Kitabı oku: «Geliebte Dominica»
Geliebte Dominica
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2017
Copyright Cartland Promotions 1985
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1. ~ (1888)
Lord Hawkston atmete in tiefen Zügen die laue, weiche Luft ein. Erst jetzt kam ihm wirklich zum Bewußtsein, wie sehr er im kalten England die Wärme vermißt hatte, die seinen ganzen Körper zu durchdringen schien und die verkrampften Muskeln lockerte. Langsam ging er über den Rasen und ließ sich vom süßen Duft von Magnolien, Jasmin und Oleander umfächeln.
Während der sechsundzwanzig Tage dauernden Überfahrt hatte er sich wie ein Kind auf sein Wiedersehen mit Ceylon gefreut, wo er sechzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte.
Weit davon entfernt, ein Romantiker zu sein, war er im Gegenteil als äußerst unnahbar, hart gegen sich und andere, ja sogar als rücksichtslos bekannt, wenn es seinen Zwecken diente. Der Erfolg war ihm nicht in den Schoß gefallen, er hatte sich ihn Schritt für Schritt erkämpfen müssen, und das war ihm nur gelungen, weil er das sich selbst gesteckte Ziel nie aus den Augen verlor.
Als er jetzt durch den herrlichen Garten der Residenz des Generalgouverneurs, Queens House genannt, schlenderte, weilte er in Gedanken bereits auf seiner Teeplantage im Norden der Insel. In wenigen Tagen würde er seine alten Freunde, seine Kulis und das schöne Haus wiedersehen, das nach seinen Entwürfen nicht weit von der Hütte entstanden war, die ihm nach dem Kauf der Plantage zunächst als Heim gedient hatte.
Als er an diesem Abend den unwiderstehlichen Drang verspürte, mit seinen Erinnerungen und Gefühlen allein zu sein, wartete er, bis sich der Gouverneur und seine Gäste zur Ruhe begeben hatten. Dann trat er hinaus in die Mondnacht.
In diesem Augenblick überquerte jemand den Rasen, und Lord Hawkston blieb im Schatten eines großen Bambusgewächses stehen, weil er nicht die geringste Lust zu einer Unterhaltung verspürte. Im Mondlicht, das voll auf das Gesicht des Näherkommenden fiel, erkannte er einen jungen Soldaten, der mit ihm auf demselben Schiff gereist war. Er gehörte zu einer Gruppe von Offizieren, die nach einem Europaurlaub zu ihren militärischen Pflichten nach Ceylon zurückkehrte. Lord Hawkston hatte sich zwar bei den Mahlzeiten mit ihnen unterhalten, da sie mit ihm zusammen am Kapitänstisch saßen, sich aber sonst weitgehend zurückgezogen, da er sich zu alt fühlte, um sich an ihrem lebhaften Geplauder und ihren ständigen Frotzeleien zu beteiligen. Dabei war ihm Captain O’Neill ernster und verantwortungsbewußter vorgekommen als seine Kameraden.
Vorsichtig näherte sich der junge Mann dem Haus, das wie die meisten Kolonialhäuser eine eindrucksvolle Vorderfront bot, während sich nach hinten hinaus zwei übereinander liegende Reihen von Veranden erstreckten. In den Zimmern dahinter schliefen die Bewohner bei offenen Türen. Unter einer Veranda blieb der Captain stehen und stieß einen leisen Pfiff aus. Gleich darauf kam eine weiß gekleidete Frau mit offenem Haar aus dem Schlafzimmer und beugte sich über das Geländer. Ob sie etwas sagte, war nicht zu verstehen, jedenfalls begann der junge Mann nach oben zu klettern. Das war nicht schwer, denn die stützenden Säulen aus gedrehtem Eisen boten selbst dem ungeübtesten Kletterer einen sicheren Halt. Sekunden später schwang sich der junge Mann über das Geländer.
Einen Augenblick lang verharrte das Paar in einer leidenschaftlichen Umarmung, dann verschwand es im Dunkel des Schlafzimmers.
Lord Hawkston zog hörbar den Atem ein. Obwohl er wußte, wen Captain O’Neill um diese nachtschlafende Zeit besuchte, spürte er weniger Ärger als blankes Erstaunen über dessen Kühnheit. Die Frau, die der junge Mann so heiß geküßt hatte, war niemand anders als Emily Ludgrove, die Lord Hawkston nach Ceylon begleitet hatte, weil sie seinen Neffen, Gerald Warren, heiraten sollte.
Als Lord Hawkston vor achtzehn Jahren - damals hieß er noch Chilton Hawk - beschloß, nach Ceylon zu gehen, war er einundzwanzig Jahre alt. Für ihn bestand nicht die leiseste Aussicht, den Familientitel oder das Vermögen zu erben, und die geringen Mittel seines Vaters gestatteten ihm kein bequemes Leben in England. Mit seiner Volljährigkeit kam er in den Besitz von tausend Pfund, und ein Bericht über ertragreiche Kaffeeplantagen in Ceylon inspirierte ihn zu dem Gedanken, dort sein Glück zu suchen.
Ceylon schien in jenen Tagen am anderen Ende der Welt zu liegen. Zehn Jahre früher hatte es einen Kaffeeboom erlebt, als englische Siedler nicht nur die Energie, sondern auch das Kapital mitbrachten, um es in Plantagen zu investieren.
Chilton Hawk hatte sich in Oxford mit einem Schotten angefreundet, der drei Jahre zuvor nach Ceylon gegangen war und enthusiastische Briefe schrieb über die Möglichkeiten, die dort für einen ehrgeizigen jungen Mann existieren.
Sein Vater war überrascht über seinen Entschluß, Kaffeepflanzer werden zu wollen.
„Leg dich nicht fest, mein Junge“, sagte er. „Sieh dich erst einmal um, vielleicht hast du in Indien und Singapore bessere Aussichten.“
Doch Chilton Hawk hatte kaum einen Fuß auf ceylonesischen Boden gesetzt, da wußte er auch schon, daß er nur hier leben und arbeiten wollte. Und arbeiten mußte er - wie schwer, merkte er erst, als er zweihundertfünfzig Hektar Land gekauft hatte und daran ging, es vom Urwald zu befreien. Zu diesem Zweck mußte er achtzig Mann anheuern, wobei im Hintergrund ständig die Angst lauerte, daß ihm das Geld ausgehen könnte, bevor er fertig war.
Gleich nach seiner Ankunft hatte er Glück. Sein Oxford-Freund machte ihn mit einem erfahrenen, fünfunddreißigjährigen schottischen Pflanzer namens James Taylor bekannt, der ob seiner Tüchtigkeit von jedermann respektiert wurde.
James Taylor faßte eine spontane Zuneigung zu dem jungen Mann, der gerade aus England gekommen war und riet ihm, Land in der Nähe seiner eigenen Loolecondera-Plantage, die inmitten der Bergregion lag, zu kaufen. Wie Taylor zog die Schönheit der Hügellandschaft auch Chilton Hawk in ihren Bann, und es dauerte nicht lange, da paßte er sich der fremden Umgebung an.
James Taylor stand ihm mit Rat und Tat zur Seite, sei es bei der Beschaffung von tüchtigen Tamilen-Kulis oder beim Bau der ersten Hütte. Wenn es nottat, ermutigte er ihn und half ihm während der ersten Monate beim Roden und Pflanzen, wobei Chilton Hawk härter arbeitete als jeder seiner Männer.
Später dachte er manchmal, daß das die glücklichste Zeit in seinem Leben gewesen war. Er baute etwas auf, war sein eigener Herr, und wenn er alles verlor, was er besaß, konnte er dafür nur sich selbst die Schuld geben. Und ohne James Taylors Freundschaft wäre genau das geschehen.
Zehn Jahre Kaffeeboom hatten Chilton Hawk in dem Glauben bestärkt, daß der Reichtum zum Greifen nahelag. Doch mit einem Schlag waren die großen Tage des Kaffees vorbei. Eine sich schnell ausbreitende Blattkrankheit, auch Kaffeerost genannt, vernichtete die ganze Ernte. Lord Hawkston konnte nie das Entsetzen vergessen, das ihn beim Anblick seiner vom Pilz befallenen Kaffeepflanzen überkommen hatte. Diese Katastrophe hatte den Hoffnungen der meisten Europäer und Ceylonesen ein Ende gesetzt.
Für Chilton Hawk bedeutete seine Freundschaft mit Taylor seine Rettung vor dem Ruin. Dieser hatte im Jahre 1866 von einem Aufseher des Königlichen Botanischen Gartens in Peradeniya einige Teesetzlinge bekommen und sie versuchsweise in Loolecondera angepflanzt. Als sich das erfolgversprechend anließ, überredete er Chilton, ebenfalls auf einem Teil seines Landes Tee anzubauen. Dadurch stand dieser wenigstens nicht unmittelbar vor dem Nichts, er krempelte die Ärmel hoch und bepflanzte auch den Rest seiner Plantage mit Tee.
