Kitabı oku: «Der Herzensdieb»

Yazı tipi:

Der Herzensdieb

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2017

Copyright Cartland Promotions 1985

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

Inhaltsverzeichnis

1.

Von den vielen Kerzen in den riesigen Leuchtern strömte eine fast unerträgliche Hitze aus, der schwere Duft der unzähligen Blumen hatte etwas Erstickendes. Zwei Menschen lösten sich aus der glänzenden Menge der Tanzenden und schlenderten durch die weiten Korridore des prächtigen Hauses, das Lord Marshall, einem engen Freund des Prinzen von Wales, gehörte.

„Wohin führen Sie mich, D’Arcy?“ fragte die Dame, als die Musik und das Geräusch, das die vielen Füße auf dem Parkett verursachten, hinter ihnen zurückblieb.

„An einen ruhigen Ort, an dem ich ungestört mit Ihnen reden kann.“

Die Dame ließ ein Lachen hören, das bar jeden Humors war, so melodisch es auch klang.

„Um Himmels willen, nicht schon wieder“, wehrte sie ab, „dazu bin ich heute abend wirklich nicht aufgelegt.“

Ohne auf ihre Worte einzugehen, öffnete der Mann die Tür zu einem leeren Salon, der nur von zwei Leuchtern rechts und links auf dem Kaminsims erhellt wurde.

Die Dame sah sich neugierig um.

„Wie reizend, hier bin ich noch nie gewesen“, stellte sie fest.

„Das Zimmer ist Marshalls Heiligtum, zu dem nur seine vertrautesten Freunde Zutritt haben.“

„Zu denen Sie sich selbstverständlich rechnen.“

„Er ist ein langweiliger Bursche, aber ich kenne ihn schon seit vielen Jahren.“

Die Vorhänge waren zurückgezogen, die Abendbrise, die durch die offenen Fenster hereinwehte, genügte jedoch kaum, um die Kerzen zum Flackern zu bringen. Die Dame fächelte sich mit einem handbemalten Fächer langsam und rhythmisch Luft zu.

Der Mann vermochte den Blick nicht von ihr zu wenden.

„So schön wie heute habe ich Sie noch nie gesehen, Galatea“, bemerkte er schließlich.

Sie nahm das Kompliment gelangweilt zur Kenntnis. Ohne Zweifel war Lady Galatea Roysdon eine außergewöhnlich schöne Frau. Das dunkle Haar - nach der neuesten Pariser Mode frisiert, umrahmte ein vollkommen ebenmäßiges Gesicht. Am auffallendsten aber wirkten ihre großen, tiefgrünen Augen mit den kleinen goldenen Flecken darin. Sie erinnerten an einen klaren Bach, auf dessen Oberfläche die Sonnenstrahlen tanzten.

Es waren sehr ausdrucksvolle Augen, mit denen sie den vor ihr stehenden Mann mißbilligend betrachtete.

„Nun, D’Arcy, was gibt es?“ erkundigte sie sich.

Die einfache Frage genügte, um ihn in Wut zu bringen.

„Verdammt“, fluchte er, „Sie wissen sehr genau, was ich Ihnen sagen will.“

„Und Sie kennen meine Antwort, warum also etwas wiederholen, was zu einem ermüdenden Refrain geworden ist.“

„Mehr bedeute ich Ihnen nicht?“

Er blickte sie mit glühenden Augen an. Höchst elegant gekleidet, wirkte er in seiner Art kaum weniger attraktiv als seine Begleiterin. Wer immer Lady Roysdon und den Grafen von Sheringham im Ballsaal zusammen tanzen sah, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die beiden sowohl äußerlich wie auch dem Ruf nach ausgezeichnet zueinander paßten.

Nur zeigte sich auf Lady Roysdons schönem Gesicht kein Zeichen des wilden Lebens, das sie zum Gesprächsthema der Stadt gemacht hatte, während die ausschweifenden Jahre begannen, ihre Spuren bei dem Grafen zu hinterlassen. Unter seinen Augen bildeten sich leichte Tränensäcke, und die Blässe seiner Wangen zeugte von vielen späten Nächten am Spieltisch oder anderswo.

Während er rastlos im Zimmer herumlief, zerrte er mit den Fingern nervös an den Aufschlägen seiner tadellos sitzenden Jacke.

„So können wir nicht weitermachen“, brach es aus ihm heraus.

„Warum nicht?“

„Weil ich Sie begehre und mich nicht länger am Gängelband halten lasse.“

„Das zu entscheiden, ist meine Sache“, erwiderte sie so gleichgültig, als ob die Unterhaltung sie höchlichst langweilte.

Da ihm nicht entging, daß genau das der Fall war, setzte der Graf sich neben sie auf das Sofa und begann eindringlich auf sie einzusprechen.

„Ich kann es nicht länger ertragen, daß Sie nur mit mir spielen, Galatea. Als ich Sie heute abend mit dem Prinzen lachen und scherzen sah, war ich nahe daran, die Beherrschung zu verlieren.“

Ohne ihn zu beachten, starrte sie mit leeren Augen auf die gegenüberliegende Wand, an der ein ziemlich schlechtes Ölbild hing, das einen erlegten Hirsch zeigte.

„Ich habe Sie schon vor der Abfahrt nach Brighton darauf aufmerksam gemacht, daß Ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich von mir lieben zu lassen.“

„Und wenn ich das nicht tue?“

Sie schien ihn auszulachen.

„Dann bringe ich Sie um“, fuhr er sie an.

„Mein lieber D’Arcy, was soll dieser theatralische Ton?“ wollte sie wissen. „Sie haben nicht den leisesten Wunsch, mich umzubringen. Ihr einziges Bestreben ist, mich zu Ihrer Geliebten zu machen.“

„Ich will Sie heiraten, sobald diese halbe Leiche, die Sie Ihren Gatten nennen, nicht mehr lebt.“

„Er ist mein Gatte.“

„Wie können Sie einem Mann die Treue bewahren, der weder sehen noch hören kann und nichts Menschliches mehr an sich hat, wenn man davon absieht, daß er noch atmet.“

„Und solange George atmet, bin ich seine Frau.“

„Das haben Sie schon tausendmal beteuert, wenn auch nicht sehr überzeugend.“

„Warum finden Sie sich nicht damit ab, daß ich nicht beabsichtige, Ihre Geliebte zu werden?“

„Wie lange muß ich denn noch warten?“ fragte der Graf verzweifelt. Als sie nicht antwortete, fuhr er fort. „Wenn Roysdon kein reicher Mann wäre, wäre er längst tot. Diese berechnenden Ärzte erhalten ihn nur am Leben, um sich die Taschen füllen zu können. Wann war es doch noch, als er seinen Schlaganfall erlitt?“

„Vor fünf Jahren.“

„Unmittelbar nach Ihrer Hochzeit.“

„Allerdings.“

„Konnte er Ihnen in der kurzen Zeit denn etwas über die Liebe beibringen?“

Lady Roysdon schwieg, so daß er weitersprach.

„Erlauben Sie mir, Ihr Lehrer zu sein, meine Allerschönste. Lassen Sie sich von mir in die Entzückungen einweihen, die nicht nur wir sterblichen Männer und Frauen erleben, sondern die Götter selbst genießen.“

Lady Roysdon stieß ein kleines Lachen aus.

„Jetzt werden Sie sogar poetisch, D’Arcy. Demnächst schreiben Sie Oden auf meine Augenbrauen wie dieser lästige junge Mann, den wir vor ein paar Wochen getroffen haben. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern.“

„Ich hege nicht den Wunsch, Gedichte auf Sie zu schreiben“, erklärte der Graf, „sondern ich will Sie in den Armen halten und küssen, in dem Bewußtsein, daß Sie mir gehören.“

Lady Roysdon gab sich keine Mühe, ein Gähnen zu verbergen.

„Ich gehöre niemanden außer George, und da er mich nicht benötigt, höchstens noch mir selbst.“

Sie erhob sich lässig.

„Kommen Sie, D’Arcy, ich möchte nach Hause fahren.“

Nachdem der Graf ihrem Beispiel gefolgt war, baute er sich vor ihr auf, einen entschlossenen Ausdruck im Gesicht. Sie ahnte seine Absicht und stellte daher ruhig fest.

„Wenn Sie mich anrühren, sehen Sie mich nie wieder, das schwöre ich Ihnen.“

„Sie können mich nicht behandeln, wie Sie das gewöhnlich mit Ihren Anbetern tun.“

„Ich kann und will“, entgegnete sie scharf, „also benehmen Sie sich.“

„Sie machen mich verrückt.“

„Nicht verrückter als Sie bereits sind.“

Er wußte, wann er geschlagen war und trat einen Schritt zurück.

