Kitabı oku: «Deine Liebe ist ein Juwel»

Yazı tipi:

Deine Liebe ist ein Juwell

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2018

Copyright Cartland Promotions 1985

Gestaltung M-Y Books

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1 ~1802

Der Marquis von Fane lenkte sein rassiges Gespann die St. James Street hinunter und spürte, wie ihm neidvolle Blicke seiner Gegner, aber auch vieler seiner Freunde folgten.

Es waren nicht nur die edlen Pferde des Marquis, die bei seinen Mitmenschen Neid, Eifersucht und andere heftige Gefühle der Ablehnung weckten, sondern die Tatsache, daß er auf allen Gebieten ein Sieger war, und das hatte ihn selbst in den Kreisen um den Kronprinzen zu einer umstrittenen Persönlichkeit gemacht und ihm den Ruf eines Lebemannes eingebracht.

Als Sportsmann genoß der Marquis die Achtung der Sportwelt, doch seine häufigen Siege bei Pferderennen brachten seine Konkurrenten in Rage.

Auch in der Sportart, die das schöne Geschlecht betraf, gehörte der Marquis zu den Gewinnertypen. Die schönsten und begehrenswertesten Frauen eroberte er gewöhnlich und zuweilen schnappte er sie seinen Freunden vor der Nase weg. Man sagte ihm nach, er habe mehr gebrochene Herzen hinter sich gelassen als irgendein Beau des vergangenen Jahrhunderts. Seine Liebschaften erregten zuweilen sogar den Unwillen des Kronprinzen.

»Ich kann einfach nicht verstehen, was sie an dir finden, Fane«, hatte dieser noch vor einer Woche mißmutig bemerkt.

Der Anlaß für seine Unmutsäußerung war eine Tänzerin von Covent Garden, auf die er ein Auge geworfen hatte, ohne allerdings bei ihr landen zu können, weil der Marquis ihm zuvorgekommen war.

Seine Königliche Hoheit erwartete keine Antwort auf seine Frage, denn er kannte den Grund für die Erfolge des Marquis nur zu gut. Sein Freund sah nicht nur blendend aus, sondern verfügte auch über ein beträchtliches Vermögen und besaß prächtige Herrenhäuser, die seine Familie seit der Regentschaft von Königin Elizabeth I. mit kostbaren Kunstschätzen ausgeschmückt hatte. Daß er dazu noch selbstherrlich, zynisch und überheblich war und freimütig erklärte, noch nie geliebt zu haben, stellte für die Damenwelt eine unwiderstehliche Herausforderung dar.

»Es gibt kein weibliches Wesen auf dieser Erde, das es nicht reizen würde, einen Weiberhelden zu zähmen«, hatte noch am vergangenen Abend ein älteres Mitglied des White Club gesagt, »aber in Fanes Fall könnten sie genauso gut versuchen, einen Waldbrand mit einem Eimer Wasser zu löschen.«

Diese Bemerkung war durch die Nachricht ausgelöst worden, daß Lady Isabel Chatley überstürzt aus London abgereist sei, um sich, wie die Zeitungen es ausdrückten, »wegen einer Unpäßlichkeit auf dem Lande zu erholen«.

Jedermann wußte jedoch, daß weder die frische Landluft noch sonst etwas der Lady Heilung bringen würden, denn sie litt nach der Trennung vom Marquis von Fane an gebrochenem Herzen.

Er war ihrer überdrüssig geworden, als der Graf Anfang April nach London zurückgekehrt war. Gegen Ende des Monats wußte man allgemein über das Erkalten seiner Gefühle und ihre Verzweiflung Bescheid. Immer wieder hatte sie hysterische Ausbrüche, in denen sie kundtat, sie wünschte tot zu sein. Daß sie schließlich ihre verzweifelten Bemühungen, den Marquis wieder einzufangen, aufgegeben und sich aufs Land zurückgezogen hatte, war von allen, die sich ihr ständiges Gejammer hatten anhören müssen, mit Erleichterung aufgenommen worden.

Er hätte, bevor er einen Flirt oder was es sonst gewesen war, mit ihr anfing, erkennen müssen, daß Lady Isabel zur »anhänglichen Sorte« gehörte.

Ein anderes Clubmitglied meinte: »Daß er so skrupellos mit den Gefühlen anderer Menschen umgeht und sich den Teufel darum schert, wie sehr er ihnen weh tut, das kreide ich ihm an.«

Die jüngeren Clubmitglieder, die der Unterhaltung der beiden alten Gentlemen beiwohnten, wünschten sich insgeheim, beim schönen Geschlecht nur halb so erfolgreich zu sein wie der Marquis.

Der Marquis lenkte geschickt die Pferde am Ende der St. James Street dem Carlton House zu.

Im Grunde langweilte es ihn, der Einladung des Prinzen Folge leisten zu müssen, denn er hatte die Absicht gehabt, sich in sein Stadthaus am Berkeley Square zu begeben, um sich für das Dinner mit Lady Abbott umzukleiden. Sie hatte gestern abend in Devonshire House seine Aufmerksamkeit erregt, weil das Gewand, das sie trug, so durchsichtig war, daß er im ersten Augenblick geglaubt hätte, sie sei nackt. Er war Lady Abbott schon zu verschiedenen anderen Anlässen begegnet, aber erst gestern hatte er ihre makellose Figur bemerkt.

Daraufhin hatte er beschlossen, daß sie mehr als einen flüchtigen Blick wert sei, und er wußte sicher, daß besagte Lady seiner Einladung folgen würde.

Ihr dunkles Haar und die mandelförmigen Augen erinnerten ihn an einen Panther, und die Unterhaltung, die sie während eines Spaziergangs führten, war die reizvolle Mischung aus Flirt und geistreichen Bemerkungen, die ihn amüsierte.

Wie der Prinz, so bevorzugte auch der Marquis Frauen, die sich in der Liebeskunst auskannten und weltgewandt waren.

Besorgte Mütter pflegten daher völlig grundlos ihre Töchter zu verscheuchen, wenn er in ihre Nähe kam.

Wenn seine Verwandten sich gelegentlich erkühnten, ihn daran zu erinnern, daß es Zeit sei, sich zu vermählen und für einen Stammhalter zu sorgen, ließ er sie jedes Mal abfahren.

Insgeheim nahm er sich jedoch vor, daß er, falls er sich jemals vermählen sollte, sich für eine Witwe entscheiden würde. Sie müßte sich in den gesellschaftlichen Kreisen, in denen er sich bewegte, auskennen und seinem Bedürfnis, ständig amüsant unterhalten zu werden und ein abwechslungsreiches Leben zu führen, entgegenkommen. Nichts fürchtete der Marquis mehr als Langeweile.

Wenn er an Pferderennen oder Boxveranstaltungen teilnahm oder sich auf die Jagd begab, dann empfand er die damit verbundene Aktivität als besonders anregend. Zu seinem Leidwesen ließen sich die Frauen immer viel zu schnell erobern und fielen ihm regelrecht um den Hals. Obwohl er dem Abend in Lady Abbotts Gesellschaft mit freudiger Erwartung entgegensah, hatte er das unbehagliche Gefühl, daß dieser Abend genauso enden würde wie alle anderen zuvor, an denen er eine neue Flamme zu sich eingeladen hatte. Er fuhr vor der korinthischen Säulenhalle vor, die der Künstler Henry Holland für Carlton House entworfen hatte.

Der Palast war noch weit von seiner Vollendung entfernt, wurde aber bereits von den Anhängern des Prinzen als triumphaler Erfolg gefeiert, während seine Gegner das kostspielige Bauwerk als die größte Fehlinvestition aller Zeiten kritisierten. Die Schulden des Prinzen näherten sich mittlerweile einer halben Million Pfund und waren zum größten Teil dem kostspieligen Ausbau des pompösen Palastes zuzuschreiben. Der Marquis gestand dem Prinzen jedoch einen ausnehmend guten Geschmack zu und war ganz sicher, daß die Nachwelt die Werke, die der Prinz angeschafft hatte, entsprechend würdigen würden.

Der Marquis betrat die prachtvolle von ionischen Säulen aus braunem Siena-Marmor getragene Halle und begab sich über die geschwungene Doppeltreppe nach oben.

Der Prinz, von seiner Erziehung und Überzeugung her ein Kosmopolit, hatte Freunde und Kunsthändler nach Frankreich geschickt, sobald die Nachwehen der Revolution verebbt waren, um Stilmöbel und Kunstgegenstände aller Art für ihn zu erwerben. So waren Gemälde, Uhren, Bronzestatuen, Sèvres-Porzellan, Seidentapeten und andere erlesene Stücke in seinen Besitz gelangt und hatten einen würdigen Rahmen gefunden.

Der Prinz besaß die bedeutendste Kunstsammlung, die ein Engländer jemals zusammengetragen hatte.