In der Zwischenzeit beschäftigte sich Taylor bereits mit einem neuen Projekt, einer Anlage, wo aus den Teeblättern das Fertigprodukt hergestellt wurde, was es in Ceylon noch nie gegeben hatte. Überall erwachten neue Hoffnungen, als bekannt wurde, daß Taylors Plantage wie auch die angrenzende durch den Anbau von Tee wieder Ertrag brachten. Chilton Hawk, der rund um die Uhr arbeitete, gewann das Vermögen zurück, das er schon verloren geglaubt hatte.
Selbst in seinen kühnsten Träumen war er nicht auf den Gedanken gekommen, daß ihm Titel und Familienbesitz in England zufallen könnten. Beim Verlassen der Heimat standen zwischen ihm und dieser Möglichkeit fünf Menschenleben, die durch Tod auf dem Schlachtfeld, Unfälle oder altersbedingt dahingerafft worden waren. Im Jahre 1886 erreichte ihn die schier unglaubliche Nachricht, daß er nach dem Tode seines Onkels der neue Lord Hawkston geworden war.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren, wenn es ihm auch wie die Amputation eines Armes oder Beines vorkam, seine Plantage zurücklassen zu müssen, die sich inzwischen auf sechshundert Hektar vergrößert hatte. Gleichzeitig war auch seine Selbständigkeit gewachsen, was sich gar nicht umgehen ließ. Manchmal vergingen drei oder vier Wochen, ohne daß er jemand anders als seine Kulis zu Gesicht bekam. Dann saß er allein in seinem großen Haus, das er auf einem Hügel erbaut hatte, um während der heißen Jahreszeit jeden Lufthauch einzufangen. Da es andererseits im Winter recht kühl werden konnte, besaß er nach englischer Mode einen großen offenen Kamin, in dem bei Bedarf ein Holzfeuer brannte.
Chilton Hawk gewöhnte sich an die Einsamkeit. Er las viel und gern, doch noch öfter ging er nach einer gut zubereiteten und servierten Mahlzeit früh zu Bett, um bei Sonnenaufgang aufzustehen und sich wieder in die Arbeit zu stürzen.
Als er nach London zurückkehrte, hatte er völlig vergessen, daß dort ein Gentleman ein elegantes, müßiges Leben führte, ohne Arbeit, ohne Eile und ohne Ehrgeiz außer dem einen, die leeren Stunden mit Vergnügungen zu füllen.
Auf dem Familiensitz erwartete ihn viel Arbeit. Sein Onkel, der die letzten Jahre seines Lebens krank gewesen war, hatte vieles vernachlässigt. Neue Methoden mußten eingeführt, Maschinen gekauft und Gebäude repariert werden. Und als Familienoberhaupt mußte er sich um eine anspruchsvolle und ermüdende Familie kümmern.
Seine erste Aufgabe bestand darin, jemand zu finden, der seinen Platz auf der Plantage in Ceylon einnehmen konnte. In seinem Neffen Gerald Warren, dem einzigen Sohn seiner ältesten Schwester, glaubte er den idealen Stellvertreter gefunden zu haben. Und weil er sich um seine Besitzung Sorgen machte, die er in der Obhut eines ceylonesischen Vormannes zurückgelassen hatte, schickte er den jungen Mann so überstürzt dorthin, wie es ihm andernfalls nie in den Sinn gekommen wäre. Mit vierundzwanzig Jahren sollte Gerald seiner Meinung nach imstande sein, die Plantage zu leiten, die Profit abwarf und keine schwere körperliche Arbeit mehr erforderte, wie er sie vor sechzehn Jahren hatte leisten müssen. Gerald hatte bereitwillig alle Vorschläge seines Onkels akzeptiert, wobei Lord Hawkston erst nachträglich erfuhr, daß er zu Hause nicht besonders glücklich war, weil er sich mit den meisten Verwandten überworfen hatte.
Vor der Abfahrt verlobte er sich noch mit Miss Emily Ludgrove, der Tochter eines Landedelmannes aus der Nachbarschaft. Deren Familie hatte sich bisher gegen diese Verbindung gesträubt, weil sie Gerald für einen jungen Mann ohne Zukunftsaussichten hielt, bei dem nichts darauf hindeutete, daß er je mehr Geld haben würde als den kleinen Zuschuß, den ihm seine verwitwete Mutter geben konnte. Das Interesse seines Onkels an ihm änderte die Sachlage, und obwohl die Verlobung nicht offiziell verkündet wurde, herrschte Übereinstimmung, daß das junge Paar innerhalb von Jahresfrist heiraten sollte.
„Ich werde dir deine Braut selbst nach Ceylon bringen“, versprach sein Onkel.
„Müssen wir wirklich ein ganzes Jahr warten?“ fragte Gerald.
„Ich fürchte ja“, erwiderte sein Onkel, „schon, weil ich nicht glaube, daß ich meine Geschäfte hier vor Ablauf von zwölf Monaten abwickeln kann.“
Es dauerte sogar achtzehn Monate, bevor sie England verließen, und Emily schien sich darüber nicht besonders zu grämen. Ihre Familie sah keinen Grund für eine eilige Heirat, und als Lord Hawkston bereit zur Abreise war, verzögerte sich diese noch einmal um zwei Monate, da ein paar Kleinigkeiten bei Emilys Brautausstattung fehlten. Doch endlich schifften sie sich in Southampton ein, und Lord Hawkston telegrafierte seinem Neffen, daß er sie in Colombo abholen solle.
Geralds Briefe waren während der letzten Monate spärlich geworden. Zuerst traf alle vierzehn Tage ein Bericht über die Geschehnisse auf der Plantage ein, dann nur noch alle vier Wochen und schließlich in unregelmäßigen Abständen ein paar flüchtig hingekritzelte Zeilen.
Von Geralds zukünftiger Frau sah Lord Hawkston wenig. Mit ihrem Vater, den er für einen außerordentlich langweiligen Mann hielt, hatte er wenig gemein und war außerdem zu beschäftigt, um sich gesellschaftlichen Verpflichtungen zu widmen. Er war so lange allein gewesen, daß er höfliche Konversation und Klatsch ermüdend und lästig fand.
Seine eigenen Verwandten fanden ihn schwierig und behandelten ihn mit einer gewissen Scheu, was ihn nicht etwa störte, sondern ihm sogar recht gut in den Kram paßte.
Auch auf dem Schiff hielt er sich weitgehend für sich, wobei er trotzdem bemerkte, daß Emily von den jungen Offizieren ein gerütteltes Maß an Aufmerksamkeit zuteilwurde. Die Bälle, Scharaden, Kostümfeste und Konzerte an Bord bereiteten ihr allem Anschein nach das größte Vergnügen. Nicht aufgefallen war ihm, daß sich Captain Patrick O’Neil mehr um sie bemühte als die anderen.
Jetzt bedauerte er, nicht achtsamer gewesen zu sein und übersehen zu haben, daß das Mädchen auf der Reise ihr Herz, vor allem aber den Kopf verloren hatte. Er fragte sich, was zum Teufel er tun sollte. Eines stand fest, unter diesen Umständen würde er einer Heirat Emilys mit seinem Neffen nicht zustimmen.
Vielleicht war es gut, daß Gerald verhindert gewesen war, sie in Colombo abzuholen. In Queens House hatte sie eine Nachricht erwartet, daß er erkrankt war, jedoch bei ihrem Eintreffen auf der Plantage wieder wohlauf zu sein hoffte.
Lord Hawkstons erste Reaktion war Ärger. Seinem Plan zufolge hätten Emily und Gerald sofort nach der Ankunft in Colombo heiraten sollen. Während sie sich auf der Hochzeitsreise befanden, wollte er allein zur Plantage fahren.
In diesem Augenblick kam ihm schlagartig zum Bewußtsein, daß es keine Hochzeit geben würde und daß er Gerald die Neuigkeit überbringen durfte, daß er sich anderweitig nach einer Frau umsehen mußte.
Ich werde das verdammte Mädchen mit dem nächsten Schiff nach Hause schicken, beschloß er. Die Schönheit der Nacht hatte ihren Zauber verloren. Er ging zum Haus zurück, wobei er sich bemühte, nicht an die beiden jungen Menschen im Schlafzimmer des oberen Stockwerkes zu denken.
Am nächsten Morgen nahm Lord Hawkston in aller Frühe das Frühstück ein. Als er gerade vom Tisch aufstehen wollte, wurde ihm ein Besucher gemeldet. Einigermaßen erstaunt folgte der dem Diener den langen Korridor entlang und fand in einem Wohnzimmer zu seinem Entzücken seinen alten Freund James Taylor.
