Kitabı oku: «Lady Bartons Rache»

Yazı tipi:

Lady Bartons Rache

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2018

Copyright Cartland Promotions 1982

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1 ~ 1836

Valessa stand am Fenster und blickte nach draußen. Es war ein warmer Novembertag. Die Sonne schien, und nur über Nacht hatte es leichten Frost gegeben.

Die Bäume hatten eine rötlichbraune Färbung angenommen, und der Laubteppich darunter prangte in den gleichen Farben.

»Ein schöner Tag zum Sterben«, sagte Valessa laut zu sich selbst.

Sie verspürte auf einmal den Wunsch, trotz allem am Leben zu bleiben, und wußte doch, daß es unmöglich war.

Sie konnte so nicht weiterleben, und dieser plötzlich aufflackernde Lebenswille war wohl darauf zurückzuführen, daß sie etwas gegessen hatte.

Als sie gestern zu dem Schluß gekommen war, keine andere Wahl zu haben als den Tod, hatte sie sich vorgenommen, vorher noch einmal ordentlich zu frühstücken, sonst fehlte ihr womöglich die Kraft, zum Fluß hinunterzugehen und sich ins Wasser zu stürzen.

Das letzte Bettlaken, das sie erübrigen konnte, hatte sie gegen zwei Eier eingetauscht, und für einen von ihrer Mutter bestickten Kopfkissenüberzug hatte sie drei Scheiben Brot und ein winziges Stück Butter bekommen.

Sie wollte sich morgens früh ankleiden und dann hinunter in die Küche gehen, um das für ihre Begriffe frugale Frühstück einzunehmen.

Als sie aber heute morgen aufgewacht war, hatte der Hunger sie so geplagt, daß sie noch im Nachthemd nach unten gelaufen war und die Eier und den warmen Toast heißhungrig verschlungen hatte. Zu trinken hatte sie nur Wasser, aber da es ihr gelungen war, das Feuer im Herd in Gang zu halten, konnte sie zumindest das Wasser im Kessel heiß machen.

Sie war stolz darauf, daß es ihr gelungen war, Holz für den Kamin in ihrem Schlafzimmer und den Herd in der Küche zu beschaffen.

Das erforderliche Brennmaterial hatten ihr die Bäume geliefert, die das Haus umgaben. Mit dem Reisig, das sie gesammelt hatte, war es ihr gelungen, zumindest diese beiden Räume im Haus warm zu halten. Vermutlich, so sagte sie sich, war sie nur deshalb so lange am Leben geblieben.

Sie hatte immer weniger zu essen gehabt, weil es nichts mehr gab, was sie gegen Lebensmittel hätte eintauschen können.

Wenn sie nicht einen qualvollen Hungertod sterben wollte, dann war der einzige Ausweg für sie, ins Wasser zu gehen.

Sie konnte es selbst nicht fassen, daß alles so schnell gegangen und von dem Haus, in dem sie aufgewachsen war, nur noch eine leere Hülle verblieben war.

Sämtliche Räume waren leer. Nur die hellen Flecken an den Wänden zeugten noch davon, daß hier einmal Gemälde gehangen hatten.

Nur die schäbigen Teppichreste auf dem Fußboden wollte keiner haben.

Einst war dieses Haus ein Ort des Glücks und des Frohsinns gewesen. Ihre Familie hatte nie viel Geld gehabt, aber sie hatten trotz der ärmlichen Umgebung stets genügend zu essen gehabt und ein glückliches Familienleben geführt.

Rückblickend stellte Valessa bei sich fest, nie einem besser aussehenden und lebenslustigeren Mann begegnet zu sein als ihrem Vater, und doch trug er die Schuld an allem, was geschehen war.

Begonnen hatte alles lange vor ihrer Geburt, als Charles Chester sich heftig mit seinem Vater gestritten hatte.

»Ich müßte ja verrückt sein, wenn ich in die Armee einträte!« hatte er seinem Vater erklärt. »Seit ich denken kann, hast du mich behandelt wie einen Grünschnabel. Ich will mein Leben genießen und mir die Welt ansehen!«

»Wenn du nicht gehorchst, sorge ich dafür, daß du keinen müden Penny bekommst!« hatte sein Vater getobt.

Charles war jedoch entschlossen, seinen Willen durchzusetzen.

Zwei Tage später war er von zu Hause weggelaufen und hatte alles Bargeld mitgenommen, dessen er habhaft werden konnte.

Zudem hatte er auch die Tochter des Nachbarn überredet, mitzukommen, und das hatte man ihm äußerst übelgenommen. Elizabeth, um deren Gunst er heimlich über ein Jahr lang geworben hatte, weil ihr Vater einen Habenichts wie ihn niemals als Schwiegersohn akzeptiert hätte, erfuhr von ihm selbst, daß er fliehen wollte.

Er küßte sie zum Abschied, und in diesem Augenblick wußte sie, daß es für sie nichts Wichtigeres auf der Welt gab als ihn.

Heimlich hatten sie sich davongemacht, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an den Skandal zu verschwenden, den sie verursachen würden.

Für Elizabeths Familie war die Lage besonders unangenehm. Ihr Vater hatte in ihre Verlobung mit einem Mann von hohem gesellschaftlichem Ansehen eingewilligt, obwohl der Auserwählte viel älter war als sie.

Die Vermählung sollte in zwei Wochen stattfinden.

Als Elizabeth von zu Hause fortlief, nahm sie auf Charles’ Geheiß den von ihrer Mutter geerbten Schmuck mit, aber auch die Pretiosen, die sie zu ihrer bevorstehenden Hochzeit geschenkt bekommen hatte.

»Mehr als aufhängen können sie uns nicht«, hatte Charles grinsend bemerkt. »Wenn sie tatsächlich versuchen sollten, uns zu verfolgen, was ich bezweifle, sind wir längst auf hoher See, bevor sie uns einholen.«

»Wohin fahren wir eigentlich?« erkundigte sich Elizabeth erst jetzt.

»Wenn’s nach mir geht, direkt ins Paradies«, entgegnete Charles. »Als erste Station unserer Reise dachte ich an Ägypten, um die Pyramiden zu besichtigen.«

Elizabeth war alles recht, wenn sie nur bei ihm sein konnte.

Als die beiden sich zur Flucht entschlossen hatten, kümmerte sie weder der Zorn ihrer Eltern noch die Empörung, die ihr Schritt in der Verwandtschaft hervorrufen würde.

Wie sich herausstellte, verfügten sie über ausreichende Mittel.

Elizabeths Mutter hatte außer ihrem Schmuck auch ihr gesamtes Vermögen ihrer Tochter vermacht. Es belief sich auf etwa dreihundert Pfund im Jahr und ermöglichte dem jungen Paar viele Reisen in ferne Länder und an entlegene Orte.

Erst kurz vor Valessas Geburt kehrten die beiden nach England zurück, unternahmen aber keinen Versuch, mit ihrer Verwandtschaft Verbindung aufzunehmen, zumal sie ohnehin keiner empfangen hätte. Charles fand ein kleines schwarz-weißes Fachwerkhaus in Leicestershire, das er nach eigenem Bekunden für ein Butterbrot erwarb.

Elizabeth richtete es gemütlich ein, und sie wohnten zwei Jahre mit der kleinen Valessa darin. Dann wurde Charles wieder ruhelos. Das Fernweh packte ihn, und bald begaben sie sich mit ihrer kleinen Tochter erneut auf Reisen.

Bevor sie alt genug war, Dinge und Ereignisse zu begreifen, genoß Valessa das Vergnügen, auf einem Kamel zu reiten oder mit ihrem Vater den Gipfel eines Berges zu erklimmen, weil er darauf bestand, die Welt von oben zu betrachten.

Sie fuhr mit ihren Eltern einen Fluß hinab, in dem es von Krokodilen nur so wimmelte, und lernte unerforschte Gegenden in Afrika kennen.

Es machte ihr nichts aus, völlig ungewohnte Nahrung zu sich zu nehmen und in Zelten, manchmal sogar in Höhlen zu übernachten.

Wieder in England lernte sie, mit Pferden umzugehen, und konnte bald ebenso gut reiten wie ihr Vater.

Er befaßte sich ausschließlich mit der Zucht und dem Verkauf von Pferden, als sich abzeichnete, daß seine Frau nicht mehr würde reisen können.

Elizabeth hatte sich auf den Auslandsreisen eine tückische tropische Fieberkrankheit zugezogen, gegen die kein Arzt in England ein Mittel wußte, und war körperlich sehr geschwächt. Sie war außerstande, mehr zu tun, als das Haus für ihren Gatten und ihre Tochter in Ordnung zu halten, und Charles empfand es daher als großes Glück, daß die heranwachsende Valessa ihm bei der Arbeit zur Hand gehen konnte.

