Kitabı oku: «Alle Zärtlichkeit für dich»
Alle Zärtlichkeit
für Dich
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2016
Copyright Cartland Promotions 1985
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1.
Lord Melburne gähnte.
Dabei merkte er, daß er nicht müde war, sondern sich langweilte. Der Anblick der diskret verschleierten, rundlichen Putten auf dem Kaminsims, die rosafarbenen, mit seidenen Borten und Quasten verzierten Satinvorhänge und überhaupt der ganze, stark duftende und überheizte Raum ödete ihn an.
Sein Blick glitt über seinen Anzug aus feinstem blauen Stoff, der auf einem Stuhl lag, und seine weiße Musselinkrawatte, die achtlos auf die überfüllte Frisierkommode zwischen Fläschchen, Lotionen, Salben und Parfüms geworfen worden war. Der Gedanke, daß er aufstehen und diese Sachen anziehen sollte, ließ ihn nochmals gähnen.
„Du bist müde, mon cher“, sagte eine sanfte Stimme neben ihm.
Er sah zur Seite, in zwei dunkle Augen, die zu ihm aufschauten, und zwei rote, herausfordernd gespitzte Lippen und wußte, daß auch sie ihn langweilten.
Es war ein unglücklicher Augenblick für Seine Lordschaft, als er entdeckte, daß seine Mätresse ihn nicht mehr interessierte. Als sie so neben ihm lag, trug sie nur ein Rubin-Collier, für das er eine Unmenge Geld ausgegeben hatte, und rote Satinschuhe, die farblich zu den Steinen paßten.
Er konnte sich kaum noch vorstellen, daß er sie vor nicht mehr als einem Monat heiß umworben hatte. Dabei hatte es eine nicht unerhebliche Rolle gespielt, daß die betreffende Dame - Mademoiselle Liane Defroy - gezögert hatte, sich zwischen dem Marquis of Crawley und Sir Henry Stainer zu entscheiden.
Vielleicht hatte der Marquis die höhere gesellschaftliche Stellung, aber Sir Henry Stainer war zweifellos der Reichere. Beide waren außerordentlich großzügig, beide gehörten dem Freundeskreis des Prince of Wales an und hielten sich oft in Carlton House auf.
Daß Lord Melburne diesen beiden Liane sozusagen vor den aristokratischen Nasen weggeschnappt hatte, hatte nicht nur ihn befriedigt, sondern auch den Prince of Wales zum Lachen gebracht - er erklärte ihn für unwiderstehlich, sobald es um die Liebe ginge.
Mit gerunzelter Stirn dachte Lord Melburne nun, daß es eben diese Unwiderstehlichkeit war, die das Leben so unglaublich langweilig machte. Der Kampf war immer zu kurz, der Sieg immer der Gleiche.
Er machte eine Bewegung, um aufzustehen, aber Lianes kleine Hände griffen nach ihm.
„Non, non!“ rief sie. „Steh nicht auf. Es ist noch früh, und wir haben uns noch so viel zu sagen.“
Ihre Lippen waren den seinen nah, und er spürte den Duft ihres Parfüms überdeutlich. Er hatte es schon vorher für zu süß gehalten, jetzt verstärkte es nur sein Gefühl des Abscheus.
Er schüttelte ihre Arme ab und erhob sich.
„Ich muß früh zu Bett gehen“, bemerkte er und griff nach seiner Krawatte. „Ich fahre morgen aufs Land.“
„Aufs Land?“ wiederholte Liane mit erhobener Stimme. „Aber warum? Warum läßt du mich allein? Das ist verrückt! London ist so lustig, es gibt so viel, um sich zu amüsieren. Warum willst du fort?“
Seine Lordschaft band sich die Krawatte mit der geübten Hand eines Mannes, der sich hervorragend ohne die Hilfe eines Dieners anzukleiden versteht.
„Ich muß einen alten Freund meines Vaters besuchen“, antwortete er. „Ich wollte schon letzte Woche reisen, aber du hast mich gegen mein besseres Wissen überredet, in London zu bleiben.“
„Das ist unmöglich!“ protestierte Liane und setzte sich auf.
Die Rubine an ihrem Hals funkelten im Kerzenlicht.
„Hast du die Gesellschaft morgen abend vergessen, zu der wir alle eingeladen sind, das ganze Corps de Ballet? Es wird sehr lustig und vergnügt und wird dir bestimmt gefallen.“
„Das bezweifle ich“, antwortete der Lord und zog seinen Mantel an.
Er blieb einen Augenblick stehen und sah auf sie hinab, auf ihr langes, pechschwarzes Haar, das ihr bis zur Taille reichte, das kleine, aparte Gesicht mit der Stupsnase und dem großen Mund, der ihm noch vor ein paar Wochen so einladend erschienen war. Sie war eine kluge Tänzerin, die ihre wenigen Talente geschickt auszunutzen wußte.
Aber nun fragte er sich, wie er jemals ihr Geplapper, ihre gekünstelten Handbewegungen und die kokette Art, mit der sie sich bemühte, geheimnisvoll zu wirken, ertragen hatte.
In Wirklichkeit gab es kein Geheimnis. Das hatte Lord Melburne erkannt.
Sie schaute zu ihm auf und stellte wieder einmal fest, wie gut er aussah.
Es war nicht nur sein Äußeres, dachte sie, wie so viele Frauen vor ihr, das so anziehend war; nicht nur das markante Kinn oder die grauen Augen, die so durchdringend blickten.
Nein, Liane begriff plötzlich, daß es die zynischen Linien waren, die von der Nase zum Mund liefen, der Schwung der Lippen, die selbst in glücklichen Momenten spöttisch zu lächeln schienen, und das Blinzeln seiner Augen, die diesen Eindruck Lügen straften, wenn man es am wenigsten erwartete.
Ja, er war unwiderstehlich! Mit einem Lächeln streckte sie ihm die Arme entgegen.
„Bleib nicht zu lange fort“, sagte sie leise. „Ich warte auf dich, Cheri. Das möchtest du doch, oder?“
„Ich bin nicht - sicher“, antwortete Lord Melburne langsam, und während er sprach, merkte er schon, daß er einen Fehler gemacht hatte.
Die Szene, die nun folgte, war laut, unerfreulich und doch nicht zu vermeiden. Er verließ Liane, die hysterisch in die Kissen schluchzte, und fragte sich, warum er nie in der Lage war, eine Affäre so ruhig zu beenden wie andere Männer seiner Bekanntschaft. Bei ihnen war es leicht - eine bloße Frage von Geld, vielleicht noch einen oder zwei Diamanten - aber nie ein böses Wort.
Bei ihm gab es immer Tränen, Proteste und das unvermeidliche „Was habe ich getan? - Warum bedeute ich dir nichts mehr? - Gibt es eine andere?“.
Er kannte diese Fragen nur zu gut.
Es war schön gewesen, eine Tänzerin zu haben, mit der man in den Park fahren konnte, sie mit einem eigenen Wagen und Dienern auszustatten und von ihr zu erwarten, daß sie treu blieb bis zum Ende der Liaison. Aber wenn dieses Ende bei anderen Männern freundschaftlich und unkompliziert war, so war es für Lord Melburne leider ganz anders.
Immer gab es Tränen und herzzerreißende Briefe, Bitten um Erklärung und Weigerungen, an sein Desinteresse zu glauben.
Als er aus dem Haus trat, wartete der diskrete, geschlossene Wagen auf ihn, den er für nächtliche Besuche dieser Art zu nehmen pflegte. Der Kutscher war überrascht, Seine Lordschaft so früh zu sehen und zog mit einem Ruck die Zügel an. Der junge Lakai sprang, nachdem er die Wagentür hinter Seiner Lordschaft geschlossen hatte, auf und flüsterte dem Kutscher dabei zu: „Ich wette, das ist zu Ende.“
„Das kann nicht sein“, antwortete der Kutscher. „Er war nicht länger als einen Monat mit ihr zusammen.“
„Trotzdem ist es vorbei“, sagte der Lakai voller Überzeugung. „Ich weiß, wie er aussieht, wenn er gesagt hat ,Schluß‘ - und es ist Schluß! Die vorletzte hatte er nach drei Monaten satt“, meinte er mit einem Seufzer. „Ich frage mich, was ihn immer so schnell langweilt.“
In der Kutsche stellte sich Seine Lordschaft dieselbe Frage. Warum fand er plötzlich - und meistens unerwartet - eine Frau nicht länger begehrenswert?
Es hatte ihm gefallen, Liane seinen Freunden vorzuführen. Er war mit ihr in Spielhallen, bei Mott’s und in Vauxhall Gardens gewesen. Ihm war es so vorgekommen, als verblaßte neben ihr jede andere Frau. Sie war fröhlich, amüsant, voller Lebensfreude und von einer Vitalität, die jeden ansteckte, der mit ihr sprach.
