Kitabı oku: «Reise im Glück»

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Reise im Glück

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2018

Copyright Cartland Promotions 1982

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1. ~ 1880

Lord Harleston ließ den Blick durch den Ballsaal von Marlborough House schweifen und gähnte diskret.

Es war schon spät. Die ,Pflichttänze‘, wie er sie nannte, hatte er hinter sich gebracht, und plötzlich verspürte er kein Verlangen mehr, auch nur mit einer der schönen Frauen, von denen der Prince of Wales stets umgeben war, zu tanzen.

Nicht allein deshalb, weil er sich im Moment für keine besonders interessierte, nein, er hatte einfach die königliche Aura satt, die Marlborough House anhaftete, obschon die Gesellschaften amüsanter waren als alle anderen in ganz London.

Ich werde wohl alt, sagte sich Lord Harleston.

Noch vor wenigen Jahren hätte er einen solchen Abend in vollen Zügen genossen und sich keine Sekunde gelangweilt. Und jetzt war er das alles auf einmal leid.

Da für den Prince of Wales eine Party nach der anderen gegeben wurde, hatte Lord Harleston das Gefühl, diese Gesellschaftsabende seien alle gleich, ob sie nun von führenden Gastgeberinnen Londons veranstaltet wurden, die sich darum rissen, Seine Königliche Hoheit einzuladen, oder ob sie im Marlborough House stattfanden, wo die unvergleichliche Princess Alexandra residierte.

Mehr noch, die Witze, die zum besten gegeben wurden, ähnelten einander ebenso wie die zur Schau gestellte Extravaganz, die exquisiten Speisen und die unzähligen Flaschen herrlicher Weine.

Da er diesen Abend unter einem gewissen Vorbehalt sah, zeigte Lord Harleston auch nicht wie üblich Interesse für die Gemälde und das Haus selbst.

Er gehört zu jenen Freunden des Prince of Wales, die Kunst und Architektur zu würdigen wußten. Das an der Pall Mall gelegene Marlborough House, von Sir Christopher Wren für den ersten Herzog von Marlborough erbaut, entzückte ihn bei jedem Besuch von neuem, da es auf seine Weise ein Kunstwerk war.

Natürlich hatte das Haus auch eine Geschichte. 1817 war es Princess Charlotte und Prince Leopold zur Verfügung gestellt worden, anschließend hatte Königin Adelaide bis zu ihrem Tod im Jahre 1849 darin gelebt. Königin Victoria hatte das Parlament ersucht, Marlborough House per Dekret dem Prince of Wales an dessen neunzehntem Geburtstag zu übertragen.

Seit damals hatte die Regierung sechzigtausend Pfund für Renovierung und Anbauten aufgewendet, das Mobiliar und der Wagenpark hatten zusätzlich einhunderttausend Pfund verschlungen.

Nach Lord Harlestons Ansicht war das Geld vernünftig und gut verwendet worden, mochten die Öffentlichkeit und radikalere Abgeordnete auch anders darüber denken.

Der Prince of Wales, der mittlerweile auf die Vierzig zuging, besaß mit Marlborough House und Sandringham zwei komfortable Residenzen, die er zu wahren Schmuckstücken gemacht hatte.

Dies war im Moment jedoch kein Trost für Lord Harleston. Nach einem weiteren verstohlenen Gähnen entschied er, es sei höchste Zeit, sich diskret zurückzuziehen. Kaum war dieser Entschluß gefaßt, als er lautes Gelächter aus jener Ecke des Raumes hörte, in der sich der Prince und seine Freunde offenbar köstlich amüsierten.

Die Freunde des Thronfolgers stellten einen weiteren Zankapfel dar, und die Königin stand mit ihrer Mißbilligung nicht allein.

So hatte die Times seinen Umgang mit amerikanischen Viehtreibern und Preisboxern gerügt, während andere Kritiker es ihm ankreideten, daß er Umgang mit Männern pflegte, die sich durch Reichtum und nicht durch ihre Herkunft auszeichneten.

In diese Kategorie fiel Lord Harleston gewiß nicht. Sein Ruf als Verführer und Lebemann aber, der, wie er zugeben mußte, nicht ungerechtfertigt war, hätte mit Sicherheit den Unwillen der Königin erregt.

Seinem blendenden Aussehen, seinem Reichtum und seiner sportlichen Begabung hatte er es zu verdanken, daß es in der Gesellschaft um den Prince of Wales praktisch keine Dame gab, die es sich nicht zum Ziel gesetzt hätte, ihn einzufangen, und sei es auch nur für kurze Zeit.

Seine Affären waren tatsächlich immer nur von kurzer Dauer, da sich Lord Harleston mit Frauen ebenso rasch langweilte wie auf Partys. War die Zeit des Werbens, des Eroberns und Erobert Werdens vorüber, dann brachten diese Affären selten Überraschungen.

Im Lauf der Jahre hatte er den Ruf eines Herzensbrechers erworben, und seine Flatterhaftigkeit von einem Boudoir zum anderen und von einer Schönheit zur anderen war allgemein bekannt.

Wieder hörte man das laute Lachen des Prinzen, in das der Rest der Gruppe sofort einstimmte. Lord Harleston war sicher, daß der Marquis de Soveral, der überaus amüsante portugiesische Botschafter, den Grund für die allgemeine Heiterkeit geliefert hatte. Der für seinen Witz und Charme bekannte Marquis spielte in der Runde des Thronfolgers eine Rolle, die der des Hofnarren früherer Zeiten ähnelte.

Lord Harleston zögerte unschlüssig, ob er sich der Gruppe um den Prinzen anschließen oder versuchen sollte, sich davonzustehlen. Doch da hatte ihn der Prinz bereits bemerkt und winkte ihn zu sich.

»Selby, ich muß mit Ihnen sprechen, aber nicht hier«, sagte der Prinz halblaut.

Er nahm Lord Harleston am Arm und verließ mit ihm in dem Augenblick den Ballsaal, als die Musik wieder einsetzte und die Klänge eines Walzers ertönten. Sie gingen einen kurzen Korridor entlang und betraten einen Salon.

Der Raum, in dem üppige Arrangements von Malmaison-Nelken verschwenderisch verteilt waren und die Luft mit ihrem Duft erfüllten, wirkte mit seiner gedämpften Beleuchtung und den weichen Sofas wie eine Oase der Ruhe.

Zu Lord Harlestons Verwunderung schloß der Prinz of Wales die Tür hinter sich, durchquerte den Raum und blieb dann, den Rücken dem blumengeschmückten Kamin zugewandt, stehen.

In Lord Harlestons Blick lag ein Anflug von Besorgnis. Er fragte sich, was der Prinz ihm wohl zu sagen hatte und warum er so geheimnisvoll tat.

Um finanzielle Probleme konnte es sich nicht handeln. Zwar befand sich der Thronfolger ständig in finanziellen Nöten, doch die Sassoons und Rothschilds berieten ihn, und Sir Anthony Rothschild, der jüngst zum Baronet erhoben worden war, hatte veranlaßt, daß die im Familienbesitz befindliche Bank dem Prinzen Geld vorstreckte, wenn er in Schwierigkeiten war.

Ähnliche Dienste leistete dem Prinzen Baron Maurice von Hirsch, ein immens reicher Finanzmann, dessen Entree in die englische Gesellschaft der Prinz gefördert und befürwortet hatte.

Der Prinz räusperte sich, was bei Lord Harleston den Eindruck erweckte, er sei verlegen. Dann aber schien Seine Königliche Hoheit den Stier bei den Hörnern packen zu wollen und sagte: »Selby, ich muß mit Ihnen über Dolly reden.«

»Über Dolly?« wiederholte Lord Harleston überrascht. Das war wirklich das allerletzte Thema, mit dem er gerechnet hätte.

Dolly war die Countess of Derwent, mit der Lord Harleston eine leidenschaftliche affaire de coeur gehabt hatte. Die Beziehung hatte mehr als ein halbes Jahr gedauert, länger als die meisten Beziehungen, die er abbrach, bevor sie ihn anödeten.

Da die Countess als eine der schönsten Frauen Englands galt und Lord Harleston viele Rivalen hatte, lag der besondere Reiz für ihn darin, etwas zu besitzen, was sich so viele ersehnten. Er genoß ihre neidvollen Blicke, wenn er sich mit der Countess am Arm zeigte und diese ihn entzückt anhimmelte. Daß sie sich in ihn verliebt hatte, war nicht weiter erstaunlich, da dies bei allen seinen Affären offenbar unvermeidlich war. Auf seine Andeutung hin, zwischen ihnen sei alles aus, hatte sie bitterlich geweint und sich ihm sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn zu Füßen geworfen und ihn angefleht, sie nicht zu verlassen eine Situation, die nicht neu für ihn war.

