Kitabı oku: «Kurzwortbildung im Deutschen und Schwedischen»

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Barbara Lux

Kurzwortbildung im Deutschen und Schwedischen

Eine kontrastive Untersuchung phonologischer und grammatischer Aspekte

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0005-2

Inhalt

  Vorwort

  1. Einleitung

 2. Gegenstand der Untersuchung2.1 Darstellung und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands2.2 Typologie deutscher und schwedischer Kurzwörter2.2.1 Akronyme2.2.2 Kurzwörter im engeren Sinne2.2.3 Sonderfälle2.3 Abgrenzung des Phänomens2.4 Literaturüberblick2.4.1 Forschung zu deutschen Kurzwörtern2.4.2 Forschung zu schwedischen Kurzwörtern

  3. Vorgehensweise und erste Ergebnisse 3.1 Zeitungskorpora 3.2 Wörterbuchkorpora

 4. Phonologische Eigenschaften von Kurzwörtern4.1 Silbenzahl4.1.1 Deutsch4.1.2 Schwedisch4.2 Silbenstruktur4.2.1 Endsilben4.2.2 Die Silbenstruktur ganzer Kurzwörter4.3 Vergleich der silbischen Eigenschaften deutscher und schwedischer Kurzwörter4.4 Weitere Aspekte

 5. Die Pluralbildung von Kurzwörtern5.1 Die Pluralbildung deutscher Kurzwörter5.1.1 Die Pluralbildung im deutschen Normalwortschatz5.1.2 Die Pluralbildung im deutschen Kurzwortschatz5.2 Die Pluralbildung schwedischer Kurzwörter5.2.1 Die Pluralbildung im schwedischen Normalwortschatz5.2.2 Die Pluralbildung im schwedischen Kurzwortschatz5.3 Vergleich der Pluralbildung deutscher und schwedischer Kurzwörter

  6. Diskussion einzelsprachlicher Unterschiede 6.1 Phonologische Unterschiede 6.2 Grammatische Unterschiede 6.3 Orthographische Unterschiede 6.4 Die Integration weiterer peripherer Wortschatzeinheiten in den Untersuchungssprachen

  7. Fazit und Ausblick

  Literaturverzeichnis

  Verzeichnis der Symbole und Abkürzungen

 AnhangAnhang 1: Deutsches Zeitungskorpus (Süddeutsche Zeitung)Anhang 2: Deutsches Wörterbuchkorpus (Rechtschreib-Duden)Anhang 3: Schwedisches Zeitungskorpus (Dagens Nyheter)Anhang 4: Schwedisches Wörterbuchkorpus (Svenska Akademiens Ordlista)

Vorwort

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Sommersemester 2015 an der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen angenommen wurde. Den langen Weg zur abgeschlossenen Promotion haben viele Personen begleitet, denen ich danken möchte.

Irene Rapp hat mich schon während meines Studiums in meiner Leidenschaft für Sprachwissenschaft bestärkt. Ihr danke ich für das in mich das gesetzte Vertrauen und die Betreuung und Begutachtung meiner Arbeit.

Damaris Nübling danke ich dafür, dass sie trotz vielfältiger weiterer Aufgaben bereit war, die Zweitbegutachtung meiner Arbeit zu übernehmen, für viele konstruktive Hinweise und angenehme Begegnungen.

Stefanie Gropper hat mir im Studium der Skandinavistik viel Raum gegeben, meinen linguistischen Herzensthemen nachzugehen und mich auf dem Weg zur Promotion immer unterstützt, wofür ich ihr herzlich danke.

Elke Ronneberger-Sibold, Torsten Leuschner, Ruth Lemey und Damaris Nübling haben mir schwer zugängliche Literatur zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank dafür.

Stefan Engelberg danke ich für hilfreiche Anmerkungen und seine Teilnahme am Promotionskolloqium.

Hans Raab und Charlotta Gullberg danke ich dafür, dass sie als schwedische Muttersprachler viele Fragen zum Kurzwortgebrauch beantwortet haben.

Ein besonders herzliches Dankeschön gilt Sebastian Veelken für das Betreiben von www.doktorandenforum.de, das mir immer wieder eine große Hilfe war. Ohne die Unterstützung meiner wunderbaren Mitstreiter im virtuellen Schreibtreff hätte ich diese Arbeit nicht abschließen können; ihnen danke ich von Herzen für Motivation und Gesellschaft.

Ich danke Matt Smith, der mir stets ein Vorbild an Durchhaltevermögen war, für seine Inspiration und Kreativität.

Johannes Hilliges und Dorothea Kuhmann danke ich für hilfreiche Gespräche.

All meinen Freunden danke ich dafür, dass sie mich auf dem Promotionsweg ermutigt und unterstützt haben.

Meinem Mann und meinen Kindern danke ich von Herzen für ihre fortwährende Unterstützung und ihre Geduld, die in manchen Arbeitsphasen stark strapaziert wurde.

1. Einleitung

Sowohl im Gegenwartsdeutschen als auch im Gegenwartsschwedischen sind Kurzwörter verschiedener Art wie dt. Abi < Abitur, Kripo < Kriminalpolizei und LKW < Lastkraftwagen oder schwed. mick < mikrofon, koll < kontroll und mc < motorcykel ‚Motorrad‘1 nicht nur im schriftlichen, sondern auch im mündlichen Sprachgebrauch ein häufiges Phänomen. Nachdem sie im 20. Jahrhundert von sprachpflegerischer Seite oft als Sprachverfall gegeißelt wurden, z.B. als „Hottentottensprache“ in Muttersprache (1927: 250) oder von Webinger (1944:108f.) als „Unart“, „Verkrüppelungen“ und „Verstümmelungen unserer heiligen Muttersprache“, sind Kurzwörter heutzutage in vielen Fällen selbstverständlicher Bestandteil der Kommunikation. Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Phänomen der Kurzwortbildung im Deutschen und Schwedischen aus synchroner Sicht und untersucht anhand von eigens für diese Arbeit erstellten Kurzwortkorpora vor allem phonologische und grammatische Aspekte von Kurzwörtern in den Untersuchungssprachen.

Gerade schwedische Kurzwörter sind noch eher spärlich erforscht. Bis auf einige kürzere Arbeiten, die in Kapitel 2.4.2 vorgestellt werden, existieren keine detaillierten Beschreibungen schwedischer Kurzwörter. Besonders Untersuchungen, die auf einer größeren Datengrundlage basieren, waren bislang ein Desiderat (vgl. Nübling 2001:196, Nübling/Duke 2007:231). Die vorliegende Arbeit soll den Auftakt dazu bilden, diese Forschungslücke zu schließen und eine produktive Forschung zu schwedischen Kurzwörtern zu etablieren. Da diese Arbeit einen der ersten Schritte auf dem Weg zu einer empirisch begründeten schwedischen Kurzwortforschung darstellt, lag eine kontrastive Ausrichtung der Untersuchung nahe. Auf diese Weise können die Ergebnisse der deutschen Kurzwortforschung produktiv für das Schwedische genutzt werden. Aufgrund der engen Verwandtschaft mit dem Schwedischen und der Tatsache, dass zu deutschen Kurzwörter bereits eine produktive Forschung vorhanden ist, bot sich das Deutsche als Vergleichssprache an. Trotz der engen Verwandtschaft der Untersuchungssprachen zeigen sich neben Gemeinsamkeiten auch deutliche Unterschiede zwischen deutschen und schwedischen Kurzwörtern, die sowohl strukturelle und grammatische Aspekte betreffen als auch auf grundlegendere Unterschiede zwischen den Untersuchungssprachen zurückzuführen sind. Neben generellen Unterschieden im phonologischen System geht es dabei auch um die Frage, in welchem Umfang Kurzwörter und andere periphere Wortschatzelemente in das jeweilige Sprachsystem integriert werden. Aus praktischen Gründen beschränkt sich die Analyse auf die Standardvarietäten der Untersuchungssprachen, d.h. dialektale Besonderheiten und regionale Kurzwörter werden nicht berücksichtigt. Es liegt auf der Hand, dass in einer sprachvergleichenden Arbeit die Ausführungen zu den Einzelsprachen weniger detailliert ausfallen als bei einer Arbeit, die sich auf eine Untersuchungssprache beschränkt. Im Gegenzug lassen sich gewisse einzelsprachliche Charakteristika erst im Vergleich zu einer anderen Sprache deutlich erkennen.

Das Phänomen der Kurzwortbildung berührt faszinierenderweise sehr viele Teilbereiche der Sprachwissenschaft wie Phonologie, Morphologie, Semantik, Pragmatik, Lexikologie und Soziolinguistik, die allesamt zu detaillierten Betrachtungen einladen. Im Rahmen einer einzelnen Untersuchung ist es jedoch keinesfalls möglich, all diese Gesichtspunkte zu berücksichtigen, ohne dass die Diskussion in Oberflächlichkeiten verharrt. Statt eines Rundumschlags, der versucht ist, sämtliche interessanten Aspekte der Kurzwortbildung zu berücksichtigen, soll der Fokus vielmehr auf einige ausgewählte Punkte gelegt werden, die auf der Basis von eigens für diese Arbeit erstellten Korpora ausführlich diskutiert werden. Hierbei handelt es sich um die Fragen nach den präferierten phonologischen Strukturen bei Kurzwörtern in den Untersuchungssprachen sowie nach dem Verhalten von Kurzwörtern bei der Pluralflexion. Zu diesen Fragen werden jeweils detaillierte Korpusauswertungen vorgenommen, auf deren Grundlage Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Deutschen und dem Schwedischen diskutiert werden. Eine derartige Beschäftigung mit grundsätzlichen Fragen zu präferierten Strukturen bei Kurzwörtern ist notwendig und schafft die Voraussetzungen dafür, dass in späteren Arbeiten weitere Aspekte kontrastiv untersucht werden können.

Als übergeordnete Thematik hat sich dabei die Frage herauskristallisiert, in welchem Verhältnis Kurzwörter in den Untersuchungssprachen zueinander und zu den restlichen Lexemen des Wortschatzes der jeweiligen Sprache stehen. Zu diesem Zweck wird schließlich auch eine Analogie zu Fremdwörtern gezogen, womit gezeigt wird, dass Kurzwörter wie auch Fremdwörter zur Peripherie des Wortschatzes einer Sprache gehören und dass solche peripheren Lexeme in einzelnen Sprachen in unterschiedlichem Umfang in das Sprachsystem integriert werden. So ist das Schwedische im Hinblick auf diverse Aspekte wie Orthographie, Aussprache und Flexion weit integrativer als das Deutsche, das Kontraste zwischen peripheren und zentralen Wortschatzelementen weitgehend erhält.

Die vorliegende Untersuchung beginnt mit der Erläuterung des genauen Untersuchungsgegenstandes und der Vorgehensweise, ehe phonologische und grammatische Eigenschaften der gesammelten Kurzwortbelege ausgewertet werden und schließlich die Ergebnisse im Hinblick auf den Grad der Integration von Kurzwörtern in das jeweilige Sprachsystem der Untersuchungssprachen diskutiert werden. In Kapitel 2 wird zunächst der Untersuchungsgegenstand dargestellt und eine Typologie verschiedener Kurzworttypen vorgestellt, anhand derer sowohl die deutschen als auch die schwedischen Belege klassifiziert werden. Außerdem werden Kurzwörter von weiteren Phänomenen abgegrenzt, die in dieser Arbeit nicht behandelt werden. Schließlich folgt noch ein Überblick über die bisher erfolgte Forschung zu deutschen und schwedischen Kurzwörtern, wobei besonderes Augenmerk auf die bislang wenig rezipierten schwedischen Arbeiten zur Kurzwortbildung gelegt wird. Dabei fällt auf, dass die in der deutschen Forschung verwendete Terminologie zwar nicht immer einheitlich ist, sich im Schwedischen dagegen bislang noch gar keine Kurzwortterminologie etablieren konnte, was auch daran liegt, dass das Phänomen der Kurzwortbildung im Schwedischen mitunter sehr unterschiedlich weit gefasst wird.

Darauf folgt in Kapitel 3 eine Darstellung der genauen Vorgehensweise bei der Erstellung der Kurzwortkorpora, die dieser Arbeit zugrunde liegen. Gleichzeitig werden erste Ergebnisse präsentiert, was die Häufigkeiten von Kurzwörtern insgesamt und die Verteilung einzelner Kurzworttypen in den Korpora angeht, wobei zentrale von weniger zentralen Kurzworttypen abgegrenzt werden. Der Großteil der Korpusauswertung erfolgt jedoch in den Kapiteln 4 und 5. Zunächst werden in Kapitel 4 phonologische Aspekte der in den Korpora enthaltenen Belege diskutiert, genauer gesagt die Silbenzahl und die Silbenstruktur, d.h. das Vorkommen von offenen und geschlossenen Silben. Dies führt zu der Feststellung, dass in den Kurzwortschätzen der Untersuchungssprachen tendenziell solche Strukturen bevorzugt werden, die einen Gegensatz zu den Lexemen der entsprechenden Normalwortschätze bilden. Diese Tendenz ist jedoch einzelsprachlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Kapitel 5 widmet sich schließlich einem grammatischen Aspekt, nämlich der Pluralflexion, die besonders gut geeignet ist, um Unterschiede zwischen den Untersuchungssprachen und den Zusammenhang zwischen phonologischer Struktur und Pluralmarkierung aufzuzeigen. Hierzu werden die substantivischen Belege der Kurzwortkorpora ausgewertet und im Hinblick darauf untersucht, mit welchen Mitteln sie Plural markieren. Dabei zeigt sich, dass bei deutschen Kurzwörtern überwiegend andere Wege der Pluralmarkierung beschritten werden als im restlichen deutschen Sprachsystem. Statt des üblichen Reduktionssilbenplurals bilden deutsche Kurzwörter meist eine Pluralform mit dem Suffix -s. Bei dem Kurzworttyp der Buchstabierwörter wie LKW < Lastkraftwagen tritt außerdem eine weitere Besonderheit auf: Belege dieses Typs bilden häufig endungslose Pluralformen, was jedoch nicht dem im deutschen Pluralsystem bekannten Nullplural entspricht, sondern als Flexionslosigkeit, also eine Art Pseudo-Nullplural, einzustufen ist. Schwedische Kurzwörter nutzen zur Pluralmarkierung dagegen weitgehend die üblichen Mittel des schwedischen Pluralsystems und unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich von anderen schwedischen Substantiven.

In Kapitel 6 werden schließlich die Ergebnisse der Auswertungskapitel zusammengeführt. Die in den vorigen Kapiteln festgestellten Kontraste zwischen den Untersuchungssprachen lassen sich auf tiefer liegende Unterschiede zurückführen. Im Hinblick auf silbenstrukturelle Präferenzen beruhen die Gegensätze darauf, dass das Deutsche eher als Akzent- oder Wortsprache, das Schwedische jedoch eher als Silbensprache anzusehen ist, in beiden Sprachen jedoch im Kurzwortschatz ein gewisser Gegenpol zum Normalwortschatz geschaffen werden soll. Die unterschiedliche Art der Pluralflexion von Kurzwörtern wird als Indiz dafür gesehen, zu welchem Grad Kurzwörter und andere periphere Wortschatzeinheiten in das deutsche und schwedische Sprachsystem integriert werden. Zu diesem Zweck wird eine ausführliche Analogie zu der Behandlung von Fremdwörtern in den Untersuchungssprachen hergestellt, die zeigt, dass Fremdwörter, die wie auch Kurzwörter zur Peripherie des Wortschatzes zu rechnen sind, in beiden Sprachen ähnlich wie Kurzwörter behandelt werden. Sowohl Kurzwörter als auch Fremdwörter zeigen im Deutschen deutlich stärkere Unterschiede zu zentraleren Wortschatzeinheiten als im Schwedischen, sodass man von Tendenzen zur Isolation peripherer Wortschatzeinheiten im Deutschen und von Tendenzen zur Integration derselben im Schwedischen sprechen kann. Kapitel 7 fasst schließlich die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zusammen und gibt einen Ausblick auf weitere Aspekte zur Kurzwortbildung im Deutschen und Schwedischen, deren Erforschung lohnenswert wäre. Im Anhang sind abschließend die Belege der Kurzwortkorpora aufgeführt.