„Ich werde Sie nach Hause bringen.“

„Vielen Dank, aber ich habe meinen eigenen Wagen.“

„Sie fahren mit mir!“ befahl er. „Ich bin nämlich noch nicht fertig mit dem, was ich zu sagen habe.“

„Es ist unnötig, den Lästerzungen noch mehr Material zu geben, als sie ohnehin schon haben.“

„Warum sollten wir uns plötzlich darum kümmern, was die Leute reden?“ meinte der Graf. „Wer in der Gesellschaft nicht blind und taub ist, weiß, daß Sie früher oder später mein sind.“

„Sie geben sich alle Mühe, die anderen glauben zu lassen, daß ich Ihnen bereits gehöre, weil das vermutlich Balsam für Ihren verletzten Stolz bedeutet.“

Mit trotzig erhobenem Kinn fügte sie hinzu: „Mich dagegen ärgert es, wenn die Leute etwas glauben, was nicht den Tatsachen entspricht.“

„Was kümmern uns die anderen?“ fragte der Graf grob. „Sie waren doch bisher kein solcher Hasenfuß, Galatea.“

„Da ich in einigen Wochen einundzwanzig werde, sollte ich mich in Zukunft wohl umsichtiger und würdiger benehmen.“

Der Graf warf den Kopf zurück und lachte schallend.

„Was ist aus der Rebellin geworden, die mich zum Haymarket begleitete und im gleichen Raum wie der Abschaum von Piccadilly tanzte?“ Da sie schwieg, sprach er weiter. „Ist das noch das gleiche Geschöpf, das ich nach Covent Garden führte, damit sie den Burschen den Kopf verdrehen sollte, die eigentlich die Schauspielerinnen bewundern wollten. Meine Partnerin bei vielen Abenteuern, die uns beide zum Gesprächsstoff von St. James gemacht haben.“

Sie wandte den Kopf ab.

„Ich habe heute gehört, daß man mich die zügellose Lady nennt.“

„Außerdem bezeichnet man Sie als die schönste Frau Englands, Sie können also Ihre Wahl treffen.“

„Nach unserem Besuch in Bridewell habe ich mich zutiefst geschämt.“

„Ich wüßte nicht, weshalb. Das Ganze war ein Spaß, und wie Sie sich erinnern können, haben wir auf dem Heimweg gelacht.“

„Sie haben gelacht.“

„Und das werden wir wieder tun, wenn ich Sie jetzt nach Hause fahre“, sagte der Graf. „Kommen Sie, Galatea, damit wir uns von unserem Gastgeber verabschieden.“

Er bot ihr den Arm, auf den sie eben die Hand legen wollte, als sie es sich anders überlegte.

„Ich mag nicht noch einmal in den überfüllten Ballsaal zurückgehen“, erwiderte sie. „Außerdem wissen Sie sehr wohl, daß wir uns vor dem Prinzen nicht verabschieden sollten.“

„Dann werden wir uns heimlich entfernen.“

Der Graf richtete den Blick auf ihr liebreizendes Gesicht.

„Die anderen Leute, auch der Prinz, drängen sich ständig zwischen uns, wo ich Sie doch für mich allein haben möchte.“

Seine leidenschaftliche Stimme und die glühenden Augen warnten Lady Roysdon, daß er nahe dran war, die Beherrschung zu verlieren. Was D’Arcy Sheringham betraf, so mußte sie ständig auf der Hut sein. Schon am ersten Abend, als sie sich in Carlton House begegneten, hatte er sich - ohne sie um Erlaubnis zu fragen - zu ihrem ständigen Begleiter erklärt. Damals war sie eine sehr junge und unschuldige Frau, deren Ehemann umsorgt von einer Heerschar von Ärzten und Schwestern in einem verdunkelten Zimmer lag und sich nicht um sie kümmern konnte. Sie wäre sich wohl während ihrer ersten Saison in London sehr verloren und allein vorgekommen, wenn der Graf sie nicht bei jeder Gelegenheit eskortiert und unterhalten hätte.

Im Grunde war es ihre Unschuld, die in der Gesellschaft, in der sie sich bewegte, einen effektiveren Schutz bedeutete, als das ein Mensch hätte sein können. Ihre Unwissenheit schirmte sie gegen ihre Umwelt ab. Selbst die kritischsten Damen, die sie um ihre Schönheit beneideten, fanden keine wirklichen Angriffspunkte.

Aber so blieb es nicht. In dem Maße, in dem der Graf ungestümer und fordernder wurde, wurde auch Lady Roysdon wilder und ausgelassener, und bald ließen sich die Abenteuer der beiden nicht mehr übersehen.

Freizügigkeit und Schamlosigkeit bedeuteten im Kreise um den Prinzen von Wales nichts Außergewöhnliches. Er umgab sich von jeher mit Leuten, die nicht nur den langweiligen und steifen Hof schockierten, sondern auch das Volk, das für die sich ständig steigernden Extravaganzen des Thronfolgers zahlen mußte. Er war ständig von Skandalen umwittert, ob es sich um seine angeblich im Geheimen stattgefundene Eheschließung mit der katholischen Mrs. Fitzherbert handelte, seine wirkliche Ehe mit Prinzessin Caroline von Brunswick, die einen immer verheerenderen Verlauf nahm, oder seinen immer höher werdenden Schuldenberg.

Es gab aber auch eine Seite seines Charakters, die seine guten Bekannten und Freunde unwiderstehlich fanden. Er besaß großen, persönlichen Charme, einen bemerkenswert guten Geschmack und erstaunliche Kenntnisse über eine Vielzahl von Objekten. Wer es verstand, sein Herz anzurühren, konnte mit seiner Großzügigkeit rechnen. Seine Diener taten alles für ihn und seine Freunde waren der Meinung, daß die Art und Weise, wie er von seinem Vater behandelt wurde, sein ausschweifendes Leben weitgehend entschuldigte.

Jedenfalls war das keine Gesellschaft, in der sich eine Frau bewegen konnte, ohne an ihrem Ruf Schaden zu erleiden. Wenn über Lady Roysdon geklatscht wurde, dann hatte sie das hauptsächlich dem Grafen von Sheringham zu verdanken.

Und plötzlich begehrte der Spielgefährte, den sie über vier Jahre herumkommandiert hatte, auf und wurde schwierig. Sie hatte London Hals über Kopf verlassen, weil sie sich ihres letzten Abenteuers schämte und nicht nur den strafend auf sie gerichteten Fingern entgehen wollte, sondern vor allem dem Grafen selbst. Da er - wie er stets behauptet hatte, Brighton verabscheute, war er in früheren Jahren dem Prinzen nicht dorthin gefolgt. Als er diesmal vor drei Tagen in seiner Begleitung erschien, wußte Lady Roysdon, daß Ruhe und Frieden für sie zu Ende waren.

Sie hatte heute abend kaum den Ballsaal betreten, als er sie auch schon in Beschlag genommen hatte. Dabei hatte er alle anderen Männer vertrieben, die sich um ihre Gunst bemühten. Sie war sehr wütend gewesen. Obwohl sie sich gesagt hatte, daß er sich Rechte anmaßte, die ihm nicht zustanden, jagte er ihr mit seiner Beharrlichkeit, sie besitzen zu wollen, Angst ein.

Während er jetzt darauf wartete, daß sie ihre Hand auf seinen Arm legte, deutete sein Gesichtsausdruck an, daß er nichts Gutes im Sinn hatte.

„Ich habe meinen Umhang in der Halle gelassen“, sagte sie schnell. „Würden Sie ihn mir bitte holen? Wenn ich es selbst tue, werde ich sicherlich unterwegs aufgehalten.“

Das mußte der Graf einsehen.

„Ich lasse meinen Wagen vorfahren und gleichzeitig Ihrem Kutscher die Nachricht zukommen, daß er nicht auf Sie warten muß und nach Hause fahren kann.“

„Vielen Dank, D’Arcy.“

Sein rascher Seitenblick zeigte, wie überrascht er war, weil sie sich so gefügig zeigte.

„Hoffentlich finde ich Sie noch hier vor, wenn ich zurückomme“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Vielleicht täte ich gut daran, die Tür zu verschließen, damit keiner Ihrer Bewunderer Sie inzwischen zum Tanz entführen kann.“

„Ich habe nicht die Absicht, heute noch einmal zu tanzen“, erwiderte Lady Roysdon beinahe scharf. „Mich zieht es nach Hause. Eine Party, die sich zulange hinzieht, ist schrecklich ermüdend.“

„Sie haben recht, wir hätten schon früher gehen sollen“, stimmte er zu.

„Dann wollen wir nicht länger verweilen, ich bin müde und bedarf der Ruhe.“

Er war kaum verschwunden, als sich Lady Roysdons gelangweilte Miene jäh veränderte. Sie lauschte einige Augenblicke, um sicher zu sein, daß er nicht schon wieder zurückkehrte. Dann durchquerte sie leichtfüßig den Raum und kletterte durch das offene Fenster in den Garten, was ihr in dem dünnen Tüllkleid mühelos gelang. Nachdem sie sich unten orientiert hatte, lief sie über den Rasen auf ein paar Lichter zu, die hinter den Büschen flackerten. Wie sie richtig vermutet hatte, gehörten sie zu den wartenden Kutschen, unter denen sie ihre eigene ohne Schwierigkeit fand.

