Kitabı oku: «Im Zeichen der Liebe»
Im Zeichen der Liebe
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2018
Copyright Cartland Promotions 1978
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1 ~ 1869
Die Passagiere des Dampfschiffes, das von Calais kommend den Kanal überquert hatte, beeilten sich, in Dover von Bord zu gehen. Trotz des Nieselregens schienen sie erleichtert und sichtlich froh, weil die Überfahrt hinter ihnen lag und sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
Ein junges Mädchen, in dessen grauen Augen eine Andeutung von Angst lag, kam langsam die Gangway herunter und stützte dabei eine ältere Frau. Es dauerte ziemlich lange, bis sie den Kai erreicht hatten, so daß die Passagiere hinter ihnen murrten und sie zur Eile anzutreiben versuchten.
Kaum hatten die beiden das nasse Pflaster des Piers betreten, schwankte die alte Frau, und dem Mädchen gelang es nur mit Mühe, sie zum Karren eines Trägers zu führen, damit sie sich darauf niederlassen konnte.
Stöhnend hielt die Frau die Hände vors Gesicht.
„Je suis malade, très malade.“
„Ich weiß, Mademoiselle“, sagte das Mädchen, „wenn Sie sich aber ein letztes Mal zusammennehmen, können wir noch den Zug erreichen, und Sie brauchen sich dann bis zur Ankunft in London nicht mehr zu rühren.“
Ein klägliches Aufstöhnen war die einzige Reaktion der Französin.
„Kommen Sie“, bat das junge Mädchen eindringlich, „es ist nicht weit. Stützen Sie sich auf mich, Mademoiselle, oder noch besser, ich lege meine Arme um Sie.“
Sie versuchte die ältere Frau hochzuziehen, vergeblich, wie es sich zeigte.
„Non, c’est impossible!“ flüsterte die Französin.
„Wir dürfen den Zug nicht verpassen“, drängte das Mädchen. „Bitte, Mademoiselle, Sie müssen es versuchen!“
Sie richtete ihre Begleiterin mühsam auf, doch plötzlich brach die alte Dame zusammen und blieb unbeweglich auf dem Boden liegen.
Entsetzt starrte das Mädchen auf seine Begleiterin.
Jetzt ging ihr auf, daß Mademoiselle wirklich krank sein mußte und nicht nur an den Folgen der Seekrankheit litt, wie sie zunächst vermutet hatte.
Die Überfahrt war stürmisch gewesen, so stürmisch, daß die Mehrzahl der Passagiere seekrank wurde, kaum daß das Schiff den Hafen von Calais verlassen hatte, und Mademoiselle Bouvais hatte ihr schon vor ihrer Abreise anvertraut, daß sie nicht seefest war.
Bettina aber hatte keine Ahnung gehabt, wie schlimm alles kommen sollte, noch ehe der Dampfer zu stampfen anfing, sich heftig hob und senkte, daß er auf offener See zu kentern drohte.
Wie schon oft während der Reise mußte Bettina auch jetzt daran denken, daß es reiner Wahnsinn gewesen war, ihr eine so betagte Begleiterin mit auf den Weg zu geben, obwohl sie genau wußte, daß Mademoiselle Bouvais von allen Lehrerinnen der Schule die entbehrlichste war.
Verzweifelt hielt Bettina nach Hilfe Ausschau.
Doch die Passagiere und die vorübereilenden Träger hatten für die reglos Daliegende nicht einen einzigen Blick übrig.
In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an eine ältere Dame, die einen freundlichen Eindruck machte.
„Bitte, können Sie mir helfen? Meine Begleiterin . .“
Sie wurde fast rüde beiseite gestoßen, und die Dame fegte mit raschelnden Seidenröcken, in ein warmes Pelzcape gehüllt, an ihr vorüber, dem wartenden Zug zu.
„Träger! Träger!“ rief Bettina, doch die Träger waren zu beschäftigt, um sie zu beachten. Sie schoben ihre mit Gepäck hochbeladenen Karren vor sich her, während die Besitzer der Koffer komplizierte Wünsche bezüglich des Platzes im Zug äußerten: „Erste Klasse in Fahrtrichtung“, „Ecksitz zweite Klasse“, „im Damenabteil“, „im Speisewagen.“
Was soll ich nur machen? fragte sich Bettina verzagt.
Ein Blick auf Mademoiselle Bouvais zeigte ihr, daß diese aschfahl war und die Augen geschlossen hielt. Plötzlich bekam sie es mit der Angst zu tun, denn Mademoiselle hätte ebenso gut tot sein können. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an einen Gentleman, der ohne Begleitung war.
„Sie müssen mir helfen!“ rief sie. „Meine Begleiterin ist tot oder liegt im Sterben, und kein Mensch hilft!“
Der Gentleman sah erst Bettina an und dann die auf dem Boden liegende Mademoiselle Bouvais, deren graue Haare unter dem Häubchen schon vom Regen durchnäßt waren.
Wortlos bückte er sich und nahm die Reglose auf die Arme, um sie ins Trockene zu bringen.
„Oh, ich danke Ihnen! “ sagte Bettina atemlos. „Sie litt schwer unter der Seekrankheit, und jetzt fürchte ich, daß ihr Herz das nicht gut verkraftet hat.“
„Das ist gut möglich. Ich halte es für angebracht, daß sich sofort ein Arzt um sie kümmert“, sagte der Gentleman.
„Sie meinen, schon hier in Dover?“
„Es gibt hier sicher ein Krankenhaus. Ich werde mich sofort danach erkundigen.“
Sie waren vor dem Wartesaal angelangt, und Bettina öffnete eilig die Tür, damit er seine Last hineintragen konnte. Mademoiselle Bouvais sah in seinen Armen klein und mitleiderregend aus. Sie war so blaß und ihre Haut so durchscheinend, daß Bettina meinte, eine Tote vor sich zu sehen.
Nachdem der unbekannte Gentleman sie auf die schwarze, mit Leder überzogene Sitzbank gelegt hatte, die eine Wand des Raumes einnahm, fühlte er ihr den Puls und stellte fest: „Sie lebt.“
„Gottlob!“ hauchte Bettina. „Ich hatte Angst... schreckliche Angst.“
„Das kann ich gut verstehen. Die Dame ist nicht mehr die Jüngste.“
„Sie ist die einzige Lehrkraft, die die Schule mir als Begleitung mitgeben konnte.“
Ihre Erklärung entlockte ihm ein kaum merkliches Lächeln.
„Warten Sie hier“, sagte er. „Ich erkundige mich, wie es hier um ärztliche Hilfe und ein Krankenhaus bestellt ist.“
Damit verließ er den Wartesaal. Bettina zog besorgt den Rock ihrer Begleiterin herunter, damit man die geknöpften Schuhe nicht sehen konnte, dann löste sie die Kinnbänder der Haube.
Mademoiselle Bouvais lag so leblos und bleich da, daß Bettina den Puls der alten Dame prüfte, als müßte sie sich vergewissern, daß der fremde Gentleman sich nicht getäuscht hatte.
Der Puls war schwach, so schwach, daß sie zunächst glaubte, sie bilde sich nur ein, etwas zu spüren. Zum Glück brannte im Kamin des Wartesaales ein wärmendes Feuer, ein Glück auch, daß der Raum leer war.
Der Lärm vom Bahnsteig her zeigte an, daß die Abfahrt des Zuges nach London kurz bevorstand. Sicher hatte der Träger unterdessen ihr Gepäck im Gepäckwagen verstaut und hielt nach ihnen Ausschau, um sich sein Trinkgeld abzuholen.
Als sie von Bord gingen, war er ihnen vorausgeeilt, im Vertrauen darauf, daß sie ihm folgen würden.
Falls Papa die Absicht hatte, mich abzuholen, wird er sich Sorgen machen, überlegte Bettina einen Moment lang.
Doch das war jetzt unwichtig.
Erst mußte sie sich um Mademoiselle kümmern und dafür sorgen, daß sie sich wieder erholte.
Plötzlich wurde sie von der Angst erfaßt, der freundliche Herr könnte sie im Stich gelassen haben, weil er den Zug nicht verpassen wollte. Doch als ein Pfiff ertönte und der Fähren-Expreß den Geräuschen nach losfuhr, wurde die Tür des Wartesaales geöffnet. Bettina stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, da der Gentleman in Begleitung eines Mannes in mittleren Jahren, der der Arzt sein mußte, eintrat. Dieser nahm sich sofort der Bewußtlosen an, fühlte nach einem kurzen Blick in ihr Gesicht den Puls, zog dann ein Stethoskop aus seiner schwarzen Tasche und horchte sie ab.
„Mylord, Sie hatten recht“, sagte der Arzt sodann. „Ein durch heftige Seekrankheit hervorgerufener Herzanfall. Leider ein häufiges Zusammentreffen.“
„Können wir sie in ein Krankenhaus schaffen?“ fragte der Gentleman.
