Wir können so tun als ob, die meisten von uns sind darin sehr gut. Eines Tages kam Pessa, der Sohn eines Elefantenführers, zu dem Buddha und sagte zu ihm: «Ich habe kein Problem mit Elefanten. Sie tun genau das, was sie anscheinend tun wollen. Sie haben eine Absicht, die ich erkennen kann, und folgen dann dieser Absicht. Mit Menschen habe ich dagegen viele Probleme. Sie sagen das eine und tun dann etwas anderes.» Der Buddha antwortete: «Das stimmt. Der Elefant lebt im Dschungel, aber der Mensch lebt in einem geistigen Dschungel.» Menschen sagen etwas und meinen oder tun etwas anderes. Das Schlimmste daran ist, dass wir uns dessen noch nicht einmal bewusst werden. Wir denken, das müsse so sein. Für uns beruht dieses Verhalten auf Konventionen, Brauch oder Tradition, sodass wir unsere Gedanken, Worte und Handlungen nicht gründlich hinterfragen.

Nur wenn wir uns selbst mit schonungsloser Ehrlichkeit betrachten, werden wir je verstehen, was der Buddha gelehrt hat. Er hat über das gesprochen, was mit jedem von uns passiert. Oberflächlich gesehen scheinen sich die Menschen sehr voneinander zu unterscheiden, und doch verbindet alle eine Einheit. Wir haben alle den gleichen Ursprung, und wir suchen alle dasselbe und gehen in dieselbe Richtung. Die Unterschiede, die wir finden, sind beliebig. Sie alle beruhen auf dem Ich-Konzept.

Jeder denkende Mensch beklagt die Tatsache, dass es keinen Frieden zwischen den Nationen gibt. Wir alle würden gerne Frieden auf der Erde sehen. Offensichtlich gibt es diesen Frieden nicht. In unserem Jahrhundert herrschte fast die ganze Zeit über irgendwo Krieg. Jedes Land hat ein enormes Verteidigungssystem, wofür eine Menge an Energie, Geld und Arbeitskräften benötigt wird. In dem Moment, in dem jemand auch nur die geringste unfreundliche Bemerkung macht oder sich in Richtung einer territorialen Überschreitung bewegt, verwandelt sich dieses Verteidigungssystem in ein Angriffssystem. «Wir müssen unsere Landesgrenzen verteidigen, um die Bewohner zu schützen», lautet die Rationalisierung und Rechtfertigung. Abrüstung ist eine Hoffnung und ein Gebet, aber nicht die Wirklichkeit. Warum das so ist? Abrüstung muss im Herzen jedes einzelnen Menschen beginnen, sonst wird es im Großen nie zu einer Abrüstung kommen.

Angriff und Verteidigung finden nicht nur ständig im Großen statt, sondern auch unaufhörlich in uns. Wir verteidigen dauernd unser Selbstbild. Sobald uns jemand schief ansieht oder uns nicht genug Wertschätzung und Liebe entgegenbringt, wird diese Verteidigung zum Angriff. Wir begründen das damit, diese «Person», dieses «Land», das «Ich», verteidigen zu müssen, um den Bewohner, das «Selbst», zu schützen. Weil das fast jeder Mensch auf dieser Erde tut, verhalten sich auch sämtliche Nationen so. Dies wird sich niemals ändern, wenn sich nicht jeder einzelne Mensch ändert. Also muss jeder einzelne von uns den Frieden in seinem Inneren erarbeiten. Dies kann geschehen, wenn das Ich etwas reduziert wird. Das Ich nimmt aber nur dann ab, wenn wir mit schonungsloser Klarheit sehen, was in uns vorgeht.

Wir können das beispielsweise tun, indem wir unseren Gedanken Etiketten geben. Dabei findet man endlich heraus, was für einen Gedankenmüll man produziert, und hat weniger großartige Vorstellungen von der eigenen Person und den eigenen gedanklichen Fähigkeiten. Dies ist ein Aspekt der Meditation.

