Kitabı oku: «Ohne mich ist das Leben ganz einfach»

Jhana Verlag im Buddha-Haus
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar
Erstausgabe 1994 im Aurum / J. Kamphausen Verlag
Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.
Print-ISBN 978-3-931274-37-5
eBook-ISBN 978-3-931274-51-1
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
2. Auflage 2012
© der überarbeiteten Neuausgabe by Jhana Verlag,
Uttenbühl 2010
Copyright eBook: © Jhana Verlag, Uttenbühl 2014
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Dies gilt auch für die Vervielfältigung, Übersetzungen, Microverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Korrektorat: Bärbel Wildgruber
Covergestaltung: Jörg Hoffmann, jhpDESIGN
Satz: Claudia Wildgruber
Druck: Druckerei Steinmeier GmbH & Co. KG, Deiningen
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1
Wege zur Meditation
Kapitel 2
Das Heil der Tugend
Kapitel 3
Das Heil der Vertiefung
Kapitel 4
Das Heil der Weisheit
Kapitel 5
Das Heil der Erlösung durch die Läuterung der Vollkommenheiten
Kapitel 6
Die Läuterung von Herz und Geist
Kapitel 7
Die Läuterung der Ansichten
Kapitel 8
Die Läuterung der Zweifel
Kapitel 9
Die Läuterung durch den Erkenntnisblick von Pfad und Nicht-Pfad
Kapitel 10
Die Läuterung durch Erkennen des Pfades
Kapitel 11
Die Läuterung durch Wissen und Erkenntnis
Kapitel 12
Das Ziel des spirituellen Lebens
Kapitel 13
Überweltliche Tugenden
Kapitel 14
Abwendung vom Materiellen und Hinwendung zum Spirituellen
Kapitel 15
Tugendregeln als Basis für die Alltagsgewohnheiten
Kapitel 16
Der Alltag als Fundament für ein spiriutelles Leben
Liebende-Güte-Meditation Liebevolles Zusammenleben
Glossar
Vorwort
Der Titel dieses Buches „Ohne mich ist das Leben ganz einfach“ soll auf das einzigartige und unwiderstehliche Ziel der Lehre des Buddha hinweisen, nämlich auf seine logische und erfahrbare Durchleuchtung der Fehldiagnose, die allen Menschen bezüglich ihrer selbst zu eigen ist. Ein jeder von uns glaubt und fühlt, dass er oder sie eine separate, ganz bestimmte und nie ersetzbare Persönlichkeit ist, die sich möglichst erfolgreich, glücklich und anerkannt durchsetzen muss. Auf dem Weg zu diesem vermeintlichen Zweck unseres Daseins erleben wir viele Fehlschläge und Enttäuschungen, deren Ursachen wir meistens bei anderen suchen. Andererseits stellen wir bei unseren Erfolgen fest, dass sie uns nicht voll erfüllen und innerlich befriedigen. Um eine Lösung dieses menschlichen Dilemmas bemühen sich seit Menschengedenken alle Philosophen, Theologen und Psychologen, leider ohne merkliche Resultate. Zwar ist die Lehre des Buddha sehr einfach formuliert und kann daher eigentlich von jedem verstanden werden, aber dennoch ist die praktische Durchführung der Anweisungen nicht leicht, weil ein Fallenlassen unseres gewohnheitsmäßigen Denkens und eine spirituelle Orientierung die Voraussetzung dafür sind.
Dieses Buch ist daher als eine Hilfe für die Praxis gedacht. Es basiert auf einer der berühmtesten Lehrreden des Buddhas, der Rathavinῑta Sutta (Lehrrede von den sieben Kutschen), aus der Mittleren Sammlung des Pāli Kanons (M24), der ältesten Überlieferung der Worte des Buddhas. Den einzelnen Kapiteln liegen Vorträge zugrunde, die 1991 während eines Meditationskurses im Buddha-Haus gehalten wurden. Sie behandeln die Antwort auf die Frage nach dem menschlichen Sein in sukzessiver Tiefe, angefangen mit unseren allgemeinen Problemen bis hin zum Ablegen der Vorstellung von einem eigenständigen „Selbst“, was zum Ruhen im Nibbāna führt.
Mögen einige Menschen in diesem Buch Anregungen finden, die ihnen das Leben und das spirituelle Wachstum erleichtern.
im Februar 1993
Buddha-Haus im Allgäu
Ayya Khema
Kapitel 1
Wege zur Meditation
Diese Lehrrede des Buddha behandelt alles, was außer der Meditation noch nötig ist, um ein spirituelles Leben zu führen. Meditation kann nicht als Einzelaktion durchgeführt werden. Wenn wir meinen, neben unseren sonstigen vielen Aktivitäten noch ein bisschen meditieren zu können, so funktioniert das nicht – weder die Meditation noch das tägliche Leben, das sich auf einer höheren spirituellen Ebene abspielen soll. Meditation bringt nur dann Resultate, wenn sie in die Läuterungsvorgänge von Herz und Geist eingebettet ist. Wenn wir meditative Ruhe und Einsicht erlangen wollen, ist es daher notwendig, dass wir eine spirituelle Lehre kennen, sie als Richtlinie akzeptieren und praktizieren. Meditation ist kein Hobby, keine Freizeitbeschäftigung. Ihr Zweck ist eine grundlegende Veränderung im innersten Wesen, die die meisten Menschen auch anstreben. Diese zutiefst spürbare Änderung trifft den Kern unseres Wesens und kann eines Tages zur vollkommenen Freiheit und zum Erkennen der absoluten Wahrheit führen.
Das Wort Sutta bedeutet wörtlich übersetzt „der Faden“, an dem die Perlen der Worte des Buddha aufgereiht sind. Frei übersetzt und im Sprachgebrauch üblich, ist Sutta eine Lehrrede des Buddha oder eines seiner erleuchteten Jünger. Rathavinῑta wird mit „siebenfache Kutsche“ übersetzt. Die Bedeutung dieses Namens wird deutlich, wenn wir uns mit dem Inhalt der Lehrrede beschäftigen.
In den meisten Suttas beginnt der Buddha mit der Situation, in der wir uns im Moment befinden, und erklärt einen allmählichen Entwicklungsprozess, der schließlich zur Erlösung führt. Wie weit jeder von uns kommt, ist uns allein überlassen. Das ist eines der besonders wichtigen Merkmale der Lehre des Buddha. Er zeigt uns den Weg, aber wir müssen ihn selbst beschreiten, keiner kann das für uns tun.
Wir können die Lehre des Buddha mit einer Landkarte vergleichen, auf der alle Straßen, Berge, Flüsse und Täler eingezeichnet sind. Der Anfangspunkt und der Endpunkt sind genauestens vermerkt, und es ist eindeutig erklärt, wo wir entlangwandern sollen, um uns keinen Gefahren auszusetzen und am schnellsten vorwärtszukommen. Wenn wir diese Landkarte jedoch nur bewundern und uns daran erfreuen, wie schön sie ist, ohne uns auf die Wanderschaft zu begeben, werden wir wohl kaum sehr weit kommen. Die Engländer bezeichnen das als „armchair traveller“. Wir schauen von unserem Lehnstuhl aus in die Welt und denken: „Wie schön müsste es sein, in den Himalaja zu reisen oder China kennen zu lernen“, bleiben aber dennoch zu Hause. Mit der Dhamma-Landkarte ist es genauso; wir müssen uns auf den Weg machen und uns die Anweisungen dankbar zu Herzen nehmen.
Es ist unerlässlich, dass wir wissen, an welcher Stelle einer Landkarte wir uns wirklich befinden, um unseren Weg planen zu können. Die beste Karte nützt uns sonst nichts. Bei der Meditation können wir feststellen, wo wir uns in Bezug auf Konzentration und innere Läuterung befinden. Selbstbefragung und Selbsterkenntnis stehen an erster Stelle in einem Meditationsprozess. Es handelt sich nicht um irgendwelche Werturteile, sondern darum, einen Anfang für unsere Praxis zu finden. Der Weg der Selbsterkenntnis kann uns eines Tages zu einer solchen Läuterung führen und uns ermöglichen, ohne jegliche Schwierigkeiten in dieser Welt zu leben. Der Buddha hat gesagt, dass er nur eines lehrt, und zwar den Weg heraus aus allem Leid. Wenn wir diesen Weg suchen, müssen wir vor allem unser Innenleben erkennen, denn dort spielt sich alles Leid ab.
Ein wichtiger Bestandteil einer intensiven Meditationspraxis ist das edle Schweigen, das uns die Innenschau ermöglicht. Freiwilliges Schweigen hilft uns festzustellen, wie unsere Innenwelt beschaffen ist. Dazu gehört auch, keine Bücher zu lesen, keine Briefe zu schreiben und nur zu telefonieren, wenn es wirklich nötig ist. Im eigenen Geist findet ohnehin genug an Unterhaltung statt, und erst wenn wir dieses Geschwätz eines Tages abschalten können, tritt Ruhe und Frieden ein.
Die Lehrrede beginnt damit, dass der Buddha seine Mönche fragt, ob sie einen Mönchsbruder kennen, der zehn Fähigkeiten in sich vervollkommnet hat. Er zählt dann diese zehn Eigenschaften auf, wobei Meditation erst an siebenter Stelle erwähnt wird. Die ersten sechs unterstützen die Meditation und führen zu ihr hin; sie bilden das nötige Fundament. Das bedeutet nicht, dass wir erst anfangen können zu meditieren, wenn wir diese Eigenschaften in uns vervollkommnet haben, im Gegenteil, die Meditation hilft uns bei dieser Entwicklung.
Die erste Eigenschaft, die der Buddha erwähnte, ist die Fähigkeit, wenig Wünsche zu haben. Ein jeder, der schon einmal meditiert hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie störend und unangenehm es ist, wenn man auf dem Kissen sitzt und sich wünscht, dass die Zeit schon vorbei sei, es nicht so heiß oder kalt wäre, die Beine nicht schmerzten, die Fliegen uns in Ruhe lassen würden, der Nachbar nicht husten würde und es schon Zeit zum Essen sei. Auch solche, im Prinzip recht unbedeutsame Wünsche sind Hindernisse, denn jeder Wunsch bringt Dukkha mit sich. Dukkha lässt sich schwer übersetzen. Es wird oft als „Leid“ bezeichnet, bedeutet aber vor allem unerfüllt oder unzufrieden zu sein, sich unvollständig zu fühlen. Es schließt alles ein, was Negativität in sich trägt. Bei tiefster Einsicht erkennen wir eines Tages, dass jegliches Existieren unweigerlich Dukkha mit einschließt, weil wir nichts greifen können, das uns auf immer befriedigt. Die Ursache, warum Leid, Kummer, Sorgen und Ärgernisse aufsteigen, ist unsere Suche nach Befriedigung, also Wünsche zu haben, die oft unerfüllt bleiben oder nach Erfüllung wieder neu auftreten. Entweder wir wollen etwas bekommen, was angenehme Gefühle verspricht, oder etwas loswerden, was unangenehme Gefühle verursacht. Bei seiner Erleuchtung hat der Buddha die „Vier Edlen Wahrheiten“ durchschaut und unsere Begierden, die uns Dukkha bringen, die erste und die zweite Edle Wahrheit genannt.
Diese beiden Wahrheiten können wir ohne Weiteres nachvollziehen. Die Wünsche, die wir im täglichen Leben haben, scheinen uns das Leben interessant zu machen. In Wirklichkeit aber nehmen sie uns den Frieden des Herzens. Es gibt kaum einen Menschen auf der Welt, der inneren Frieden verspürt, weil ein jeder unerfüllte oder neu erwachte Wünsche hat. Wenn es keine persönlichen Wünsche sind, dann sollte wenigstens die Welt um uns herum anders sein. Unsere Umwelt ist aber nur ein Spiegelbild unserer Innenwelt. Sie zeigt uns unsere Stärken und Schwächen, denn wir haben sie selbst erschaffen.
Der Buddha sagte nicht, dass er einen wunschlosen Mönch suche, sondern einen, der wenig Wünsche hat. Dazu gehört dann auch die zweite Fähigkeit, die der Buddha von einem Mönch erhoffte, nämlich Zufriedenheit. In dieser Weise sollte er auch andere belehren und ihnen erklären können, dass wenig Wünsche zum Heil gereichen. Das Wort „zufrieden“ zeigt deutlich, dass diese Eigenschaft „zum Frieden“ führt. Zufriedenheit können wir erreichen, wenn wir nicht immer mehr haben, sein oder können wollen, sondern einmal die Wirklichkeit untersuchen und erkennen, dass alles so ist, wie es sein soll. Das bedeutet nicht, dass wir selbstzufrieden werden, sondern nur, dass wir Situationen und Menschen so akzeptieren, wie sie sind, und vor allem uns selbst auch. Wenn wir uns selbst nicht akzeptieren, können wir niemanden annehmen. Wir sind uns selbst immer der Nächste, mit dem wir ständig beisammen sind, und dort ist der erste Schritt nötig. Zufriedenheit ist eine Grundlage, auf der sich Liebende Güte entwickeln kann. Sie ist eine der fünfzehn notwendigen Eigenschaften, um lieben zu können, die der Buddha in der Lehrrede über die Liebende Güte aufgezählt hat. Je weniger zufrieden wir sind, desto weniger können wir uns selbst und andere lieben. Unzufriedenheit führt zu Ablehnung; sie ist beinahe identisch damit.
Zufriedenheit bezieht sich nicht nur auf die materielle Ebene, sondern auf alles, das mit unserem Leben zu tun hat. Akzeptieren ist mehr als Toleranz, es bedeutet, alles als gleichbedeutend und gleichwertig anzunehmen. Die Dinge sind so, wie sie sind, und erst, wenn wir die Umwelt, uns selbst und andere in dieser Weise anerkennen, können wir anfangen, unsere Existenz auf einer tieferen spirituellen Basis zu untersuchen. Wenn wir weiter unserer Unzufriedenheit Ausdruck geben, können wir uns keiner Situation, keinem Menschen, keinem Gefühl ganz hingeben, denn alles erscheint uns ja verbesserungsbedürftig. Erst wenn wir uns hingeben können, ist es uns möglich, richtig verstehen zu lernen. Dies sind die beiden ersten Eigenschaften, die der Buddha als Grundlage für die Meditation beschrieb.
Als Nächstes erwähnte der Buddha, zurückgezogen und nicht inmitten von zu vielen Geschehnissen zu leben. Auch in der Lehrrede des großen Heils (Mahā Mangala Sutta) ist ein friedlicher Wohnort als Segen erwähnt. Am Anfang der Meditationspraxis sind wir von äußeren Einflüssen sehr abhängig, sodass ein ruhiger Platz, an den wir uns zurückziehen können, äußerst wichtig ist. Wenn wir meditieren wollen, muss unser Geist sich zunächst beruhigen und aufhören zu denken. Wenn zu viele Sinneseindrücke auf uns einströmen, ist es schwierig, nicht darauf zu reagieren.
Sich abseits von der Gesellschaft aufzuhalten, ist die nächste der wünschenswerten Eigenschaften. Der Buddha hat häufig erwähnt, mit welcher Art Menschen wir Umgang pflegen sollten. Wir sollen nicht mit törichten Menschen, sondern mit Weisen zusammensein, was er als großen Segen bezeichnet hat. Edle Freunde hat er als das wichtigste Heilmittel für unsere Schwierigkeiten erklärt. Ein guter Freund sei das ganze spirituelle Leben, wurde vom Buddha ausgesagt. In diesem Sinne muss ein guter Freund ein spiritueller Freund sein, der schon einige Schritte voraus ist und uns den Weg zeigen kann. Auf Pāli heißt der gute Freund Kalyāna-mitta, und oft versteht man darunter den Meditationslehrer. Wir sollten mit Menschen verkehren, denen wir wirklich vertrauen können, die nicht nur Freunde sind, wenn es uns gut geht, sondern solche, bei denen wir tiefe Ehrlichkeit und enge Verbundenheit verspüren. Wenn wir ein geselliges Leben pflegen, kommen wir mit vielen verschiedenen Menschen zusammen, denen wir uns anpassen müssen. Dies ist schädlich für den spirituellen Pfad, denn wem passen wir uns hier an? Doch nur der Welt, ihren Gepflogenheiten, ihren Vergnügungen und illusorischen Werturteilen. Wenn wir aber bereits wissen, dass das endgültige Glück nicht in der Welt zu finden ist, dann können uns diese Anpassungsmanöver auf Dauer auch nicht zufriedenstellen. Eine große Erleichterung auf dem spirituellen Pfad kann das häufige Erleben von Situationen sein, in denen unsere Innenerfahrungen zählen und wir die Außenwelt nur als Spiegelbild erkennen.
