Kitabı oku: «Liebe im Wüstensand»

Yazı tipi:

Liebe im Wüstensand

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2018

Copyright Cartland Promotions 1976

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1 ~ 1870

»O nein, Papa! Ich könnte Lord Bantham niemals heiraten!«

Vitas Stimme klang entschlossen, doch ihr Vater, General Sir George Ashford, entgegnete: »Ich verstehe durchaus, daß sein Antrag dich überrascht, Vita, aber deine Mutter und ich sind der Meinung, daß er der geeignete Gemahl für dich ist.«

»Aber er ist alt, Papa! Er ist dein Freund! Ich hätte nie geglaubt, daß er sich überhaupt für mich interessiert!«

»Bantham ist zurückhaltend und besitzt Würde, woran es den meisten jungen Männern heutzutage mangelt«, erklärte der General ungehalten. »Salopp ausgedrückt, würde man wohl sagen: Er trägt sein Herz nicht auf der Zunge. Trotzdem liebt er dich und möchte dich heiraten.«

»Das ist einfach lächerlich! Er ist viel zu alt!«

Kaum war es heraus, wurde Vita bewußt, daß sie einen Fehler begangen hatte. Ihr Vater war fünfundvierzig gewesen, als sie geboren wurde, und Lord Bantham war gerade erst vierzig Jahre alt.

Doch der bloße Gedanke an eine Vermählung mit ihm erfüllte sie mit Grauen.

Gewiß wollte sie irgendwann einmal heiraten, und es gab genügend gutaussehende junge Männer, die ihr bereits ihr Herz zu Füßen gelegt hatten. Daß sämtliche bisherigen Bewerber um ihre Hand von ihrem Vater als Mitgiftjäger bezeichnet und abgewiesen worden waren, hatte sie nicht gestört.

Mit achtzehn Jahren hatte sie noch viel Zeit, sagte sie sich.

Es war nicht sonderlich verwunderlich, daß sie es nicht eilig hatte, unter die Haube zu kommen. Vita war so schön, daß sie jedem Mann, dem sie begegnete, den Kopf verdrehte.

Sie hatte ein schmales Gesicht mit ebenmäßigen Zügen, rotblondes Haar, das in sanften Locken ihr Gesicht umspielte, und blaue Augen mit langen dunklen Wimpern, deren Farbe ins Violett spielte, wenn sie zornig oder erregt war. Ihr Teint war auffallend hell, nur die Wangen hatten die zarte Röte wilder Rosen.

Was die Männer jedoch besonders in ihren Bann schlug, war ihre sprühende Lebensfreude, die jeden, der mehr als eine Minute in ihrer Gesellschaft verbrachte, in helles Entzücken versetzte.

Kein Name hätte besser zu ihr gepaßt als der, den ihr Vater ihr gleich nach ihrer Geburt gegeben hatte.

Wie alle englischen Väter war er der festen Überzeugung gewesen, sein erstes Kind müsse ein Stammhalter sein. Doch Vitas Geburt hatte Lady Ashford beinahe das Leben gekostet.

Als der General dann seine blau angelaufene, knapp dem Erstickungstod entronnene kleine Tochter sehen durfte, hatte er erleichtert aufgeatmet, weil nicht nur das Kind, sondern auch seine Mutter überlebt hatte.

»Es ist ein Mädchen, Sir George!« hatte der Doktor betont herzlich verkündet, wohl wissend, daß man gewöhnlich dem Arzt die Schuld gab, wenn der ersehnte Erbe ausgeblieben war.

»Das sehe ich«, erwiderte der General trocken.

»Welchen Namen wollen Sie ihr geben?« fragte der Doktor. »Sie hat einen ungeheuren Lebenswillen bekundet, obwohl die Chancen schlecht für sie standen.«

»Dann kann sie nur Vita heißen«, entschied der General in einem Anflug von Mutterwitz, für den man ihn in seinem Club rühmte.

Er und seine Gemahlin hatten sich bereits eine Reihe von Namen für den erwarteten Sohn ausgedacht. Die Tatsache, daß ihnen eine Tochter geschenkt worden war, traf sie völlig unvorbereitet, und als Lady Ashford wieder einigermaßen bei Kräften war, protestierte sie heftig gegen die Namenswahl ihres Gatten.

Doch mit der Entschlossenheit, die ihm seinen hohen Rang beim Militär eingebracht hatte, beharrte er auf seinem Willen und behauptete, das Kind sei bereits auf diesen Namen ins Geburtenregister eingetragen.

Als dann die Taufe stattfand, ließ Lady Ashford dem Vornamen ihrer Tochter die Namen Hermione, Alice und Helena beifügen, doch es blieb bei Vita, und mit jedem Jahr erwies das Mädchen sich dieses Namens würdiger.

Während sie nun im Salon von Ashford House in Leicestershire ihrem Vater gegenüberstand, sah Vita bezaubernd aus, trotz der zornfunkelnden Augen und der trotzigen Miene.

Ihr Vater hatte sie von klein auf maßlos verwöhnt, doch ihr war bewußt, daß es sehr schwer sein würde, sich seinem Willen zu widersetzen und sich zu weigern, Lord Bantham zu heiraten.

Nach Überzeugung ihrer Mutter konnte Vita ihren Vater häufig um den Finger wickeln, doch zuweilen, wenn er überzeugt davon war, daß es zu ihrem Besten war, könnte er erstaunlich schwierig sein.

Sie konnte sich nicht erklären, weshalb ihr nicht früher aufgefallen war, daß Lord Bantham sich für sie interessierte.

Vermutlich war ihr das deshalb entgangen, weil er so eng mit ihrem Vater befreundet war, sonst hätte sie längst spüren müssen, daß er ernsthafte Absichten hegte.

Sie wußte auch ohne die euphorischen Worte ihres Vaters, daß Lord Bantham als ausgesprochen gute Partie galt. In den gesellschaftlichen Kreisen, in denen die Ashfords verkehrten, war ein unverheiratetes Mädchen endlosen Spekulationen und listigen Schachzügen ausgesetzt, bis es endlich den schützenden Hafen der Ehe erreichte.

Da Vita sich ihrer Schönheit und auch ihres Reichtums durchaus bewußt war, hatte sie bereits seit ihrer Schulzeit eine feste Vorstellung, was sie vom Leben erwartete.

Sehr früh schon hatte sie am gesellschaftlichen Leben außerhalb der Unterrichtsräume teilnehmen dürfen. Sie galt als exzellente Reiterin und durfte bereits mit acht Jahren an Parforcejagden teilnehmen. Da sie mutig war und absolut ohne Furcht, war sie bald der Liebling aller auf den elegantesten und exklusivsten Jagdgesellschaften, die in Leicestershire stattfanden.

Ihr Vater war ein hervorragender Pferdekenner, und es bereitete ihm Vergnügen, seine kleine Tochter auf die Jagd mitzunehmen.

So genoß Vita schon als Kind große Freiheiten und war mit fünfzehn Jahren gebildeter und selbstsicherer als die meisten ihrer Altersgenossinnen.

Ihre kindliche Erscheinung, die zartgliedrige Gestalt und ihre großen, staunenden Augen erregten überall Aufsehen, und so wurde sie von allen Erwachsenen, mit denen sie in Berührung kam, nach Strich und Faden verwöhnt.

Erst mit siebzehn Jahren, nach ihrem Schulabschluß, wurde sie von den anderen Damen als ernsthafte Konkurrenz betrachtet und ihre zauberhafte Erscheinung mit neidischen Blicken verfolgt.

Vita war so klug, zu erkennen, daß ihr Vater und ihre Mutter entschlossen waren, sie sobald wie möglich mit einem respektablen Mann ihrer Wahl zu vermählen, damit sie den Gefahren, die ihre Schönheit mit sich brachte, entging.

Daß ihre Wahl auf Lord Bantham gefallen war, erfüllte sie mit Entsetzen, wenn sie auch ehrlich zugeben mußte, daß ihre Eltern gute Gründe für ihre Entscheidung anführen konnten.

Lord Bantham war einer der reichsten Männer in England und galt als untadelig. Er gehörte nicht den Kreisen an, deren frivoles Treiben die Klatschpresse beschäftigte und von Ihrer Majestät, der Königin, zutiefst verabscheut wurden.

Er war eine der Säulen des House of Lords. Als Kenner des Landlebens und der dort auftretenden Probleme gehörte er nahezu jedem Ausschuß und jedem Komitee an, das sich mit der Wahrung und Pflege des englischen Landlebens befaßte, und seine Besitztümer, seine Häuser und Güter suchten weit und breit ihresgleichen.

Als standesgemäße Partie war er unübertrefflich, aber als Mann . . .

Vita schauderte bei dem Gedanken.