„Selbstverständlich, Mylord. Das ist kein Problem. Ich werde sofort einen Krankenwagen kommen lassen. Wenn Sie mich kurz entschuldigen.“
„Danke, Doktor. Das ist sehr zuvorkommend von Ihnen.“
Erst jetzt sah der Arzt Bettina zum ersten Mal an.
„Seine Lordschaft sagte mir, die Dame sei Lehrerin und fungiere als Ihre Reisebegleiterin.“
„Ja, Mademoiselle Bouvais entschloß sich - allerdings nur sehr widerstrebend - mitzukommen, da sie nicht seefest ist.“
Der Arzt nickte.
„Im Krankenhaus können Sie mir dann alle Einzelheiten angeben“, sagte er.
Mit einer höflichen Verbeugung vor dem Gentleman, den er mit Mylord angesprochen hatte, verließ er eilig den Wartesaal.
„Es tut mir leid, daß Sie unseretwegen Ihren Zug verpaßt haben“, sagte Bettina leise, „doch bin ich Ihnen für Ihre Hilfe... sehr dankbar.“
„Es freut mich, daß ich Ihnen helfen konnte. Was werden Sie tun, wenn Mademoiselle im Krankenhaus untergebracht ist?“
„Ach, ich werde den nächsten Zug nach London nehmen. Sicher wird mein Vater sich Sorgen machen, wenn ich nicht mit dem Fähren-Expreß ankomme.“
„Wie war doch gleich Ihr Name?“ fragte der Gentleman.
„Bettina Charlwood.“
„Ich bin Eustace Veston — Lord Eustace Veston.“
„Nochmals vielen Dank für Ihre Güte und Hilfsbereitschaft. Niemand wollte mir Gehör schenken.“
„Auf einem Bahnhof benehmen sich die wenigsten Menschen wie gute Samariter“, erwiderte Lord Eustace.
„Das stimmt. Sicher hängt das mit der Angst der meisten Menschen vor der Eisenbahn zusammen. Züge sind groß und laut und wirken ziemlich einschüchternd.“
„Ich will nachsehen, wann der nächste Zug nach London abfährt“, sagte Lord Eustace. „Ihr Gepäck ist sicher schon unterwegs?“
„Ich denke schon“, antwortete Bettina. „Ich muß aber unbedingt veranlassen, daß Mademoiselles Koffer zurückgeschickt werden.“
„Machen Sie sich deswegen vorerst keine Gedanken. Im Krankenhaus bekommt sie alles Nötige.“
Nach einem Blick auf die reglose alte Dame bückte er sich, um nach ihrem Handgelenk zu fassen. Bettina sah, daß er den Puls fühlte. Mit angehaltenem Atem wartete sie auf das Ergebnis, da sie seine Befürchtung ahnte.
Nachdem er lange dagestanden und das schmale, blaugeäderte Gelenk, das von dem schwarzen Taft des Ärmels umschlossen war, festgehalten hatte, ließ er es behutsam los und sah Bettina ernst an.
„Es tut mir leid, es ist zu spät.“
„O nein!“
Mit einem leisen Aufschrei kniete Bettina neben Mademoiselle nieder, den Blick auf das Gesicht der alten Dame gerichtet, als erwarte sie, die Ärmste würde die Augen aufschlagen und Lord Eustace Lügen strafen.
„Sie kann nicht tot sein... unmöglich!“ rief Bettina verzweifelt.
Obwohl Mademoiselle Bouvais uralt wirkte und zudem niemals über viel Lebenskraft und Lebenswillen verfügt hatte, hielt Bettina es für angebracht, mehr Trauer zu zeigen, als sie tatsächlich empfand.
Ich sollte ein Gebet sprechen, sagte Bettina sich, doch war es ihr zu peinlich in Gesellschaft eines Mannes, den sie kaum kannte, auf dem Boden des Wartesaales niederzuknien.
Ruhe in Frieden, flüsterte sie insgeheim, während sie sich ein wenig unbeholfen aufrichtete.
„Sie können nichts mehr tun“, sagte Lord Eustace. „Sobald der Arzt wieder zur Stelle ist, werde ich mich erkundigen, wann der nächste Zug nach London abfährt.“
„Aber darf ich Mademoiselle einfach so zurücklassen? Wie steht es mit der Beerdigung? Sie war Katholikin.“
„Das dachte ich mir. Ich glaube, wir können alles getrost dem Arzt überlassen, der mir ein sehr vernünftiger Mensch zu sein scheint. Er soll in Dover eine große Praxis haben.“
Auf Bettinas unentschlossenen Blick hin, bat er sie: „Überlassen Sie alles mir. Sicher möchte Ihr Vater Sie möglichst rasch bei sich haben.“
„Er würde Verständnis dafür aufbringen, daß ich... in gewisser Weise für Mademoiselle Bouvais verantwortlich bin“, antwortete Bettina leise.
„Nun, eigentlich hätte Mademoiselle für Sie verantwortlich sein sollen.“
Als Bettina daraufhin ein kleiner Schauer überlief, forderte, er sie auf: „Kommen Sie doch näher ans Feuer. Ein Ereignis wie dieses ist immer ein Schock. Soll ich Ihnen eine Tasse Tee bringen lassen?“
„Nein, es geht schon wieder, vielen Dank. Sie waren bereits so überaus hilfsbereit und zuvorkommend, daß ich Sie nicht weiter behelligen möchte.“
„Ich freue mich, wenn ich helfen kann.“
Bettina ging nun näher ans Feuer heran und hielt die Hände an die Flammen.
„Glauben Sie, daß das Arzthonorar und die Kosten für die Beerdigung sehr hoch sein werden?“ fragte sie beklommen. „Leider bin ich sehr knapp bei Kasse. Papa wird einen Scheck schicken, sobald ich in London ankomme.“
„Das werde ich dem Arzt sagen“, meinte darauf Lord Eustace. „Aber Sie sollten sich lieber setzen. Ich weiß, daß dies alles für Sie sehr aufregend war.“
„Wären Sie nicht zur Stelle gewesen, hätte ich mich noch viel mehr aufgeregt.“
Bettina folgte seinem Vorschlag und setzte sich, da sie das Gefühl hatte, ihre Beine wollten sie nicht länger tragen. Es war das erste Mal, daß sie eine Tote gesehen hatte, und das Wissen, wie rasch der Tod eintreten kann, flößte ihr Angst ein.
Eben noch hatte Mademoiselle wortreich und ausführlich über ihre Seekrankheit geklagt, hatte gejammert und gestöhnt, und im nächsten Moment war sie verstummt und tot!
Jetzt sah sie so klein und zart aus, daß man sich fragte, wie jemals ein Zögling ihr gehorcht, ja, wie sie überhaupt an der Schule Autorität hatte ausüben können.
Tot!
Ein schreckliches Wort! ging es Bettina durch den Sinn. Ein Wort, das etwas Endgültiges an sich hat. Im Moment fiel es ihr ungemein schwer, sich vorzustellen, daß Mademoiselle, die sehr fromm gewesen war, in den Himmel kommen würde.
„Ich hole Ihnen eine Tasse Tee“, unterbrach Lord Eustaces Stimme Bettinas Gedankengänge. Er verließ den Wartesaal, und Bettina, die in einem Stuhl vor dem Kamin saß, warf einen scheuen Blick auf die auf der Sitzbank liegende Tote.
Ich muß für sie beten, da sonst niemand ein Gebet für sie spricht, dachte sie.
Und sie fragte sich gleich darauf allen Ernstes, ob sie auf der Überfahrt Mademoiselle Bouvais gegenüber freundlich genug gewesen war. Die alte Dame war nicht unbedingt eine Frau gewesen, der man Aufmerksamkeit oder gar Liebe oder Zuneigung entgegengebracht hatte.
Mademoiselle Bouvais war bei ihren Zöglingen nicht beliebt gewesen. Vielleicht war es ihrer kleinen, gedrungenen Statur zuzuschreiben, daß sie sich als Tyrannin gebärdete und dazu neigte, alle zu bevormunden und sich dabei ständig und grundlos über alles Mögliche zu beklagen.
Arme Mademoiselle, dachte Bettina. Vielleicht war die alte Dame jetzt glücklicher als in ihrem langen und frustrierenden Leben als Lehrerin.
Bei allen anderen Lehrerinnen - dank Madame de Vesaries Sorgfalt bei der Auswahl ihrer Lehrkräfte meist bemerkenswerte Persönlichkeiten, die den Ruf des Instituts als eines der besten in ganz Frankreich begründeten - hatten die Mädchen eifersüchtig um ein ermutigendes Lächeln oder gar ein Lob gekämpft.
„In ganz Europa existiert keine Schule, die sich mit unserer messen könnte“, hatte Madame sich oft gerühmt.