Energie ist die nächste vom Buddha erwähnte wünschenswerte Eigenschaft. Energie ist einer der sieben Erleuchtungsfaktoren und das Gegenstück zum Hindernis der Trägheit und Lässigkeit. Ohne Energie können wir nicht meditieren oder die Lehre in uns aufnehmen. Beide stellen Ansprüche an den Geist, denen er nicht nachkommen kann, wenn er müde und schlaff ist. Der Buddha hat die Menschen, die der Lehre zuhören, mit Tontöpfen verglichen. Der erste Tontopf hat Löcher am Boden; das hineingegossene Wasser läuft unten wieder hinaus. Solche Menschen hören mit einem Ohr zu und vergessen das Gehörte sofort. Dann gibt es Tontöpfe mit Rissen; das hineingegossene Wasser sickert hinaus. Solche Menschen hören die Lehre wohl, vergessen aber bald alles wieder. Dann gibt es Tontöpfe. die bis oben hin voll mit Wasser sind, und frisches Wasser kann nicht zugegossen werden. Damit meint der Buddha Menschen, die so sehr mit ihren eigenen Meinungen angefüllt sind, dass sie nichts Neues mehr aufnehmen können. Es gibt natürlich auch leere Tontöpfe, ohne Löcher und Risse. Ich hoffe, dass wir alle leere Töpfe ohne Löcher und Risse sind.
Energie ist vor allem eine geistige Eigenschaft, die sich aber auch auf den Körper auswirkt. Wenn der Geist ohne Energie ist, so ist es der Körper ebenso. Dann werden wir zu seltsamen Zeiten todmüde, ohne überhaupt etwas getan zu haben, und abends sind wir so erschöpft, als hätten wir körperlich schwer gearbeitet. Obwohl das nicht der Fall gewesen ist, hat der Geist ständig gedacht, beurteilt und verurteilt, gewollt und abgelehnt, sodass er natürlich erschlafft und ermüdet ist. Wir können viel geistige Energie sparen, wenn wir sie nur dann einsetzen, wenn sich die Anstrengung lohnt. Ferner hilft es, Achtsamkeit im täglichen Leben walten zu lassen und in der Meditation zur Ruhe zu kommen. Meditative Ruhe bringt neue Energiezufuhr, die der Geist braucht, um klare und ungetrübte Wahrheit erkennen zu können. Auf der anderen Seite beansprucht Meditation aber auch so lange geistige Energie, bis wir tiefe Ruhe erleben können, die uns dann erfrischt und neu belebt. Unsere anfänglichen Konzentrationsversuche erfordern natürlich einen starken Energieaufwand und lassen den Geist ermüden. Wir müssen mit unserer Energie haushalten, um die besten Resultate zu erzielen. Dazu gehört das edle Schweigen und immer wieder der Versuch, nicht diskursiv zu denken, sondern stattdessen achtsam den Tag zu verbringen. Wir können jede Körperbewegung, jede Handlung, jedes Gefühl beobachten und uns völlig darauf konzentrieren. Auch unser Denken können wir als Beobachter achtsam betrachten. In dem Moment, wo wir uns selbst beobachten, sind wir nicht mehr der Denker, was uns bei der Meditation sehr hilfreich sein wird.
Meditation besteht nicht nur darin, dass wir mit gekreuzten Beinen dasitzen und unseren Atem beobachten; auch Achtsamkeit spielt eine zentrale Rolle dabei. Wir dürfen die Achtsamkeit jedoch nicht gleich wieder aufgeben, wenn wir das Meditationskissen verlassen, sondern sollten sie während des ganzen Tages beibehalten, wissen, dass wir zur Tür gehen, die Türklinke herunterdrücken, die Tür aufmachen, hinausgehen und die Treppe hinuntergehen. Wenn wir alle unsere Bewegungen beobachten, dann hat der Geist keinen unnötigen Energieaufwand und zersplittert nicht in viele Gedanken. Er bleibt einspitzig. wie es für die Meditation notwendig ist. Wir geben dem Geist die Möglichkeit, sich auch außerhalb der Meditation zu konzentrieren, sodass er es in der Meditation um so besser kann. Wenn wir den Geist nicht dazu anhalten, sich auch während des Tages zu festigen, können wir wohl kaum erwarten, dass er es kann, wenn wir uns auf das Meditationskissen setzen. Unsere Körperhaltung hat sich vielleicht geändert, aber unsere Geisteseinstellung kann sich nicht so schnell umstellen. Wenn der Geist tagsüber ständig gedacht, geplant, sich geärgert und gewundert hat, kann er nicht auf Anhieb alles fallen lassen und ganz friedlich den Atem betrachten.
Wir können den Körper sehen und berühren, und daher ist er das Deutlichste und Einfachste, was wir beobachten können. In der Meditation ist es der Atem, der uns die Körperbetrachtung veranschaulicht; im Tagesablauf sind es unsere Bewegungen und Handlungen, die wir achtsam beobachten können. Sollte ein starkes Gefühl aufkommen, so wenden wir unsere Konzentration dem Gefühl zu und können dadurch die darauffolgende Reaktion vermeiden. Wenn es schon zu spät und die Reaktion bereits erfolgt ist, so betrachten wir die Reaktion. Dadurch lernen wir, ein interessierter, objektiver Beobachter zu werden. Keinen anderen kann es auch nur annähernd so sehr interessieren wie uns selbst, was sich in uns abspielt.
Wenn Achtsamkeit unser ständiger Begleiter ist, hat unsere Meditation die besten Vorbedingungen, und der Energieaufwand des ständigen Denkens, Überlegens, Planens und Hoffens wird überflüssig. Ein energievoller Geist kann sich mühelos überall hinbewegen, genau wie ein energievoller Körper ohne Schwierigkeiten seine Haltung ändern kann, wogegen ein schlaffer Körper vielleicht Mühe hat, sich aufrecht zu halten. Das Gleiche gilt für den Geist. Daher gibt der Buddha diesen Eigenschaften einen prominenten Platz in seiner Lehre: wenig Wünsche haben, Zufriedenheit, Zurückgezogenheit, ohne Geselligkeit leben und voll Energie sein.
Achtsamkeit bezieht sich vorerst auf die Meditation. Wir benutzen dabei die vier Grundlagen der Achtsamkeit. Als erstes beziehen wir uns auf den Körper, und zwar auf den Atem, der ja eine Körperbewegung darstellt. Wir benutzen den Atem als unser Meditationsobjekt. Wenn ein flüchtiger Gedanke unsere Konzentration auf den Atem unterbricht, wie es bei erfahrenen Meditierenden der Fall sein kann, dann lassen wir diesen Gedanken wie eine Wolke an uns vorbeiziehen. Wenn aber ein massiver Denkprozess einsetzt, so wie es bei den meisten Menschen üblich ist, die noch nicht lange oder nur sporadisch meditieren*), dann gilt es dem Gedanken ein Etikett aufzukleben, das seinen Inhalt beschreibt. Dies ist eine der wichtigsten meditativen Übungen, weil wir damit gleich zwei Resultate erzielen. Als Erstes werden wir zum Beobachter unserer Gedanken, was zur Folge hat, dass der Gedanke auseinanderfällt und wir zum Meditationsobjekt zurückkehren können. Natürlich kommt bald ein neuer Gedanke, aber auch das gibt sich nach einiger Zeit. Als Zweites lernen wir unsere gewohnheitsmäßigen Gedankengänge kennen, die uns entweder in die Zukunft oder in die Vergangenheit treiben, zu Ablehnung und Ärger oder zu Habenwollen und Gier veranlassen. Auch Träumereien, Hoffnungen oder Langeweile mögen hochkommen. Wir können also Etiketten wie Zukunft, Vergangenheit, Hoffnung, Pläne, Wünsche, Ärger, Langeweile, Unsinn, Träume gebrauchen. Das erste Etikett, das hochkommt, ist das richtige. Es ist nicht nötig, das beste zu finden. In jedem Fall hilft uns das Etikettieren, uns selbst besser kennen zu lernen.
Wir haben hier also bereits drei Grundlagen der Achtsamkeit zum praktizieren: den Körper (Atem), die Gedanken (Erkennen des Denkens und sich nicht hinreißen lassen, weiterhin zu denken) und den Inhalt der Gedanken (Etikett). Auch im täglichen Leben hilft uns das Erkennen und Etikettieren unserer Gedanken. Wenn wir negativ, ablehnend, ärgerlich, wütend, sorgen- und kummervoll sind und wir etikettieren dies, dann verdeutlicht uns das, wie wir uns selbst zum Unglück hinreißen lassen. Sobald wir gelernt haben, Gedanken fallenzulassen und zum Atem zurückzugehen, können wir auch im täglichen Leben negative Gedanken fallenlassen und durch positive ersetzen, denn es ist genau dieselbe geistige Bewegung. Wenn wir dies ständig praktizieren, brauchen wir eines Tages keine negativen Gedanken mehr zu denken und daher nie wieder unser eigenes Unglück heraufzubeschwören. Es fängt damit an, dass wir den störenden Gedanken in der Meditation ein Etikett geben und sie durch Atembetrachtung ersetzen. Das Ersetzen durch das Gegenteil ist eine wichtige spirituelle Fähigkeit.
Was uns ebenfalls bei der Meditation stören kann, sind Gefühle, oftmals unangenehme Körperempfindungen, die durch die ungewohnte Sitzhaltung hervorgerufen werden. Wenn wir diese unerwünschten Empfindungen als Lernmöglichkeit annehmen, können wir uns von Grund auf kennen lernen und absolute Wahrheiten erfahren, die uns vielleicht eines Tages zur vollkommenen Freiheit und Erlösung führen. Denn das, was wir im Moment von uns selber sehen, ist eine Illusion. Die unangenehmen Empfindungen können uns den Weg zur Wahrheit zeigen.
Wenn ein unangenehmes Gefühl auftritt, so ist unsere instinktive, impulsive Reaktion, das Gefühl total abzulehnen. Daher werden wir entweder schnell die Sitzhaltung ändern oder aber die Zähne zusammenbeißen und bei uns denken: „Ich werde denen schon zeigen, dass ich durchsitzen kann.“ Beide Wege sind grundfalsch. Der erste ist Gier nach Bequemlichkeit, und der zweite ist Hass, ausgedrückt als: „Ich kann dies zwar nicht leiden, aber ich beiße mich durch.“ Hass und Gier sind die zwei Charaktereigenschaften, denen wir alle untertan sind, und obwohl beide Worte scheinbar Unschönes beschreiben, können wir uns ruhig mal vor Augen halten, dass alles, was wir haben wollen, sei es noch so unscheinbar, auf Gier aufgebaut ist, und dass allem, was wir loswerden wollen, Hass zugrunde liegt.
Anstatt daher sofort das unangenehme Gefühl loswerden zu wollen oder mit Ablehnung zu reagieren, sollten wir die Situation einmal ganz anders anpacken und feststellen, dass ein Sinneskontakt der Berührung stattgefunden hat, und dass alle Sinneskontakte Gefühle verursachen. Es gibt nur drei Arten von Gefühlen: angenehme, unangenehme und neutrale. Die neutralen halten wir gewöhnlich für angenehm, weil sie wenigstens nicht unangenehm sind. Wir haben also nur zwei Arten, mit denen wir uns abgeben müssen, die angenehmen und die unangenehmen Gefühle, und mit diesen sind wir unser Leben lang beschäftigt. Wenn wir beim Meditieren merken, dass wir unsere Zeit vergeuden, weil wir den angenehmen Gefühlen nachjagen und den unangenehmen aus dem Weg gehen wollen, dann haben wir einen großen Schritt in Richtung Erkenntnis getan.
Wir erleben also einen Sinneskontakt, der ein unangenehmes Gefühl hervorruft; die Wahrnehmung etikettiert dies mit „Schmerz“ und danach kommt die Reaktion, die sich erst einmal in unseren Gedanken abspielt. Die Reaktion kann sein: „Das ist ja scheußlich“, „Ich kann das nicht leiden“ oder „Wozu meditiert man denn überhaupt in dieser Haltung?“, „Das ist bestimmt ungesund, denn es schneidet die Blutzirkulation ab“ und was sich sonst noch alles im Geist abspielen kann. Als letzter Gedanke kommt dann: „So etwas kann kein Mensch aushalten, ich setze mich mal um.“ Und kurz danach fängt dasselbe Gedankenspiel wieder an, weil ja das Umsetzen auf die Dauer auch nicht nur angenehme Gefühle bringt. Stattdessen können wir der Beobachter von Sinneskontakt, Gefühl, Wahrnehmung und Reaktion werden. Wir brauchen der Reaktion keineswegs blind zu glauben, sondern müssen sie nur beobachten, dann fallenlassen und durch das Beobachten des Atems ersetzen. Jeder kann dies kurzfristig tun. Es bringt ein Gefühl der Sicherheit, wenn wir merken, dass wir nicht auf jedes Gefühl reagieren müssen, sondern dass wir die Reaktionen auch loslassen können. Im täglichen Leben ist dies eine wichtige Fähigkeit, die uns Selbstvertrauen verleiht.
Wenn wir einige Male unsere Reaktionen fallengelassen und durch Achtsamkeit auf den Atem ersetzt haben, mag der Geist vielleicht sagen: „Jetzt habe ich aber genug davon.“ Dann können wir uns langsam und vorsichtig umsetzen, wobei wir den eigenen Geist oder den des Nachbarn nicht zu sehr stören und vor uns selbst zugeben, dass wir von einem unangenehmen Gefühl besiegt worden sind. Wir werden ständig von unseren Gefühlen besiegt; der große Unterschied ist, dass wir dies sonst nicht wahrnehmen. Hier aber können wir es ganz klar feststellen, was Einsicht in uns selbst bringt. Wir erkennen, was wahrhaftig in uns vorgeht, anstatt mit Hass, Ablehnung, Ärger, Trauer und Schmerzen zu reagieren und zu warten, dass die Meditationszeit vorbeigeht.
Zu erkennen wie unser Geist reagiert, wie wir von Natur aus beschaffen sind und immer bleiben werden, wenn wir nicht Einhalt gebieten, bringt uns eine neue Sicht. Der menschliche Geist will das Angenehme und lehnt das Unangenehme ab; darauf ist unsere ganze Wirtschaft aufgebaut. Eines Tages können wir diesen Begierden Einhalt gebieten, aber nicht sofort, nicht auf Anhieb. Unsere Gedanken und Gefühle stellen sich in den Weg, und wir lernen, weise mit ihnen umzugehen. Die Formel heißt: erkennen, benennen, fallenlassen, ersetzen.
Zur Meditationsmethode:
Diejenigen, die schon einige Jahre lang täglich meditieren, sollen die Methode weiterbenutzen, an die sie gewöhnt sind. Diejenigen, die etwas mehr Hilfestellung bei der Meditation brauchen, sollen eine „Krücke“ verwenden. Nur den Atem allein zu betrachten, ist schwierig, und es gibt zu viele Möglichkeiten, den Geist anderweitig zu beschäftigen, denn im Prinzip will der Geist sich ja nicht konzentrieren. Obwohl wir wissen, dass Konzentration gut für uns ist, macht der Geist anfangs nicht mit.
