Kitabı oku: «Die Unbeirrbare»

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Barbara Kopp, geboren 1964, studierte in Zürich Germanistik und Geschichte und arbeitete als Journalistin für Printmedien und das Schweizer Fernsehen. Heute ist sic Dozentin u.a. an der Schweizer Journalistenschule MAZ und leitet journalistische Schrcibwcrkstätten. Im Limmat Verlag veröffentlichte sie die Biografie «Die Unbeirrbare. Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte».

Barbara Kopp

Die Unbeirrbare

Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte


Inhalt

Mit Fenster gegen die Berge

Die Gymnasiastin geht ihren Vorlieben nach, die nicht dem entsprechen, was in Zeiten von Wirtschaftskrise und aufkommendem Faschismus von jungen Frauen erwartet wird.

Die Sippe und ihr Selbstbewusstsein

Eine katholische Familie demonstriert aristokratische Herkunft und liberale Gesinnung. Die Mutter erzieht ihre Älteste zu Enthaltsamkeit, zu kritischem Denken und Selbstbestimmung.

Revolutionäre Stimmung beim Kartoffelanbau

Die Doktorandin der Rechtswissenschaften ringt im Zweiten Weltkrieg mit der katholischen Kirche und verfasst ihre Grundsatzerklärung. Sie überschätzt ihre Kräfte und bricht zusammen.

Vom «Ochsen» zum «Hirschen»

Bedingungslos kämpft die Juristin für das Frauenstimmrecht, doch die Schweizer Männer sagen Nein zur Gleichberechtigung. Von der zweiten Heimat ihres Onkels verspricht sie sich das grosse Glück.

Im Jardim Botânico

Die brasilianische Utopie hält nicht stand. Beschieden ist der Schweizerin aber eine zukunftsweisende Begegnung mit einer Bernburgerin, die bei der Erklärung der Menschenrechte dabei war.

Der Bildersturm für die halbe Menschheit

Wieder in der Schweiz, fordert die Unbeirrbare vom Zweiten Vatikanischen Konzil die Zulassung von Frauen zum Priestertum. Ihre avantgardistischen Forderungen gehen um die Welt.

Eine Freundschaft mit Vorbehalten

Die Vordenkerin freundet sich mit dem Konzilsmitarbeiter der amerikanischen Bischöfe an, der in jungen Jahren ein Radiostar war. Die beiden streiten unversöhnlich und mögen sich trotzdem leiden.

Standfestigkeit im Gegenwind

Die Kirchenkritikerin findet in Deutschland endlich Gleichgesinnte, die mutig mit ihr weiterkämpfen. Im Petersdom versuchen die Konzilsväter, sich der lästigen Frauenfrage zu entledigen.

Eine leichte Verschiebung

Die Suffragette steht auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn. Sie treibt die Frauenstimmrechtlerinnen weiter an, doch müde geworden, geht sie zu den jungen Feministinnen auf Distanz.

Geographie einer Behausung

Spät sieht die Pionierin die Frauen im Genuss des Stimmrechts. Die Diskriminierung durch die katholische Kirche kränkt sie weiterhin. Am Ende bleiben vier Buddhas und die Maria mit ihrem Kind.

Anmerkungen

Verzeichnis der Dialektwörter und fremdsprachigen Ausdrücke

Quellen und Literatur

Mit Fenster gegen die Berge

Die Gymnasiastin geht ihren Vorlieben nach, die nicht dem entsprechen, was in Zeiten von Wirtschaftskrise und aufkommendem Faschismus von jungen Frauen erwartet wird.

Zweierlei wünscht sich Gertrud Heinzelmann zum bevorstehenden Abschluss am Mädchengymnasium der Stadt Zürich. Von ihren Eltern will sie einen Eispickel und dazu bar auf die Hand vier Schweizer Franken, die sie selbst auf das Konto des Zürcher Frauenstimmrechtsvereins einzahlen will.

Zu Hause erregen die Wünsche keinen Widerstand, denn Mutter Bertha ist für das Frauenstimmrecht, und Vater Hans, als Kaufmann zwischen Oslo und Kairo unterwegs, beunruhigt es nicht, dass seine Tochter zu den Suffragetten will, wie die Stimmrechtlerinnen abschätzig genannt werden, und er stört sich ebenso wenig daran, dass sie zu den Alpinistinnen drängt. Diese gelten als Mannweiber, und die Bergsteiger verweigern ihnen missgünstig die Aufnahme in ihren Club, weil Klettern das beliebte Vergnügen von Städterinnen ist, denen Freiheit und Leistung mehr bedeuten als eine gute Partie.

Im Gegensatz zu diesen beiden Neigungen stößt im Elternhaus von römisch-katholischer Konfession eine andere Veranlagung der Tochter auf Ablehnung. Dieser Wesenszug wird von keinem Familienmitglied geteilt, auch nicht in der weiteren Verwandtschaft. Er trägt Gertrud Heinzelmann den Übernamen «Betblätz» ein, eine Bezeichnung für einen Stofflappen, den eifrige Kirchgänger zum Beten unter die Knie schieben, um Schmerzen zu vermeiden. Dieser Spottname bedeutet, dass da eine entgegen der liberalen Familientradition allzu fromm niederkniet. Religiöse Handlungen und Heiliges üben auf die Gymnasiastin einen starken Zauber aus; ihr Verhältnis zur katholischen Kirche ist jedoch zwiespältig.

Das Herzstück in ihrem Zimmer ist der kleine Schrank, in dem Bücher religiösen Inhalts neben staatstheoretischen Werken stehen. Zum Erstaunen ihrer Mitschülerinnen, die sich eine derartige Lektüre nur als Schulaufgaben zumuten würden, verschlingt sie in ihrer Freizeit Bücher wie «Der Staat: über die Gerechtigkeit» von Platon. Täglich liest sie die «Neue Zürcher Zeitung», Vaters Leibblatt, und schwärmt für den gewaltlosen Widerstand des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi. In ihren Aufsätzen behandelt sie vorzugsweise theoretische Fragen, sodass eine Lehrerin findet, sie solle sich doch endlich einmal weniger abstrakten Themen zuwenden. Daneben ist sie eine leidenschaftliche Briefschreiberin, und der große Brieffreund, dem sie ein halbes Leben lang schreiben wird, ist Mutters jüngerer Bruder. Onkel Paul lebt in Rio de Janeiro, und überall in Brasilien gehen die Reichen und Schönen in Schuhen aus seiner Lederfabrik. Ihm schreibt Gertrud Heinzelmann im August 1933 in den letzten Sommerferien vor dem Abitur:

Lieber Päuk!

Federhalter kauend & Glace verdauend sitze ich in meiner Bude & warte auf eine Inspiration für einen Brasil-Fackel. Weisst Du überhaupt, dass ich eine eigene Bude habe? Ich sage Dir, sie ist fabelhaft. Erstens mal hat sie eine wunderbare Lage: Mansarde, mit Fenster gegen die Berge. Zweitens ist sie erstklassig in der Möblierung: In der neuen Stube fanden der Schreibtisch & das Bücherkästchen keinen Unterschlupf & und diese stehen jetzt hier oben, zu meiner Freude natürlich nebst einer Klappe & einem Kasten. Sonst ist nichts da, kein Helgen oder sowas, & ich freue mich täglich über diese erzsachliche Möblierung, in der man so fein wenig abstauben & aufräumen muss. –

Das Fenster ist permanent sperrangelweit geöffnet, so dass ich von meinem Kopfkissen aus nach Herzenslust in die Wolken oder den klaren Sternenhimmel oder eine sommerliche Vollmondlandschaft hineindösen kann. Dazu bin ich hier vor allen Ruhestörungen gesichert, wenn sich dennoch jemand in mein Juheh verirren sollte, so höre ich die Herrschaften von weitem die Estrichtreppe hinaufpoltern. Der Aufstieg ist ja weniger königlich, dagegen ist es aber die Bude umso mehr. –

Dies zur Illustration, damit Du, bis Du selbst Augenzeuge wirst, auf einem eventuellen Europabesuch per Zepp [Zeppelin] so ungefähr eine Ahnung hast, wo in der Welt meine Geistesprodukte wuchern & wo ab & zu mal ein Päukbrief entsteht. – (…)

Also, Tschau Päuk, mit 1000 Grüssen und Küssen, Deine Trut.1

Im unteren Stockwerk des Mehrfamilienhauses leben die Eltern, die jüngere Schwester Elisabeth und zeitweise auch ein Dienstmädchen. Anders als die Schwester hat die Gymnasiastin nichts für Handarbeiten oder Tier- und Blumenbilder übrig. Der Ausblick aus dem Fenster, ein Versprechen baldiger Freiheit, ohne das Kopfkissen unter dem elterlichen Dach aufgeben zu müssen, ist mehr nach ihrem Geschmack. Die Angabe, ihr Fenster gebe den Blick «gegen die Berge» frei, trifft zu – bei entsprechender Wetterlage. Denn Wallisellen, ihr Wohnort, grenzt an die Stadt Zürich und liegt inmitten ausgedehnter Felder und Wiesen. An der Glatt, einst ein mäandernder Fluss, der die Gegend überschwemmte und versumpfte, stehen die Fabriken, und hier befindet sich auch die Zwirnerei «Zwicky Nähseide und Nähgarn», deren Faden Hans Heinzelmann in der halben Welt verkauft. Auf Wallisellens Boden gibt es kaum Hügel, und der höchste erreicht keine fünfhundert Meter über Meer. Bei föhnigem Wetter ist es allerdings möglich, aus einem Dachfenster in weiter Ferne die weißen Spitzen der Glarner Alpen zu sehen.

Eine «Talschlange», wie die Gymnasiastin Spaziergänger bezeichnet, die ehrfürchtig zu den Bergspitzen hochblicken, will sie bestimmt nicht werden. Der gewünschte Eispickel hingegen verspricht Kitzel, Mutproben und Selbsterfahrung. Er ist das Initiationsobjekt zur Aufnahme in die Gemeinschaft der Alpinistinnen. Die Familienausflüge, die höchstens bis zur Passhöhe führen oder am Bergsee beim Picknick enden, sind ihr viel zu langweilig. In den letzten Sommerferien vor dem Abitur gibt Bertha Heinzelmann dem Drängen ihrer Ältesten nach, lässt sie erstmals ziehen, unter erschwerenden Bedingungen allerdings, sie muss Elisabeth mitnehmen. Die Schwestern setzen sich in den Kopf, dass diese Ferien anders werden müssen, und reisen nach Kandersteg im Berner Oberland. In der Obhut eines Bergführers stürmen sie sogleich das Balmhorn, den höchsten Gipfel der Region. Das Abenteuer schildert Gertrud ihrem Onkel in Brasilien auf sechs Briefseiten:

«Ich will Dir also mal verzapfen*, was so 2 unternehmungslustige Nichten eines Amerikaonkels alles selbständig zustande bringen. Hör & staune. (…) Um 2h morgens war Tagwache, 1/4 3h starteten wir für das Balmhorn, 3711 m mit Verlaub der höchste Kandersteger Berg! Nach sechs Stunden waren wir auf dem Gipfel, ruhten auf den Lorbeeren & tranken Tee & schauten uns die Welt mal wieder von dieser Höhe an.»

Vom Hotel Schwarenbach aus führt der Aufstieg zuerst der Bergflanke entlang, bis nach ausgiebigem Fussmarsch der Gletscher erreicht ist, dann geht es weiter über blankes Eis und zuoberst durch Firn. Die Anstrengung hält die Briefschreiberin nicht für erwähnenswert. Beim Abstieg ist sie vermutlich am Rand ihrer Kräfte, und sie kommt mit dem Schrecken davon, was sie ironisch bagatellisiert: «Nach 1h mittags trafen wir schon wieder im Schwarenbach ein, nachdem ich auf dem Rückweg zur Abwechslung mein rechtes Bein 2mal in eine Gletscherspalte gesteckt hatte. Beide waren aber nur schmal, so dass alles reibungslos abgelaufen ist.» Am späten Nachmittag schultern die beiden Schwestern bereits wieder ihre Rucksäcke, weil es auf dem Gemmipass zum Wallis hinüber bessere Unterkunft gibt. Tags darauf gönnen sie sich Ruhe, das heißt, sie steigen steil hinunter nach Leukerbad. In der Jugendherberge treffen sie auf zwei Burschen, der eine ist ein Handelsschüler, den Gertrud flüchtig kennt. Onkel Paul lässt sie wissen:

«Wir kochten uns zusammen ein fabelhaftes Nachtessen: 1 Pack Hörnli mit Tomaten, 1 Büchse Apfelmus, Waadtländerbratwürste & zwei Suppenschüsseln Tee. Bis der Frass bereit war, jagten wir den Herbergsleiter einige Male in Angst & Schrecken, weil wir nicht gut mit einem Holzherd kutschieren können & so die ganze Bude in einen undurchsichtigen Qualm setzten. Es geriet alles wunderbar & fand reissenden Absatz. – Um nicht einem langweiligen Aufwasch in der Küche anheimzufallen, packten wir das ganze Geschirr in einen Zuber & pilgerten zu einer heissen Leukerbadquelle, wo wir zusehen konnten, wie alles von selbst abgespült wurde.»

* Verzeichnis der Dialektwörter und fremdsprachigen Ausdrücke Seite 308

Am nächsten Morgen gibt es kein Verweilen, die Schwestern haben das Eggishorn im Kopf, wandern ins Tal hinunter nach Leuk und nehmen den Zug nach Brig. In den folgenden beiden Tagen wandern sie über die Belalp, Riederalp, Bettmeralp und hinauf auf das Eggishorn und hinunter nach Fiesch, auf dem Rücken trägt jede «15 Kg ohne Proviant», für solche, die keine «Talschlangen» sein wollen, eine Ehrensache – «Beth & ich wurden angestaunt wegen unseren Leistungen & unserm Schritt! & unserer Energie & Selbständigkeit, & der Tatsache, dass wir in unserem Alter zu zweit eine solche Tour machen konnten!» Unterwegs wird das Essen auf dem Spirituskocher selbst zubereitet, doch die Kost aus der eigenen Feldküche ist bald eintönig und das Erwachsensein etwas unbequem, sodass Gertrud und Elisabeth, trotz des Genusses allgemeiner Bewunderung, gerne in Berthas Nest zurückschlüpfen: «Allerdings haben wir jetzt für längere Zeit unseren Bedarf an Maggisuppen etc. gedeckt & füttern uns bei Muttern wieder voll.»

Ähnlich wie mit dem Eispickel verhält es sich mit den vier Schweizer Franken. Auch sie bedeuten eine Absage an den Lebensweg der Mutter und demonstrieren den Anspruch auf einen Platz in der Öffentlichkeit. Deutschland und Österreich führten das Frauenstimmrecht nach dem Ersten Weltkrieg ein, ebenso Großbritannien, Irland, Schweden, Dänemark und die Niederlande. Noch früher konnten bereits die Finninnen und Norwegerinnen abstimmen. Am Mädchengymnasium ist die politische Gleichberechtigung kein Thema, das Gertrud Klasse beschäftigt hätte, jedenfalls erinnern sich ehemalige Schulkolleginnen nicht daran. In den Jahren der Wirtschaftskrise und des aufkommenden Faschismus ist das Frauenstimmrecht für eine Gymnasiastin nicht das Gebiet, auf dem sich Lorbeeren holen ließen. Zu viel Widerstand von allen Seiten. Selbst ein Studium und der Wunsch nach späterer Berufstätigkeit haben bereits einen rebellischen Anstrich. Katholisch-Konservative führen Brandreden gegen den Zerfall der Familie und machen die Ansprüche der Suffragetten dafür verantwortlich. Bürgerliche hetzen vereint mit der faschistischen Nationalen Front gegen verheiratete Frauen in qualifizierten Berufen, solche Arbeitnehmerinnen seien schamlose Doppelverdienerinnen, die man durch arbeitslose Familienväter ersetzen müsse. Kaum eine junge Frau meldet sich bei den hundertdreißig, zumeist älteren Zürcher Stimmrechtlerinnen. Die Präsidentin blickt bereits zuversichtlich vorwärts, wenn im Vereinsjahr nicht mehr Todesfälle zu verzeichnen sind, als es Neueintritte gab. Aber auch unter den Kämpferinnen, so ihre Klage, mache sich «Müdigkeit und Verdrossenheit» bemerkbar: «Man beginnt auch bei uns, den Argumenten der Gegner Gehör zu schenken und die, ach so oft gehörte, aber im Grunde billige Phrase – in solch schweren Krisenzeiten hätten die Frauen statt einseitig ihre feministische Liebe zu verfolgen aufs Wohl des Ganzen bedacht zu sein – gedankenlos nachzusprechen.»2

Gertrud Heinzelmann protestierte zum ersten Mal, als sie noch in Wallisellen zur Schule ging, ein Backfisch im Faltenrock und mit langen Zöpfen. Frech marschierte sie an der Spitze der 1.-Mai-Kundgebung durch das Dorf, eine hoch aufgeschossene Gestalt, trotz jugendlich schlechter Körperhaltung überragte sie viele Erwachsene, und von weitem leuchteten ihre roten Haare, die sie vom Vater geerbt hatte. Wallisellens Bürgertum schauderte, die wohlhabende Kaufmannstochter unter den Sozialisten. Beim Vorbeimarsch wurde sie scharf zur Rede gestellt, ob sie mit den Roten nun gemeinsame Sache mache. Sie habe, sagt Gertrud Heinzelmann, geantwortet: «Ich bin hier die Frauenstimmrechtssektion.» Mit ihrem Beitritt zum Stimmrechtsverein erhält ihr Aufbegehren einen öffentlich anerkannten Ort, spielt sich fortan im Rahmen von Sitzung und Beschlussfassung ab und kann nicht mehr länger als jugendliche Flause abgetan werden.


Gertrud Heinzelmann um 1934.

Für ihre religiöse Veranlagung weiß die Gymnasiastin keinen Ort. Durch Wallisellen zieht sich ein unsichtbarer Graben zwischen der überwiegenden protestantischen Mehrheit und den Katholiken. Erstere schauen abschätzig auf die «Katholen» hinunter, die als ungelernte Arbeitskräfte in den Fabriken oder im Haushalt beschäftigt sind, im Dorf keine eigene Kirche haben und den Priester mit der Nachbargemeinde teilen müssen. Hin und wieder besucht Gertrud Heinzelmann die Sprechstunden des zuständigen Geistlichen und will Erklärungen, weshalb sie nicht ministrieren darf, weshalb eine Frau nicht wie ein Mann predigen, die Beichte abnehmen und das Abendmahl austeilen dürfe. Die Besuche führen zu heftigen Debatten, die der Geistliche mit dem Hinweis beendet, dass sie alles nachlesen könne bei Augustinus oder Thomas von Aquin, und mit einem theologischen Band aus der priesterlichen Bibliothek wird sie nach Hause geschickt. Was sie bekümmert, wofür der Priester kein Einsehen hat und was auch die Familie bei ihrem «Betblätz» nicht versteht, drückt sie in Gedichten aus. In ihrem Dachzimmer schreibt sie am 3. November 1933:

Die Himmlischen sehen,

sie fühlen, sie hören.

Der tiefe Abgrund meiner Seele

ist ihnen nah,

ist ihnen Licht.

Wem soll ich es klagen

das grosse Leid?

Den tiefen Schmerz?

Wem soll ich ihn klagen?

Überreif drückt mich das Leben,

mein Leben zu geben

euch Göttern des Lichts!

Ihr Götter brechet

die schwere reifende Frucht!

Sie sucht eine Aufgabe, eine religiöse Bestimmung, doch wer die Götter sind, die sie anruft, ist für sie nicht eindeutig. In ihrem Bücherschrank steht dickleibig die «Lehre des Buddha», damals vielleicht sogar ihr wichtigstes Buch. Sie entdeckte es auf ihrem Schulweg durch die Zürcher Altstadt in der Kirchgasse, wo die Antiquariate und Buchhandlungen bei gutem Wetter ihre Sonderangebote vor den Schaufenstern stapeln. Der violette Einband ist ihr sofort aufgefallen, aber es vergehen Tage, bis sie zugreift. Vom Inhalt kommt sie nicht mehr los. Die Schilderung des achtfachen Pfades, die Abbildungen von bärtigen, asketischen Mönchen beim Meditieren hinterlassen einen tiefen Eindruck, und sie nimmt sich vor, später in buddhistischen Ländern zu leben. Das Buch eröffnet ihr eine exotische Welt jenseits katholischer Zwänge, ist Zuflucht und Lebenshilfe. Nach den Zeichnungen von Yogastellungen beginnt sie zu meditieren und entdeckt, dass es Einkehr und spirituelle Versenkung außerhalb der katholischen Kirche gibt und dass es keinen Priester braucht, der zwischen Erde und Himmel vermittelt. Durch Yoga hat ihre religiöse Veranlagung zum ersten Mal einen Ausdruck gefunden. Als Siebzigjährige schreibt Gertrud Heinzelmann:

«Die Rückwendung der Reflexion auf das eigene Bewusstsein war schon in früher Kindheit ein spontanes, unauslöschliches Erlebnis gewesen. Nun fand ich einen Grossen, der es unternommen hatte, diesen Weg nach innen konsequent und folgerichtig bis zum Samadhi zu gehen. Die yogistischen Übungen, die ich nach den Beschreibungen betrieb, empfand ich als unerhört stärkend. Sie bauten mein Selbstbewusstsein auf und verliehen mir ein Selbstwertgefühl, das die vom Pfarrer verabreichte kirchliche Literatur nie zu vermitteln vermochte.»3

Möglicherweise wissen die Eltern über die Meditationsübungen ihres «Betblätzes» Bescheid, denkbar ist aber auch, dass Gertrud Heinzelmann ihre Erfahrung für sich behält, um dem familiären Unverständnis zu entgehen. Gegenüber ihrem Onkel, dem sie viel anvertraut, erwähnt sie nichts. Über sich sagt sie als alte Frau: «Ich habe einen religiösen Stich bekommen, den ich von einem anderen Ort als der Familie habe. Es ist eine Begabung für mich.»