Bald konnte sie die Pferde ebenso gut zureiten wie er.

Die Pferdezucht war seine einzige Einnahmequelle, als Elizabeth plötzlich und ganz friedlich starb.

Valessa konnte es nicht fassen. Eben noch war ihre Mutter mit ihr zusammen gewesen, hatte gelacht und mit liebevollem Blick ihren stattlichen Gemahl angesehen, und dann wurde sie schon in einem schlichten Sarg auf den Friedhof getragen.

Nach Elizabeths Tod war es dann mit einem Mal bergab gegangen. Später sollte Valessa erfahren, daß der Letzte Wille ihrer Großmutter mütterlicherseits die Tragödie ausgelöst hatte.

Danach erhielt ihr Vater die Vollmacht, das Familienvermögen zu verwalten.

Er benötigte nur drei Jahre, um es bis auf den letzten Penny aufzubrauchen.

Zunächst gab er es für Pferde aus, die er nicht wie bisher auf dem Pferdemarkt erstand, sondern im kostspieligen Tattersall in London. Dann begann er zu spielen, weil er sich einsam fühlte.

In der Nachbarschaft gab es zwei große Häuser, in denen er sich mit Freunden zum Spiel zu treffen pflegte.

Valessa stellte er diese Freunde nie vor, und von ihrer Mutter wären sie ganz sicher nicht empfangen worden.

Es waren trinkfeste Herrenreiter, die das Spiel mit hohen Einsätzen liebten. Wenn sie betrunken waren, brachten sie es fertig, Wetten über die Schnelligkeit von zwei Fliegen an der Fensterscheibe abzuschließen.

Als Valessa im Alter von achtzehn Jahren erfuhr, daß ihr Vater kein Geld mehr hatte, war nichts mehr zu retten.

Alles, was er besaß, war ein Haufen Schulden. Bedrängt von seinen Gläubigern, begann er das gesamte Inventar des Hauses zu verkaufen.

Es schmerzte Valessa zutiefst, mitansehen zu müssen, wie die hübschen goldgerahmten Spiegel, die ihre Mutter so geliebt hatte, von den Wänden genommen wurden. Der französische Sekretär, an dem ihre Mutter ihre Briefe zu schreiben pflegte, verschwand über Nacht.

Die Teppiche, die sie von Persien mitgebracht hatten, wurden zusammengerollt und auf einen Karren geladen.

»So kann es doch nicht weitergehen, Papa!« hatte Valessa eines Tages zu ihrem Vater gesagt.

»Ich weiß, Püppchen«, erwiderte er, »und ich schäme mich entsetzlich dafür!«

Dann ließ er sein unbekümmertes Lachen hören, das auf jeden, der es hörte, ansteckend wirkte.

»Ich nehme heute abend an einer Party teil«, sagte er, »und ich habe das Gefühl, daß ich den Haupttreffer landen werde!«

»O . . . nein, Papa!« rief Valessa verzweifelt.

Doch es war sinnlos, ihn davon abbringen zu wollen. Er haßte die Leere und Stille im Haus, die nach dem Tode ihrer Mutter eingezogen waren.

Sie wußte, daß er der Mittelpunkt jeder Party war und deshalb so viele Einladungen erhielt; sie wünschte nur, es wären Leute gewesen, die ihrer Mutter gefallen und die hin und wieder auch sie miteingeladen hätten.

Sie war jetzt erwachsen, aber sie kannte außer den Dorfbewohnern keine Menschenseele, und Little Fladbury war ein sehr kleines Nest.

Natürlich gab es da den Pfarrer, der sie unterrichtet hatte und der ein sehr gebildeter Mann war, er hatte ihr nicht nur die klassische Literatur, sondern natürlich auch die Bibel nahegebracht. Dann gab es noch die Schullehrerin, die Valessa in Mathematik und Geographie unterrichtet hatte, wenn sie nicht zu sehr mit den Dorfkindern beschäftigt war, die keine Lust verspürten, irgendetwas zu lernen.

Doch die wichtigste Quelle, um ihren Wissensdurst zu stillen, war die Bibliothek ihrer Mutter gewesen, die für ein so bescheidenes Haus auffallend umfangreich war.

Ihre Mutter hatte überall in der Welt gute Bücher gesammelt, weil sie eine große Vorliebe für Literatur hatte.

Sie hatte Valessa in Französisch, Italienisch und auch in Spanisch unterrichtet, während sie auf Reisen gewesen waren.

Wenn sie nach Hause zurückkehrten, hatte sie darauf bestanden, daß ihre Tochter die Bücher über das Land, in dem sie gewesen waren, las.

Valessa hatte einen wachen Verstand und eine rasche Auffassungsgabe, und es dauerte nicht lange, bis sie sich mit ihrer Mutter in den verschiedenen Sprachen fließend unterhalten konnte. Sie pflegte die Bücher, die so viele Regale in der Bibliothek füllten, auch zuweilen laut zu lesen.

Die Bücher befanden sich in dem sogenannten Studierzimmer, einem kleinen Raum, der als einziger noch möbliert war.

Als man ihr die Nachricht vom Tod ihres Vaters überbrachte, war Valessa sicher, daß er den Tod gesucht hatte.

Er hatte die Gesellschaft, auf der er den Haupttreffer zu machen hoffte, verlassen, nachdem er, wie sie später erfuhr, eine hohe Summe verspielt hatte, die er nicht besaß.

Sie würde nie erfahren, ob er aus Scham, ihr seine Niederlage eingestehen zu müssen, oder aus Angst vor dem Spott und Hohn seiner sogenannten Freunde aus dem Leben geschieden war.

Spielschulden galten als Ehrenschulden. Jedenfalls war sie überzeugt, daß er freiwillig in den Tod gegangen war. Gewiß, er hatte viel getrunken, als er sein Pferd auf das unüberwindliche Hindernis getrieben hatte. Bei dem unvermeidlichen Sturz hatte er sich das Genick gebrochen.

Sein Tod hatte auch Valessas Schicksal besiegelt.

Der Schneider ihres Vaters nahm ihr den Speisezimmertisch, die Stühle und die Anrichte weg und murrte, daß es nicht genug sei, um seine Unkosten zu decken.

Der Weinhändler hatte alles Wertvolle, das der Salon enthielt, mitgenommen. Der Sattler hatte die Gemälde im Treppenaufgang und auch das Porträt ihrer Mutter über dem Kamin im Arbeitszimmer kassiert.

Die Schlafzimmermöbel gingen an einen anderen Gläubiger. Alles, was man Valessa gelassen hatte, war ihr eigenes Schlafzimmer, dazu einige Dinge, die man für wertlos hielt.

Diesen Gegenständen verdankte sie jedoch, daß sie in den vergangenen sechs Monaten dem Hungertod entronnen war.

Zunächst verkaufte sie Stück für Stück von dem, was die Leute im Dorf haben wollten. Sie gaben ihr für die kleinen Meißner-Figuren und die Statuen heidnischer Götter, die ihr Vater auf seinen Reisen gesammelt hatte, einige wenige Shillings.

Als das alles verkauft war, mußte sie die Bettwäsche gegen Lebensmittel enttäuschen. Damals hatte sie schon erkannt, daß eines Tages auch ihre Aussteuer aufgebraucht sein würde und sie mit leeren Händen dastünde.

In ihrer Verzweiflung hatte sie Anfang dieser Woche den Entschluß gefaßt, aus dem Leben zu scheiden.

Sie sah in ihrer jetzigen Lage keine Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die Leute im Dorf konnten sie auch nicht aufnehmen, denn sie waren selbst arm. Sie lebten von dem Obst und Gemüse, das sie selbst anbauten und auf dem Markt verkauften, der jeden Sonnabend in der kleinen Stadt drei Meilen entfernt stattfand.

Wenn Valessa genügend Geld für eine Fahrkarte nach London hätte aufbringen können, dann hätte sie sich dort um eine Arbeit bemüht. Allerdings bezweifelte sie, daß jemand sie einstellen würde, und hatte auch viel zu viel Angst, allein auf Reisen zu gehen.

Als ihr Vater und ihre Mutter noch lebten, war das etwas anderes gewesen. Da hatte man sie beschützt und sich um sie gekümmert.

Kurz vor Ausbruch der Krankheit ihrer Mutter war ihr bewußt geworden, daß die Männer sie mit Blicken ansahen, die ihr angst machten. Sie brachten ihr nicht mehr nur Schokolade und kleine Geschenke mit, sondern legten auch den Arm um sie und versuchten, sie zu küssen, was ihren Vater sehr erzürnt hatte.

»Laß meine Tochter in Ruhe!« pflegte er zu sagen.