Mademoiselle Bouvais hatte am Institut viele Jahre gelehrt, so daß sie über die Geschichte der Schule besser Bescheid wußte als Madame selbst. Sicher war dies einer der Gründe ihres Verbleibs an der Schule, denn sie war auch noch da, als sie schon zu alt war, um selbst noch zu unterrichten.
Bettina wußte, daß der Tod der alten Lehrerin für die Schule und Madame de Vesarie keine besondere Bedeutung hatte. Man würde den Zöglingen die traurige Nachricht nach dem gemeinsamen Morgengebet mitteilen, worauf alle noch ein Gebet für Mademoiselles Seele sprechen würden. Und alsbald würde sie ganz vergessen sein.
Es erschien Bettina sehr bedauerlich, daß ein langes Menschenleben mit einem einzigen Gebet und anschließendem raschen Vergessen abgetan sein sollte. Sie wünschte sich, weinen zu können oder wenigstens imstande zu sein, Mademoiselle aufrichtiger zu betrauern.
Dann aber regte sich ihr Widerspruchsgeist, und sie sagte sich: Wozu trauern? Ich mochte Mademoiselle nicht besonders, als sie noch am Leben war. Warum sollte ich jetzt so tun als ob, nur weil sie tot ist?
Unwillkürlich mußte sie daran denken, was ihr Vater vor langer Zeit einmal vor einer Beerdigung gesagt hatte: „Eine Fülle teurer Blumen am Grab, doch als sie noch lebte, hatte niemand auch nur ein welkes Gänseblümchen für sie übrig.“
Nichts könnte falscher sein, sagte sich daraufhin Bettina. Wir sollten mit den Menschen liebevoller umgehen und weniger Aufhebens um die Toten machen.
Sie dachte an die vielen Blumen in der Kirche, als ihre Mutter zu Grabe getragen worden war. Viele Kränze waren von Leuten gekommen, die ihre Mutter nicht gemocht hatte und die sie in ihrem Haus nie geduldet hätte.
Ich möchte wissen, warum diese Blumen geschickt wurden? hatte Bettina sich damals gefragt.
Diese Frage hätte ihre Mutter belustigt, da diese gewußt hatte - ohne es je auszusprechen -, daß die Spender der Blumen sich ihren Vater warmhalten wollten, da dieser zum engsten Kreis des Prince of Wales gehörte und viele einflußreiche und mächtige Freunde hatte.
Verknüpft mit der Erinnerung an die Beerdigung ihrer Mutter war der Gedanke, daß ihrem Vater damals fast das Herz gebrochen war, er sich aber von dem Schock glücklicherweise rasch erholt hatte.
„Das Leben geht weiter“, hatte er gesagt, während seine Tochter noch rotgeweinte Augen hatte.
Sie selbst litt unter dem Verlust so sehr, daß ihr immer die Tränen kamen, wenn sie an ihre Mutter dachte.
„Ja, ich weiß, Papa“, hatte sie sich als Antwort abgerungen, da sie wußte, daß er es erwartete.
„Als nächstes werde ich deiner Taufpatin Lady Buxton einen Besuch abstatten“, hatte ihr Vater erklärt. „Sie hatte stets großes Interesse an dir, und ich fürchte auch, daß sie im Augenblick die einzige ist, die uns helfen kann.“
„Auf welche Weise, Papa?“
„Da bin ich nicht sicher“, hatte ihr Vater erwidert. „Sicher bin ich nur, daß Sheila Buxton wissen wird, was zu tun ist.“
Lady Buxton hatte es tatsächlich gewußt, denn ehe Bettina wußte, wie ihr geschah, hatte man sie nach Frankreich geschickt, wo sie die nächsten drei Jahre in Madame de Vesaries Institut verbringen sollte.
In diesem Jahr war sie nun achtzehn geworden und hatte geglaubt, sie würde im April die Schule verlassen, um wie ihre gleichaltrigen Freundinnen in die Gesellschaft eingeführt zu werden.
Als sie ihrem Vater davon schrieb, mußte sie erfahren, daß Lady Buxton erkrankt war.
„Bleib, wo du bist“, hatte ihr Vater geantwortet. „Im Moment kann ich deine Taufpatin nicht behelligen, und ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß sie dich präsentiert, solange sie bettlägerig ist.“
Bettina war es nicht leichtgefallen, plötzlich als ältester Zögling dazustehen und Briefe von ihren Freundinnen zu bekommen, in denen diese begeistert Bälle, Theateraufführungen und Unterhaltungen beschrieben, die sie besuchten, während Bettina von einer eigenen Lehrerin Privatstunden erhielt, da sie auch für den Unterricht in der obersten Klasse zu fortgeschritten war.
Vor zwei Wochen hatte ihr Vater sie wissen lassen, daß ihre Taufpatin gestorben war und daß sie unverzüglich nach Hause kommen sollte. Es war für sie und auch für Madame de Vesarie eine große Überraschung.
„Bettina, eigentlich hatte ich angenommen, dein Vater würde dich das Jahr hier beenden lassen“, sagte Madame.
„Wenn du ihn wiedersehen wirst, könntest du ihn daran erinnern, daß er das Schulgeld, das immer im Voraus bezahlt wird, noch nicht überwiesen hat. Natürlich gibt es in deinem Fall Abzüge, er sollte aber nicht vergessen, daß das Schuljahr bereits am ersten September begonnen hat.“
„Ja, Madame.“
Ohne daß man es ihr ausdrücklich hätte sagen müssen, wußte Bettina sofort, warum man sie nach Hause beordert hatte. Ihre Taufpatin war für das Schulgeld aufgekommen, und mit ihrem Tod hatte auch ihre Großzügigkeit ein Ende gefunden. Nur aus diesem Grund mußte sie gehen.
Solange Bettina zurückdenken konnte, hatten ihre Eltern finanzielle Schwierigkeiten gehabt, was ihren Vater nicht daran hinderte, regen Umgang mit seinen reichen Freunden zu pflegen und deren Neigungen, seien sie auch noch so kostspielig, zu teilen.
Er jagte und nahm an Rennen teil, kurz, er tat alles, was im Kreis des ,Marlborough House Set‘, das sich um den Prince und die Princess of Wales scharte, als standesgemäßes Vergnügen galt.
Bettinas Herz wurde schwer bei dem Gedanken, daß es nach Lady Buxtons Tod sehr fraglich war, ob die nötigen Mittel für ein neues Ballkleid vorhanden waren - vorausgesetzt, sie bekäme überhaupt eine Einladung zu einem Ball.
Sie war in Gedanken so weit weg, daß sie erschrak, als Lord Eustace den Wartesaal wieder betrat. Er befand sich in Begleitung eines Bediensteten, der auf einem Tablett eine Teekanne und Schinkensandwiches brachte.
Das Tablett wurde auf einem Stuhl neben Bettina abgestellt, und nachdem der Bedienstete sich bei Lord Eustace für das offenbar reichliche Trinkgeld überschwenglich bedankt hatte, entfernte er sich wieder.
„Sie werden sich sofort besser fühlen, wenn Sie sich ein wenig gestärkt haben“, sagte Lord Eustace.
„Sie sind sehr liebenswürdig.“
„Der nächste Zug geht in einer halben Stunde“, sagte er. „Ich habe für Sie einen Platz im Damenabteil reservieren lassen. Sie werden darin auch einen Proviantkorb vorfinden.“
Bettina bedankte sich abermals und goß Tee ein.
Lord Eustace hatte recht. Sie fühlte sich sofort besser, so viel besser, daß sie nach einem der Schinkensandwiches griff und hineinbiß. Erst jetzt wurde ihr bewußt, wie hungrig sie war.
An Bord hatte niemand einen Bissen essen wollen, und sie war zu schüchtern gewesen, um allein zu Tisch zu gehen. Das Sandwich mundete so vortrefflich, daß sie, nachdem sie das erste verzehrt hatte, sofort zum zweiten griff.
Sie hatte es noch nicht aufgegessen, als der Arzt wiederkam. Bettina stand hastig auf.
„Bleiben Sie sitzen“, bat sie Lord Eustace, „und überlassen Sie alles mir.“
Er zog den Arzt in eine Ecke des Raumes und sprach so leise mit ihm, daß Bettina nichts verstehen konnte. Sie konnte nicht einfach so dasitzen und essen und trinken, denn plötzlich wurde ihr wieder deutlich die Gegenwart der toten Mademoiselle bewußt.
Männer mit einer Tragbahre kamen herein, hoben die Tote auf die Bahre und deckten sie mit einer Decke zu.
Bettina hatte das Gefühl, der Toten irgendwie Lebwohl sagen zu müssen, doch die Männer trugen sie hinaus, unpersönlich und ungerührt, und die Tür schloß sich wieder hinter ihnen.
Der Arzt sprach noch immer mit Lord Eustace. Bettina fiel erst jetzt auf, daß sie Mademoiselles Papiere in Händen hielten, die sie deren Tasche entnommen hatten.
Nachdem die beiden ihr Gespräch beendet hatten, kam der Arzt auf Bettina zu.
