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Kitabı oku: «Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas», sayfa 41
Als ich am 25. April in der Frühe neben meinem gesattelten Maultier stand, auf das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch harrte und meine Blicke auf die anmutige, wenn auch wilde Umgebung heftete, gedachte ich unwillkürlich längstvergangener Zeiten. — Als ich zum letztenmal dort reiste, bedeckte der Schnee die ganze Landschaft, und mit mangelhafter Kleidung und abgetragenem Schuhzeug vermochte ich mich kaum der Kälte zu erwehren. Jetzt war mein Anzug freilich in keinem besseren Zustand, doch übte die milde, sonnige Atmosphäre einen so wohltätigen Einfluß nicht nur auf den Körper, sondern auch auf das Gemüt aus, daß man sich wie neubelebt fühlte. Der bloße Anblick der zarten, frühlingsgrünen Keime, die so vielversprechend dem feuchten Boden entsproßten, war ja schon hinreichend, das Herz zu erwärmen und das Auge zu erfreuen. Doch wie ich nun dahinritt, immer dem Fuß der Bill Williams Mountains zu, und wie sich die geringe Anzahl von verschiedenen Baumarten zusammen mit Berg und Tal, mit Gestein und fruchtbarem Erdreich dennoch zu tausendfachen, anmutigen und überraschend schönen Bildern und Ansichten vereinigte, da erschien mir die fast nie betretene Wildnis wie ein verlockender Garten, und ich verglich die von Menschenhänden künstlich eingepferchten Blumenbeete mit den heiligen, noch unentweihten Werken einer phantasiereichen Natur. Und doch wurde man auch wieder durch regelmäßig begrenzte Waldungen und feldähnliche Lichtungen an die Klasse von Menschen erinnert, die aus erster Hand von der Natur ihren Segen empfängt, und ich glaube kaum, daß es mich im ersten Augenblick würde überrascht haben, wenn ich plötzlich ein weißes Häuschen aus dem Wald hätte hervorschimmern sehen oder unvermutet auf eine Herde friedlich weidender Kühe gestoßen wäre.
Über diese schöne Landschaft hinweg, in der gleichzeitig mit unserem Ansteigen auch die hohe Tanne vorherrschend wurde, erblickte man gegen Norden und Nordosten runde, vulkanische Hügel, während die Aussicht gegen Osten von den malerischen Formen der San Franzisco Mountains und des Mount Sitgreaves, gegen Südosten und Süden aber von den Höhen der Bill Williams Mountains begrenzt wurde.
Whipples Straße führte dort von Westen nach Osten, und in den Pfad einbiegend, den Lieutenant Beale auf seiner Rückkehr von Kalifornien gebrochen hatte, durchschritten wir diese von Nordwest nach Südost. In ganz geringer Entfernung zogen wir nördlich an der Lavaquelle vorbei und befanden uns eine Stunde darauf weit südlich von derselben, und zwar am Rande einer Prärie, aus der zwei Meilen südlich von uns die Bill-Williams-Berge aufstiegen. Die Prärie war teilweise von dem Wasser der Gebirge überschwemmt, und in vielen Windungen wurde diese von zahlreichen Bächen und Wasserrinnen durchschnitten, in denen der geschmolzene Schnee in schnellem Lauf dahineilte, um sich in weitem Bogen mit den westlich gelegenen Zuflüssen der Bill Williams Fork oder des Gila zu vereinigen. Wir hatten seit dem Morgen zehn Meilen zurückgelegt, und da wir am Rande der Prärie gutes Gras, Wasser und Holz — mithin alles, was wir nur wünschen konnten — fanden, so beschlossen wir dort zu übernachten, und schleunigst wurden alle Vorkehrungen zum Lagern getroffen. Wenn auf dergleichen Expeditionen sich häufig Tage der Reise, sowohl hinsichtlich der Umgebung als auch der Temperatur, so sehr gleichen, daß mit Ausnahme der zurückgelegten Meilenzahl die Beschreibung des einen auch auf den anderen zu passen schien, so bietet doch jeder Tag etwas Neues und Merkwürdiges, was in der Erinnerung die Zeitabschnitte voneinander trennt und das gegenseitige Verschwimmen des Geschehenen und Erlebten verhindert. In unserem Lager nahe den Bill Williams Mountains war es die prachtvolle Abendbeleuchtung, die mich am meisten interessierte und die mir jetzt in allen Nuancen und Schattierungen wieder lebhaft vor die Seele tritt.