2. Gegenstand der Untersuchung

Um eine fundierte Diskussion der Eigenschaften von deutschen und schwedischen Kurzwörtern zu ermöglichen, müssen zunächst natürlich einige grundlegende Punkte geklärt werden. Daher widmet sich dieses Kapitel der Darstellung des genauen Untersuchungsgegenstandes und der Erläuterung der in dieser Arbeit verwendeten Kurzworttypologie sowie einer Abgrenzung von verwandten Prozessen, ehe schließlich ein Überblick über die bisher erfolgte Forschung zu deutschen und schwedischen Kurzwörtern erfolgt.

2.1 Darstellung und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands

Zwischen Kurzwörtern und anderen Wortbildungsprodukten wie Komposita, Derivaten oder Konversionsprodukten bestehen fundamentale Unterschiede: Während bei den Wortbildungsverfahren Komposition und Derivation der Komplexitätsgrad zunimmt und bei der Konversion zumindest erhalten bleibt, ist ein Kurzwort weniger komplex als seine Ausgangsform, die im Folgenden Vollform genannt wird. Des Weiteren findet bei der Kurzwortbildung weder ein Wortartwechsel statt noch entsteht anfangs eine neue Bezeichnung. Aufgrund dieser Besonderheiten der Kurzwortbildung wird sie von einigen Autoren1 auch nicht zur Wortbildung gerechnet (z.B. Nübling 2001:169f., Fleischer/Barz 2007:52, Ronneberger-Sibold 2007:276) oder als Sonderfall derselben eingestuft (z.B. Kobler-Trill 1994:20). In anderen Arbeiten wird Kurzwortbildung dagegen als eigener „Wortbildungstyp“ (Schippan 1963:63) aufgefasst. Es ist die Rede von „subtraktiver Wortbildung“ (Bellmann 1977:142 und Fleischer 2000:894), „Reduktion“ (Greule 1996:203) oder „reduzierende[n] Wortbildungsarten“ (Donalies 2007:95). Zur Wortbildung wird Kurzwortbildung unter anderem auch bei Polenz (1980:170), Barz (2006:720) und Römer/Matzke (2010:157) gezählt. Wie im Laufe dieser Arbeit gezeigt werden wird, können sich Kurzwörter außer in der Wortlänge durchaus in etlichen Punkten von ihren Vollformen unterscheiden, weshalb ich Kurzwörter als Wortbildungsprodukte und nicht nur als bloße Varianten ihrer Vollformen betrachte, auch wenn die Kurzwortbildung ein weniger prototypisches Wortbildungsverfahren als beispielsweise Komposition und Derivation darstellt.2

Jedes Kurzwort wird aus einer längeren Vollform gebildet, die ein mehrsilbiges Lexem oder auch ein Syntagma wie dt. Gesellschaft mit beschränkter Haftung > GmbH oder schwed. automatisk databehandling > adb ‚elektronische Datenverarbeitung‘ sein kann. Aus dieser Vollform, die zumindest zum Zeitpunkt der Kurzwortbildung noch parallel zu dem betreffenden Kurzwort existiert, wird eine kürzere Form gebildet, die sich sowohl graphisch als auch lautlich von der längeren Vollform unterscheidet. Je nach Kurzworttyp können unterschiedliche Segmente der Vollform wie Buchstaben, Silbenteile, Silben oder Morpheme Bestandteil des Kurzworts werden. Die genaue Bildungsweise verschiedener Kurzworttypen in den Untersuchungssprachen wird in Kapitel 2.2 erläutert.

Dass ein Kurzwort und seine Vollform zumindest anfangs parallel im Wortschatz existieren, bedeutet, dass zunächst ein Synonym der Vollform entsteht. Wie eng diese Synonymie zu verstehen ist, wird in der Literatur sehr unterschiedlich gesehen. Für einige Autoren gehört die Synonymie von Kurzwort und Vollform zwingend zur Definition eines Kurzworts, so auch in der spärlich vorhandenen Literatur zu schwedischen Kurzwörtern (Wessén 1958:19, Tekniska Nomenklaturcentralen 1977:45). Bei deutschen Autoren ist die Rede von „semantischen Dubletten“ (Kobler-Trill 1994:20) und „Kurzwortvarianten“ (Bellmann 1980:374), die an Stelle der Vollform gebraucht werden können. Weber (2002:457) ist dagegen der Ansicht, ein Beharren auf eine mögliche Variation mit der Vollform enge „den Gegenstand unzweckmäßig ein, weil sie die semantisch interessanteren Fälle von vornherein ausklammert“. Michel (2011:159) nimmt wiederum ein Kontinuum zwischen totaler und partieller Synonymie von Kurzwort und entsprechender Vollform an, wobei die letztere laut Michel überwiegt. Die meisten Autoren gehen davon aus, dass sich Kurzwort und Vollform zumindest im Hinblick auf Konnotationen unterscheiden und daher auch nicht in allen Kontexten austauschbar sind. Völlige Synonymie zwischen Kurzwort und Vollform, die nicht nur den semantischen Gehalt, sondern auch Konnotationen, Stilebene, Register etc. umfasst, wird meines Wissens von keinem Autor postuliert. Wenn auch die Meinungen über den genauen Grad der anzunehmenden Synonymie auseinandergehen, herrscht doch weitgehend Einigkeit darüber, dass zwischen einem Kurzwort und seiner Vollform gewisse funktionale Unterschiede bestehen, sodass beide Formen eben nicht in sämtlichen Kontexten problemlos austauschbar sind.

In der Diskussion um die Synonymie von Kurzwort und Vollform wird meines Erachtens zu wenig berücksichtigt, dass das Verhältnis eines Kurzworts zu seiner Vollform nicht statisch, sondern dynamisch ist, worauf bereits Hofrichter (1977:19) hinweist. Wie alle Wortschatzeinheiten unterliegen sowohl Kurzwörter als auch ihre Vollformen einem gebrauchsbedingten Wandel (vgl. z.B. Bellmann 1980:380), d.h. die Inhaltsseite eines Kurzworts und/oder seiner Vollform kann sich durch einen bestimmten Sprachgebrauch oder zusätzliche Konnotationen verändern3, was auch die Synonymie zwischen den beiden Wortschatzeinheiten verändern bzw. sogar auflösen kann. Eine mögliche Verdrängung der Vollform, wie sie im Deutschen beispielsweise bei Kino < Kinematograph und im Schwedischen nahezu bei bil < automobil erfolgt ist, wird auch von diversen Autoren angesprochen (vgl. z.B. Pohl 1991, Schröder 2000:97f., Weber 2002) und wäre durchaus eine eigene, groß angelegte diachrone Untersuchung wert. Da der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit jedoch auf phonologischen und grammatischen Gesichtspunkten liegt, kann eine ausführliche Diskussion semantischer Aspekte der Kurzwortbildung in diesem Rahmen nicht erfolgen.

Gerade bei Eigennamen ist häufig zu beobachten, dass sich der Bezug der Kurzform4 zu seiner Langform auflöst. In etlichen Fällen ist die Vollform gar nicht mehr in Gebrauch, wie etwa bei dt. DEKRA < Deutscher Kraftfahrzeug-Überwachungsverein. Nicht einmal die DEKRA selbst verwendet heutzutage noch die Vollform ihres Namens. In diesem Fall hat außerdem ein Genuswechsel vom Maskulinum zum Femininum stattgefunden, was ein weiteres Indiz für die Verselbständigung dieser Kurzform ist. In einigen Fällen hat die Kurzform sogar eine Änderung der Vollform überdauert. So wurde die Organisation REFA 1924 als Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung gegründet. Im Lauf der Jahre wurde der Verband mehrfach umbenannt, die Kürzung REFA jedoch beibehalten. Seit 1995 lautet der vollständige Name REFA – Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung e.V. und enthält demnach keinen Verweis mehr auf die ursprüngliche Vollform der Kürzung. Eine ähnliche Situation liegt bei dem schwedischen Beleg AMF < arbetsmarknadsförsäkring ‚schwed. Versicherung‘ vor. Die Vollform ist außer Gebrauch gekommen und der offizielle Name des Versicherungsunternehmens lautet inzwischen AMF Pensionsförsäkring AB. Solche Belege, bei denen synchron keinerlei Beziehung mehr zwischen Kurz- und Vollform festzustellen ist, wurden nicht in die Belegsammlung aufgenommen. In anderen Fällen ist dagegen der Bezug zur Vollform noch nicht völlig verblasst; derartige Belege wurden berücksichtigt, auch wenn davon auszugehen ist, dass die Relation zur Vollform irgendwann ganz verschwinden wird. Wie bei der Diskussion des Grades der Synonymie zwischen Kurzwort und Vollform bereits angeklungen ist, nehme ich generell an, dass die Beziehung eines Kurzworts zu seiner Vollform dynamisch und einem stetigen Wandel unterworfen ist. Einzelne Kurzwortbelege befinden sich demnach an unterschiedlichen Punkten auf einer Skala zwischen enger und völlig gelöster Beziehung zu ihrer Vollform. Eine detaillierte und systematische Darstellung solcher Loslösungsprozesse bleibt aktuell jedoch ein Desiderat für künftige Arbeiten mit einer stärkeren diachronen Ausrichtung.

Eigennamen werden in früheren Arbeiten zur Kurzwortbildung unterschiedlich behandelt. Nübling (2001:170) schließt diese z.B. explizit aus ihrer Betrachtung aus und konzentriert sich lediglich auf „Appellativa, die von reduktiven Techniken Gebrauch machen“. Andere Autoren wie Vieregge (1983), Greule (1996), Schröder (2000) oder Steinhauer (2007) untersuchen jedoch auch Eigennamen. Ronneberger-Sibold (1992:24) weist darauf hin, dass die Sprachbenutzer im Fall von Eigennamen nur eine geringe Freiheit haben, eine Kürzung zu akzeptieren oder zu verändern, da durch die Präsenz des Eigennamens in den Medien etc. „ein gewisser normativer Zwang“ bestehe. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass in den jeweiligen Einzelsprachen für Eigennamen und Appellativa dieselben Kürzungstechniken zur Verfügung stehen. Im Laufe dieser Arbeit zeigt sich, dass bei sämtlichen Kurzworttypen tatsächlich sowohl appellativische als auch propriale Belege vorkommen, bei der Verteilung jedoch starke Frequenzunterschiede bestehen.

Zwischen Eigennamen und Appellativa besteht ein wesentlicher Funktionsunterschied. Während Appellativa das Objekt, auf das sie referieren, gleichzeitig beschreiben, identifizieren Eigennamen es nur. Da Eigennamen keine Bedeutung oder lexikalische Semantik haben, referieren sie direkt und eindeutig auf den Namenträger (vgl. Nübling/Fahlbusch/Heuser 2012:28–38). Diese Unterschiede zwischen Eigennamen und Appellativa machen eine gesonderte Betrachtung sinnvoll, weshalb Eigennamen bei der Erstellung der Korpora als solche gekennzeichnet und in die Belegsammlungen aufgenommen wurden. Die in den deutschen und schwedischen Zeitungskorpora belegten Eigennamen sind überwiegend den Namenklassen der Objektnamen und Personennamen (z.B. dt. Schweini < Bastian Schweinsteiger, schwed. Bäckis < Nicklas Bäckström) zuzurechnen. Zu den Objektnamen zählen vor allem Namen von Unternehmen und Institutionen (z.B. dt. DJB < Deutscher Judo-Bund, schwed. ABF < Arbetarnas bildningsförbund). Aus Platzgründen liegt der Schwerpunkt der Analysen in den folgenden Kapiteln allerdings in erster Linie auf den Appellativa; es wird jedoch auch immer ein kurzer Ausblick auf die Situation bei den Eigennamen gegeben.

Die bisherige Forschung zu deutschen und schwedischen Kurzwörtern wird in Kapitel 2.4 diskutiert. Eine längere, sprachvergleichende Untersuchung zur Kurzwortbildung in den beiden Sprachen liegt bislang allerdings noch nicht vor. Lediglich die kürzeren Arbeiten von Nübling (2001), Wahl (2002) und Nübling/Duke (2007) beschäftigen sich erstmals mit einem Vergleich deutscher und schwedischer Kurzwörter.5 Einige der in diesen Texten angesprochenen Punkte sollen in der vorliegenden Arbeit auf der Basis einer empirischen Grundlage ausführlich betrachtet werden. Durch die kontrastive Betrachtungsweise können einzelsprachliche Besonderheiten, was den Umgang der Untersuchungssprachen mit Kurzwörtern oder auch weiteren peripheren Lexikoneinheiten angeht, besser herausgearbeitet werden.

2.2 Typologie deutscher und schwedischer Kurzwörter

Ehe in Kapitel 2.3 das Phänomen der Kurzwortbildung von verwandten Phänomenen abgegrenzt wird und in Kapitel 2.4 ein Überblick über die bisher erfolgte Forschung zu deutschen und schwedischen Kurzwörtern gegeben wird, soll zunächst die in dieser Arbeit verwendete Kurzworttypologie vorgestellt werden. Da bei der Diskussion der bisherigen Kurzwortforschung immer wieder einzelne Kurzworttypen zur Sprache kommen werden, ist es sinnvoll, dem Forschungsüberblick und der Abgrenzung des Phänomens eine Diskussion der einzelnen Kurzworttypen voranzustellen, sodass die in dieser Arbeit verwendete Terminologie geklärt ist und sich etwaige abweichende Einteilungen anderer Autoren besser einordnen lassen. Da sich besonders die deutsche Kurzwortforschung sehr intensiv mit Kurzworttypologien befasst hat, sind die Diskussion der Klassifikation und der dazu erfolgten Forschung natürlich eng miteinander verzahnt, wodurch sich einzelne Doppelungen nicht ausschließen lassen.