„Als Adresse ist Madame de Vesaries Institut angegeben“, sagte er. „Sollen wir das Institut direkt benachrichtigen?“
„Ja, bitte“, gab Bettina zur Antwort. „Falls sie Angehörige und ein Zuhause hat, so ist mir davon nichts bekannt.“
„Hm, ich verstehe. Nun, Miss Charlwood, seien Sie versichert, daß alles Nötige unternommen wird. Ich ließ bereits vom Krankenhaus aus einen Priester verständigen. Er war darauf vorbereitet, die Sterbesakramente zu erteilen und wird jetzt für eine Beerdigung auf einem katholischen Friedhof sorgen.“
„Haben Sie vielen Dank. Sie haben sich sehr um Mademoiselle bemüht.“
„Es tut mir unendlich leid, daß wir ihr nicht helfen konnten.“
Der Arzt drückte Bettina stumm die Hand, eine Geste, die ihr ins Gedächtnis rief, daß sie ihn auf sein Honorar ansprechen sollte, doch da fiel ihr ein, daß Lord Eustace versprochen hatte, sich um alles zu kümmern.
Papa muß es ihm zurückzahlen, sagte sie sich.
Sehr wahrscheinlich kannte Lord Eustace ihren Vater, der seinerseits fast alle Mitglieder der Aristokratie kannte.
Nachdem der Arzt gegangen war, setzte Lord Eustace sich ans Feuer.
„Ich sollte Ihnen die Adresse meines Vaters geben,“ sagte Bettina. „Vielleicht kennen Sie ihn auch. Mein Vater ist Sir Charles Charlwood, ein Freund des Prince of Wales.“
Zu ihrer Verwunderung schien Lord Eustace daraufhin zu erstarren.
„Ich habe von Ihrem Vater gehört, doch verkehre ich nicht in seinen Kreisen.“
„Nein?“
Bettina war überrascht.
„Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen .., ich mißbillige den Lebenswandel des Prinzen und seiner sogenannten Freunde.“
Wie um seine Ungehörigkeit wiedergutzumachen, beeilte er sich hinzuzusetzen: „Bitte, glauben Sie nicht, daß ich auch Ihren Vater, den ich nicht persönlich kenne, ablehne. Doch das Leben des Prinzen gibt Anlaß zu viel Klatsch und Tratsch, ein Umstand, der angesichts des Elends und der Not in unserem Land höchst verwerflich ist.“
„In Frankreich ist Seine Königliche Hoheit Gegenstand uneingeschränkter Bewunderung“, gab Bettina zu bedenken. „Er erfreut sich dort großer Beliebtheit.“
„Ja, man weiß, daß Seine Königliche Hoheit in Paris einen sehr guten Eindruck hinterließ“, mußte Lord Eustace zugeben. „Dies kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß seine Extravaganz und die seiner Freunde ebenso wie die rauschenden Feste, die diese veranstalten, in krassem Widerspruch zur sozialen Situation der unteren Klassen stehen.“
„Ist es ... so schlimm?“
„Ja, Miss Charlwood. Ich persönlich bin zutiefst betroffen über die Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit derer, denen diese Probleme, die einem in jeder größeren Stadt Englands begegnen, am Herzen liegen sollten.“
Sein aufrichtiger Ton veranlaßte Bettina zu der Äußerung: „Man spürt, daß Sie den Armen helfen wollen.“
„Ja, das will ich, aber leicht ist es nicht. Ich kann Ihnen versichern, Miss Charlwood, daß man es nicht nur mit Gleichgültigkeit, sondern auch mit der selbstsüchtigen Ignoranz jener zu tun hat, deren Pflicht es wäre, besser informiert zu sein.“
„Die Armen können sich glücklich schätzen, daß Sie sich ihrer Sache annehmen“, antwortete Bettina mit einem Lächeln.
„Eines Tages möchte ich Ihnen zeigen, was ich unternehme, um den vom Glück weniger begünstigten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu helfen. Leider ist es nur ein winziger Tropfen auf den heißen Stein.“
Lord Eustace brachte das alles mit großer Eindringlichkeit vor, so daß Bettina ihn mit neu erwachtem Interesse musterte. Der tragische Tod von Mademoiselle Bouvais hatte ihr kaum Zeit gelassen, sich den Mann näher anzusehen, der so freundlich um sie bemüht gewesen war.
Jetzt erst nahm sie bewußt wahr, daß er zwar gut aussah, sein scharfgeschnittenes Gesicht mit der hohen, intelligenten Stirn aber zu ernst, um nicht zu sagen grimmig wirkte.
Seine dezente Eleganz erweckte den Eindruck von beabsichtigter Unauffälligkeit, wenngleich ein Blick genügte, um festzustellen, daß seine Kleidung von einem erstklassigen Schneider stammte.
,Ein Mensch, der den Bedrängten stets hilfreich zur Seite steht, dachte Bettina, ,und deshalb hat er auch mir geholfen.
Lord Eustace warf einen Blick auf die Uhr.
„Unser Zug müßte jeden Augenblick eintreffen“, sagte er. „Warten Sie hier. Ich werde einen Träger suchen, der feststellt, wo sich unsere Plätze befinden.“
Als er den Wartesaal durchschritt, sah Bettina, daß er breitschultrig und stattlich, wenn auch nicht sehr hochgewachsen war.
Ein sehr ungewöhnlicher Mensch, dachte sie. So ganz anders als die anderen Männer, die ich kenne.
Sie dachte an die Freunde ihres Vaters, die sie jovial und gut gelaunt in Erinnerung hatte, mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den Lippen und dem ebenso unvermeidlichen Glas in der Hand. Rückblickend mußte sie sich eingestehen, daß deren Gehabe und deren Vergnügungssucht leichtfertig, wenn nicht gar frivol waren. Sie waren ebenso ganz anders als dieser ernsthafte junge Mann, dem das Schicksal der Armen so zu Herzen ging.
Ich hatte großes Glück, daß ich ihn ausgerechnet in diesem Moment traf, sagte sie sich mit einem leisen Seufzer. Ich wünschte, wir könnten im Zug nebeneinandersitzen und das Gespräch fortsetzen.
Ein Windstoß fegte durch die Park Lane und erfaßte den Zylinder des Gentleman, der vor Alveston House seinem Viersitzer entstieg.
Nur mit Mühe den Zylinder festhaltend, trat er durch die mächtige Tür und wurde in der Halle von einem livrierten Diener empfangen.
„Ein stürmischer Tag, Mylord“, bemerkte der Butler, der ihm aus dem Mantel half.
„Und kalt dazu“, brummte Lord Milthorpe, „aber damit muß man im Oktober schon rechnen.“
„Ganz recht, Mylord“, gab der Butler respektvoll zurück.
Er ging voraus und führte den Gast einen langen, mit Marmorfliesen ausgelegten Flur entlang, an dessen Ende er die hohen Türflügel aus Mahagoniholz öffnete und ankündigte: „Lord Milthorpe, Euer Gnaden!“
Der Herzog, der am anderen Ende des Raumes vor dem Kamin saß, blickte lächelnd auf.
„George, du hast dich verspätet“, rief er statt einer Begrüßung.
„Charles und ich fragten uns schon, was dir zugestoßen sein könnte.“
„Der Prinz hielt mich auf“, antwortete Lord Milthorpe.
Er ließ sich in einem bequemen Armsessel neben den anderen beiden Herren nieder und nahm von einem Diener ein Glas Sherry entgegen.
„Dachte ich es mir doch“, sagte der Herzog. „Wie geht es Seiner Königlichen Hoheit?“
„Der Prinz ist äußerst schlecht gelaunt und deprimiert“, lautete Lord Milthorpes Antwort.,
„Was ist denn nun schon wieder passiert?“ wollte Sir Charles Charlwood wissen. „Laß mich raten: Vermutlich hat ihm die Königin wieder einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es ist doch immer wieder dasselbe bei dem guten alten Bertie.“
„Erraten!“ rief Lord Milthorpe aus.
„In diesem Fall wirklich eine echte Schikane“, äußerte der Duke of Alveston lakonisch.
„Varien, ich finde es einfach beschämend, ach, was heißt hier beschämend, es ist ein Skandal“, ereiferte sich Lord Milthorpe, „daß wir bei der Eröffnung des Suezkanals nur durch unseren Botschafter in Konstantinopel vertreten werden sollen.“
„Allmächtiger!“ rief Sir Charles. „Der Prinz war überzeugt, er würde an den Feierlichkeiten teilnehmen können. Da der Khedive von Ägypten ihm und der Prinzessin beim letzten Besuch einen überwältigenden Empfang bereitet hatte, freute er sich schon sehr auf die nächste Ägyptenreise.“
„Leider bleibt man im Buckingham Palace bei einem entschiedenen ,Nein“, erklärte Lord Milthorpe.