»Dazu ist sie zu hübsch«, hatte ein Mann erwidert. »Du mußt sie in einen Käfig einsperren, wenn sie älter wird, Charles!«

»Auf jeden Fall werde ich Casanovas wie dich von ihr fernhalten!« hatte ihr Vater geantwortet.

Valessa erinnerte sich, daß alle darüber gelacht hatten.

Danach war sie jedes Mal früh zu Bett geschickt worden, wenn ihre Eltern Gäste empfingen.

Als sie in Frankreich waren, durfte sie niemals allein ausgehen, sondern nur in Begleitung Erwachsener.

Wenn sie sich jetzt so im Spiegel betrachtete, dann bezweifelte sie stark, daß noch irgendjemand sie hübsch finden würde, so abgemagert wie sie war, mit den übergroß wirkenden Augen, die das ganze Gesicht zu beherrschen schienen.

Der ständige Hunger, der sie quälte, machte es ihr schwer, überhaupt noch zu lächeln; das Lachen hatte sie längst verlernt.

Ihr Haar hatte früher geglänzt wie gesponnenes Gold, jetzt hing es stumpf und strähnig herunter.

Ihre Augen blitzten nicht mehr so lebhaft wie einst die ihrer Mutter.

Bedächtig, weil ihr jede hastige Bewegung schwerfiel, obwohl sie im Augenblick gesättigt war, begann Valessa sich anzukleiden. Die Kleider, die im Garderobenschrank hingen, waren alle alt und abgetragen, und sie überlegte, welches wohl noch am hübschesten aussehen würde, wenn man sie früher oder später aus dem Fluß zog.

Am wahrscheinlichsten war, daß spielende Kinder sie als erste entdeckten oder vielleicht ein Landarbeiter auf der Suche nach einem Kaninchen oder Hasen für den Kochtopf.

Valessa hatte ebenfalls versucht, eine Kaninchenfalle im Garten aufzustellen, aber sie hatte kein Glück gehabt. Nur eine Krähe hatte sich in der Schlinge verfangen, und diese schwarzen Vögel bedeuteten bekanntlich Unglück. Deshalb hatte sie das Tier befreit und erleichtert aufgeatmet, als es davongeflattert war.

Später erst überlegte sie, daß sie sich vielleicht eine Mahlzeit von der Krähe hätte bereiten können, bezweifelte jedoch, daß das zähe Fleisch genießbar gewesen wäre.

Seufzend griff sie nach dem besten Kleid, das ihr noch geblieben war. Es hatte ihrer Mutter gehört und war ihr viel zu weit, doch sie würde darin wenigstens nicht so armselig aussehen, wenn sie tot war.

Außer der Garderobe ihrer Mutter hatte sie alle Kleider verkauft und herzlich wenig dafür bekommen. Ihre eigenen Kleider war sie schon deshalb nicht losgeworden, weil niemand so schlank war wie sie.

Das einzige einigermaßen ansehnliche Kleidungsstück, das sie besaß, war ein warmer, weiter Mantel, den sie auf ihrem Weg zum Fluß tragen wollte.

Mehrmals hatte sie mit dem Gedanken gespielt, auch ihn gegen ein Stück Fleisch einzutauschen, doch dann überlegte sie sich, daß es auf dem Weg zum Fluß kalt sein könnte und sie Gefahr lief, unterwegs vor Erschöpfung und Kälte zusammenzubrechen und ihr Ziel nie zu erreichen.

Sie konnte nicht schwimmen, und der Fluß führte nach dem anhaltenden Regen im vergangenen Monat genügend Hochwasser, um kurz vor der Schleuse für ihr Vorhaben tief genug zu sein. Der vollgesogene Mantel würde sie dann auch schneller in die Tiefe ziehen, als es ohne ihn der Fall wäre.

Jemand hatte einmal gesagt, der Tod durch Ertrinken sei eine schnelle und angenehme Todesart.

Valessa hatte auch gehört, daß dabei das Leben kaleidoskopartig an einem vorüberziehe und man sich all seiner Sünden und Verdienste im Leben erinnere.

Wenn sie es sich recht überlegte, glaubte sie nicht, mit irgendwelchen Sünden aufwarten zu können, aber vielleicht gab es da eine Überraschung.

Sie knöpfte das Kleid zu, ordnete vor dem Spiegel ihr Haar und ging dann mit entschlossenen Schritten auf den Schrank zu, um den Mantel herauszuholen.

Mittlerweile war es fast Mittag, und da sie keinen Bissen mehr zu essen hatte, sagte sie sich, daß es höchste Zeit wurde, zum Fluß zu gehen. Je eher sie es hinter sich brachte, desto besser.

Sie nahm gerade den Mantel vom Haken, als sie zu ihrem Erstaunen ein Klopfen an der Haustür vernahm.

Sie überlegte, wer das sein könnte.

In der vergangenen Woche hatte niemand sie besucht, und das einzige Mal, daß sie mit jemandem gesprochen hatte, war bei ihrem Gang durchs Dorf gewesen.

Der kleine Ort war etwa eine Viertelmeile von ihrem Haus entfernt, und das war ihr mittlerweile zu weit und zu beschwerlich geworden.

Gestern hatte sie sich noch einmal aufgerafft, um sich die Eier zu holen, die sie heute morgen verspeist hatte.

Erneut ertönte ein Klopfen an der Haustür. Sie legte den Mantel aufs Bett, lief die Treppe hinunter und durch den Flur zur Haustür, um sie zu öffnen.

Draußen standen drei Gentlemen in Jagdröcken, dahinter drei Pferde und zwei Reitknechte.

Dann sah sie, daß einer der Herren eine Dame in Reitkleidung auf den Armen trug.

»Dürfen wir eintreten?« fragte einer der Fremden. »Lady Barton ist gestürzt und hat sich ziemlich schwer am Arm verletzt. Ihr Haus lag der Unfallstelle am nächsten.«

Valessa machte die Tür weiter auf.

»Ja, selbstverständlich«, sagte sie.

Valessa ging voraus, um den unverhofften Besuchern die Tür Zinn Salon zu öffnen. Erst jetzt sah sie, daß Blut von Lady Bartons Hand auf den Fußboden tropfte.

Im Salon gab es nur noch ein schäbiges Sofa, das sie aus einem der Schuppen hierher gezerrt hatte, nachdem das Zimmer völlig ausgeräumt worden war.

Damit hatte sie eine Sitzgelegenheit vor dem Kamin wie zu Lebzeiten ihrer Eltern und konnte sich einbilden, die beiden lebten noch und es sei alles wie früher, wenn sie allein hier saß.

Die Herren betteten Lady Barton, deren Augen geschlossen waren, behutsam auf das Sofa.

Einer schlitzte mit einem Jagdmesser den Ärmel des eleganten Reitkostüms bis zur Schulter auf.

Jetzt wurde die klaffende Wunde sichtbar, die sich vom Ellbogen der Lady bis zum Handgelenk hinzog.

»Wir brauchen Wasser und Verbandszeug«, sagte einer der Männer.

Valessa zuckte zusammen. Ihr wurde erst in diesem Augenblick bewußt, daß sie Lady Barton die ganze Zeit nur angestarrt und nichts getan hatte.

Während sie in die Küche lief, rief sie sich ins Gedächtnis zurück, was sie über Lady Barton wußte.

Little Fladbury war zwar ein abgelegenes Nest, aber trotzdem blühte der Klatsch. Einmal in der Woche traf der Fuhrmann im Dorf ein und brachte immer die letzten Neuigkeiten mit. Außerdem waren zwei Söhne aus einer Häuslerfamilie in Herrschaftshäusern angestellt und hatten immer eine Menge zu erzählen, wenn sie nach Hause kamen.

Lady Barton galt als sagenhaft reich, erinnerte sich Valessa, während sie den Wasserkessel vom Herd nahm. Ihr gehörte Ridgeley Towers, ein prächtiges Herrenhaus, außerdem war sie Besitzerin der erfolgreichsten Rennpferde und der besten Jagdpferde des Countys.

Valessa hatte sich sagen lassen, daß die Dame auch sehr schön sei und abgesehen von ihrem Reichtum vor allem wegen ihrer äußeren Erscheinung von jedem Mann der besseren Gesellschaft in London begehrt werde.

»Das müßtet ihr mal sehen«, sagte der Sohn des Gemüsehändlers im Dorf nach seiner Rückkehr, »die Männer umschwirren sie wie Fliegen den Honigtopf.«

Valessa war auch etwas von wilden Partys zu Ohren gekommen.

»Ihrem alten Herrn hat sie’s zu verdanken«, erzählte man ihr, »der hat mit seinen Schiffen viel, viel Geld gemacht, und einige behaupten, damit wären Sklaven transportiert worden.«

Valessa war starr gewesen vor Entsetzen. Sie hatte viele Aufrufe gegen den Sklavenhandel gelesen und konnte sich vorstellen, daß dieser hohen Profit abwarf, wenn man skrupellos genug war, sich darauf einzulassen. Jedenfalls war Lady Barton als brillante Gastgeberin bekannt, und ihre Gesellschaften waren die glänzendsten Feste weit und breit.