Wer hätte nicht schon in seinem Leben schöne Bergformen und düstere Tannenwälder bewundert, die sich ja so vielfach auf beiden Kontinenten wiederholen? So saß auch ich an jenem Abend auf einer Anhäufung von Lavageröll und wandte meine ungeteilte Aufmerksamkeit den Bill-Williams-BergenDiese malerische Berggruppe, die sich ungefähr vierzig Meilen südwestlich von den San Francisco Mountains erhebt, ist augenscheinlich ein ausgebrannter Vulkan von mächtigem Umfang. Die Lavaergüsse desselben verfolgten vorzugsweise die nordwestliche Richtung, und es grenzt ans Unglaubliche, welche ungeheuren Flächen diese bedecken. zu, auf denen grasige Lichtungen mit gedrängt stehenden dunkelfarbigen Koniferen so malerisch abwechselten. Schmale Schneestreifen schmückten die steilen Abhänge, und über den dicht bewaldeten Schluchten schwebte zarter, nebelgleicher Duft, gebildet durch die Temperaturverschiedenheit in der frühlingsfeuchten Atmosphäre. Dr. Newberry saß an meiner Seite, und unsere Bewunderung ging in lautes Staunen über, als die Sonne hinter den westlichen Bergen versank und rosenfarbiges Licht sich über Berg und Tal ergoß. Es war wie das Glühen der Alpen, nur milder und zarter; ohne das Kolorit der Bäume, der Lichtungen oder der letzten Schneereste zu stören, verhüllte der zauberische Schimmer die kleinsten hervorragenden Gegenstände; und wie künstlich beleuchtet von bengalischen Flammen erschienen die Gipfel der Berge selbst dann noch, als die Dämmerung schon längst auf den Niederungen ruhte und schwarze Schatten sich in die Schluchten senkten. Wir erhoben uns, als der letzte rötliche Schein von der Dunkelheit verdrängt war, und dem Lager zuschreitend, erblickten wir, glühend beleuchtet von den Flammen kienreichen Holzes, die wilden, bärtigen Gestalten unserer Expedition.
Am 26. April wählten wir eine mehr östliche Richtung und reisten ziemlich parallel mit Whipples Straße, die sich zwischen zwei und drei Meilen nördlich von uns hinzog. Wie am vorhergehenden Tag führte der Weg uns durch anmutige Täler und stolze Waldungen, die vorzugsweise die südlich von den San-Franzisko-Bergen sich ausdehnenden Ländereien charakterisieren. Die Bodengestaltung war indessen weniger günstig, denn wenn wir auch nur selten auf tiefe Schluchten stießen, so bildeten doch großteils Lavatrümmer die Oberfläche, und dies, zusammen mit dem starken Ansteigen, wirkte sehr ermattend auf die Tiere. Gegen Mittag zogen wir am Mount Sitgreaves vorbei, und ich vermochte die Lage von New Years SpringSiehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 329. zu erkennen, die am 2. Januar 1854 von Captain Whipple so benannt wurde.
Zahlreiche Antilopen erblickten wir sowohl auf der kahlen Fläche vor New Years Spring als auch in den Wäldern selbst, doch die Soldaten, die nach Willkür weitab vom Zug streifen durften und lustig mit ihren Musketen hinter dem Wild herknallten, sorgten dafür, daß niemand von uns zum Schuß kam, und der Zustand der Tiere gestattete nun nicht mehr, uns auf Umwegen von dem geräuschvollen Zug zu entfernen. In den Nachmittagsstunden ritten wir, ohne unsere Richtung zu verändern, über eine umfangreiche Prärie. Mount Sitgreaves blieb nördlich von uns liegen, und immer deutlicher traten die Linien und Formen der San Franzisko Mountains hervor, deren südlicher Basis wir zueilten. Als wir am Abend nach einem Marsch von fünfzehn Meilen am Rand des Waldes auf der Ostseite der Prärie unser Lager aufschlugen, befanden wir uns noch gegen zehn Meilen von Laroux‘ Quelle entfernt, die unser nächstes Ziel war. Dagegen hatten wir aber wieder eine Höhe von 6870 Fuß (nach Whipple) erreicht, und obgleich dort ebenfalls sich nur noch an den Abhängen der Hügel Schnee zeigte, so war die Luft doch rauh und kalt, und mehr als angenehm waren die Lagerfeuer, die wir gleich nach unserer Ankunft anzündeten und mit tüchtigen Holzscheiten nährten.