Hancocks, der Kutscher - seit vielen Jahren im Dienste der Familie ihres Mannes - saß dösend auf dem Bock. Jake, ein junger Mann, den sie erst in Brighton als Reitknecht engagiert hatte, unterhielt sich mit einigen Kollegen.

Lady Roysdons Erscheinen löste zunächst einige Überraschung aus, doch Jake faßte sich schnell, griff nach seinem Hut mit Kokarde, der achtlos auf dem Boden lag, setzte ihn auf und erkundigte sich.

„Sie wünschen zu fahren, Mylady?“

Auf ihre bejahende Antwort hin beeilte er sich, ihr die Kutschentür zu öffnen und eine Pelzdecke über die Knie zu breiten.

„Nach Hause, Mylady?“

„Nach Hause“, bestätigte sie, „und Hancocks soll die Hauptstraße meiden. Es gibt da, glaube ich, noch eine andere Straße über die Downs.“

Die Tür wurde geschlossen, die Pferde setzten sich in Bewegung. Die Kutsche rollte an der langen Reihe - wartender Wagen vorbei.

Nach einer Viertelmeile verließen sie die Brighton Road und bogen in eine schmale, staubige Straße ein. Lady Roysdon hatte gute Gründe, diese Route zu wählen. Die vier Pferde des Grafen hätten ihr eigenes Gespann leicht einholen können, sie traute ihm durchaus zu, daß er sie anhalten und darauf bestehen würde, daß sie zu ihm in den Wagen stieg, mochte sie wollen oder nicht. Auf engem Raum allein würde es schwer sein, sich den Grafen vom Leibe zu halten. Die Straße über die Downs war länger und holpriger, versprach aber mehr Sicherheit und das war alles, was zählte.

Sie machte es sich in einer Ecke der gutgepolsterten Kutsche bequem und ließ die Pelzdecke auf den Boden rutschen. Nachdem sie das Fenster heruntergedreht hatte, umfächelte die vom Meer kommende Brise ihre Wangen und vertrieb die Beklemmungen, die sie befallen hatten, als sie den Grafen im Ballsaal vorgefunden hatte.

Es war ihr nicht klar, was sie in Bezug auf seine Person tun sollte. Anders als vor zwei Jahren wußte sie jetzt, daß sie ihn niemals heiraten würde, selbst wenn sie morgen schon frei wäre. Er hatte etwas an sich, was sie abstieß, obwohl er sie amüsierte. Und weil er sie amüsierte, hatte sie ihn den anderen Männern vorgezogen, die auf jede nur mögliche Art versucht hatten, sie davon zu überzeugen, daß eheliche Treue für eine Frau von Welt nur ein Witz und keine Tugend wäre. Wenn dann alle Schmeicheleien und Bitten erfolglos blieben, machten sich die meisten Galane auf die Suche nach leichter zu erobernden Opfern, doch der Graf war geblieben.

Lady Roysdon beschloß, sich ihn vom Halse zu schaffen, obwohl das nicht leicht sein würde. Daß sie ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte, war keine Übertreibung, wie sie sehr wohl wußte. Nie zuvor in seinen sechsunddreißig Lebensjahren war ihm etwas versagt geblieben, was er begehrt hatte. Deshalb war sie für ihn zu einer Art Besessenheit geworden. Er wollte um jeden Preis erreichen, daß sie sich ihm als Sieger ergab. Lady Roysdon konnte sich selbst nicht erklären, warum sie ihre Ansicht über ihn in der letzten Zeit so sehr geändert hatte. Er war für sie nicht mehr der gleiche Mann, dem sie ihre Freundschaft geschenkt hatte, als sie nach London kam. Plötzlich wirkten seine engstehenden Augen bedrohlich und der dünnlippige Mund hart und grausam. Natürlich hatte sie auch früher schon Geschichten über ihn gehört. Es gab in der Gesellschaft niemanden, über den nicht geringschätzig gesprochen wurde, nur pflegte sie selten zu glauben, was sie hörte. Was den Grafen anging, so wurde sie langsam mißtrauisch. Gleichzeitig stellte sich ein Gefühl ein, als ob er sie in ein unsichtbares Netz einspannte, aus dem sie nicht entfliehen konnte.

Zum erstenmal wünschte sie sich, einen Mann zu kennen, an den sie sich um Rat und Hilfe wenden konnte. Bisher hatte der Graf sie zwar gelegentlich in die Klemme gebracht, sie jedoch auch jedesmal wieder herausgeholt. Er hatte sie - falls notwendig - beraten, und da er ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft und zudem ein erfahrener Mann war, war ihr sein Rat im großen Ganzen zum Vorteil ausgeschlagen.

Tief in Gedanken versunken bemerkte Lady Roysdon nicht, wohin sie fuhr. Sie erwachte erst aus ihren Betrachtungen, als die Kutsche plötzlich sehr abrupt zum Stehen kam. Sie blickte aus dem Fenster und stellte fest, daß sie sich mitten im Wald befanden. Jetzt tauchte eine hochgewachsene Gestalt auf und öffnete die Tür.

„Würden Mylady wohl die Güte haben, auszusteigen“, befahl eine Männerstimme. Im ersten Augenblick glaubte sie schon, der Graf habe sie trotz ihrer Vorsichtsmaßnahmen eingeholt, bis sie im Licht des Mondes und der Wagenlaternen mit ungläubiger Miene entdeckte, daß der Mann maskiert war. Er war also ein Straßenräuber. Er hielt eine Pistole in der Hand. Eigentlich hätte sie schreien müssen, doch ihr Stolz verbot ihr, auch nur eine Spur von Schwäche zu zeigen. Langsam und würdevoll stieg sie aus der Kutsche.

Der Mond schien so hell, daß sie einen zweiten Räuber erkannte, der mit seiner Pistole Hancocks und Jake in Schach hielt. Der Mann, der sie zum Aussteigen aufgefordert hatte, war groß und breitschultrig. Seine Augen konnte sie hinter der Maske, die den oberen Teil des Gesichtes bedeckte, nicht sehen. Um seine Lippen spielte jedoch unverkennbar ein leises Lächeln.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie, „oder ist das eine überflüssige Frage?“

„Eine überflüssige, Mylady“, bestätigte er. „Darf ich Ihnen versichern, daß Sie so schön sind, daß Sie der unnötigen Zierde, die Ihre Smaragde darstellen, gar nicht bedürfen.“

„Auf Ihre Komplimente kann ich verzichten“, erwiderte sie eisig.

„Dann muß ich mich wohl mit den Smaragden begnügen, wenn sie auch neben der Schönheit ihrer Trägerin verblassen.“

Sie trug ein trotzig erhobenes Kinn zur Schau, löste aber das Kollier und reichte es ihm. Ohne den Blick von ihr zu wenden, ließ er es nachlässig in einen Leinenbeutel fallen, den er in der Hand hielt.

Er war anders angezogen, als sie von einem Straßenräuber erwartet hätte. In seiner Kleidung, die aus einer gut sitzenden Jacke, eng anliegenden Hosen und glänzend polierten Lederstiefeln bestand, unterschied er sich nicht von denen, denen sie täglich in der feinen Gesellschaft begegnete. Auf dem Kopf saß schräg ein hoher Hut, seine frische, weiße Krawatte war so kunstvoll gebunden, daß er dem Grafen damit förmlich Konkurrenz machte.

Lady Roysdon dachte unwillkürlich daran, daß es amüsant sein müßte, die beiden Männer sich gegenüber stehen zu sehen, wie es der Fall gewesen wäre, wenn der Graf sie nach Hause geleitet hätte. Andererseits hätte sie sich dann nicht auf dieser Straße befunden; sie konnte für ihr Mißgeschick nur sich selbst die Schuld zuschieben.

„Meine Sammlung wäre nicht vollständig ohne die Ohrringe von den muschelgleichen Ohren von Mylady, den Armreifen von ihren Handgelenken und dem Ring von ihrem Finger“, stellte der Wegelagerer fest.

Da ihr nichts anderes übrig blieb, händigte ihm Lady Roysdon die geforderten Schmuckstücke aus. Als sie ihm den Ring reichte, fing sich das Mondlicht im Stein eines zweiten Ringes, den sie am vierten Finger der linken Hand trug.

„Nein“, rief sie, da sie bemerkte, daß sein Blick darauf fiel.