Doch selbst während er bemüht war, Mitgefühl zu zeigen, war Lord Harleston bewußt, daß Dolly trotz ihrer Schönheit eine langweilige Person war.

Nie hatte sie sich durch originelle Äußerungen hervorgetan, und wenn sie einmal eine witzige Bemerkung machte, dann nur, um sich über eine ihrer Freundinnen lustig zu machen.

Jemand hatte der Countess einmal versichert, sie sähe aus wie ein Rosetti-Engel. Seither versuchte sie dieser Beschreibung zu entsprechen und trug einen seelenvollen Gesichtsausdruck zur Schau, der Lord Harleston stark irritierte, weil er wußte, wie falsch er war.

»Ich liebe dich, Selby«, schluchzte sie, »und ich dachte, du liebst mich! Wie . . . wie kannst du mich verlassen . . . nach allem, was wir einander bedeuteten?«

Es war eine Frage, die Lord Harleston schon unzählige Male gehört hatte, auf die er aber noch immer keine Antwort wußte, die nicht zu brutal geklungen hätte.

Als er sich Dollys sehnsüchtigen Armen entzogen hatte, war er überzeugt, daß es am besten war, wenn er sie nicht wiedersah.

Nachdem er ihr einen riesigen Blumenstrauß und ein Andenken von Cartier, das ihn eine stattliche Summe kostete, geschickt hatte, verdrängte er den Gedanken an die Countess of Derwent, ein Verhalten, das ihm zur Gewohnheit geworden war.

Das alles hatte sich vor zehn Tagen abgespielt.

Seither waren etliche Briefe in Harleston House abgegeben worden, alle mit der unverkennbaren Handschrift der Countess. Da er aber nicht beabsichtigte, sie zu beantworten, hatte er sie erst gar nicht geöffnet.

Lord Harleston, der es nicht mochte, wenn jemand auf seine Affären anspielte, verhielt sich reserviert.

»Wir sind alte Freunde, Selby«, sagte der Prinz in übertrieben herzlichem Ton, »daher kann ich ganz offen sein.«

»Selbstverständlich, Sir«, gab Lord Harleston zurück, obwohl er auf diese Art von Offenheit gern verzichtet hätte.

»Also, mein Lieber, Dolly hat sich an die Prinzessin gewandt«, eröffnete ihm der Prinz.

Lord Harleston erstarrte.

Das war ja unglaublich! Wie konnte Dolly nur so indiskret sein, sich bei Princess Alexandra über sein Verhalten zu beklagen! Je länger er aber darüber nachdachte, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, daß das Ganze nur Dollys Naivität zuzuschreiben war.

Princess Alexandra, die Gemahlin des Thronfolgers, war eine Frau, der von aller Welt Respekt gezollt wurde. Ihr fröhliches Wesen, ihr Sinn für Humor ließen sie die Rolle, die ihr auferlegt war, mit wahrer Perfektion spielen. Ihrer Schönheit und Jugendlichkeit galt die allgemeine Bewunderung, doch ihre fortschreitende Schwerhörigkeit erschwerte es ihr immer mehr, die gesellschaftlichen Verpflichtungen wahrzunehmen, die sie früher so genossen hatte.

Selbstbeherrschung und Würde verhinderten, daß sie Eifersucht zeigte, wenn ihr Gemahl der sie stets mit größter Zuvorkommenheit und Hochachtung behandelte, vor der Welt klar zu erkennen gab, daß er die Gesellschaft seiner anderen Damen der seiner Gemahlin vorzog.

Zur Zeit verband den Prinzen eine tiefe Zuneigung mit der bildschönen Mrs. Lilly Langtry, und Princess Alexandra hatte sich dem Unvermeidlichen gebeugt und keine Einwände erhoben, als auch diese Geliebte des Prinzen nach Marlborough House eingeladen wurde.

Nun trat eine Pause ein, die der Prinz nutzte, um sich zu räuspern.

»Die Prinzessin bat mich, Ihnen den Gedanken nahezubringen, daß Dolly für Sie eine hervorragende und überaus geeignete Ehefrau abgeben würde.«

Hätte der Prinz zu Lord Harlestons Füßen eine Bombe explodieren lassen, wäre dieser kaum entsetzter gewesen. Er hatte es sich zur Regel gemacht, seine Liebesaffären nie im Freundeskreis zu diskutieren, und er hatte außerdem deutlich zu verstehen gegeben, daß das Thema Ehe für ihn tabu war, insbesondere, wenn seine Verwandtschaft darauf anspielte.

Als jungem Mann war ihm von den Eltern, von Tanten, Onkeln und Cousins, eben von allen, die den Namen Harle trugen, ans Herz gelegt worden, sich nach einer Frau umzusehen. Unzählige Töchter aus standesgemäßen Familien, kaum dem Schulalter entwachsen, wurden ihm vorgestellt, wobei ihre Vorzüge hervorgehoben und derart übertrieben gepriesen wurden, als ginge es dabei um einen Pferdehandel.

Schließlich hatte er sich gefügt, weil er das Wort Heirat nicht mehr hören konnte, und hatte um die Hand der Tochter des Herzogs von Dorset angehalten, ein hübsches Mädchen mit Pferdeverstand.

Von Verliebtheit konnte allerdings keine Rede sein. Der Herzog von Dorset ermutigte seine Werbung, weil er in finanziellen Schwierigkeiten steckte, und Selby Harle, wie er damals hieß, hielt es für das Beste, die Angelegenheit hinter sich zu bringen, nachdem er sich zu diesem schicksalhaften Schritt durchgerungen hatte.

Einen Monat vor der Hochzeit - täglich waren bereits Geschenke geliefert worden - war seine Zukünftige mit einem Gardeoffizier, der arm war wie eine Kirchenmaus, durchgebrannt. Es sollte sich heraussteilen, daß sie ihn seit Kindertagen geliebt hatte.

Zwar hatte Selby Harle deswegen nicht an gebrochenem Herzen gelitten, doch er war vor aller Welt zum Narren gehalten worden, etwas, das er nicht vergessen konnte.

Er hatte wütend, verbittert und zynisch reagiert nicht, weil er seine künftige Ehefrau verloren hatte, sondern weil er seine übereifrige Verwandtschaft dafür verantwortlich machte. Und so hatte er sich geschworen, nie wieder auf sie zu hören.

Als im Jahr darauf sein Vater gestorben war und er dessen Stelle als Oberhaupt der Familie einnahm, die verschiedenen Häuser und Landsitze samt riesigem Grundbesitz und einem Vermögen erbte, das im Laufe der Jahrhunderte beträchtlich angewachsen war, hatte er klar zu verstehen gegeben, daß er nun sein eigener Herr war und auf die Ratschläge seiner Umgebung gern verzichten konnte.

In den darauffolgenden Jahren hatte er seine Familie das Fürchten gelehrt. Er tat, was ihm beliebte und konnte sehr rücksichtslos vorgehen, wollte jemand seine Pläne durchkreuzen.

In diesem Moment schoß es ihm durch den Kopf, daß der Prinz sich besser um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte, doch er beherrschte sich, diesen Gedanken laut auszusprechen.

Nach einem Augenblick peinlichen Schweigens sagte er: »Ich bedaure zutiefst, Sir, daß die Prinzessin mit dieser belanglosen Sache behelligt wurde.«

Der Prinz trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, dann erklärte er: »Die Prinzessin ist der Auffassung, daß der Ruf der Countess durch Ihr Verhalten leiden könnte. Als Gentleman gibt es für Sie aus dieser Situation nur einen einzigen Ausweg.«

Lord Harleston war so außer sich, daß er sekundenlang kein Wort herausbrachte. Dolly Derwent hatte ihm eine Falle gestellt, eine Falle, aus der es im Augenblick kein Entrinnen gab!

Wenn überhaupt, dann mischte Princess Alexandra sich nur sehr selten in die Intrigen und Liebesaffären ein, die sich, unter den Mitgliedern des sogenannten Marlborough House-Sets abspielten. Sie verschloß die Augen nicht nur vor der Treulosigkeit ihres Gemahls, sie verschloß sie ebenso vor der Art und Weise, wie alle seine Freunde buchstäblich ohne Atempause von einer Affäre in die andere taumelten.

Die beteiligten Damen waren häufig verheiratet, und während man die Liebhaber der schönen Lady de Grey, der Marchioness of Londonderry und Dutzender anderer Schönheiten beklatschte und belächelte, blieb die Prinzessin davon unberührt und schien nicht wahrzunehmen, was um sie herum vorging.

Im Falle der Countess of Derwent war das jedoch etwas anderes. Die Countess war verwitwet.