Vor Einbruch der Nacht streifte ich, nur mit der Vogelflinte bewaffnet, zwischen den benachbarten Hügeln umher und erlegte außer einigen kleineren Vögeln auch das schöne Eichhorn jener Gegend. Frische Bärenspuren veranlaßten mich indessen, bald wieder ins Lager zurückzukehren, um die leichte Flinte mit schwereren Waffen zu vertauschen; kaum befand ich mich aber in meinem Zelt, so stürzte Fernando mit der Nachricht herbei, daß er ganz in der Nähe des Lagers, gleich hinter dem ersten Hügel, eine alte Bärenmutter mit einem stattlichen Jungen gesehen habe. Die Neuigkeit brachte natürlich das ganze Personal in Aufruhr, und einige Augenblicke nachher sah man eine Gesellschaft von wenigstens zwanzig Mann, die, von Kopf bis Fuß bewaffnet, in der von Fernando angegebenen Richtung dahinstürmte.
Auch ich hatte der Jagdlust nicht widerstehen können; ebenso befanden sich Dr. Newberry und Peacock unter den Jägern, obgleich es vorherzusehen war, daß in Gesellschaft der verwilderten Soldaten auf keinen sonderlichen Erfolg gerechnet werden konnte. Wir bekamen die Bärin bald zu Gesicht, und sie würde uns wahrscheinlich nicht entgangen sein, wenn nicht ein Soldat, sobald er dieselbe erblickte, auch auf sie geschossen hätte. Dem ersten Schuß folgten andere nach, die Bärin aber, besorgt um ihr Kleines, wartete nicht auf das Näherrücken ihrer Feinde, sondern begab sich sogleich auf die Flucht und befand sich dann sehr bald aus dem Bereich aller Kugeln.
Es war ein fast rührender Anblick, die grimmige alte Mutter aus der Ferne zu beobachten, wie sie ihr Kleines zur Eile anspornte und wie sie es, wenn es zurückblieb, durch einen wohlangebrachten Schlag mit der Tatze einige Schritte vor sich herrollen machte, und wie der kleine zottige Geselle, die derben Winke der Mutter verstehend, mit aller Kraft fortgaloppierte.
Fernando, der sich mit einer Büchse bewaffnet hatte, sah ebenfalls das Vergebliche einer solchen Jagd ein und wandte sich bald nach uns zur Heimkehr ins Lager. Einen Umweg beschreibend, gelangte er auf eine kleine Wiese, und als er am Rande derselben hinschritt, bemerkte er plötzlich einen voll ausgewachsenen Bären, der sich ein tiefes Loch in die Erde gewühlt hatte und nach Wurzeln suchte. Ohne Bedenken schlich er heran und war so glücklich, durch einen wohlgezielten Schuß das Kreuz desselben zu brechen. Der Bär war dadurch ungefährlich geworden, doch ehe noch Fernando seine Büchse wieder geladen hatte, stürzten die durch den Knall aufmerksam gewordenen Soldaten herbei, und wie bei einer früheren Gelegenheit verendete das ohnmächtige Tier unter dem Pelotonfeuer der brutalen Horde. Ich befand mich im Lager, als der Bär im Triumph eingebracht wurde, und muß gestehen, daß ich nicht wußte, worüber ich mich mehr wundern sollte: ob nun über die Frechheit, mit der ein Soldat den ausgesetzten Preis für den ersten Schuß beanspruchte, oder über die Schüchternheit, mit welcher der junge, unerfahrene Kommandeur der Eskorte den Soldaten den Sieg zuerkannte.