„Du bist ein verdammt glücklicher Kerl“, hatte Sir Henry Stainer gesagt, und der Neid in der Stimme seines Freundes war äußerst befriedigend gewesen.
Er fragte sich nun, ob Sir Henry die Verlassene aufnehmen würde. Aber wenn es nicht Stainer wäre, dann gäbe es ein Dutzend andere, die nur zu bereit wären, um die Gunst einer Französin zu werben, die eine ganze Reihe junger Männer aus der Gesellschaft gefesselt hatte.
Und trotzdem will ich sie nicht länger, dachte Lord Melburne.
„Zur Hölle mit ihr“, sagte er laut. „Zur Hölle mit allen Frauen!“
Er wußte, es war absurd, daß er sich an der Szene schuldig fühlte, die gerade stattgefunden hatte. Er wußte, es war Liane, nicht er, die sich nicht an die Regeln hielt.
Das Abkommen zwischen einem Gentleman und seiner Mätresse sollte ein reines Geschäft sein. Man genoß die Gesellschaft des anderen; es war die Aufgabe einer Frau, so faszinierend wie möglich zu sein und mit allen erdenklichen Mitteln die größtmögliche Summe für ihre Gunst zu erzielen. Aber es hatte keine Liebe oder verletzte Gefühle zu geben.
Und doch - wenn es um Buck Melburne ging, wurden alle Regeln vergessen. Schon als kleinen Jungen hatte man ihn Buck genannt. Selbst seine Verwandten konnten sich kaum an seinen richtigen Namen erinnern.
Es war ein Spitzname, den er bekommen hatte, als er zum ersten Mal in einem Satinanzug mit Kniehosen erschien und diesen bereits im Alter von sechs Jahren so trug, daß ein Freund seines Vaters ausrief: „Er sieht schon jetzt wie ein Geck aus!“
Der Name war hängengeblieben, und er war zweifellos äußerst passend. Der Prince of Wales kleidete sich wie er, mit einfachen, gut geschnittenen Anzügen und sorgfältig gebundenen Krawatten.
Und auch aus anderen Gründen war sein Name bekannt: Niemand im ganzen Land konnte einen Wagen so gut lenken wie er; er saß im Sattel wie kein zweiter; er schoß und boxte wie ein Professioneller.
Buck Melburne war der gefragteste, am meisten beneidete und unwiderstehlichste Mann in London.
Im Berkeley Square verließ er den Wagen und betrat die Halle seines Londoner Hauses. Er übergab Hut und Stock dem Butler.
„Ich werde morgen vormittag um halb zehn nach Melburne fahren, Smithson“, sagte er. „Bestelle meinen Reisewagen und sage Hawkins, er soll mit dem Gepäckwagen vorausfahren.“
„Sehr wohl, Mylord“, antwortete der Butler. „Hier ist eine Nachricht für Eure Lordschaft.“
„Eine Nachricht?“ Lord Melburne nahm den Umschlag von dem silbernen Tablett, das ihm der Butler reichte.
Schon bevor er ihn an sich nahm, wußte er, von wem er kam. Er blickte finster vor sich hin, als er sich zur Bibliothek begab, wo er sich gewöhnlich aufhielt, wenn er allein war.
Ein Lakai eilte herbei, um ihm die Tür zu öffnen, und er betrat den langen, von Bücherborden gesäumten Raum, der mit seinen Lapislazuli-Säulen und den geschnitzten, vergoldeten Simsen einer der schönsten Räume Londons war.
„Wein, Mylord?“ fragte der Diener.
„Ich bediene mich selbst“, antwortete Lord Melburne.
Nachdem sich die Tür hinter dem Diener geschlossen hatte, stand Lord Melburne einen Augenblick da und starrte auf den Umschlag in seiner Hand. Er wußte nur zu gut, von wem er war, und er fragte sich, ob dies die Lösung der Probleme wäre, über die er in der Kutsche nachgedacht hatte. Sollte er heiraten? Würde dieser Zustand sich als erfreulicher oder zumindest ruhiger erweisen als der jetzige?
Langsam, fast zögernd öffnete er den Brief. Lady Romayne Ramseys Handschrift war elegant und weiblich, und doch würde jeder, der etwas von diesen Dingen verstand, bemerkt haben, daß eine gewisse Entschlossenheit aus den feinen Schriftzügen sprach.
Die Nachricht war kurz.
„Mein lieber Cousin,
ich hatte erwartet, Dich heute abend zu sehen, aber ich wurde enttäuscht. Es gibt viele Dinge, über die ich mit Dir sprechen möchte. Komme morgen um fünf Uhr. Dann werden wir allein sein.
Deine Romayne.“
Obwohl die Nachricht nichts enthielt, was den Ärger Seiner Lordschaft erregen konnte, knüllte er das Blatt Papier zusammen und warf es in die Flammen des Kamins.
In diesem Moment wurde ihm klar, daß Romayne Ramsey ihn zu heiraten beabsichtigte. Sie hatte ihre entfernte Verwandtschaft zum Anlaß genommen, ihn in ihren engsten Freundeskreis einzubeziehen, lange bevor er selbst wußte, ob er dies wollte oder nicht.
Aber man konnte nicht klagen, denn Lady Romayne war seit Jahren die schönste und beeindruckendste Frau in Carlton House.
Schon als Kind war sie mit Alexander Ramsey, einem reichen Gutsherrn, verheiratet worden, der jedoch auf der Jagd verunglückte, so daß sie noch vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag Witwe wurde. Vor Ablauf der offiziellen Trauerzeit hatte sie in London ein Haus eingerichtet. Sie war hübsch, lebhaft, gescheit - und reich, und sie hatte Buck Melburne zu ihrem Ehemann auserwählt.
Er war zu erfahren, um dies nicht zu bemerken. Sie würde zweifellos mit dem Melburne-Schmuck bezaubernd aussehen und sein Haus mit ihrer Eleganz bereichern.
Er war nahe daran gewesen, ihrer Versuchung zu erliegen, der unausgesprochenen Einladung in ihren Augen, der Art, in der sie ihn nach einer Gesellschaft noch in ihr Haus einlud, in dem Kerzen in der offenen Tür ihres Schlafzimmers brannten.
Aber die Falle war zu offensichtlich. Er wollte nicht genau das tun, was man von ihm erwartete, nicht einem Plan erliegen, der bis ins kleinste Detail vorbereitet war und dessen unvermeidliches Ende er nur zu gut kannte.
„Verflucht, ich will selber jagen“, sagte er einmal, nachdem er Lady Romayne verlassen hatte.
Sie sprachen nicht darüber und doch wußten beide, daß sie sich wie Duellanten gegenüberstanden. Sie hatte den Angriff übernommen, er verteidigte nicht sein Leben, aber seine Freiheit.
Trotzdem schlief Lord Melburne gut und war überraschend guter Laune, als er sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Melburne machte. Er freute sich, das Haus seiner Kindheit, das ihn stets von neuem entzückte, wiederzusehen.
Das große Haus war von seinem Vater fast völlig neu aufgebaut worden und stand neben älteren, kleineren Herrenhäusern, die ganze Generationen von Melburnes beherbergt hatten.
Melburne! Es war seltsam, daß der eigentliche Grund seines Kommens nun Sir Roderick Vernon war, sein nächster Nachbar und ein alter Freund seines Vaters.
Sir Roderick war ein wichtiger Bestandteil seiner Kindheit gewesen. Kaum ein Tag war vergangen, an dem nicht Sir Roderick mit seinem Sohn Nicholas nach Melburne kam oder Buck seinen Vater nach Priory begleitete. Die beiden alten Männer hatten zwar über ihre Ländereien und Grenzangelegenheiten gestritten, waren aber doch Freunde geblieben bis zum Tode seines Vaters.
Sir Roderick mußte nun fast zweiundsiebzig Jahre alt sein. Lord Melburne hatte gehört, daß Sir Roderick kränkelte und fragte sich, ob er vielleicht bereits im Sterben liege. Nun machte er sich Vorwürfe, daß er nicht schon früher gefahren war. Der Brief schien dringend zu sein, und doch war ihm Liane wichtiger erschienen.
Er versuchte, sich an den Brief zu erinnern. Er war von einer Frau geschrieben, Clarinda Vernon. Wer war sie?
Sir Roderick hatte keine Tochter, und als er das letzte Mal auf Priory gewesen war, hatte er dort nur den alten Mann angetroffen. Nicholas verließ London nur selten, um nach den Ländereien zu sehen, die er einmal erben sollte.