Eine andere Gelegenheit, schonungslos ehrlich mit sich selbst zu sein, ist es, sich selbst zuzugestehen, dass man unangenehme Gefühle hat und damit nicht umgehen kann. Man erkennt, dass man ständig nach Befriedigung der sinnlichen Wünsche strebt. Diese klare Ehrlichkeit bewirkt, dass das Ich etwas reduziert wird. Wenn man das tut, wird Mitgefühl möglich – echtes Mitgefühl, statt des bloßen Wortes. Worte sind oberflächlich. Sie stehen jedem zur Verfügung, der sprechen kann. Kleine Kinder ab sechs Jahren sind beispielsweise in der Lage, die Lehrrede über die Liebende Güte zu wiederholen. Das klingt alles ganz hübsch, aber was bewirkt es? Die Wiederholung dieser Worte kann kein Gefühl erschaffen, und doch leben wir nach unseren Gefühlen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Gefühle kennen. Wir glauben, dass wir gemäß unseren Gedanken leben, aber das stimmt nicht. Erst kommt das Gefühl, dann die Reaktion. Danach folgt der gedankliche Prozess, der die Reaktion rechtfertigt.

Es ist von allerhöchster Wichtigkeit, dass wir unsere Gefühle verstehen. Es ist wesentlich. Wie können wir jemals wissen, was es bedeutet, zu lieben oder Mitgefühl zu empfinden, wenn wir es nicht fühlen? Wir wissen vielleicht etwas davon, aber wie können wir es in die Tat umsetzen, wenn wir es nicht fühlen? Befreiung liegt nicht im «Wissen», sondern im «Fühlen». Jeder Mensch kennt seinen Namen, aber gleichzeitig fühlt auch jeder, dass der Name dieses besondere «Ich» beschreibt. Wir können das Selbst fühlen. Um das Nicht-Selbst zu erreichen, müssen wir auch das fühlen. Mitgefühl entspringt dem Herzen und erfordert keinen besonderen Grund, keine besondere Bedingung. Es kann ganz bedingungslos sein. Wir brauchen also nicht auf bestimmte Anlässe zu warten, etwa dass jemandem ein Unglück zustößt oder dass er oder sie krank wird. Müssten wir darauf warten, um Mitgefühl entwickeln zu können, so gliche das einem An- und Ausschalten – wahrscheinlich wären wir mehr aus- als eingeschaltet. So reagiert kein mitfühlendes Herz. Es empfindet jederzeit Mitgefühl in dem Bewusstsein, dass wirklich jeder leidet. Es ist in der ersten Edlen Wahrheit, die der Buddha gelehrt hat, enthalten: Niemand ist frei von Leid, denn Leben – Dasein – ist Leid. Das muss nicht unbedingt tragische Dimensionen annehmen. Es bedeutet einfach, dass alles, was geschieht, Schwierigkeit und Irritation beinhaltet, dass wir ständig den Wunsch haben, mehr von etwas zu bekommen oder dass es so bleibt, wie es ist; oder dass es anders wird. Außer den Arahants verfügt kein Mensch über Gleichmut. Darum ist Mitgefühl jederzeit notwendig, nicht nur wenn große Tragödien stattfinden.

Mit anderen mitfühlen können wir nur, wenn unser Ego kleiner wird. Die Wurzel der Schwierigkeiten, die wir Menschen miteinander haben, ist die Besorgnis um das Ich. Weil jeder damit beschäftigt ist, kann niemand sich wirklich in einen anderen Menschen einfühlen. Wer dies vermag, hebt sich deutlich von allen anderen ab. Dass sich dies so verhält, ist traurig und absurd, weil eben nur dieses Mitgefühl und diese Herzensgüte denjenigen, der sie hat, glücklich machen. Aber den meisten Menschen fehlt es daran. Wirkliches Glück findet man ganz selten irgendwo vor. Doch sind diese beiden Empfindungen im Herzen der Menschen ein Quell der Freude, weil sie das Ego verkleinern. Wer nur ichbezogen ist, findet wenig Freude. Denn daraus, dass man sich seine ichbezogenen Wünsche erfüllt, gewinnt man keine Zufriedenheit. Dies führt niemals zur Beendigung unserer Probleme, weil andauernd neue auftauchen. Wer aber loslässt und seine Aufmerksamkeit auf die allgegenwärtige Unerfülltheit richtet, der jedes Lebewesen unterliegt, kann nicht nur deren allumfassenden Charakter erkennen, sondern auch, dass dem eigenen Leid wirklich keinerlei Wichtigkeit zukommt. Es gehört zur Gesamtheit des Daseins. So entsteht Mitgefühl für uns selbst und für alle Wesen. Und die Entschlossenheit, allem Leid ein Ende zu bereiten, gewinnt die Kraft, die wir benötigen, um dies in die Tat umzusetzen.

