Kitabı oku: «Diona und ihr Dalmatiner»
Diona und ihr Dalmatiner
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2017
Copyright Cartland Promotions 1985
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
Inhaltsverzeichnis
1 ~ 1819
Sir Hereward Grantley ließ sich ächzend auf dem großen Sessel nieder und hievte mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen von Gicht gepeinigten Fuß auf einen Stuhl. Schweratmend sank er gegen die Rückenlehne des Sessels.
Eben hatte er seine Lage gefunden, die ihm die wenigsten Schmerzen bereitete, als ein Dalmatiner mit wedelndem Schwanz durch den Raum auf ihn zu getrottet kam. Dabei stieß er ein Glas mit Brandy um, das neben Sir Hereward auf einem niedrigen Tischchen stand. Das Glas fiel zu Boden und zerbrach. Sir Hereward wurde von jähem Zorn erfaßt.
„Kannst du nicht auf deinen verdammten Hund aufpassen!“ fuhr er seine Nichte an. „Ich habe dir schon einige Male gesagt, daß er kein Recht hat, sich in diesem Haus herumzutreiben. Ich will ihn hier nicht sehen. Er soll in seiner Hütte bleiben.“
Diona hob die Glassplitter auf und warf sie in einen Papierkorb.
„Es tut mir leid, Onkel Hereward“, versicherte Diona. „Sirius hat es ja nicht böse gemeint. Er wollte dich nur begrüßen, weil er dich gernhat.“
„Ich habe genügend eigene Hunde, ich brauche deinen Köter nicht. Entweder bleibt er in seiner Hütte, oder ich werde ihn aus dem Weg räumen lassen.“
Diona unterdrückte einen Laut des Entsetzens.
„Ich finde, das ist eine gute Idee, Papa“, sagte eine Stimme vom anderen Ende des Raumes. „Hunde im Haus sind ein Ärgernis. Ich habe Sirius schon durch die Wälder jagen sehen. Das stört die Vögel, die dort ihre Nester gebaut haben.“
„Das ist nicht wahr!“ protestierte Diona. „Sirius läuft draußen nie ohne mich, und da ich weiß, daß die Vögel zur Zeit brüten, haben wir uns von den Wäldern ferngehalten.“
„Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen.“
Diona wußte, daß ihr Cousin Simon log, und sie kannte auch den Grund dafür.
Seit sie in das große häßliche Haus gezogen war, das ihrem Onkel gehörte, hatte Simon sie mit Annäherungsversuchen belästigt. Als sie ihm klargemacht hatte, daß er sie in Ruhe lassen sollte, war er gehässig geworden und hatte ihr nur Schwierigkeiten bereitet.
Diona war sich wohl bewußt, daß Simon seinen Ärger über sie an Sirius auslassen wollte. Zwei Abende zuvor hatte Simon versucht, Diona auf der Treppe zu küssen. Sie hatte sich gegen seine Zudringlichkeiten gewehrt, und als sie gemerkt hatte, daß er stärker war als sie, hatte sie ihm heftig auf den Fuß getreten, so daß Simon vor Schmerz und Wut aufgeschrien hatte.
Während sie vor ihm davongelaufen war, hatte sie ihm noch zugerufen: „Laß mich in Frieden! Ich hasse dich, und wenn du noch einmal versuchst, mich anzufassen, werde ich es Onkel Hereward sagen.“
Simon hatte nur auf eine Gelegenheit gewartet, Rache zu nehmen. Langsam erhob er sich vom Tisch, wo er gierig und hemmungslos wie immer sein üppiges Frühstück verzehrt hatte, und trat lässig zu seinem Vater.
„Laß den Hund aus dem Weg räumen, Papa“, sagte er wieder. „Ich werde Heywood bitten, daß er ihn erschießen soll, so wie er Rufus erschossen hat, als er zu alt wurde.“
„Niemand darf meinen Hund erschießen“, rief Diona erregt. „Er ist noch jung, er ist auch nicht ungeschickt. Außerdem ist es das erste Mal, daß er im Haus etwas umgestoßen hat.“
„Du meinst, es ist das erste Mal, daß wir es bemerkt haben“, bemerkte Simon ironisch.
Diona schaute ihren Onkel an.
„Bitte, Onkel Hereward, du weißt, wie sehr ich Sirius liebe und wieviel er mir bedeutet. Er ist das einzige, was mir von meinem Vater geblieben ist.“
Während Diona noch sprach, wußte sie, daß sie einen Fehler begangen hatte. Sir Hereward Grantley hatte seinen jüngeren Bruder Harry nie gemocht. Harry war in der Grafschaft nicht nur beliebter gewesen, er war auch ein besserer Sportler und Schütze gewesen, und er hatte auch bedeutend besser ausgesehen als Hereward. Manchmal hatte Diona das Gefühl, ihr Onkel war in Wahrheit froh darüber, daß ihr Vater bei dem Versuch, ein ungezähmtes Pferd über ein hohes Hindernis zu reiten, zu Tode gekommen war.
Es war ein Unfall gewesen, wie er nur einmal in hundert ähnlichen Situationen geschehen konnte, und es war unfaßbar, daß ausgerechnet ihr Vater, der ein so erfahrener, besonnener Reiter gewesen war, einen so unglücklichen Sturz verursacht haben sollte.
Die gesamte Grafschaft hatte um Harry Grantley getrauert. Diona hatte danach oft den Eindruck gehabt, daß ihre Mutter in demselben Augenblick gestorben war. Sie war völlig apathisch geworden, hatte gekränkelt und war ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes beerdigt worden. Für Diona hatte das bedeutet, daß sie das Haus verlassen mußte, in dem sie und ihre Eltern so glücklich gewesen waren.
In Dionas Elternhaus schien stets die Sonne geschienen zu haben, während das riesige, zugige und kalte Herrschaftshaus, in dem die Grantleys seit über dreihundert Jahren lebten, dunkel und unheimlich wirkte.
Diona wohnte noch nicht lange auf dem Besitz, als sie schon merkte, daß ihr Leben durch Simon zur Qual zu werden drohte. Der einzige Punkt, in dem Sir Hereward sich seinem toten Bruder überlegen fühlte, war der, daß er einen Sohn gezeugt hatte, während Harry es nur zu einer Tochter gebracht hatte.
Nun war Simon unglücklicherweise kein Sohn, auf den ein Vater besonders stolz sein konnte. Mit seinen vierundzwanzig Jahren stand er auf der geistigen Stufe eines dummen Jungen von sechzehn Jahren. Er zeichnete sich in nichts aus - herausragend war allenfalls seine Freßsucht: Die Portionen, die er verschlang, konnten normalerweise nur drei ausgewachsene Männer zusammen bewältigen.
Sollte sein Vater sterben, würde Simon der sechste Baron Grantley werden, und da keine Hoffnung bestand, daß Dionas halbinvalide Tante weitere Kinder gebar, schickte Sir Hereward sich in das Unvermeidliche.
Er gab Simon in jeder Hinsicht nach, er verwöhnte ihn und hoffte wohl, daß er ihn durch stete Ermutigungen, noch selbstsüchtiger zu sein, als er ohnehin schon war, durch irgendein Wunder in einen Mann verwandeln konnte.
Diona, die sehr einfühlsam war, benötigte nur wenige Tage, um die Sorgen ihres Onkels zu begreifen, und sie empfand tiefes Mitleid mit ihm. Ihre persönliche Lage verbesserte sich dadurch allerdings nicht. Da sie nicht nur außergewöhnlich hübsch, sondern auch intelligent war, merkte sie bald, daß allein schon ihr Anblick den Onkel nur ärgerte. Wie er einst seinen Bruder Harry abgelehnt hatte, so lehnte Sir Hereward nun Diona ab.
Sie konnte ihn durch nichts erfreuen, und selten verging ein Tag, an dem ihr Onkel sie nicht beschimpfte, gewöhnlich wegen irgendeiner Kleinigkeit, oder weil er seinen aufgestauten Ärger an irgendjemandem auslassen wollte.
Seine Frau lag den ganzen Tag klagend und weinend in ihrem Bett. Es bestand keine Aussicht auf Genesung.
Da Sir Hereward regelmäßig dem Alkohol zusprach, litt er unter heftigen Gichtanfällen. Sein Bein war zu doppeltem Umfang angeschwollen, und in jüngster Zeit griff die Krankheit auch auf die Hände über.
Endlich hatte er wieder einmal ein Opfer für seinen Ärger gefunden.
„Du hast recht“, stimmte er seinem Sohn zu. „Sag Heywood, er soll uns den Hund noch heute abend vom Hals schaffen. Ich habe nicht die Absicht, mir die Herbstjagd von diesem Vieh verderben zu lassen.“
Diona sank neben dem Sessel in die Knie und flehte: „Das kannst du nicht wollen, Onkel Hereward! Du kannst doch nicht so - so grausam sein. Du weißt, wieviel Sirius mir bedeutet.“ Sie hatte mit so weicher und trauriger Stimme gesprochen, daß sie einen Augenblick lang glaubte, Sir Hereward würde sich erbarmen.