Kaum der Schulstube entwachsen, war sie mit einem sechzigjährigen Earl of Derwent verheiratet worden, der stets ein Auge auf hübsche Frauen gehabt hatte und dringend einen Erben brauchte.

Seine zwei Jahre zuvor verstorbene Frau hatte ihm fünf Töchter geschenkt, und wie so viele Männer vor ihm glaubte auch er, ein junges Mädchen würde ihm den Sohn bescheren, den er sich mehr als alles auf der Welt wünschte. Dollys - oder vielmehr Dorothys - Vater, der, wenngleich edler Herkunft, ein Landjunker ohne vornehme Ambitionen war, erhoffte sich für seine schöne Tochter eine gute Heirat. Daß ihn der Antrag des Earls überwältigte, verstand sich von selbst. So kam es, daß Dolly, die gar nicht gefragt worden war, plötzlich vor dem Traualtar stand.

Sechs Jahre lang beteten sie und ihr umso vieles älterer Ehemann um einen Sohn, bis die Enttäuschung dem Earl so heftig zusetzte, daß er das Zeitliche segnete. Er hinterließ der mittlerweile fünfundzwanzigjährigen und zur gefeierten Schönheit gewordenen Dolly ein Vermögen, das es ihr ermöglichte, in London ein sehr angenehmes Leben zu führen.

Nach ihrer offiziellen Trauerzeit hatte sie zwei oder drei flüchtige Affären mit verheirateten Männern, die sie zwar anbeteten, ihr aber keine Ehe bieten konnten.

Und dann war sie Lord Harleston begegnet.

Ihre Freundinnen hatten sie vor ihm gewarnt und sie nicht nur über seinen Ruf aufgeklärt, sondern ihr auch zu verstehen gegeben, die Chancen, mit ihm im Hafen der Ehe zu landen, seien gleich Null.

»Dolly, eines muß dir klar sein«, hatte eine Freundin sie belehrt. »Er ist unerreichbar wie die Sonne und ebenso heiß man verbrennt sich an ihm die Finger, wenn man sich mit ihm einläßt! Außerdem würden sich deine allgemeinen Heiratschancen erheblich vermindern!«

»Ich kann selbst auf mich achtgeben«, hatte Dolly erwidert, ohne zu wissen, wie viele vor ihr schon dasselbe gesagt hatten.

Sie hatte sich bis über beide Ohren in ihn verliebt für Lord Harleston, der diesbezüglich einige Erfahrung hatte, nicht weiter überraschend. Da er aber überzeugt war, ihre Gefühle seien ebenso oberflächlich wie ihr Verstand schwach, hatte er ihr nicht einmal zugehört, als sie ihm mit Selbstmord drohte.

Diese Drohungen waren für ihn ebenfalls nichts Neues und hatten keinerlei Wirkung auf ihn. Als er sie verließ, tat er es jedenfalls ohne Reue.

Dolly war aber keineswegs daran gelegen, sich selbst zu vernichten. Sie hatte beschlossen, ihn zu vernichten.

Da Princess Alexandra sich in der Gesellschaft eine einzigartige Position geschaffen hatte, war dem Prinzen und Lord Harleston klar, daß es einem Gentleman unmöglich war, sich ihren Wünschen zu widersetzen, wenn sie sich dazu entschlossen hatte, Partei für eine Frau gegen ihren Ehemann oder Liebhaber zu ergreifen.

Nachdem der Prinz nun alles losgeworden war, wirkte er noch verlegener.

»Selby, ich weiß, Sie haben sich geschworen, nie zu heiraten«, sagte er schließlich. »Aber Sie wissen so gut wie ich, daß Sie früher oder später einen Erben brauchen, einen Jungen, der die Jagd auf Ihren Besitzungen genießen kann ... so wie ich. Ich hoffe, ich werde im Oktober wieder eingeladen.«

»Selbstverständlich, Sir«, murmelte Lord Harleston, während er darüber nachdachte, ob Dolly vielleicht zu jenen Frauen gehörte, denen die Natur die Freuden der Mutterschaft versagte, da sie dem Earl of Derwent, der zugegebenermaßen betagt war, keinen Sohn geschenkt hatte. Aber er würde sie nicht heiraten, auch dann nicht, wenn man Druck gegen ihn ausübte!

Im Moment blieb ihm nichts anderes übrig, als zu sagen: »Sir, ich hoffe, daß Sie Ihrer Königlichen Hoheit meinen Dank übermitteln. Ich fühle mich sehr geehrt, daß sie sich meinetwegen Gedanken macht.«

Er konnte nur hoffen, daß man aus seinen Worten weder den Sarkasmus noch die Wut hören konnte, die er empfand.

Der Thronfolger, dessen Einfühlungsvermögen sehr beschränkt war, schien sehr erleichtert.

»Selby, verdammt anständig von Ihnen«, stellte er fest. »Und jetzt wollen wir von Ihren Pferden sprechen. Haben Sie die Absicht, das Derby zu gewinnen?«

Er legte den Arm um Lord Harlestons Schulter und geleitete ihn zur Tür. Die unangenehme Unterredung war vorüber, und der Prinz konnte sich nun guten Gewissens wieder seinen Freunden widmen. Im Ballsaal angekommen, entfernte sich Lord Harleston respektvoll. Da der Prinz keinen Versuch machte, ihn aufzuhalten, verließ er Marlborough House umgehend.

In einer kleinen, bequemen Kutsche, die er in London benutzte, fuhr er zu seinem an der Park Lane gelegenen Haus.

Kaum hatte sein verschlafener Kammerdiener sich wieder zurückgezogen, trat Lord Harleston, der noch nicht zu Bett gehen wollte, ans Fenster. Den Blick auf die Bäume des Hyde Park gerichtet, fragte er sich, was er in dieser Situation unternehmen sollte. Er hatte zwar schon manches erlebt, aber so sehr hatte er noch nie in der Klemme gesteckt.

So hatte er einmal, die Regenrinne entlangrutschend, aus einem im zweiten Stock gelegenen Boudoir einer Dame flüchten müssen, als deren eifersüchtiger Ehemann, der argwöhnte, daß ihm Hörner aufgesetzt wurden, unvermutet zurückkehrte.

In Frankreich war er einmal in ein Duell verwickelt gewesen, das zum Glück nicht mit einem Skandal geendet hatte. Als flinker und guter Schütze hatte er es so eingerichtet, daß sein Schuß den Gegner nur streifte, worauf der Sekundant erklärte, der Ehre sei Genüge getan.

Unzählige andere Male war er nur um Haaresbreite der Entdeckung und einem Skandal entgangen, doch seine jetzige Situation war anders ganz anders.

Ihm war klar, daß ein königlicher Befehl an ihn ergangen war, der Befehl, eine Frau zu heiraten, die ihn nicht mehr interessierte und an die er nicht für den Rest seines Lebens gekettet sein wollte.

»Was soll ich tun? Was, zum Teufel, soll ich tun?« fragte er in die Dunkelheit hinein, und dieselbe Frage verfolgte ihn, als er am Morgen erwachte.

Noch vor dem Zubettgehen hatte er veranlaßt, daß seinem Freund, Captain Robert Ward, die Bitte übermittelt wurde, er möge sofort am Morgen zu ihm kommen.

Lord Harleston war daher nicht weiter verwundert, als man Robert Ward meldete, während er im Morgenzimmer beim Frühstück saß.

Captain Ward, ein gutaussehender, sympathischer Mann, hatte bei der Garde gedient, jedoch im vorangegangenen Jahr seinen Dienst quittieren müssen, um sich der Verwaltung des Familienbesitzes zu widmen, weil sein Vater todkrank war.

Da ihn das Leben in Hampshire anödete, hielt Robert Ward sich sehr häufig in London auf, wo er in der Half Moon Street eine Wohnung hatte.

Beim Betreten des Morgenzimmers sah man ihm an, daß er nicht viel Zeit im Bett verbracht haben konnte.

»Was ist denn passiert, daß du mich zu dieser unchristlichen Zeit zu dir bestellst? Ich bin erst um vier ins Bett gekommen.«

»Um vier? Dann darf ich annehmen, daß du so lange bei White’s am Kartentisch gesessen hast.«

»Ja, ich hatte eine Glückssträhne«, berichtete Robert Ward.

»Daß ich am Ende alles verlor, brauche ich wohl nicht eigens zu erwähnen.«

»Ich habe dich oft genug gewarnt, die Finger davon zu lassen!« tadelte Lord Harleston ohne jegliches Mitgefühl.

»Ich weiß, ich weiß«, winkte Robert Ward ab und nahm unaufgefordert Platz. »Aber sicher hast du mich nicht kommen lassen, um mir die Leviten zu lesen!«

Lord Harleston enthielt sich einer Antwort, da der Butler eintrat und Captain Ward fragte, ob er zu frühstücken wünsche.