Der Marquis hatte seinerseits die Gemäldesammlung um einen Pater Greuze, einen le Nain und einen Claude bereichert, die der Prinz geschmackvoll und mit Stil in seinen neuen Räumlichkeiten zur Schau stellte.

Es war auffallend, daß unter den adligen Gentlemen, mit denen der Kronprinz sich umgab, zwar intelligente Leute waren, aber kaum einer über so viel Kunstverstand verfügte wie der Marquis. Das lag wohl daran, daß in den Häusern, die er besaß, Gemälde und Kunstschätze von unermeßlichem Wert waren, die einem Vergleich mit der Kunstsammlung des Kronprinzen jederzeit standhalten konnten.

Der Marquis wußte, daß die Königin sich unwillig dazu geäußert hatte: »Der Marquis von Fane verleitet George zur Verschwendung, indem er vor ihm mit seinen eigenen Reichtümern protzt.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn schließlich konnte der Marquis nichts dafür, wenn der Kronprinz nach einem Besuch in Fane Park in Hertfordshire oder Fane House am Berkeley Square den Wunsch verspürte, seinen Freund in irgendeiner Weise zu übertrumpfen.

Der Prinz erwartete den Marquis in seinem in chinesischem Stil gehaltenen Lieblingssalon, dessen Ausstattung ihn ein Vermögen gekostet hatte.

An diesem Abend galt das Interesse des Prinzen ausschließlich einem Gemälde, das er nachdenklich betrachtete, als der Marquis ihm gemeldet wurde.

»Da bist du ja, Virgo!« rief er lebhaft aus. »Warum, zum Teufel, hast du so lange gebraucht, um hierher zu kommen?«

»Bitte um Vergebung, Sire«, erwiderte der Marquis gelassen. »Ich war nicht zu Hause, als Eure Nachricht eintraf, bin jedoch sofort nach meiner Rückkehr Eurer Aufforderung nachgekommen.«

»Jedenfalls bist du jetzt hier, und das allein zählt«, sagte der Prinz. »Tritt näher und sieh dir das an!«

Der Marquis trug eine unwillige Miene zur Schau, während er den Raum durchquerte, denn nach der Dringlichkeit der Nachricht des Prinzen zu urteilen, hatte er etwas Interessanteres erwartet, als ein Gemälde begutachten zu müssen.

Es schmeichelte ihm zwar, daß der Prinz niemals einen größeren Kunstgegenstand erwarb, ohne vorher sein Urteil eingeholt zu haben, aber im Augenblick bedauerte er, sich nicht vorher die Zeit zu einem Bad und zum Umkleiden genommen zu haben, um sich gleich von Carlton House aus zu Lady Abbott begeben zu können.

Das Gemälde war sehr groß und, wie er mit Kennerblick feststellte, in sehr gutem Zustand. Er betrachtete es eine Weile eingehend und sagte dann in gedehntem Tonfall: »Es scheint sich um einen Van Dyke zu handeln.«

»Schau es dir genauer an, Virgo. Fällt dir nichts auf?«

Die Stimme des Prinzen klang so erregt, daß der Marquis sich bemüßigt fühlte, sich näher mit den Einzelheiten des Gemäldes zu befassen. Er stellte fest, daß das in Rot und Dunkelblau gehaltene Gewand der Madonna deutlich den Stil Van Dykes verriet, ebenso die Schönheit der schlanken Hände. Das Jesuskind war rosig und pausbackig. Wie die meisten seiner Gemälde so verriet auch dieses das bemerkenswerte psychologische Einfühlungsvermögen des Künstlers. Dann betrachtete der Marquis das Gesicht der Muttergottes eingehender, und plötzlich trat ein verblüffter Ausdruck in seine Augen.

Der Prinz, der ihn die ganze Zeit beobachtet hatte, lächelte erfreut.

»Du hast es auch bemerkt, nicht wahr? Ich wußte, daß es dir auffallen würde. Ich bemerkte es schon in dem Moment, als ich das Gemälde zu Gesicht bekam.«

»Die Ähnlichkeit ist verblüffend«, murmelte der Marquis.

»Sie steht außer Frage«, bekräftigte der Prinz. »Überzeuge dich selbst.«

Er förderte ein anderes Gemälde zutage, das er hinter dem Sofa aufbewahrt hatte, und stellte es neben den Van Dyke. Es handelte sich ebenfalls um eine Abbildung der Muttergottes, die er und der Marquis im vorigen Jahr aufgestöbert und für einen einmaligen Fund erachtet hatten.

Stefan Lochners Gemälde waren auf dem Kontinent anzutreffen, aber es war nicht eines davon nach England gelangt. Dem Prinzen war es jedoch gelungen, eines der Madonnenbilder zu erwerben, das die anmutige, träumerische Gestalt der Muttergottes zeigte, die mit ihrer Umgebung zu verschmelzen schien. Es war sehr teuer gewesen, weil die Gemälde dieses Künstlers eine Rarität waren, und der Kunsthändler, der es für den Prinzen erworben hatte, vermochte wenig über die Geschichte des Gemäldes zu ermitteln, außer daß es aus einer privaten Sammlung stammte.

Den Prinzen hatte das Bild in schwärmerische Begeisterung versetzt, und er verehrte es wie ein Heiligtum.

Der Marquis hatte ihm nachfühlen können, weshalb die Madonna von Lochner ihn so bewegte, weil es ihm selbst ähnlich erging. Er war zwar nicht so schwärmerisch veranlagt wie der Prinz, aber der Anblick hatte in ihm das Gefühl erweckt, einer mittelalterlichen Ballade zu lauschen, die von den Klängen eines Spinetts begleitet wurde.

»Verdammt!« hatte er später, als er allein war, ausgerufen. »Ich wünschte, ich hätte das Kleinod für mich entdeckt!«

Jedes Mal, wenn er Carlton House einen Besuch abstattete, lenkte er seine Schritte zum Musikzimmer, um das Gemälde, das sich »Die Heilige Jungfrau im Lilienhain« nannte, zu betrachten. Der Titel war mit zierlicher Handschrift auf der Rückseite des Rahmens vermerkt und offensichtlich zu einem späteren Zeitpunkt nachgetragen worden. Er hatte sich dem Marquis fest eingeprägt und war ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen.

In diesem Augenblick jedoch glaubte er seinen Augen nicht zu trauen, denn das Madonnenantlitz trug die gleichen Züge wie das auf dem Van Dyke-Gemälde.

Die Komposition des Bildes war natürlich völlig anders als bei Van Dyke, dessen Gestalten nicht so ätherisch und zerbrechlich wirkten, aber die Ähnlichkeit der beiden Madonnen war unverkennbar.

»Es ist unfaßbar!« rief der Marquis schließlich aus.

»Wie konnte eine so verblüffende Übereinstimmung entstehen? Sollte Van Dyke Lochner kopiert haben?« überlegte der Prinz.

»Das ist höchst unwahrscheinlich«, entgegnete der Marquis. »Er war viel zu stolz, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, irgendeinen anderen Künstler zu kopieren, und er war bekannt dafür, daß er stets Modelle für seine Gemälde benutzte.«

»Es wäre ihm aber nicht möglich gewesen, dasselbe Modell zu verwenden wie Lochner«, stellte der Prinz fest.

Der Marquis nickte nur und rief sich ins Gedächtnis zurück, daß die Ratsherren in Köln etwa siebzig Jahre nach Lochners Tod den von ihm gemalten »Dreikönigs-Altar« stolz Albrecht Dürer, einem berühmten zeitgenössischen Künstler, anläßlich seines Besuches in Köln gezeigt hatten.

Über den Maler konnten sie ihm nicht mehr sagen, als daß er aus Meersburg am Bodensee stammte und im Armenhaus gestorben war. Man nahm inzwischen allgemein an, daß er zwischen 1451 und 1460 verstorben war.

