Kitabı oku: «Die Zähmung der wilden Lorinda»
Die Zähmung der Wilden Lorinda
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2015
Copyright Cartland Promotions 1985
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1 ~ 1794
Der Mann mit der grünen Maske schaute in den Ballsaal, in das bunte Treiben und den Glanz, der sich unter den kristallenen Kronleuchtern entfaltete.
Der Ball stand unter dem Motto: ,Jede Maske, jedes Kostüm ist willkommen!’ Daran hatten sich die Gäste gehalten. So waren die unvermeidlichen Cleopatras in großer Zahl erschienen und fast ebenso viele Hofnarren, auch war nicht zu übersehen, daß die Haartrachten und Halskrausen des elisabethanischen Zeitalters vorherrschten.
Der Mann, der erstaunt die tanzenden Paare betrachtete, sagte zu seinem Freund, der neben ihm stand: „Ich hatte gedacht, daß du mich zu einem exklusiven Ball bringen würdest.“
„Eine bessere Gesellschaft als diese wirst du in London nicht finden.“
„Dies hier ist also keine Halbwelt?“
„Bestimmt nicht. Das sind die tonangebenden Leute Londons. Damen aus den besten Familien des Landes und des Adels.“
„Ich kann es kaum glauben.“
Der Mann in der grünen Maske blickte nicht auf die gespitzten roten Lippen, die unter den Samtmasken sichtbar waren, und auch nicht in die Augen, die durch die Sehschlitze hindurch funkelten. Sein Blick war auf die rosigen Brüste gerichtet, die durch die durchsichtigen Schleier, die die Damen sich um ihre Körper geschlungen hatten, ebenso deutlich erkennbar waren wie die Kurven ihrer schlanken Hüften und ihrer nackten Beine.
„Ich bin also wirklich in England?“ fragte er.
Sein Freund lachte.
„Du bist einfach zu lange fort gewesen. Vieles hat sich verändert, und das meiste, wie du bald feststellen wirst, nicht zum Besten.“
„Als ich damals ins Ausland ging“, sagte der Mann mit der grünen Maske, „waren die Frauen freundlich, gehorsam und voller Respekt gegenüber ihren Ehemännern.“
„Das ist nicht mehr gefragt“, informierte ihn sein Freund. „Heute sind Frauen nicht mehr zart und schwächlich. Sie interessieren und beteiligen sich an Pferde- und Wagenrennen, sie nehmen an Wettschießen teil und spielen Cricket gegen andere Damenmannschaften. Die königlichen Prinzessinnen spielen sogar Fußball.“
„Guter Gott!“
„Sie halten sich dem Mann für ebenbürtig und zeigen das auch in ihrer äußeren Erscheinung.“
„Ja, ich habe bemerkt, daß der Puder verschwunden ist.“
„Und zwar für Männer und Frauen. Gott sei Dank. Wir können dem Prinzen of Wales gar nicht genügend dankbar sein, daß er das natürliche Wasser zum Waschen eingeführt hat.“
„Der Wegfall der Schminke ist sicher eine große Erleichterung für die Männer, aber was die Frauen betrifft, so hatte ich bei ihnen doch manches ganz gern gesehen“, sagte der Mann mit der grünen Maske.
„Zur Zeit ist die siegreiche Frisur in Mode“, erzählte sein Freund lachend. „Sie kommt aus Paris. Vorbei ist es mit den hohen, kunstvollen Gebilden von damals, jetzt haben wir Windstoß-Locken, die sorgfältig zerzaust werden, und um die revolutionäre Illusion perfekt zu machen, trägt man um den Hals ein rotes Band.“
„Ich bin der Meinung, daß das angesichts der Leiden, die die Guillotine anrichtet, ein Zeichen äußerst schlechten Geschmacks ist“, bemerkte der Mann mit der grünen Maske.
„Mein lieber Freund, Vieles von dem, was wir tun, entspricht einem schlechten Geschmack, aber wir alle tun es weiter.“ Er sah seinen Freund mit einem verschwörerischen Lächeln an und fuhr fort: „Viele Kleider, die im Carlton House getragen werden, lassen die Brüste praktisch völlig frei, oder sie werden mit einem so feinen Material drapiert, daß nichts mehr für die Phantasie übrig bleibt.“
Der Mann mit der Maske antwortete nicht, sondern beobachtete die Tänzer auf dem Parkett. Er sah, daß der Tanz wilder wurde und die Bewegungen ausgelassener.
„Du wirst mich sicher für altmodisch halten ...“, begann er, aber seine Stimme brach ab.
Durch die hohen französischen Fenster, die zum Garten führten, und die wegen der heißen Juninacht geöffnet waren, kam plötzlich unerwartet ein schwarzes Pferd herein. Es wurde von einer Frau geritten, die auf den ersten Blick vollständig nackt erschien und nur bedeckt war von ihren langen, rotgoldenen Haaren, die bis über ihre Taille fielen.
Bei näherem Hinsehen entdeckte man, daß der Sattel auf dem sie saß, silberne Beschläge hatte und auf mexikanische Art hinten und vorne hochgewölbt war. Ihr Haar war so geschickt verteilt, daß nichts von ihrem Körper, außer ihren nackten Armen und Beinen, zu erkennen war. Sie ritt im Herrensitz, was sehr gewagt war. Um ihrer Verachtung jeglicher Verkleidung Ausdruck zu verleihen, trug sie keine Maske. Ihre großen, grünen Augen, die ihr ganzes Gesicht beherrschten, waren voller Übermut.
Der Mann in der grünen Maske fand seine Sprache wieder.
„Guter Gott, was ist das?“
„Das ist“, erklärte ihm sein Freund, „Lady Camborne, der größte Wildfang von allen.“
„Ist es möglich, daß sie einer ehrbaren Familie entstammt?“
„Ihr Vater ist der Earl of Camborne und Cardis.“
„Wenn er nur etwas Vernunft hätte, würde er seiner Tochter eine Tracht Prügel verabreichen und sie nach Hause bringen.“
„Es ist unwahrscheinlich, daß er sie sieht, da er seine Augen nicht vom Spieltisch hochhebt.“
„Er ist ein Spieler?“
„Ja, sogar ohne Aussicht auf Heilung.“
„Das Mädchen, wie alt ist es?“
„Lady Lorinda ist zwanzig, glaube ich. Seit zwei Jahren ist sie eine gefeierte Schönheit auf allen Festen im St. James Palast.“
„Wird sie wirklich bewundert?“
„Du bist zu kritisch, sie mag sich vielleicht etwas tadelnswert benehmen, und ich will nicht verheimlichen, daß sie dem Klatsch unermüdlich neue Nahrung liefert, aber sie ist doch von außergewöhnlicher Schönheit.“
Der Mann mit der grünen Maske sagte nichts, er beobachtete Lady Lorinda, die jetzt mit ihrem schwarzen Pferd eine Runde durch den Ballsaal ritt.
Die Tänzer hatten aufgehört zu tanzen, um ihr zu applaudieren. Die Männer riefen ihr witzige Bemerkungen zu und bewarfen sie mit Blumen.
„Die Wetten im Whitehall-Viertel standen dagegen, daß sie nackt erscheinen würde“, erzählte sein Freund.
„Nun, sie hat nicht nur ihre Wette gewonnen, sondern es werden auch noch an anderen Stellen größere Geldsummen den Besitzer wechseln, wie schon so oft, wenn sie an einem Streich beteiligt war.“
Nachdem Lady Lorinda zweimal eine Runde geritten hatte, empfing sie würdevoll den Applaus der Menge und verschwand dann so plötzlich wie sie erschienen war durch die Fenster in den Garten.
„Ist das alles, was wir von ihr zu sehen bekommen?“ fragte der Mann mit der Maske.
„Du lieber Himmel, nein! Die Lady wird bald in einem Phantasiekostüm erscheinen, und zwar kaum in einem, das sie unkenntlich macht. Sie wird eine der Letzten sein, die nach Hause aufbrechen.“
„Dann gefällt ihr diese Art des Vergnügens also?“ fragte der Mann mit der Maske mit zorniger Stimme.
„Augenscheinlich. Auf diese Art verbringt sie ihr Leben. Jede Nacht ein anderes Fest. Wilde Ausflüge nach Vauxhall oder auch weniger aufregende nächtliche Vergnügungen. Und wo immer sie erscheint, hinterläßt sie einen ganzen Schweif gebrochener Herzen. Viele Geschichten kursieren über Lady Lorinda - die neueste ist die über sie und den Marquis of Queensbury ...“
„Du lieber Himmel, ist der alte Bock noch immer dabei?“ unterbrach ihn der Mann mit der Maske.