Die Söhne des Gemüsehändlers wußten zu berichten, daß die Dienstboten dabei so schuften mußten, daß sie sich abends kaum noch auf den Beinen halten konnten.

Als Valessa das erste Mal von Lady Barton gehört hatte, glaubte sie, die Dame müsse schon ziemlich alt sein. Dann erfuhr sie jedoch, daß sie Witwe und noch nicht einmal dreißig Jahre alt war.

Sie ist wirklich schön! dachte Valessa und goß heißes Wasser in eine Schüssel. Zum Glück besaß sie noch ein Leinentuch, das zu zerschlissen war, um es gegen etwas Eßbares einzutauschen. Damit lief sie in den Salon zurück.

Lady Barton hatte jetzt die Augen geöffnet und trank einen Schluck Brandy aus der Taschenflasche, die ihr einer der Herren an die Lippen hielt.

»Ah, da sind Sie ja!« rief der Mann, der sie gebeten hatte, Wasser zu holen.

Sie stellte die Schüssel ab.

»Ich hole noch ein paar Leinentücher von oben, um die Wunde zu verbinden.«

»Und bringen Sie gleich was mit, um das Blut wegzuwischen«, sagte er in barschem Ton.

Valessa fühlte sich wie ein Dienstmädchen herumkommandiert, aber angesichts ihrer ärmlichen Kleidung war das nicht weiter verwunderlich.

Sie lief nach oben und riß ihre eigenen Bettlaken in schmale Streifen, denn andere Leinentücher besaß sie nicht mehr. Damit lief sie wieder nach unten.

Diesmal hörte sie Lady Barton reden.

»Das reicht, Harry«, sagte sie und schob die Flasche mit ihrer unverletzten Hand beiseite. »Wenn ich mehr trinke, bekomme ich einen Schwips.«

»Hauptsache, du bist am Leben, Sarah«, sagte einer der Männer.

»Wie konnte ich nur so ungeschickt sein, an diesem Zaun zu stürzen?« fragte Lady Barton ungehalten.

Valessa trat zu ihr und stellte fest, daß sich noch keiner um ihren verletzten Arm gekümmert hatte. Das sollte offenbar sie tun.

»Könnten Sie bitte«, sagte sie zu einem der Männer, »ein Stück von dem Tuch abschneiden, damit ich die Wunde am Arm von Mylady auswaschen kann?«

Ihr Tonfall ließ keinen Widerspruch gelten.

»Sie könnten mir danach auch diese Leinenstreifen reichen.«

Der Angesprochene schaute sie verdutzt an, doch Valessa ließ sich nicht beirren.

Sie kniete sich neben das Sofa und stellte die Wasserschüssel zurecht.

Der Mann starrte sie immer noch fassungslos an.

»Na los, Cyril! Mach dich ein bißchen nützlich!«

»Ich sehe gar nicht ein, warum ich die ganze Dreckarbeit tun soll«, entgegnete Cyril, »und ihr mich nur herumkommandiert.«

»Wenn du nicht mal so viel für mich tun willst«, jammerte Lady Barton wehleidig, »lade ich dich nie wieder ein.«

»Für dich tue ich doch alles«, beeilte sich Cyril zu versichern.

»Das gilt natürlich für uns alle«, fügte Harry hinzu.

Cyril schnitt ein taschentuchgroßes Stück Leinen ab und reichte es Valessa.

»Ich hoffe, es tut nicht allzu sehr weh«, sagte sie zu Lady Barton, »aber ich muß die Wunde säubern.«

Lady Barton sah sie zum ersten Mal an.

»Wer sind Sie?« fragte sie. »Und was machen Sie in diesem leeren Haus?«

»Ich . . . wollte gerade gehen«, sagte Valessa leise.

Sie begann behutsam die Wunde auszuwaschen. Lady Barton stieß einen Schmerzenslaut aus.

»Das tut weh!« klagte sie.

»Verzeihen Sie.«

»Nimm noch einen Schluck«, schlug Harry vor.

»In Ordnung. Das ist auf jeden Fall besser, als solche Schmerzen ertragen zu müssen.«

Harry reichte ihr die Brandyflasche, und sie nahm einen kräftigen Schluck.

»Verdammt!« rief sie. »Die Saison ließ sich so prächtig an. Ich würde etwas vermissen, könnte ich nicht mehr teilnehmen.«

»Du hattest nur Pech, daß du ausgerechnet an diesem Gatter gestürzt bist«, sagte Harry. »Wyndonbury hat ihn mit Bravour genommen.

»Leider«, bemerkte Lady Barton. »Ich hoffe, er hat sich beim nächsten Hindernis das Genick gebrochen!«

»Gütiger Himmel!« rief der Mann, der zuerst mit Valessa gesprochen hatte. »Ich dachte, du würdest ihm genauso zu Füßen liegen wie alle anderen weiblichen Wesen!«

»Das hast du gut ausgedrückt, Roland!« warf Harry ein.

»Wenn du es genau wissen möchtest«, sagte Lady Barton, »ich hasse ihn wie die Pest!«

Valessa hielt den Atem an.

Lady Barton mochte sehr reich und sehr schön sein, aber ihre Mutter wäre schockiert gewesen, hätte sie die Dame so vulgär reden hören.

Harry ließ sich am anderen Ende des Sofas nieder.

»Was soll das?« fragte er verwundert. »Ich hab schon nach einem Hochzeitsgeschenk Ausschau gehalten.«

»Spar dir dein Geld!« bemerkte Lady Barton mürrisch.

»Aber wieso denn? Was ist passiert?« fragte Harry.

»Frag doch den edlen Marquis danach. Er wird dir die passende Antwort geben.«

Lady Barton spie diese Worte förmlich aus.

Valessa, die immer noch damit beschäftigt war, die Wunde zu reinigen, dachte sich, daß der Brandy sehr stark gewesen sein mußte. Cyril hatte zwei Verbandsstreifen vom Tuch abgeschnitten und reichte sie ihr.

»Wenn Wyndonbury dich beleidigt hat, drehen wir ihm den Hals um«, sagte er.

»Dann tut das!« erwiderte Lady Barton heftig. »Er hat es verdient!«

»Was hat er nur verbrochen?« wollte Roland wissen. »Ihr zwei wart doch immer wie die Turteltäubchen.«

Lady Barton preßte die Lippen zusammen, dann würgte sie hervor: »Wenn ihr die Wahrheit wissen wollt - und da ihr meine besten Freunde seid, gibt es keinen Grund, sie euch zu verschweigen - er hat mir erklärt, ich sei nicht gut genug für ihn!«

Einen Augenblick lang herrschte betroffenes Schweigen.

»Was meinst du damit?« fragte Harry schließlich. »Was soll das heißen?«

»Letzte Nacht habe ich mich erdreistet, Seine Hoheit darauf aufmerksam zu machen, daß wir uns doch so gut verstehen und eigentlich für immer zusammenbleiben könnten«, erwiderte Lady Barton.

Roland schwieg überrascht, doch Harry sagte: »Das nahm ich auch an. Wenn ihr zwei ein Paar würdet, dann wärt ihr im Besitz der bedeutendsten Rennställe des Landes!«

»Das dachte ich auch«, erwiderte Lady Barton, »denn selbst er mußte zugeben, daß meine Tiere besser sind als seine!«

»Was ist also passiert?« fragte Roland.

»Das habe ich euch doch gerade erzählt. Er sagte zu mir: ,Meine liebe Sarah, du bist sehr schön und sehr aufregend! Doch wenn ich mich vermähle, dann nur mit einer Frau, die meine Familie als standesgemäß akzeptiert.‘«

»Ich kann es einfach nicht glauben!« rief Harry. »Diese Arroganz steht doch keinem Mann zu!«

»O doch, ihm schon!« rief Cyril grimmig.

Er richtete sich steif auf und fuhr mit völlig veränderter Stimme fort:»Schließlich und endlich müßte euch unbedeutenden Knaben doch einmal klarwerden, daß ich Marquis bin und auf höchster gesellschaftlicher Stufe stehe!«

Die Art, wie er das sagte, mußte eine sehr treffende Imitation der Stimme des Marquis von Wyndonbury sein, denn sowohl Harry als auch Roland brachen in brüllendes Gelächter aus.

»Das ist er, wie er leibt und lebt, Cyril!« rief Harry begeistert. »Ich hatte ganz vergessen, wie gut du Stimmen imitieren kannst!«

»Warum hat mir das noch keiner erzählt?« fragte Lady Barton unwillig.