Was die Klassifizierung von Kurzwörtern betrifft, herrscht in der Forschungsliteratur keine Einigkeit. Im Wesentlichen lassen sich zwei Ansätze mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung unterscheiden, die im Folgenden kurz skizziert werden sollen. Dem ersten Ansatz folgen für das Deutsche Autoren wie Bellmann (1980), Kobler-Trill (1994), die in ihren Arbeiten eine sehr differenzierte und komplexe Typologie der unterschiedlichen Typen von Kurzwörtern erstellt, und Fleischer/Barz (2007). Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie vom Verhältnis von Kurz- und Vollform ausgehen und primär zwischen uni- und multisegmentalen Kurzwörtern unterscheiden, wobei Erstere aus einem zusammenhängenden Teil der Vollform, Letztere aus mehreren diskontinuierlichen Elementen bestehen. Unisegmentale Kurzwörter werden weiter danach untergliedert, welcher Teil der Vollform als Kürzung erhalten bleibt und bilden dementsprechend Kopfwörter, Rumpfwörter und End- oder Schwanzwörter. Multisegmentale Kurzwörter werden häufig danach klassifiziert, welcher Art die aus der Vollform entnommenen Elemente sind, ob es sich beispielsweise um Initialen oder Silbenteile handelt, und danach, ob die Kurzwörter als Buchstabenfolge oder lautlich gebunden ausgesprochen werden. Zu kritisieren ist bei solchen Ansätzen vor allem die uneinheitliche Vorgehensweise, da für ein- und dieselbe Ebene der Hierarchie unterschiedliche Kriterien Anwendung finden. Bei unisegmentalen Kurzwörtern ist beispielsweise die Position in der Vollform ein Klassifizierungskriterium, bei den multisegmentalen Kurzwörtern dagegen unabhängig von der Position die Qualität des Segments – also Buchstabe, Silbe/Silbenteil oder Morphem – und die Aussprache.1

Im Gegensatz dazu richtet eine andere Forschungsrichtung ihr Augenmerk verstärkt auf die Struktur des Kürzungsproduktes, ohne jedoch den Kürzungsprozess auszuschließen. Dieser Ansatz findet sich erstmals bei Ronneberger-Sibold (1992) und wird von Nübling (2001) und Nübling/Duke (2007) aufgegriffen. Ebenso folgen Wahl (2002) sowie Leuschner (2008) der von Nübling modifizierten Klassifikation. Dieser Einteilung, die in den Arbeiten von Nübling, Wahl und Leuschner bereits auf schwedische Kurzwörter bezogen wurde, soll auch diese Arbeit folgen, da angesichts des in Kapitel 2.4 näher ausgeführten terminologischen Wirrwarrs die Etablierung einer zumindest annähernd einheitlichen Terminologie wünschenswert ist. Dies gilt in besonderem Maße für die Diskussion der noch wenig erforschten schwedischen Kurzwörter. Hier soll an die in den oben genannten Arbeiten erfolgte fruchtbare Diskussion angeknüpft und diese weitergeführt werden. Darüber hinaus erachte ich es für sinnvoll, auch den sprachlichen Output zu berücksichtigen. Es ist davon auszugehen, dass den Sprechern nahezu jedes sprachlich komplexe Material als Grundlage für eine Kürzung dienen kann und dass die Kürzungsprodukte bevorzugt eine bestimmte lautliche Gestalt aufweisen, die einzelsprachlich unterschiedlich sein kann. Daher sollte sich eine Klassifizierung nicht ausschließlich auf das Verhältnis von Kurz- und Vollform stützen, sondern die Struktur der Kurzwörter einbeziehen.2

Was die Terminologie angeht, treten die Vertreter dieses Ansatzes jedoch nicht für eine völlige Abkehr von etablierten Begriffen ein. Etliche Begriffe wie „Kopfwort“ für Kürzungen des Typs Abi < Abitur nehmen Bezug auf die Stelle, die das Kurzwort ursprünglich in der Vollform eingenommen hat. Dies führt dazu, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Typologien bei der Benennung einzelner Kurzworttypen häufig eher gering erscheinen und es diverse Überschneidungen zwischen Klassifikationsansätzen der verschiedenen Autoren gibt. Die Gegensätze zwischen einzelnen Ansätzen werden vor allem bei der Zuordnung mehrerer Kurzworttypen zu Kurzwortgruppen deutlich. Zu der Kurzwortgruppe der Kurzwörter im engeren Sinne bei Nübling (2001) gehören beispielsweise nicht nur unisegmentale Kurzwörter, sondern auch diskontinuierliche Kurzwörter wie Flak < Flugabwehrkanone, die aus verschiedenen Elementen der Vollform bestehen. In einer Typologie, die lediglich von der Beziehung des Kurzworts zur Vollform ausgeht, müssten solche Belege hingegen mit Buchstabierwörtern wie Kfz < Kraftfahrzeug gruppiert werden, die ebenfalls aus mehreren Segmenten der Vollform bestehen. Der Hauptunterschied liegt also in der Herangehensweise bei der Typologisierung: Während bei einer Klassifikation wie der von Kobler-Trill (1994) der Kürzungsprozess den alleinigen Ausgangspunkt der Klassifikation darstellt, wird bei den Ansätzen nach Ronneberger-Sibold (1992) außerdem das Kürzungsprodukt, also der Output des Kürzungsprozesses, berücksichtigt. Leuschner (2008:250) weist darauf hin, dass sich eine derartige den Output integrierende Typologie besonders gut für kontrastive Untersuchungen eignet, da sie genau die Kurzworttypen zu einer Kurzwortgruppe – diejenige der Kurzwörter im engeren Sinne – zusammenfasst, die bei Vergleichen phonologischer Aspekte die interessantesten Ergebnisse liefern. Daher nutzt auch die vorliegende sprachvergleichende Arbeit die in Nübling (2001:170–184) beschriebene Typologie, die in Tabelle 1 dargestellt ist.


Kurzwörter i.w.Seigentliche KürzungenAkronymeBuchstabierwörter
Lautinitialwörter
Silbeninitialwörter
Kurzwörter i.e.S.Kopfwörter
Endwörter
diskontinuierliche Kurzwörter
SonderfällePseudoableitungen
Kürzungskomposita
gebundene Kürzungen
elliptische Kürzungen

Tabelle 1: Typologie deutscher Kurzwörter nach Nübling 2001:172

Die Unterscheidung zwischen eigentlichen Kürzungen und Sonderfällen als Zwischenebene geht auf Ronneberger-Sibold (1992) zurück, da sie neue, frei vorkommende Wortwurzeln von solchen Kürzungen unterscheidet, die entweder nur gebunden vorkommen, bei denen gleichzeitig Suffigierung erfolgt oder die nach morphologischen Gesichtspunkten gekürzt sind (vgl. Nübling 2001:172). Auch wenn diese Unterscheidung für die vorliegende Arbeit nicht zentral ist, erleichtert eine derartige Aufteilung der einzelnen Kurzworttypen in die Kurzwortgruppen Akronyme, Kurzwörter i.e.S. und Sonderfälle die Handhabung und wird daher beibehalten. Wenn in dieser Arbeit von Kurzwörtern die Rede ist, sind damit jedoch stets die Kurzwörter im weiteren Sinne – also sämtliche Kurzworttypen – gemeint. Wo nur Kurzwörter i.e.S. gemeint sind, wird dies explizit erwähnt.

Auch wenn Nüblings Einteilung aus Gründen der Kontinuität komplett übernommen wird, lassen sich doch vereinzelt Kritikpunkte vorbringen, die allerdings bereits auf Ronneberger-Sibolds (1992:7–17) Kategorisierung zurückgehen. So liegen den verschiedenen Kurzwortgruppen verschiedene Klassifizierungskriterien zugrunde. Die Kurzwörter im engeren Sinne gehen aus unterschiedlichen Kürzungsprozessen hervor, ähneln sich aber im Output und bilden daher eine Kurzwortgruppe. Silbeninitialwörter und Lautinitialwörter werden hingegen nach der Bildungsweise zu den Akronymen gerechnet, auch wenn sie strukturell mehr Gemeinsamkeiten mit den Kurzwörtern im engeren Sinne als mit Buchstabierwörtern aufweisen (vgl. das Kopfwort Sani < Sanitäter mit dem Silbeninitialwort Schiri < Schiedsrichter und dem Lautinitialwort Ufo < unbekanntes Flugobjekt).

Des Weiteren kann etwa der Begriff des Kürzungskompositums missverstanden werden. Zu verstehen ist er als Kompositum, dessen Erstglied aus einer Kürzung besteht. Er könnte jedoch auch dahingehend interpretiert werden, dass einem Kürzungskompositum ein Kompositum zugrunde liegen muss, das dann teilweise gekürzt wird. Diese Auffassung wäre jedoch unpräzise und würde nicht alle möglichen Fälle abdecken. Kürzungen wie E-Musik und H-Milch liegt zum Beispiel als Vollform kein Kompositum zugrunde, sondern die Phrase ernste Musik bzw. haltbare Milch. Auch im Schwedischen sind derartige Belege nicht zwangsläufig Kürzungen eines Kompositums, vgl. no-ämnen < naturorienterande ämnen ‚naturwissenschaftliche Schulfächer‘. Um der terminologischen Kontinuität willen wird der Begriff des Kürzungskompositums allerdings trotzdem beibehalten.

Auch der Typ der Silbeninitialwörter, bei anderen Autoren auch Silbenkurzwörter oder Silbenwörter genannt, muss kritisiert werden. Der Begriff impliziert, dass ganze Silben aus der Vollform in das Kurzwort eingehen, während dies jedoch äußerst selten der Fall ist. In der Regel besteht ein sogenanntes Silbenwort lediglich aus Silbenteilen der Vollform. In Schupo < Schutzpolizei wird beispielsweise von der ersten Silbe nur der Onset und der Silbenkern ohne die Koda übernommen; die vollständige erste Silbe der Vollform lautet Schutz. Gemeint ist mit diesem Begriff dagegen vermutlich, dass bei Kurzwörtern diesen Typs alle Silben des Kurzworts als Ganzes aus der Vollform entnommen wurden, was sich durch diesen Terminus jedoch nicht unmittelbar erschließt. Da aber trotz dieses Einwands die überwiegende Mehrheit der Autoren von Silbenwörtern, Silbeninitialwörtern oder Silbenkurzwörtern spricht, soll diese Begrifflichkeit auch in der vorliegenden Arbeit beibehalten werden und von Silbeninitialwörtern die Rede sein. Um den terminologischen Apparat nicht noch weiter zu belasten, wurden sämtliche Einzeltypen aus Nüblings Typologie mit ihren Bezeichnungen übernommen.

Während im Deutschen verschiedene ausdifferenzierte Typologien miteinander konkurrieren, existiert für das Schwedische keine einheitliche, etablierte Typologie. In der linguistischen Forschung zum Schwedischen wurde die Kurzwortbildung bislang generell nur wenig thematisiert (siehe dazu ausführlicher Kapitel 2.4.2). Im Hinblick auf die Terminologie ist die Situation im Schwedischen noch unklarer als im Deutschen, da dort verschiedene Begriffe wie „förkortning“, „stympning“, „avbrytning“, „ellipsord“, „initialord“ und „kortord“3 bei unterschiedlichen Autoren teilweise synonym oder auch als Ober- oder Unterbegriffe voneinander verwendet werden. Aus diesem Grund soll nach dem Vorbild von Nübling (2001) die für diese Arbeit etablierte deutsche Terminologie auch der Ausgangspunkt für die Analyse der schwedischen Belege sein. Wo in der Literatur bereits schwedische Termini für einen bestimmten Kurzworttyp vorgeschlagen wurden, werden diese im entsprechenden Unterkapitel erwähnt. In den folgenden Unterkapiteln sollen daher die in dieser Arbeit verwendeten Kurzworttypen nach Nübling (2001) anhand deutscher und schwedischer Beispiele vorgestellt werden.

2.2.1 Akronyme

Zur Gruppe der Akronyme zählen nach Nübling (2001:171–174) Buchstabierwörter, Lautinitialwörter und Silbeninitialwörter. Gemeinsam ist diesen Typen, dass das Kurzwort aus mehreren initialen Segmenten der Vollform (Buchstaben, Lauten oder Silbenteilen) besteht. Nach der Terminologie von Kobler-Trill (1994) handelt es sich bei Akronymen durchweg um multisegmentale Kurzwörter. Bis auf den Typ der Silbeninitialwörter werden Akronyme kaum spontan im mündlichen Sprachgebrauch gebildet, sondern entstehen meist in der Schriftsprache, da zur Bildung von Akronymen in sehr viel höherem Maße Bezug auf die morphologische Ausgangsstruktur genommen werden muss als bei der Bildung von Kurzwörtern i.e.S. Ronneberger-Sibold (1992:64) formuliert es folgendermaßen: „Die Akronymie ist also in mehreren Hinsichten eine sehr viel intellektuellere Kürzungstechnik als die Bildung von Kurzwörtern1.“ Trotz der unterschiedlichen Bildungsweise unterscheiden sich Akronyme in vielen Punkten nicht grundlegend von Kurzwörtern im engeren Sinne. Im Lauf der Arbeit wird sich zeigen, dass Akronyme etwa in phonologischer Hinsicht zum Großteil die bei Kurzwörtern im engeren Sinne beobachteten Präferenzen teilen. Es ist also durchaus gerechtfertigt, sie als Teil der Kurzwortbildung zu betrachten.

2.2.1.1 Buchstabierwörter

Bei Buchstabierwörtern werden die Anfangsbuchstaben von Bestandteilen der Vollform, zum Beispiel von Lexemen einer Wortgruppe oder Morphemen eines Kompositums, zu einem Kurzwort zusammengefügt und mit den entsprechenden Buchstabennamen ausgesprochen. Die Aussprache der Buchstaben des deutschen und schwedischen Alphabets ist in Tabelle 2 angegeben. Wie daraus zu erkennen ist, gibt es dabei bis auf wenige Unterschiede große Übereinstimmungen zwischen den Untersuchungssprachen. Im Deutschen haben 19 von 29, im Schwedischen sogar 22 von 29 Buchstabennamen einen vokalischen Auslaut. Dies ist besonders im Hinblick auf die Silbenstruktur der Kurzworttypen der Buchstabierwörter und Kürzungskomposita (siehe Kapitel 4.2) von Bedeutung, da Kurzwörter, die ganz oder teilweise mit Buchstabennamen gebildet werden, zwangsläufig einen hohen Anteil offener Silben enthalten.


das schwedische Alphabet
A [aː]A [ɑː]
B [beː]B [beː]
C [tseː]C [seː]
D [deː]D [deː]
E [eː]E [eː]
F [ɛf]F [ɛf]
G [geː]G [geː]
H [haː]H [hoː]
I [iː]I [iː]
J [jɔt]J [jiː]
K [kaː]K [koː]
L [ɛl]L [ɛl]
M [ɛm]M [ɛm]
N [ɛn]N [ɛn]
O [oː]O [ɷː]
P [peː]P [peː]
Q [kuː]Q [kʉː]
R [ɛr]R [ær]
S [ɛs]
T [teː]T [teː]
U [uː]U [ʉː]
V [faʊ]V [veː]
W [veː]
X [iks]X [ɛks]
Y ['ʏpsilɔn]Y [yː]
Z [t͡sɛt]Z [ˇsɛːta]
Ä [ɛː]Å [oː]
Ö [øː]Ä [ɛː]
Ü [yː]Ö [øː]

Tabelle 2: deutsches und schwedisches Alphabet

Beispiele für propriale und appellativische deutsche und schwedische Buchstabierwörter finden sich in Tabelle 3. Dieser Kurzworttyp ist im Deutschen sehr produktiv und deutlich häufiger als im Schwedischen, wie in Kapitel 3 deutlich werden wird.


deutsche Buchstabierwörterschwedische Buchstabierwörter
AOK < Allgemeine OrtskrankenkasseAIK < Allmänna Idrottsklubben ‚allgemeiner Sportklub‘
GEZ < GebühreneinzugszentraleFP < Folkpartiet Liberalerna ‚Volkspartei die Liberalen‘
IHK < Industrie- und HandelskammerKTH < Kungliga Tekniska Högskolan ‚Königlich Technische Hochschule‘
MG < Maschinengewehrmc < motorcykel ‚Motorrad‘

Tabelle 3: deutsche und schwedische Buchstabierwörter

Typischerweise werden Eigennamen wie Namen von Organisationen auf diese Weise gebildet, z.B. dt. VDMA < Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau und schwed. LRF < Lantbrukarnas riksförbund ‚Reichsverband der Landwirte‘. Zum einen legen es deren oft sehr komplexe Vollformen nahe, eine gekürzte Form zu bilden, die in der Alltagskommunikation leichter zu handhaben ist. Des Weiteren ist die Akronymisierung eine Opakisierungsstrategie, mit der appellativische Interpretationen verhindert werden, die möglicherweise nicht mehr mit dem Referenten kompatibel sind, weil sich beispielsweise die Produktpalette oder die Ausrichtung der Organisation geändert hat.

Doch auch appellativische Buchstabierwörter werden in beiden Untersuchungssprachen durchaus gebildet, z.B. dt. AB < Anrufbeantworter oder schwed. vd < verkställande direktör ‚Geschäftsführer‘. Während diese im Deutschen recht häufig sind, ist ihre Frequenz im Schwedischen dagegen deutlich geringer; dort werden für Appellativa eher andere Kürzungsarten bevorzugt.

Im Schwedischen ist bei Belegen dieses Typs die Rede von „initialord“4 (z.B. bei Laurén 1972:3), „initialförkortningar“5 oder „akronymer“6, wobei in der gesamten Kurzwortterminologie im Schwedischen noch klare Abgrenzungen und etablierte Begrifflichkeiten fehlen, wie in Kapitel 2.4.2 erläutert wird.