Diejenigen, die Zahlen mögen, können den Atem zählen. Eins beim Einatmen, eins beim Ausatmen, zwei beim Einatmen, zwei beim Ausatmen, nicht weiter als zehn; jedes Mal wenn der Geist in die Ferne schweift, gehen wir zurück zu eins. Das verhindert, dass wir überlegen, bei welcher Zahl wir eigentlich stehen geblieben waren, was vollkommen gleichgültig ist.
Diejenigen, die Worte lieber haben als Zahlen, können sich ein Wort aussuchen. Wenn wir buddhistisch orientiert sind, kann „Buddho“ ein sehr gutes Wort sein: „Budd“ beim Einatmen, „ho“ beim Ausatmen, andernfalls „Liebe“ beim Einatmen, „Frieden“ beim Ausatmen oder auch „Lie“ beim Einatmen und „be“ beim Ausatmen. Ein einziges Wort verleitet uns weniger zum Denken als zwei oder mehr Wörter, aber wenn der Geist sich nicht nur auf eines konzentrieren will, dann können zwei Worte hilfreich sein.
Wer weder Zahlen noch Worte anziehend findet, aber leicht visualisieren kann, kann sich eines der folgenden Bilder aussuchen: Der Atem ist eine strahlend weiße Wolke, die in uns hinein- und aus uns herauszieht; der Atem ist eine glitzernde Meereswelle, die in uns hinein- und aus uns herausfließt.
Alle inneren Fähigkeiten und Tendenzen können eingesetzt werden, um uns bei der Meditation behilflich zu sein. Was wir bereits an guten Eigenschaften besitzen, verwenden wir, um den Geist in eine andere Richtung zu lenken. Wenn keine der drei bis jetzt genannten Möglichkeiten Ihr Interesse erweckt hat, dann bleiben noch die Empfindungen als Unterstützung der Konzentration. Wenn der Wind des Atems die Nasenlöcher berührt, entsteht dort eine Empfindung, die sich in der Nase fortsetzt und dann vielleicht in der Stirn, im Kehlkopf, in der Lunge und vielleicht sogar bis in den Bauch hinunter spürbar wird. Beim Einatmen entsteht ein Gefühl der Erweiterung, der Fülle, beim Ausatmen ein Gefühl des Zusammenschrumpfens, der Leere.
Zahlen, Worte, Bilder oder Empfindungen können als Konzentrationsstütze verwendet werden. Wir suchen uns eine davon aus und behalten diese bei, bis wir sie genügend ausprobiert haben. Wenn die Konzentration weiterhin sehr schwierig ist, können wir notfalls eine neue Stütze wählen. Später ist es möglich, dass wir die Konzentrationsstütze fallen lassen und uns nur auf den Atem beziehen, bis wir eines Tages alle Methoden loslassen können. Die Methode ist noch nicht Meditation, wird uns aber dahin führen.
Es hängt vom Tagesablauf ab. Wenn sowieso mehr Aktivität herrscht, werden wir wohl mit der Wissensklarheit arbeiten müssen. Wenn es aber recht ruhig ist und wir nicht allzu viele Reaktionen oder mit anderen zu tun haben, können wir auch reines Beobachten benutzen. Es ist beides äußerst hilfreich und wichtig. Das reine Beobachten bringt Achtsamkeit und eine meditative Haltung ins tägliche Leben. Das Erkennen der Vergänglichkeit und des Entstehens und Vergehens enthält auch das Erkennen der Unpersönlichkeit. Und es kommt auf die Situation an, in der wir uns befinden, welches wir gerade besser verwenden können. Wahrscheinlich können wir während eines ganzen Tages beides, mal das eine, mal das andere verwenden. Durch das reine Beobachten erlangen wir mehr Ruhe, die wiederum das Erkennen stärkt, was die Erkenntnis der Vergänglichkeit und der Unpersönlichkeit fördert.
Kapitel 2
Das Heil der Tugend
In seiner Unterhaltung mit den Mönchen fragte der Buddha als Nächstes, ob ein Mönch zu finden wäre, der das Heil der Tugend vollkommen in sich entwickelt hat und so auch lehrt.
Wir können den Weg zum Heil in vier Schritten gehen, wobei als erster Schritt der Wille zu nennen ist, sich innerlich so zu läutern, dass keinerlei Befleckung mehr besteht. Der Wille zur Läuterung zeigt sich im praktizieren der vier großen Anstrengungen, die von Willenskraft und Achtsamkeit abhängig sind.
Die vier großen Anstrengungen
• Einen unheilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, nicht aufkommen lassen.
• Einen unheilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, nicht weiterführen.
• Einen heilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, aufkommen lassen.
• Einen heilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, weiterführen.
Wenn wir in der Meditation gelernt haben, unsere Gedanken zu benennen, so merken wir ganz schnell, dass wir ihnen nicht zu glauben brauchen, denn sie sind voller Fantasie und beziehen sich nicht auf die momentane Gegenwart, in der wir leben. Daraus können wir Schlussfolgerungen für das tägliche Leben ziehen. In dem Moment, in dem wir wissen, dass wir unseren Gedanken nicht zu glauben brauchen, wissen wir auch, dass wir einen unheilsamen Gedanken nicht beibehalten müssen, denn er verbreitet nur Unglück um sich. Diese Erklärung des Buddha ist so einfach, klar und logisch, dass wir uns fragen können, warum wir nicht selbst darauf gekommen sind. Die meisten Menschen kommen leider überhaupt nie darauf, und diejenigen, die durch die Lehre des Buddha darauf hingewiesen werden, haben gewiss Schwierigkeiten damit. Erst wenn wir zu praktizieren beginnen, merken wir, um was es hier eigentlich geht. Es gibt doch wirklich nichts Vernünftigeres als sich einmal klarzumachen, dass wir unheilsame, negative, unglücklich machende Gedanken nicht mit uns herumzutragen brauchen, weil sie weder glaubwürdig und glückspendend noch erhebend oder belehrend sind. Sie ziehen uns nur in die Tiefe.
In der Meditation macht es weniger Schwierigkeiten, die eigenen Gedanken zu etikettieren, als im täglichen Leben, denn wir wissen genau, dass uns die Meditation Ruhe, Frieden und Glück bringen soll. Es wird uns schnell klar, dass dies beim Denken nicht geschieht und dass ein Etikett uns helfen kann, die Gedanken abzuschalten.
Im täglichen Leben hingegen, wenn Situationen und Menschen schnell an uns vorbeiziehen, wird dies leicht vergessen. Wenn wir jedoch geduldig weiterüben, wird uns das Etikettieren eines Tages zur Gewohnheit, und wir erlauben uns die unheilsamen Gedanken nicht mehr, weil sie effektiv nur schlechte Resultate bringen.
Den Unterschied zwischen „heilsam“ und „unheilsam“ können wir alle erkennen, wenn wir uns daran erinnern, dass das Heilsame beglückend, aufmunternd und belehrend ist. Wenn diese Eigenschaften fehlen, erleben wir das Unheilsame, das negativ, niederziehend und schmerzhaft ist. Wenn ein unheilsamer Gedanke schon hochgekommen und etikettiert worden ist und wir den festen Willen haben, diesen Gedanken nicht weiterzuführen, so können wir im täglichen Leben dieselbe Methode anwenden, die wir auch in der Meditation gelernt haben, nämlich das Ersetzen des unheilsamen Gedankens durch einen heilsamen. In der Meditation ist der Ersatz die Achtsamkeit auf den Atem.
Es ist schwieriger, den unheilsamen Gedanken zu erkennen, bevor er hochgekommen ist, als wenn er sich schon ausgebreitet hat. Es ist jedoch viel hilfreicher und glücksspendender, wenn wir lernen, die Beschmutzung überhaupt nicht erst zuzulassen. Jeder Gedanke schickt ein Gefühl als Vorboten. Ein unheilsamer Gedanke wird durch ein unangenehmes Gefühl der Schwere, der Unruhe, der Dumpfheit oder Vernebelung angekündigt. Wenn wir eines dieser Gefühle in uns erkennen, können wir schnellstens einen heilsamen Gedanken hervorbringen und damit den unheilsamen völlig vermeiden. Wenn eines Tages alle unheilsamen Gedanken vermieden und nur die heilsamen entfaltet werden, werden wir keine Sekunde lang mehr unglücklich sein. Einem Erleuchteten ist dies ohne Weiteres möglich. Wir sind natürlich nicht immer dazu in der Lage. Wenn wir aber die Absicht haben, innerlich zu wachsen, dann müssen wir es zumindest so oft wie möglich üben. Je öfter wir etwas praktizieren, desto leichter fällt es uns.
Die Meditation ist unser wichtigstes Hilfsmittel, aber die Achtsamkeit im täglichen Leben wird genauso dringend benötigt. Wir können vielleicht schon jetzt erkennen, dass die Meditation nichts weiter ist als ein Mittel zum Zweck, und nicht der Zweck an sich. Dies wird oft nicht klar erkannt, besonders im Westen, wo Meditation ja noch Neuland ist. Meditation ist in der Tat ein unersetzbares Mittel, ohne das spirituelles Wachstum nicht möglich ist, aber wir müssen es durch tägliche Achtsamkeit unterstützen und vervollkommnen.
In der Abgeschiedenheit fällt uns die Achtsamkeit leichter als im geschäftigen Leben der Welt. In der Zurückgezogenheit passiert nicht viel, und wir haben Gelegenheit, einmal auf uns selbst aufzupassen. Die Heilsamkeit eines Gedankens wird uns klar, wenn wir ihn auf seine Egobezogenheit hin untersuchen. Je weniger der Gedanke sich um unsere eigenen Interessen dreht, desto wahrscheinlicher ist seine Lauterkeit. Wenn wir an uns selbst denken, so ist dies meist mit Wünschen oder Ablehnung verbunden. Beispiele für heilsame Gedanken sind solche der Hilfsbereitschaft, der Liebe, des Mitgefühls, der Mitfreude und des Gebens. All diese Gedanken beziehen sich auf andere Menschen. Ein heilsamer Gedanke für uns selbst wäre der Wille und die Absicht, den inneren Weg des spirituellen Wachstums zu fördern. Je mehr wir uns darüber klar werden, dass an andere denken für uns selbst das größte Glück und Heil bedeutet, desto leichter wird es uns fallen, solche Gedanken in uns zu entfalten. Nicht allein um Gutes zu tun, sondern um der eigenen Läuterung willen. Diese vier großen Anstrengungen gehören zu den 37 Erleuchtungsfaktoren, ohne die es keinen spirituellen Pfad gibt. Wenn wir das „Ersetzen mit dem Heilsamen“ nicht praktizieren, können wir keine Läuterung erwarten. Damit wir uns besser an diese Anweisungen erinnern, können wir sie in vier Worten zusammenfassen: Vermeiden, Überwinden, Entfalten, Erhalten.
Der Wille ist der erste Schritt zur Tugend, weil es ohne ihn unmöglich ist, überhaupt etwas zu tun. Ob wir ein Haus bauen oder frühmorgens aufstehen wollen, alles braucht die Kraft des Willens. Er ist es, der uns überhaupt aktionsfähig macht. Wenn uns der Wille verloren geht und wir uns treiben lassen, ist keine innere Entwicklung mehr möglich. Sich treiben lassen ist eine Art von Faulheit, nämlich Gedankenfaulheit, die jeder Mensch latent in sich trägt. Wenn wir aber praktizieren wollen, müssen wir in dieser Beziehung auf der Hut sein und dem Geist immer wieder die Möglichkeit geben, sich zu läutern.
Wir können den Geist mit einem sehr kostbaren Juwel vergleichen, dem kostbarsten im ganzen Universum, denn er trägt den Samen der Erleuchtung in sich, an dem wir alle Anteil haben. Wenn wir dieses Juwel nicht fürsorglich behandeln, wird es schmutzig, zerkratzt und unscheinbar und hat am Ende überhaupt keine Leuchtkraft mehr. Jeder von uns kann dieses Juwel nur selbst vor Verunreinigung schützen und davor, dass es in Verstecke gerät, wo es nicht strahlen kann. Wir müssen immer wieder darauf achten, dass wir die Reinheit, die Klarheit und die Schönheit dieses Juwels zur Geltung bringen. Es muss uns auch klar sein, dass es nichts Wichtigeres im Leben gibt. Alles was wir sonst noch tun, ist Nebensache. Wenn unser Geist die menschliche Problematik einmal abgelegt hat und transzendental denkt, haben wir das Juwel richtig behandelt.
Im Allgemeinen ist alles, was wir im Leben tun, darauf ausgerichtet, unseren Körper in Ordnung zu halten. Die meisten von uns vergessen völlig, das Juwel des Geistes in Ordnung zu halten. Die vier großen Anstrengungen ermöglichen uns dies, und die Energie, die wir aus der Meditation schöpfen, gibt uns die Kraft dazu. Es ist auch noch zu bedenken, dass unser Geist die Eigenschaft des Anhaftens hat. Weil er an unheilsamen Gedanken anhaftet, glaubt er, dass sie berechtigt seien. Erst haftet er an, und dann rechtfertigt er sich. Wenn wir das nicht in uns erkennen, können wir den Willen, etwas zu ändern, nicht aufbringen. Die Formel heißt: „Erkennen, nicht tadeln, ändern.“ Eine ganz einfache Formel, die leicht zu behalten ist, wir müssen sie nur in die Tat umsetzen.
Es wird oft gefragt, ob der Buddhismus eine Religion, eine Philosophie, eine Art von Psychologie oder eine Wissenschaft sei. Es kommt wohl ganz darauf an, von welcher Warte aus wir dies betrachten. Im Prinzip ist der Buddhismus nichts weiter als eine Lehre der Praxis, die aus allem Leid herausführt. Um diese Lehre aber erfolgreich praktizieren zu können, müssen wir sie kennen und dürfen sie nicht mit unseren eigenen Meinungen vermischen. Wir sollten versuchen, die Lehre so zu verstehen, wie sie uns überliefert wurde, denn sie basiert auf einer Wahrheit, die wir erst einsehen können, wenn wir genügend praktiziert haben. Es ist also nicht zweckmäßig, zu hoffen, dass unsere eigenen Ideen uns behilflich sein werden. Das Einzige, was uns hilft, ist, den Richtlinien zu folgen und selbst zu sehen, ob wir Resultate dabei erzielen.
Allein der Wille zur Tugend und zur Meditation bewirkt bereits gutes Karma. Der Buddha hat gesagt, Karma ist die Absicht. Ob diese Absicht dann auch die Früchte trägt, die wir uns erhoffen, ist erst der nächste Schritt. Wenn wir uns vornehmen, die unheilsamen Gedanken loszulassen und die heilsamen in uns zu fördern, bewirken wir durch diese Absicht gutes Karma. Je mehr gutes Karma wir bewirken, desto mehr Unterstützung wird uns in praktischer, materieller und geistiger Hinsicht zuteil.
Wir müssen natürlich immer wieder unser eigener Beobachter sein und dürfen nicht versuchen, uns vor uns selbst zu rechtfertigen. Wenn zum Beispiel ein unheilsamer Gedanke aufgekommen ist, etwa: „Ich kann diesen Menschen nicht leiden“, sollten wir ihn nicht damit rechtfertigen wollen, dass diese Person wirklich ekelhaft ist. Das macht nämlich jeder, dazu brauchen wir keinen spirituellen Pfad. Stattdessen erkennen wir den Gedanken als unheilsam, beschmutzend, verhärtend, wehtuend, lieblos und weder für uns noch für andere hilfreich und versuchen ihn so schnell wie möglich zu ersetzen. Je schneller wir das Unheilsame aus unserem Geist entfernen, desto weniger Unheil und Beschmutzung findet im Geist statt. Je länger es dauert, desto mehr Schmutz haben wir dann wegzuräumen.