„Das ist ja skandalös“, ließ Sir Charles sich erneut vernehmen. „Eben las ich in der Times über die Einzelheiten der Eröffnungsfeierlichkeiten. Ehrengast ist natürlich Kaiserin Eugenie, doch auch der Kaiser von Österreich wird erwartet und sogar der russische Thronfolger. Und wir sollen nur durch einen Botschafter vertreten werden? Was für einen Eindruck wird das hinterlassen?“
„Das einzige Bestreben der Königin ist es, den Thronfolger von jeglichen Aufgaben fernzuhalten, die von Bedeutung sind“, erklärte Lord Milthorpe. „Sie möchte, daß er in ihrer Nähe bleibt und ihr ständig zur Verfügung steht. Wenn die Presse, selten genug, etwas Positives über ihn schreibt, zerreißt die Königin den Artikel, darauf verwette ich meinen Kopf.“
„Wer kann es dem Prinzen verübeln, wenn er sich seine Vergnügungen Gott weiß wo sucht?“ fragte Sir Charles.
„Kein Mensch verübelt es ihm!“ beeilte sich Lord Milthorpe seinen Freunden zu versichern.
„Was die Eröffnungsfeierlichkeiten betrifft, so gibt mir die königliche Entscheidung sehr zu denken“, meinte der Herzog nachdenklich.
Er war jünger als seine Freunde, wirkte aber durch die Autorität, die von ihm ausging, älter. Sein ungewöhnlich attraktives Aussehen machte ihn unweigerlich zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft, gleichzeitig aber war sein Ruf wieder des Thronfolgers ständig in Gefahr, was ihn jedoch nicht kümmerte.
Der Herzog lebte, wie es ihm gefiel, und da er einer der größten Grundbesitzer des Landes war und einer Familie entstammte, die in der Geschichte Englands stets eine ruhmreiche Rolle gespielt hatte, kam niemand auf den Gedanken, ihm seines Lebenswandels wegen Vorhaltungen zu machen. Er war mit dem Thronerben eng befreundet, betrachtete sich jedoch nicht als Mitglied des sogenannten Marlborough House Set, aus dem einfachen Grund, da das Alveston House Set jenem anderen Kreis Konkurrenz machte.
So hatte sich der Prince of Wales oft darüber beklagt, daß man in Alveston House die schönsten Frauen träfe, daß es dort die besten Soupers, die witzigste Unterhaltung und die aufwendigsten Feste gäbe.
„Verdammt noch mal, Varien“, hatte er wiederholt geäußert, „es kann nicht allein daran liegen, daß Sie sich diese Extravaganzen leisten können! Ich argwöhne, daß Ihr Geschmack den aller anderen übertrifft und daß Sie die originelleren Einfalle haben.“
„Sie schmeicheln mir, Sir“, hatte der Herzog darauf geantwortet.
Seine höflichen Worte wurden von einem zynischen Lächeln begleitet.
Er fand die Vergnügungen des Prinzen, die aus der Langeweile und dem Unmut über die ihm von seiner Mutter auferlegten Zwänge resultierten, viel zu gekünstelt, denn sie ließen jede Originalität vermissen.
„Varien, wissen Sie, was wir sind?“ hatte der Prinz einmal leutselig gefragt. „Wir sind die Könige der Gesellschaft, und da ich Sie ungemein schätze, stört es mich nicht, den Thron mit Ihnen teilen zu müssen.“
Der Herzog hatte daraufhin etwas gemurmelt, daß er sich geschmeichelt fühle. Insgeheim aber hatte er keineswegs die Absicht, irgendetwas mit jemandem zu teilen.
Er wußte, daß er viele Neider hatte und daß eine kleine Geste genügen würde, um sie ergeben zu seinen Füßen zu sehen. Er war so reich, daß er allen Launen nachgeben konnte, und so großzügig, daß es seinen Freunden an nichts fehlte, wenn er ihre Wünsche erriet.
Dabei wirkte er hoheitsvoller, ja, königlicher als der Prince of Wales selbst. Er hatte etwas an sich, das auch jene, die ihn liebten, auf Distanz hielt.
Natürlich gab es auch Frauen in seinem Leben. Sie kamen und gingen. Er brauchte nur einen Ballsaal zu betreten, und die Frauenherzen schlugen höher. Hunderte Augenpaare blickten ihn sehnsüchtig und unmißverständlich auffordernd an.
„Er sieht aus wie ein griechischer Gott“, hatte eine der Schönheiten im Marlborough House ihrer Nachbarin zugeflüstert.
„Wie viele Götter kennst du, meine Liebe?“ hatte die Freundin erwidert.
„Nur einen“, lautete die Antwort, „und den leider nicht so gut, wie ich es wünschte.“
Sir Charles war indessen noch immer bei der Eröffnung des Suezkanals.
„Als ich vor einem Vierteljahr Großfürst Michael von Rußland traf“, erzählte er eben, „vertraute er mir an, er hätte die feste Absicht, der feierlichen Eröffnung beizuwohnen. Also noch ein Mitglied eines regierenden Hauses, das anwesend sein wird.“
„Ich glaube, England hält sich zurück, da es von Anfang an gegen den Bau des Kanals war“, sagte darauf Lord Milthorpe. „Palmerston sprach sich entschieden dagegen aus, und Stratford de Redcliffe unternahm von Beginn an alles, um de Lesseps’ Plan zum Scheitern zu bringen.“
„Ich kann de Lesseps nur bewundern“, bemerkte Sir Charles dazu. „Es waren harte Jahre voller Enttäuschung und Resignation für ihn, ehe die finanziellen Voraussetzungen für den Baubeginn geschaffen waren.“
„Und jetzt ist der Kanal ein fait accomplit,“ stellte Lord Milthorpe fest, „und England ist entschlossen, an de Lesseps’ Triumph nicht teilzunehmen.“
„Ich sehe nicht ein, warum alle Briten zu Hause bleiben sollen“, ließ sich der Herzog plötzlich vernehmen.
„Was schlägst du vor, Varien?“ fragte Sir Charles.
„Ich schlage vor, daß wir das tun, was dem Prinzen untersagt wird.“
„Du meinst, wir sollten uns die Eröffnung nicht entgehen lassen?“
„Natürlich nicht! Warum auch?“
„Ja, warum?“ rief Lord Milthorpe. „Varien, du hast immer schon Gespür dafür bewiesen, was wirklich wichtig ist. Natürlich mußt du hinfahren! Ein Herzog bleibt immer Herzog, und wir wissen, wie vertraut du mit der Kaiserin bist.“
„Varien ist mit jeder schönen Frau ,vertraut, wie du es zu nennen beliebst“, stichelte Sir Charles. „In Paris wimmelt es von gebrochenen Herzen, wenn er sich dort aufhält.“
„Das Herz der Kaiserin bestimmt nicht“, meinte darauf der Herzog. „Sie wird sich freuen, wenn wir für de Lesseps, der eine ihrer Cousinen zur Frau hat, eintreten. Franz Joseph ist meiner Meinung nach zwar ein Langweiler, dafür ist Großfürst Michael umso amüsanter.“
„Dann wirst du also fahren“, rief Lord Milthorpe aufgeregt. „Wenn du mich nicht mitnimmst, Varien, hänge ich mich auf.“
„Das kann ich nicht verantworten“, erwiderte der Herzog lachend. „Somit habe ich keine andere Wahl: Du wirst mich begleiten, George. Laß uns beim Lunch darüber beraten, wer mitfahren soll. An Bord der Jupiter ist genügend Platz für alle unsere guten Freunde.“
„Ach, ich vergaß, daß du eine neue Jacht hast - ein Dampfschiff!“ Lord Milthorpe geriet ins Schwärmen. „Welche Jungfernfahrt wäre schöner als eine Fahrt zum Suezkanal?“
„Der Prinz wird vor Neid erblassen“, rief Sir Charles. „Der Khedive von Ägypten soll glänzende Festlichkeiten planen.“
„Glänzend ist die richtige Bezeichnung für seine Arabischen Nächte“, meinte Lord Milthorpe lächelnd.
„Nun, das wäre also geregelt“, stellte der Herzog mit einem Anflug von Langeweile fest, als finde er die Begeisterung seiner Freunde übertrieben. „Ihr müßt mir nur sagen, wen ihr unbedingt dabeihaben wollt, damit mein Sekretär die Einladungen rechtzeitig verschicken kann.“
Das sagte er in einem Ton, als sei das Thema für ihn damit erledigt, doch Sir Charles meinte nachdenklich: „Varien, mir fallt eben etwas ein ... ich glaube nicht, daß ich mitkommen kann.“
„Aber warum nicht, Charles? Du willst doch nicht behaupten, daß du die Jagd einem Ägyptenaufenthalt vorziehst? Außerdem könnten wir dort unten eine Gazellenjagd arrangieren. Eine sehr amüsante Sache, besonders, wenn man noch nie Gazellen gejagt hat.“
„Varien, du weißt genau, daß ich nichts lieber täte, als mit der Jupiter nach Ägypten zu fahren.“
„Was hält dich dann davon ab?“ wollte der Herzog wissen.