Nübling (2001:173) weist darauf hin, dass das Schwedische einen Sondertyp der Buchstabierwörter kennt, bei dem die Schreibung der Aussprache angenähert wird, indem die Buchstabennamen ausgeschrieben werden. Das auch im Deutschen existierende Kurzwort TV < Television wird im Schwedischen demnach teve geschrieben. Dasselbe gilt für behå < bysthållare ‚Büstenhalter‘. Dieses Verfahren ist dem Deutschen nicht grundsätzlich unbekannt, wird jedoch bei Appellativa nicht angewandt. Es finden sich lediglich Beispiele für Eigennamen nach diesem Muster, so Vaude < von Dewitz und Edeka < Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin.

Ein weiterer Sonderfall der Buchstabierwörter, der bislang in der Forschungsliteratur noch nicht beschrieben wurde, ist im Schwedischen zu beobachten. Diese Belege, die ich hier als teilgebundene Buchstabierwörter bezeichnen möchte, werden wie gewöhnliche Buchstabierwörter gebildet, es wird jedoch nur ein Teil des Kurzworts mit Buchstabennamen ausgesprochen und ein weiterer Teil phonetisch gebunden, z.B. KTIB < Konsumenternas tele-, tv- och internetbyrå7 ‚Beratungsdienst für Medienkonsumenten‘ mit der Aussprache [koːtib] oder HSAN < Hälso- och sjukvårdens ansvarsnämnd ‚Amt für medizinische Verantwortung‘ mit der Aussprache [hoːsan]. Teilgebundene Buchstabierwörter stellen damit eine Art Mischung aus Buchstabierwörtern und Lautinitialwörtern dar. Bei sämtlichen in den Korpora dieser Arbeit verzeichneten Belegen dieses Typs handelt es sich um Eigennamen. Appellativa dieses Typs sind bislang nicht belegt.

2.2.1.2 Lautinitialwörter

Die Bildungsweise von Lautinitialwörtern ist identisch mit der von Buchstabierwörtern; die beiden Typen unterscheiden sich lediglich in der Aussprache. Lautinitialwörter werden als phonetisch gebundene Wörter ausgesprochen. Auch dieser Typ kommt in beiden Sprachen vor, er ist allerdings deutlich seltener als die häufigen Buchstabierwörter, da seine Bildung sehr viel stärkeren Restriktionen unterliegt. Während innerhalb eines Buchstabierworts im Grunde alle Buchstabenkombinationen möglich sind, müssen bei der Bildung eines Lautinitialworts die Initialen der Vollform so gewählt werden, dass sie ein in der jeweiligen Sprache aussprechbares und phonologisch wohlgeformtes Wort ergeben. Tabelle 4 enthält Beispiele für propriale und appellativische deutsche und schwedische Lautinitialwörter.


deutsche Lautinitialwörterschwedische Lautinitialwörter
APO < außerparlamentarische OppositionBris < Barnens rätt i samhället ‚schwed. Kinderschutzorganisation‘
Bams < Bild am SonntagSifo < Svenska Institutet för opinionsundersökningar ‚schwed. Meinungsforschungsinstitut‘
GAU < größter anzunehmender UnfallFoU < forskning och utveckling ‚Forschung und Entwicklung‘
vab < vård av sjukt barn ‚Freistellung von der Arbeit zur Pflege eines kranken Kindes‘

Tabelle 4: deutsche und schwedische Lautinitialwörter

In einigen Fällen wird nicht nur ein Anfangsbuchstabe, sondern ein etwas größerer Teil der Vollform übernommen. So wird etwa bei dt. AStA < Allgemeiner Studentenausschuss die silbeninitiale Konsonantenverbindung <st> übernommen.2 Dadurch bleibt der Zusammenhang zur Vollform besser erhalten, was bei der schriftlichen Kommunikation dem Leser die Verarbeitung erleichtert. Bei Belegen wie DEFA < Deutsche Film-AG wird neben reinen Initialen auch eine initiale Verbindung aus zwei Graphemen in die Kurzform übernommen, um deren Aussprechbarkeit als Lautinitialwort zu gewährleisten.3 Einen Sonderfall stellt der deutsche Beleg Dax < Deutscher Aktienindex dar. Hier gehen die Initialen der ersten beiden Morpheme der Vollform in das Kurzwort ein; statt der dritten Initiale enthält die Kurzform jedoch das finale Graphem <x>. Dadurch erhält das Lautinitialwort eine geschlossene statt eine offene Silbe. Es ist jedoch anzunehmen, dass in erster Linie die prägnantere Gestaltung des Schriftbilds ausschlaggebend für diese Bildungsweise war. Möglicherweise soll <x> Technik und Fortschritt evozieren.

Im Schwedischen werden Lautinitialwörter in der Regel wie auch Buchstabierwörter „initialord/initialförkortningar“4 oder „akronymer“5 genannt. Meist wird begrifflich nicht zwischen Buchstabierwörtern und Lautinitialwörtern differenziert. Interessanterweise spricht Laurén (1972:7) für das Schwedische nur bei Lautinitialwörtern von Akronymen: „akronymerna, dvs. initialord, där bokstavsföljden kan läsas som ett ord“6 und betont: „Man bör ytterligare observera att akronymer egentligen inte är liktydigt med initialord, utan endast en underavdelning av dem.“7 (3) Lauréns Kategorisierung dieser Kurzworttypen ist damit genau gegensätzlich zu der in dieser Arbeit vorgenommenen. Während bei ihm ein Akronym ein Untertyp eines Initialworts ist, ist in dieser Arbeit Akronym der Oberbegriff, unter dem verschiedene Arten von Initialwörtern zusammengefasst werden.

Durch die gebundene Aussprache beansprucht im Gegensatz zu den Buchstabierwörtern nicht jede aus der Vollform entnommene Initiale eine eigene Silbe, sodass hier Kurzwortbildungen mit einer geringeren Silbenzahl als im Fall der Buchstabierwörter entstehen. So sind auch einsilbige Lautinitialwörter möglich, während es zumindest im Deutschen keine einsilbigen Buchstabierwörter gibt, die aus nur einer Initiale bestehen müssten. Diese sind im Schwedischen belegt, aber auf die Parteinamen beschränkt (siehe dazu Kapitel 4.1.2). Bei einigen deutschen Kurzwörtern ist eine alternative Aussprache als Buchstabierwort oder als Lautinitialwort möglich, beispielsweise bei RAF < Rote Armee Fraktion oder FAZ < Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für das Schwedische sind mir keine derartigen Beispiele bekannt.

Durch den Typ der Lautinitialwörter können beabsichtigt oder unbeabsichtigt Homonymien zu Lexemen des Normalwortschatzes entstehen, so beispielsweise dt. ERNA < Eigene Rufnummer-Ansage, was gerade bei Produkt- und Unternehmensnamen ein gern genutztes Mittel ist.

2.2.1.3 Silbeninitialwörter

Als letzte Untergruppe der Akronyme sind schließlich die Silbeninitialwörter zu nennen, die anders als die anderen Akronymtypen primär in der gesprochenen Sprache entstehen. Dabei wird das Kurzwort aus mehreren initialen Silben (z.B. dt. Kripo < Kriminalpolizei) oder Silbenteilen (dt. Schiri < Schiedsrichter) von verschiedenen Konstituenten der Vollform gebildet. In manchen Fällen werden auch Teile übernommen, die etwas mehr als eine Silbe umfassen (z.B. dt. Europol < Europäisches Polizeiamt, schwed. komvux < kommunal vuxen­utbildning ‚kommunale Erwachsenenbildung‘).1 Im Deutschen ist dieser Typ auf verschiedenen sprachlichen Ebenen sehr produktiv und erzeugt neben vielen Augenblicksbildungen wie Wama < Waschmaschine auch eine Vielzahl von Eigennamen wie Kikuwe < Kinder-Kultur-Werkstatt und Beki < Landesinitiative Bewusste Kinderernährung. Ein Blick auf die schwedischen Daten ergibt jedoch ein anderes Bild. Hier finden sich nur sehr wenige Belege nach diesem Bildungsmuster. Dennoch sind Silbeninitialwörter kein „ausschließlich deutsches Phänomen“, wie Nübling (2001:173) meint. Die Frequenz der Silbeninitialwörter ist im Schwedischen zwar sehr niedrig; das Vorkommen der Belege zeigt jedoch, dass die Bildung dieses Kurzworttyps nicht per se unmöglich ist, sondern lediglich andere Bildungen präferiert werden. Etwas vorsichtiger formuliert Wahl (2002:49) und spricht von einer „Randerscheinung“ im Schwedischen. Die geringe Verbreitung dieses Typs im Schwedischen dürfte der Grund dafür sein, dass es keinen speziellen Terminus für diesen Kurzworttyp gibt, sondern Belege dieser Art von Laurén (1976:321) unter „kombinationer av olika reduktioner“2 aufgeführt werden. Damit fasst Laurén Silbeninitialwörter nicht als als eigenständigen Kurzworttyp mit eigener Bildungsweise auf, sondern als Ausnahme, bei der mehrere der regulären Kürzungsverfahren kombiniert werden.

Bei der Bildung von Silbeninitialwörtern scheint es in noch höherem Maße als bei den Buchstabier- und Lautinitialwörtern von der phonologischen Struktur abzuhängen, welche Teile der Vollform letztlich Eingang in das Kurzwort finden.


deutsche Silbeninitialwörterschwedische Silbeninitialwörter
Kita < Kindertagesstätteflextid < flexibel arbetstid ‚flexible Arbeitszeit‘
Juso < Jungsozialistgenrep < generalrepetition ‚Generalprobe‘
Mofa < Motorfahrradkombo < kompisboende ‚Mitbewohner‘
Trafo < Transformatorsäpo < säkerhetspolisen ‚schwed. Nachrichtendienst‘

Tabelle 5: deutsche und schwedische Silbeninitialwörter

2.2.2 Kurzwörter im engeren Sinne

Zu den Kurzwörtern im engeren Sinne zählen bei Nübling (2001:172) Kopfwörter, Endwörter und diskontinuierliche Kurzwörter. Bei Kopf- und Endwörtern handelt es sich um unisegmentale Kurzwörter, die aus einem zusammenhängenden Teil der Vollform bestehen. Der Typ der diskontinuierlichen Kurzwörter ähnelt diesen Typen im Output sehr, weshalb er vermutlich schon bei Ronneberger-Sibold (1992:8) zur selben Obergruppe gezählt wird. In der Bildungsweise unterscheidet er sich dadurch, dass das Kurzwort nicht nur aus einem zusammenhängenden Teil der Vollform, sondern aus mehreren diskontinuierlichen Teilen besteht. Im Bezug auf die Bildungsweise ist die Gruppe der Kurzwörter im engeren Sinne also heterogen. Die Gestalt der einzelnen Typen weist jedoch große Ähnlichkeiten auf, weshalb sie im Sinne einer Typologie, die auch den Output berücksichtigt, zu einer Kurzwortgruppe zusammengefasst werden.

Eine hohe Übereinstimmung besteht auch zwischen der phonologischen Struktur von Kopfwörtern und Silbeninitialwörtern. In Kapitel 4 zeigt sich, dass unterschiedliche Verfahren der Kurzwortbildung ähnliche Outputs erzeugen. Welches Kürzungsverfahren im Einzelfall zur Anwendung kommt, scheint also von Material und Struktur der Vollform abzuhängen, lässt sich aber nicht immer abschließend klären.

Aufgrund ihrer einfacheren Bildungsweise sind Kurzwörter i.e.S. nicht zwangsläufig auf eine schriftliche Vorlage angewiesen, sondern können auch im mündlichen Sprachgebrauch entstehen. Häufig sind sie stark nähesprachlich im Sinne von Koch/Oesterreicher (1985).

2.2.2.1 Kopfwörter

Der weitaus häufigste Typ der Kurzwörter im engeren Sinne sind Kopfwörter. Sie entstehen durch eine Art Apokope, d.h. das hintere Segment der Vollform fällt ohne Rücksicht auf Morphemgrenzen weg. Das Kurzwort besteht also aus dem kontinuierlichen verbleibenden Anfangsteil. In beiden Untersuchungssprachen können sowohl Eigennamen wie dt. Katha < Katharina oder schwed. Carro < Carolina – oft Rufnamen in hypokoristischer Funktion oder Toponyme – als auch Appellativa auf diese Weise gekürzt werden (siehe Tabelle 6).


deutsche Kopfwörterschwedische Kopfwörter
Kö < KönigsalleeÅtvid < Åtvidabergs Fotbollförening
Abo < Abonnementcigg < cigarett
Mathe < Mathematiktemp < temperatur
Navi < Navigationsgerätvicka < vikariera ‚vertreten‘

Tabelle 6: deutsche und schwedische Kopfwörter

Formale Ähnlichkeiten bestehen besonders zwischen deutschen Kopfwörtern und manchen Silbeninitialwörtern und Pseudoableitungen (vgl. Nübling 2001:174f.), was wiederum bestätigt, dass ein Großteil der gesamten Kurzwortbildung ähnliche Strukturen erzeugt.1 Eventuell haben im Deutschen auf -i endende Kopfwörter wie Zivi < Zivildienstleistender die Entstehung von Pseudoableitungen auf -i wie Pulli < Pullover durch Analogiebildung begünstigt.

Für das Schwedische spricht Laurén (1976:311) im Hinblick auf Kopfwörter von „kortord“2, die durch „final reduktion“3 entstanden sind. Er kommt zwar darauf zu sprechen, dass Kürzungen mit oder ohne Rücksicht auf Morphemgrenzen erfolgen können, leitet daraus aber keine unterschiedlichen Kurzworttypen ab. Andere schwedische Bezeichnungen für Kopfwörter sind „avbrytning“4 (z.B. bei Svenblad 2003:XI) oder „ellips“ (z.B. bei Malmgren 1994:72).

Ein interessanter Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Schwedischen betrifft die Wortarten, die Kopfwörter bilden können. Deutsche Kopfwörter sind fast ausschließlich Substantive. Daneben gibt es nur sehr wenige Adjektive depri < deprimiert, die jedoch eine eingeschränkte Flexion und Syntax aufweisen, d.h. sie sind nicht flektierbar und können nur prädikativ vorkommen. Im Schwedischen machen Substantive zwar ebenfalls den größten Teil der Kopfwörter aus, doch auch verbale Kopfwörter wie bomba < bombardera ‚bombardieren‘ und galva < galvanisera ‚galvanisieren‘ sind nicht selten. Generell ist die Kurzwortbildung im Schwedischen nicht so stark auf Substantive beschränkt wie im Deutschen. Diese Offenheit gegenüber verschiedenen Wortarten deckt sich insofern mit dem Bild, das sich im Lauf dieser Arbeit von der schwedischen Kurzwortbildung ergeben wird, als sie sich in verschiedener Hinsicht deutlich flexibler zeigt als die deutsche.

2.2.2.2 Endwörter

Das Gegenstück zu Kopfwörtern bilden Endwörter, von manchen Autoren auch als Schwanzwörter bezeichnet: Sie entstehen durch eine Art Aphärese, d.h. der vordere Teil der Vollform wird ohne Berücksichtigung von Morphemgrenzen getilgt. Derartige Bildungen sind in beiden Untersuchungssprachen nur marginal vertreten. Besonders für das Deutsche ist fraglich, ob es sich hierbei überhaupt um einen produktiven Kurzworttyp handelt, da es keine Belege für genuin deutsche Endwörter gibt.1 Sämtliche mir bekannten deutschen appellativischen Endwörter können auch als Lehnkurzwörter interpretiert werden, die bereits gekürzt oder zusätzlich zu ihrer Vollform entlehnt wurden. Dies gilt beispielsweise für die häufig angeführten Belege Bus < Omnibus oder Cello < Violoncello oder auch Fax < Telefax. Eine gewisse Produktivität bei Endwörtern lässt sich im Deutschen am ehesten für Personennamen annehmen, da manche Rufnamen wie Lotte < Charlotte oder Tina < Bettina zu Endwörtern gekürzt werden.