„Der wird wohl nur durch den Tod von seiner Lüsternheit geheilt werden. So bildete er sich ein, in der Rolle des Paris den goldenen Apfel mit der Inschrift ,der Schönsten’ verteilen zu müssen.“
„Wenn ich mich recht entsinne, haben sich drei Göttinnen um den Apfel gestritten.“
„Das stimmt.“
„Und die waren nackt.“
„Natürlich“, erwiderte sein Freund, „und eine von den dreien war Lady Lorinda, so wurde mir erzählt.“
„Und in eine solche Frau können Männer sich verlieben?“
„Aber sicher tun sie das. Und eines muß ich zu Lady Lorindas Verteidigung sagen. Sie hat Mut und Persönlichkeit, was man bei vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen vermißt. Keiner kann ihr gegenüber gleichgültig bleiben.“
„Oder sie etwa übersehen“, vervollständigte der Mann mit der Maske ironisch.
„Ich glaube, ich muß euch bekanntmachen“, meinte sein Freund lächelnd. „Vielleicht würde es der Lady guttun, einen Mann zu treffen, der nicht von ihrer Schönheit plattgewalzt wurde und der es nicht zuläßt, sich von ihren hübschen Füßen zertrampeln zu lassen.“ Nach einer kürzen Pause fügte er hinzu: „Wie ich sehe, ist der Prinz of Wales inzwischen eingetroffen. Komm, ich will dich vorstellen. Ich weiß, daß er sich sehr gerne von dir über einen anderen Teil der Welt berichten lassen wird.“
Nachdem er an der königlichen Tafel gespeist hatte, verließ der Mann mit der Maske den Speisesaal und schlenderte wieder zum Ballsaal. Da es dort aber sehr heiß war, ging er in den Garten. Die Zweige der großen Bäume wurden von einer leichten Brise bewegt, von den Blumenbeeten stieg der Duft der nächtlichen frischen Pflanzen auf, und vom Himmel leuchtete der schimmernde Glanz der Sterne. Er zog mit einem tiefen Atemzug die Luft ein und stellte fest, wie kühl sie war, gemessen an der stickigen Hitze in Indien.
Er blickte nachdenklich in den Sternenhimmel und hörte plötzlich in der Nähe eine Männerstimme sagen: „Lorinda, ich bitte Sie, hören Sie mich an. Ich liebe Sie. Heiraten Sie mich, oder ich schwöre Ihnen, ich bringe mich um.“
Der Mann mit der grünen Maske bemerkte, daß aus der Stimme unüberhörbar eine tiefe Seelenqual sprach.
„Heiraten Sie mich, Lorinda, und machen Sie mich zum glücklichsten Mann der Welt.“
„Ist das jetzt das zehnte oder elfte Mal, daß ich Ihren Antrag ablehne, Edward?“
Der Mann mit der Maske stellte lest, daß die beiden Personen vor der Hecke standen, hinter der er stand. Er konnte wegen der Dunkelheit zwar nichts erkennen, er stellte sich aber vor, daß sie auf einer Bank mit dem Rücken zur Hecke saßen, und er nur einige Zentimeter von ihnen entfernt war.
„Ich habe Sie schon oft gebeten und tue es auch heute wieder: Heiraten Sie mich!“
„Und jedes Mal habe ich nein gesagt. Wirklich, Edward, Sie beginnen mich zu langweilen. Ich möchte jetzt zurück in den Ballsaal gehen.“
„Verlassen Sie mich nicht, Lorinda. Bleiben Sie hier. Ich werde Sie nicht langweilen, ich werde alles tun was Sie wollen, alles, wenn Sie mir nur ein bißchen Beachtung schenken würden.“
„Warum sollte ich? Wenn ich einen Schoßhund brauche, kaufe ich mir einen.“ Die Stimme klang ärgerlich, schnell folgten die Worte: „Wenn Sie mich berühren sollten, spreche ich kein Wort mehr mit Ihnen.“
„Lorinda! Lorinda!“
Der Ausruf war voller Verzweiflung. Dann war das Geräusch schnell sich entfernender Absätze auf dem gefliesten Weg zu vernehmen und das Stöhnen des verlassenen Mannes.
Auch der Mann mit der grünen Maske ging zurück zum Ballsaal. Ohne Schwierigkeiten gelang es ihm, Lady Lorinda zu erkennen, denn in dem Moment, in dem er durch die französischen Fenster in den Ballsaal trat, hörte er ihre fröhliche, von dem Ereignis im Garten völlig unberührte Stimme. Sie trug einen silbergesäumten und reich bestickten Kavaliersanzug mit Satinhosen und atemberaubenden, mit Bändern verzierten seidenen Kniestrümpfen, die ihre schmalen Fesseln zur Geltung brachten. Ihr rotgoldenes Haar war wie eine Perücke in Locken gelegt und von einem Hut mit Federn gekrönt.
Sie hatte nun zwar eine Maske auf, die aber nicht ihre kleine, gerade Nase, ihren schön geformten Mund und das stolze, energische Kinn verbergen konnte. Sie hielt ein Glas Wein in der Hand und prostete gemeinsam mit der heiteren Gruppe, in der sie sich befand, ihrem Gastgeber zu.
Der Mann mit der grünen Maske sah, wie der Gastgeber, ein dunkler, zynisch wirkender Mann in mittleren Jahren, zurück prostete, dabei aber seine Augen nur auf Lady Lorinda gerichtet hielt. Er ging auf sie zu.
„Kommen Sie mit mir in den Garten, ich muß mit Ihnen sprechen.“
„Ich komme gerade aus dem Garten“, antwortete Lady Lorinda gelangweilt. „Wenn Sie hoffen, mit mir flirten zu können, Ulrich, dann muß ich Sie warnen, ich bin nicht dazu aufgelegt.“
„Wie kommen Sie darauf, daß ich das beabsichtigt habe?“
„Weil Liebe das einzige ist, worüber Männer reden können“, erwiderte sie. „Gibt es denn überhaupt kein anderes Thema?“
„Nicht, wenn Männer mit Ihnen sprechen.“
„Liebe langweilt mich, sie ist etwas, woran ich überhaupt kein Interesse habe. Wenn Sie mich amüsieren wollen, dann sprechen Sie von etwas anderem.“
„Behaupten Sie noch immer, kein Herz zu haben?“
„Das behaupte ich nicht, ich bin froh darüber, daß es so ist. Aber lassen Sie uns in den Speisesaal gehen, ich bekomme Hunger.“
Sie schlenderten langsam fort, und der Mann mit der Maske blickte ihnen nach.
„Ich habe dir ja gesagt, daß sie wunderhübsch, aber unberechenbar ist“, sagte die Stimme seines Freundes, der neben ihn getreten war.
„Fällt ihr denn jeder zu Füßen und tut, was sie sagt?“ fragte der Mann mit der Maske.
„Ja, jeder gehorcht Lady Lorinda.“
„Und wenn einer es nicht tut?“
„Dann verstößt sie ihn aus ihrem Bekanntenkreis. Und eine solche Ächtung, so wurde mir erzählt, ist schlimmer als verbannt zu werden.“
Der Mann mit der Maske lachte.
„Ich habe das Gefühl, daß ihr alle, seit ich damals fortgegangen bin, euer Selbstwertgefühl verloren habt, oder sollte ich besser sagen, euren Sinn für Humor?“
Später in der Nacht, nachdem ein großer Teil der Gäste bereits das Fest verlassen hatte, und die erste zarte Dämmerung die Sterne am Morgenhimmel zu verdrängen begann, fuhren auch die beiden Freunde mit einer Kutsche durch das Portal auf die Hauptstraße zu. Ein Pferdeknecht saß hinten auf dem Sitz. Die Pferde waren von ausgesucht guter Qualität.
„Hast du dich gut amüsiert?“ fragte der Freund.
Sein Begleiter, der nun keine Maske mehr trug, antwortete: „Es war mehr eine Enthüllung. Ich hatte zwar gehofft, eine Abwechslung zu erleben, aber daß sie so weit gehen würde, hätte ich nicht gedacht.“
„Denkst du in diesem Zusammenhang an die Männer oder an die Frauen?“
„Nun, zunächst einmal war ich erstaunt über den Prinzen. Er ist fett geworden, seine munteren Zechkumpane fand ich alles andere als erheiternd.“
„Mit dieser Meinung stehst du nicht allein, und wie denkst du über die Frauen, bist du sehr bestürzt?“
Der Mann lachte auf und sagte: „Ich versichere dir, daß mich so schnell nichts bestürzen kann. Aber es versetzt mich in Schrecken, wenn ich daran denke, daß diese unzüchtigen, verantwortungslosen Geschöpfe die Mütter der nächsten Generation sein werden.“
„Denkst du daran, etwas dagegen zu unternehmen?“
„Was glaubst du, was ich tun könnte?“
„Versuche Lady Lorinda zu bessern. Welch eine Herausforderung für einen Mann wie dich.“
„Das wäre möglich.“
„Wer hätte je eine Tigerin gezähmt? Ich wette jede Summe, daß das absolut unmöglich ist.“
Der Mann, der die grüne Maske getragen hatte, schwieg einen Moment und erwiderte dann: „Eintausend Pfund.“
„Ist das dein Ernst?“ fragte der Freund ungläubig. Dann lachte er.