„Nein?“ wiederholte er überrascht. „Und warum nicht? Ich kann nicht glauben, daß Sie sich mit etwas schmücken, was nicht von Wert ist.“

„Er ist gefühlsmäßig von Wert für mich, weil er meiner Mutter gehörte. Er ist das einzige, was mir von ihr geblieben ist.“

Sie sah ihn forschend an, um festzustellen, ob er ihr glaubte. Von einem Schmuckstück zu sprechen und ihm einen gefühlsmäßigen Wert zu geben, würde ein Bandit selten von den Lippen derer hören, die er beraubte.

Als er zögerte, bat sie ihn in einem Ton, dessen sie sich bisher nicht bedient hatte, ihr den Ring zu lassen, weil er ihr unendlich viel bedeutete.

„Sollte mir das etwas ausmachen?“

„Vermutlich nicht“, erwiderte sie betrübt, und da es offenbar sinnlos war, weiter in ihn zu dringen, streifte sie den Ring vom Finger.

Er entfernte sich, und sie sah, daß er den Beutel mit ihrem Schmuck in der Satteltasche seines Pferdes verstaute. Sie folgte ihm und stand hinter ihm, als er sich umdrehte.

„Da haben Sie, was Sie wollen“, sagte sie und hielt ihm den Ring hin.

„Denken Sie oft an Ihre Mutter?“ fragte er unvermittelt.

„Sie starb, als ich fünfzehn war, und trotzdem vermisse ich sie noch immer.“

„Sie haben sie sehr geliebt?“

„Oh ja, sehr.“

„Wie ich die meine, die bis vor wenigen Monaten bei mir lebte.“

„Dann waren Sie ein sehr glücklicher Mensch.“

„Das habe ich auch so empfunden.“

Lady Roysdon fand es ziemlich ungewöhnlich, mit einem Straßenräuber eine solche Unterhaltung zu führen. Seine kultivierte Stimme, die nicht anders klang als die der Gentlemen, die sie kannte, ließ keinen Zweifel daran, daß er jedes Wort ernst meinte. Neugierig betrachtete sie sein Gesicht mit dem festen und gleichzeitig großzügigen Mund, dessen Winkel ein wenig nach oben gezogen waren, der den Eindruck erweckte, als ob er insgeheim über sich selbst lächelte.

„Wer sind Sie?“ fragte sie.

„Ist das nicht eine etwas indiskrete Frage an einen Räuber?“ parierte er. „Leute meinesgleichen pflegen anonym zu bleiben.“

„Das weiß ich, aber ich überlege, ob das Ganze nicht ein Scherz auf meine Kosten ist, ob Sie mich nicht vielleicht aufgrund einer Wette berauben?“

Er lächelte.

„So etwas liegt eher auf Ihrer Linie, Lady Roysdon, ich bin echt.“

„Sie kennen meinen Namen?“

„Wer könnte in Brighton oder London wohnen, ohne von Ihnen gehört zu haben. Schließlich sind Sie berühmt.“

Sein Ton ließ seine Worte kaum wie ein Kompliment klingen.

„Sie meinen wohl eher berüchtigt“, erwiderte sie leise.

„So unhöflich würde ich mich niemals ausdrücken.“

„Aber Sie denken so.“

„Spielt es für Sie eine Rolle, was ich denke?“

„Vermutlich nicht, wobei ich mich allerdings frage, welche meiner Abenteuer an Ihr Ohr gedrungen sind.“

„Eine ganze Anzahl davon. Soll ich dazu bemerken, daß ich nur die Hälfte von dem glaube, was ich gehört habe?“

„Wie kann ich wissen, was Sie glauben, solange ich nicht weiß, was Sie gehört haben?“

Sein Lächeln machte ihr klar, daß sie sich mehr wie ein Kind als eine erwachsene Frau anhören mußte.

„Sie sind sehr schön, Lady Roysdon“, teilte er ihr nach kurzem Schweigen mit, „und daher finde ich, daß es jammerschade um Sie ist.“

„Was ist jammerschade?“

„Daß Ihr Name ständig in Verbindung mit den Stutzern und Dandies genannt wird, die in den Wirtshäusern und Clubs betrunken Toasts auf Ihr Wohl ausbringen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“ erkundigte sie sich wütend.

Er machte eine kleine, wegwerfende Handbewegung, dann wandte er den Blick von ihr ab und richtete ihn dorthin, wo sich die Mondstrahlen durch die Zweige stahlen und silberne Muster auf den moosigen Boden malten.

„Klatsch und Gerede verbreiten sich wie der Wind, sie erreichen selbst Orte wie diesen.“

Sie folgte der Richtung seiner Augen. Erst jetzt ging ihr auf, wie friedlich und schön es hier war. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als ob er sie Dinge zu sehen lehrte, die sie nicht kannte. Der Frieden, der unter diesen Bäumen herrschte, war etwas, wonach sie sich immer gesehnt, den sie jedoch nie gefunden hatte. Ein langes Schweigen breitete sich aus.

„Sie scheinen mich zu verstehen“, sagte er sehr leise, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte.

Und da alles so seltsam und ungewöhnlich erschien, daß sie nicht wußte, was sie denken sollte, streckte sie ihm erneut den Ring Ihrer Mutter entgegen.

„Nehmen Sie und lassen Sie mich gehen“, bat sie.

„Behalten Sie ihn.“

„Meinen Sie das im Ernst?“

„Sie haben mir doch erzählt, daß er von Ihrer Mutter stammt.“

„Was den Tatsachen entspricht.“

„Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt.“

„Ich dachte, das hätten sie vielleicht.“

„Es würde Ihnen schwerfallen, mich hinters Licht zu führen.“

Zwischen ihren Brauen bildete sich eine steile, kleine Falte, als sie fragte. „Warum haben Sie mir das gesagt?“

„Die Antwort kennen Sie, ohne daß ich sie in Worte fasse.“

Sie starrte ihn an, bis er mit veränderter Stimme weitersprach.

„Ich bitte um Vergebung, aber ich hatte für einen Augenblick vergessen, daß ich nur ein Straßenräuber bin. Wenn ich Ihnen den Ring lasse, müssen Sie mir übrigens etwas von ähnlichem Wert geben.“

Lady Roysdon warf einen Blick in Richtung Kutsche dann sah sie ihn wieder an.

„Aber ich habe nichts bei mir...“, begann sie und verstummte, als sie das Lächeln gewahrte, das um seine Mundwinkel spielte.

Er trat auf sie zu, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht. Da sie sich nicht rührte, legte er die Arme um sie und traf Anstalten, sie zu küssen. Als sein Mund von ihren Lippen Besitz ergriff, stieg eine seltsame und unbekannte Wärme in ihr auf, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie war so süß und wunderbar, daß sie zu träumen glaubte. Dann zog er sie noch näher an sich, die Intensität ihres Gefühls durchfuhr sie wie ein scharfer Schmerz, der sich, ehe sie ihn recht wahrnahm, in eine unendliche Seligkeit wandelte. Dies alles konnte nicht Wirklichkeit sein ...

Nach einer kleinen Ewigkeit gab er sie frei. Sie standen sich gegenüber und blickten sich in die Augen.

Als er sich umwandte und zur Kutsche ging, konnte sie ihm nur blindlings folgen. Sie spürte seine Hand an ihrem Ellbogen, während er ihr hineinhalf. Von ihr unbemerkt mußte er dem Kutscher ein Zeichen gegeben haben, denn die Pferde setzten sich sofort in Bewegung. Den Hut in der Hand ließ er den Wagen an sich vorbeipassieren.

Lady Roysdon lehnte sich in die Polster zurück. Ihr Herz klopfte wie wild, ihr Atem kam schnell und stoßweise. In Sichtweite der Lichter von Brighton griff sie nach ihrem schmucklosen Hals. Ihre Smaragde waren verschwunden. Was geschehen war, war wirklich und kein Phantasiegebilde.

Aus den Fenstern des Hauses, das sie gemietet hatte, schimmerte Licht. Die Möbel wurden schon ein wenig schäbig, aber es war bequem in dem Haus und bot auch für die Diener, die Lady Roysdon mitgebracht hatte, genügend Raum. Da es in Brighton an Unterkunftsmöglichkeiten mangelte - die Freunde des Prinzen von Wales zahlten enorme Preise, um in seiner Nähe zu sein - konnte sie sich glücklich schätzen, schon den dritten aufeinanderfolgenden Sommer das gleiche Haus zu bewohnen. Dadurch war sie nicht wie viele andere aus dem Carlton Circle gezwungen, Zimmer oder Landhäuser weit außerhalb der Stadt zu mieten, oder höchst unfair diejenigen zu überbieten, die im Voraus in den Hotels gebucht hatten. In dieser Woche war der Badeort noch überfüllter als sonst, weil der Geburtstag des Prinzen nahte, und es deshalb unzählige Festivitäten gab.