Im Schwedischen werden Endwörter oft nicht von Kopfwörtern abgegrenzt und ebenfalls als „avbrytning“2 oder „ellips“ bezeichnet. Für Laurén (1976:304) sind diese Kurzwörter „kortord“3 durch „initial reduktion“4. Endwörter sind im Schwedischen etwas häufiger als im Deutschen und können nicht immer als Lehnkurzwörter interpretiert werden, was dafür spricht, dass durch diesen Kürzungstyp tatsächlich produktiv Kurzwörter entstehen können, wenngleich dieser Prozess marginal bleibt. Bei sämtlichen schwedischen Belegen bleiben die endbetonten Segmente der Vollform erhalten. In Tabelle 7 sind deutsche und schwedische appellativische Endwörter zusammengestellt, wobei für die deutschen Belege wie gesagt die Einschränkung gilt, dass dieser Typ vermutlich nicht produktiv ist und die Belege auch als Lehnkurzwörter interpretiert werden könnten.


deutsche Endwörterschwedische Endwörter
Bus < Omnibusbil < automobil ‚Auto‘
Cello < Violoncellogoja < papegoja ‚Papagei‘
Fax < Telefaxsessa < prinsessa ‚Prinzessin‘

Tabelle 7: deutsche und schwedische Endwörter

Ein noch seltenerer Typ von kontinuierlichen Kurzwörtern ist das sogenannte Rumpfwort (vgl. Kobler-Trill 1994:64f.), bei dem lediglich ein mittlerer Teil der Vollform erhalten bleibt. Beispiele hierfür beschränken sich im Deutschen auf Kürzungen von Rufnamen wie Basti < Sebastian und Lisa < Elisabeth. Im Schwedischen ist die Situation ähnlich; es lassen sich nur sehr wenige Belege unter den Appellativa finden, nämlich komp < ackompanjemang ‚Begleitung‘ und kollo < barnkoloni ‚Ferienlager‘, die bei Laurén (1976:321) unter „kombinationer av olika reduktioner“5 fallen. In allen Fällen bleibt der Teil erhalten, der den Hauptakzent trägt. Von den angeführten Beispielen ist allerdings lediglich komp ein eindeutiges Rumpfwort; bei kollo ist auch eine andere Bildungsweise denkbar. Es könnte auch durch eine elliptische Kürzung6 von barnkoloni zu koloni und eine anschließende Reduzierung auf ein Kopfwort entstanden sein. Da der Typ der Rumpfwörter so marginal ist und nicht produktiv zu sein scheint, soll er im Weiteren außen vor bleiben und wurde auch nicht als eigener Kurzworttyp in die Typologie aufgenommen.

2.2.2.3 Diskontinuierliche Kurzwörter

Anders als Kopf- und Endwörter bestehen diskontinuierliche Kurzwörter nicht aus einem zusammenhängenden Teil der Vollform. Meist wird ein Anfangsteil der Vollform, der mehr oder weniger als die erste Silbe umfassen kann, mit einem weiteren der Vollform entnommenen Segment kombiniert. Die Bildungsweise ist also nicht einheitlich; auf Morphem- oder Silbengrenzen scheint keine Rücksicht genommen zu werden. Vermutlich ist die Schaffung eines phonologisch wohlgeformten Outputs das Hauptkriterium dafür, welche Segmente der Vollform übernommen werden. Auch dieser Typ, für den in Tabelle 8 propriale und appellativische Beispiele zusammengestellt sind, ist im Deutschen und Schwedischen relativ selten, was bedeutet, dass die Kopfwörter die prototypischen Vertreter der Kurzwörter im engeren Sinne sind.


deutsche diskontinuierliche Kurzwörterschwedische diskontinuierliche Kurzwörter
taz < die TageszeitungSkop < Skandinavisk Opinion Aktiebolag
Epo < Erythropoetinkoll < kontroll
Flak < Flugabwehrkanonemilo < militärområde ‚Militärgebiet‘
Krad < Kraftradsynka < synkronisera ‚synchronisieren‘

Tabelle 8: deutsche und schwedische diskontinuierliche Kurzwörter

Der schwedische Begriff „teleskopord“1 deckt den Teil der diskontinuierlichen Kurzwörter ab, bei denen Segmente von Anfang und Ende der Vollform kombiniert werden, z.B. moped < motorvelociped. Einen weiter gefassten Begriff, der den Kurzworttyp der diskontinuierlichen Kurzwörter wie in dieser Typologie definiert bezeichnet, gibt es im Schwedischen nicht. Entsprechende Belege werden allgemein als „ellips“ oder „kortord“2 betitelt. Für Laurén (1976) sind derartige Beispiele „kortord“ durch „medial reduktion“ (306)3 oder „kombinationer av olika reduktioner“4 (321).

Zuweilen werden manche der eigentlich den diskontinuierlichen Kurzwörtern zuzurechnenden Belege wie stins < stationsinspektör ‚Bahnhofsvorsteher‘ und pryo < praktisk yrkesorientering ‚berufsorientierende Praktika‘ fälschlicherweise zu den Lautinitialwörtern gezählt. Im Fall von stins werden aus der Vollform jedoch deutlich mehr als die Initialen entnommen. Vom ersten Morphem {stations} werden die ersten beiden Grapheme übernommen, vom zweiten Teil der Vollform jedoch ein noch größerer Teil. Die Graphemfolge <ins> steht zwar am Anfang des Morphems {inspektör}, macht aber letztlich sogar mehr als eine ganze Silbe aus und kann somit eigentlich nicht mehr als Initiale bezeichnet werden. Wenn es sich nicht um ein Lautinitialwort handelt, muss dieser Beleg demnach als diskontinuierliches Kurzwort analysiert werden. Ein ähnlicher Fall liegt bei dem Beleg pryo vor. Auch hier umfasst das anlautende <pr> mehr als eine Initiale, weshalb auch dieser Beleg meiner Meinung nach zu den diskontinuierlichen Kurzwörtern gerechnet werden sollte, wenn auch dieser Fall weniger eindeutig ist als stins.

Bei den schwedischen Belegen fällt wieder auf, dass neben Substantiven weitere Wortarten diskontinuierliche Kurzwörter bilden. Adjektive wie deppad < deprimerad ‚deprimiert‘ sind dabei eher selten, doch Verben wie gratta < gratulera ‚gratulieren‘ und impa < imponera ‚imponieren‘ sind unter den diskontinuierlichen Kurzwörtern relativ häufig.

2.2.3 Sonderfälle

Neben den Gruppen der Akronyme und der Kurzwörter im engeren Sinne führt Nübling (2001) die Gruppe der Sonderfälle an. Hier sind diejenigen Kurzworttypen zusammengefasst, bei deren Bildung neben der Kürzung auch andere Prozesse eine Rolle spielen oder die distributionelle Besonderheiten aufweisen. Diese Gruppe ist sehr heterogen, da die Gemeinsamkeit der darin enthaltenen Typen in erster Linie darin besteht, dass sie sich von den Gruppen der Akronyme und der Kurzwörter i.e.S. deutlich unterscheiden.

Die Sonderfälle umfassen Pseudoableitungen, bei denen Suffigierung und Kürzung gleichzeitig eintreten, Kürzungskomposita und gebundene Kürzungen, deren Distribution eingeschränkt ist, sowie elliptische Kürzungen, bei denen semantische Gesichtspunkte einen stärkeren Einfluss auf den Output haben als phonologische.

2.2.3.1 Pseudoableitungen

Pseudoableitungen sind ein in beiden untersuchten Sprachen äußerst verbreitetes und produktives Phänomen. Bei einer Pseudoableitung „wird von der Vollform i.d.R. unisegmental eine einsilbige, konsonantisch auslautende Kopfform gebildet und diese im Deutschen mit -i, im Schwedischen mit -is suffigiert“ (Nübling 2001:176). Mögliche Suffixe sind nicht nur -i bzw. -is, sondern im Deutschen auch -o (Realpolitiker < Realo), -e (Lesbe < Lesbierin), -er (Elfer < Elfmeter) und seltener -a (Reala < Realpolitikerin) sowie im Schwedischen -o (fyllo < fyllerist ‚Säufer‘), -e (sosse < socialdemokrat) und -a (bibbla < bibliotek). Im Vergleich zu der großen Menge an Pseudoableitungen auf -i bzw. -is bleiben Bildungen mit anderen Suffixen jedoch marginal; daher soll in erster Linie auf Erstere eingegangen werden.1 Als zugrunde liegende Formen können Lexeme unterschiedlicher Wortarten dienen; die Resultate sind in beiden Sprachen jedoch überwiegend Substantive, wenn auch Adjektive möglich sind, die aber nicht flektierbar sind und nur prädikativ verwendet werden (dt. supi < super, logo < logisch und schwed. avis < avundsjuk ‚eifersüchtig‘, pretto < pretentiös ‚arrogant‘). Des Weiteren existieren im Schwedischen auch Interjektionen als Pseudoableitungen; diese beschränken sich meines Wissens aber auf die beiden viel zitierten Beispiele grattis < gratulerar ‚Glückwunsch‘ und tjänis/tjenis < tjänare ‚Servus‘ und sind eher als Randerscheinungen einzustufen.

Wie auch die meisten Kurzwörter i.e.S. entstammen Pseudoableitungen dem mündlichen Sprachgebrauch; zudem sind sie besonders nähesprachlich. Kotsinas (2003b:9) ordnet zumindest neue Pseudoableitungen sogar dem Slang zu, wenngleich sie darauf hinweist, dass die Lexeme bei häufigem Gebrauch solche diastratischen Merkmale mit der Zeit verlieren können. Sehr häufig bezeichnen Pseudoableitungen Personen (dt. Ami < Amerikaner, schwed. kändis < känd person ‚Prominente(r)‘), häufig werden sie auch zu Personennamen (dt. Andi < Andreas, schwed. Sigge < Sigvard) gebildet. Dabei enthalten sie oft eine hypokoristische (dt. Schweini < Bastian Schweinsteiger oder schwed. Bäckis < Nicklas Bäckström) oder auch pejorative Note (dt. Transe < Transvestit, schwed. transa < transvestit). Weitere Beispiele für propriale und appellativische Pseudoableitungen im Deutschen und Schwedischen sind in Tabelle 9 zusammengestellt.


deutsche Pseudoableitungenschwedische Pseudoableitungen
Poldi < Lukas PodolskiSvennis < Sven-Göran Eriksson
Fundi < Fundamentalistkondis < konditori ‚Konditorei‘
Hunni < Hunderteuroscheinmultis < multinationellt företag ‚multinationales Unternehmen‘
Ossi < Ostdeutscherstammis < stammkund ‚Stammkunde‘

Tabelle 9: deutsche und schwedische Pseudoableitungen

Laurén (1976:316) ordnet Pseudoableitungen unter „final reduktion“2 ein, d.h. in derselben Kategorie wie Kopfwörter, weist jedoch darauf hin, dass genauere Untersuchungen dieses Phänomens erforderlich sind. Nübling (2001:176) spricht von „förkortning och suffixavledning“3, womit die beiden bei Pseudoableitung gleichzeitig stattfindenden Prozesse benannt werden. Ansonsten ist in der schwedischen Literatur von „is-ord“4 die Rede (z.B. bei Inghult 1968), wobei dieser Terminus die anderen möglichen Suffixe ausklammert.

Sowohl im Deutschen als auch im Schwedischen gibt es i- bzw. -is-Bildungen, die nicht auf einer Kürzung beruhen, sondern bei denen das Suffix direkt an ein ungekürztes Lexem tritt, z.B. dt. Schlaffi < schlaff, Hirni < Hirn und schwed. tjockis ‚dicker Mensch‘ < tjock ‚dick‘, mjukis ‚Kuscheltier‘ < mjuk ‚weich‘. Diese Bildungen werden in dieser Arbeit jedoch nicht berücksichtigt, da es sich dabei um reine Suffigierungen ohne Kürzungsvorgang handelt und man folglich auch nicht von Kurzwörtern sprechen kann. Dadurch, dass i- und is-Bildungen mit und ohne Kürzung vorkommen können, handelt es sich hier um einen Grenzbereich der Kurzwortbildung, d.h. Pseudoableitungen stellen keine prototypischen Kurzwörter dar.

Wie bei der Diskussion der Kopfwörter bereits angeklungen ist, weisen deutsche Pseudoableitungen formale Ähnlichkeit mit manchen auf -i auslautenden Kopfwörtern wie Abi < Abitur und Zivi < Zivildienstleistender auf. Anhand formaler Kriterien lässt sich in solchen Fällen nicht eindeutig klären, ob es sich um Kopfwörter oder suffigierte Kürzungen handelt. Da eine Suffigierung in solchen Fällen nicht nachweisbar ist, sollen nach Nübling (2001:176) derartige Belege als Kopfwörter eingestuft werden. Es wäre in weiteren Arbeiten zu prüfen, inwieweit hier Analogiebildung eine Rolle spielt, da eventuell hochfrequente Kopfwörter auf -i zu der Produktivität der Pseudoableitungen beigetragen haben könnten. Für das Schwedische, das keine auf -is endenden Kopfwörter kennt, kommt dieser Erklärungsansatz für die hohe Produktivität der Pseudoableitungen nicht in Frage.

2.2.3.2 Kürzungskomposita

Kürzungskomposita sind ebenfalls in beiden Untersuchungssprachen verbreitet. In den meisten Fällen ist die Vollform dieser Kurzwörter ein Kompositum; sie kann allerdings auch eine Wortgruppe sein. Charakteristisch für Kürzungskomposita ist nun, dass der erste Teil des Kompositums oder der Wortgruppe akronymisch auf einen oder mehreren Buchstaben gekürzt wird und der zweite Teil ungekürzt bleibt (siehe Tabelle 10). In beiden Untersuchungssprachen besteht der gekürzte Teil in den allermeisten Fällen aus ein oder zwei Buchstaben; es finden sich lediglich im Deutschen wenige Belege mit einem auf drei Buchstaben gekürzten Erstglied wie ABC-Waffen < atomare, biologische und chemische Waffen.

Der gekürzte Teil eines Kürzungskompositums wird mit den Buchstabennamen ausgesprochen und kann nicht isoliert vorkommen. Als Kürzungskompositum wird daher das gesamte Kompositum und nicht nur der gekürzte Teil betrachtet. Die Bildungsweise von Kürzungskomposita ist nicht rein phonologisch bedingt, sondern berücksichtigt Morphemgrenzen, da eine oder mehrere Initialen von Morphemen der Vollform den ersten Teil des Kürzungskompositums bilden und das Zweitglied ein ganzes Morphem der Vollform ist. Die beiden Teile eines Kürzungskompositums werden meist durch einen Bindestrich verbunden. Im Deutschen werden die gekürzten Teile groß geschrieben; im Schwedischen kann die Orthographie zum Teil schwanken. Dort ist es bei einigen stark in den Normalwortschatz1 integrierten Kürzungskomposita möglich, auf den Bindestrich zu verzichten und sie bezüglich der Schreibung dem Normalwortschatz anzugleichen, z.B. ubåt < undervattensbåt ‚Unterseeboot‘.


deutsche Kürzungskompositaschwedische Kürzungskomposita
D-Radio < Deutschlandradioa-kassa < arbetslöshetskassa ‚Arbeitslosenkasse‘
AT-Motor < Austauschmotorf-skatt < företagsskatt ‚Unternehmenssteuer‘
O-Saft < Orangensafti-land < industriland ‚Industriestaat‘
P-Konto < Pfändungsschutzkontoso-ämne < samhällsorienterade ämne ‚gemeinschaftskundliches Schulfach‘

Tabelle 10: deutsche und schwedische Kürzungskomposita

Da der gekürzte Teil meist bis auf eine oder zwei Initialen gekürzt wird, entstehen sehr viele Homonyme zwischen den gekürzten Teilen (z.B. dt. U-Boot < Unterseeboot, U-Haft < Untersuchungshaft; schwed. p-piller < preventivpiller ‚Antibabypille‘, p-plats < parkeringsplats ‚Parkplatz‘). Die Existenz eines Zweitglieds verhindert jedoch, dass es dabei zu ernsthaften Verständnisschwierigkeiten kommt.