Am Gymnasium sitzt Gertrud Heinzelmann in der hintersten Bankreihe. Regungslos wie eine Pflanze sei sie auf ihrem Stuhl gesessen und wegen ihrer Intelligenz und ihrem phänomenalen Gedächtnis aufgefallen, sagen ehemalige Mitschülerinnen. Belastbar sei sie gewesen. Die Städterinnen finden ihre langen Zöpfe gar ländlich, und Gertrud Heinzelmann lässt sich, nachdem der mütterliche Widerstand endlich gebrochen ist, in den oberen Klassen die Haare modisch kurz schneiden. In den letzten Wochen vor dem Abitur geht die Französischlehrerin den Bankreihen entlang mit der Frage, was jede Schülerin studieren werde. Pharmazie, Medizin, am liebsten Veterinärmedizin, ein Sprachstudium und anderes erhält sie zur Antwort, dazwischen auch verlegenes Zögern. Zu hinterst im Klassenzimmer gibt es keine Stockungen, die Antworten kommen bestimmt, und als Gertrud Heinzelmann an der Reihe ist, sagt sie, was schon zwei vor ihr gesagt hatten: ein Studium der Rechtswissenschaften. Onkel Paul schreibt sie zuversichtlich:

«Die Aussichten sind zwar nirgends rosig & wenn man dem allgemeinen Klagegeheul zuhören wollte, könnte man den Eindruck bekommen, es sei das Gescheiteste, in eine Schachtel zu kriechen & und den Deckel zu schliessen. – Ich hoffe aber, dass wenn ich einmal fertig bin, ich doch eine Stelle bekommen kann, & ich denke gar nicht zuletzt an Dich, dass Du mit Deinen vielen Beziehungen mich irgendwo platzieren könntest.»4

Beinahe drei Jahrzehnte später wird Gertrud Heinzelmann mit dieser Hoffnung, als sie in der Schweiz für sich keine Zukunft mehr sieht, zu ihrem Onkel reisen. In Rio de Janeiro lernt sie Bertha Lutz kennen, die in Brasilien für das Frauenstimmrecht gekämpft hatte und Gleichberechtigung als ein weltumspannendes Ziel versteht, das sie mit Hilfe der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte verwirklichen will. Beflügelt von dieser Begegnung, misst Gertrud Heinzelmann die katholische Kirche mit dem Maßstab der Menschenrechte. Zum Zweiten Vatikanischen Konzil fordert sie 1962 die Zulassung der Frauen zu Priestertum und höheren Kirchenämtern. Sie prangert die Jahrhunderte alte kirchliche Frauenverachtung an und verlangt die Modernisierung des theologischen Frauenbildes. Ihre Forderungen brechen mit religiösen Traditionen und sind in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche ein Bildersturm. Sie stehen am Anfang der feministischen Theologie. In Europa, Amerika und Afrika gerät ihre Eingabe an das Vatikanische Konzil in die Schlagzeilen und Amerikas Katholiken greifen ihre Gedanken bald auf. In Rom wird, nach kurzem Aufschrecken und einer päpstlichen Gegendarstellung, geflissentlich geschwiegen. In der Schweiz ergeht es Gertrud Heinzelmann wie der jüngeren Gymnasiumskollegin Iris von Roten, die für ihr Emanzipationswerk «Frauen im Laufgitter» nichts als gehässige und ehrverletzende Kommentare erntete. Das einzige Land in Europa ohne Frauenstimmrecht reagiert auf seine Kirchenkitikerin mit der Wut der Durchschauten. Im selben Jahr, als Gertrud Heinzelmann katholische Priesterinnen verlangt und an die Einhaltung der Menschenrechte erinnert, betrachtet die Schweizer Regierung das fehlende Frauenstimmrecht nicht als Verstoss gegen die Menschenrechte.

Führungsbewusst stürmt Gertrud Heinzelmann vorwärts, risikobereit, streng mit sich und den anderen. Sie wird die erste Ombudsfrau der Schweiz und ragt als Frauenrechtlerin mit ihrem Scharfsinn und ihrem trocken Witz heraus. Unerschütterlich vertraut sie der Aufklärung und der menschlichen Vernunft und hofft gläubig auf ein Jenseits. Sie hätte gerne ein grundlegendes Buch zur Emanzipation verfasst, wie es in ihrer Generation die Französin Simone de Beauvoir und Iris von Roten veröffentlicht haben. Mehrmals beginnt sie ein Manuskript, gibt wieder auf und ordnet ihr Schreiben der praktischen Arbeit unter. Sie versteht sich nicht als Schriftstellerin, sondern als «Frau des Kampfes»5, die entschlossen mit juristischen Mitteln eingreift und in unzähligen Zeitungsartikeln die Missstände im «eidgenössischen Wartsaal»6 brandmarkt, in dem die Frauen «in schulmädchenhafter Bravheit» ihr Dasein als Unmündige fristen müssen. Die Schriftstellerin Laure Wyss beschreibt die Streitbare 1986 so:

«Sie hat seit jeher handfest und sprachlich träf gekämpft, diese Feministin Heinzelmann, eine der wenigen waschechten unseres Landes. Mit dem, was sie schrieb, konnten wir Frauen unmittelbar etwas anfangen. Die Männer übrigens auch, wenn sie es lasen, aber sie haben natürlich an der Entlarvung der für sie vorteilhaften Herrschaftsverhältnisse weniger Interesse als wir.»7

Bevor am Gymnasium die Abschlussprüfungen beginnen, lässt Gertrud Heinzelmann ihren Onkel in Brasilien wissen, er solle ihr die Daumen drücken – «wir denken auf d. 21. März flügge zu werden, & die ganze Bande freut sich entsetzlich auf die akademische Freiheit. »8 Sie besteht im Frühling 1934 das Abitur mit Leichtigkeit, und die Eltern schenken ihr den Eispickel und die vier Schweizer Franken. Uncle Frank, Mutters älterer Bruder, lädt die zukünftige Studentin in die Ferien nach London ein.

Der Onkel hatte bei seiner Ankunft in England das «z» in seinem Vornamen Franz durch ein «k» ersetzt und stieg in der «Reslaw Factory» zum Direktor auf. Die Londoner Fabrik wurde von einer Schweizer Hutgeflechtfirma aus Wohlen gegründet und stellt Hutstumpen und Geflecht aus Stroh her. Daraus werden für die Herren «Boater» genäht, wie der klassische Sommerhut auf Englisch heißt. In Wohlen, einem Flecken im aargauischen Freiamt, ist der «Boater» schlicht ein «Röhrlihut». Die Strohindustrie, wie das Dorf seinen Welthandel mit Hutgeflecht nennt, ließ nicht nur Franz auswandern, sondern sie trug auch Schuld daran, dass Bertha, geborene Zimmermann, und Hans Heinzelmann einst von der Arbeit aufsahen und schließlich gemeinsam die Zukunft planten.

Die Sippe und ihr Selbstbewusstsein

Eine katholische Familie demonstriert aristokratische Herkunft und liberale Gesinnung. Die Mutter erzieht ihre Älteste zu Enthaltsamkeit, zu kritischem Denken und Selbstbestimmung.

Während Fräulein Zimmermann an ihrem Stehpult Briefe schreibt, beobachtet sie heimlich den jungen Herrn Heinzelmann, und dieser wirft ihr beim Blättern im Kontobuch verlegene Blicke zu. Im Kontor der Strohfirma Oskar Bruggisser steht sein Pult dem ihren gegenüber, und die beiden können sich, beiläufig, auch geradewegs in die Augen schauen, das heißt, er muss leicht zum Fräulein emporblicken.

Zwischen ihren Stehpulten hängt von der Decke an einem langen Kabeldraht eine Glühbirne, deren Licht von einem schmucklosen Schirm gedämpft wird. Die Beleuchtung ist für beide Pulte gleich schlecht, und da zieht er die Lampe zu sich hinüber, kurz nur, scheinbar um im Kontobuch besser lesen zu können, freilich in der Absicht, dass die Beleuchtung am Kabeldraht zu ihr hinüber schwingt. Diese Lampe zupfen sie nun hin und her, er mittleres Kader mit kaufmännischer Ausbildung, sie Büroangestellte und Absolventin eines Töchterinstituts, er weltgewandt mit Sprachaufenthalten im Welschland und in Italien, in Brüssel und London, sie mit zusätzlichem Schliff aus der angesehenen Zürcher Koch- und Haushaltungsschule von Elisabeth Fülscher. Er wird, kaum volljährig, von der Firma auf Handelsreisen in den Nahen Osten geschickt, und sie ist im damals vorwiegend männlichen Bürobetrieb eine Ausnahmeerscheinung.

In Wohlen, dem einstigen Bauerndorf, das mit Stroh zu Reichtum kam, zupfen und schubsen die beiden so lange die Bürolampe, bis sie sich 1913 heiraten.

So oder ähnlich haben Familienmitglieder die Geschichte zum Besten gegeben, wie Bertha Zimmermann aus Wohlen und Hans Heinzelmann aus dem benachbarten Boswil einen Hausstand gründeten. Erzählt Gertrud Heinzelmann als Achtzigjährige die Geschichte ihrer Eltern, legt sie Wert darauf, dass die Lampe exakt in der Mitte zwischen den Pulten von der Decke hing und beide gleichermaßen daran zogen. Kein Wort, dass die Mutter den Vater um einen halben Kopf überragte. Bei der Heirat ist Franz Johann Heinzelmann, wie er mit ganzem Taufnamen heißt, 27 Jahre alt, Bertha Zimmermann ist ein Jahr älter und wird fortan Hausfrau sein. Für das Hochzeitsbild wählte der Fotograf den Bildausschnitt so, dass der Schemel nicht sichtbar ist, auf dem Hans gestanden haben muss. Von einem Brautschleier und ähnlicher Ausrüstung wollte Bertha nichts wissen. In hellem Kleid mit Spitzen und Rüschen steht sie Schulter an Schulter neben ihrem Mann, ihre ausladenden Achselpolster, die kunstvoll aufgesteckten Haare lassen ihn noch schmächtiger und vergeistigter wirken. Der Hochzeiter hat die Enden seines wilhelminischen Schnurrbarts sorgfältig gezwirbelt, doch sein Gesicht bestätigt nicht die Wehrhaftigkeit, die der Bart vorgibt.

Das junge Paar kauft sich schicke Möbel nach der damaligen Mode, Jugendstil, und nimmt sich im tonangebenden Neubauquartier am Dorfrand von Wohlen eine Wohnung. Es ist das Quartier des technischen Fortschritts und des neuen Reichtums, der Weltläufigkeit und Urbanität. In dessen Zentrum steht der Bahnhof, während die Kirche, der althergebrachte Mittelpunkt dörflichen Lebens, vom Bahnhof aus gesehen in die Ferne gerückt ist. Im Neubauquartier ragen die Türmchen der schmucken Villen der neuen Machthaber in den Himmel.

«Strohbarone» werden sie genannt. Ihren Aufstieg verdanken sie der Industrialisierung, die aus vifen Geflechthändlern global operierende Fabrikbesitzer und Unternehmer gemacht hatte. Im Freiamt, einem lang gezogenen Landstrich, der zur Innerschweiz hin verläuft, war Wohlen einst ein armes Bauernnest. In kinderreichen Familien wurden in Heimarbeit aus Stroh, Rosshaar und Hanf Verzierungen für Sommerhüte geflochten, und die Händler brachten das Geflecht in Kutschen bis nach Sankt Petersburg. Nach 1860 beginnt ein schneller wirtschaftlicher Aufstieg, dicht gedrängt entstehen Fabriken, in denen Stroh gebleicht, gefärbt, zu Bändern und Bordüren geflochten und zu Hüten zusammengenäht wird. Bald folgt Wohlens Anschluss an die Südbahn, die geflochtenen Bänder werden in Waggons verladen und andernorts weiterverarbeitet. Kein anderes Dorf im Aargau geht derart mit der neuen Zeit, und als Zeichen dieses Fortschritts lassen sich die «Strohbarone» links und rechts der Bahngeleise nieder, umgeben ihre Anwesen mit kleinen Parks und viel Schmiedeeisen, und sie sorgen dafür, dass Wohlen auch bald ein eigenes Elektrizitätswerk und Telefonanschlüsse erhält.

Mit den «Strohbaronen» ziehen ihre oberen Kader ins Nobelquartier, Prokuristen, Kassierer und Handelsvertreter, Aufsteiger oder besseres Bürgertum, das dank kaufmännischer Ausbildung, Manieren und Mehrsprachigkeit die nötigen Voraussetzungen mitbringt, um in den Kontoren den weltweiten Handel abzuwickeln. Man lebt mit den «Strohbaronen» Tür an Tür, doch diese achten auf die nötige Distanz. Ihre Anwesen öffnen die Bruggisser, Isler, Walser und Dreifuss vorzugsweise für ihre ausländischen Handelspartner. Mit unternehmerischem Blick für die Zukunft bahnen sie Ehen untereinander an, oder sie führen von ihren Reisen Amerikanerinnen und Kubanerinnen nach Hause, und diese wiederum bringen ihre schwarzen Dienstmädchen mit. Die Herren knattern mit den ersten Autos durchs Dorf, ihre Frauen zeigen sich in der neusten Garderobe, und ein Dienstmädchen soll seinen Affen ausgeführt haben. Dieses mondäne Treiben erscheint den Bauern in den umliegenden Dörfern und Höfen wie das Pariser Leben, und Wohlen erhält den Übernamen «Chly-Paris». Mit Genugtuung beobachtet man da und dort, wie dieses Klein-Paris alle modernen Begleiterscheinungen aufweist, die man selbst verteufelt: aufmüpfige Arbeiter und gewerkschaftliche Regungen, freisinnige Vorherrschaft statt wie allgemein im Freiamt katholisch-konservative Verhältnisse, Luxus und Vergnügen statt Demut und Kirchenbesuch.

Blicken Hans und Bertha Heinzelmann-Zimmermann aus den Stubenfenstern, sehen sie direkt zum Bahnhofsgebäude hinüber, und sommers, bei geöffneten Fenstern, hören sie den Maschinenlärm aus der Parallelstraße, wo die größte Wohler Hutgeflechtfabrik steht. Ihr Direktor residiert in seiner Villa im französischen Rohbaustil gleich hinter dem Heinzelmannschen Mietshaus. In aufrechter Haltung, stets piekfein gekleidet sei Hans Heinzelmann aus dem Haus getreten und die Straße zum nahen Geschäftshaus von Oskar Bruggisser hinunter gegangen. Eine respektable Persönlichkeit sei er gewesen, die man höflich zu grüßen hatte, sagt Guido Strebel, der einstige Nachbarsjunge im Alter von Gertrud. Die Firma Oskar Bruggisser ist klein und angesehen und hat sich auf Bleichen und Färben spezialisiert. In Dresden, Hamburg oder London wird billiges Strohgeflecht aus Asien erworben, in Wohlen veredelt und dann gewinnbringend weiterverkauft. Vor allem die «Diamant-Bleiche», die in ganz Wohlen nur Oskar Bruggisser beherrscht, ist sehr gefragt. Die Strohhalme, von Natur aus goldgelb glänzend, werden mit chemischen Bädern behandelt, bis sie silbern schimmern.

Wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges kommt am 17. Juni 1914 Gertrud zur Welt, zwei Jahre später am 13. Juni Elisabeth. Die beiden Schwestern sind in mancher Hinsicht sehr verschieden, mit Gertrud Heinzelmanns Worten: «Es ist, als ob wir nicht aus demselben Kübel wären.» Gertrud ist die lebhaftere, die auf Bäume klettert, Pfeilbogen schießt, beim Puppenspielen den Männerpart übernimmt und sich auf dem Pausenplatz beschützend in der Nähe der Schwester aufhält. Die Gleichaltrigen nennen Gertrud «Heinz», und der männliche Vorname wird ihr die ganze Schulzeit hindurch bleiben. Obwohl sie wilder und kecker ist als viele, macht sie bei Streichen meist nicht als Anführerin mit, denn dazu ist sie wiederum zu pflichtbewusst und zu fleißig. Ihr Ehrgeiz gilt der Schule, und als 14-Jährige lässt sie den «lieben Onkel Päuli» in Brasilien wissen:

«Auf das Examen mussten wir immer sehr viel Hausaufgaben machen, so dass ich kaum an einem freien Nachmittag einige freie Stunden erbeuten konnte. (…) Beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen nämlich: dass ich um 1 ganze Note das bessere Zeugnis habe als meine ärgste Nebenbuhlerin!»1

Die Mutter ist erleichtert, als sie von der Großmutter ein altes Lexikon bekommt, damit sie die Fragen ihrer Ältesten nachschlagen kann. Das «Trutli» ist anstrengend, will ständig argumentieren und noch mehr erklärt haben. Dagegen ist «Bethli», die Jüngere, ein pflegeleichtes Mädchen, dem Schulnoten und Wettkampf weniger bedeuten. Nach Brasilien schreibt Bertha: «Bethli ist eine gemütliche Seele – das Gegenteil von einem ‹Streberli›. Trutli muss gebremst werden & Beth gestossen – was Schulsachen sind!»2 Auch die Großtante bemerkt diesen Charakterunterschied, und obwohl sie im Aargau eine der ersten Volksschullehrerinnen ist, beobachtet sie Gertruds Streben mit Missbehagen und prophezeit ungute Folgen. Bertha an Paul: «Die Tante Lehreri in Boswil behauptete – s’Bethli sei viel s’Gescheitere – es bleibe gesund & die ander tüeg si gwüss nu überstudiere & werde krank – nei – mer wänds bei Gott nid hoffe!»


«Wenn man noch zwischen 20 + 30 steht, nimmt man s’Heiraten noch nicht schwer, & das ist schon ein Glück an sich.»

Bertha Heinzelmann-Zimmermann an Paul Zimmermann

Bertha, geborene Zimmermann, und Hans Heinzelmann, beide keine 30 Jahre alt, bei der Heirat 1913.

Für die Schulkolleginnen ist Elisabeth einfach das «Bethli», das man niemals «Heinz» gerufen hätte. Charakterlich sei sie die feinere gewesen und habe dem Vater geglichen, und Gertrud habe mehr der Mutter nachgeschlagen, sagt die Schul- und Spielkameradin Lotti Burri. Elisabeth ist ausgeglichener und anschmiegsamer, «von Morgen bis Abends lieb & gemütlich», und erfreut mit «goldenem Humor»3. Sie stickt und strickt und ist der älteren Schwester in traditionell weiblichen Arbeiten weit überlegen. Musisch begabt, fallen ihr Zeichnen und Malen leicht, später wird sie Landschaften aquarellieren und mit Kohle die Familienmitglieder porträtieren. Als sie mit 55 Jahren an Krebs stirbt, sagt Gertrud Heinzelmann an der Abdankungsfeier über ihre Schwester: «Als kleines Kind hatte sie schon eine besondere Liebe zu Käfern, Vögeln und Blumen, und ich erinnere mich, wie sie im weissen Sonntagsröckchen der damaligen Zeit sich am Sonntag morgen bäuchlings auf den Gartenweg legen konnte, weil ein goldschimmernder Käfer sie faszinierte. (…) Sie war ein Mensch des kultivierten künstlerischen Details.»

Elisabeth versucht körperlich mit der Ältern mitzuhalten, beginnt ebenfalls zu skifahren und zu klettern, ist aber auch hier weniger ehrgeizig. Am Klavier erteilt sie Gertrud, die eisern übt, böse Niederlagen, und Gertrud kontert mit Schulleistungen. Die schmerzhafteste Kränkung aber liegt für Gertrud auf weiblichem Gebiet. Sie sagt: «Ich hatte Schlitzäugli wie der Vater, ein wenig hängend, und meine Schwester hatte schöne, grosse Augen, die immer sehr bewundert wurden. Das war eigentlich ihr Schönheitszeichen. Ich musste aber zufrieden sein mit meinen Schlitzäugli, die mir aber gut gefallen haben.» Es demütigt sie, dass die jüngere Schwester überall wegen ihres Aussehens bewundert wird und wegen ihrer Liebenswürdigkeit wohlgelitten ist, hingegen sie selbst trotz ihrer Intelligenz weniger gilt, selbst bei der Mutter. In Gertruds Domäne behandelt Bertha ihre Töchter ungleich und bewertet die schlechteren Schulleistungen von Elisabeth besser: «Wenn mir die Kleine im Rechnen ein 5–6 heimbringt, so freut mich das mehr als Trutlis 6i, denn bei Trutli ist die beste Note selbstverständlich, – bei der Kleinen nicht, – die muss schuften bis alles eingeht!»4 Als Gertrud das beste Zeugnis ihrer Schulklasse nach Hause bringt, schreibt Bertha nach Brasilien: «Wir! bilden uns deshalb nichts ein, freuen uns aber dennoch am Erfolg.»5

Im traditionellen Bereich weiblicher Schönheit, Elisabeths Domäne, behandelt Bertha ihre Töchter hingegen gleich. Sie kauft für die Garderobe der Mädchen denselben Stoff, von bester Qualität an vornehmster Zürcher Adresse, und die Hausschneiderin Ida Rüegg näht daraus Kleider, für beide exakt dieselben. «Das hat mich wütend gemacht. So haben uns die Leute in Wohlen von Weitem gesehen. Dann hiess es, ‹ah Du bist also die Schwester von Beth›. Ganz schlimm war es an der Fastnacht. Ich wollte eine möglichst hässliche Maske anziehen, und meine Schwester wollte lediglich schön sein. Sie wollte keine Maske tragen oder höchstens bei den Augen. Und ich», so Gertrud Heinzelmann im Rückblick, «musste immer nachgeben. Immer war ich die Ältere, die vernünftig zu sein hatte.»