»Ich hatte es vergessen«, erwiderte Harry. »Als wir zusammen in Eton waren, hat er immer Prügel bezogen, weil er die Lehrer so treffend nachahmte und den Direktor lächerlich machte.«

Er lachte, als er sich daran erinnerte, dann fuhr er fort:»Er konnte jede Stimme täuschend echt nachahmen und erteilte mit der Stimme des Internatsleiters den Jungs Befehle, um sie dazu zu bringen, die verrücktesten Dinge zu tun, bevor ihnen dämmerte, daß Cyril dahintersteckte.«

»Imitiere den Marquis noch einmal«, bat ihn Lady Barton.

Cyril richtete sich steif auf.

»Was ich euch Knaben zu verstehen geben möchte«, sagte er, »ist folgendes: Ich gebe mich nur mit gewöhnlichen Burschen wie euch ab, weil wir alle an Pferden interessiert sind. Ansonsten finde ich euch unter Niveau und kann natürlich nicht darüber hinwegsehen, daß euer Blut die falsche Farbe hat.«

Erneut brachen alle in dröhnendes Gelächter aus, und auch Valessa mußte unwillkürlich über die gelungene Darbietung lächeln.

Sie hatte Lady Bartons Wunde gesäubert und wandte sich, als das Lachen allmählich verebbte, an Cyril: »Würden Sie mir bitte noch ein Stück Leinen abschneiden, damit ich es auf die Wunde legen kann?«

»Selbstverständlich. Sie scheinen eine sehr gute Krankenschwester zu sein.«

»Ich mußte meinen Vater gelegentlich verbinden, wenn er beim Reiten gestürzt war.«

»Ihr Vater besitzt Pferde?«

»Er hatte nur wenige«, gab Valessa in abweisendem Ton zu, weil sie kein Verlangen hatte, mit diesen unbekümmerten jungen Männern über ihren Vater zu reden. Außerdem hatte sie das dumpfe Gefühl, daß sie von ihm gehört haben könnten.

»Wißt ihr, was ich jetzt brauchen könnte«, sagte Lady Barton, während Valessa ihr den Arm verband, »eine kleine Stärkung, etwas zu essen.«

Erwartungsvolle Stille trat ein, und Valessa hatte das Gefühl, daß alle sie ansahen.

»Tut mir . . . sehr leid«, sagte sie stockend, »aber . . . aber es ist nichts im Haus.«

»Wieso nicht?«

Lady Barton starrte sie ungläubig an.

»Weil. . . weil ich gerade fortgehen wollte und alles, was noch da war, aufgegessen habe.«

Sicher war es ein Fehler, die Wahrheit zu sagen, aber sie sah keinen anderen Ausweg.

Sie spürte, daß alle sie ansahen, als hätten sie sie jetzt erst richtig wahrgenommen.

»Sie sind sehr dünn«, sagte Lady Barton gedehnt, »soll das etwa heißen . . .«

»Ich habe für Ihren Arm getan, was ich konnte, Mylady«, sagte Valessa steif. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, dann bringe ich das schmutzige Wasser weg.«

Sie erhob sich, nahm die Schüssel mit dem rotgefärbten Wasser und den Wasserkessel auf und verließ den Raum.

In dem Augenblick, als sie die Tür von außen schloß, hörte sie Lady Barton sagen: »Ich habe eine Idee! Jetzt hört mir mal alle genau zu . . .«

2

Valessa schüttete das schmutzige Wasser in den Ausguß und stellte die Schüssel auf den Küchenboden.

Sie fühlte sich plötzlich erschöpft und ausgelaugt.

Langsam ließ sie sich auf den einzigen Küchenstuhl sinken, der ihr noch geblieben war.

Daneben stand ein kleiner Arbeitstisch mit einem abgebrochenen Bein, der auf Ziegelsteinen stand.

Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und schlug die Hände vors Gesicht.

Da sie hastig die Treppen hochgelaufen war, um das Leinentuch für den Verband zu holen, hatte sie sich offenbar übernommen.

Ihr war schwindlig, und alles um sie drehte sich. Sie wußte, daß es eine ernst zu nehmende Schwäche war; womöglich würde sie jetzt vielleicht nicht mehr genügend Kraft haben, um sich bis zum Fluß zu schleppen.

Sie saß eine Weile still da und versuchte, tief durchzuatmen. Sicher würden Lady Barton und ihr Gefolge bald das Haus verlassen. Sie würden lachen und in angeregter Unterhaltung die Diele durchqueren, und es hätte sich vielleicht gehört, daß sie ihre Gäste zur Tür begleitete.

Dann hielt sie es doch nicht für der Mühe wert, weil sie diesen Leuten ohnehin niemals wiederbegegnen würde.

Schritte näherten sich der Küchentür. Kurz danach betrat der Mann namens Harry die Küche.

»Ich habe mich gefragt, wo Sie bleiben.«

»Werde ich . . . gebraucht?« fragte Valessa müde.

Sie wußte, daß es sie unendliche Kraft kosten würde, sich vom Stuhl zu erheben und in den Salon zurückzugehen. Harry sah sie an. Sie bemerkte nicht, wie er aufmerksam ihr blasses, schmales Gesicht betrachtete und daß ihm der Ausdruck der Verzweiflung in ihren großen Augen nicht entging. In diesem Augenblick schien er zu erkennen, was mit ihr los war.

»Warten Sie einen Augenblick«, bat er sie leise.

Mit langen, energischen Schritten verließ er die Küche, durchquerte die Diele und öffnete die Haustür.

Valessa verspürte den Wunsch, hinauszugehen und sich die Pferde anzuschauen, aber sie fühlte sich zu schwach, um auch nur ans Fenster treten zu können.

Sie hatte vorgehabt, Lady Barton und ihren Begleitern nachzuschauen, wenn sie davonritten.

Zu ihrem Erstaunen kam Lady Bartons Begleiter kurz darauf zurück. Er trug einen Gegenstand in der Hand, den er auf dem Küchentisch abstellte. Es war eine silberne Sandwichdose, wie ihr Vater sie immer in der Satteltasche hatte, wenn er auf die Jagd ging.

Auch eine flache Flasche mit Silberbecher hatte er mitgebracht, die vermutlich Brandy enthielt.

»Ich glaube, Sie können etwas zu essen brauchen«, sagte Harry.

Valessa erwiderte nichts. Er mußte entweder Hellseher sein oder ein besonders scharfer Beobachter, wenn ihm das aufgefallen war.

Er öffnete die Dose. Die Sandwiches, die er sich wohl für den Lunch mitgenommen hatte, waren noch unberührt. Ohne ein Wort zu sagen, begab er sich zum Wandschrank, der eingebaut war und deshalb nicht verkauft werden konnte, entnahm ihm einen der angeschlagenen Teller und das einzige Glas, das Valessa noch besaß. Das übrige Geschirr hatte sie einer Bauersfrau verkauft. Harry legte die Sandwiches aus der Dose auf den Teller und reichte ihn Valessa.

»Essen Sie«, forderte er sie auf, »während ich etwas mit Ihnen bespreche.«

»Was . . . denn?« fragte sie benommen.

»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen«, erwiderte er. »Sie sollten lieber einen Schluck trinken.«

Er goß etwas Brandy ins Glas und verdünnte ihn mit Wasser aus einem Krug, der auf dem Herd stand.

Es war heute morgen äußerst mühsam für Valessa gewesen, die Pumpe im Hof zu betätigen. Das Gerät war völlig verrostet und steif vom Nachtfrost.

Trotzdem war es Valessa gelungen, den Kessel und den Krug zu füllen, damit sie genügend Trinkwasser hatte.

Er stellte das Glas auf den Tisch.

»Trinken Sie vor dem Essen einen Schluck«, drängte er.

»Nein . . . nein, lieber nicht.«

»Tun Sie, was ich Ihnen sage!« befahl er ihr herrisch.

Da es leichter war, dem Befehl zu folgen, als zu widersprechen, kam Valessa der Aufforderung nach.

Der scharfe Alkohol schien ihre Lebensgeister wiederzuerwecken.

Ihr Gesicht bekam etwas Farbe, und sie hörte Harry sagen: »Und nun essen Sie etwas, während wir uns unterhalten.«

Da es für ihn keine Sitzgelegenheit gab, setzte er sich vorsichtig auf die Tischkante, denn ihm war nicht entgangen, daß eines der Tischbeine durch Ziegelsteine ersetzt worden war.

Er schien die Initiative übernommen zu haben, während Valessa an einem der Sandwiches knabberte, die ihr wie ein Geschenk Gottes erschienen.

Es war mit Leberpastete belegt, und sie gestand sich ein, daß sie lange nicht mehr etwas so Köstliches gegessen hatte.

Ohne sich lange zu zieren, streckte sie die Hand aus und nahm sich noch ein Sandwich.