Wieder fiel ihr Blick auf das Kinn ihres Vaters, das Entschlossenheit verriet.

Sir George war in seiner Jugend ein gutaussehender Mann gewesen und wirkte auch jetzt noch ungemein attraktiv.

Sie blickte zu ihrer Mutter hinüber und sah ihren besorgten, Verzeihung heischenden Gesichtsausdruck, der ihr verriet, daß ihre Mutter die Entscheidung für Lord Bantham unterstützen würde und von ihr keine Hilfe zu erwarten war.

Ich muß klug vorgehen, sagte sie sich.

»Bantham kann dir alles bieten, was du dir erträumst«, hörte sie ihren Vater sagen. »Du wirst zu den vornehmsten Gastgeberinnen von London zählen, denn er hat sich immer schon gewünscht, die politische Prominenz zu sich bitten zu können. Zudem verfügt er über das berühmteste Gestüt weit und breit.«

Er wußte, daß letzteres seiner Tochter besonders zusagen würde.

Der General besaß selbst zahlreiche Pferde, aber es waren meist nur Tiere, die er und Vita während der Jagdsaison im Winter ritten.

Das bedeutete jedoch nicht, daß er nichts für Pferderennen übrig hatte. Vita hatte ihn oft schon nach Newmarket oder Epsom begleitet, und im vergangenen Jahr hatte sie von der königlichen Loge aus dem Rennen von Ascot beigewohnt.

Lord Bantham hatte den Goldpokal gewonnen, und der General, der eine große Summe auf Sieg gesetzt hatte, war begeistert gewesen.

Sie hatten Lord Bantham zum Sieg seines Pferdes gratuliert, und rückblickend gestand Vita sich ein, daß er ihre Hand länger als schicklich gehalten hatte. Doch das taten die meisten Männer, wenn sie Gelegenheit dazu hatten, und fast alle gerieten ins Stottern, wenn sie ihr in die Augen sahen.

Nicht so Lord Bantham. Vita konnte sich nur erinnern, daß er ihr an jenem Tag langweiliger und mürrischer erschienen war als je zuvor.

Viele Freunde ihres Vaters waren fröhlich und amüsant. Sie bekamen glänzende Augen, wenn sie mit ihr flirteten, sie neckten oder mit Komplimenten überschütteten.

Lord Bantham hingegen hatte sie nur angesehen, doch sie war viel zu sehr mit ihren redegewandteren Verehrern beschäftigt gewesen, um Notiz davon zu nehmen.

»Die Bantham-Juwelen sind überwältigend«, sagte Lady Ashford plötzlich. »Ich erinnere mich, sie an Lady Bantham, der Mutter Seiner Lordschaft, anläßlich eines Hofballs gesehen zu haben. Sie war buchstäblich mit Diamanten übersät, und die übertrafen selbst jene der Königin.

»Vita benötigt im Augenblick wenig Schmuck«, erklärte der General, »sie wird jedoch später einmal erkennen, daß Diamanten die Schönheit einer Frau besonders zur Geltung bringen.«

Sie versuchten es mit allen Mitteln, sie in eine Ecke zu drängen, aus der sie nicht entrinnen konnte, stellte Vita bei sich fest, und es kostete sie große Mühe, ihren Vater betörend anzulächeln.

»Das alles kommt so überraschend für mich, Papa«, sagte sie. »Du mußt mir Zeit lassen, darüber nachzudenken. Außerdem gibt es so vieles, was du mir erklären mußt, weil ich darüber nicht Bescheid weiß.«

Sie wußte, daß ihr Vater ihrer rührenden Bitte nicht widerstehen konnte. Seine grimmige Miene wich einem zärtlichen Ausdruck.

Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.

»Du weißt genau, Liebes, daß mein einziger Wunsch ist, dich glücklich und in angemessener gesellschaftlicher Stellung zu sehen.«

Sein Blick wanderte zu seiner Gemahlin, bevor er fortfuhr: »Wir werden alt, deine Mutter und ich, und möchten dich versorgt wissen.«

Er stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Vor allem bist du eine sehr reiche junge Dame, und ich habe mir schon oft gewünscht, deine Patin wäre nicht so großzügig gewesen!«

»Niemand könnte Lord Bantham unterstellen, ein Mitgiftjäger zu sein«, bemerkte Lady Ashford.

Ihre Art, selbstverständliche Dinge zu erwähnen, reizte ihren Gemahl häufig zu Unmutsäußerungen. Diesmal schwieg er und beugte sich über seine Tochter, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben.

»Wir werden später darüber sprechen, wie du vorgeschlagen hast, Vita.«

»Danke, Papa!«

Vita stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihrem Vater einen Kuß zu geben, bedachte ihre Mutter mit einem Lächeln und verließ dann leichtfüßig den Raum. Sie lief nach oben in ihr Schlafzimmer, schloß die Tür hinter sich und starrte mit vor Zorn dunklen Augen und zusammengepreßten Lippen ins Leere.

Wie hatte das nur geschehen können? Wie hatte diese Hiobsbotschaft sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen können, so daß sie völlig unvorbereitet war, als sei die Bombe eines Anarchisten vor ihren Füßen explodiert?

»Ich will ihn aber nicht heiraten! Ich will nicht!« sagte sie, ohne zu bemerken, daß sie laut gesprochen hatte und ihre Worte von den Wänden ihres Schlafgemachs widerzuhallen schienen.

Sie ging zum Kaminsims, griff nach dem Klingelzug und läutete so heftig, daß Sekunden später eine Zofe mit besorgter Miene im Zimmer erschien.

»Was ist denn passiert, Miss Vita?«

»Mein Reitkostüm . . . schnell! Und laß ein Pferd für mich satteln, . . . nein, ich gehe selbst in den Stall. Hilf mir nur beim Umkleiden!«

Das Mädchen begann ihr Kleid aufzuhaken.

»Wo ist Martha?« fragte Vita.

»Unten. Sie hat Teepause, Miss. Sie wußte sicherlich nicht, daß Sie sich jetzt schon umkleiden wollen.«

»Natürlich nicht.«

Sie hatte plötzlich Sehnsucht nach Martha, ihrer Gouvernante aus Kindertagen, der sie stets all ihren Kummer anvertraut hatte.

Doch Martha hatte ihre festen Gewohnheiten, und dazu gehörte, daß sie um diese Zeit mit der Haushälterin eine Tasse Tee trank. Erst wenn die Teepause vorüber war, würde sie ihre Pflichten wieder aufnehmen.

Emily, die Vita und somit auch Martha diente, half ihrer jungen Herrin in das Reitkostüm aus dunkelgrünem Samt, das die Schönheit ihrer Haut betonte und einen rötlichen Schimmer auf das goldblonde Haar zauberte.

Ungeduldig, mit einem flüchtigen Blick in den Spiegel, setzte Vita den hohen Reithut mit dem zarten Tüllschleier auf, griff zu Reitpeitsche und Handschuhen und verließ das Haus über die Hintertreppe, um ihrem Vater nicht zu begegnen.

Wenn sie mit ihm zusammengetroffen wäre, hätte er darauf bestanden, sie zu begleiten, und sie ersucht, zu warten, bis er sich umgekleidet hatte.

Er sah es nicht gern, wenn sie allein ausritt, doch Vita nahm darauf keine Rücksicht und lehnte auch das Angebot eines der Reitknechte ab, sie zu begleiten.

»Ich unternehme nur einen kleinen Übungsritt durch den Park.«

»Wenn Sie mich fragen, Miss, dann wird’s höchste Zeit, daß die Jagdsaison beginnt und Sie sich wieder mal austoben können«, bemerkte der alte Stallmeister.

»Da haben sie recht, Headlam«, erwiderte Vita. »Um nicht ganz einzurosten, brauche ich ein bißchen Bewegung, ebenso wie die Pferde.«

»Dafür sorg’ ich schon, Miss«, sagte Headlam grinsend.

Er half ihr in den Sattel und blickte ihr dann wohlgefällig nach, als sie davonritt und das vor Ungeduld tänzelnde Pferd so geschickt in Zaum hielt, daß er vor sich hinmurmelte, was er schon tausendmal festgestellt hatte: »Aye, sie ist ganz der alte Herr!«

Außer Sichtweite der Stallungen auf dem weichen Rasen des Parks ließ Vita dem Pferd freien Lauf.

Nach einem scharfen Galopp, der Farbe auf ihre Wangen zauberte und einige goldblonde Löckchen um ihre Stirn wehen ließ, lenkte sie ihr Pferd auf ein langgestrecktes, niedriges Gebäude zu, das im Schutz einiger Bäume lag.

Bevor sie das Eingangstor erreichte, kam ihr ein Reiter entgegen, dessen Freude über ihr Erscheinen unverkennbar war.