Taylor war jetzt fünfzig Jahre alt und trug einen langen Bart. Er wog über zweihundertfünfzig Pfund, und einer seiner Finger war so dick wie drei eines gewöhnlichen Mannes. Wenn er lächelte, verlieh das seinem Gesicht mit den tiefliegenden Augen und der langen Nase einen seltsamen Charme.
„Ich habe gehört, daß Sie wieder da sind, Chilton“, sagte er zur Begrüßung.
„James, welche Freude! Wie geht es Ihnen? Es ist ja eine Ewigkeit her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“
„Ich habe Sie vermißt“, brummte James Taylor. „Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun, daß Sie inzwischen zu hochgestiegen wären, um wieder zu uns zurückzufinden.“
„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich mich nach Ceylon gesehnt habe“, erwiderte Lord Hawkston. „Zu Hause habe ich kaum weniger hart gearbeitet als hier, nur auf andere Weise. Es war nicht leicht.“
Taylor lächelte.
„Nichts was Sie oder ich getan haben, war jemals leicht, Chilton, trotzdem nehme ich an, daß Sie es geschafft haben.“
„Ich hoffe es jedenfalls“, meinte der Lord. Als ihm in diesem Augenblick Emily einfiel, verfinsterte sich seine Miene. „Erzählen Sie mir von meinem Neffen.“
„Das ist einer der Gründe, warum ich gekommen bin“, sagte Taylor.
Etwas in seinem Ton ließ Lord Hawkston aufhorchen. Er warf seinem Freund einen scharfen Blick zu.
„Hat der Junge sich eingelebt und gute Arbeit geleistet?“ fragte er. „Ich möchte die Wahrheit wissen.“
„Die ganze Wahrheit?“
„Mit weniger würde ich mich nicht zufriedengeben.“
„Sie sollen sie haben“, erwiderte Taylor. „Wir sind alte Freunde und waren immer offen miteinander. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als Ihnen reinen Wein einzuschenken. Sie müssen in Bezug auf den jungen Mann etwas unternehmen, da er sich anscheinend nicht an die Einsamkeit gewöhnen kann. Wir beide wissen, wie schwer die langen Abende zu ertragen sind, wenn man mit niemandem reden kann und meilenweit reiten muß, um ein freundliches Gesicht zu sehen.“
Obwohl Taylor ruhig und sachlich gesprochen hatte, fragte Lord Hawkston in scharfem Ton: „Was tut er? Trinken?“
James Taylor nickte.
„Und was noch?“ Als nicht gleich eine Antwort erfolgte, fuhr er beschwörend fort: „Ich will die Wahrheit wissen, James. Eine Verpackung in himmelblauem Seidenpapier taugt mir wenig.“
„Na schön. Er hat sich mit einem Eingeborenenmädchen eingelassen und sich nicht an die Regeln gehalten.“
Lord Hawkston versteifte sich sichtbar.
„Auf welche Weise?“
„Wir beide wissen, daß es für einen jungen Mann hier draußen durchaus üblich ist, sich eine Mätresse aus einem nahegelegenen Dorf oder einer Nachbarplantage zu nehmen.“
Der Engländer nickte. Es war für einen Pflanzer lediglich nicht ratsam, sich mit einer seiner eigenen Arbeiterinnen einzulassen.
„Einen Monat nach seiner Ankunft nahm sich Ihr Neffe ein ceylonesisches Mädchen zur Geliebten. Jetzt hat er sie hinausgeworfen und weigert sich, zu zahlen.“
Lord Hawkston stand auf.
„Es fällt mir schwer, das zu glauben.“
„Trotzdem ist es wahr und hat, wie Sie sich wohl denken können, einiges Aufsehen erregt.“
Lord Hawkston schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Ich möchte die Einzelheiten hören.“
Eine Liebschaft zwischen einem weißen Pflanzer und einem Eingeborenenmädchen unterlag gewissen Regeln, die von beiden Seiten akzeptiert wurden. Gewöhnlich wurden die Bedingungen vom Vater des Mädchens ausgehandelt. Sie lebte in einem nahegelegenen Dorf, vielleicht sogar auf seinem Grund und Boden, aber nicht offen mit ihm zusammen. Und da diese Mädchen sehr schön, sanft und liebenswürdig waren, erlebte so mancher junge Mann eine glückliche Zeit mit ihnen. Die Ceylonesen hielten es für eine Ehre, wenn eine ihrer Landsmänninnen die Geliebte eines weißen Pflanzers wurde, und wenn er ihrer müde war, haftete kein Makel an ihr. Die Abfindung, die sie dann erhielt, erleichterte es ihr, unter ihren eigenen Leuten einen Mann zu finden. Die Trennung verlief im allgemeinen ohne Komplikationen, solange das Mädchen gerecht behandelt wurde.
Daß Gerald so blöde gewesen sein sollte, gegen dieses ungeschriebene Gesetz zu verstoßen, lag außerhalb Lord Hawkstons Vorstellungskraft.
James Taylor erklärte, was geschehen war. Gerald hatte gleich nach seiner Ankunft angefangen zu trinken. Da ihn der Betrieb auf der Plantage langweilte, hatte er alles dem Vormann überlassen. Stattdessen fuhr er nach Kandy, der nächstgelegenen Stadt, wo man ein gewisses Maß an Vergnügungen fand. Später schloß er sich den übel beleumundeten Pflanzern an, die ihr Leben in Colombo genossen und Plantage Plantage sein ließen.
Diese kostspieligen Besuche fanden ein Ende, als sein Geld zur Neige ging, worauf ihm nichts anderes übrigblieb, als zu Hause zu sitzen und zu trinken. Seine einzige Gesellschaft war Seethan, eine junge Ceylonesin, die ihm von Anfang an gefallen hatte.
„Wie ging es weiter?“ wollte Lord Hawkston wissen.
„Vor etwa einem Monat, nachdem Gerald wieder einmal zu tief ins Glas geschaut hatte, soll es eine heftige Szene gegeben haben. Er beschuldigte das Mädchen, ihm einen Siegelring entwendet zu haben, der sich später, soviel ich weiß, unter einem Möbelstück wiederfand.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er verächtlich fort: „Gerald behauptete steif und fest, daß nur Seethan den Ring gestohlen haben könne, und das Mädchen geriet verständlicherweise vor Wut außer sich, weil sie sich keiner Schuld bewußt war.“
Lord Hawkston konnte sich gut vorstellen, wie gekränkt das Mädchen gewesen sein mußte. Die auf den Plantagen arbeitenden Ceylonesen waren als überaus ehrlich bekannt, ihm selbst war in all den Jahren, die er hier lebte, nie auch nur der geringste Gegenstand abhanden gekommen.
„Gerald warf Seethan aus dem Haus und weigerte sich, ihr das ihr zustehende Geld zu geben“, sagte Taylor. „Sie sei eine Diebin und hätte daher nichts zu beanspruchen.“
Lord Hawkston sprang auf.
„Dieser Narr!“ rief er. „Dieser verdammte Narr!“
„Da kann ich Ihnen nur beipflichten“, sagte James Taylor. „Als mir die Geschichte zu Ohren kam, suchte ich ihn auf, nur war er leider nicht in der Verfassung, sich meine Vorwürfe anzuhören. Aber wenigstens entdeckte ich auf seinem Schreibtisch Ihr Telegramm, erfuhr so Ihren Ankunftstermin und eilte her, um Ihnen Bericht zu erstatten.“
„Das war höchst anständig von Ihnen, James.“
„Sie schrieben in Ihrem Telegramm, daß Sie und Emily am Freitag eintreffen würden“, fuhr Taylor fort. „Heißt das, daß Sie Gerald eine Ehefrau mitgebracht haben? Ich habe schon derartige Gerüchte gehört, und Sie wissen ja, wie schnell sich diese hier verbreiten.“
„In meiner Begleitung befindet sich eine junge Frau, mit der sich Gerald vor seiner Abreise verlobte“, erklärte Lord Hawkston. „Unglücklicherweise mußte ich inzwischen feststellen, daß ihre Interessen anderswo liegen. Eine Hochzeit kommt daher nicht mehr in Frage.“
James Taylor stieß einen leisen Pfiff aus.
„Also noch mehr Probleme“, sagte er. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das bedaure. Eine vernünftige Ehefrau hätte Gerald vielleicht wieder auf den rechten Weg bringen können. Mit ihrer Hilfe hätte er das Trinken einschränken und die Einsamkeit überwinden können, der er offensichtlich nicht gewachsen ist.“
„Ich werde mich bemühen, eine Frau für ihn zu finden, aber das wird nicht Emily Ludgrove sein.“
James Taylor warf einen Blick auf die Uhr.