Dann schämte sie sich, daß sie sich so ungezwungen selbst bedient hatte, und blickte unsicher zu Harry auf.

»Beginnen wir ganz von vorn«, sagte er und sah sie an. »Mein Name ist Sir Harold Grantham, aber alle Welt nennt mich Harry.«

»Ich bin Valessa Chester.«

»Ein hübscher Name«, bemerkte Harry. »Also, Miss Chester, wir brauchen Ihre Hilfe.«

»Meine . . . Hilfe?« stammelte Valessa überrascht.

Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie diesen Herren oder Lady Barton in irgendeiner Weise behilflich sein könnte.

»Es ist eigentlich ganz einfach«, sagte er. »Lady Barton will eine ganz besondere Scharade aufführen, um ihre Gäste zu unterhalten, und bittet Sie, dabei eine Rolle zu übernehmen.«

Valessa blickte ihn verwirrt und verständnislos an.

»Ich ... ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Essen Sie weiter, während ich es Ihnen erkläre.«

Valessa blickte auf den Teller und stellte erstaunt fest, daß sie bereits zwei Sandwiches aufgegessen hatte, ohne sich dessen bewußt zu sein.

Sie zögerte kurz, dann nahm sie sich noch eines.

»Da Sie in der Nachbarschaft wohnen«, begann Sir Harold, »haben Sie sicher schon von Lady Bartons prächtigen Festen gehört.«

»Aber natürlich.«

»Sie denkt sich immer etwas Neues, besonders Originelles aus, um ihre Gäste zu amüsieren.«

Harry machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er fortfuhr: »Das ist nicht immer leicht, zumal die Gäste einander alle sehr gut kennen und meist erraten können, was sie erwartet.«

Valessa unterbrach ihn mit keinem Wort.

»Mylady kam deshalb der Gedanke, daß Sie, eine Unbekannte, für alle eine Überraschung sein könnten, die sie neugierig macht und ihr Interesse erregt«, erklärte Harry.

Er sah sie forschend an, um herauszufinden, ob sie seinen Ausführungen so weit hatte folgen können.

Valessa nahm einen kleinen Schluck Brandy.

»Ich verstehe . . . aber . . . aber ich kann mir nicht denken, daß ich irgendetwas tun oder sagen könnte, was andere amüsant finden.«

»Ich werde Ihnen schon sagen, was Sie zu tun haben.«

»Was . . . was soll das denn sein?«

Er lächelte.

»Ich finde, es macht mehr Spaß, wenn es auch für Sie eine Überraschung ist, genauso wie für die anderen. Alles, was Sie zunächst zu tun haben, ist, mit uns nach Towers zu kommen.«

Valessa legte den Rest des Sandwichs, das sie gerade angebissen hatte, auf den Teller zurück.

»Das . . . kann ich nicht, auf gar keinen Fall!«

»Warum denn nicht?«

Sie blickte auf ihr abgetragenes Kleid.

»Natürlich.«

Sir Harold hatte sie auch ohne Worte verstanden.

»Da sie von hier fort wollten, haben Sie Ihr Gepäck vermutlich vorausgeschickt. Aber keine Angst, Lady Barton wird Sie mit allem Notwendigen ausstatten.«

»Sie . . . meinen Kleider?« fragte Valessa benommen.

»Ich meine sehr schöne, zauberhafte und elegante Roben«, erklärte Harry mit Nachdruck.

Er erwartete, daß Valessas Augen aufleuchten würden, wie es bei jeder anderen Frau der Fall gewesen wäre, aber sie starrte ihn nur ungläubig an.

Dann fragte sie tonlos: »Ist das ... ein Scherz?«

»Nein, natürlich nicht«, sagte er unwillig. »Wie können Sie so von uns denken, nachdem Sie so hilfsbereit waren und sich so fachmännisch um Lady Bartons Arm gekümmert haben? Sie ist Ihnen außerordentlich dankbar dafür.«

Er hatte wohl das Gefühl, Valessa noch nicht so recht von der Ernsthaftigkeit seines Vorschlags überzeugt zu haben.

»Verstehen Sie, sie möchte Ihnen danken, indem Sie als Gast in Ihr Haus kommen. Außerdem soll ich Ihnen noch etwas ausrichten.«

»Was denn?« fragte Valessa.

»Wenn Sie sich bereit erklären, in dieser Scharade zum Amüsement ihrer Gäste mitzuspielen, erhalten Sie zweihundert Pfund.«

»Zweihundert Pfund?« wiederholte Valessa verblüfft.

Sie hatte das untrügliche Gefühl, daß etwas nicht stimmte.

Entweder würde Lady Barton etwas Ungehöriges oder etwas ganz Gemeines von ihr verlangen, sonst würde sie ihr nicht eine solche Summe anbieten.

Vielleicht wollten sich Lady Barton und ihre Freunde einfach nur über sie lustig machen.

Dann wurde ihr plötzlich bewußt, daß die zweihundert Pfund sie davor bewahren könnten, ins Wasser gehen zu müssen.

Sie könnte dank dieser Summe nach London fahren und sich dort nach einer Stellung umsehen. Vielleicht konnte sie sich als Gesellschafterin oder als Gouvernante bewerben und damit ihren Unterhalt verdienen.

Zumindest gäbe es keinen Grund mehr zu einer voreiligen Handlung, und ihr bliebe genügend Zeit, sich alles genau zu überlegen und . . . weiterzuleben.

Diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf.

Dann spürte sie, daß Harry sie intensiv beobachtete und ihre Bedenken zu erraten schien.

»Der Vorschlag mag Ihnen seltsam erscheinen«, sagte er ruhig, »aber finden Sie nicht, daß das Ganze ein herrliches Abenteuer werden könnte? Und wie trist wäre das Leben ohne Abenteuer!«

»Aber . . . angenommen, ich . . . ich kann das, was Sie von mir erwarten, nicht zu Ihrer Zufriedenheit ausführen«, stammelte Valessa, »und . . . und bin eine völlige Fehlbesetzung.«

Harry lächelte.

»Selbst dann würden Sie die zweihundert Pfund bekommen und elegante Kleidung, die, das versichere ich Ihnen, von den teuersten Modeateliers in der Bond Street stammt.«

»Ich . . . kann es einfach nicht glauben!«

»Das sollten Sie aber!« unterbrach Harry sie mit Nachdruck. »Sie sind doch ein kluges Mädchen: Es ist doch weit angenehmer, Gast bei Lady Barton zu sein, als allein in diesem leeren Haus zu bleiben, dessen Dach bestimmt auch noch undicht ist!«

Valessa mußte lachen über seine trockene Art.

»Dann wäre das also geklärt«, stellte Harry fest. »Überlassen Sie alles andere mir. Ich bringe Sie auf der Bühne so groß heraus, daß Sie der Star der Darbietung sein werden und alle Sie bewundern.«

»Aber wenn ich Sie nun enttäusche«, wandte Valessa zaghaft ein. »Dann sind Sie wütend auf mich -«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich immer freundlich zu Ihnen sein werde. Sie brauchen nur das zu tun, worum ich Sie bitte.«

Er erhob sich.

»Machen Sie sich jetzt reisefertig«, sagte er. »Ich teile inzwischen den anderen mit, daß Sie mit unserem Vorschlag einverstanden sind. Lady Barton wird Ihnen sehr dankbar sein.«

Er ging zur Tür.

»Wann . . . soll ich aufbrechen?« fragte Valessa benommen.

»Sobald die Kutsche hier eintrifft, nach der ich sofort nach Lady Bartons Unfall geschickt habe. Sie dürfte jeden Augenblick vorfahren.«

Valessa erhob sich.

»Ich hole nur noch meinen Mantel.«

»Nehmen Sie die Sandwiches mit und trinken Sie den Rest Brandy aus!«

Das war ein Befehl. Valessa ahnte, daß er sie auf die Probe stellen wollte.

»Ja«, sagte sie gehorsam.

Lady Bartons Begleiter verließ die Küche und zog wenig später die Salontür hinter sich zu.

Valessa nahm die Sandwiches und das Glas Brandy, das noch ziemlich voll war, in die Hand und ging die Treppe hinauf.

Ihr war, als hätte sie das alles nur geträumt. Alles war so unwirklich, so verwirrend und aufregend zugleich.

Im Schlafzimmer sah sie ihren Mantel auf dem Bett liegen und erinnerte sich, daß sie ihn hatte tragen wollen, damit sie im Fluß schneller unterging.

»Das kann doch alles nicht wahr sein!« murmelte sie vor sich hin.

Sie stellte den Teller ab, aß noch rasch ein Sandwich, als fürchte sie, es wäre auch Einbildung und könne jeden Augenblick verschwinden.