»Ich habe nach dir Ausschau gehalten«, sagte er, »hatte dich aber nicht so früh erwartet.«

»Ich wollte gleich nach dem Lunch kommen«, erwiderte Vita, »aber es kam etwas dazwischen, und ich mußte dich unbedingt sofort sehen.«

Der Klang ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen.

Er war ein gutaussehender junger Mann, schlank und drahtig, und von Kopf bis Fuß ein Gentleman. Doch ihm haftete nichts von der Eleganz und Lässigkeit der Herren an, die sich im Mayfair Salon um Vita zu scharen pflegten oder sie auf Bälle begleiteten, bei denen sie stets der strahlende Mittelpunkt war.

Charles Fenton war der Sohn des Gutsverwalters.

Sein Vater hatte unter Sir George gedient, und als beide die Armee verlassen hatten, war der General mit der Bitte an Major Fenton herangetreten, sich um seine Güter zu kümmern.

Diesen Schritt hatte er noch nie bereut, denn Major Fenton erwies sich als fähiger Gutsverwalter und hatte es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, den Ashford-Besitz zu vergrößern.

So hatte es sich von selbst ergeben, daß Vita und Charles zusammentrafen und er sich in sie verliebte.

Sie nahm das als selbstverständlich hin und mochte Charles sehr gern, doch als Verehrer nahm sie ihn nicht ernst, aus dem einfachen Grund, weil er niemals als ernsthafter Bewerber in Frage kam.

Der Standesunterschied und die Tatsache, daß Vita eine reiche Erbin war, machten es Charles unmöglich, um ihre Hand anzuhalten.

Doch er war dankbar, daß er ihr Freund sein durfte.

»Was ist geschehen?« fragte er jetzt.

»Papa will, daß ich Lord Bantham heirate!«

»Lord Bantham?« rief Charles empört aus. »Der ist doch viel zu alt für dich ... Er könnte dein Vater sein!«

»Das weiß ich doch. Sie wollen mir Sicherheit geben, indem sie mich in einen Käfig ... in ein Gefängnis sperren!«

Vita stieß diese Worte voller Bitterkeit hervor.

»Was willst du tun?« fragte Charles. »Hast du deinem Vater begreiflich gemacht, daß du diesen alten, langweiligen Kerl nicht heiraten willst?«

»Ich wollte es«, erwiderte Vita, »aber Papa hat sich bereits entschieden. Du weißt, wie starrköpfig er sein kann.«

Charles Fenton nickte.

Ihre Pferde gingen im Schritt nebeneinander her, während Charles’ Blick das zarte Gesicht des Mädchens streifte.

»Du könntest doch niemals einen Mann heiraten, den du nicht liebst«, sagte er mit bewegter, tiefer Stimme.

»Nein, aber wie soll ich das Papa beibringen?«

»Kannst du ihn nicht anflehen, dich nicht zu einem solchen Schritt zu zwingen?« fragte Charles, der sich nicht vorstellen konnte, daß es ein Mann fertigbrachte, Vita eine Bitte abzuschlagen oder sich zu weigern, ihr einen Gefallen zu tun.

Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: »Ich bin erst achtzehn. Selbst wenn Papa mich nicht gewaltsam zum Altar zerrt, kann er mir doch das Leben ziemlich schwermachen, wenn ich mich seinem Wunsch nicht füge.«

»Wie denn?« fragte Charles.

»Im vergangenen Jahr mißfiel Papa, daß ein gewisser junger Kavalier mir den Hof machte, und erteilte ihm Hausverbot. Ich weigerte mich, seinem Wunsch zu gehorchen, den jungen Mann nie wiederzusehen.«

»Was geschah?« Charles konnte nicht verhindern, daß es ihm einen Stich versetzte, weil Vita mit einem anderen Verehrer zusammen gewesen war.

»Papa drohte mir.«

Vita lachte, als sie Charles’ empörte Miene bemerkte.

»Nicht mit Gewalt!« erklärte sie. »Papa hat mich noch nie in meinem Leben geschlagen. Auch Mama nicht. Er hatte sich eine viel wirksamere Strafe ausgedacht.«

»Welche denn?«

»Er drohte mir, ich dürfe so lange nicht mehr ausreiten, bis ich mich seinem Wunsch gefügt hätte.«

Vita seufzte.

»Kannst du dir vorstellen, was es für mich bedeutet hätte, meine geliebten Pferde nicht mehr sehen zu dürfen, weil die Stallburschen angewiesen waren, mich nicht einmal mehr in die Nähe der Stallungen zu lassen?«

»Grausam und gemein wäre das gewesen!« ereiferte sich Charles.

»Papa hatte aber noch andere Möglichkeiten, um meinen Gehorsam zu erzwingen«, fuhr Vita fort. »Er verwaltet mein Vermögen, und er hätte mir verbieten können, nach London zu fahren und mir neue Garderobe zu kaufen. Einmal hat er mir sogar gedroht, er werde mich zu meiner Großtante Edith nach Somerset schicken!«

»Du darfst uns nicht verlassen!«

»Wenn ich bleibe, müßte ich mich Papas Willen fügen«, sagte Vita leise wie zu sich selbst.

Sie atmete tief durch und fuhr dann fort: »Weißt du, worum es geht, Charles? Sie befürchten, ich könnte so werden wie meine Cousine Jane, weil ich ihr ähnlich bin. Genau das könnte eintreffen, wenn sie Zwang auf mich ausüben.«

»Deine Cousine Jane?« wiederholte Charles. »Kenne ich sie?«

»Wir haben oft über sie gesprochen«, erwiderte Vita ungeduldig. »Jane Digby war viermal verheiratet und hatte so viele Liebhaber, daß man sie nicht mehr zählen konnte. Sie ist jetzt mit einem arabischen Scheich verheiratet.«

»Ach, du meinst Lady Ellenborough!« rief Charles Fenton.

»Lord Ellenborough war ihr erster Gemahl«, sagte Vita, »und ich könnte mir vorstellen, daß er genauso war wie Lord Bantham! Bedeutend, reich und vornehm. Die Digbys zwangen ihre Tochter bereits mit siebzehn zu dieser Heirat, weil sie einfach zu schön war und sie Angst um sie hatten. Ebenso ergeht es Mama und Papa mit mir.«

Sie schwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Ich glaube, die Sache mit William Steele war der Auslöser, mich schnellstens unter die Haube zu bringen.«

»Wer ist William Steele?« fragte Charles eisig.

»Ach, nur einer dieser gutaussehenden jungen Lebemänner«, erwiderte Vita wegwerfend. »Er hält nach einer reichen Erbin Ausschau. Da er aber ausgesprochen hübsch und elegant ist, reden sich alle Mädchen ein, in ihn verliebt zu sein. Mir machte es Spaß, ihn den anderen wegzunehmen, weiter nichts.«

Sie hielt inne.

»Irgendjemand muß Papa etwas über William und mich ins Ohr geflüstert haben«, fuhr sie dann fort, »jedenfalls hat er ein schreckliches Theater gemacht.«

»Und deshalb hat er entschieden, daß du Lord Bantham heiratest?« fragte Charles. »O Vita, wenn du doch nicht so schön und bezaubernd wärest!«

Vita schenkte ihm ein Lächeln, das unwiderstehlich war.

»Vielen Dank für das Kompliment, Charles«, sagte sie, »tatsächlich ist das im Augenblick eher eine Last für mich. Wie kann ich einer Ehe mit Lord Bantham nur entgehen?«

»Du mußt dir etwas einfallen lassen«, erwiderte Charles düster.

»Das weiß ich doch.« Vitas Stimme klang wütend, als sie fortfuhr: »Wie können sie nur so kurzsichtig sein, dem gleichen Verhaltensmuster zu folgen, das Jane so viel Kummer und Leid zugefügt hat? Sie lief mit Prinz Felix Schwarzenberg weg, weil sie ihn liebte, aber Lord Ellenborough hat sie nie geliebt. Deshalb war sie in ihrer ersten Ehe auch so unglücklich.«

»Ich glaube, jede Frau wäre unglücklich an der Seite eines Mannes, den sie nicht liebt«, bemerkte Charles.

»Sag das mal Papa!« rief Vita erregt. »Du hast natürlich recht, Charles. Ich denke genauso und bin fest entschlossen, niemals einen Mann zu heiraten, der mir gleichgültig ist, den ich nicht einfach unwiderstehlich finde, so daß ich ohne ihn nicht mehr leben kann.«

»Könntest du nicht Lord Bantham bitten, auf dich zu verzichten?« schlug Charles vor.