Da mischte Simon sich erneut ein: „Dieser Hund jagt hinter allem her was läuft. Erst gestern habe ich gesehen, wie er hinter den Hühnern her war. Wenn wir keine Eier mehr zum Frühstück haben, dann ist es seine Schuld.“
„Das ist eine Lüge! Eine Lüge!“ rief Diona.
Doch Simon konnte triumphieren. Sir Hereward hatte seine Entscheidung getroffen.
„Gib Heywood die Anweisung“, sagte er zu seinem Sohn. „Er soll dafür sorgen, daß die Wildhüter alles erschießen, sei es Hund oder Katze, was sie in den Wäldern entdecken.“
Diona kannte diesen entschlossenen Ton. Es hatte keinen Sinn, ihn länger zu bitten. Sie hätte schreien mögen, angesichts der Grausamkeit und Ungerechtigkeit ihres Onkels, doch sie stand nur auf und verließ mit mühsam bewahrter Würde das Frühstückszimmer. Der Triumph und die Genugtuung in Simons Blick entgingen ihr nicht.
Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und draußen in der Eingangshalle stand, begann sie wie gehetzt die Treppe hinaufzulaufen, gefolgt von Sirius.
Er war ein Geschenk ihres Vaters, das er ihr kurz vor seinem Tod gekauft hatte. Sirius war ein quirliger Welpe gewesen, bei dem sich die schwarzen Flecken auf dem weißen Fell bereits zeigten, da er älter als zwei Wochen war. Seine Augen konnten rührend um Liebe betteln, so daß Diona ihn fest an sich drückte. Einen Hund wie Sirius hatte sie sich immer gewünscht.
Als ihr Vater und bald darauf ihre Mutter gestorben waren, hatte Sirius sie getröstet. Er hatte über ihre Wangen geleckt und sich an sie geschmiegt, während sie in hilfloser Verzweiflung weinte. Er schien zu wissen, daß Diona ohne ihn völlig allein wäre auf der Welt.
Sie hatte noch weitere Verwandte, doch keiner lebte in der Grafschaft, und keiner war in der Lage, Diona ein Heim anzubieten. Zudem war sie völlig mittellos.
Ihr Vater hatte jeden Penny seines kleinen Vermögens für Pferde ausgegeben, die er trainieren und dann mit Gewinn verkaufen wollte. Die ersten drei, vier Pferde, die er gekauft hatte, übertrafen seine Erwartungen, und er plante, ein richtiges Gestüt aufzubauen.
„Vielleicht scheint es übertrieben“, hatte er zu seiner Frau gesagt, „aber ich habe die Möglichkeit, einige ungewöhnlich gute Rassetiere von dem Gut eines alten Freundes in Irland zu kaufen, der gerade Bankrott gemacht hat. Ich wäre dumm, wenn ich mir diese Gelegenheit entgehen ließe.“
„Natürlich, Liebster“, hatte seine Frau erwidert. „Keiner hat ein besseres Gefühl für Pferde als du. Ich bin sicher, daß sie guten Profit abwerfen werden.“
Aufgrund seiner bisherigen Erfahrung vertraute Harry Grantley seinem Können, und als die Tiere eintrafen, zeigte sich, daß sie noch mehr Klasse besaßen, als er gehofft hatte. Natürlich waren sie ausnahmslos wild, und es war ein hartes Stück Arbeit gewesen und hatte schier endlose Geduld erfordert, sie zu zähmen. Für Diona war es immer ein Erlebnis gewesen, ihrem Vater bei der Arbeit zuzusehen. Er hätte sie niemals ein Pferd reiten lassen, wenn er nicht von Dionas Sicherheit überzeugt gewesen wäre. Trotzdem wußte Diona, daß sie eine außergewöhnlich gute Reiterin war. Sie hatte schon im Sattel gesessen, als sie gerade erst zu laufen begonnen hatte.
Eines der irischen Pferde war es gewesen, das ihren Vater getötet hatte. Da die meisten Pferde des Gestüts noch nicht gezähmt waren, erzielte Dionas Mutter beim Verkauf dieser Tiere kaum noch das, was sie einmal gekostet hatten. Dennoch schafften sie es, in den folgenden Monaten nach dem Tod ihres Vaters einigermaßen über die Runden zu kommen.
Diona blieb es nicht verborgen, daß ihre Mutter immer mehr abmagerte und daß es ihr zunehmend schwerer fiel, sich für irgendetwas außer ihrer Tochter zu interessieren. Schon ein Lächeln wurde für sie zur Anstrengung, zu einem Lachen gar war sie nicht mehr fähig. Obwohl ihre Mutter sich tagsüber tapfer zusammennahm, wußte Diona, daß sie den größten Teil ihrer Nächte in Tränen verbrachte, mit denen sie ihren geliebten Ehemann betrauerte.
Später hatte Diona sich oft gefragt, ob sie es nicht vermocht hätte, ihre Mutter zu retten. Doch wenn sie darüber nachsann, wußte sie, daß ihre Mutter nicht eigentlich körperlich krank gewesen war. Sie hatte einen seelischen Zusammenbruch erlitten, der es ihr unmöglich gemacht hatte, ohne den Mann weiterzuleben, den sie geliebt und mit dem sie ihr Leben geteilt hatte.
Wenigstens waren sie zusammen glücklich, dachte Diona in der Kälte, die ihr überall im Haus ihres Onkels begegnete. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihr nicht bewußt gewesen, daß nicht Ziegelsteine und Mörtel ein Haus zu einem Heim machen, sondern die Menschen, die darin leben.
Grantley Hall hätte ein schönes Haus sein können, denn Dionas Onkel war ein reicher Mann, und die Möbel und die Bilder, die er geerbt hatte, waren Prachtstücke verschiedener Epochen, die sich zu einer Familiensammlung zusammengefügt hatten.
Doch weil ihr Onkel ein schwieriger und enttäuschter Mann war, in dessen Leben es kein Glück gab, erschien Diona das ganze Haus so dunkel und so kalt wie die Herzen derer, die darin lebten.
Selbst das Personal war alt und mürrisch. Es mochte keine Befehle entgegennehmen, fürchtete aber andererseits, auf einen Protest hin, die Stellung zu verlieren.
In den Ställen von Grantley Hall waren einige ausgezeichnete Pferde untergebracht, und in den Zwingern sprangen die Hunde herum. Doch Diona fand, daß selbst diese Tiere sich von den Pferden ihres Vaters und den Hunden, die sie so sehr liebte, unterschieden, denn da gab es niemanden, der sich für sie als Lebewesen interessierte.
Anfangs hatte ihr Onkel eingewilligt, daß Sirius neben ihrem Bett schlief und ihr überallhin folgen durfte. Dann brachte Simon ihn gegen den Hund auf, so daß er Sirius fast nur noch als „verdammten Köter, der uns noch Haus und Hof wegfrißt“ beschimpfte. Damit spielte er taktlos auf die Tatsache an, daß Diona kein eigenes Geld besaß und er nach dem Tod von Dionas Mutter die Schulden ihres Vaters bezahlt hatte. Wenn die Summe der offenen Rechnungen auch nicht groß war - Mrs. Grantley hatte Monat für Monat in Raten die Schulden abbezahlt -, so war Sir Hereward doch sehr ungehalten darüber. Auch den Bediensteten gegenüber, die ihre Eltern beschäftigt hatten, verhielt er sich nicht sozial. Drei von ihnen wurden entlassen, während ein älteres Paar sich vorläufig um das Haus kümmern sollte.
„Ihr könnt hierbleiben“, hatte Sir Hereward zu den alten Leuten gesagt, „bis ich einen Käufer für dieses Anwesen gefunden habe. Dann werde ich wohl eine Hütte für euch suchen müssen. Ansonsten, das ist wohl klar, bedeutet das für euch das Armenhaus.“
Diona protestierte zwar über seine Art, wie er mit diesen Menschen umging, doch sie konnte nichts dagegen tun. Wenn Sir Hereward seine Drohung mit dem Arbeitshaus auch nicht wahrmachen würde, so genügte doch bereits die Ankündigung, um die alten Leute einzuschüchtern und ihnen schlaflose Nächte zu bereiten. Bevor sie ging, hatte Diona den beiden versprochen, alles zu tun, um ihnen zu helfen, falls das Haus verkauft würde.
„Ich persönlich halte einen Verkauf für wenig wahrscheinlich“, hatte sie gesagt, um das Paar aufzumuntern. „Nicht viele Menschen würden in einer so einsamen Gegend leben wollen, und Papa mochte das Haus nur deshalb so sehr, weil er in seiner Umgebung so gut ausreiten konnte.“
Diona wußte, daß ihr Vater seinem Bruder und Grantley Hall nahe sein wollte, wo er als Junge so glücklich gewesen war.
