Kitabı oku: «Die Kristallelemente (Band 2): Die türkise Seele der Wüste»
Inhaltsverzeichnis
Titel
Informationen zum Buch
Impressum
Widmung
Landkarte
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Schlusswort
B. E. Pfeiffer
Die Kristallelemente
Die türkise Seele der Wüste
Fantasy
Die Kristallelemente (Band 2): Die türkise Seele der Wüste
Heißer Sand, endlose Dünen und eine Stadt, die ihr vollkommen fremd ist … das ist das neue Zuhause der magiebegabten Oriana. Waren ihre Kräfte in der alten Heimat gefürchtet und verpönt, so findet sie in Sarabor endlich eine Möglichkeit, sie beherrschen zu lernen. Denn durch die Einladung einer geheimnisvollen Konditorin kann sie ihrem alten Leben entfliehen und in einem Laden arbeiten, der ganz besondere Schokolade verkauft. Magische Schokolade, welche die Gefühle der Menschen beeinflusst und damit einen Fluch fernhält, mit dem sich Oriana bald schon selbst konfrontiert sieht: den Fluch von Sarabor, der die Stadt in ein Chaos zu stürzen droht.
Die Autorin
Bettina Pfeiffer wurde 1984 in Graz geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Baden bei Wien.
Seit ihrer Kindheit liebt sie es, sich Geschichten auszudenken. Besonders als Ausgleich zu ihrem zahlenorientierten Hauptjob taucht sie gern in magische Welten ab und begann schließlich, diese aufzuschreiben. So entstand recht schnell die Idee für die ›Weltportale‹ und andere magische Geschichten im Genre Fan-tasy/Romantasy.
Inspiration dafür findet sie immer wieder durch ihre Kinder, mit denen sie gern auf abenteuerliche Entdeckungsreisen geht.
www.sternensand-verlag.ch
info@sternensand-verlag.ch
1. Auflage, September 2020
© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020
Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski
Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig
Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick
Satz: Sternensand Verlag GmbH
ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-146-8
ISBN (epub): 978-3-03896-147-5
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für alle anonymen Schokoladensüchtigen.
Genießt diese besondere Nascherei.

Prolog
Ohne das silberne Herz mit seinem Kristallelement wurden auch die anderen Elemente schwächer.
Und während die Dunkelheit die Meere mit heimtückischen Monstern füllte, um dafür zu sorgen, dass das silberne Herz nie gefunden würde, erschuf sie in den Wüsten grauenhafte Kreaturen, die sich von Träumen ernährten. Doch nicht von gewöhnlichen Träumen, sondern solchen, die eine Seele in tiefe Angst versetzten und sie Stück für Stück verschlangen.
Nur die Magie der Hoffnung hielt der Dunkelheit stand und verschaffte den Menschen der Wüste Zeit. Denn das Kristallelement Feuer würde die Wahrheit ans Licht bringen, wenn das silberne Herz es erweckte.
Hoffnung, in Sanden verloren,
beherrscht das Feuer, erweckt den eisigen Klang.
Kapitel 1
Warme Luft wehte mir um die Nasenspitze, als der Hafen von Mathis in Sichtweite kam. Kuppeln aus hellem Sandstein ragten in die Höhe und ich roch bereits die würzige Luft, die den herben und süßlichen Duft von Gewürzen, die angeblich auf dem Markt gehandelt wurden, zu mir wehte.
Sarabor, das Kaiserreich des Westens. Juwel der Küste. Unglaubliche Sagen rankten sich um dieses Land, zumindest hatten die anderen Passagiere an Bord darüber gesprochen. Von goldenen Straßen war die Rede gewesen und von Schokolade, die aus Brunnen floss. Aber auch von dunklen Kreaturen und unzähligen Dieben, die keine Skrupel kannten. Es gab also auch hier Licht und Schatten.
»Das wird meine neue Heimat«, murmelte ich und zog den Brief aus der Tasche, der vor rund drei Monaten den Weg zu mir gefunden und mein Leben verändert hatte.
Ich konnte noch immer nicht glauben, dass dies alles wirklich geschah, während ich ihn auffaltete, um noch einmal nachzulesen, was darin stand.
In fein säuberlicher Handschrift lud mich eine Madame Cremant ein, zu ihr nach Mathis zu reisen. Sie suchte nach einer Schülerin, die eines Tages ihr Geschäft übernehmen sollte. Dem Brief lag eine bezahlte Karte für die Überfahrt von Singal, der Hauptstadt des Königreichs Dundra, aus dem ich stammte, bei. Ich sollte bis übermorgen, dem dreizehnten Tag des vierten Monats, in ihrem Haus erscheinen, sonst würde sie sich nach einer anderen Schülerin umsehen.
Ich wusste weder, wer Madame Cremant war, noch, warum sie mich auserwählt hatte oder überhaupt ahnte, dass ich existierte. Denn ich war ein Niemand, ein Waisenkind aus ärmsten Verhältnissen in einer unbedeutenden Stadt in Dundra. Ich gehörte nicht zu der angesehenen Gesellschaft, denn meine türkisen Haare und Augen zeigten deutlich, dass Magie in meinen Adern floss. Deswegen war ich immer schon eine Ausgestoßene gewesen. Magie galt als unnatürlich und man fürchtete Menschen, die sie einsetzen konnten. Es gab keine Anzeichen, dass ich diese Kräfte besaß, dennoch hielt sich jeder von mir fern.
Das Waisenhaus, in dem ich als Säugling untergekommen war, hatte mich deswegen so schnell wie möglich vor die Tür gesetzt. Damals war ich vierzehn geworden und durch die Gegend rund um jenen Ort gestreift, in dem ich nicht mehr willkommen war. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich eine Waldhütte entdeckte, die verlassen schien. Obwohl ich Angst gehabt hatte, vom eigentlichen Besitzer vertrieben zu werden, bezog ich sie.
Zwei Jahre hatte ich mich durchgekämpft, hatte die harten Winter meines Landes irgendwie überstanden. Ich lebte von dem, was ich selbst fand oder zog. Es reichte gerade so und ich hatte kaum Hoffnung, diesem Dasein jemals zu entkommen.
Bis eines Tages dieser Brief eintraf. Er lag einfach hinter der Tür in meiner Hütte. Als hätte ihn jemand unter dem Spalt hindurchgeschoben. Anfangs dachte ich, er wäre gar nicht für mich bestimmt. Aber dann konnte ich meinen Namen entziffern, und mein Herz hatte wie wild zu schlagen begonnen vor Aufregung, Angst und Hoffnung.
Ich hatte mich wirklich angestrengt, doch es hatte dennoch ewig gedauert, ihn zu lesen, denn ich hatte nicht die Möglichkeit gehabt, lesen und schreiben zu lernen. Was ich beherrschte, hatte ich mir selbst angeeignet, als ich der Leiterin des Waisenhauses beim Erfassen der Lagerbestände der Küche half. Ich war ihr nicht geheuer, trotzdem nahm sie meine Hilfe gerne an, weil sie einfach keine Arbeitskräfte einstellen konnte. Trotzdem wollte sie nicht, dass ich blieb. Zu groß war die Gefahr, wegen meiner Kräfte selbst von den Schergen der Adeligen bestraft zu werden.
Die Arbeit in der Küche und die organisatorischen Tätigkeiten dazu lagen mir, ich hielt mich gerne dort auf, und so hatte ich zumindest eine Ahnung, was auf Bekanntmachungen in Singal oder in kurzen Briefen stand.
Natürlich sahen die Buchstaben anders aus, und deswegen dauerte es seine Zeit, den Brief zu entziffern, besonders weil ich die Handschrift nicht gewohnt war. Manche Buchstaben erkannte ich leichter, andere kaum. Nach zwei Tagen war ich mir ziemlich sicher, was die meisten Worte bedeuteten.
Obwohl mir die Sache immer noch seltsam erschien, packte ich die wenigen Dinge und das Ersatzkleid, das ich besaß, und machte mich auf nach Singal, um das Schiff für die Überfahrt zu besteigen. Ich war nicht wirklich abenteuerlustig, aber die Madame bot mir eine Zukunft, die ich in Dundra nie gehabt hätte.
Freunde hatte ich keine. Es hatte einmal jemanden gegeben, von dem ich dachte, er würde mich mögen. Er hieß Bayet und kam in einem Winter zu mir, half mir mit dem Feuerholz und versprach, Wild zu jagen. Ihm hatte ich vertraut …
Aber er hatte nur eine Möglichkeit gesucht, sich zu verstecken. Als er sich in Sicherheit gewähnt hatte, war er auf und davon gewesen. Zusammen mit dem wenigen Geld, das ich durch den Verkauf von Feuerholz verdient hatte, und dem letzten Vertrauen in Menschen.
»Ich brauche auch niemanden«, sagte ich mir und schob die Gedanken an Bayet beiseite.
Danach hatte ich niemanden in meine Nähe kommen lassen. Von meinem zahmen Eichhörnchen Maron, das sprechen konnte, abgesehen. Ich hatte es in meiner Tasche an Bord geschmuggelt, da ich nicht wusste, ob Tiere erlaubt waren. Ihn zurückzulassen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Außerdem hätte mich das Eichhörnchen verfolgt, da war ich sicher.
Die Fahrt nach Süden zu dem westlichen Kontinent dauerte etwa zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen ich mich mit einem Seemann namens Cham angefreundet hatte, der mein Großvater hätte sein können. Da er nicht aus Dundra stammte, schienen ihn meine Haare nicht zu stören. In seiner freien Zeit hatte er mir von Sarabor und dem Kaiser erzählt.
»Der Anblick von Mathis ist immer wieder schön«, meinte Cham, als er neben mich trat. »Aber lass dich nicht von der Fassade täuschen. Mathis ist ein gefährliches Pflaster, und die meisten Sarabeser mögen keine Ausländer. Außerdem …« Er starrte auf einen Punkt, als hätte er etwas entdeckt, bevor er fortfuhr. »… liegt ein Fluch auf dieser Stadt.«
Ich stieß den Atem aus und ignorierte die Bemerkung mit dem Fluch. Seeleute sprachen ständig von Flüchen und Monstern, und nicht alles, was sie erzählten, stimmte. Mich störte vielmehr, dass die Sarabeser Ausländer nicht mochten. Durch mein Äußeres war ich leicht als jemand aus dem Königreich Dundra zu erkennen. Zumindest dachte ich das, denn ich hatte nicht gehört, dass diese Farbe in einem anderen Land vorkam. Ich konnte nur hoffen, dass man in Sarabor entweder nicht wusste, was diese Farbe bedeutete, oder Magie gegenüber nicht so ablehnend eingestellt war wie in Dundra.
Die Sarabeser besaßen dunkle Haut, die mit Karamell verglichen wurde, und schwarzes Haar. Ihre Augen erinnerten an die Schokolade, die angeblich überall floss.
Es war ein Glück, dass zu Hause niemand auf die Idee gekommen war, mich als Hexe zu verbrennen. Der König von Dundra ging an sich streng gegen jegliche Magie vor, weil er sie für zu gefährlich hielt. Ich hatte gehört, dass es auf dem östlichen Kontinent wohl ebenfalls nicht erlaubt war, Magie zu praktizieren. Wie die Gesetze in Sarabor aussahen, wusste ich hingegen nicht.
Ich seufzte. Ob ich meine Haare verstecken konnte? Aber dann wären da immer noch meine meergrünen Augen gewesen. Ich mochte mir mein Gesicht anmalen und meine Haare verbergen, aber meine Augenfarbe würde ich nicht ändern können.
»Oriana, hörst du mir überhaupt zu?«, riss mich Cham aus meinen Gedanken.
»Oh, ich … Entschuldige.«
»Bist ein gutes Mädchen. Ich bin sicher, du wirst dich hier einleben. Vor allem, wenn du bei Madame Cremant unterkommst. Sie wird dich vor jedem Fluch beschützen.«
Ich nickte. Cham hatte mir von der Madame erzählt. Sie war weit über die Grenzen von Mathis bekannt für ihre Schokoladen-Kunstwerke. Besonders weil man munkelte, dass sie eine gute Fee sei, da man ihren Leckereien Zauberkräfte, die Wünsche erfüllten, nachsagte. Also konnte Magie in Sarabor eigentlich nicht verboten sein.
Ich hatte noch nie Schokolade gesehen, geschweige denn gegessen. Aber wie Cham davon schwärmte, musste sie abgöttisch köstlich schmecken.
Als der Hafen näher kam, staunte ich über all die Schiffe, die dort vor Anker lagen. Dreimaster, Viermaster, kleine Segelboote … und inmitten von ihnen ein Schiff, dessen Holz purpurrot leuchtete.
»Cham, hast du so ein Schiff schon einmal gesehen?«, rief ich und deutete aufgeregt auf den Dreimaster.
»Ay, das ist die Crimson Conch«, erwiderte er und zwinkerte. »Es heißt, dieses Schiff gehörte einst dem Captain der berüchtigten Schwarzpiraten.«
»Piraten?«, keuchte ich.
Auch von ihnen kannte ich unzählige Geschichten, hatte sie aber selbst noch nie gesehen. Sie galten als blutrünstig und unbarmherzig, besonders jene, die man als Schwarzpiraten bezeichnete. Angeblich hatten sie Frauen verschleppt, allerdings schienen sie damit zumindest vor ein paar Jahren aufgehört zu haben. Niemand wusste, was aus den Frauen oder den Piraten geworden war, denn sie tauchten nie wieder auf. Bei dem Gedanken wurde mir übel. Ob es sich wirklich um diese Piraten handelte?
»Ay, aber wie es aussieht, segelt das Schiff unter einem neuen Captain. Jedenfalls habe ich nicht gehört, dass die Besatzung Probleme macht. Außerdem haben sie zwei Frauen an Bord. Eine davon nennen sie Prinzessin.«
»Eine Prinzessin? Auf einem Schiff?«
Cham lachte. »Ich denke nicht, dass sie wirklich eine Prinzessin ist. Sie ist höchstens eine Piratenprinzessin, aber sie soll schön sein und man munkelt, dass das Herz des Captains ihr gehört.«
»Die würde ich gerne einmal sehen«, murmelte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, als wir an dem roten Schiff vorbeisegelten.
»Wenn du Glück hast, läufst du ihr auf dem Markt über den Weg. Sie handeln hier um diese Jahreszeit mit seltenen Waren und sind meistens einige Wochen in der Gegend, bevor sie weiterreisen. Kannst sie kaum übersehen. Der Captain ist groß und hat blondes Haar, die Prinzessin trägt Piratenkleidung und ihre hellbraunen Haare meistens offen. Sind ein schönes Paar.«
Ich nickte und hoffte, ich würde den beiden wirklich einmal begegnen. Eine Piratenprinzessin. Wie aufregend ihr Leben wohl sein musste!