»Glaubst du im Ernst, das hätte einen Sinn?« fragte Vita verächtlich. »Er bildet sich doch ein, mir eine Gunst zu erweisen. Schließlich sind seit Jahren alle möglichen Damen der Gesellschaft hinter ihm her, weil sie ganz versessen darauf sind, die berühmten Bantham-Diamanten zu tragen und seinen langweiligen Reden im House of Lords zu lauschen.«

»Er hat viele schöne Pferde«, warf Charles ein.

»Das ist das einzige, was für ihn spricht!« erklärte Vita heftig. »Leider müßte ich ihn heiraten - nicht seine Pferde.«

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Glaubst du, Cousine Jane wäre von zu Hause fortgelaufen, wenn sie geahnt hätte, wie ihr Leben aussehen würde an der Seite eines ungeliebten Mannes? O mein Gott, ich wünschte, ich könnte sie fragen.«

»Lebt sie nicht in Syrien?« fragte Charles.

»Sie lebt mit ihrem arabischen Scheich in der Wüste, und sie besitzen ein Haus in Damaskus«, sagte Vita. »Das weiß ich von Bevil Ashford, einem Verwandten, der vor einem Monat hier war.«

»Ist er nicht im diplomatischen Dienst?«

»Ja. Bevil gilt als ,vielversprechend‘. Er hat sich in Rußland und Norwegen einen Namen gemacht und war zuletzt in Syrien. Dort hat er auch Cousine Jane getroffen.«

»Was erzählte er über sie?«

»Er sagte, sie sei sehr schön trotz ihrer zweiundsechzig Jahre.«

»Bei dem Leben, das sie geführt hat, ist das erstaunlich.«

»Vielleicht hält die Liebe sie jung.«

»In dem Alter kann sie doch nicht mehr verliebt sein!« rief Charles ungläubig.

»Das zeigt, wie wenig du darüber weißt!« entgegnete Vita unwillig. »Bevil sagt, sie sei sehr verliebt in ihren Scheich, wie sie wahrscheinlich auch ihre beiden anderen Gatten, ihre königlichen Liebhaber und zahllose andere Männer geliebt hat.«

»So willst du doch nicht etwa werden?« fragte Charles schockiert.

»Cousine Jane wurde mir stets als schlechtes Vorbild hingestellt«, erinnerte sich Vita. »Die Familie spricht nur hinter vorgehaltener Hand über sie. Alle Neuigkeiten über Jane werden von meinen Tanten, Großtanten, Vettern und Cousinen genüßlich durchgehechelt, jeder Skandal, in den sie verwickelt war, wird begierig breitgetreten.«

Vita fügte lachend hinzu: »Was die ganze Bande vor Wut beinahe platzen läßt, ist die Tatsache, daß sie immer noch schön und glücklich ist.«

Sie maß Charles mit forschendem Blick.

»Du mißbilligst es auch. Ist das nicht bemerkenswert? Keiner kann es ertragen, wenn eine Frau, die gesündigt hat, nicht in Sack und Asche umherläuft und sich die Augen ausweint, damit man sich in Großmut üben und ihr vergeben kann. Doch Cousine Jane empfindet keine Reue und will keine Vergebung!«

»Woher willst du das wissen?«

»Sie hat mächtiges Aufsehen erregt, als sie vor dreizehn Jahren nach England zurückkehrte und die Familie sich aus purer Neugier, nicht aus Zuneigung, um sie scharte.«

»Warum kehrte sie zurück?«

»Ich vermute, sie hatte Heimweh, stellte hier jedoch fest, daß ihr Zuhause da ist, woran ihr Herz hängt«, erwiderte Vita. »Und das ist Syrien für sie.«

»Das mutet mich alles ein wenig sonderbar an.«

»Ich war damals zu jung, um an dem Familientreffen teilnehmen zu dürfen«, fuhr Vita versonnen fort. »Sie war fünfzig, doch alle, die sie gesehen haben, mußten zugeben, daß sie noch immer schön war, und nach ihrer Abreise sprachen sie über nichts anderes mehr.«

Sie lächelte.

»Früher hieß es immer: ,Erwähnt sie nicht vor dem Kind.‘ Doch als ich älter wurde, sammelte ich alles, was ich über Cousine Jane in Erfahrung bringen konnte, und setzte es wie Teile eines Geduldsspiels zu einem vollständigen Bild zusammen. Mit Bevils Hilfe erfuhr ich dann das Neueste über sie.«

»Ich verstehe nicht, weshalb dich das so interessiert«, sagte Charles steif. »Deine Familie hat recht, Vita. Keine anständige Frau würde einen Araber heiraten und mit ihm in der Wüste leben.«

»Ich finde das alles schrecklich aufregend.«

»Wenn du dort wärst und es mit eigenen Augen sehen könntest, würdest du dieses Leben zweifellos primitiv, schäbig und zuweilen sogar gefährlich finden.«

»Es ist gefährlich!« bestätigte Vita. »Das weiß ich von Bevil. Aber es muß aufregend sein, über einen Beduinenstamm zu herrschen und nichts mehr mit den Intrigen und gesellschaftlichen Ränkespielen zu tun zu haben, die das Leben in England beherrschen.«

Sie hielt kurz inne.

»Und nicht irgendjemanden heiraten zu müssen, den man verabscheut - jemanden wie Lord Bantham!«

»Du mußt ihn nicht heiraten«, sagte Charles. »Niemand, nicht einmal dein gesetzlicher Vormund, kann dich zwingen, Ja zu sagen, wenn du vor dem Altar stehst.«

Vitas Augen blitzten.

»Wäre das nicht amüsant, auf die Frage des Pfarrers: ,Willst du diesen Mann zu deinem rechtmäßigen Gatten nehmen?‘, nein zu sagen?«

»Einen solchen Skandal würdest du doch nicht hervorrufen wollen!« rief Charles entsetzt.

»Warum denn nicht?« fragte Vita. »Ich kann tun, was ich will.«

»Aber das würdest du doch nicht wollen«, sagte er in schmeichelndem Ton. »Du bist so schön, Vita, so vollkommen, daß niemals jemand etwas Häßliches über dich sagen könnte.«

Er hielt inne und fuhr dann mit leiser Stimme fort: »Du weißt, daß mir nichts so sehr am Herzen liegt wie dein Glück. Ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich dir helfen könnte, aber leider bin ich machtlos.«

Vita lächelte ihn wieder strahlend an.

»Du bist sehr lieb, Charles, und du weißt, wie gern ich dich habe und wie sehr ich dir vertraue. Du mußt mir helfen . . . ich . . . ich kann das einfach nicht tun.«

»Wie kann ich dir denn helfen?« fragte Charles verzweifelt.

Vita blieb ihm die Antwort schuldig, und er fuhr nach einer Weile fort: »Ich kann nicht glauben, daß du einverstanden wärst, mit mir fortzugehen. Wenn du dich jedoch für diesen Schritt entscheiden würdest, brauche ich dir nicht zu sagen, was das für mich bedeuten würde.«

»Lieber, lieber Charles!« sagte Vita. »Ich glaube nicht, daß

das eine Lösung wäre. Sie würden uns irgendwann auf stöbern, und die Folge wäre, daß Papa deinen Vater fristlos entlassen würde und wir uns nie mehr sehen könnten.«

»Aber wie könnte ich dir denn sonst helfen?« fragte Charles verzweifelt.

»Es tut mir gut, mit dir darüber zu reden und zu wissen, daß du auf meiner Seite bist. Alle anderen werden sagen: ,Dein Vater weiß am besten, was gut für dich ist.‘ ,Du mußt tun, was dein Vater will.‘ ‚Wie soll ein Mädchen von achtzehn wissen, was es will?‘«

»Aber du weißt es doch«, sagte Charles.

»Natürlich weiß ich es«, erwiderte Vita, »und ich bin fest entschlossen, Lord Bantham auf keinen Fall zu heiraten, und wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre!«

Sie unterbrach sich und sagte dann: »Hast du dir mal seine Hände angesehen, Charles? Er hat kurze, breite Finger. Ich ... ich könnte es nicht ertragen, von ihnen berührt zu werden.«

»Vita, sag bitte nicht so was!« flehte Charles sie schmerzlich bewegt an und gab seinem Pferd unwillkürlich die Sporen, daß es einen Satz nach vorn machte.

Es dauerte einige Sekunden, bis Vita ihn eingeholt hatte.

»Habe ich dich unglücklich gemacht, Charles?« fragte sie bekümmert.

»Du machst mich immer unglücklich«, erwiderte er. »Es ist, als blicke man zu einem wunderschönen Stern am Himmel auf, der unerreichbar ist, aber ohne den das Leben leer und sinnlos wäre.«

»O Charles, wie romantisch!« rief Vita.

Sie sah ihn mit ihren schönen großen Augen an und sagte dann: »Wenn ich dich lieben würde, dann würde ich mit dir fortlaufen. Wir würden uns irgendwo verstecken, wo uns keiner findet, und einfach nur glücklich sein, weil wir zusammen sein könnten.«

»Aber du liebst mich nicht«, stellte Charles bitter fest.