Es war für mich ein neuer Beweis, daß gegenüber dem geringsten Amerikaner es dem Mexikaner ebenso schwer wird, sein Recht zu erlangen, wie dem Neger und dem Indianer. Das frische Fleisch war uns übrigens sehr willkommen, mochte es nun herkommen, woher es wollte, denn schon am vorhergehenden Abend hatten die Köche aus den Knochen des Bären vom Partridge Creek eine zwar übermäßig gepfefferte, aber sehr kräftige Suppe bereitet, die uns in mancher Beziehung an die Schildkrötensuppen von New Orleans erinnerte. 27. April. Eine dünne Eislage bedeckte die kleinen Wasserpfützen, an denen wir in der Frühe vorbeizogen; das Wasser selbst aber war der letzte Überrest des geschmolzenen Schnees, und mehrfach fanden wir den Boden so sehr durch dasselbe aufgeweicht, daß wir nicht ohne Schwierigkeit über denselben hinweggelangten, und sogar einige Male zu Umwegen gezwungen waren. Das Eis löste sich indessen sehr bald wieder auf, der Himmel bewölkte sich, und durch das Verschwinden der tiefen Schatten und der grellen Beleuchtung erhielt die ganze Landschaft jenen ruhigen Charakter, den zu beobachten wir an trüben Frühlings- und Herbsttagen in unseren heimischen Gegenden so oft Gelegenheit haben. Das Wilde in der Umgebung wurde freilich dadurch nicht gemildert, diese erschien im Gegenteil noch ungastlicher; darum aber nicht minder schön und malerisch, denn in einem unbeschreiblichen Gewirr erblickte man ständig die jenen Regionen eigentümliche Baumvegetation in allen nur denkbaren Stadien und Zusammenstellungen. Da standen kleine Tannen, die unter den Hufen der Tiere knickten, und Bäume von mächtigem Umfang und erstaunlicher Höhe, aber beide voll jugendlicher Lebenskraft und Frische; dazwischen ragten alte, abgestorbene Stämme empor, an denen einst der Brand hinaufgeleckt hatte oder deren Kronen vom Hurrikan oder vom Blitz zu Boden geschmettert wurden. Auf der mit rötlichen Nadeln und Tannenzapfen dicht bestreuten Erde gewahrte man zersplitterte und entwurzelte Bäume, die, teils noch grünend, teils mehr oder weniger vermodert, auf die furchtbaren Wetter deuteten, die sich alljährlich in dieser Höhe wiederholen. In regelmäßigen Entfernungen voneinander standen die schön gewachsenen, riesenhaften Gelbtannen, und zwischen denselben hindurch erblickte man in dunklen Gruppen die Douglastanne, die Rocky-Mountains-Weißtanne, die Balsamtanne, die Nußtanne, die rote Zeder und die süßbeerige Zeder; doch auch Laubholz zeigte sich hin und wieder, und zwar vorzugsweise eine Eichenart und die Zitterespe.
So ritten wir in dem schönen Wald dahin, jede Biegung, jeder Hügel und jede Senkung des Bodens führten uns neue Forstbilder vor, die einander an Mannigfaltigkeit der Zusammenstellung zu übertreffen schienen. Auch einige kleine Lichtungen schimmerten zuweilen zwischen den hohen Stämmen hindurch und bildeten mit ihrer gebleichten Grasvegetation einen malerischen Kontrast zu den schwarzen Lavamassen, die wallähnlich den Forst nach allen Richtungen durchkreuzten.
Wir mochten uns wohl noch gegen eine Meile von Leroux‘ Quelle befinden, als unsere Richtung mit Beales und zugleich mit Whipples Straße zusammenfiel und wir bald darauf in die Prärie einbogen, die sich ununterbrochen bis in den wasserhaltigen Winkel der San-Franzisko-Berge erstreckt. Wir schlugen um die Mittagszeit unter einem Felsabhang unser Lager auf und hatten von dort eine herrliche Aussicht auf die stolzen Berge und zugleich auf das geschützte Fleckchen, auf dem im Jahre 1853 Whipples Lager stand. Leroux‘ Quelle lag fast versteckt in einer Sackschlucht, und das Bett des nach kurzem Lauf versiegenden Baches zog sich zwischen uns und Whipples alter Lagerstelle hin. Ich fühlte mich bald wieder heimisch an jener Stelle, die, was das Romantische der Umgebung anbetrifft, von keinem der früheren Lager übertroffen wurde. Die Höhe von 7378 Fuß über dem Meeresspiegel, die wir nunmehr erreicht hatten, machte sich zwar durch die rauhe Temperatur bemerklich, doch vermochte der Wind nicht bis zu uns herabzugelangen, wenn er auch heftig an den Kronen der Bäume rüttelte, an deren Fuß unsere Zelte standen.
Eine Anzahl Häher umschwärmte unser Lager, und es gelang mir nach vieler Mühe, einen derselben zu erlegen. Diese so eigentümlichen Vögel erinnerten mich lebhaft an den europäischen Häher und ich fand bei genauerer Beobachtung, daß sie sowohl in ihren Gewohnheiten als in ihrem krächzenden Schrei nur wenig oder gar nicht von diesen abweichen. Dieser Häher, dort auch »Clarkes Krähe« genannt, hält sich vorzugsweise in hochgelegenen Regionen auf, wo ihm die gelbe Tanne in ihrem Samen Futter im Überfluß gewährt.
Außerdem erhielt ich an diesem Tag ein Exemplar des gelbhaarigen Stachelschweins, das Egloffstein mit der Pistole erlegte, als es eben im Begriff war, an einer Tanne hinaufzuklettern. Er ließ es von unserem Koch zubereiten, doch konnte keiner von uns dem übelriechenden Braten Geschmack abgewinnen, was aber wohl auf Rechnung des saftigen Bärenfleisches geschrieben werden kann, das uns zu derselben Zeit entgegenduftete.