„Wenn ich den Morgenzug nach Kandy noch erreichen will, muß ich gehen“, sagte er. „Ich hielt es für meine Pflicht, Sie auf das vorzubereiten, was Sie erwartet. Hoffentlich wendet sich noch alles zum Guten. Wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie mich, ich möchte Ihnen ein paar interessante Experimente zeigen.“
„Sie wissen, daß ich nichts lieber tue“, entgegnete der Engländer. „Vielen Dank, daß Sie sich wieder einmal als guter Freund erwiesen haben.“
„Ich wäre gern der Überbringer besserer Nachrichten gewesen“, bemerkte Taylor, „aber etwas anderes wird Sie mehr erfreuen. Der Tee-Export hat inzwischen eine Rekordhöhe erreicht. Meine Plantage blüht und gedeiht, und die Ihre wird es auch tun, wenn Sie sie wieder in die Hand nehmen. Sie werden gebraucht, Chilton.“
„Führen Sie mich nicht in Versuchung“, rief der Lord. „Sie wissen, daß ich nirgends lieber bin als hier.“
Taylor legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter.
„Darüber müssen wir später noch einmal sprechen.“
Nachdem er seinen Freund zur Tür begleitet hatte, ließ sich Lord Hawkston seufzend in einen Sessel sinken. Zuerst mußte er sich mit Emily auseinandersetzen, dann konnte er sich immer noch überlegen, wie er Gerald die Sache beibringen sollte.
Zwanzig Minuten später trat Emily Ludgrove in das Wohnzimmer, wo er auf sie wartete. Wie immer sah sie bezaubernd aus. Ihr nach der neuesten Mode geschnittenes Kleid, das sie vor der Abreise in London gekauft hatte, brachte ihre schlanke Gestalt perfekt zur Geltung, und die Farbe betonte das Blau ihrer Augen und ihr goldblondes Haar. Noch nie war ihm ihre Schönheit so zum Bewußtsein gekommen. Plötzlich hielt er es selbst für eine absurde Idee, sie auf einer einsamen Teeplantage einzusperren, wo kein männliches Auge außer dem ihres Gatten sie bewundern konnte.
„Guten Morgen, Mylord“, sagte sie mit dem koketten Augenaufschlag, den sie für jeden Mann bereithielt, ob jung oder alt, der mit ihr allein war.
„Guten Morgen, Emily“, erwiderte er die Begrüßung. „Würden Sie bitte einen Augenblick Platz nehmen? Ich habe mit Ihnen zu reden.“
„Das klingt ja direkt gefährlich“, meinte sie. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Ich möchte Sie davon informieren, daß ich für Sie auf dem ersten passenden Schiff, das nach England fährt, eine Passage buchen werde.“
Ihre Augen weiteten sich ungläubig, doch bevor sie einen Einwand erheben konnte, sprach er weiter.
„Der Zufall wollte es, daß ich mich gestern nacht im Garten aufhielt, als Captain O’Neill Ihnen einen höchst ungehörigen Besuch abstattete.“
Nach kurzem Schweigen sagte sie trotzig: „Captain O’Neill hat mich gebeten, seine Frau zu werden.“
„Das war wohl auch das mindeste, was er tun konnte“, bemerkte Lord Hawkston trocken.
„Und ich lag bisher mit mir im Widerstreit, ob ich seinen Antrag annehmen sollte oder nicht“, fügte sie hinzu.
„Die Wahl liegt bei Ihnen“, sagte er, „entweder Sie nehmen die Werbung des Captains an, oder ich schicke Sie mit dem nächsten Schiff nach England zurück.“
„Sie können sich wohl denken, wie meine Antwort ausfallen wird, Mylord. Übermitteln Sie Gerald meine Entschuldigung. Andererseits zweifle ich daran, daß wir nach der langen Trennung ein gemeinsames Glück gefunden hätten.“
Lord Hawkston mußte sich eingestehen, daß sie angesichts ihrer Lage eine Haltung zeigte, die er ihr nicht zugetraut hätte.
Emily erhob sich.
„Wenn Sie mir sonst nichts mehr zu sagen haben, werde ich mich zurückziehen und Captain O’Neill einen Brief schreiben, der ihn, wie er mir versichert, zum glücklichsten Mann unter der Sonne macht.“
„Ich habe nichts mehr zu sagen, denn an meiner Meinung über Ihr Benehmen sind Sie vermutlich nicht interessiert.“
„Warum sollte ich“, erwiderte sie schnippisch. „Sie haben schon lange vergessen, wie es ist, jung zu sein. Alt werde ich noch früh genug, in der Zwischenzeit will ich mein Leben genießen, und es gibt genügend Männer, die mir mit dem größten Vergnügen dabei behilflich sein werden.“
Ohne etwas zu entgegnen, verbeugte er sich ironisch, als sie an ihm vorbei zur Tür rauschte.
Dort drehte sie sich noch einmal um und sagte in zuckersüßem Ton: „Ach, bitte, sagen Sie Gerald, wie sehr ich es bedaure, ihn in Verzweiflung zu stürzen. Ich hoffe sehr, daß wir trotzdem Freunde bleiben werden.“
Bevor Lord Hawkston eine passende Erwiderung einfiel, hatte sie auch schon das Zimmer verlassen. Trotz seines Ärgers konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. So starke Nerven hatte er nicht hinter ihr vermutet. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, daß sie die passende Ehefrau gewesen wäre, um Gerald den Kopf zurecht zu setzen. Aber dieses Kapitel war nun ein für allemal abgeschlossen.
Sein Freund James Taylor hatte sicherlich in seiner Annahme recht gehabt, daß Gerald eine vernünftige Frau fehlte. Die Frage war nur, wo er sie hernehmen sollte.
Er stand am Fenster und sah in den Garten hinaus, der ein wahres Farbenmeer bildete. Da wuchsen purpurne Orchideen, Hibiskus in allen Rottönen und die weißen, trompetenähnlichen Frangipanis. Die ganze Szenerie war wie für die Liebe geschaffen.
Wie sollte er nur für seinen Neffen eine Frau finden, wo ihm das für sich selbst nicht gelungen war. Inzwischen war er siebenunddreißig Jahre alt und hatte sich damit abgefunden, Junggeselle zu bleiben.
Als er nach England zurückkehrte, erwarteten seine Verwandten, daß er heiraten würde. Immer wieder wurde er mit jungen Witwen oder Mädchen zusammen eingeladen, die aus irgendeinem Grund nicht den passenden Partner gefunden hatten. Keine von ihnen hatte seinen Verstand angesprochen, geschweige denn sein Herz angerührt. Dabei war er sich darüber im klaren, daß er seine Ansprüche zu hoch geschraubt hatte. So reserviert und kalt er äußerlich wirkte, so brannte in seinem Inneren die Sehnsucht nach einer Liebe, die der nicht nachstand, die er dem Inselparadies Ceylon gegenüber empfand.
Wenn er manchmal auf der Veranda seines Hauses stand und die gen Himmel ragenden Berge und unten im Tal den kristallklaren Fluß bewunderte, erweckte die ihn umgebende Schönheit einen Widerhall in ihm, der dem Begehren zu einer außerordentlich attraktiven Frau glich. Gefühle wachten in ihm auf, die an Intensität mit nichts zu vergleichen waren. So stellte er sich die Liebe vor, wobei er gleichzeitig versuchte, sich über seine Hirngespinste lustig zu machen.
2.
Lord Hawkston entschloß sich, dem Gouverneur, Sir Arthur Görden, seinen Wunsch vorzutragen, eine Frau für Gerald zu finden. Dabei hatte er nicht vor, auch nur ein Wort über Emilys Wankelmut zu verlieren, nicht, weil er ihren Ruf schonen wollte, sondern weil er Captain O’Neill gut leiden konnte und der Meinung war, daß sich dieser mit der Wahl seiner Ehefrau genügend Probleme aufgeladen hatte. Doch gleich zu Beginn der Unterhaltung erfuhr er, daß die junge Frau ihm zuvorgekommen war.
Sie saßen kaum allein in seinem Arbeitszimmer, als Sir Arthur auch schon lächelnd sagte: „Ich weiß, was Sie zu mir führt, Hawkston. Miss Ludgrove hat mich bereits davon unterrichtet, daß sie beabsichtigt, Captain O’Neill zu heiraten.“ Als sein Gegenüber nichts entgegnete, fuhr er fort: „Das ist keine angenehme Situation für Sie, da Sie die junge Dame als zukünftige Gattin für Ihren Neffen hergebracht haben. Nach allem, was ich höre, täte dem jungen Mann der beruhigende Einfluß einer Ehefrau not.“
Lord Hawkston war kaum überrascht, daß der Gouverneur offensichtlich genaue Kenntnisse über Geralds Gewohnheiten besaß. Obwohl man hätte annehmen können, daß er inmitten des Glanzes und Prunkes von Queens House weit entfernt vom alltäglichen Leben lebte, gab es wenig, ob es in Colombo oder anderen Teilen des Landes geschah, wovon er nichts wußte.