»Ich bin gern mit dir zusammen und kann mich mit dir über alles unterhalten«, sagte Vita, »aber das ist nicht genug, nicht wahr?«

»Nein«, erwiderte er. »Für dich ist es nicht genug und für mich wohl auch nicht.«

»Wie empfindet man, wenn man liebt, Charles?«

»Soll ich dir diese Frage wirklich beantworten?« fragte er.

»Ich frage dich als Freund.«

»Als Freund kann ich dir darauf keine Antwort geben«, erwiderte er. »Als Mann, der dich liebt, ist es Qual und höchste Wonne zugleich. Es ist ein Schmerz, der Körper und Seele durchdringt, bis man es nicht mehr zu ertragen glaubt, dann wieder erfüllt es einen mit Entzücken und trägt einen himmelwärts, so daß alles in diesem einen beseligenden Augenblick vergessen ist.«

Seine Stimme klang bewegt, und Vita entgegnete nach einem Augenblick leise: »Danke, Charles! Eines Tages möchte ich das auch erfahren.«

»Ich mag nicht daran denken, daß du so für einen anderen Mann empfinden könntest«, sagte Charles. »Doch der Gedanke, daß du gezwungen werden könntest, einen Mann zu heiraten, der deiner nicht würdig ist, ist unerträglich. Du bist dazu ausersehen; das höchste Glück auf Erden zu erfahren, Vita!«

»So empfinde ich es auch«, sagte Vita. »Das Leben sollte ein Abenteuer sein, Charles, ein aufregendes Abenteuer, das sich nicht darin erschöpft, in einen goldenen Käfig eingesperrt und mit Diamanten überschüttet zu werden, um den Freiheitsdrang zu ersticken.«

»Du mußt von jetzt an sehr vorsichtig sein bei allem, was du sagst und tust«, warnte Charles. »Das wichtigste ist, Zeit zu gewinnen.«

»Warum?« fragte Vita.

»Weil es zu spät ist, wenn du erst einmal verheiratet bist«, erwiderte Charles.. »Dir mag ja eine lange Verlobungszeit recht sein, aber ich fürchte, Lord Bantham wird weniger geduldig sein.«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil jeder Mann, der dich besitzen möchte, ständig in Furcht leben würde, dich zu verlieren«, sagte Charles weise. »Er wäre blind oder taub, würde er nicht erkennen, daß jeder Mann, der dir begegnet, sich in dich verlieben muß und du dich jederzeit für einen anderen entscheiden, ihm den Vorzug geben könntest.«

»Mir wäre jeder andere lieber als er!« erklärte Vita.

»Vermutlich ist er viel zu sehr von sich selbst überzeugt, um eine solche Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen«, überlegte Charles. »Andererseits könnte er aber auch keinen Aufschub dulden und sich die Zustimmung deines Vaters sichern.«

»Du meinst, Papa könnte Verdacht schöpfen, daß ich weglaufen will, wenn er erfahren würde, wie groß mein Widerwille gegen eine Ehe mit Lord Bantham ist?«

»Gib dir keine Blöße, Vita«, warnte Charles sie eindringlich. »Der General ist ein scharfsinniger, verdammt kluger Mann. Mein Vater hat immer großen Respekt vor ihm gehabt und mir erzählt, was für ein überragender Befehlshaber er war. Seine Leute wären ihm überallhin gefolgt.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Vita.

»Gleichzeitig«, fuhr Charles fort, »war er aber auch als autoritär verschrien. Er bestand darauf, daß seine Befehle bedingungslos ausgeführt wurden. Ich fürchte, er hat sich in dieser Beziehung nicht geändert.«

»Du hast recht, Charles«, pflichtete Vita ihm bei, »und das nur, weil er glaubt, es wäre zu meinem Besten. Mein Gott, wie ich diese Redensart hasse!« »Vielleicht stimmt das wirklich, und ich habe unrecht«, murmelte Charles.

»Das sagst du - nach allem, was du mir über die Liebe erzählt hast?« rief Vita empört. »Du kannst jetzt keinen Rückzieher mehr machen, nachdem du mich zum Widerstand angestachelt hast. Du mußt jetzt auch für die Folgen einstehen.«

»Tu nichts Unüberlegtes, Vita!« warnte Charles sie besorgt. Er wußte, wie impulsiv sie war und daß sie ebenso starrköpfig sein konnte wie ihr Vater.

»Mir muß etwas einfallen, wie ich dem Ganzen entgehen kann«, sagte Vita verzweifelt. »Hilf mir, Charles! Was soll ich tun? Wie soll ich es anstellen? Wie kann ich Zeit gewinnen?«

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann fragte Charles: »Hast du keine Verwandten, die du einweihen könntest? Ich meine nicht solche, die in der Nähe wohnen, sondern jemanden, der in Schottland oder Frankreich lebt. Was ist mit deinem Vetter Bevil?»

»Er ist auf dem Weg nach Mexiko«, erwiderte Vita, »und hat England nur einen kurzen Besuch abgestattet. Das wäre also hoffnungslos!«

Sie stieß plötzlich einen freudigen Schrei aus.

»Was hast du?« fragte Charles.

»Du hast mich auf die Lösung gebracht, Charles. Du hast mein Problem gelöst!«

»Ich?« fragte Charles verwirrt. »Aber sagtest du nicht, du könntest deinen Vetter Bevil auf keinen Fall erreichen?«

»Wer redet denn von Bevil?« entgegnete Vita. »Nein, meine Cousine Jane. Zu ihr werde ich fliehen! Ich sagte dir bereits, daß ich sie gern um ihren Rat bitten würde. Sie ist die einzige, die mich verstehen wird.«

»Sie lebt in Syrien«, sagte Charles fassungslos. »Du kannst doch nicht nach Syrien reisen, einmal abgesehen davon, daß dein Vater dir nie erlauben würde, mit jemandem in Verbindung zu treten, der ein solches Leben geführt hat wie Lady Ellenborough!« »'

Vita lachte belustigt.

»Liebster Charles, so dumm bin ich doch nicht. Natürlich werde ich Papa nicht auf die Nase binden, daß ich Cousine Jane besuchen will. Du wirst der einzige Mensch sein, der von meinem Vorhaben weiß.«

Zwei Stunden später betrat Vita das Herrenzimmer, in dem ihr Vater vor dem Kamin saß und Zeitung las.

Er blickte von seiner Lektüre auf, als sie eintrat, und erfreute sich an dem bezaubernden Anblick seiner Tochter. Vita trug ein schlichtes weißes Kleid, das die sanfte Rundung ihres Busens und ihrer schmalen Taille betonte und sie wie eine Gestalt von Gainsborough erscheinen ließ, die einem seiner Gemälde entstiegen war und - als wolle sie diese Vorstellung unterstreichen - eine rosa Nelke in der Hand trug.

Ihr Teint war sehr hell, doch die zart geröteten Wangen verrieten, daß sie bei bester Gesundheit war.

Dennoch haftete ihr etwas Zerbrechliches und Ätherisches an, das in jedem Mann, dem sie begegnete, den Beschützerinstinkt weckte, bis er das lebhafte Funkeln in ihren blauen Augen gewahrte, das ein wenig herausfordernd wirkte.

Vita trat zum Sessel ihres Vaters, beugte sich vor und küßte liebevoll seine Wange.

»Ich bringe dir eine Nelke für dein Knopfloch, Papa. Damit wirst du noch hinreißender aussehen als ohnehin schon!«

Sie steckte ihm die Nelke ins Knopfloch, küßte ihn wieder und ließ sich dann neben seinem Sessel auf den Boden sinken.

»Ich fühle mich schon besser, Papa«, sagte sie. »Ich bin ausgeritten und habe gründlich über alles nachgedacht. Lord Banthams Antrag kam nur so überraschend für mich, daß ich nicht vernünftig darauf reagieren konnte.«

»Ich bin froh, daß du zur Vernunft gekommen bist, mein Liebes«, sagte der General, »aber ich wünschte, du hättest mich gebeten, dich zu begleiten. Du weißt, wie ungern ich es sehe, wenn du allein ausreitest.«

»Ich bin doch im Park geblieben, Papa, und wollte nur ungestört nachdenken.«

»Und zu welchem Entschluß bist du gekommen?«

»Daß ich den wunderbarsten, liebsten und anbetungswürdigsten Vater der Welt habe«, sagte sie langsam.

Der General lächelte erfreut, doch seine Miene verriet leises Mißtrauen.