Als habe er die Gedanken des Marquis erraten, sagte der Prinz: »Van Dyke wurde im Jahre 1599 geboren und starb 1641 in London.«

»Dann muß er das Lochner-Gemälde während eines Auslandsaufenthalts kopiert haben.«

»Das ist anzunehmen«, sagte der Prinz, »aber merkwürdigerweise ist auf keinem seiner anderen Gemälde ein ähnliches Antlitz von so überirdischer Schönheit zu finden.«

»Das ist wahr«, pflichtete der Marquis ihm bei. »An der Echtheit besteht kein Zweifel?«

»Isaacs, der es mir anbot, versicherte mir, es sei eines der vollkommensten Van Dyke-Bilder, das er je gesehen habe.«

»Isaacs wollte es verkaufen, daher die Lobeshymnen«, bemerkte der Marquis spöttisch. »Isaacs war es auch, der Euch den Lochner brachte!«

»Ja, natürlich«, erwiderte der Prinz. »Das ist mir klar.«

»Ich frage mich nun«, sagte der Marquis nachdenklich, »ob wir nicht doch einer Fälschung aufgesessen sind.«

»Wenn das der Fall wäre, dann müßte der Maler auf seine Weise ein Genie sein«, gab der Prinz zu bedenken. »Schau dir den Faltenwurf des Gewandes, den Teint des Jesuskindes an! Das ist genau im Stil Van Dykes gemalt.«

Die Aufmerksamkeit des Marquis galt mehr dem Lochner und er stellte außer der Madonnenfigur weitere Ähnlichkeiten zwischen beiden Bildern fest, die einem weniger kritischen Betrachter entgangen wären. Das Gewand der »Heiligen Jungfrau im Lilienhain« war völlig anders als das der Van Dyke-Madonna, und doch sah der Kennerblick des Marquis gewisse Ähnlichkeiten in der Pinselführung der beiden Bilder. Er betrachtete beide Gemälde noch eine Weile sehr eingehend, und sein Instinkt sagte ihm, daß irgendetwas an den beiden Bildern verdächtig war.

Er spürte, daß der Prinz auf eine Äußerung von ihm wartete, und so bemerkte er schließlich seufzend: »Merkwürdig, höchst merkwürdig, aber im Augenblick kann ich keine Erklärung dafür finden. Ich sage Euch, was ich tun werde, Sire: Ich versuche, von Isaacs mehr über die Herkunft der Bilder zu erfahren.«

»Eine großartige Idee!«

»Habt Ihr ihm schon viel abgekauft?«

»Nur den Lochner«, erwiderte der Prinz. »Er bot mir drei, vier Portraits an, die nichts Besonderes waren, so daß ich es für überflüssig hielt, sie dir zu zeigen. Und dann waren wir beide, wie du dich erinnerst, Feuer und Flamme für den Lochner. Ich habe mehr dafür bezahlt, als ich mir leisten konnte, aber ich behaupte nach wie vor, daß er es wert war.«

»Ich ebenfalls«, pflichtete der Marquis ihm bei.

Ein Lächeln zuckte um seine Lippen, als er sich daran erinnerte, daß der Prinz zwar den Preis ausgehandelt, er selbst ihn aber bezahlt hatte.

»Laß mich mal überlegen«, sagte der Prinz und legte die Hand an die Stirn. »Im vergangenen Jahr brachte Isaacs mir einen El Greco, der zu verrottet war, um von Interesse für mich zu sein, und außerdem einen anderen Van Dyke, den ich ebenfalls ablehnte.«

»Daran erinnere ich mich. Sonst noch was?«

»Nein, ich glaube, das war alles, bis er heute hier mit seinem Van Dyke erschien.«

»Zweifellos ein wunderschönes Bild«, sagte der Marquis, »doch ich möchte Euch raten, Sire, die Ähnlichkeit mit dem Lochner nicht zu erwähnen, bis ich entsprechende Nachforschungen angestellt habe.«

»Ich überlasse alles dir, Virgo«, sagte der Prinz. »Du weißt, daß ich deinem Urteil blind vertraue.«

»Auf jeden Fall habt Ihr mein Interesse geweckt, Sire, und ich versichere Euch, daß ich sofort herauszufinden versuche, wo Isaacs die beiden Gemälde erworben hat. Im Nachhinein muß ich sagen, daß wir uns nicht mit seinen vagen Angaben über den Lochner hätten zufriedengeben dürfen.«

»Du hast recht! Du hast völlig recht!« pflichtete der Prinz ihm bei. Mit jungenhaftem Lächeln fügte er hinzu: »Wir waren wohl beide so entzückt davon, daß wir es um jeden Preis haben wollten, ohne viele Fragen zu stellen.«

»Mir kam damals der Verdacht, es könnte gestohlen sein«, gestand der Marquis.

»Mir ebenfalls!« rief der Prinz lebhaft aus.

»Nun, wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet, Sire . . .«, begann der Marquis, wurde aber von dem Prinzen unterbrochen: »Du darfst mich jetzt nicht verlassen, Virgo. Ich möchte mich noch ausführlich mit dir über die Gemälde und viele andere Dinge unterhalten.«

Er war offensichtlich enttäuscht, weil der Marquis sich so rar bei ihm machte.

»Nichts wäre mir lieber, als Eure Einladung anzunehmen, Sire, wenn ich nur früher davon erfahren hätte. Ihr werdet jedoch verstehen, daß es höchst ungalant wäre, wenn ich meine Verabredung im letzten Moment absagte.«

Der Prinz lächelte.

»Es ist nicht schwer zu erraten, daß du mit einer charmanten Schönheit dinieren willst.« Er zwinkerte vielsagend mit den Augen. »Sei vorsichtig, Virgo! Du weißt, daß du mindestens einen ebenso schlechten Ruf genießt wie ich und wir uns keinen Skandal mehr leisten können.«

Der Marquis winkte lächelnd ab.

»Wir können doch tun, was wir wollen, Sire, es wird immer Leute geben, die über uns tratschen und die notfalls Dinge erfinden, falls die Tatsachen nicht ausreichen.« Er hob mit einer ausdrucksvollen Geste beide Hände und fügte hinzu: »Wenn man mich schon mit Worten an den Galgen bringt, dann möchte ich mir auch das Vergnügen des Verbrechens gönnen, dessen man mich bezichtigt.«

Der Prinz warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

»Das ist gut, Virgo, und sehr beruhigend. Ich empfinde ebenso, also werden wir gemeinsam zum Galgen marschieren. Bleibt nur zu hoffen, daß es sich lohnt.«

»Das. nehme ich stark an, Sire«, erwiderte der Marquis, »aber man ist bekanntlich vor Enttäuschungen nie sicher.«

»Mein lieber Virgo«, sagte der Prinz mit gespieltem Ernst, »werde mir nur nicht zum Zyniker.«

»Bei Gemälden und Pferden gewiß nicht«, entgegnete der Marquis.

»Aber bei Frauen, wie? Gib die Hoffnung nicht auf. Vielleicht finden wir eines Tages die ,Heilige Jungfrau im Lilienhain‘ und stellen fest, daß sie genauso bezaubernd ist, wie Lochner sie gemalt hat.«

»Ich halte das zwar für höchst unwahrscheinlich, aber warum nicht weiter hoffen«, entgegnete der Marquis.

Wieder lachte der Prinz und verabschiedete den Marquis mit einer leutseligen Handbewegung.

Während der Marquis nun durch die St. James Street heimwärts fuhr, beschlich ihn leises Bedauern darüber, daß er die Einladung des Prinzen, mit ihm im Carlton House zu dinieren, abgelehnt hatte. Der Grund seines Bedauerns lag darin, daß ihm die grünen Katzenaugen der Lady Abbott plötzlich gar nicht mehr so verführerisch erschienen wie in den frühen Morgenstunden dieses Tages. Die Erinnerung an das aparte Gesicht der Lady wurde überschattet von der natürlichen Anmut der »Heiligen Jungfrau im Lilienhain«.

Ihre Augen blickten verträumt und versonnen in die Welt, und von ihrer Gestalt ging eine wunderbare Grazie aus. Ihr helles Haar wurde von einer mit Blumen geschmückten Krone gehalten, und in den oberen Ecken des Bildes blickten kleine Engel neugierig auf sie herunter. Das Gesicht der Heiligen Jungfrau ließ den Marquis nicht mehr los. Noch nie hatte auf irgendeinem Gemälde oder gar bei einem lebenden weiblichen Wesen ein rätselhafter Augenausdruck einen solchen Zauber auf ihn ausgeübt.

Ich wünschte, ich wäre ihr begegnet, dachte er versonnen. Doch während er das Gespann vom Piccadilly zum Berkeley Square lenkte, schalt er sich für seine törichten Gedanken.

Lady Abbott würde sich zweifellos als amüsant erweisen, und wenn sie sich zumindest zum Schein ein wenig gegen seine Annäherungsversuche sträubte, dann wäre der Abend gerettet. Er hoffte nur, daß ihm die unvermeidliche Eroberung nicht zu leicht gemacht und nicht zu rasch über die Bühne gehen würde.

Cyrilla öffnete die schäbige, ungebeizte Tür des Hauses, trug den Korb in den Flur und setzte ihn vorsichtig auf dem Boden ab, bevor sie die Tür wieder hinter sich schloß.

Dann nahm sie den Korb wieder auf und begab sich in die kleine Küche.