Er war eine Enttäuschung für seinen Vater gewesen. In London war er in schlechte Gesellschaft geraten. Lord Melburne sah ihn fast nie - und wenn, dann versuchte er, ihm aus dem Weg zu gehen.
Wie hatte sie in dem Brief geschrieben?
„Mein Onkel, Sir Roderick Vernon, ist krank und möchte Sie dringend sehen. Darf ich Sie um Ihren Besuch bitten, sobald er Ihnen genehm ist?
Ihre ergebene Clarinda Vernon“
Das sagte ihm nicht viel, außer, daß der alte Mann krank war.
Ich hätte schon letzte Woche fahren sollen, dachte Lord Melburne und trieb die Pferde an.
Ohne in Melburne zu halten, begab er sich nach Priory. Die Auffahrt bildete eine Allee mit sehr alten Eichen, deren Zweige einen grünen Tunnel formten.
Plötzlich bemerkte Lord Melburne, daß ihm jemand entgegenkam. Es handelte sich um eine Frau zu Pferde, die ausgezeichnet ritt und keinerlei Anstalten machte, ihm auszuweichen.
Zu seiner Überraschung zügelte sie sogar ihr Pferd und wartete auf ihn, ohne auch nur die Hand zu heben, in einer Art, die ihn irritierte. Nachdem er dem Impuls, einfach über den Rasen an ihr vorbeizufahren, nicht stattgegeben hatte, brachte er seinen Wagen ebenfalls zum Stehen.
Ohne Hast ritt sie nun auf ihn zu.
Auf den ersten Blick erstaunte ihn ihre Schönheit. Ihm fiel auf, daß sie ein altmodisches Kleid trug, das trotz seines verblichenen grünen Samtes das reine Weiß ihrer Haut hervorhob.
Lord Melburne dachte, daß er noch nie eine Frau mit solch weißer Haut gesehen hatte, doch nach einem Blick auf ihr Haar verstand er. Es war rot oder nein, es war golden - er war nicht sicher. Er hatte eine solche Farbe noch nie zuvor gesehen. Es war die Farbe reifen Korns, durchsetzt mit dem lebhaften Rot der Flammen eines Holzfeuers - es schien in der Sonne zu leuchten. Im Nacken war es zu einem schweren Knoten zusammengefaßt. Sie trug keinen Hut.
Sie ist reizend, unglaublich reizend, sagte sich Lord Melburne und zog seinen Hut.
Mit kalter Stimme und ohne zu lächeln, fragte sie: „Lord Melburne?“
„ Ja.“
„Ich bin Clarinda Vernon. Ich habe Ihnen geschrieben.“
„Ich habe Ihren Brief erhalten“, erwiderte Lord Melburne.
„Ich erwartete Sie schon letzte Woche.“
Ihre Worte klangen wie ein Vorwurf, und Lord Melburne fühlte, wie sich sein Körper spannte.
„Ich muß allein mit Ihnen sprechen.“
Überrascht sah er sie an. Dann fiel ihm der Diener ein, der hinter ihm auf dem Kutschbock stand.
„Jason“, sagte er, „geh nach vorne zu den Pferden.“
„Sehr wohl, Mylord.“
„Wollen wir hier reden, oder soll ich absteigen?“ fragte Lord Melburne.
„Was ich zu sagen habe, ist nicht für die Ohren eines Dieners bestimmt“, bemerkte Clarinda Vernon.
„Dann ist es wohl besser, ich komme herunter.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang Lord Melburne auf den Boden.
Clarinda folgte seinem Beispiel, und sie traten in den Schatten einer alten Eiche.
Sie war sehr klein, kleiner, als sie ausgesehen hatte, solange sie zu Pferd saß. Zwei Männerhände konnten ihre Taille leicht umfassen, und ihr Haar war wie Licht - ein Irrlicht, das die Männer ins Moor lockte.
Er lächelte über sich selbst.
Verflucht, ich werde romantisch, dachte er.
Er hatte wirklich nicht erwartet, eine solche Schönheit auf Priory vorzufinden.
„Ich muß mit Ihnen sprechen, bevor Sie meinen Onkel sehen. Er liegt im Sterben und ist nur noch von dem Gedanken beseelt, Sie zu sehen und Sie um etwas zu bitten“, sagte sie mit nervöser Stimme.
„Was wünscht er?“ fragte Lord Melburne.
„Mein Onkel hat seinen Sohn Nicholas enterbt. Er hinterläßt Priory und die Ländereien - mir. Und weil ihm sein Besitz so viel bedeutet und er nun im Sterben liegt, hat er nur noch einen Gedanken, von dem ihn niemand abbringen kann.“
„Und der ist?“
„Daß Sie - mich - heiraten.“
Ihre Wangen färbten sich rot, und ihre Stimme zitterte vor Nervosität. Lord Melburne war zu überrascht, um etwas zu antworten, und sofort fuhr Clarinda fort: „Alles, was ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie ja sagen. Onkel Roderick stirbt vielleicht noch heute nacht. Sagen Sie ja. Das macht ihn glücklich, und für Sie - für Sie bedeutet es nichts.“
„Ich glaube nicht, daß das eine Sache ist, die man so leicht entscheiden kann“, bemerkte Lord Melburne, dem zum ersten Mal in seinem Leben die Worte fehlten.
Clarinda sah ihn mit haßerfüllten Augen an.
„Keine Angst, Mylord. Sie müssen Ihr Versprechen nach dem Tode meines Onkels nicht erfüllen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich Sie nie heiraten werde, und wären Sie der letzte Mann auf der Welt.“
Ihre Stimme war leidenschaftlich, und noch bevor Lord Melburne etwas erwidern konnte, rief sie ihr Pferd, bestieg es ohne Hilfe und galoppierte davon, als sei ihr der Teufel auf den Fersen.
2.
Sir Rodericks müde, alte Stimme verstummte, und er schlief ein.
Der Arzt fühlte seinen Puls und meinte leise: „Er wird nun einige Stunden schlafen.“
„Ich komme später wieder“, sagte Lord Melburne.
Als er leise das Zimmer verließ, fand er sich zu seiner Überraschung einem Lakaien gegenüber, der am Schlüsselloch horchte. Beim Anblick Lord Melburnes richtete er sich auf, starrte ihn einen Moment unverschämt an, drehte sich dann um und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, den Korridor hinab.
Lord Melburne ging langsam zum Salon, wobei er bemerkte, daß sich das Haus in sehr schlechtem Zustand befand. Während Bilder und Möbel äußerst wertvoll waren, erschienen die Teppiche abgenutzt, die Vorhänge fadenscheinig, und viele der Stühle hatten eine neue Polsterung dringend nötig.
Clarinda saß an einem Schreibtisch vor dem Fenster. Bei seinem Eintritt sprang sie auf. Feindselig, aber auch fragend schaute sie ihn an.
„Ihr Onkel schläft“, sagte Lord Melburne.
„Haben Sie versprochen, worum er - gebeten hat?“
„Wir haben die Angelegenheit besprochen.“
Sie schien erleichtert zu sein, als hätte sie befürchtet, er könnte die Bitte ablehnen.
„Ich weiß nun, daß Sie nicht wirklich Sir Rodericks Nichte sind“, bemerkte er.
„Das stimmt. Mein Vater fiel schon vor meiner Geburt, und nachdem meine Mutter Sir Rodericks Bruder geheiratet hatte, adoptierte mich dieser. Ich hielt ihn für meinen Vater, und da er keine anderen Kinder hatte, vergaß er, glaube ich, oft, daß ich nicht wirklich seine Tochter war.“
Als sie so sprach, war ihre Stimme sanft geworden.
Doch plötzlich, als ärgere sie sich, daß Lord Melburne sie dazu gebracht hatte, so warm von ihrem Adoptivvater zu sprechen, sagte sie scharf: „Ich habe hier etwas für Eure Lordschaft.“
Dabei nahm sie ein Blatt Papier vom Schreibtisch, auf das sie geschrieben hatte:
„Ich, Clarinda Vernon, schwöre, daß ich unter keinen Umständen Lord Melburne dazu anhalten werde, Versprechungen, die er hinsichtlich Verlobung oder Ehe gegenüber meinem Onkel, Sir Roderick Vernon, gemacht hat, zu halten. Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte zeichne ich am Dienstag, 2. Mai 1802.“
Darunter folgte ihre Unterschrift und noch etwas tiefer, in unleserlichen Buchstaben, die Namen zweier Diener.