Als sein Vater noch lebte und bevor er zur Armee ging, waren Harry und seine Freunde auf Grantley Hall immer willkommen gewesen. Einige Jahre später hatte er eine Frau geheiratet, in die er unsterblich verliebt gewesen war.
Im Jahr des Friedens zwischen England und Frankreich, 1802, war Dionas Vater auf das kleine Gut gezogen, weil er, wie er optimistisch verkündete, eine große Familie gründen wollte. Vielleicht war er enttäuscht gewesen, daß ihre Ehe nur mit einem Kind gesegnet war, und das war auch noch eine Tochter, doch hatte er es Diona niemals fühlen lassen.
Erst nach dem Tod ihres Vaters kam es Diona manchmal in den Sinn, daß er lieber einen Sohn gehabt hätte, der die Baronetswürde hätte übernehmen können. Da ihr Onkel keinen älteren männlichen Erben hatte, würde ihr Cousin Simon eines Tages diesen Rang einnehmen. Für Diona war dies eine logische Abfolge, nur betrübte es sie, daß Simon offensichtlich nicht ganz normal war.
Nein, es hatte keinen Sinn, an Wenn und Aber zu denken. Sie mußte sich dem trostlosen Alltag auf Grantley Hall stellen, auch wenn sie sich verzweifelt fragte, ob sie überhaupt eine Zukunft hatte. Wenn ihr Onkel wieder einmal besonders unfreundlich zu ihr gewesen war, lag Diona nachts wach und überlegte, ob sie sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen konnte. Oder ob sie es wagen dürfte, ihren Verwandten zu schreiben und sie zu bitten, bei ihnen leben zu dürfen.
Diona hatte das Gefühl, er wollte sie nicht bei sich haben, würde sie aber andererseits am Weggehen hindern.
„Ich bin dein Vormund, und du tust, was ich sage.“
Das war einer seiner Lieblingssätze. Offensichtlich wollte er der Tochter seines Bruders nur ihre Abhängigkeit beweisen.
Diona liebte das Landleben, wie es ihre Eltern geliebt hatten, die das aufregende Leben Londons nie vermißten, wenngleich sie dort auch immer wieder ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen mußten.
Ihre Mutter hatte einmal davon gesprochen, Diona bei Hofe vorzustellen, sie auf Bälle und Empfänge mitzunehmen und sie nach Beendigung ihrer Schulausbildung zur Debütantin zu machen, doch ihr Vater war sechs Monate vor ihrem achtzehnten Geburtstag gestorben. Nun näherte Diona sich schon dem neunzehnten Geburtstag, ohne jemals einen Ball besucht oder London gesehen zu haben.
Als Diona noch ein Kind gewesen war, hatte es in der Grafschaft natürlich Partys gegeben, zu denen ihre Mutter sie mitgenommen hatte. Als Diona jedoch älter wurde, genoß sie es viel mehr, ihrem Vater bei den Pferderennen zuzusehen oder im Winter zu jagen. Dort traf sie jedes Mal eine Menge Leute, auch solche, die dem Landadel angehörten.
Ihr Vater war von den Yeoman-Farmern bewundert worden. Sie nannten Diona die „hübsche kleine Miss Grantley“, zogen vor ihr den Hut und luden sie auf ihren Hof zu frischem Brot ein, das ihre Frauen gebacken hatten, bestrichen mit goldgelber Butter, die aus der Sahne frischer Kuhmilch hergestellt war.
Doch so freundlich die Bauern auch waren, sie waren nicht die Freunde, die ihre Mutter sich für Diona gewünscht hatte.
„Ich möchte, daß du den gleichen Erfolg hast wie ich, als ich Debütantin war“, sagte Mrs. Grantley. „Ich bin nicht eingebildet, wenn ich dir verrate, daß ich sehr verehrt worden bin und daß eine ganze Anzahl von sehr charmanten und reichen jungen Männern meinen Vater gefragt haben, ob sie mir den Hof machen dürften.“
„Heißt das, daß sie dich heiraten wollten, Mama?“
„Ja, aber ich wollte sie nicht heiraten“, hatte ihre Mutter erwidert. „Ich wartete, obwohl ich nicht wußte worauf, bis ich deinen Vater kennenlernte.“
„Und dann?“
„Dann verliebte ich mich in ihn. Er war der schönste und aufregendste Mann, den ich je gesehen hatte.“ Mrs. Grantley hatte geseufzt, bevor sie hinzugefügt hatte: „Ich wünschte, du hättest ihn in seiner Uniform sehen können. Jedes Mädchenherz hat bei seinem Anblick schneller geschlagen.“
„Und hat er sich auch in dich verliebt?“ hatte Diona gefragt.
„Auf den ersten Blick“, hatte ihre Mutter erwidert. „Und ich kann mir nicht vorstellen, daß zwei Menschen glücklicher sein können, als wir es sind.“
Und dieses Glück vermißte Diona jetzt, ein Glück, das wie der Sonnenschein strahlte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, daß der Himmel während ihrer Kindheit einmal grau gewesen war und der Regen gegen die Fensterscheiben getrommelt hatte.
Jetzt, als sie, gefolgt von Sirius, in ihr Schlafzimmer lief und die Tür schloß, hatte sie das Gefühl, als müßte sie sich ihren Weg durch schwarzen Nebel kämpfen, der sie zu ersticken drohte.
Sie warf sich auf die Knie und schlang die Arme um Sirius, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Der Hund fühlte, daß etwas nicht in Ordnung war, und leckte ihre Tränen fort. Diona wußte, daß sie ihn nicht verlieren durfte, denn wenn sie ihn verlor, q dann mußte auch sie sterben, da sie dann nichts mehr hatte, wofür es sich zu leben lohnte.
Als sie Sirius’ warmen Körper eng an den ihren drückte, erwachte in ihr plötzlich etwas Starkes und Entschlossenes, ein Gefühl, das sie noch nie zuvor gekannt hatte.
Sie war so unglücklich gewesen, als sie in das Haus ihres Onkels gekommen war, daß sie das Elend akzeptierte wie ein Kreuz, das sie tragen mußte, da sie keine andere Wahl hatte. Wenn sie für etwas geschimpft worden war, was sie gar nicht getan hatte, dann hatte sie keinen Sinn darin gesehen, sich zu wehren, sondern hatte sich entschuldigt und Besserung versprochen.
Jetzt wußte sie, daß sie kämpfen mußte, nicht nur für sich, sondern auch, um Sirius zu retten.
Sie drückte Sirius noch einmal an sich, woraufhin er erneut über ihr Wange leckte und wedelte, sich dann hinsetzte und sie flehentlich anblickte, als ob er ihr vorschlagen wollte, daß sie mit ihm einen Spaziergang an der frischen Luft machte.
„Genau das werden wir tun, Sirius“, sagte Diona zu ihm. „Wir werden spazieren gehen und nicht zurückkommen. Warum habe ich nicht schon früher daran gedacht!“
Sie stand auf und versperrte die Tür, um nicht überrascht zu werden. Dann breitete sie auf dem Bett ein großes seidenes Tuch aus, das ihrer Mutter gehört hatte, und begann alles auf das Tuch zu legen, was sie für absolut notwendig hielt. Sie wußte, daß sie nicht viel mitnehmen durfte, da die Last sonst zu schwer werden würde. Sie wählte deswegen nur leichte Sachen, darunter zwei Musselinkleider. Und trotzdem wurde das Bündel beträchtlich groß, als sie die Tuchzipfel zusammenknotete.
Sie zögerte nur kurz. Schließlich schlüpfte sie in ihr bestes Kleid sowie in ihr neues Paar Schuhe und setzte den hübschesten Hut auf, der ihrer Mutter gehört hatte.
Sie hatte die Trauerkleidung vor einem Monat abgelegt, da ihr Onkel in einem Wutanfall geäußert hatte, daß er es nicht ausstehen könne, wenn eine„schwarze Krähe“ in seinem Haus herumflatterte. Von dem Geld, das er ihr gegeben hatte, damit sie sich kurz nach ihrem Einzug ins Haus Trauerkleider kaufen konnte, hatte sie noch einen kleinen Betrag übrig, und da sie die Kleider eben nicht lange hatte tragen können, waren sie noch verhältnismäßig neu. Darüber war Diona jetzt froh, denn sie wußte, daß ihre Kleidung noch lange halten mußte.
Diona konnte es allerdings nicht übers Herz bringen, sich von den paar Schmuckstücken zu trennen, die ihrer Mutter gehört hatten. Da waren der Verlobungsring, eine Brosche mit Diamanten, die ihr Vater seiner Frau bei Dionas Geburt geschenkt hatte, und ein ziemlich häßlicher, aber wertvoller Armreif, den ihre Mutter von ihrer Mutter geerbt und den sie des Andenkens wegen nie verkauft hatte.