»Cham, was ist, wenn dieser Brief nicht an mich hätte gehen sollen?«, überlegte ich laut, als der Hafen so nahe war, dass einige Seemänner bereits die Taue, mit denen das Schiff befestigt werden sollte, auswarfen.
Nur weil mein Name darauf stand, war ich überhaupt davon ausgegangen, hier willkommen zu sein. Aber was, wenn die Madame jemand anderen mit meinem Namen gemeint hatte?
»Also, dann würde ich sagen, du segelst wieder nach Hause oder heuerst auf einem Schiff an und bereist die Welt.« Er klopfte mir auf die Schultern. »Das Eichhörnchen würde ich dann aber aussetzen. Das macht dir nur Kummer.«
Ich schluckte. »Du weißt von Maron?«
»Du sprichst mit dem Tier. War nicht zu überhören, besonders wenn du Essen in deine Tasche gesteckt hast.« Er lachte. »Keine Sorge, sonst hat es niemand bemerkt. Aber pass besser auf. Ich weiß nicht, ob Madame Cremant glücklich über Nagetiere in ihrer Werkstatt ist.«
Ich nickte. »Danke, Cham. Du hast mir die Überfahrt wirklich leichter gemacht.«
»Keine Ursache, Kleines. Ich wünsche dir viel Glück. Mögen die Meeresgötter geben, dass wir uns wiedersehen.«
Anders als in vielen Ländern glaubten die Seeleute fast einheitlich an Meeresgötter. Jeder andere wäre für eine solche Äußerung in Dundra auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Aber den Matrosen gestattete man diesen Glauben. Schließlich waren die Meere wild und man wollte den Seemännern nicht den Mut nehmen.
Als der Steg bereit war, verließen die Menschen das Schiff. Es gab strenge Rangordnungen und ich würde als eine der Letzten gehen. In meiner Tasche schien Maron aufgeregt zu sein. Entweder das oder er musste sich dringend erleichtern. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht mein einziges Buch und mein zweites Kleid als Toilette missbrauchte.
Als ich festen Boden unter den Füßen hatte und nicht mehr alles schwankte, öffnete ich die Tasche. Ein haselnussbrauner Kopf tauchte hastig auf.
»Liebe Güte, Oriana! Wolltest du mich umbringen? Du kannst mich nicht so lange da drinnen einsperren.«
»Du warst keine Stunde da drinnen. Außerdem, was hätte ich machen sollen? Man durfte dich ja nicht sehen.«
»Also wirklich. Und dann nennt mich dieser Seebär auch noch Nagetier! Ich bin ein Seelentier!«
Ich schmunzelte. Maron wurde nicht müde zu betonen, dass es kein Zufall gewesen war, als wir uns trafen. Ich hatte ihn im letzten Winter verletzt in der Nähe meiner Hütte gefunden. Die meisten Menschen hätten ihn sterben lassen, aber ich brachte es nicht über mich. Also nahm ich ihn mit und pflegte ihn. Das änderte nichts daran, dass ich fast einen Herzstillstand erlitten hätte, als er plötzlich zu sprechen begann.
Seelentiere waren Menschen mit magischer Begabung vorbehalten. Sie erschienen ihnen, wenn sie ihre Kräfte entwickelten. Ich konnte über mich viel behaupten, aber nicht, dass ich in der Lage war, Magie zu wirken, obwohl ich sie ziemlich sicher in mir trug. Also war Maron entweder kein Seelentier oder er hatte mich viel zu früh gefunden.
»Verhalte dich bitte trotzdem ruhig, wenn ich zu dem Laden gehe. Ich möchte nicht gleich wieder umkehren müssen.«
Maron zwinkerte. »Kannst dich auf mich verlassen!« Er reckte mir den Finger hoch, der am ehesten einem Daumen entsprach, dann verschwand sein flauschiger Kopf wieder in der Tasche. »Aber lass bitte ein wenig offen! Ich brauche schließlich Luft!«
Seufzend rollte ich mit den Augen. Als ob er keine Luft bekommen würde, wenn ich die Verschnürung ganz zuzog. Dennoch tat ich ihm den Gefallen. Schon weil ich sonst wohl keine Ruhe gefunden hätte.
Ich tastete nach dem Brief, den ich in die Brusttasche meines ausgeblichenen Kleides geschoben hatte, und verließ den Hafen. Der Markt war mein Ziel, denn dort wollte ich mich nach Madame Cremants Laden erkundigen.
Doch ich ging ziemlich langsam, weil ich die Häuser im ungewohnten Baustil bewunderte. Selbst die Kleidung der Leute, die mir begegneten, war vollkommen anders. Es gab Männer, die in kleidähnlichem Gewand herumliefen. Einige trugen allerdings auch Hosen, nur waren die so ausgebeult, dass ich mich unwillkürlich fragte, ob die Beine der Menschen hier dicker waren. Jedenfalls waren die Stoffe ihrer Kleidung so ähnlich gefärbt wie die sandsteinfarbenen Mauern der Häuser.
Frauen sah ich nur wenige, aber wenn, dann hüllten sie sich in farbenfrohe Stoffe und trugen auffälligen Goldschmuck. Ihre seidigen schwarzen Haare glänzten in der Sonne, und sie verbargen die untere Hälfte ihres Gesichts hinter einem fast durchsichtigen Schleier. Die Augen waren sehr dunkel geschminkt, und sie wurden meistens von drei oder vier Männern begleitet.
Wer auch immer mir begegnete, betrachtete mich geringschätzig oder tat so, als wäre ich nicht hier, und rempelte mich an. Dass ich in Sarabor nicht willkommen war, wurde immer deutlicher. Ob mir überhaupt jemand helfen würde, wenn ich nach dem Weg fragte?
Zum Glück fand ich den Markt recht einfach, weil die breite Straße vom Hafen direkt dorthin führte. Ich ließ den Blick über den riesigen Platz mit unzähligen Ständen schweifen und hoffte insgeheim, eventuell die Piratenprinzessin zu entdecken. Aber ich konnte weder sie noch den blonden Captain ausfindig machen.
Mein Blick fiel auf einen jungen Mann, der sich seitlich zu mir befand. Sein kantiges Gesicht wirkte makellos und er trug Kleidung aus edlem Stoff. Vor ihm stand eine junge Frau, die ihn förmlich anschmachtete. Er hatte seine Hand an ihre Wange gelegt und lächelte. Aber etwas an dem Lächeln störte mich. Es wirkte nicht warm und ehrlich, vielmehr … einstudiert. Es sah überhaupt so aus, als wollte er die Frau vor sich schnell loswerden, was ihm nach einigen Worten auch gelang. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, hob den Schleier leicht an und hauchte einen Kuss auf seine Lippen, bevor sie sich umdrehte und ging. Er stieß den Atem aus und schlenderte ebenfalls davon, allerdings in die entgegengesetzte Richtung.
Als mir bewusst wurde, dass ich die beiden viel zu lange angestarrt hatte, lief ich weiter. Ich machte eine Runde um all die Stände, dann eine zweite. Mir fehlte der Mut, einen der Händler anzusprechen, bis mir ein Stand auffiel, dessen Besitzer kein Sarabeser sein konnte. Er hatte hellbraunes Haar, und seine Kleidung erinnerte mich an einen Piraten. Zumindest stellte ich mir Piraten so vor, besonders als mir seine schwarz geschminkten Augen auffielen.
»Guten Tag«, machte ich mich räuspernd bemerkbar. »Darf ich Sie etwas fragen?«
Sein Blick glitt über mich und er schnalzte mit der Zunge. »Kleidung verkaufe ich nicht. Ich handle mit Früchten.«
Ich fühlte, wie meine Wangen glühten. »Nein, ich möchte nichts kaufen. Ich suche nach dem Laden von Madame Cremant.«
Er kniff die Augen zusammen und starrte meine Haare an. Dann grinste er. »Ah, die neue Schülerin. Du bist aus Dundra, richtig? Genau wie die Madame.« Bevor ich fragen konnte, ob Madame Cremant wirklich aus meiner Heimat stammte, hob er die Hand und deutete links von sich. »Siehst du das kleine Gebäude, wo die rote Fahne mit der goldenen Schrift über der roten Tür hängt? Das ist die Zauberwerkstatt der Madame.« Er zwinkerte. »Viel Glück! Wenn sie dich nimmt, sehen wir uns öfter, bevor mein Schiff weiterreist.«
»Danke!«, stieß ich erleichtert aus, packte meine Tasche fester und lief auf das Haus zu.
Je näher ich der roten Tür kam, desto langsamer wurde ich. Plötzlich wurde mir bewusst, wo ich mich befand. Ob es wirklich klug gewesen war, herzukommen? Was, wenn sie mich doch nicht wollte? Wenn sie meinte, es wäre ein Irrtum?
Meine Hände begannen zu zittern. Die Angst, einen Fehler begangen zu haben, loderte in mir auf. Denn hier in Sarabor gab es für mich wohl keine andere Möglichkeit, als für die Madame zu arbeiten. Hätte ich mir all das besser überlegen sollen?
Direkt vor der Tür blieb ich stehen. Es gab zwei Fenster, die, anders als die meisten Fenster hier, mit getöntem Glas versehen waren. Man konnte nicht hineinsehen und ich war unsicher, ob der Laden vielleicht geschlossen war. Schließlich waren die Türen jedes anderen Hauses weit geöffnet. Nur hier nicht.
Dennoch hob ich die Hand, bevor mich der Mut verließ. Gerade wollte ich klopfen, da ging die Tür auf. Ich verlor das Gleichgewicht und stolperte nach innen. Vermutlich wäre ich auf der Nase gelandet, wenn mich nicht jemand aufgefangen hätte.
Kapitel 2
»Oh, Verzeihung«, sagte eine seidig weiche Stimme, die zu einem jungen Mann gehörte. Dem Mann, den ich auf dem Markt mit der Frau beobachtet hatte. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand vor der Tür steht.« Er umfasste meine Schultern und hielt mich fest, während er mich mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. »Alles in Ordnung?«
Ich richtete mich auf und blickte in schokoladebraune Augen, in denen ich eine seltsame Regung wahrzunehmen glaubte. Dieser Mann war ein paar Jahre älter als ich. Seine Haut war genauso dunkel wie die der anderen Sarabeser, aber sein Haar sah nicht so schwarz aus. Fast so, als hätte sich eine andere Farbe hineinmischen wollen. Lila vielleicht oder Purpur, ich war mir nicht sicher.
»Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
Ich räusperte mich, konnte jedoch nicht aufhören, ihn anzustarren. Er sah einfach gut aus. Das Gesicht war kantig, aber nicht hart, obwohl seine Wangenknochen deutlich hervortraten. Ihm stand das. Er trug eine sandsteinfarbene Tunika, die ihm bis zu den Oberschenkeln reichte, nicht bis zu den Knien wie jene der meisten Männer, denen ich begegnet war. Goldene Stickereien verzierten den Kragen und seine langen Ärmel. In der Taille war das Hemd mit einem Gürtel zusammengebunden, der die gleiche Farbe hatte wie seine geplusterte Hose: ein dunkles Orange.
»Kannst du nicht sprechen?«, wollte er wissen und das Lächeln wich einem besorgten Gesichtsausdruck.
»Ich … Verzeihung, ich war nur in Gedanken«, stammelte ich und fragte mich, ob der verführerische Geruch aus dem Laden oder von ihm stammte.
»Dir ist nichts passiert?«, hakte er nach.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, du hast mich schließlich vor Schlimmerem bewahrt.«
Ein Lächeln umspielte erneut seine Lippen, aber wieder wirkte es so glatt wie eine Maske, die er einfach aufsetzte. Trotzdem begann mein Körper zu kribbeln. Ich schluckte und wandte mich ab, bevor ich ihn wieder anstarren konnte. Er machte mich nervös. Kein Wunder, dass die Frau ihn so angehimmelt hatte. Wenn er lächelte, selbst wenn es nur gespielt war, wurden meine Beine weich. Und ich hatte keinerlei romantisches Interesse an ihm.
»Du willst bestimmt in den Laden«, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit. »Und ich sollte die Tür hinter mir schließen, sonst macht mich Madame Cremant einen Kopf kürzer.« Er lachte und meine Hände begannen zu schwitzen. Es klang wunderschön. »Ich kann dich loslassen?«
Erst da wurde mir klar, dass er mich immer noch festhielt. »Ja, entschuldige, ich … Du hast sicher noch etwas zu erledigen.«
Er nickte und löste seine Hände von meinen Schultern. »Lass dir von der Madame nicht zu viel berechnen«, meinte er mit einem Zwinkern.
»Ja, äh … eigentlich hoffe ich, dass sie mich als Schülerin annimmt«, stammelte ich, als ich sichergestellt hatte, dass sich niemand in dem Raum befand. Warum erzählte ich ihm das?
»Oh, dann sehen wir uns vielleicht öfter«, verkündete er und hielt mir die Hand hin, die ich verwirrt anstarrte. »Ich bin übrigens Kezlin.«
»Oriana«, flüsterte ich und ergriff seine Hand zögerlich.
»Schöner Name. Passt zu dir.« Er zwinkerte erneut und hielt meine Hand einen Moment länger fest, bevor er seine zurückzog. »Dann bis demnächst.«
Kezlin trat beiseite und ließ mich vorbei, winkte mir noch einmal zu und schloss dann die Tür von außen.
»Du musst an deinem Auftritt arbeiten«, brummte Maron aus der Tasche. »Das war höchst bedenklich. Der junge Mann muss glauben, dass du nicht alle Tassen im Schrank hast.«
»Ja, und damit hätte er wohl recht«, murmelte ich.
»Außerdem gefällt es mir nicht, wie du auf ihn reagierst. Bei den Göttern, du kennst ihn nicht und ich höre deinen Herzschlag selbst in diesem Gefängnis.«
»Du übertreibst«, erwiderte ich leise und stieß den Atem aus. »Und jetzt still, ich muss mich vorstellen.«
Maron zischte etwas, dann wurde er ruhig und ich hatte Zeit, mich in dem Laden umzusehen.
Eine angenehme Kühle umfing mich, obwohl sich die Hitze draußen beinahe unerträglich anfühlte. Gemütliche Polstermöbel, die teilweise bunt waren und nach Sarabor passten, standen wild zusammengewürfelt neben den grünen Samtsesseln, die für Dundra typisch waren, im Raum. Es sah mehr wie eine Teestube aus als nach einem Geschäft.
Nur ein großer Tresen, der vorne mit Glas verkleidet war und in dem einige Kuchen und Kekse ausgestellt wurden, erinnerte mich an eine Verkaufsstube. Eine schöne Kasse aus versilbertem Metall stand darauf. Sie wirkte recht altmodisch, aber ich hätte mir keine schönere vorstellen können.
»Madame Cremant?«, rief ich, da ich den Raum abgelaufen war und kein Geräusch gehört hatte.
Hinter dem Tresen gab es einen Vorhang. Ich nahm an, dass er in ein Lager führte, wollte aber nicht dahinter treten, ohne dazu aufgefordert zu werden.
