Kitabı oku: «Atemlos aus Lauter Liebe»
Atemlos aus Lauter Liebe
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2018
Copyright Cartland Promotions 1976
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1 ~ 1817
Prunellas erster Gedanke beim Aufwachen galt ihrer Schwester Nanette. Normalerweise sprach sie um diese Zeit ein Gebet. An diesem Morgen schien aber das Problem, das sie beim Einschlafen bewegt hatte, bereits auf sie zu warten.
Was soll ich nur tun? fragte sie sich.
Im Grunde hatte sie doch alles Menschenmögliche getan.
Sie hatte es für eine gute Idee gehalten, daß die hübsche und gescheite Nanette mit siebzehn bei Hofe vorgestellt wurde.
Viele Mädchen aus der Gesellschaft erlebten in diesem Alter ihr Debüt.
Da die Trauerzeit um ihren Vater im März endete, kam ein Brief von Lady Camworth, Nanettes Patin, wie gerufen. Darin schlug sie vor, ihre Patentochter Ende April der Königin im Buckingham Palast vorzustellen.
Es blieb also noch genügend Zeit, um Nanette mit der eleganten Garderobe zu versorgen, die für eine Londoner Saison unerläßlich war, und die Schwester in die gesellschaftlichen Regeln einzuführen.
Prunella hatte Lady Camworths freundliche Einladung akzeptiert und Nanette in Begleitung ihrer Zofe und eines erfahrenen Couriers nach London geschickt.
»Ich weiß wirklich nicht, weshalb du mich nicht selbst begleitest«, wandte Nanette ein.
Dieser Gedanke war Prunella bisher nicht gekommen. Ihr war klar, daß Lady Camworth sicherlich keinen Wert darauf legen würde, gleich zwei Mädchen unter ihre Fittiche zu nehmen. Prunella selbst hatte ihre Chance schon vor einigen Jahren versäumt.
»Ich bin viel zu alt«, erwiderte sie mit einem Lachen, das den Ernst ihrer Worte überspielen sollte.
»Unsinn! Du bist doch nicht zu alt«, protestierte Nanette.
Sie war nicht noch einmal auf dieses Thema zurückgekommen. Nanette dachte nicht gern daran, wie trübsinnig und langweilig das Leben ihrer älteren Schwester während der vergangenen drei Jahre verlaufen sein mußte.
Prunella sorgte sich aber weniger um sich, als um Nanette.
Das Mädchen kam in der zweiten Juniwoche nach Hause, nachdem der Prinzregent Carlton House verlassen hatte, um nach Brighton House zu fahren. Die Saison näherte sich bereits dem Ende.
»Du mußt mir alles erzählen, Liebes«, bat Prunella an ihrem ersten gemeinsamen Abend.
So lebhaft und heiter Nanette auch plauderte, Prunella kannte sie gut genug, um zu wissen, daß sie ihr etwas verheimlichte. Worum es sich dabei handelte, erfuhr Prunella, noch ehe Nanette mit der Sprache herausrückte.
Lady Camworth schrieb nämlich in einem Brief:
»Ich muß wohl nicht betonen, daß Nanette ein großer Erfolg war. Jeder war entzückt von ihrem Aussehen, von ihrer eleganten Garderobe deren Auswahl ich mir hoch anrechne, ihrer liebenswürdigen Art und den exzellenten Manieren.
Natürlich hat die Tatsache, daß sie eine Erbin ist, ihr den Weg geebnet und ihr Einladungen verschafft, die sie sonst vielleicht nicht erhalten hätte. Aber eine junge, vermögende Frau ist auch gewissen Schwierigkeiten ausgesetzt. Eine davon heißt im Vertrauen gesagt Pascoe Lowes.
Er ist der Sohn Lord Lowestofts und wurde seit seiner Kindheit von einer überaus nachgiebigen Mutter verwöhnt Dazu kommt, daß er für den Seelenfrieden eines jungen Mädchens bei weitem zu gut aussieht. Als er anfing, sich an Nanettes Fersen zu heften, bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich habe mich nach Kräften bemüht, Nanette begreiflich zu machen, daß Lowes allgemein als Mitgiftjäger verschrien ist und nicht als ernstzunehmender Bewerber angesehen werden kann. Natürlich hoffe ich, daß er sie vergißt, wenn sie erst wieder aufs Land zurückgekehrt ist. Ich halte es aber für meine Pflicht, dich zu warnen, da er sie mit Aufmerksamkeiten förmlich überschüttet hat. Ich fürchte nun, daß sie deswegen zwei durchaus passenden Herren die kalte Schulter gezeigt hat. Beide hätten ihr, dessen bin ich sicher, mit ein bißchen Entgegenkommen ihrerseits einen Antrag gemacht.
Du mußt mir verzeihen, liebste Prunella, daß ich diese Situation nicht schon zu Beginn verhindert habe. Aber ich wußte wirklich nicht, wie ich die beiden, nachdem sie sich kennengelernt hatten, voneinander hätte fernhalten sollen. Ich hoffe nun sehr, du bringst das Mädchen zur Vernunft. Sie darf ihre Zeit nicht an einen Pascoe Lowes verschwenden.«
Prunella las den Brief mehrmals durch, sagte aber vorerst noch nichts. Klugerweise wartete sie, bis Nanette sich ihr anvertraute. Das geschah ziemlich bald. Denn Nanette blieb gar nichts anderes übrig, als ein Mietwagen aus London eintraf, der ein riesiges Blumengebinde und einen Brief für sie brachte.
Nanette war außer sich vor Entzücken über diese extravagante Geste.
»Kannst du dir vorstellen, daß einem ein Mann von so weit her Blumen schickt?« rief sie begeistert.
»Dein Verehrer muß sehr reich sein«, bemerkte Prunella.
Daraufhin erzählte Nanette die ganze Geschichte.
»Die Patin meinte, Pascoe sei ein Glücksjäger«, erzählte Nanette, »aber das stimmt nicht. Er hat ganz offen zugegeben, kein Geld zu haben. Ich bin ganz sicher, daß er mich auch lieben würde, wenn ich keinen Penny besäße.«
»Liebling, du bist sehr reich«, wandte Prunella ein. »Ich halte es für einen Fehler, in deiner Lage einen Mann ohne Vermögen zu heiraten.«
»Er kann mein Geld ausgeben«, erwiderte Nanette sorglos.
»Wenn er ein Ehrenmann ist, dürfte ihm das kaum behagen.«
Prunella redete mit Engelszungen auf ihre jüngere Schwester ein, bis sie merkte, daß Nanette ihr gar nicht zuhörte, sondern mit leuchtenden Augen den großen Blumenstrauß bewunderte. Dabei faßte sie mit der Hand nach dem Brief in der Schärpe ihres Kleides.
Eine Woche später schon quartierte sich der Ehrenwerte Pascoe Lowes in einem kaum fünf Meilen entfernten Haus ein. Prunella wunderte sich, daß er Leute in der Gegend kannte. Doch dann fiel ihr ein, daß Lowes Mutter ja die ältere Tochter des verstorbenen Earl of Winslow war.
Sie hatte seinem Namen nicht viel Bedeutung zugemessen. Jetzt erinnerte sie sich, daß Lady Anne einen Lord Lowestoft geheiratet hatte, dessen Familienname Lowes lautete.
Im Geiste hörte sie wieder den Earl, der ein guter Freund ihres Vaters gewesen war, sagen, wie unerträglich langweilig er seinen Schwiegersohn fand. Als Folge davon waren Lord und Lady Lowestoft selten zu Besuch in Winslow Hall gewesen.
Während ihrer Kinderzeit mußte das aber häufiger der Fall gewesen sein. Später hörte sie, daß Lord Lowestoft durch eine schwere Krankheit ans Bett gefesselt war. Der Earl pflegte kaum noch Leute einzuladen, nur ihr Vater schien sein einziger Gast zu sein.
Seit Prunella wußte, daß sich Nanette für seinen Enkelsohn interessierte, tat es ihr leid, daß er nicht mehr lebte. Der alte Earl, ein aufbrausender und furchterregender Mann, hätte solch unpassendes Benehmen bestimmt nicht befürwortet. Nichts konnte schlimmer sein, als den Ruf eines Glücksjägers zu tragen.
Es dauerte nicht lange, bis Pascoe Lowes den Schwestern einen Besuch abstattete. Prunella erkannte auf den ersten Blick, daß es schwierig sein würde, Nanette davon zu überzeugen, daß sie es lediglich mit einem zwar gutaussehenden aber etwas übertrieben eleganten, jungen Mann zu tun hatte.
Prunella war noch nie in London gewesen. Sie wußte daher nicht, wie die Beaus und Dandys dort tatsächlich aussahen. Der junge Mann, der auf sie zukam, gehörte offenkundig zu beiden Kategorien. Seine phantastische Erscheinung beeindruckte sie so sehr, daß sie sich wie ein nach Luft schnappender Goldfisch vorkam.
»Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Broughton«, schmeichelte er Prunella. »Ihre Schwester hat mir ihre tugendvolle Schönheit in so leuchtenden Farben beschrieben, daß es mir schwerfiel, an die Existenz eines solchen Musterbildes zu glauben. Wie ich nun sehe, hat sie keineswegs übertrieben.«
Er zieht wirklich alle Register seines Charmes, dachte Prunella.
Gleichzeitig wirkte Pascoe sehr bezaubernd und sprach mit solcher Ernsthaftigkeit, daß sie sein Kompliment, ohne es zu wollen, mit einem Lächeln quittierte.
Ganz offensichtlich aber hörte er ihr während seines Besuches gar nicht zu. Er beobachtete stattdessen Nanette. Seine Blicke, die auf ihr ruhten, waren so feurig und bedeutungsvoll, daß sie wohl jedem Mädchen den Kopf verdreht hätten, ganz besonders einem so unerfahrenen wie Nanette.
Nach Beendigung des Besuches, den Pascoe Lowes klugerweise nur kurz gestaltete, war Prunella mehr als beunruhigt.
Der junge Mann entsprach in keiner Beziehung den Vorstellungen, die sie sich von ihrem zukünftigen Schwager gemacht hatte. Und sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß er Nanette sehr unglücklich machen würde.
Wie sollte ein Mädchen, das auf dem Lande aufgewachsen war, einen Ehemann ertragen, der Stunden damit zubrachte, seine Krawatte so schwierig und kunstvoll zu schlingen, daß ihn die anderen Dandys darum beneideten.
Die Spitzen seines Hemdkragens erreichten genau die vorgeschriebenen Stellen unter seinem Kinn. Die Haare waren zu einer Windstoßfrisur gebürstet, die der Prinzregent in Mode gebracht hatte.
Seine feinen Lederstiefel verdankten ihren Glanz, wenn man Nanette Glauben schenken konnte, dem Champagner.
Letzteres ärgerte Prunella besonders. Der junge Mann hatte kein Geld und war zudem offenbar im Begriff, einen Berg von Schulden anzuhäufen!
Er verließ das Haus, nachdem er Prunella mit weiteren extravaganten Komplimenten bedacht und Nanettes Hand länger als notwendig gehalten hatte. Der Eindruck, den er hinterließ, würde sich nicht so leicht auslöschen lassen.
Nanette blickte den ganzen Abend mit verklärten Augen in die Welt. Was immer Prunella auch gegen Pascoe sagen würde, es stieße nur auf taube Ohren.
Was soll ich nur tun? dachte sie, als sie am Abend zu Bett ging. Eine Frage, die sie sich während der ganzen Woche immer wieder stellte.
Die Tür zu Prunellas Schlafzimmer ging auf. Charity, schon seit Kindertagen ihre Dienerin, kam herein und ging zum Fenster. Charity war im Waisenhaus aufgewachsen und kam mittlerweile langsam in die Jahre. Trotz ihres Alters bewegte sie sich noch genauso geräuschlos wie zu der Zeit, als sie ihren Dienst im Haus angetreten hatte. Im Laufe der Jahre war sie vom Haus- zum Kindermädchen und schließlich, nach Nanettes Geburt, zur Kinderfrau avanciert.
Inzwischen war Charity Zofe und Haushälterin zugleich. Als Sir Frederick starb, ernannte sie sich außerdem selbst zur Anstandsdame für Prunella und Nanette.
Prunella hatte mit dem Gedanken gespielt, eine ältere Dame zu bitten, bei ihnen zu wohnen. Doch erstens kannte sie keine geeignete Person und zweitens wußte sie, daß sie Einschränkungen ihrer Freiheit nicht ertragen konnte.
Wir führen ein ruhiges Leben, hatte sie sich gesagt. Außerdem dürfte es kaum etwas geben, was in der Grafschaft nicht bereits über uns geredet wurde.
Ihre Augen nahmen einen harten Ausdruck an, die Lippen zuckten vor Bitterkeit. Sie bemühte sich, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, welche unweigerlich zu Nanette führte.
Als Charity die Vorhänge zurückzog, strömten die Sonnenstrahlen durchs Fenster. Dann drehte sie sich zum Bett herum. Prunella wußte, bevor sie den Mund öffnete, daß Charity etwas mitzuteilen hatte.
»Was ist los, Charity?« fragte Prunella, die instinktiv fühlte, daß es sich um nichts Gutes handeln konnte.
»Heute morgen ist wieder ein Brief für Miss Nanette eingetroffen. Anscheinend hat sie hellseherische Fähigkeiten und wußte, daß er kommen würde. Sie war schon unten an der Eingangstür, ehe Bates dort anlangte.«
»War sie bereits angezogen?« wollte Prunella wissen.
»Nein, sie trug ihren Morgenmantel. Ich sagte ihr, sie solle sich schämen, in solch einem Aufzug die Treppe hinunterzugehen. Eine Lady würde so etwas niemals tun.«
»Was hat sie geantwortet?«
»Ich hätte genauso gut gegen eine Wand reden können. Sie preßte den Brief gegen ihre Brust und lief an mir vorbei in ihr Schlafzimmer. Ich hörte nur noch, wie sie von innen den Schlüssel herumdrehte.«
Prunella seufzte tief.
»O Charity, was sollen wir nur mit ihr machen?«
»Ich habe keine Ahnung, was wir tun können, Miss Prunella. Nicht auszudenken, was Ihr Vater zu diesem Vorfall gesagt hätte. Miss Nanette im Nachtgewand auf dem Weg zur Eingangstür, ohne sich um die Anwesenheit männlicher Diener zu kümmern!«
Charity war zutiefst schockiert, ein Gefühl, das Prunella teilte.
Nicht, daß der alte Bates wirklich zählte. Er war schon fast so lange bei ihnen wie Charity. Und der einzige weitere Diener, den sie im Augenblick hatten, war Bates’ Enkelsohn. Er war ein bißchen einfältig und würde kaum bemerken, wie jemand angezogen war.
Es ging Prunella aber ums Prinzip. Sie hielt es für ihre Pflicht, Nanette zu schelten und ihr das Versprechen abzunehmen, daß so etwas nicht wieder geschehen würde.
Charity ging zur Tür und brachte ein Tablett, auf dem eine Kanne feinsten chinesischen Tees, ein Teller mit einer dünnen Scheibe Brot und Butter stand.
Nachdem sie es auf dem Tisch neben dem Bett abgestellt hatte, sagte sie geheimnisvoll: »Mrs. Goodwin hat heute morgen überraschende Neuigkeiten mitgebracht.«
Prunella schenkte sich Tee ein und erwartete, nur belanglosen Dienerklatsch zu hören.
Mrs. Goodwin war eine der Frauen vom Gut, die beim Putzen halfen. Sie verbrachte aber mehr Zeit mit Schwatzen als damit, die Korridore sauber zu halten.
»Sie erzählte, daß Mr. Gerald gestern abend zurückgekommen ist.«
Prunella stellte die Teekanne hin.
»Mr. Gerald?« wiederholte sie erstaunt.
»Ich sollte wohl eher sagen »Seine Lordschaft«, doch irgendwie will mir das nicht über die Lippen.«
Prunellas Augen wurden plötzlich ganz groß.
»Sie meinen doch nicht etwa . . .«
»Doch, Miss Prunella. Der neue Earl of Winslow ist wieder zu Hause, wenn man Mrs. Goodwin Glauben schenken kann. Nach vierzehn Jahren!«
»Das kann nicht wahr sein. Ich dachte schon, er würde niemals kommen.«
»Nun, er ist da«, stellte Charity lakonisch fest. »Wenn Sie mich fragen, wahrscheinlich nur um nachzuschauen, was er verkaufen kann.«
»O nein!«
Prunella flüsterte zwar, doch die Worte schienen tief aus ihrem Inneren zu kommen.
Während Charity vor den Kleiderschrank trat, sprach Prunella wie zu sich selbst.
»Der Earl ist ein Verwandter Pascoe Lowes und . . .«
Ihre Stimme erstarb. Aber Charity schien zu wissen, worauf sie hinauswollte.
»Falls Sie denken, er könnte Ihnen helfen, diesen jungen Dandy daran zu hindern, Miss Nanette nachzulaufen, dürften Sie sich irren. Er ist nämlich genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer als sein Neffe.«
Es war auch müßig, sich näher darüber auszulassen. Prunella hatte schon ihr ganzes Leben lang über das indiskrete und extravagante Benehmen Geralds, des einzigen Sohnes des Earls, reden hören.