Der zweite Schritt zum Heil der Tugend wird Geistesverfassung genannt. Damit sind unsere Reaktionen auf unsere Emotionen gemeint, mit denen wir ja ständig zu tun haben. Der erste Schritt betrifft also unsere Gedanken, der zweite unsere Emotionen. Tugend ist viel mehr als nur Sittlichkeit, denn vollkommen tugendhaft zu sein, bedeutet, vollkommen geläutert zu sein, was gleichbedeutend mit Erleuchtung ist. Für uns gibt es den Pfad der Praxis. Man kann sagen, dass das größte Gut, das der Buddha uns hinterlassen hat, seine Erklärungen und Richtlinien sind, nach denen wir üben können. Wir brauchen nicht zu warten, zu hoffen oder zu bitten, es ist ganz deutlich überliefert, was zu tun ist.
Unsere Geistesverfassung baut auf unseren Reaktionen auf. Wenn wir mit unseren Sinnen etwas wahrnehmen, was uns schön oder angenehm erscheint, so ist unsere natürliche, instinktive Reaktion, dass wir uns ihm nähern, es behalten und besitzen wollen. Wir verstärken also unser Anhaften. Wir können aber nun einmal anfangen, uns ein bisschen davon zu lösen. Wir sind mit Geist und Körper der Ich-Illusion verhaftet: „Das bin ich, das gehört mir, das will ich haben, das will ich sein, das will ich werden.“ Alles dreht sich um „mich“. Wenn also die Sinne, die wir ja ständig in Gebrauch haben, uns etwas zeigen, was wir als wünschenswert empfinden, verbinden wir ein angenehmes Gefühl damit, laufen dem hinterher und suchen dadurch etwas Neues zum anhaften. Es genügt uns anscheinend nicht, dass wir schon an so vielen Dingen anhaften.
Die Kehrseite der Medaille handelt davon, dass wir mit den Sinnen etwas Unangenehmes, Hässliches, Schmerzliches berühren und sich sofort Widerstand zeigt: „Ich will das nicht, ich kann das nicht leiden, ich muss weg davon.“ Gleich zeigt sich unsere Negativität, die allein dadurch hochkommt, dass ein Sinneskontakt stattgefunden hat und wir dem glauben, was da vor sich geht, als ob es die einzige Realität wäre. In Wirklichkeit können diese Vorgänge höchstens zeitweiliges Vergnügen oder Missvergnügen bereiten, aber niemals inneren Frieden und innere Harmonie erzeugen. Darum ist es nötig, Innenschau zu halten, um zu erkennen, was hier in uns selbst vorgeht.
Vielleicht hören wir Worte, die uns nicht gefallen, und sofort kommt eine Reaktion: „Dieser Mensch ist bei mir im Haus nicht erwünscht.“ Dabei ist nichts weiter geschehen, als dass wir Worte gehört haben, von denen der Sprecher sogar überzeugt ist. Die Reaktion darauf entsteht in uns selbst, was schwer zu erkennen ist. Die meisten Menschen glauben, alles hinge von dem ab, was von außen auf sie zukommt.
Vielleicht können wir uns einmal Folgendes vorstellen: Eine kleine Teufelspuppe, mit der Kinder spielen, sitzt in ihrem Kasten auf einer Spirale. Wenn das Kind den Deckel nur ganz leicht berührt, springt die Teufelspuppe zum größten Vergnügen des Kindes heraus. Nun entfernt jemand die Teufelspuppe aus dem Kasten und wirft sie weg. Das Kind drückt und drückt auf den Deckel – ohne Ergebnis. Es holt einen Hammer und haut auf den Deckel, aber nichts springt heraus. Das ist ein Gleichnis für unsere Reaktionen. Sie springen jedes Mal heraus, wenn jemand auf den Deckel drückt, weil sie in uns sitzen. Wenn wir einmal festgestellt haben, dass bei uns immer das gleiche Programm abläuft, werden wir vielleicht versuchen, uns von allem fernzuhalten, was auf unseren Deckel drücken könnte. Das ist aber nicht möglich. Die Welt ist voll von diesen „Kindern“, die auf unsere Deckel drücken, selbst wenn wir uns in eine einsame Höhle zurückziehen. Auch da wird es kalt und regnet, gibt es Ungeziefer, kommen Leute vorbei, die uns auslachen, und andere Unannehmlichkeiten. Es hat keinen Sinn, den Deckeldrücker zu tadeln oder ihm auszuweichen. Es gibt nur einen Weg, nämlich endlich einmal die eigene Teufelspuppe kennen zu lernen und sich vorzunehmen, nicht mehr dasselbe Programm ablaufen zu lassen. Wir können uns klarmachen, dass ja nichts weiter stattfindet als ein Sinneskontakt.
Wenn wir zum Beispiel mit Knieschmerzen dasitzen, kann es sein, dass unser Geist sich empört: „Das ist ja schrecklich, wirklich furchtbar. Ich hätte nie so etwas anfangen sollen. Erleuchtet werde ich ja ohnehin nicht. Ich mache das nicht länger mit. Ich gehe einfach.“ Und was hat wirklich stattgefunden? Nichts weiter als ein Berührungskontakt, der unangenehme Gefühle hervorgerufen hat. Der Geist kann aber ein ganzes Drehbuch aus der einfachen Tatsache machen, dass das Knie das Kissen berührt und ein unangenehmes Gefühl hervorruft. Wenn wir das Knie streicheln, findet auch ein Berührungskontakt statt, der jedoch mit einem angenehmen Gefühl verbunden ist. Der Geist reagiert dann wohlwollend: „Wie schön, mach doch weiter, herrlich.“ Die äußeren Anlässe und unsere Reaktionen vermitteln uns den Eindruck, als sei das die Welt. Der Buddha hat wiederholt gesagt: „Die Welt, das sind unsere Sinne und die Sinnesobjekte, die wir mit dem Sinnesbewusstsein wahrnehmen und daher sehen, hören, riechen, schmecken, berühren und denken, und weiter gar nichts.“
Der erste Schritt auf dem Weg zur inneren Reinheit besteht also darin, dass wir unsere Gedanken in heilsame Bahnen lenken, der zweite darin, dass wir unsere Gefühlsreaktionen beachten und versuchen, uns vom Haben- und Loswerdenwollen zu befreien. Beide verursachen Leid, denn sie bedeuten ja, dass wir nicht zufrieden sind mit den Dingen, so wie sie sind. Leider ist das der Gram aller Lebewesen. Wir brauchen uns nur die Kühe anzuschauen; sie stecken immer ihren Kopf durch den Zaun, um das Gras auf der anderen Seite zu fressen. Dabei ist es genau dasselbe Gras wie auf ihrer Seite. Bei uns sieht es auch nicht anders aus; wir sind selten zufrieden mit dem, was wir haben, erleben, wissen und sind. Es sollte immer besser, schöner und vollständiger sein. Was werden wir also ändern können, damit endlich einmal diese Unzufriedenheit in uns aufhört? Wir können wohl etwas ändern, aber nicht von außen. Wir haben die Anweisungen des Buddha, wie wir innerlich etwas ändern können.
Unser Hauptanliegen ist die Läuterung von Herz und Geist mit den entsprechenden Methoden, diese zu erreichen. Die Meditation ist eine Methode der Läuterung; jeder Moment der Konzentration ist ein Moment der Läuterung. Wenn der Geist nur eine Sekunde lang konzentriert ist, kann er nicht unheilsam denken oder reagieren. Wir wissen auch, dass die Zeit sehr schnell verfließt, wenn wir konzentriert sind, was daran liegt, dass der Geist zu der Zeit nichts Unlauteres in sich birgt. Diese Art der Läuterung funktioniert wie eine automatische Waschmaschine. Wir brauchen uns nicht vorzunehmen, nichts Böses zu denken oder alle Menschen zu lieben. Konzentration allein genügt. Um unser Innenleben zu läutern und tugendhaft zu gestalten, brauchen wir keine grandiosen, spirituellen Fähigkeiten. Nur Verständnis und gute Absicht sind nötig.
Der dritte Schritt zum Heil der Tugend besteht darin, dass wir unsere Sinnestore schützen. Wir tun das, indem wir uns zurücknehmen, was uns auch hilft, unsere Reaktionen zu vermindern. Wenn wir unsere Sinnestore schützen, sind wir nicht an allem interessiert, was um uns herum vorgeht. Das Wort „Neugierde“ macht deutlich, worum es dabei geht, nämlich um die „Gier nach dem Neuen“. Diese Gier wird durch unsere Rastlosigkeit, unsere Unzufriedenheit und unser Nicht-erfüllt-Sein hervorgerufen. Wir wollen noch etwas Neues sehen, hören, schmecken, riechen, berühren oder eventuell denken. Also schaffen wir uns noch einige Bücher an oder belegen etliche neue Kurse. Die Gier nach dem Neuen hat zur Folge, dass unsere Sinne ständig beschäftigt sind, was uns jedoch nie befriedigen kann.
Nicht das Auge sieht eine hübsche Frau oder einen gut aussehenden Mann. Das Auge kann nichts weiter erkennen als Farbe und Form, der Geist muss es dann erklären. Das Ohr hört nicht, dass jemand hämmert, es kann nur Geräusch hören. Das Geräusch erzeugt Gefühle, dann kommt die Erklärung „hämmern“ und daraufhin die Reaktion: „Das kann ich nicht leiden; wie soll ich hier meditieren; ich gehe nach Hause.“ So spielt sich unser ganzes Leben ab. Immer wieder sind wir den fünf Sinnen und unseren Reaktionen ausgesetzt. Dass uns dabei auf die Dauer langweilig wird, ist nicht verwunderlich, und so suchen wir ständig nach etwas Neuem. Im Prinzip aber bleibt es immer beim Alten, es ändert sich nichts. Wir hören, sehen, schmecken, riechen, berühren oder denken etwas, und nichts weiter geschieht als Gehörtes, Gesehenes, Geschmecktes, Gerochenes, Berührtes und Gedachtes, daraufhin ein Gefühl, die Erklärung und dann die Reaktion: „Dies habe ich gern, jenes kann ich nicht leiden. Dieses soll näherkommen, ich will es behalten, jenes soll fort.“
Wir können also unsere Sinne schützen und dadurch etwas beruhigen, dass wir sie nicht mit ewiger Neugierde in die Welt hinausschicken, sondern dass wir mit dem zufrieden sind, was wir schon haben und erleben. Wir werden in dem Moment bereit sein, unsere Sinneskontakte allmählich zu reduzieren, indem wir erkennen, dass unser ganzes Leben von unseren Reaktionen abhängig ist und daher nie vollkommen befriedigend sein kann. Im Prinzip suchen wir doch alle Glück und Frieden. Unsere Sinneskontakte sprechen dagegen, denn sie bringen uns niemals das Gewünschte – nur etwas Neues, das wir entweder haben wollen oder nicht, und daraus erwächst sicherlich kein Glück und kein Frieden.
Wenn wir uns klar darüber sind, dass wir inneren Frieden suchen, müssen wir auch gewillt sein, etwas dafür aufzugeben. Es handelt sich dabei nicht um Familie, Heim oder Arbeitsstelle, sondern darum, dass wir aufgeben, das Glück dort zu suchen, wo es nicht zu finden ist. Wir alle haben lange genug, nämlich seit wir auf der Welt sind, versucht, durch unsere Sinneskontakte volle Befriedigung zu finden, und es ist uns niemals gelungen. Wir haben immer nur momentanes Vergnügen erreicht. Wenn wir also wirklich einmal Frieden haben wollen, müssen wir bereit sein, das aufzugeben, was uns keine Befriedigung gebracht hat.
Das bedeutet jedoch nicht, mit geschlossenen Augen, Ohren, Nase und Mund durch die Welt zu gehen. Das ist unmöglich und wäre auch sinnlos. Der Buddha war ein pragmatischer Lehrer und hat alles aus der Sicht der Praxis gelehrt. Unsere Erwartungshaltung, dass aus den Sinneskontakten eines Tages das wirkliche Glück entsprießen wird, können wir aufgeben. Wir denken, wenn wir es nur richtig anpacken, das Beste kaufen, das Gesündeste essen, den richtigen Partner haben, die neuesten YogaÜbungen machen, dann wird es schon klappen. Wir denken, bis jetzt haben wir es eben sicher noch nicht ganz richtig gemacht. Leider wird sich das aber bis zum Ende unseres Lebens nicht ändern. Wir können natürlich immer wieder probieren.
Gesundes Essen und Yoga-Übungen sind wichtig, aber zu erwarten, dass sie uns Glück und Frieden verschaffen, ist Utopie. Diese Erwartungshaltung bringt innere Unruhe. Wir denken: „Habe ich es nun richtig gemacht? Wird sich mir keiner in den Weg stellen? Werden alle, die ich liebe, bei mir bleiben? Wird jetzt und zukünftig alles in Ordnung sein?“ Mit dieser Erwartungshaltung kommt sofort die Enttäuschung, weil es natürlich nicht funktioniert. Also glauben wir, es muss wohl doch der falsche Partner sein, die falsche Yoga-Übung, die falsche Ernährung oder was immer wir uns ausdenken mögen. Es könnte auch das falsche Buch, der falsche Kurs oder der falsche Lehrer sein. Statt aufzuhören, das Glück mit unseren Sinnen in der Außenwelt zu suchen, fangen wir unweigerlich wieder von vorn an, nach neuen Objekten zu suchen, die uns Erfüllung bringen sollen.
Wir brauchen unsere Sinne zum Überleben, denn sie warnen uns vor Gefahren. Stattdessen missbrauchen wir sie als Mittel auf der Suche nach Vergnügen. Die Vorstellung, dass sie uns eines Tages Glück und Frieden bringen werden, müssen wir ein für allemal aufgeben. Wenn wir dies als Kontemplation betrachten, nachprüfen und klar erkennen, so heißt das nicht, dass wir uns nie mehr an angenehmen Sinneskontakten erfreuen werden. Es bedeutet lediglich, dass wir kein bleibendes Glück und keinen inneren Frieden von ihnen erwarten. Wir akzeptieren jeden angenehmen Sinneskontakt mit großer Dankbarkeit, und wenn wir einen unangenehmen erleben, wissen wir, dass er das Erbe unseres eigenen Karmas ist. Wir benutzen die Situation als Lehre, und daher kommt auch keine Abneigung hoch, sondern Dankbarkeit für diese Möglichkeit des Praktizierens. Haben wir eine solche Lernsituation richtig genutzt, so bringt sie weder Anhaftung an das Angenehme noch Ablehnung des Unangenehmen mit sich, sondern Dankbarkeit für beides – einerseits für das gute Karma, das uns das Angenehme beschert, und anderseits für die Lernsituation, die uns mit dem Unangenehmen konfrontiert.
Wenn wir unsere Sinne in dieser Weise benutzen, sind sie uns gute Freunde. Im Allgemeinen aber sind sie den Menschen ein Feind. Wir sehen etwas, wollen es besitzen, und schon stürzen wir uns in Schulden, um es zu erwerben. Wir sehen einen Menschen, den wir begehren, und öffnen die Tore für Eifersucht und Neid. Vielleicht gibt es etwas, das wir unbedingt ändern wollen, und müssen uns in Schwierigkeiten begeben, um dies zu erreichen. Wenn wir unsere Sinne als Lehrer und Freunde benutzen, werden wir immer wieder dankbar sein, dass wir sie alle in gutem Zustand besitzen, und uns daran erinnern, dass es Menschen gibt, denen nicht alle fünf Sinne zur Verfügung stehen, was uns wiederum hilft, Mitgefühl zu empfinden.
Dankbarkeit ist eine wichtige Eigenschaft, weil darin Demut enthalten ist. Die Überzeugung, es besser zu wissen oder besser zu können, hat keinen Platz mehr in unserem Geist, wenn wir dankbar sind. Auch Freude steigt hoch, denn wir können ja nur dankbar für etwas sein, das uns erfreut. Dankbarkeit und Freude sind zwei wichtige Bestandteile des inneren Friedens.