»Madame Cremant? Ich bin es. Oriana aus Dundra. Sie haben mir einen Brief geschickt, und ich …«
»Du bist zwei Tage zu früh«, erklang eine Frauenstimme hinter mir und ich fuhr mit einem Kreischen herum.
Eine ältere Dame mit strengem Blick und fast grauen Haaren stand in der farbenfrohen landestypischen Kleidung der Frauen vor mir. Ihre Augen waren meergrün wie meine und in dem düsteren Licht des Raums erahnte ich, dass ihre Haare einmal türkis gewesen sein mussten. Sie war etwa einen halben Kopf kleiner als ich und musste jenseits der fünfzig sein. Vielleicht noch älter.
»Wie haben Sie … Aber Sie waren …«, stammelte ich.
Wie hatte sie sich so an mich anschleichen können? Ich war ganz sicher gewesen, niemanden in dem Laden entdeckt zu haben. Und jetzt stand sie hinter mir, obwohl ich sie im Lager vermutet hatte … Ob sie mich die ganze Zeit über beobachtet hatte?
Mein Gestammel musste ihr Herz erweichen, denn mit einem Mal huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie mich musterte.
»Entschuldigung«, versuchte ich es noch einmal. »Der Wind war günstig und das Schiff deswegen schneller«, erklärte ich. Ich hatte nicht erwartet, für das zu frühe Erscheinen getadelt zu werden. »Ich … ich kann auch wieder gehen und übermorgen zurückkommen.«
Sie schüttelte den Kopf. »So habe ich das nicht gemeint, Kind«, sagte sie und ihr Lächeln vertiefte sich. »Ich hatte nur nicht erwartet, dich heute schon zu begrüßen. Aber umso besser, dann können wir gleich anfangen.« Sie musterte mich eingehend. »Am besten beginnen wir damit, dir anständige Kleidung zu besorgen. So kannst du weder in meiner Küche noch im Verkaufsraum aushelfen.«
Ich verschränkte die Finger ineinander. »Es tut mir leid, ich kann mir keine Kleidung leisten. Aber ich kann sie abarbeiten, falls Sie mich wirklich einstellen.«
Sie lachte. »Liebes Kind, ich habe dich nicht zufällig gewählt. Ich habe lange nach dir gesucht und bin mir ziemlich sicher, dass du zu mir passt. Die Kleidung stelle ich dir natürlich.«
»Aber, Madame …«, wollte ich widersprechen, doch sie winkte ab.
»Wir werden am besten gleich in ein Geschäft gehen. Um diese Uhrzeit verirren sich wenige Kunden in unseren Laden. Also können wir die Zeit sinnvoller nutzen.« Sie zog einen Schlüsselbund unter ihrer Kleidung hervor. »Dein Seelentier solltest du aber hierlassen.«
Blut rauschte in meinen Ohren und ich klappte den Mund auf. »Mein … was?«
»Das Eichhörnchen. Oder ist es ein Hamster?«
»Also wirklich!«, brummte Maron und kämpfte sich aus der Tasche heraus. »Ich bin ein Eichhörnchen! Ist doch wohl eindeutig.«
Madame Cremant schmunzelte ihn an. »Entschuldige, ich nehme dich nur an deinem Geruch wahr. Eichhörnchen und Hamster riechen sehr ähnlich.«
»Sie … Sie haben ihn gerochen?«, fragte ich mit weit aufgerissenen Augen.
»Natürlich. Er ist ein Seelentier. Es erschreckt mich eher, dass du meines nicht riechst.«
Noch während sie sprach, hörte ich etwas durch die Luft segeln und duckte mich, als eine große braune Eule über mich hinwegflog. Mit ihren hellgelben Augen musterte sie mich und anschließend Maron. Dann plusterte sie sich auf und wandte sich ab.
»Jetzt sei mal höflich, Viola.«
»Ich rede nicht mit Nagetieren und ungepflegten Mädchen«, knurrte die Eule. »Sie darf mich ansprechen, wenn sie etwas Anständiges angezogen hat.«
»Du bist schon ziemlich verwöhnt«, meinte Madame Cremant und schnalzte mit der Zunge. »Erinnerst du dich nicht, wie wir aussahen, als wir hier ankamen?«
»Ich verdränge diese Episode meines Lebens ziemlich erfolgreich, danke der Nachfrage«, erwiderte die Eule. »Ich passe auf die Ratte und den Laden auf. Lasst euch trotzdem nicht zu viel Zeit.«
Bevor ich widersprechen konnte, nahm mir Madame Cremant die Tasche ab, öffnete sie, damit Maron hinausklettern konnte, und führte mich aus dem Laden. Ich hörte noch, wie mein Eichhörnchen der Eule etwas zuzischte, und hoffte, dass es noch lebte, wenn ich zurückkam. Die Madame schien keine Bedenken zu haben, verschloss die Tür hinter sich und führte mich über den Marktplatz bis zu einem Haus, dessen Tür blau gestrichen war.
Im Inneren stand die Luft, die von einem seltsamen Geruch erfüllt war. Ich schnupperte und ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. »Wonach riecht es hier?«, wollte ich wissen.
»Eine Mischung aus Vanille und Lavendel«, erwiderte die Madame. »Ich werde dir viel beibringen müssen, aber zumindest scheinen deine Sinne recht ausgeprägt zu sein. Du kannst sie nur noch nicht nutzen.«
Sie winkte einer der Frauen, die hinter einem seltsamen Gerät saßen, das sie mit einer Art Trittbrett bedienten. Traten sie mehrmals schnell auf dieses Brett, ratterte die Maschine los und setzte Nähstiche. Fasziniert beobachtete ich ein Mädchen, das in meinem Alter war und mir am nächsten saß. Sie wirkte unheimlich geschickt.
»Madame Cremant, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Frau, die sich erhoben hatte und zu uns gekommen war.
Das traditionelle Kleid, das sie trug, war weinrot und mit silbernen Fäden durchwirkt. Ein Tuch, das durchsichtig, aber in derselben Farbe wie das Kleid war, lag über ihrem Mund. Die Madame trug kein solches Tuch und ich hoffte, dass ich auch keines würde anlegen müssen.
»Das ist Oriana, meine Schülerin. Ich möchte für sie ein Kleid für den Verkauf und eines für die Arbeit in meiner Küche anfertigen lassen.«
»Sehr gerne, Madame. Das Küchenkleid werden wir in den üblichen Stoffen nähen. Welche Farbe soll jenes für den Verkauf haben?«
Die Madame musterte mich, dann lächelte sie. »Ich dachte an das Türkis ihrer Haare und Gold.« Sie deutete auf einen Stoff, der direkt vor uns lag.
Mir verschlug es den Atem. Feine Muster, die mich an die Federn von Pfauen erinnerten, zogen sich über das Gewebe. Goldene Fäden durchwirkten es an verschiedenen Stellen, ließen das Muster fast aus ihm herausspringen.
»Das … das ist doch viel zu …«
»Keine Widerrede, Kind. Du musst die Chocolaterie repräsentieren. Dazu solltest du entsprechend gekleidet sein«, tadelte mich die Madame und wandte sich der Frau zu. »Wir nehmen diesen Stoff.«
Die Näherin nickte und führte mich in die Mitte des Raumes, wo sie mich mit einem Band vermaß und seltsame Zeichen auf eine Tafel mit Kreide malte. »Heute Abend wird es fertig sein. Wir bringen es zu Ihnen hinüber«, verkündete sie und Madame Cremant reichte ihr ein paar Münzen, bevor sie mich hinausführte.
»Madame, sind Sie sicher …«
»Oriana, ich sagte doch, du musst dich entsprechend kleiden. Wir werden dir im Laufe der Zeit noch mehr Kleider für andere Anlässe anfertigen lassen, etwa wenn du Kundschaft besuchst. Nicht alle kommen in den Laden, manche müssen wir beliefern.« Sie seufzte. »Ich werde dir so vieles erklären müssen, damit du es verstehst. Aber das wirst du mit der Zeit alles lernen und erfahren. Jetzt sorgen wir erst einmal dafür, dass du mit der Ausbildung beginnst. Wenn du so weit bist, dich zu entscheiden, ob du bei mir bleibst, weihe ich dich in alles ein.«
Ich wollte nachfragen, was sie meinte, aber etwas sagte mir, dass die Madame nicht mehr darüber reden würde. Ob sie von ihrer Magie sprach? Würde sie mir erst zeigen, wie ich Zauber anwandte, wenn ich fest eingestellt war? Oder wollte sie warten, bis sich meine Kräfte zeigten? Bestimmt war ihr aufgefallen, dass ich noch nicht wirklich Fähigkeiten besaß.
Wir schritten schweigend über den Markt, und diesmal wichen die Menschen mir aus. Oder vielmehr Madame Cremant. Offenbar hatten sie alle Achtung vor ihr und grüßten sie höflich, obwohl sie ebenso wenig aus Sarabor stammen konnte wie ich.
Mein Blick glitt über die Stände und ich war fast enttäuscht, Kezlin nicht zu entdecken.
»Du wirst ihn bald wiedersehen«, verkündete die Madame und ich zuckte bei den Worten zusammen.
»Wen meinen Sie?«
Sie schüttelte den Kopf. »Kezlin, mit dem du vorhin zusammengestoßen bist, als du den Laden betreten wolltest. Du hältst nach ihm Ausschau.«
Also hatte sie mich wirklich die ganze Zeit über beobachtet, während ich in dem Verkaufsraum umhergeirrt war.
Madame Cremant beugte sich ein Stück zu mir. »Wenn ich dir einen Ratschlag geben darf: Lass ihn immer nach dir suchen. Je schwieriger du für ihn zu erreichen bist, umso eher will er dich finden.«
»Ich verstehe nicht …«
»Das wirst du, Oriana. Das wirst du.« Sie zog ihren Schlüssel unter der Kleidung hervor und öffnete die Tür. Etwas zerbrach gerade geräuschvoll, als wir eintraten. Die Madame rümpfte die Nase. »Viola!«
»Es war die Ratte! Sie hat mich herausgefordert!«
»Eichhörnchen! Und du Raubtier wolltest mich fressen!«
»Warum sollte ich etwas so Abgemagertes, Heruntergekommenes …«
»Viola!«, brummte Madame Cremant, und die Eule schwieg. »Räum das zusammen. Ich muss mich um Oriana kümmern. Und wenn du Maron ein Haar krümmst, wirst du ab jetzt tatsächlich selbst auf die Jagd gehen müssen.«
»Ja, Madame«, murmelte die Eule und ließ den Kopf sinken.
»So, Oriana«, meinte die Madame mit warmer Stimme an mich gewandt, führte mich hinter den Tresen und schob den Vorhang beiseite. »Dann lass mich dir dein neues Zuhause zeigen.«
Sie klatschte in die Hände und das, was ich für ein Lager gehalten hatte, erstrahlte in hellem Licht. Ich hielt den Atem an, als ich in dem riesigen Raum aus weißen Fliesen stand.
Überall befanden sich Apparate, die ich noch nie gesehen hatte. Formen und Werkzeuge, die bestimmt für die Herstellung von Schokolade nötig waren, lagen säuberlich aufgereiht auf einem lang gezogenen Tisch.
Ich fühlte die Hand der Madame an meinem Arm und richtete den Blick auf sie. »Das ist die Werkstatt. Unsere Wohnräume liegen dahinter.«
»Ich darf hier wohnen?«
»Natürlich. Wo denn sonst?«
Sie führte mich durch den blütenweißen Raum hindurch zu einer türkisen Tür. Dahinter lag ein großzügiger Garten mit allerlei duftenden Pflanzen in wunderschön arrangierten Beeten. Ich kannte die meisten Blumen und Beeren nicht, aber die leuchtenden Farben der Blumen, unter denen ich nur Rosen und Lavendel benennen konnte, und die hellroten Beeren an dunkelgrünen Sträuchern wirkten so harmonisch, dass mir ein Seufzen entschlüpfte.
Ein Weg aus bunten Pflastersteinen verlief am Rand der Beete entlang zu zwei Treppen, die wiederum zu Türen unter den wunderschön verschnörkelten Bögen führten, welche überall in Sarabor Eingänge verzierten.
»Ich wohne links, deine Unterkunft ist rechts.«
Ich riss die Augen auf. »Ich habe eine eigene Unterkunft?«
Sie nickte und lächelte. »Natürlich. Du sollst meine Nachfolgerin werden und da du früh zu arbeiten beginnst, ist es gut, wenn du direkt bei der Werkstatt lebst.«
Ich schluckte, denn nun brannten mir doch einige Fragen auf der Seele, zu denen ich mir Antworten wünschte. »Madame, Sie haben gesagt, Sie haben nach mir gesucht. Bis ich Ihren Brief erhielt, wusste ich nicht einmal, dass es Sie gibt. Woher kannten Sie mich? Und warum haben Sie mich ausgewählt? Ich bin weder besonders geschickt noch kann ich wirklich mit Menschen umgehen …«
»Nicht ich habe das getan, sondern die Magie«, erwiderte sie mit einem Zwinkern, bevor sie wieder ernst wurde. »Was wir hier tun, ist eine besondere Form von Magie. Eine, die nur in Sarabor wirkt und nötig ist, um den Menschen Hoffnung zu geben. Nicht jeder kann unsere Magie einsetzen, weswegen ich nur eine Schülerin aus Dundra aufnehmen kann.« Sie ergriff meine Hand. »Und auch dort gibt es nicht mehr viele, die in der Lage sind, diese Gabe zu nutzen.« Sie betrachtete mich eindringlich und ein trauriges Lächeln erschien wieder auf ihrem Gesicht. »Aber du trägst diese Magie in dir. Nur mit dir wird die Tradition fortbestehen. Ohne dich wird die Hoffnung erlöschen.«
Sie blickte mir in die Augen und ich war nicht sicher, was ich erwidern sollte. Es kam mir vor, als würde sich eine eisige Hand auf mein Herz legen. Dass Magie hier nicht verboten war, hatte ich nun verstanden. Aber … so, wie die Madame sprach, klang es, als müsste ich mich vielleicht tatsächlich einem Fluch stellen. Einem, von dem ich nichts wusste. Ich hätte Cham nach mehr Details fragen sollen.
»Das ist alles viel auf einmal, ich weiß. Und ich lasse dich trotzdem noch im Ungewissen.« Sie seufzte. »Aber ich werde dich erst in alles einweihen, wenn ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Sosehr ich das möchte, noch muss ich dich prüfen, Oriana.«
Ich schluckte noch einmal und wusste immer noch nicht, was ich entgegnen sollte.
Die Madame rang sich erneut ein Lächeln ab. »Heute hast du noch Schonfrist, aber morgen werde ich dir zeigen, wie du deine Magie einsetzen kannst, um sie für das Gute zu nutzen. Ich werde dich lehren, wie die Schokoladenmagie wirkt. Und wenn du so weit bist, erzähle ich dir von den Geheimnissen Sarabors und welche Rolle wir spielen.«
Ich brachte nur ein Nicken zustande, während die Madame an ihrem Schlüsselbund hantierte und mir schließlich einen kleinen silbernen Schlüssel und einen großen goldenen gab.