„Die Wette gilt. Den Ausgang dieser wahrhaft heldenhaften Anstrengung möchte ich nicht versäumen, nicht für das Zehnfache der Summe.“
Sie waren bereits ein Stück gefahren, als er ausrief: „Da wir gerade von Tigerinnen in Menschengestalt sprechen, da vorne ist sie, direkt vor uns.“
Er deutete auf eine schwarze Reisekutsche, die den Hügel hinauffuhr und eben die ,Spanische Schenke’ passierte. An den Türen der Kutsche war das Wappen der Cambornes erkennbar.
Die Kutsche war nicht sonderlich auffallend, wäre nicht die Livree des Dieners und des Kutschers so außergewöhnlich gewesen. Anstatt der allgemein üblichen Livreefarben blau, grün oder weinrot, trugen Lady Lorindas Diener Weiß mit Silber abgesetzt.
Der Mann, der die Maske getragen hatte, betrachtete voller Erstaunen die Kutsche und die Diener. Er bemerkte, daß die Kutsche, als sie den Gipfel des Hügels erklommen hatte und langsam durch eine schmale Durchfahrt zwischen der ,Spanischen Schenke’ und dem Schlagbaum fuhr, abrupt stehenblieb.
„Was ist los?“ rief der Freund erschrocken aus.
Er hatte aber auch schon die Erklärung dafür.
„Guter Gott, Straßenräuber! Lady Lorinda soll ausgeraubt werden.“
Er benutzte die Peitsche und trieb seine Pferde an.
Plötzlich hörten sie den Knall eines Pistolenschusses und sahen, wie die Gestalt eines Mannes, der an der geöffneten Tür von Lady Lorindas Kutsche gestanden hatte, rückwärts in den Straßengraben fiel. Ein zweiter Mann, der neben ihm gestanden hatte, lief fort.
Bevor sich die Kutsche der Freunde genähert hatte, fuhr Lady Lorinda in schnellem Tempo davon. Die Freunde hielten neben dem Straßenräuber. Er lag mit ausgebreiteten Armen und Beinen im Graben, eine Hand hielt noch immer die Pistole umfaßt.
Seine Maskierung war verrutscht und gab einen besonders abscheulichen, verbrecherischen Gesichtsausdruck frei. Die rote Blutspur auf seiner Brust ließ keinen Zweifel aufkommen.
Der Kutscher war heruntergesprungen und rief: „Er ist tot, Mylord!“
Der Freund gab das Kommando zum Weiterfahren und sagte: „Dann haben wir hier weiter nichts zu tun.“
Sie fuhren schweigend weiter, bis der Mann, der die Maske getragen hatte, fragte: „War da noch jemand in der Kutsche, oder hat das Mädchen den Mann selbst erschossen?“
„Natürlich hat sie ihn selbst erschossen. Und das war nicht das erste Mal, daß sie schoß“, antwortete sein Freund. Als er fortfuhr, lachte er. „Hier hast du ein vollendetes Beispiel dafür, wie sich die jungen Mädchen heutzutage ihrer Haut zu wehren wissen. Ich hatte schon einige Male etwas darüber reden hören, wie Lady Lorinda mit Straßenräubern und Wegelagerern fertig wird. Nun habe ich es selbst gesehen. Es ist ganz einfach. Wenn ein Räuber die Tür ihrer Kutsche öffnet, zielt sie mit ihrer Pistole auf ihn und schießt ihn tot. Ihre Diener haben keinerlei Arbeit, sie zu beschützen.“
„Jetzt bin ich aber doch überrascht“, bemerkte sein Freund. „Zu meiner Zeit sind Frauen in solcher Lage in Schluchzen ausgebrochen und warteten auf den männlichen Arm, der sich schützend um sie legte.“
„Es gibt noch genügend von der anhänglichen Sorte, wenn es das ist, was du bevorzugst. Und dir mit deinem Reichtum werden sie besonders anhängen.“
Schweigend führen sie dann weiter über Hampstead Heath.
Lady Lorinda lag mit geschlossenen Augen im Fond ihrer Kutsche. Vorher jedoch hatte sie ihre Pistole erneut durchgeladen, erst dann gestattete sie sich eine Erholung von dem Schrecken.
Sie wußte, daß Hamstead Heath oft von Straßenräubern heimgesucht wurde. Sie waren ihr genauso zuwider wie die aufdringlichen Liebhaber.
Lord Edward Hinton war nur einer von ihren vielen Bewunderern, der ein Nein nicht als Antwort gelten lassen wollte. Während sie sich vergegenwärtigte, wie lästig er den ganzen Abend gewesen war, faßte sie den Entschluß, in Zukunft kein Fest mehr zu besuchen, auf dem auch Edward anwesend sein würde.
Ihr heutiger Gastgeber Lord Wroxford war auch nicht viel zurückhaltender, nur konnte er ihr wenigstens keine Heiratsanträge machen, denn er war bereits verheiratet, und wenn er sie verfolgte, so geschah das mit eindeutig unehrenhaften Absichten. Dies aber war, so fand Lorinda, leichter zu ertragen, weil sie Ulrich auslachen konnte, denn es war eher möglich über den Mond zu springen, als sich vorzustellen, daß sie seine Mätresse werden würde. Und trotzdem fuhr Ulrich in seinen Bemühungen um sie in entweder witziger, zynischer oder amüsanter Weise fort.
Leider war der Fall Edward schwieriger. Er hatte so oft damit gedroht, sich umzubringen, wenn sie ihn nicht heiratete, daß sie sich schon langweilte, bevor er den Mund öffnete. Und doch wäre er kein unpassender Ehemann, denn wenn sein Bruder weiterhin nur Töchter und keinen männlichen Erben bekam, hatte Edward die Chance, den Herzogstitel zu erben.
,Wenn ich vernünftig wäre, würde ich ihn heiraten’, sagte Lorinda zu sich selbst. ,Wie aber soll ich für den Rest meines Lebens dieses Jammern nach meiner Liebe ertragen?’
Ähnlich empfand sie auch anderen Männern gegenüber, die ihr nicht nur Reichtum, sondern auch eine hohe gesellschaftliche Stellung bieten konnten. ,Was will ich eigentlich?’ fragte sich Lorinda, während der Wagen den Hampstead Hügel hinter sich ließ. Hier war kaum noch mit Straßenräubern zu rechnen. Die junge Frau hatte die plötzliche Vision einer ununterbrochenen Kette von Bällen und Festen im immer gleichen liederlichen Kreis von Freunden, mit denen sie zur Zeit ständig unterwegs war. Einmal von London nach Brighton oder nach Newmarket zum Rennen, oder nach Bath zur Kur und zurück nach London zu einer neuen Runde ausgelassener Feste.
War das wirklich alles, was sie vom Leben erwartete und erhoffte? Ihr war klar, daß schon morgen all die Witwen und Matronen wieder schnatternd und klatschend über sie herfallen würden wegen ihres nackten Erscheinens als Lady Godiva.
Lord Barrymore, einer der ausschweifend lebenden Peers, hatte gewettet, daß sie das nicht wagen würde. Und das gerade hatte sie zu dem Ritt veranlaßt.
„Ich kann alles machen, was ich will!“ sagte sie laut.
Und sie dachte daran, wie die ganze Geschichte dem König und der Königin in Windsor Castle zugetragen, und ein weiteres Mal auf das schlechte Beispiel und böse Vorbild des Prinz of Wales geschoben werden würde.
,Ach, das ist mir alles egal!’sagte sich Lorinda. Sie sah erleichtert, daß die Fahrt beendet war, denn die Kutsche fuhr gerade vor das Portal von Camborne House vor.
Es war ein großes, unbequemes und ziemlich häßliches Herrenhaus, das vom 7. Earl of Camborne, dem Großvater Lorindas, erbaut worden war. Sie hatte mit einigen Neuerungen das finstere Aussehen des Gebäudes vergessen gemacht. Als der Diener in seiner weißsilbernen Livree die Tür öffnete, stellte sie fest, daß doch alles viel freundlicher wirkte als zu der Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war.
„Ist seine Lordschaft zu Hause, Thomas?“ fragte sie.
„Ja, Mylady. Seine Lordschaft ist vor einer halben Stunde nach Hause gekommen und ist in der Bibliothek.“
„Danke, Thomas.“
Sie warf ihren Umhang auf einen Stuhl und schenkte dem entsetzten Blick, mit dem der Diener ihren männlichen Aufzug betrachtete, keine Beachtung. Sie öffnete die Tür zur Bibliothek.