Ida Rüegg, die während vier Jahrzehnten die Sonntags- und Werktagsröcke, die Sommer- und Winterkleider der Familie Heinzelmann nähte, notiert als Rentnerin auf einem Blatt 1971 einige Erinnerungen. Warum sie dies tat, ob aus eigenem Antrieb oder auf Wunsch von Gertrud Heinzelmann, die als Gymnasiastin beginnen wird, die Familiengeschichte zu dokumentieren, das geht nicht aus dem Schreiben hervor. Die unterschiedlichen Charaktere der Schwestern skizziert Ida Rüegg so:

«Betli hatte von jung auf einen ausgesprochenen Schönheitssinn, es interessierte sich für die Königsfamilien, wie es dort zu- u. herging. Seine eigenen Bedürfnisse wählte es immer schön u. gut; es wählte den grossen Rahmen. Gertrud war dagegen sehr bescheiden in ihren Ansprüchen. Der Intellekt stand bei ihm im Vordergrund. Während ihren Studienjahren war sie sehr darauf bedacht, ihren Eltern nur die nötigsten Ausgaben zu machen.

Frau Heinzelmann sagte oft im Gespräch zu mir, Gertrud sei äußerst bescheiden für sich. Wenn es etwas Nötiges anschaffen müsse, suche es sich etwas im Ausverkauf, so dass sie ihm zu Hause ‹der billige Jakob› sagten.»

Die Zurücksetzung durch die unterschiedliche Bewertung von Intellekt und Schönheit, die Kränkung durch den familieninternen Spott, wenn sie beim Einkaufen das Billigangebot nutzte, schlägt bei Gertrud Heinzelmann manchmal in Geringschätzung gegenüber der Schwester um. Im hohen Alter sagt Gertrud Heinzelmann: «Meine Schwester war eine ‹Gluschteva›.» Damit meint sie eine Frau, die wie Eva zu verführen versteht und ihre Lust nicht beherrschen kann. Elisabeth sei am Tisch der Erwachsenen betteln gegangen und habe von den Tellern immer das Stück bekommen, das sie wollte. Für sie selbst dagegen sei Betteln unter jeder Würde gewesen. Um sich von der jüngeren Schwester abzugrenzen, demonstriert sie erst recht Eigenwilligkeit und Unabhängigkeit. Als betagte Frau sagt sie über sich: «Ich habe die Leute sehr gerne. Es gibt Leute, die ich schätze und so weiter, aber dieses Anlehnende von Elisabeth war bei mir nicht drin.»

Gertrud besucht die erste oder zweite Schulklasse, als sie, mit grüner Gärtnerschürze ausstaffiert, auf Wohlens Dorfstraßen Rossmist für den Garten einsammelt, sich zum Mist in den Leiterwagen setzt und den Kirchenrain hinunterrumpelt. Dies gehöre sich nicht für eine wohlanständige Bürgerstochter, findet die Großmutter Barbara Bertha Müller, verheiratete Zimmermann. Rossmistsammeln sei die Beschäftigung der «Fabrikler», die Enkelin solle ihre Zeit mit schicklicheren Tätigkeiten verbringen. Die so genannten «Fabrikler», Wohlens arme Leute, verdienen in den Strohfabriken oder in Heimarbeit zwölf Rappen auf die Stunde und müssen beim Bäcker für ein Pfund Brot den Lohn von zwei Stunden Flechtarbeit hinlegen. Mutter Bertha sieht nichts Unanständiges in Gertruds Vergnügen und lässt die Tochter gewähren. Soll sie den Kirchenrain, Wohlens steilste Abfahrt, hinunterkesseln, das will sie ihr nicht nehmen, allerdings, die Tochter hat rechtzeitig abzubremsen, bevor an der Bünzstraße das großelterliche Haus in Sicht kommt, und darf sich keinesfalls mit ihrer Wagenladung erwischen lassen.


«An Ostern hat uns der Osterhase wacker ‹gleit›: 1 grosser ‹Tschutball› (was schon lange unser sehnlichster Wunsch gewesen ist), ferner jedem ein Paar handgestrickte Strümpfe von der Grossmutter (die sie schon zu Weihnachten begonnen hat, sie waren aber so hart gestrickt, dass wir eine volle halbe Stunde brauchten, bis wir glücklich drin waren), dann jedem 1 Chocoladen- und ein Nougatei.»

Gertrud Heinzelmann an Paul Zimmermann

Elisabeth, die jüngere Schwester, und Gertrud Heinzelmann (ii), um 1922.

Die Großeltern mütterlicherseits sind Lehrersleute, nicht vermögend, auch nicht arm wie die «Fabrikler», mit bürgerlichem Klassenbewusstsein, das sich nach unten deutlich abzugrenzen weiß. Dabei reichte einst der Lohn von Lehrer Franz Josef Zimmermann nirgends hin, um seinen vier Kindern eine solide Ausbildung zu ermöglichen. Damit die Söhne Max, Franz und Paul eine kaufmännische Lehre machen konnten und Bertha nicht bis zur Verheiratung Kartoffeln schälen musste, arbeitete er, assistiert von seiner Frau, abends und am Wochenende als «Agent der Schweizerischen Mobiliar-Versicherungsgesellschaft». Die Kunden kamen zu ihm nach Hause und wurden ins Büro geleitet, wo schwarz gerahmt ein Pergament hing, auf dem eine Tiara mit zwei gekreuzten Schlüsseln prangte, und darunter stand: «Unterzeichneter Hauptmann Comandant der Schweizergarde Sr Päpstlichen Heiligkeit Pius IX. ertheilen hiemit dem unter Matrikel No 297 eingeschriebenen Halbardier Zimmermann Joseph seinen absoluten Abschied. Eingetreten als Halbardier den 1sten Weinmonat 1866. Ausgetreten den 1sten Herbstmonat 1868.» Unter dem Fluidum des päpstlichen Arbeitszeugnisses verkaufte der ehemalige «Halbardier», ein mit Hellebarde ausgerüsteter Schweizergardist, den Bauern und «Fabriklern» Lebensversicherungen und verhandelte Schadensfälle. Möglich, dass er dabei in der militärischen Haltung des einstigen Gardisten hinter seinem Pult saß. Auf dem Gruppenbild der Wohler Lehrerschaft präsentierte sich keiner derart stramm und energisch dem Fotografen wie er. Die päpstliche Urkunde vermerkte bei den Personalangaben: «Grösse: 5’5’’. Mund: klein. Haar: kastanienbraun. Kinn: spitzig. Stirne: mittel. Gesicht: oval. Augen: grau. Profession …» Josef Zimmermann war dem Papst gewissermaßen zugelaufen, Brotberuf hatte er keinen, denn er war aus dem Kloster ausgerissen, wo er nach dem Willen der Familie hätte Ordensbruder werden sollen.

Seine Frau Barbara Bertha hätte gerne ein Klavier gehabt, doch Josef Zimmermann stand der Sinn nicht nach Hausmusik, er fand, sie habe mit der Versicherung und den vier Kindern mehr als genug. Seine musikalischen Bedürfnisse gingen über Gardisten- und Trinklieder nicht hinaus. Auch im Alter, er ist längst im Ruhestand, singt er seiner Enkelin am liebsten den Reim von der bezahlten oder nicht bezahlten halben Maß Bier vor: «Garibaldi zahl mir eine Halbi, und zahlst Du mir die Halbi nicht, bist Du der Garibaldi nicht.» Er erzählt Gertrud abenteuerliche Geschichten aus seiner Italienzeit, auch, dass er für Papst Pius IX. ins Feld gezogen sei. Der Gegner war Giuseppe Garibaldi, der mit seinen Freischaren Rom stürmen wollte, weil sich der konservative Papst gegen einen selbständigen Nationalstaat wehrte und auf der Unterordnung unter seine Hoheit beharrte. Klein-Gertrud erzählt Josef, es seien bloß Scharmützel gewesen, die Schweizer hätten auf dem Schlachtfeld in die Luft geschossen. Im Herzen seien sie für den Fortschritt, für staatliche Souveränität und für Garibaldi gewesen, auch wenn sie den Sold beim Papst bezogen hätten. Trotz aller Liebe schlugen sie Garibaldis Truppen mit französischer Hilfe. Auf der Urkunde im Büro an der Wohler Bünzstraße stand unter «Bemerkung»: «Mit dem silbernen Kreuze vom Feldzug des Jahres 1867 decorirt.»

Seine Kinder erzog Josef Zimmermann mit vaterländischer Begeisterung, und den Söhnen pflanzte er männliche Wehrhaftigkeit ein. Ein Bild davon, wie Josef Zimmermann seine Knabenklassen unterrichtet haben mag, gibt der «Wohler Anzeiger» im Nachruf auf den redegewandten Dorflehrer: «Als urchigem Schweizer war ihm auch der Geschichtsunterricht Herzenssache. Da hingen Aug und Ohr an seinem Munde, es ballten sich insgeheim die jungen Schweizerfäuste, es blitzten die Augen, und erleichtert atmeten sie auf, wenn in der weiteren geschichtlichen Darbietung der Sieg sich an die Waffen der Eidgenossen heftete. Freudiger und trutziglicher klangen dann wieder die alten Schweizer Weisen.»6

Josefs Söhne Franz und Paul, der Jüngste, dienten im Ersten Weltkrieg in der Schweizer Armee, während Max, der Älteste, wegen zu kleinem Brustumfang als dienstuntauglich abgewiesen wurde. Er arbeitete für die Wohler Strohindustrie in Brüssel, und als seine Kollegen die belgische Hauptstadt verließen und zur Generalmobilmachung in die Schweiz zurückreisten, schrieb er nach Hause: «Es waren über 100 Schweizer, die via Lille & Paris der Heimat zu eilten. Heute gehen nochmals so viel fort. Nur die Alten, die Landstürmler und die Untauglichen bleiben da. Ich habe mich meiner Lebtagen noch nie so geschämt, wie gestern auf dem Bahnhof, als mir alle Kameraden zuriefen: Kommst Du nicht? und ich sagen musste, nein. Weiss ich, was für eine Ausrede ich gestammelt.»7

Noch am selben Tag besetzten deutsche Truppen das neutrale Belgien, und Max, in seinem Männerstolz verletzt, meldete sich als Freiwilliger bei der belgischen Armee. «Wir stammen vom Waldstätter See her, wo das Rütli grünt und haben den Geist, die Gesinnung dieses Landes von vielen Generationen her geerbt und bewahrt»8, schrieb ihm darauf sein Vater anerkennend, doch Josef Zimmermanns Brief erreichte ihn nicht mehr. Max, später als verschollen gemeldet, fiel im Kampf, möglicherweise ertrank er auch in den Feldern, die von den Belgiern überflutet worden waren, um die Deutschen am Vormarsch zu hindern. Nach dem Krieg ließ sich Franz in London nieder und passte seinen Vornamen an; Paul lernte das Ledergerben, ging für den Schweizer Schuhhersteller Bally zuerst nach Argentinien, dann nach Brasilien.

Der alte Mann mit seinem mächtigen, weißen Bart imponiert Gertrud, und sie ist ungemein stolz auf die päpstliche Urkunde, die in Wohlen einzig in der Stube ihres Großvaters hängt. Denkbar, dass er auch den Nationalstolz seiner Enkelin weckte, die später als Frauenstimmrechtlerin patriotische Gefühle zeigen und beim Kampf um politische Gleichberechtigung mit legalen Mitteln ihrem Land die Treue halten wird. Als Josef Zimmermann stirbt, ist sie zwölf Jahre alt. Sie habe es kaum ertragen, als man bei der Wohnungsräumung den schwarzen Bilderrahmen mit der Urkunde von der Wand genommen und das päpstliche Pergament herausgeschnitten habe, sagt sie.


«In der Ewigen Stadt trat er anno 1866 als Halbardier der Schweizergarde in den Dienst Papst Pius IX., machte anno 1867 den Feldzug gegen die Garibaldianer mit und verdiente sich das silberne Ehrenkreuz. Doch das fremde Soldatenleben, das einen Teil seiner Schaffenstriebe stillzulegen drohte, behagte ihm nicht, und damit reifte sein Entschluss: Er wollte Lehrer werden.»

«Wohler Anzeiger»

Grossvater Josef Zimmermann (1846-1926) mit Gertrud Heinzelmann, um 1918.

Gertrud Heinzelmanns Jugend im Wohler Bahnhofsquartier ist wohlbehütet. Vermutlich nimmt sie als Kind wenig von den Auseinandersetzungen zwischen den aufbegehrenden Arbeitern und den «Strohbaronen» wahr, die keine besseren Löhne zahlen und die Gewerkschaft nicht anerkennen wollen. Dieses historische Wissen wird sie sich erst später angeeignet haben oder die Eltern erzählen es ihr im Nachhinein. Sicher sind ihr aber die äußeren Unterschiede zwischen der eigenen Familie und den «Fabriklern» in ihren schäbigen Kleidern aufgefallen. Doch zu Hause orientiert man sich nach oben, die Eltern pflegen Kontakt mit dem einen oder anderen Familienmitglied der «Strohbarone» Bruggisser und sind mit Wohlens reichem Mühlebesitzer befreundet. Die Kontaktpflege geschieht im Bewusstsein, dass die väterliche Herkunft nobel ist. Was dies zu bedeuten hat, wird Gertrud und Elisabeth während der Schulferien im Nachbardorf bleibend vor Augen geführt.

Boswil liegt unterhalb des Lindenbergs, wo sich die Moore ausdehnen, durch die das Flüsschen Bünz nach Wohlen hinunter fließt. An klaren Tagen sieht man vom Dorfrand aus am Horizont die ersten Häuser von Wohlen, sehr zum Ärger von Gertrud, dennoch erscheint ihr der Ferienort unvergleichlich. Hier gehören die Heinzelmanns selbst zu den Landhausbesitzern, während sie in Wohlen von ihrer Mietswohnung aus zu den Villen der «Strohbarone» hinüberblicken. Zwar wirkt das Haus aus der Biedermeierzeit verglichen mit dem Eigentum der «Strohbarone» schlicht und unscheinbar, aber für Boswiler Verhältnisse ist es auch in Gertrud Heinzelmanns Kindheit ein feudaler Sitz. Im Dorf gibt es keine Fabrikschlote, keine schmucken Anwesen und keine Besuche ausländischer Unternehmer, stattdessen dominiert seit alters der Kirchturm über den Bauernhäusern, und aus der Ferne mahnt das Kloster Muri. Da fallen standesgemäße Extras ins Gewicht. Die Scheune, in der einst Pferde und Kutsche untergebracht waren, ist nicht wie bei einer Bauernbehausung an das Wohnhaus angebaut, sondern steht vornehm auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zum weiteren Komfort des Hauses zählt in der Küche ein imitierter, antiker Brunnen mit fließendem Wasser. Auf dem Zwischenstock im Treppenhaus steht seit seiner Erfindung ein Wasserklosett. Hier gibt es keine dieser «senkrechten Kegelbahnen», wie Gertrud Heinzelmann die Holztoiletten nennt, die sich bei der Nachbarschaft im Hinterhof befinden. Im Frühling wachsen im Garten hinter Buchseinfassungen Spargeln, damals eine seltene und wenig bekannte Delikatesse. Im Herbst hängen in der Küche Rehe und Hasen aus der Jagd am Lindenberg, und im Glaskasten im oberen Stockwerk sind die Trophäen ausgestellt, besonders prächtige und seltene Vögel, die einst die Vorfahren in den Mooren geschossen hatten. – Soweit einige Annehmlichkeiten des gehobenen Lebensstils, der seinen Charme noch in Gertrud Heinzelmanns Jugend verbreitet.

Die Instanz im Boswiler Anwesen ist Großtante Salesia Rietschi. Auch im Alter von sechzig Jahren ist sie eine gepflegte Erscheinung von schlichter Eleganz, großgewachsen und schlank, mit stets sorgfältig hochgesteckten Haaren. Im Familienkreis heißt es viel sagend: «Sie hat das Dröhtli.» Das bedeutet, sie zeigt aristokratische Haltung und trägt den Kopf majestätisch erhoben, als hätte sie zur Verstärkung einen Draht im Hals. Kein Vergleich mit Babeli Christen von Hinterbüel, ihrer Magd, die bei ihr ein Leben lang dient, Haus und Garten bestellt und von der harten körperlichen Arbeit immer gebückter wird. Salesia Rietschi ist die leibhaftige Summe einer familiären Vergangenheit, die glanzvoller war als die Gegenwart, und dem Abstieg hält sie die geistigen Werte früherer Generationen entgegen.


«Haus Boswil mit Salesia Rietschi + Barbara Christen (‹Magd› lebenslänglich, ‹Familienstück›, sehr geliebt), Mitte Jagdhund ‹Herta›.»

Notiz von Gertrud Heinzelmann auf der Rückseite der Fotografie

Grosstante Salesia Rietschi (ii) vor dem Familiensitz im aargauischen Freiamt, um 1930.

Im Biedermeierhaus saßen im Salon einst die Vornehmen und Gebildeten aus der Region und tranken Tee aus feinem Porzellan. Im unteren Stockwerk befand sich die Praxis und die Apotheke des Hausherrn, des weltgewandten Bezirksarztes Johann Huber, der in der feuchten Umgebung der Moore und im nahen Kloster Muri viel zu kurieren hatte. Im Doktorhaus verkehrten die politisch Fortschrittlichen, Liberale und Freisinnige, die während des Machtkampfes zwischen modernem Staat und katholischer Kirche auf staatlicher Seite gekämpft hatten und wegen ihrer Gesinnung aus der Innerschweiz ins Freiamt flüchten mussten. Häufiger Gast war auch Niclaus Rietschi, ein Sprössling aus der Luzerner Stadtaristokratie, der zum Missfallen der Kirche das erste städtische Seminar für Töchter gegründet hatte und nach liberalen Vorstellungen leitete, bis er vertrieben wurde. Zurück ließ er Hab und Gut, in Kastanienbaum am Vierwaldstättersee die lauschige Villa Krämerstein, einst die Mitgift zu seiner Vermählung mit der florentinischen Aristokratin Salesia Falcini. Einer der Söhne fand im Boswiler Doktorhaus an einer Huber-Tochter Gefallen, und so heirateten sich Blaublütigkeit und der Name Rietschi ins Freiamt ein. Diese Ehe brachte zehn Kinder hervor, darunter Gertrud Heinzelmanns Großmutter Sophie und Großtante Salesia. Der wirtschaftliche Niedergang hatte mit der Vertreibung der Rietschi-Falcini begonnen, und die Tuberkulose, die im Doktorhaus wütete, tat ihr übriges.

Die Großtante und ihr älterer Bruder Theodor sind die letzten, die den Namen Rietschi tragen. Im Dorf verkehrt Salesia nicht mit Krethi und Plethi, und sie legt großen Wert darauf, dass im Kreuzgang der Luzerner Hofkirche die Grabplatte mit den Namen ihrer noblen Vorfahren gut lesbar bleibt. Sie heiratete nie und verdiente ihren Lebensunterhalt als Dorflehrerin. Auf dem Klassenfoto von 1910 erhebt sie ihr Kinn stolz über der Kinderschar, und an ihrer Seite hockt artig Jagdhündin Herta. «Mit etwas aristokratischem Einschlag»9 umschreibt die Boswiler Chronik das «Dröhtli», das nach dörflichem Verständnis als verstiegenes Gehabe erschienen sein mag. Die Dorfjugend setzte der ersten Gemeindelehrerin zu, und sie musste die mittleren Klassen aufgeben, übernahm die Schulanfänger, «wo sie ihre Autorität durchsetzen und wo ihr einwandfreier Unterricht Erfolg bringen konnte», so die Dorfchronik. Ihre Großnichten waren noch nicht auf der Welt, als sie vorzeitig vom Schuldienst zurücktrat. Boswil ernannte seine ehemalige Lehrerin zur Ehrenbürgerin, und die Chronik schilderte sie als «pflichtgetreu, edelgesinnt» und bei Not hilfsbereit.

Ihren Nichten erzählt Salesia aus dem Leben der Vorfahren, als wären es Märchen, und Gertrud bekommt vom Fragen nicht genug. Im Gymnasium oder in den ersten Studiensemestern beginnt sie sich politisch an den väterlichen Vorfahren zu orientieren, die mütterliche Seite interessiert sie kaum. Bei ihren Besuchen im Doktorhaus setzt sich Salesia im Salon auf die Bank des Kachelofens, kramt ein vergilbtes Foto der blaublütigen Falcini hervor, und die Nichte schreibt auf feine Bleistiftlinien in ihr Ahnenbuch: «Die Falcini. Florentiner-Aristokraten, entstammten einem Schloss der Toscana. Aus politischen Gründen mussten sie auswandern.» Dann wechselt sie von schwarzer Tinte zu roter und fügt hinzu: «Sie waren freisinnig.» Zum Foto von Salesia Falcinis Ehemann, dem liberalen Luzerner Stadtaristokraten, notiert sie (schwarze Tinte): «Niclaus Rietschi wirkte als Seminardirektor in Luzern.» Dann in roter Tinte: «Er war freisinnig.» Fortsetzung in Schwarz: «Als in Luzern die konservative Richtung die Oberhand gewann, musste er sein Amt niederlegen.»