Als Gerald noch daheim lebte, hatten die Leute auf dem Gut, im Dorf und in der Grafschaft über kaum etwas anderes gesprochen als über seine wilden Feste, seine verrückten Freunde und die schönen, verführerischen Frauen, die ihn umschwärmten.
Im Jahre 1803, während des Waffenstillstandes zwischen Frankreich und England, erreichten die Dinge ihren Höhepunkt.
Prunella war damals erst sieben und konnte die Situation noch nicht überblicken. Später wurde ihr die Geschichte so oft erzählt, daß sie sie auswendig kannte. Obwohl sie inzwischen einige Variationen davon gehört hatte, fiel es ihr genau wie beim ersten Mal schwer zu glauben, daß sie der Wahrheit entsprachen. Bei dem selbstherrlichen alten Earl mußte alles nach seinen Wünschen gehen. Sein Sohn war offenbar aus dem gleichen Holz geschnitzt.
Beide waren starrköpfig, selbstgerecht und anmaßend. Der Earl verlangte von seinem Sohn, einen Schlußstrich unter seine Affären zu ziehen und nicht mehr so viel Geld zu verschwenden. Er solle endlich heiraten. und eine Familie gründen.
Gerald aber antwortete, daß er nichts dergleichen zu tun gedenke.
»Sie waren wie zwei Kampfhähne«, erzählte einer der alten Gefolgsleute Prunella. »Keiner wollte nachgeben. Widerstand konnte Seine Lordschaft nicht ertragen; dann verlor er regelrecht die Beherrschung.«
Prunella hatte selbst so manchen Tobsuchtsanfall des alten Earl erlebt. Er gab dann kein besonders erfreuliches Bild ab. Jetzt erfuhr sie, daß Mr. Gerald ebenfalls ein solch ungezügeltes Temperament besaß.
Die beiden standen also einander in nichts nach. Am Ende drohte der Earl, begleitet von vielen Beleidigungen, seinen Sohn zu enterben.
Gerald teilte seinem Vater mit, was er mit seinem Geld anfangen könnte.
»Nichts als schöne Worte«, höhnte der Earl. »Ohne Geld wirst du bald im Schuldenturm landen und mich um Hilfe bitten.«
»Lieber würde ich sterben«, erwiderte Gerald. »Du kannst dein verdammtes Geld, deine unerbetenen Ratschläge und deine ständigen Besserwissereien für dich behalten. Und was mein Erbe und dieses Gut betrifft, das dir so viel bedeutet, kann es soweit es mich betrifft, getrost verrotten. Ich würde keinen Finger rühren, um das Haus vor dem Einstürzen zu bewahren.«
Er hätte nichts Schlimmeres sagen können, um seinen Vater mehr aufzubringen. Doch ehe dem Earl eine passende Antwort einfiel, war Gerald bereits gegangen.
Als nächstes wurde bekannt, daß Mr. Gerald England verlassen hatte, nicht ohne die hübsche, junge Frau eines Nachbarn mitzunehmen. Ihr um viele Jahre älterer Ehemann drohte, Gerald wie einen tollwütigen Hund niederzuschießen.
Von diesem Augenblick an herrschte Schweigen.
Einen Monat später flammte erneut der Krieg mit Frankreich auf. Man wußte nur, daß Gerald England verlassen hatte. Falls er sich nach Paris gewandt hatte, was wahrscheinlich war, war die Dame, die ihn begleitet hatte, jedenfalls nicht zurückgekehrt.
Nur wenigen Menschen war die Flucht aus den Gefängnissen geglückt, in die Napoleon alle britischen Besucher gesperrt hatte. Gerald befand sich aber nicht darunter.
Nach fünf Jahren sprach sich herum, daß die Dame, die er mitgenommen hatte, im Fernen Osten an Cholera gestorben war. Keiner wußte danach, ob Gerald ebenfalls ein Opfer dieser Krankheit geworden war. Prunella erinnerte sich, was der Earl ihrem Vater vor vier Jahren erzählt hatte. Er habe einen Brief von einem Freund erhalten, in dem stand, daß Gerald in Indien gesehen worden sei.
Von einer Heimkehr konnte nicht die Rede sein. Sie wäre auch sehr schwierig gewesen, falls er nicht auf einem Truppentransporter gefahren wäre. Obwohl das britische Königreich die Meere beherrschte, war es eine lange und gefährliche Reise von Indien nach England. Die einzigen Schiffe, die diese Fahrten unternahmen, waren solche, die Truppen nach Indien brachten oder sie nach Hause holten.
Ein Jahr bevor Prunellas Vater starb, erlitt der Earl einen Schlaganfall.
Nach einem seiner Temperamentsausbrüche sank er bewußtlos zu Boden. Er siechte noch zwei oder drei Monate dahin und starb schließlich, ohne jemanden wiederzuerkennen.
Es war teilweise dem schmerzlichen Verlust seines alten Freundes zuzuschreiben, daß der ohnehin nur noch schwache Lebenswille ihres Vaters erloschen war.
Prunella hatte ihn Tag und Nacht gepflegt. Er verabscheute es, fremde Leute um sich zu haben, und klammerte sich so fest an sie, daß sie ihn in seinen letzten Lebenstagen nicht allein lassen durfte.
Hielt sie sich tagsüber nicht in seinem Schlafzimmer auf, rief er nach ihr. Auch nachts schickte er manchmal zwei- oder dreimal nach ihr nur um sie zu sehen.
Gleichzeitig wurde er so nörgelig und schwierig, wie es nur ein Invalide sein kann. Als er schließlich starb, war die erschöpfte Prunella einem Zusammenbruch nahe.
Nachdem Charity sie ins Bett gesteckt hatte, schlief sie achtundvierzig Stunden durch.
»Ich muß aufstehen«, befahl sie sich mit schwacher Stimme nach diesen zwei Tagen.
»Sie bleiben, wo Sie sind, Miss Prunella«, bestimmte Charity mit fester Stimme.
»Aber . . .«
»Miss Nanette und ich schaffen es allein. Schlafen Sie weiter, Miss Prunella. Ich wecke Sie, wenn wir Sie brauchen.«
Prunella fühlte sich zu schwach und müde, um zu widersprechen. Später wurde ihr klar, daß Charitys Behandlung sie vor einem Zusammenbruch bewahrt hatte.
Zuerst vermochte sie kaum zu glauben, daß sie nun frei war, ihr eigenes Leben zu führen, ohne ihren Vater nach ihr rufen zu hören, ohne jede Minute des Tages an seine Bequemlichkeiten zu denken. Aber es gab ihrer Meinung nach viele Dinge, die nur sie tun konnte. Während sie aufstand und sich ankleidete, fragte sie sich, ob der neue Earl sich wohl wie sein Vater benehmen würde.
Nach seiner langen Abwesenheit würde er sicher den Wunsch haben, sich für die Vergangenheit zu entschädigen und seine Stellung als Oberhaupt der Familie einzunehmen.
Der verstorbene Earl hatte äußerlich und charaktermäßig etwas von einem Patriarchen aus dem Alten Testament gehabt. An seinen Sohn konnte Prunella sich kaum erinnern. Sie nahm jedoch an, daß er der langen Reihe der Winslows folgen würde, die Winslow Hall zu einem bedeutenden Ort, nicht nur für die Familie, sondern auch für die nähere und weitere Umgebung gemacht hatten.
Sie knöpfte gerade ihr Kleid zu, als sie sich plötzlich an etwas erinnerte, was Charity gesagt hatte.
» . . . nur um nachzuschauen, was er verkaufen kann.«
Die Worte schienen im Raum widerzuhallen. Wenn dem so war, stand dem neuen Earl of Winslow ein sehr unangenehmer Schock bevor.
Zwei Stunden später stieg Prunella in die zwar altmodische, aber gut gefederte Kutsche, die von zwei schönen Pferden gezogen wurde, und machte sich auf den Weg nach Winslow Hall.
Dawson, der alte Kutscher, zeigte keine Anzeichen von Überraschung, als sie ihm ihr Ziel nannte. Insgeheim fragte sie sich, ob er wohl von der Rückkehr des jungen Earls wußte.
Neuigkeiten über ihn pflegten sich wie ein Buschfeuer auszubreiten. Was Mrs. Goodwin wußte, mußte eigentlich inzwischen allseits bekannt sein.
Prunella stieß einen Seufzer aus.
Das bevorstehende Gespräch würde gewiß nicht einfach werden. Sie wünschte, jemand hätte sie begleitet, um ihr notfalls beizustehen.
Nanette konnte man dazu nicht gebrauchen, schon gar nicht, nachdem sie heute morgen einen Brief von Pascoe erhalten hatte. Außerdem war es besser, wenn das, was sie dem Earl sagen wollte, ihrer Schwester nicht zu Ohren kam.
Natürlich hätte sie Charity mitnehmen können. Prunella konnte sich hingegen nicht vorstellen, daß bissige Bemerkungen über »Mr. Geralds« Vergangenheit die Situation in irgendeiner Beziehung erleichtern würden.