In der Regel ist der gekürzte Teil fest mit einem bestimmten Zweitglied verbunden, doch es gibt auch Fälle, in denen sich der akronymische Teil einer Kürzung auch mit weiteren Morphemen zu einem Kompositum verbinden kann, z.B. dt. SB-Bäcker, SB-Tankstelle; schwed. e-faktura ‚elektronische Rechnung‘, e-deklaration ‚elektronische Steuererklärung‘.

In der schwedischen Literatur werden Kürzungskomposita sehr unterschiedlich behandelt. Laurén (1972:13f.) weist ihnen einen Status zwischen Initialwörtern und Kurzwörtern zu und bezeichnet sie als „falska initialord“2. Bei Laurén (1976:309f.) ist dann jedoch die Rede von durch „medial reduktion“3 entstandenen „blandformer“ oder „blandord“4. Bei anderen Autoren fallen Kürzungskomposita unter die Initialwörter (z.B. Josefsson 2001, Teleman/Hellberg/Andersson 1999) oder werden gar nicht erwähnt (z.B. Hultman 2003). Svenblad (2003:XIII) spricht dagegen von „sammansättningar“5, da er ein Kürzungskompositum nicht als Einheit, sondern als Kompositum aus einer Kürzung und einem weiteren Lexem betrachtet.

2.2.3.3 Gebundene Kürzungen

Mit den Kürzungskomposita eng verwandt sind die gebundenen Kürzungen, die ebenfalls nicht frei vorkommen. Bei einer gebundenen Kürzung wird „das Erstglied oder ein präponiertes Adjektiv kopfwortartig reduziert und mit dem Zweitglied fest kombiniert“ (Nübling 2001:182), wobei die zugrunde liegende Vollform nicht zwingend ein Kompositum sein muss. In einigen Fällen erfolgt die Bildung der gebundenen Kürzung nicht kopfwortartig, sondern nach dem Muster der Silbeninitialwörter (dt. Schuko- < Schutzkontakt) oder diskontinuierlichen Kurzwörter (dt. Fla-Panzer < Flugabwehrpanzer). Die meisten gebundenen Kürzungen sind nicht auf ein bestimmtes Zweitglied festgelegt, sondern können sich mit unterschiedlichen Morphemen verbinden. Dies unterscheidet sie von den Kürzungskomposita, die in der Regel fest an ein bestimmtes Zweitglied gebunden sind. Da es allerdings bei beiden Typen Ausnahmen gibt, d.h. Kürzungskomposita mit unterschiedlichen Zweitgliedern und gebundene Kürzungen mit festem Zweitglied existieren, eignet sich dieses Kriterium nicht für eine definitorische Abgrenzung dieser beiden Typen. In der bisherigen Kurzwortforschung wurden diese nicht-prototypischen Kürzungskomposita und gebundenen Kürzungen und die mit ihnen verbundene Abgrenzungsproblematik bislang jedoch kaum thematisiert. In dieser Arbeit werden Kürzungskomposita und gebundene Kürzungen also nur durch ihre Bildungsweise und nicht durch ihre Distribution voneinander unterschieden: Kürzungskomposita entstehen nach dem Muster der Buchstabierwörter, gebundene Kürzungen werden dagegen wie Kopfwörter, in manchen Fällen auch wie Silbeninitialwörter oder diskontinuierliche Kurzwörter gebildet. Gemeinsam ist beiden Typen, dass der gekürzte Teil nicht frei vorkommen kann.

Zwischen gebundenen Kürzungen und Konfixen bestehen gewisse Ähnlichkeiten, da beide semantischen Gehalt haben und nicht frei vorkommen können. Wie bei der Abgrenzung beider Phänomene in Kapitel 2.3 ausführlich dargelegt werden wird, werden Konfixe in dieser Arbeit nicht als Kurzwörter betrachtet, auch wenn die Grenzziehung im Einzelfall schwierig sein kann. Der Unterschied liegt darin, dass eine gebundene Kürzung auf eine Vollform zurückgeführt werden kann und zumindest anfangs in einer lexikalischen Variation zu derselben steht, während die Wortbildung mit Konfixen direkt und ohne die Zwischenstufe einer Vollform erfolgt.1

Belege für den Kurzworttyp der gebundenen Kürzungen finden sich in beiden Sprachen (siehe Tabelle 11), wenngleich dieser Typ im Schwedischen etwas häufiger ist als im Deutschen.2 Die wenigen Beispiele für gebundene Kürzungen, die Laurén (1976) für das Schwedische nennt, werden unter „medial reduktion“3 eingeordnet.


deutsche gebundene Kürzungenschwedische gebundene Kürzungen
Ku'damm < Kurfürsten (Kurfürstendamm)psykförsvaret < psykologiska försvaret ‚psychologische Verteidigung‘
Iso- < Isolier (z.B. Isomatte)eko- < ekonomisk (z.B. ekobrott ‚Wirtschaftskriminalität)‘
Pharma- < pharmazeutisch (z.B. Pharmaindustrie)fys- < fysisk (z.B. fystränare ‚Fitnesstrainer‘)
Schuko – < Schutzkontakt (z.B. Schukostecker)rea- < reaktions (z.B. reaplan ‚Düsenflugzeug‘)

Tabelle 11: deutsche und schwedische gebundene Kürzungen

In letzter Zeit lässt sich im Deutschen vermehrt beobachten, dass ehemals gebundene Kürzungen wie Schoko < Schokolade nun auch frei vorkommen. Scheller-Boltz (2008) analysiert dieses Phänomen anhand des Belegs bio als ein paralleles Vorkommen von gleichlautenden Konfixen und frei vorkommenden Kurzwörtern. Möglich ist stattdessen allerdings auch eine Analyse, wonach ein Kurzwort die Kurzwortklasse wechselt und aus einer gebundenen Kürzung ein Kopfwort wird. So weist beispielsweise Steinhauer (2000:38) darauf hin, dass Reha < Rehabilitation nicht mehr nur als Erstglied in Komposita wie Rehazentrum vorkommen, sondern auch allein stehen kann. Es dürfte lohnenswert sein, diese Tendenz zur Eigenständigkeit gebundener Kürzungen bei der zukünftigen Forschung im Blick zu behalten. Es ließe sich sogar spekulieren, ob gebundene Kürzungen bei häufigem Gebrauch automatisch zu freien Morphemen werden und diese Kategorie somit eine Art Übergangskategorie darstellt.

Die Tatsache, dass gebundene Kurzwörter nur in Verbindung mit einem Zweitglied vorkommen können, macht sie wie auch die Kürzungskomposita zu Sonderfällen der Kurzwortbildung, die keine prototypischen Vertreter der Kurzwörter sind, sondern sich am Rand dieses Phänomens bewegen.

2.2.3.4 Elliptische Kürzungen

Wie bei Kopf- und Endwörtern bleiben bei dem in beiden Untersuchungssprachen produktiven Kurzworttyp der elliptischen Kürzungen kontinuierliche Anfangs- bzw. Endsegmente der Vollform erhalten, weshalb sie zuweilen unter Kopfwörter und Endwörter subsumiert werden (z.B. bei Vieregge 1978, Wahl 2002 und Fleischer/Barz 2007). In einem wichtigen Punkt unterscheiden sie sich jedoch von diesen Kurzwörtern i.e.S.: Die Bildung von elliptischen Kürzungen erfolgt nicht in erster Linie nach phonologischen, sondern nach morphologischen Kriterien. Die zugrunde liegende Vollform, in der Regel ein Kompositum, wird stets auf ein Morphem gekürzt. Dies kann das Erst- oder Zweitglied der Vollform sein (dt. Blei < Bleistift, Rad < Fahrrad; schwed. flyg < flygplan ‚Flugzeug‘, skiva < grammofonskiva ‚Schallplatte‘ und weitere propriale und appellativische Beispiele in Tabelle 12). Diese von Kurzwörtern i.e.S. abweichende Bildungsweise spricht dafür, elliptische Kürzungen gesondert zu erfassen und sie der Gruppe der Sonderfälle zuzuordnen. Des Weiteren werden durch elliptische Kürzung keine neuen Wortwurzeln geschaffen, sondern es finden lediglich bisher gebundene Wurzeln eine freie Verwendung (vgl. Nübling 2001:183 und Ronneberger-Sibold 1992:14f.).1

Die Abgrenzung von elliptischen Kürzungen und Kopfwörtern ist nicht immer eindeutig, da sich z.B. bei Entlehnungen selten nachweisen lässt, ob den Sprachbenutzern die fremdsprachlichen Morphemgrenzen bewusst sind. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass naive Sprachbenutzer diesbezüglich weitgehend unkundig sind, es sei denn, das getilgte Morphem wird im Deutschen bzw. Schwedischen ebenfalls frei verwendet. Fälle wie das deutsche bi < bisexuell werden daher als elliptische Kürzungen betrachtet, da sexuell im Deutschen ein freies Morphem ist. Belege wie Piano < Pianoforte, bei denen das getilgte fremdsprachliche Morphem forte nicht zum Inventar freier Morpheme des Deutschen gehört, werden hingegen zu den Kopfwörtern gezählt.


deutsche elliptische Kürzungenschwedische elliptische Kürzungen
Union < Christlich Demokratische Union DeutschlandsModerna < Moderna museet
Hort < Kinderhortdricks < drickspengar ‚Trinkgeld‘
Nicki < Nickipulloverkort < vykort ‚Ansichtskarte‘
Pille < Antibabypilletermos < termosflaska ‚Thermosflasche‘

Tabelle 12: deutsche und schwedische elliptische Kürzungen

In der schwedischen Kurzwortliteratur wird nicht zwischen elliptischen Kürzungen und Kopf- und Endwörtern differenziert. Entsprechende Belege, die nach der hier verwendeten Einteilung zu elliptischen Kürzungen zählen würden, werden wie auch Kurzwörter i.e.S. als „kortord“ oder „ellipsord“2 bezeichnet. Auch in der Typologie von Laurén (1976) werden elliptische Kürzungen zusammen mit Kopf- bzw. Endwörtern unter „final“ bzw. „initial reduktion“3 aufgeführt. Bei Lauréns Belegen werden zwar elliptische Kürzungen getrennt von Kopf- bzw. Endwörtern aufgeführt, die Unterschiede zwischen diesen Typen jedoch bis auf die Anmerkung, es könnten „hela morfem eller delar av morfem“4 getilgt werden, nicht thematisiert.

2.3 Abgrenzung des Phänomens

Nach der Vorstellung der verschiedenen Kurzworttypen sollen Kurzwörter nun von anderen Phänomenen abgegrenzt werden, an denen ebenfalls Kürzungs­prozesse beteiligt sind, die ich jedoch nicht zur Kurzwortbildung zähle. Dabei folge ich in dieser Arbeit der heute im deutschen Sprachraum weit verbreiteten Unterscheidung zwischen Kurzwort und Abkürzung, wonach Abkürzungen reine Schriftformen sind, die mit ihrer Vollform gesprochen werden und keine eigene Lautform haben. Diese Differenzierung geht auf Henrik Bergstrøm-Nielsen zurück, wobei für ihn Kurzwörter eine Untergruppe der Abkürzungen darstellen. Ein Kurzwort unterscheidet sich von einer Abkürzung dadurch, dass „die Aussprache der Schreibung folgt. Der Unterschied zwischen Abkürzung und Kurzwort liegt also in der Aussprache.“ (Bergstrøm-Nielsen 1952:2) Abkürzungen wie z.B. für zum Beispiel oder d.h. für das heißt im Deutschen oder f.d. für före detta ‚ehemalig‘ oder t. ex. für till exempel ‚zum Beispiel‘ im Schwedischen werden wie ihre Vollform gesprochen. Kurzwörter haben dagegen eine eigene, ebenfalls gekürzte Aussprache. So werden beispielsweise dt. EDV oder schwed. adb als Buchstabenfolgen ausgesprochen und nicht in die entsprechenden Vollformen elektronische Datenverarbeitung oder automatisk databehandling ‚elektronische Datenverarbeitung‘ aufgelöst. Im Gegensatz zu Abkürzungen, bei denen lediglich die graphische Seite gekürzt wird, betrifft der Kürzungsprozess bei Kurzwörtern sowohl die graphische als auch die lautliche Seite, was ihnen deutlich mehr Eigenständigkeit verleiht als den auf die schriftliche Kommunikation beschränken Abkürzungen. In der schwedischen Literatur wird dies jedoch nicht immer so gehandhabt, sodass teilweise auch schriftliche Abkürzungen gemeinsam mit Akronymen vom Typ mc < motorcykel ‚Motorrad‘ behandelt werden (so beispielsweise Sigurd 1979, Svenblad 1998 oder Kjellin 2005, hingegen Svenska Språknämnden 2000 mit einer Trennung zwischen rein schriftlichen Kürzungen und solchen mit eigener Aussprache). Auch wenn sich diese Differenzierung zwischen Kurzwörtern und Abkürzungen in der schwedischen Forschung bislang nicht etabliert hat, wird sie in dieser Arbeit auf die Belege beider Untersuchungssprachen angewendet. Das bedeutet, dass Abkürzungen, also rein schriftliche Kürzungen, nicht erfasst und diskutiert werden, sondern als Belege nur Kurzwörter berücksichtigt werden.

Neben Abkürzungen wurden reine Lehnkurzwörter ausgeschlossen, d.h. bereits gekürzt entlehnte Elemente wie das im Rechtschreib-Duden belegte bit < binary digit oder das in Rechtschreib-Duden und SAOL verzeichnete CD/cd < compact disc, bei denen die Kurzwortbildung in einer Fremdsprache – häufig im Englischen – und nicht im Deutschen oder Schwedischen erfolgt ist. Solche Belege werden direkt als Kürzung entlehnt und geben daher keinen Aufschluss über die Mechanismen der Kurzwortbildung im Deutschen bzw. Schwedischen oder über bevorzugte Lautstrukturen deutscher und schwedischer Kurzwörter. Häufig ist den Sprechern der Zielsprache auch gar nicht bewusst, dass die Lexeme in der Herkunftssprache auf einem Kürzungsvorgang beruhen. Lehnkurzwörter wurden daher nicht erfasst und explizit untersucht. In Kapitel 6.4 wird jedoch auf Gemeinsamkeiten von Kurzwörtern und Entlehnungen eingegangen.

Ebenfalls von der Betrachtung ausgeschlossen werden Lehnkurzwörter, deren ursprüngliche Vollform Grundlage für eine Lehnübersetzung war, die nun im Deutschen bzw. Schwedischen parallel zu dem Lehnkurzwort existiert und als dessen Vollform fungiert, auch wenn zwischen den Bestandteilen der Langform und der Kurzform nicht zwangsläufig eine enge Beziehung besteht. Dies kommt besonders bei Eigennamen, insbesondere bei Namen von Unternehmen und Organisationen vor. Der englischen Kürzung EFTA liegt beispielsweise die Vollform European Free Trade Association zugrunde. Ins Deutsche und ins Schwedische entlehnt wurde lediglich die Kürzung; die Vollform resultierte in der deutschen bzw. schwedischen Lehnübersetzung Europäische Freihandelszone bzw. Europeiska frihandelssammanslutningen, die wie die Vollform eines deutschen bzw. schwedischen Kurzworts gebraucht wird. Ein vergleichbarer Fall liegt bei UNO < United Nations Organisation vor. Diese Kurzform wird viel häufiger gebraucht als das deutsche Kurzwort VN, dafür jedoch mit der deutschen Langform1 Vereinte Nationen kombiniert. Im Schwedischen existiert für diese Organisation eine lehnübersetzte Vollform (Förenta nationerna), aus der ein schwedisches Kurzwort (FN) gebildet wurde. Nicht alle Sprachen gehen jedoch so vor. Das Französische behandelt beispielsweise derartige Beispiele anders. Es wird eine Lehnübersetzung gebildet, die dann Grundlage für ein französisches Kurzwort wird, z.B. OTAN < Organisation du traité de l’Atlantique Nord. Das Schwedische kennt bei diesem Beispiel interessanterweise beide Kurzformen, sowohl NATO als auch OTAN; eine schwedische Vollform wie nordatlantiska fördragsorganisationen oder atlantpakten ist jedoch nur wenig gebräuchlich, wobei im Deutschen lediglich die Kurzform NATO, häufig mit der lehnübersetzten Vollform Nordatlantikpakt gebraucht wird. Ein appellativisches Beispiel für dieses Phänomen ist NGO für die englische Phrase non-governmental organization. Im Deutschen wird die englische Kürzung parallel zu einer lehnübersetzten Vollform Nichtregierungsorganisation verwendet. Das entsprechende deutsche Kurzwort NRO findet dagegen nur selten Gebrauch. Im Schwedischen ist neben dem Lehnkurzwort NGO die Rede von einer icke-statlig organisation ‚nicht-staatliche Organisation‘. Auch wenn diese Kombination einer Entlehnung und einer längeren Lehnübersetzung höchst interessant ist, wurden derartige Lehnkurzwörter vom Typ EFTA, zu denen eine morphologisch unabhängige Langform existiert, die wie die Vollform eines Kurzworts gebraucht wird, nicht in die Kurzwortkorpora dieser Arbeit aufgenommen, da es sich dabei nicht um Kurzwortbildung an sich mit einer im Deutschen bzw. Schwedischen entstandenen Kürzung aus einer zugehörigen Vollform handelt.