Eine grauhaarige Frau rührte in einem Topf herum, der auf dem Herd stand. Sie drehte sich zu dem Mädchen um und sagte: »Der Doktor hat sich noch nicht blicken lassen.«

»Er hat mir versprochen zu kommen«, erwiderte Cyrilla mit dünner Stimme, die ängstlich klang, »aber er fürchtet wohl, wir können ihn nicht bezahlen.«

»Das wird wohl stimmen«, entgegnete Hannah. »Hast du alles eingekauft, was ich dir aufgetragen habe?«

»Ja, Hannah. Es hat uns den letzten Penny gekostet. Wir haben nichts mehr. Wenn Mr. Isaacs uns heute nicht das Geld für das Bild bringt, dann . . .«

»Er müßte längst hier sein«, sagte Hannah ungehalten. »Ich traue diesem Menschen nicht über den Weg.«

»Aber er ist der einzige Kunsthändler, der nach Papas Erkrankung freundlich zu uns war«, hielt Cyrilla ihr entgegen. »Uns bleibt doch gar nichts anderes übrig, als etwas zu verkaufen, wenn wir nicht verhungern wollen, Hannah.«

»Und wenn es nichts mehr gibt, was wir verkaufen können? Was dann?« fragte Hannah in scharfem Ton.

Cyrilla antwortete nicht. Sie legte den Mantel ab und spürte bleierne Müdigkeit in den Gliedern. In den letzten Wochen hatte sie alles, was sie erübrigen konnten, für die Arznei ausgegeben, die ihr Vater brauchte. Hannah und sie hatten sich nur von Gemüse und Eiern ernährt, weil sie sich nichts anderes leisten konnten.

Vor drei Tagen hatte sie den Van Dyke, das Bild, das Frans Wyntack gemalt hatte, bevor die Krankheit ihn niedergeworfen hatte, Solomon Isaacs zum Verkauf angeboten.

Erschrocken über ihre eigene Kühnheit hatte sie die letzten noch notwendigen Pinselstriche vorgenommen und das Bild nach dem Verfahren, das Frans Wyntack geradezu genial beherrschte, patiniert.

Damals, als ihre Mutter erkrankt war und dringend ärztlicher Hilfe bedurfte, war dem Künstler endgültig klar geworden, daß seine eigenen Bilder sich nicht verkaufen ließen, und er hatte voller Bitterkeit und Haß zu Cyrilla gesagt: »Wenn sie meine Bilder nicht haben wollen, dann werde ich ihnen eine Lektion erteilen, die sie in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen werden!«

»Was meinst du damit, Papa?« hatte Cyrilla ihn gefragt.

»Damit meine ich«, erwiderte Frans Wyntack, »eine gewisse Technik des Fälschens, die ich während meiner Lehrzeit vor vielen Jahren in Köln erlernt habe.«

Cyrilla blickte ihn erschrocken an, und er fuhr fort: »Ich kannte da einen Mann, der wohl ein bißchen verrückt, aber auf seine Art genial war. Er pflegte den ganzen Tag in der Gemäldegalerie zu verbringen und zu malen. Da ich ihm sehr oft begegnet bin, begann ich mich für seine Bilder zu interessieren.«

»Er kopierte die Gemälde, die in der Galerie ausgestellt waren?« fragte Cyrilla.

»Richtig«, bestätigte Frans Wyntack, »aber er tat das so meisterhaft, und raffiniert, daß er manchmal lachend eines seiner Bilder hochhielt und mich fragte: ,Wenn das gerahmt an der Wand hinge, würdest du dann noch erkennen, welches das Original ist?‘«

»So gut waren seine Fälschungen?«

Cyrilla glaubte nicht recht an das, was Frans Wyntack ihr da erzählte, zumal sie von ihm wußte, daß er Fälschungen ebenso verabscheuungswürdig fand wie die Händler, die ein Bild ,aufbereiteten‘, um einen besseren Preis dafür zu erzielen.

»Was ist aus ihm geworden, Papa?« fragte sie, als er schwieg und mit den Gedanken weit weg zu sein schien.

»Dem Maler?« fragte er dann. »Nun, hin und wieder verkaufte er eines seiner Bilder an Leute, die auf eine gute Kopie scharf waren, doch vermutlich ist er letztendlich elend verhungert wie so viele in unserem Gewerbe.«

»Ich verstehe nicht. . . warum erzählst du mir gerade jetzt von ihm?« wollte Cyrilla wissen.

»Das will ich dir erklären. Kurz vor meiner Abreise aus Köln hat er mich in die Kunst des Fälschens eingeweiht; er hat mich gelehrt, wie man den Stil eines berühmten Künstlers nachahmt, wie man die Leinwand präpariert, bestimmte Farbmischungen benutzt und das Bild nach Fertigstellung mit einer Politur versieht und patiniert, so daß kein Käufer mehr erkennen kann, daß es nicht bereits vor einigen Jahrhunderten gemalt worden ist.«

Cyrilla blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als er fortfuhr: »Diese Fertigkeit werde ich mir jetzt zunutze machen. Die Kunstwelt hat mich so niederträchtig behandelt, daß ich keine Gewissensbisse habe, mir meine Taschen auf diese Weise zu füllen.«

»Aber . . . Papa, das wäre doch Betrug! Außerdem ist es strafbar!«

»Nur, wenn du dich erwischen läßt!« entgegnete Frans Wyntack.

Obwohl sie mit allen Mitteln versuchte, ihm sein Vorhaben auszureden, suchte er Sir George Beaumont auf, einen bekannten Kunstmäzen, der Künstlern erlaubte, seine private Gemäldesammlung zu besichtigen und berühmte Bilder ausländischer Maler zu kopieren. Frans Wyntack gehörte zu den Malern, die dieses Privileg genossen, und er machte oft Skizzen von Bildern, die ihm gefielen, um zu Hause dann den Stil zu kopieren. Er verkaufte das Bild gewöhnlich an einen Händler und begab sich wieder in Sir Georges Galerie, um sich ein anderes Motiv auszusuchen.

Die fertigen Werke riefen bei Cyrilla helle Begeisterung hervor.

»Sie sind grandios, Papa! Einfach grandios! Aber trotzdem ist es unrecht!«

Sie freute sich jedoch, als Frans Wyntack ihr eine Woche später genügend Geld gab, um nicht nur ihre Schulden zu bezahlen, sondern auch für die kranke Mutter alles Nötige einkaufen zu können.

»Ich muß mir einen anderen Kunsthändler suchen, und das wird ziemlich schwierig werden«, vertraute Frans Wyntack ihr an.

»Was hast du gegen den Mann, der bisher deine Bilder verkauft hat?« fragte Cyrilla verständnislos.

»Es ist viel zu gefährlich, weiter zu ihm zu gehen. Er kennt mich zu gut und war schon in unserem Haus. Er weiß genau, daß ich keine wertvollen Gemälde besitze.«

»Warum hat er dir dann bisher die Bilder abgekauft?«

Ihr Vater lachte bitter.

»Er glaubt, ich hätte sie gestohlen, und hat es deshalb unterlassen, Fragen nach ihrer Herkunft zu stellen.«

»Aber . . . Papa, wie . . . kannst du es zulassen, daß dich jemand für einen gemeinen Dieb hält?«

»Meinetwegen kann er mich für sonst was halten, Hauptsache, er bezahlt gut«, entgegnete Frans Wyntack ungerührt. »Bedauerlicherweise hat sich in diesem Falle das Verbrechen nicht bezahlt gemacht. Er hat mich auf einen viel niedrigeren Preis heruntergehandelt, als ich zu akzeptieren bereit war.«

Er schien verärgert, und Cyrilla versuchte, ihn zu beruhigen: »Immerhin konnten wir alles Nötige für Mama besorgen und die Arztrechnung davon bezahlen.«

»Was hat der Arzt heute gesagt?« erkundigte sich Frans Wyntack.

»Daß sie Ruhe braucht und nahrhafte Speisen. Er hat ihr wieder eine Menge Medikamente verschrieben, aber bisher hat keines davon geholfen.«

Frans Wyntack preßte die Lippen zusammen, und wenig später hörte Cyrilla ihn nach oben zur Schlafkammer ihrer Mutter eilen.

Cyrilla lauschte seinen Schritten nach, und in dem Augenblick, als die Schlafzimmertür hinter ihm ins Schloß fiel, schwor sie sich: »Mama darf niemals erfahren, was Papa tut. Sie wäre entsetzt, wenn sie wüßte, daß er Bilder fälscht und die Käufer bewußt damit betrügt. Es ist unrecht. . . aber ich weiß nicht, wie er uns sonst helfen sollte.«

Doch alle Mühe um die Kranke war vergebens. Der Zustand ihrer Mutter verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie schien ihnen immer mehr zu entgleiten und wurde immer schwächer, und als Frans Wyntack eines Morgens neben ihr aufwachte, war sie tot.

Cyrilla hatte das Gefühl, eine Welt stürze ein. Ihre Mutter war der Mittelpunkt ihres Lebens, ihres Glücks und ihres Zuhauses gewesen. Ohne sie fühlte sie sich verloren.