Es war schwer vorauszusehen, welche Haltung er an den Tag legen würde.
Die Kutsche fuhr durch das kleine Dorf mit dem schwarzweißen Fachwerk-Gasthof, vorbei an dem kreisrunden Teich, auf dem immer Enten schwammen, und den Häusern, die ein früherer Earl in wohlhabenden Tagen gebaut hatte.
Die Pferde trabten durch das Tor, zu dessen beiden Seiten steinerne Pförtnerhäuschen standen. Sie wurden von zwei Pförtnern bewohnt, die inzwischen so alt und zitterig waren, daß sie ihren Dienst nicht mehr ausüben konnten. Die Torflügel standen daher ständig offen.
Die lange und holperige Einfahrt mußte dringend aufgeschüttet werden. Auch um die alten Eichen rechts und links des Weges hatte sich offenbar seit langem niemand mehr gekümmert, und die Uferbänke des kleinen Sees waren von Iris förmlich überwuchert.
Winslow Hall selbst war ein wunderschönes Gebäude. Es stammte von dem berühmten Architekten Indigo Jones. Leider bedurften die Ziegel einer gründlichen Säuberung. Im obersten Stockwerk war eine ganze Anzahl von Fensterscheiben zerbrochen. Nur die untersten beiden Geschosse befanden sich in gutem Zustand, weil man sie erst kürzlich in Ordnung gebracht hatte.
Die Kutsche hielt vor der offenen Eingangstür.
Dawson, der Kutscher, war zu alt, um herunterzuspringen und Prunella beim Aussteigen zu helfen.
»Soll ich hier auf Sie warten oder hinten im Hof, Miss Prunella?« fragte er.
Prunella zögerte einen Augenblick.
»Ich denke, Sie sollten ums Haus herumfahren und nach den Carters schauen«, entschied sie. »Die unerwartete Rückkehr Seiner Lordschaft dürfte sie ein bißchen aus der Fassung gebracht haben.«
»Wie Sie meinen, Miss Prunella.«
Ohne ein weiteres Wort lief sie die Stufen hinauf ins Haus.
Wie sie erwartet hatte, war die Eingangshalle leer. Obwohl Prunella ein bißchen nervös war, steuerte sie mit resoluten Schritten auf die Bibliothek zu, wo sie den Earl zu finden hoffte. Aber auch dort war er nicht. Genauso wenig wie im angrenzenden großen Salon, dessen Fensterläden noch geschlossen waren. Sogar die Möbel waren noch verhüllt.
Prunella dachte einen Augenblick nach. Dann ging sie die Treppe hinauf, deren kunstvolles schmiedeeisernes Geländer aus dem siebzehnten Jahrhundert stammte. Oben angelangt, wandte sie sich der Gemäldegalerie zu.
Der Gedanke, ihn dort zu finden, schmerzte sie aus bestimmten Gründen.
Prunella hatte sich nicht geirrt. In der Galerie, die die ganze Länge des Hauptgebäudes einnahm, befand sich tatsächlich ein Mann.
Er wandte ihr den Rücken zu. Prunella bemerkte nicht sofort, daß er hochgewachsen und breitschultrig war, sie sah zunächst nur, daß er ein Bild von van Dyck betrachtete.
Sie preßte die Lippen zusammen und ging langsam auf ihn zu. Als er ihre Schritte hörte, drehte er sich um. Gerald, der sechste Earl of Winslow, glich in keiner Weise dem Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte.
Da immer so viel von seinem wilden, zügellosen Benehmen gesprochen worden war, hatte sie einen Dandy in der Art seines Neffen Pascoe erwartet. Diese Beschreibung paßte aber nicht auf den Mann, der ihr mit einem Ausdruck der Überraschung in den dunklen Augen entgegenblickte. Seine nachlässige Kleidung zeigte mehr als alles andere, daß Charity recht gehabt hatte. Er war hier, um etwas zu finden, was sich verkaufen ließ.
Seine Jacke war korrekt geschnitten, saß aber viel zu locker. Die Hosen waren unauffällig. Was seine Lederstiefel betraf, so mußten sie dringend geputzt und poliert werden.
Die Krawatte hätte Pascoes helles Entsetzen erregt. Sogar für Prunellas Geschmack wirkte sie höchstens bequem, aber keineswegs elegant.
Das Auffällige an ihm war seine braune Haut. Prunella mußte sich erst ins Gedächtnis rufen, daß er ja aus Indien kam und daher sonnengebräunt sein mußte.
Während sie den Earl aufmerksam betrachtete, tat er das gleiche mit ihr. Er überlegte, wer diese Frau wohl sein mochte und ob er sie je zuvor gesehen hatte. Als sie näherkam, wurde ihm klar, daß das nicht möglich war, sie war zu jung, als daß er ihr früher schon einmal hätte begegnet sein können.
Sein erster Eindruck erwies sich demnach als falsch. Er hatte sich durch das einfache graue Kleid und den Schutzhut mit den grauen Bändern täuschen lassen und zuerst geglaubt, eine Frau mittleren Alters vor sich zu haben.
Das ovale, von großen, grauen Augen beherrschte Gesicht war das einer jungen Frau. Ihn wunderte ihr kritischer und offen mißbilligender Blick.
»Darf ich mich erkundigen, ob Sie gekommen sind, um mich zu besuchen?« fragte er, als sie vor ihm stand. »Da mir das sehr unwahrscheinlich vorkommt, gibt es vielleicht einen anderen Grund für Ihre Anwesenheit in Winslow Hall?«
Prunella knickste.
»Ich bin Prunella Broughton, Mylord. Mein verstorbener Vater, Sir Roderick, war ein enger Freund Ihres Vaters.«
»Ich erinnere mich an Sir Roderick«, erwiderte der Earl. »Dann sind Sie sicherlich das hübsche kleine Mädchen, das ihn bei seinen Besuchen manchmal begleitete.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich meiner erinnern. Leider muß ich Ihnen etwas sagen, was Sie wissen sollten.«
»Nun, ich traf erst gestern abend hier ein und bin gerade dabei, die Bekanntschaft mit meinen Ahnen zu erneuern. Aber selbstverständlich werde ich Ihnen gern zuhören, Miss Broughton.«
»Wenn Sie einige der Bilder verkaufen wollen, dann bitte nicht dieses«, rief Prunella. »Es ist das Beste von allen. Ihr Vater pflegte dazu immer folgende Geschichte zu erzählen: Als van Dyck das Bild beendet hatte, wollte er in jenem Augenblick sterben, weil er überzeugt war, niemals mehr ein besseres Portrait zu malen.«
Daraufhin entstand ein betroffenes Schweigen.
»Woraus folgern Sie, daß ich beabsichtige, eines dieser Bilder zu verkaufen«, begann der Earl schließlich.
»Ich fürchtete, Sie hätten das im Sinn«, gestand Prunella. »Wenn Sie erlauben, zeige ich Ihnen eine Liste, auf der ich die Gegenstände im Haus aufgeführt habe, die einen guten Preis erzielen, von zukünftigen Generationen aber nicht so vermißt werden wie die Gemälde in der Galerie.«
»Ich verstehe kein Wort, Miss Broughton. Was veranlaßt Sie dazu, sich derart mit meinen privaten Angelegenheiten zu beschäftigen?«
Prunella zog den Atem ein.
»Um das zu erklären, bin ich hier, Mylord.«
Der Earl schaute sich um, als wolle er vorschlagen, sich hinzusetzen. Die Sessel in der Galerie aber trugen Hüllen, die die Polster am Verblassen hindern sollten.
Prunella las seine Gedanken.
»Wir sollten nach unten in die Bibliothek gehen«, schlug sie vor. »Ich habe immer dafür gesorgt, daß der Raum in Ordnung ist.«
»Sie haben dafür gesorgt?« fragte der Earl ungläubig.
»Das muß ich Ihnen auch erklären«, setzte sie leicht errötend hinzu.
»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung.«
In seiner Stimme schwang eine gewisse Härte mit.
Sie gingen schweigend durch die Galerie die Treppe hinunter in die Halle. Dort stießen sie auf einen Mann, von dem Prunella annahm, daß es sich um den Kammerdiener handelte.
»Da sind Sie ja, Mylord«, rief er in einem Ton, den Prunella ein wenig zu vertraulich fand. »Da nichts zu essen im Haus ist, dachte ich mir, ich fahre ins Dorf und kaufe ein.«
»In Ordnung, tu das«, stimmte der Earl zu.
Der Kammerdiener wandte sich schon zum Gehen, als Prunella sich einmischte.