»Ich habe das Gefühl, Vita«, sagte er, »daß du etwas bei mir erreichen willst. Falls du versuchen willst, mir die Zusage zu entlocken, du brauchtest Lord Bantham nicht zu heiraten, verschwendest du nur deine Zeit.«

»Eine so schwierige und folgenschwere Entscheidung überlasse ich lieber dir, Papa«, sagte Vita mit kindlicher Stimme.

»Wenn du wirklich glaubst, daß er mich glücklich machen wird, dann füge ich mich deinen Wünschen.«

»Ich habe gehofft, daß du das sagen wirst. Du bist sehr vernünftig, mein Kleines, und ich versichere dir, daß du es nie bereuen wirst, mir in dieser Hinsicht vertraut zu haben.«

»Ganz sicher nicht, Papa. Doch würdest auch du mir als Gegenleistung zu meiner Zustimmung einen Herzenswunsch erfüllen?«

Der General blickte seine Tochter augenzwinkernd an.

»Ich wußte doch, daß deine Zustimmung einen Haken haben würde. Was wünschst du dir?«

Vita kniete sich vor ihn hin und blickte mit ihren großen ausdrucksvollen Augen bittend zu ihm auf.

»Du hast einmal etwas zu mir gesagt, Papa«, begann sie, »das ich nie vergessen habe.«

»Und was war das?« fragte er.

»Du sagtest, zu einem wirklich gebildeten Menschen gehöre, daß er einmal in Italien war.«

»Habe ich das gesagt?« fragte der General erstaunt. »Na, kann ja sein! Es ist ein wunderschönes Land, und deine Mutter und ich haben es immer schon bedauert, daß wir es dir nie zeigen konnten.«

»Ich finde, ich sollte Rom und vielleicht auch Neapel kennenlernen, bevor ich heirate«, sagte Vita schwärmerisch.

»Das ist also das Versprechen, das du mir abschmeicheln willst, wie?« rief der General.

»Das ist doch nicht zu viel verlangt, Papa, oder? Es wäre herrlich, wenn ich das Kolosseum in Rom und auch Pompeji besichtigen könnte. Lord Bantham ist doch sicher viel zu beschäftigt, um größere Reisen mit mir zu unternehmen.«

»Wie ich im Augenblick«, sagte der General. »Du weißt doch, Vita, daß ich erst kürzlich zum Grafschaftsrichter ernannt wurde und in den nächsten zwei Monaten unmöglich eine Auslandsreise unternehmen kann, weil das neue Amt meine Anwesenheit hier erfordert.«

»Ohne dich und deine sachkundige Führung wäre Italien nur halb so schön, Papa«, sagte Vita, »aber es würde meiner Allgemeinbildung sicher guttun, könnte ich mein Wissen über dieses herrliche Land an Ort und Stelle erweitern. Du hast selbst einmal gesagt, daß man auch als erwachsener Mensch nie auslernt, und es gäbe sicher eine Reihe vertrauenswürdiger Personen, die mich gern begleiten und unter ihre Fittiche nehmen würden. Lady Crowen, zum Beispiel.«

Der General äußerte sich nicht dazu, und Vita fuhr fort:

»Ich weiß, sie ist eine alte Klatschbase, aber immerhin war ihr Gemahl Diplomat, und sie sind viel gereist. Zudem spricht sie sehr gut Italienisch.«

»Wann hast du dir diesen raffinierten kleinen Plan ausgedacht?« wollte der General wissen.

»Von einer solchen Reise träume ich schon lange«, versicherte ihm Vita lebhaft. »Mit Lady Crowen habe ich auch schon darüber gesprochen und sogar ein paar Stunden Italienisch bei ihr genommen. Damit wollte ich dich überraschen, wenn wir beide einmal nach Italien gereist wären.«

Der General sagte noch immer nichts. Vita rückte näher an ihn heran und schlang die Arme um seine Beine.

»Bitte, liebster, bester Papa, laß mich nach Italien reisen«, bettelte sie. »Wenn ich erst einmal verheiratet bin, muß ich seßhaft werden und tun, was mein Gemahl von mir verlangt.

Wenn ich dann ein Baby bekomme, wird es für mich schwierig, auf Reisen zu gehen, und du weißt doch, wieviel Spaß ich daran habe.«

Tatsächlich hatte der General seine Tochter nach Frankreich, Brüssel und Dänemark mitgenommen, wenn er dienstlich dort zu tun hatte. Auch eine Ungarn-Reise war geplant gewesen, um einige Rassepferde einzukaufen, von denen der General Wunderdinge gehört hatte.

Statt dessen waren sie nach Irland gefahren und mit zwei Jagdpferden zurückgekommen, um die man sie in der ganzen Nachbarschaft beneidet hatte.

»Ich muß mir das erst mal überlegen«, ließ sich der General schließlich vernehmen.

»Bitte, Papa! Du legst doch immer so großen Wert auf eine gute Allgemeinbildung, weil du nichts so sehr haßt wie dumme Frauen, und ich könnte eine Bildungslücke bei mir ausfüllen, wenn ich das Forum, den Schiefen Turm von Pisa und die Ausgrabungen am Herculaneum besichtigen dürfte.«

Sie stand auf und schmiegte sich weich und zärtlich in seine Arme.

Seufzend kapitulierte der General.

»Du sollst deinen Willen haben«, sagte er und küßte ihre zart nach Rosen duftende Wange.

»Du meinst, ich darf fahren?« rief Vita erfreut. »Oh, mein liebster, wundervoller Papa, ich liebe dich!«

2

Vita stand auf dem Balkon ihres Hotelzimmers und blickte auf die Bucht von Neapel.

Das Meer, die Berge und die winzigen Fischerdörfer, die sich am Ufer aneinanderschmiegten, boten einen so atemberaubenden Anblick, daß sie sich nicht sattsehen konnte.

Das Bewußtsein, gesiegt zu haben, versetzte sie in Hochstimmung.

Sie hatte Neapel erreicht, und nun würde das eigentliche Abenteuer, dem sie sich mit Leib und Seele verschrieben hatte, seinen Anfang nehmen.

Alles war bisher so glattgegangen, daß all ihre Befürchtungen sich als unnötig erwiesen hatten.

Sobald ihr Vater seine Entscheidung getroffen hatte, daß sie eine Reise nach Italien antreten dürfe, bevor sie Lord Bantham heiraten würde, drängte er darauf, es rasch hinter sich zu bringen.

Sie hatte den Verdacht, daß er seine Zusage bereits bereute und daß Lord Bantham etwas damit zu tun hatte.

Doch der General pflegte Wort zu halten, und da er Vita nun einmal versprochen hatte, sie dürfe Rom und Pompeji besichtigen, wollte er sie nicht enttäuschen.

Charles war der einzige Mensch, dem Vita anvertraute, daß es ihr keineswegs darum ging, sich kulturell weiterzubilden.

»Es ist bestimmt ganz leicht, ein Schiff zu besteigen, das mich von Neapel nach Beirut bringt, Charles«, erklärte Vita dem Freund aus ihren Kindertagen. »Von da aus geht es dann auf dem Landwege nach Damaskus.«

»Vorher mußt du aber Lady Crowen dazu überreden, dich zu begleiten«, gab Charles zu bedenken. »Angenommen, sie weigert sich?«

»Das laß nur meine Sorge sein«, erwiderte Vita leichthin.

Charles maß sie mit forschendem Blick.

»Du wirst doch nicht etwa die Torheit begehen, allein zu reisen?« fragte er bestürzt. »Wenn du so etwas vorhast, werde ich auf der Stelle zum General gehen und ihm dein Komplott verraten!«

»Wenn du so gemein und niederträchtig wärst, Charles, würde ich nie mehr ein Wort mit dir reden!«

»Das wäre immer noch besser, als an all die Gefahren denken zu müssen, die auf dich warten könnten, wenn du vorhättest, allein zu reisen«, gab er zurück. »Du hast immer ein sehr behütetes Leben geführt, Vita, aber im Ausland hast du keinen allmächtigen Vater, der dich beschützt und vor Schaden bewahrt!«

Vita antwortete nicht, und er sagte in feierlichem Ernst:

»Schwöre mir bei allem, was dir heilig ist, Vita, daß du nichts unternehmen wirst, das dich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte.«

»Was verstehst du unter ernsthaften Schwierigkeiten?« fragte Vita.

»Du bist viel zu schön und zu jung, um in der Weltgeschichte umherzureisen, ohne daß dich eine ganze Kompanie Soldaten beschützt!«

Vita lachte belustigt.

»Wär’ das ein Spaß! Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß das Kriegsministerium sich bereit erklären würde, mir eine eigene Truppe zur Verfügung zu stellen!«

Charles hatte sie angefleht, sich mit ihr gestritten und alle Register gezogen, um sie zur Vernunft zu bringen, doch als sie sich voneinander verabschiedeten, hatte er das dumpfe Gefühl, daß Vita genau das tun würde, was sie sich von Anfang an vorgenommen hatte.