Während sie vor Schmerz wie betäubt war, litt Frans Wyntack Höllenqualen. Tagelang saß er in seinem Atelier und starrte auf eine Leinwand, die er immer wieder mit kleinen Portraits ihrer Mutter bemalte, die Bilder jedoch sofort wieder wegwischte, als würden sie der Frau, die er abgöttisch geliebt hatte, nicht gerecht.

»Sie müssen ihn dazu bringen, daß er wieder malt«, sagte Hannah eines Tages energisch. »Es ist kein Geld mehr da, und wenn Sie auch keinen Hunger verspüren, Miss Cyrilla, ich habe welchen!«

Cyrilla mußte zugeben, daß Hannah recht hatte. Ruhig, aber bestimmt teilte sie Frans Wyntack mit, daß er wieder malen müsse, da sie nichts mehr hätten, was sie verkaufen könnten.

Zunächst weigerte er sich, weitere Fälschungen zu produzieren, die er nur ihrer Mutter zuliebe angefertigt hatte, und begann wieder eigene Bilder zu malen. Doch dafür bekamen sie jeweils nur wenige Schillinge, und die reichten gerade, um die Leinwand zu bezahlen.

Schweren Herzens trennte Cyrilla sich von den wenigen Wertsachen, die ihre Mutter besessen hatte, einem Seidenschal, einem Spitzenkragen und einem Pelzmuff, und als nichts mehr da war, ging sie entschlossen ins Atelier und sagte: »Einer von uns muß etwas Geld verdienen. Vielleicht kann ich irgendwo Böden schrubben, denn für eine andere Tätigkeit tauge ich nicht.«

Frans Wyntack betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Sie war ihrer Mutter sehr ähnlich, die ihm bei ihrer ersten Begegnung als das schönste Geschöpf erschienen war, das er je gesehen hatte.

Cyrillas Gesicht war vom Kummer und der mangelnden Ernährung schmal und das Kinn spitz geworden, und ihre Augen wirkten übergroß. Sie hatte ihn vor dem Frühstück in seinem Atelier aufgesucht und deshalb ihr Haar noch nicht aufgesteckt. Es fiel offen über ihre Schultern und glich im Morgenlicht einer schimmernden Woge. Das Außergewöhnliche daran war der Silberschein, der ihrem Haar anhaftete, als habe sich versehentlich das Mondlicht darin verfangen.

Er starrte Cyrilla so merkwürdig an, daß es ihr schwerfiel, seine Gedanken zu erraten. Schließlich sagte er: »Ich hatte gerade ein Bild angefangen - die Fälschung eines Lochner -, als deine Mutter krank wurde und deshalb konnte ich es nicht vollenden. Weiß der Himmel, ob ich die Stimmung wieder einfangen kann, aber ich will es zumindest versuchen.«

»Was meinst du damit, Papa?«

»Du willst Geld von mir haben, also mußt du es dir verdienen«, sagte er beinahe schroff. »Hülle dich in das Seidentuch da und setz dich auf den Thron da drüben.«

»Du willst mich zu deinem - Modell machen?« fragte Cyrilla.

Schweigend stellte Frans Wyntack die Staffelei auf. Nach einigem Suchen fand er das unvollendete Bild, dann rückte er Cyrilla so zurecht, daß sich das durch das Fenster einfallende Licht in ihrem Haar verfing, und begann zu malen.

Die Madonnen mit dem vergeistigten Antlitz, für die Stefan Lochner berühmt war, hatten ihn an seine Frau erinnert, und er hatte den Wunsch verspürt, das Bild wie ein Porträt von ihr zu malen, nicht nur deshalb, weil es sich dann besser verkaufen würde, sondern weil ihn nur Vollkommenheit befriedigte.

Er schuf drei andere Gemälde, während er noch mit dem beschäftigt war, für das Cyrilla ihm nun Modell saß.

Die drei, die er als reine »Brotarbeit« bezeichnete, hatte er von Gemälden aus Sir George Beaumonts Sammlung abgemalt und demselben Mann verkauft, der annahm, er habe sie gestohlen. Sie brachten ihm genügend Geld ein, um Hannah zu besänftigen.

Er arbeitete monatelang an dem Lochner-Gemälde. Als es schließlich fertig war, forderte er Cyrilla auf, sich daneben zu stellen.

»Schau es dir an!« sagte er. »Gib dein Urteil ab. Verlaß dich auf deinen Instinkt. Mißfällt dir etwas daran?«

»Es ist wunderschön, Papa. Ich wünschte, ich würde wirklich so aussehen wie auf deinem Bild!«

»Es wird deinem Aussehen gerecht«, erwiderte er sachlich. »Doch darum geht es mir nicht, sondern um meine Malkunst.«

»Sie ist grandios! Warum kannst du nicht solche Bilder malen, statt andere zu kopieren, sie mit deinem Namen signieren und berühmt werden?«

Einen Augenblick war es still in dem kleinen Atelier, dann ließ Frans Wyntack sich wieder vernehmen: »Willst du wissen, warum? Ich kenne die Antwort.«

»Sag es mir.«

»Künstler wie Lochner und all die anderen, die du und ich bewundern, haben etwas Geniales an sich, etwas, das sie befähigt, Werke zu schaffen, zu denen andere Maler nicht fähig sind.«

»Du willst damit sagen, Papa, daß sie wie Musiker sind, die zwar sehr musikalisch sein mögen, aber nicht das Zeug zum Komponisten haben?«

»Das trifft es genau! Ein Komponist ist ein Genie, und ein Maler muß eine ähnliche geniale Ader haben. Wenn er die nicht besitzt, vermag er seinen Gemälden kein Leben einzuhauchen, und so ergeht es mir mit meinen Bildern.«

»Aber du bist talentiert, Papa. Dieses Gemälde ist wunderschön. Am liebsten möchte ich es behalten und jeden Tag anschauen.«

Frans Wyntack lachte.

»Du brauchst nur in den Spiegel zu schauen, Kleines. Für das hier werden wir eine Menge Geld bekommen.«

»Wie willst du das anstellen?« fragte Cyrilla.

»Ich wende mich an einen anderen Kunsthändler, einen Mann namens Solomon Isaacs, von dem ich gehört habe, daß er verzweifelt nach seltenen Bildern sucht, die er dem Kronprinzen vorstellen möchte.«

»Du willst ihm nicht sagen, daß es eine Fälschung ist?«

»Natürlich nicht. Ich werde ihm weismachen, ich hätte das Bild aus einem alten Familienbesitz geerbt und hätte mich bisher nicht davon trennen können.« Er lächelte, als wolle er sich selbst verspotten, dann sagte er zu Cyrilla: »Häng meine besten Sachen heraus, von denen deine Mutter immer sagte, ich sähe in ihnen wie ein Gentleman aus.«

Frans Wyntack sah aus wie ein etwas altmodisch gekleideter Gentleman, als er mit dem Gemälde das Haus verließ, und Cyrilla betete, daß er Erfolg haben möge.

Hannah war in letzter Zeit unausstehlich, weil sie kein Geld zur Verfügung hatte, um Lebensmittel einzukaufen. Cyrilla achtete darauf, daß alles, was sie erübrigen konnten, ihrem Vater zukam und nicht ihnen. Sie aß so wenig, daß sie zuweilen in einem Schwächeanfall zur nächsten Sitzgelegenheit wankte.

Als ihr Vater schließlich an die Tür klopfte, war sie einen Augenblick lang unfähig, sich zu erheben und ihm zu öffnen.

Sie hatte entsetzliche Angst, er könnte mit dem unverkauften Gemälde unterm Arm vor ihr stehen.

Stattdessen stürmte er mit einem Freudenschrei ins Haus und wirbelte sie durch die Luft, wie er es getan hatte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war.

»Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!« schrie er mit sich überschlagender Stimme.

»Du hast das Bild verkauft?« Cyrilla rang nach Luft, und ihr war ein wenig schwindlig von seiner ungestümen Umarmung.

»Ich habe es verkauft, vorausgesetzt, der Kronprinz erwirbt es, doch der Händler ist ganz sicher, daß dies geschehen wird. Der Prinz wollte schon immer einen Lochner für seine Sammlung haben.«

»Ich brauche sofort Geld!« ließ Hannah sich in scharfem Ton von der Küchentür her vernehmen.

»Nun, darauf mußt du noch eine Weile warten«, erwiderte Frans Wyntack, »oder auf Pump kaufen.«

Sie ging in die Küche zurück und schmetterte die Tür hinter sich ins Schloß. Cyrilla und ihr Vater blickten sich eine Weile verdutzt an, dann lachten sie lautlos wie zwei Verschwörer.