»Ich fürchte, in Little Stodbury gibt es nicht viel zum Einkaufen. Fahren Sie lieber zur Home Farm. Mrs. Gabriel wird Ihnen einen hervorragenden selbstgeräucherten Schinken geben. Falls sie gerade geschlachtet haben, hat sie vielleicht auch eine Hammelkeule für Seine Lordschaft.«
»Vielen Dank, Madam«, sagte der Kammerdiener.
»Mrs. Carter hätte Sie informieren können, daß die Home Farm Sie auch mit Butter, Milch und Eiern versorgt, nur werden Sie dafür bezahlen müssen.«
Mit einem etwas ängstlichen Blick auf den Earl fuhr sie fort: »Die Vereinbarungen, die die Farmersfamilie mit ihrem Vater getroffen hatte, endeten mit seinem Tode. Die Leute haben nun sehr zu kämpfen und können Ihnen daher nicht umsonst Lebensmittel liefern.«
»Ich habe nicht vor, sie darum zu bitten«, erwiderte der Earl scharf. »Bezahle sofort alles, was du kaufst, Jim«, wandte er sich an seinen Kammerdiener.
»Sehr wohl, Mylord.«
Prunella fragte sich, woher das Geld wohl kam. Sie fand es seltsam, daß der Diener seinen Herrn nicht darum bat. Vielleicht benutzte er sein eigenes und wartete mit der Rückzahlung, bis der Earl etwas aus dem Haus verkauft hatte.
Wieder spürte sie bei dem Gedanken einen Stich im Herzen, die Kostbarkeiten, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt und bewundert hatte, irgendwann nicht mehr zu sehen.
Während des Krieges hatten sie sehr isoliert gelebt. Die Pferde waren von der Armee beschlagnahmt worden. Die jungen Männer kämpften entweder unter Wellington oder sie stürzten sich in den Trubel von Vergnügungen, den der Prinzregent in London veranstaltete. Der alte Earl hatte sich sehr einsam gefühlt.
Er ermutigte Prunella, sich Bücher aus seiner Bibliothek zu leihen. Lesen sei gut für ihre Bildung, behauptete er. In Wirklichkeit liebte er die Unterhaltung mit ihr. Abgesehen von der Dienerschaft kam niemand mehr in das große Haus.
Er erzählte ihr Geschichten über die Gemälde und Möbel. Da er von der Familie geradezu besessen war, drehten sie sich hauptsächlich um seine Vorfahren: Soldaten, Staatsmänner, Forscher, Spieler und Wüstlinge.
Und jetzt war wieder ein Wüstling nach Hause gekommen, um sich am Verkauf von Kunstschätzen zu bereichern, die für sie ein Teil dieser Geschichten waren.
Vor der Bibliothek angekommen, trat der Earl zur Seite, um sie zuerst eintreten zu lassen. Irgendwie empfand sie diese Geste als spöttisch.
In der Bibliothek wurde ihr plötzlich bewußt, wie schäbig der Raum wirkte. Das war ihr gar nicht aufgefallen. Auf einmal schien sie alles mit den Augen eines Neuankömmlings zu sehen. Der Teppich war zerschlissen, die Sesselpolster hatten jede Farbe verloren. Und die Risse in den Vorhängen waren beim besten Willen nicht mehr zu flicken.
Der Earl konnte eigentlich nur denken, daß seit seinem Weggehen alles vernachlässigt worden war.
Prunella setzte sich in einen Sessel seitlich des Kamins. Gerald stand mit dem Rücken dagegen gelehnt, bohrte die Hände in die Hosentaschen und schaute sie durchdringend an.
»Nun, was hat das alles zu bedeuten?«
Prunella hielt seit ihrer Ankunft ein Notizbuch in der Hand, das sie jetzt auf ihren Knien aufschlug.
»Höflicherweise sollte ich Sie wohl zuerst zu Hause willkommen heißen. So unerwartet Ihre Rückkehr auch ist - besser spät als niemals.«
»Entdecke ich da möglicherweise einen Tadel in Ihrer Stimme, Miss Broughton?« spottete der Earl.
»Sie müssen wissen, daß die Dinge nach dem Tode Ihres Vaters sehr . . . schwierig wurden, Mylord.«
»Weshalb?«
»Nun, erstens wußte niemand, wo Sie waren, und zweitens war auch keiner da, der sich um das Gut kümmerte.«
»Was ist mit Andrews geschehen? Ich dachte immer, er wäre ein sehr tüchtiger Mann.«
»Vor vierzehn Jahren sicherlich«, bestätigte Prunella. »Leider ist er seit achtzehn Monaten bettlägerig. Auch schon einige Jahre früher war er nicht mehr wirklich in der Lage, das Gut zu beaufsichtigen.«
Der Earl mußte diese Nachricht erst einmal verarbeiten.
»Es ist doch bestimmt jemand engagiert worden, der seine Stelle einnehmen konnte«, erkundigte er sich schließlich.
»Wie hätte man diesen Ersatz bezahlen sollen?«
Ein Schweigen entstand, das der Earl dann unterbrach: »Wollen Sie damit andeuten, daß kein Geld vorhanden ist?«
»Frei herausgesagt, Mylord, so ist es.«
»Warum nicht? Ich dachte immer, mein Vater wäre ein reicher Mann.«
»Das war er auch zu der Zeit, als Sie Ihre Heimat verließen. Entweder besaß er nicht so viel Kapital, wie Sie glaubten, oder es war schlecht angelegt. Wie dem auch sei, viele Leute haben während des Krieges ihr Vermögen verloren. Außerdem bringen große Güter wie dieses keinen Gewinn mehr.«
»Warum nicht?« fragte er mit scharfer Stimme.
»Die Pächter werden alt und sind nicht mehr in der Lage, das Land richtig zu bebauen. Sie können keine Hilfskräfte bezahlen, selbst wenn sie welche finden würden. Die meisten kräftigen Burschen waren in der Armee oder bei der Marine. Die Folge davon war, daß alles mehr und mehr verfiel.«
Diese Neuigkeit schockierte den Earl sichtlich. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, daß er das nicht erwartet hatte. Auf seiner Stirn bildeten sich steile Falten, seine Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepreßt.
»Ich bin bereit zu glauben, was Sie mir da erzählen, wüßte aber gern, was Sie mit der Sache zu tun haben.«
Prunella blickte auf das Notizbuch in ihrem Schoß hinunter, als ob ihr von dort Trost käme.
»Als mein Vater noch lebte, hat er Ihrem Vater geholfen auf die eine oder andere Weise.«
»Heißt das, daß mein Vater sich von Ihrem Geld geliehen hat?«
Prunella nickte.
»Ich möchte über die genaue Summe informiert werden. Natürlich werde ich das Geld zurückzahlen.«
»Dazu besteht keine Notwendigkeit. Es war kein Darlehen, sondern ein Geschenk.«
»Für mich sind es Schulden«, wehrte er brüsk ab.
Prunella erwiderte nichts. Da der Earl das Gefühl hatte, unhöflich gewesen zu sein, setzte er schnell hinzu: »Natürlich bin ich sehr dankbar. Ich wundere mich nur, daß mein Vater Hilfe dieser Art nötig gehabt hat.«
»Ich mache mir Sorgen, wie es jetzt weitergehen soll«, sagte Prunella.
»Wie meinen Sie das?«
»Es gibt da einige Pensionäre, die verhungern, wenn sie nicht bezahlt werden. Sie sind alt, können nicht mehr arbeiten und wissen nicht, wo sie hingehen sollen.«
»Wer hat diese Leute bisher bezahlt?«
Als Prunella nicht antwortete, forderte er hartnäckig: »Ich will die Wahrheit wissen. Miss Broughton.«
»Seit dem Tode meines Vaters ich«, entgegnete sie.
Sie hob den Kopf und schaute ihn an.
»Ich wollte mich nicht einmischen. Es ist nur so, daß ich diese Leute schon mein ganzes Leben lang kenne. Dazu kommen noch die, die für wenig Geld hier im Haus viel gearbeitet haben. Es hat sie wenigstens vor dem Verhungern bewahrt. Ich konnte doch nicht zulassen, daß hier alles zusammenbrach und unter einer Staubdecke verschwand.«
»Sie haben meine Angestellten bezahlt, damit sie das Haus in Ordnung hielten?«
»Das mag in Ihren Ohren seltsam klingen«, lenkte Prunella ein. »Als Ihr Vater noch lebte, war ich sehr oft hier. Ich habe Winslow Hall von jeher geliebt. Es bedeutete mir beinahe so viel wie mein eigenes Haus.«
»Was haben Sie noch unternommen?«
»Ich habe alles in diesem kleinen Buch notiert. Da sind die Leute aufgeführt, die wöchentlich eine kleine Pension erhalten, die sie zum Leben brauchen. Andere wieder können noch arbeiten und ein bißchen Geld verdienen, wobei die Summen häufig aufgebessert werden müssen. Dazu kommen noch die Pachtverträge, die mehr oder weniger regelmäßig eingehen.«
Als sie dem Earl ins Gesicht schaute, fürchtete sie sich ein wenig vor dem, was sie darin lesen konnte.