Aus Angst, der Schwächeanfall, den sie vorhin in der Küche erlitten hatte, könnte sich wiederholen, aß sie alles bis auf den letzten Krümel auf und trank den Rest Brandy, bevor sie in den Mantel schlüpfte.

Wohlige Wärme breitete sich in ihrem Innern aus, wie sie sie lange nicht mehr gespürt hatte, und ein Blick in den Spiegel zeigte ihr, daß ihre Wangen gerötet waren.

Hastig griff sie nach dem einzigen Hut - er hatte ihrer Mutter gehört -, der ihr geblieben war.

Eines Tages hatten Valessa, ihr Vater und ihre Mutter in dem nahe gelegenen Marktflecken einen Pferdemarkt besucht.

Ihr Vater hatte dort zwei Pferde ersteigert, die er sich eigentlich gar nicht leisten konnte, und hatte Valessas Mutter danach einen Hut gekauft,

Elizabeth Chester hatte sich gegen die unnötige Ausgabe gewehrt, aber er hatte darauf bestanden.

»Ich will, daß du hübsch aussiehst, Liebling, und alle anderen Frauen grün werden vor Neid, wenn sie dich sehen.«

»Neidisch sind sie höchstens, weil ich dich habe.«

»Für immer und ewig«, hatte ihr ihr Gatte versichert.

Valessa erinnerte sich, wie bezaubernd ihre Mutter ausgesehen hatte, wenn er ihr so nette Dinge sagte, wie ihre Augen geleuchtet und ein Lächeln ihre Lippen umspielt hatte.

Während sie vor dem Spiegel stand und den Hut aufsetzte, dachte sie versonnen:

Wenn ich sterbe, bevor jemand so etwas zu mir gesagt hat, war mein Leben sinnlos, denn ich würde nie erfahren, wie wunderschön Komplimente sein können.

Ihr Blick glitt über den altmodisch geschnittenen Mantel und das schäbige Kleid darunter, und sie erkannte, daß sie zu viel erwartete.

Durch ein Wunder war sie vor dem Tod durch Ertrinken gerettet worden. Mehr zu verlangen wäre vermessen gewesen.

»Zweihundert Pfund!« flüsterte sie vor sich hin. »Aber wenn ich nun versage . . . dann wird man mir das Geld bestimmt nicht geben.«

Zumindest würde sie Ridgeley Towers kennenlernen, tröstete sie sich. Und wenn sie freundlich und höflich zu Lady Barton war, würde sie ihr vielleicht eine Stellung besorgen.

Selbst der Posten eines Dienstmädchens war besser als gar nichts. Unten hörte sie, daß die Salontür geöffnet wurde, dann hörte sie Gemurmel und schließlich Harrys Stimme, der nach ihr rief:»Sind Sie fertig, Valessa? Die Kutsche ist vorgefahren!«

»Ja, ich bin bereit«, erwiderte Valessa.

Sie sah sich noch einmal in ihrem Schlafzimmer um und konnte es selbst kaum glauben, daß es nichts gab, was sie mitnehmen mußte.

Doch was machte das schon aus?

Sie hatte alles verkauft, was nicht zu abgetragen oder beschädigt war, um sich über Wasser zu halten.

Hastig, um von diesen trüben Gedanken loszukommen, verließ sie den Raum und lief die Treppe hinunter.

Lady Barton trat gerade, von einem der anderen Begleiter gestützt, aus dem Salon.

Sie lachte und sah dabei sehr hübsch aus. Ihr goldblondes Haar erfüllte die düstere Halle mit Glanz. Valessa war zu unwissend, um zu erkennen, daß diese Schönheit in erster Linie einer Farbkur zu verdanken war.

Cyril, der neben der Lady Barton stand, rief bei Valessas Anblick: »Da ist ja unsere Hauptdarstellerin!«

»Du solltest sie nicht noch mehr verwirren«, mahnte Harry. »Sie fürchtet, sich als Fehlbesetzung zu erweisen. Wir müssen alle sehr nett zu ihr sein.«

»Aber gewiß doch«, sagte Lady Barton. »Es wird mir eine Freude sein, Ihnen mein Haus zu zeigen.«

Valessa hatte die unterste Stufe erreicht und wandte sich an Lady Barton.

»Sind Sie ganz sicher, daß ... Sie mich brauchen?« fragte sie beklommen.

»Aber natürlich«, versicherte ihr Lady Barton lachend.

Harry trat einen Schritt näher.

»Ihr beide werdet mit der Kutsche fahren«, entschied er. »Wir reiten quer durchs Gelände und sind dann schon da, wenn ihr ankommt.«

»Das ist eine hervorragende Idee!« rief Lady Barton.

Roland war ihr beim Einsteigen in die elegante Kutsche, die vor dem Haus auf sie wartete, behilflich.

Lady Barton nahm in der Mitte des Rücksitzes Platz, um genügend Platz für ihren verletzten Arm zu haben. Valessa drückte sich in die gegenüberliegende Ecke und hoffte nur, daß die Kutsche nicht zu sehr schwankte und die Bewegungen Lady Barton keine allzu großen Schmerzen verursachten.

»Bis später, Sarah!« rief Harry, als sich die Kutsche in Bewegung setzte. »Und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe!«

Valessa warf einen Blick auf ihr Elternhaus und hatte wieder das Gefühl, daß alles nur ein Traum sei.

Wenn einer der Dorfbewohner sie neben Lady Barton in der prächtigen Kutsche sah, würde er gewiß seinen Augen nicht trauen.

»Jetzt müssen Sie mir aber alles über sich erzählen«, bat Lady Barton liebenswürdig. »Harry sagte mir, Ihr Name sei Valessa.«

»Valessa Chester, Mylady.«

»Da Sie sich bereit erklärt haben, mir zu helfen, sollten wir die förmliche Anrede weglassen«, entschied Lady Barton. »Ich heiße Sarah.«

Valessa sah sie entgeistert an, sagte aber nichts.

»Vermutlich hat Harry sich Ihnen bereits vorgestellt«, plauderte Lady Barton ungezwungen. »Die anderen beiden Herren sind Lord Roland Freeman, und Lord Cyril Fane.«

Die Namen und Titel klangen sehr beeindruckend, fand Valessa. Von den drei Herren war ihr Harry der liebste, sie fragte sich aber ängstlich, welche Befehle er wohl für sie haben mochte.

»Ich gebe gerade eine besonders große und glanzvolle Gesellschaft«, hörte sie Lady Barton sagen, »anläßlich eines Steeplechase. Der Zeitpunkt dafür ist zwar ziemlich ungewöhnlich, aber es sollte eine Herausforderung an Marquis von Wyndonbury sein.«

Ihre Stimme klang plötzlich hart.

»Er hält sich selbst für den besten Springreiter des Landes und seine Pferde für die besten weit und breit. Doch ich bin sicher, daß ich ihn schlagen kann.«

Valessa merkte sich den Namen. Offensichtlich handelte es sich um denselben Marquis, über den sich die Runde im Salon unterhalten hatte.

Er schien Lady Barton in irgendeiner Form verärgert zu haben und war vermutlich ein hochnäsiger, dünkelhafter Mensch.

Doch ihr Interesse galt mehr den Pferden.

»Man hat mir oft davon erzählt, wie hervorragend Ihre Pferde sind, und mein Vater war stets voller Bewunderung, wenn er eines davon auf der Jagd zu sehen bekam.«

»Mein Vater war es, der unser Gestüt berühmt gemacht hat«, erzählte Lady Barton selbstgefällig. »Ihm habe ich es zu verdanken, daß meine Rennpferde eine Vielzahl klassischer Turniere gewonnen haben.«

Sie erwähnte nicht, daß ihr Vater in Liverpool geboren worden war und sein Vermögen dort gemacht hatte.

Frederick Wicket hatte sehr früh erkannt, daß er nur dann gesellschaftliche Achtung erlangen würde, wenn er die englischen Herrenreiter auf ihrem Spezialgebiet ausstach.

Sein Vater war ein unbedeutender Anwalt gewesen, der ihm jedoch eine gute Ausbildung ermöglicht hatte.

Er hatte an der Universität ein Stipendium erhalten und mit eiserner Disziplin einen akademischen Titel erworben, fest entschlossen, es eines Tages zum Millionär zu bringen.

Er hatte sich in der Schiffahrtsindustrie hochgearbeitet und sich mit einem Reeder zusammengetan, der kinderlos geblieben war.

Nach dem Tod seines Gönners hatte er zwei Schiffe und genügend Geld geerbt, um seine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen.

Nur eine Naturkatastrophe hätte Fred Wicket danach noch davon abhalten können, sein Ziel zu erreichen.

Mit eiserner Willenskraft und ausgeprägtem Geschäftssinn gelang es ihm, seine Konkurrenten aufzukaufen oder ihren Bankrott zu lancieren, bis ihm die größte Handelsflotte in Nordengland gehörte.