Die «gütigen Augen» und das «Dröhtli» der Großtante, ihre aufrechte, distinguierte Haltung, hätten ihr am meisten Eindruck gemacht, sagt Gertrud Heinzelmann. Und weiter hält sie fest: «Mir persönlich hat dies sehr viel bedeutet. Immer. Man hatte ein Qualitätsbewusstsein. Wenn man materiell nicht wählerisch ist, dann fällt man auch im Geist auf eine tiefere Sphäre hinunter. Das lässt sich nicht trennen.» Über sie selber wird es später in Boswil heißen: «Frau Doktor hat es im Köpfli», also aufgepasst, die ist Juristin und die spricht nicht mit jedem. Die Schweizer Schriftstellerin Laure Wyss – sie hatte in den Sechzigerjahren als Journalistin mit Gertrud Heinzelmann oft beruflich zu tun – sagt: «In Boswil war Gertrud Heinzelmann kolossal, und wenn sie in der Gartenlaube ihres Hauses saß, wirkte sie wie eine Gutsherrin.» In der Manier einer Junkerin notiert Gertrud Heinzelmann auf ein altes Foto, auf dem das Haus ihrer Vorfahren zu sehen ist: «Haus Boswil mit Salesia Rietschi + Barbara Christen (‹Magd› lebenslänglich, ‹Familienstück›, sehr geliebt), Mitte Jagdhund ‹Herta›.»

An ihre Großmutter hat Gertrud Heinzelmann keine eigene Erinnerung. Am Arm der Mutter blickt sie als Dreijährige auf das Sterbebett der krebskranken Sophie Heinzelmann, geborene Rietschi. Der Vater wird ihren Nachlass bis auf zwei Fotografien und eine Postkarte aus Brüssel verbrennen, damit nichts an ihr Unglück und das ihrer Söhne erinnere. Eine der beiden Fotografien zeigt sie im mittleren Alter, mit demselben klaren und willensstarken Gesichtsausdruck wie ihre jüngere Schwester Salesia. Auch ihr Blick ist kein bürgerlicher, sondern einer, der von standesbewusster Höhe auf das Gegenüber hinab gerichtet ist. Im Gegensatz zu Salesia zeigen sich in Sophies Gesicht Härte, Resignation und verhaltener Spott.

Sophie Rietschi hatte Charles Maximilian Heinzelmann, einen Deutschen mit Genfer Bürgerrecht, geheiratet. Nach unglücklichen Ehejahren reichte sie als eine der ersten Schweizerinnen die zivile Scheidung ein. Für eine Frau im Jahr 1890 ein kühner Schritt, der mit gesellschaftlichem Abstieg und Ächtung verbunden war. Ihre Großmutter, so Gertrud Heinzelmann, habe es nicht hinnehmen wollen, von ihrem Mann geschlagen zu werden. Nach der Scheidung ließ sie ihre Kinder, Hans war drei und Karl ein Jahr alt, im Freiamt zurück, emigrierte nach Brüssel und arbeitete sich zur Gerantin der königlichen Confiserie hoch. Auf der Treppe zum Geschäft ließ sie sich mit Ladenmädchen und Kundinnen fotografieren und schickte das Bild als Postkarte ihrem ältesten Sohn nach Boswil. Hans wuchs bei Tante Salesia auf, die das Scheidungskind mit dem «Dröhtli» stärkte. Die finanziellen Mittel reichten gerade für eine kaufmännische Ausbildung, und in der königlichen Confiserie in Brüssel absolvierte er ein Praktikum, aber niemand durfte erfahren, dass die Gerantin seine Mutter war.

Karl hingegen traf das schlechtere Los des Zweitgeborenen. Er kommt in ein Kinderheim und ist seither sozial gezeichnet. Die Verwandtschaft bedauert ihn, denn er ist aus demselben Fleisch und Blut, doch gemessen an den familiären Wertvorstellungen schlägt er aus der Art. Er gehört nicht ganz dazu, weil er Liebesaffären hat, die nicht zu geordneten Verhältnissen führen, und weil er trotz Sprachbegabung als Kellner und Straßenwischer durchs Leben vagabundiert. «Er ist nicht ganz geraten, aber auch nicht gefehlt»,10 so Bertha an Bruder Paul. Die familienbewusste Gertrud Heinzelmann besitzt von diesem «armen Tropf» ein einziges Foto, über sein Leben weiß sie fast nichts. Er stirbt im Zweiten Weltkrieg verarmt im Bürgerasyl von Genf.

Im Studium reagiert Gertrud Heinzelmann mit «heisskochender Empörung»11 auf die Benachteiligung der Frauen im damaligen Eherecht. Sie verehrt zeitlebens die Großmutter für ihr Selbstbewusstsein und ihren Unabhängigkeitswillen. In einer ihrer letzten Veröffentlichungen schreibt sie 1991: «Ich bewundere Sophie Rietschi ausserordentlich. Sie hatte den Mut, damals, als es kaum Existenzmöglichkeiten für Frauen gab, sich von ihrem Mann zu befreien und selber für ihre beiden Kinder das Geld zu verdienen.»12 Die Heinzelmanns hätten gerne wieder Rietschi geheißen, aber der verhasste Name ließ sich nicht mehr abstreifen.

Ebenso prägend wie das «Dröhtli» ist in Gertrud Heinzelmanns Jugend die katholische Kirche. Pompöse Kirchenfeste und fromme Volksbräuche prägen ihre Schulzeit. Das Doktorhaus steht in Boswil am Kirchweg, wo die Prozessionen vorüberziehen, und wenn die Großtante mit ihren Nichten Einkäufe tätigt, kommen sie auf ihrem Weg an Bildstöcken und Kruzifixen vorbei. Im Merceriegeschäft, das von zwei Schwestern geführt wird, begutachtet Salesia mit der einen Ladenbesitzerin das Angebot an Stricknadeln, während die andere den Mädchen das kostbarste und selbstverständlich unverkäufliche Stück zeigt: ein langer Metallnagel, der einst im blutigen Fleisch des Gekreuzigten gesteckt haben soll. In ihrem «kindlichen Gemüt», so Gertrud Heinzelmann, habe dieser Nagel einen «unauslöschbaren Eindruck»13 hinterlassen. In Wohlen besucht die Mutter mit ihren Töchtern die Messe, in der an hohen Feiertagen ein Schauspiel geboten wird. An Karsamstagen stehen in der Kirche Felskulissen mit einer Grabnische, und hinter Glaskugeln, die mit gefärbtem Wasser gefüllt sind, brennen Kerzen. Dank Theaterbühnentechnik verschwindet während der Messe Christus mit Getöse in der Grabnische und erscheint wieder von der Kirchendecke hängend als Auferstandener.

Im liberalen Milieu der Heinzelmannschen Familie ist der Umgang mit der Kirche, der Gertrud und Elisabeth vermittelt wird, widersprüchlich. Die Eltern verstehen sich als Katholiken und somit zur Kirche zugehörig, aber ins Private dreinreden lassen sie sich von keinem Geistlichen, am katholischen Vereinsleben nehmen sie nicht teil, von der Konservativen Volkspartei14 distanzieren sie sich, schließlich halten sie es mit den freisinnigen Unternehmern und Industriellen aus dem Wohler Bahnhofsquartier. Wie jeder Rietschi verweigert Hans Heinzelmann den Kirchenbesuch, Bertha hingegen geht wie manche Frau aus liberalen Verhältnissen dennoch zur Messe. Ihr Abseitsstehen demonstrieren die Eltern dem Dorf während der Prozession an Fronleichnam. Die Route führt am großelterlichen Wohnhaus vorbei, der Festumzug hält hier an, der Priester betet an einem eigens aufgestellten Altar, und ein Chor singt. Die Eltern und Großeltern mischen sich nicht unter die Schaulustigen, sondern schließen, für alle sichtbar, die Fensterläden und verschanzen sich im Haus. Trotz dieser Distanzierung setzen die Eltern ihre Tochter der Kirche aus und lassen sie mit ihren Gefühlen allein. Gertrud Heinzelmann beschreibt diese Erfahrung als Erwachsene so:

«Es gehört wohl zu meinen ältesten frühkindlichen Erinnerungen, dass ich am damaligen Wohnsitz meiner Grosseltern zusammen mit dem alten gelähmten Hauseigentümer an einem Fronleichnamstag in den Garten gesetzt wurde, in dem alljährlich ein Altar als Station der volksreichen Prozession aufgebaut war. Die Kunde vom ‹Heiland› (wer hatte mir davon erzählt?) hatte schon lange zuvor mein kindliches Sinnen beschäftigt. Dann – über dem Gartenweg Monstranz, Baldachin, Weihrauch, nie gesehene Gewänder. Allein mit dem gelähmten Greis sass ich in einem von Gebüsch umhegten Chor, einem Geschehen mit überwältigenden Eindrücken preisgegeben, von denen ich nur das Wort ‹Heiland› verstand. Aber diesen mit ungeheurer Gefühlsintensität Erwarteten sah ich nicht trotz aller Anstrengung, aus einer seelischen Spannung fiel ich hoffnungslos in eine nicht zu bewältigende Enttäuschung. Schliesslich löste ein Strom von Tränen Überwältigung und Anspannung. Meine Mutter kam, trug mich in das Haus zurück, in dem die Erwachsenen sich hinter geschlossenen Fensterläden versammelt hatten.»15

Als die Tochter älter ist und ihre Schulklasse an der Fronleichnamsprozession teilnehmen muss, stellt sich der Vater auf die Treppe vor dem großelterlichen Haus, pfeift und ruft seine «Trut» energisch aus der vorbeimarschierenden Menge ins Haus.

Ambivalent muss auch Salesia Rietschis Verhältnis zum Katholizismus gewesen sein. Nach Gutdünken vermittelt die Großtante ihren Nichten frommes Brauchtum, erfindet vor dem Einschlafen lange Gebete, die mehr Gute-Nacht-Geschichten sind. Das Tischgebet spricht sie, während sie der Magd Babeli Christen in der Küche beim Anrichten hilft, mit Schüsseln zum Esstisch kommt und wieder hinaus geht. Für die Kinder, die auf ihren Stühlen warten, ist Folgendes zu hören: «Gib uns unser täglich Brot … Babeli, tüend d’Suppe arichte … Du bist voll der Gnaden … und de no de Schnittlauch dri.»16 Sie liest «Das Vaterland», die federführende Zeitung der Katholisch-Konservativen, doch in Boswil teilt sie jedem, der es wissen will, unmissverständlich mit, dass sie, wie alle Rietschis, eine Freisinnige sei, ergo nichts mit den Rückständigen am Hut habe. Das hört man im Dorf vermutlich nicht allzu gerne, hier dominiert die Konservative Volkspartei, und der H.H. Pfarrer, wie die Dorfchronik «Hochwürden» nennt, ist so einflussreich wie der Gemeindeammann oder der Gemeindeschreiber. Salesia lässt sich in keinem katholischen Dorfverein blicken, weder in der «Marianischen Kongregation» noch im «Katholischen Frauen- und Töchterverein». Sie entzieht sich den Organisationen, die nach verlorenem Kulturkampf von den Katholisch-Konservativen zur Abwehr freisinnigen und liberalen Gedankenguts überall gegründet wurden. Damit nimmt sich die Gemeindelehrerin weltanschaulich Freiheiten heraus, aber nur so weit, als ihr gesellschaftliches Abseitsstehen vom Dorf geduldet wird. Sonntags besucht sie die Messe.


«Salesia Rietschi entstammte einer angesehenen Stadtluzerner Familie mit etwas aristokratischem Einschlag. (…) Sie entschloss sich als begabte Schülerin zur Ausbildung im Lehrerberuf und wurde gleich nach bestandener Abschlussprüfung im Jahre 1879 als Lehrerin an die Mittelschule unserer Gemeinde gewählt.»

Dorfchronik Boswil

Grosstante Salesia Rietschi (1860–1938), Boswil.

Im freisinnigen Elternhaus entgeht Gertrud Heinzelmann nicht der weiblichen Sexualerziehung nach kirchlichem Keuschheitsideal. Abends will Bertha Heinzelmann die Hände ihrer Töchter auf der Bettdecke liegen sehen, ehe sie das Licht löscht und aus dem Mädchenzimmer geht. Ihre körperlichen Entdeckungen und Erfahrungen getraut Gertrud nicht der Mutter anzuvertrauen. Im Religionsunterricht erfährt sie andeutungsweise, dass ihre Entdeckungen ein schlimmes Vergehen sein müssen. Als Achtjährige muss sie mit der Schulklasse beim Religionslehrer, der zugleich Pfarrhelfer ist, zum ersten Mal in die Beichte. Darüber schreibt Gertrud Heinzelmann im Alter:

«Ein nicht ausgesprochener Druck lag auf unserer Mädchenklasse, in den mit violetten Vorhängen verhangenen Beichtstuhl des Pfarrhelfers einzutreten, der uns in die Geheimnisse des vergissmeinnichtblauen Katechismus eingeführt hatte. Aber gerade das wollte ich nicht, unter keinen Umständen, auf keinen Fall. Berührungen am eigenen Körper hatten mich mit den erogenen Zentren, deren Reaktionen und dem schlechten Gewissen vertraut gemacht. Der Beichtspiegel des Katechismus verzeichnete unter den Sünden gegen das 6. Gebot unkeusche Berührungen, verbunden mit der auf eine schwere Sünde schliessenden Frage: Wie oft? Ich weiss nicht mehr, wie der religionslehrende Pfarrhelfer damals (zirka 1922/23) diese Sünde umschrieben hatte. Jedenfalls geriet ich in grosse seelische Nöte.»17

Bevor sie zur Beichte gehen muss, fragt sie die Mutter, ob sie nicht eine Frau wüsste, die an Stelle des Pfarrhelfers hinter dem violetten Vorhang sitzen könnte. Bertha Heinzelmann verneint. Schließlich legt Gertrud wie alle Schülerinnen eine Beichte ab:

«Da ich keinen Ausweg sah, einem Mann meine kindliche Sünde (oder was ich dafür hielt) gebeichtet werden musste, wählte ich den Pfarrer, der mich nicht kannte. Vor dessen mit violetten Vorhängen verhängtem Beichtstuhl kniete kaum ein anderes Kind meiner Klasse. Wie einen Brocken im Erbrechen spuckte ich den Satz aus, den ich wörtlich aus dem Beichtspiegel des vergissmeinnichtblauen ‹Kleinen Katechismus› übernahm.»

Bei der Strohfirma Oskar Bruggisser, wo sich einst Hans Heinzelmann und Bertha Zimmermann von ihren Stehpulten aus verstohlene Blicke zuwarfen und am Lampenschirm zupften, läuft das Auslandgeschäft miserabel. Nach dem Ersten Weltkrieg bringt die Inflation Verlust um Verlust, und der «Strohbaron» verliert beinahe sein ganzes Vermögen. Hans Heinzelmann sieht sich nach einer anderen Arbeit um und wird bei «Zwicky Nähseide und Nähgarn» fündig. Die Familie verlässt 1924 Wohlen und zieht nach Wallisellen bei Zürich. Der Ortswechsel vom katholischen Freiamt in die Umgebung der Stadt, in der einst der Reformator Ulrich Zwingli gewirkt hatte, wird für alle zur Zäsur.

Bertha ist fortan alleinerziehende Mutter, während Hans die meiste Zeit im Jahr für die Nähseidenfabrik unterwegs ist, winters auf Orienttour, sommers auf der Nordreise. Nach Neujahr lässt er Wallisellen jeweils hinter sich, besteigt in Italien das Schiff nach Ägypten, gibt in Kairo, Beirut, Jerusalem und Damaskus für die Kundschaft Einladungen und nimmt Garn- und Fadenbestellungen entgegen, oder weniger angenehm, er muss Schulden eintreiben. Vor Ostern erreicht er die Türkei, wo er sich in Izmir für die Rückreise einschifft. Im Frühsommer folgt eine kurze Kundenfahrt durch Holland, bevor er im Hochsommer zur großen Nordreise durch Dänemark, Schweden und Norwegen aufbricht.

Am ersten Schultag in Wallisellen, als Gertrud Heinzelmann das Zimmer der vierten Klasse betritt, rufen einige Schüler sogleich: «Eine Rothaarige, eine Rothaarige und eine Katholische!» Die sonst so Schlagfertige steht mitten im neuen Schulzimmer und weiß nicht weiter. Alles sei ihr roh und primitiv erschienen, vor allem die Knaben, sagt sie. In Wohlen hatte sie die Mädchenklasse besucht, ein «ruhiges Gewässer», während die Knaben, wie damals in katholischen Gegenden üblich, in die Parallelklasse gingen.

Nach diesem Schultag folgen weitere Erschütterungen, die nächste an einem Sonntag, als Bertha mit ihren Töchtern zur Messe geht. Nichts am Walliseller Gotteshaus erinnert an die Herrschaftlichkeit einer Freiämter Kirche, weder ist der Standort imposant, noch waltet im Innern ein besonderer Glanz: Da ist bloß die Nüchternheit eines Feuerwehrhauses. Das Dorf hatte seine ausgediente Sennerei für die «Zwecke des Feuerlöschwesens» umgebaut und zum Wohl des Gemeinwesens erweitert, mit einem kleinen «Arrestlokal» beispielsweise, das für leichte Fälle wie zur Ausnüchterung von Betrunkenen gedient haben mag. Der einstigen Sennerei wurde, so die Walliseller Gemeindechronik, ein «Schlauch-Tröckneturm» aufgesetzt, und unter diesem Turm, in dem die nassen Feuerwehrschläuche trocknen, beten und beichten sonntags Wallisellens Katholiken. Dies allerdings unterschlägt die Gemeindechronik, denn aus reformierter Sicht ist die katholische Religionsausübung nicht erwähnenswert. In der Gemeinde machen die Katholiken gerade 436 Personen aus, damals knapp ein Fünftel der Einwohnerschaft. Im Stammland des Reformators Zwingli sind die Katholiken einem Briefmarkenclub gleichgestellt, sie dürfen Versammlungen abhalten, aber im öffentlichen Leben sind sie rechtlos. Das wird bis 1963 so bleiben.

Das Feuerwehrhaus dient noch einem anderen Zweck, den die «Geschichte der Gemeinde Wallisellen» ebenfalls unterschlägt. Die Bauern bringen ihr krankes und verunfalltes Vieh hierher. Gertrud Heinzelmann schildert dies an einem Walliseller Seniorennachmittag 1991 so: «Noch heute ist die unterste Türe angeschrieben mit ‹Notschlachtraum›. Das war damals schon so gewesen, die erste Türe war die Notschlachtung. Es kam ab und zu vor, dass gegen Ende der Woche hier sogenanntes Fallvieh oder Versicherungsvieh geschlachtet wurde. Am Samstag oder Sonntag sind dann die Katholiken durch die Türe nebenan zum Gottesdienst.»18 Für die Messe unter dem «Schlauch-Tröckneturm» kommt der Priester aus dem Nachbardorf und improvisiert zwischen notdürftigem Mobiliar: «Die katholische Kirche bestand aus einem Vorraum, von hier gingen ein paar Treppentrittli hinauf. Man kam in einen langgestreckten Raum, ich glaube heute sind hier Garagen, der Boden des Raumes war aus weißgetünchten Backsteinen. Drei Bänke ohne Rückenlehne standen hier, und es gab eine blinde Türe mit einem Gitter. Das war dann bei Bedarf der Beichtstuhl. Man hat die Türe einfach geöffnet, und oh Schreck, ohne Vorhänge, man konnte zuschauen, ad libitum, wenn man im hintersten Bank sass.» Samstags zieht ein Kind durch Wallisellen und sagt an jeder katholischen Haustüre sein Sätzlein auf: «Bitte kaufen Sie einen Backstein für die Kapelle!» Die Katholiken sammeln für den Bau einer eigenen Kirche, ein mühseliges Geldauftreiben, denn viele stammen aus ärmlichen Verhältnissen, zogen vom Hinterland ins industrialisierte, reiche Zürich und haben hier als Fabrikarbeiter, Handwerker oder Dienstmädchen ein mageres Auskommen. Kommt hinzu, dass sie wie alle Einwohner Steuern zahlen, aber als staatlich nicht anerkannte Glaubensgemeinschaft für den Kirchenbau kein Anrecht auf Steuergelder haben. Mit ihrem Geld finanzieren sie die Kirchen der Reformierten.

Der protestantischen Mehrheit sind die katholischen Einwanderer fremd, ob sie nun aus der Innerschweiz oder aus dem Tirol stammen, und weil sie aus wirtschaftlich schwachen Regionen kommen, gelten sie als hinterwäldlerisch, in jeder Hinsicht rückständig und auf alle Fälle «sternehagelsaudumm». Da nützen der Familie Heinzelmann weder liberale Vorfahren, noch hilft ein Tropfen aristokratischen Bluts. Es spielt auch keine Rolle, dass Bertha und ihre Töchter in Wallisellen zu den «besser Frisierten» zählen, sich den Luxus von gepflegten Haaren leisten können und Kleider aus kostspieligerem Stoff tragen als viele Einheimische. Für die Reformierten sind sie schlicht «Katholen», auf die man grundsätzlich hinunterschaut. Gertrud Heinzelmann am Seniorennachmittag: «Wir waren ausgegrenzt gewesen in diesem reformierten Milieu, das sich für rechtdenkend hielt, etwas pietistisch. Wir standen irgendwie in einem Abstand.»