„Wenn ich diese Schmuckstücke verkaufe, kann ich Sirius eine ganze Weile lang durchfüttern“, sagte Diona laut vor sich hin, steckte Schmuck und Geld in einen Beutel, den sie an ihr Handgelenk hängte, und nahm ihr Bündel auf. Während sie die Tür aufsperrte, flüsterte sie Sirius zu, mit ihr zu kommen.
Sirius glaubte natürlich, sie würden einen Spaziergang machen, und sprang vor Freude immer wieder hoch, doch Diona hieß ihn, ruhig zu sein, und er verstand.
Diona mied den Küchenbereich, denn sie wußte, daß um diese Tageszeit dort die Bediensteten ihr zweites Frühstück einnahmen.
Kaum hatte sie das Haus verlassen, schritt sie schnell die rückwärtige Auffahrt entlang, die von keinem der Haupträume des Hauses gesehen werden konnte. Diese Auffahrt war auch nicht so breit und beeindruckend wie die mit Eichen gesäumte Hauptauffahrt zur Vorderseite des Hauses.
Diona eilte über die Wiese, während Sirius ein kurzes Stück von ihr entfernt nach Kaninchen suchte. Er war jedoch sofort an ihrer Seite, sobald sie ihn rief.
Diona brauchte ungefähr zehn Minuten, um das Pförtnertor zu erreichen, das nicht so groß und stabil gebaut war wie das des Haupteingangs. Diona wußte, daß das alte Paar, das in dem Pförtnerhäuschen wohnte, recht nachlässig war und nur selten das Tor schloß, nämlich nur dann, wenn es ausdrücklich angeordnet worden war.
Von den beiden war nichts zu sehen, und da Diona auch nicht gesehen werden wollte, huschte sie durch das Tor und auf die staubige Straße hinaus.
Einen Augenblick zögerte sie und überlegte, wohin sie sich wenden sollte. Da entdeckte sie einen Pferdekarren, der aus Richtung des Dorfes kam.
Voller Freude erkannte sie den alten Fuhrmann und lief ihm entgegen.
Jeder im Dorf kannte den alten Ted, dessen einzige Aufgabe darin bestand, Pakete und Gutsprodukte von Dorf zu Dorf zu fahren.
Jetzt zügelte er sein stämmiges Pferd und rief: „Guten Morgen, Miss Diona. Kann ich Ihnen helfen?“
„Könnten Sie mich bitte mitnehmen?“ fragte Diona.
„Wohin wollen Sie denn?“ fragte Ted zurück.
„Das sage ich Ihnen sofort.“
Noch während Diona sprach, kletterte sie auf den Karren und setzte sich neben Ted. Hinter ihr war der Wagen voll von jungen Küken in vergitterten Kisten.
Ted nahm Diona das Bündel aus der Hand, legte es vor ihren Füßen auf den Boden und setzte den Karren in Gang.
„Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, Miss Diona“, sagte Ted. „Ihr Hund sieht sehr gut aus.“
Sirius war schnell hinter Diona auf den Karren gesprungen, und da es ihm nicht gefiel, auf dem Boden zu sitzen, war Diona näher an Ted herangerückt, um Sirius neben sich Platz zu lassen. Sofort erwachte das Interesse des Hundes für alles, was um ihn herum vor sich ging, und er schaute neugierig nach rechts und links.
Diona legte schützend den Arm um ihn und fragte: „Wohin fahren Sie, Ted? Weit weg, hoffe ich.“
„Sehr weit weg“, entgegnete Ted. „Ich bringe diese Küken zu einem der Gutshöfe des Lords. Ich werde wohl den ganzen Tag fahren müssen.“
„Zum Gutshof des Lords?“ fragte Diona.
Ted nickte.
„Zum Marquis von Irchester“, sagte er. „Die Küken sind für seine Farm bestimmt.“
„Für den Marquis von Irchester“, wiederholte Diona.
Sie kannte den Namen natürlich, wenn sie auch den Marquis selbst noch nie gesehen hatte. Sie wußte, daß sein Gut in der angrenzenden Grafschaft und näher bei London gelegen war. Dionas Vater hatte davon gesprochen, daß der Marquis ausgezeichnete Rennpferde besaß, und erst vor kurzem hatte sie in der Zeitung gelesen, daß er das große Rennen in Newmarket gewonnen hatte.
Sie fuhren ein Stück schweigend dahin, bevor sie sagte: „Halten Sie es für möglich, Ted, daß ich eine Anstellung auf einem der Gutshöfe des Marquis erhalte?“
„Eine Anstellung, Miss Diona? Warum sollten Sie denn arbeiten wollen?“ rief Ted überrascht.
„Ich bin weggelaufen, Ted.“
„Warum wollen Sie gehen und so etwas tun? Ihr Vater hätte nicht gewollt, daß Sie das tun.“ Er machte eine Pause, bevor er hinzufügte: „War ein feiner Reiter, Ihr Vater. Ich habe ihn oft beim Ausreiten gesehen oder wenn er Ihren Onkel in Hall besucht hat. Niemand konnte besser auf einem Pferd sitzen als er.“
„Das stimmt“, sagte Diona. „Aber Ted, ich muß weggehen. Onkel Hereward hat befohlen, daß Sirius erschossen wird.“
Der alte Ted starrte sie an, als wollte er seinen Ohren nicht trauen.
Dann rief er: „Das ist nicht gerecht. Ihr Hund ist jung. Es gibt keinen Grund, weshalb er erschossen werden sollte.“
„Papa hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er ums Leben kam“, sagte Diona. „Und - und ich kann ihn nicht - verlieren. Ich kann es einfach nicht.“
„Natürlich nicht“, pflichtete Ted ihr bei. „Vielleicht könnte sich jemand anderer um den Hund kümmern.“
„Das wäre noch schlimmer“, meinte Diona. „Er war immer mit mir zusammen, und ich hätte Angst, daß jemand grausam zu ihm ist und ihn nicht ordentlich füttert. Das wäre - unerträglich für mich.“
Der Ausdruck ihrer Stimme verriet mehr von ihren Gefühlen als ihre Worte.
„Sie können für sich selbst sorgen. Miss Diona“, sagte Ted schließlich. „Haben Sie niemanden, zu dem Sie gehen und den Hund mitnehmen könnten?“
„Ich habe schon daran gedacht“, erwiderte Diona, „aber ich glaube, Onkel Hereward würde darauf bestehen, daß ich zu ihm zurückkehre, und dann hätte ich keine Chance mehr, Sirius zu retten.“
Es entstand eine Pause, während der Ted alle ihre Worte verarbeitete.
Endlich fragte er: „Was haben Sie vor, Miss Diona?“
„Ich kann auf einem Gut arbeiten.“
„Aber Sie verstehen nichts von der Landwirtschaft“, erinnerte Ted sie.
„Ich kann es lernen.“
Wieder entstand eine lange Pause, während der das scheckige Pferd in stetem Trott über die Straße trabte. Welches Wetter auch immer herrschte, Ted führte seine Aufträge stets gewissenhaft aus.
Diona sprach ihre Gedanken nun laut aus: „Worin ich mich auskenne, das sind Pferde und natürlich Hunde.“
„Seine Lordschaft hat ein paar herrliche Hunde“, bemerkte Ted. „Jagdspaniels zum größten Teil.“
Diona wurde ganz aufgeregt und wandte sich an ihn: „Vielleicht braucht er jemanden, der sich um seine Hunde kümmert?“
„Er hat schon Hundewärter.“
„Warum keine Hundewärterin?“ fragte Diona.
„Davon habe ich noch nie gehört.“
„Es gibt bestimmt viele Berufe, die eine Frau genauso ausüben kann wie ein Mann“, beharrte Diona. „Ich könnte mich um die Welpen kümmern und die ausgewachsenen Hunde pflegen, wenn sie krank sind. Ich kann die gesunden Hunde dressieren, so wie das jeder Mann auch könnte.“
Lange Zeit herrschte Schweigen, bis Ted langsam meinte: „Ich habe gerade an all die Häuser gedacht, in denen es Hunde und Pferde gibt, und ich habe noch nie gesehen, daß Frauen mit ihnen arbeiten.“
„Es gibt aber keinen Grund, weshalb sie eine Frau nicht anstellen sollten, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Die Bauern haben auch ihre Melkerinnen. Warum soll es dann keine Hundewärterinnen oder Stallmägde geben?“
Ted nahm die Zügel in eine Hand und kratzte sich mit der anderen am Kopf.