Sir Charles ließ sich ein wenig Zeit mit der Antwort.
„Morgen trifft meine Tochter in London ein. Ich habe mich noch nicht darum gekümmert, in wessen Obhut ich sie geben soll. Ich kann sie unmöglich allein in London lassen.“
„Deine Tochter? Fast habe ich vergessen, daß du eine hast!“ ließ sich Lord Milthorpe daraufhin vernehmen.
„Bettina war in einem französischen Internat“, erklärte Sir Charles. „Eigentlich hätte sie schon debütieren sollen, aber Sheila Buxton, ihre Patin, erkrankte. Und vor kurzem ist die Ärmste gestorben.“
„Ja, das hörte ich. Eine wunderbare Frau. Ich fand sie immer überaus sympathisch“, bemerkte dazu Lord Milthorpe.
„Du hast also eine Tochter, um die du dich kümmern mußt, Charles“, stellte der Herzog bedächtig fest,
„So ist es.“
„Dann muß deine Tochter einfach mitkommen“, sagte der Herzog, „da wir dich und deine gute Laune keinesfalls entbehren können.“
In Sir Charles’ Blick leuchtete etwas auf.
„Ist das dein Ernst?“
„Ja, natürlich. Eine Person zusätzlich spielt keine Rolle. Und noch etwas ... ich werde einen jungen Mann für deine Tochter miteinladen - warum nicht meinen vermutlichen Erben?“
„Du meinst doch nicht etwa Eustace?“ rief Lord Milthorpe entgeistert.
„Natürlich meine ich Eustace. Es wird meinem Halbbruder nicht schaden, wenn er von seinen ewigen Moralpredigten abgelenkt wird und meine Freunde im Oberhaus endlich in Ruhe läßt. Ständig bekomme ich ihre Klagen zu hören, weil er ihnen mit seinen Horrorgeschichten Angst einflößen will und sie gleichzeitig dazu drängt, ihre Taschen zu leeren.“
Keiner seiner Freunde gab ihm darauf eine Antwort. In seiner Gegenwart wagte es niemand, an seinem Halbbruder Kritik zu üben, im Gegenteil, man bemühte sich, etwas Nettes über ihn zu sagen.
„Varien, ich finde es sehr großzügig, daß du Bettina mitnehmen willst“, brach Sir Charles nach einer Weile das Schweigen. „Ich kann nur hoffen, das Kind ist keine Langweilerin geworden. Seinerzeit war sie nicht auf den Mund gefallen und wußte zu allem etwas zu sagen.
„Wenn sie auch nur ein bißchen nach ihrem Vater geraten ist, wird sie wie ein Lebenselixier auf unsere Gesellschaft wirken“, scherzte Lord Milthorpe gut gelaunt.
„Danke, George“, sagte darauf Sir Charles. „Ich werde mich sehr bemühen, meiner Rolle zu entsprechen.“
Der Herzog lachte.
„Charles, du fällst nie aus der Rolle, und du weißt sehr gut, daß ohne dich jeder Gesellschaft die Würze fehlt.“
Sir Charles wollte eben darauf antworten, als der Butler ankündigte: „Lady Daisy Sheridan und die ehrenwerte Mrs. Dimsdale, Euer Gnaden!“
Zwei Damen, beide auffallende Schönheiten, betraten den Salon. Als der Herzog sich erhob und ihnen entgegenging, ließen Lady Daisys Blick und seine Miene keinen Zweifel daran, daß sie einander viel bedeuteten.
Sie reichte ihm ihre behandschuhten Hände, die er an die Lippen führte.
„Entschuldige unser Zuspätkommen“, sagte Lady Daisy atemlos. „Kitty ließ sich nicht davon abbringen, noch eine Auswahl neuer Hüte zu kaufen, die sich eigentlich keine von uns leisten kann, doch wir konnten einfach nicht widerstehen.“
„Wie könnte es anders sein?“ erwiderte der Herzog mit einem zynischen Lächeln.
Er wußte sehr wohl, wer für diesen Hutkauf aufkommen mußte, ebenso wie er wußte, daß jeder Besuch der beiden Damen von der Erwartung begleitet wurde, er würde sich finanziell großzügig zeigen.
Daisys kleine Ränke und Schachzüge waren ihm nur zu vertraut.
Wären ihre Liebhaber nicht für ihre Rechnungen aufgekommen, hätte Lady Daisy Sheridan, deren Ehemann dem Kartenspiel leidenschaftlich verfallen war, ihren Ruf als einer der elegantesten Frauen Londons nicht aufrechterhalten können.
Der Herzog war nur zu gern bereit zu tun, was von ihm erwartet wurde, wenngleich er es bedauerlich fand, daß Daisy ihre Absichten so deutlich erkennen ließ.
Als wüßte sie, daß ihr Wunsch so gut wie erfüllt war, spürte er, wie ihre Hand die seine einen kurzen Augenblick lang fester umfaßte. Dann steuerte sie wie ein Schwan auf Lord Milthorpe zu und reichte diesem hoheitsvoll die Hand.
„Lieber George, ich wußte, du würdest da sein. Wie schön, dich zu sehen“, sagte sie huldvoll.
„Hoffentlich hast du Kitty nicht zu neuen Extravaganzen verführt“, seufzte er. „Meine beiden Jagdpferde, die ich mir erst kürzlich zulegte, sind noch nicht bezahlt.“
„Unsinn!“ antwortete Lady Daisy. „Du bist reich wie Krösus und weißt gar nicht, wieviel du besitzt.“
„Das kann man leider von mir nicht behaupten“, meinte darauf Sir Charles mit einem Lächeln.
„Nein, wirklich nicht“, erwiderte Lady Daisy, „wir alle aber wissen, wie großzügig du wärest, wenn du könntest.“
„Ich glaube, das ist so ungefähr das Netteste, was man mir je sagte“, meinte Sir Charles nach einer kleinen Pause.
„Du verdienst es, Charles“, sagte Lady Daisy. „Und jetzt möchte ich erfahren, was ihr drei Musketiere vor unserer Ankunft zu besprechen hattet.“
„Die Antwort sollte klar sein, ist es aber nicht“, entgegnete Sir Charles.
„Die Rede war nicht von uns?“ lautete Lady Daisys erstaunte Reaktion. „Das ist ja ungeheuerlich! Varien, bist du mir etwa untreu geworden? Das würde ich nicht ertragen können!“
„Im Gegenteil“, sagte der Herzog, „wir haben uns etwas ausgedacht, das euch weitaus größeres Vergnügen bereiten wird als die Jagdbälle, die Fasanenjagd und die zahlreichen Gesellschaften, die euren Terminkalender im Moment füllen.“
„Was für ein Vorschlag könnte das sein?“
„Wir werden an der Eröffnung des Suezkanals teilnehmen“, antwortete der Herzog.
Der entzückte Aufschrei, der seinen Worten folgte, kam für ihn nicht unerwartet.
2
Bettina, die sich bei der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof aus dem Fenster beugte, erspähte ihren Vater sofort. Ihrer Meinung nach war es auch unmöglich, ihn zu übersehen - und war die Menschenmenge noch so groß. Kein anderer sah so hinreißend und elegant aus, ein prächtiges Mannsbild, wie seine Freunde ihn nannten.
Den Zylinder schräg auf dem Kopf, eine Nelke im Knopfloch, so stand er, auf sein Malakka-Stöckchen gestützt da und sah dem einfahrenden Zug nicht ohne Beklemmung entgegen.
Bettina stieß die Waggontür auf und sprang auf den Bahnsteig, um ihrem Vater entgegenzulaufen.
„Papa! Papa! Ich wußte ja, du würdest mich abholen!“
Sie schlang die Arme um seinen Nacken und gab ihm einen Kuß.
„Was, zum Teufel ist passiert?“ rief Sir Charles statt einer Begrüßung. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
„Das habe ich befürchtet.“
„Als dein Gepäck ohne dich eintraf, malte ich mir schon die schrecklichsten Dinge aus“, sagte er vorwurfsvoll, ohne daß sein Lächeln sich verflüchtigt hätte. Augenzwinkernd sah er seine Tochter an, um sogleich auszurufen: „Allmächtiger, du bist ja eine richtige Schönheit geworden! Ich erwartete eigentlich das kleine Mädchen, das ich in Erinnerung hatte, und keine junge Dame, die aussieht wie ihre Mutter, als ich sie kennenlernte.“
„Danke, Papa.“ Bettina sagte es lachend. „Ich möchte, daß du dich bei dem Gentleman bedankst, der mir auf liebenswürdigste Weise half. Die Lehrerin, die mich nach England begleiten sollte, erlitt einen Herzanfall und starb in Dover.“
„Deswegen die Verspätung!“
„Du kannst dir sicher vorstellen, wie schrecklich das war“, sagte Bettina. „Hätte Lord Eustace mir nicht beigestanden, ich hätte weder ein noch aus gewußt.“
Sie wandte sich um und sah den jungen Mann, von dem sie eben gesprochen hatte, über den Bahnsteig auf sich zukommen.