»Der Silberne ist für deine Unterkunft, der Goldene für den Laden.« Sie reichte mir noch eine Kette. »Verliere sie nicht, es gibt keinen Ersatz. Jetzt ruh dich aus. Du wirst deine Tasche und Essen in deinem Zimmer finden. Ich rufe dich, wenn deine Kleidung da ist, damit du sie anprobieren kannst. Dein Seelentier schicke ich gleich zu dir.«
»Danke«, hauchte ich und umklammerte die Schlüssel, als gäben sie mir Halt, während ich den Garten betrachtete und anschließend die Treppen hinaufschlich.
Das musste ein Traum sein. Das Schiff, das mich herbringen sollte, musste gesunken sein. Denn ganz gleich, welcher Fluch vielleicht auf Sarabor lag – ich hatte in meinem Leben noch nie so viel Glück erfahren. Ich besaß ein sicheres Dach über dem Kopf und würde einen richtigen Beruf erlernen.
Das hier war ganz bestimmt ein Traum. Ich hoffte nur, dass ich niemals daraus erwachte.
Kapitel 3
Ein junges Mädchen, nicht älter als zehn, mit sauberer Kleidung und müden Augen, brachte das in weißes Papier verpackte Bündel mit meiner neuen Kleidung. Obwohl im Laden viel los zu sein schien, bestand die Madame darauf, bei mir in der Küche zu bleiben, während ich es anprobierte.
Zuerst schlüpfte ich in die schlichte sandweiße Arbeitskleidung. Es handelte sich um eine recht weite Hose, ein Oberteil, das gerade einmal bis unter die Brust reichte und Choli genannt wurde, und eine Schärpe, die um meine Hüften gebunden und dann über meine rechte Schulter geworfen wurde. Erstaunlicherweise konnte ich mich trotzdem sehr gut damit bewegen.
Anders sah es mit dem edlen Gewand in Türkis aus. Das Mädchen zeigte mir, wo ich welche Stoffbahn festhalten musste und wie ich mir den kunstvoll verzierten Sari, wie das lange Tuch hieß, umwickelte. Als ich fertig war und mich in einem kleinen Spiegel betrachtete, stockte mir der Atem.
»Du siehst bezaubernd aus.« Die Madame klatschte in die Hände. »Fast wie eine Prinzessin. Das Türkis hat exakt die Farbe deiner Haare, und das Gold verleiht dir etwas Mystisches.«
Ich fuhr über den weichen Stoff. Noch nie hatte ich so etwas Edles berührt und wagte kaum, meine aufgerissenen Finger darüber streichen zu lassen. »Ich weiß nicht, ob ich das je wieder so werde binden können«, murmelte ich.
»Anfangs wird es ungewohnt sein, Shirin«, meinte das Mädchen mit einem Lächeln.
Shirin war die Anrede für Frauen, die im Rang über einem standen. Das hatte mir die Madame erklärt. Für Männer lautete die Anrede Shar.
»Aber Sie gewöhnen sich daran.«
»Und ich werde dir auch helfen«, verkündete die Madame und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Komm, du kannst gleich in den Verkaufsraum gehen und mir einmal zusehen. Morgen zeige ich dir, wie man mit den Grundzutaten umgeht und was es zu beachten gilt. Du hast viel zu lernen.«
Bei den Worten wurde mir mulmig zumute. Ich hatte noch nie Magie gewirkt und Menschen hatten mich bisher wie Abschaum behandelt, weshalb ich mich von ihnen fernhielt. Deswegen befürchtete ich, dass ich mich ungeschickt anstellen und völlig falsch benehmen würde. Allein der Gedanke ließ mich frösteln.
Das Mädchen verneigte sich und wollte rückwärts aus der Küche gehen. Ich fragte mich, wieso … Aber vermutlich war das eine Art der Höflichkeit, die ich nicht verstand. Hoffentlich machte ich nicht zu viele Fehler und brachte die Madame in Schwierigkeiten.
»Warte«, rief Madame Cremant sie zurück, holte ein Schälchen aus einem Schrank und hielt es dem Mädchen hin.
Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kindes aus. »Vielen Dank«, hauchte es und nahm die Bruchschokolade wie einen Schatz an sich. Dann drehte es sich um und lief kichernd hinaus.
»Es ist manchmal so einfach, ein wenig Glück und Hoffnung zu schenken«, erklärte die Madame und seufzte. »Und manchmal ist es unsagbar schwierig.« Sie sah mich an und rang sich ein Lächeln ab. »Aber das soll heute nicht deine Sorge sein. Heute siehst du zu und bist aufmerksam.«
Ich rieb meine schwitzenden Hände an einem Küchentuch trocken, dann folgte ich Madame Cremant hinaus. Der Verkaufsraum war voller Leute in edlen Gewändern. Schokolade schien also auch in Sarabor ein Luxusgut zu sein.
Die Kakaobohnen, so hatte die Madame erzählt, wuchsen in einem weit entfernten Tal, dafür gab es sie in Hülle und Fülle, wenn man sie erntete. Das genügte allerdings nicht, um die herrliche Schokolade zu genießen. Man musste wissen, wie man sie zubereitete. Und genau das wollte meine Lehrmeisterin mir beibringen. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Konzentriert achtete ich darauf, wie sie mit den Kunden umging. Jeder sprach sie respektvoll an, obwohl es eindeutig war, dass sie nicht aus Sarabor stammte. Selbst die in edle Stoffe gehüllten Frauen, die ich nicht einmal anzusehen gewagt hätte, wirkten ihr gegenüber sehr höflich.
Einige der Damen baten um Schokolade, um ihnen in Träumen die Zukunft zu offenbaren. Andere wollten Schokolade, um einen Wunsch zu erfüllen. Wieder andere brauchten etwas, das ihnen Trost schenkte.
Ich hörte aufmerksam zu. Entweder lag wirklich ein Zauber auf den Süßigkeiten, oder die Madame nutzte die Vorstellung der Menschen, um ihr Geschäft anzukurbeln. Aber jeder, der hier herausging, wirkte zufrieden und irgendwie hoffnungsvoll, obwohl die Schokoladen, Pralinen und Kuchen nicht gerade günstig waren.
Es war bereits späte Nacht, als der letzte Kunde ging. Neben dem Verkauf von Schokolade boten wir im Laden auch Getränke zum Verzehr an. Cremige heiße Schokolade, süße Vanillemilch und mit Karamell versetzter Kaffee schienen die Menschen von Mathis besonders zu mögen.
Ich beobachtete die Madame, wie sie die Getränke zubereitete, und fragte mich, ob ich das jemals schaffen würde. Jedes besaß besondere Zutaten, man musste vorsichtig damit umgehen, und sie wirkte tatsächlich einen Zauber, bevor sie etwas servierte.
Nachdem wir die Tür verschlossen hatten, setzten die Madame und ich uns mit einer Tasse Schokolade in die bunten Sessel des Ladens. »Diese Schokolade wird dir einen Wunsch erfüllen.« Die Madame zwinkerte mir zu. »Also überlege dir, was du dir wünschst, und trink die Schokolade erst dann.«
»Ich … ich habe keinen Wunsch, Madame. Hier zu sein, ist wie ein Traum. Alles, was ich mir wünschen könnte, ist, nie wieder aufzuwachen.«
Madame Cremant lächelte, aber es wirkte bedrückt. »Es ist kein Traum, Oriana, und ich hoffe von Herzen, dass du hier glücklich wirst. Denn die Aufgaben, die sich dir stellen, werden vermutlich jene, die ich bewältigen musste, übertreffen.«
Ich starrte sie verwirrt an. »Madame?«
»Vergib mir, ich eile meiner Zeit oft voraus. Was ich dir sagen wollte, ist, dass du den Wunsch nicht verschwenden solltest. Es ist kein starker Zauber, der in dieses Getränk gewoben wurde, aber er wird dir dennoch einen Wunsch gewähren. Vielleicht kann die Magie dich nur unterstützen, deinen Wunsch zu erreichen, wenn er sehr groß ist. Das wird die Zeit weisen.«
»Also liegt tatsächlich Magie in jeder Schokolade hier?«, wollte ich wissen.
Die Madame nickte. »Natürlich nur gute und eher schwache. Wir sind keine Hexen, Oriana. Wir erfüllen Wünsche und ermöglichen Hoffnung. Während wir die Wunschmagie an zahlende Kunden vergeben, ist die Hoffnung etwas, das wir verschenken.«
»Also sind wir Feen?«, überlegte ich laut.
Das entlockte der Madame ein leises Lachen. »So etwas gibt es nicht«, erwiderte sie. »Außer in Märchenbüchern. Aber wenn du es so willst, dann sind wir Feen.« Sie sah mich plötzlich ernst an. »Alles, was ich dir beibringe, ist geheimes Wissen. Es gibt keine Aufzeichnungen dazu, du musst dir also alles merken. Die Zauber, nicht die Rezepturen für die Schokolade, wohlgemerkt. Das wäre zu viel. Aber die Zutaten, die du für die Magie benötigst, musst du aus dem Gedächtnis wissen und darfst sie nur deiner Schülerin verraten. Verstehst du das?«
»Ja, Madame«, flüsterte ich und ein Schaudern erfasste mich erneut. Ob ich wirklich dafür geeignet war? »Dann sollte ich mir vielleicht wünschen, dass ich mir alles merke?«
»Es ist dein Wunsch. Aber ich würde mir eher wünschen, dass ich hier Freunde finde. Sarabor ist nicht unbedingt das Land, in dem Fremde gerne aufgenommen werden.«
»Aber zu Ihnen sind alle höflich …«
»Weil sie meine Dienste in Anspruch nehmen möchten und fürchten, dass meine Zauber nicht wirken, wenn sie mich schlecht behandeln. Ich bin für sie dennoch eine Außenseiterin.« Ein Lächeln umspielte plötzlich ihr Gesicht. »Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber es sind wenige.«
Ich nickte. Freunde wären vermutlich gut. Ich hatte nie welche gehabt. Von Maron abgesehen. Da fiel mir erst auf, dass ich das wahnsinnige Eichhörnchen den ganzen Abend nicht gesehen hatte.
»Wissen Sie zufällig, wo Maron ist?«, fragte ich deswegen kleinlaut. Auch Viola hatte ich nicht gesehen.
»Ich fürchte, die beiden machen sich über die Reste der letzten Produktion her«, seufzte die Madame. »Alle Seelentiere lieben Schokolade. Sie ist nur nicht sehr gesund für sie.«
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, taumelte ein sichtlich vollgefressenes Eichhörnchen hinter dem Vorhang hervor. Viola schien auch träger zu fliegen und landete etwas unsicher auf dem Tresen.
»Die Ratte kann meinetwegen bleiben«, verkündete die Eule. »Wir haben uns ausgesprochen.«
»Wohl eher sämtliche Lagerbestände aufgegessen.« Die Madame lachte.
Die Eule räusperte sich und schwieg.
Maron rülpste, als er versuchte, auf meinen Schoß zu klettern. »Oriana, das musst du probieren! Du wirst nie wieder etwas anderes als Schokolade essen wollen! Wir sind im Himmel.« Ich schmunzelte, als das Eichhörnchen in meinem Schoß umkippte und selig grinste. »Im Paradies, Oriana. Im Paradies. Und jetzt muss ich schlafen, sonst wird mir vermutlich schlecht.«
Ich strich über Marons haselnussbraunen Kopf, als er zu schnarchen begann.
»Wir werden die beiden im Auge behalten müssen«, meinte die Madame mit einem Zwinkern. »Wäre möglich, dass sie sonst bald nur noch rollend vorankommen.« Sie deutete auf meine heiße Schokolade. »Vergiss deinen Wunsch nicht.«
Ich nickte und betrachtete das cremige Getränk. Es roch verführerisch, nicht nur nach Schokolade, sondern auch nach Gewürzen, die ich noch nicht kannte. Der junge Mann, dem ich in die Arme gelaufen war … Kezlin … er hatte ebenfalls so gerochen.
Ein Lächeln umspielte meine Lippen, als ich die Augen schloss, an ihn dachte und mir wünschte, Freunde in meiner neuen Heimat zu finden, bevor ich die Schokolade trank.
Kapitel 4
Es war noch stockdunkel, als mich ein Klopfen hochfahren ließ. Hastig wollte ich nach dem kleinen Messer tasten, das ich unter meinem Lager aus Stroh verborgen hatte. Bis mir klar wurde, dass ich auf einer weichen Matratze lag und nicht auf dem Boden der schäbigen Hütte im Wald, die so lange etwas wie ein Heim für mich gewesen war.
Maron schnarchte lautstark neben mir und wachte auch nicht auf, als es erneut klopfte. Ich stand auf, schlich zur Tür und legte mein Ohr an das Holz.
»Oriana, hier ist Viola. Die Madame möchte dich jetzt in der Küche sehen. Zieh deine Arbeitskleidung an und komm hinunter. Die Ratte kannst du hierlassen.«
Ich wollte etwas erwidern, aber ich nahm an, dass Viola bereits fort war. Hastig legte ich mein zerrissenes Nachthemd ab und schlüpfte in die Hose und den Choli, die ich für die Arbeit bekommen hatte. Ich band mir meine Haare zu einem Knoten zusammen und huschte hinaus. Einen Moment überlegte ich, die Tür abzuschließen, aber dann wäre Maron nicht herausgekommen, also ließ ich sie offen. Immerhin gab es nur den Zugang durch den Garten und den wiederum konnte man nur durch die Werkstatt erreichen. Maron war also sicher.
Die Dämmerung legte sich gerade über den Horizont, während ich die Stufen in den Garten hinunterhastete und tief einatmete. Der Morgen roch ganz anders als in dem Wäldchen in der Nähe von Singul, das besonders nach dem Regen würzig nach Tannennadeln duftete. In Mathis mischten sich die unterschiedlichsten Gewürze mit dem Duft der Blüten aus dem Garten. Und noch etwas anderes lag in der Luft. Etwas Süßes, Köstliches, das mir das Wasser in den Mund trieb.
Ich zögerte kurz vor der Tür in die Küche, dann öffnete ich sie und atmete den buttrigen Geruch ein.
»Oriana, guten Morgen«, begrüßte mich die Madame und klopfte sich das Mehl von den Händen. »Komm doch her. Ich zeige dir jetzt, wie man Blätterteig macht.«
»Blätterteig?«, fragte ich und betrachtete die Zutaten, die auf dem Tisch bereitstanden. Mehl, Eier und Butter erkannte ich. Alles andere wirkte seltsam fremd.