»Um Himmels willen an Essen darf ich gar nicht denken!« lautete die Antwort. »Bringen Sie mir einen Brandy!«

Der Butler stellte ein Glas neben ihn, goß Brandy ein und ließ die Karaffe auf dem Tisch stehen.

Lord Harleston wartete, bis sie wieder ungestört waren.

»Robert, ich bin in großen Schwierigkeiten.«

»Ach, schon wieder?« Sein Freund nippte an seinem Glas.

»Diesmal ist es sehr ernst.«

Sein Ton ließ Captain Ward sein Glas auf den Tisch stellen und den Hausherrn besorgt ansehen.

»Selby, hast du etwas angestellt? Ich dachte, du seist im Moment ganz frei.«

»Das war ich bis gestern abend.«

Captain Ward zog erstaunt die Brauen hoch.

»Geht es um Marlborough House?«

»Ja, genau.«

Robert Ward schenkte Brandy nach.

»Dann sag mir, was sich zugetragen hat! Gottlob ist der Brandy ausgezeichnet. Langsam regen sich meine Lebensgeister wieder.«

»Das kann ich von mir nicht behaupten«, erklärte Lord Harleston.

Robert Ward setzte sich bequem zurecht und lauschte aufmerksam den Worten Lord Harlestons, die dieser nur mit Mühe über die Lippen brachte, so unangenehm war ihm dies alles.

Als er geendet hatte, war Robert Ward so überrascht, daß er seinen Brandy völlig vergessen hatte.

Schließlich faßte sich Robert und rief aus: »Allmächtiger! Nie hätte ich mir träumen lassen, daß Dolly Derwent so viel Verstand hätte, sich der Prinzessin anzuvertrauen!«

»Ich kann kaum glauben, daß ihre Intelligenz ausreicht, um einen solchen Plan auszuhecken«, gab Lord Harleston zurück. »Der Gedanke muß ihr nach einer Tee-Party gekommen sein, als sie sich plötzlich mit Ihrer» Königlichen Hoheit allein im Raum befand. Und da sie ganz London mit ihren Klagen nervte, übte sie auch vor der Prinzessin keine Zurückhaltung.«

»Würde mich nicht wundern«, gab Robert ihm recht. »Was gedenkst du zu unternehmen?«

»Was kann ich überhaupt unternehmen?«

»Nun, sie heiraten, vermutlich.«

Lord Harleston ließ seine Faust mit so großer Wucht auf die Tischplatte niedersausen, daß Porzellan und Besteck klirrten.

»Verdammt will ich sein, falls ich mein ganzes Leben mit ihr verbringe! Sie ödet mich jetzt schon unbeschreiblich an!«

»Noch öder wird es für dich, wenn die Einladungen nach Marlborough House ausbleiben! Die Prinzessin kann nämlich sehr eigen sein, wenn jemand ihre Pläne durchkreuzt.«

Daraufhin verfielen beide Männer in Schweigen. In Prinzessin Alexandras unmittelbarer Umgebung war bekannt, daß sie trotz ihrer Schönheit und ihres sanften Wesens sehr starrsinnig, unberechenbar und manchmal auch sehr unvernünftig sein konnte.

Eine ihrer Hofdamen hatte Robert Ward anvertraut, daß die Prinzessin sich ihrer Begleitung gegenüber oft sehr rücksichtslos benahm. Sie selbst habe einmal während einer Ausfahrt im offenen Wagen wegen einer Nichtigkeit einen festen Schlag mit dem langen Schirm ihrer Herrin abbekommen.

Als man dieselbe Hofdame bei einem kleinen Flirt - mehr war es wirklich nicht - mit einem der Leibgardisten ertappte, wurde sie ohne viel Federlesens aufs Land verbannt. Ein halbes Jahr wurde es ihr verwehrt, nach London zurückzukommen, während der Leibgardist ebenso lange den Unmut der Prinzessin auf höchst unangenehme Weise zu spüren bekam.

Das Schweigen zog sich in die Länge, und Lord Harlestons Verzweiflung wuchs. Er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, daß es für ihn eine Rettung vor den drohenden Ehefesseln gäbe.

Robert trank langsam sein Glas leer.

»Ich habe eine Idee!« rief er unvermittelt aus.

»Ja, und?«

»Wenn du Dolly nicht heiraten willst, gibt es für dich nur einen Ausweg.«

»Und der wäre?« fragte Lord Harleston tonlos.

»Du mußt ins Ausland gehen.«

»Und wozu soll das gut sein?«

»Selby, überleg doch! Wenn du nicht hier bist, kannst du nicht heiraten. Gelingt es dir, dich für ein paar Monate abzusetzen, wird über die ganze Geschichte Gras wachsen. Wie du weißt, wird Dolly von Verehrern belagert. Ich möchte wetten, daß sie es vorzieht, sich in die Arme eines anderen zu flüchten, als allein zu bleiben, während du unerreichbar bist.«

Lord Harlestons Haltung verriet sein Interesse.

»Du hältst das für möglich?«

Die Frage war noch nicht ganz ausgesprochen, als er daran denken mußte, daß er in Dolly Derwent Leidenschaften geweckt hatte, die sie nie zuvor erlebt hatte. Seine Erfahrung sagte ihm, daß eine Frau ohne Liebe nicht leben konnte, hatte sie erst einmal die Freuden der Liebe gekostet.

Gleichzeitig aber wurde ihm bewußt, wie öde und langweilig sein Exil sich gestalten würde. Ihm würde das Derby entgehen, und er konnte seine Pferde nicht in Ascot laufen sehen.

Dann aber sagte er so entschlossen, als hätte er eine endgültige Entscheidung getroffen: »Alles ist einer Ehe vorzuziehen!«

»Sehr gut, damit wäre die Sache entschieden«, meinte Robert dazu. »Du wirst ins Ausland reisen.«

»Aber wohin? Paris ist zu nahegelegen. Außerdem würde der Prinz es als Beleidigung auffassen, wenn ich, anstatt seinem Wunsch zu entsprechen, nach Paris fahre, in eine Stadt, in der er sich selbst immer über die Maßen amüsiert.«

»Nein, nach Paris kannst du unmöglich«, sagte Robert. Sein Ton ließ erkennen, wie wenig er von den Überlegungen des Freundes hielt. »Laß mich nachdenken . . .« Stöhnend faßte er sich an die Stirn. »Mein Kopf fühlt sich an, als sei er aus Watte!«

»Dann trink noch einen Brandy.«

»Ja, sofort... ich überlege.«

Wieder Schweigen. Dann gab Robert einen Laut von sich, der einem Aufschrei nahekam. »Ich hab’s! Jetzt weiß ich, wohin du dich flüchten kannst, Selby!«

»Wohin?«

»Nach Colorado.«

»Colorado?« Lord Harleston war fassungslos. Noch ehe Robert fortfahren konnte, stieß er hervor: »Schlägst du mir am Ende vor, ich solle dort nach Gold graben?«

»Aber nein, keineswegs! Davon besitzt du genug!« gab Robert zurück. »Hast du vergessen, daß du mir vor etwa einem Monat gesagt hast, du hättest eine ansehnliche Summe in die Prarie Cattle Company investiert?«

»Ja, sicher.«

»Damals fand ich das eher amüsant«, fuhr Robert fort, »da ich von Investitionen in dieser Richtung noch nie etwas gehört hatte. Bei White’s hat dich dieser Bursche - an den Namen kann ich mich nicht erinnern - dazu überredet. Er sagte, es stünde britisches Kapital hinter dem Unternehmen, das über 50.000 Stück Vieh und zwei Millionen Morgen Land in Colorado besitzt.«

»Ja, natürlich, jetzt fällt es mir wieder ein! Mir erschien diese Möglichkeit damals sehr interessant, eine Abwechslung im Vergleich zu den Anlagen in Eisenbahnen und Schifffahrt.«

»Das wär’s also«, schloß Robert. »Es kann nie schaden, wenn man das Unternehmen genauer unter die Lupe nimmt, in das man investiert.«

»Du schlägst also allen Ernstes vor, ich solle nach Colorado gehen?«

»Die andere Möglichkeit brauche ich wohl nicht anzuführen.«

Lord Harleston sagte zunächst nichts. Dann stieß er ein kurzes Lachen aus, das nicht gerade humorvoll klang.

»Sehr schön. In der Not frißt der Teufel Fliegen, heißt es nicht umsonst. Ich werde also nach Colorado reisen.«

2.

Während die Etruria das Meer durchpflügte, dachte Lord Harleston dankbar an das Eigenlob der Cunard-Schifffahrtslinie, die von sich behaupten konnte, in dreiundvierzig Jahren weder das Leben eines einzigen Passagiers eingebüßt zu haben, noch einen einzigen Brief in dieser Zeit.