Auf die damalige Zurücksetzung reagiert die elfjährige Gertrud in der Schule mit Leistung. Rückblickend sagt sie: «Ich wollte denen doch klarmachen, dass ich erstens einmal nicht nur gescheit bin, sondern wie sich dann sehr rasch zeigte, die Gescheiteste in der Klasse war.» Dank der traditionellen katholischen Mädchenerziehung kann sie, obwohl dazu wenig talentiert, selbst im Handarbeitsunterricht triumphieren: «In Wohlen hatten wir harten Handarbeitsunterricht, wir mussten lange Strümpfe stricken. Im Kanton Zürich hatten sie erst Waschlappen und solche Sachen genäht.» Zugeknöpft und elitär sei sie in der Schule gewesen, zwischen ihr und der Klasse habe eine Barriere bestanden, sagen einstige Mitschülerinnen übereinstimmend. Sie wird aber auch als auffallend mutig und selbstbewusst beschrieben, als eine, die sich zu Wort meldete und gegenüber dem Lehrer die eigene Meinung vertrat.

Die gesellschaftliche Benachteiligung stärkt Gertrud Heinzelmann, sie lernt sich zu behaupten und wird kämpferisch. In Wallisellen beginnt sie auch, sich gegen die Diskriminierung in der eigenen Konfession aufzulehnen. Im Feuerwehrhaus fasziniert sie dieses geheimnisvolle Geschehen am Altar, das kaum zu sehen ist, weil der Priester und seine Diener dabei den Gläubigen die Rücken zukehren. Sie beneidet die Ministranten, die beim Altar stehen und dem Priester zusehen dürfen. Hingegen ist das Beichten an der blinden Türe, ohne Schutz der violetten Vorgänge, für Gertrud Heinzelmann noch belastender, als es schon in Wohlen war. Als Schülerin zum Religionsunterricht und Messebesuch verpflichtet, tut sie in den höheren Schulklassen, was damals unter Männern weit verbreitet ist. Sie besucht, wenn sie zur Beichte muss, eine andere Kirche, wo der Priester sie nicht kennt, um sich möglichst dem Zugriff auf das eigene Innenleben zu entziehen. Trotz diesen Schwierigkeiten entwickelt sie, je älter sie wird, religiöse Neigungen. An einem Sonntag sieht sie im Feuerwehrhaus unter den Ministranten einen gleichaltrigen Knaben aus der Nachbarschaft: «Ich verachtete ihn, denn er war ein Schlingel, hatte selten eine geputzte Nase und war ziemlich dumm. Ich war überzeugt, dass ich mich am Altar sehr viel besser ausgenommen hätte.»19 Gewillt, einen würdigeren Anblick als der Nachbarsjunge abzugeben, bestürmt sie den Priester, ebenfalls ministrieren zu dürfen. Doch auch in einem Feuerwehrhaus ist in den Zwanzigerjahren ein Mädchen im Ministrantenrock und mit Weihrauchfass am heiligsten Ort unvorstellbar. Gertrud gibt nicht nach, setzt dem Priester zu, bis er ihr erlaubt, als Abfindung gewissermaßen, nach der Messe die Geldspenden einzusammeln. Ein Mädchen mit der Opferbüchse sei damals, so Gertrud Heinzelmann, bereits ein Tabubruch gewesen.


Um nach dem Zürichhorn zu gelangen, mussten wir etwa 3–4 Spalten überqueren. Bei der 1. gab ich nicht besonders Acht, fiel und riss mir stark die Hand auf. Die letzte Spalte war die gefährlichste. Fortwährend gluckste das Wasser hervor und es begann in ihrer Nähe ordentlich zu krosen und krachen. Auf dem Rückweg benutzten wir aber ein Brett, um wieder heimwärts zu gelangen.»

Gertrud Heinzelmann an Paul Zimmermann

Mutter Bertha (2. v. li.), Gertrud (2. v. re.) und Elisabeth auf dem zugefrorenen Zürichsee 1929.

In Wallisellen kennen die Heinzelmanns die anderen katholischen Familien, und Tochter Gertrud weiß genau, welche sie für liberal und welche sie für konservativ zu halten hat. Wohl verkehrt man mit der einen oder anderen, selbstverständlich mit den fortschrittlichen und «besser Frisierten», doch auch in der protestantischen Umklammerung sucht die Familie keine katholische Nähe. Im Dorf gäbe es beispielsweise den «Katholischen Frauen- und Mütterverein» zur Unterstützung in Erziehungs- und Familienfragen oder die «Töchterkongregation» zur Anleitung der Heranwachsenden zu einem christlich-sittlichen Lebenswandel. Gertrud macht eine Zeit lang bei «Iduna» mit, dem konfessionell und politisch neutralen Mädchenverband innerhalb der Antialkoholbewegung, und Bertha weiß auch ohne kirchliche Anleitung, wie sie ihre pubertierenden Töchter zu erziehen hat. Sie, das ehemalige Bürofräulein, besucht 1928 mit ihren Töchtern in Bern die SAFFA, die erste «Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit», zu deren Eröffnung mit einer riesigen Schnecke gegen das vorenthaltene Frauenstimmrecht protestiert wurde. Vehement wehrt sie sich jedoch dagegen, dass Gertrud und Elisabeth, die gerne modische Bubikopf-Frisuren hätten, ihre langen Zöpfe abschneiden und zügelt ihre Sinnlichkeit. Als Onkel Frank aus London schreibt, sein Sohn habe tanzen gelernt und den ersten Ball erlebt, begehrt Gertrud auf, sie müsse hundertjährig werden, bis ihr dies auch erlaubt würde. Berthas Kommentar: «S’stimmt schon!! ha ha ha ha. Mer händ au nid alles gha & sind gliech gross worde! Ich lasse sie lieber Ski fahren als tanzen, da chund nu früeli gnue!»20 Den Töchtern gibt sie unmissverständlich zu verstehen, dass nur Dienstmädchen uneheliche Kinder haben, im Heinzelmannschen Haushalt solches jedoch nicht vorkomme, demnach gebe es einzig Enthaltsamkeit. Als Gertruds reformierte Mitschülerinnen im letzten Schuljahr den Konfirmationsunterricht besuchen, lädt der Pfarrer für den Aufklärungsunterricht Rosa Gutknecht ein. Sie ist die erste Pfarrerin von Zürich, arbeiten darf sie am Großmünster jedoch lediglich als Pfarrhelferin. Im weißen Stehkragen sei sie dagestanden, erinnert sich Gertruds Schulkollegin Hedy Bierter-Würgler, und habe ihnen das Übliche mit etwa diesen Worten geraten: «Wenn Sie unbedingt einen Freund haben müssen, stehen Sie mit ihm nachts immer unter eine Strassenlampe, damit die Passanten sehen können, was passiert.»

Gertrud und Elisabeth haben Berthas Lektion wohl verstanden und verkünden den Mitschülerinnen im Brustton unerschütterlicher Überzeugung, sie seien aus anderem Holz und keineswegs heiratslustig. «Mir sind nöd ghüratig», sagen die Schwestern und machen Gertruds Schul- und Studienkolleginnen derart Eindruck, dass keine diesen Satz vergisst. Doch Bertha scheint ihren Töchtern nicht ganz zu trauen und sorgt dafür, dass jede den erforderlichen Schliff erhält. Die Jüngere wird für mehrere Wochen nach Zürich an den Zeltweg in die Koch- und Haushaltungsschule der Elisabeth Fülscher geschickt, der Älteren wird dieser Schliff nur insofern erlassen, als sie ihn privat erhält. Bertha nimmt Gertruds Kochausbildung systematisch an die Hand, durch jeden Kochgang wird die Tochter «duretrüllet», angefangen beim Suppenkochen, weiter zum Braten, Garen, Schmoren bis zum Backen und Servieren.

Jahre später, Gertrud und Elisabeth sind inzwischen 21 und 19 geworden, betrachtet Bertha befriedigt den Erfolg ihrer Erziehungsmaßnahmen und meldet nach Brasilien: «Die Maitli sind fleissig & lieb, wir können mit den Kindern sehr zufrieden sein! Schon manches Maitli von Trutlis Klasse ist verheiratet & gewöhnl. war ein Muss dabei.»21

Ab Frühling 1931 besucht Gertrud Heinzelmann die «Höhere Töchterschule», das Mädchengymnasium von Zürich. In den Schulbänken sitzen Töchter von hohen Beamten, von Warenhaus- und Fabrikdirektoren, man wohnt in Zürichs besseren Quartieren, verkehrt gesellschaftlich unter seinesgleichen, bevorzugt beim Einkaufen protestantische Läden, und aus Prinzip stellt der eine oder andere Familienvater im Kader seines Betriebes keine Katholiken an. Doch zu Hause lassen sich die Töchter von katholischen Dienstmädchen bedienen, die man wegen mangelnder Manieren und fehlender Bildung und wegen ihrer andersartigen Bräuche belächelt. Nur wenige in der Klasse kommen aus bescheideneren Verhältnissen. Zum Erstaunen der Mitschülerinnen gibt sich Gertrud Heinzelmann als Katholikin zu erkennen, vom «Dröhtli» gefestigt und im stolzen Bewusstsein, einen freisinnig-liberalen Stammbaum zu haben, kurz, eine Herkunft vorweisen zu können, die nichts mit derjenigen von katholischen Dienstmädchen aus armen Landgegenden gemein hat. Im Übrigen ist sie zurückhaltend und gibt wenig Persönliches preis. Und wieder lernt sie für gute Schulnoten und ist stets sattelfest im Abfragewissen. Ihr aussergewöhnliches Gedächtnis beeindruckt, doch für diejenigen Mitschülerinnen, die sich auch für anderes als einzig für Lernstoff interessieren, ist sie keine Kameradin, der man nachgeeifert hätte. Hanny Zimmermann, die sich in der Klasse am besten bei Schlagern auskennt und später Zahnärztin werden wird, charakterisiert Gertrud Heinzelmann so: «Sie konnte sehr fröhlich und lustig sein, sie konnte bei Blödsinn mitmachen, sie war nicht stur, gar nicht. Aber ich hätte sie nie als Rivalin empfunden, wenn es darum gegangen wäre, in einer Tanzstunde mitzumachen. Da hat sie a priori nicht dazugehört.» Und Gerda Zeltner-Neukomm, die sich in der «Neuen Zürcher Zeitung», als Literaturkritikerin und Frankreichkennerin einen Namen machen wird, sagt: «Sie fiel mir damals auf, weil sie überhaupt nicht eitel war. Sie wollte nicht gefallen und hatte eine ganz besondere Sicherheit. Aus ihren Antworten habe ich immer gespürt, dass sie im Gegensatz vielleicht zu allen anderen von sich selbst absehen konnte.»

Als das Abitur näher rückt, und sich Gertrud Heinzelmann für eine Studienrichtung entscheiden muss, nimmt sie auf die finanzielle Situation ihres Vaters Rücksicht und fällt einen Vernunftentscheid:

«Ich habe lange zwischen Jus & Medizin geschwankt, aber das med. Studium geht minimal 13 Semester (Jus 6–8), ist sehr viel teurer als Jus & stellt sehr grosse Anforderungen an die Gesundheit, & nachher sind die Aussichten doch kaum günstiger als für Juristen.»22

Hans Heinzelmanns beruflicher Wechsel hatte sich nicht als ein glücklicher erwiesen. Exporteinbrüche und als neues Phänomen der zunehmend schnellere Wechsel der Kleidermode setzen nicht nur der Strohindustrie, sondern auch dem Faden- und Garnhandel zu. Die goldenen Jahre, in denen zur Damengarderobe Seidenstoffe, Stickereien und Borten gehörten und «Zwicky Nähseide und Nähgarn» in europäischen Metropolen eigene Agenturen und Fabrikationsfilialen eröffnen konnte, sind längst Vergangenheit. Zudem konkurrenziert der Kunstseidenfaden, billiger und zäher als Nähseide, die Fäden aus der Walliseller Zwirnerei. Die Verkaufsresultate, die Hans Heinzelmann auf seinen Reisen erzielt, sind ständigen Schwankungen unterworfen, trotz allem sind sie in seinen ersten Jahren noch zufrieden stellend. Aus Ägypten meldet er im Februar 1924: «Hiermit wieder ein Lebenszeichen. Geschäftlich geht es gut, ebenfalls gesundheitlich.» — Im Juni aus dem niederländischen Nobelbad Scheveningen: «Geschäfte gut, Wetter schlecht, Gesundheit dürfte besser sein, Klimawechsel hat mir zugesetzt.» – Im November aus Kopenhagen: «Bin wohlauf. Geschäft recht.» – Wiederum aus Kopenhagen zwei Jahre später im Juni 1926: «Bin stets wohlauf, mit etwas Rheumatismus zwar, aber glaub’s der Teufel bei diesem Hunde-Wetter. – Geschäftlich ging es in letzter Zeit besser.»23 Dank Umsatzbeteiligung am Auslandgeschäft verdient er überdurchschnittlich, doch dann kommt die Weltwirtschaftskrise, gefolgt von Inflation, Währungsreformen und Einfuhrbeschränkungen. «Wir haben hier wieder elendes Wetter; & die Geschäfte gehen nicht besonders gut», schreibt er im April 1930 aus Schweden und im November aus Finnland: «Bin wohlauf. – Geschäfte dürften besser sein.» Und: «Geschäfte sollten besser sein»,24 meldet er im nächsten Jahr aus Dänemark. In Wallisellen stehen die Zwirnmaschinen still und «Zwicky» muss einen Teil der Belegschaft entlassen. Das Auf und Ab der Verkaufszahlen drückt Bertha aufs Gemüt. Ihre Berichte an Paul zeigen Sorgen und Belastung deutlicher, als dies Hans auf seinen Postkarten an Salesia Rietschi eingesteht. «Er kann sich nicht rühmen übers Geschäft & strengt sich ausserordentl. an, um wenigstens kleine Pöstchen zu ergattern», schreibt Bertha im Frühling 1931, und im Herbst meldet sie erleichtert: «Wir sind zwäg = Vater ist in Kopenhagen. Dadurch, dass die Damenmode länger geworden ist, braucht er gerade das doppelte Quantum wie früher für die Damenconfection & kann dort am Platze ordli arbeiten. Wir haben es so nötig. Wie’s dann weiter nördlich wird, ist fraglich, doch habe ich letzte Woche in der ‹Neue Zürcher Zeitung› gelesen, dass der Streik in Norwegen endlich gebrochen ist.»25 Dann wieder ernüchtert: «Morgen kommt Hans von seiner Holland-Reise zurück, wo er schlecht abgeschnitten hat, es wollte niemand bestellen! Die Leute sind überall so niedergeschlagen!»26

Gertruds Studienwahl erhält familienintern Anerkennung, und aus Brasilien lässt Paul seine Schwester Bertha befriedigt wissen: «Heute überraschte mich der charmante Brief v. Student. Die Überlegung, sich als Jurist auszubilden, aus dem einfachen Grund, weil das Studium kürzer & das materielle Rendement analog der Mediziner ausfällt, fand meine Anerkennung. Kurz, der Brief zeigt klaren Menschenverstand.» Daraufhin gewährt Paul seiner Schwester freien Zugriff auf seine Bankkonten: «Ich kenne Deine Tugenden als bewährte Stauffacherin & erwarte weder Dankesrufe noch Lobgesang, sondern vernünftige Verwaltung.»27 Trotz Krise sollen seine Nichten eine «erstklassige» Ausbildung bekommen und Ferien geniessen. Mit schlechtem Gewissen – «ich hatte immer das Gefühl, als tue ich ein Unrecht» – lässt sich Bertha von seinem Konto Geld auszahlen und entschuldigt sich:

«Wir geben uns Mühe uns der Situation anzupassen. Hans & ich gehen jeder unnötigen Ausgabe ängstl. aus dem Weg – & danken Gott, dass Hans doch immer noch eine Anstellung hat & unser Brot verdient. Ausser den paar Tag Ferien, die wir uns erlaubten – trieben wir keinen Luxus. Wir hatten gesundes Essen & gesundes Wohnen und das kostet so viel – dass wir immer zielen mussten durchzukommen.»28

Mit Stolz fügt sie hinzu: «Die Kinder entfalten sich gut zu uns. grössten Freude – natürl. kosten sie, es müssen Opfer gebracht werden.» Elisabeth wird eine Lehre als Damenschneiderin beginnen und später die Kunstschule besuchen, Gertrud nimmt an der Universität Zürich ihr Rechtsstudium in Angriff. Sie tritt dem Schweizer Frauen-Alpenclub bei und fährt im August 1935 abenteuerlustig mit den Anfängerinnen ins Wallis. Was sie hier erlebt, schildert sie ihrem brasilianischen Gönner auf drei Briefseiten, zum Beweis, dass sie seiner Förderung würdig sei.


«Es wurde 9h, bis wir den Einstieg in den Felsen erreichten, dann aber folgte eine 4-stündige Gratkletterei, wie ich vorher noch keine gemacht habe, sehr rassig war sie. Der Westgrat des Besso ist an Schönheit & Schwierigkeit dem Matterhorn ebenbürtig.»

Gertrud Heinzelmann an Paul Zimmermann

Gertrud Heinzelmann am Seil des Bergführers im Val de Zinal, Wallis, 1935.

Im Val de Zinal übt sie Klettergriffe – «an einer Wand hing der Rücken, an der andern die Schuhnägel»29 – und auf dem Weisshorngletscher lernt sie den korrekten Umgang mit dem Eispickel. Das Üben ist ihr schon bald zu wenig: «Ich gesellte mich zu den Kanonen zur Diablon-Traverse.» Der Bergführer schätzt das Können der «Kanone» anders ein und nimmt sie aus Sicherheitsgründen zuvorderst ans Seil, sollte sie auf dem Grat aus Unerfahrenheit eine falsche Bewegung machen oder vor Müdigkeit stolpern. Nach Braslien meldet die «Kanone»: «Obwohl ich weitaus die jüngste war, hatte ich die Ehre am Führerseil zuorderst zu sein.» Es sei eine «sehr schöne Klettertour» geworden. Nach einem Ruhetag und einer Nacht auf «höllisch harten Strohsäcken» wagt sich Gertrud Heinzelmann an ihren ersten Viertausender, den Westgrat von Besso. Während Stunden klettert sie in schwindelnder Höhe einem Grat entlang, sieht in den Abgrund hinunter, darf den Mut nicht verlieren und darf nicht aufgeben, auch wenn sie möchte, sie muss Müdigkeit überwinden, mit schmerzenden Füssen und klammen Fingern fertig werden, alles nicht der Rede wert, jedenfalls gesteht sie ihrem Onkel nichts dergleichen ein. Die Tour gelingt – «rassig war sie». Doch «zu feig» sei die Mannschaft gewesen, um nach dem Abstieg noch am selben Tag ins Tal nach Zinal zu den wartenden Kolleginnen hinunter zu «tippeln». Die Gruppe übernachtet inmitten von Gletschern in der Mountet-Hütte. Am nächsten Tag blicken die Kletterinnen bei strahlend blauem Himmel am Zinalrothorn empor – «der wunderbare Gipfel lockte immer mehr» – und drei Kolleginnen und Gertrud Heinzelmann nehmen sich vor, auch diesen Viertausender zu erklimmen. Auf seinem Gipfel befindet man sich auf Augenhöhe mit den Berühmtesten, dem Matterhorn und der Dufourspitze, und weit, weit unten liegt der Kurort Zermatt. Vor Sonnenaufgang ziehen sie mit zwei Bergführern los, durchqueren den Gletscher, der steil zum vereisten Blanc-Grat hinaufführt. Hier werden sie von einem Wetterumsturz überrascht: «Leider hatte das Wetter sich verschlechtert, auf dem Grat begrüsste uns ein förmlicher Sturm, der einem den Pickel direkt in der Hand schüttelte, wenn man ihn einstecken wollte.» Ein Unwetter mit bissigen Windböen, einschlagenden Blitzen und heftigem Eisregen, der die Felsen im Handumdrehen glitschig und gefährlich macht, alles möglich, aber die «Kanone» schreibt dazu nichts. Die Gruppe kehrt nicht um, kämpft unter Lebensgefahr auf dem Eisgrat weiter, erreicht schliesslich den blanken Granit – «nur schade, dass ausgerechnet jetzt ein Hagelwetter ausbrach» – und klettert, zu allem entschlossen, am Felsen hoch. «Um 9 h war der Gipfel geschafft. Vor Freude über unsere Leistung flogen sich alle förmlich in die ‹Arme›, meine Kameradin & ich erhielten zur Feier des grossen Moments von unserem Führer ein ‹baiser pour le grand courage›.» Der Sturm tobt auch während des Abstiegs, der nicht ohne «Intermezzi» verläuft, wie Gertrud Heinzelmann die Zwischenfälle umschreibt, die glücklicherweise harmlos verlaufen, vielleicht ebenso hätten tödlich enden können. Der Betreiber der Mountet-Hütte, ein erfahrener Alpinist, befürchtet längst Schlimmes und sucht mit dem Fernglas den Grat und die Felsen ab. Dann, am frühen Nachmittag, trifft die Gruppe wohlbehalten «beim Papa Hüttenwart» ein: «Der Alte war fast ausser sich vor Freude, dass wir trotz des schlechten Wetters das Zinalrothorn geschafft hatten.»