Wir haben nun drei Schritte kennen gelernt, die zur Tugend führen: erstens unsere unheilsamen Gedanken durch heilsame zu ersetzen; zweitens auf unsere emotionellen Reaktionen zu achten und loszulassen; drittens unsere Sinne zu beschützen und sie richtig zu bewerten, nicht als Weg zum Glück, sondern als Lehrer. Der vierte Schritt ist die Nicht-Ausschreitung. Körper und Sprache sollen beobachtet und behütet werden aus Rücksicht auf andere und uns selbst. Unser eigenes Gewissen weiß, was heilsam und was unheilsam ist. Gewissen und Scham (hiriottappa) hat der Buddha die zwei Hüter der Welt genannt, ohne die wir im Chaos leben würden. Teilweise herrschen Schamlosigkeit und Gewissenlosigkeit in der Welt, aber von Natur aus schämen wir uns, Schlechtes zu tun, und die beiden Hüter warnen uns davor, Körper und Sprache unheilsam zu verwenden.
Der Buddha hat gesagt, dass diese Anweisungen für gewöhnliche Menschen genügen, aber nicht für diejenigen, die einen spirituellen Pfad eingeschlagen haben und innerlich wachsen wollen. Für solche ist es absolut nötig, dass sie tugendhaftes Benehmen pflegen, um zur Erlösung, zur vollkommenen Freiheit, zum Nibbāna zu gelangen. Das wäre dann eine viel stärkere Motivation. Unser Gewissen können wir immer beruhigen. Wir sind sehr geschickt darin und können gut erklären, wieso etwas berechtigt ist. Häufig sind wir auch von anderen beeindruckt und lassen uns von ihnen beeinflussen. Wir haben auch gerade Jahrzehnte hinter uns (glücklicherweise sind sie vorbei), in denen Tugend nicht sehr hoch angesehen war. Wenn wir aber wissen, dass Tugend unumgänglich ist für den spirituellen Pfad, das innere Wachstum und die volle Erlösung, dann gibt es keinerlei Beschwichtigungen mehr.
Die rechte Dringlichkeit kommt erst auf, wenn uns klar geworden ist, dass vollkommene Erlösung und Freiheit, ein komplettes Transzendieren der menschlichen Problematik möglich ist und dass der Buddha uns den Weg dahin gezeigt hat, auf dem Tugend das Fundament bildet. Dann haben wir eine Motivation, die stark genug ist, uns nicht mehr vom Pfad abirren zu lassen.
Fragen und Antworten
F: Ich habe eine Frage zu heilsamen und unheilsamen Gedanken. Wie ist das mit Sorgen, die man sich um einen Menschen oder um Angehörige macht, wenn man denkt, es könnte etwas im Krankenhaus passiert sein. Es ist mir letztes Wochenende so gegangen, und ich habe versucht loszulassen, aber es ging recht schlecht. Als ich dann losgelassen hatte, kamen andere Gedanken, wie zum Beispiel „Vielleicht bist du gleichgültig, wenn du dir diese Gedanken und Sorgen nicht machst.“ Ich kann schlecht unterscheiden, wann es gleichgültig und wann heilsam ist, weil dann Angst und Misstrauen auch eine Rolle spielen.
A: Die heilsamen Gedanken sind auf liebender Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut aufgebaut. In diesem Fall, wenn ein Mensch krank ist, können wir Mitgefühl praktizieren. Wenn wir uns erkundigen wollen, ob es einem Menschen gut oder schlecht geht, können wir dies aus Mitgefühl tun. Sich Sorgen zu machen, hat keinen Sinn, es ändert nichts an der Situation. Mitgefühl hingegen verändert etwas im eigenen Herzen, es zeigt sich in der Sprache und kann dem anderen eine Hilfe sein. Wir können uns selbst prüfen, ob wir eigennützig denken und empfinden oder ob wir dem anderen helfen wollen. Mitgefühl ist immer auf den anderen gerichtet. Sich Sorgen zu machen, ist im Allgemeinen eigennützig. Daher sind diese Gedanken fallen zu lassen und zu ersetzen.
F: Wie kann ich das denn in diesem Fall ersetzen?
A: Genau wie wir unsere Gedanken während der Meditation durch die Betrachtung des Atems ersetzen, so tun wir das auch im täglichen Leben. Je besser das in der Meditation geht, desto leichter geht es im Leben. Genau wie wir in der Meditation immer wieder die Gedanken fallen lassen und stattdessen den Atem betrachten, so ersetzen wir auch im Alltag das Unheilsame durch das Heilsame.
F: In der Meditation ist es wohl egal, ob ein Gedanke heilsam oder unheilsam ist. Man etikettiert ihn und tut etwas anderes. Da kümmern wir uns nicht darum, ob er heilsam ist. Stimmt das?
A: Das stimmt, es ist aber dieselbe Handlung des Ersetzens.
F: Aber wir brauchen ihn nicht erst in etwas Heilsames umzuwandeln?
A: Nein, man wandelt den Gedanken in die Atembetrachtung um.
F: Im Alltag würde man den Gedanken in einen heilsamen umwandeln?
A: Richtig. Es bleibt dieselbe Handlung des Ersetzens. Durch das Etikettieren lernen wir auch, dass die meisten Gedanken unheilsam sind, weil sie uns ablenken.
F: In der Meditation ist ein schöner Gedanke also gar nicht heilsam? Das Heilsame nützt uns dabei nichts?
A: In der Meditation nicht. Wenn am Anfang heilsame Gedanken hochkommen, kann uns das helfen, den Geist zu beruhigen, aber während des Meditierens sind alle Gedanken zu ersetzen, und im Leben handelt es sich um alle unheilsamen.
F: Ich habe den Unterschied zwischen Kontemplation und Meditation noch nicht verstanden.
A: In der Meditation versuchen wir, den Geist vom Denken abzubringen und stattdessen zu erleben. Am Anfang benutzen wir den Atem als Methode dazu. Wenn die Meditation konzentriert genug geworden ist, brauchen wir keine Methode mehr. Um den Geist vom Denken abzubringen, müssen wir den Atem erleben. Wir hören also auf, all dem Aufmerksamkeit zu schenken, was wir im Allgemeinen denken.
Bei der Kontemplation hingegen wählen wir ein Thema, wie zum Beispiel den eigenen Tod, und bleiben bei diesem Thema. Es geht nicht darum, heilsam oder unheilsam zu reagieren, sondern darum, die eigenen Reaktionen kennen zu lernen. Wir können dadurch erfahren, was uns bewegt und motiviert, wie wir im Leben stehen und wie wir uns eventuell hilfreich ändern können. Gewählt wird immer ein Thema von universeller Wahrheit, das wir auf uns persönlich beziehen. Das bedeutet, den Mikrokosmos im Makrokosmos zu sehen und sich selbst als Teil des Ganzen wahrzunehmen.
Kapitel 3
Das Heil der Vertiefung
Wir kommen jetzt zu der siebenten Qualität, die der Buddha in einem Mönch gesucht hat, nämlich zum „Heil der Vertiefung“. Es ist die Geistessammlung, zu der die anderen sechs Qualitäten hinführen sollen. Ohne diese anderen Fähigkeiten kann die Konzentration nicht vervollständigt werden.
Konzentration heißt auf Pāli samādhi oder samatha. Das Wort samādhi ist uns nicht ganz fremd; es bedeutet nichts anderes als die Sammlung des Geistes, wodurch er einspitzig wird. Er bleibt dann auf einem Platz, gehorcht und tut, was wir von ihm wollen, schweift nicht in die Ferne und kümmert sich um nichts anderes als um das, worum er sich kümmern soll. Die Sammlung des Geistes kann momentan, angrenzend oder vollkommen sein.
Die momentane Sammlung haben wir sicherlich alle schon erlebt, wenn der Geist kurzfristig nur dem Atem Beachtung schenkt. Aus dieser momentanen Sammlung kann sich die angrenzende Sammlung entwickeln. Diese sieht in der Praxis so aus, dass es uns scheint, als wären wir die ganze Zeit auf den Atem konzentriert, aber es ziehen noch Gedanken wie Wolken am Hinterkopf vorbei. Sie sind nicht konkret genug, um benannt werden zu können, sondern so nebelhaft, dass sie keinen erkennbaren Inhalt haben. Dennoch hindern sie uns daran, die volle Vertiefung zu erreichen. Dies ist sehr häufig bei Menschen der Fall, die schon länger Meditation praktizieren. Die angrenzende Sammlung ist ein relativ ruhiger Zustand, auf jeden Fall bedeutend friedlicher als das sonstige Denken, aber sie kann uns noch keine Bewusstseinsveränderung bringen. Um diese zu erleben, müssen wir vollkommen aufhören zu denken. So schwierig oder unmöglich sich das im Moment vielleicht auch anhört, es ist doch möglich und nicht schwierig, wir müssen nur dabeibleiben und es immer wieder üben.
Die Sammlung des Geistes bedeutet auch, dass er sich festigt. Wenn etwas gesammelt und an einem Platz gespeichert wird, ballt es sich zusammen. Ein gefestigter Geist ist nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen, und zwar nicht nur in der Meditation. Der Geist, der in der Lage ist, sich meditativ zu festigen, zur Ruhe zu kommen und seine Bewusstseinsebene zu erhöhen, nimmt natürlich etwas davon ins tägliche Leben mit, denn er ändert seine Beschaffenheit. Der Geist weiß, dass er zur Ruhe kommen kann, denn er hat es schon erlebt.
Wenn die Tugenden vervollkommnet werden, haben wir den Vorteil der Reuelosigkeit. Wenn die Konzentration vervollkommnet wird, haben wir den Vorteil der inneren Sicherheit, die unantastbar ist. Das bedeutet nicht, dass wir glauben, mehr zu wissen; im Gegenteil, zuviel Wissen kann uns leicht im Wege stehen und tut es auch oft. Es bedeutet vielmehr, dass der Geist ein Heim gefunden hat. Was wir für den Körper als selbstverständlich ansehen, nämlich ein Dach über dem Kopf, das uns gegen die Unbilden des Wetters schützt, einen bequemen Stuhl, ein komfortables Bett, eine angenehme Umgebung – das findet der Geist erst, wenn er in die Vertiefung gehen kann und sich gesammelt hat. Der Körper kann noch so bequem im schönsten Lehnstuhl sitzen und sich gut fühlen, die Gedanken schweifen dennoch in die Ferne. Der Geist macht sich Sorgen über die Zukunft, bereut die Vergangenheit, plant voraus, hofft auf etwas Besseres und ärgert sich über das, was schon passiert ist. Nirgends kann er vollkommen zur Ruhe kommen. Erst wenn er gelernt hat, sich in der Meditation zu sammeln, sodass er jedes Mal, wenn er sich vornimmt zu meditieren, tiefe Ruhe erlebt und vor allen Unbilden der Emotionen geschützt ist, hat er sein Heim gefunden. Allein das zu wissen genügt, um uns innere Sicherheit zu verschaffen.
In der Welt ist es unmöglich, sich ständig nur in geschützten Situationen zu bewegen. Was wir nämlich beschützt haben wollen, ist unser Ego. Da das aber jeder will, krachen die Egos aufeinander. Wenn wir nicht lernen, unseren eigenen Schutz – das Heim für den Geist – zu finden, werden wir uns immer wieder in Situationen des Tauziehens befinden; einmal ziehen wir stärker, einmal der andere. Wir können uns nie darauf verlassen, dass wir dabei nicht hinfallen und uns weh tun.
Sobald wir in der Lage gewesen sind, uns zu sammeln, und am eigenen Leib erfahren haben, wie man zu dieser inneren Ruhe kommt, sodass wir es jederzeit wiederholen können, wissen wir, dass wir geschützt sind. Jeder andere Schutz, den wir glauben uns aneignen zu können, ist genauso vergänglich wie wir selbst. Dieser Schutz ist jedoch nur vergänglich, wenn unsere Konzentration nachlässt. Es liegt also nur an uns. Wir brauchen uns auf nichts Äußeres zu verlassen.
Die angrenzende Sammlung, die denen möglich ist, die schon länger meditiert haben, muss durch Willenskraft in die volle Sammlung umgewandelt werden. Es ist ein Moment des Entschlusses, der den letzten Anstoß dazu gibt; kein verbissenes Wollen, sondern eine Kraft, die der Geist in sich aufbringt, sodass er diese Schwierigkeiten überwinden kann. Die Schwierigkeiten liegen wie immer beim Ego. Unsere Ich-Behauptung kann nur unterstützt werden, solange wir denken, und daher denken wir andauernd, bis wir lernen, einmal damit aufzuhören.
Darum ist es auch so schwierig sich wirklich zu konzentrieren, denn wenn wir vollkommen konzentriert sind, ist niemand da, der sagen kann: „Wie schön du dich konzentrierst, das ist ja herrlich.“ In dem Moment, wo wir das sagen, ist die Meditation ja schon wieder zu Ende. Es muss also jeder Gedanke daran, was ich kann, möchte oder werden will, ganz ausgeschaltet werden. Das innere Erleben ist dann das Einzige, was bleibt. Dabei gibt es zwar einen Beobachter und ein Beobachtetes, aber niemanden, der die Ich-Illusion unterstützt, und daher ist es schwer, über diese Schwelle zu treten.
Wenn wir einmal über diese Schwelle getreten sind, sollten wir in der Lage sein, es immer wieder zu tun. Ich vergleiche dies häufig mit dem Eintreten in ein Haus, wobei die Meditationsmethode, die wir anwenden, der Schlüssel ist. Wenn wir den Schlüssel lange und fest genug in der Hand halten, können wir ihn endlich in das Schlüsselloch stecken. Solange wir den Schlüssel jedoch nicht ruhig halten, ist es unmöglich, das Schlüsselloch zu treffen. Aber wenn wir den Schlüssel (das Meditationsobjekt) lange und intensiv genug festhalten, können wir die Tür aufschließen. Selbstverständlich müssen wir die Tür, wenn wir sie einmal aufgeschlossen haben, durch ständige Praxis offen halten. Dann brauchen wir den Schlüssel nicht mehr, das heißt die Methode ist nicht mehr nötig.
Dahin muss uns die Sammlung des Geistes führen, denn nur dort lernen wir kennen, was wir uns alle wünschen, was aber nur wenigen Menschen auf der Welt beschieden ist, weil sie sich einfach nicht in der richtigen Weise bemühen. Es ist der Herzensfrieden und die innere Freude, die uns ganz allein dadurch zuteil werden, dass wir uns konzentrieren und unsere Ich-Bezogenheit zeitweise fallen lassen. Wir brauchen nichts zu erleben, das uns friedlich stimmt, wir brauchen nichts zu erlangen, das uns Freude macht; nichts gibt es zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen, zu berühren oder zu denken, wodurch Freude und Frieden einziehen können. Der Herzensfrieden und die innere Freude existieren vielmehr bereits in uns, und wir brauchen uns ihnen nur zu nähern.
Es ist interessant und von großer Bedeutung für uns, zu erleben, wie der Frieden durch nichts anderes gestört wird als durch unser Denken. Wie einfach, wenn man nur aufhören könnte! Es ist möglich, dies zu tun, aber es gehören Willenskraft, ständige Praxis und Hingabe dazu. Darum gibt es auch die Anweisung, jede Meditationssitzung mit „liebender Güte“ für sich selbst zu beginnen. Das bringt nicht nur ein Gefühl der Liebe und Ruhe, sondern eine gewisse Weichheit in den Geist, als Hilfsmittel gegen die Starrheit des „Ich weiß, ich kann und ich will“. Diese Geisteshaltung macht jedem, der sie hat, das Meditieren unmöglich. Die Weichheit des Geistes, die sich dem Geschehen hingeben kann, macht es uns leicht, in die meditative Vertiefung zu kommen. Der Geist fließt mit dem, was ist, und versucht nicht, Einfluss auszuüben.