»Alles in Ordnung«, sagte er. »Isaacs war nämlich so beeindruckt von dem Lochner, daß er mir ein paar Pfund Vorschuß gegeben hat.«

»Oh Papa! Warum hast du das nicht gleich gesagt?« fragte Cyrilla kopfschüttelnd. »Du hast Hannah unnötig verärgert.«

»Ich wollte eigentlich einige Lebensmittel einkaufen und euch damit überraschen«, antwortete Frans Wyntack, »aber dann bin ich doch auf schnellstem Wege nach Hause geeilt, um dir alles zu erzählen.«

Cyrilla lächelte. Es sah ihm ähnlich, daß er sich so unvernünftig benommen hatte, und im Grunde konnte sie das verstehen, denn er lebte in einer Phantasiewelt, und deshalb hatte ihre Mutter ihn auch so sehr geliebt.

Doch sie wollte jetzt keine trüben Gedanken aufkommen lassen und sagte sachlich: »Gib mir das Geld, Papa. Ich kaufe davon ein. Ich weiß genau, was Hannah braucht.«

Frans Wyntack kam ihrer Aufforderung nur zu gern nach, denn er befaßte sich möglichst selten mit leidigen Geldangelegenheiten.

Während Cyrilla sich auf den Weg machte, um die Läden aufzusuchen, ging er in sein Atelier zurück, um eine Arbeit zu beginnen, die sein Meisterwerk werden sollte.

2

»Bei meiner Ehre, Mylord, das ist wirklich und wahrhaftig alles, was ich weiß.«

Solomon Isaacs streckte in theatralischer Gebärde die Hände aus.

Der Marquis, der in dem Trödelladen sehr groß und respekteinflößend wirkte, sah ihn durchdringend an.

»Nach Ihren Angaben«, sagte er gedehnt, »will der Eigentümer des Van Dyke anonym bleiben, und das ist durchaus verständlich. Andererseits dürfte Ihnen aber auch einleuchten, daß ich Seiner Königlichen Hoheit nicht zum Kauf eines Gemäldes raten kann, das keine verläßliche Geschichte aufzuweisen hat.« Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann drohend hinzu: »Es könnte ja gestohlen oder eine Fälschung sein.«

Der Händler protestierte lauthals.

»Ich habe einen Ruf zu verlieren, Mylord, und ich kann Ihnen versichern, daß meine jahrelange Erfahrung im Handel mit wertvollen Gemälden mich dazu befähigt, eine Fälschung sofort zu erkennen.«

Der Marquis schien von seiner Beteuerung wenig beeindruckt. Er wußte, daß Isaacs zwar einen guten Ruf in der Branche genoß, aber keineswegs zu den bedeutendsten Kunsthändlern Londons zählte. Andererseits spürte er aber, daß er ein Mann von scharfem Intellekt und überragendem Kunstverstand war, besonders was Gemälde anbelangte.

»Haben Sie noch mehr Bilder von dieser speziellen Quelle auf Lager?« erkundigte er sich.

Nach kaum merklichem Zögern erwiderte Solomon Isaacs: »Nein, Mylord, das ist das erste.«

Das klang durchaus überzeugend, aber der Marquis war trotzdem sicher, daß der Mann log. Um Zeit zu gewinnen, sah er sich scheinbar interessiert im Laden um.

Die Bilder an den Wänden waren wertlos. Keines davon hätte Gnade in den Augen des Kronprinzen gefunden. Einige Stapel Ölgemälde befanden sich auf dem Fußboden, außerdem Bilderrahmen in verschiedenen Größen.

»Zeigen Sie mir diese Bilder«, forderte der Marquis den Händler auf und wies auf einen Stapel.

Isaacs kam seinem Wunsch beflissen nach und hielt eines der Bilder in das diffuse Licht, das durch die schmutzige Scheibe in den Laden einfiel.

»Sind die Farben nicht einmalig«, schwärmte er. »Und schauen Sie sich den Pinselstrich an und den Glanz, den der Künstler in die Augen des Modells gezaubert hat!«

Der Marquis schenkte dem Geschwätz keine Beachtung. Die meisten Bilder waren Schund oder sie zeigten Motive, die ihm nicht zusagten.

Sie wandten sich dem nächsten Stapel zu, und Isaacs Lobpreisungen zogen sich so in die Länge, daß der Marquis den Redefluß mit einer unwilligen Handbewegung unterbrach.

»Zurück zu meiner eingangs gestellten Frage«, sagte er, als er endlich zu Wort kam. »Was wissen Sie über den Van Dyke?«

»Ich habe Eurer Lordschaft alles mitgeteilt, was mir über die Herkunft des Bildes bekannt ist!« beteuerte Isaacs in verzweifeltem Ton.

»Dann denken Sie gefälligst nach, ob Ihnen nicht doch noch dieses oder jenes zur Herkunft des Bildes einfällt. Sonst kann ich Seiner Königlichen Hoheit den Ankauf auf keinen Fall empfehlen.«

Der Marquis wandte sich entschlossen der Ladentür zu. Sofort war Isaacs neben ihm.

»Ich tue alles, was in meinen Kräften steht, Mylord!« schwor er. »Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort!«

»Dann beeilen Sie sich damit«, bemerkte der Marquis kühl und machte erneut Anstalten, den Laden zu verlassen.

»Da wäre höchstens noch eine Sache zu erwähnen, Mylord«, hörte er den Händler hastig sagen. »Allerdings gebe ich sie nur ungern preis.«

»Was ist es?«

»Der Verkäufer braucht dringend Geld. Sie hat mich sogar um . . .«

»Sie?«

Der Zwischenruf des Marquis kam wie aus der Pistole geschossen.

Der Mann zuckte erschrocken zusammen. Seine Reaktion verriet, daß ihm das versehentlich herausgerutscht war.

Einen Augenblick lang herrschte gespannte Stille.

»Sie sagten »sie« brauche Geld«, wiederholte der Marquis mit schwerer Betonung. »Heißt das, das Gemälde gehört einer Dame?«

»Sie sprach gestern bei mir vor«, gab Isaacs widerwillig zu. »Sie sagte, ihr Vater, dem das Bild gehöre, sei schwer erkrankt und sie benötigten Geld für den Arzt.«

Der Marquis spürte zwar, daß es Isaacs große Überwindung kostete, diese Informationen preiszugeben, doch er ahnte nicht, daß die ärmliche Erscheinung der Kundin und die noch armseligere Gegend, in der sie wohnte, der Grund dafür waren, weshalb der Händler in tödlicher Verlegenheit war, mußte er doch befürchten, daß sein vornehmer Kunde davon abgeschreckt würde.

Isaacs hatte als gewiefter Geschäftsmann sofort die Chance gewittert, den von ihr geforderten Preis herunterzuhandeln und damit den eigenen Profit beträchtlich zu vergrößern. Nun hatte er das unbehagliche Gefühl, daß der Marquis, den er für äußerst geschäftstüchtig hielt, eine Möglichkeit finden würde, dies zu verhindern, sobald er herausgefunden hatte, woher das Bild stammte.

Seine Befürchtungen erwiesen sich als berechtigt, denn schon hörte er den Marquis sagen: »Ich würde die junge Dame gern aufsuchen und mit ihr über das Gemälde, das sie verkaufen will, ausführlich sprechen. Sicher wird sie mir mehr über die Herkunft sagen können als Sie.«

»Ich fürchte, das ist unmöglich, Mylord«, erklärte Isaacs hastig, doch er konnte den Marquis nicht täuschen.

»Warum?« wollte er wissen, obwohl er die Antwort ahnte.

»Weil ich ihre Adresse nicht kenne, Mylord.«

»Wie wollen Sie ihr dann das Geld zukommen lassen?«

»Sie will morgen wieder bei mir vorbeischauen.«

»Wann genau?«

»Das hat sie nicht gesagt, Mylord.«

Der Marquis dachte einen Augenblick nach.

»Würde sie Ihnen ihre Adresse geben, wenn Sie sie darum bitten?« fragte er schließlich.

»Das bezweifle ich, Mylord. Vielmehr war es wohl genauso, wie es der Herr, der mir das andere Bild brachte, geschildert hat . . .«

»Welches andere Bild?«

Isaacs sah sich in die Enge getrieben. Er hatte sich vom Marquis übertölpeln lassen, weil er das Gemälde unbedingt an den Mann bringen wollte und sich deshalb Blößen gegeben hatte.

In seiner Branche war es ein offenes Geheimnis, daß die Kunstkäufe, die der Kronprinz tätigte, gewöhnlich von einem seiner wohlhabenden adligen Freunde bezahlt wurden.

Für Gemälde war der Marquis von Fane zuständig, der Seiner Königlichen Hoheit bereits eine große Anzahl wertvoller Bilder finanziert hatte. Das Geld für den Lochner hatte Isaacs ebenfalls durch einen Boten erhalten, der die Livree des Marquis trug.