Die 21-jährige Gertrud Heinzelmann kehrt erschöpft nach Wallisellen zurück – «die ganze letzte Woche noch hatte ich nachzuschlafen» – doch am Schluss ihres Briefes lässt sie Onkel Paul wissen:

«N.B. Zinalrothorn ist schwieriger als Matterhorn.»

Revolutionäre Stimmung beim Kartoffelanbau

Die Doktorandin der Rechtswissenschaften ringt im Zweiten Weltkrieg mit der katholischen Kirche und verfasst ihre Grundsatzerklärung. Sie überschätzt ihre Kräfte und bricht zusammen.

Im Sommer 1940 jätet und bewässert Gertrud Heinzelmann die Gemüsebeete, die sich in langen Bahnen vom Doktorhaus bis zum Gartenzaun hinunter ziehen. Zwischen den Buchseinfassungen wachsen Kartoffeln, Karotten, Krautköpfe und Sellerie, Nahrhaftes für Kriegssuppen und harte Winter. Dem Zaun entlang reifen Johannisbeeren und Brombeeren, es gibt Pflaumen und Mirabellen. An die Gemüsebeeten schließt sich ein Obstgarten an, der bis zum nächsten Bauernhaus reicht, und ein zweiter befindet sich hinter der Scheune, wo einst Kutschen und Pferde der Vorfahren standen. Jeden Morgen bestellt Gertrud Heinzelmann ihren Garten, womöglich hantiert sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit Stechgabel und Hacke. «Ein Haus auf dem Land zu besitzen, ist sehr schön, und in diesen Zeiten geradezu ein tröstlicher Gedanke. Die Kehrseite, eine Unmenge Arbeit»,1 schreibt sie nach Brasilien. Wäre nicht im Vorjahr der Weltkrieg ausgebrochen, sie würde nicht in Boswil schuften und für die Familie Wintervorräte anlegen. Es hätte sie auch diesen Sommer in die Alpen gezogen. Längst ist sie keine selbsternannte «Kanone» mehr, die der Bergführer zuvorderst ans Seil nimmt, sondern inzwischen führt sie am Seil die Unerfahrenen über Bergkämme. Seit sie im Sturm auf dem Zinalrothorn gestanden hatte, bestieg sie manchen berühmten Gipfel, auch das Matterhorn. Bis die letzten Äpfel gepflückt und auch der letzte Krautkopf abgeräumt ist, solange will sie in Boswil ausharren. Denn die vergangenen Kriegsmonate verhießen nichts Gutes, Dänemark, Norwegen, Holland und Belgien wurden von Hitlers Wehrmacht besetzt, der Angriff auf Frankreich begann, Italien trat in den Krieg ein, dann kapitulierte Frankreich, und soeben verkündete General Guisan die schweizerische Selbstbehauptung mit militärischen Mitteln.

Der noble Glanz des Doktorhauses ist verblasst und sein Komfort veraltet. Salesia Rietschi, alt und gebrechlich geworden, ließ am Haus nichts erneuern, und als sie vor Kriegsausbruch starb, hatte die Familie Heinzelmann keine Freude an diesem Erbe. Ein «Trinkgeld» hätte sich mit dem Verkauf der Liegenschaft herausschlagen lassen:

«Zudem sind die finanziellen Verhältnisse in Boswil sehr misslich, – die Bauern sind gegenseitig verbürgt um sehr hohe Beträge – einer hängt am andern, einer kracht nach dem andern. – Dazu die prächtige allgemeine Weltlage, – die Verhältnisse auf dem Kapitalmarkt insbesondere. – So haben wir uns wohl oder übel entschlossen, das Haus bis auf weiteres zu behalten, die notwendigsten Reparaturen vorzunehmen, & zu vermieten. So haben wir wenigstens ‹Grund und Boden›, auch wenn das Ganze für uns wenig rosig aussieht & für uns ein schlechtes Geschäft ist.»2

Der Krieg verschafft den Bauern neue Einnahmen. Wer nicht in der Armee dient und auf dem Hof nichts zu tun hat, geht zum «Güsle» in die umliegenden Moore, wie im Dorf das Torfstechen genannt wird. Zwischen Bünzen und Muri soll das Sumpfland entwässert und für die Kriegswirtschaft bepflanzt werden. Die Männer stechen Briketts, füllen Schubkarren, Förderbänder gibt es keine, die Frauen legen den Torf zum Trocknen aus und sammeln ihn wieder ein. Die Familie Heinzelmann lässt das Doktorhaus renovieren, und als Teigwaren und Reis, Fett, Zucker und Öl rationiert werden, sind alle froh, das Erbe nicht verschleudert zu haben. Der untere Stock wird vermietet, Gertrud Heinzelmann bewohnt allein den oberen Hausteil, wo sich der Biedermeiersalon befindet und die Sixtinische Madonna neben anderen frommen Zuwendungen aus dem Kloster Muri hängen. Die gute Stube liegt, fremden Blicken entzogen, hinter der Küche. Hier herrscht zwischen Büfett, Tisch und Eckbank kleinbürgerliche Behaglichkeit. In zwei Kammern stehen die Betten und über Nachttischchen und Türrahmen sind dunkle Holzkreuze befestigt.

Frühmorgens vor der Gartenarbeit liest Gertrud Heinzelmann historische Abhandlungen über die römisch-katholische Kirche, studiert lateinische Gesetzestexte, als wären sie in Französisch oder Englisch geschrieben, und tippt mit der Schreibmaschine wichtige Textstellen ab. Am Nachmittag setzt sich die Rechtsstudentin wieder an den Schreibtisch. Vor Kriegsausbruch hat sie nach acht Semestern die Doktorarbeit begonnen. Der Professor warnte vor den Tücken ihres Vorhabens, aber sie wollte unbedingt über «Das grundsätzliche Verhältnis von Kirche und Staat in den Konkordaten» schreiben. Staatsrecht war im Studium ihr Lieblingsfach, und Kirche und Religion üben auf sie immer noch diese starke Anziehung aus. Es gibt keine Notizen oder Briefe von ihr, die Hinweise geben würden, warum sie ausgerechnet Kirchenrecht mit Staatsrecht vergleichen will. Zur Lektüre für die Doktorarbeit gehören die Werke, die ihr einst der Walliseller Priester in den Sprechstunden empfohlen hatte, damit sie endlich einsehe, dass die Stellung der Frau in der Kirche so ist, wie sie nach Meinung der großen Theologen zu sein hat. Als Gymnasiastin war ihr der Inhalt dieser Bücher unverständlich, doch jetzt besitzt sie das nötige Rüstzeug. Es ist denkbar, dass sie mit der Doktorarbeit bewusst die Gelegenheit ergreift, sich ein wenig vom bisher verschlossenen theologischen Gebiet anzueignen. Gertrud Heinzelmann muss sich in den letzten Studiensemestern, spätestens aber während ihrer Doktorarbeit, eingestanden haben, dass sie selbst gerne eine Priesterin wäre. Hätte sie dies früher gewusst, als sie sich für ein Studium entscheiden musste, es hätte ihr nichts genützt, denn Frauen sind noch an keiner Universität zum katholischen Theologiestudium zugelassen.

Mit großen Erwartungen sitzt sie in Boswil am Tisch, vor sich das Hauptwerk des Theologen und Scholastikers Thomas von Aquin. Der Titel der deutschen Übersetzung verspricht die Antwort auf alle Sinnfragen: «Die katholische Wahrheit oder die theologische Summa des heiligen Thomas von Aquin». Die zehn Bände sollen nach päpstlichem Urteil frei von Fehl und Tadel sein. Der Gelehrte aus dem 13. Jahrhundert wurde bald nach seinem Tod heilig gesprochen und zum maßgebenden Kirchenlehrer erhoben. Seither wurden Generationen von Geistlichen nach seiner Theologie gedrillt, nach seinen Worten wurde im Religionsunterricht geschulmeistert und von der Kanzel gepredigt. Unter anderem blättert Gertrud Heinzelmann auch in seiner «Lehre über die Frau».

Von da an ist es mit ruhigem Studieren vorbei. Was sie über das Wesen der Frau zu lesen bekommt, schockiert sie, obwohl sie solches vom Walliseller Priester und seinem Stellvertreter oft gehört hatte. Die Lektüre nimmt sie gefangen, sie schläft schlecht, ist unkonzentriert. In Boswil, diesem Tausend-Seelen-Dorf, kennt sie niemanden, mit dem sie darüber hätte sprechen können, auch in der Familie gibt es für den «Betblätz» keinen Rückhalt. Als sie sich nicht mehr anders zu helfen weiß, spannt sie ein Blatt Papier in die Schreibmaschine, tippt zuoberst auf die Seite «1. Stellen über die Frau» und beginnt aus Thomas von Aquins Lehre abzuschreiben:

«Nun ist das Weib der Natur dem Manne unterworfen, weil der Mann fester und scharfblickender in der Vernunft ist.»3

Dann hämmert sie in die Tasten:

«Womit stützt Thomas seine Behauptung? Und wenn es Frauen gäbe, die weiser sind als die Männer, wie würde da der Schluss lauten?»4

Thomas von Aquin zog Gertrud Heinzelmanns Schluss nie, denn das Verhältnis der Geschlechter sieht er vom Himmel herab für alle Ewigkeit geregelt: «Der Mann ist das Princip für die Frau und ihr Zweck, wie Gott das Princip für die ganze Kreatur und ihr Zweck ist.»

Gertrud Heinzelmann scharfsinnig:

«Hat der Mann die Frau erschaffen?»

Darauf fällt sie ihr Urteil:

«Was Thomas sagt, ist die Redeweise des männlichen Hochmuts».

Diese Erklärung hätte Thomas von Aquin nicht verstanden, schließlich handelt es sich für ihn bei der weiblichen Unterordnung um eine logische Ableitung aus göttlicher Wahrheit, die keines weiteren Beweises bedarf und lautet: Der Mann ist der vollendete Mensch, die Frau eine Abweichung. Für den Gelehrten aus dem Mittelalter ist die Frau ein Missgeschick, verursacht durch dumme Zufälle beim Beischlaf. Der Mann wolle stets seinesgleichen zeugen. Gelinge dies nicht, dann hätten unglücklicherweise während der Kopulation «feuchte Südwinde» geblasen, oder der Mann sei nicht in Hochform gewesen, sodass nur ein mangelhafter Mensch, ein «Weib», zustande gekommen sei. Die Frau treffe bei der Zeugung keine Schuld, denn sie diene dem Mann «wie ein Ackerboden, in den gesäet wird». Gertrud Heinzelmann entgegnet:

«Zu der ungezählte Male wiederkehrenden Behauptung: der Mann ist bei der Zeugung das tätige, also höhere Princip, die Frau das leidende, empfangende, sie bietet den formlosen Stoff etc. etc., möchte ich bemerken, dass nach heutigen naturwissenschaftlichen Resultaten feststeht, dass die Befruchtung kein Willensakt sei. Im Übrigen weise ich hin auf die Entdeckung der weiblichen Eizelle!»

Im Glauben an die Überzeugungskraft naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und rationaler Argumente kämpft Gertrud Heinzelmann mit der Kirchenautorität, auf gleicher Augenhöhe gewissermaßen, er ein Gelehrter, sie eine Akademikerin, und nach wissenschaftlichen Regeln wird seziert. Sie hält ihm logische Widersprüche vor, kontert seine Thesen mit Antithesen, selbst die ärgste Frauenfeindlichkeit versieht sie korrekt mit Kapitel- und Seitenangaben und setzt ihre eigenen Bemerkungen diszipliniert in Klammern.

Erstmals nimmt sie ihre eigenen Schwierigkeiten mit der Kirche als Auswirkung einer weit reichenden, Frauen verachtenden Tradition wahr. Ihre belastenden Erfahrungen beim Beichten, die Zurückweisung als Ministrantin erschienen Gertrud Heinzelmann bisher als etwas Singuläres, auch die Ansichten der Walliseller Priester über das weibliche Geschlecht hielt sie stets für persönliche Äußerungen. Was sie bis anhin als einzelnen Willkürakt wahrnam, ist plötzlich in der historischen Entwicklung fassbar geworden. Sie sieht die Quellen, die Lehre von Augustinus und die Werke von Frühscholastikern, auf die sich Thomas von Aquin stützt, und sieht, wie seine Lehre wiederum die theologischen Vorstellungen der nachfolgenden Jahrhunderte beeinflusste. In der Geschichte der katholischen Kirche trug Thomas von Aquin wesentlich zur Unterdrückung der Frauen bei. Seine Lehre verfestigte das negative Frauenbild in der Theologie und verankerte die Begründung für den Ausschluss der Frauen aus allen höheren Kirchenämtern. Gegen die Weihe von Priesterinnen führt der mittelalterliche Gelehrte wiederum den Zeugungsvorgang und die weibliche Unvollkommenheit an. Es stehe dem «Weib» als dem dümmeren, untergeordneten Wesen nicht zu, in der Öffentlichkeit und in der Kirche die Männer zu belehren. Ausserdem wecke der Anblick einer Frau fleischliche Lust. Darum kümmere sich das «Weib» seiner Natur gemäß um den Nachwuchs und gehorche dem Mann und Haupt der Familie. Gertrud Heinzelmann bemerkt dazu:

«Der Geist der Frau hat keinen selbständigen Wert gegenüber dem des Mannes. Die Funktion der Frau ist die Sexuelle.»

Gertrud Heinzelmann rennt in ihren Notizen gegen kirchliche und männliche Definitionsmacht an, begehrt auf gegen die Reduzierung auf Körper und Gebärfähigkeit und kämpft für weibliche Intellektualität. Sie verteidigt dabei ihre «religiöse Bereitschaft»5, Priesterin sein zu wollen und versteckt hinter ihrem Argumentieren die Verletzung, für die Kirche ein mangelhafter und zweitrangiger Mensch zu sein. In einigen Kommentaren schwingt ihre Tragik mit, sich zur Priesterin berufen zu fühlen, ohne die Möglichkeit dazu zu haben. Unter «Einführung» notiert sie beispielsweise:

«Wo Thomas von der Frau spricht, tut er es auf eine Weise, die das Bewusstsein Mensch zu sein im Tiefsten verletzt. Und nicht nur er ist es, der die Frauen erniedrigt, erwürgt, wo es um das Tiefste und Höchste geht, was der Sinn des Menschen erfassen kann, vor ihm, mit ihm, nach ihm tat dasselbe die Kirche.»

Oder an anderer Stelle wirft sie die Frage auf: «Ist es kein verderblicher Kult, wenn einer inneren Wirklichkeit, ich denke an das geistige, religiöse Leben der Frauen, überhaupt kein Zeichen des Ausdrucks verliehen wird?»

Die theologischen Studien politisieren Gertrud Heinzelmann, und sie entdeckt zwischen Religion und Gesellschaft, zwischen kirchlicher Moral und staatlicher Gesetzgebung Zusammenhänge, die sie zuvor nicht in dieser Schärfe wahrgenommen hatte. Aus der Distanz von vierzig Jahren schildert sie ihre Politisierung so:

«Aufgrund des bearbeiteten Materials erkannte ich, dass die Diskriminierung auf staatlich-gesellschaftlichem Boden nur einen Teil jener viel grösseren geistigen Diskriminierung darstellt, welche durch das Christentum in seinen zahlreichen kirchlichen Ausformungen – insbesondere in der mir von Jugend an vertrauten katholischen Kirche – auf die Frauen gelegt worden war.»6

Im Alltag ist das Nachwirken von theologischen Denktraditionen für die Studentin mit Händen zu greifen. Katholische Frauenbücher, Lebensratgeber und Heiligenbiographien, bis weit in die Fünfzigerjahre hinein unermüdlich von Priestern zur geistigen Erbauung und sittlichen Formung der Katholikinnen produziert, verbreiten in zwei Varianten ein einziges Lebensmodell: Leibliche Mutterschaft oder geistige Mutterschaft, entweder Heirat und Kinder oder für Unverheiratete mütterlich-karitatives Wirken im Dienste der Gesellschaft. Die katholische Männerwelt präsentiert sich dagegen machtvoll nach Ämtern geordnet, vom Vereinsvorstand bis zum Zentralsekretär und Parteipräsidenten, vom einfachen Ortsgeistlichen und seinem Vikaren bis zu den Eminenzen und Exzellenzen. Die Konservative Volkspartei spielt politisch den verlängerten Arm der Kirche und betreibt eine Familien- und Bevölkerungspolitik, die Frauen ins Private abdrängt. Propagiert werden hohe Einkommen für den Mann als Alleinernährer der Familie und staatliche Unterstützung kinderreicher Familien statt Geburtenregelung.

Gertrud Heinzelmann steht mit ihren kritischen Gedanken nicht nur quer zum katholischen Weltbild. In der Schweizer Öffentlichkeit ist in den Kriegsjahren von Gleichberechtigung und weiblicher Selbstbestimmung kaum mehr die Rede, viel hingegen von Selbstlosigkeit zu Gunsten von Familie und Nation. An der Landesausstellung 1939 in Zürich stimmen die Frauenorganisationen in ihrem Pavillon das Lob auf Mütterlichkeit und Hausfrauenart an, und der offizielle Ausstellungsführer rückt den Wirkungsort der Schweizerinnen ins Ewiggültige:

«Das Wirken der Frau wird im Leben des Volkes oft zu wenig gewürdigt. Doch hat die Frau zu allen Zeiten – sogar bei der Gründung des Bundes – an der Gestaltung des Kulturellen und des Staatslebens tatkräftig mitgewirkt. Als Mitarbeiterin ihres Mannes, als Hüterin des Herdes, als Erzieherin der Kinder, opfert sie sich auf für ihre Angehörigen und leistet damit im Verborgenen wertvollste Arbeit für die Gesamtheit.»7

Vorbehaltlos, ohne die Forderung nach dem Frauenstimmrecht zu stellen, bekräftigen die Frauenorganisationen, die bürgerlichen wie die sozialdemokratischen, ihre Mithilfe zur Landesverteidigung. Im Vorwort der gemeinsamen Broschüre heißt es: «In der heutigen gefahrvollen Zeit fühlen wir Schweizerfrauen, dass wir vereint mit den Männern mit all’ unsern Kräften unsere Staatsform und unsere Unabhängigkeit hochhalten und verteidigen müssen.»8 Katholikinnen und ihr Dachverband, der Schweizerische Katholische Frauenbund, weisen sogar jegliches Eigeninteresse wie politische Gleichberechtigung von sich – «sekundäre Dinge» – und fordern stattdessen «Besinnung auf die Urkräfte unseres fraulichen Seins». Für den Ehealltag wird die päpstliche Faustregel empfohlen: «Der Mann ist das Haupt der Familie, die Frau das Herz» (Papst Pius XI.).9

Als die Schweizerinnen zum freiwilligen militärischen Frauenhilfsdienst FHD aufgerufen werden, melden sich über zwanzigtausend, darunter auch Elisabeth. Gertrud hingegen hält es für eine Ehrensache, nicht mitzumachen – «Nicht einmal für die Brieftaubenabteilung hätte ich mich gemeldet.»10 Eine echte Frauenstimmrechtlerin, findet sie, solle die Schweiz und damit die eigene Rechtlosigkeit nicht verteidigen helfen. Kein Dienst am Vaterland ohne Stimmrecht, da bleibt sie strikt, und auch die Hoffnung, unter Umständen nach dem Krieg als Dank politische Gleichberechtigung zu erhalten, mag sie nicht teilen. Zudem ist der Frauenhilfsdienst in der Armee im untersten Rang angesiedelt. Im zweiwöchigen Einführungskurs werden die Freiwilligen «nicht zum weiblichen Soldaten» geformt, sondern unter Wahrung der «typischen Eigenart der Frau»11 in die Feldküchen, in die Lazarette und Flickstuben oder zum Dienst an Telefon und Schreibmaschine abkommandiert. Bei solchen Bedingungen pflanzt Gertrud Heinzelmann lieber für die Familie. Dann machen die ersten Witze die Runde, der Frauenhilfsdienst sei ein «Krampfadergeschwader» heißt es, und die Abkürzung FHD stehe für «Feldhurendepot». Gertrud Heinzelmann empört sich, sieht ihre Haltung bestätigt und wird 1949 in ihrem ersten Zeitungsartikel ihre Gefühle öffentlich machen:

«So ist es also häufig. Das ist also die volkstümliche Illustration zur Achtung, die der Frau als solcher und ihrer Funktion in der Armee entgegengebracht wird. Die patriotische Begeisterung junger Frauen ist also der Gosse verdächtig. – Mir stieg die Röte bis unter die Haarwurzeln, als ich zum ersten Mal diesen Superwitz hörte. Dass er eine schwere Beleidigung darstellt für jede Schweizerin als mögliche oder aktive FHD kommt keinem der Lachenden und der Erzähler in den Sinn. Sie rekrutieren sich eben aus jener Anzahl von Männern, welche eine Frau fragen können: ‹Weshalb kämpfen Sie eigentlich? Sie besitzen ja alles, was Sie brauchen!› Dass eine Frau sogar unter der Vorenthaltung der öffentlichen Rechte leiden kann, ist ihnen ein unbekanntes und unwahrscheinliches Phänomen, das höchstens im Zusammenhang mit Komplexen genannt wird.»12

In Boswil gilt Gertrud Heinzelmann nicht als Einheimische, sondern als eine, die nur insofern dazu gehört, weil ihre Vorfahren hier gelebt haben. Man wird wohl ab und zu fachmännisch einen Blick über den Gartenzaun auf das Wachstum in ihren Gemüsebeeten geworfen haben, man grüßt sich und im Übrigen bleibt man auf Distanz zu dieser Studentin mit Pagenfrisur. Das Dorf ist patriotisch gestimmt und stellt sich mit der Geistlichkeit und der Konservativen Volkspartei hinter die Landesverteidigung, da mischen sich katholische Frömmigkeit und Volksbrauchtum mit vaterländischem Pathos und Wehrwillen. Am Eidgenössischen Bettag im Herbst reisen Boswils Trachtenfrauen, im Krieg einer der aktivsten unter den Dorfvereinen, nach Brugg zur Gedenkstein-Einweihung der 5. Armeedivision, die im Ernstfall den Kanton Aargau an der deutschen Grenze zu verteidigen hatte. Ein würdiges und stärkendes Fest hätte es werden sollen, aber es regnet ununterbrochen, und von den sechshundert angemeldeten Trachtenleuten kommen keine hundert, doch die Boswilerinnen trotzen dem Regen unverdrossen. Schon den Bummel an die Landesausstellung ließen sie sich nicht entgehen, und sie fuhren an einem Sonntag nach der Frühmesse mit dem Jodlerklub «Heimelig», «geschmückt mit Blumen und Ährensträusschen singend und jauchzend», im Autocar nach Zürich. – «Wir Freiämter marschierten stolz hinter dem prächtigen Garbenfuder vom Sentenhof durch die Hauptstraßen.»13

Im Herbst ist Bertha tageweise in Boswil, um der Tochter bei der Obsternte zu helfen, «25–30 Doppelzentner»14, gegen drei Tonnen Äpfel und Birnen fallen an, dazu Kartoffeln und Wintergemüse – eine Mordsarbeit. Als erprobte Alpinistin beisst Gertrud Heinzelmann auf die Zähne, karrt trotz Müdigkeit im Leiterwagen, in dem sie einst mit Rossmist durch Wohlens Straßen gerasselt war, weitere Obstladungen für den Verkauf zur Landwirtschaftlichen Genossenschaft oder zum Bahnhof für den Transport nach Wallisellen. «Meine sportliche Muskulatur kam mir in diesem Krampf sehr zu statten, sonst hätte ich wohl ab und zu ‹gmaugget›», schreibt sie stolz nach Brasilien. «Gesundheitlich hat mir der bäuerliche Lebenswandel, dem ich mich wohl oder übel unterziehen musste, gut getan. Weniger angenehm war mir, dass ich für meine Arbeit viel Zeit verlieren musste.» Über ihre theologische Lektüre und ihre Gefühle verliert sie kein Wort. Dafür malt sie kindlich die Boswiler Idylle: «Mit den Bauern bin ich sehr gut ausgekommen, Lunzis Rosse nahm ich am Halfterband und fand ohne weiteres Gehorsam, einigen Kornfudern half ich vor dem Regen unter Dach, und vor allem hatten es mir die kleinen rosaroten Säuli angetan.»