»Ja, es ist ein köstlicher Teig, den wir für unsere Gebäckstücke verwenden. Wir machen ihn nur morgens, wenn wir Frühstück anbieten. Das tun wir zweimal die Woche. Die restlichen Tage stellen wir Schokolade her oder verarbeiten diese.«
Sie winkte mich zu sich und ich stellte mich an die Arbeitsfläche. Dann erklärte sie mir die Zutaten. Neben Mehl und Butter gab es Zucker, Wasser und noch ein verquirltes Ei, das wir erst zum Schluss brauchten.
Zu Beginn vermengten wir Mehl mit Zucker und mischten Wasser unter, um einen Teig zu kneten.
»Der muss jetzt einige Zeit in die Kühlung«, erklärte die Madame und zeigte mir einen Raum, der sich eiskalt anfühlte und in dem Berge von Pralinen und Schokolade aufbewahrt wurden. »Inzwischen können wir uns um die Butter kümmern«, meinte sie, reichte mir Papier und ein rundes Holz. Dann sah sie mich auffordernd an. »Versuch mal, die Butter damit flach auszurollen.«
»Aber … wie?«
Sie zwinkerte. »Versuch es einmal. Ich möchte sehen, ob du diese Intuition besitzt. Wenn es nicht gelingt, ist es nicht schlimm. Dann verwenden wir die Butter für etwas anderes. Wir müssen sie nicht wegwerfen.«
»Wie können Sie diesen Raum überhaupt so kalt halten? Und wo bekommen Sie all die Zutaten her? Ich hätte nicht gedacht, dass es in Sarabor Butter gibt …«
»Alles zu seiner Zeit, Oriana. Alles zu seiner Zeit.« Sie deutete erneut auf die Butter. »Versuch es getrost.«
Ich unterdrückte ein Seufzen, weil ich im Begriff war, etwas so Teures wie Butter vielleicht zu zerstören. Da das Papier einen Sinn haben musste, faltete ich es und legte den bereits weichen Block dazwischen. Ich rollte ihn mit dem runden Holz vorsichtig aus und hoffte, dass ich es einigermaßen gleichmäßig hinbekam.
Als ich fertig war, nickte die Madame. »Sehr gut, ich hätte es nicht besser gekonnt. Du hast es absolut richtig gemacht. Jetzt müssen wir auch das wieder kühlen.«
Wir brachten die Butter in den Kühlraum und die Madame reichte mir ein paar Stück Bruchschokolade. Ich sollte sie kosten und ihr sagen, was ich schmeckte. In einer schien etwas wie Pfeffer eingearbeitet zu sein, aber ich wusste es nicht sicher. Ich schmeckte zwar, dass überall andere Gewürze verwendet wurden, und nahm auch die Nuancen von Blüten und anderen Dingen wahr, aber ich kannte ihre Namen nicht.
»Ich werde dir alles beibringen, wenn wir die Schokolade zubereiten«, meinte die Madame, als ich zu umschreiben versuchte, was ich schmeckte. »Auch ich wusste keine Namen zu den Gewürzen, die meine Meisterin verwendete. Du musst dich nicht sorgen.«
Da der Teig und die Butter mittlerweile kühl genug waren, machten wir weiter. Die Madame ließ mich den Teig so ausrollen, dass er doppelt so groß wie die Butter war, damit ich sie hinauflegen und bedecken konnte. Sie reichte mir einen Pinsel und ich musste das Mehl, das wir zum Ausrollen verwendet hatten, damit vom Teig fegen.
Vorsichtig schwang ich die Borsten, um die feine Struktur nicht zu beschädigen.
»Jetzt müssen wir ihn falten.«
»Falten?«, fragte ich ungläubig.
»Hat sie doch gesagt«, knurrte Viola, die aus dem Verkaufsraum gekommen war. »Er ist gleich hier, also beeilt euch.«
»Wer ist gleich hier?«, wollte ich wissen.
Die Madame lächelte. »Einer unserer Lieferanten und gleichzeitig ein guter Kunde. Du kennst ihn bereits. Er kommt immer, wenn wir Frühstück servieren.«
Sie sprach von Kezlin. Ich musste die Augen weit aufgerissen haben, denn die Madame schmunzelte und ich räusperte mich verlegen.
»Also, den Teig falten«, meinte die Madame schließlich, drehte alles um eine Vierteldrehung und klappte das untere Drittel zur Mitte und dann das obere ebenfalls. »Der muss jetzt wieder in die Kühlung, aber ich habe schon einige vorbereitet, die wir weiter bearbeiten können.«
Tatsächlich holte sie mehrere in Papier eingeschlagene Teigstücke heraus. Auf jedem Papier waren unterschiedliche Ecken ausgemalt. Eines hatte bereits drei Ecken mit Markierung, eines erst eine und das letzte zwei.
»Dieser hier«, sagte sie und gab mir den mit den drei Ecken, »muss nur noch einmal ausgerollt und gefaltet werden, dann können wir ihn zu Gebäck verarbeiten.« Sie deutete auf die Arbeitsfläche. »Versuch es.«
Ich stäubte Mehl auf den Tisch, legte den Teig darauf und rollte ihn aus. Dann schlug ich ihn ein wie die Madame und befreite ihn von Mehl.
»Jetzt packst du ihn ein und malst die vierte Ecke aus. Wenn wir mit den anderen fertig sind, können wir ihn ausrollen und zu Schnecken oder Hörnchen formen.«
Ich nickte und tat wie mir geheißen, dann ging ich ihr mit den anderen Teigen zur Hand. Als wir fertig waren, klopfte es an der Ladentür.
»Würdest du bitte aufmachen, Oriana?«, fragte die Madame mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
»Natürlich«, murmelte ich, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.
Warum war ich so nervös? Ich kannte ihn doch gar nicht und außerdem … schien er bei Frauen ziemlich beliebt zu sein, die Gefühle aber nicht zu erwidern. Zumindest hatte es auf dem Markt am Vortag so gewirkt, als er mit der vornehmen Dame gesprochen und so ausgesehen hatte, als könnte er es nicht erwarten, sie loszuwerden. Und sein Lächeln war unecht, weswegen ich mir sicher war, dass er etwas zu verheimlichen versuchte.
Dennoch zitterten meine Hände, als ich durch den Verkaufsraum ging und die Riegel vor der Tür wegschob. Ich öffnete und schluckte, als Kezlin in seiner schlichten und doch eleganten Kleidung vor mir stand. Er hob einen Mundwinkel und neigte den Kopf.
»Guten Morgen, Oriana. Es freut mich, dich zu sehen.«
Ich starrte ihn schon wieder an und brachte kein Wort über die Lippen.
Sein Grinsen vertiefte sich. »Dürfte ich vielleicht eintreten? Ich habe eine Lieferung für die Madame, und auch wenn der Morgen noch recht kühl ist, sollten wir die Kälte des Ladens nicht unnötig verschwenden.«
Ich räusperte mich. »Natürlich … guten Morgen, Kezlin.«
Mit gesenktem Blick trat ich zur Seite und ließ ihn ein. Er wartete, bis ich voranging, und ich hoffte, es war in Ordnung, dass er hinter mir in die Küche trat.
»Guten Morgen, Madame Cremant«, rief er und tätschelte Viola, die nahe dem Vorhang auf einer kleinen Schaukel saß, den Kopf. Er zog ein Päckchen mit Gewürzen aus der Tasche und reichte es der Madame, bevor er die Nase hob. »Bin ich zu früh dran heute?«
»Guten Morgen, Kezlin. Nein, ich habe Oriana nur gezeigt, wie man den Teig zubereitet. Wir fangen gleich an, die Schnecken zu formen und zu füllen.«
»Ah, dann sehe ich die Magie also, noch bevor sie gewirkt wurde.« Kezlin lehnte sich an eine Wand. »Welche Ehre.«
»Du hast es schon einmal gesehen, Junge.« Die Madame betrachtete ihn fast mütterlich. »Aber es ist gut, dass du hier bist. Ich möchte, dass Oriana den Zauber wirkt, und vielleicht macht es ihr Mut, wenn du hier bist.«
»Dein erstes Mal?«, fragte er und sah mich mit seinen schokoladebraunen Augen an.
»Was?« Ich hustete, weil mich die Frage vollkommen überraschte. Wollte er wissen, ob ich das erste Mal in einer Küche stand oder einem Mann so nahe war wie ihm oder …
»Magie zu wirken«, half er mir aus und schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das mich dennoch an eine einstudierte Geste erinnerte. Ob er vorhatte, mich um den Finger zu wickeln?
»Ja, ich … in Dundra ist es gefährlich, Magie einzusetzen«, versuchte ich, ihm zu erklären. Es glich allerdings mehr einem Stottern.
»Du wirst es bestimmt schaffen«, meinte er und legte den Kopf schief.
Das war zu viel für mich. Ich konnte das nicht, wenn er mich beobachtete. »Wieso sagst du das?«, murmelte ich und starrte auf meine Füße.
»Weil ich deine Magie spüre. Und wenn ich das kann, bedeutet es, dass sie stark sein muss.«
»Das ist sie«, bestätigte die Madame. »Komm jetzt, Oriana, sonst verhungert uns der Junge noch. Und das wäre wirklich schrecklich, denn wie ich bereits sagte: Er ist einer unserer wichtigsten Lieferanten.«
Ich holte tief Luft, als mir die Madame das runde Holz zum Ausrollen in die Hand drückte und auf ein Säckchen deutete, das vorhin noch nicht hier gestanden hatte.
»Dies hier ist das Pulver, das wir für das letzte Ausrollen verwenden. Es ist feiner Sternenstaub, mit dem wir die Magie im Gebäck festhalten. Wenn wir einen Zauber nur aussprechen, verschwindet er nach einiger Zeit. Mit dem Sternenstaub bleibt er bestehen.«
»Sie wollen tatsächlich, dass ich einen Zauber spreche?«, keuchte ich. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass sie mich schon so früh mit Magie hantieren lassen würde, vor allem, da ich noch nie gezaubert hatte.
»Keine Sorge, diese Magie ist harmlos. In die Frühstückshörnchen weben wir Hoffnung ein, weil sich viele Menschen so etwas holen. Magie zu wirken, ist einfacher, als den Teig auszurollen.«
»Aber ich …«
»Diese Magie stammt aus dem Herzen«, versuchte die Madame mir Mut zu machen. »Konzentriere dich darauf, jemanden glücklich machen zu wollen, und es wird gelingen.«
Sie streute etwas von dem Pulver auf die Tischplatte und ich rollte den Teig aus, während ich mir wünschte, jemandem eine Freude zu bereiten. Das Pulver begann golden zu glitzern und die Madame nickte zufrieden.
»Das hast du gut gemacht«, meinte sie und hob den Blick. »Nicht wahr, Kezlin?«
»Ganz fantastisch«, raunte er so nah bei meinem Ohr, dass ich vor Überraschung einen Satz zurückmachte und ihm im Sprung das Holz gegen die Schulter schlug. Dabei stolperte ich und wäre rücklings umgefallen, wenn er mich nicht aufgefangen hätte.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte er und wirkte verlegen. »Aber deswegen musst du mich nicht gleich mit deinem Werkzeug verprügeln.«
Wieso verhielt ich mich ausgerechnet in seiner Gegenwart so überaus ungeschickt?
»Schleich dich eben nicht so an sie an«, murmelte Viola und schüttelte den Kopf. »Mit diesem Mädchen werden wir viel Freude haben. Besonders geschickt ist sie nicht und sonderlich klug oder wortgewandt scheint sie auch nicht zu sein. Was hast du dir nur dabei gedacht, sie auszusuchen?«
»Sei still, Viola«, wies die Madame sie zurecht.
Mein Magen drehte sich um. Genau das hatte ich befürchtet. Ich wusste nicht, wie man sich richtig verhielt, und hatte das gerade bewiesen. Welcher normale Mensch sprang schon wie von einer Schlange gebissen auf, wenn jemand neben ihm stand?
Aber Kezlin beachtete die Eule nicht, sondern verhalf mir zu einem festen Stand. »Geht es wieder?«
»Ja, alles gut. Ich habe mich nur erschreckt, weil du so nah bei mir warst und …« Ich verstummte, als er wieder lächelte. »Ich rede zu viel, wenn ich nervös bin.« Ich hüstelte und fuhr mir mit den mehligen Händen über den Kopf.
»Du hast da was«, murmelte Kezlin und hob gerade die Hand an mein Haar, als die Madame dazwischenging.
»Sie wird noch mehr abbekommen, wenn sie weiterbäckt. Lass sie jetzt den Teig schneiden, Junge.«
Kezlin ließ die Hand sinken, zuckte mit den Schultern und machte einige Schritte von mir fort. Verwirrt blickte ich die Madame an.
Vorhin hatte sie mich hinausgeschickt, um ihm zu öffnen, jetzt wollte sie nicht, dass er mir etwas aus dem Haar fischte? Seltsam.
Während ich nachdachte, hatte die Madame ein Dreieck ausgeschnitten und Bruchschokolade bereitgelegt. Sie zeigte mir, wie man sie verteilte und anschließend die Teigecken zu Hörnchen einrollte, bevor sie mit Ei bestrichen und in den Ofen geschoben wurden.
Nach und nach verarbeitete ich den Teig, und ein köstlicher Duft verbreitete sich in der Küche, der mir wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Wir formten gerade die letzten Hörnchen, als Maron durch die Tür hereintaumelte.
»Hier riecht es nach Frühstück!« Er grinste, bis er Kezlin entdeckte. »Ich meine … fiep?«
Kezlin ging in die Hocke und streckte die Hand nach Maron aus. »Du bist also Orianas Seelentier. Ich nehme an, eine besondere Rattenart aus Dundra?«
Maron stemmte die kleinen Arme in die Hüften. »Also wirklich. Ich bin ein Eichhörnchen. Ratten sind nicht so süß wie ich.«
Kezlin lachte. »Passt zu dir. Er könnte dir etwas an Schlagfertigkeit beibringen.«
Ich räusperte mich. »Woher weißt du eigentlich, dass er ein Seelentier ist?«
»Ich habe längst verstanden, dass die Madame nur jemanden aus Dundra als Schülerin annehmen kann, der über Magie verfügt.« Kezlin zwinkerte. »Und ich habe einmal gelesen, dass ihr Magiebefähigten Seelentiere habt, die sprechen können. Viola spricht immerhin auch.«
»Kezlin war als Kind oft hier. Er ist sehr klug und wir können ihm vertrauen. Er besorgt mir auch die Zutaten, die schwer zu beschaffen sind«, meinte die Madame, als sie die Gebäckstücke aus dem Ofen holte. »Geh mit ihm schon mal in den Verkaufsraum, nehmt euch Hörnchen mit. Ich bringe euch dann gleich Kaffee.«
»Aber soll ich nicht …«, wollte ich widersprechen.