Als Jake ihr die Kutschentür öffnete, sagte sie leise: „Keine Bemerkung zu irgend jemanden über das, was heute abend geschehen ist. Weder zu den anderen Dienern im Haus noch zu Ihren Freunden in der Stadt.“

„Ich werde schweigen, Mylady.“

„Informieren Sie auch Hancocks entsprechend.“

„Sehr wohl, Mylady.“

Lady Roysdon trat in die Halle, in der die Kerzen der späten Stunde wegen nur noch niedrig brannten. Da sie nichts hatte, um ihren schmucklosen Hals zu verhüllen, lief sie so schnell an dem Nachtwächter vorbei, daß sie schon halb auf der Treppe war, ehe er die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Es war ein älterer Mann, den sie aus London mitgebracht hatte, weil sie seine Verläßlichkeit schätzte.

„Gute Nacht, Danvers“, rief sie über ihre Schulter zurück.

„Gute Nacht, Mylady, hoffentlich haben Sie einen angenehmen Abend verbracht. Es warten einige Briefe auf Sie.“

„Darum werde ich mich morgen früh kümmern“, erwiderte sie hastig und entschwand in ihrem Schlafzimmer. Ihre Zofe - eine ältere Frau, wußte, daß ihre Herrin zu dieser Stunde keine Unterhaltung wünschte und entkleidete sie schweigend. Als sie das Kleid schon auf dem Arm hatte, um es mitzunehmen, sagte sie nach einem Blick auf die Schmuckschatulle, die auf dem Frisiertisch stand.

„Ihre Smaragde, Mylady, wo sind sie?“

„Ich habe sie sicherheitshalber abgenommen.“

„Sicherheitshalber?“

„Du mußt doch davon gelesen haben, daß hier in der Gegend Banditen ihr Unwesen treiben. In der Stadt gibt es überall Anschläge mit Warnungen an die Gäste, auf der Hut zu sein.“

„Deshalb führt ja auch der neue Reitknecht eine Donnerbüchse bei sich.“

Wenn Jake tatsächlich eine solche Waffe bei sich gehabt hatte, hat er jedenfalls keinen Gebrauch davon gemacht, dachte Lady Roysdon.

Laut bemerkte sie: „Schon gut, Hannah, mach dir keine Sorgen. Wir reden morgen früh darüber.“

Als die Dienerin gegangen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, traf Lady Roysdon noch keine Anstalten, ins Bett zu gehen. Mit einer Kerze in der Hand trat sie vor den Spiegel, um ihr Bild zu betrachten. Sie gewann den Eindruck, als ob ihre Augen seltsam leuchteten. Ihre Lippen wirkten roter und weicher, als sie sie in Erinnerung hatte. Das konnte nicht von einem Lippenstift kommen. Sie hatte keine Salbe mehr aufgetragen, seit sie im Anschluß an eine Dinnergesellschaft zum Ball gefahren war.

Gerötete Lippen und strahlende Augen waren - das wußte sie ganz genau - die Folge eines Kusses. Sie war von einem Mann geküßt worden, dessen Gesicht sie nur teilweise gesehen hatte, von dem jedoch als Tatsache feststand, daß er ein Räuber und Wegelagerer war.

„Ich muß verrückt sein“, flüsterte sie und konnte die Erregung nicht vergessen, in die die Berührung seines Mundes sie versetzt hatte, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitende Wärme, den scharfen Schmerz wie von einem Dolch und die darauffolgende Seligkeit, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

Sie stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr Bild, bis sie es nicht mehr ertragen konnte und die Kerze ausblies. Nicht ohne Mühe tastete sie sich durch das dunkle Zimmer zu ihrem Bett, schlüpfte hinein und barg ihr Gesicht in den Kissen.

2.

Als Lady Roysdon am nächsten Morgen erwachte, hatte sich ihre Stimmung geändert. Als Frau eines Peers mit Rang und Namen hatte sie sich am vergangenen Abend unmöglich benommen, soviel stand fest. Wie sie allerdings den Kuß hätte verhindern wollen, wußte sie nicht. Sie war aber ganz sicher, daß ihr etwas hätte einfallen müssen, wenn sie sich wirklich bemüht hätte. Jetzt blieb ihr nur übrig, sich diese Episode so schnell wie möglich aus dem Kopf zu schlagen.

Im Augenblick stand sie ohnehin vor dem wichtigeren Problem, wie sie mit dem Grafen von Sheringham fertigwerden sollte, dessen Stolz sie zweifellos einen herben Schlag zugefügt hatte.

Es entsprach ihrer üblichen Routine, die Steine entlang zu promenieren, sobald sie angekleidet war und die zahllosen Briefe und Einladungen durchgesehen hatte, die auf sie warteten. Die Steine war die eleganteste und besuchteste Promenade Brightons. Sie begann da, wo sich die Straßen aus London und Lewes vereinigten und reichte bis zum Meer.

Wenn man den Ärzten Glauben schenken wollte, war Seeluft eine Kur für fast jede bekannte Krankheit. Heute hatte sie allerdings das unbehagliche Gefühl, daß die Seeluft die süße Erinnerung nicht vertreiben konnte, von der sie bei der Erinnerung an ihre Begegnung mit dem Straßenräuber immer wieder befallen wurde. Andererseits konnte sie wenigstens herauszufinden versuchen, ob diese Luft in ihrem Fall genauso wirkungsvoll war, wie sie das bei vielen Gebrechen sein sollte.

In einem Kleid aus himbeerfarbenem Musselin und dem dazu passenden Hut trat sie hinaus in den Sonnenschein. Sie war sich wohl bewußt, daß sie reizvoll aussah, zumal ihre Augen größer und strahlender in die Welt blickten als gewöhnlich.

Der Prinz von Wales war niemals glücklicher und gelöster als in Brighton, wo er einen Großteil seiner Zeit bei Mrs. Fitzherbert zubrachte. Ihr Haus kam kaum in Sicht, als Lady Roysdon ihn auch schon über das Balkongitter lehnen sah. Von dort aus unterhielt er sich mit einigen untenstehenden Freunden. Ah seiner Seite Richard Brinsley Sheridan, sein engster Freund und unzertrennlicher Gefährte, der einen verheerenden Einfluß auf jeden ausübte, mit dem er in Berührung kam. Trotz seiner fünfundfünfzig Jahre benahm er sich noch wie ein junger Mann, brachte jeden zum Lachen, zumal jeder gespannt war, was er als nächstes anstellen würde.

Dieses Jahr hatte eine seiner ersten Schandtaten darin bestanden, als Polizeioffizier verkleidet in Lady Seftons Salon zu stürmen und die alte Dame wegen unerlaubten Glücksspiels zu verhaften. An einem der nächsten Abende setzte er sich während der Vorführung von Gaukelbildern im Dunkeln einer ungeheuer hochmütigen Dame auf den Schoß, die sich über das allgemeine Gelächter furchtbar aufregte.

„Aber es ist schwer, lange böse auf ihn zu sein“, hatte Mrs. Fitzherbert Lady Roysdon gestanden. „Wenn er Hunger hat, geht er zu jeder Tages- oder Nachtzeit in die Küche, erzählt den Dienern, daß er ihnen anstelle des Prinzen von Wales weit bessere Quartiere zur Verfügung stellen würde und erreicht, daß sie sich danach drängen, ihm alle Wünsche zu erfüllen.“

Sie hatte geseufzt.

„Seine Streiche und Schabernacks gehen mir manchmal auf die Nerven, ich muß aber zugeben, daß er mich ständig zum Lachen bringt.“

An diesem Vormittag war Lady Roysdon nicht ausgesprochen nach Lachen zumute, außerdem befürchtete sie, daß jeden Augenblick eine dritte Person, nämlich Graf von Sheringham auf dem Balkon auftauchen könnte. Sie beantwortete daher das Winken des Prinzen mit einem Knicks und stellte sich unwissend, als ob sie nicht begriff, daß es eine Einladung ins Haus bedeutete. Später konnte sie sich immer noch auf einen dringenden Besuch in der Bibliothek herausreden.

Sie war noch nicht weit gegangen, als sie einem weiteren Freund des Prinzen von Wales begegnete, dem exzentrischen Mr. Mellish. Um Aufmerksamkeit zu erregen, hatte er die Farbe Weiß als sein Aushängeschild gewählt. Wagen, Pferde und die Livreen seiner Diener waren weiß, auch er selbst zog sich so an. Lady Roysdon fand ihn ausgesprochen langweilig, außerdem wußte sie, daß er ihr nur den Hof machte, weil sie in Mode war.

Wenn sie schon eine Wahl treffen sollte, dann zog sie den Ehrenwerten Tony Onslow vor, der sich nur schwarz kleidete. Ein anderer, der auf den Steinen Aufsehen erregte, tat das mit noch ausgefalleneren Methoden. Er war als der grüne Mann bekannt und trug stets grüne Hosen, grüne Weste, grüne Jacke und grüne Krawatte. Es wurde sogar behauptet, daß er nur grünes Obst und Gemüse aß. Seine Räume waren grün tapeziert, und er schlief in einem grünen Bett mit grünen Vorhängen.