Es war Vitas Idee gewesen, mit dem Schiff nach Neapel zu fahren, statt auf dem Landwege durch Frankreich zuerst nach Rom zu gelangen.

»Das ist schneller und viel komfortabler«, erklärte sie ihrem Vater. »Bei Zugreisen habe ich immer Angst, mein Gepäck könnte verlorengehen oder auf dem falschen Bahnhof landen. Ohne dich wird es einfach nicht so schön sein, liebster Papa!«

»Du hast einen sehr tüchtigen Reisebegleiter«, erwiderte der General. »Ich kenne Davenport seit vielen Jahren. Er wird sich um dein Gepäck und alles andere kümmern, so daß du dich unbeschwert amüsieren kannst.«

Er stimmte jedoch Vitas Vorschlag, mit dem Schiff direkt nach Neapel zu reisen, bereitwillig zu.

Vita hatte den Verdacht, daß er auf diese Weise ihre Rückkehr beschleunigen wollte und deshalb sein Einverständnis zu dieser Reiseroute gegeben hatte.

Sie hatten in Tillbury eines der modernen Dampfschiffe bestiegen, das in fünfundzwanzig Tagen Bombay erreichen konnte - eine bedeutende Verbesserung gegenüber früheren Überseeschiffen.

Der General hatte sie zum Hafen begleitet, Vita in die Arme geschlossen und sich mit vielen Küssen liebevoll von ihr verabschiedet. Seine tiefe Stimme klang besorgt, als er sich an Lady Crowen wandte.

»Sie werden doch gut auf sie achten, Mylady?«

»Darauf können Sie sich verlassen, Sir George.«

Wie Vita erwartet hatte, war Lady Crowen entzückt, ihr geliebtes Italien wiedersehen zu können, so daß sie jeder Bitte des Generals freudig zugestimmt hatte. Außerdem mochte sie Vita sehr gern und war ihr dankbar dafür, daß Vita sie als Anstandsdame ausgewählt hatte.

Mr. Edward Davenport, der Reiseführer, war ein grauhaariger Mann mittleren Alters, der sich durch ein ruhiges, höfliches Wesen auszeichnete und bei seinen Kunden sehr beliebt war.

Vita hätte ihn ziemlich langweilig gefunden, hätte sie nicht bereits am zweiten Tag ihrer Schiffsreise herausgefunden, daß er viel über Syrien wußte und sie viel von ihm erfahren konnte, das ihr später einmal nützlich sein würde.

Um ihn jedoch nicht mit gezielten Fragen mißtrauisch zu machen, lenkte sie das Gespräch zunächst auf die Pferdezucht der Araber, worüber sie durch ihren Vater bereits einiges wußte. So war ihr bekannt, daß englische Vollblüter durch eine Kreuzung mit Godolphin- und Darby-Arabern entstanden waren.

Mr. Davenport erzählte ihr von der Bint-El-Ahwaya-Zucht, von der alle reinrassigen Araberpferde abstammten, und es gelang ihr mühelos, das Gespräch geschickt auf die Ehrenwerte Jane Digby El Mezrab zu lenken, wie sich ihre Cousine in Syrien nannte.

Es entstand eine Pause, und Vita spürte, daß sie Edward Davenport in Verlegenheit gebracht hatte. Offensichtlich wußte er nicht, ob er sich mit ihr über die Frau, der so viele Skandale angelastet wurden, unterhalten sollte.

Doch Vita war auf diese Reaktion vorbereitet.

»Sie brauchen sich nicht zu genieren, mit mir über meine Cousine Jane zu sprechen«, sagte sie lächelnd. »Mein Vetter Bevil Ashford hat mir so viel über sie erzählt, daß ich das Gefühl habe, sie sehr gut zu kennen.«

»Ich fürchte, Ihre Cousine hat ein sehr bewegtes Leben geführt, Miss Vita«, erklärte Mr. Davenport unbehaglich, »und Sie können sich vorstellen, daß ihre Vermählung mit einem Moslem, einem Scheich, selbst in Syrien Anlaß zu heftiger Kritik war.«

»Ja, natürlich weiß ich das«, erwiderte Vita, »doch wie ich erfuhr, ist Scheich Abdul Medjuel El Mezrab ein sehr angesehener arabischer Edelmann.«

»Das ist wahr«, bestätigte Mr. Davenport. »Er ist ebenso blaublütig wie seine Gemahlin, und seine Ehe wird von seinesgleichen sogar als eine Mesalliance angesehen, was in England natürlich kein Mensch denken würde.«

»Erzählen Sie mir mehr über Cousine Jane«, bat Vita.

Doch Mr. Davenport hatte zu viel Respekt vor dem General, um sich zu Indiskretionen verleiten zu lassen.

»Sie ist sehr schön«, sagte er nur.

Es gelang Vita nicht, mehr aus ihm herauszuholen. Sie brachte das Gespräch wieder auf die arabische Pferdezucht im allgemeinen und im Besonderen, wobei sie einiges über die arabischen Stämme erfuhr und auch über die Gefahren, die in der Wüste lauerten.

»Die Wüstenaraber befinden sich ständig im Kriegszustand«, erklärte Mr. Davenport. »Raubzüge und Überfälle sind ihre Lieblingsbeschäftigung.«

Er hatte in Vita eine aufmerksame Zuhörerin und fuhr fort: »Die beiden großen rivalisierenden Stämme sind die Shammer und die Anazeh. Der Gatte Ihrer Cousine ist Scheich eines Zweigstammes der Anazeh.«

»Sind die beiden Stämme verfeindet?« fragte Vita.

»Ja, jahrhundertelange Blutfehden liegen hinter ihnen«, erwiderte Mr. Davenport. »Wenn ein Stamm in das Gebiet des anderen eindringt, kommt es immer zu mörderischen Kämpfen.«

Um seine etwas blutrünstige Geschichte ein wenig abzumildern, fügte er hinzu: »Natürlich geht es nicht immer so dramatisch zu. Einige Beduinen sind nichts anderes als gemeine Straßenräuber, die harmlose Reisende überfallen und auf üble Weise ausrauben.«

»Wie geschieht das?« fragte Vita neugierig.

»Mir ist das einmal passiert«, gestand Mr. Davenport. »Ich begleitete eine Touristenkarawane als Reiseführer, als eine Räuberbande in wildem Galopp auf uns zu jagte, drohend die Säbel schwang und Gewehre in die Luft abfeuerte.«

»Hatten Sie Angst?« wollte Vita wissen.

»Es war höchst unangenehm«, gab Mr. Davenport zu, »doch ich hatte das Gefühl, daß zumindest unser Leben nicht in Gefahr war.«

»Wie ging es aus?« fragte Vita.

»Sie nahmen uns alles ab, was sie in die Finger bekamen, doch plötzlich trat eine andere Gruppe Reiter in Erscheinung. Sie gehörten zum selben Stamm. Nachdem sie die erste Bande in die Flucht geschlagen hatten, verlangten sie von uns eine Belohnung, weil sie uns das Leben gerettet hatten.«

Vita lachte.

»Sie wurden also zweimal zur Kasse gebeten?«

»Aber natürlich!« erwiderte Mr. Davenport empört. »Das war doch der Trick bei dem ganzen Theater.«

Vita war fasziniert von der abenteuerlichen Geschichte, die sie in ihrem Entschluß, nach Syrien zu reisen, noch bestärkte.

Der Gedanke an Flucht hatte sie nicht mehr losgelassen, seit sie England verlassen hatte und vorher Lord Bantham erschienen war, um sich von ihr zu verabschieden.

Der General hatte ihm offensichtlich mitgeteilt, daß Vita seinen Antrag angenommen habe, denn seine Lippen umspielte ein selbstgefälliges, triumphierendes Lächeln, und seine hellen Augen maßen sie mit einem lüsternen Blick, der ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

»Einen Monat nach deiner Rückkehr dieser Auslandsreise wird unsere Vermählung stattfinden«, erklärte er. »Der Kronprinz und Prinzessin Alexandra werden uns die Ehre erweisen, an der Trauungszeremonie teilzunehmen.«

»Welch eine Genugtuung für Sie!« erwiderte Vita mit spöttischem Unterton in der Stimme, fügte dann aber hastig hinzu »Mich macht der Gedanke, daß so illustre Gäste an unserer Hochzeit teilnehmen werden, recht nervös.«

»Du brauchst dich nicht zu ängstigen«, versicherte ihr Lord Bantham gönnerhaft. »Ich sage dir schon, was du zu tun hast, und achte darauf, daß du keine Fehler machst.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte Vita artig.

Sie waren allein im Salon, und Lord Bantham faßte nach ihrer Hand.