„Das ist sehr geschäftsmäßig“, meinte Lord Melburne. „Und nun sollte ich nach dem Grund fragen, warum Sie mich so verabscheuen.“
„Ich beabsichtige nicht, darüber zu sprechen, Mylord.“
Noch während sie dies sagte öffnete sich die Tür, und ein sehr junger, jedoch nach dem letzten Stand der Mode gekleideter Mann trat ein. Er durchquerte den Raum und küßte Clarinda die Hand.
„Ich bringe Ihnen ein paar Blumen“, sagte er und überreichte ihr den Strauß, den er in der Hand hielt.
„Orchideen“, rief Clarinda aus. „Oh, Julien, das hätten Sie nicht tun sollen.“
Dann, als erinnere sie sich ihrer Erziehung, wandte sie sich Lord Melburne zu.
„Darf ich Ihnen Mr. Julien Wilsdon vorstellen, Mylord. Julien, dies ist Lord Melburne, unser nächster Nachbar, wie Sie wohl wissen.“
Der junge Mann hatte Lord Melburne offensichtlich noch nicht gesehen, da er nur Augen für Clarinda hatte. Nun starrte er ihn ungläubig an.
„Was tut dieser Mann hier? Haben Sie nicht immer gesagt, Sie würden ihn nie in diesem Hause dulden? Hat er Sie verärgert?“
„Nein, nein“, erwiderte sie schnell. „Er ist auf Onkel Rodericks Wunsch hier. Ich werde Ihnen später alles erklären. Bitte, gehen Sie jetzt und kommen Sie heute nachmittag wieder.“
„Hätten Sie die Freundlichkeit, mir zu erklären, um was es hier geht? Es scheint doch auch mich zu betreffen. Vielleicht sollte ich Ihnen sagen, daß über eine Verlobung zwischen Miss Vernon und mir verhandelt wird.“
„Verlobung!“ stieß Julien Wilsdon hervor. „Das ist nicht wahr! Das darf einfach nicht sein. Wie können Sie es wagen, den guten Namen von Miss Vernon in so etwas hineinzuziehen? Ich schwöre Ihnen, Mylord, wenn Sie sich über sie lustig machen, fordere ich Sie zum Duell.“
Der Spott in Lord Melburnes Augen vertiefte sich, als er an den Unterschied zwischen dem dünnen, jungen Mann und seinen eigenen breiten Schultern, seiner Größe und Stärke dachte.
Als hätte Clarinda dies ebenfalls gesehen, schob sie ihren Arm unter den Juliens und führte ihn aus dem Salon.
Nach einigen Minuten kam sie zurück und entschuldigte sich.
„Ein feuriger Bewunderer, wie ich sehe, und ein sehr gefährlicher Rivale“, meinte Lord Melburne.
„Versuchen Sie nicht, mich zu beleidigen, Mylord“, entgegnete sie scharf. „Es wäre nicht richtig gewesen, Julien ins Vertrauen zu ziehen, bevor Sie mit meinem Onkel gesprochen hatten. Nun ist er verletzt, und es wird schwer sein, ihn zu trösten. Aber solange mein Onkel lebt, darf niemand erfahren, daß wir nur vorgeben, heiraten zu wollen. Nach seinem Tode brauchen Sie mich dann nie wieder zu sehen.“
„Das ist eine drastische Bedingung, Miss Vernon. Ich muß zugeben, daß ich unsere Bekanntschaft sehr erfreulich finde. - Und das bringt uns zu unserem Thema zurück. Warum hassen Sie mich so sehr, daß Sie sogar mit anderen Leuten darüber sprechen?“
„Das war falsch, ich gebe es zu. Aber ich war allein mit meinem Onkel, und Julien war der einzige, mit dem ich in den letzten Monaten reden konnte. Anfangs lebte noch Onkel Rodericks Schwester, aber sie starb, und niemand trat an ihre Stelle. Ich beklage mich aber ganz und gar nicht, denn mit Onkel Roderick war es sehr interessant. Ich habe ihm geholfen und glaube, daß ich nun in der Landwirtschaft ebenso gut Bescheid weiß wie er. Er hat sein Land geliebt, jeder Pfennig wurde für das Gut ausgegeben, für neue Saaten, Bewässerungsanlagen und so weiter“, sagte sie leidenschaftlich. „Aber das wird Seine Lordschaft schwerlich interessieren. Mein Onkel hat allerdings höchstens noch zwei Tage zu leben. Danach können Sie zu Ihren Vergnügen nach London zurückkehren.“
„Danke für die freundliche Erlaubnis“, antwortete Lord Melburne spöttisch. „Soll ich Ihnen vielleicht ein volles Geständnis meiner Sünden ablegen?“
Er sah den plötzlichen Ärger in ihren Augen.
„Lassen Sie mich eines ganz klar sagen, Mylord: Ich beabsichtige weder jetzt noch später, über Ihr Verhalten zu sprechen. Das müssen Sie mit Ihrem Gewissen abmachen. Ich hatte auch nie das Verlangen nach Ihrer Gesellschaft, denn - das gebe ich offen zu - Sie sind der von mir meistgehaßte Mann der Welt. Trotzdem bin ich Ihnen dankbar für Ihre Hilfe.“
„Über die ich noch nachzudenken habe. Vielleicht sollten wir diese Angelegenheit vorher besprechen.“
„Ich will nicht darüber sprechen“, erklärte Clarinda trotzig.
Einen Augenblick starrten sie einander an.
Dann verbeugte sich Lord Melburne und sagte: „Wie Sie wollen. Ich bin äußerst gespannt, wann Sie mir die Geschichte freiwillig erzählen. Doch nun fahre ich nach Melburne. Ich werde am Nachmittag wiederkommen. Man sagte mir, daß dann auch der Rechtsanwalt Ihres Onkels anwesend wäre. Gehorsamster Diener.“
Als er in die Halle ging, fiel ihm noch etwas ein.
„Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß ein Diener an der Tür horchte, als ich das Zimmer Ihres Onkels verließ.“
Clarinda erblaßte.
„Bates, wo ist Walter?“
Der alte Butler zögerte, bevor er antwortete: „Er hat sich ein Pferd aus dem Stall genommen und ist sehr schnell davongeritten.“
„Glaubst du, er reitet zu Mr. Nicholas nach London?“
„Ich fürchte, ja, Miss Clarinda.“
Lord Melburne hatte den Eindruck, sie würde noch blasser.
„Wir können nichts dagegen tun, aber eigentlich wollte ich nicht, daß Mr. Nicholas so bald davon erfährt.“
Um Selbstbeherrschung bemüht, wandte sie sich dann wieder Lord Melburne zu. Als er ihre Hand nahm, merkte er, daß sie zitterte. In Anwesenheit des Butlers konnte er jedoch nichts sagen. So verabschiedete er sich nur und machte sich auf den Weg nach Melburne.
Wie immer überwältigte ihn der Anblick des Herrenhauses. Das große, graue Steinhaus mit seiner Säulenfront und den schön geschwungenen Flügeln war wirklich herrlich.
Wenn ich nur eine Frau fände, die so schön ist wie Melburne, dachte Seine Lordschaft. Dabei erschien vor seinem inneren Auge ein herzförmiges, von rotgoldenen Locken umrahmtes Gesicht.
Warum, zum Teufel, mag sie mich nicht? fragte er sich.
Als er die große Halle mit den griechischen Statuen vor den apfelgrünen Wänden betrat, wurde Lord Melburne von seinen Hunden lautstark begrüßt, und sein Majordomus empfing ihn mit wenigen, wohlgesetzten Worten.
„Ich möchte in einer halben Stunde speisen; und schicke nach Major Foster.“
„Major Foster erwartet Sie bereits, Mylord. Als wir durch Hawkins von Ihrem Besuch erfuhren, benachrichtigten wir ihn sofort, und er nahm an, daß Sie ihn zu sprechen wünschten.“
„Das ist richtig“, antwortete Lord Melburne und begab sich zur Bibliothek, wo Major Foster auf ihn wartete.
Er war ein etwa fünfzigjähriger Mann, der seine steile militärische Karriere aufgrund einer Verletzung leider aufgeben mußte und der - abgesehen von der Militärzeit - schon seit seiner Kindheit auf Melburne tätig war.