Dass der Frieden in uns existiert und nur vom Denken überschattet ist, dass das innere Glück in uns wohnt und nur von unseren Emotionen unterdrückt wird, bedeutet, dass unser Geist von Natur aus rein und lauter ist und wir lediglich die Schlacke entfernen müssen. Es ist, als ob wir in ein Bergwerk gingen und uns daranmachten, endlich einmal die Juwelen, die dort versteckt liegen, von all der Schlacke zu befreien, die sie umgibt. Bei manchen Menschen liegen die Juwelen ziemlich nah an der Oberfläche, und sie brauchen nicht so viel an sich zu arbeiten. Der Buddha hat das eine schnelle Entwicklung mit schnellen Resultaten genannt, die wenig Leid in sich birgt. Andere Menschen müssen mehr und länger an sich arbeiten, bevor sie an ihren inneren Reichtum herankönnen.
Wohl jeder Mensch hat unterschwellig das Gefühl, dass es etwas geben müsse, das wirklich Glück und Frieden bringt, und bezeichnet das dann mit Namen, die er irgendwo gehört oder gelesen hat. Vielleicht hat uns auch jemand erzählt, dass er auf eine bestimmte Art Frieden gefunden habe, und wir versuchen, das nachzuahmen. Es gibt die seltsamsten Vorstellungen davon, wo und wie man Glück finden könne. Diese Ideengebäude lassen uns deutlich erkennen, dass der Geist eigentlich weiß, dass es etwas anderes gibt als die Marktplatzmentalität, mit der wir uns immer wieder auf die Dualität des Denkens einlassen, auf gut und schlecht, mein und dein, haben und loswerden, kaufen und verkaufen, womit die meisten Menschen ihr Leben ausfüllen. Wir wissen, es gibt etwas viel Erhabeneres, auch wenn wir es noch nicht erlebt haben. Jeder von uns trägt Glück und Frieden in sich, und darum ist uns auch klar, dass sie zu finden sind. Wie schwer es ist, an sie heranzukommen, hängt davon ab, wie viel Schlacke noch vorhanden ist und wie viel wir schon entfernt haben.
Deswegen besteht die Lehre des Buddha immer aus drei Teilen, wovon der erste Teil, das Fundament, die Tugend ist. Das größte Heil ist die Tugend, die wir in uns entwickeln wollen, um einen spirituellen Pfad gehen zu können, der uns zu höheren Bewusstseinsebenen führt; nicht nur, damit uns andere anerkennen oder wir nicht bestraft werden. Dafür haben wir Beschützer, nämlich Gewissen und Scham. Auch diese beiden können uns helfen, unsere Tugend zu vervollständigen, aber die tiefste und eindringlichste Motivation ist die Überzeugung: „Ich muss mich reinigen und läutern, um Glück und Frieden in mir zu finden.“
Ohne die Sammlung des Geistes ist dies nicht möglich. Es gibt hin und wieder Menschen, die spontan und zufällig ein beeindruckendes Erlebnis von Glück und Frieden haben, wenn sie beispielsweise am Meer so von der Wellenbewegung fasziniert sind, dass alle Gedanken ausgeschaltet und sie ganz von der Wellenbewegung durchdrungen sind. Dadurch kann ein inneres Erlebnis ausgelöst werden, das tief beglückend ist. Vielleicht glauben diese Menschen dann, dass sie, um das noch einmal zu erleben, wieder ans Meer gehen müssen. Aber möglicherweise haben sie keine Gelegenheit, wieder dorthin zu gehen, oder sie gehen hin, und es passiert gar nichts. Das Erlebnis hat nichts mit dem Objekt unserer Faszination zu tun, sondern nur damit, dass sich der Geist gesammelt hatte. Das gleiche Erlebnis können wir zum Beispiel auch angesichts eines herrlichen Sonnenuntergangs haben, aber wieder sind wir von einem äußeren Ereignis abhängig. Wenn die geistige Sammlung und die Hingabe jedoch ohne jeglichen Rückhalt geschehen, dann steht uns dieses Erleben jederzeit offen.
Unser Denken ist unsere Abwehr, weil es verhindert, dass unsere Ich-Illusion auch nur für einen Moment in Frage gestellt wird. In unserem Kopf geht es oft zu wie auf einem Schlachtfeld, auf dem der Geist etwas will, aber etwas anderes tut und damit sozusagen gegen sich selbst ankämpft. Sich nicht zu wehren bedeutet nicht, sich einfach gehen zu lassen, sondern vollkommen wach und achtsam zu erleben, was wirklich im eigenen Innern vorgeht. Wenn wir dabeibleiben können, indem wir den Atem lange genug betrachten, sodass er schließlich ganz fein wird, ist der nächste Schritt das Erleben der inneren Empfindungen.
Die volle Konzentration ist erreicht, wenn der Atem so fein geworden ist, dass wir ihn entweder gar nicht oder nur schwer wahrnehmen können. Sehr häufig machen wir dann den Fehler, nochmals tief zu atmen, um uns des Atems zu vergewissern. Das ist dann so, als hätten wir den Schlüssel ins Schlüsselloch gesteckt, aber anstatt die Tür aufzuschließen, geben wir uns erneut mit dem Schlüssel ab. In dem Moment, wo der Atem so fein wird, dass wir ihn kaum noch wahrnehmen können, lassen wir von ihm ab und richten unsere Achtsamkeit auf die inneren Empfindungen, die zu dieser Zeit höchst angenehm sind. Wenn wir das tun, sind wir über die Schwelle getreten. Anfangs ist das vielleicht nicht mehr als ein momentanes Erlebnis, aber das macht nichts, wir müssen es einfach immer wieder üben. Dann kommt der Geist zur Sammlung und findet Glück, Frieden und Ruhe.
Wir können uns die allerschönsten Märchen ausdenken, solange der Geist denkt, arbeitet er, und das kann nie wirkliche Ruhe bringen. Der Geist, der denkt, bewegt sich, und alles, was sich ständig bewegt, muss irritierend wirken, da es Reibung erzeugt. Darum glauben wir ja auch, dass wir schlafen sollten, wenn wir ausruhen wollen. Wenn wir dann keine wilden Träume haben, glauben wir, der Geist sei zur Ruhe gekommen. Schlaf kann jedoch kaum der Weg sein, auf dem inneres Glück und innerer Friede zu erreichen sind. Das wäre ja eine absolute Verneinung unserer spirituellen Fähigkeiten.
Der erste Schritt jeglicher Meditation ist die Hinwendung zum Meditationsobjekt. Dieses anfängliche Hinwenden wirkt der Lässigkeit und Trägheit des Geistes entgegen. Lässigkeit und Trägheit ist eines der fünf Hindernisse (1. Sinnenlust, 2. Übelwollen, 3. Lässigkeit und Trägheit, 4. Unruhe und Sorgen, 5. Zweifelsucht) und äußert sich darin, dass wir es „morgen“ machen wollen, uns nicht aufraffen können, nur das tun, was unbedingt sein muss oder zum Überleben notwendig ist, uns überfordert fühlen und keine Zeit für andere haben, weil unser Geist nicht die Spannkraft hat, die auf einer starken Geistesenergie beruht. Die Lässigkeit des Geistes verursacht die Trägheit des Körpers. Wenn der Körper Schmerzen hat, jammert der Geist, und wenn der Geist faul ist, kann auch der Körper nichts erledigen. Das anfängliche Hinwenden arbeitet gegen diesen Zustand, denn um uns dem Meditationsobjekt zuwenden zu können, müssen wir geistig wach sein, andernfalls können wir das Meditationsobjekt ja überhaupt nicht aufgreifen. Allein schon dieser Anfang ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Wir leiden unter den fünf Hindernissen und erfreuen uns an fünf Faktoren der meditativen Vertiefung, die diesen fünf Hindernissen entgegenwirken. Das Heil der meditativen Vertiefung liegt nicht nur darin, dass der Geist nun ein Heim gefunden hat, sondern auch darin, dass die meditative Vertiefung eine sehr rapide Läuterung mit sich bringt, obwohl sie zeitlich begrenzt ist. Ein Mensch, der sich immer wieder in meditative Vertiefung begibt, verkleinert die Hindernisse. Das heißt nicht, dass sie gleich mit der Wurzel ausgerissen werden, aber es bedeutet, dass sie immer schwächer werden. Ich vergleiche das gern mit dem Unkraut im Garten. Wenn wir das Unkraut wuchern lassen und nichts dagegen tun, nimmt es die ganze Nahrung aus dem Boden und überschattet die Pflanzen, sodass sie weder Sonne noch Regen bekommen und wir nichts anderes als Unkraut sehen können. Das Unkraut wird dann so kräftig, dass es schwer ist, es zu entwurzeln. Wir können es jedoch niederschlagen oder abschneiden, ohne es gleich entwurzeln zu müssen. Wenn wir es oft genug abgeschnitten haben, wird es immer kleiner und schwächer, sodass es erstens nicht mehr die Blumen überschattet und ihnen Sonne und Regen nimmt, zweitens nicht alle Nährstoffe aus dem Boden zieht und wir drittens nicht nur Unkraut, sondern auch Blumen zu sehen bekommen. In der meditativen Vertiefung beschneiden wir das Unkraut der Hindernisse und können allmählich einige der Blumen erkennen, die in unserem Herzen wachsen. Es kommt etwas von der inneren Reinheit zum Vorschein, die jeder Geist in sich trägt, denn wenn sie nicht im Keim vorhanden wäre, könnten wir sie niemals in uns zum Wachsen bringen. Wenn wir nun unsere Hindernisse immer wieder unterbinden, werden sie schwächer und schwächer und nehmen nicht mehr so viel Kraft von Herz und Geist in Anspruch, sodass wir mehr Energie für den spirituellen Pfad zur Verfügung haben. Außerdem haben kleinere Gewächse auch schwächere Wurzeln, sodass diese wiederholte Läuterung uns das endgültige Entwurzeln des Unheilsamen sehr erleichtert.
Diese automatische Läuterung muss Hand in Hand gehen mit der absichtlichen Läuterung im täglichen Leben, die darin besteht, dass wir unsere Gedanken, Reaktionen, Sinneskontakte, Worte und Handlungen beobachten und immer wieder vor unheilsamen Dingen beschützen. Wenn wir uns jedoch nur auf die Läuterung im täglichen Leben verlassen, haben wir einen langen und schwierigen Weg vor uns, der wahrscheinlich nicht zum Ziel führen wird. Der Geist, der sich nur auf das tägliche Leben konzentriert, ist natürlich derselbe Geist, der auch die Unarten in sich hat. Wenn wir diesen Prozess aber mit Meditation und Konzentration kombinieren und auf beiden Ebenen arbeiten, tun wir das Bestmögliche für uns selbst. Die Kombination von täglicher Achtsamkeit und automatischer Läuterung in der Meditation kann schnelle Resultate bringen, denn durch die wiederholte meditative Vertiefung haben wir uns eine verfeinerte Bewusstseinsqualität erworben. Diese erleichtert es uns, die innere Reinheit immer wieder zu kultivieren, sodass die Blumen sich entfalten können und das Unkraut niedergeschlagen wird.
Die anfängliche Hinwendung zum Meditationsobjekt, die Trägheit und Lässigkeit vielleicht nicht ganz ausmerzt, aber immerhin vermindert, muss während der Meditation immer wieder aufgenommen werden. Jedes Mal, wenn wir die Konzentration verlieren, müssen wir uns erneut dem Meditationsobjekt zuwenden – eventuell duzende Male. Weil dies notwendigerweise geschieht, haben wir die Möglichkeit, die Müdigkeit, die Lässigkeit und Trägheit des Geistes immer wieder zu unterminieren. Gelingt uns das in der Meditation, so wird es uns auch im täglichen Leben gelingen. Wir können uns dann immer wieder den Dingen zuwenden, die heilsam sind, und können unsere ganze Meditationserfahrung mit ins tägliche Leben hineinnehmen. Wenn wir andererseits das tägliche Leben nicht nutzen, um unsere Meditation zu unterstützen, werden wir beim meditieren immer Schwierigkeiten haben. Anhaltende Achtsamkeit auf uns selbst verleiht unserer Meditation das Fundament, um erfolgreich zu sein. Die meditative Vertiefung ist ein Mittel zum Zweck, genau wie die Meditation selbst ein Mittel zur Einsicht ist; ohne die richtigen Mittel werden wir uns dem Ziel nicht nähern können.
Nachdem wir uns immer wieder dem Meditationsobjekt zugewandt haben, wird uns mit dem nächsten Meditationsschritt bewusst, dass der Geist nun endlich gehorcht und auf einer Stelle bleibt. Er hat jetzt eine gewisse Schwere und ist nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen. Er hat sich niedergelassen. Die anhaltende Konzentration, die uns zeigt, dass dies möglich ist, bringt ein sehr wichtiges Resultat mit sich. Wir können aufhören, daran zu zweifeln, dass Meditation wirklich funktioniert, dass wir sie je erlernen werden und dass dies der richtige Weg ist. Sollten wir gerade noch überlegt haben, ob wir nicht lieber Tai Chi praktizieren, an einem Yoga-Kurs teilnehmen oder gar das Töpfern erlernen sollten, so erübrigt sich das jetzt. Wir spüren zutiefst, dass dies der Weg zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit ist, und der skeptische Zweifel, der uns immer wieder daran gehindert hat, Selbstvertrauen zu empfinden, ist zum großen Teil verschwunden.
Es ist daher ein sehr wichtiges Erlebnis, wenn der Geist einmal für längere Zeit dort bleibt, wo wir ihn gern hätten. Daraus entsteht ein Gefühl des Vertrauens in uns selbst und in die Lehre. Wir können selbst bezeugen, dass es so stimmt und funktioniert, wie die Anweisungen lauten. Ohne dieses Herzensvertrauen ist es unmöglich, einen spirituellen Weg in seiner ganzen Fülle zu erleben. Vertrauen ist nicht das gleiche wie blinder Glaube. Der Buddha hat den blinden Glauben immer wieder für gefährlich erklärt; aber er hat gelehrt, dass wir genug Vertrauen haben müssen, um uns vollkommen zu öffnen und die Methoden selbst auszuprobieren.
Hier ist unsere Hingabe gefragt. Einem Menschen, dem es leicht fällt, sich und andere Menschen zu lieben, wird es auch leichtfallen, sich einem spirituellen Pfad hinzugeben. Ein Mensch, dem Liebe schwerfällt, wird gewöhnlich auch stärker von skeptischen Zweifeln heimgesucht. Lieben können heißt Vertrauen haben. Wenn wir den spirituellen Pfad, den wir gehen wollen, nicht lieben können, werden wir immer wieder etwas Neues suchen, in der Hoffnung darauf, dass noch etwas Liebenswerteres kommt.
Die Hingabe an einen spirituellen Pfad ist die engste Verbindung, die wir in diesem Leben eingehen können. Wenn wir eng mit einem anderen Menschen verbunden sein wollen, müssen wir ihn verstehen und lieben, sonst ist diese Verbindung schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn wir einen Menschen nur lieben und nicht verstehen oder nur verstehen und nicht lieben, stehen wir sozusagen auf einem Bein. Das Gleiche gilt für die spirituelle Lehre, die wir praktizieren wollen. Wir müssen vollkommen und von Grund auf verstehen, dass hier ein Weg ist, der uns zu unserer geistigen Heimat führt, wenn wir ihm konsequent folgen. Die Lehre des Buddha ist verständlich, logisch und praktisch nachvollziehbar, aber Liebe und Hingabe kommen im Allgemeinen erst, wenn wir merken, dass wir Vorteile davon haben. Wir sind nun einmal von Natur aus selbstsüchtig. Das ändert sich meistens erst, wenn wir lange genug geübt haben.
Wenn der Geist nun beim Meditationsobjekt bleibt und die Gedanken nicht mehr kommen, erleben wir ein Gefühl, das an Ruhe angrenzt; es ist ein Gefühl der Sicherheit, das Gefühl, Meister unserer Situation zu sein. Solange wir von unseren Gedanken und Emotionen hin- und hergeworfen werden, sind wir deren Opfer. Erst wenn wir unsere Gedanken auf Wunsch abstellen können, werden wir das Heil der meditativen Vertiefung zu kosten bekommen.