„Mein Neffe scheint sich wie ein Narr benommen zu haben, Exzellenz“, gab Lord Hawkston zu.
„Da geht es ihm wie einer ganzen Anzahl junger Männer, die zum ersten Mal ins Land kommen“, erwiderte Sir Arthur, „und leider wissen Sie und ich, daß viele Leute hier nur zu bereit sind, einen jungen Mann auf die schiefe Bahn zu bringen, vor allem wenn er zahlen kann.“
Lord Hawkston erinnerte sich unwillkürlich an die wilden Nächte, die er zu Beginn in Colombo erlebt hatte, nur war er im Unterschied zu Gerald zu schlau gewesen, sein Geld an zweifelhafte Frauen und Vergnügungen zu verschwenden. Später hatte er sich einer angenehmen Liaison mit einer schönen Portugiesin in Kandy erfreut, die er besuchte, wenn es seine Zeit erlaubte, und diese Verbindung hatte einige Jahre gedauert, wobei er mit äußerster Diskretion vorgegangen war.
„Ich wünschte, wir hätten uns mehr um Ihren Neffen kümmern können“, sagte Sir Arthur nachdenklich. „Zu Beginn hat er ein paarmal bei uns diniert, da jedoch die Gastlichkeit bei einem Regierungsvertreter naturgemäß überaus formell ist, muß sie einem jungen Menschen hochgestochen und langweilig erscheinen. Mein Sekretär hat mich übrigens davon informiert, daß wir ihn letztes Jahr zu unserem Weihnachtsball eingeladen haben, daß er jedoch auf diese Einladung nicht reagierte.“
Lord Hawkston preßte die Lippen zusammen, da ihm nichts mehr zuwider war, als schlechte Manieren. Während der kurzen Zeit, die er Gerald in England gekannt hatte, hatte sich dieser zumindest wie ein Gentleman benommen.
„Jetzt stellte sich die Frage, was Sie mit ihm anfangen wollen“, fuhr der Gouverneur fort.
„Ich beabsichtigte, ihm eine Ehefrau zu verschaffen, Exzellenz“, erwiderte Lord Hawkston mit harter Stimme. „Nachdem die Pläne in Bezug auf das Mädchen, das er sich selbst gewählt hat, fehlgeschlagen sind, muß ich einen adäquaten Ersatz finden.“
Sir Arthur lachte.
„Wie typisch für Sie, sich nicht geschlagen zu geben. Der junge Mann kann sich glücklich schätzen, einen solchen Onkel zu haben.“
„Natürlich zähle ich dabei auf Ihre Hilfe.“
Wieder lachte der Gouverneur.
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen in dieser Beziehung wirklich eine Hilfe sein kann. Alleinstehende junge Damen sind hier knapp gesät, trotzdem dürfte es die eine oder andere Offizierstochter geben, die noch nicht von einem Untergebenen weggeschnappt wurde.“
„Ich würde einem Mädchen den Vorzug geben, das schon längere Zeit in Colombo lebt“, sagte Lord Hawkston. „Ich für mein Teil habe mich so an das Land gewöhnt, daß ich vergessen hatte, daß ein Neuling meine Begeisterung vielleicht nicht teilt.“
„Sie denken an die Einsamkeit auf einer Plantage“, bemerkte Sir Arthur ernst. „Ich fürchte, Sie werden ein außergewöhnliches Mädchen finden müssen, das diese Art zu leben erträgt, Hawkston. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber Miss Ludgrove schien mir dafür auch nicht gerade die richtige Person zu sein.“
„Das weiß ich jetzt auch, aber sie war Geralds Wahl, nicht meine.“
„Und Sie glauben, daß er ein Mädchen nach Ihrem Geschmack akzeptieren wird, ohne Einwände zu erheben?“
„Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben, wenn er sich nicht auf einem Dampfer nach England wiederfinden will, wobei er für seine Passage selbst arbeiten müßte, da ich nicht gedenke, sie zu bezahlen.“
Der Gouverneur warf ihm einen prüfenden Blick zu, bevor er ruhig sagte: „Es ist ein gefährliches Unterfangen, soweit es Liebe oder Ehe betrifft, Vorsehung zu spielen. Sie könnten sich leicht die Finger verbrennen.“
„Ich habe Ihre Warnung zur Kenntnis genommen, Exzellenz, kann aber trotzdem auf Ihre Hilfe nicht verzichten.“
„Wenn ich die Einladungsliste für heute abend betrachte, steht kein Name darauf, der uns von Nutzen sein könnte“, stellte Sir Arthur fest. „Es wäre daher wohl am besten, sich morgen in der Kirche unter der Gemeinde umzusehen.“
Als er Lord Hawkstons Gesichtsausdruck gewahrte, lächelte er.
„Von einem Gast in Queens House wird naturgemäß erwartet, daß er den Gouverneur zum Gottesdienst begleitet.“
„Ich werde mich selbstverständlich meiner Pflicht nicht entziehen.“
„Es wird nicht so schlimm werden, wie Sie befürchten. Unser Vikar hat nämlich die Auflage erhalten, nicht länger als eine Viertelstunde zu predigen.”
Die graue Steinkirche von St. Peter lag nicht weit von Queens House entfernt. Lord Hawkston beobachtete, wie sich die Bänke mit eleganten Menschen füllten, die jene eines Besseren belehrt hätten, die der Meinung waren, Ceylon liege hinter dem Mond.
An der Tür begrüßte der Vikar den Gouverneur und begleitete ihn traditionsgemäß zu seinem Kirchenstuhl, der mit Samtkissen und Gebetbüchern mit dem englischen Wappen ausgestattet war.
Gegenüber befanden sich die Bänke für den Chor, dahinter saß vor der Orgel ein junges Mädchen in einem weißen Baumwollkleid, dessen Kopf eine häßliche Schute mit schwarzen Bändern zierte. Und dann entdeckte Lord Hawkston, daß sich dieser Aufzug noch fünfmal wiederholte. Auf der letzten Chorbank saßen fünf Mädchen in den gleichen weißen Baumwollkleidern, den gleichen Schutenhüten, schwarzen Handschuhen und schwarze Schärpen um die Taillen.
Zuerst hielt er das für die spezielle Tracht der Chorsängerinnen, bis er den Gouverneur flüstern hörte: „Der Vikar hat sechs Töchter.“
„Sechs?“ hätte der Lord beinahe laut ausgerufen.
„Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben“, sagte Sir Arthur hinter seinem Gebetbuch. „Seitdem stellt er uns unsere Sünden und das Höllenfeuer, das uns dafür erwartet, noch plastischer vor Augen.“
Der Vikar war ein großer, hagerer Mann, der in seiner Jugend gut ausgesehen haben mußte. Jetzt wirkte er so dünn und leichenähnlich, daß man unwillkürlich auf den Gedanken kam, er habe sich selbst alle Freuden des Lebens ausgetrieben. Der von ihm ausströmende Fanatismus warf für Lord Hawkston die Frage auf, ob seine Töchter nicht unter seiner Strenge und übertriebenen Religiosität zu leiden hatten.
Die älteste der fünf nebeneinander sitzenden Mädchen schien sehr hübsch zu sein, soweit man das unter der Krempe ihres Hutes erkennen konnte. Die anderen waren noch nicht erwachsen und besaßen Gesichter wie Milch und Blut, kleine Stupsnasen und große Augen, mit denen sie neugierig die Gemeinde musterten.
Die an der Orgel sitzende Tochter des Vikars schien auch am Hinterkopf Augen zu haben. Sie wies eine ihrer Schwestern zurecht, die herumzappelte und reichte gleichzeitig einem kleinen Jungen aus dem Chor das aufgeschlagene Gesangbuch, weil er sich nicht zurechtfinden konnte. Sobald sie nicht spielte, drehte sie sich um, damit sie den Chor im Auge hatte. Als sie sich einmal erhob, konnte Lord Hawkston nicht umhin, ihre elegante Figur zu bewundern, die selbst das grobe Material ihres Kleides nicht verhüllen konnte.
Den Worten des Gouverneurs zufolge war die Mutter vor zwei Jahren gestorben. Entweder bestand der Vikar auf einer langen Trauerzeit, wie das inzwischen in England Mode geworden war, oder die Mädchen mußten ihre Schutenhüte solange tragen, bis eine Neuanschaffung unerläßlich war.