„Ich freue mich, Eure Lordschaft zu sehen. Ihr letzter Besuch liegt schon zu lange zurück.“
„Ich habe dasselbe gedacht, als ich vorhin die Auffahrt entlangfuhr. Der Besitz sieht besser aus als je zuvor. Aber heute muß ich mit Ihnen über Nicholas Vernon sprechen.“
„Sie haben die Gerüchte gehört, Mylord?“
„Ich komme gerade von Sir Roderick, der mir sagte, er hätte seinen Sohn enterbt.“
„Das wundert mich nicht. Sie erinnern sich an die Höhlen auf Vernons Ländereien? Sie sind in die Chilton-Hügel gehauen und dienten ursprünglich den Römern. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie auf verschiedene Weise genutzt, doch heute sind sie in Vergessenheit geraten. - Soviel ich weiß, hat Mr. Vernon nun darin einen Teufelsklub gegründet.“
„Du lieber Gott! Ich dachte, die seien schon vor elf Jahren, noch vor dem Tod von Sir Francis Dashwood, der den Teufelsklub in West Wycombe leitete, verboten worden.“
„Das stimmt, und darum hat Nicholas Vernon seinen eigenen Club geheim gehalten. Ich hörte davon bereits vor einem Jahr, hielt es aber nur für dummes Geschwätz. Die Landleute erzählten, daß ehemalige Soldaten in den Höhlen beschäftigt würden. Man berichtete von Frauen, die in Planwagen dorthin gebracht würden, von Kutschen mit aufgemalten Wappen, die nachts durchs Dorf führen und dann in die halbverfallene Straße einbögen, die zu den Höhlen führt. Man sprach über maskierte Männer und Orgien, aber ich konnte an all das nicht glauben - Dann gab es aber hier im Ort einen Skandal. Es gibt da ein Mädchen, die „dumme Sarah“ genannt, die von der alten Mrs. Huggins aufgezogen wurde. Sie ist offensichtlich nicht sehr intelligent, kann aber auch nicht als verrückt bezeichnet werden.“
„Und ist sie hübsch?“
„Sehr hübsch sogar. Darum kann ich auch verstehen, daß Mr. Nicholas Vernon sich für sie interessierte.“
„Was geschah dann?“
„Soviel ich weiß - und alles, was ich erzähle, weiß ich nur vom Hörensagen - wurde Sarah in die Höhlen gebracht. Als sie zurückkam, erzählte sie allerlei wilde Geschichten von als Mönchen verkleideten Männern, von Frauen in Nonnengewändern und seltsamen Zeremonien, die schlimmer zu sein schienen als die schlimmsten unter Sir Francis Dashwood gefeierten Orgien. Also stellte ich Untersuchungen an. Jemand, der Nicholas Vernon gut kennt, erzählte mir, daß er schon als Schuljunge von dem Gedanken an die Teufelsklub-Höhlen in West Wycombe besessen war. Und nachdem er Oxford verlassen hatte, ritt er häufig zu dem Mausoleum, das Sir Francis auf der Spitze des Hügels errichtet hatte. Er plagte die Leute, die in der Nähe von West Wycombe wohnten, mit Fragen über die Vorkommnisse in den Höhlen, und obwohl man versuchte, ihn fortzuschicken, blieb er sehr hartnäckig.“
„Und Sie glauben, er ist Sir Francis’ Beispiel gefolgt?“
„Ich fürchte, ja.“
„Und nun ist man im Dorf verärgert darüber, daß die dumme Sarah in diese Geschichte verwickelt wurde?“
„Es geht weniger darum, daß sie dort hineingezogen wurde, als vielmehr um ihr Baby.“
„Ihr Baby?“ fragte Lord Melburne scharf.
„Sie schwor, ihr Kind sei von Nicholas Vernon. Aber einen Monat nach seiner Geburt verschwand es, und Sarah, die auf ihre Art sehr an dem Kind gehangen hatte und wohl auch eine gute Mutter war, beschuldigte Nicholas Vernon, das Kind in seinen Höhlen geopfert zu haben.“
„Mein Gott!“ stieß Lord Melburne hervor.
„Der Aufruhr war so groß, daß einige der Dörfler, angeführt vom Pfarrer, zu Sir Roderick gingen. Offensichtlich war dieser nicht sehr erstaunt über die Vorgänge in den Höhlen. Was ihn jedoch erschreckte, war der Vorfall mit dem Kind. Er hat dann wohl an Nicholas geschrieben und ihm mitgeteilt, daß er ihn enterbt hätte und ihn nie wieder auf Priory zu sehen wünschte.“
„Also so war das! Verflucht, Foster, ich hätte nie gedacht, daß es so etwas heute noch gibt.“
„Meiner Ansicht nach war Nicholas Vernon immer schon schlecht. Ich hatte nie eine gute Meinung von ihm, dachte jedoch nicht, daß es soweit mit ihm kommen würde.“
„Und sind die Höhlen jetzt verschlossen?“
„Das weiß man nicht. Niemand wollte das Land Sir Rodericks betreten, um das herauszufinden. Ich weiß nur, daß Mr. Nicholas seit einem Monat nicht mehr hier war oder ich es jedenfalls nicht erfahren habe.“
Nach einer kurzen Pause meinte Major Foster dann: „Aber Sie haben Sir Roderick gesehen. Hat er Ihnen nichts erzählt?“
„Nicht so ausführlich. Aber ich werde ihn heute nachmittag nochmals aufsuchen.“
Da Lord Melburne seinen Verwalter nicht ins Vertrauen ziehen wollte, sprach er anschließend mit ihm über geschäftliche Dinge und machte sich nach dem Mittagessen erneut auf den Weg nach Priory.
Dort empfing ihn der Butler mit den Worten: „Miss Clarinda ist im Moment beschäftigt.“
Als er die Treppe zu Sir Rodericks Zimmer hinaufgehen wollte, hörte er eine laute Stimme aus dem Arbeitszimmer.
„Wer ist bei Miss Clarinda?“ fragte er den Butler.
„Einer der Bauern, Mylord, ein ungehobelter Mann mit rauhen Manieren.“
Lord Melburne durchquerte die Halle und betrat das Arbeitszimmer. Clarinda saß hinter einem Schreibtisch, der sie noch zierlicher und zerbrechlicher erscheinen ließ. Davor stand ein großer, stämmiger, dunkelhaariger Mann, der mit einem Akzent sprach, an dem Lord Melburne sofort erkannte, daß es sich nicht um einen Mann vom Lande handelte.
Er sagte gerade: „Entweder Sie geben mir das Geld, oder ich geh ’rauf und verlang’ es von Sir Roderick. Ich kenn’ meine Rechte, und wenn Sie mir das Geld nicht geben - umso schlimmer für Sie!“
„Kann ich vielleicht helfen?“ fragte Lord Melburne.
Der Mann fuhr herum. Sein Gesichtsausdruck war feindselig, doch beim Anblick Lord Melburnes nahm er sofort eine unterwürfige Haltung ein.
„Ich habe nur um etwas gebeten, was mir zusteht, Sir.“
„Sie wissen sehr gut, daß das nicht wahr ist“, gab Clarinda zurück.
„Ich werde mit Sir Roderick darüber sprechen.“
Daß dies kein Wunsch, sondern vielmehr eine Drohung war, konnte Lord Melburne unschwer erkennen.
So sagte er: „Da Sir Roderick sich nicht wohl fühlt, werde ich meinen Verwalter, Major Foster, morgen zu Ihnen schicken. Er wird die Angelegenheit überprüfen und Miss Clarinda beraten.“
„Ich brauche Ihren Verwalter nicht. Mr. Nicholas weiß, wieviel mir zusteht.“
„Dann würde ich doch vorschlagen, daß Sie zu Mr. Nicholas gehen und dort Ihr Geld verlangen. Es wäre vielleicht auch gar nicht gut, wenn die Polizei Sie hier fände.“
„Ich habe verstanden, Sir. Ich werde morgen nicht mehr hier sein.“
Damit verließ er unter lautem Türenschlagen den Raum.
Lord Melburne drehte sich zu Clarinda um und sah die Furcht in ihren Augen.
„Nicholas brachte ihn vor zwei Monaten. Ich wollte Onkel Roderick nicht damit belästigen und gab ihm, was er wollte.“
„Hat Nicholas noch andere Männer hier untergebracht?“
Sie zögerte.
„Da ist nur noch einer, abgesehen von dem Diener Walter, den Sie heute vormittag gesehen haben. Der andere kam vor zehn Tagen und verlangte Dene’s Farm, nahe bei den Höhlen.“
Bei diesen Worten errötete sie, und Lord Melburne erkannte, daß sie die Geschichte der Höhlen kannte.