„Sie fragen mich das so, aber ich weiß nicht, weshalb es keine geben sollte. Aber ich weiß jedenfalls, daß es sie im Augenblick noch nicht gibt. Jedenfalls habe ich noch keine gesehen.“
„Aber ich könnte mich doch um eine Anstellung bemühen“, meinte Diona mit schwacher Stimme. „Wenn ich kein Glück habe, dann vielleicht, Ted, könnten Sie sich - etwas anderes überlegen, was ich - tun könnte.“
Sie zögerte ein wenig beim Sprechen. Sie hatte unglaublich viel Glück, daß Ted soweit von Hall wegfuhr. Doch sie wollte auf keinen Fall mit ihm zurückkehren, wenn er das Ziel seiner Reise erreicht hatte.
Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, meinte Ted nun: „Wenn Sie meinen Rat wollen, Miss Diona, dann gehen Sie zurück zu Ihrem Onkel und sprechen Sie noch mal mit ihm. Sie kommen sonst nur in Schwierigkeiten.“
„Wenn Sie an Räuber oder Diebe denken, Ted, dann kann ich Ihnen versichern, daß Sirius mich beschützen wird.“
„Vielleicht gibt es Schlimmeres als Räuber und Diebe.“
„Was wäre denn schlimmer?“
Ted wußte keine Antwort darauf, und sie fuhren schweigend weiter, bis Ted sagte: „Es ist schön, Sie bei mir zu haben, Miss Diona, aber ich glaube, es ist nicht gut, daß ich Sie so weit von zu Hause wegbringe.“
„Das erspart mir das Gehen, Ted. Ich laufe weg, und ich beabsichtige nicht, zurückzukehren.“
Wieder brütete Ted schweigend vor sich hin. Mit der Zeit begann Diona Hunger zu verspüren, trotz der Eier, die sie zum Frühstück gegessen hatte.
„Ich wollte eigentlich im ,Grünen Mann’ in Little Ponders End für einen Happen anhalten, aber wenn Sie nicht gesehen werden wollen“, schlug Ted vor, „dann fahre ich am besten einfach weiter.“
„Ich bin auch sehr hungrig“, gestand Diona, „und da ich bis jetzt nur einmal in Little Ponders End war, nämlich als ich zum Jagen ausritt, glaube ich nicht, daß sie mich wiedererkennen würden.“ Sie machte eine Pause, während sie fieberhaft nachdachte, und fügte hinzu: „Wenn ich vielleicht meinen Hut abnehme und ein Tuch um den Kopf binde, dann könnten Sie sagen, ich sei jemand aus dem Dorf, der Sie um Mitnahme gebeten hat.“
„Das ist eine gute Idee, Miss Diona“, fand Ted, „und wenn Sie draußen bleiben, dann bringe ich Ihnen Brot und Käse. Der Wirt hier ist eigentlich nicht neugierig. Er ist ein alter Mann und halb blind.“
Als die Hütten von Little Ponders End in Sicht kamen, öffnete Diona die Bänder ihres Hutes und schob den Hut unter den Sitz. Dann suchte sie aus dem Bündel ein Tuch, das sie mitgenommen hatte, für den Fall, daß ihr kalt würde.
Diona wußte wohl, daß es unmöglich gewesen wäre, einen dicken Mantel mitzunehmen. Der einzige Schutz gegen Kälte, falls sie sich nichts Neues leisten konnte, war der Schal, in den sie ihre Sachen eingewickelt hatte.
Das Tuch bestand aus blaßblauer Seide und sah aus der Entfernung nicht sehr teuer aus, wenn es auch ihrer Mutter gehört hatte. Sie band es sich um den Kopf und hoffte, wie eines der Dorfmädchen auszusehen.
Die Dorfwiese war bis auf zwei alte Esel und mehrere Enten auf dem Teich leer. Ted brauchte sein Pferd nicht anzubinden, denn es begann sofort, Gras zu fressen. Gemeinsam marschierten sie zum „Grünen Mann“.
Draußen befand sich wie gewohnt eine Holzbank, auf der später am Nachmittag die alten Männer des Dorfes sitzen würden. Jetzt saß niemand hier, so daß Diona Platz nahm, während Ted das Gasthaus betrat.
Kurze Zeit später kam er mit zwei Tellern zurück, auf denen mehrere große Scheiben Käse und Bauernbrot lagen. Es gab keine Butter, doch als Diona ein Stück des ofenwarmen Brotes abschnitt und es zusammen mit dem Käse aß, schmeckte es ihr ganz vorzüglich. Ted war in das Gasthaus zurückgegangen und kehrte nun mit einem Glas Most und einem Glas Bier zurück. Der Most war für Diona bestimmt, das Bier für ihn selbst.
Um die Aufmerksamkeit der anderen nicht auf sich zu lenken, aßen sie schnell. Dann bezahlte Ted im Gasthaus die verzehrten Speisen und Diona schritt zum Karren zurück und stieg hinauf. Sirius sprang neben ihr hoch, und so warteten die beiden bereits auf Ted, als dieser zurückkam.
Während sie losfuhren, sagte Diona: „Sie müssen mir sagen, wieviel ich Ihnen schulde.“
„Sie waren mein Gast, Miss Diona“, erwiderte Ted, „und wenn Sie weglaufen, dann brauchen Sie ohnehin jeden Penny für sich und Ihren Hund.“
„Aber ich kann doch nicht zulassen, daß Sie für mich zahlen“, protestierte Diona.
„Sie können mir Ihre Zeche zahlen, wenn Sie Ihr erstes Gehalt bekommen“, schlug Ted lächelnd vor. „Ich hoffe, daß Sie nicht lange darauf warten müssen.“
„Das hoffe ich auch“, erwiderte Diona bekümmert.
Sie fuhren weiter, und Diona begann darüber nachzudenken, wie angsteinflößend es war, ins Blaue zu leben, ohne zu wissen, wo man enden wird. Dann sagte sie sich, daß, wie besorgniserregend es auch sein mochte, nichts so schlimm sein konnte wie die Tatsache, daß Heywood, der der Gutsverwalter ihres Onkels und ein Mann war, den sie nie gemocht hatte, Sirius erschoß. Ohne Sirius wäre sie noch einsamer auf der Welt, als sie ohnehin schon war.
Welche Schwierigkeiten auch immer auf uns zukommen, sagte sie sich, Sirius und ich werden nicht nur zusammen sein, sondern ich bin auch ganz sicher, daß Papa uns beschützen wird.
Wenn es etwas gab, was ihr Vater gehaßt hatte, dann war es Grausamkeit jeder Art, und es war stets furchtbar für ihn gewesen, wenn er gezwungen gewesen war, ein Pferd aufgrund seines Alters oder einer Krankheit zu töten. Die Grausamkeit seines Bruders hätte er daher niemals gutgeheißen.
Und doch wurde Diona immer ängstlicher, je weiter sie sich von Hall entfernte. Erst jetzt merkte sie, wie unerfahren und unwissend sie war.
Dank der Beharrlichkeit ihrer Mutter war sie nicht nur von einer pensionierten Gouvernante, die im Dorf wohnte, sehr gut erzogen worden, sondern auch von dem Vikar, der gleichzeitig Lehrer war. Er hatte sie in vielen Fächern unterrichtet, und da er keine eigene Familie gehabt hatte, hatte der Unterricht ihm großen Spaß gemacht.
Diona hatte eine solche Zuneigung zu ihm entwickelt, daß sie ihn oft als ihren Großvater betrachtete, den sie nie gehabt hatte.
Wenn der Vikar noch am Leben gewesen wäre, hätte sie sich nun an ihn wenden und ihn um Hilfe bitten können. Doch dann sagte Diona sich, daß selbst dann ihr Onkel als ihr Vormund ihr verboten hätte, Hall zu verlassen. Menschen wie dem Vikar oder der Gouvernante, die jetzt sehr alt war, oder dem Dorflehrer, der sie in Rechnen und Geometrie unterrichtet hatte, würde sie nur Schwierigkeiten bereiten.
„Ich kann nicht begreifen, weshalb ich solch langweilige Dinge wie Mathematik lernen muß“, hatte Diona einmal zu ihrer Mutter gesagt.
„Diese Fächer trainieren deinen Verstand, mein Liebes“, hatte ihre Mutter erwidert. „Ich möchte, daß du eine gute Erziehung genießt, damit du, was auch immer in deinem Leben geschieht, dich stets selbstsicher fühlst.“
Damals hatte Diona nicht verstanden, was ihre Mutter gemeint hatte. Da der Vater ihrer Mutter ein außergewöhnlich kluger Mann gewesen war, der eine wichtige Stellung im Auswärtigen Amt bekleidete, hatte ihre Mutter gewollt, daß Diona wie ein Junge erzogen wurde.
Erst kurz bevor ihre Mutter starb, hatte Diona den Grund dafür begriffen.