»Wenn ich mich recht erinnere«, sagte der Marquis gedehnt, »so haben Sie vorhin noch behauptet, dies sei das erste Bild von diesem speziellen Eigentümer.«

»Das war ein Irrtum«, gestand Solomon Isaacs. »Mir ist eben eingefallen, daß der Gentleman, der mir damals das Bild brachte, das in den Besitz Seiner Königlichen Hoheit überging, mir dieselbe Adresse nannte wie die junge Dame. Das ist mir eben erst aufgefallen.«

Der Marquis bemerkte die Lüge sofort, aber er ließ sie durchgehen.

»Wie war sein Name?«

»Ich habe ihm mein Wort gegeben, Mylord, seinen Namen nicht preiszugeben; es wäre unehrenhaft, wenn ich mich nicht daranhielte.«

»Dann nennen Sie mir die Adresse!«

»Das verstößt gegen meine Prinzipien, Mylord, und würde meinem guten Ruf in der Branche schaden. Meine Diskretion ist mein Kapital, pflege ich immer zu sagen.«

Der Marquis wirkte verärgert.

»Ihre Geschichte wird immer widersprüchlicher. Das Lochner-Bild, das Sie Seiner Königlichen Hoheit vor sechs Monaten verkauft haben, stamme aus einer privaten Sammlung, haben Sie behauptet, deshalb wäre Ihnen nicht mehr darüber bekannt.«

»Das ist richtig, Mylord.«

»Nun scheint dieses Bild, über das Sie sich nur in geheimnisvollen Andeutungen ergehen, aus derselben Quelle zu stammen.«

»Ich war etwas verwirrt, Mylord, weil ich es diesmal mit einer jungen Dame und vorher mit einem Herrn zu tun hatte.«

»Sie sagte, es sei ihr Vater gewesen?«

»Ja, ja, Mylord, das sagte sie.«

»Und er sei krank?«

»Ja, Mylord.«,

»So daß sie dringend Geld benötigte?«

»So ist es, Mylord.«

Isaacs entging, daß die Augen des Marquis triumphierend aufblitzten, doch er hatte das dumpfe Gefühl, sich zum Narren gemacht zu haben. Der Marquis erwies sich als gerissener Verhandlungspartner.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte der Marquis bedächtig. »Ich kaufe Ihnen das Bild zu dem von Ihnen geforderten Preis ab, der vermutlich astronomisch sein wird, unter einer Bedingung: Sie nennen mir die Adresse, an die das Geld bezahlt wird. Den Namen brauchen Sie mir nicht zu nennen, weil Ihnen Ihr Ehrenwort offenbar so viel bedeutet.«

Der spöttische Unterton in seiner Stimme mißfiel Isaacs. Der Verkäufer des Lochner-Gemäldes war zwar altmodisch gekleidet gewesen, hatte aber das Auftreten eines Gentlemans gehabt und schien zudem aus dem Ausland zu stammen. Erst nachdem er sich das Geld abgeholt und wieder gegangen war, hatte Isaacs sich überlegt, daß es vielleicht von Vorteil für ihn sein könnte, nachzuforschen, ob er noch mehr wertvolle Gemälde zu verkaufen hatte. Isaacs war deshalb hocherfreut gewesen, als die junge Frau ihm den Van Dyke gebracht hatte. Allerdings hatte er sich das nicht anmerken lassen. Da sie ärmlich und unbedeutend aussah, hatte er sie zunächst kaum beachtet, als sie mit dem Bild unter dem Arm zögernd seinen Laden betreten hatte. Er war überzeugt davon, daß sie ihm nichts Bedeutendes anzubieten hatte, und es gehörte zu seiner Taktik, Leute, die etwas von ihm wollten, warten zu lassen, bis sie immer nervöser wurden und jeden Preis akzeptierten, den er ihnen nannte.

Er hatte die junge Frau schließlich in barschem Ton gefragt, was sie wünsche, und war überrascht gewesen vom melodischen Klang ihrer Stimme. Eine noch angenehmere Überraschung war für ihn das, was sie ihm anzubieten hatte.

Ihr Äußeres hatte er nur flüchtig wahrgenommen. Da es ein kalter Tag war, hatte sie ein langes Cape getragen, das verblichen und altmodisch wirkte, und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Wenn er es sich recht überlegte, wußte er nicht, wie sie ausgesehen hatte, zumal er nur Augen für das Bild gehabt hatte.

Mit einem Blick hatte er erfaßt, daß es sich um einen Van Dyke handelte und dazu um ein besonders gelungenes Werk des Künstlers. Natürlich war ihm auch bekannt, daß Van Dyke Hunderte von Bildern und Portraits gemalt hatte, außerdem noch eine große Anzahl hinreißender biblischer Darstellungen. Karl I. hatte ihm eine jährliche Pension von zweihundert Pfund gezahlt, ihm außerdem zwei Häuser zum Geschenk gemacht und ihn in den Adelsstand erhoben.

Isaacs bewunderte Van Dyke mehr als manchen anderen großen Maler, und es war immer sein Herzenswunsch gewesen, einmal eines seiner Bilder zum Kauf angeboten zu bekommen.

Nun schien sein ehrgeiziger Wunsch in Erfüllung zu gehen, und er vermochte sein Glück kaum zu fassen.

»Woher haben Sie es?«

»Es ... es gehört meinem Vater. Er hat Ihnen vor einiger Zeit ein anderes Gemälde aus seiner Sammlung verkauft.«

»Welches?«

»Es war . . . von Stefan Lochner.«

Die Worte kamen stockend über ihre Lippen, doch Isaacs hätte beinahe vor Entzücken gejubelt.

Der Lochner, von dem der Kronprinz so angetan war und für den der Marquis von Fane ohne zu feilschen den geforderten Preis gezahlt hatte, war ein Bombengeschäft gewesen. Er beging allerdings nicht den Fehler, der Kundin zu zeigen, wie begeistert er war, sondern fragte beiläufig: »Ich nehme an, Ihr Vater hat Sie bevollmächtigt, dieses Bild zu veräußern?«

»Ja . . . natürlich.«

Ihre Stimme zitterte ein wenig und bestärkte Isaacs Verdacht, daß sie das Bild gestohlen hatte.

»Dann werde ich es in Kommission nehmen und hoffentlich in einem angemessenen Zeitraum einen Käufer dafür finden.«

»Sie . . . könnten es nicht sofort kaufen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das tue ich selten. Was verlangen Sie dafür?«

Er vermutete, daß sie keine Ahnung hatte, wie wertvoll es war, doch dann nannte sie zögernd ihren Preis, der zwar durchaus angemessen war, für einen echten Van Dyke jedoch weit unter dem Marktpreis lag.

»Ich bezweifle, daß ich so viel dafür bekommen werde.«

»Würden Sie es bitte versuchen? Es ist sehr wichtig, daß mein Vater das Geld so schnell wie möglich bekommt.«

Spielschulden, möcht’ ich wetten! dachte Isaacs.

»Ich werde mein Möglichstes tun«, sagte er, »aber es zahlt sich nicht aus, wenn man etwas zu überstürzen versucht.«

Die junge Frau hatte tief Luft geholt und dann beinahe verschämt gesagt: »Wäre ... es möglich, daß Sie . . . mir einen kleinen Vorschuß geben? Mein Vater braucht. . . Medikamente und der Arzt muß auch bezahlt werden.«

Zunächst hatte Isaacs ihr die Bitte abschlagen wollen, doch dann hatte ihn so etwas wie Mitleid mit der zerbrechlichen Gestalt vor ihm erfaßt.

»Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu komme, Ihnen zuliebe mit meinen Grundsätzen zu brechen, aber hier haben Sie fünf Pfund, die ich natürlich vom Preis abziehen werde, außer der Provision, die ich bekomme.«

Er drückte fünf Goldmünzen in die behandschuhte Hand der Kundin.

»Danke ... ich danke Ihnen vielmals«, sagte sie. »Das ... ist sehr freundlich von Ihnen. In zwei Tagen . . . das wäre am Mittwoch, frage ich bei Ihnen nach, ob Sie einen Käufer auftreiben konnten.«

»Zaubern kann ich nicht! Aber kommen Sie ruhig vorbei. Außerdem brauche ich Ihre Adresse. Wenn Sie sonst noch etwas Brauchbares zu verkaufen haben, würde ich mir das gern ansehen.«

Er gab sich die größte Mühe, seine freudige Erregung vor ihr zu verbergen. Erst der Lochner und nun das! Er war sicher, der Kronprinz würde dem Van Dyke nicht widerstehen können.

Er hatte so lange seinen Gedanken, nachgehangen, daß er die Anwesenheit des Marquis fast vergessen hätte. Jetzt stellte er zu seinem Entsetzen fest, daß der Edelmann im Begriff war, den Laden zu verlassen.

»Mylord! Mylord!« rief er hinter ihm her.