Ihr Vater saß am Schreibtisch in der Mitte des Raumes und lud eine Duellpistole. Als seine Tochter hereinkam, blickte er erstaunt auf. Der Earl of Camborne und Cardis war ein gutaussehender Mann mit grauen Schläfen und der fahlen Gesichtsfarbe eines Menschen, der zu wenig frische Luft bekommt. In den Spielkasinos war es stets schwül und stickig.
Er legte die Pistole mit einer auffallend schnellen Bewegung auf den Tisch und sagte: „Ich habe dich nicht so früh zurück erwartet, Lorinda.“
„Was ist passiert, Papa? Erzähle mir jetzt bitte nicht, daß du die Absicht hast, dich zu duellieren.“
Da ihr Vater nicht antwortete, ging sie zu seinem Schreibtisch und sah ihn an.
„Was ist, Papa?“
Es schien, als wollte der Earl ihr die Antwort verweigern, aber dann warf er sich in seinen Stuhl zurück und sagte trotzig: „Ich wollte mich gerade erschießen.“
„Papa, das kann nicht dein Ernst sein!“
„Ich habe alles verloren, was wir besitzen.“
Lorinda erwiderte nichts. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl ihm gegenüber und sagte: „Erzähle mir genau, was passiert ist.“
„Ich habe mit Charles Fox gespielt“, antwortete der Earl.
Lorindas Lippen wurden schmal, denn sie wußte zu gut, daß Charles James Fox der gefährlichste Gegner war, den ihr Vater hätte wählen können. Er war ein nationaler Politiker von enormer Beredsamkeit, dickbäuchig, unordentlich, mit einem Doppelkinn, schwarzen struppigen Augenbrauen und einem außergewöhnlichen Charme. Da der König ihn verabscheute, war er ein naher Freund des Prinz of Wales geworden, der ihn nicht mehr missen mochte. Er war der Sohn eines überaus reichen Vaters und hatte seine Leidenschaft für das Spiel entdeckt. Er und sein Bruder hatten einmal an einem Abend 32 000 Pfund verloren.
Lorinda dachte bitter, daß eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen Charles Fox einmal gewann, ausgerechnet zu Lasten ihres Vaters gehen mußte. Die nächsten Worte des Earls bestätigten ihre Gedanken.
„Ich hatte eine Gewinnsträhne. Eine große Summe war bereits in meinem Besitz. Da wendete sich das Glück und war plötzlich auf der Seite von Charles Fox. Ich dachte, das kann nicht anhalten. Als ich aber einige Zeit später den Tisch verließ, war mir nichts mehr verblieben, was ich hätte setzen können.“
Es entstand eine Pause. Dann fragte Lorinda mit fester Stimme: „Wie viel hast du verloren?“
„100 000 Pfund.“
Das war eine riesige Summe, und doch war sie für viele der reichen Spieler im exklusiven White’s Club durchaus noch zu bewältigen. Für sie aber bedeutete es eine Katastrophe.
Sie besaßen dieses Haus in London und ihren alten Familiensitz in Cornwall auf dem Land. Ihr Einkommen war klein, sie lebten stets über ihre Verhältnisse und in dem Glauben, daß eines Tages ein Glücksumstand eintreten werde. Lorinda hatte ihrem Vater jeden größeren Spielgewinn abgenommen, damit er ihn nicht wieder verspielen konnte. Niemals zuvor allerdings hatte sich ein Spielverlust einer ähnlich hohen Summe genähert.
„Für mich gibt es nur noch einen Ausweg“, sagte der Earl heiser, „und das ist, mich zu erschießen. Fox wird seinen Gewinn nicht fordern können, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin.“
„Du weißt ebenso gut wie ich, Papa, daß es sich um Ehrenschulden handelt“, sagte Lorinda. „In einem solchen Falle müßte ich sie zahlen.“
„Ist das wirklich wahr?“
„Natürlich“, antwortete sie. „Wenn du mich mit diesem Schuldenberg zurückläßt, wäre das äußerst schäbig.“
Ihre Stimme war zornig geworden. Sie stand auf, ging zum Fenster und zog die Vorhänge beiseite. Die Sonne ging auf, ihre ersten Spuren verfingen sich oben an den Dachzinnen.
„Ich hatte gehofft“, sagte der Earl hinter ihr, „daß Fox, wenn ich tot wäre, die Schulden streichen würde und dies für dich ein Ausweg wäre.“
„Ein Ausweg für dich, nicht für mich“, erwiderte Lorinda ruhig „Aber was immer man den Cambornes nachsagen mag, Feiglinge sind sie nie gewesen.“
„Verdammt, ich verbiete dir, mich einen Feigling zu nennen“, sagte ihr Vater scharf.
„Ich kann mir nichts feigeres vorstellen, als wenn du dich auf meine Kosten davonschleichen würdest“.
Ihr Vater stieß die Pistole ungeduldig beiseite.
„Wenn du so darüber denkst, dann wird dir vielleicht ein anderer Ausweg einfallen?“
„Es gibt doch überhaupt nur einen einzigen Ausweg“, sagte sie und kam wieder auf den Schreibtisch zu.
„Ich sehe überhaupt keinen Ausweg“, meinte der Earl.
„Gut, dann will ich ihn dir nennen“, antwortete sie. „Wir werden dieses Haus mit allem Drum und Dran verkaufen, das wird eine ziemlich große Summe bringen. Danach ziehen wir uns nach Cornwall zurück.“
„Nach Cornwall?“
„Warum nicht? Zumindest so lange, bis wir das Haus dort verkauft haben, das heißt, falls wir jemanden finden, der es uns abkauft.“
Der Earl schlug so heftig mit der Faust auf die Schreibtischplatte, daß das Tintenfaß klapperte.
„Ich werde das Heim meiner Vorfahren, deren Stammbaum bis zu den Normannen zurückreicht, nicht verkaufen!“ rief er. „Dazu wird es nicht kommen, daß ein Camborne jemals soweit sinkt, das Geburtshaus seiner Ahnen zu verschleudern.“
Lorinda zuckte mit den Schultern.
„Es wird dir kaum etwas anderes übrig bleiben“, erwiderte sie. „Ich glaube nicht, daß dieses Haus hier mit allem, was es enthält und mit Mamas Juwelen, mehr als 50 000 Pfund bringen wird.“
Der Earl schlug sich die Hände vor die Augen.
„Oh Gott!“ brach es aus ihm heraus, „warum, zum Teufel, war ich ein solcher Narr?“
„Klagen werden dir jetzt wenig nutzen“, meinte Lorinda ungerührt. „Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, Papa. Und ich nehme an, daß ich mich um alles werde kümmern müssen. Du wirst Charles Fox um einen Zahlungsaufschub bitten müssen, denn innerhalb der üblichen zwei Wochen wirst du die ganzen 100 000 Pfund nicht zahlen können.“
„Muß ich neben meinen anderen Demütigungen vielleicht auch noch auf die Knie vor ihm fallen?“ fragte der Earl ärgerlich.
„Es ist alles deine Schuld“, sagte Lorinda.
Er blickte zu ihr hoch und sah in ihren grünen Augen einen Ausdruck, der ihn wütend ausrufen ließ: „Du lieber Himmel, du könntest mir schon etwas mehr Verständnis entgegenbringen! Hast du denn gar kein Gefühl für mich oder für irgendetwas?“
„Wenn du die Wahrheit wissen willst“, sagte Lorinda, „ich verachte dich.“
Sie machte eine Pause, ihr Vater sagte nichts, und sie fuhr fort: „Ich verachte dich, wie ich alle Männer verachte. Ihr seid alle gleich und so schwach wie Wasser im Bach, wenn es um die Erfüllung eurer Wünsche geht. Von einer Frau aber erwartet ihr, daß sie eure Dummheiten belächelt und über eure Vergehen in Tränen ausbricht. Nun, ich sage dir hiermit ganz klar, daß ich keines von beiden tun werde.“
Sie nahm die Pistole vom Schreibtisch und sagte in scharfem Ton: „Ich nehme das hier mit, denn ich traue dir nicht! Morgen werde ich mit den Vorbereitungen zu dem Verkauf des einzigen Ortes beginnen, der mir jemals so etwas wie ein Zuhause war. Ich hoffe, daß ich einen Liebhaberpreis erzielen kann für die Schätze, die unsere Vorfahren zusammengetragen haben, und für den Schmuck, der meiner Mutter so viel Freude gemacht hat.“
Sie ging auf die Tür zu, drehte sich dann noch einmal um und blickte ihren Vater an. Der Schein der Kerzen fiel schimmernd auf ihr rotes Haar.