In den Felsritzen entdeckte ich zahlreiche Eidechsen, und auch von diesen erbeutete ich einige Exemplare sowie eine kleine Klapperschlange, die sich zu früh aus ihrem Winterversteck hervorgewagt hatte. Gegen Abend ließ der Wind nach, und die Luft wurde milder, so daß sogar einige Fledermäuse die dunklen Felsspalten verließen und munter zwischen den dichten Kronen der Tannen umherflatterten. Von diesen sicherte ich mir ein Exemplar, das sich besonders durch den schönen fuchsroten Balg auszeichnete.
Herr von Egloffstein hatte den Wunsch ausgesprochen, daß die Expedition noch einen Tag an Leroux‘ Quelle verweilen möge, damit er den höchsten Gipfel der San-Franzisko-Berge ersteigen könne, um einen Blick auf die nordwestlichen Ländereien zu gewinnen und etwas Genaueres über die geographische Lage des Kleinen und des Großen Colorado nahe ihrer Vereinigung zu erfahren. Doch mit Rücksicht auf den Mangel an Zeit und an Lebensmitteln schlug Lieutenant Ives ihm die Bitte ab, deren Erfüllung gewiß nicht ohne Wichtigkeit gewesen wäre.
Leroux‘s Spring ist der Punkt, der bis jetzt noch von allen Expeditionen, die jene Gegenden durchzogen, berührt worden ist, und diese Quelle hat dadurch eine gewisse Bedeutung erhalten. Die Quelle liegt (nach Whipples Beobachtungen) unter 35° 16‘ 48« nördlicher Breite und 111° 39‘ 32‘‘ westlicher Länge von Greenwich und ist zugleich der höchste Punkt von Whipples Straße zwischen den Rocky Mountains und dem Colorado. Sie bildet gleichsam die nördliche Grenze des paradiesischen Landstrichs, der sich vom Gila bis dort hinaufzieht und den der Rio Verde oder der San Francisco River bewässert.
Es ist übrigens auffallend, daß diesem Flüßchen, das bei den früheren Völkerwanderungen unbedingt eine bedeutende Rolle gespielt haben muß, von seilen der in jenen Gegenden reisenden und arbeitenden Expeditionen bis jetzt sowenig Aufmerksamkeit zugewandt worden ist.
Was wir bis jetzt über jene Territorien wissen, ist noch sehr dunkel und unbestimmt und beruht größtenteils auf Erzählungen von Trappern und Jägern, die, wie uns die Erfahrung vielfach gelehrt hat, nur zu leicht zu Übertreibungen und phantastischen Ausschmückungen neigen. Captain Whipple, die Wichtigkeit der Erforschung des Rio Verde wohl erkennend, beauftragte im Jahre 1854 nach seiner Ankunft in Kalifornien den nach Santa Fé zurückreisenden Führer Leroux, seinen Weg vom Gila aus am Rio Verde hinauf zu nehmen und zugleich eine Beschreibung dieses Flusses in Form eines Tagebuchs abzufassen. Leroux führte den Auftrag nach besten Kräften aus, doch dienen die auf solche Weise gesammelten, bis jetzt fast einzigen authentischen Nachrichten dazu, den Wunsch und das Verlangen nach genaueren Aufklärungen zu vergrößern, statt ihn im geringsten zu befriedigen; denn es geht aus denselben hervor, daß die kulturfähigen und von der Natur so sehr bevorzugten Länderstrecken am Rio Verde, die freilich nur geringen Umfang haben, einst einem zahlreichen Volksstamm zum Aufenthalt dienten.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Auszug aus Leroux‘ Tagebuch, betreffend den Rio Verde — Über die Richtungen der Völkerwanderungen nach Neu-Mexiko — Die Unzugänglichkeit der nördlichen Grenze von Neu-Mexiko — Die verschiedenen Arme, in die sich der Strom der Einwanderung teilte — Die mutmaßlichen Heerstraßen — Bevölkerung des nördlichen Neu-Mexiko — Zurückbleiben derselben bei der Wanderung gegen Süden — Aztekische Worte bezeichnen die Straße dieses Volkes an der Küste Kaliforniens — Wendung der Pimos gegen Süden — Beziehung dieses Stammes zu den Casas Grandes
Zum leichteren Verständnis der Ideen, die mich bei der Fortsetzung meiner Arbeit, namentlich in den zunächst folgenden Blättern, leiteten, ist es vielleicht von Wichtigkeit, daß ich hier einige Notizen aus dem Tagebuch Leroux‘ voranstelle.