„Was für ein Mann ist das?“
„Er ist sehr seltsam. Er sieht mehr wie ein Priester als wie ein Bauer aus. Mit ihm kamen zwei Männer, vielleicht Verwandte, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall schrieb mir Nicholas sehr eindringlich, daß sie den Hof zu bekommen hätten. Jemand mußte ihm erzählt haben, daß er leer stand.“
„Und Sie haben ihn ihnen gegeben?“
„Was sollte ich anderes tun? Ich konnte die neuen Pächter nicht mit Onkel Roderick zusammen auswählen und habe nicht die Macht, Nicholas etwas abzuschlagen. Soviel ich weiß, ist der Mann vor drei Tagen eingezogen.“
„Er gefällt Ihnen nicht?“
„Es ist etwas - Erschreckendes an ihm“, sagte sie schaudernd. „Ich kann es nicht erklären, aber er ängstigt mich.“
„Ich werde Foster sagen, er solle sich auch diesen Hof ansehen.“
„Ich möchte die Freundlichkeit Eurer Lordschaft nicht zu sehr beanspruchen, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun kann.“
„Darf ich Ihnen versichern, daß ich nicht von Ihrer Schwäche profitieren werde?“
Sie schien verletzt zu sein, meinte dann aber: „Ich fürchte, Sie haben recht. Es ist Schwäche. Ich wünschte, ich wäre ein Mann. Dann könnte ich kämpfen und würde mit Männern wie diesen leicht fertig.“
Lord Melburne lächelte.
„Wenn Sie etwas älter sind“, sagte er, „werden Sie sehen, daß es viel leichter ist, als schöne Frau etwas zu erreichen.“
Er sprach fast zärtlich, so sehr bezauberte ihn ihre Schönheit.
Überrascht sah sie ihn an, dann sagte sie mit eisiger Stimme: „Soweit es Sie betrifft, Mylord, wäre ich ganz sicher lieber ein Mann.“
3.
Lord Melburne erwachte mit einem Gefühl freudiger Erwartung, wie er es seit seiner Kindheit nicht mehr kannte.
Einen Augenblick lag er wach, dann fiel ihm ein, daß er noch auf Melburne war. Gleichzeitig wurde ihm klar, daß er sich seit langem nicht mehr so wohl gefühlt hatte.
Der Wind blies die Vorhänge vor dem offenen Fenster zur Seite, und für einen kurzen Augenblick schien die Sonne ins Zimmer. Das Licht erinnerte ihn an Clarindas Haar, und wie schon so oft fragte er sich, was sie gegen ihn haben könnte. Er wußte genau, daß er den Frauen gefiel, daß sie schneller atmeten, wenn er ihnen die Hand küßte - und doch, dieses Landmädchen, dieses unverdorbene kleine Ding, das anscheinend noch nichts von der Welt gesehen hatte, sah ihn mit unverhohlenem Haß an, und ihre Stimme konnte eisig sein, wenn sie mit ihm sprach. Was verbarg sich hinter dieser Feindseligkeit?
Lord Melburne mußte zugeben, daß er irritiert war. Er hatte angenommen, sich in Melburne sehr bald nach seinen Londoner Freunden, nach Gesellschaften und Spielhöllen zurückzusehnen. Aber er wußte nun, daß er Melburne nicht ohne Antwort auf verschiedene Dinge, die ihn beschäftigten, verlassen würde.
Nicht nur Clarinda erstaunte ihn. Am Vortag, nachdem er einige Zeit bei Sir Roderick verbracht hatte, war er mit Major Foster zu den Höhlen geritten.
Früher war es unmöglich gewesen, auch nur zu Pferde dorthin zu gelangen. Jetzt war aus der schmalen Spur eine Straße geworden, breit genug für Kutschen, und man hatte eine große Kiesauffahrt angelegt. Auch der Eingang war verändert worden.
Lord Melburne blickte Major Foster an.
„Das kostet Geld“, sagte er.
„Es entspricht genau der Dashwood-Art“, murmelte Major Foster.
Sie starrten auf das Eisentor, das sorgfältig verriegelt war. Auf beiden Seiten waren Kerzenhalter angebracht, es gab Eiben, einige in Kübeln, andere offensichtlich neu gepflanzt. Alles strahlte eine gewisse Vornehmheit aus, die sich stark von der verwilderten Landschaft unterschied, die Lord Melburne von seiner Kindheit her kannte.
Etwas weiter entfernt fanden sie dann auch einen Platz, auf dem die Wagen warten konnten.
Da es nichts weiter anzusehen gab, ritten sie zu der kleinen Farm, die nur zweihundert Yards entfernt inmitten grüner Felder lag.
Als sie das Gehöft erreichten, kam ihnen ein seltsam aussehender Mann in einer alten, abgetragenen Soutane entgegen. Er war dick und sah aus wie jemand, der gewohnt ist, gut zu leben. Er war barhäuptig, und sein weniges Haar begann grau zu werden.
Seine kleinen, dunklen Augen, sein ganzes Gesicht, wirkten absolut unfreundlich.
„Was wünschen Sie?“ fragte er.
Seine Stimme klang kultiviert.
„Ich bin Lord Melburne, Ihr Nachbar, und dies ist Major Foster, mein Verwalter. Wir kommen aus reiner Höflichkeit“, antwortete Lord Melburne.
„Das ist nicht nötig. Ich habe keine Zeit mit Besuchern zu verschwenden. Guten Tag!“
Damit drehte er sich um und betrat das Haus.
Als sich die Tür hinter ihm schloß, blickte Lord Melburne Major Foster an und meinte sarkastisch: „Bezaubernde Manieren! Was, zum Teufel, tut er hier?“
„Ich nehme an“, antwortete der Major, „daß nur Mr. Vernon uns diese Frage beantworten kann.“
Sie ritten zur Hauptstraße zurück.
„Ich frage mich, was ich tun soll“, sagte der Lord. „Sie werden vielleicht sagen, es ginge mich nichts an. Aber nachdem Sir Roderick so krank ist, seinen Sohn enterbt hat und sich das Mädchen ganz allein auf Priory aufhält, fühle ich mich in gewisser Weise verantwortlich.“
„Meiner Ansicht nach ist Ihre Verantwortung sogar sehr groß, Mylord. Sie sind hier auf dem Land sehr wichtig.“
„Ich verstehe, was Sie meinen, Foster. Aber ich kann niemanden beschuldigen, solange ich keine Beweise habe. Sie wissen, wieviel die Aussage eines Mädchens wie Sarah vor Gericht wert ist. Also, Foster, finden Sie mehr heraus! Vor allem, wann das nächste Treffen in den Höhlen stattfindet. Am besten könnte uns das wohl der verkommene Kirchenmann sagen, den wir soeben auf Dene’s Farm verlassen haben. Wir brauchen Tatsachen, Foster, Tatsachen und Beweise. Dann verspreche ich, vor Gericht zu gehen. Und wenn nötig, rufe ich auch Militär zu Hilfe. Aber ich muß vollkommen sicher sein, bevor ich Vernon beschuldige. Andernfalls mache ich mich nur lächerlich.“
Den restlichen Tag verbrachte Lord Melburne mit dem Kauf neuer Pferde.
Als er sich am nächsten Tag mit Hilfe seines Dieners ankleidete, fiel ihm ein, daß Major Foster vielleicht schon Neuigkeiten für ihn haben könnte. Seit langem hatte ihn nichts mehr so sehr interessiert wie diese Angelegenheit.
Nachdem er gefrühstückt hatte, begab er sich hinaus. Sein Pferd wartete schon auf ihn. Es war ein herrlicher, schwarzer Hengst mit weißen Fesseln, den Lord Melburne vor sechs Monaten gekauft, nach Melburne gebracht und dann vergessen hatte. Nun betrachtete er ihn anerkennend, und es wurde ihm klar, daß er gewisse Schwierigkeiten haben würde, das Tier zu reiten. Das Pferd bäumte sich auf, und zwei Knechte mußten es halten, bis Lord Melburne im Sattel saß.
Er ritt durch den Park in Richtung Dingle’s Ride, ein traditioneller Platz zum Testen neuer Pferde.
Dingle’s Ride lag zwischen Melburne und Priory. Es bestand aus einem großen Wald und riesigen Feldern und Wiesen. Quer hindurch verlief eine Grasstrecke, an der seit Urzeiten beide Familien sehr interessiert waren. Sie hatten um den Besitzanspruch gekämpft, denn in den alten Urkunden wurde dieses Gebiet teilweise Melburne, teilweise Priory zugesprochen. Doch gestern hatte Sir Roderick ihm Dingle’s Ride zum Geschenk gemacht, und nun gehörte es endgültig zu Melburne.
Saracen, sein Pferd, bockte und machte Anstalten, in Galopp zu verfallen.
Es wäre interessant zu sehen, wie schnell er sein kann, dachte Lord Melburne, als er so durch den Wald ritt.
Als er dann zu der Rasenstrecke kam, bemerkte er, daß er nicht allein war. Jemand in einem grünen Gewand kam von der anderen Seite. Es war klar, daß Clarinda ihn gleichzeitig entdeckt hatte, und es schien ihm, als ob sie instinktiv kehrtmachte, um ihm aus dem Weg zu gehen. Sie galoppierte den Weg so schnell entlang, daß sie schon einen großen Vorsprung hatte, als sich Lord Melburne anschickte, sie zu verfolgen.