„Das ist er, Papa“, fuhr sie fort, ehe Sir Charles etwas sagen konnte.
Sir Charles bedankte sich überschwenglich, worauf Lord Eustaces ernste Miene sich ein wenig aufheiterte. Lebhaft berichtete er, was er wegen der Toten unternommen hatte.
„Sir Charles, es war mir ein Vergnügen, Ihrer Tochter helfen zu können“, schloß er schließlich, „und ich darf sagen, daß sie unter diesen äußerst betrüblichen Umständen sehr besonnen und gefaßt blieb.“
„Das freut mich zu hören.“
Dann, als hätte er zu Lord Eustace nichts mehr zu sagen, wandte sich Sir Charles an seine Tochter: „Bettina, wir müssen uns um dein Gepäck kümmern. Ich bat einen Träger, es bis zur Ankunft des nächsten Zuges zu beaufsichtigen.“
„Wie klug von dir, Papa“, meinte Bettina lächelnd.
Sie reichte Lord Eustace die Hand.
„Nochmals vielen Dank“, sagte sie leise. „Ich wüßte nicht, was ich ohne Ihre Hilfe getan hätte.“
„Es freut mich, daß Sie Ihren Vater gefunden haben und somit in sicheren Händen sind“, gab Lord Eustace steif zurück.
Er ergriff ihre Hand, faßte grüßend nach dem Hut und ging davon.
Bettinas Blick drückte Bedauern aus, als sie ihm nachsah. Irgendwie hatte sie gehofft, er würde ein Wiedersehen vorschlagen. Doch die Freude und die Erleichterung, endlich wieder zu Hause zu sein, ließen sie alles vergessen. Sie hatte ihrem Vater so viel zu erzählen und ihm so viele Fragen zu stellen, daß ihr erst vor dem Haus am Eaton Place bewußt wurde, daß ihre Mutter nicht da sein würde, um sie zu begrüßen. Bettina spürte bei diesem Gedanken einen kleinen Stich.
Beim Betreten der kleinen Halle fiel ihr sofort auf, daß sich die Atmosphäre verändert hatte.
Es fehlten die Kleinigkeiten, mit denen Lady Charlwood ihr Heim behaglich gestaltet hatte, so daß es den idealen Hintergrund für sie und ihr häusliches Glück bildete. Es fehlten die Blumen in den Vasen, die Vorhänge waren grau vor Schmutz, die Möbelbezüge im Salon abgenutzt und schäbig, wie Bettina auf den ersten Blick sah.
Ihr Vater hingegen sah so blendend und erfolgsgewohnt aus wie eh und je. Sein Anzug paßte ihm wie angegossen und entsprach der neuesten, vom Prince of Wales kreierten Mode.
Sir Charles hatte sehr jung geheiratet und war erst Anfang vierzig, verfügte jedoch über Figur und Aussehen eines viel jüngeren Mannes.
„Papa, ich mag zwar erwachsen geworden sein“, sagte Bettina impulsiv, „aber du bist nicht einen Tag älter geworden, im Gegenteil, du kommst mir jünger vor!“
„Du schmeichelst mir“, protestierte Sir Charles, doch ihm war deutlich anzusehen, wie sehr er sich über dieses Kompliment freute.
„Papa, was hast du getrieben?“ fuhr Bettina fort. „Welche großartigen Feste hast du besucht? Ist der Prince of Wales noch immer dein guter Freund?“
Sir Charles lachte herzlich.
„So viele Fragen auf einmal! Ja, der Prinz zeichnet mich noch immer mit seiner Freundschaft aus, und ich verbringe viel Zeit im Marlborough House. Die Gesellschaft des Duke of Alveston schätze ich jedoch noch höher.“
Bettina runzelte die Stirn.
„Irgendwie ist mir der Name in Erinnerung geblieben. Ach ja, natürlich, Mama hat deine Freundschaft mit ihm nicht gern gesehen.“
„Deine Mutter hat viele meiner Freundschaften mißbilligt“, sagte Sir Charles, „aber Alveston ist in Ordnung, wenngleich sein Ruf es mit dem des Thronfolgers aufnehmen kann.“ Er sah Bettina an und fuhr nach einer Pause fort: „Der Duke of Alveston ist übrigens der Halbbruder deines jungen Mannes.“
„Meines jungen Mannes?“ wiederholte Bettina verblüfft.
„Ich meine Lord Eustace Veston.“
„Ach, das ist er also!“ rief Bettina. „Warum behauptete er dann, er sei dir nie begegnet?“
Sir Charles schenkte sich ein Glas Sherry ein, ohne seiner Tochter ein Glas anzubieten. „Der Herzog und sein Halbbruder kommen nicht eben gut miteinander aus“, antwortete er. „Trotzdem will er ihn zu der Reise einladen, auf die ich dich mitnehme. Daß du ihn bereits unter so romantischen Umständen kennengelernt hast, erleichtert die Sache sehr.“
„Was für eine Reise?“ fragte Bettina.
„Nun, du bist eingeladen, dich der Gesellschaft des Herzogs bei der Eröffnung des Suezkanals anzuschließen“, eröffnete er ihr in feierlichem und übertrieben dramatischem Ton.
Einen Moment lang starrte Bettina ihn fassungslos an, dann fragte sie erstickt: „Papa ... ist das dein Ernst?“
„Natürlich. Als ich dem Herzog sagte, du kämest aus Frankreich nach Hause, schlug er vor, ich solle dich mitnehmen.“
„Nicht zu fassen! Wie du dir sicher vorstellen kannst, ist der Suezkanal in Frankreich das Tagesgespräch. Das hört sich alles so aufregend und unglaublich an! Die Kaiserin persönlich wird anwesend sein!“
„Und viele andere Persönlichkeiten, einschließlich unserer Wenigkeit“, schloß Sir Charles.
Er ließ sich in einem Sessel nieder, schlug die Beine übereinander und musterte Bettina so eingehend, daß sie sich vorkam wie ein Zuchtpferd, das begutachtet wird.
„Du hast genau drei Tage Zeit“, sagte er schließlich, „um dir eine Garderobe zuzulegen, wie sie einer eleganten Dame entspricht.“
„Papa!“ Bettina rief es im Ton des Entsetzens. „Das ist ganz ausgeschlossen! Ich habe nichts... buchstäblich nichts anzuziehen! Ich war der Meinung, du würdest mich im April zur Saison heimkommen lassen, deswegen begnügte ich mich im Internat mit den Sachen, die ich hatte.“
Sie holte tief Luft.
„Als du schriebst, es sei unmöglich, weil meine Patin krank war, hielt ich es für Verschwendung, für die kurze Zeit in der Schule noch neue Kleider zu kaufen. Meine Sachen sind mir entweder zu klein oder total abgetragen!“
„Ich ahnte etwas in dieser Richtung“, sagte Sir Charles. „Da ich die Frauen kenne, schwante mir, du würdest eine komplette Ausstattung verlangen, kaum daß du die Schwelle überschritten hättest.“
„Nein, keine ganze Ausstattung“, berichtigte ihn Bettina. „Nur ein paar Abendkleider und natürlich einige Tageskleider.“
„Hm, es wird alles ganz rasch gehen müssen, aber du mußt dir kaufen, was du brauchst. Die Sachen deiner Mutter sind alle noch oben. Sie sind natürlich für dich viel zu erwachsen, aber vielleicht kann man sie in dem Salon, in dem deine Mutter Stammkundin war, ändern... Wenn wir dort gleichzeitig ein paar neue Stücke kaufen, wird man uns sicherlich entgegenkommen.“
Bettinas Augen leuchteten auf, ehe sie zögernd fragte: „Können wir uns das auch leisten, Papa?“
„Nein“, gab Sir Charles trocken zurück. „Leisten können wir es uns nicht. Um ganz ehrlich zu sein - ich besitze im Moment keinen Penny. Außer Schulden habe ich nichts, rein gar nichts.“
Bettina stieß einen tiefen Seufzer aus.
„Papa, dann ist es vielleicht besser, ich verzichte auf die Reise. Ich könnte es nicht ertragen, daß du dich... daß du dich meiner schämen müßtest.“
Sir Charles erhob sich.
„Kind, sei doch nicht dumm. Das ist deine große Chance. In Gesellschaft des Duke of Alveston wirst du mehr geeigneten Ehekandidaten begegnen als in einem Ballsaal, umgeben von vielen anderen linkischen Debütantinnen.“ Er zögerte kurz, ehe er hinzusetzte: „Gibt es außerdem eine passendere Partie als Eustace Veston?“
Bettina sah ihn erschrocken an.