Leroux verließ auf seiner Reise von Pueblo de los Angeles in Kalifornien nach Neu-Mexiko den Gila am 16. Mai 1854 in der Nähe der Pimo- und Coco-Maricopa-Dörfer und lagerte am 17. Mai zum erstenmal am San Francisco River (Rio Verde). Dort besuchte er die Ruinen einer alten indianischen Stadt, doch geht er nicht näher auf die Beschreibung derselben ein. An den folgenden Tagen, dem Fluß aufwärts folgend, schildert er das Land als gebirgig, dabei aber reich bewässert und bedeckt mit üppiger Gras- und Baumvegetation.
»Am 21. Mai, während wir Mittagsrast hielten« — ich benutze hier Leroux‘ eigene Worte —, »wurden wir überrascht durch die Schönheit einiger Ruinen, wahrscheinlich die einer alten Indianerstadt; diese befanden sich in der Mitte eines offenen Tals. Die Mauern des Hauptgebäudes, die ein langes Rechteck bilden, sind an einigen Stellen zwanzig Fuß hoch und drei Fuß dick und haben an vielen Punkten kleine Öffnungen wie eine Festung. Die Mauern waren so regelmäßig aufgeführt wie Gebäude von zivilisierten Nationen. Nach dem verwitterten Zustand der Steine zu urteilen, mögen diese Ruinen mehrere Jahrhunderte alt sein (vielleicht die einer Montezuma-Stadt). Haufen zerbrochener und versteinerter Gefäße liegen nach allen Richtungen verstreut umher.
Nahe dem Lager befinden sich die Ruinen einer anderen Indianerstadt. Diese Ruinen beweisen, daß dieses Land einst kultiviert war; wer die Bewohner waren und was aus ihnen wurde, ist schwer zu sagen. Straße hügelig, aber überall zugänglich. Gras und Wasser im Überfluß. 21. Mai: Lager am San-Franzisko-Fluß. Straße sehr hügelig, aber nicht unwegsam; reichlich Holz und Wasser. Heute überschritten wir zwei hohe Berge (à pied), die sich ausnahmen wie der Übergang über die Alpen. Unser Lager befindet sich auf einer Anhöhe in einem überaus reizenden Tal, der Fluß ist auf unserer Linken, gigantische Felsengebirge zu beiden Seiten und die Kronen hundertjähriger Bäume über uns. 22. und 23. Mai: Lager am San-Franzisko-Fluß. Straße gut; Gras reichlich und Holz sowohl wie Wasser im Überfluß. In der Nacht des 22. wurden wir von Indianern angegriffen, es waren Tontos der Yampay-Nation, doch obgleich sie eine Anzahl Pfeile ins Lager schossen, so wurde doch weder Mann noch Tier verwundet.
24. Mai: Lager an einem kleinen Bach. Wir verließen den San-Franzisko-Fluß heute morgen. Der Bach, an dem wir lagern, fließt zwischen zwei Ketten sehr steiler, felsiger Berge. Am Nachmittag überschritten wir einen 1500 Fuß hohen Berg; der Übergang wurde in zwei Stunden bewerkstelligt. Der Bach, an dem wir lagern, ist ein Zufluß des RioSanFrancisco und ergießt sich von Osten in diesen. Die Straße ist ziemlich gut, das Gras reichlich, Wasser und Holz haben wir im Überfluß. Das Gebiet, über das wir zogen, ist fast ganz mit alten Ruinen bedeckt.«
So lautet Leroux‘ Beschreibung seiner Reise am Rio Verde. Nimmt man an, daß Leroux ganz in der Weise eines kanadischen Trappers heimkehrte, daß heißt mit größtmöglicher Schnelligkeit und zugleich, um Zeit zu sparen, in möglichst nächster Richtung, so ist es wohl kaum zu bezweifeln, daß er nur einen Teil der alten Städte und Ruinen sah, und zwar nur diejenigen, die er eben von seinem Weg aus mit den Augen zu erreichen vermochte. Als feststehend kann es aber wohl betrachtet werden, daß das Tal des Rio Verde einst die Wiege eines zahlreichen Volksstamms war, der sich im Laufe von Jahrhunderten so stark vermehrte, daß die Ländereien an diesem Fluß nicht mehr zu seinem Bedarf ausreichten und er sich deshalb anfänglich abgelegenen Quellen und Nebenflüssen (wie dem Pueblo Creek in den Aztec Mountains)Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 348. zuwandte, dann aber, nachdem auch das nördliche Neu-Mexiko auf diesem Weg bevölkert worden war, sich weiter südlich ausgedehntere Ländereien suchte.