»Nein, den Rest schaffe ich alleine. Ich will dich nicht schon an deinem ersten Tag vollkommen erschöpft in einer Ecke finden. Also setz dich mit Kezlin hin, unterhaltet euch. Immerhin werdet ihr euch öfter sehen und solltet einander kennenlernen.«
Bevor ich noch ein Wort herausbrachte, saß Maron auf meiner Schulter und die Madame drückte mir einen geflochtenen Korb mit den süß duftenden Schnecken in die Hand.
»Los, Oriana, ich habe wirklich Hunger!«, rief Maron und hüpfte auf und ab.
»Ehrlich? Gestern musste ich deinen Bauch massieren, weil du zu viel gegessen hast.«
»Das ist jetzt einen Tag her!«
»Das war vor wenigen Stunden«, brummte ich.
Kezlin lachte wieder. »Ihr passt wirklich gut zusammen«, verkündete er und schob den Vorhang beiseite, bevor er sich wie ein Diener verneigte. »Nach Ihnen, Shirin.«
Ich schluckte, weil er mich mit seinen dunklen Augen intensiv musterte. Das Lächeln, das auf seinen Lippen lag, ließ mein Herz schneller schlagen, obwohl es immer noch so wirkte, als hätte er es einstudiert. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Andererseits … er schien mit mir zu spielen und ich unternahm nichts dagegen. Das musste ich ändern, sonst würde er mir das Herz brechen. Immerhin war er geübt darin, andere zu umschmeicheln, während ich nicht verstand, was ernst gemeint war und was nicht. Ich wusste nicht, wieso, aber mir war klar, dass Kezlin keine ernsten Absichten haben konnte.
Während ich das dachte, betrat ich den unbeleuchteten Verkaufsraum. Kezlin ließ mich einen Platz auswählen und wir setzten uns hin. Er nahm sich ein noch dampfendes Hörnchen und pustete darauf, bevor er herzhaft hineinbiss.
Ich hielt den Atem an, während er die Augen schloss und seufzte. »Die sind dir wirklich gelungen«, meinte er und öffnete die Lider. »Du wirst mal eine wunderbare Konditorin. Ich freue mich schon darauf, deine Schokolade zu probieren.«
Ich nahm mir auch ein Stück Gebäck und kostete es. Maron hatte weniger Bedenken als ich, aber er hatte ja auch nicht gesehen, dass ich den Zauber darauf gelegt hatte. Er nahm sich zwei Schnecken und versuchte, sie gleichzeitig in seinen Mund zu stopfen.
»Ich schäme mich wirklich für dich«, murmelte ich an ihn gewandt.
»Mmm du nnt«, gab er von sich und versuchte zu grinsen.
Ich rollte mit den Augen. Dann sah ich Kezlin an, der uns beobachtete. »Also, du bist unser Lieferant?«, fragte ich und biss noch einmal in das Gebäckstück. Es schmeckte wirklich gut und lenkte mich von dem Blick ab, den er mir zuwarf.
»Ja, ich suche nach den seltenen Zutaten«, erwiderte er.
»Und wo bekommst du die her?«
Er beugte sich nach vorne und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wenn ich dir das verrate, muss ich dich leider zum Schweigen bringen.«
Ich schluckte und richtete mich kerzengerade in meinem Sessel auf.
Er lachte und schüttelte den Kopf. »Schau nicht so. Ich mache nur Spaß. Aber ich kann es dir wirklich nicht verraten. Berufsgeheimnis und so. Du verstehst das.«
Ich nickte. Offenbar gab es in dieser Stadt einige Leute, die Geheimnisse hüteten. Je weniger ich davon wusste, umso besser. Dachte ich zumindest. Aber insgeheim wollte ich doch dahinterkommen, wie es Kezlin gelang, die seltenen Zutaten zu beschaffen.
Kapitel 5
Kezlin blieb, bis wir aufschlossen und andere Gäste einließen. Er scherzte bis dahin mit mir und erzählte mir allerlei unglaubliche Geschichten über Mathis und einige Händler. Aber über sich sprach er kaum und als er sich verabschiedete, wusste ich nicht viel mehr über ihn als vor diesem Gespräch.
Bevor wir das Lokal öffneten, schickte mich die Madame in meine Unterkunft, um mir den feinen Sari anzuziehen, da sie wollte, dass die Gäste mich darin sahen und erkannten, dass ich ab jetzt in dem Laden arbeitete. Wirklich wohl war mir dabei nicht und meine Hände zitterten so sehr, dass ich es fast nicht schaffte, mir die Kleidung anzulegen, und mich auf die Stoffbahn zu konzentrieren.
Ich hörte deswegen auch nicht, wie die Tür zu meinem Zimmer aufging und jemand hereinkam. Erst als sich eine Hand über meinen Mund legte, bemerkte ich den Eindringling. Ich wollte schreien, aber es kam kein Laut aus meiner Kehle.
»Schhh, ich tue dir nichts«, flüsterte eine tiefe, raue Stimme. »Ich suche nach etwas. Wenn ich dich loslasse, wirst du dann artig sein und nicht schreien?«
Ich konnte mich nicht bewegen, starrte auf die unter Leder verborgenen Finger, die vor meinem Mund lagen.
»Du musst atmen«, sagte der Mann, der mich festhielt.
Er lockerte seine Hand und ich sog gierig Luft ein.
»So ist es gut. Ich suche nach dem Medaillon. Wo hast du es versteckt?«
»Medaillon?«, keuchte ich und wollte mich umdrehen, um ihn anzusehen, da packte er mich und zog mich mit dem Rücken an seine Brust.
»Nicht, meine Schöne. Sonst muss ich dir die Augen ausstechen. Ich hatte keine Zeit, mich ganz zu verhüllen.«
Ich gab ein Quietschen von mir. Wo war Maron, wenn man ihn brauchte?
»Also. Du besitzt ein Medaillon. Ich benötige es, um einen Auftrag zu erfüllen. Sag mir, wo es ist, und ich lasse dich in Ruhe.«
»Ich habe nichts von Wert«, erwiderte ich mit bebender Stimme. »Bitte, ich habe in meinem Leben noch nie etwas besessen. Schon gar nicht Schmuck. Ich schwöre es.«
Mein Herz schlug so schnell, dass ich befürchtete, es würde zerspringen. Ob der Fremde mich jetzt töten würde?
Ich fühlte seinen Atem an meiner Wange, als er sein Gesicht näher an meines brachte. »Ich glaube dir«, verkündete er. »Aber du wirst schon bald ein Medaillon bekommen und ich werde es mir holen. Bis dahin wird sich unser Weg hoffentlich nicht wieder kreuzen.«
Er ließ mich los und ich hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Als wäre jegliche Kraft aus meinen Beinen gewichen, sank ich zu Boden und begann, zu schluchzen. Ich kauerte mich zusammen und weinte, zitterte und konnte mein Frühstück nur mit Mühe in meinem Magen behalten.
»Was ist geschehen?«, fragte Viola, die plötzlich neben mir saß.
»Da war ein … er hat mich …«, schluchzte ich und war unfähig zu sagen, was geschehen war.
Warum hatte sie nicht einige Augenblicke zuvor hier auftauchen können?
»Ich hole die Madame!«, sagte die Eule entschlossen und flog fort.
Ich ließ den Kopf wieder auf den Boden sinken und schluchzte weiter. Es dauerte nicht lange, da näherten sich Schritte, aber sie klangen anders als jene von meinem Angreifer.
»Oriana, was ist passiert?«, fragte die Madame und sank neben mir auf die Knie.
Behutsam zog sie mich in ihre Arme und ließ mich an ihrer Schulter weinen, bis ich keine Tränen mehr hatte.
»Erzähl mir, was vorgefallen ist«, bat sie und ich berichtete von dem Mann, der nach dem Medaillon gefragt hatte. »Welches Medaillon meint er?«, wollte sie am Ende wissen.
»Ich besitze keines«, entgegnete ich schniefend. »Ich weiß nicht, was er von mir will.«
Die Madame strich mir über den Rücken. »Viola, flieg zum Eingang und verkünde, dass es heute kein Frühstück gibt.«
»Aber das geht nicht«, meinte die Eule.
»Doch. Wir können Oriana jetzt nicht einer solchen Belastung aussetzen. Sag ihnen, sie können die Hörnchen kostenlos mitnehmen, als Entschädigung. Ich muss mich um Oriana kümmern.« Die Eule gab ein Krächzen von sich und wollte losfliegen, aber die Madame hielt sie zurück. »Hol ihr Seelentier. Ich verstehe nicht, warum es nicht zu ihr gekommen ist, als sie in Gefahr war.«
»Vermutlich liegt die Ratte im Kühlraum, weil ihre Beine den Boden nicht mehr berühren können«, zischte Viola und flog fort.
»Es ist alles gut, Oriana«, redete die Madame behutsam auf mich ein. »Wer auch immer das war, er wollte dir nicht wehtun. Und ich werde die Magie, die uns hier schützt, erhöhen. Das wird nicht noch einmal geschehen, ich verspreche es dir.«
Ein seltsamer Duft drang in meine Nase, während die Madame weitersprach. Ich fühlte, wie meine Lider schwer wurden, und plötzlich war alles schwarz.
Stimmen drängten sich in mein Bewusstsein, als ich langsam aus der Dunkelheit zurückkehrte. Blinzelnd öffnete ich die Augen und entdeckte Viola, die gerade mit Maron vor meinem Bett saß und ihn zurechtwies.
»Du solltest rücksichtsvoller sein, sie muss sich ausruhen«, schimpfte die Eule mit meinem Freund.
»Sie hat lange genug geschlafen«, widersprach Maron. »Die Madame meinte, sie sollte auf den Markt gehen. Es wird zu spät, wenn sie nicht bald aufbricht.«
»Hast du kein Taktgefühl? Sie ist überfallen worden. Ich verstehe ohnehin nicht, warum sie auf den Markt soll.«
»Da war irgendwas mit einer Piratenprinzessin«, überlegte Maron laut und schob sich etwas in den Mund. Er konnte wohl wirklich immer essen.
Ich räusperte mich und die Tiere fuhren zu mir herum.
»Haben wir dich geweckt?«, fragte Viola entschuldigend.
»Nein«, krächzte ich und setzte mich auf.
»Auf dem Tisch steht Wasser«, verkündete Maron und hüpfte zu mir herauf. Oder er versuchte es, denn offenbar hatte er sich bereits etwas Speck angefressen. Es sah lustig aus, wie er mit seinen Vorderpfoten an der Kante hing und mit den Hinterpfoten wild in der Luft trat.
»Peinlicher geht es nicht«, seufzte Viola und half Maron, das Bett zu erklimmen, bevor sie sich an mich wandte. »Wie fühlst du dich?«
Ich stand auf und schenkte mir Wasser ein, das ich gierig in einem Zug trank. »Erschöpft, aber …« Überrascht tastete ich meinen Körper ab. Ich erinnerte mich, dass mich jemand bedroht hatte, die Angst hingegen war wie fortgewischt. »Wieso habe ich keine Angst mehr?«
»Magie.« Maron grinste und machte sich über kleine Gebäckstücke her, die auf einem Teller lagen.
»Das ist für Oriana!«, fuhr Viola ihn an. »Beherrsch dich doch wenigstens ein Mal! Sie braucht das, um gesund zu werden.«
»Gesund?«, wollte ich wissen.
»Nun ja, es hilft dir, das, was heute gewesen ist, besser zu überstehen.«
Ich nickte, nahm mir eines der kleinen, viereckigen Gebäckstücke und biss davon ab. Herrliche Süße und eine fruchtige Note breiteten sich in meinem Mund aus. Ich fühlte mich augenblicklich besser.
»Wenn du aufgegessen hast, bittet dich die Madame, auf dem Markt etwas zu besorgen. Sie benötigt Zimt und möchte, dass du ihn auswählst.«
»Wieso?«, fragte ich und aß das nächste Gebäckstück. Es hatte einen vollkommen anderen Geschmack, fast scharf und herb, dennoch köstlich.
Trotzdem verstand ich nicht, warum ich zum Markt sollte. Ich wusste noch nicht einmal, wie Zimt aussah, und eigentlich wollte ich dieses Haus nicht verlassen. Andererseits war ich hier, in meiner eigentlichen Sicherheit, überfallen worden. Und trotzdem hatte ich keine Angst. Als wären alle Gefühle durch dieses Essen betäubt.
Wehmütig betrachtete ich den fast leeren Teller. Vielleicht hätte ich das Gebäck nicht essen sollen … Dann griff ich nach dem nächsten Stück und biss hinein. Zumindest fühlte ich mich jetzt besser.
»Weil sie sehen will, ob du den Richtigen auswählst, ohne dich auszukennen. Sie testet damit deine angeborene Intuition«, erklärte Viola. »Du sollst die Ratte mitnehmen. Er ist eigentlich dein Beschützer und außerdem muss ich etwas für die Madame erledigen, weswegen ich nicht auf ihn aufpassen kann.«
»Wieso aufpassen?«, brummte Maron.
»Weil du sonst das Lager leer frisst«, zischte Viola, bevor sie mich ansah. »Fühlst du dich dazu bereit?«
Ich aß das letzte Gebäckstück, das nach Schokolade schmeckte. »Ja, ich denke schon.«
»Gut. Falls du sie siehst, kannst du dich mit Amara unterhalten.«
»Wer ist Amara?«, hakte ich nach.
»Die Piratenprinzessin. Die Madame ist der Meinung, ihr solltet euch kennenlernen.«
Ich nickte und Viola deutete auf einen Beutel, der auf dem Tisch lag.
»Darin ist das Geld für den Zimt. Viel Spaß, wir sehen uns am Abend.«
Sie breitete die Flügel aus und erhob sich, um aus dem offenen Fenster zu fliegen.
»Endlich ist sie weg.« Maron seufzte erleichtert und kletterte auf meine Schulter. »Also, lass uns zum Markt gehen.«
Ganz wohl war mir nicht, als ich nur mit Maron auf meiner Schulter auf die Straße trat und die Ladentür mit dem goldenen Schlüssel verschloss. Die Münzen hatte ich in einem Beutel verstaut, der an meiner Hüfte befestigt war und unter meinem Sari verschwand. Dort landete auch der Schlüssel, nachdem ich abgeschlossen hatte.
Obwohl es sengend heiß war und die Luft stand, war der Markt gut besucht. Den Menschen hier schien die Hitze weniger auszumachen, als ich gedacht hatte. Ich hingegen fühlte mich nach den ersten Schritten bereits vollkommen ausgelaugt.
Von der Hitze abgesehen lag eine seltsame Stimmung über der Stadt. Ich konnte sie nicht richtig einordnen, aber sie wirkte dunkel, gefährlich und feindselig. Ob es doch stimmte, dass ein Fluch über Sarabor lag? Ich nahm mir vor, die Madame danach zu fragen, sobald sich die Gelegenheit bot.