Das konnte keine andere Linie von sich behaupten, so daß Lord Harleston sich einigermaßen sicher fühlte, obwohl ihm die Etruria sehr klein und der Atlantik sehr groß vorkam.

Tatsächlich gehörte die Etruria zu den größten Schiffen, die den Atlantik befuhren, und die Cunard-Linie war Inhaberin des Blauen Bandes, einer Auszeichnung, deren Besitz durch den geplanten Bau großer Schiffe anderer Gesellschaften gefährdet wurde.

Den Passagieren präsentierte sich das Schiff als absoluter Höhepunkt schwimmenden Luxus. Mit den beiden Schornsteinen und drei Masten war es so groß, daß für alle, die es sich leisten konnten, Einzelkabinen mit Dampfheizung und Gasbeleuchtung zur Verfügung standen.

Lord Harlestons Stimmung litt sehr darunter, daß er England unfreiwillig den Rücken kehren mußte. Daher schätzte er sich glücklich, daß es Mr. Watson, seinem Sekretär, in letzter Minute gelungen war, nicht nur eine Kabine, sondern zwei reservieren zu lassen. Die zweite Kabine war in aller Eile als Salon eingerichtet worden. Somit war er nicht mehr gezwungen, sich unter seine Mitpassagiere zu mischen, wozu er nach einem einzigen prüfenden Blick nicht die geringste Neigung verspürte. Und in diesen Dingen war er eigen.

Daß er London schon um die Mittagszeit verlassen und um Mitternacht, kurz vor Auslaufen der Etruria, in Liverpool an Bord gehen konnte, verdankte Lord Harleston, der immer die prompte Erledigung aller Anordnungen erwartete, ebenfalls seinem Sekretär. Mr. Watson hatte es im Laufe der Zeit in dieser Hinsicht zu wahrer Perfektion gebracht.

Die Atlantiküberquerung würde mindestens zehn Tage in Anspruch nehmen, ein Umstand, der Lord Harlestons schlechte Laune nicht gerade hob, doch hatte sein Freund Robert ihm zum Abschied die tröstlichen Worte mitgegeben: »Selby, du mußt dir vor Augen halten, daß sämtliche Unannehmlichkeiten, die dir begegnen mögen, in vier bis fünf Monaten ausgestanden sein werden, während eine Ehe meist ein Leben lang dauert.«

Lord Harleston hatte es mit Schaudern vernommen. Daneben beschäftigte ihn die Frage, was der Prince of Wales von ihm halten würde, wenn er erfuhr, daß er die Flucht ergriffen hatte.

Mit Roberts Hilfe hatte er es jedoch so eingerichtet, daß seine Abreise wie ein Zufall aussah und keineswegs als Versuch, dem königlichen Befehl zu entgehen.

Zu diesem Zweck hatte er der Countess of Derwent einen, wie er hoffte, klugen Brief geschrieben. Dies hatte sich geradezu angeboten, da der Butler ihm eine Nachricht der Countess übergeben hatte, als er noch mit Robert beim Frühstück saß. Ein Blick auf das lilafarbene Papier und die Handschrift, die bereits Dutzende von Briefbögen in seiner Schreibtischlade bedeckte, und Lord Harleston wollte abwinken, als ein Blick seines Freundes ihn nach dem Brief greifen ließ.

Kaum war der Butler gegangen, sagte Robert: »Ich würde ihn öffnen.«

»Warum?«

»Es wäre interessant zu erfahren, ob sie schon weiß, daß der Prinz mit dir gesprochen hat.«

»Ja, natürlich.«

Lord Harleston öffnete den Umschlag, las den Brief und sagte: »Das Schreiben enthält nichts Sensationelleres als eine Dinner Einladung für heute abend.«

Daß der Brief auch Beteuerungen ihrer Liebe enthielt, erwähnte er nicht, denn das ging Robert schließlich nichts an.

»Sehr gut!« rief Robert aus. »Damit liefert sie uns den Anlaß, den wir brauchen.«

»Wie meinst du das?«

»Du mußt ihr mitteilen, daß du England verläßt. Einfach so zu verschwinden wäre ein Fehler.«

Lord Harleston gab ihm nach kurzer Überlegung recht.

»Stimmt«, sagte er. »Komm mit in mein Arbeitszimmer und sag mir, was ich schreiben soll.«

Als schließlich der Brief fertig vorlag, hielten ihn beide für ein wahres Meisterwerk.

Meine liebe Dolly,

zu meinem tiefsten Bedauern kann ich Deine liebenswürdige Einladung nicht annehmen, da ich überraschend davon in Kenntnis gesetzt wurde, daß ein in Amerika lebendes Mitglied meiner Familie in große Schwierigkeiten geraten ist.

Dies bedeutet, daß ich heute nach New York abreise, um nach dem Rechten zu sehen und zu helfen.

Ich bedaure sehr, daß keine Zeit mehr für einen Besuch bleibt, um von Dir Abschied zu nehmen und mir Gute Reise wünschen zu lassen. Eine weitere Enttäuschung bedeutet es für mich, daß ich meine Partys in Derby und Ascot absagen muß.

Mit besten Wünschen

Selby.

»Ausgezeichnet!« lautete Roberts Kommentar. »Besonders raffiniert erscheint es mir, daß du unausgesprochen läßt, ob das Mitglied deiner Familie männlichen oder weiblichen Geschlechts ist.«

»Was Dolly vermuten wird, weiß ich«, erwiderte Lord Harleston, »aber sie wird es nicht beweisen können.«

Er klingelte und ließ Mr. Watson kommen, worauf sich die Rädchen der Harleston-Maschinerie, wie Robert es nannte, zu drehen begannen.

In den nächsten Stunden packte der Kammerdiener Seiner Lordschaft mit Hilfe einiger anderer Bediensteten die Koffer, Mr. Watson legte ihm einen Stapel Briefe und Papiere vor, die zu unterzeichnen waren, und Robert bekam genaue Anweisungen, was er während der Abwesenheit des Freundes zu tun hatte.

»Meine Loge im Derby steht dir selbstverständlich zur Verfügung«, sagte Lord Harleston. »Ebenso die Loge in Ascot. Du mußt aller Welt zeigen, daß du keineswegs als mein Stellvertreter agierst, sondern zu deinem eigenen Vergnügen da bist.«

»Manche werden sich wundern, daß ich mir dieses Vergnügen leisten kann«, meinte Robert mit einem Anflug von Spott.

»Du mußt ihnen, und besonders dem Prinzen, zu verstehen geben, daß meine überstürzte Abreise mich sehr verärgert hat. Über den Termin meiner Rückkehr sollst du alle im Unklaren lassen.«

»Und wann gedenkst du tatsächlich zurückzukommen?«

»Sobald du mir mitteilst, daß Dolly ihre Gunst einem anderen geschenkt hat«, antwortete Lord Harleston, »und auch der Prinz vergessen hat, daß ich mich ihm widersetzte.«

»Ich glaube, du wirst ihm fehlen.«

»Das hoffe ich. Das bedeutet nämlich, daß er meine Rückkehr mit Ungeduld erwartet. Und ich versichere dir, Robert, daß ich ebenso ungeduldig sein werde.«

»Vielleicht gefällt es dir drüben!«

»Ich habe nie auch nur den leisesten Wunsch verspürt, Amerika zu besuchen. Obwohl einige Amerikaner aus unserem Bekanntenkreis nette Leute sind und die Frauen überaus attraktiv, hatte ich immer das Gefühl, Europa und nicht der Wilde Westen sei meine geistige Heimat.«

»Na, man kann nie wissen. Vergiß nicht, in New York die Vanderbilts zu besuchen. Als sie vergangenes Jahr hier gewesen sind, haben sie dich sehr herzlich eingeladen - meiner Meinung nach fast aufdringlich - doch deine Antwort war ausweichend.«

»Besuchen werde ich sie«, erklärte Lord Harleston, »aber bevor ich ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehme, möchte ich mich bei ihnen erst umsehen.«

Robert lächelte. Er wußte, Lord Harleston war nicht nur überaus wählerisch, was seine engsten Freunde betraf, er legte auch großen Wert darauf, mit Bekannten, die ihm nicht so nahestanden, keinen zu freundschaftlichen Umgang zu pflegen. William Henry Vanderbilt, Sohn des drei Jahre zuvor verstorbenen Cornelius, war ihm persönlich sehr sympathisch gewesen.

Dieser William Henry Vanderbilt, dessen Äußerung: »Verdammt sei die Öffentlichkeit!« immer wieder zitiert wurde, war nun Präsident der New York Central und der reichste Mann der Welt.