Ein reicher Schatz an Kenntnissen müßte mir zu Gebote stehen, wenn ich es wagen wollte, über den Charakter und die Zeitabschnitte der Völkerwanderungen zu schreiben, denen Zentralamerika einst so große und bevorzugte Nationen verdankte. Doch ist es auch nicht im entferntesten meine Absicht, den Meinungen anderer blind zu huldigen, und zwar Meinungen und Ansichten, die, in vielen, ja in den meisten Fällen von zufälligen Umständen geleitet, sich zwar bei Reisenden an Ort und Stelle bildeten, aber doch nur als oberflächliche Bemerkungen wiedergegeben wurden und deshalb ebensowenig bestimmt waren, dem wirklichen Forscher einen Anhalt zu bieten, als einer strengen Kritik unterworfen zu werden. Dadurch nun, daß ich in den Jahren 1853-1855 das nördliche Neu-Mexiko auf dem 35. Grad n. Br. forschend durchzog; ferner dadurch, daß ich von der Mündung des Colorado in den Golf von Kalifornien bis zu den Rocky Mountains (bis zum 36. Grad n. Br.) in weitem Bogen an der westlichen, nordwestlichen und nördlichen inneren Grenze von Neu-Mexiko, soweit dasselbe zugänglich war, herumreiste, glaube ich das Recht erworben zu haben, meine nach den aufmerksamsten Beobachtungen gewonnenen Ansichten über die »Richtung« der Völkerwanderungen aussprechen zu dürfen.
Ist es nun auch nicht meine Absicht, meinen vielleicht vorschnell gefaßten Meinungen übertriebene Wichtigkeit beizulegen, so unterwerfe ich sie doch willig der Kritik und füge nur noch hinzu, daß ich bei meinen Beobachtungen weniger die Traditionen der Völker im Auge behielt als die Gesetze, welche die Natur den Menschen vorschreibt; Gesetze, die abhängig sind von der Bodengestaltung sowie von der Richtung befruchtender Gewässer.
So kann ich vor allem einer unmittelbaren Einwanderung von Norden oder von Nordwesten in die nördlich vom 32. Breitengrad gelegenen Territorien oder die Länderstrecken zwischen dem Rio Colorado, dem Gila und den Rocky Mountains nicht unbedingt beipflichten. Ich beziehe mich hier auf eine Stelle in Buschmann, »Über die aztekischen Ortsnamen«, 1. Abteilung, Seite 60. Es heißt dort unter anderem: »Da in einem Bild Boturinis ein Mann in einem Boot über einen Strom setzt, so ließ Boturini die Azteken (aus Asien kommend und an der amerikanischen Küste herabziehend) über den südlichen Teil des Meerbusens von Kalifornien setzen. Clavigero sah in dem Fluß den Rio Colorado von Kalifornien; Gallatin setzt dem entgegen, daß das ganze Land zwischen diesem Fluß und der kalifornischen Gebirgskette eine unfruchtbare Wüste ist und daß die Azteken, wenn sie aus einem Land nördlich vom Gila kamen, südwärts nicht den Colorado passieren konnten.«
Ich gehe weiter und wage zu behaupten, daß die von Gallatin bezeichnete Kalifornische Wüste nicht nur ein Überschreiten des südlichen Colorado, sondern des Flusses in seiner ganzen Ausdehnung vom 36. Breitengrad bis zu seiner Mündung oder der ganzen westlichen Grenze von Neu-Mexiko unmöglich macht. Es ist wahr, ich selbst habe mehrfach unter verschiedenen Breiten sowohl den Colorado überschritten als auch die Wüste durchzogen, doch wie aus meinen Beschreibungen vielleicht zu entnehmen ist, bot die furchtbare Wüste selbst der geteilten und wohlausgerüsteten Expedition derartige Hindernisse, daß man nicht zaudert, jeden Gedanken an die Wanderung eines Volksstamms, der den Gebrauch von Lasttieren ebensowenig kannte wie die Lasttiere selbst, durch diese unwirtlichen Wildnisse sogleich aufzugeben. Nimmt man nun an, daß auf diese Weise die ganze Westseite von Neu-Mexiko einer Einwanderung verschlossen gewesen ist, so läßt sich dasselbe mit noch mehr Sicherheit von der Nordwest- und Nordgrenze, und zwar bis zu der Kette der Rocky Mountains, behaupten. Die vollständige Unzulänglichkeit jener Regionen glaube ich in den vorhergehenden Kapiteln genug beschrieben und bewiesen zu haben, und es bedarf gewiß keiner Erläuterungen mehr, die Unmöglichkeit einer Einwanderung von Nordwesten und von Norden aus den Territorien nördlich vom 36. Grad n. Br. nach Neu-Mexiko als unumstößlich fest hinzustellen.