Vor Wintereinbruch verlässt Gertrud Heinzelmann ihre «Landwirtschaft» und kehrt, mit der unfertigen Dissertation im Gepäck, nach Wallisellen zurück. Hier schenkt Bertha ihrer Tafelrunde brasilianischen Kaffee aus, trotz Rationierung täglich eine Tasse für jeden:

Wallisellen, Sonntag 10/11/40

Mein lieber Päuli,

Der erste Wintersonntag-Abend ist da – die Familie sitzt um den Tisch herum in der gr. warmen Stube. Wir sind ganz glücklich, warm zu haben, – in der Vorsaison haben wir gefrohren. Deine lb. Bfe. vom 8. IX. und 10. X. sind mir richtig geworden & haben mich interessiert & sehr gefreut. Von England kommen Nachrichten sehr, sehr spärlich. Was können wir mehr tun als all unsere Lieben dem Lenker aller Schicksale zu empfehlen?!

Morgen fahre ich nochmals in unsere ‹Landwirtschaft› hinüber, nachher habe ich dann Ruhe, hoffentli!! Es gab sehr viel ‹Büez› den Sommer über – auch viel Freude & wir hoffen mit der Zeit, die richtigen Leute & Fahrplan finden zu können. (…)

Rationiert ist nun beinahe alles. – Gang mach; aber Hunger muss man keinen haben. Kleider sind gesperrt, nur Hüte & Corsetts & Büstenhalter! sind noch frei!! Schuhe sind vers. gekauft worden, ohne zu probieren! – Abends hat man erst Feierabend, wenn die Fenster verdunkelt sind – das darf ja nicht vergessen werden.

Und übers Kafi sind wir jetzt froh, chascht tänke – z. Zt. kriegst keine Bohne, – das wird schon wieder besser werden, aber wann? (…)

Die ganze Tafelrunde grüsst Dich herzlichst & besonders

s’Bertali Bertali!

Hin und wieder gibt es zum Kaffee Berthas «Kriegskuchen von Mais», bestehend aus «1 Tasse Milch, 1 Tasse Rahm, der auch etwas sauer sein darf, 1 Tasse Maisgries, 1 Tasse Zucker, 1 Tasse Mehl, 1 Ei, 1/2 Päckli Backpulver» und falls vorhanden, soll die Mischung mit geriebener Zitronenschale und getrockneten Weinbeeren verfeinert werden. Zu besonderen Anlässen serviert Bertha die «Kriegstorte» aus Haferflocken und einer Tafel geriebener Schokolade. Im Heinzelmannschen Haushalt regiert die «Frau Bundesrätin», wie Paul seine Schwester zu nennen pflegt. Das Dienstmädchen geht ihr zur Hand oder Fräulein Louise, die Lehrtochter, der Bertha nach einem Jahr ins Zeugnis schreibt: «Auf hauswirtschaftlichem Gebiet ist sie selbständig und tüchtig, und in ihren Charakter darf ein volles Vertrauen gesetzt werden.»15 Den Töchtern ist Bertha Gesetz gebende Instanz. Sie gesteht ihnen Freiheit zu, vorausgesetzt, Anstand und Familienehre bleiben gewahrt. Ihre Älteste respektiert sie nicht zuletzt wegen ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrem juristischen und politischen Wissen. Als Achtzigjährige sieht Gertrud Heinzelmann ihr damaliges Verhältnis zur Mutter so: «Ich habe meine Mutter, ich möchte fast sagen, als die ältere Freundin erlebt.» Und Susi Schlegel-Lutz, die mit Gertrud das Gymnasium besuchte und von Bertha Heinzelmann tief beeindruckt war, sagt rückblickend: «Sie saß nicht oben drauf auf den Töchtern, überhaupt nicht. Mir scheint, sie hat sehr auf Gertrud abgefärbt.»

Auch im erweiterten Familiendepartement versucht die «Frau Bundesrätin» durchzugreifen, sie lernt Englisch, um sich mit der Ehefrau von Bruder Frank unterhalten zu können, für Paul schmiedet sie Heiratspläne, als sie die Richtige in Wohlen ermittelt hatte – «sie ist nicht schön aber auch nicht wüst & wenn man ihm in die Augen blickt & und mit ihm spricht, so entdeckt man bald den guten treuen Menschen.»16 Oder sie verordnet ihm Nichtstun, «dumm» sei dieses ständige Schuften für den Schuhhersteller Bally: «Du bist – nimm es mir nicht übel – der Sklave Deines Unternehmens geworden, leider, leider.»17 Vielleicht bescheinigt der Bruder seiner älteren Schwester auch bundesrätliches Format, weil sie politischen Weitblick besitzt. Zu einer Zeit, als viele Adolf Hitlers Gewaltregime nicht wahrhaben wollten, stellt Bertha ihren Päuli zur Rede. Nachdem der Führer 1934 seine innenpolitischen Gegner erschießen ließ, schreibt sie ihm: «Bis es im Tütsche usse ruhig wird, das geht noch sehr sehr lange, gewiss. – Vorher muss der Hitler-Mörder s’Heftli us de Hände gäh & das wird noch etwas absetzen. Rufst Du nach allem Geschehenem immer noch ‹Heil Hitler›!? Jetzt hat er gezeigt, wer er in Wirklichkeit ist!»18

Seit dem Krieg ist Berthas Tafelrunde wieder vollzählig. Elisabeth kam aus Paris zurück, wo sie sich in den Ateliers den letzten Schliff zur Modezeichnerin geholt hatte. Nun entwirft sie an der Zürcher Bahnhofstraße im vornehmen Seidengeschäft Grieder Ornamente und Blumenmuster für luxuriöse Stoffe. Hans Heinzelmann kann, seit die Grenzen geschlossen sind, mit seinem Koffer voller Faden- und Garnmuster nicht mehr auf Handelstour. Er sitzt im Territorium der «Bundesrätin» fest, untätig und hilflos, harrt mit «Radio Beromünster» aus, widmet sich stundenfüllend der «Neuen Zürcher Zeitung», besonders gründlich dem Auslands- und Wirtschaftsteil, schaut dann und wann bei der Fadenfabrik vorbei, ob vielleicht ein Auftrag zu erledigen sei. «Er macht hie und da ein Reisli nach Bern in geschäftlichen Angelegenheiten und riecht an den Schnellzügen»19, meldet Gertrud flapsig nach Brasilien. Sein Walliseller Dasein ist nichts, verglichen mit den Gefahren seiner Reisen. Im Winter von 1928/29 beispielsweise, als zu Hause der Zürichsee zufror, blieb sein Schiff in den Eisschollen von Norwegen stecken, ein anderes Mal entkam er vor der ägyptischen Küste knapp einem Brand. Bertha rapportierte nach Brasilien: «Die ‹Pilsna› kam von Indien, er stieg in Port Said ein & nachdem sie schon mehrere Stunden gefahren – entdeckte man im Waren-Raum den Brand, der immer heftiger aufloderte. Sie mussten zurück – & das gefährliche an der Sache war, dass das Schiff mit Öl gespiesen wurde. – Die Rettungsbote waren losgemacht & und alle Passagiere eingeteilt. Zur richtigen Zeit kamen noch die Feuerlöschschiffe von Port Said entgegen – so dass den Leuten das äusserste erspart blieb.»20


«Heute Mittag 1 Uhr ist Hans nach Egypten abgefahren. Er reist via Genua: «Prinzess Juliana» nach Port Said & wird in 8 Tagen dort eintreffen; wenn alles gut geht. Seine Hauptaufgabe ist in Egypten Geld zu holen & Geschäfte nur gegen Kassa abzuschliessen. – Die Orientalen sind, was Politik & Zahlen anbelangt, mögl. langsam & werden sie Hans gross ansehen, wenn er mit diesen ungewohnten Zielen herausrückt.»

Bertha Heinzelmann-Zimmermann an Paul Zimmermann

Vater Hans Heinzelmann (1887–1954), Handelsreisender für «Zwicky Nähseide und Nähgarn» (2. v. li.).

Mit Berthas Departement ist er nicht vertraut, auch die beiden jungen Frauen, seine Töchter, sind ihm fremd. Einst waren es lustige Kinder, die leise zu sein hatten, wenn er abgemagert und müde zurückkam und Bertha ihren Mann für die nächste Reise aufpäppeln musste. Seinen Mädchen brachte er Bildbände von nordischen Landschaften mit, er erzählte von Pyramiden und Tempeln, doch die Verantwortung trug Bertha, gezwungenermaßen, und ihm wars vielleicht nicht unlieb. Auf dem Briefpapier des Park Hotel von Ålborg gibt Hans Heinzelmann der elfjährigen Gertrud zur Kommunion mit auf den Lebensweg: «Halte immer Vertrauen zu Gott – & nach ihm zu Deinen Eltern. Wende Dich vertrauensvoll an Deine liebe, gute Mutter, wenn später dunkle Lebensfragen Dich quälen. Sie ist Deine beste Freundin auf dieser Welt & wird Dir immer den richtigen Weg weisen, den Du zu gehen hast. Dein Vater wird immer dasein, wenn Du ihn nötig hast.»21

Die Heranwachsenden hat er nicht dominiert und in ihrer individuellen Entfaltung behindert, seiner Ältesten bot er keinen Widerstand, an dem sie sich hätte abarbeiten müssen. Jetzt, da er Zeit für seine Töchter hätte, ist er für die erwachsene Studentin kein Gegenüber, an dem sie sich orientieren und mit dem sie intellektuell die Klingen kreuzen könnte. Gertrud, der familiäre «Betblätz», ist von ihrer theologischen Lektüre aufgewühlt, braust am Familientisch auf, schimpft über diskriminierende Gesetze: «Mein bedrückendstes Kriegserlebnis war das Schicksal gebürtiger, mit Ausländern verheirateter Schweizerinnen gewesen, denen trotz schwerster Kriegsleiden als Ausländerinnen die Rückkehr in die Schweiz verwehrt war.»22 Doch Reizthema Nummer eins ist das Frauenstimmrecht, und besonders böse macht sie, dass sie nicht an Stelle ihres Vater abstimmen darf, wenn er im Ausland ist. Ihren Ausbrüchen begegnet er mit Ratlosigkeit. Gertrud Heinzelmann schildert sein Verhalten dreißig Jahre später so:

«Er kannte die Tobsuchtsanfälle seiner temperamentvollen Tochter und sagte jeweils ganz geknickt und weinerlich: ‹Ich kann doch nichts dafür …› Er genierte sich für das Volk der Männer und hätte mir am liebsten seinen Stimmzettel in die Hand gedrückt, der ihm in seiner Situation nichts sagte und nichts nützte.»23

Die Familie stattet Hans Heinzelmann nicht mit einem Übernamen aus, dem Autorität anhaftet, sondern gibt ihm die Rolle eines Sisyphus, der immer dieselben Verkaufstouren abspult, dabei Faden- und Garnmuster aufwickelt und abwickelt. Man nennt ihn «Fadenspühli». Seine Tochter sagt als achtzigjährige Frau, er sei ein «Zögerer» gewesen, dank Salesias Rietschis Erziehung kultiviert und feinsinnig, aber ansonsten ein Mensch voller Bedenken. Sie zeigt eine gewisse Geringschätzung oder zumindest Unverständnis für seine ängstliche, stille Art, dabei ist es gerade diese Zurückhaltung, die ihr Raum zur eigenen Entfaltung ließ.

Bertha berichtet viel nach Brasilien, aber über ihre Ehe äussert sie sich nicht, nur manchmal klagt sie über ihr Alleinsein: «Ich schaffe ja, – – aber momentan ist mir das Einersystem gründlich verleidet – dazu der Tag grau, das Thal voll Nebel & Eintönigkeit.»24 Die Abschiede im Zürcher Hauptbahnhof, vor allem bei Hans monatelanger Orientreise, wiegen schwer. Die Kinder sind neun- und elfjährig, als Bertha schreibt:

«Wir sind nun wieder viele, viele Wochen allein, Trutli trückte es fast s’Herzli ab als Vater fortfuhr, Bethli winkte lustig & lachte ihm nach, wenn die Kleine nur die Mutter hat, dann fehlt ihr niemand besonders. (…) Nun sind die Beiden im Bett und beten für ihren fernen Vater. Und ich hole mir heute Abend noch ein Glas Wein aus dem Keller, i mues e Stärkig ha.»25

Später nehmen die Mädchen an den mütterlichen Sorgen teil – «fast wie Grosse»26. Möglicherweise hat Bertha ein schlechtes Gewissen, die Töchter damit zu belasten. Die «Frau Bundesrätin» wird ihren Freiraum, alleine schalten und walten zu können, vermutlich aber auch geschätzt haben. Gertrud Heinzelmann urteilt rückblickend: «Meine Eltern lebten unbekümmert um Gesetzesvorschriften eine partnerschaftliche Ehe.»27 Ihre ehemalige Schul- und Studienkollegin Susi Schlegel-Lutz sagt: «Das männliche Element hat in dieser Familie eine ganz untergeordnete Rolle gespielt.»

Wie sie und Hans miteinander während den Kriegsjahren zurechtkommen, verrät Bertha nicht in ihren Brasilienbriefen. Ihre Tafelrunde ist angespannt, zuweilen gereizt. Die Studentin predigt und schimpft; verhalten richtet Hans Heinzelmann seine Unzufriedenheit gegen das, was auf den Teller kommt, karge und knapp bemessene Rationen. Bertha jedoch nimmt nach vielem Alleinsein eheliche Nörgelei bereitwillig in Kauf: «Ich bin froh – will viel 1000X lieber, er brümmle über die kleinen Rationen.»28

Aus der elterlichen Wohnung flüchtet Gertrud Heinzelmann in ihr Zimmer mit Blick gegen die Berge. Sie fährt in ihrer Doktorarbeit fort und sammelt weiter frauenfeindliche Zitate. Nach der «Lehre über die Frau» liest sie nun die «Lehre über den Menschen» und machte eine aufregende Entdeckung: Hatte Thomas von Aquin zuvor behauptet, Frauen, diese Unglücksfälle der Kopulation, seien unvollkommen und dem Mann untertan, so behauptet er nun, es gebe keinen Unterschied, als Abbild Gottes seien alle Menschen gleich. Ungläubig tippt sie in ihre Schreibmaschine:

«Wie ist es möglich, logisch und menschlich, dass solche Stellen stehen inmitten anderer vergl. z.B. 492!!»

Weiter lehrt der mittelalterliche Theologe, jeder Mensch sei durch die Taufe berechtigt, sämtliche Sakramente, also auch die Priesterweihe, zu empfangen. Gertrud Heinzelmann beharrlich:

«Warum wird da also nicht die einzig mögliche und einzig logische Konsequenz gezogen? Thomas widerspricht sich fortwährend selbst.»

Die Konsequenz, die es für sie zu ziehen gilt, ist, dass eine Frau eine Taufe und eine theologische Ausbildung benötigt, damit sie wie ein Mann zum Priestertum geweiht werden kann, steht doch in der Lehre des maßgebenden Theologen:


«Wie wohl täte einem manchmal eine Aussprache – gar wenn Hans fort ist! Die lb. Kinder nehmen zwar an meinen Sorgen teil fast wie Grosse & das innige gegenseitige Verstehen ist meine grösste Freude – aber Kinder sind eben Kinder & hoffentl. bleiben sie noch lange Kinder.»

Bertha Heinzelmann-Zimmermann an Paul Zimmermann

Mutter Bertha (1886–1963) mit Elisabeth (li) und Gertrud, die ins Gymnasium geht, um 1931.

«Damit also der Mensch die der Priesterweihe entsprechende Tätigkeit entfalte, muss er so viel wissen, wie genügt, um jene Tätigkeit recht und gebührend zu vollbringen.»

«Dazu soll die Frau nicht fähig sein?» – Eine rhetorische Frage für die Rechtsstudentin. Es könnte ihr, rein theoretisch, nichts im Wege stehen, um Priesterin zu werden. Aber eben, gilt nun die «Lehre über die Frau» oder die «Lehre über den Menschen»? Ist die Frau ein mangelhaftes Wesen und einzig der Mann ein mustergültiger Mensch und ein Abbild Gottes? Oder ist die Frau doch ein autonomes Subjekt, wie ein Mann ein Mensch und ein Abbild Gottes? Gertrud Heinzelmann macht sich mit 26 Jahren über die Antwort keine Illusionen:

«Diese Haltung ist die typische: was Frauen tun ist eo ipso schwach und gering, und kommt deshalb für allgemeine Regeln nicht in Betracht.»

Während Gertrud Heinzelmann an ihrer Doktorarbeit schreibt und sich im Klaren ist, dass sie gerne Priesterin wäre, streitet sie mit dem Stellvertreter des Walliseller Priesters über die Weihe von Frauen. In ihren Notizen zu Thomas von Aquin bemerkt sie: «Wo ich es wagte, einzutreten für das geistige Leben der Frau und seinen Ausdruck, da warf man mir klerikalterseits ‹geistigen Hochmut› vor als einzige Antwort.» Die Wörter «kalt» und «klerikalerseits» geraten ihr unbewusst durcheinander, oder sie macht absichtlich eine Wortschöpfung. Denn es muss sie erneut verletzt haben, dass sie jetzt, als sie endlich über theologisches Wissen verfügt, von Geistlichen nicht ernst genommen und ihr Argumentieren als sündhafte Anmaßung abgetan wird. Beharrlich sucht sie von Aquins Werk nach weiteren Widersprüchen ab und kommentiert rebellisch: «Dieser Thesis lege ich den Fall vor: Eine Frau fühlt sich verpflichtet, die Kirche in Bezug auf die Frauen auf eine andere Meinung zu bringen. In Sachen Priestertum ihren Erkenntnissen zu folgen …»

Über zwanzig Schreibmaschinenseiten füllt sie mit frauenfeindlichen Zitaten, als sie auf dem letzten Blatt abschließend schreibt:

«Dass krasseste Widersprüche vorliegen ist meines Erachtens evident. – Die grenzenlose Bitterkeit, die meine Seele verzehrt, braucht keine weitere Begründung.»

Damit ist diese Autorität der römisch-katholischen Kirche für Gertrud Heinzelmann erledigt, und sie heftet die losen Notizblätter zusammen. Im zweiten Kriegswinter, als es kaum etwas zu erwarten gibt, auch nicht ein baldiges Ende, nützen ihr diese Blätter nichts, doch niemals hätte sie sich von ihrem Beweismaterial getrennt. Abschließend verfasst sie ihre Grundsatzerklärung:

«Was die Frau betrifft, ihr Menschentum, dessen voller Ausdruck, so kann gegenüber Thomas und der Kirche meine Haltung keine andere sein als die der äussersten Gegnerschaft. Und ein nicht überbrückbarer Graben liegt zwischen mir und jedem Menschen, in dem ich der thomistisch-kirchlichen Gesinnung begegne.»