Gerade eben fuhr er in seinem grünen Wagen, begleitet von Dienern in grüner Livree mit grüngepuderten Perücken, vorbei. Lady Roysdon sah ihm nach, als eine ihrer Freundinnen, Lady Dorridge, neben ihr stehen blieb.

„Ist es nicht phantastisch, Galatea?“ fragte sie.

„Er muß verrückt sein.“

„Jedenfalls redet ganz Brighton über ihn. Sein Name ist Cope und trotz seiner exzentrischen Allüren ist er ein Gentleman.“

„Und wie geht es Ihnen, Averil?“ fragte Lady Roysdon lächelnd.

„Fragen Sie lieber nicht.“

Auf Lady Dorridges Gesicht zeigten sich die Spuren frischer Tränen, die Mundwinkel waren mutlos nach unten gezogen. Sie war eine hübsche Frau, die man nicht oft in der Gesellschaft antraf, weil Sir Edward Dorridge dazu nicht reich genug war. Gelegentlich besuchte sie ihre Mutter in London, wo sie Lady Roysdon kennengelernt hatte. Sie lebte aber sonst mit ihren zwei Töchtern, die noch so klein waren, daß sie am Strand Sandburgen bauten, in ihrem winzigen Haus in Brighton.

„Was ist geschehen, Averil?“ fragte Lady Roysdon.

Als ihre Freundin nicht antwortete, sagte sie: „Begleiten Sie mich nach Hause. Dort können wir eine Tasse Kaffee trinken. Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, schlechte Laune zu haben.“

Das entsprach den Tatsachen, denn obwohl Lady Dorridge ihr ganzes Leben lang jeden Penny hatte zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgab, pflegte sie stets fröhlich zu sein. Ihr Mann war vor drei Monaten gestorben, und da sie blondes Haar und blaue Augen hatte, stand ihr die Trauerkleidung gut.

Auf dem Heimweg mußte Lady Roysdon unwillkürlich daran denken, daß es kaum lange dauern würde, bis Averil einen neuen Gatten fand. Ihre frühere Vermutung erwies sich als richtig. Beim neuerlichen Passieren von Mrs. Fitzherberts Haus stellte sie fest, daß sich der Graf von Sheringham dem Prinzen zugesellt hatte. Sie grüßte ihn mit einem kleinen Winken, mußte aber an seiner finsteren Miene erkennen, daß er ihr noch nicht vergeben hatte. Früher oder später würde sie sich von ihm anhören müssen, daß sie ihn nicht so behandeln durfte. Dabei haßte sie fruchtlose Diskussionen, vor allem mit dem Grafen.

Um sich von diesem Thema abzulenken, begann sie lebhaft über einen Ball zu plaudern, den Lord Marston dieser Tage geben würde. Im Haus angekommen, bat sie den Butler, im Morgenzimmer Kaffee zu servieren. Dann zog sie ihre Freundin in den kleinen und gemütlichen Raum im Erdgeschoß, von dem man einen Blick auf die Steine hatte.

„Da wir jetzt allein und ungestört sind, müssen Sie mir erzählen, was Sie bedrückt“, forderte sie.

„Ich mag Sie nicht mit meinen Schwierigkeiten belasten“, erwiderte Lady Dorridge in einem Ton, der mutig klingen sollte, aber weit davon entfernt war.

„Wenn ich Sie so niedergeschlagen sehe, kann ich gar nicht anders, als den Versuch zu machen, die Ursache herauszufinden. Nehmen Sie Ihren Hut ab, Averil, und machen Sie es sich bequem.“

Lady Dorridge tat, wie ihr geheißen, und strich sich mit bebenden Fingern das blonde Haar glatt.

„Es geht um Francis, meinen Schwager.“

„Ich wußte gar nicht, daß Sir Francis sich in Brighton aufhält.“

„Er ist gestern aus London eingetroffen, um mir einen Besuch abzustatten.“

„Und was hatte er Ihnen zu sagen?“

„Daß er die mir ausgesetzten Unterhaltszahlungen zu halbieren gedenkt“, erwiderte sie leise

„Es ist wenig genug, ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie damit auskommen.“

„Das ist noch nicht alles. Er verlangte mein Brillant- Kollier.“

„Das kann ich nicht glauben.“

„Seiner Behauptung nach gehört es der Familie und war nie als mein persönliches Eigentum gedacht.“

„Aber Sie haben mir vor langer Zeit erzählt, daß Ihr Gatte es Ihnen zum Geburtstag geschenkt hat.“

„Das stimmt! Edward gab viel mehr für den Schmuck aus, als er sich leisten konnte, weil er für mich und die Kinder so eine Art Notgroschen sein sollte.“

„Ich kann mich daran erinnern, daß Sie mir damals davon erzählt haben.“

„Falls es einmal notwendig werden würde, sollte ich das Schmuckstück verkaufen. Das Geld dafür würde mich zumindest für einige Zeit sicherstellen. Ich könnte die Kleider der Mädchen bezahlen, wenn sie in die Gesellschaft eingeführt werden“, fuhr Lady Dorridge mit Tränen in den Augen fort.

„Haben Sie das denn Sir Francis nicht mitgeteilt?“

„Aber ja doch, doch das interessierte ihn gar nicht. Wenn Edward eine solche Kostbarkeit gekauft hat, dann nur mit Geld, das den Dorridges gehört“, erklärte sie kühl.

Lady Roysdon sprang auf.

„Dieser Mann ist unmöglich“, rief sie. „Ich habe ihn zwar nur ein paarmal in Ihrer Gesellschaft gesehen, aber er hat mir auf den ersten Blick mißfallen.“

„Er haßte mich, weil ich seiner Meinung nach nicht gut genug für seinen Bruder gewesen war.“

Averils Stimme brach bei den letzten Worten. Dicke Tränen rollten über ihre Wangen. Wenn sie weinte, wirkte sie ungeheuer anziehend, nur war leider kein Mann anwesend, der das zu schätzen wußte.

„Wie Sie wissen, können Sie immer auf mich zählen, Averil“, tröstete Lady Roysdon.

„Nein, Galatea“, fiel Lady Dorridge ihr ins Wort. „Sie waren immer großzügig zu mir und den Kindern, aber Geld kann ich nicht von Ihnen annehmen.“

Lady Roysdon zerbrach sich den Kopf nach einem Ausweg. Ihre Freundin würde es nicht ertragen, von der Barmherzigkeit anderer abhängig zu sein, war aber andererseits einem harten Lebenskampf ohne die nötigen Mittel, ihre Dienstboten zu bezahlen oder ihren kleinen Mädchen eine gute Erziehung angedeihen zu lassen, nicht gewachsen.

„Sie können doch wohl beweisen, daß der Schmuck Ihnen gehört“, sagte sie nachdenklich.

„Wie sollte ich das? Auch wenn Sie und meine Freunde bezeugen, daß ich das Kollier als Geschenk erhalten habe, würde Francis einen Weg finden um zu beweisen, daß Edward kein eigenes Geld besaß und es sich daher irgendwie heimlich vom Familienbesitz abgezweigt haben muß.“

Lady Roysdon war sich fast sicher, daß Sir Edward tatsächlich ein paar Hektar Land verkauft haben mußte, um sich Geld zu beschaffen. Schließlich wußte er, daß nach seinem Tode - da er keinen Sohn besaß - sein Gut in die Hände seines Bruders übergehen würde.

Averil konnte offenbar Gedanken lesen. Sie führte ein Taschentuch an die Augen und schluchzte.

„Wenn wir doch nur den Sohn gehabt hätten, den wir uns so sehnlich gewünscht haben. Aber nach Carolines Geburt konnte ich keine weiteren Kinder mehr bekommen.“

Sie begann so hilflos zu weinen, daß Lady Roysdon ihr tröstend den Arm um die Schultern legte.

„Alles wird gut werden“, versprach sie. „Es fällt uns bestimmt etwas ein.“

„Was könnte uns nur einfallen?“

„Wo befindet sich Sir Francis im Augenblick?“

Lady Roysdon überlegte, ob sie zu ihm gehen und ihm tüchtig die Meinung sagen sollte. Vielleicht ließ sich auch der Prinz dazu bewegen, mit ihm zu reden. Andererseits konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Sir Francis, der sich wenig aus dem gesellschaftlichen Leben machte, sich auch genausowenig um Vorhaltungen des Prinzen von Wales kümmern würde.

„Er hat im Castle Inn übernachtet und ist heute bis zum Abend mit seinem Vermögensverwalter und dem Landagenten beschäftigt. Nach dem Dinner beabsichtigt er, nach Shoreham zu fahren.“

„Warum dorthin?“

„Seine Schwester, meine Schwägerin also, besitzt ein Haus auf der anderen Seite der Stadt.“

„Würde sie Ihnen nicht helfen?“

„Oh nein, Miriam ist ganz auf Francis Seite. Sie ist nicht glücklich in ihrer Ehe und hat aus Eifersucht von jeher versucht, zwischen Edward und mir Unfrieden zu stiften.“

„Sie haben sich eine ziemlich widerwärtige Familie ausgesucht“, bemerkte Lady Roysdon.

„Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, ihre Zuneigung zu gewinnen, Galatea, aber leider ohne Erfolg. Der gutaussehende Edward sollte eine reiche Erbin heiraten, die sie ihm bereits ausgesucht hatten. Daß er stattdessen mich zur Frau nahm, haben sie mir nie verziehen.“

„Sie haben Edward sehr glücklich gemacht, und das ist doch wohl das einzige, was zählt.“

„Ich muß an die Kinder denken“, sagte Lady Dorridge hilflos.

Sie sah aus dem Fenster. Die Gentlemen auf edlen Pferden, Frauen mit eleganten Hüten und Kinder, die aufgeregt zum Strand liefen, ergaben ein hübsches Bild. In ihrem Rücken aber weinte ihre Freundin, und es mußte etwas geschehen, um sie zu beruhigen. Und plötzlich wußte sie die Antwort, die in ihrem Unterbewußtsein schon geraume Zeit gelauert hatte.

Im ersten Augenblick redete sie sich ein, daß ihr Vorhaben unmöglich war, doch es wurde ihr von Sekunde zu Sekunde klarer, daß ihr gar nichts anderes übrig blieb. Und je mehr sie über die Idee nachdachte, desto besser gefiel sie ihr. Sie wandte sich vom Fenster ab.

„Jetzt weiß ich, wie ich Ihnen helfen kann, Averil“, sagte sie.

„Ich nehme kein Geld von Ihnen, weil das unweigerlich unsere Freundschaft zerstören würde“, wehrte diese ab.

„Aber ich biete Ihnen ja gar kein Geld an, wenn Sie mich auch nicht daran hindern können, Ihren Mädchen ein paar hübsche Kleider zu kaufen, was ich vorhabe, seit ich in Brighton bin.“

„Vielen Dank“, erwiderte Averil fast mechanisch, bevor sie neugierig fragte. „Und wie wollen Sie mir helfen?“

„Ich hole Ihnen einfach das Kollier zurück.“

Der Hoffnungsschimmer in Lady Dorridges blauen Augen erlosch.

„Francis wird sich nie davon trennen. Er ist ein solcher Pfennigfuchser, daß er mir kaum erlaubte, ein paar persönliche Dinge mitzunehmen, die mir seit meiner Kindheit gehörten.“

„Er ist abscheulich und wird seinen Lohn erhalten, dafür lassen Sie mich nur sorgen, Averil.“

„Um Himmels willen, was haben Sie vor?“

„Das erzähle ich Ihnen später. Hören Sie auf zu weinen und geben Sie die Hoffnung nicht auf.“

Lady Dorridge wischte sich heftig die Augen trocken.

„Ich werde tun, was Sie sagen. Wenn Sie aber die Absicht haben, mit Francis zu reden... er wird nicht auf Sie hören, weil er Sie nicht ausstehen kann.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit, und wenn ich etwas tun kann, um mir Sir Francis Mißbilligung zuzuziehen, werde ich es mit Freuden tun.“

„Bitte handeln Sie nicht unüberlegt, Galatea“, flehte Lady Dorridge.

„Diesmal habe ich etwas Verrückteres vor als je zuvor.“'

„Oh, nein“, protestierte Averil. „Die Menschen sprechen ohnehin schon so unfreundlich über Sie. Sie haben ja keine Ahnung, daß Sie in Wirklichkeit liebenswürdig, mitfühlend und verständnisvoll sind.“

Lady Roysdon lachte.

„Wie lieb von Ihnen, mich so zu verteidigen.“

„Sie sind so schön und bedeutend, und doch finden Sie immer Zeit für mich.“

„Ich werde auch jetzt die Zeit finden, Ihre Kette zurückzuholen.“

Lady Dorridge blickte ihre Freundin mit großen Augen an.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie das bewerkstelligen wollen.“

„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, und Averil, was ich Ihnen jetzt sage, ist außerordentlich wichtig. Lassen Sie zu keinem Menschen ein Wort darüber verlauten, was wir besprochen haben.“

„Natürlich nicht, wenn Sie das nicht wollen. Obwohl ich gern einigen Leuten klarmachen würde, wie Sie tatsächlich sind.“

„Das meiste, was die Leute über mich reden, ist durchaus gerechtfertigt“, erwiderte Lady Roysdon, „aber vielleicht ändere ich mich bald - wer weiß?“

„Wenn doch nur Ihr Gatte endlich sterben würde“, sagte AveriL „Ich weiß, daß das sehr herzlos klingt, aber ich empfinde nun einmal so. Er ist schon so lange leidend und erkennt Sie nicht einmal mehr, welchen Sinn hat es daher, daß er lebt?“

„Jetzt reden Sie genau wie D’Arcy Sheringham. Mit diesen Argumenten hängt er mir ebenfalls ständig in den Ohren.“

Da Lady Dorridge schwieg, fragte sie nach einiger Zeit: „Sie mögen ihn nicht, Averil, oder?“

„Ich kenne den Grafen kaum und bin für ihn viel zu unbedeutend, als daß er mir Beachtung schenken würde.“

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Muß ich Ihre Frage beantworten?“

„Ich möchte gern Ihre ehrliche Meinung wissen.“

„Na gut, wenn Sie die Wahrheit hören wollen, die können Sie haben. Ich hoffe sehr, daß Sie ihn nicht heiraten, Galatea. Es gehen so viele schreckliche Geschichten über ihn beziehungsweise sein Tun und Treiben um, aber das ist es nicht allein ...“

„Was ist es dann?“

„Er sieht gut aus, ist reich und bedeutend, jedermann katzbuckelt vor ihm“, erwiderte Lady Dorridge leise, „aber ...“

„Beenden Sie Ihren Satz“, drängte ihre Freundin, als sie verstummte.

„Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß unter dem eleganten Äußeren und den guten Manieren ein wildes Tier lauert.“

Zu den letzten Worten mußte Lady Dorridge sich förmlich zwingen.

Da Lady Roysdon sich dazu nicht äußerte, setzte sie hinzu: „Vergeben Sie mir meine Freimütigkeit. Ich hätte einen Ihrer Freunde nicht so negativ beurteilen dürfen, aber Sie haben mich gefragt.“

„Ich schätze Ihre Meinung, zumal Sie nichts gesagt haben, was ich nicht ebenfalls denke. Außerdem ist es wahr.“

„Werden Sie ihn nach dem Tode Ihres Gatten heiraten?“

„Auf keinen Fall!“

Sie warf einen Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims. Lady Dorridge, die das bemerkte, sprang auf.

„Ich muß nach Hause. Die Kinder kommen bald vom Strand zurück und wollen etwas zu Essen. Ich habe heute morgen mein Dienstmädchen entlassen, weil ich sie mir nicht länger leisten kann. Nur meine alte Nanny weigert sich zu gehen, obwohl ich ihr mitgeteilt habe, daß ich ihren Lohn nicht mehr bezahlen kann.“

Lady Roysdons Augen verhärteten sich.

„Unternehmen Sie keine weiteren drastischen Schritte, Averil, ehe Sie nicht wieder von mir hören“, bat sie. „Beten Sie, daß ich Erfolg habe und Ihre Kette zurückerlange.“

„Sie sind sehr klug, Galatea, aber das ist ein hoffnungsloses Unterfangen, wie ich sehr wohl weiß.“

„Verlassen Sie sich ganz auf mich.“

Averil Dorridge setzte sich den Hut auf, dessen schwarze Bänder sie unter dem Kinn festband.

„Danke, liebste Galatea“, sagte sie. „Es tat schon gut, mit Ihnen reden zu dürfen. Verzeihen Sie mir, daß ich mich so dumm und tränenselig benommen habe.“

„Geben Sie den Kindern einen Kuß von mir. Ich werde sie morgen oder übermorgen abholen, um mit ihnen einkaufen zu gehen.“

„Sie sollten sie nicht so verwöhnen, obwohl sie natürlich entzückt sein werden.“

„Aber ich verwöhne sie gern.“

„Sie sollten eigene Kinder haben. Wenn doch nur Ihr Mann...“

Averils Stimme erstarb, als ihr klar wurde, daß sie indiskret gewesen war. Sie durchquerte die Halle und war gleich darauf im Sonnenschein verschwunden.