Dafür müssen wir Geduld, Entschlusskraft und Energie entwickeln und bereit sein, immer wieder von vorn anzufangen. Jedes Mal, wenn unser Geist in die Ferne schweift, bringen wir ihn zum Meditationsobjekt zurück. Wir brauchen uns nicht darüber zu ärgern, nicht die Lust zu verlieren und nicht zu denken: „Ich kann das nicht, alle anderen können es sicher besser.“ Wir geben dem Geist nur immer wieder von neuem die Möglichkeit zur Läuterung. Wenn wir das oft genug gemacht haben, wird er zweifellos bei dem Meditationsobjekt bleiben. Wir alle behandeln die Dinge auf gewohnheitsmäßige Art und Weise; nicht nur das, was wir tun, sondern auch das, was wir denken. Wenn wir dem Geist bestimmte Gewohnheiten anerziehen, lernt er, dabei zu bleiben. Wir erleben dann nicht nur Sicherheit, Ruhe und Dankbarkeit, sondern auch Liebe. Endlich haben wir etwas gefunden, dem wir uns uneingeschränkt hingeben können, wo uns nichts Widerwärtiges zustoßen kann. Da ist niemand, der weglaufen oder einen anderen lieben könnte oder der Liebe nicht wert wäre. Hier kann unsere Liebe ungehindert wachsen und blühen. Dies bedeutet auch, dass wir die Richtung des spirituellen Wachstums, das Transzendieren der menschlichen Probleme, ständig mit dem Hauptmotiv der Läuterung in uns tragen.
Kapitel 4
Das Heil der Weisheit
Die nächste Entwicklungsstufe, die der Buddha in einem Mönch suchte, ist die Weisheit. Wir können jetzt erkennen, wie die drei Entwicklungsstufen aufeinanderfolgen: Tugend (Sῑla), Sammlung (Samādhi) und Weisheit (Pañña). Eine ist immer das Fundament und die Ursache für die nächste. Die Tugend ist nötig für die Sammlung und die Sammlung für die Weisheit. Selbstverständlich müssen wir alle drei gleichzeitig praktizieren, denn jeder Fortschritt findet auf allen drei Ebenen statt. Wenn wir warten wollten, bis wir die vollkommene Tugend erreicht haben, um erst dann zu meditieren, würden wir in diesem Leben vermutlich nicht mehr dazu kommen, und desgleichen, wenn wir uns nicht um Einsicht bemühten, bevor die Sammlung perfekt ist.
Die Sammlung wird durch Konzentration möglich, und wir erleben sie in der Meditation als Ruhe. Sie ist das Mittel zum Zweck der Weisheit, aber niemals ein Zweck an sich. Ohne das passende Mittel können wir den Zweck jedoch nicht erfüllen. Wenn wir in der Lage sind, bei unserem Atem zu bleiben, gehen wir der Sammlung entgegen. Wenn wir wissen, dass jeder Atemzug vergänglich ist und sein muss, gehen wir der Weisheit entgegen. Das eine wird als Ruhe, das andere als Klarblick bezeichnet. Es ist absolut notwendig, den Unterschied zu kennen und zu verstehen und in der Meditation beides zu verwenden.
Es gibt viele Meditationsmethoden; der Buddha selbst lehrte vierzig verschiedene. Wir können einige davon praktizieren, aber letztendlich ist eine Methode nichts als eine Methode, die den Geist auf einen Punkt oder ein Thema bringen soll. Obwohl es vierzig Meditationsmethoden gibt, gibt es dennoch nur zwei Richtungen, in die unsere Meditation führt, nämlich Ruhe und Einsicht. Wenn wir es mit unserem spirituellen Wachstum ernst meinen, müssen wir uns um diese beiden Aspekte bemühen. Jeder möchte gern einmal ganz zur Ruhe kommen, möchte sich längere Zeit friedlich und glücklich fühlen. Aber das Ziel unserer ganzen Praxis ist das Erlangen von Weisheit, Einsicht oder Klarblick, was uns letztendlich zu Glück und Frieden verhilft, unabhängig von jeder Methode.
Weisheit hat einen Mitarbeiter und Helfer, ohne den sie trocken und intellektuell wird, und das ist Vertrauen. Wir können es auch so formulieren: Weisheit ist im Geist, Vertrauen ist im Herzen. Beide müssen stets zusammenarbeiten. Die Weisheit muss das Vertrauen zu Rate ziehen, das ihr die Herzenskraft verleiht und sie zur Hingabe bewegt. Das bedeutet, dass wir mit Herz und Geist bei unserer spirituellen Praxis sein müssen, wenn wir sie als den wichtigsten Teil unseres Lebens erfahren wollen. Wenn wir nur kleine Versuche machen wollen, kommt es nicht so darauf an. Wenn es uns aber um unser Innenleben geht und um die Läuterung von Herz und Geist, dann müssen wir beide zu benutzen wissen. Wir können in uns selbst erkennen, ob es uns mehr an Weisheit oder mehr an Vertrauen mangelt. In den traditionell buddhistischen Ländern ist das Vertrauen stark entfaltet, und Einsicht wird weniger beachtet. Im Westen ist es umgekehrt. Es gibt genügend Bücher und Vorträge, sodass wir die Lehre schon einigermaßen verstehen können, aber unser Herz wird oft gar nicht davon berührt.
Weisheit entsteht langsam und allmählich. Der erste Schritt besteht aus hören, lesen und besprechen. Das gilt auch für alle weltlichen Erkenntnisse, nicht nur für die spirituellen. Der nächste Schritt ist, sich an das Gelernte zu erinnern. Auch das ist im weltlichen Bereich genauso. Wir können keine Berufsausbildung erlangen, wenn wir uns nicht an das Gelernte erinnern können. Sehr häufig kommt es allerdings vor, dass wir etwas nur so lange im Gedächtnis behalten, wie es unbedingt nötig ist. Die spirituellen Anweisungen brauchen wir aber bis an unser Lebensende und müssen uns daher permanent daran erinnern, was nicht ganz einfach ist. Das menschliche Erinnerungsvermögen ist schwach, was auf schwache Achtsamkeit zurückzuführen ist. Achtsamkeit und Erinnern gehören nämlich zusammen, und gefestigte Achtsamkeit bringt ein gutes Gedächtnis mit sich.
Nachdem wir uns an das Gelernte erinnert haben, müssen wir es erwägen. Wir müssen überlegen, ob das Gehörte, Gelesene und Erfahrene auf unser eigenes Leben zutrifft und ob es der Wahrheit entspricht. Wenn wir das bestätigen können, müssen wir anfangen, in diesem Sinne zu praktizieren. Nach und nach steigt dann Weisheit wie ein inneres Licht in uns auf, als erkanntes Erleben.
Als Erstes haben wir also die Informationen, die heute an Vielseitigkeit kaum zu überbieten sind. Wir müssen sie jedoch unter dem Aspekt sortieren, welche für uns wirklichen Wert haben, weil wir uns ja auf keinen Fall an alles erinnern können. Wenn wir uns dann um Erinnern, Nachdenken, Betrachten, Kontemplation und Nachvollziehen bemühen, erkennen wir ganz klar, dass nur ein ruhiger Geist dazu fähig ist. Wenn der Geist in der Meditation ruhig wird, sammelt er Kräfte. Er ist außerdem in der Lage, als objektiver Beobachter zu fungieren und nicht mehr alles subjektiv als persönliches Erlebnis, Drama oder Problem anzusehen. Wenn wir aufhören, alles persönlich zu nehmen, und unsere Erlebnisse mehr universell betrachten können, haben wir einen Schritt auf dem Pfad der Weisheit getan, der genügt, um den spirituellen Pfad erfolgreich zu beschreiten.
Wir müssen einmal von unserem tief verwurzelten Persönlichkeitsglauben Abstand nehmen, der sich in allem äußert, was durch uns und mit uns geschieht, und stattdessen unser eigenes Erleben in das universelle Geschehen einreihen. Der meditativ zur Ruhe gekommene Geist kann das akzeptieren, wohingegen der alltagsbezogene Geist noch nicht die Fähigkeit hat, sich von der Ichbezogenheit zu lösen. Wir meditieren alle für uns selbst, aber nur um eines Tages unser „Selbst“ loszulassen. Dazu brauchen wir einen ruhigen, konzentrierten Geist, der ohne abschweifende Gedanken, Ideen, Hoffnungen, Pläne und Wünsche erkennt, was außerhalb der Ichbezogenheit liegt. Weisheit kommt in kleinen Schritten. Sie ist kein goldener Mantel, der sich um uns breitet, und schon sind wir weise geworden. Allmählich kommen wir der Weisheit näher, und jeder kleinste Schritt auf diesem Weg sollte freudig begrüßt werden. Wenn Weisheit oder Einsicht in uns aufsteigt, sehen wir altbekannte Dinge in einem neuen Licht. Der Baum war schon immer ein Baum, und „ich“ war schon immer „ich“, aber nun sehen wir diese alltäglichen Dinge aus einer anderen Perspektive. Es gibt nichts Neues im Universum, alles ist schon einmal da gewesen. Es kommt nur darauf an, von welcher Warte aus wir schauen. Mit Weisheit schauen wir objektiver und unpersönlicher. Wir werden nicht mehr so stark berührt von dem, was sich um uns herum abspielt. Die Ichbezogenheit, die will, kann, möchte, hofft und plant, steht nicht mehr permanent im Vordergrund, sondern fügt sich in den Rahmen der Ganzheit ein.
Wir sehen dieselben Dinge wie früher, aber unser Geist reagiert anders darauf und wundert sich nicht über die ständige Veränderung. Er wundert sich höchstens darüber, dass er all die Jahre so blind war und alles geglaubt hat, was die Welt im Allgemeinen glaubt. Dass fast jeder die Welt und sich selbst als eigenständig und von allem getrennt sieht, ist kein Grund für den Meditierenden, das ohne Weiteres auch zu akzeptieren. Weisheit sieht die gewohnten Dinge in einem neuen Licht. Wir können und wollen das durch Kontemplation fördern.
Jeder Mensch weiß, dass er sterben wird. Was ist daran neu? Wir können unseren Postboten und unsere Nachbarn fragen, ob sie es wissen, und fraglos werden sie zustimmen, aber sie wollen sich im Grunde keine Gedanken darüber machen. Jeder Mensch weiß, dass alles, was lebt, sterben muss. Das ist nicht neu, aber wir können es auf neue und bedeutungsvolle Weise begreifen. Wenn wir in der Kontemplation die Naturgesetze auf uns selbst beziehen, sie also sowohl in uns, als auch in ihrer Gesamtheit erfassen, werden wir sie anders sehen und ein anderes Gefühl für sie bekommen. Jegliches Erkennen bringt ein Gefühl mit sich, und dieses Gefühl sagt uns ganz klar: „So ist es.“ Es ist ein Gefühl der Sicherheit, der Unantastbarkeit, des festen Vertrauens, das uns bestätigt, dass wir etwas richtig erkannt haben. Wenn wir Zweifel haben, können wir uns darauf verlassen, dass die vermeintliche Einsicht nicht stichhaltig ist. Der Zweifel dient dazu, uns von der falschen Fährte abzubringen.
Nach den Worten des Buddha liegt Einsicht oder Weisheit immer im Erkennen einer der drei Eigenschaften des ganzen Universums: Vergänglichkeit (Anicca), Leidhaftigkeit (Dukkha) und Substanzlosigkeit (Anattā). Jeder, der den Pfad zur Leidlosigkeit gehen will, wird sich eine dieser drei Eigenschaften als bevorzugtes Kontemplationsobjekt aussuchen. Der Buddha hat gesagt, es gäbe nur einige Menschen mit „wenig Staub auf den Augen“, den inneren Augen der Erkenntnis. Es ist also nicht jeder fähig, sich diesem Pfad voll und ganz hinzugeben, weil dazu bestimmte karmische Voraussetzungen gegeben sein müssen. Wenn wir zu denen gehören, die wenig Staub auf den Augen haben, können wir dankbar sein.
Die drei Daseinsmerkmale des Universums gelten auch für uns. Wir und das Universum sind nicht verschieden oder voneinander getrennt. Der Buddha hat gesagt, dass das ganze Universum in unserem Körper und Geist zu finden sei. Wenn wir uns selbst, zum Beispiel unter dem Aspekt der Vergänglichkeit, betrachten, erkennen wir auch alles, was uns umgibt, in der gleichen Weise. Es ist logisch und praktisch, sich selbst zu beobachten und dadurch die Einheit von allem wahrzunehmen. Jeder Schritt, den wir auf diesem Weg gehen, bringt etwas mehr Klarheit, mit der es sich dann einfacher leben lässt.
Ein Mensch, der viel Vertrauen in die Lehre des Buddha hat, sucht sich im Allgemeinen die Vergänglichkeit als Kontemplationsobjekt aus. Mit guter Konzentration wählt man sich oft die Leidhaftigkeit, und wer einen analytischen Verstand hat, bevorzugt meist die Substanzlosigkeit. Da wir aber sehr häufig eine Mischung von allen drei Eigenschaften haben, ist uns oft nicht ganz klar, welches Kontemplationsobjekt wir wählen sollen. Im Prinzip ist es ganz gleichgültig, welches wir wählen, die Hauptsache ist, dass wir mit einem beginnen. Wenn das gewählte Objekt uns nicht weiterhilft oder unser Interesse daran nicht mehr stark genug ist, können wir eines der beiden anderen benutzen. Die Einteilung nach Vertrauen, Konzentration und analytischen Fähigkeiten ist allgemein gehalten. Wenn wir eines der Daseinsmerkmale vollkommen durchschaut haben, werden uns auch die anderen beiden völlig klar, denn sie gehören zusammen. Jegliche Einsicht in eines davon beleuchtet auch die anderen zwei.
Das Pāli-Wort Dukkha bedeutet Unzufriedenheit, Unzulänglichkeit und Unerfülltheit, bezeichnet aber auch das Gefühl der Leere und die Hoffnung auf Besseres. Die ewige Hoffnung, es doch noch besser erwischen zu können, bringt uns im Allgemeinen dazu, unsere Probleme falsch anzugehen. Wir haben ganz bestimmte Verhaltensmuster, die wir immer wieder auf unsere Schwierigkeiten anwenden. Auf diese Weise verschleiern wir jedoch das Dukkha der Existenz, sodass es leicht in Vergessenheit gerät.
Die erste, sehr beliebte Reaktion auf irgendwelche Unannehmlichkeiten, die fast jeder schon angewendet hat, ist, jemand anderen dafür verantwortlich zu machen. Irgendjemand muss an unserer Unzufriedenheit schuld haben. Wenn es nicht der Partner oder der Freund, der Arbeitskollege oder der Chef ist, dann ist es vielleicht die Regierung, die Amerikaner oder das Wetter, irgendwer muss doch schuld haben. Damit geben wir uns dann zufrieden und glauben, dass andere unser Dukkha hervorgerufen haben und wir ganz unschuldig leiden. Diese Haltung bringt leicht Selbstmitleid mit sich, was spirituelles Wachstum unmöglich macht. Wenn wir uns selbst leid tun, können wir nicht an uns arbeiten. Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit, dass wir in Depressionen verfallen, ist groß. Das Wort „Selbstmitleid“ macht bereits deutlich, was da passiert. Wir leiden mit uns selbst, was doppeltes Leid bedeutet: Dukkha haben wir sowieso und dann noch Mit-Leid.