„Wenn es dir zu viel Aufregung bereitet“, sagte sie geringschätzig, „würde ich dir empfehlen, sofort nach Cornwall aufzubrechen und zu versuchen, dort etwas Ordnung in die Ruine zu bringen, die uns noch verblieben ist.“
Am späten Morgen wachte Lorinda aus einem tiefen Schlaf auf. Als ihre Zofe die Vorhänge vom Fenster zurückzog, erinnerte sie sich sofort an die Aufgabe, die vor ihr lag. Angesichts der großen Probleme verhielt sie sich dennoch gelassen. Das Bewußtsein um die Unfähigkeit ihres Vaters, ihr bei der Lösung zu helfen, gab ihr Kraft. Sie dachte an ihre Mutter, sie war gestorben, als sie gerade zwölf Jahre alt gewesen war. Ihre Erinnerungen an sie waren liebevoll, gleichzeitig spürte sie, daß sie wenig Ähnlichkeit mit dem sanften, zärtlichen Wesen ihrer Mutter hatte. Sie hatte ihren Mann angebetet, war mit seinem zweifelhaften Lebenswandel einverstanden gewesen, sie hatte nichts unternommen, um das zu ändern.
Lorinda ähnelte mehr ihren Camborne-Ahnen, diesen harten Männern aus Cornwall, die große Schlachten gegen unzählige Feinde geschlagen hatten. Cornwall war das letzte Gebiet im englischen Süden gewesen, das sich damals den angelsächsischen Eindringlingen unterwarf. Und die Cambornes waren die tapfersten Kämpfer gegen König Egbert und seine Herrschaft gewesen.
Durch all die Jahrhunderte hindurch hatten die Cambornes ihre Unabhängigkeit leidenschaftlich verteidigt. In Lorindas Adern war das Feuer erhalten geblieben, das bei ihrem Vater nicht überlebt hatte. Sie würde sich niemandem unterwerfen. Sie rebellierte seit ihrer Kindheit gegen alles, was ihr einen fremden Willen aufzwingen wollte.
Ihre alte Kinderfrau pflegte zu sagen, daß sie sich drehe und wende wie ein kämpfender Ringkämpfer aus Cornwall. Genauso erging es ihr jetzt, da sie sich weigerte, sich in das Unvermeidliche, das ihr Vater jetzt heraufbeschworen hatte, zu fügen.
Lorinda ließ sich schweigend von ihrer Zofe beim Ankleiden helfen und ihr Haar in die modischen, wie vom Wind zerzausten Locken legen, die wie geschaffen dazu waren, ihr kleines, herzförmiges Gesicht vorteilhaft zur Geltung zu bringen.
Sie war nicht klein, im Gegenteil, sie war größer gewachsen als die sonstigen Frauen. Ihre Erscheinung aber war so schlank und graziös, daß in jedem Mann, der ihr begegnete, die Beschützerinstinkte wachgerufen wurden. Und das stand in schroffem Gegensatz zu ihrem erst danach zu entdeckenden eisernen Willen und zu ihrem unbesiegbaren Stolz, der ihre weiche, feminine Schönheit Lügen strafte.
Daß sie eine Schönheit war, konnte nicht in Abrede gestellt werden, und doch bezweifelte Lorinda, als sie jetzt in den Spiegel blickte, ob ihr diese Schönheit irgendein Glück beschert hatte. Sie wußte, daß der einzige Rat von den Damen der Gesellschaft lauten würde: ,Heirate einen reichen Mann!‘
Ihr war, als hörte sie die Worte, und sie wußte, daß es nur zu einfach wäre, dem Werben von Edward Hinton, Anthony Dawlish, Christopher Conway oder den anderen jungen Aristokraten, die ihr ihr Herz zu Füßen gelegt hatten, nachzugeben. ,Jeder von ihnen würde allzu gerne zu mir eilen, wenn ich ihm nur einen kleinen Wink gäbe’, dachte sie, während sie ihre Toilette beendete.
Ihr Stolz bäumte sich auf bei dem Gedanken daran, daß sie einen von ihnen als Ehemann akzeptieren sollte, nur weil es zweckmäßig war. Sie ging die Treppe mit hocherhobenem Kopf hinunter. Nein, sie würde nicht heiraten. Sie machte Pläne für die nächste Zukunft und fühlte sich wie ein Mann, der in den Kampf zog.
Als sie die Bibliothek betrat, sah sie, daß ihr Vater nicht im Bett gewesen war. Er schlief in einem Ohrensessel neben dem Kamin, und die leere Karaffe zu seinen Füßen sprach eine eigene Sprache.
Sie schüttelte ihn hart an den Schultern.
„Wach auf, Papa!“ Sie bemerkte, daß er nach Schnaps roch. „Wach auf, Papa!“ sagte sie noch einmal.
Endlich öffnete der Earl seine blutunterlaufenen Augen.
„Oh, du bist es, Lorinda, was willst du?“
„Ich will, daß du dich wäschst und umziehst“, antwortete sie. „Es ist Morgen und es gibt Frühstück, falls du etwas essen willst.“
Der Earl schauderte.
„Gib mir was zu trinken!“
Lorinda wußte, daß es keinen Sinn hatte, mit ihm zu streiten. Sie ging zu einem Tablett mit Flaschen und schenkte ihm ein Glas Kognak ein, dann hielt sie ihm das Glas verächtlich hin.
Er nahm es und trank es in einem Zug leer.
„Wie spät ist es?“
„Es ist neun Uhr. Wirst du nun nach Cornwall reisen oder willst du hier bleiben? Ich will dich aber warnen. Es wird nicht sehr bequem hier sein. Ich habe die Absicht, die Diener nach dem Frühstück zu entlassen.“
Gestärkt von dem Kognak erhob sich der Earl. Die Sonne schien durch die Fenster, die zu dem kleinen Garten führten. Die Blumen in den Beeten blühten, und Lorinda dachte daran, wie viel Arbeit es gekostet hatte, den Garten in Ordnung zu bringen.
„Es gibt noch etwas, was ich dir letzte Nacht nicht gesagt habe“, hörte sie den Earl sagen.
„Was hast du mir nicht erzählt?“
„Du hieltest mich davon ab, die ehrenvolle Lösung aus dem Unglück zu wählen“, sagte er. „Nun, dann kannst du auch die Wahrheit erfahren.“
„Die Wahrheit?“ fragte Lorinda scharf.
„Ich bin dabei beobachtet worden, wie ich gegen Ende des Spiels falschgespielt habe.“
„Du hast falschgespielt!“
Es war ein Schrei, kein Ausruf.
„Ich war betrunken und verzweifelt, ich bin nicht einmal geschickt dabei vorgegangen.“
„Wie viele Leute wissen davon?“
„Fox und drei andere Mitglieder des White’s-Clubs, die mit am Tisch saßen. Es sind alles meine Freunde, und ich nehme an, daß sie es für sich behalten werden. Ich würde es aber nicht wagen, den Club in den nächsten Monaten wieder zu betreten.“
Das war ein unerwarteter Schlag für Lorinda. Ihr war klar, daß ein Mann, der beim Falschspiel ertappt wurde, ein Ausgestoßener war und so etwas wie einen Geächteten für seine Freunde darstellte. Es gab nur die kleine Chance, daß die Freunde, die Zeuge dieses Vorfalles gewesen waren, diesen auf die Trunkenheit ihres allgemein beliebten Vaters zurückführten und nicht darüber sprechen würden. Einen Augenblick lang bedauerte sie es, daß sie ihren Vater am Selbstmord gehindert hatte, denn im Grunde war dies tatsächlich die einzig ehrenvolle Reaktion, die ihm noch übrig geblieben war.
Lorinda wußte aber auch, daß das eine noch größere Feigheit gewesen wäre. Und so sagte sie in möglichst normalem Ton: „Dann gibt es für dich gar keinen anderen Ausweg, Papa, als sofort nach Cornwall zu reisen. Nimm dir einen von den Pferdeburschen und zwei gute Pferde mit. Der Rest wird verkauft.“ In unpersönlichem Ton fuhr sie fort: „Ich werde, wenn ich mit der Reisekutsche nachkomme, deinen persönlichen Besitz mitbringen.“
„Und was geschieht mit meiner kleinen einspännigen Kutsche?“
„Da sie noch am besten von allen anderen Kutschen erhalten ist, wird sie etwas mehr Geld bringen und muß also auch verkauft werden. Ich gehe jetzt frühstücken, danach lasse ich die Diener rufen, um sie über ihre Entlassung zu informieren. Falls du mich sprechen möchtest, ich bin im Frühstückszimmer.“
Sie ging zur Tür und hörte ihren Vater leise sagen: „Es tut mir leid, Lorinda.“
Ohne sich nach ihm umzublicken, verließ sie den Raum.
2
Lorinda blickte auf den leeren Tisch in der Halle und lächelte ironisch. Fast wollte es ihr unglaublich erscheinen, daß er noch vor einer Woche voll von Einladungskarten und Blumensträußen ihrer glühenden Verehrer gewesen war.
Wenn es irgendetwas hätte geben können, das sie die Männer nun noch mehr hassen machte als sie es bis dahin schon tat, dann waren es die Reaktionen ihrer Freunde auf die Neuigkeit, daß der Earl of Camborne und Cardis seine Gläubiger nur noch durch den Verkauf aller Habe befriedigen konnte. Obwohl sich Lorinda sagte, daß sie es nicht anders erwartet hatte, war die Art, wie die gesellschaftliche Ächtung einsetzte, doch eine schockierende Erfahrung.