Mitfreude

Der nächste unserer vier Freunde ist die Mitfreude (Muditā), das heißt die Freude über andere, die freudige Anteilnahme. Der Widersacher dieses Gefühls ist, wie leicht ersichtlich wird, der Neid. Sein naher Feind ist Heuchelei oder Scheinheiligkeit, wenn man das eine sagt und etwas ganz anderes meint. Wenn beispielsweise jemand Glück gehabt hat, fühlt man sich bemüßigt zu gratulieren, ohne Freude zu empfinden, oder, noch schlimmer, man sagt freundliche Worte und fühlt im Inneren Neid, indem man denkt: «Warum passiert mir nie so was – warum immer nur den anderen?»

Freude mit anderen zu empfinden ist das beste Gegenmittel bei Depression. Jedem, der unter Depressionen leidet, fehlt die Mitfreude, das Gefühl der freudigen Anteilnahme. Man kann nicht ständig Gelegenheit haben, sich am eigenen Leben zu erfreuen. Derjenige, dem es gelingt, die Freude anderer mitzuempfinden, findet stets ein Stück vom Glück – auch für sich selbst.

Man kann sich ebenso an den Fähigkeiten anderer erfreuen. Den meisten Menschen fällt es ungeheuer schwer zuzugeben, dass ein anderer vielleicht talentierter ist. Widerwillig wird eventuell zugestanden: «Na ja, das schafft der ja ganz ordentlich, aber …», unmittelbar gefolgt von einer Herabsetzung. Dabei könnten wir Freude darüber empfinden, dass ein anderer etwas zustande bringt, das wir selbst nicht können. Es gibt so vieles, was andere besser können als wir selbst. Manche können singen, andere malen, wieder andere tanzen wunderbar. Dann gibt es Menschen, die Sprachen beherrschen, andere, die es zu Geld bringen, und wieder andere, die es schaffen, ganz ohne Geld glücklich zu sein. Jeder hat Fähigkeiten. Das gibt uns unzählige Anlässe, uns daran zu erfreuen.

Die Freude mit anderen zu empfinden ist auch eine Möglichkeit, sich selbst gutes Karma zu schaffen. Ich war einmal in einem Dorf, in welchem es eine besondere Glocke vor dem Tempel gab. Wer immer in diesem Dorf ein bisschen Glück hatte, ging hin und ließ diese Glocke erklingen. Wenn beispielsweise eine gute Ernte eingebracht wurde, wenn die Tochter heiratete, wenn jemand geheilt aus dem Krankenhaus heimkam oder ein gutes Geschäft abgeschlossen worden war, wenn das Dach neu gedeckt war: Alles, was Freude bereitete, wurde mittels der Glocke dem ganzen Dorf verkündet. Und wann immer diese Glocke erklang, eilten die Menschen herbei, freuten sich für den Betreffenden und sagten: «Gut gemacht!» Und derjenige, der die Glocke geläutet hatte, schuf sich selbst gutes Karma, indem er alle an seiner Freude teilhaben ließ. Und die anderen erzeugten gutes Karma, indem sie sich selbstlos mit dem Glücklichen freuten.