»Ich bin sicher, daß wir sehr glücklich miteinander werden«, sagte er salbungsvoll. »Es gibt so vieles, was ich dich lehren muß, und du wirst sicher eine gelehrige Schülerin sein.«

»Ja . . . natürlich«, erwiderte Vita mit betont kindlicher Stimme, aber sie hatte Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, daß ihr der Druck seiner Hand zuwider war.

Sie spürte seine kurzen, dicken Finger und die Kraft, die in ihnen steckte, und sie verspürte den unbändigen Wunsch, ihm ihre Hand zu entreißen. Dann erst bemerkte sie, daß er den Arm um sie gelegt hatte und sie küssen wollte.

Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, das Gesicht abzuwenden, so daß seine Lippen nur ihre Wangen streiften, ihren Mund jedoch nicht berührten, doch das genügte, um ihr Übelkeit zu verursachen und sie mit solcher Abscheu zu erfüllen, als habe sie eine Schlange berührt.

Sie fand ihn abstoßend und erkannte in diesem Augenblick, wie ernst es ihr mit dem, was sie Charles anvertraut hatte, tatsächlich war: Sie hätte ihn nicht heiraten können, und wenn er der letzte Mann auf der Welt gewesen wäre!

Geschickt entwand sie sich mit einer Körperdrehung seiner Umarmung.

»Ich glaube, Papa möchte Sie gern sehen«, sagte sie. »Es gibt sicher vieles, was er mit Ihnen besprechen möchte. Wir sollten ihn nicht länger warten lassen.«

»Das hat keine Eile«, sagte Lord Bantham.

Der Ton seiner Stimme machte Vita nur allzu klar, daß sie sich von ihm fernhalten mußte.

Rasch öffnete sie die Tür und verhinderte so, daß er sie erneut berührte, weil mehrere Dienstboten in der Halle beschäftigt waren.

Danach mied Vita Lord Bantham, sooft es ging.

Er versuchte mehrmals vor ihrer Abreise aus England, sie allein anzutreffen, aber es gelang ihr stets, ihm auszuweichen.

Zweifellos weckte ihre spröde Haltung seinen Unwillen, aber er hielt sie wohl ihrer Jugend und Unerfahrenheit zugute und war zum Glück viel zu überheblich, um andere Gründe in Betracht zu ziehen.

Lord Bantham hatte die Absicht geäußert, mit ihnen nach Tillbury zu fahren, um Vita zum Schiff zu begleiten, doch sie hatte das zu verhindern gewußt.

»Ich möchte mit dir allein sein, Papa«, hatte sie zum General gesagt. »Es gibt noch so vieles zu besprechen, und ich möchte von dir noch einiges über Italien erfahren. Da würde ein Fremder doch nur stören.«

»Lord Bantham ist doch kein Fremder für uns, Liebes«, erwiderte der General, doch es schmeichelte ihm, daß Vita ihn für sich allein haben wollte, und er gab ihrem Drängen nach.

Lord Bantham ist widerwärtig! Ich werde ihn niemals heiraten! schwor sich Vita, als das Schiff sich von der englischen Küste entfernte, und sie wiederholte diesen Schwur mindestens tausendmal während der Überfahrt.

Gleichzeitig war sie so intensiv damit beschäftigt, Pläne für die Zukunft zu schmieden, daß es ihr nicht schwerfiel, Lord Bantham und die Bedrohung, die er darstellte, falls ihr Plan scheiterte und sie nach England zurückkehren mußte, zu vergessen.

Mit jedem Tag entfernte sie sich weiter von dem Mann, den ihr Vater zu ihrem Ehemann bestimmt hatte, und sie war mehr und mehr überzeugt, daß sie sich mit Recht gegen diese Verbindung wehrte, die zwangsläufig ebenso unglücklich geworden wäre wie die ihrer Cousine Jane mit Lord Ellenborough.

Der Gedanke an Jane und ihr wildes, abwechslungsreiches, sensationelles Leben erfüllte sie mit freudiger Erwartung. Bevils Bemerkung, Jane sei eine romantische Abenteurerin, die ständig auf der Suche nach der wahren Liebe gewesen sei, die irgendwo auf der Welt auf sie wartete, hatte dazu geführt, daß Vita sich zu ihr hingezogen fühlte, ohne sie zu kennen.

»Glaubst du, sie hat die wahre Liebe bei ihrem Scheich gefunden?« hatte sie ihren Vetter gefragt.

»Es hat ja lange genug gedauert«, bemerkte Bevil mit vielsagendem Lächeln. »Sie hatte eine stattliche Anzahl Liebhaber, bevor es sie in den Orient verschlug und sie den anbetungswürdigsten, liebsten Mann gefunden hat, wie sie sich ausdrückt.«

»Erzähl mir mehr über ihre unglücklichen Liebesaffären«, bat Vita, doch Bevil schüttelte den Kopf.

»Du bist viel zu jung und zu neugierig! Wenn deine Eltern wüßten, daß ich nur Janes Namen dir gegenüber erwähnt habe, würden sie mich aus ihrem Haus jagen.«

»Du bist nicht der einzige, der über sie redet«, sagte Vita, und das entsprach der Wahrheit. Es gab eine Menge Leute, die sich genüßlich darüber ausließen, wie unglücklich sie gewesen war, als Prinz Felix Schwarzenberg sie ausgerechnet zu dem Zeitpunkt verließ, als das House of Lords ihrer Scheidung von Lord Ellenborough zugestimmt hatte.

Mit gebrochenem Herzen und zwei Kindern alleingelassen, wäre eine Frau mit einem weniger starken Charakter zweifellos zusammengebrochen. Doch innerhalb kurzer Zeit hatte sich Jane von dem Schock erholt und war die Mätresse von König Ludwig von Bayern geworden, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte.

Der König galt als kultivierter, charmanter und etwas exzentrischer Mann, den schöne Frauen geradezu magisch anzogen.

Jane hatte in München gelebt und war zunächst unbeschreiblich glücklich gewesen. Der König hatte ihre Begeisterung für die bildende Kunst geweckt und eine glühende Bewunderung für Griechenland in ihr entfacht, deren Krönung die Ernennung von Ludwigs Sohn Otto zum König der Hellenen sein sollte.

Bevor dieses Ereignis stattfand, hatte Jane völlig unerwartet Baron Karl-Theodor von Venningen, einen bayrischen Edelmann, geheiratet.

Diese Verbindung war nur durch persönliche Fürsprache König Ludwigs beim Vatikan zustande gekommen, der dem strenggläubigen Katholiken die Erlaubnis erteilte, eine geschiedene Frau zu ehelichen.

Vita hatte nie in Erfahrung bringen können, weshalb diese Ehe gescheitert war. Janes Briefe an die Familie hatten dar- über wenig Aufschluß gegeben. Statt dessen war von einem neuen Liebhaber die Rede, einem gewissen Grafen Spyridon Theotokis aus Griechenland, den Jane als den »hinreißendsten und himmlischsten Mann seines Landes« pries. In ihren Briefen war auch von einem Duell die Rede, das für den schönen Griechen mit einer Kugel in der Brust geendet hatte. Nur Janes aufopfernder Pflege hatte er es zu verdanken, daß er am Leben geblieben war. Sobald er genesen war, setzte Jane sich mit ihm nach Paris ab und ließ sowohl ihren guten Ruf als auch den Gatten und die Kinder hinter sich.

Nach der Scheidung ließ sie sich mit ihrem griechischen Grafen auf Korfu nieder.

»Endlich ist sie seßhaft geworden!« hatten Vitas Tanten und Großtanten voller Genugtuung festgestellt. »Beten wir darum, daß sie sich nun anständig benimmt!«

Versonnen blickte Vita auf die in unwirkliches Licht getauchte Bucht von Neapel, und sie fragte sich, ob wohl die prickelnde Atmosphäre und die erregende Schönheit des Mittelmeers etwas mit der Ruhelosigkeit zu tun hatten, die Jane dazu getrieben hatte, nach fünfzehn Jahren Ehe erneut auszubrechen. Oder war der sprichwörtliche Charme des jungen Königs Otto, dem Graf Spyridon als Adjutant diente, die Ursache gewesen, daß Jane sich Hals über Kopf in ein neues Liebesabenteuer gestürzt hatte? Vita konnte sich vorstellen, daß der romantisch veranlagte junge König, sein Idealismus und die ihn umgebenden hinreißend schönen antiken Kunst- schätze, diese Zeugen von Griechenlands ruhmreicher Vergangenheit, Janes Herz entflammt hatten.

Doch auch der junge König Otto war nicht imstande gewesen, Jane die Liebe zu geben, die sie sich ersehnte.

Man tuschelte von einem albanischen General, der ihr den Kopf verdreht hatte.

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