Ihre Absage will sie sogleich in die Tat umsetzen und als erstes ihren Kirchenaustritt dem Walliseller Priester mitteilen, dann der Gemeindeverwaltung, und zuletzt will sie mit Hilfe des «Walliseller Anzeigers» die Frauenfeindlichkeit der Kirche anprangern und ihre Argumente für die Zulassung von Priesterinnen öffentlich bekannt machen. Bertha spricht auf die Tochter ein, appelliert an ihre Vernunft, erinnert an die familiäre Haltung, die Form zu wahren, ohne sich das Denken verbieten zu lassen. In Wallisellen praktiziert sie dies so: Sie besucht die Messe, ärgert sich danach über unwürdige Predigten über weibliche Lasterhaftigkeit und Schwachheit und geht am nächsten Sonntag dennoch wieder. Einer von Wallisellens Priestern ging für ihr Verständnis gleichwohl zu weit, und sie beriet sich mit einer befreundeten Katholikin, ob sie zusammen diesem Frauenverächter nicht die Meinung sagen sollten, ließen es dann aber bleiben. Nun aber die Tochter, was gäbe das für ein Gerede und Gegaffe im Dorf, ihr Austritt käme für Katholisch-Wallisellen einem Verrat an Weltanschauung und Kultur gleich. Da sagt Bertha den für die Tochter entscheidenden Satz: «Wenn Du das tust, kompromittierst Du mich.» Bertha formuliert es persönlich, der Kirchenaustritt der Tochter wird zur Rufschädigung und Bloßstellung ihrer Person. Indirekt beruft sie sich damit auf einen höheren Wert, auf die Familienehre, und rührt bei der Tochter an das eingepflanzte «Dröhtli». Der Appell wirkt. Dies habe ihr eingeleuchtet, sagt Gertrud Heinzelmann. Ebenso habe sie das Argument der Mutter überzeugt, mit einem Kirchenaustritt nichts an der grundlegenden Situation verändern zu können. Die Tochter beugt sich der Familientradition, lässt die öffentlichen Proteste und behält sich privates Aufbegehren vor. Ab sofort keinen Kirchgang mehr, wie es die männlichen Vorfahren aus dem freisinnigen Doktorhaus getan haben, und auch keine Bezahlung der Kirchensteuern. Letzteres wiederum ist Hans Heinzelmann unangenehm, ihm als Kaufmann und Familienoberhaupt von Gesetzes wegen. Er mag verhalten protestiert haben, aber dann zahlt er jedes Jahr die Kirchensteuern seiner Ältesten. Als Siebzigjährige beschreibt Gertrud Heinzelmann ihre Absage an die Kirche als Befreiung von katholischen Rollenzwängen: «Kein priesterlicher Zeigefinger wies fortan auf meine Geschlechtlichkeit, kein kirchlicher Amtsträger zerbrach meinen Elan.»29

Mit neuem Selbstvertrauen beendet sie ihr Studium und meldet stolz ihren Doktortitel nach Brasilien, zwar mit einer leichten Kränkung, weil sie lediglich die zweithöchste wissenschaftliche Auszeichnung erreicht hatte:

Wallisellen, den 12. Sept. 42.

Lieber Päuk!

Bevor ich in die Ferien reise, möchte ich Dir doch noch ankündigen, dass ich also meinen steifen Kübel erworben habe. Ich wurde vorgestern, am 10. September 42 abends 6 1/2 h. promoviert und seither schimpfe ich mich Doktor. Wir alle schätzen uns glücklich, dass ich mitten im Krieg meine Studien beenden konnte. –

Die erste Hälfte meines mündlichen Examens verlief glänzend, ich war ein Hirsch und wusste die schwierigsten Sachen. Leider war mir das Glück in der zweiten Hälfte etwas weniger hold. Nicht dass ich schlechter vorbereitet gewesen wäre, aber ich wurde Dinge gefragt, die mir weniger gut liegen. Ich bin sehr gut in den grossen theoretischen Fragen – statt dessen aber wurde ich gefragt über einzelne Bestimmungen in bestimmten Gesetzen. Es hing alles nur daran, die betreffenden Texte noch kurz vor dem Examen durchgelesen zu haben, und das war bei mir nicht der Fall, weil ich auf ganz andere Dinge gefasst war. – Es ist ja immer so in den Examen – das Schicksal spielt eine gewisse Rolle. So etwas wie eine Dissertation das hat man ganz in den Händen – aber in den Prüfungen muss man nehmen was kommt, einmal hat man Glück, einmal Pech. –

Man hat mir das Prädikat magna cum laude verliehen, das ist an unserer Fakultät sehr ehrenvoll. Wir haben in Zürich einen wahnsinnigen Andrang von Studenten, dadurch wird die Bewertung immer schärfer. Wir haben viel strengere Examen und Noten als z. B. in Bern, Basel, Freiburg etc. – Unter dem magna sind die Grade cum laude und rite, – über dem magna ist noch der summa cum laude. Er wird selten verliehen. Ich hatte die Chancen, ihn zu erstreiten, weil ich mit der Diss in die erste Klasse gerückt bin. Die Sache ist dann wahrscheinlich an diesem letzten Examen gescheitert. – Aber immerhin, ich bin sehr zufrieden. – Die Diss in den ‹Beiträgen› platziert, für den Doktor einen der obern Grade – meine Kolleginnen finden den Abschluss bäumig. –

Während meiner letzten Examensvorbereitungen ist nun auch noch Brasilien in den Krieg gerutscht. – In letzter Zeit habe ich wenig Zeitungen gelesen, aber häufig dachte ich an die Schwierigkeiten, die sich nun erst recht für Dich auftürmen werden. (…)

Am liebsten möchte ich morgen mit Dir in die Berge fahren können zur Feier ‹unseres gemeinsamen Krampfes›. Empfange von uns allen recht herzliche Grüsse,

Deine Trut.

In Paul sieht sie ihren Leistungswillen bestätigt, er und sie stürzen sich in diesen «gemeinsamen Krampf», verausgaben sich und wollen stets mehr. «Meine Satisfaktion finde ich in der Arbeit, die materielle Seite beschäftigt mich sehr wenig»30, hatte er ihr einmal geschrieben. Sie verehrt ihn für die Courage, für Bally ins Ungewisse ausgewandert zu sein, und sie bewundert ihn für seine Durchsetzungskraft, in Rio de Janeiro aus der Cortume Carioca, vom Schweizer Schuhhersteller billig erworben, die größte Lederfabrik in ganz Südamerika gemacht zu haben, die bis nach Südafrika exportiert. Paul schickt Fotos nach Wallisellen, die moderne Industrieanlagen zeigen, wo einst baufällige Gerbereischuppen standen, und auf Luftaufnahmen ist ein ausgedehntes Gelände zu sehen, beinahe so groß wie in der Schweiz ein durchschnittlicher Bauernhof. Dazu schreibt der Generaldirektor an seine Bertha: «Entwurf der ganzen Fabrik & allen Verkaufshäusern, Nagel, Ziegel & Fenster stammen von Deinem jüngsten Bruder ohne Architekt ausser der Statik. Für eusi Berta ein compliment, Du hast mir vieles beigebracht als Du mir 1x1 lerntest!» Dreitausend Angestellte wohnen und arbeiten auf dem Fabrikareal, produzieren Leder von jeder Qualität, das nur zu einem kleinen Teil im schweizerischen Schönenwerd zu Schuhen verarbeitet wird. Zur Cortume Carioca, was soviel heißt wie «Industrie der Einwohner Rios», kommen Verkaufsstellen hinzu, in Porto Alegre, São Paulo, Recife und anderen Großstädten Brasiliens. Dazu erwarb Paul außerhalb von Rio die «Fazenda Santa Constança», ein riesiges Landgut, das die Lederfabrik mit Mimosen und bestimmten Holzarten versorgt, die für den Gerb- und Färbprozess benötigt werden.

Paul verkörpert für seine Nichte amerikanischen Lebensstil. Er wohnt in Rio im 17. Stock eines Hochhauses, als es in der Schweiz nur Kirchtürme gibt, und als Fliegen ein Traum von Schulbuben ist, legt er für sein Unternehmen mit dem Flugzeug wöchentlich die zweifache Distanz zwischen Rio und Paris zurück. Die ländliche Stille am elterlichen Grab in Wohlen empfindet er «wie 7000 Meter über Meer mit der ‹Air France› sofern für einen Moment die Motoren abstellen»31. Seine Reiseberichte sind aufregend fremdartig, bald übernachtet er in einer Garage, weil es nirgends ein Gästebett gibt, bald badet er in Luxus, da kann das feinste Zürcher Hotel nicht mithalten, auch wenn im brasilianischen Nobelhotel nicht alles reibungslos funktioniert, «Essen, Bedienung, Service ist zum heulen, dafür im Badezimmer soviel Handtücher in allen Farben wie in Globus, Jelmoli. C’est la vie moderne, Caramba, vai o Diabolo»32. Als Studentin nennt Gertrud ihren Onkel eine «Kanone», eine «aufwühlende Kanone», eben ein Könner in seinem Fach. Paul erscheint ihr als das Gegenteil ihres Vaters, dem «Fadenspühli». Möglicherweise bewundert sie ihren Onkel mit zunehmender Lebenserfahrung weniger, aber sie wird ihn auch in späteren Jahren als den Verbündeten im Familiengefüge betrachten und in ihm ein zweites Ich sehen – «wir haben soviel ähnliches Du und ich – wir sind Geschwister»33. Auch Bertha fällt eine Wesensverwandtschaft zwischen ihrem Bruder und ihrer Tochter auf. Zu Gertruds Studienabschluss schreibt sie Paul: «Immer Höchstleistung, die gleicht Dir …»34

Nach dem Universitätsabschluss verlangt sich die Doktorin der Rechte am Zürcher Bezirksgericht die nächste Leistung ab. Sie absolviert das vorgeschriebene Praktikum als Auditorin, redigiert unter den Fittichen des Gerichtssekretärs Urteile und protokolliert Sitzungen. «Sie arbeitete fleißig und mit großer Sachkenntnis», steht im Arbeitszeugnis vom Herbst 1943. Doch Fleiss und Fähigkeiten nützen ihr wenig, es spielt auch keine Rolle, dass sie beim Studienabschluss bloß die zweitbeste Auszeichnung erreicht hatte. Nach acht Monaten muss Gertrud Heinzelmann das Gericht verlassen, denn eine Frau ohne politisches Wahlrecht kann nicht zu höheren staatlichen Ämtern zugelassen werden. Gerichtsschreiber, ausserordentlicher Bezirksrichter, dann Bezirksrichter und weiter hinauf über den Ober- zum Bundesrichter, selbst das Amt eines Vormundes, sind für Ausländer und Schweizerinnen unerreichbare Träume. Ihrem Onkel schreibt sie: «Gesehen und gelernt habe ich manches. Aber wenn man die Sache kann, zehnmal kann und gut kann, findet man sich auf eine ärgerliche Art gehindert und gehemmt durch die hiesigen Verhältnisse.»35 Es muss für Gertrud Heinzelmann mehr als bloß «ärgerlich» gewesen sein, die Benachteiligung hat sie getroffen. Im Altersrückblick formuliert sie es deutlicher: «Wieder fiel das Geschlecht auf mich, als wäre es der dunkelste aller Schatten.»36 Natürlich wusste sie im Voraus, theoretisch, dass sie keine Gerichtskarriere machen kann, aber als ihre Studienkollegen befördert werden und sie zuschauen muss, ist es schmerzhaft. Wieder zählt das Geschlecht und nicht die Leistung. Nach der Kirche nun der Staat, mit dem Unterschied, diesmal ist nicht ihr Innenleben, sondern ihre Existenzgrundlage betroffen. Es bedeutet eine beschränkte Stellenauswahl und weniger Lohn. Zu dieser Desillusionierung kommt noch eine weitere. Paul schreibt sie über ihre erste Berufserfahrung:

«Ich vermisse vor allem die Intensität in der Arbeit und die damit verbundene Konzentration bis aufs Äusserste, die mir im Studium so ganz zuteil geworden ist und den Grund der Erfolge bildet. Die Praxis ist lau, schlapp, ohne Einsatz. Man schreibt Urteile am laufenden Band. Und ich schreibe gute Urteile. Aber allem fehlt die Planung auf weite Sicht. Man besteht aus Bestandteilen und das Ganze, das einem zum grossen Elan bringt, ist nicht vorhanden. (…) Ich komme mir vorläufig und provisorisch vor, und sehr entgegengesetzt der Welt, die mir bisher alles bedeutet hat. Wünsche für die Zukunft wird die junge Generation erst wieder nach dem Kriege äussern dürfen. Was jetzt übrig bleibt, ist die tägliche Bereitschaft anzufangen. Täglich die Kraft zu spüren, die der Gedanke eines Werkes an sich hat. – Und ich weiss je länger je besser, dass gerade Du gerade diese Kraft an Dir hattest.»37

Ihr Rechtsstudium, das sie durchaus interessierte, erweist sich als Vernunftswahl, und der juristische Beruf entpuppt sich nicht als ungeahnte Berufung. Im Herbst 1944 wird sie Anwältin, aber sie sucht nach etwas anderem, nach einem «Werk», nach einer übergeordneten Aufgabe, die ihrem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt, und der sie sich mit ihrem ganzen Idealismus verschreiben kann. Da stirbt die Großtante mütterlicherseits und hinterlässt jeder Heinzelmann-Tochter zehntausend Franken. Tante Fanny dachte wohl an die Aussteuer, in der Hoffnung, dass Gertrud und Elisabeth ihre Meinung übers Heiraten ändern, doch noch «ghüratig» werden und eine gute Partie machen wie sie selbst. Im Familienclan war Fanny die Dame, die sich, dank angeheiratetem Vermögen, als einzige Pelzmäntel und Winteraufenthalte in Nizza leisten konnte. Der hinterlassene Geldbetrag ist stattlich und entspricht der Hälfte des Preises, den die Familie beim Verkauf des Boswiler Doktorhauses erhalten hätte. Gertrud denkt keineswegs an die Anschaffung einer Aussteuer. «Päuk» vertraut sie an:

«Seit meiner Studienzeit hatte ich stets das Bedürfnis, meine Aufgabe zu spüren, zu wissen und mich dafür einzusetzen. Und von jeher war es mein Wunsch, eine schriftstellerische Tätigkeit ausüben zu können. Jetzt scheint der Moment gekommen zu sein, in dem ich mein Leben in die Hände nehmen muss. In diesen Tagen schicke ich mich an, auf eigene Faust Studien aufzunehmen. Ich möchte mir dabei wünschen, dass die geistigen Dinge, für die ich stets bereit war, mich tragen, und dass mir eine fruchtbare Entwicklung beschieden sei. Ich bin glücklich, sehr glücklich, in dieser Hinsicht mindestens einen Versuch wagen zu können dank unserer verstorbenen Tante Fanny und dank unseres guten Onkels.»

Ihren Brief schreibt sie am 25. Januar 1945, als die Invasionstruppen der Alliierten im französischen Elsass zu den schweizerischen und deutschen Grenzen vorstoßen. Bertha notiert unter Gertruds Zeilen:

«Lieber Päuli, Ich schliesse mich gerne hier an & möchte Trutlis Worten noch besonderen Nachdruck verleihen.

Es geht unserer Familie soweit gut & und mit der Zeit lernt man sich in allerhand schicken! Oft hören wir jetzt die Kanonen vom Elsass her (…) gewiss sehnt sich alles nach Frieden.»

Die Eltern sähen es lieber, ihre Tochter würde sich eine Stelle als Juristin suchen. Stattdessen zieht Gertrud Heinzelmann nach Kriegsende ins Doktorhaus, lebt karg, um möglichst lange von Großtante Fannys Erbe zu zehren, pflanzt Wintergemüse, kümmert sich um das Obst und beginnt ein Prosamanuskript, dem sie den Titel «Milch südlicher Nüsse» gibt.

Literarische Ambitionen hegte sie schon lange. Im Gymnasium waren es religiöse Gedichte, im Studium verfasste sie eine Tragödie in Versen über Charlotte Corday, die während der Französischen Revolution den Jakobiner Marat in der Badewanne erdolcht hatte. Mit dem fertigen Bühnenstück ging sie 1936 an einem Juninachmittag in Zürich bei der Verlagsbuchhandlung Rascher vorbei, doch der Verleger war nicht zu sprechen. Darauf schrieb sie ihm und bot das Manuskript an – «Einige meiner Bekannten, teils verwöhnte & kritische Leser, haben es durchgesehen, & alle waren davon recht befriedigt.»38 Freundinnen und die Französischlehrerin, bei der sie im Gymnasium den Aufbau eines klassischen Dramas gelernt hatte, waren die Testleserinnen, und als der Verleger ablehnte, ohne Zweifel ein Verlustgeschäft, hakte sie nach: «Ich möchte weder zudringlich sein, noch meine Arbeit anpreisen. Ich bin aber überzeugt, dass sie ein Stück Literatur darstellt & habe die feste Absicht weiter zu schreiben.»39 Obwohl sich Gertrud Heinzelmann nicht besonders zum Theater hingezogen fühlte, auch nie Kontakt zu Regisseuren oder Schauspielern knüpfte, verfasste sie eine zweite Tragödie, diesmal über den Dominikaner Savonarola, der im 15. Jahrhundert den Papst angegriffen hatte und von der Stadt Florenz als Häretiker hingerichtet worden war. Sie hätte sich in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in Zürich unter die emigrierten Intellektuellen mischen, sich zu den deutschen Schriftstellern und Schauspielern gesellen können, es gab das Cabaret Cornichon und kurze Zeit auch Erika Manns «Pfeffermühle», doch Gertrud Heinzelmann suchte keinen literarischen Austausch ausserhalb ihres bisherigen Lebenshorizonts. Möglicherweise hinderte sie daran das «Dröhtli» und der katholische Abwehrreflex gegen alles Sozialistische und Kommunistische. Ihr zweites Theaterstück gab sie wiederum ehemaligen Lehrerinnen und Geistlichen zu lesen, danach brach ihre Produktion ab, vielleicht aus Zeitgründen, weil das Studium aufwändiger wurde.

Das Prosamanuskript, das sie in Boswil beginnt, soll ein aufklärerischer Gegenentwurf zu den populären Heiligenbiographien und katholischen Frauenbüchern werden, die selbstlose Mutterschaft als Vollendung eines Frauenlebens verherrlichen. In Anlehnung an diese katholische Erbauungsliteratur wählt sie als Hauptfigur eine Heilige, die Jungfrau von Orléans, aber ihre Johanna soll eine zeitgenössische Frauenfigur werden. Sie will ein Buch schreiben, das die Leserinnen zu emanzipatorischen Einsichten führen und aus der kirchlichen Frauenrolle befreien soll.

Gertrud Heinzelmanns «neue Johanna» möchte als intellektuelle Frau und Priesterin anerkannt werden, und weil es in ihrem Dorf für sie keinen Platz gibt, geht sie auf Wanderschaft, in der Hoffnung, in einem anderen Tal Gleichberechtigung zu finden. Unterwegs wird sie wie die legendäre Jungfrau von Orléans von Visionen heimgesucht. Sie sieht, wie Päpste im Namen der Unfehlbarkeit fälschen, lügen und betrügen, wie religiöse Frauen vor dem Kirchenportal ausgepeitscht und gesteinigt werden, sie sieht, wie Väter ihre Töchter zur Heirat zwingen, wie Ehefrauen ihre Kraft in vielen Geburten aufzehren, und sie sieht staatliche Ungerechtigkeit und Willkür in der Anwendung der Gesetzgebung.

Die Figur der «neuen Johanna» gerät Gertrud Heinzelmann zu einem Alter Ego, das Manuskript spiegelt ihre eigene Krise. Wieder kämpft sie mit der damaligen Vorstellung, dass Frausein ein unabänderliches Schicksal sei, einzig bestimmt durch die Fähigkeit, Kinder zu gebären. Schreibend versucht sie einen anderen Lebensentwurf zu entwickeln, arbeitet für sich allein und holt sich vermutlich auch keine Anregung aus der Bibliothek. Sie hätte die Emanzipationswerke früher Frauenrechtlerinnen zurate ziehen können, doch sie verharrt im familiären Milieu. Am Schreiben interessiert sie in erster Linie die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, unter denen sie leidet. Wenig Wert legt sie dagegen auf die Figurenzeichnung oder die Erzähldramaturgie. Im Bemühen, literarisch zu sein, findet sie nicht zur eigenen Sprache, sondern sie fällt in einen pathetischen und biblisch predigenden Ton.

In ihrem Manuskript tobt ein Kampf gegen alles Sinnliche; mit Verachtung, die an Selbsthass grenzt, schildert Gertrud Heinzelmann Frauenkörper und formuliert ihren eigenen Zwiespalt. Ihr literarisches Alter Ego wird auf der Wanderung von Eduard, einem Jugendfreund, begleitet. Als dieser sexuelle Avancen macht, reagiert Johanna mit Schuldgefühlen und Selbstzerstörungswünschen:

«Sie hielt ihren Kopf nach hinten gelehnt im kalten Gefühl einer grenzenlosen Scham. Also das war es jetzt: begehrt. Begehrt – aber nicht in dem, was sie war, wenn über sie hereinbrach des Menschen grosse Verheissung. (…)

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