Nicht berücksichtigt werden Kunstwörter (z.B. dt. Persil) und Wortkreuzungen oder Kontaminationen2 (z.B. dt. Botel < Boot u. Hotel, schwed. jaguon < jaguar u. lejon ‚Kreuzung eines Jaguars mit einem Löwen‘), zu denen nie eine Vollform im tatsächlichen Sprachgebrauch existiert hat, auch wenn diese im Rechtschreib-Duden zum Teil als Kurzwörter gekennzeichnet werden (z.B. im Fall von Bionik < Biologie u. Technik). Im Bereich der Eigennamen, besonders der Unternehmens- und Produktnamen, wird eine Langform oftmals bereits im Hinblick auf die Kürzung entwickelt, sodass es sich letztlich um ein Kunstwort handelt und nicht um eine auf der natürlichen Sprachentwicklung beruhende Kürzung. Im Fall des Eigennamens CeBIT wurde beispielsweise die Langform Centrum der Büro- und Informationstechnik später zu Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikationstechnik geändert, was keinerlei Auswirkungen auf die Kurzform hatte. Insbesondere bei Namen von Firmen und Organisationen dient eine Langform häufig nur dazu, eine eingängigere Kurzform zu bilden, ohne dass tatsächlich beide Formen in Gebrauch sind, wie beispielsweise auch im Fall von Mitropa, das durch einen Kürzungsvorgang aus der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft entstanden ist oder dem deutschen Naturschutzbund NABU, dessen sperrige Langform Naturschutz, Artenschutz, Biotopschutz, Umweltschutz den wenigsten Sprechern bekannt sein dürfte bzw. häufig durch die naheliegende Langform Naturschutzbund ersetzt wird. Ein schwedisches Beispiel ist das ehemalige Unternehmen Mack< Mathiasson, Andersson, Collin och Key, dessen Name jedoch seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auch bzw. heutzutage ausschließlich als Appellativum mack ‚Tankstelle‘ verwendet wird.

Des Weiteren werden Konfixe ausgeschlossen, d.h. gebundene Wortbildungselemente mit lexikalischer Bedeutung, die basisfähig, in unterschiedlichem Maße produktiv und miteinander kombinierbar sind wie biblio- oder tele-.3 Es kann mitunter vorkommen, dass Konfixe freie Formen entwickeln (z.B. das Gemüse ist bio); diese sind jedoch nicht das Resultat eines Kürzungsvorgangs, „weil sie keine gleichwertige Variante zu ihrer vermeintlichen Basis darstellen.“ (Donalies 2000:154) Das Unterscheidungskriterium ist also auch hier die Existenz einer Vollform, wobei es gerade bei dem Kurzworttyp der gebundenen Kürzungen zu Grenzfällen kommen kann.

Anhand der deutschen Beispiele öko und bio soll hier kurz aufgezeigt werden, welche Überlegungen für die Abgrenzung von Kurzwörtern und Konfixen angestellt werden müssen (vgl. dazu auch die Ausführungen von Kobler-Trill 1994:109ff.). Beide Beispiele kommen überwiegend in Komposita vor (z.B. Ökobauer, Ökotourismus, Ökosprit, Biogemüse, Bioladen4). Öko und bio scheinen also Konfixe zu sein, die reihenbildend sind und darüber hinaus inzwischen auch freie Formen entwickelt haben (er ist öko, sie steht auf bio). Als primär anzusehen sind in diesem Fall jedoch die gebundenen Konfixformen. Da jedoch zu diversen, wenn auch nicht allen, Belegen eine Langform existiert und in Gebrauch ist, was individuell geprüft werden muss, stellt sich doch wieder die Frage, ob öko und bio nicht als Kurzwörter zu analysieren sind. Es wurde daher am 10.03.2012 eine kurze Google-Suche unter „Seiten auf Deutsch“ durchgeführt, deren Ergebnisse in Tabelle 13 zusammenstellt sind.


„Bioladen“: 2180000 Treffer„biologischer Laden“: 6 Treffer, davon keiner sinnvoll
„Biogemüse“: 478000 Treffer„biologisches Gemüse“: 26300 Treffer
„Ökosprit“: 34700 Treffer„ökologischer Sprit“: 9 Treffer, aber alle sinnvoll
„Ökotourismus“: 1640000 Treffer„ökologischer Tourismus“: 43600 Treffer

Tabelle 13: Verteilung der Kurz- und Langformen von bio und öko in einer Google-Suche

Im Fall von Bioladen ist bio- demnach eindeutig ein Konfix, da die Langform5 keine verwertbaren Treffer erzielte. Bei Biogemüse stellt sich die Situation etwas anders dar, da die Langform durchaus in Gebrauch zu sein scheint, wenn auch deutlich seltener als die Kurzform. Hier wäre zunächst zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es sich um ein Kurzwort handelt. Im Fall von Ökosprit zeigen die Inhalte der Treffer für die Langform, dass Synonymität durchaus gegeben zu sein scheint; von einer Varianz von Kurz- und Langform ist aufgrund der extremen Frequenzunterschiede in der Praxis jedoch nicht auszugehen. Eher möglich scheint eine Varianz dagegen bei Ökotourismus. Es bleibt unklar, warum zwischen Ökosprit und Ökotourismus solche Unterschiede bestehen, da der semantische Gehalt des Bestandteils öko- in diesen Beispielen ja ähnlich ist. Insgesamt ergibt sich also weder für bio- noch für öko- ein eindeutiges Bild. Die Belege, bei denen eine Kurzwortyanalyse möglich scheint, wären jedoch nicht als prototypische, sondern höchstens als periphere Kurzwörter einzuordnen.6 Da für bio- und öko- allenfalls im Einzelfall eine Analyse als Kurzwort überhaupt möglich gewesen wäre, wurden sämtliche Belege dieser Art als Konfixe gewertet und nicht in die Kurzwortkorpora dieser Arbeit aufgenommen. Bio < Biologieunterricht ist dagegen ein eindeutiges Kurzwort. Die freie Form Öko im Sinne von „umweltbewusster Mensch“ ist hingegen kein Kurzwort, sondern eine aus dem Konfix öko- entstandene freie Form. Eine differenzierte Betrachtung dieser Problematik bietet Scheller-Boltz (2008), der zu der Schlussfolgerung kommt, dass Bio/bio drei verschiedene Vorkommen hat: als gebundenes Konfix in Komposita wie Bioprodukt, als Kurzwort und als expressives Modewort. Das Kurzwort kann wie oben erwähnt die Kurzform von Biologieunterricht sein; daneben analysiert Scheller-Boltz einen Teil der frei vorkommenden Belege von bio als Kurzwörter, die ihre konkrete Bedeutung im Äußerungskontext erhalten.7 So handelt es sich in der Äußerung „Ich kaufe nur noch Bio“ für ihn um ein Kurzwort für Bioprodukte (254). Schließlich entfällt laut Scheller-Boltz ein Teil der freien Vorkommen von Bio/bio auf Fälle, in denen es ein „expressives Modewort“ (256) ist. Es lässt sich in diesen Fällen weder als Konfix noch als Kurzwort einordnen und hat „lediglich eine expressive Funktion“ (255). Diese Art der Verwendung findet sich vor allem in der Werbe- und Marketingsprache, z.B. bei dem von diversen Herstellern oder Verkäufern von Bioprodukten benutzten Slogan „Wir lieben bio.“

Problematisch ist die Frage nach der Abgrenzung des Phänomens der Kurzwortbildung auch deshalb, weil nahezu jeder Autor eine etwas andere Abgrenzung vornimmt und daher ein wirklich exakter Vergleich der Daten und Ergebnisse stark erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wird. Der Kennzeichnung der Einträge durch den Rechtschreib-Duden kann nicht gefolgt werden, da völlig unklar ist, welche Kriterien ihr zugrunde liegen. Die von mir als Kurzwörter eingestuften Belege sind im Rechtschreib-Duden teils mit „Kurzw.“ oder „Kurzwort“ (wie im Fall von Abi < Abitur), „kurz für“ (wie bei Info < Information), teils nur durch Angabe der Vollform (wie bei EKG < Elektrokardiogramm) gekennzeichnet. Andererseits markiert der Rechtschreib-Duden Einträge als Kurzwörter, die nach den oben erläuterten Kriterien eindeutig ausgeschlossen werden, z.B. Wortkreuzungen wie Edutainment aus education und entertainment oder das Lehnkurzwort bit < binary digit. Auch der Eintrag Alufolie, den ich als Kompositum aus dem Kurzwort Alu < Aluminium und dem Zweitglied Folie betrachte, wird vom Rechtschreib-Duden als Kurzwort für Aluminiumfolie angegeben. In SAOL werden Kurzworteinträge nicht explizit markiert; in etlichen Fällen wird jedoch die zugehörige Vollform zusätzlich angegeben (wie bei labb < laboratorium), was letztlich auch eine Art Markierung darstellt. Dies ist allerdings auch nicht bei jedem Kurzwortbeleg der Fall und kann daher nicht als eindeutiges Kriterium für den Status als Kurzwort gewertet werden.8 Bei der Erstellung der Korpora musste daher jeder Beleg separat dahingehend geprüft werden, ob er ein Kurzwort im Sinne dieser Arbeit ist.9

In der vorliegenden Arbeit werden Kurzwörter sämtlicher Wortarten untersucht, im Unterschied zu diversen anderen Arbeiten zu deutschen Kurzwörtern, die sich auf Substantive beschränken (z.B. Bellmann 1980, Vieregge 1983 oder Greule 1996). Bei Kobler-Trill (1994:15) findet sich sogar die Behauptung, nur Substantive seien mögliche Vollformen für die Kurzwortbildung. Eine ähnliche Sicht vertritt Greule (1992:59), der den Wortstatus einer Kürzung daran festmacht, ob sie genus- und artikelfähig ist. Da diese Kriterien ohnehin nur auf Substantive angewendet werden können, werden andere Wortarten damit unnötigerweise ausgeschlossen. Die Einschätzung, deutsche Kurzwörter könnten nur Substantive sein, kann nicht geteilt werden, da es auch im Deutschen Gegenbeispiele für Kurzwörter anderer Wortarten gibt, ohne dass diese in einem sekundären Wortbildungsprozess aus einem Kurzwort gebildet worden wären. Zwar sind Substantive unter den deutschen Kurzwörtern bei Weitem am häufigsten, vereinzelt finden sich aber durchaus auch Belege anderer Wortarten, die nicht ausgeschlossen werden sollten. So existieren die umgangssprachlichen gekürzten Verben funzen < funktionieren und telen < telefonieren sowie eine ganze Reihe von gekürzten Adjektiven wie bi < bisexuell oder assi < asozial, deren Flexion jedoch eingeschränkt ist. Sie können meist nur prädikativ und nicht attributiv verwendet werden, vgl. sie ist bi vs. eine *bie Frau. Auch bei der Kürzung der Präposition über in Verbindung mit einer Altersangabe wie bei Ü30 < über 30 kann von einem Kurzwort ausgegangen werden, da eine passende Vollform existiert und die Kürzung eine graphisch und eine lautlich gekürzte Seite hat. Während Verben und Präpositionen als Kurzwörter im Deutschen nur Einzelfälle darstellen, sind die Belege von adjektivischen Kurzwörtern etwas häufiger, allerdings im Verhältnis zu den substantivischen Kurzwortbildungen zugegebenermaßen sehr selten. Auch wenn bei Kurzwortbildung im Deutschen in erster Linie Substantive entstehen, zeigt die Existenz nicht-substantivischer Kurzwörter, dass Kurzwortbildung bei anderen Wortarten auch im Deutschen nicht per se unmöglich ist. Gerade bei einem deutsch-schwedischen Vergleich ist eine Betrachtung sämtlicher Wortarten unbedingt angezeigt, da im Schwedischen neben gekürzten Substantiven auch etliche gekürzte Verben wie arra < arrangera ‚arrangieren‘ und seltener auch gekürzte Adjektive wie poppis < populär auftreten. Besonders die Kurzwortverben werden im Laufe der Arbeit immer wieder thematisiert.

2.4 Literaturüberblick

Hinsichtlich der Kurzwortforschung besteht eine starke Asymmetrie zwischen dem deutschen und dem schwedischen Sprachraum. Während sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts durchaus eine produktive Forschung zu deutschen Kurzwörtern etabliert hat, müssen Nübling/Duke (2007:227) feststellen: „Eine Kurzwortforschung hat im skandinavischen Sprachraum bisher nicht stattgefunden.“ Aus diesem Grund wird die deutsche Kurzwortforschung im Folgenden in etwas geraffter Form behandelt und für eine detailliertere Darstellung auf die sehr ausführlichen Schilderungen des Forschungsstandes zu deutschen Kurzwörtern bei Kobler-Trill (1994:33–58) und Balnat (2011:19–101) verwiesen. Für das Schwedische stellt sich die Lage dagegen völlig anders dar: In Grammatiken und Wortbildungslehren werden Kurzwörter meist nur äußerst knapp erwähnt, und nur sehr wenige Arbeiten beschäftigen sich überhaupt ausführlicher mit Kurzwörtern. Diese bislang wenig rezipierten Arbeiten zu schwedischen Kurzwörtern sollen daher in diesem Kapitel näher betrachtet werden.

Die Diskrepanz zwischen den Untersuchungssprachen im Grad der Erforschung der Kurzwortbildung wird in dieser Arbeit dazu genutzt, um die durch die vielfältige Kurzwortforschung im Deutschen gewonnenen Erkenntnisse auf das Schwedische zu übertragen. Für deutsche Kurzwörter existierende Termini und Klassifikationen werden daher auch auf schwedische Kurzwörter ange­wendet. Damit wird zum einen eine einheitliche Terminologie für Sachverhalte im Schwedischen geschaffen, was bislang vermisst wurde, zum anderen sind identische Begriffe unerlässlich, um einen Vergleich zweier Sprachen überhaupt zu ermöglichen.