»In manchen Fällen habe ich den Farmern die Pacht ganz erlassen«, setzte sie trotzdem hinzu.
»Aus welchem Grund?«
»Sie verstehen das vielleicht nicht«, erklärte Prunella mit leicht verärgerter Stimme. »Seit Ende des Krieges sind die Preise für die Produkte der Farmer ständig gefallen. Außerdem mußte dieses Jahr allein in dieser Grafschaft eine ganze Anzahl Banken ihre Tore schließen. Viele Leute haben dadurch die Ersparnisse ihres ganzen Lebens verloren.«
Da der Earl nichts sagte, redete sie weiter.
»Es ist schlimm genug, daß Tausende von Männern aus der Armee und der Marine entlassen wurden, ohne eine Pension, geschweige denn eine Entschädigung für ihre Verwundungen zu erhalten. Zudem sind die Kosten für Lebensmittel gestiegen, und es gibt keine Arbeit. Ich mußte mich einfach um die Leute von diesem Gut kümmern. Wer hätte es sonst tun sollen?«
Der Earl trat ans Fenster und schaute auf den See und den dahinter liegenden Park.
»Meine Dankbarkeit ist Ihnen gewiß, Miss Broughton«, versicherte er ihr. »Ich bin nur überrascht, daß Sie so großzügig waren.«
Es klang nicht so, als ob er ihr wirklich dankbar wäre oder ihr gar ein Kompliment gemacht hätte. Trotzdem beschloß Prunella, ihr Glück zu versuchen.
»Wenn Sie mir tatsächlich dankbar sind, darf ich Sie vielleicht bitten, mir einen Gefallen zu tun.«
Der Earl wandte sich vom Fenster ab. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
»Sie sind also doch menschlich«, stellte er fest. »Ich hielt Sie schon für eine seltsame Heilige, die Gutes tut, sei es für das Wohl Ihrer oder auch meiner Seele. Wenn Sie aber eine menschliche Schwäche haben, kann ich wirklich glauben, ein Wesen aus Fleisch und Blut vor mir zu haben.«
Prunella starrte ihn verwundert an.
»Ich bin ein menschliches Wesen, Mylord«, entgegnete sie in scharfem Ton. »Und was den Gefallen betrifft, um den ich Sie bitte es geht um etwas, was mir sehr am Herzen liegt.«
»Ich warte«, erwiderte er.
Diesmal spürte sie deutlich den Spott in seiner Stimme.
2
Der Earl setzte sich in einen Sessel auf der anderen Seite des Kamins. Er schlug die langen Beine übereinander, lehnte sich zurück und schaute sie lächelnd an.
Prunella war bisher so sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, daß sie nicht einmal dazu gekommen war, sich den Earl genau anzuschauen. Die Augen in dem sonnengebräunten Gesicht hatten etwas Durchdringendes. Gleichzeitig wirkte sein Blick durch die schweren Lider ein bißchen träge, als ob er das Leben mit einigem Zynismus betrachtete.
Es lag etwas in seinem Wesen, was sie abstieß.
Vielleicht konnte sie einem Mann gegenüber nicht anders empfinden, der seine Heimat unter so unrühmlichen Umständen verlassen hatte, um nach seiner Rückkehr alles zu kritisieren, was sie während seiner Abwesenheit getan hatte.
Ein bedeutungsvolles Schweigen breitete sich aus. Schließlich drängte der Earl, wieder mit diesem leichten Spott in der Stimme: »Ich warte, Miss Broughton. Da ich tief in Ihrer Schuld stehe, bin ich bereit, was immer Sie verlangen, wohlwollend in Erwägung zu ziehen.«
Nach kurzem Zögern begann Prunella: »Ich bitte Sie um folgendes, Mylord: Halten Sie Ihren Neffen davon ab, meiner Schwester den Hof zu machen.«
Der Earl hob erstaunt die Augenbrauen. Darauf war er nicht gefaßt gewesen.
»Mein Neffe?« fragte er.
»Pascoe Lowes, der älteste Sohn Ihrer Schwester, Lady Lowestoft.«
Der Earl lächelte.
»Dessen Existenz hatte ich völlig vergessen. Sie wissen sicher, daß ich während meines Auslandsaufenthaltes nicht mit meinen Verwandten in Verbindung stand. Es würde mich interessieren zu erfahren, weshalb mein Neffe nicht um Ihre Schwester werben soll, falls er das überhaupt beabsichtigt.«
Prunella versteifte den Rücken. Ihre Stimme klang hart, als sie fortfuhr: »Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein, Mylord. Pascoe Lowes hat den Ruf, ein Mitgiftjäger zu sein. Außerdem ist er ein ausgesprochener Dandy.«
In ihrer Stimme schwang die ganze Verachtung mit, die sie empfand. Zu ihrem Erstaunen reagierte der junge Earl mit einem Lachen.
»Er scheint bei Ihnen wirklich in Ungnade gefallen zu sein, Miss Broughton. Eigentlich tut er mir leid.«
»Dazu besteht kein Grund«, wehrte Prunella ab. »Meine Schwester ist erst siebzehn, also sehr jung und leicht zu beeindrucken.«
»Wo hat sie denn meinen Neffen kennengelernt?«
»In London. Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben. Die Trauerzeit endete im März. Ich habe es arrangiert, daß Nanette bei Hof vorgestellt wurde.«
»Sie haben das arrangiert? Wie ich sehe, führen Sie ein sehr geschäftiges Leben. Sie regeln nicht nur meine Angelegenheiten, sondern auch die Ihrer Schwester. Sicherlich hilft Ihnen doch jemand dabei?«
»Seit meines Vaters Tod wohnen wir allein in unserem Haus. Da wir ein sehr ruhiges Leben führen, bestand keine Notwendigkeit, eine Gesellschafterin zu engagieren.«
»Sie sprechen von einem ruhigen Leben«, warf der Earl ein. »Das überrascht mich einigermaßen. Früher war doch in dieser Gegend einiges los. Es gab viele große Häuser mit gastfreundlichen Besitzern, die Gesellschaften veranstalteten.«
Er sprach wie zu sich selbst, als ob er sich Erinnerungen ins Gedächtnis zurückrief.
»Der Krieg ist vorbei. Das normale Leben hat begonnen. Sie werden bestimmt von vielen Leuten eingeladen.«
Prunella war sich dessen sicher, schon weil er der Earl of Winslow und unverheiratet war. Auch wenn er die Gastfreundschaft nicht erwidern konnte, waren die Nachbarn doch viel zu neugierig, ihn zu treffen.
»Während ich eingeladen werde, waren Sie offenbar nicht in der glücklichen Lage«, erwiderte er.
Für Prunellas Geschmack war er unangemessen hellsichtig.
»Ich war ein Jahr in Trauer«, antwortete sie nach einer langen Pause.
»Und davor?«
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß mein Leben Sie nichts angeht, Mylord?«
»Das finde ich unfair«, beschwerte sich der Earl, »nachdem Sie mein Leben zu Ihrer Angelegenheit gemacht haben. Sie haben die Aufsicht über mein Haus sowie mein Gut übernommen. Seit ich mich aber für Sie als Person interessiere, verschließen Sie sich wie eine Auster.«
Obwohl er deutlich merkte, daß Prunella nicht über sich selbst reden wollte, schien ihn dies kein bißchen zu stören.
»Ich wollte mit Ihnen über Ihren Neffen sprechen«, startete sie erneut den verzweifelten Versuch, ihn wieder auf ihr ursprüngliches Thema zurückzuführen.
»Das habe ich begriffen. Gleichzeitig versuche ich mir ein Bild von den Geschehnissen zu machen, Miss Broughton. Leider unterstützen Sie mich nicht dabei.«
»Da Sie jetzt zu Hause sind, wird Ihr Neffe Sie sicherlich um finanzielle Hilfe bitten.«
»Was bringt Sie auf diesen Gedanken?«
»Erstens, weil ich annehme, daß er Ihr Erbe ist und außerdem . . .«
»Und außerdem?« Da sie nicht weiterredete, drängte er: »Es ist nicht gut, einen Satz nicht zu beenden. Sie sollten nichts vor mir verbergen.«
»Nun gut!« Prunella nahm ihren ganzen Mut zusammen.
»Ich erfuhr gestern zufällig, daß Mr. Lowes die Vermögensverwalter Ihres Vaters aufgesucht hat, um herauszufinden, welche Schritte unternommen werden müssen, um Sie für tot zu erklären. Für diesen Fall wünschte er seine Ansprüche auf das Haus samt Inhalt anzumelden.«
Da der Earl nichts erwiderte, fuhr Prunella fort.