Trotz des respektablen Alters der Orgel wurde sie meisterhaft gespielt, wie Lord Hawkston bemerkte. Er machte sich Gedanken darüber, wie die Familie wohl leben mochte. Als er die Predigt des Vikars hörte, eröffnete sich ihm ein genaueres Bild über die dort herrschende Atmosphäre.
Der Gouverneur hatte recht gehabt. Der Mann war besessen von dem Gedanken an die Sünde und die Strafen, die einem dafür auferlegt wurden, vor denen es kein Entrinnen gab. Dabei sprach er mit einem Feuer, das von dem tiefen Ernst seines Glaubens gespeist wurde. Als Priester war er ohne Zweifel berufen, als Vater mußte er schwer zu ertragen sein.
Einmal stockte der Pfarrer, weil er anscheinend zwei Seiten seiner Notizen auf einmal umgeblättert hatte. Als das geschah, drehte sich seine älteste Tochter um und blickte zur Kanzel hinauf, wodurch sich Lord Hawkston zum ersten Mal Gelegenheit bot, ihr voll ins Gesicht zu sehen.
Es war herzförmig geschnitten mit einer schmalen, geraden Nase und grauen Augen, soweit Lord Hawkston das aus dieser Entfernung erkennen konnte. Ihre Brauen waren schön geschwungen, das aschblonde Haar jedoch war streng und höchst unkleidsam unter der schwarzen Schute festgesteckt.
Als der Vikar den Faden wiederfand, entspannte sich seine Tochter sichtbar. Sie wandte sich wieder dem Chor zu und beugte sich vor, um einem kleinen Jungen das Spielen mit einer Schleuder zu verwehren. Dieser erschrak und ließ die Schleuder und den Stein los, den er gerade in die Schlinge legen wollte. Beides fiel nicht gerade geräuschlos zu Boden. Bevor sie ihn daran hindern konnte, kroch der kleine Junge zwischen den Beinen von zwei anderen hindurch, um sich sein kostbares Eigentum wiederzuholen. Als er wieder auf seinen Platz schlüpfte, warf er der Pfarrerstochter einen ängstlichen Blick zu, was ihm ein drohendes Stirnrunzeln einbrachte. Über seinem demütig gebeugten Kopf trafen sich ihre Augen mit denen ihrer jüngeren Schwester, und ein amüsiertes Lächeln spielte um ihre Lippen. In diesem Augenblick stand für Lord Hawkston fest, daß sie die richtige Frau für Gerald war. Ein Mädchen, das mit einem fanatischen Vater, einer Horde unartiger Chorjungen und einem Haus voller Schwestern fertig wurde, würde das auch bei seinem unbotmäßigen Neffen schaffen.
„Erzählen Sie mir noch etwas über Ihren Pfarrherrn“, bat er den Gouverneur auf der Heimfahrt.
„Er ist ein schwieriger Mann“, erwiderte Sir Arthur. „Ständig wettert er über die Ausschweifungen im Hafenviertel, und ich muß ihm dann klarmachen, daß es nicht zu meinen Pflichten gehört, die Männer dort davon abzuhalten, ihr Geld auszugeben, wie es ihnen beliebt, und daß ich nur eingreifen kann, wenn sie gegen Gesetze verstoßen.“
„Und seine Töchter?“ erkundigte sich Lord Hawkston.
„Die kenne ich kaum“, sagte der Gouverneur schulterzuckend. „Sie werden zwar von Zeit zu Zeit zu irgendwelchen Gesellschaften eingeladen, aber ihr Vater huldigt der Trauer um seine verstorbene Frau auf eine Art, die anscheinend alles ausschließt außer Gebete. Daher trifft man nur das älteste Mädchen bei den Zusammenkünften der Sonntagsschule, oder wenn sie für die Armenarbeit ihres Vaters sammelt.“
„Welch trübseliges Leben!“ bemerkte der Lord.
„Das kann man wohl sagen. Die meisten Frauen heutzutage würden es unerträglich finden“, stimmte sein Gesprächspartner zu.
Nach dem Lunch setzte sich Lord Hawkston zum Sekretär des Gouverneurs, einem älteren Mann, der sein ganzes Leben in Colombo verbracht hatte, und dessen Kenntnis der lokalen Verhältnisse für seinen Dienstherrn unbezahlbar waren.
„Ich würde gern alles wissen, was Sie mir über den Vikar von St. Peter berichten können“, sagte er.
„Sein Name ist Redford, er lebt seit zweiundzwanzig Jahren in Colombo und hat auch hier geheiratet“, erwiderte der Sekretär. „Seiner Überzeugung nach sind wir in Queens House unempfindliche und gefühllose Burschen, die seinem dringenden Wunsch, Colombo zu bessern und zu läutern, nicht das nötige Verständnis entgegenbringen.“
„Und was wissen Sie über Mrs. Redford?“
„Sie war charmant, und wenn jemand die menschlichen Züge des Vikars zum Vorschein brachte, dann war es seine Frau. Sie stammte aus dem englischen Landadel, und ihr Vater hatte etwas mit dem Botanischen Garten in Kew zu tun. Als er eines Tages herkam, um den Gouverneur zu beraten, welche Pflanzen für einen bestimmten Boden taugten, begleitete sie ihn und verliebte sich prompt in den Vikar.“
Der Sekretär machte eine Pause, bevor er fortfuhr: „Redford war damals ein gutaussehender junger Mann, dessen penetranter Glaubenseifer jedoch schwer zu ertragen war.“
„Das Paar hatte sechs Töchter.“
„Zu seinem großen Kummer wurde dem Vikar kein Sohn geschenkt. Nachdem Dominica und Faith das Licht der Welt erblickt hatten, taufte er die dritte Tochter Hope, aber unglücklicherweise folgten ihr drei weitere Mädchen, Charity, Grace und Prudence.“
„Gütiger Gott“, rief Lord Hawkston, „welche Belastung für die armen Dinger.“
„Dominica hatte Glück, sie wurde an einem Sonntag geboren, der Name erscheint daher passend, aber die anderen haben zusätzlich ihr Päckchen zu tragen. Es sind reizende Mädchen“, sagte er, „meine Frau schätzt sie sehr, und ab und zu erlaubt man ihnen, meine Tochter zum Tee zu besuchen, die Invalide ist. Andere Unterhaltung haben sie kaum, ihr Vater hält nichts von weltlichen Vergnügungen.“
„Ich möchte dem Vikar einen Besuch abstatten“, sagte Lord Hawkston. „Darf ich mich zur Einführung auf Sie beziehen?“
Der Sekretär lächelte.
„Erwähnen Sie den Gouverneur, Mylord, der Vikar ist trotz aller Gegensätze von Seiner Exzellenz beeindruckt.“
„Ich werde Ihren Rat beherzigen.“
Um vier Uhr nachmittags sprach er im Pfarrhaus vor, weil er das nicht nur für eine korrekte Besuchszeit hielt, sondern weil auch kein Gottesdienst stattfand. Die Tür wurde von einem etwa vierzehnjährigen Mädchen geöffnet, in dem er Charity vermutete. Als er erklärte, ihren Vater sprechen zu wollen, beeilte sie sich verwirrt, ihn in ein Vorderzimmer zu führen, wo sie ihn mit der gestammelten Bemerkung stehen ließ, ihren Vater holen zu wollen.
Lord Hawkston sah sich um, wobei er bemerkte, daß seine Umgebung ärmlich war, jedoch Geschmack verriet. Das Material der Vorhänge konnte nur ein paar Pfennige der Meter gekostet haben, paßte aber in der Farbe zum Blau des Meeres. Sofakissen gab es nicht. Der Boden war geschrubbt und nur von ein paar Matten bedeckt.
Auf dem Tisch stand eine Schale mit Blumen, und es roch nach Lavendel, den Lord Hawkston nach einigem Suchen in einem Topf auf dem Fensterbrett fand, wo ihn die Sonne erreichte. Da es Sonntag war, waren die Jalousien herunter gezogen, so daß nur eine Handbreit Licht unter jeder hervorkam. Lord Hawkston wußte, daß es in Schottland und einigen Teilen Englands Sitte war, am Sonntag die Jalousien zuzumachen, hätte etwas Derartiges aber kaum auf Ceylon erwartet.
Als der Vikar erschien, wurde ihm seine Entgleisung klar, an einem Sonntag vorzusprechen.
„Sie wünschen, Sir?“ fragte der Vikar, der aus der Nähe noch asketischer wirkte als in der Kirche.
Die feierliche schwarze Kleidung, die hervorstehenden Backenknochen, das hagere Gesicht und das graue, an den Schläfen weiße Haar vermittelte den Eindruck, man habe einen der alten Propheten vor sich, der Hölle und Verdammnis auf die Einwohner von Sodom und Gomorrha herunterrief.