Ihm war völlig gleichgültig, was er auf seinen Frachtern beförderte, ob Sklaven, Kohle oder Baumwolle. Hauptsache er kam auf seine Kosten.

Er war bereits Anfang Vierzig, als er sich entschloß, eine Familie zu gründen. Seine Wahl fiel auf die Tochter eines verarmten Landedelmannes, der sein Glück, einen so vermögenden Schwiegersohn zu bekommen, nicht fassen konnte.

Fred Wicket erwarb ein Haus in Lancashire und bemühte sich, ein echter Landjunker zu werden.

Seine Frau, die ihn liebte, förderte seinen gesellschaftlichen Ehrgeiz und sorgte dafür, daß seine Manieren und sein Auftreten nichts zu wünschen übrigließen.

Ihr verdankte er den Zutritt zu jenen Kreisen, die ihn bisher als Emporkömmling behandelt und mit Verachtung gestraft hatten. Mit einem ausgeprägten Gespür für das, was die Situation erforderte, überredete sie ihn dazu, Rennstallbesitzer zu werden. So entschlossen er früher gewesen war, mehr Schiffe zu besitzen als jeder andere Reeder, stand für Fred Wicket nunmehr fest, daß er die besten und schnellsten Pferde haben mußte.

Bald war es für jeden Veranstalter von Pferderennen unmöglich, ihn zu übergehen.

Danach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis diejenigen, die ihn früher hochnäsig ignoriert hatten, ihn als gesellschaftsfähig anerkannten.

Er war entschlossen, seine Tochter gut zu vermählen. Da sie sein einziges Kind war, galt sie als glänzende Partie.

Lionel Barton war der älteste Sohn eines Baronets, dessen Stammbaum bis in die Zeit von Jakob I. zurückreichte.

Er war nicht so bedeutend, wie Fred Wicket es sich wünschte, aber Sarah, die erst siebzehn war, verliebte sich unsterblich in Lionel, und ihr Vater mochte ihrem Glück nicht im Wege stehen.

Ihr Gemahl erbte den Titel genau eine Woche vor seinem tödlichen Unfall. Für Sarah war sein Tod eine Tragödie.

Fred Wicket sah es von der praktischen Seite. Ihre Ehe hatte sie in den Besitz des begehrten Adelstitels gebracht, und der Herr Papa hielt bereits nach dem nächsten standesgemäßen Gemahl für sie Ausschau.

Doch dann erlitt er, ganz plötzlich und unerwartet, ein Jahr nach dem Tod seiner Gattin einen tödlichen Herzanfall.

Sein Leben lang hatte er hart gearbeitet und sich nur wenig gegönnt. Mit geradezu fanatischem Willen hatte er sich darauf konzentriert, ein Finanzimperium aufzubauen und sich gleichzeitig zum König des Pferderennsports zu machen.

Sarah hatte die Zielstrebigkeit und den eisernen Willen ihres Vaters geerbt.

Sobald das Trauerjahr vorüber war, verkaufte sie das Haus in Lancashire, das sie niemals als angemessen für ihre Freunde aus der Beau Monde betrachtet hatte.

Als erstes erwarb sie ein Haus am Berkeley Square, um in London glanzvolle Gesellschaften geben zu können.

Dann machte sie sich auf die Suche nach einem ausgefallenen Landsitz und wählte Ridgeley Towers, das nicht nur die Größe eines Palastes hatte, sondern sich zudem noch in Leicestershire befand.

Innerhalb der letzten fünf Jahre war sie zum bewunderten Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, für die Steeplechases und Jagdspringen die einzigen Sportarten waren, die zählten.

Die Pferde ihres Vaters genossen bereits einen beachtlichen Ruf, und sie verbesserte die Zuchtergebnisse noch, so daß sie bald über die edelsten Tiere weit und breit verfügte.

Die besten Parforcejagden fanden in Leicestershire statt.

Sie veranstaltete Steeplechases in der nächsten Umgebung der Towers und war auch an der Ausrichtung anderer Rennen finanziell beteiligt.

Eine so reiche junge Dame, die zudem über den größten Ballsaal, einen privaten Turnierplatz und hundert Gästezimmer verfügte, konnte man einfach nicht ignorieren.

Fred Wicket geriet allmählich in Vergessenheit.

Wenn Sarah ihre Familie erwähnte, dann sprach sie immer von ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits.

Natürlich hatte sie auch eine ganze Reihe Liebhaber. Sie war nicht nur eine sehr schöne junge Frau, die sich die eleganteste Garderobe und den teuersten Schmuck leisten konnte, sondern sie besaß auch genügend Mittel, um die Attribute weiblicher Schönheit zu unterstreichen.

Ihr Haus war mit exotischen Blüten geschmückt, die sonst nur in den Botanischen Gärten von Kew bewundert werden konnten.

Sie pflegte ihre Gäste vor einem Meer von Orchideen zu empfangen.

In ihrem Boudoir waren Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Rosen in Vasen arrangiert, die einen betörenden Duft verströmten.

Die Männer, die sie zu ihren Liebhabern erwählte, versicherten, der Duft habe ihre Sinne betört und sie in die Welt von Tausendundeiner Nacht versetzt, zumal Sarah nicht mit kostbaren Geschenken geizte.

Nicht wenige ihrer Liebhaber hätten sie vom Fleck weg geheiratet, doch Sarah hatte nicht nur das Genie, sondern auch den Geschäftssinn ihres Vaters geerbt und wußte genau, was sie wollte.

Ihr war natürlich bewußt, daß ihre Verehrer nicht nur an ihr, sondern vor allem an ihrem Geld interessiert waren, und sie war entschlossen, sich dafür den besten Gemahl zu leisten, den sie sich vorstellen konnte.

Für sie bedeutete das eine hohe gesellschaftliche Stellung und einen eindrucksvollen Adelstitel.

Die meisten Männer, die ihr dies hätten bieten können, waren bereits verheiratet, und die meisten der noch verbliebenen Junggesellen waren so reizlos, daß sie kein Verlangen hatte, ihr Bett mit ihnen zu teilen.

Es war kein Zufall, der sie mit dem Marquis von Wyndonbury zusammenführte.

Sie war ihm natürlich schon häufiger bei Rennen begegnet, doch er besuchte selten die Gesellschaften, zu denen Sarah eingeladen wurde.

Die Pforten der wirklich bedeutenden und auserwählten Häuser der Oberschicht blieben ihr nach wie vor verschlossen.

Sie war auch noch nie im Buckingham Palace gewesen.

Diese Tatsache hatte sie bisher nicht gestört. Erst als sie beschloß, den Marquis von Wyndonbury zu heiraten, wurde es für sie wichtig.

In seine Nähe zu gelangen war weit schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatte.

Er lüftete bei jedem Rennen höflich seinen Zylinder, doch wenn sie ihn in ein Gespräch verwickeln wollte, entglitt er ihr, bevor sie überhaupt den Mund aufmachen konnte.

Sie bat mehrere ihrer hochgestellten Freunde, ihn zu einem Dinner einzuladen, an dem sie selbst auch teilnahm.

Doch man kam ihr immer mit allen möglichen Ausreden.

»Auf Wyndonbury ist kein Verlaß«, behaupteten sie. »Er tut nur, wonach ihm der Sinn steht.«

Oder man wich ihrer Bitte aus.

»Nun, er zieht es vor, selbst Gesellschaften zu geben und nur einige ausgewählte Freunde aufzusuchen.«

Gerade weil es so schwierig war, an ihn heranzukommen, wuchs Sarahs Entschlossenheit, ihr Ziel zu erreichen.

Wie ihr Vater war sie gewohnt, alles zu bekommen, was sie wollte, auch wenn es Zeit und Geduld erforderte.

Schließlich wandte sie sich direkt an den Marquis, indem sie ihn auf einige ihrer Zuchtstuten ansprach, die ihn gewiß interessieren würden.

Zufällig hielt der Marquis zu diesem Zeitpunkt gerade Ausschau nach neuen Zuchttieren, um sein Gestüt zu erweitern.

Er sah daher in Sarah weniger das weibliche Wesen als vielmehr die Züchterin und lud sie zum Lunch ein, um mit ihr über Pferdezucht zu sprechen.

Er fand sie charmant, intelligent und sehr gut informiert über das Gebiet, das ihn am meisten am Herzen lag.

Eine Woche später begegnete er - für ihn völlig überraschend - Sarah auf einer Gesellschaft beim Grafen von Stepple,

Er erfuhr nie, daß Sarah sich die Einladung erkauft hatte, indem sie die Schuldscheine des jungen Grafen, die sich auf dreißigtausend Pfund beliefen, aufkaufte.

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