»Das kann nur bedeuten, daß er alles verkaufen möchte. Er würde nicht auf dem Lande bleiben, weil er das Leben in der Stadt vorzieht. Das wiederum kann er sich nicht leisten. Als erstes dürfte wohl daher der Van Dyke verschwinden.«
Sie hatte so viel Leidenschaft in ihre Worte gelegt, daß der Earl ihre Begeisterung dämpfte.
»Ich sehe, daß Ihnen meine Bilder viel bedeuten, Miss Broughton«, entgegnete er. »Aber es sind doch nur Bilder.«
»Wie können Sie das sagen? Diese Bilder wurden im Laufe der zweihundert Jahre vom Vater an den Sohn weitergereicht. Viele davon zeigen Ihre Vorfahren. Inigo Jones hat die Galerie extra dafür entworfen.«
»Sie sind gut informiert, Miss Broughton.«
Prunella kümmerte sich nicht um seinen Sarkasmus.
»Ich betrachte die Bilder, wie auch Ihr Vater es tat, als eine Art heiliger Leihgabe, die auf Ihre Kinder und Kindeskinder übergehen soll. Kein Tunichtgut sollte sie verkaufen dürfen, um das Geld am Spieltisch oder für Frauen zu verschleudern.«
Der Earl lachte.
»Gut gemacht, Miss Broughton. Natürlich verstehe ich, was Sie meinen. Diese Tiraden habe ich tausendmal gehört, bis ich England den Rücken kehrte.«
Prunella spürte, wie das Feuer erlosch, das sie beseelt hatte. Was hatte es für einen Sinn, mit ihm zu reden. Alles, was sie in der Vergangenheit über ihn gehört hatte, schien wahr zu sein. Und heute war er nicht besser als zu der Zeit, als er vor seinem Vater weggelaufen war, nicht ohne die Frau eines anderen Mannes mitzunehmen. Das Beste war, sich so würdig wie möglich zu verabschieden und es dem Earl zu überlassen, sein Leben nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten.
Dann fiel ihr ein, wie viele Menschen von ihr abhingen. Die alten Männer in den Pförtnerhäuschen, die so schwach waren, daß sie ihnen im Winter das Essen brachte, weil sie nicht einmal die kurze Entfernung bis zum Dorfladen schafften.
Die Farmer, die gerade so viel Nahrungsmittel produzierten, wie sie selbst benötigten, sich aber weder die dringend erforderlichen Reparaturen ihrer Häuser noch die der Scheunen leisten konnten.
Es gab noch so viele andere hilfsbedürftige Leute. Die Carters zum Beispiel, die das Pensionsalter längst hinter sich gelassen hatten. Da kein Cottage verfügbar war, wohnten sie nach wie vor in Winslow Hall und hielten die Räume sauber, so gut sie konnten.
Während ihr diese Gedanken durch den Sinn schossen, merkte sie sehr wohl, daß der Earl sie beobachtete. Um seine Lippen spielte immer noch das spöttische Lächeln, das ihr so sehr mißfiel.
»Ich schlage vor, fortzufahren«, meinte er nach einer Weile. »Sie erzählen mir von meinem Neffen, wobei Sie mir deutlich zu verstehen geben, daß er Ihnen als Schwager nicht willkommen ist.«
»Ich gedenke alles zu tun, um das zu verhindern, Mylord.«
»Dabei gehen Sie so weit, mich um Unterstützung zu bitten, obwohl Ihnen klar ist, daß Neffe und Onkel aus dem gleichen Holz geschnitzt sein dürften.«
Das entsprach nur allzu sehr den Tatsachen. Da ihr keine Antwort einfiel, wartete sie ab, die Augen unverwandt auf den Earl gerichtet.
»Nach allem, was Sie sagen, vermute ich, daß Ihre Schwester eine Erbin ist. Dann sind Sie wohl ebenfalls eine?«
»Nein, Mylord.«
»Nein?«
»Meine Schwester hat eine beträchtliche Summe Geldes von . . .« sie zögerte, bevor sie den Satz beendete, » . . . meiner Mutter geerbt.«
»Ich denke, ich erinnere mich an Ihre Mutter«, sagte der Earl nachdenklich. »Sie war eine sehr schöne Frau. Es tut mir leid zu hören, daß sie tot ist.«
Prunella antwortete nicht. Sie hielt die Augen gesenkt, so daß die Wimpern dunkle Halbmonde auf ihren Wangen bildeten. Ihre Lippen waren zu einer harten, schmalen Linie zusammengepreßt.
»Ich sagte, es tut mir leid, daß Ihre Mutter tot ist.«
»Das habe ich gehört, Mylord.«
»Wo ist sie gestorben?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Sie sind sich doch wohl darüber im Klaren, daß Sie meine Neugier wecken.«
»Ich will nicht über meine Mutter sprechen, Mylord. Es geht um meine Schwester Nanette.«
»Nanette kann warten«, erwiderte der Earl. »Was ist das für ein Geheimnis um Ihre Mutter?«
Prunella stand von ihrem Sessel auf und ging zum Fenster, wie er das im Laufe des Gespräches ebenfalls getan hatte.
Als sie hinausschaute, zeichnete sich ihre Gestalt wie eine Silhouette gegen das Licht ab. Der Earl entdeckte nun, daß sie graziös und schlank war. Da sie die ganze Zeit über ein einfaches graues Kleid trug, war ihm diese Tatsache bisher gar nicht aufgefallen.
Nach einiger Zeit schien sie einen Entschluß zu fassen.
»Früher oder später werden Sie ohnehin erfahren, was geschehen ist«, erwiderte sie, mit dem Rücken zu ihm. »Warum also nicht sofort?«
Sie holte tief Atem, bevor sie fortfuhr: »Meine Mutter ist vor sechs Jahren weggelaufen.«
»Das scheint in diesem Teil der Welt kein seltener Fall zu sein.«
»Ich kann nicht darüber lachen, Mylord. Nachdem Sie Bescheid wissen, bitte ich Sie, diese Angelegenheit nicht wieder zu erwähnen. Der Name meiner Mutter wurde im Haus meines Vaters nach ihrem Weggehen nie wieder genannt.«
Ein bedrückendes Schweigen breitete sich aus. Es kostete Prunella einige Anstrengung, wieder zu ihrem Sessel zurückzugehen.
»Offenbar konnte Ihre Mutter die Situation, in der sie sich befand, nicht länger ertragen, genau wie ich«, bemerkte der Earl. »Haben Sie sie sehr vermißt?«
»Ich habe nicht den Wunsch, über meine Mutter zu sprechen, Mylord.«
»Aber ich bin neugierig«, beharrte er. »Ich erinnere mich nicht nur an Ihre schöne Mutter, sondern auch daran, daß Ihr Vater um vieles älter als sie gewesen sein muß. Ich denke, er war ein Altersgenosse meines Vaters, der auf die fünfzig zuging, als ich geboren wurde.«
Prunella äußerte nichts. Mit einem Augenzwinkern fuhr er fort.
»Die schöne Lady Broughton ist also meinem Beispiel gefolgt. Sie hat einem Dasein voller Achtbarkeit und Psalmensingen den Rücken gekehrt und es gegen das eingetauscht, was man gemeinhin »ein Leben in Sünde« nennt.«
Er sah, daß Prunella erschauerte und fuhr fort: »Die Strafe dafür ist natürlich Feuer und Schwefel, Hölle und Verdammnis. Ich darf Ihnen aber versichern, daß das angenehmer und genußreicher ist als alles, was wir zurückgelassen haben.«
»Ich muß mir so etwas nicht anhören, Mylord.«
»Sie werden es, weil ich darauf bestehe, Miss Broughton«, erwiderte der Earl. »Ich erkenne nur zu deutlich, daß Sie Ihre Mutter verdammt haben, wie Sie mich und meinen Neffen verdammen. Was gibt Ihnen das Recht, über uns zu Gericht zu sitzen?«
»Ich richte nicht, Mylord«, protestierte Prunella. »Ich möchte nur, daß Sie sich über Ihre Lage im Klaren sind. Außerdem versuche ich Ihnen zu erklären, weshalb ich mich nach dem Tode Ihres Vaters um die Menschen gekümmert habe, die ohne eigene Schuld in Not geraten sind.«
»Sehr lobenswert.«
Die Bemerkung des Earl klang keineswegs wie ein Kompliment.
»Ihr Privatleben geht mich nichts an.«
»Und doch sind Sie schockiert über das, was ich Ihrer Meinung nach getan habe«, beharrte er. »Genauso wie Sie über das Verhalten Ihrer Mutter schockiert waren.«
Prunella fühlte sich zu einer Antwort herausgefordert.