Noch am Tage nach dem Fest in Hampstead Heath hatte sie wie üblich Briefchen und Blumensendungen in Hülle und Fülle erhalten. Da ihr Vater noch in keinem reisefähigen Zustand war, hatte sie ihn veranlaßt, Charles Fox einen Brief zu schreiben, aus dem hervorging, daß er den Erlös aus dem Verkauf des Besitzes von dem Agenten überreicht bekäme, der mit dem Verkauf beauftragt worden war.
„Es sollte mich wundern, wenn er jemals den Rest des Geldes zu Gesicht bekäme“, knurrte der Earl, während er an dem Brief schrieb.
„Ich werde es nicht zulassen, daß du sein Schuldner bleibst“, antwortete Lorinda. „Wir werden das restliche Geld auftreiben, auch wenn es Jahre dauern sollte.“
Der Earl murmelte leise einen Fluch und goß sich einen Kognak ein. Das war zwei Tage vor seinem Aufbruch nach Cornwall gewesen.vEr nahm die zwei besten Pferde und den zuverlässigsten Pferdeburschen mit sich. Selbst das erschien Lorinda schon wie eine Art Betrug an ihrem Gläubiger, da aber Zugeständnisse gemacht werden mußten, protestierte sie nicht. Verwundert aber war sie darüber, daß ihr Vater nicht einmal gefragt hatte, ob sie ganz alleine mit allem zurechtkäme. Da sie aber wußte, daß er eher ein Störfaktor als eine Hilfe sein würde, sah sie ihn erleichtert abreisen.
Sie widmete sich nun ganz den Vorbereitungen zum Hausverkauf und ordnete an, was in ihrem Besitz verbleiben und was mit nach Cornwall kommen sollte. Zwei von den älteren Dienern, die schon lange in ihrem Haus arbeiteten, hatten sich bereit erklärt, so lange zu bleiben bis alles abgewickelt sei. Alle anderen Diener waren bereits außer Dienst und hatten von Lorinda ausgezeichnete Zeugnisse erhalten, so daß es ihnen nicht schwerfallen würde, neue Stellungen zu erhalten.
Die Firma, die sie mit dem Verkauf und der Auktion beauftragt hatte, war ganz optimistisch und machte ihr Hoffnung auf einen guten Verkaufserlös. Sie hatte ursprünglich befürchtet, daß das Haus wegen seiner Größe schwer verkäuflich sein würde. Doch bereits am nächsten Tag schickte der Agent Kaufinteressenten, die sich den Besitz ansahen.
Auch ein großer Teil der Bilder und der guterhaltenen Möbel konnte ohne Schwierigkeiten Käufer finden. Für die alten, abgewetzten Teppiche und Vorhänge allerdings, die sie seit Jahren nicht erneuert hatten, würden sie nichts bekommen.
Lorinda war so beschäftigt mit diesen praktischen Vorgängen, daß sie kaum die Zeit dazu fand, darüber nachzudenken, was außerdem noch geschah. Die zwei Diener, die die Kisten für Cornwall packten, und die Männer des Verkaufsagenten, die die Inventarlisten aufstellten und die Möbel nummerierten, die verkauft und versteigert werden sollten, standen sich gegenseitig im Wege.
Ein Vorfall aber verletzte Lorinda mehr als sie wahrhaben wollte. Nach all den Liebesschwüren des Lord Edward Hinton hatte sie angenommen, daß er trotz allem zu ihr halten würde. Aber schon zwei Tage nach dem Fest in Hampstead Heath erhielt sie einen Brief von ihm, der folgendermaßen lautete:
Lorinda.
Aufgrund von Umständen, über die ich keine Kontrolle habe, bin ich gezwungen, London zu verlassen. Ihnen ist ja im Verlaufe dieses Jahres nicht verborgen geblieben, welcher Art meine Gefühle zu Ihnen sind. Sie aber haben keinen Hehl daraus gemacht, daß ich Ihnen absolut nichts bedeute, dennoch möchte ich nicht abreisen, ohne mich zu verabschieden.
Leben Sie wohl, wunderschöne, grünäugige Lorinda. Ich werde Sie nie vergessen.
Edward
Lange blickte sie auf die Zeilen dieses Briefes. Da ihr Vater noch nicht nach Cornwall abgereist war, ging sie zu ihm in die Bibliothek.
„Papa, bitte sage mir genau, wer die Freunde waren, die dich im White’s Club beim Falschspiel beobachtet haben.“
Sie konnte es dem Gesicht ihres Vaters ansehen, daß er sich über die Frage ärgerte, da sie aber stehenblieb und auf seine Antwort wartete, sagte er nach einem Augenblick übel gelaunt: „Davenport und Charles Lambeth waren dort.“
„Und der Herzog von Dorset?“ fragte Lorinda.
Ihr Vater nickte. Sie verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Nun hatte sie die Erklärung für Edwards Brief.
Der Herzog und die Herzogin von Dorset hatten sie stets ihre Mißbilligung spüren lassen, und Lorinda wußte, daß sie die letzte Frau war, die sie sich zur Schwiegertochter wünschten. Der Herzog war ein sehr geradliniger Mann, und er würde dafür sorgen, daß er nicht in irgendeiner Form mit einem Falschspieler familiär werden würde. Da Edward völlig von seinem Vater abhängig war, hatte er sicherlich dem Druck nicht länger standhalten können. Lorinda wußte, ohne daß er es ihr mitgeteilt hätte, daß Edward von seinen Eltern entweder ins Ausland oder für die nächste Zeit auf den Landsitz der Familie geschickt worden war.
,Wie kann ich glauben, daß irgendjemand zu mir halten würde’, fragte sie sich und fühlte sich so einsam und verlassen wie nie zuvor. Nun, da niemand mehr vor der Haustür stand außer Transport- und Handelsleuten, sagte sie sich mit einem bitteren Lächeln: ,Wer hoch steigt, fällt tief.’
In diesem Augenblick war der Klopfer an der Eingangstür zu hören. Lorinda nahm an, daß es wieder einer der Männer von der Verkaufsfirma wäre, und da die Diener im ersten Stock die Kisten packten, ging sie zur Tür und öffnete.
Draußen stand mit einem zynischen Lächeln Lord Wroxford.
Lorinda sah ihn an und sagte: „Ich bin nicht zu Hause, Ulrich.“
„Ich muß mit Ihnen sprechen, Lorinda“, erwiderte er. „Darf ich eintreten?“
Sie zögerte, öffnete aber dann die Tür.
„Sind Sie gekommen, um die Lage auszuspionieren?“ fragte sie. „Oder wollen Sie sich etwas von den Möbeln reservieren lassen?“ Ihr Ton war ironisch.
Das Haus des Lords in Hampstead war angefüllt mit Schätzen und Kostbarkeiten, doch nichts im Hause ihres Vaters hätte das Kennerauge des Lords interessieren können.
„Ich möchte mit Ihnen reden“, sagte er noch einmal und legte seinen Hut auf ein Tischchen.
„Ich werde versuchen, einen Stuhl zum Sitzen für Sie zu finden“, antwortete Lorinda, „sie sind nämlich schon alle für die Auktion morgen zusammengestellt.“
Sie führte ihn in die Bibliothek, die einen deprimierenden Eindruck mit ihren leergeräumten Bücherregalen machte. Die Teppiche waren zusammengerollt, die Stühle übereinander gestellt, die Bilder abgenommen und an die Wände gelehnt.
Lord Wroxford hatte keinen Blick für das Durcheinander, er sah nur Lorinda, die ihm schöner denn je erschien mit ihrem feurig roten Haar, das ihre weiße Haut umspielte.
Sie stand noch immer mitten im Raum.
„Nun, was haben Sie mir Wichtiges zu sagen?“ fragte sie in unverbindlichem Ton.
„Ich bin gekommen, um Sie aus all diesen Unannehmlichkeiten herauszuholen.“
Lorinda warf ihm einen scharfen Blick zu, sagte aber nichts.
Er fuhr fort: „Wir könnten zusammen ins Ausland gehen, um all diesen lästigen Klatsch hinter uns zu lassen. Ich bin noch immer überzeugt, daß wir ausgezeichnet zusammenpassen.“
Lorinda lächelte und antwortete: „Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich um so etwas zu bitten, Ulrich, ich bin aber der Meinung, daß Sie meine Antwort kennen.“
„Was könnten Sie denn noch verlieren?“ fragte er. „Doch nur dieses Chaos, in das Ihr Vater Sie gestürzt hat.“
Lorinda legte ihren Kopf etwas auf die Seite.