Anläßlich Vanderbilts letzter Europareise hatte Robert dessen Gesellschaft sehr genossen, obschon er sich die zynische Bemerkung nicht verkneifen konnte: »Leider färbt die goldene Aura der Reichen nur selten auf jene ab, mit denen sie Umgang haben.«

»Du wirst entdecken, daß du in New York ziemlich viele Leute kennst«, fuhr Robert fort. »Aber vergiß nicht, daß du eigentlich nach Colorado wolltest. Ich möchte später deine Meinung über das Land hören . . . schade, daß ich nicht mitkommen kann.«

»Wenn ich die Einsamkeit nicht ertrage, lasse ich dich nachkommen.«

»Nichts wäre mir lieber«, gestand Robert, »aber du weißt, daß ich meinen Vater nicht allein lassen kann. Die Ärzte sagen, er könne jeden Augenblick sterben.«

»Das tut mir leid«, sagte Lord Harleston voller Mitgefühl.

»Es wäre das Beste, was geschehen könnte«, seufzte Robert. »Die meiste Zeit hat er keine Ahnung, was um ihn herum geschieht, oder er hat unerträgliche Schmerzen.«

»Ich kann nur hoffen, daß mir dies nie passiert!« rief Lord Harleston aus. »Da ziehe ich einen raschen und unkomplizierten Tod durch eine Kugel vor.«

»Ich denke ähnlich darüber«, gab Robert ihm recht.

Da alles perfekt organisiert ablief, mußte Lord Harleston nur seine Kleidung wechseln und in den vor der Tür wartenden Wagen einsteigen. Mr. Watson begleitete ihn zum Bahnhof und legte ihn dem Stationsvorsteher ausdrücklich aus Herz.

In dem Expreßzug nach Liverpool, der nahezu astronomische Geschwindigkeiten zu erreichen imstande war, hatte man für ihn ein Abteil reserviert.

Nachdem er sich von seinem Sekretär verabschiedet hatte, machte Lord Harleston es sich so bequem wie nur möglich.

In seinem Abteil lagen zahlreiche Zeitungen und Magazine für ihn bereit, dazu ein Proviantkorb, bei dessen Zusammenstellung sich der Koch selbst übertroffen hatte, und einige Flaschen Wein.

Hätte mehr Vorbereitungszeit zur Verfügung gestanden, Lord Harleston wäre natürlich in seinem eigenen Salonwagen gereist, der an den Zug angehängt werden konnte. So aber mußte er sich mit dem Abteil begnügen, während Kammerdiener und Gepäck im Nachbarabteil reisten.

Da ihn die vorangegangene sorgenvolle Nacht sehr erschöpft hatte, verbrachte Lord Harleston einen Teil der Fahrt schlafend. Bei der Ankunft in Liverpool wurde er vom Stationsvorsteher empfangen. Der Mann führte ihn zu zwei bereitstehenden Wagen, die ihn zu den Docks brachten, wo er an Bord der Etruria gehen sollte. Dort wurde ihm ein Empfang zuteil wie einem Mitglied der königlichen Familie.

Die Cunard-Gesellschaft verstand es, den Passagieren das Gefühl zu vermitteln, höchst willkommene Gäste zu sein, besonders denjenigen, die einen Adelstitel vorzuweisen hatten.

Ebenso war man entschlossen, Vergleiche mit den höchst unbequemen Atlantiküberquerungen der ersten Cunard-Schiffe gar nicht erst aufkommen zu lassen. Damals, als diese Schiffe noch die Größe von Ausflugsdampfern hatten und Schaufelrad und Maschinen mittschiffs den größten Raum einnahmen, blieb für Passagiere nur vorne und achtern Raum, genau dort, wo man das Schlingern am meisten spürte.

Lord Harleston mußte unwillkürlich an Charles Dickens’ Beschreibung der winzigen Kabine denken, die er und seine Frau bei der ersten Amerikatournee benutzt hatten.

Beim Betreten der Kabine fand Dickens zwei Etagenbetten vor, von denen das obere sich als nahezu unzugänglich präsentierte und ihn zu der Äußerung bewog: »Nur ein Sarg wurde als noch kleinere Schlafgelegenheit ersonnen.«

Eines allerdings hatte die Etruria nicht aufzuweisen, nämlich einen speziellen Deck-Aufbau mit gepolsterten Wänden für die Schiffskuh, die auf Dickens’ Schiff Milch für Frauen, Kinder und Kranke lieferte.

Higgins, Lord Harlestons Kammerdiener, der ihn oft auf Reisen begleitete, hatte in kürzester Zeit alles ausgepackt, was auf der Überfahrt gebraucht wurde, während das übrige Gepäck unter Deck verschwand. In der Salonkabine standen, wie von Zauberhand für Seine Lordschaft bereitgestellt, zwei Karaffen, eine mit Sherry und eine mit Brandy, in einem Eiskübel daneben eine Flasche seines Lieblingschampagners.

Mr. Watson hatte Lord Harleston auch mit Lektüre versorgt. Unter den Büchern befand sich unter anderem ein Reiseführer für Amerika, wie Seine Lordschaft belustigt zur Kenntnis nahm. Schließlich standen in einer Vase sogar Malmaison-Nelken, die Lord Harleston jedoch leider sehr stark an Dolly erinnerten. Die Blumen stammten aus den Gewächshäusern seines Landgutes.

»Werden Sie unten speisen, Mylord?« fragte Higgins.

Lord Harleston überlegte kurz.

»Ich glaube, heute werde ich allein dinieren«, sagte er. »Den Speisesaal werde ich mir morgen ansehen.«

Von seinen bisherigen Seereisen, die ihn in den Orient geführt hatten, wußte Lord Harleston, daß der erste Abend an Bord immer kritisch war.

Traditionsgemäß erschienen die Damen am ersten Abend nach dem Auslaufen nicht in Abendkleidung, und außerdem war es ratsam, seinen Platz an einem der Tische im Salon in aller Ruhe auszuwählen.

Er konnte zu Recht erwarten, am Kapitänstisch einen Platz zu finden. Sollte sich dies aber als langweilig erweisen, würde er einen Tisch für sich allein verlangen.

Auf jeden Fall war es besser, abzuwarten und zu sehen, was sich ergeben würde.

Die Mahlzeit, die ihm in der Kabine serviert wurde, war ausgezeichnet, ebenso der Service, der von Higgins überwacht wurde.

Kaum aber war er allein, da sein Kammerdiener sich für die Nacht zurückgezogen hatte, überfielen ihn Einsamkeit und Heimweh. Hatte er sich zwar am Abend zuvor in Marlborough House gelangweilt, so war ihm doch ein glanzvoller Eindruck zurückgeblieben . . . schöne Frauen, die unter Kristalllüstern tanzten, Herren, die über eine witzige Bemerkung des Marquis de Soveral lachten.

Dies alles war einem unfreiwilligen Aufbruch vorzuziehen, an dem allein Dolly schuld war. Daß sie sich an Prinzessin Alexandra gewandt und ihm Schwierigkeiten gemacht hatte, würde er ihr nie verzeihen.

»Verdammte Frauenzimmer!« stieß er hervor. »Aus mir wird noch ein richtiger Frauenhasser!«

Insgeheim wußte er aber, wie unwahrscheinlich dies war. Gleichzeitig hoffte er, es würde längere Zeit verstreichen, ehe er sich wieder für ein weibliches Wesen interessierte.

Er zwang sich, seine Gedanken auf seine Pferde zu lenken. Doch immer wieder kehrte die Erinnerung an die Frauen zurück, die während der vergangenen fünf Jahre Teil seines Lebens gewesen waren.

Und es waren sehr viele, wie er voller Unbehagen feststellte. Noch beunruhigender war der Umstand, daß es keiner gelungen war, sich tiefer in sein Gedächtnis einzugraben.

Natürlich waren sie schön und amüsant gewesen, und er hatte seinen und ihren Ruf bei diesen Affären aufs Spiel gesetzt.

Warum wohl wollte ihm der Ausspruch jenes zynischen Franzosen nicht aus dem Sinn gehen, der gesagt hatte: »In der Nacht sind alle Katzen grau«, und je länger er darüber nachdachte, desto treffender erschien ihm diese Feststellung.

Ich werde nie heiraten, schwor er sich, während ihm gleichzeitig bewußt war, daß er diesen Entschluß wahrscheinlich nicht würde halten können.

Natürlich würde er eines schönen Tages heiraten müssen, da er einen Sohn und Erben brauchte, der nicht nur seinen Titel fortführte, der ihm verhältnismäßig wenig bedeutete, sondern die lange Tradition der Harles fortsetzte, die seit den Tagen Charles’ II das Herrenhaus in Buckinghamshire bewohnten.