Es war erregend, den kühlen Morgenwind im Gesicht zu spüren, das Geräusch der Hufe zu hören. Dazu kam die Spannung einer Jagd, in der er unbedingt siegen wollte.
Clarindas Pferd war gut in Form - Sir Roderick hätte nie ein schlechtes Pferd in seinem Stall geduldet -, aber ihm fehlte Saracens Stärke des Araberblutes. Dennoch - ihr Vorsprung war groß, und sie ritt wirklich ausgezeichnet. Ihr Haar glich dabei einer Fahne, die ihn zur Verfolgung aufforderte.
Entschlossen trieb er sein Pferd vorwärts. Er holte Clarinda erst ein, nachdem sie dreiviertel des Weges zurückgelegt hatten. Kurze Zeit galoppierten sie Seite an Seite. Als er dabei zu ihr hinübersah, bemerkte er in Clarindas Augen die Entschlossenheit, ihn zu schlagen. Als sie einsah, daß das nicht möglich war, ließ sie ihr Pferd langsamer werden.
Lord Melburne tat es ihr gleich, und am Ende von Dingle’s Ride kamen sie zum Stehen. Beide atmeten schnell, und Clarindas Wangen waren gerötet.
Theatralisch zog Lord Melburne seinen Hut.
„Ich grüße die Amazone“, rief er aus.
Noch überwältigt von dem aufregenden Ritt lächelte sie ihn an, und in ihren Augen brach sich das Sonnenlicht.
Dann jedoch sagte sie: „Sie wissen, daß Sie zu Unrecht hier sind, Mylord.“
„Im Gegenteil“, erwiderte er, „Sie sind der Eindringling.“
„Das Land gehört zu Priory seit König Heinrich VIII.“, gab sie zurück.
„Das behaupten Sie; ich kann jedoch nicht zustimmen. Tatsache ist, daß es mir ab morgen unwiderruflich gehört.“
Schnell sah sie ihn an.
„Onkel Roderick hat es Ihnen geschenkt? Sicher eine großzügige Bezahlung des kleinen Gefallens, den Sie ihm erweisen können.“
„Sie wollen mich provozieren“, meinte Lord Melburne amüsiert. „Hören Sie auf, die Wildkatze zu spielen, und lassen Sie mich Ihnen ein Kompliment für Ihre Reitkünste machen. Ich habe selten eine Frau gesehen, die so im Sattel sitzt.“
Für einen kurzen Augenblick freuten sie diese Worte.
Dann aber sagte sie kalt: „Ich brauche Ihre Ermunterung nicht, Mylord. Soviel ich weiß, besuchen Sie heute nachmittag meinen Onkel. Er freut sich schon auf Ihren Besuch.“
Fast noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, ritt sie über die Wiese davon und verschwand zwischen den Bäumen in Richtung auf Priory.
Lord Melburne sah ihr lächelnd nach, und wieder überlegte er, warum sie ihn wohl haßte.
Bei dem ruhigen Leben, das sie hier auf Priory führte, war es kaum möglich, daß sie mit den Damen der Gesellschaft in Kontakt kam, deren Gunst er genossen hatte. Abgesehen davon konnte er sich kaum vorstellen, daß sich eine dieser Damen von hoher gesellschaftlicher Stellung einem Landmädchen anvertrauen würde.
Von Sir Roderick wußte er, daß Clarinda gerade neunzehn Jahre alt war. Sie lebte seit vier Jahren auf Priory und hatte in dieser Zeit so gut wie gar nicht am gesellschaftlichen Leben teilgenommen - nicht einmal hier auf dem Lande, geschweige denn in London.
Aber Lord Melburne hatte noch mehr erfahren. Wie viele alte Leute, war Sir Roderick vom Geld besessen. Außer für seine Ländereien gab er es für nichts aus. Das erklärte den schlechten Zustand des Hauses sowie die Tatsache, daß Clarinda dringend neue Kleider benötigte, und machte außerdem Clarinda zu einer überaus reichen Erbin.
Lord Melburne erkannte, daß es Sir Roderick in erster Linie um seinen Besitz ging, den er versorgt wissen wollte, und erst danach um Clarinda.
Ich frage mich, was aus dem Mädchen werden wird. Aber nach Sir Rodericks Tod geht mich das nichts mehr an, dachte er und zuckte mit den Schultern.
Dann fiel ihm Nicholas ein, für den es zweifellos am einfachsten wäre, Clarinda zu heiraten, da keinerlei Blutsverwandtschaft bestand. Aber nach allem, was er von Nicholas gehört hatte, wollte er ihn sich nicht als Ehemann Clarindas vorstellen, die sogar noch hübscher war als Lady Romayne.
Major Foster wartete bereits mit einigen Neuigkeiten.
„Ich war gestern abend beim Vikar. Er erzählte mir, daß die dumme Sarah so verzweifelt über den Verlust ihres Kindes sei, daß man sie wahrscheinlich in eine Anstalt einweisen muß.“
„Das arme Ding!“ rief Lord Melburne aus. „Aber trotzdem fällt es mir schwer zu glauben, daß Nicholas, der schließlich als Gentleman geboren ist, so tief sinken konnte.“
„Mir geht es ebenso“, stimmte Major Foster zu. „Ich habe außerdem Erkundigungen über den seltsamen Mann auf Dene’s Farm eingeholt. Der Vikar glaubt, daß er Thornton heißt und wirklich Pfarrer ist.“
„Wie kommt er darauf?“
„Vor ungefähr drei Jahren gab es einen Skandal in einer Pfarrei nahe Beaconsfield. Aufgrund der Proteste der Dorfbewohner verschwand der Pfarrer. Der Vikar sagt, der Pächter auf Dene’s Farm sähe ihm sehr ähnlich. Ich werde aber weiter forschen.“
„Das hoffe ich“, antwortete Lord Melburne.
Dann sprachen sie von anderen Dingen.
Nachdem er gegessen und sich umgekleidet hatte, begab sich Lord Melburne wieder nach Priory. Er fuhr langsam und genoß das gute Wetter und die herrliche Landschaft.
Plötzlich vernahm er das Geräusch von Hufen hinter sich. Als er sich erstaunt umwandte, sah er eine elegante Kutsche mit einem livrierten Kutscher, die direkt auf ihn zuhielt.
Er dachte die Livree zu kennen, sagte sich dann aber, er müsse sich irren. Doch als die Kutsche mit ihm auf einer Höhe war, erschien ein bekanntes Gesicht im Fenster.
„Guten Tag, Buck!“ rief Lady Romayne, während sie darauf wartete, daß der Lakai ihr die Tür öffnete.
Erstaunt zügelte Lord Melburne seine Pferde und sprang vom Wagen, gerade rechtzeitig, um Lady Romayne beim Aussteigen behilflich sein zu können.
„Meine liebe Romayne, was, in Gottes Namen, tust du hier?“
„Ich ahnte, daß du überrascht sein würdest, mich zu sehen. Aber ich mußte einfach kommen, nachdem ich von Nicholas Vernon erfahren hatte, daß du dich mit einer Unbekannten namens Clarinda verlobt hast.“
Lord Melburne sagte nichts. Ihm fiel der horchende Diener ein. Er hatte gleich geahnt, daß Nicholas Schwierigkeiten machen würde. Aber was sollte er nun Lady Romayne erzählen?
„Ich denke, Buck, du hättest mir davon erzählen sollen“, sagte sie vorwurfsvoll mit ihrer sanften Stimme.
Er kannte sie gut genug, um zu wissen, daß sie trotz der Freundlichkeit ihrer Worte vor Wut kochte.
„Hör zu, Romayne. Sir Roderick liegt im Sterben. Fahre bitte zurück nach Melburne und warte dort auf mich. Ich werde bald folgen und dir alles erklären.“
Aber er wußte bereits, daß es ihm schwerfallen würde, eine Erklärung zu finden, vor allem eine glaubhafte.
Als er von Clarinda überredet worden war, die ihm zugedachte Rolle zu übernehmen, war es ihm gleich klar gewesen, daß auch Außenstehende von der Verlobung erfahren würden. Wenn sie wenigstens alles besser vorbereitet hätte! Es hätte keine lauschenden Diener geben dürfen, denn Nicholas Vernons Reaktion war vorauszusehen gewesen.
„Warte auf Melburne auf mich“, sagte er nochmals zu Lady Romayne, wußte aber im gleichen Augenblick, daß sie diesem Befehl nicht nachkommen würde.