„Ich frage mich nur, wie lange es dauern wird, bis ich Sie langweilen werde? Ich glaube nämlich nicht, daß Sie das Gesellschaftsleben wegen einer Liebelei lange missen könnten.“
„Wenn Sie mich liebten“, antwortete er,„wäre ich ganz bestimmt immun gegen die Sehnsucht, England jemals wiedersehen zu wollen.“
„Ja, wenn“, sagte Lorinda. „Das ist der springende Punkt. Sie wissen so gut wie ich, daß ich schon die Geduld verlieren würde, bevor wir überhaupt gestartet wären.“
„Ich muß Sie besitzen, Lorinda. Ich werde Sie lehren, mich zu lieben.“
Lorinda lachte.
„Sind Sie wirklich so verrückt, so etwas zu glauben? Ich verachte alle Männer, niemals werde ich einen lieben. Liebe ist etwas, was ich nicht kenne und woran ich nicht interessiert bin.“
Er trat einen Schritt auf sie zu.
„Zum Teufel, Sie strapazieren meine Geduld, das würde ein Heiliger nicht aushalten.“
„Und Sie sind kein Heiliger!“ sagte sie voller Schadenfreude. „Außerdem weiß ich, daß Sie mir dieses Angebot nur machen, weil Sie im Grunde wissen, daß ich nie ja sagen würde.“
„Das ist nicht wahr!“ widersprach er. „Ich bin verrückt nach Ihnen, Sie wissen, wie lange schon. Wenn Sie nur etwas vernünftig wären, würden Sie mit mir kommen und sich von mir beschützen lassen.“
„Ich war noch nie sehr vernünftig“, erwiderte Lorinda. „Ich weiß aber, im Gegensatz zu Ihnen, daß wir uns schon streiten würden, bevor wir den Kanal überquert hätten. Sie würden mich umarmen wollen, aber ich hasse es, von einem Mann berührt zu werden.“
Sie sprach mit einer solchen Heftigkeit, daß das Feuer in seinen Augen erlosch.
„Hat es schon jemals eine so eigenwillige, aber auch so dumme Person gegeben?“ fragte er.
Sie antwortete nicht, und er wanderte ruhelos über die Fußbodendielen, auf denen kein Teppich mehr lag.
„Haben Sie sich einmal überlegt, wie Ihr Leben in der Zukunft aussehen wird? Wie Sie in Cornwall festsitzen werden, zusammen mit Ihrem übel gelaunten Vater, der nun nicht mehr Kartenspielen kann?“
An dem Ausdruck ihres Gesichtes konnte er ablesen, daß er sie getroffen hatte.
„Keine Feste, keine Verehrer“, fuhr er fort, „außer ein paar Bauerntölpeln.“ Und nach einer wirkungsvollen Pause fügte er gehässig hinzu: „Unter solchen Umständen ist Schönheit nicht allzu lange zu halten.“
Er fühlte es mehr, als er es sah, daß so etwas wie Verzweiflung in ihrem Blick stand. Er ging zu ihr und legte seinen Arm um ihre Schultern.
„Kommen Sie mit mir“, sagte er leise. „Wir werden uns schon irgendwie verstehen. Wenn Sie wollen, können wir sogar in den Fernen Osten reisen, dort wollte ich schon immer einmal hin.“
Sie wehrte sich nicht, aber er spürte, wie sie unter seiner Berührung steif wurde.
„Und wenn wir alles im Fernen Osten erkundet und kennengelernt haben, was dann?“
„Meine Frau könnte inzwischen sterben, ihre Gesundheit ist nicht die beste.“
Lorinda lachte leise und entfernte sich von ihm.
„Oh, Ulrich, das ist genauso eine Redensart wie der Satz: Meine Frau versteht mich nicht. Haben Sie noch nie bemerkt, daß die Leute nicht auf Befehl sterben?“
Lord Wroxford betrachtete sie etwas unsicher. Die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen, flimmerten auf ihrem Haar und erweckten den Eindruck, als wäre sie ganz von Licht umhüllt.
„Mein Gott, wie sind Sie schön!“ rief er aus. „Ich muß Sie besitzen, Lorinda. Meine Sehnsucht nach Ihnen ist größer denn je. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich zu einem solchen starken Gefühl zu einer Frau imstande wäre. Sie müssen mein werden.“
Lorinda warf ihm einen übermütigen Blick zu.
„Meine alte Kinderfrau pflegte zu sagen: Laß deine Wünsche immer nur von deinen Bedürfnissen bestimmen! Das ist auch meine Antwort.“
„Sie können doch nicht so dumm sein, das einzige ernstzunehmende Angebot, daß Ihnen in Ihrer jetzigen Lage gemacht wird, auszuschlagen!“ Seine Augen wurden kleiner, als er fortfuhr: „Wie ich hörte, ist Edward auf das Land geschickt worden, und die anderen Verehrer, die sich Ihnen zu Füßen geworfen haben, sind bereits auf der Suche nach einem neuen Idol.“
Als er das Lächeln auf Lorindas Lippen sah, rief er wütend aus: „Ich bin ein sehr reicher Mann, Lorinda, und ich bin bereit, jeden Pfennig dieses Vermögens für Sie auszugeben! Können Sie wirklich so unglaublich dumm sein, mich abzulehnen?“
„Sie haben völlig recht, Ihren Reichtum ins Gespräch zu bringen“, sagte Lorinda wütend. „Wenn es morgen um den Verkauf meiner Person ginge, bin ich ganz sicher, daß Sie jede Summe für mich bieten würden. Vielleicht könnten Sie mich sogar preisgünstig ersteigern. Aber da die Entscheidung glücklicherweise bei mir liegt, sage ich Ihnen, daß ich nicht interessiert bin.“
„Wenn ich jetzt ganz Herr meiner Sinne wäre, würde ich ohne ein weiteres Wort gehen“, sagte Lord Wroxford verbittert. „Da ich aber auch nicht ganz vernünftig bin, will ich Ihnen eine weitere Chance geben. Wollen Sie mit mir kommen?
Lorinda streckte ihre Hände aus.
„Mein lieber Ulrich, ich werde es Ihnen nicht vergessen, daß Sie mir immerhin ein Angebot gemacht haben. Das ist jedenfalls mehr, als ich von all den anderen bekommen habe.“
„Sie bestehen also auf Ihrer Ablehnung?“
„Wenn ich demnächst in der Wildnis von Cornwall hocken werde und mit hungrigem Magen auf das Meer hinaus starre, werde ich zweifellos an Ihren Reichtum denken, nicht ohne mich glücklich zu schätzen, daß auch dieser Reichtum nicht ausreicht, mich zu kaufen.“
„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte Lord Wroxford.
„Ich meine ganz einfach, daß Sie nichts zu bieten haben, was ich haben möchte, nichts, wofür ich mich verkaufen würde.“
„Ich verstehe Ihre Worte nicht.“
„Was vielleicht ganz gut ist. Leben Sie wohl, Ulrich.“
„Ist das Ihr Ernst?“
„Ja, mein voller Ernst. Danke für Ihren Besuch.“
Er konnte sich nicht länger beherrschen. Lord Wroxford machte einen Schritt nach vorn und wollte sie in seine Arme reißen. Aber Lorinda gelang es, ihm zu entwischen.
„Jetzt beginnen Sie mich zu langweilen“, sagte sie scharf. „Gehen Sie, Ulrich. Ich habe viel zu erledigen und kann keine Zeit mehr vergeuden.“
„Sie können mich doch nicht so einfach fortschicken, verdammt noch mal!“ fluchte er.
„Sie könnten auch von selber gehen.“
Lorinda öffnete die Tür und schlüpfte hinaus. Lord Wroxford hörte ihre sich entfernenden Schritte auf der teppichfreien Treppe. Er stand einen Augenblick mit ungläubigem Gesicht an der Tür. Er war fast sicher gewesen, daß Lorinda sein Angebot annehmen würde, jedenfalls eher, als sich in der Wildnis von Cornwall zu vergraben.
Er stand noch immer da, als erwarte er, daß sie zurückkäme. Aber alles blieb still. Und so ging er mit schweren Schritten durch die Halle und verließ das Haus durch die Eingangstür, die ihm von keinem Diener geöffnet wurde.
Die Auktion war noch besser besucht als der Agent es angenommen hatte. Obwohl der Verkauf nicht vor 11 Uhr vormittags beginnen sollte, strömten die Interessenten bereits eine Stunde vorher ins Haus.
Die Auktion sollte im großen Salon stattfinden, die Stühle, die dort dafür aufgestellt waren, waren schon lange vor Beginn bereits besetzt. Lorinda war sich durchaus darüber im Klaren, daß die Hälfte der Anwesenden aus Neugier gekommen waren. Sie konnte im Gedränge einige ihrer Feinde erkennen und wußte, daß sie sich an der Situation, in der sie sich befand, weideten.