Viele seiner Vorfahren hatten dem Land gedient und dem Namen der Familie einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert.

Verdammt nochmal, ich bin stolz auf das Blut, das in meinen Adern fließt! dachte Lord Harleston mit einem Anflug von Trotz.

Dies bedeutete aber, daß er früher oder später wie so viele Männer vor ihm sich dem Zwang beugen und heiraten mußte, und sei es auch nur, um Söhne und Enkel in die Welt zu setzen, ehe seine Zeit ablief.

Nun, dafür hatte er noch lange Zeit, entschied er. Da er müde war und sich langweilte, begab er sich nach nebenan in die Schlafkabine und ging zu Bett.

Er schlief erstaunlich gut. Als er erwachte, war die See aufgewühlt. Folglich würden die meisten Passagiere unter Deck bleiben, und er konnte ungestört seine Sportübungen machen, wie er zufrieden feststellte.

Er hatte immer Seetüchtigkeit bewiesen, obwohl er Stürme in der Biskaya, den Mistral im Mittelmeer und einen unangenehmen Taifun im Chinesischen Meer miterlebt hatte. Lord Harleston dachte nicht daran, seinen Frühsport, den er absolvierte, wo immer er sich aufhielt, ausfallen zu lassen.

In London wie auch auf dem Land pflegte er allmorgendlich auszureiten. Im Winter ging er eifrig auf die Jagd, während er sich im Sommer in Hurlingham als ausgezeichneter Polospieler hervortat. Daneben hielt er sich einen Tennistrainer und boxte hin und wieder ein paar Runden mit den Armee-Champions, da er während seiner Zeit beim Militär entdeckt hatte, daß er kein schlechter Boxer war.

Nach dem Frühstück, das ihm Higgins sehr zeitig servierte, unternahm er einen Spaziergang auf Deck und ließ sich von den Brechern nicht stören, die den Bug überspülten.

Wie erwartet, hatten nur wenige Passagiere den Mut, diesem Wetter zu trotzen.

Nach einer Stunde eisernen Trainings zog Lord Harleston sich in seine Kabine zurück und widmete sich der Lektüre, die Mr. Watson ihm fürsorglich mitgegeben hatte. Davon wurde seine Aufmerksamkeit bis Mittag in Anspruch genommen. Als er dann hinunter zum Mittagessen in den Salon ging, sah er sich hoffnungsvoll nach einer verwandten Seele um, mit der eine Bekanntschaft sich gelohnt hätte.

Er sollte enttäuscht werden.

Viele der Herren sahen aus wie Vertreter oder Geschäftsleute, und die Frauen waren besonders unscheinbar - kurzum, er entdeckte niemanden, mit dem er sich eine Unterhaltung gewünscht hätte.

Lord Harleston war nicht der Typ, der gern mit Fremden an der Bar trank, und eine Kartenpartie oder ein anderes Gesellschaftsspiel kam für ihn an Bord eines Schiffes nicht in Frage.

Als wolle die Cunard-Linie wettmachen, daß sie anregende Gesellschaft nicht garantieren konnte, bot sie den Passagieren der Ersten Klasse einen Service, der zehn Mahlzeiten am Tag umfaßte.

Der Tag begann mit Trauben und Melonen. Dann kam das Frühstück, das alles nur Erdenkliche bot, wie es allgemein hieß. Um elf folgte eine Tasse Bouillon, und zu Mittag wurden auf den Decks Sandwiches serviert.

Am Nachmittag zwischen Tee und Dinner gab es Eis, Kaffee und Gebäck. Dieser kulinarische Marathon endete um neun Uhr mit dem Abendessen.

Da Lord Harleston sein Gewicht halten wollte, um seine Pferde in den Rennen selbst reiten zu können, war er ein maßvoller Esser und hielt nichts davon, sich den Gaumenfreuden im Übermaß hinzugeben.

An Bord gab es nichts, was ihn aus seiner Langeweile hätte reißen können. So war er sehr erleichtert, als das Schiff nach zehn Tagen in den Hafen von New York einlief und er einen ersten Blick auf die vor kurzem aufgestellte Freiheitsstatue werfen konnte.

Trotz seiner lauen Reaktion auf Roberts Vorschlag, die Vanderbilts zu besuchen, hatte er Mr. Watson angewiesen, ihnen seine Ankunft telegrafisch anzukündigen. Daher war er nicht weiter erstaunt, als ihn sofort nach dem Anlegen des Schiffes ein Sekretär Mr. Vanderbilts begrüßte und ihm mitteilte, daß ein Wagen bereitstünde, um ihn in die 52nd Street West zu bringen.

Er nahm die Einladung dankbar an, da er das Alleinsein gründlich satt hatte. Der äußerst komfortable Wagen war mit einem offenen Verdeck ausgestattet. So konnte Lord Harleston die Aussicht genießen, während der Sekretär ihm berichtete, was sich in jüngster Zeit in New York zugetragen hatte, einer Stadt, die in nur wenigen Jahren eine geradezu phänomenale Entwicklung erlebt hatte. Seinem Begleiter lag offenbar viel daran, ihn davon zu überzeugen, wie zivilisiert die Amerikaner geworden waren. So erfuhr der Neuankömmling, daß Henry Irving und Ellen Terry ihr Debüt in New York gefeiert hatten und daß das erste New Yorker Telefonbuch dreihundert Teilnehmer aufweisen konnte.

»Im Moment sind Fotografien bei uns der letzte Schrei, Mylord«, fuhr der Sekretär fort. »Die Stars der neuen Metropolitan Opera lassen sich alle fotografieren.«

Lord Harleston bemühte sich, gebührend beeindruckt zu wirken.

Er staunte nicht schlecht, als der Mann ihn dann, ein Greenhorn aus dem Hinterland, vor den verschiedenen Gefahren zu warnen versuchte, die einem Fremden, noch dazu einem Ausländer, in der Metropole drohten. Lord Harleston, der ausgedehnte Reisen in andere Teile der Welt unternommen hatte, hörte sich amüsiert die Geschichten über Glücksspieler an, die regelmäßig die Züge bearbeiteten, und über Hotelgäste, die auf dreiste Art bestohlen worden waren. Es konnte geschehen, daß einem auf offener Straße die Uhr gestohlen wurde, und in den Bahnen wimmelte es von Taschendieben, von denen viele weiblichen Geschlechts waren.

Der Sekretär beendete seine Schilderung mit dem Rat, sich auf keinen Fall zum Kauf eines Gürtels, der angeblich die Gabe hatte, seinen Träger unsichtbar zu machen, und fünf Dollar kostete, überreden zu lassen.

Lord Harleston lachte.

»Sie können versichert sein, daß mir nichts daran liegt, unsichtbar zu werden.«

»Eure Lordschaft haben keine Ahnung von dem Verbrecherunwesen, das in dieser Stadt so schnell wächst wie die Gebäude«, erklärte der Sekretär daraufhin ernsthaft.

»Ich bin Ihnen für die Warnung sehr verbunden.«

Lord Harleston war erleichtert, als sie die Residenz der Vanderbilts erreicht hatten.

Nach dem Tod seines Vaters, des Commodore, hatte William Henry Vanderbilt den Entschluß zum Bau eines wahrhaft königlichen Herrensitzes gefaßt. Die Bauunternehmer drängten ihn, als Baumaterial Marmor zu nehmen, augenfälligstes Symbol der Macht, doch Mr. Vanderbilt empfand eine gewisse Angst vor Marmor, da er das Gefühl hatte, der kalte Glanz strahle etwas Böses aus. Diese Furcht war nicht unbegründet, denn sowohl William Backhouse Astor als auch ein anderer Millionär waren nach der Fertigstellung ihrer Marmorpaläste gestorben.

Daher hatte Mr. Vanderbilt sich für den Bau dreier Häuser aus braunem Sandstein entschlossen, eines für sich und zwei für seine Töchter. Zu diesem Zweck beschäftigte er einige hundert einheimische Arbeiter und fünfzig Handwerker aus dem Ausland.

»Das Haus ist noch nicht ganz fertig«, informierte der Sekretär Lord Harleston. »Doch ich bin sicher, Eure Lordschaft werden auf den gewohnten Komfort nicht verzichten müssen und vor allem an Mr. Vanderbilts Gemäldesammlung Gefallen finden, die allgemein als sensationell gilt.«

Als Lord Harleston das Haus sah, fand er es nicht nur insgesamt sensationell, es erschien ihm fast schon unwirklich. Überwältigende Toreinfahrten empfingen, Triumphbögen gleich, die Gäste, vergoldete Decken wölbten sich wie Teile ägyptischer Sarkophage über dem Besucher, und die Vielfalt von Vasen, Lampen, Figurinen und kostbaren Büchern riefen in ihm das Gefühl hervor, nach dem reichlichen Alkoholkonsum vom Vorabend seinen Augen nicht trauen zu können.