»Wenn Sie nicht an meinem Vorschlag interessiert sind«, erklärte der Marquis, »werde ich dafür sorgen, daß Ihnen das im Palast des Kronprinzen befindliche Gemälde zurückgebracht wird.«

»Nein, Mylord! Nein, hören Sie mich bitte an!« flehte Isaacs ihn an.

Der Marquis war bereits auf die Straße getreten. Sein Phaeton mit dem unruhig tänzelnden Gespann wartete auf ihn.

»Nun?« fragte er so gleichmütig wie möglich.

»Die Adresse ist - Queen Anne Terrasse Nummer 17 in Islington, Mylord!«

Der Marquis stieg in die Kutsche ein.

»Sie bekommen das Geld für den Van Dyke morgen früh«, sagte er beiläufig.

Der Marquis fuhr davon und Isaacs begab sich mit einem tiefen Seufzer in seinen Laden zurück. Er hatte das unbehagliche Gefühl, einen Riesenfehler begangen zu haben, aber was hätte er denn tun sollen?

Die Queen Anne Terrasse im Armenviertel von Islington war nicht gerade eine Gegend, in der man Meisterwerke wie einen Lochner oder einen Van Dyke aufzustöbern hoffte. Er gelangte immer mehr zu der Überzeugung, daß mit diesen Bildern etwas nicht stimmte. Er hätte vorher Nachforschungen anstellen müssen, bevor er sie dem Kronprinzen zum Verkauf anbot.

Der Gentleman, der sich als Eigentümer des Lochner ausgegeben hatte, war seiner Überzeugung nach ehrlich gewesen, aber bei der jungen Frau hatte er Zweifel.

Keine Dame, die etwas auf sich hielt, wäre allein in die Bond Street gekommen, noch dazu mit einem Bild unter dem Arm.

Nachdem sie ihre Adresse genannt und den Laden verlassen hatte, waren ihm wieder Bedenken gekommen, das Bild könne gestohlen und der Diebstahl der Polizei bereits gemeldet worden sein. Ein klügerer und vielleicht auch reicherer Kunsthändler hätte vorher Erkundigungen eingezogen, aber Isaacs hatte es eilig gehabt, zu seinem Geld zu kommen und zudem dem Kronprinzen zu Diensten zu sein.

Mit dem ersten verkauften Bild hatte er sich Zugang zum Carlton House verschafft. Das zweite sollte dafür sorgen, daß sein Name im Palast ein Begriff wurde. Nun hatte er sich von dem Marquis überlisten lassen, und das verärgerte ihn.

»Seine Lordschaft ist ein schlauer Fuchs, das muß man ihm lassen«, murmelte er.

Der Marquis hatte in diesem Augenblick allen Grund, mit sich zufrieden zu sein. Er hatte dem Mann die Informationen entlockt, die er brauchte, und war entschlossen, der Fährte zu folgen, solange sie heiß war. Zum ersten Mal nach langer Zeit verspürte er so etwas wie Jagdfieber, und er trieb seine Pferde zu schnellerer Gangart an, um Islington so rasch wie möglich zu erreichen.

Dieser Stadtteil von London war Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Mode gewesen, dann aber in Krisenzeiten verfallen und verwahrlost. Die Häuser wirkten grau und unansehnlich, auf den schmiedeeisernen Balkons hing Wäsche und die meist zerbrochenen Oberlichter der Haustüren waren mit Pappe notdürftig geflickt. Die Queen Anne Terrasse beherbergte Häuser der verschiedensten Größen und Epochen, und es kostete den Marquis einige Mühe die Nummer 17 am Ende der Gasse zu finden. Das Haus war mit einem hohen Aufbau versehen, der ein Atelier darstellen mochte. Der Marquis trat zu der schäbigen Tür und griff nach dem Türklopfer, der zu seinem Erstaunen aus blankgeputztem Messing war.

Er erhielt keine Antwort und fürchtete schon, vergebens gekommen zu sein.

Gerade wollte er den Türklopfer ein zweites Mal betätigen, da wurde die Tür geöffnet und eine Stimme rief: »Hast du den Schlüssel vergessen, Hannah?«

Danach trat Stille ein.

Cyrilla blickte den Marquis verblüfft an, denn sie hatte Hannah vor der Tür vermutet.

Er starrte sie an wie eine Erscheinung und war einen Moment lang sprachlos.

Cyrillas helles Haar glänzte im Licht wie ein Heiligenschein, und die dunklen Wände bildeten einen reizvollen Hintergrund, vor dem sie wie das lebendige Ebenbild von Lochners Madonna erschien.

Die wenigen Sekunden kamen ihm vor wie Stunden, in denen sie sich unverwandt ansahen. Dann gewann Cyrilla als erste ihre Fassung wieder.

»Tut. . . mir leid«, sagte sie, »ich dachte, es sei unsere Dienerin, die einiges einkaufen wollte ... Sie haben sich sicher in der Adresse geirrt.«

Ihre Stimme paßte genau zu der Erscheinung, die ihm vorgeschwebt hatte, als er die »Heilige Jungfrau im Lilienhain« das erste Mal betrachtet hatte, und er hörte sich mit merkwürdig befangen klingender Stimme sagen: »Keineswegs - ich wollte zu Ihnen.«

»Zu mir?« Cyrilla verstand überhaupt nichts.

Der Marquis zog seinen eleganten Zylinderhut.

»Darf ich eintreten?« fragte er. »Ich muß mit Ihnen reden.«

Cyrillas Augen weiteten sich vor Schreck, und sie blickte wie hilfesuchend hinter sich.

»Ich versichere Ihnen, daß ich Ihnen nicht lästig fallen will«, sagte der Marquis mit einem leisen Lächeln um die Lippen. »Ich werde sofort wieder gehen, wenn Sie es wünschen, aber zwischen Tür und Angel kann ich Ihnen den Grund meines Besuches schwer erklären.«

In diesem Augenblick bemerkte Cyrilla, daß die Leute auf der Straße den Marquis bereits neugierig musterten.

»Ja . . . natürlich«, sagte sie mit leichtem Zittern in der Stimme. »Bitte . . . treten Sie ein. Ich fürchte, mein Vater ist zu krank, um . . . Sie empfangen zu können.«

Fieberhaft überlegte sie, was den Besucher zu ihnen geführt haben könnte. War etwa ein Wunder geschehen? Hatte er einige Bilder ihres Vaters gesehen und war an einem Kauf interessiert?

Wie oft hatte sie davon geträumt, daß dies eines Tages geschehen möge.

Ihr Vater hatte jahrelang Bilder gemalt und sie den verschiedensten Trödlern in der Nähe angeboten, die sich nicht mit dem Kunsthändler messen konnten, zu dem sie den Van Dyke gebracht hatte. Dennoch suchten zuweilen Käufer diese Läden auf, in der Hoffnung, auf Bilder eines noch unbekannten, aber talentierten Malers zu stoßen, der eines Tages vielleicht berühmt werden könnte und dessen Werke sich dann als gute Kapitalanlage erweisen würden.

Der Marquis schritt den engen Gang entlang, den er mit seiner breitschultrigen, eleganten Erscheinung völlig auszufüllen schien.

Cyrilla öffnete eine Tür an der linken Seite. Der Marquis trat ein und sah sich in dem kleinen Wohnraum um.

Die Einrichtung war schlicht, aber sehr geschmackvoll, wie er mit einem Blick feststellte. Instinktiv blickte der Marquis auf die beiden dunklen Flecken an der Wand, die ihm verrieten, daß hier zwei größere Gemälde gehangen haben mußten. Dann betrachtete er wieder das Mädchen, noch immer ungläubig und staunend, daß dieses Wesen, das bisher als Modell für die »Heilige Jungfrau im Lilienhain« nur in seinen Träumen existiert hatte, tatsächlich in Fleisch und Blut vor ihm stand.

Ihre Schönheit verwirrte seine Sinne und übertraf seine kühnsten Träume, die ihn nicht mehr losgelassen hatten, seit er das Gemälde das erste Mal betrachtet hatte. Die feingeschnittenen Züge, die großen ausdrucksvollen Augen, das zarte Oval des Antlitzes und die anmutige Gestalt schienen einer Liebesballade zu den Klängen eines Spinetts entsprungen, eine Vorstellung, die bereits das Madonnenantlitz des Gemäldes in ihm geweckt hatte. Sie ist zauberhaft, einfach zauberhaft, dachte er, doch dann spürte er ihre Verlegenheit, die sein bewundernder Blick ausgelöst hatte und ihr eine zarte Röte in die Wangen trieb.

»Wollen Sie sich nicht setzen, Sir?« fragte sie befangen und wies auf einen der Sessel.

Der Marquis kam der Aufforderung nach, und Cyrilla nahm ihm gegenüber Platz. Sie trug ein schlichtes Musselinkleid, das weder mit Bändern hoch mit Borten verziert war, doch gerade in seiner Schlichtheit den sanften Rundungen ihres Körpers gerecht wurde.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.