„Ich muß diese junge Frau einfach sehen. Schließlich wird sie nach eurer Hochzeit meine Cousine sein. Außerdem will ich wissen, wie sie es geschafft hat, dein Interesse so schnell zu fesseln.“
Lady Romayne war nicht dumm. Sie würde nicht glauben, daß es sich hier um Liebe auf den ersten Blick handelte. Darüber war sich Lord Melburne klar. Außerdem wußte er nicht, was Nicholas Vernon erzählt hatte.
Also sagte er unfreundlich: „Gut, wenn es dein Wunsch ist, dann komm mit. Obwohl es keinen Grund für dich gibt, dich in meine Angelegenheiten zu mischen.“
„Habe ich mich jemals eingemischt?“ fragte sie sanft. „Alles, was ich mir wünsche, mein geliebter Cousin, ist dein Glück.“
Es blieb unausgesprochen, daß sein Glück ihrer Ansicht nach in einer Zukunft mit ihr lag. Dennoch war die Absicht klar genug.
Obwohl sie in ihrem hübschen, modernen Kleid, das ihre Figur vorteilhaft betonte, und dem Hut mit den wippenden Federn reizend aussah, waren Lord Melburnes Augen hart, als er sie in den Salon führte.
Der Raum war leer, und sie betraten durch die Flügeltüren die Terrasse, wo sie von dem betäubenden Duft der Rosen empfangen wurden. Mit einem Gefühl äußersten Erstaunens sah Lord Melburne auf Clarinda, die sich im Rosengarten befand.
Sie war nicht allein. Julien Wilsdon stand bei ihr, hatte die Arme um sie gelegt und preßte sie an sich, den Kopf zu ihr hinabgebeugt.
Einen Augenblick blieb Lord Melburne unbeweglich stehen. Dann lachte Lady Romayne belustigt auf.
„Armer Buck“, sagte sie, „es scheint, daß du schon bald nach deiner Verlobung auf deine Braut aufpassen mußt.“
Beim Klang ihrer Stimme fuhren Julien und Clarinda schuldbewußt auseinander. Während Julien Lord Melburne anstarrte, drehte Clarinda sich um und lief über den Rasen davon, wo sie hinter einem Busch Lilien verschwand.
Nach kurzem Zögern folgte ihr Lord Melburne. Er fand sie vor einer mit Rosen bewachsenen Laube, schwer atmend vom schnellen Laufen.
Er packte sie an den Schultern, schüttelte sie und sagte wütend: „Wie können Sie es wagen! Wie können Sie es wagen, aus mir einen solchen Narren zu machen! Sie bitten mich, bei einer Komödie mitzuwirken, um ihrem Onkel zu helfen, und dann, nicht genug damit, daß Sie immer grob zu mir sind, beleidigen Sie mich, indem Sie Ihren Liebhaber nicht nur vor mir, sondern sogar vor meinen Freunden umarmen.“
Wiederum schüttelte er sie, bemerkte aber dabei trotz seiner Wut, wie unglaublich hübsch sie war mit ihren Augen, die erstaunt zu ihm aufsahen, ihren halbgeöffneten Lippen und den zart geröteten Wangen.
Brutal riß er sie an sich.
„Wenn es Küsse sind, die Sie wünschen, dann nehmen Sie sie von dem Mann, der das Recht hat, Sie ihnen zu geben“, sagte er rauh.
Bevor sie schreien konnte und noch immer wütend, preßte er seine Lippen brutal auf die ihren und küßte sie roh, fast grausam. Dann wurde er sich plötzlich der Weichheit und Süße ihrer Lippen bewußt, und sein Kuß wurde sanfter, gleichzeitig aber auch besitzergreifender.
Sein Ärger verging, und er spürte den nicht zu unterdrückenden Wunsch, sie möge seinen Kuß erwidern, wie alle Frauen, die er in der Vergangenheit geküßt hatte. Aber fast ungläubig stellte er fest, daß Clarinda, nach einem heftigen Versuch, sich zu befreien, nun völlig unbeweglich und passiv in seinen Armen lag.
So ruhig war sie, daß er erstaunt den Kopf hob.
Sofort hatte sie sich mit einer schnellen Drehung befreit, sah ihn mit ihren vor Wut schwarzen Augen an und sagte dann langsam und mit kalter Stimme: „Es tut mir leid, Mylord, daß Ihre unzüchtigen Annäherungsversuche hier auf dem Lande nicht gern gesehen sind, so erfolgreich sie in London sein mögen. Wenn es für Sie tatsächlich so dringend ist, eine Frau zu finden, dann gibt es aber sicherlich ein schwachsinniges Dorfmädchen, das Sie nicht abweist.“
Sie sprach ohne Zögern, und es war klar, daß sie ihre Rede schon lange vorbereitet hatte. Dann schoß ihr das Blut in die Wangen, ihre Augen sprühten Feuer und sie stampfte mit dem Fuß auf.
„Wenn ich nur ein Mann wäre“, rief sie und spie ihm die Worte förmlich entgegen, „dann würde ich Sie jetzt töten!“
Bevor er antworten konnte, lief sie davon.
Lord Melburne sah ihr nach. Sein Ärger war verflogen. Er konnte nur noch an ihre sanften Lippen denken, als sie in seinen Armen gelegen hatte. Nie zuvor hatte sich eine Frau haßerfüllt abgewandt, wenn er sie geküßt hatte.
Er hatte Clarinda nicht verletzen wollen, nicht einmal in seinen wildesten Gedanken hatte er daran gedacht, ihr seine Küsse aufzuzwingen. Aber sie hatte ihn so verflucht wütend gemacht, noch dazu vor Lady Romayne.
Aber wenn er ehrlich mit sich selbst war, wußte er auch, daß es nicht nur die Wut war, die ihn Clarinda küssen ließ. Ihre halbgeöffneten Lippen, die Schönheit ihres Gesichts, die von Sonne beschienenen Locken, hatten etwas ungemein Anziehendes gehabt.
Zweifellos hatte er sich durch sein Verhalten ins Unrecht gesetzt. Sie würde ihn jetzt mehr hassen als je zuvor. Und Gott weiß, er hatte es verdient. Nun hatte sie wirklich Grund, ihn zu verabscheuen.
Die ganze Situation war äußerst kompliziert. Außerdem wartete Lady Romayne auf ihn, und niemand wußte, ob sie die Situation nicht noch schlimmer machen würde.
Als er das Haus betrat, wartete Julien auf ihn.
„Ich muß mich entschuldigen, Mylord“, bemerkte er leise. „Aber ich möchte nicht, daß Sie schlecht über Miss Vernon denken. Ich habe sie nicht geküßt, wie ihr Gast spöttisch bemerkte, sondern mich von ihr verabschiedet, da mein Vater mich gegen meinen Willen zur Armee schickt. Es war unmännlich von mir, aber ich war den Tränen nahe, und nur deshalb lehnte ich mich an Clarinda, wie ein Bruder an seine Schwester. - Das ist alles. Ich sage Ihnen die Wahrheit, weil ich Clarinda liebe und nicht möchte, daß Sie denken, sie sei nicht - vollkommen.“
Lord Melburne, der erkannte, daß dem jungen Mann dieses Geständnis sehr schwergefallen war, wünschte ihm freundlich alles Gute und tröstete ihn mit der Bemerkung, daß ihm persönlich die Armee sehr gut gefallen habe und daß auch Julien sich später noch oft und gerne daran erinnern würde.
Nachdem Wilsdon den Raum verlassen hatte, begab sich auch Lord Melburne in die Halle, wo er von Bates, dem Butler, erfuhr, daß Lady Romayne bereits nach Melburne gefahren sei, wo sie auf Seine Lordschaft warte.
„Dann will ich ihr sofort folgen. Sagen Sie bitte Sir Roderick, ich hätte einen unerwarteten Gast, würde aber später, etwa eine Stunde vor dem Abendessen, noch einmal kommen.“
Er zögerte kurz, bevor er hinzufügte: „Und richten Sie bitte Miss Vernon aus, ich wäre ihr sehr verbunden, wenn sie heute abend mit mir speisen würde. Wenn ich von Sir Roderick komme, wird es zu spät sein, um noch rechtzeitig zum Abendessen nach Melburne zu fahren.“
„Ich werde Miss Clarinda verständigen, Mylord“, antwortete der Butler.
Mit blitzenden Augen begab sich Lord Melburne zu seinem Wagen. Er wußte, Clarinda würde rasend sein vor Wut, wenn sie erfuhr, daß sie gezwungen war, ihn zu unterhalten. Außerdem war die Tatsache, daß er auswärts dinieren würde, ein Vorwand, um Lady Romayne nach London zurückschicken zu können.
Und dann konnte er nicht leugnen, daß er Clarinda gerne noch einmal sehen wollte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.