Damals sagte ihre Mutter: „Ich hoffte und betete darum, deinem Vater einen Sohn zu schenken, mein Liebling, doch du bedeutest ihm genauso viel. Denn obwohl du eine Frau bist, kann er sich trotzdem mit dir über alles unterhalten. Ihr beide versteht euch genauso gut, wie wenn du ein Junge wärst.“
Als sie die Enttäuschung auf Dionas Gesicht gesehen hatte, hatte sie schnell hinzugefügt: „Dein Papa ist sehr stolz auf dich, weil du so hübsch bist, doch Schönheit genügt einem Mann mit Verstand nicht. Er braucht jemanden, der ihn mit neuen Ideen anregt, was vielen Frauen nicht gelingt.“
Diona hatte sie daraufhin geküßt und ihr versichert: „Ich habe mir immer gewünscht, daß Papa stolz auf mich ist. Du weißt, Mama, wie gern ich mich mit ihm unterhalte. Doch das kann ich nur, weil du so klug warst, mich so vieles lernen zu lassen, auch wenn es mir sehr schwergefallen ist.“
„Eines Tages wird dir dein Wissen nützlich sein“, hatte Mrs. Grantley geweissagt. „Das hatte mein Vater immer zu mir gesagt: Alles erweist sich als nützlich, wenn man es am wenigsten erwartet, und nichts von Wert geht je verloren.“
Diona hatte instinktiv gewußt, daß ihre Mutter nicht von materiellen Dingen sprach, und sie hatte gesagt: „Es ist ein schönes Gefühl, als ob man eine Schatztruhe in seinem Kopf hat, die einem niemand stehlen kann.“
Ihre Mutter hatte gelacht und dann gesagt:„Genauso meine ich es auch, und du hast viele, viele Schätze, mein Liebling, von denen du eines Tages feststellen wirst, daß sie von unsagbarem Wert sind. Das hoffe ich wenigstens.“
Während Diona an diese Unterhaltung zurückdachte, sagte sie sich, daß es wohl keine große Beanspruchung ihrer Intelligenz bedeutete, wenn sie ein Milchmädchen oder eine Hundewärterin werden würde. Wenn ich älter wäre, sagte sie sich, könnte ich vielleicht in einer Bibliothek arbeiten. Aber wer hat schon einmal etwas von einer Bibliothekarin mit Hund gehört? Sie schmunzelte über diesen Gedanken.
„Ich höre Sie gern lachen, Miss Diona“, sagte Ted „Ihr Lachen erinnert mich an Ihren Vater. Es konnte nie etwas so falsch sein, daß er nicht darüber hätte lachen können.“
„Das ist wahr“, sagte Diona. „Und da alles mit mir so falsch läuft, kann ich nur darüber lachen und hoffen, daß sich der Zustand bessert.“
„Das hoffe ich auch“, entgegnete Ted.
Doch Ted hörte sich nicht sehr optimistisch an, so daß Dionas Mut wieder sank.
Ihr Weg führte sie einen steilen Hügel hinauf. Oben angelangt, sah Diona vor sich die Umrisse eines sehr großen, beeindruckenden Hauses.
Mit seiner vom Dachgiebel flatternden Standarte, sah es im Schein der Nachmittagssonne so schön aus, daß Diona unwillkürlich ausrief: „Wie hübsch das hier ist! Wessen Haus ist das?“
„Das ist das Haus Seiner Lordschaft“, erwiderte Ted. „Das Gut, auf dem er wohnt, befindet sich genau auf der anderen Seite des Tals. Dorthin fahren wir.“
Diona schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie, und es war, als ob jemand anderer aus ihr sprach: „Ich muß dorthin. Ich weiß, daß ich dort Hilfe finden werde.“
2
Der Marquis von Irchester war unerwartet nach Hause zurückgekehrt.
Da sich sein Organisationstalent auf alles erstreckte, was er besaß, hatten sich seine Bediensteten, obwohl sie nicht vorgewarnt worden waren, alle an die Arbeit gemacht auf Irchester Park, und der Küchenchef hatte ihm nur eine Stunde nach seiner Ankunft mit seinen exzellenten Fähigkeiten ein köstliches Essen zubereitet.
Er hatte gar nicht vorgehabt, so früh aufs Land zurückzukehren, nachdem die Saison in London zu Ende gegangen war, doch er hatte einen Abend zuvor zufällig von den Plänen des Prinzregenten für eine Party in Brighton erfahren und erraten, daß er ebenfalls auf der Gästeliste stand.
Ein Jahr zuvor war er zu der Erkenntnis gelangt, daß Brighton ihn langweilte. Selbst wenn er sich ein eigenes Haus mietete und nicht im königlichen Pavillon wohnte, mußte er trotzdem viele Stunden dort verbringen und dem zuhören, was er immer Höllenmusik nannte. Außerdem mußte er stets mit den Leuten reden, mit denen er bereits den größten Teil der Saison verbracht hatte. Wenn er den Prinzregenten auch verehrte und sich mit ihm verbunden fühlte, aufgrund ihrer gemeinsamen Liebe zu Bildern und Antiquitäten, die die übrige Umgebung Seiner Königlichen Hoheit meist nicht schätzte, so fand er doch, „genug war genug“.
Die sich ewig hinziehenden Mahlzeiten im Carlton House würden sich in Brighton nun wiederholen, wo der Küchenchef des Prinzen alles daransetzte, jeden anderen Küchenchef der Umgebung mit der Reichhaltigkeit seiner Zutaten und der Anzahl seiner Entrees auszustechen. Ganz plötzlich hatte der Marquis genug gehabt von all dem. Und doch gab es noch einen anderen Grund für seine vorzeitige Abreise.
Seine Liebesaffären hatten seit dem Krieg immer wieder für Gerede gesorgt, doch aufgrund seiner Vorsicht und Diskretion wäre es niemals zu einem Skandal gekommen.
Er war sehr genau, was sowohl seine Herzensangelegenheiten betraf, als auch die Führung in seinen Haushalten und den einwandfreien Zustand seiner Pferde. Aber er war auch so vornehm, so reich und außergewöhnlich gutaussehend, daß es für ihn unvermeidlich war, sich immer wieder in Gesellschaft von schönen Frauen zu befinden. Diese Beziehungen brachten ihn meist an einen Punkt, bei dem ein Schritt weiter, er sich in eine Situation gedrängt sehen würde, die er möglichst vermeiden wollte.
Nachdem er mit großer Hingabe in Wellingtons Armee gedient hatte, hatte er eine gewisse Rolle bei Säuberungsaktionen gespielt. Danach hatte er das Kommando über die Belagerungsarmee erhalten.
Als er dann schließlich nach Hause zurückkehrte, glaubte er wie so viele andere Soldaten, er müsse die Jahre nachholen, die er mit der Hauptsorge ums Überleben versäumt hatte.
London schien nur darauf zu warten, jedes erdenkliche Vergnügen anzubieten, und nach den Entbehrungen des Krieges boten Wein, Weib und Gesang eine anregende Abwechslung.
Der Marquis hatte Irchester House in Park Lane eröffnet und begonnen, strahlende Feste zu geben, die nur mit denen rivalisieren konnten, die der Prinzregent im Carlton House gab.
Wie es sich herausstellte, war er sehr anspruchsvoll in der Wahl seiner Gäste, so daß es als Ehre galt, von ihm eine Einladungskarte zu erhalten. Diese Einladungskarten waren auch von den berühmtesten Schönheiten sehr gefragt. Ambitionierte Mütter mit jungen Töchtern merkten jedoch sofort, daß der Marquis sich zurückhielt und sie nur ihre Zeit vergeudeten, wenn sie ihm nachstellten.
Vielleicht aufgrund seines Alters, galt sein Vorzug vornehmen verheirateten Frauen oder bekannt fröhlichen Witwen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten.
Eine von diesen Damen, vielleicht die herausragendste, war Lady Sybille Maiden. Als Tochter eines Herzogs war sie eine äußerst ungünstige Ehe eingegangen, als sie sich mit erst achtzehn Jahren in Christopher Maiden verliebt hatte, der nicht nur als Mann, sondern auch in seiner Uniform hervorragend aussah.
Ohne diese Uniform fand sie ihn mit der Zeit allerdings langweilig, so daß ihre Ehe offiziell als zerrüttet galt, noch bevor er in der Schlacht von Waterloo ums Leben kam.
Zu dieser Zeit war Lady Sybille dreiundzwanzig Jahre alt, und sie war sich ihrer Vorzüge durchaus bewußt. Genau auf den Tag nach Ablauf des Trauerjahres, trat sie in London als strahlender Stern auf. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten, und Lady Sybille genoß ihn in vollen Zügen.
Ihre Liebhaber waren Männer von Einfluß und beträchtlichem Vermögen, doch sie waren alle bereits verheiratet, bis sie vor erst sechs Monaten den Marquis von Irchester kennenlernte. Nun begann sie, andere Ansprüche zu stellen.