Gleichsam als Tor, durch das zahlreiche Völkerstämme ihren Weg sowohl nach Neu-Mexiko als auch nach den südlicher gelegenen Provinzen von Anahuac gefunden haben, betrachte ich die Küste von Sonora bis hinauf an die Mündung des Rio Gila. Ich glaube demnach in dem Bild, »in dem ein Mann in einem Boot über einen Strom setzt«, den Meerbusen von Kalifornien erkennen zu dürfen, der zu jener Zeit sehr leicht bis an die Mündung des Rio Gila hinaufgereicht haben kann. Obgleich der Colorado von Kalifornien als der größte und bedeutendste Strom des Fernen Westens — und mit Recht — bezeichnet wird, so erscheint er mir, nachdem ich ihn, soweit er schiffbar ist, befahren habe, doch nicht bedeutend genug, um den Übergang eines wandernden Volkes über ihm als einen Abschnitt in dessen Zeitrechnungen gelten zu lassen; dagegen muß der Übergang über den Meerbusen von Kalifornien eine Epoche bei einem der Schiffahrt wenig kundigen Volk gebildet haben — eine Epoche, die wichtig genug war, um in hieroglyphischen Bildern der Nachwelt aufbewahrt zu werden.
Ohne die Frage, ob der Ursprung dieser Nationen in Asien zu suchen sei, berühren zu wollen, neige ich mich aufgrund der obenerwähnten Bodengestaltung zu dem von wirklichen Forschern angeregten Glauben hin, daß alle in den Provinzen von Anahuac und den weiter nördlich gelegenen Territorien eingewanderten Völker an der Küste von Kalifornien auf dem Ozean selbst oder in den diesen Staat von Nordwesten nach Südosten durchschneidenden Tälern bis auf die Halbinsel von Kalifornien gelangten. Sie waren also im strengsten Sinne des Wortes von Nordwesten gekommen. Ob sie dann auf hundertjähriger Wanderung das Hochland von Mexiko oder, nordöstlich ziehend, die jetzigen Moqui-Territorien erreichten, das änderte nichts in ihren hieroglyphischen Traditionen; sie betrachteten das ganze Land als eine zusammenhängende Scholle, auf die sie aus nordwestlicher Richtung gelangten. Ich halte dies für den Grund, daß die Abkömmlinge jener Völker — die jetzigen Pueblo-Indianer von Neu-Mexiko — noch heute bei der Frage nach ihrer Herkunft gegen Nordwesten zeigen, von wo aus oben angeführten Gründen nach menschlichen Begriffen eine Einwanderung unmöglich erscheinen muß. Auf die nördliche Richtung, die ebenfalls von anderen Stämmen als die ihrer früheren Heimat angegeben wird, werde ich weiter unten zurückzukommen Gelegenheit finden. Die am Golf von Kalifornien ankommenden Völker wählten sich nach meinem Dafürhalten ihren Weg nach verschiedenen Richtungen hin, und zwar wandte sich ein Strom (nicht unwahrscheinlich die Tolteken, mit denen die Geschichte der mexikanischen Völkerbewegung beginnt) dem Hochland von Mexiko zu. Die größere Vollkommenheit in der Bauart der Ruinen in Chihuahua, Mexiko und Guatemala im Vergleich mit denen von Neu-Mexiko läßt wohl kaum einen Zweifel darüber aufkommen, daß die Tolteken niemals den Rio Gila und die nördlich von diesem Strom befindlichen Ländereien berührten. Da, wie Buschmann ausdrücklich angibt, »alles, was den späteren Völkern von Anahuac nützlich war — alle ihre Künste, alles, was ihre Kultur ausmachte —, von den Tolteken abgeleitet wurde«, aber in den Trümmern der alten Bauwerke in Neu-Mexiko sich kein großer Kunstsinn verrät; da ferner, wie Alexander von Humboldt nach langem und tiefem Forschen aufs bestimmteste sagt, »keine Verwandtschaft in den Sprachen des Nordens mit der aztekischen aufzufinden ist«, und Buschmann dies auf geistreiche Weise bekräftigt und erläutert, so glaube ich darin den Beweis zu finden, daß der sich südlich wendende Strom der wandernden Völker ursprünglich in keiner Beziehung zu demjenigen stand, der, dem Gila aufwärts folgend, die Provinz Neu-Mexiko so reich bevölkerte.