An der Gastfreundschaft jedoch, mit der er empfangen wurde von Mr. Vanderbilt, gab es keinen Zweifel. Da das Zimmer, das man ihm zugedacht hatte, über die Ausmaße eines Ballsaals verfügte, konnte er sich über Raummangel nicht beklagen.

Mr. Vanderbilts Schwiegertochter, Mrs. William Kessain Vanderbilt, empfing Lord Harleston noch herzlicher als der alte Vanderbilt. Da sie über ausgeprägten gesellschaftlichen Ehrgeiz verfügte, ließ die Tatsache, daß sie einen adeligen und wohlhabenden Briten unter ihrem Dach beherbergte, sie wie eine Bienenkönigin umherschwirren.

Lord Harleston war sehr bald klar, daß er auf der Hut sein mußte, wollte er nicht statt mit Dolly mit irgendeiner jungen Amerikanerin verkuppelt werden, die von ihrer Mutter wie eine Marionette manipuliert wurde. Mrs. Vanderbilt nämlich - als Alva Smith in Mobile geboren - stellte ihm, gleich einem Zauberer, der Kaninchen aus einem Zylinder hervorholt, eine nicht enden wollende Reihe von Kandidatinnen vor.

Wie sollte er ihr erklären, daß er sich noch nie für junge Mädchen interessiert hatte, daß er nicht wußte, worüber man mit ihnen sprach, und daß er, wenn es sich vermeiden ließ, auch nicht mit einem dieser Wesen tanzen wollte? Da ihm zu Ehren Abend für Abend eine Dinnerparty mit anschließendem Tanz gegeben wurde, beschloß er, schnellstens weiterzureisen. Sein Vorhaben, die Flucht zu ergreifen, wurde noch beflügelt, als er erfuhr, daß Alva Vanderbilt ein Kostümfest plante. Es gab nichts, was Lord Harleston mehr haßte als Kostümfeste, und er hatte nicht die Absicht, jemals eines zu besuchen. Er hatte solche Veranstaltungen auch in England stets gemieden, ungeachtet der Tatsache, daß der Prince of Wales ihn einmal fast auf Knien angefleht hatte, an einem Kostümfest teilzunehmen, das es an Extravaganz mit den prächtigen fêtes aufnehmen konnte, die der Prinzregent seinerzeit in Carlton House zu veranstalten pflegte.

Sir Frederic Leighton, Präsident der Royal Academy, war beauftragt worden, die Dekorationen in Marlborough House zu überwachen, nachdem über 1400 Personen eingeladen worden waren. Der Prinz, der als Charles I mit großem Federhut einen sensationellen Eindruck hinterließ, eröffnete den Ball mit einer venezianischen Quadrille.

Die Musik spielte bis in die Morgendämmerung, das Souper wurde in zwei riesigen, mit Tapisserien behangenen roten Zelten serviert, so daß sogar Disraeli, der verspätet und nicht kostümiert erschien, das Fest als prachtvoll, brillant, phantastisch bezeichnete.

Der einzige Außenseiter, ja der einzige, der eine Einladung erhielt, dieser aber aus freien Stücken nicht Folge leistete, war Lord Harleston.

»Ich werde niemals einen Narren aus mir machen, nur um dem Prinzen oder sonst jemandem einen Gefallen zu tun«, hatte er zu Robert gesagt. »Gibt es denn etwas Lächerlicheres als einen Haufen erwachsener Männer, die sich wie die Kinder kostümieren und mit Perücken auf dem Kopf herumparadieren?«

»Wo bleibt deine Vergnügungslust?« hatte Robert spöttisch gefragt.

»Vergnügen? Das nennst du Vergnügen?« Lord Harleston sagte es voller Verachtung. »Da vergnüge ich mich lieber mit einem hübschen Mädchen auf der Wiese in Hampstead Heath.«

»Das würde jeder gern«, hatte Robert geantwortet.

Jetzt sagte Alva Vanderbilt zu Lord Harlestons Entsetzen: »Ich stelle Sie mir als Sir Galahad vor, aber vielleicht würden Sie lieber Hamlet sein. Einerlei, in beiden Kostümen würden Sie eine wunderbare Figur machen.«

Lord Harleston ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß er zu seinem Bedauern keine dieser Rollen spielen konnte.

»Mrs. Vanderbilt, es ist wirklich bedauerlich, doch ich bin mit einem Freund in Denver verabredet. Es ist sehr wichtig, deshalb muß ich morgen früh abreisen.«

Mrs. Vanderbilt stieß einen schrillen Protestschrei aus.

»Das dürfen Sie nicht! Ganz ausgeschlossen! Diesen Ball gebe ich eigens für Sie!«

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, aber mein Besuch bei Ihrem Schwiegervater neigt sich dem Ende zu.«

Alva Vanderbilt war eine intelligente, entschlossene, aber unglücklich verheiratete Frau, deren einziger Lebensinhalt ihre gesellschaftlichen Aktivitäten waren. Innerhalb der Familie pflegte sie sich stets durchzusetzen, weil sie ihre Umwelt zermürbte, doch in Lord Harleston hatte sie einen ebenbürtigen Gegner gefunden.

Er reiste in dem Moment ab, als ganze Wagenladungen von Topfpflanzen in den Ballsaal geschleppt wurden, um einen festlichen Hintergrund für das köstliche und kostspielige Souper zu schaffen, das von einer hervorragend eingespielten Dienerschaft in braunen Livreen serviert werden würde.

Das Durcheinander von Schäferinnen und Schäfern, Portias und venezianischen Prinzessinnen, Pierrots und Räubern vor Augen, die sich zu den Klängen von hundert Violinen im Ballsaal drehen würden, ließ Lord Harleston sich mit einem Seufzer der Erleichterung im Salon des Schlafwagens in einen Sessel fallen.

»Higgins, das war ein Entkommen in letzter Minute«, sagte er zu seinem Kammerdiener, als der Zug aus der Bahnhofshalle fuhr.

»Ein wahres Wort, Mylord«, stimmte Higgins zu. »Ich kann mir Eure Lordschaft nicht kostümiert vorstellen, und wenn mir die Äußerung gestattet ist, ich halte Kostüme für rausgeworfenes Geld.«

»Geld scheint in diesem Land niemandem Kopfzerbrechen zu machen«, gab Lord Harleston trocken zurück.

Seiner Ansicht nach hatten die Amerikaner hoch viel dazuzulernen, um ihren enormen und ständig wachsenden Reichtum vernünftig zu nutzen.

Da er mehr als die Hälfte des Kontinents durchfahren mußte, um Denver zu erreichen, dauerte die Fahrt sehr lange, und seine Neugier auf das Land, das sich durch die Goldfunde sehr verändert hatte, wuchs mit jeder Stunde. Colorado hatte seinen ursprünglichen Charakter als reines Viehherdenland mit den ersten Goldfunden verloren, als aus allen Teilen der Welt die Menschen kamen, um hier ihr Glück zu machen. Zwischen 1859 und 1870 wurde aus Gewässern und Bergen Gold im Wert von über 27 Millionen Dollar gewonnen. Doch die ersten Goldsucher hatten nur die Oberfläche angekratzt, so daß man später dazu überging, Gold auch unter Tage abzubauen.

Doch das Gold, das alle Probleme lösen sollte, war nicht so leicht zu finden, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte, so daß der Staat verarmte.

Diesen Augenblick hatten sich die Indianer für eine Revolte gegen die weißen Eindringlinge ausgesucht, und die Lage verschlimmerte sich immer mehr trotz der Friedensbemühungen der Weißen.

Aus der Literatur, die Lord Harleston zu diesem Thema gefunden hatte, ging hervor, daß um 1864 die Angriffe der Indianer auf die großen Verbindungswege immer häufiger wurden und viele Rancher bei Überfällen getötet oder skalpiert wurden.

Die Lage beruhigte sich, als die Eisenbahnstrecke fertiggestellt war. Und während man dieses Ereignis noch gebührend bejubelte, wurde Silber gefunden, und es begann ein neuer Aufschwung in Colorado.

Die Bevölkerung wuchs, entlang der Eisenbahnstrecke entstanden neue Ansiedlungen, und viele neue Siedler strömten in dieses Gebiet.

Da Lord Harleston gern Bescheid wußte, in was er investierte, informierte er sich anhand seiner Unterlagen gründlich über die finanzielle Lage Colorados. Überrascht stellte er fest, wie unerwartet stark ihn der Bergbau interessierte. Wenn ich schon da bin, könnte ich mir auch alles ansehen, dachte er bei sich.

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