Nachdem sie in ihrer ersten Ehe unglücklich und gelangweilt gewesen war, beschloß sie, nicht wieder zu heiraten, bis sie ihre augenblickliche Lage bis zum letzten ausgekostet hatte.
Als Tochter eines Herzogs konnte sie mit ihrem Benehmen viel wagen und mußte dennoch nicht riskieren, daß ihr die Tür zu den berühmten Gastgeberinnen verschlossen wurde. Und bei ihrer außergewöhnlichen Schönheit gab es keinen Mann, der sich nicht bereit erklärte, ihr sein Herz und sein Vermögen zu Füßen zu legen. Daß sie deren Reichtum brauchte, lag auf der Hand, da ihr Vater nicht reich gewesen war und eine Reihe von Söhnen hatte, die von ihm abhängig waren. Maiden hatte ihr, gemessen an dem, was sie benötigte, sehr wenig hinterlassen.
Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich in einem Haus am Berkeley Square einzurichten und bei den teuersten Schneidern in der Bond Street arbeiten zu lassen.
Aller Augen waren auf sie gerichtet, wenn sie in ihrer von reinrassigen Pferden gezogenen Kutsche durch den Park fuhr. Lady Sybille wußte auch, daß sie mit achtundzwanzig Jahren nun den Höhepunkt ihrer Schönheit erreicht hatte.
Künstler von Rang flehten fast um die Erlaubnis, ihr Ebenbild, das nur vergleichbar war mit Aphrodite, Botticellis Simonetta und Fragonards bewundernswerten Frauen, auf Leinwand festhalten zu dürfen. Lady Sybille war sich durchaus bewußt, daß es nur eine Frage von ein paar Jahren war, bis sie die ersten Fältchen an den Augenwinkeln und die ersten grauen Haare in ihrem Goldschopf entdecken würde.
Sie wußte erst, was sie wollte, als sie den Marquis von Irchester sah. Lady Sybille hatte durch ihren Auslandsaufenthalt den Marquis nicht früher kennengelernt.
Der Prinz irgendeines obskuren Balkanstaates war in London aufgetaucht und ganz hingerissen gewesen von ihr. Sie hielt es jedoch für einen Fehler, ihre Verbindung zu dem Prinzen vor ihren englischen Bewunderern auszubreiten, die schnell dazu bereit waren, Fremde in Verruf zu bringen. So hatte sie ihm gestattet, sie mit nach Paris zu nehmen, das sich vom Krieg bereits erholt hatte und eine der ausgelassensten Städte Europas war.
Der Erfolg, den Lady Sibylle dort gekostet hatte, war ihr wie Wein zu Kopf gestiegen. Nach und nach ließ ihre Begeisterung für den Prinzen allerdings nach, und sie dachte daran, daß es an der Zeit war, nach Hause zurückzukehren.
Ihre Rückkehr wurde an ihrem ersten Abend in London äußerst erfreulich gefeiert, als sie einem Ball im Devonshire House beiwohnte, wo sie den Marquis kennenlernte. Natürlich hatte sie schon von ihm gehört, doch sie hatten sich nie getroffen, da Lady Sybille zu viel mit anderen Männern und der Marquis zu viel mit anderen Damen beschäftigt gewesen waren.
Nachdem sie ihn eine Weile im Salon beobachtet hatte, wo sich die Gäste versammelt hatten, bevor sie in den Ballsaal hinübergingen, hatte sie den Herzog gebeten, sie bekanntzumachen.
Während der folgenden zwei Monate wurde sich der Marquis nun des - inzwischen sehr vertrauten - Gefühls bewußt, daß er verfolgt wurde, obwohl es nur ein so scharfsichtiger Mensch wie er merken konnte. Er ließ sich nicht täuschen von den bemerkenswerten Zufällen, die Lady Sybille bei fast jeder Party neben ihn führten. Ob er durch den Park ritt oder beim Prinzregenten eingeladen war, Lady Sybille war stets ebenfalls anwesend.
Zuerst hatte er sich gesagt, daß er nicht sonderlich interessiert war. Sie war schön, das war nicht zu leugnen, doch er war sehr wählerisch in Bezug auf Menschen, denen er seine Gunst schenkte, und im Augenblick war er gerade damit beschäftigt, der äußerst verwöhnten Gattin eines ungarischen Diplomaten nachzustellen.
Der Marquis liebte es zu jagen. Hingegen konnte er es nicht ausstehen, gejagt zu werden. Unglücklicherweise entwickelten sich die Dinge immer zu seinen Ungunsten, da die Mehrzahl der Damen, mit denen er in Kontakt kam, ihn unaufhörlich jagte. Ihre Absichten waren so offensichtlich, daß er sich oft fragte, weshalb hinter einer so lieblichen Stirn nicht ein eigenständiger Gedanke herrschen konnte.
Der offene Neid seiner Freunde führte ihn wahrscheinlich dazu, daß er den Bemühungen Lady Sybilles nachgab. Und zuerst war er nicht enttäuscht.
Obwohl sie es schaffte, wie eine Göttin auszusehen, die gerade dem Olymp entstiegen war, verfügte sie doch über ein versengendes Feuer auf den Lippen und über die Leidenschaft eines Löwen, was das Verlangen eines Mannes bis zum äußersten treiben konnte.
Langsam erwachte der Verdacht in dem Marquis, daß Lady Sybille mehr von ihm wollte als eine vorübergehende Liebesaffäre.
Zynischerweise rechnete er damit, daß - so reizvoll ihre Verbindung auch sein mochte - sie ihn nicht länger als all die anderen beanspruchte, die ihn seit Kriegsende so amüsierten.
Sybille sprach natürlich nicht darüber. Dazu war sie zu schlau. Doch der Marquis verfügte über ein feines Gefühl, was ihm nicht nur beim Kommando über seine Soldaten nützlich gewesen war, sondern ihm fast auch einen Einblick in die Gedankenwelt einer Frau gewährte.
Der Gedanke wäre ihm selbst nie in den Sinn gekommen, doch plötzlich ahnte er, daß Lady Sybille an Heirat dachte.
Natürlich wußte der Marquis, daß er eines Tages wohl heiraten mußte. Seine Verwandten nahmen hin und wieder den Mut zusammen und machten ihm klar, daß es seine Pflicht sei, einen Erben zu zeugen. Es wurden sogar mehrere Söhne gefordert, damit sowohl die Erhaltung des Titels, der sehr weit zurückreichte, als auch des Eigentums gesichert war. Er hatte jedoch nach Rückkehr aus dem Krieg nicht die Absicht gehabt, seßhaft zu werden.
Seine Jahre bei der Armee hatten dazu geführt, daß er sich älter fühlte, als er war, und nun wollte er seine verlorene Jugend zurückgewinnen und das Gefühl, sein eigener Herr zu sein, was für einen Offizier unter Wellington unmöglich gewesen war.
Ich werde irgendwann einmal heiraten, sagte er sich, aber ich will nicht dazu gezwungen werden.
Der Marquis war der Ansicht gewesen, daß es genug auf seinen Gütern zu tun gab, zumal sein Vater drei Jahre, bevor er die Armee verlassen konnte, gestorben war. Aufgrund seines hohen Alters hatte sein Vater vieles vernachlässigt, und was doch schlimmer gewesen war, er hatte die falschen Leute gewählt, die sich um seine Güter kümmern sollten.
Der Marquis genoß nun jeden Augenblick, bei dem er immer wieder versuchte, die Perfektion zu erreichen, die er verlangte. Es war das Vergnügen, das er suchte, nicht die Fesseln der Ehe und die unvermeidliche Langeweile, an eine, wenn auch schöne, doch wahrscheinlich auch sehr kleingeistige Frau gebunden zu sein.
Zu einem seiner engsten Freunde hatte er einmal im White’s Club gesagt: „Wie kommt es, daß die Mehrheit der Frauen, mit denen wir einen Großteil unserer Zeit verbringen, so entsetzlich schlecht gebildet ist, daß es unmöglich ist, sich mit ihr zu unterhalten, abgesehen von einem Thema.“
Sein Freund, der im selben Regiment gedient hatte, hatte gelacht.
„Du weißt so gut wie ich, Lenox, daß der Engländer sein ganzes Geld in die Erziehung seiner Söhne steckt, während seine Töchter von halb schwachsinnigen Gouvernanten erzogen werden, die nicht in der Lage sind, ihnen all das beizubringen, was sie wissen sollten.“
„Das stimmt wahrscheinlich“, hatte der Marquis nachdenklich geantwortet.
Er erinnerte sich, daß, während er nach Eton und Oxford geschickt worden war, seine Schwestern zu Hause bleiben mußten in der Gesellschaft von kleinen grauen Frauen, deren Gesichter er schon vergessen hatte.