Leider haben die meisten Dörfer und Städte keine solchen Glocken. Wir müssen schon unsere eigene Glocke läuten. Das ist etwas ganz Wichtiges, woran wir uns immer wieder erinnern müssen: Wir sollten uns unablässig und unter allen Umständen daran erinnern, was Buddha lehrte, und dieser Lehre folgen. Wir dürfen nicht nur bei besonderen Anlässen daran denken oder wenn sich ein Unglück ereignet. Wir sollten zu allen Zeiten an diese Lehren denken, denn nur sie sind das Rezept für ein glückliches und friedvolles Dasein. Der Buddha sagte: «Ich lehre nur eines, und das ist das Leiden und der Weg zu seiner Beendigung.» Er hat uns ein gigantisches Versprechen gegeben – und er hat es eingehalten. Das, was er lehrt, bedeutet das Ende des Leidens. Erinnern wir uns nicht daran, dass er sagte, nur das Ego sei die Wurzel allen Übels, dann haben wir seine Lehre vergessen. Anstatt nur gelegentlich daran zu denken, sollten wir seine Lehre ständig im Herzen und im Geist mit uns tragen.

Gleichmut

Der letzte unserer vier Freunde ist die Krönung aller Emotionen, der Gleichmut (Upekkhā), ein Zustand ausgeglichenen Geistes. Sein Widersacher ist die Ängstlichkeit und die Unruhe, aber sein naher Feind, die Gleichgültigkeit, kann leicht mit dem Gleichmut verwechselt werden. Die Gleichgültigkeit ist ein Zustand des Geistes, der behauptet: «Mir ist alles egal, solange es nicht mich persönlich oder meine Familie betrifft. Weder möchte ich mich damit befassen noch mich darauf einlassen.» Gleichgültigkeit ist kalt und zurückweisend. In ihr gibt es weder Mitgefühl noch liebende Güte. Wir wollen uns einfach selbst schützen, indem wir gleichgültig werden.

Gleichmut dagegen gründet auf Weisheit und der Einsicht, dass sich alles ununterbrochen verändert, in dem Verstehen der Vergänglichkeit. Was auch immer geschieht: Es wird zu einem Ende kommen. Was auch immer sein mag – es hat keinerlei Bedeutung. Das «Tor zur Todlosigkeit» führt durch die Vergänglichkeit, die auch die Bedeutungslosigkeit beinhaltet. Im ganzen Universum gibt es absolut nichts, das wirklich bedeutend ist, außer der Befreiung. Darum entsteht Gleichmut durch die Einsicht, dass alles sich ununterbrochen wandelt. Ob uns etwas Gutes oder etwas Schlechtes widerfährt – es gibt weder Grund zum Glücklichsein noch zum Traurigsein. Es geschieht einfach nur etwas. Wir leben als die Menschen, die wir nun einmal sind, für sechzig, siebzig oder auch achtzig Jahre. Was soll denn dies Gehabe darum? Was können wir gewinnen? Wohin wollen wir gelangen? Alles geschieht einfach.

Unser Bestreben, unser Ego zu schützen, ist der einzige Grund, weshalb wir nicht wirklich gleichmütig sind. Wir befürchten, dass das «Ich» bedroht sein könnte. Dass ein Angriff auf dieses so wertvolle Selbst erfolgen könnte – und das könnte womöglich unser Leben bedrohen. Diese Sicherheit, nach der jeder Mensch strebt, ist ohnehin nur ein Mythos, eine Illusion. Es gibt keine Sicherheit. Jeder unterliegt dem Tod. Alles, was wir besitzen, ist der Vergänglichkeit geweiht. Jeder, den wir lieben, wird Opfer des Todes, des Verfalls, der Krankheit, des Vergehens. In alldem ist keine Sicherheit zu finden. Gleichmut fehlt uns immer dann, wenn Dinge geschehen, die wir ablehnen, und das wiederum basiert auf der Illusion, dass wir etwas hergeben mussten, das wir zu unserem Wohlbefinden unbedingt benötigten. Das ist unser Ego-Schutzverhalten. Aber sogar unser Wohlbefinden ist nur Einbildung, weil es gar nichts gibt, das uns für immer glücklich machen und diesen Zustand auch erhalten könnte.