Als der Butler die Tür schloß, sagte Lady Roysdon. „Ich möchte mit Jake sprechen. Wo ist er?“

„Eigentlich sollte er bei den Vorbereitungen zum Lunch helfen, ich habe aber eher den Verdacht, daß er sich im Stall aufhält. Er mag ein tüchtiger Reitknecht sein, als Diener benimmt er sich ziemlich nachlässig.“

„Dann sollten wir ihn im Stall arbeiten lassen und fürs Haus einen anderen engagieren. Ich sehe keinen Grund, an Personal zu sparen.“

„Das ist sehr großzügig von Mylady. Zufällig kenne ich auch einen jungen Mann mit guten Zeugnissen, der eine Stellung sucht.“

„Dann engagieren Sie ihn“, bat Lady Roysdon, „und in der Zwischenzeit schicken Sie mir Jake. Ich habe Anweisungen für ihn.“

„Sehr wohl, Mylady.“

Der alte Butler verschwand, und Lady Roysdon begab sich wieder in den Morgensalon. Vor dem Fenster stehend blickte sie hinaus, ohne die Promenade mit den eleganten Menschen wirklich zu sehen. Sie rief sich wieder den vergangenen Abend ins Gedächtnis, als der Straßenräuber zur Kutsche ging, um die Tür für sie zu öffnen.

Sein Gefährte, der Hancocks und Jake in Schach hielt, lehnte in lässiger Haltung gegen eines der Wagenräder, den Kopf nach oben gewandt, während er sich mit Jake unterhielt. Bis zum jetzigen Augenblick hatte sie dem keine Bedeutung zugemessen. Plötzlich sah sie dieses Bild wieder ganz deutlich vor sich. Jake beugte sich vor, der Räuber blickte zu ihm in die Höhe, der alte Hancocks saß ein bißchen zurückgelehnt, die Zügel in den Händen. Da er ziemlich taub war, war es unwahrscheinlich, daß er von der Unterhaltung etwas mitbekommen hatte, jedenfalls nicht, wenn sie leise geführt worden war.

Worüber mochten die beiden gesprochen haben? fragte sich Lady Roysdon. Warum hatte Jake, wenn er tatsächlich eine Donnerbüchse mit sich führte, nicht den leisesten Versuch unternommen, von ihr Gebrauch zu machen? Er mußte doch wissen, daß in diesem Wald Räuber lauerten und die Waffe daher geladen auf den Knien halten. An seinem Benehmen war etwas Sonderbares, sie war entschlossen herauszufinden, ob ihr Verdacht sie nicht trog.

Die Tür ging auf.

„Jake, Mylady“, meldete der Butler.

Lady Roysdon wandte sich um, um den eintretenden Reitknecht aufmerksam zu mustern. Sie hatte ihn wegen seines offenen und ehrlichen Gesichtes engagiert, jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Im Übrigen war er ein gutaussehender Bursche, dem die Roysdonsche Livree ausgezeichnet stand. Er wartete allem Anschein nach gleichmütig darauf, daß sie ihn anredete, obwohl sie das unbestimmte Gefühl hatte, daß er innerlich auf der Hut war.

Sie setzte sich in einen Sessel.

„Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, Jake“, begann sie sehr langsam, wobei sie ihre Worte sorgfältig wählte.

„Ja, Mylady?“ Er hatte einen ländlichen Akzent, den sie nicht einzuordnen vermochte.

„Zunächst hätte ich gern gewußt, warum Sie nicht auf die Straßenräuber geschossen haben, die uns anhielten.“

„Ich war zu überrascht, Mylady.“

„Sie hätten voraussehen müssen, daß uns auf einer so einsamen Straße Gefahren drohten. Nicht umsonst wird mit Hilfe von Anschlägen den Reisenden Vorsicht gepredigt.“

„In Brighton selbst reden die Leute hauptsächlich über die Schmuggler.“

Das mochte wahr sein, trotzdem hatte sie das Gefühl, daß er sie vom Hauptthema ablenken wollte.

„Dann haben Sie also keine Räuber erwartet?“

„Nein, Mylady.“

„Ich stand unter dem Eindruck, daß Sie den zweiten Mann kannten, weil Sie sich sonst nicht so freundschaftlich mit ihm unterhalten hätten.“

Da sie ihn ganz genau musterte, entging ihr nicht, daß er schluckte und seine Augen flackerten. Ob vor Angst oder aus anderen Gründen, war nicht zu unterscheiden.

„Er hat mit mir gesprochen, Mylady“, stellte er fest, als er sich wieder gefaßt hatte.

„Und was hat er gesagt?“

„Nichts von Belang.“

„Erscheint es Ihnen nicht ein wenig ungewöhnlich, mit dem Mann eine Unterhaltung anzufangen, dessen Leben man bedroht?“ Da sie keine Antwort erhielt, fragte sie ihn ganz direkt. „Wäre es Ihnen möglich, den Räuber wiederzufinden, um Ihr Gespräch fortzusetzen?“

„Nein, Mylady“, erwiderte er schnell, so, als ob er diese Entgegnung vorbereitet und parat hatte.

„Überrascht es Sie zu hören, daß ich die Behörden nicht von dem verständigt habe, was letzte Nacht geschehen ist? Ich habe weder die Polizei gerufen noch sonst jemand gegenüber ein Wort darüber verlauten lassen.“

Der Reitknecht blickte sie forschend an.

„Ich beabsichtige nicht, Schritte zu unternehmen, um meinen Schmuck wieder zu erlangen“, fuhr sie fort, „muß aber aus äußerst triftigen Gründen mit den Straßenräubern Kontakt aufnehmen, wozu ich Ihre Hilfe brauche.“

„Meine Hilfe, Mylady?“

Jakes Überraschung war unverkennbar.

„Ihre Hilfe“, bestätigte sie, „und zwar nicht für mich, sondern für jemand anders. Aber wie dem auch sei, ich bitte Sie, mich zu den Räubern zu bringen.“

Er durchbohrte sie förmlich mit Blicken, als ob er herausfinden wollte, wie weit er ihren Worten Glauben schenken konnte.

„Wer über die näheren Umstände dieser Leute Bescheid weiß, läuft Gefahr, verhaftet zu werden“, erklärte Jake schließlich.

„Dessen bin ich mir wohl bewußt, aber davor habe ich keine Angst.“

Sie merkte, daß sie ihn immer noch nicht überzeugt hatte und redete weiter.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich heute abend zu dem Ort bringen, wo ich die Männer von gestern finden kann.“

„Angenommen man folgt Ihnen, Mylady?“

Sie wußte nur zu gut, wen Jake meinte.

„Wir werden reiten“, erklärte sie. „Bringen Sie die Pferde zur nächsten Straßenecke. Sie können als Ausrede benutzen, daß Sie mich im Haus von Bekannten abholen sollen. Ich werde mich um sechs Uhr an der verabredeten Stelle einfinden. Das ist die günstigste Zeit, weil die meisten Leute beim Dinner sitzen.“

Sir Francis Dorridge würde vermutlich ebenfalls um sechs Uhr speisen, und da ein Dinner zwei Stunden oder mehr in Anspruch nahm, erst nach Einbruch der Dämmerung in Richtung Shoreham fahren. Das verschaffte ihr genügend Zeit, um den Straßenräuber zu finden und ihm ihr Anliegen vorzutragen. Die Schwierigkeit bestand darin, daß Jake offenbar wenig Lust verspürte, seine Freunde zu verraten, falls man diese so nennen konnte.

„Nun, Jake, werden Sie mir helfen?“ fragte sie schließlich. „Für Sie ist damit kein Risiko verbunden. Ich werde jeder Vorsichtsmaßregel zustimmen und mir notfalls sogar die Augen verbinden lassen, wenn Sie das beruhigt.“

„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, Mylady“, erwiderte Jake nach längerem Nachdenken.

„Dann tun Sie, worum ich Sie bitte“, drängte sie. „Erwarten Sie mich um sechs Uhr mit Ladybird - ohne Damensattel natürlich - und bringen Sie ein zweites Pferd mit, das mit der Stute Schritt halten kann. Wenn wir die Stadt auf der Straße über die Downs heimlich verlassen, ist kaum anzunehmen, daß wir jemanden treffen, der uns kennt.“

„Mylady ist weit mehr Menschen bekannt, als ihr bewußt ist. Verzeihen Sie, wenn ich das bemerke.“

„Das ist leider wahr“, gab sie zu, „vielleicht sollte ich mich daher verkleiden.“

Sie erwog diesen Gedanken, als sie bemerkte, daß Jake sie neugierig beobachtete. Ihre Londoner Eskapaden, die sie teilweise kostümiert hinter sich gebracht hatte, mußten sich ganz schön weit herumgesprochen haben, jedenfalls der Miene des Reitknechts nach, in der sich Beunruhigung und Erstaunen mischten.

„Überlassen Sie alles mir, Jake“, fuhr sie fort. „Ich verspreche Ihnen, daß niemand mich verfolgt, weil niemand wissen wird, daß ich die Stadt überhaupt verlassen habe. Ihre Freunde geraten durch ein Treffen mit mir nicht in Gefahr.“

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