Da ich Zimt besorgen wollte, hielt ich die Augen offen und entdeckte bald die Gewürzstände. Ich hatte noch nie so unterschiedliche Farben gesehen. Ein Sack mit hellgelbem Pulver lag neben einem in leuchtendem Rot, daneben befand sich ein bräunliches Rot. Sogar grüne und blaue Pulver entdeckte ich auf dem Tisch, und der Stand daneben bot die Gewürze ungemahlen an.
So vertieft, wie ich in diese Eindrücke war, bemerkte ich den Tumult nicht, der um mich ausbrach. Erst als ich angerempelt und fast umgestoßen wurde, stellte ich fest, dass ich wohl irgendwie in das Zentrum einer Schlägerei geraten war. Maron versteckte sich an meinem Rücken, fluchte aber ungehalten.
Ein großer Mann mit blondem Haar hielt einen Sarabeser am Kragen gepackt und funkelte ihn an. Mein Blick wanderte zu seinem Begleiter und ich hielt den Atem an, als ich Kezlin erkannte.
»Lass mich los«, knurrte der Sarabeser den blonden Mann an. Ich starrte dem Jungen ins Gesicht. Er war schmutzig und seine Augen wirkten seltsam leer.
»Erst gibst du dem Mädchen seine Geldbörse wieder«, forderte der Hüne.
»Den Teufel werd ich tun!«
»Wenn du weißt, was gut für dich ist, hörst du auf das, was der Captain sagt«, mischte sich Kezlin ein und streckte die Hand aus. »Denn falls du dich weigerst und er etwas von dir übrig lässt, werde ich mich darum kümmern. Also, her mit der Börse!«
Bei diesen Worten griff ich an meine Hüfte und stieß eine leise Verwünschung aus. Mein Beutel war verschwunden.
»Fein!«, fauchte der Sarabeser und händigte Kezlin einen Beutel aus, der mit ziemlicher Sicherheit mir gehörte. »Und jetzt lass mich los.«
Der blonde Mann zog eine Augenbraue hoch und wartete auf Kezlins Reaktion.
»Lass ihn gehen«, entschied dieser und zuckte mit den Schultern. »Sieh es als zweite Chance, Junge.«
Die Finger des blonden Manns lockerten sich und der Sarabeser lief lauthals fluchend davon.
»Danke, Captain«, meinte Kezlin und klopfte dem Blonden auf die Schulter. Dann drehte er sich zu mir um und umfasste meinen Oberarm. »Komm mit«, raunte er mir zu und obwohl er keine Kraft einsetzte oder böse aussah, fühlte ich mich unwohl, als er mich ein Stück abseits führte.
Maron rührte sich nicht. Ich nahm an, dass er sich in einer Art Schockstarre befand. So etwas kam vor, wenn er sich zu sehr aufregte.
Kezlin blieb in einer Seitenstraße stehen, drückte mir den Beutel in die Hand und musterte mich. »Das hätte auch übel ausgehen können. War großes Glück, dass der Captain gesehen hat, wie der Dieb nach deinem Geld geschnappt hat.«
»Ich habe nichts gespürt«, murmelte ich und verkrampfte meine Finger um den Stoff meines Geldbeutels. Die Schnur, an der ich ihn getragen hatte, war mit einem sauberen Schnitt durchtrennt worden.
»Ja, der Junge hat ein Talent für Taschendiebstahl. Es gibt leider viele Menschen in Mathis, die sich nicht einmal das Nötigste leisten können. Dann bleibt oft nur Stehlen und du warst für ihn ein leichtes Opfer.«
»Danke, dass du mir geholfen hast«, flüsterte ich beschämt und hielt dennoch seinem Blick stand.
Etwas veränderte sich in seinen Augen und er räusperte sich. »Eigentlich solltest du dich beim Captain bedanken. Für einen Piraten hat er ein viel zu gutes Herz.«
Ich riss die Augen auf. »Das war ein Pirat? Etwa von der Crimson Conch?«
Kezlin stieß den Atem aus. »Ich sehe, du hast von ihm gehört. Aber rechne dir keine Chancen bei ihm aus. Sein Herz gehört seiner Piratenprinzessin.«
»Ich … ich denke, du verstehst mein Interesse an ihm falsch! Ich habe von der Prinzessin gehört und wollte sie sehen. Eine Frau, die als Piratenprinzessin bezeichnet wird, muss ziemlich mutig sein.«
»Das ist sie«, meinte Kezlin mit wehmütigem Blick. »Falls es sich ergibt, stelle ich euch vor. Vielleicht bleibe ich heute an deiner Seite, wenn du Einkäufe erledigst. Die meisten Diebe fürchten mich, also wäre es nicht schlecht, wenn du mit mir gesehen wirst. Dann wissen alle, dass sie sich lieber von dir fernhalten sollten.«
Ich ließ mir seine Worte durch den Kopf gehen. Er war ein Händler, wieso fürchteten Diebe ihn? Vielleicht lag es daran, dass er einen Ruf hatte, wie auch immer der aussah. Dann musste ich an das, was in meinem Zimmer geschehen war, denken. Ob sich der Mann, der bei mir eingedrungen war, von mir ferngehalten hätte, wenn er mich mit Kezlin gesehen hätte?
»Woran denkst du?«, fragte Kezlin plötzlich und musterte mich.
»Ich … nichts. Wieso willst du das für mich tun?«
Er beugte sich ein Stück zu mir herunter. »Weil ich mehr über dich erfahren will. Außerdem zeige ich dir die Stände, wo du die beste Ware bekommst. Was meinst du?«
Er wollte mehr von mir erfahren? Wozu? Weil er dann leichteres Spiel mit mir hatte? Aber welches Interesse könnte er schon an mir haben?
»Ich möchte dir nicht zur Last fallen …«
»Das machst du nicht«, sagte er schnell und lächelte mich wieder auf diese merkwürdige Art an. »Ich finde es schön, mal mit jemandem gemeinsam über den Markt zu laufen. Normalerweise verbringe ich den Tag damit, im Auftrag von meinen Kunden Waren zu besorgen oder zu tauschen. So habe ich übrigens auch den Captain kennengelernt. Er und seine Frau handeln mit wirklich sehr seltenen Gütern.«
»Ach, du triffst dich sonst nicht mit Frauen?«, hakte ich nach und hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen.
Kezlin hob eine Augenbraue und zwinkerte dann. »Doch, wenn es sich ergibt. Aber die sind nicht so reizvoll wie du.«
Ich schluckte und straffte die Schultern. Diesen Kommentar wollte ich an mir abperlen lassen. Es gelang mir nicht wirklich. In meinem Inneren tobte ein Sturm, doch äußerlich versuchte ich ruhig zu bleiben. »Du bist sicher, dass es dir nichts ausmacht, mich herumzuführen?«
»Ganz sicher. Ich finde es nett, mit dir zu reden. Die meisten Frauen von Mathis sprechen nur mit mir wegen dem, was ich bin.« Er biss sich auf die Unterlippe, als würde er seine Worte bereuen.
»Wieso? Du bist ein Händler, oder nicht?« Händler musste es einige geben. Obwohl Kezlin wirklich gut aussah. Zumindest fand ich das. Ich hielt den Atem an und hoffte, er würde meine Gedanken nicht erraten.
»Richtig, ein Händler. Aber eben einer, der jede Ware beschaffen kann«, erklärte er und mied meinen Blick. Was hatte er zu verbergen? »Wollen wir also? Was musst du besorgen?«
»Die Madame hat mich um Zimt gebeten.«
»Dann zeige ich dir, wo du den besten bekommst.«
»Vielleicht zeigst du mir auch, wie er aussieht. Ich habe keine Ahnung, wonach er riecht oder schmeckt.«
Diesmal betrachtete er mich und ich konnte seinem Blick nicht standhalten. Es war mir wirklich unangenehm, dass ich nicht einmal das wusste. Ich verkrampfte mich, als Kezlin behutsam eine Hand an meine Wange legte und meinen Kopf drehte, sodass ich ihn ansehen musste.
»Das muss dir nicht unangenehm sein, Oriana. Gewürze sind selbst hier teuer und nicht jeder kennt deren Geschmack oder das Aussehen.« Er schmunzelte und diesmal hatte ich das Gefühl, dass sein Lächeln nicht gespielt war, weil seine Augen mitzulachen schienen. »Ich finde es schön, dass ich dir etwas beibringen kann.«
Er zog seine Hand zurück und ich musste mich davon abhalten zu seufzen. »Danke. Das ist sehr nett von dir.«
»Für schöne Frauen wie dich immer.«
Ich verzog den Mund. »Mich musst du nicht mit solchen Sprüchen beeindrucken. Die wirken bei mir nicht.«
Er lachte, aber es klang verlegen. »Du denkst, das wäre nur ein Spruch?« Ich schwieg und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Schweigen ist auch eine Antwort, das weißt du, oder?«, murmelte er. »Dann werde ich dir beweisen, dass es bei dir nicht nur ein Spruch ist.«
»Aber bei den anderen schon?«, fragte ich und hoffte, es klang neckisch.
Er hob einen Mundwinkel. »Mag sein. Und bevor du fragst, warum bei dir nicht: aus verschiedenen Gründen.« Er neigte sich wieder ein Stück zu mir. »Wenn ich sie dir jetzt darlegen würde, hätten wir keine Zeit mehr für den Markt.«
Ich versank in seinen schokoladebraunen Augen, bis mir Maron auf die Schulter kletterte und mich davon abhielt, Kezlin wieder ewig anzustarren.
»Was ist denn passiert? Wie kommen wir hierher?«, murmelte er und hielt sich den Kopf.
»Sieht so aus, als bekäme der Ratte die Schokolade nicht«, stellte Kezlin grinsend fest.
»Ich bin keine Ratte!«, stöhnte Maron. »Würdest du mich tragen? Mir ist schwindelig.«
»Aber ich trage dich doch«, erwiderte ich.
»Auf der Schulter wird mir übel. Trag mich bitte auf dem Arm.«
Ich seufzte und pflückte ihn mir von der Schulter.
Kezlin schüttelte immer noch grinsend den Kopf. Mir war Marons Benehmen einfach nur unangenehm. »Also Zimt«, nahm Kezlin den Faden wieder auf.
»Richtig. Zimt.«
Kezlin hob den Arm, deutete in Richtung Markt und ließ mich vorgehen. Auf dem Platz blieb er neben mir, wich nicht von meiner Seite und verteilte finstere Blicke, wenn mir jemand zu nahe kam. Er erklärte mir die unterschiedlichen Gewürze, ließ mich daran riechen und zahlte dafür, dass ich kosten konnte. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber das, was in meinem Mund geschah, überwältigte mich. Der Zimt war scharf und süß zugleich. Ein leicht bitteres Aroma mischte sich mit einem Feuer, das in meinem Gaumen ein Feuerwerk auslöste. Lächelnd nickte ich und Kezlin handelte den Preis für den Zimt runter.
Als die Sonne sank, wusste ich, wie Kardamom, Kurkuma, Zimt, Safran und Muskat schmeckten, rochen und aussahen. Und ich hatte vermutlich einen viel besseren Preis für den Zimt gezahlt, als ich ihn allein je hätte aushandeln können.
Kezlin brachte mich zum Laden zurück. »Soll ich dich morgen nach deiner Unterrichtsstunde abholen und dir noch ein paar Dinge zeigen? Vielleicht den Captain aufsuchen?«
»Ich muss erst mit der Madame sprechen«, murmelte ich, obwohl ich wirklich gerne Ja gesagt hätte.
Es war schön, mit Kezlin unterwegs zu sein. Er kannte sich aus und die Leute schienen ihn zu respektieren. Dass er während unserer Runde über den Markt ständig von Frauen angesprochen wurde, war allerdings nervig und störte mich mehr, als es sollte. Obwohl er sie abgewimmelt hatte, konnten wir keine fünf Schritte tun, ohne erneut in ein Gespräch verwickelt zu werden. Und jedes Mal verglich ich mich mit diesen Frauen und empfand eine Eifersucht, die unangebracht war. Aber ich schob es darauf, dass ich bisher kaum mit Menschen zu tun gehabt hatte und Kezlins Aufmerksamkeit genoss …
»Ich werde einfach nach Sonnenaufgang hier sein und fragen, ob du frei bist. Ich denke nicht, dass die Madame etwas dagegen hat.«
Ich schob meine Überlegungen beiseite und nickte. »Danke noch mal. Für die Hilfe und all die Erklärungen.«
»Es war mir eine Freude«, meinte er und neigte leicht den Kopf. »Wir sehen uns morgen, Oriana.«
»Ja. Bis morgen.« Ich lächelte und öffnete die Ladentür.
Kühle umfing mich und der fast schon vertraute Geruch nach Schokolade schwebte durch die Luft.
»Oriana?«, erklang die Stimme der Madame und sie trat hinter dem Vorhang hervor. »Wie fühlst du dich?«
Ich seufzte. »Gut. Denke ich.« Ich hob den Blick und sah sie an. »Ich habe keine Angst, obwohl ich sie haben sollte.«
Diesmal seufzte die Madame. »Sie wird wiederkommen, wenn mein Zauber verfliegt. Aber bis dahin bist du hoffentlich stark genug, um dich nicht zu fürchten.«
»Wieso haben Sie einen Zauber über mich gelegt?«
»Weil du sonst nicht in der Lage wärst, zu lernen. Ich habe deine Angst gefühlt, Oriana. Sie hätte dich zerstört.«
Ich nickte. »Dann … danke.«
»Ich habe den Schutz verstärkt«, erklärte die Madame. »Du bist ab jetzt sicher.«
Wieder nickte ich und überreichte ihr den Beutel mit dem Zimt.
»Vielen Dank für deinen Einkauf.«
»Keine Ursache«, murmelte ich und hielt den Blick gesenkt.
»Ich werde den Verkauf heute alleine machen«, verkündete die Madame. »Ruh du dich bitte aus.«
»Aber …«
»Kein Aber, Oriana. Morgen kannst du mir helfen.«
»Danke«, hauchte ich erneut und schlich durch die Küche, vorbei an den herrlichen Düften, in mein Zimmer.
Maron sprang von meiner Schulter auf das Bett. »Ich bin ja auch hier. Ich passe auf.«
»Das weiß ich zu schätzen«, erwiderte ich und setzte mich ans Fenster.
Gestern war ich voller Hoffnung gewesen und jetzt wusste ich nicht, ob ich mich wirklich auf all das, was mich hier erwartete, einlassen konnte. Den Start in mein neues Leben hatte ich mir ein wenig anders vorgestellt.
Kapitel 6
Es war noch finster in meinem Zimmer, als mich ein heftiges Klopfen weckte. Benommen tastete ich nach Maron, der schnarchend neben mir auf dem Kissen lag. Ihn würde wohl wirklich nichts aus dem Schlaf reißen.
Erneut klopfte es, noch stärker als beim ersten Mal. »Ich komme ja gleich, Viola«, murmelte ich und schwang die Beine aus dem Bett.