„Wahrscheinlich sind deswegen ausländische Frauen im ganzen viel intelligenter“, hatte er gemeint.
„Ich kann nicht behaupten, daß ich großen Wert auf den Verstand einer Frau lege“, hatte sein Freund erwidert.„Hauptsache, sie ist hübsch, sonst übersehe ich sie.“
Der Marquis hatte gelacht und an die etwas banalen Unterhaltungen denken müssen, die er mit Lady Sybille geführt hatte, wenn sie gerade einmal nicht im Bett gelegen hatten.
Vergangene Nacht im Carlton House hatte er gemerkt, wie sie aus irgendeinem Grund, der ihn jedoch argwöhnisch gemacht hatte, mit dem Prinzregenten im Vertrauen geflüstert hatte. Der Marquis hatte nicht hören können, um was es sich handelte, doch er zweifelte nicht daran, daß das Thema ihn betroffen hatte. Ihre Blicke hatten sich nämlich auf ihn gerichtet. Er hatte allerdings so getan, als ob er es nicht merkte. Als sich dann der Prinz zur Begrüßung eines Neuankömmlings erhoben hatte, hatte der Marquis Lady Sybilles Gesichtsausdruck gesehen, der dem einer Katze glich, die Sahne geleckt hatte.
Sein Instinkt hatte ihn gewarnt, daß sie etwas im Schilde führte. Daraufhin hatte er schnell ein Gespräch mit einem Konsul begonnen, der ebenfalls geladen gewesen war. Trotz allem war er entschlossen, herauszufinden, was da zwischen Lady Sybille und dem Prinzregenten gebraut worden war, und es war ausgerechnet der Konsul gewesen, der ihm unwissentlich den Schlüssel dazu lieferte.
„Ich nehme an, Mylord“, hatte der Konsul gesagt, „daß dies die letzte Party ist, die wir in diesem herrlichen Haus feiern dürfen, bevor Seine Königliche Hoheit nach Brighton abfährt.“
„Das nehme ich ebenfalls an“, hatte der Marquis erwidert.
„Meine Gattin und ich sind in den Königlichen Pavillon eingeladen worden“, war der Konsul mit einem selbstgefälligen Ton fortgefahren. „Wir freuen uns, daß Sie und Lady Sybille ebenfalls dort sein werden. Seine Königliche Hoheit deutete an, daß Sie ebenfalls seine Gäste sein werden.“
Der Marquis hatte den Konsul forschend angesehen und sich überlegt, was dieser wohl damit sagen wollte.
Der Diplomat hatte daraufhin scherzhaft den Finger erhoben und hinzugefügt: „Meine Frau hat mir Ihr kleines Geheimnis verraten, aber ich verspreche, daß ich sehr, sehr diskret sein werde, und natürlich bin ich auch ein ergebener Verehrer von Lady Sybille.“
Wenn sich plötzlich der Boden unter ihm geöffnet hätte, der Marquis hätte nicht überraschter gewesen sein können. Erst jetzt hatte er durchschaut, was Lady Sybille vorhatte, und er hatte sich gescholten, weil er so dumm gewesen war.
Lady Sybille bediente sich einer Waffe, der sich viele Frauen vor ihr schon bedient hatten: der öffentlichen Meinung.
In ihrem Fall hatte sie ganz oben angefangen mit der unmittelbaren Umgebung des Prinzregenten und hatte ihn nun selbst mit eingeschlossen.
Der Marquis hatte so einen Fall schon einmal kennengelernt, als nämlich ein Freund von ihm noch zögerte, ob er einer Dame, die ihn ebenfalls begehrte, einen Heiratsantrag machen sollte. Zu einer freien Wahl war es dann allerdings zu spät gewesen, denn er wurde - nicht einmal von der Dame selbst - zur Ehre gedrängt, sondern von ihren Freunden und Bewunderern.
Der Marquis hatte nun einen Augenblick gewählt, in dem sich sein Gastgeber gerade mit Freunden beschäftigte, hatte etwas knapp gute Nacht gewünscht und ohne ein weiteres Wort an Lady Sybille das Carlton House verlassen. Er war in sein Haus in Park Lane zurückgefahren und hatte sich genauso nachdrücklich überlegt, was er nun tun solle, wie er damals seine Schlachttaktik gegen die Franzosen ersonnen hatte.
Er war sich darüber im Klaren gewesen, daß er als erstes London verlassen und aufs Land fahren müsse. Bei seiner Ankunft im Irchester House hatte er sofort seinem Personal Anweisungen gegeben und seinen Sekretär, der bereits zu Bett gegangen war, zu sich gerufen, um mit ihm zu reden.
Dann hatte er sich hingesetzt und an den Prinzregenten einen Brief geschrieben, in dem er ihm für seine Gastfreundschaft dankte und ihm erklärte, daß er wegen Familienangelegenheiten unerwartet aufs Land gerufen worden war. An Lady Sybille schrieb er nicht. Er war so grausam, sie ihren Überlegungen zu überlassen, was geschehen war und was sie dagegen tun könne.
Nach dem Frühstück reiste er unverzüglich nach Irchester Park ab, und er beeilte sich dabei. Er fühlte sich wie ein Fuchs, dem die Jäger auf der Spur waren. Auf dem Land angelangt, beschenkte ihn die Schönheit seines Heims und dessen ruhige Würde mit einem Gefühl des Friedens, das wohltuend auf ihn wirkte.
„Plant Eure Lordschaft eine Party?“ fragte sein Butler.
„Im Augenblick nicht, Dawson“, erwiderte der Marquis. „Ich habe auf dem Gut viel zu tun und brauche Ruhe.“
„Die wird Eure Lordschaft hier finden, und es ist eine große Freude, Sie hier zu haben, Mylord.“
Der Mann sprach mit großer Aufrichtigkeit, was den Marquis freute, doch kaum war er allein, begann er, über sich selbst nachzudenken, und das machte ihn sehr zynisch.
Er gestand sich offen ein, daß er im vergangenen Jahr von der Gleichmäßigkeit der sogenannten schönen Welt immer gelangweilter geworden war. Es waren stets die gleichen Bälle, die gleichen Empfänge, die gleichen Abende im Carlton House, in Vauxhall, und es waren unausbleiblich immer die gleichen Frauen.
So schön, vornehm und begehrenswert sie auf den ersten Blick wirkten, so eitel, selbstsüchtig, neidisch und unglaublich hirnlos entpuppten sie sich, sobald man sie näher kannte. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um sie selbst.
Was will ich? Was wünsche ich mir? Auf diese Fragen konnte sich der Marquis bedauerlicherweise keine Antwort geben. Er sagte sich, daß, er den Krieg vermißte, die Aufregung, die Gefahr, aber damals hatte es wenigstens ein strahlendes Ziel gegeben, das Sieg hieß. Der Krieg war jetzt gewonnen, doch der Frieden war, wenn der Marquis ehrlich war, enttäuschend.
Was will ich? Immer wieder stellte der Marquis sich diese Frage, wenn er allein speiste oder auf die Terrasse hinausschritt, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zwischen den alten Eichen des Parks zu betrachten. Nach einer Weile begannen die Sterne und die zunehmende Mondsichel am Himmel zu leuchten. Hinter dem Marquis stand schon seit fünfhundert Jahren das große Haus, das jedoch Anfang des letzten Jahrhunderts von seinem Urgroßvater vollkommen renoviert worden war. Daher war es auch mit Abstand das schönste Beispiel georgianischer Architektur in der gesamten Grafschaft.
Die riesigen Gesellschaftsräume waren jeder auf seine Art perfekt gestaltet. Außerdem besaß der Marquis Bilder, die den Neid des Prinzregenten und jedes Kunstkenners weckten. Hinter den Gärten, die nach originaler Vorlage gepflegt wurden, erstreckten sich Wälder, in denen man sich im Herbst mit mannigfaltigen Sportarten vergnügen konnte. Der Fluß, der sich auf der anderen Seite des Tals durch niedriggelegene Wiesen seinen Weg bahnte, bewässerte ein Sumpfgebiet mit Schnepfen und Enten, das gegen Ende des Jahres ein Paradies für Jäger darstellte.
Abgesehen davon besaß er riesiges Ackerland, auf dem er im Winter jagen und die edlen Pferde bewegen konnte, mit denen er seit seiner Rückkehr aus Frankreich seine Ställe gefüllt hatte.
Ich habe alles, sagte sich der Marquis, warum will ich mehr?
Dann wußte er, daß etwas fehlte, etwas, dem er keinen Namen geben konnte, von dem er aber wußte, daß es sehr wichtig war.
Da er sich über seine eigene Ruhelosigkeit ärgerte, zog er sich an diesem Abend früh in das riesige Bett des prächtigen Schlafzimmers zurück, in dem so viele seiner Vorfahren geboren worden und gestorben waren.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.