»Natürlich war ich schockiert, entsetzt und angewidert«, gab sie zu. »Wie kann eine Frau einen Mann und Ihre Familie verlassen?«
»Ihre Familie! Das ist das Schlüsselwort, nicht wahr? Sie haben ihr übelgenommen, daß sie Sie allein gelassen hat.«
In Prunellas Gesicht erschien eine flüchtige Sekunde lang ein schmerzlicher Ausdruck, der sofort wieder verschwand.
»Wenn Sie erst mein Alter erreicht haben, werden Sie verstehen, daß es für jede menschliche Handlungsweise mildernde Umstände gibt«, philosophierte er. »Wenn man ein freundliches Herz und geweckte Sinne besitzt, wird man sie erkennen und begreifen.«
Jetzt war es an Prunella, überrascht zu sein. Sie schaute ihn mit großen Augen an.
»Vielleicht haben Sie recht«, gab sie nach kurzem Nachdenken zu. »Vielleicht habe ich nur einen Akt der Selbstsucht gesehen, wo etwas anderes im Spiel war.«
»Ist Ihre Mutter allein weggegangen?«
Prunella zitterte. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»N . . . ein.«
»Dann nehme ich an, daß sie verliebt war. Und Liebe, meine beste Miss Broughton, ist etwas Unwiderstehliches, auch wenn ihr später möglicherweise die Enttäuschung folgt.«
Prunella rief sich seine Geschichte ins Gedächtnis zurück. Er hatte eine Frau mitgenommen, die er vermutlich geliebt hatte. Angeblich war sie sehr hübsch gewesen. Zuerst hatten sie sich heimlich bei Ausritten getroffen. Dann waren sie gemeinsam verschwunden. Zurück blieben die empörten Nachbarn, die sich die Mäuler über das abscheuliche und schimpfliche Benehmen des Paares zerrissen.
Es war nicht nur der Haß auf seinen Vater gewesen, der Gerald mit dem Schwur, niemals zurückzukehren, aus dem Haus getrieben hatte. Er war dem unwiderstehlichen Ruf der Liebe für eine Frau gefolgt, die in ihrer Umgebung wahrscheinlich genau so unglücklich gewesen war wie er.
Etwas Ähnliches war auch ihrer Mutter geschehen. Es entsprach der Tatsache, daß sie viel jünger gewesen war als ihr Ehemann, der sie direkt von der Schulbank weg geheiratet hatte.
Prunellas Vater hatte seine Frau auf seine Art geliebt. Doch niemand hatte je einen Gedanken daran verschwendet, wie unglücklich sie im Grunde ihres Herzens gewesen sein mußte.
Prunella hatte sich geschworen, niemals an den Mann zu denken, den sie zutiefst verurteilte, weil er ihre Mutter verführt und mit sich genommen hatte.
Er war so liebenswürdig gewesen, daß sie auf kindliche Weise selbst ein bißchen in ihn verliebt gewesen war.
In ihren Augen hatte er genauso ausgesehen, wie ein Gentleman aussehen mußte. Sie hatte sein reiterliches Können bewundert. Und die Komplimente, die er ihr gemacht hatte, würde sie nie vergessen. Es waren die ersten Komplimente ihres Lebens gewesen. Immer wenn er damals erwartet wurde, hatte sie sich die größte Mühe mit ihrem Äußeren gegeben.
Er hatte nicht nur ihren Vater, sondern auch sie betrogen, als er mit ihrer Mutter durchgebrannt war. Sein Verrat war furchtbar und unverzeihlich. Prunella verabscheute ihn wie auch ihre Mutter mit einer Heftigkeit, die Mordgefühle in ihr auslösten.
»Mama hat Papa umgebracht«, hatte sie verkündet, nachdem ihr Vater gestorben war.
Dabei wußte sie genau, daß er bereits dahinsiechte, lange bevor seine Frau ihn verlassen hatte. Vielleicht hatte er danach auch nicht mehr den Willen, noch länger zu leben.
Ihr Vater hatte sich von da an immer mehr an Prunella geklammert, und dabei wohl auf gewisse Weise einen Ersatz für seine Frau gesucht. Prunella war immer bemüht gewesen, ihn das Vergehen ihrer Mutter vergessen zu lassen. Ihre aufopfernde Hingabe hatte jedermann, die Ärzte inbegriffen, in Erstaunen versetzt.
Dabei war sie sich im Grunde ihres Herzens immer darüber im Klaren gewesen, daß nicht nur die Liebe zu ihrem Vater, sondern auch der Haß gegen ihre Mutter sie motiviert hatten.
Und jetzt forderte der Earl, der selbst ein tadelnswertes Leben geführt hatte, sie auf, zu verzeihen oder, was weit schwieriger War, die Motive ihrer Mutter und dadurch auch seine eigenen zu verstehen.
Prunella hatte das Gefühl, daß er in ihrem Kopf ein Chaos verursacht hatte, so verwirrt war sie.
»Ich würde gern über Ihren Neffen reden, Mylord«, begann sie. »Sie versprachen, über mein Anliegen nachzudenken. Ich muß zugeben, daß mich sein Werben um Nanette beträchtlich stört.«
»Ich bin bereit, über Pascoe zu reden«, versprach er. »Zuerst möchte ich mir ein klares Bild verschaffen. Ihre Mutter hat ihr vermutlich nicht unbedeutendes Vermögen Ihrer Schwester vererbt, und Sie sind dabei leer ausgegangen.«
»Ich weiß zwar nicht, weshalb das für Sie von Bedeutung ist, aber so war es nicht. Sie hat es uns zu gleichen Teilen vermacht. Wir sollten das Geld an unserem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen.«
Sie machte eine Pause, die der Earl prompt zu einem Einwurf nutzte.
»Als sie dann einundzwanzig wurden, haben Sie Ihren Anteil an Ihre Schwester weitergegeben.«
»Ja.«
»Trotzdem hatten Sie genügend Geld, um es für mein Gut und meine Leute auszugeben.«
»Ich habe genug Geld, Mylord. Nanette ist erst siebzehn. Ein Vermögen bedeutet in diesem Alter nicht nur Verantwortung, sondern auch eine Verlockung.«
»Sie meinen für einen jungen Mann wie meinen Neffen.«
»Genau.«
»Ich nehme doch an, Sie haben das Geld in einem Trust angelegt.«
»Ja, aber zu den Treuhändern wurde mein mittlerweile verstorbener Vater, sowie die Vermögensverwalter, die auch für Ihren Besitz zuständig sind, bestellt. Wenn Nanette nun heiratet, erhält ihr Ehemann damit legal die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen.«
»Dem Wunsch Ihrer Schwester entsprechend, soll dieser Ehemann mein Neffe sein.«
»Ich habe Ihnen doch bereits mitgeteilt, daß Nanette noch sehr jung und unerfahren ist«, erwiderte Prunella mit leichter Schärfe in der Stimme. »Ihr Neffe ist ein außergewöhnlich gutaussehender junger Mann, der sie mit großzügigen Aufmerksamkeiten überschüttet. Er schickt ihr mit einem Mietwagen aus London Blumen und Briefe und überhäuft sie mit Komplimenten, die in meinen Ohren viel zu glatt und verbindlich klingen, um echt zu sein.«
»Natürlich sind Sie eine Autorität auf dem Gebiet, wie ein verliebter Mann sich zu benehmen hat.«
Prunella fing an, ihn wegen seines Spottes zu hassen. Leider stand mehr auf dem Spiel als ihre persönlichen Gefühle dem Earl gegenüber.
»Bitte, Mylord, versuchen Sie, mich zu verstehen, und helfen Sie mir, wenn Sie können.«
»Der Zustand Ihrer Schwester scheint mir im Augenblick wichtiger zu sein. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Miss Broughton. Erlauben Sie mir, in naher Zukunft bei Ihnen vorzusprechen. Ich möchte Ihre Schwester kennenlernen. Wir könnten Ihre Probleme wie auch die meinen diskutieren.«
Er streckte die Hand aus.
»Würden Sie mir wohl Ihr Notizbuch überlassen, in dem Sie Ihren Worten nach alles aufgeschrieben haben, was meinen Besitz betrifft? Ich würde es gerne in Ruhe durchgehen. Vermutlich werde ich Sie anschließend um einige Erklärungen bitten müssen.«
Anstatt ihm das Buch von ihrem Platz aus zu reichen, stand Prunella auf und ging zu ihm. Er nahm es und blätterte ein paar Seiten durch. In ihrer sauberen Handschrift war der Name jedes Pensionärs aufgeführt, mit Adresse, Alter und der Stellung, die er früher bekleidet hatte. Dazu kamen die erhaltenen Geldsummen mit Auszahlungsdatum.
»Ich fürchte, das ergibt eine stattliche Gesamtsumme, Mylord«, warf sie ein. »Aus diesem Grunde habe ich eine Liste der Gegenstände zusammengestellt, die verkauft werden können.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.