Gleichmut bedarf mehr als den bloßen Entschluss. Entschlossenheit ist hilfreich, aber allzu leicht kann sie auf Unterdrückung gründen. Wir neigen dazu, unsere starken Gefühle zu verdrängen. Das hilft uns in keiner Weise, weil sie immer wieder durchbrechen. Was wir auf eine Weise unterdrücken, sucht andere Auswege. Dies kann in Krankheit und Depression münden. Die Unterdrückung kann sich auf viele Arten zeigen: Wir können eine Situation wunderbar bewältigen, und in einer anderen versagen wir.

Gleichmut benötigt Einsicht, ist diese vervollkommnet, dann ist er einer der sieben Schritte zur Erleuchtung. Vollkommener Gleichmut ist ein Privileg der Erleuchteten. Wenn wir uns jedoch jetzt nicht darin üben, wie wollen wir dann weiterkommen und wachsen?

Durch Meditation können wir beginnen, Ebbe und Flut zu erkennen – zu bemerken, wie der Geist ununterbrochen fließt. Kann sich irgendjemand daran erinnern, was er vor zehn Minuten gedacht hat? Oder in der letzten Meditation? Keiner kann das. Wir können keinen Gedanken festhalten – wir können nichts behalten. Wenn wir beispielsweise in den vergangenen dreißig Jahren in einem bestimmten Haus gewohnt oder mit einem bestimmten Menschen zusammengelebt haben, bedeutet das noch lange nicht, dass das immer so sein wird. Weil diese Dinge eine lange Zeit über zu uns gehörten, scheinen sie Beständigkeit zu besitzen. In unserer Meditation aber können wir leicht feststellen, wie die Gedanken kommen und gehen, aber niemals bei uns bleiben. Weshalb sorgen wir uns also, wenn alles wieder verschwindet? Es gibt nur immerwährendes Fließen, immerwährende Veränderung.

Solange all dies geschieht, gibt es Menschen. Solange der Atem sich bewegt, das Blut pulsiert, die Zellen zerfallen und sich wieder neu bilden – genauso lange wird es Menschen geben. Hört das alles auf, bleibt nur ein lebloser Körper. Ohne dieses Fließen, das Hin- und Herbewegen würde es uns nicht geben.

Deshalb versuchen wir mit allen Mitteln, alles festzuhalten. «Das bin ich und ich will, dass es jeder weiß! Ich habe einen Namen und gewisse Menschen und Besitztümer gehören mir. Ich habe Meinungen und Ansichten und will sichergehen, dass jeder sie kennt.» Das ist der Versuch, eine konstante Persönlichkeit zu konstruieren. Dennoch kann ein Mensch nur durch ständige Veränderung existieren. Irgendwann wird sich diese Veränderung darin zeigen, dass nur noch ein Leichnam da ist. Und dann beginnt alles von vorn. Gleichmut muss auf Einsicht gründen und Akzeptanz beinhalten. Solange diese annehmende Haltung nicht vorhanden ist, existiert Leiden, ausgelöst durch Widerstand. Das Gegenteil der Annahme ist Ablehnung und Widerstand – und Widerstand tut weh. Wenn wir mit der Hand gegen ein Hindernis stoßen, dann schmerzt das. Berühren wir es dagegen sanft, dann gibt es keinen Schmerz. Die Annahme der Dinge, so wie sie sind, schafft Ausgeglichenheit, und diese wiederum schafft Sicherheit im Herzen.

Diese vier emotionalen Ebenen – die vier Göttlichen Verweilungszustände – erschaffen Sicherheit im Herzen. Wer diese vier Freunde in seinem Herzen fördert, wird Sicherheit und Frieden erfahren, weil er erkennt, dass die Welt verdammen und bezichtigen kann, aber man keine Reaktion darauf zeigen muss. Der Buddha sagt: «Ich hadere nicht mit der Welt. Die Welt hadert mit mir – aber das geht mich nichts an.» Das ist die Sicherheit, die Gleichmut schenkt.

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Yaş sınırı:
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Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783931274641
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Bookwire
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