Gähnend schlüpfte ich in meine Arbeitskleidung, als es wieder klopfte. Verwirrt starrte ich zur Tür und dann zum Fenster. Das Geräusch war eindeutig von den Fensterläden gekommen. Ich schluckte und fuhr zusammen, als jemand an der Holzverkleidung rüttelte.
»Maron?«, wisperte ich, aber das Eichhörnchen reagierte natürlich nicht.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich langsam zum Fenster schlich.
»Vielleicht ist es nur der Wind«, machte ich mir selbst Mut und überlegte, womit ich mich für den Fall der Fälle bewaffnen konnte.
Ich griff nach einem schwer aussehenden Kerzenhalter und umfasste ihn mit einer Hand, legte die andere an die Verriegelung des Fensterladens. Hatte ich den Verstand verloren, das Ding zu öffnen? Offensichtlich, aber ich musste mich vergewissern, dass nicht doch jemand versuchte, in mein Zimmer einzudringen.
Zitternd schob ich die Verriegelung weg und riss die hölzerne Verkleidung auf. Still lag die Stadt, über die ich von meinem Fenster aus blicken konnte, vor mir. Nichts deutete darauf hin, dass jemand versucht haben könnte, bei mir einzusteigen.
Trotzdem streckte ich den Kopf aus dem Fenster und bereute es sofort. Eisige Hände legten sich an meine Wangen und etwas, das wie eine Geistergestalt aus schwarzem Nebel aussah, starrte mir mit tiefroten Augen ins Gesicht.
Kreischend ließ ich den Kerzenhalter fallen und umklammerte den Fenstersims, als das schauderhafte Wesen an mir zu zerren begann.
»Lass mich los!«, brüllte ich es an, aber es hielt in seiner Bewegung nicht inne.
Erst da bemerkte ich, dass der Himmel, den ich für wolkenverhangen gehalten hatte, von diesen Kreaturen verfinstert wurde. Sie trieben in einem Strudel unendlich vieler körperloser Gestalten über der Stadt, bis sich eines der Wesen löste und wie ein Pfeil herabschoss. Wie Blitze ging so Wesen um Wesen nieder, jedes zielte auf ein Haus und drang in ein Fenster ein, aus dem sofort Schreie zu hören waren.
Aber nirgendwo kämpfte ein Geistergeschöpf mit einem Menschen, nur ich wurde von diesem Wesen gefangen gehalten.
»Was willst du?«, schluchzte ich und kreischte, als es wieder an mir riss.
Lange würde ich mich nicht mehr festhalten können und dann zu Boden stürzen. Vermutlich würde ich den Sturz überleben, aber ich wusste nicht, was dann mit mir geschah. Ob dieses Geistergeschöpf mich töten würde?
Mir war, als würde das Wesen grinsen, während es noch fester an mir riss. Meine Füße verloren den Halt zum Zimmerboden und ich schrie angsterfüllt, weil auch meine Hände sich zu lösen begannen.
Gedanklich schloss ich mit meinem Leben ab und erwartete den Sturz, aber er kam nicht. Denn ein weiteres Geisterwesen war vom Himmel herabgeschossen und legte seine unförmigen Hände an den Hals jener Kreatur, die mich gepackt hatte.
Kreischend fuhr mein Angreifer herum und ließ mich los. Es hob seine klauenförmigen Hände und begann, mit dem anderen Geschöpf zu kämpfen. Einen Moment beobachtete ich den seltsamen Kampf und bemerkte, dass jenes Wesen, das sich auf meinen Angreifer gestürzt hatte, ein funkelndes Armband trug.
Ich blinzelte und versuchte, mich wieder in das Zimmer zu schieben. Mein Körper zitterte heftig vor Angst und Anstrengung. Ich hing nur noch mit den Unterschenkeln im Zimmer und ruderte mit den Armen, um nicht abzustürzen.
»Oriana!«, keuchte Maron, sprang auf meine Beine und zog verzweifelt daran, um mich zu halten. »Ich schaffe es nicht!«
»War doch klar«, brummte Viola und ich hörte ihr Flügelschlagen.
Hände umfassten meine Hüften, ich wurde wieder in das Zimmer gezogen. Die Eule fegte mit ihren Schwingen die Fensterläden zu und Maron kletterte hinauf, um sie zu verriegeln.
»Dem Sonnenlicht sei Dank, dass dir nichts geschehen ist«, stieß die Madame, die mich hineingezogen hatte, aus und ließ mich los. Ihr Gesicht war kreidebleich, und Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. »Ich fürchte, ich habe die Situation falsch eingeschätzt.«
»Was war das?«, hauchte ich und blickte die Madame an.
Ihre grauen Haare fielen ihr unordentlich in die Stirn und sie rang immer noch um Atem.
»Das, Oriana, ist der Fluch Sarabors«, antwortete Viola statt Madame Cremant.
»Still, sie ist noch nicht so weit«, zischte die Madame.
Ich konnte bereits fühlen, wie ihre Magie über meine Haut kroch und ich ruhiger wurde. »Nein!«, sagte ich flehentlich. »Bitte, ich will nicht einfach schlafen und nichts empfinden. Ich möchte, dass Sie es mir erklären!«
»Oriana, hier sind Mächte am Werk, die du noch nicht verstehst. Und im Moment …«
»Wie soll ich nicht ständig in Angst leben, wenn Sie mir nicht sagen, was hier vor sich geht?«, schluchzte ich. »Bitte, ich will nicht wieder durch Magie ruhiggestellt werden. Sagen Sie mir, was hier passiert ist!«
Die Madame musterte mich, dann seufzte sie. »In Ordnung, ich erzähle dir alles, was ich über den Fluch Sarabors weiß. Aber nicht hier.« Sie stand auf und schwankte leicht. »Komm, wir gehen in den Laden.«
Ich schüttelte den Kopf. »Diese Wesen werden uns im Garten angreifen!«
»Nein, das werden sie nicht«, widersprach die Madame. »Der Schutz hält sie fern. Er hat auch verhindert, dass sie in dein Zimmer vordringen konnten, bis du das Fenster geöffnet hast. Ich hätte nie erwartet, dass sie so weit gehen würden, weil meine Magie sie eigentlich bannt.«
»Ich wäre gefallen«, murmelte ich und zog mich an meinem Bett hoch. »Wenn das eine Geisterwesen das andere nicht angegriffen hätte, wäre ich gestürzt, bevor Sie mir hätten helfen können.«
»Eines der Wesen … hat ein anderes angegriffen?«, hakte die Madame mit bebender Stimme nach.
»Ja, es hat sich nicht auf mich gestürzt, sondern auf jenes Wesen, das mich hinausreißen wollte.«
»Eigenartig«, meinte die Madame und fuhr sich durch die offenen Haare. »Wie auch immer. Sie können uns im Garten nichts anhaben und ich brauche etwas Magie, um dir alles zu erzählen.«
Sie ging zur Tür, öffnete sie und spähte hinaus, als wäre sie sich doch nicht sicher, ob ihr Schutzzauber wirkte. Viola flog an ihr vorbei in die ungewohnt kühle Nachtluft, während Maron auf meine Schulter kletterte.
»Geht es dir gut?«, fragte er. »Als ich bemerkt habe, was los ist, habe ich sofort die Madame gerufen. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.«
»Schon gut«, erwiderte ich schwach. »Ohne deine Hilfe wäre ich vermutlich aus dem Fenster gefallen. Und ja, es geht mir gut, danke der Nachfrage.«
Maron lehnte seinen kleinen Kopf an meine Wange, während ich schwankend die Treppen hinabstieg. Ich wagte nicht, den Blick nach oben zu heben, aus Angst vor dem, was ich sehen würde. Schreie hallten durch die Nacht und ließen mich schaudern. Was auch immer diese Wesen waren, sie schienen die Menschen zu quälen. Ob man ihnen irgendwie helfen konnte?
Als ich die Küche betrat, brannte bereits ein Feuer, über dem die Madame Milch erhitzte. Viola beobachtete sie mit ihren gelben Augen dabei und plusterte ab und zu ihre Flügel auf.
»Es war noch nie so schlimm wie in dieser Nacht«, murmelte die Madame, während sie Schokolade in die Milch rührte und ein silbriges Pulver hinzufügte. »Ich weiß nicht, wie lange wir die Hoffnung noch bewahren können.«
»Du wirst eben älter, Cremant«, krächzte Viola. »Wir haben viel zu lange gewartet, um eine Schülerin aufzunehmen.«
»Es gab niemanden«, erwiderte die Madame. Langsam fragte ich mich, ob sie vergessen hatte, dass ich mich ebenfalls im Raum befand. »Du weißt, dass ich jedes Jahr den Suchzauber ausgesandt habe. Er kam immer ohne Ergebnis zurück. Bis jetzt.« Sie hob den Blick und sah mich flüchtig an, dann konzentrierte sie sich wieder auf das Getränk auf dem Herd. »Sie ist eigentlich noch zu jung, Viola.«
»Aber sie kann es schaffen. Denk an die Legende, Cremant. Jemand muss die Hoffnung am Leben halten, sonst ist Sarabor verloren.«
Ich räusperte mich und tänzelte unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Draußen wurden die Schreie schwächer und das Licht des Mondes schien durch ein Fenster im Hof zu uns herein.
»Es ist vorbei«, murmelte die Madame und zog den Topf vom Herd. Sie goss eine cremige Flüssigkeit in zwei Becher und stellte sie auf ein Tablett. Mit dem Kopf bedeutete sie mir, ihr zu folgen, und ging in den Verkaufsraum.
Wir ließen uns an einem kleinen Tisch nieder und die Madame schob mir eine Tasse hin, bevor sie ihre eigene in die Hände nahm und gedankenverloren hineinstarrte.
Maron klammerte sich immer noch an mir fest, schnüffelte nur ein wenig an dem Getränk. Viola saß auf der Rückenlehne jenes Sessels, auf dem die Madame Platz genommen hatte, und betrachtete mich.
»Was weißt du über die Kristallelemente?«, durchbrach die Stimme von Madame Cremant die Stille.
Ich schüttelte den Kopf. »Dieses Wort habe ich noch nie gehört.«
»Also weißt du auch nichts über das Kristallherz?«, hakte Viola nach.
»Nein. Sollte ich etwas darüber wissen?«
Die Madame schwieg und starrte wieder in ihren Becher. Dann stieß sie den Atem aus. »Nein. Es ist eine uralte Legende, so alt wie die Welt selbst. Von mächtiger Magie und Habgier und einem großen Opfer. Denn das Kristallherz gab sich selbst auf, um die Welt vor der Dunkelheit der schwarzen Seele zu schützen. Es zerfiel in vier Elemente, die über alles Leben wachten.«
Maron bibberte auf meiner Schulter. Ich fischte ihn herunter und legte ihn auf meinen Schoß, wo er sich wie ein Wollknäuel einrollte und sein Gesicht mit dem Schweif bedeckte.
»Mit den Jahren wurden die Elemente schwächer, und Flüche breiteten sich aus. Ich weiß zu wenig über jene Flüche, die andere Teile der Welt bedrohen. Aber ich kenne jenen, der über Sarabor liegt.«
»Diese Wesen sind … der Fluch?«, fragte ich vorsichtig, als die Madame wieder schwieg.
»Sie sind ein Teil davon«, bestätigte die Madame. »Man nennt sie Traumfresser und sie sind ruhelose Seelen, die nachts umherstreifen müssen, um sich von den schlimmsten Ängsten, geboren aus Träumen, zu ernähren. Dabei verderben sie die Seelen der Menschen, in deren geheimste Gedanken sie schlüpfen.«
Ich schauderte und klammerte mich an dem Becher fest.
»Aber die Magie, die ihr hier wirkt, hält sie auf«, fügte Viola hinzu und betrachtete mich eindringlich. »Deswegen ist es wichtig, dass du alles lernst. Denn du wirst es eines Tages sein, die diese Aufgabe alleine ausführen muss.«
»Ich?«, keuchte ich und ließ dabei meinen Becher sinken.
Der Inhalt ergoss sich auf dem Boden. Ich hob die Tasse hastig wieder an und stellte sie auf den Tisch.
»Ja, du«, seufzte die Madame. »Die Magie aus Dundra ist es, die der Schokolade und dem Gebäck einen besonderen Zauber verleiht. Was in unserer Heimat verboten ist, wird hier verehrt. Sarabor braucht die Hoffnung und wir sind diejenigen, die sie den Menschen schenken.«
Sie stellte ihre Tasse ebenfalls ab und griff über den Tisch hinweg nach meiner Hand.
»Oriana, ich habe es vorhin erwähnt. Du bist seit Jahren die Einzige, die ich für diese Aufgabe auch nur in Betracht ziehen konnte. Nur dich hat der Suchzauber in vielen Jahren vor meine Tür geführt.« Die Madame seufzte erneut. »Ich kann deine Kräfte spüren und ich weiß, dass du vielen Menschen helfen wirst, wenn du das wünschst. Für gewöhnlich müsste ich dir ein halbes Jahr Zeit geben, zu lernen, und dich dann erst fragen, ob du bei mir bleiben willst. Aber in Anbetracht dessen, was heute geschehen ist, will ich dir diese Frage jetzt bereits stellen.«
Sie straffte die Schultern und wandte sich Viola zu. Die Eule schien zustimmend zu nicken, obwohl die Bewegung kaum zu erkennen war.
»Wenn du dieses Versprechen einmal gegeben hast, ist es bindend, solange ein Fluch auf Sarabor liegt. Deswegen frage ich dich, Oriana aus Singul, willst du an meiner Seite bleiben und mir helfen, den Menschen von Sarabor Hoffnung zu geben?«
Mein erster Impuls war ein klares Nein. Ich wollte nicht in diesen Fluch hineingezogen werden. Die Traumfresser stellten abscheuliche Dinge mit den Menschen an und je weiter weg ich mich von ihnen befand, umso besser.
Aber dann dachte ich nach. An die Menschen, die hier litten. Obwohl die Stadt glänzte und reich war, gab es auch Elend. Allein wenn ich an die Augen des Jungen vom Markt oder des Mädchens, das meine Kleidung gebracht hatte, dachte, wusste ich, dass ich nicht einfach wegsehen konnte.
Ich betrachtete das Gesicht der Madame, die ihre Lippen zu schmalen Strichen zusammenpresste und mich beobachtete. Dann sah ich Maron an, der sich entrollt hatte und mich aufmerksam musterte. Es kam mir vor, als würde auch er nicken, wie Viola es vorhin getan hatte.
Einen Moment schloss ich die Augen und konnte nicht fassen, was ich bereit war, zu riskieren. »Ich werde an Ihrer Seite bleiben«, sagte ich und hob die Hand, als die Madame mich lächelnd umarmen wollte. »Aber unter einer Bedingung. Ich will alles über diesen Fluch wissen und möchte nie wieder durch Magie von Ängsten befreit werden.«
»Einverstanden.« Die Madame nickte. »Aber jetzt sollten wir zu Bett gehen. Ich werde dir morgen alles erzählen, was ich weiß.«
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