„Ich bin Lord Hawkston!“
Der Vikar neigte leicht das Haupt.
„Ich wohne beim Gouverneur in Queens House“, fuhr er fort. „Mich führt eine wichtige Angelegenheit zu Ihnen, die ich gern mit Ihnen besprechen möchte.“
Draußen zog Charity die Tür hinter ihrem Vater ins Schloß und rannte die Treppe hinauf. Dominica war in ihrem Schlafzimmer, das sie mit Faith teilte. Sie war gerade von der Sonntagsschule gekommen und nahm den Hut ab, als Charity hereinstürzte.
„Was ist geschehen? Warum bist du so aufgeregt?“ fragte sie.
„Ein Gentleman ist bei Vater, der in einem Wagen des Gouverneurs gekommen ist. Es ist derselbe, der heute in der Kirche neben dem Gouverneur saß und sich amüsierte, als Ranil die Schleuder fallen ließ.“
„Das war kein bißchen amüsant“, sagte Dominica. „Papa hat das Geräusch gehört und war sehr verärgert. Man kann ihm einfach nicht verständlich machen, daß die Chorjungen der Predigt niemals lauschen.“
„Warum sollten sie“, stellte Charity gleichmütig fest. „Ich wette, der Gouverneur tut es auch nicht.“
„Was mag der Gentleman von Papa wollen?“ fragte Dominica.
„Vielleicht lädt er uns zu einem Ball ein“, meinte Charity.
Dominica lachte.
„Eine Einladung zu einem Ball ist genau so unwahrscheinlich wie ein Besuch auf dem Mond. Außerdem würde uns Papa nie erlauben, hinzugehen.“
„Wenn ich erwachsen bin, werde ich tanzen, ganz gleich was Papa sagt.“
„Das solltest du ihn aber besser jetzt noch nicht hören lassen“, ließ sich eine Stimme vom Eingang her vernehmen, „sonst ist dir eine Tracht Prügel gewiß.“
Faith war, wie Lord Hawkston schon in der Kirche bemerkt hatte, ein sehr hübsches Mädchen mit blondem Haar, blauen Augen und einer Engelsmiene. Nichts in ihrem Äußeren deutete darauf hin, daß sie einen schnellen Verstand besaß und wie Charity nur zu bereit war, sich gegen die von ihrem Vater erlassenen Beschränkungen aufzulehnen.
„Was geht hier eigentlich vor?“ fragte sie. „Haben wir tatsächlich einen jungen Mann im Haus?“
„Nicht direkt jung, aber elegant und eindrucksvoll. Übrigens wohnt er im Queens House.“
„Ist es der aus der Kirche?“ erkundigte sich Faith. Als Charity nickte, fuhr sie fort: „Ich habe ihn mir genau betrachtet und finde ihn ausgesprochen attraktiv.“
„Du findest beinahe jeden Mann attraktiv“, stellte Dominica lachend fest.
„Leider kommt mir außerhalb der Kirche kaum einer zu Gesicht“, erwiderte Faith. „Und dabei hatte ich so gehofft, daß der Leutnant, der mir letzten Sonntag schöne Augen gemacht hat, wieder da wäre, aber leider scheint er Dienst zu haben.“
Dominica warf einen Blick zur Tür.
„Nimm dich in Acht, Faith“, sagte sie. „Ich habe immer Angst, daß Papa dich eines Tages so reden hört.“
„Papa ist viel zu sehr damit beschäftigt, unten in der Stadt die Sünden auszurotten; in seinem eigenen Haus bemerkt er sie nicht“, sagte Faith gleichmütig.
„Da wäre ich nicht so sicher.“
„Was mag der Gentleman mit Papa zu besprechen haben?“ fragte Charity. „Soll ich an der Tür horchen? Wenn Papa mich erwischt, kann ich immer noch behaupten, daß ich darauf warte, seinen Gast hinauszugeleiten.“
„O ja, tu das“, rief Faith.
Doch da mischte sich Dominica ein: „Du wirst nichts dergleichen tun, Charity. An fremden Türen zu lauschen ist, wie du sehr wohl weißt, ungezogen und vulgär.“ Plötzlich stieß sie einen kleinen Schrei aus. „Du lieber Himmel, glaubt ihr, daß er zum Tee bleibt? Ich wollte gestern einen Kuchen backen, aber leider war mir das Haushaltsgeld ausgegangen, und ich hatte nicht den Mut, Papa um mehr zu bitten.“
„Na, wenn schon“, sagte Faith. „Wir können ein paar Sandwiches machen und Früchte aus dem Garten holen. Vermutlich wird er in Queens House so mit Delikatessen vollgestopft, daß ihm unser einfaches Essen sowieso nicht schmeckt.“
„Bitte rede nicht so vor deinen jüngeren Schwestern“, flehte Dominica. „Papa ist nun mal der Meinung, daß Luxus sündige Gedanken erzeugt.“
„Nach dem, was wir essen, ist es ein Wunder, daß wir überhaupt denken können“, rief Faith. „Vermutlich leide ich längst an Unterernährung.“
Dominica lachte.
„So siehst du aber gar nicht aus. Erst neulich mußte ich dein Kleid in der Taille um drei Zentimeter weiter machen.“
„Das kommt vom natürlichen Wachstum“, erwiderte Faith voller Würde.
Ihre Schwester setzte gerade zu einer Entgegnung an, als sich von unten her die Stimme ihres Vaters hören ließ: „Dominica, komm zu mir, ich brauche dich.“
Sie sah die anderen entsetzt an.
„Richtet schnell einige Sandwiches her und holt Früchte“, sagte sie. Noch in der Tür gab sie die letzten Instruktionen, dann lief sie die Treppe hinunter.
„Du hast mich warten lassen“, begrüßte er sie vorwurfsvoll.
„Entschuldige, Papa, ich mußte eben Faith und Charity Bescheid sagen, was sie tun sollen, falls unser Besucher zum Tee bleibt.“
„Tee?“ Der Vikar reagierte, als ob er von einer solchen Mahlzeit noch nie etwas gehört hätte. „Ach ja, vielleicht sollten wir ihm höflicherweise eine Tasse Tee anbieten.“
„Soll ich welchen machen?“
„Nein, das können die anderen tun. Lord Hawkston möchte mit dir sprechen.“
Bevor die überraschte Dominica etwas äußern konnte, öffnete ihr Vater die Tür und schob sie ins Wohnzimmer. Auch ihr war der Fremde neben dem Gouverneur nicht entgangen, und sie erkannte ihn auf der Stelle, wobei sie ihn aus der Nähe weit besser aussehend fand als heute morgen in der Kirche. Noch dazu wirkte er außerordentlich elegant in ihren Augen. Seine Kleidung war schick, sie konnte nur aus England stammen, doch trug er sie so lässig, als ob sie ein Teil von ihm wäre.
„Mylord, dies ist meine Tochter Dominica“, stellte der Vikar vor.
Lord Hawkston verbeugte sich, während Dominica in einem tiefen Knicks versank. Ein paar Augenblicke herrschte Schweigen, und sie fragte sich, warum keiner der Männer etwas sagte. Schließlich räusperte sich ihr Vater und ergriff das Wort.
„Lord Hawkston hat mich mit einem ziemlich ungewöhnlichen Vorschlag überrascht.“
Dominica sah mit ihren großen grauen Augen zu ihm auf.
„Ja, Papa?“
Wieder entstand eine Pause, bis Lord Hawkston die Angelegenheit in die Hand nahm.
„Würden Sie es sehr unschicklich finden, Vikar, mich mit Ihrer Tochter allein zu lassen, damit ich ihr meinen Vorschlag, wie Sie es nennen, selbst unterbreiten kann.“
Auf dem Gesicht des Pfarrers malte sich tiefe Erleichterung.
„Das dürfte wohl am besten sein, Mylord. Ich werde inzwischen meine anderen Töchter bitten, für uns Tee zu machen.“
Er eilte aus dem Zimmer und schloß die Tür hinter sich, während Dominica den fremden Besucher fragend anblickte.
„Vielleicht sollten wir uns zuerst setzen“, schlug er vor, worauf sie errötete.
„Ich bitte um Verzeihung, Mylord, die Überraschung hat mich meine guten Manieren vergessen lassen.“
„Was ich Ihnen sagen möchte, wird eine noch größere Überraschung für Sie bedeuten“, erwiderte er, „trotzdem bitte ich Sie, mir ruhig zuzuhören, ohne vorschnell einen Entschluß zu fassen.“
Er setzte sich auf das Sofa und bedeutete Dominica mit einer Handbewegung, neben ihm Platz zu nehmen, was sie nach kurzem Zaudern tat.