„Papa, du willst damit doch nicht etwa sagen... ?“
„Warum nicht? Lord Eustace ist zwar kein Herzog, und es ist meiner Ansicht nach sehr unwahrscheinlich, daß er Titel und Vermögen seines Halbbruders erben wird, aber er ist immerhin sehr wohlhabend. Du könntest in keine bessere und vornehmere Familie einheiraten.“
Bettina wandte den Blick ab. Wortlos ging sie durch den Raum und blieb beim Lieblingssessel ihrer Mutter stehen, an dessen Lehne sie sich festhielt.
„Ich hätte nicht gedacht, daß ich ... daß ich so rasch verheiratet werden soll“, gab sie ganz leise von sich.
„Du bist bereits achtzehn“, erwiderte Sir Charles, „und je eher du unter die Haube kommst, desto besser. Ganz ehrlich gesagt, Bettina - ich kann mir deinen Unterhalt gar nicht leisten.“
„Oh, Papa . . .!“
Ihm entging der schmerzliche Ton ihrer Stimme nicht,
„Es ist nicht so, daß ich dich nicht bei mir haben möchte“, beeilte er sich, ihr zu versichern. „Das weißt du. Ich habe dich sogar sehr gern bei mir. Du und ich, wir waren immer schon die besten Freunde. Aber ich habe selbst kaum genug zum Leben, seitdem ich am Kartentisch vom Pech verfolgt werde.“
„Du weißt, wie sehr Mama sich aufregte, wenn du um hohe Einsätze spieltest“, sagte darauf Bettina.
„In den Kreisen, in denen ich mich bewege, läßt es sich nicht vermeiden, und außerdem genieße ich es. Trotzdem...“
Er hielt inne, und Bettina wußte, daß er an die beklemmenden Tage kurz vor Monatsende dachte, wenn die Rechnungen der Lieferanten eintrafen und das Personal auf den Lohn wartete.
Wie oft hatte Bettina im Blick ihrer Mutter die Nöte und Ängste gelesen, weil nie genügend Geld zur Verfügung gestanden hatte.
Sir Charles begann, im Salon auf und ab zu gehen.
„Bettina, ich will ehrlich sein: Ich führe ein verdammt angenehmes Leben. Ich bekomme mehr Einladungen, als ich annehmen kann. Menschen wie der Prinz und Alveston beehren mich mit ihrer Freundschaft und behaupten, daß ohne mich keine Gesellschaft vollzählig sei.“
Das sagte er mit einem gewissen Stolz.
„Aber - das alles kostet Geld. Zwar habe ich ein Dach über dem Kopf, und ich esse und trinke nur vom Besten und habe sogar ein Pferd, wenn ich zur Jagd eingeladen bin. Aber ich muß selbst für meine Garderobe sorgen und kann keinen Kammerdiener bezahlen, der mich begleitet.“
Bettina hörte aufmerksam zu, als er eindringlich fortfuhr: „Wenn ich mich in London aufhalte, brauche ich dieses Haus! An eventuelle Sparmaßnahmen ist daher nicht zu denken.“
„Das kann ich gut verstehen, Papa.“
„Dir ist also klar, daß es keine Lieblosigkeit ist, wenn ich sage daß ich mir, so sehr ich es bedauere, eine Tochter nicht leisten kann.“
Bettina stieß einen Seufzer aus.
„Ich hatte die Absicht, überaus sparsam zu sein und dir keine Unkosten zu verursachen.“
„Ja, glaubst du denn, ich möchte, daß du als Aschenputtel zu Hause sitzt und nicht den dir zustehenden Platz in der Gesellschaft einnimmst?“ fragte Sir Charles ärgerlich. „Bettina, ich bin stolz auf dich, besonders jetzt, da ich sehe, wie hübsch du geworden bist. Passend gekleidet, könntest du eine Sensation sein! Ja, verdammt, und das sollst du auch sein!“
„Aber wie, Papa?“
Bettina hatte das Gefühl, ihr Vater suche nach Worten, ehe er nach kurzer Überlegung sagte: „Nach dem Tod deiner Mutter mußte ich ihren Schmuck verkaufen, damit ich die Beerdigung, die Arztrechnungen und anderes bezahlen konnte.“
Bettina erstarrte unwillkürlich.
Sie hatte stets damit gerechnet, daß die Perlen, die ihre Mutter immer getragen hatte, die türkis- und diamantbesetzten Ohrringe, an die sie sich aus frühester Kindheit erinnern konnte, und der dazu passende Ring eines Tages ihr gehören würden.
„Ich hatte keine andere Wahl“, erklärte Sir Charles. „Ein einziges Stück allerdings konnte ich behalten - einen Diamantstern, von dem sie sich besonders wünschte, er möge einmal dir gehören.“
„Ein wundervoller Stern!“ rief Bettina. „Immer wenn Mama ihn im Haar trug, sah sie für mich aus wie eine Märchenfee.“
„Heute morgen habe ich ihn verkauft“, gestand Sir Charles abrupt.
„Du ... hast ihn verkauft?“
„Damit du als Gast des Herzogs ein paar neue Kleider tragen kannst.“
Im ersten Moment hätte Bettina ihm am liebsten vorgeworfen, daß er kein Recht habe, das Schmuckstück zu verkaufen, das ihre Mutter ihr zugedacht hatte, doch aus Liebe zu ihrem Vater hielt sie sich zurück.
„Sicher wäre Mama damit einverstanden“, sagte sie stattdessen. „Ich weiß, sie würde sich wünschen, daß du stolz auf mich sein kannst.“
Sie fühlte, wie erleichtert ihr Vater war, als hätte er in der Tat erwartet, sie würde ihm zürnen. In seinem Blick lag ein Leuchten, als er sagte: „Du kannst sicher sein, daß ich auf dich stolz bin, aber denk daran, daß eigentlich Lord Eustace derjenige sein sollte, der dir Bewunderung entgegenbringt.“
Im Sonderzug des Herzogs, der sie nach Southampton brachte, wurde Bettina klar, daß sie sich für ein ganz anderes Kleid hätte entscheiden müssen, wäre ihr ernsthaft daran gelegen gewesen, Lord Eustaces Gefallen zu erregen.
Während der in Frankreich verbrachten Jahre hatte sie von den Zöglingen im eleganten Institut Madame de Vesaries sehr viel über Mode gelernt, und sie besaß großes Geschick, sich ihrem Typ gemäß zu kleiden.
Ihr prachtvolles blondes, bei einem gewissen Lichteinfall platinblond wirkendes Haar wurde jedoch von den auffallenden Farben, wie sie die Damen in der Gesellschaft des Herzogs bevorzugten, grell übertönt. Scharlachrote, pfauenblaue und smaragdgrüne Roben mit farblich darauf abgestimmten Hutkreationen, die mit Straußenfedern garniert waren, üppige Rüschen und große Satinschleifen und das Blitzen kostbaren Schmuckes ließen den Salonwagen wie einen Papageienkäfig wirken.
Bettina trug ein Reisekleid in einem matten Blauton, der den idealen Rahmen für ihr helles Haar abgab.
Die Hutbänder umschmeichelten ihr zartes Kinn und ließen ihre Haut noch durchscheinender wirken.
Aus Zeitmangel hatte Bettina nur einige wenige Kleider für die Reise aussuchen können. Zum Glück hatten ihr ein paar zu Ausstellungszwecken gefertigte Roben gepaßt. Doch die Sommerkleider, von denen ihr Vater behauptete, sie würde sie in Ägypten brauchen, hatte sie nicht mehr kaufen können. Sie hatte aber bei den Sachen ihrer Mutter einige Kleider gefunden, die ihrem Geschmack hinsichtlich Farbe und Material entsprachen, und sie entsprechend ändern lassen.
Daß sie sich nach den vielen Jahren, die sie in schmuckloser Schulkleidung zugebracht hatte, nun als strahlender Schmetterling entpuppte, versetzte sie in eine Erregung, die sich nicht unterdrücken ließ.
Die Miene ihres Vaters hatte ihr verraten, wie sehr ihr Äußeres seinen Erwartungen entsprach, und sie selbst mußte sich eingestehen, daß sie von ihrem Spiegelbild sehr angetan war.
Dies alles konnte nicht verhindern, daß sie auf der Fahrt zum Bahnhof nervös nach der Hand ihres Vaters faßte.
„Bist du sicher, daß ich gut aussehe, Papa?“ fragte sie beklommen. „Wirst du mir auch helfen, mich in der Gesellschaft zurechtzufinden? Der Herzog ist sicher sehr einschüchternd, und alle deine Freunde, die dich so ungemein schätzen, werden mich langweilig finden.“
„Das wird gewiß nicht der Fall sein“, beruhigte Sir Charles sie, „du solltest dich aber vor allem auf Lord Eustace konzentrieren. Er wird sich in unserer Gesellschaft wie ein Fisch ohne Wasser fühlen, ganz und gar fehl am Platz.“
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