Da gab es diejenigen, die Lorinda verächtlich behandelt oder ignoriert hatte, und solche, die ihrerseits Lorinda verurteilten wegen ihres Lebenswandels. Es gab aber auch eine Anzahl von Leuten, die sie wegen der Freiheiten, die sie sich herausgenommen hatte, heimlich bewunderten. Und es gab doch, wie sie erleichtert feststellte, eine große Anzahl von Käufern und Interessenten, die sich gegenseitig überbieten und somit die Preise hochtreiben würden.
„Wollen Sie wirklich beim Verkauf anwesend sein, Mylady?“ fragte der Auktionator.
„Ja, ich bleibe hier“, antwortete Lorinda.
„Ich glaubte, daß Sie sich unangenehm berührt fühlen könnten“, sagte er. „In den meisten Fällen wird uns alles alleine überlassen.“
„Mich interessiert es, was geboten wird.“
Sie wußte, daß die Leute es ziemlich ungewöhnlich fanden, daß sie dem Ausverkauf ihres Besitzes beiwohnte, aber der Stolz verbot ihr, vor den Tatsachen davonzurennen, wie ihr Vater es getan hatte.
Sollen sie denken, was sie wollen, sagte sie leise zu sich selbst. Ich lasse es nicht zu, daß sie glauben, ich sei zusammengebrochen und weine hilflos in meine Kissen. Sie sah herausfordernd und sehr hübsch aus, wie sie da in einem eleganten Kleid und einem großen Hut, der reich mit Federn geschmückt war, in der Nähe des Auktionators saß und sich die Angebote der Interessenten notierte.
Sie war nicht wirklich an den Summen oder Gegenständen interessiert. Ihr waren die Dinge gleichgültig bis der Schmuck ihrer Mutter auf den Tisch kam. Da zum ersten Mal fühlte sie so etwas wie Bedauern, ungeduldig rief sie sich selbst zur Ordnung und sagte sich, daß das pure Sentimentalität sei.
„Du leuchtest und schimmerst wie eine Fee, Mama“, hatte sie als Kind zu ihrer Mutter gesagt, wenn sie am Abend in das Kinderzimmer gekommen war, um gute Nacht zu sagen.
„Dieses Halsband gehörte meiner Ur-Urgroßmutter“, hatte dann ihre Mutter geantwortet und die Smaragde, die um ihren Hals lagen, berührt. „Eines Tages werden sie dir gehören, mein Liebling, und sie werden genau zu deinen Augen passen.“
Lorinda betrachtete nun die Smaragde und bedauerte es, sie nie getragen zu haben. Sie hatte sie zu auffallend für ein junges Mädchen gefunden, und sie hielt etwas auf ihren vornehmen Geschmack. Zwar hatte sie die Smaragde oft betrachtet, wenn sie sich Schmuck aus dem Safe genommen hatte, aber immer war ihre Wahl auf kleinere Stücke gefallen, und sie hatte entschieden, daß die Smaragde erst an die Reihe kommen sollten, wenn sie verheiratet war.
Sie hatte sich dann vorgestellt, wie eindrucksvoll das grüne Feuer und die großen Steine an ihren Ohren wirken würden. Nun kam der Schmuck unter den Hammer. Lorinda sah sich im Raum um und überlegte, ob unter den anwesenden Damen eine wäre, deren Schönheit dem herrlichen Schmuck gerecht würde.
Sie war sich durchaus bewußt, daß sie den Schmuck eigentlich nicht zum Verkauf hätte freizugeben brauchen. Er war ihr persönliches Eigentum, und seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie es abgelehnt, ihn zu verkaufen oder zu verpfänden, so oft ihr Vater diesen Wunsch auch geäußert hatte.
„Die Smaragde gehören mir, Papa“, hatte sie in solchen Situationen immer gesagt. „Sie stammen aus Mamas Familienbesitz und haben mit den Cambornes nichts zu tun.“
„Laß mich eine Summe auf sie setzen, Lorinda“, hatte dann ihr Vater geantwortet. „Ich werde sie mit hohem Gewinn zurückerhalten.“
Lorinda aber war jedes Mal eisern geblieben. Daß sie sie nun doch zur Versteigerung freigegeben hatte, war nur geschehen, weil ihr Vater sicherlich keine Ruhe gelassen hätte, bis nicht auch sie versetzt waren. Als das Halsband nun dem Meistbietenden zugeschlagen wurde, fühlte sie sich, als wäre ein Teil ihrer Jugend und ihrer Ideale für immer von ihr genommen worden. Diese Steine hatten eine ganz besondere Bedeutung für sie gehabt, obwohl sie das nicht genau hätte beschreiben können. Sie war erleichtert, daß das Halsband und der andere Schmuck wenigstens nicht von einem ihrer Bekannten ersteigert worden waren.
Ein älterer Mann aus den hinteren Reihen, der wie ein Bürovorsteher aussah, bekam den Zuschlag. Lorinda nahm an, daß er ein Juwelier war, der den Schmuck weiterverkaufen würde. ,So werde ich ihn wenigstens nicht wiedersehen und niemand wird sich schadenfroh darüber äußern können’, dachte Lorinda und sehnte nun das Ende der Auktion herbei.
Als dann endlich alles vorbei war, stellte der Auktionator im nun leeren Salon fest: „Man kann sagen, ein sehr befriedigendes Ergebnis, Mylady.“
„Wie viel hat alles zusammen erbracht?“ fragte Lorinda.
„Über 45 000 Pfund! Wenn Sie einverstanden sind, wird das Haus für 20 000 Pfund verkauft. Das ergibt eine Summe von 65 000 Pfund abzüglich unserer Spesen.“
„Ich hatte Ihnen ja bereits den Auftrag erteilt, über die verbleibende Summe einen Scheck für den Gentleman Charles Fox auszuschreiben und ihm diesen zu überreichen?“
„Es wird so erledigt werden, Mylady.“
Lorinda zog sich ihr Reisecape über.
„Mylady reisen ab?“ fragte der Auktionator.
„Ja, ich reise ab“, antwortete Lorinda und verließ den Raum ohne sich noch einmal umzuschauen.
Die Reisekutsche wartete vor der Tür. Auf dem Bock saß ein sehr junger Kutscher, den sie als einzigen behalten hatte, weil er einen niedrigeren Lohn als die anderen verlangte. Die Kutsche war vollgepackt mit Truhen, Kisten, Koffern und einer Sammlung der verschiedenartigsten Küchenutensilien, die in der Auktion nichts gebracht hätten. Lorinda betrachtete das Durcheinander und lächelte, stieg auf den Bock und ließ sich vom Kutscher die Zügel geben.
Obwohl sich vor dem Haus nicht mehr viele Leute aufhielten, war es doch klar, daß noch bis zur Abendessenszeit die Klatschgeschichte des letzten Streiches der Lady Lorinda of Camborne ihre Runde gemacht haben würde. Denn nicht wenige vor Staunen erstarrte Passanten blieben stehen, als sie mit dem hochbepackten Wagen den Piccadilly entlangfuhr.
Da die Pferde frisch waren, kamen sie schnell durch den Verkehr und erhöhten ihre Geschwindigkeit, als sie die freie Landstraße erreicht hatten. Erst als niemand mehr auf den Straßen war, der sie beobachten konnte, übergab Lorinda dem Kutscher die Zügel.
„Halten Sie die Zügel jetzt kurz, Ben. Wir haben einen weiten Weg vor uns, ich werde es mir etwas bequemer machen.“
Er übernahm auf ihr Kommando die Zügel, und Lorinda nahm ihren großen Hut ab. Sie stopfte ihn unter den Sitz des Kutschbockes und legte sich ein Tuch über ihr rotes Haar, das sie unter dem Kinn zuknüpfte. Dann streckte sie ihre Hände nach den Zügeln aus.
Der junge Kutscher überreichte sie ihr sofort wieder.
„Das ist ein richtiges Abenteuer, nicht wahr, Mylady“, sagte er lachend.
„Ja, es ist ein Abenteuer ins Ungewisse hinein, Ben“, stimmte Lorinda zu. „Und wenn es schon kein Zurück mehr gibt, können wir uns wenigstens dabei amüsieren.“
Während sie sprach, schaute sie zum Horizont im Südwesten. Sie wußte, sie hatte eine bittere Wahrheit ausgesprochen, es würde kein Zurück mehr geben. Dies war das Ende eines Kapitels in ihrem Leben.
Es war eine lange Reise. Lorinda fühlte, wie sie genug vom Fahren bekam, lange bevor sie die Grafschaft Cornwall erreicht hatten. Da sie ihre Pferde an den Poststationen nicht wechseln wollte, konnten sie keine so großen Strecken pro Tag zurücklegen, wie sie es gerne gewollt hätte. Sie mußten Sorge tragen, nicht zu spät am Abend Station zu machen, um den Pferden eine genügend lange Rast zu gönnen und am nächsten Morgen frisch starten zu können.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.