Als er sich ihr jetzt zuwandte, wurde ihr unter seinem intensiven Blick beklommen zumute. Seine Vermutung von heute morgen erwies sich als richtig. Sie hatte tatsächlich aschblondes Haar mit silbernen Lichtern darin, das im Nacken zu einem dicken Knoten hochgesteckt war. Ihre grauen Augen waren von langen, dunklen Wimpern überschattet, die geschwungenen Brauen darüber ebenfalls dunkel. Ihre Perlmutt weiße Haut war klar und rein. Wenn sie errötete, glaubte man die Morgenröte am Himmel aufsteigen zu sehen.
Sie war sehr schlank, doch selbst das Kleid aus grober Baumwolle, das ihre Figur eng umschloß, vermochte nicht die weichen, runden Brüste zu verbergen. Ihre schlanke Taille konnten die Hände eines Mannes leicht umspannen.
Die Finger, die so kunstfertig die Orgel gespielt hatten, waren lang und zartgliedrig. Jetzt hielt sie sie im Schoß gefaltet, wie ein Schulkind, das gleich ein Gedicht aufsagen sollte.
„Vermutlich fragen Sie sich nach dem Zweck meines Besuches“, begann er nach einiger Zeit.
„Wir haben an einem Sonntag selten Besuch.“
„Es tut mir leid, den Sonntag entweiht zu haben“, erwiderte er mit leiser Belustigung. „Zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, daß es mich danach drängte, Sie kennenzulernen und Ihnen meinen Wunsch zu eröffnen.“
„Und welcher Wunsch wäre das?“
„Meine Antwort mag Ihnen sehr direkt erscheinen“, erwiderte er, wobei seine Augen unverwandt in ihrem Gesicht forschten. „Ich habe bei Ihrem Vater angefragt, ob Sie es wohl in Erwägung ziehen könnten, meinen Neffen, Gerald Warren, zu heiraten.“
Dominica starrte ihn mit großen Augen an.
Dann sagte sie mit einer Stimme, der man die mühsame Beherrschung anmerkte: „Meinen Eure Lordschaft das im Ernst?“
„Aber selbstverständlich, doch lassen Sie mich deutlicher werden. Mein Neffe, der auf meiner Plantage nahe Kandy arbeitet, lebt seit zwei Jahren im Lande. Ich traf gestern aus England kommend mit einer jungen Dame ein, mit der er verlobt war. Die beiden sollten gleich nach unserer Ankunft heiraten, aber unglücklicherweise erfuhr ich inzwischen, daß die betreffende Dame ihre Meinung geändert hatte.“
„Und warum wollte sie ihn nicht mehr heiraten?“
„Weil sie an Bord unseres Schiffes einen Mann kennenlernte, dem sie offensichtlich den Vorzug gab. Inzwischen ist mir allerdings selbst klar geworden, daß sie für meinen Neffen nicht die erstrebenswerte Frau gewesen wäre. Er braucht jemand, der für ihn da ist und ihm die Einsamkeit erträglich macht, unter der ein Pflanzer unvermeidlich leidet, der monatelang von der Welt abgeschnitten auf einer Plantage lebt.“
Nach einer Pause fuhr er fort: „Als ich Sie heute morgen Orgel spielen hörte, während Sie gleichzeitig ein paar unartige Chorjungen in Schach hielten und Ihrem Vater Ihre Aufmerksamkeit schenkten, wußte ich, daß ich die richtige Frau für Gerald gefunden habe.“
Dominica holte hörbar Atem.
„Wie können Sie dessen so sicher sein, Mylord?“
Er lächelte.
„Was soll ich darauf sagen? Daß ich einen gesunden Instinkt besitze?“
„Ihren Worten entnehme ich, daß Ihr Neffe und die junge Dame sofort nach der Ankunft heiraten wollten. War er nicht tief enttäuscht über den Sinneswechsel seiner Braut?“
„Sie haben ein Recht, diese Frage zu stellen, Miss Redford“, sagte Lord Hawkston. „Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Mein Neffe weiß noch nicht, welchen Verlauf die Dinge inzwischen genommen haben. Eine Erkrankung hinderte ihn daran, uns in Colombo zu treffen. In seinem letzten Brief schreibt er, daß er mich in wenigen Tagen in Kandy zu sehen hofft.“
„Werden Sie ihm wenigstens mitteilen, daß er nicht die Braut bekommt, die er sich ausgesucht hat, sondern stattdessen ein Mädchen Ihrer Wahl?“
So sanft die Frage gestellt war, konnte Lord Hawkston nicht verhehlen, daß sie ein wenig sarkastisch klang.
„Wenn Gerald erst selbst merkt, daß er einer höchst unpassenden Verbindung entgangen ist, dürfte er gegen das Arrangement, das ich für ihn getroffen habe, nichts einzuwenden haben.“
„Erwarten Sie tatsächlich, daß ich einwillige, einen Mann zu heiraten, den ich noch nie gesehen habe?“ fragte das Mädchen.
„Sie dürfen meiner Versicherung glauben, daß mein Neffe ein sehr gutaussehender junger Mann ist. Über einen Meter achtzig groß, ist er ein ausgezeichneter Reiter und auch auf dem Tanzparkett zu Hause.“
„Und wenn er mich nicht mag?“ fragte sie leise.
„Unter den gegebenen Umständen wird er ein hübsches Mädchen mit offenen Armen empfangen, dem sein Wohl und Wehe am Herzen liegt.“ Er dachte kurz nach, dann fuhr er fort: „Wenn Sie ihn zwei- oder dreimal getroffen und mit ihm getanzt hätten, hätte er Ihnen nach diesen flüchtigen Begegnungen einen Antrag machen können, den Sie möglicherweise angenommen hätten. Und ich bitte Sie nun, über das Fehlen dieser nichtigen Formalitäten hinwegzusehen.“
Als das Mädchen nichts entgegnete, sprach er weiter: „Es dürfte wohl kaum Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, daß es ihr Vater schwer haben wird, seine sechs Töchter mit einem passenden Ehemann zu versorgen. Wenn Sie meinen Neffen heiraten, werde ich Ihnen eine nicht zu verachtende Apanage aussetzen, die sich nach meinem Tode vervielfachen wird.“
Dominica warf ihm einen Blick zu.
„Bis dahin dürfte wahrscheinlich noch einige Zeit vergehen, Mylord.“
Er lächelte.
„Ich nähere mich den mittleren Jahren und beabsichtige nicht, eine Ehe einzugehen. Nachdem ich solange allein gelebt habe, bin ich so ganz zufrieden, Junggeselle zu bleiben. Daher wird Gerald nicht nur den Titel, sondern auch den nicht unbeträchtlichen Familienbesitz in England erben.“
Da sie sich in Schweigen hüllte, fuhr er fort: „Ich habe Sie auserwählt, Dominica - ich hoffe, Sie erlauben mir, Sie bei Ihrem Vornamen zu nennen -, weil ich Sie für ein vernünftiges Mädchen halte. Und Ihr gesunder Menschenverstand sollte Ihnen sagen, wie vorteilhaft mein Angebot ist.“ Er ließ sie nicht aus den Augen. „So ungewöhnlich, ja unkonventionell das Ganze ist, sollte Sie das doch nicht stören. Begleiten Sie mich nach Kandy auf meine Plantage, dort werden Sie selbst feststellen, wieviel Sie und mein Neffe miteinander gemein haben.“
Dominica erhob sich und zog die Fensterjalousien hoch, worauf heller Sonnenschein das Zimmer durchflutete. Mit Augen, die nichts aufnahmen, starrte sie hinaus.
„Was beunruhigt Sie?“ fragte er nach einiger Zeit.
„Ich frage mich, was meine Mutter mir in diesem Fall raten würde.“
„Sie würde sich wünschen, Sie gut verheiratet zu sehen“, erwiderte er. „Den Worten Ihres Vaters zufolge sind Sie über zwanzig, also in einem Alter, wo die meisten Mädchen sich in Gedanken mit einem Brautschleier schmücken.“
„Mama war bei Ihrer Hochzeit erst achtzehn, sie hatte sich auf den ersten Blick in meinen Vater verliebt.“
„Und genau so wird es Ihnen mit meinem Neffen ergehen. Betrachten Sie die Angelegenheit mal von einer anderen Seite. Wie ich gehört habe, gestattet Ihr Vater Ihnen und Ihren Schwestern nicht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wie soll eine von ihnen heiraten, wenn sie keine Gelegenheit hat, einen Mann zu treffen, weil sie weder einen Ball noch sonst eine Veranstaltung besuchen darf. Möchten Sie wirklich den Rest ihres Lebens in diesem Haus zubringen, sich um Ihre Schwestern und Ihren Vater kümmern, die Chorjungen beaufsichtigen und in der Sonntagsschule Unterricht geben?“
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