Die zweite Art, mit Dukkha umzugehen, ist der Versuch, so schnell wie möglich davon wegzukommen, etwas Äußerliches zu verändern oder sich abzulenken. Wenn wir in der Sitzhaltung Schmerzen bekommen und uns schnell umsetzen wollen, so ist dies der Versuch, schnellstens von etwas Unangenehmem wegzukommen. Wir haben auch die Möglichkeit der Veränderung, indem wir etwas ganz Neues suchen – immer in der Hoffnung, dass wir damit Erfolg haben werden. Wir können uns auch ablenken, indem wir telefonieren, uns vor den Fernseher setzen, einen Roman lesen, uns mit den Nachbarn unterhalten, ein neues Hobby anfangen, das Radio anstellen, auf Reisen gehen… Die Möglichkeiten sind fast endlos, und all das nur, damit wir nicht merken, dass Dukkha unser ständiger Begleiter ist.
Wenn wir Dukkha für unser persönliches Wachstum nutzen wollen, müssen wir seine Bedeutung als unser bester Lehrer anerkennen. Das geschieht, sobald wir aufhören, andere zu beschuldigen, sobald wir nicht mehr weglaufen, uns ablenken, oder die äußeren Umstände ändern wollen, sondern Dukkha ganz klar ins Auge schauen und sagen: „Da bist du ja wieder, alter Freund, was willst du mir denn jetzt beibringen?“
Wir können lernen, mit Dukkha weise umzugehen, aber zuvor müssen wir sehr scharf beobachten lernen, um herauszufinden, ob vollkommene Zufriedenheit, vollkommenes Glück und vollkommener Frieden überhaupt existieren. Wenn wir diese Betrachtung ernst nehmen, werden wir bald feststellen, dass sie nicht existieren, außer zeitlich begrenzt während der intensiven Meditation.
Unsere Sinne suchen andauernd Nahrung im Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken. Wir glauben, dass unsere Freuden und Annehmlichkeiten in den Sinnesempfindungen liegen, denn wir kennen nichts anderes. Dass solche Freuden ganz kurzlebig sind, müssen wir erst einmal durch scharfes Beobachten erkennen. Erkennen müssen wir aber auch, dass sie so kurzlebig sein müssen, um nicht sofort wieder in Dukkha umzuschlagen. Die Tatsache, dass unsere Nahrung verdaut und ausgeschieden werden muss, um uns körperliches Wohlbefinden zu bereiten, mag verdeutlichen, dass unsere Sinneskontakte entstehen und vergehen müssen und dass dieser Prozess niemals aufgehalten werden kann. Eine solche Betrachtung öffnet unser Verständnis für neue Realitäten.
Es ist nur eine relative Wirklichkeit, dass uns das Essen gut schmeckt und wir es für wichtig halten, was wir essen. Auf der absoluten Ebene ist Essen lediglich notwendig, um den Körper mit Energie zu versorgen und ihn am Leben zu erhalten, was auch viele Schwierigkeiten mit sich bringt. Oft ist es uns zu viel, zu wenig, zu süß, zu sauer, zu salzig, zu heiß, zu kalt, zu spät, zu früh, eine ständige Versuchung zum reagieren. Die absolute Wahrheit verändert die relative Wirklichkeit nicht, aber sie verändert unseren Standpunkt, unsere Perspektive. Wir begreifen, dass wir in einem Kasperletheater mitspielen, wo sich das Kasperle und seine Frau, der Polizist und der Teufel alle Mühe geben, aber am Ende fällt doch der Vorhang, und alles ist vorbei. Aus der Perspektive der absoluten Wirklichkeit sehen wir etwas anderes: nicht etwa, dass der Vorhang am Ende nicht fällt, sondern dass er lediglich fällt, weil er am Anfang hochgezogen wurde. Aus dieser Perspektive ist alles eine Frage von Ursache und Wirkung. Der Vorhang braucht nicht mehr hochzugehen, wenn wir erkannt haben, dass es sich nicht lohnt, im Kasperletheater mitzuspielen.
Wir müssen einmal anfangen, die Dinge aus dieser Perspektive zu sehen. Es ist hilfreich, mit dem eigenen Dukkha anzufangen und den Körper als Kontemplationsobjekt zu verwenden. Können wir uns auf unseren Körper verlassen, sodass er uns Dukkha erspart? Es ist nicht nur die Meditationshaltung, die ihn plagt. Wenn wir uns zu Hause in einem bequemen Sessel ausstrecken und den Fernsehapparat anstellen, also angeblich den größten Komfort für Geist und Körper haben, sollten wir einmal zählen, wie oft wir uns in nur zehn Minuten bewegen. Unser Körper muss fortwährend behütet und beschützt werden, damit ihm nichts passiert. Wir müssen uns ständig um ihn kümmern und etwas für ihn tun. Unsere Wohnhäuser sind so gebaut und eingerichtet, dass unsere Körper sich darin wohlfühlen können. Wenn das nicht so wäre, wären wir alle unglücklich. Wir müssen unseren Körper einmal so erkennen, wie er wirklich ist, nämlich ständig zuwendungsbedürftig.
Wenn wir Dukkha verstehen wollen, können wir damit beginnen, unseren Körper von einer anderen Warte aus zu betrachten. Wir haben ihn vielleicht immer als Quelle der Freude angesehen und es für wichtig gehalten, dass er attraktiv aussieht. Jetzt können wir einmal versuchen, ihn etwas realistischer zu sehen. Der Buddha war weder ein Optimist noch ein Pessimist, sondern ein Realist und hat uns angeleitet, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, was Einsicht, Weisheit oder Klarblick bedeutet.
Durch das Erforschen von Dukkha haben wir die Möglichkeit, Weisheit zu erlangen. Vielleicht wird uns klar, dass Dukkha nur existiert, weil wir Dinge anders haben wollen, als sie sind. Haben wir Knieschmerzen, so hätten wir lieber keine. Bemerken wir die Schmerzen aber nur als unangenehmes Gefühl und lehnen uns nicht dagegen auf, so leiden wir nicht darunter. Erst in dem Moment, wo wir denken, dass wir viel besser meditieren könnten und die Welt viel schöner wäre, wenn wir keine Knieschmerzen hätten, beginnt das Leid. Wozu ist das nötig? Unzufriedenheit nimmt uns den inneren Frieden. Ohne Frieden ist immer Dukkha im Herzen. Entweder haben wir das eine oder das andere. Wieso nicht die bessere Wahl treffen? Zufriedenheit, innere Freude, In-sich-Ruhen ist uns möglich, wenn wir aufhören, uns gegen die Naturgesetze aufzulehnen, und sie stattdessen freudig akzeptieren.
Es ist oft nur die Unruhe des Geistes, die uns davon abhält, inneren Frieden zu erfahren. Der Geist will etwas außerhalb finden, das ihm Frieden verschaffen soll. Wünschen und Wollen, was auch Nicht-Wollen einschließt, verursacht jedoch immer Leid. Entweder möchten wir etwas, das wir nicht haben und sind deswegen nicht zufrieden. Oder wir haben etwas, das wir loswerden wollen und sind genauso unzufrieden. Das Leid des Habenwollens ist schwerer zu erkennen, denn was wir so alles kaufen, sehen, hören oder erleben können, scheint doch befriedigend. Es erscheint wünschenswert und daher erfüllend.
Wenn wir uns die Gegend hier betrachten, so ist sie sicherlich wunderschön. Māra, der Versucher, sitzt ständig in unseren Herzen und will uns zu den Sinnesgenüssen verführen. Er verleitet uns zu denken: „Wozu meditieren? Wozu die Wahrheit erkennen? Draußen scheint die Sonne auf die grünen Wiesen; geh doch lieber spazieren.“ Māra, der Versucher, schlich sich noch in das Herz des Buddha, als er unter dem Bodhi-Baum saß und die Erleuchtung zu erlangen versuchte, und wollte ihn von dort weglocken. Als ihm das nicht gelang, soll er angeblich vor Wut geplatzt sein. Leider hat er sich sehr bald wieder zusammengefügt, denn er sitzt ja noch heute im Herzen eines jeden Menschen. Wenn der Buddha noch Minuten vor der Erleuchtung den Verführer im Herzen hatte, können wir uns vorstellen, wie es bei uns aussieht, die wir vielleicht noch länger als einige Minuten von der Erleuchtung entfernt sind.
Die Verführung durch die Dinge, die unsere Sinne berühren, ist schwerer als Leid zu erkennen als das Leid, das wir erfahren, wenn uns etwas fehlt. Im Allgemeinen können wir uns Wünschenswertes besorgen. Wir können draußen spazieren gehen, es verbietet uns keiner. Wir haben genügend Geld, um uns ein Auto zu kaufen oder auf Reisen zu gehen. Wir können uns wahrscheinlich alles anschaffen, was wir gerne hätten. Wir erkennen das darin enthaltene Dukkha nicht, denn wir bekommen, was wir wollen, und erkennen die Kurzfristigkeit der Befriedigung und die damit verbundene Wiederholung des gleichen Vorganges nicht. Haben wir uns einmal die schöne Natur angesehen, so müssen wir sie immer wieder anschauen, um die gleiche Freude zu bekommen.
Die Sinnesbefriedigung, die jeder Mensch anstrebt, ist schwer als Dukkha erkennbar. Wenn wir das gute Karma haben, uns viele angenehme Sinnesbefriedigungen verschaffen zu können, vergessen wir, dass unsere ganze Zeit und Energie darauf ausgerichtet ist, diese Befriedigungen zu bekommen, die sowieso nie dauerhaft sein können. Daher ist die Kraft, Energie und Zeit, die wir dafür opfern, nutzlos verschwendet. Alle angenehmen Sinneskontakte, die wir je hatten, sind jetzt im Moment schon vergangen und vergessen.
Die Ablehnung der Unannehmlichkeiten ist viel einfacher als Dukkha zu erkennen, weil es sich ja um Unerwünschtes handelt. Wenn wir einmal klar und deutlich beobachtet haben, wie wir uns verausgaben, um Sinnesbefriedigungen zu bekommen, und sie dennoch nie behalten können, dann haben wir Dukkha in beiden Richtungen erkannt: in der Gier des Habenwollens und im Hass des Loswerdenwollens. Das erkannt zu haben, bedeutet nicht, dass uns das Essen nicht mehr schmecken wird, sondern nur, dass wir verstanden haben, dass unter weltlichen Bedingungen innerer Frieden und bleibendes Glück nicht zu finden sind. Wenn wir wissen, dass Dukkha sowohl in der Gier als auch im Hass liegt und dass die Welt uns nicht befriedigen kann, dann haben wir Weisheit durch Betrachtung von Dukkha erlangt, was uns zur vollkommenen Freiheit führen kann. Wenn wir Dukkha als Kontemplationsobjekt gewählt haben, erkennen wir bald, dass nur Wunschlosigkeit davon erlösen kann.
Es ist wichtig, einmal zu prüfen, welche Wünsche wir mit uns herumtragen. Wir werden sie nicht gleich alle fallenlassen können, aber einige von den unwichtigeren können wir sicherlich loslassen. Auf jeden Fall kommen wir so der Ursache der inneren Unruhe, des nicht vollkommen friedlichen Innenlebens, auf die Spur. Wenn wir durch Selbstbeobachtung unsere Wünsche als Ursachen für Dukkha erkannt haben, können wir allmählich immer mehr von unserem Wollen fallenlassen. Die Betrachtung von Dukkha ist keine Aufforderung zum Unglücklichsein, sondern eine Methode, um das eigene Leid zu verstehen, als Universalgeschehen zu akzeptieren und eines Tages vollkommen zu transzendieren. Erst wenn wir Dukkha auf diese Weise erfassen und nicht mehr darunter leiden, haben wir die Botschaft des Buddha verstanden.
Fragen und Antworten
F: Ich habe ein Problem mit den körperlichen Schmerzen. Ich kann verstehen, dass man Dinge nicht mehr haben will, und dass das Wollen durch das Erlöschen der Ich-Illusion aufhört. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass damit auch die Schmerzen aufhören, denn der Körper ist ja noch da und tut immer noch weh.
A: Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, wie die Welt vom Gipfel eines Berges gesehen ausschaut, wenn man noch nicht dort gewesen ist. Das ist vergleichbar mit jemandem, der noch nie in Paris war, es sich aber anhand von Bildern vorstellen will. Der Buddha hat gesagt: „Der unerleuchtete Jünger hat zwei Pfeile, die ihn treffen, nämlich Körper und Geist. Den erleuchteten Jünger aber trifft nur ein Pfeil, nämlich der Körper mit seinen Schmerzen.“ Das heißt also, dass wir unerleuchtet sind, wenn der Körper uns weh tut und der Geist darüber klagt. Wenn den Erleuchteten der Körper schmerzt, meditiert der Geist. Der Buddha lag auf seinem Sterbebett und ist die acht meditativen Vertiefungen durchgegangen. Zwischen der vierten und der fünften meditativen Vertiefung ist er gestorben. Er starb an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung, was schon ziemlich schmerzhaft gewesen sein muss.
F: Ich stehe in ständigem Konflikt mit meinem Körper, der sich bewegen möchte. Der Geist wird dann auch oft wütend, und außerdem bekommt der Körper Verstopfung. Ist es wirklich notwendig, sich überhaupt nicht zu bewegen in dieser Zeit? Ich habe richtige Probleme mit so wenig Bewegung, und du hast ja vorhin gesagt, dass Probleme der Meditation nicht förderlich sind. Wie soll ich also damit umgehen?
A: Wenn du gern Bewegung hättest, schlage ich dir vor, einen Dauerlauf zu machen. Dafür ist genug Zeit vorhanden, und dem steht nichts im Wege. – Aber während der Meditation muss man schon ruhig sitzen, sonst kann man den Geist nie zur Ruhe bekommen.
F: Ich möchte noch einmal auf die Sinne zurückkommen. Es gibt doch Berufe, in denen die Sinne ganz speziell gereizt werden, sodass man in einer besonderen Form zum Konsum verleitet wird. Würde das dann in letzter Konsequenz bedeuten, solche Berufe zu meiden oder mit den Dingen zu spielen, ohne „attached“ zu sein? Ich arbeite im Hotel und habe manchmal eine irrsinnige Wut, wenn ich beispielsweise ein Geschäftsessen um 300 Mark für zwei Personen serviere oder eine Suite für 1800 Mark die Nacht vermiete. Auf der einen Seite macht die Arbeit Freude; auf der anderen Seite ist da ein Gewissenskonflikt.
A: Wenn das Gewissen unruhig ist, würde ich dort nicht weiterarbeiten. Wenn die Menschen dort so teuer essen und in so teuren Zimmern schlafen, dann ist das ihre Sache. Dagegen können wir nichts tun. Aber wenn es dir Schwierigkeiten macht, es dich berührt und du darüber unglücklich bist, dann würde ich an deiner Stelle dort nicht bleiben. Dieses Unglücklich- und Berührtsein bringt deinen Geist immer mehr in Unruhe. Dann solltest du eine Stellung annehmen, wo dein Geist ruhig und zufrieden sein kann. Du kannst auch einmal überprüfen, wie die Welt im Allgemeinen funktioniert. Dein Hotel ist ja nicht der einzige Ort, wo solche Überteuerungen stattfinden. An den meisten Orten der Welt werden seltsame Dinge angeboten, weil der Mensch auf Sinnesbefriedigung aus ist. Wenn du sagen kannst: „Die Preise sind Sache der Gäste, ich bin nur hier, um meinen Job so gut wie möglich auszufüllen“; wenn du Verständnis dafür hast, dass diese Menschen nichts anderes kennen als ihre Sinnesbefriedigung, wenn du Mitgefühl in dir erleben kannst, denn diese Menschen sind auch nicht glücklich, dann geht es. Aber wenn der Job mit Schwierigkeiten für dich verbunden ist, würde ich ihn nicht beibehalten. Man soll sich nicht in Situationen begeben, die den Geist noch mehr verärgern, als es ohnehin schon der Fall ist. Wenn der Geist einmal nicht mehr von solchen Situationen beeinflusst wird, kann man sich überall hinbegeben. Dann erlebt man alles mit Mitgefühl, wie der Buddha es seinerzeit getan hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen, die 1800 Mark pro Nacht für ein Zimmer bezahlen, genauso wenig glücklich sind wie jeder andere.
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