2.4.1 Forschung zu deutschen Kurzwörtern

Grundlegend für die neuere Forschung zur Kurzwortbildung im Deutschen ist Henrik Bergstrøm-Nielsens Artikel von 1952 „Die Kurzwörter im heutigen Deutsch“. Darin erfolgt statt einer bis dahin vorherrschenden lediglich sprachstilistischen Kritik eine der ersten sachlichen Untersuchungen des Phänomens. Aufbauend auf der in Kapitel 2.3 bereits erörterten Unterscheidung zwischen auf die Schrift beschränkten Abkürzungen und Kurzwörtern, die auch eine lautliche Kürzung aufweisen, differenziert Bergstrøm-Nielsen die Kurzwörter weiter und teilt sie in vier Typen ein, die er ausführlich bespricht und unter anderem unter den Aspekten Orthografie, Genus, Flexion, Artikelgebrauch und Wortbildungsmöglichkeiten betrachtet. Damit stellt sein Artikel eine sehr ausgewogene Arbeit dar, die das Phänomen der Kurzwortbildung von vielen Seiten beleuchtet. Im Unterschied zur vorliegenden Arbeit berücksichtigt Bergstrøm-Nielsen jedoch auch Kunstwörter wie Persil < Perborat + Silikat und Osram < Osmium + Wolfram. Eine zum Entstehungszeitpunkt der Kürzung tatsächlich vorhandene Vollform scheint für ihn kein Kriterium für die Wertung eines Belegs als Kurzwort gewesen zu sein; sein Kurzwortbegriff ist also deutlich weiter gefasst als in der vorliegenden Arbeit.

Zu deutschen Kurzwörtern sind bislang fünf Dissertationen erschienen, die das Phänomen der Kurzwortbildung aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Schwerpunkten beleuchten. Es handelt sich dabei um Hofrichter (1977), Vieregge (1978), Kobler-Trill (1994), Steinhauer (2000) und Balnat (2011). Die erste Dissertation über Kurzwörter im Deutschen war Werner Hofrichters Arbeit „Zu Problemen der Abkürzung in der deutschen Gegenwartssprache“ (Hofrichter 1977). Im Titel klingt bereits an, dass Hofrichters Interesse über Kurzwörter an sich hinausgeht. Abkürzung ist für ihn der Oberbegriff für sämtliche gekürzten Formen, ob sie nun graphisch und lautlich oder nur graphisch gekürzt sind (12). Kurzwörter sind für ihn „ihrer Herkunft nach Abkürzungen“ (34), die jedoch „auf Grund lautlicher, semantischer und morphologischer Besonderheiten“ eine Zwischenstellung zwischen Abkürzungen und Vollformen einnehmen. In Hofrichters Arbeit kann man einen Versuch sehen, alle relevanten Aspekte der Kurzwortbildung zu bearbeiten: Von einer Klassifikation der Abkürzungen über Morphologie und Semantik thematisiert Hofrichter viele interessante Aspekte, wobei er jedoch aufgrund der Abgrenzung seines Untersuchungsgegenstands stets auch reine Schriftkürzungen im Blick hat. Hofrichter erarbeitet eine gründliche und systematische Klassifikation für Kurzwörter und Abkürzungen, die jedoch wenig intuitiv ist und zu sehr komplizierten Ergebnissen führt. Die Klassifikation erfolgt auf mehreren Ebenen: Zunächst werden prozess-orientiert, d.h. nach der Bildungsweise, verschiedene Abkürzungstypen wie linear, nicht-linear etc. unterschieden. Erst als zweites Kriterium folgt die Existenz einer eigenen Lautform. Bergstrøm-Nielsens grundlegende Unterscheidung zwischen Kurzwörtern und Abkürzungen spielt also für Hofrichter durchaus eine Rolle, allerdings ist die Existenz einer gekürzten Lautform nur ein Kriterium unter vielen. Schließlich wird bei Hofrichter noch nach Getrennt- oder Zusammenschreibung und Groß- oder Kleinschreibung differenziert. Abkürzungen mit gleichen Merkmalen fasst Hofrichter zu sogenannten Kombinationsklassen zusammen, die er mit unterschiedlichen Kennzeichnungen für die verschiedenen Klassifikationsebenen versieht. Dies liefert ihm Kennzeichnungen wie 1.1 A I a für ein Buchstabierwort wie Lkw < Lastkraftwagen (64). Diese Art der Klassifikation ist zwar sehr präzise, aufgrund der sehr sperrigen Kennzeichnungen aber für die konkrete Kurzwortdiskussion kaum nutzbar.

Ein Jahr nach Hofrichters Arbeit erschien die Dissertation von Werner Vieregge mit dem Titel „Aspekte des Gebrauchs und der Einordnung von Kurz- und Kunstwörtern in der deutschen Sprache – eine Analyse mit Hilfe einer EDV-Anlage“ (Vieregge 1978). Darin sieht Vieregge Abkürzungen als Oberbegriff für reine Schriftkürzungen, Maßeinheiten, Kurzwörter sowie Kunstwörter. Er differenziert zwar zwischen Kurzwörtern und Kunstwörtern, behandelt in seiner Arbeit jedoch im Gegensatz zu der vorliegenden Arbeit auch Letztere, fasst den Untersuchungsgegenstand also ebenfalls weiter. Es werden die „Kurzwortgruppen“ der Abbreviationen, Kunstwörtern und fremdsprachlichen Kürzungen unterschieden (42). Bei Vieregges Abbreviationen, die im Wesentlichen den Kurzwörtern im Sinne der vorliegenden Arbeit entsprechen, wird schließlich weiter nach Kurzwörtern aus Initialen, Kurzwörtern aus größeren Bestandteilen, Klappwörtern aus einer Initiale und einem Lexem wie U-Boot < Unterseeboot, Kopfwörtern und Endwörtern differenziert. Auch Vieregge betrachtet Kurzwörter unter einer Reihe von Aspekten wie Klassifikation, Flexion und Beziehung zur Vollform. Er beschäftigt sich mit dem bereits bei Hofrichter (1977:19f.) erwähnten Phänomen, dass die Beziehung zwischen Kurzwort und Vollform nicht statisch ist und sich ein Kurzwort zunehmend verselbständigen und eventuell sogar seine Vollform verdrängen kann (z.B. Vieregge 1978:66ff.). Die Grundlinie seiner Arbeit ist eine Argumentation für den Wortstatus von Kurzwörtern, wie auch etwas später in Vieregge (1983).

Zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie die Arbeiten von Hofrichter und Vieregge erschienen zwei Artikel von Günter Bellmann (Bellmann 1977 und Bellmann 1980), die eine neue Kurzwortklassifikation mit einer Unterteilung in unisegmentale und multisegmentale Kurzwörter mit jeweils mehreren Untertypen vorstellen, die bis heute von vielen Autoren übernommen wurde.

Auch die Arbeiten von Albrecht Greule lassen Bellmanns Einfluss erkennen. Nachdem er sich in Greule (1983/84) und Greule (1986) zunächst nur mit i-Bildungen auseinandergesetzt hatte, weitete er sein Interesse anschließend auf das gesamte Kurzwort-Phänomen aus und behandelte in einer Reihe von Aufsätzen (Greule 1992, 1996 und 2007) Kurzwortbildung als Teil der Wortbildung. Er entwickelte eine neue Typologie, in der Kurzwörter zunächst danach unterschieden werden, welcher Art die aus der Vollform übernommenen Segmente sind. Dabei differenziert Greule zwischen Buchstaben-Kurzwörtern, Silben-Kurzwörtern, Mischtypen und Morphem-Kurzwörtern (Greule 1992:60f. und Greule 1996:197f.). Erst an nachgeordneter Stelle folgt dann eine von Bellmann inspirierte Unterscheidung zwischen unisegmentalen und multisegmentalen Kurzwörtern.

Eine umfassende und richtungsweisende Dissertation zur Kurzwortbildung im Deutschen erschien 1994 mit Dorothea Kobler-Trills Arbeit „Das Kurzwort im Deutschen. Eine Untersuchung zu Definition, Typologie und Entwicklung“. Neben einer ausführlichen Diskussion der bisher erfolgten Kurzwortforschung und einer ebenfalls detaillierten Abgrenzung von verwandten Phänomen liegt der Schwerpunkt von Kobler-Trills Arbeit auf der Erstellung einer neuen Kurzworttypologie. In ihrer grundsätzlichen Einteilung folgt Kobler-Trill Bellmann, indem sie Kurzwörter zunächst nach der Anzahl ihrer Segmente klassifiziert, also unisegmentale von nicht-unisegmentalen Kurzwörtern unterscheidet. Letztere teilt sie wiederum in multisegmentale und partielle Kurzwörter auf. Anschließend wird nach der Qualität dieser Segmente (Buchstaben, Silben etc.) und ihrer Position in der Vollform differenziert (Kobler-Trill 1994:87). Ein Großteil der Klassifizierungskriterien sind demnach in den Arbeiten von Kobler-Trill und Greule identisch und unterscheiden sich lediglich in der Priorisierung, was dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Einteilung von Kurzwörtern führt. Neben der Vorstellung ihres typologischen Ansatzes enthält Kobler-Trills Arbeit außerdem auch einen empirischen Teil, der sich jedoch auf die nicht-unisegmentalen Kurzworttypen beschränkt. Die Dissertation von Kobler-Trill wurde stark rezipiert und dürfte vermutlich eine der am häufigsten zitierten Arbeiten zum Thema Kurzwortbildung im Deutschen darstellen. Auch in zwei späteren Artikeln beschäftigte sich Kobler-Trill weiter mit der Thematik der Kurzwörter (Kobler-Trill 1997 und 2002).

Zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie Kobler-Trills Dissertation entstand die Habilitationsschrift von Elke Ronneberger-Sibold mit dem Titel „Die Lautgestalt neuer Wurzeln. Kürzungen und Kunstwörter im Deutschen und Französischen“ (Ronneberger-Sibold 1992). Diese Arbeit ist eine kontrastive Untersuchung von Kurzwörtern und Kunstwörtern im Deutschen und Französischen mit umfangreichen auf der Grundlage von Wörterbüchern erstellten Korpora, deren Belege vor allem im Hinblick auf phonologische Kriterien wie Silbenzahl und -struktur ausgewertet werden. Ronneberger-Sibolds Hauptthese ist, dass die Bildung von Kurzwörtern und Kunstwörtern Sprachbenutzern die Möglichkeit bietet, losgelöst von den Regularitäten des Normalwortschatzes und des regulären Sprachwandels einen alternativen Wortschatz mit neuen Wörtern zu schaffen, die sich strukturell vom Normalwortschatz unterscheiden und phonologisch für Artikulation und Perzeption optimiert sind. In ihrer Klassifikation der Kurzwörter folgt Ronneberger-Sibold interessanterweise weder Bellmann noch Greule, sondern erarbeitet eine eigene Typologie, bei der zwischen Kurzwörtern im engeren Sinne, Akronymen und Sonderfällen unterschieden wird.1 Bei der Habilitationsschrift von Ronneberger-Sibold handelt es sich meines Wissens um die erste längere kontrastive Arbeit zur Kurzwortbildung, der auch die vorliegende Arbeit hilfreiche Anregungen verdankt. Im Gegensatz zu Ronneberger-Sibolds Arbeit stützen sich die Korpora dieser Arbeit jedoch nicht nur auf Wörterbuchdaten, sondern auch auf Zeitungsdaten, wodurch auch Aussagen zu Gebrauchsfrequenzen möglich sind.

Auf Ronneberger-Sibolds Habilitationsschrift folgten in den nächsten Jahren eine ganze Reihe von kürzeren Arbeiten zum Thema Kurzwortbildung (z.B. Ronneberger-Sibold 1995a, 1995b, 1996, 1997, 1998, 2000, 2001 und 2007). Auch in diesen Arbeiten liegt der Schwerpunkt meist auf der phonologischen Struktur der Kurzwörter; in einigen Fällen wird Kurzwortbildung auch im Zusammenhang mit Sprachwandel erörtert.

Aus dem Jahr 2000 stammt Anja Steinhauers Dissertation „Sprachökonomie durch Kurzwörter. Bildung und Verwendung in der Fachkommunikation“ (Steinhauer 2000), die mit der Betrachtung von Kurzwörtern in Fachsprachen einen neuartigen Schwerpunkt setzt. Auch Steinhauer beschäftigt sich eingehend mit der Klassifikation von Kurzwörtern. So findet sich bei ihr eine ausführliche Diskussion von Kobler-Trills Ansatz, den sie letztlich aufgrund einiger Unstimmigkeiten verwirft (vgl. Steinhauer 2000:34–42). Für ihre eigene Arbeit greift Steinhauer schließlich auf die Arbeiten von Albrecht Greule zurück und erstellt eine modifizierte Klassifikation in Anlehnung an ihn, auf die wiederum Greule (2007:120) zurückgreift. Später folgten von Steinhauer noch zwei allgemeinere Artikel zur deutschen Kurzwortbildung (Steinhauer 2001 und 2007). Des Weiteren ist Anja Steinhauer seit der 5. Auflage die Herausgeberin des Duden-Wörterbuchs der Abkürzungen (Steinhauer 2005). Darin werden im einleitenden Kapitel Kurzwörter einerseits von Abkürzungen und andererseits von Kunstwörtern abgegrenzt. Im Register sind Abkürzungen, Kurzwörter und Kunstwörter dann jedoch ohne weitere Kennzeichnung gemeinsam aufgeführt.

Einige Arbeiten widmen sich speziell den i-Bildungen, so Werner (1996), Féry (1997) und Köpcke (2002). Diese Autoren diskutieren Belege, die nach der Typologie der vorliegenden Arbeit zu den Pseudoableitungen, Kopfwörtern und Silbeninitialwörtern gehören, sowie Belege, die außerhalb des Rahmens der Kurzwortbildung in meinem Sinne stehen. In den erwähnten Arbeiten wird deutlich, dass die Outputorientierung bei i-Bildungen eine große Rolle spielt, d.h. durch verschiedene Prozesse werden i-Bildungen mit einer bestimmten Struktur erzeugt, nämlich einem zweisilbigen Trochäus auf -i.

In mehreren Artikeln widmet sich Sascha Michel der Kurzwortbildung im Deutschen (Michel 2006, 2011 und 2014), zum Teil auch mit einem Schwerpunkt auf Fachsprachen (Girnth/Michel 2008 und Michel 2009). Dabei plädiert er für eine stärkere Berücksichtigung der parole bei der Erstellung von Definitionen und Typologien und bemängelt eine zu starke Fixierung der existierenden Kurzwortforschung auf die Ebene der langue, die den tatsächlichen Sprachgebrauch nicht berücksichtigt (z.B. Michel 2006:71f.).2

Nach Ronneberger-Sibolds oben angeführter Habilitationsschrift zu Kurzwörtern im Deutschen und Französischen von 1992 sind nur noch wenige weitere kontrastive Arbeiten zur Kurzwortbildung erschienen. Dabei handelt es sich mit Nübling (2001) um einen deutsch-schwedischen Vergleich und mit Leuschner (2008) um einen Vergleich deutscher und niederländischer Kurzwörter. Des Weiteren existieren Abschlussarbeiten, die ebenfalls deutsche Kurzwörter sprachvergleichend behandeln: Wahl (2002) mit einem Vergleich mit dem Schwedischen und Lemey (2002) mit einem Vergleich mit dem Niederländischen. Aufgrund ihres Status als Abschlussarbeiten beinhalten diese Arbeiten jedoch keine ausführlichen und systematischen Belegsammlungen. Detaillierte Vergleiche deutscher Kurzwörter mit den Kürzungen anderer Sprachen sind demnach also bislang sehr selten. Diese Lücke schließt die vorliegende Arbeit mit der Analyse deutscher und schwedischer Kurzwörter auf empirischer Grundlage.

Bei der neuesten Dissertation zu deutschen Kurzwörtern handelt es sich um Vincent Balnats „Kurzwortbildung im Gegenwartsdeutschen“ (Balnat 2011). Auf einen ausführlichen Forschungsbericht folgt eine kritische Diskussion von Kobler-Trills Kurzwortbegriff und -definition, wobei Balnat selbst einen recht weiten Kurzwortbegriff vertritt: „Als KW werden nicht nur traditionelle Bildungstypen […] betrachtet, sondern auch graphische Abkürzungen, Klappwörter, Wortkreuzungen und einige Kunstwörter.“ (Balnat 2011:288) Wie schon Michel (2006) plädiert auch Balnat für eine prototypische Definition von Kurzwörtern. Demnach haben prototypische Kurzwörter gewisse Eigenschaften, während nicht-prototypische Kurzwörter nicht alle dieser Kriterien erfüllen (vgl. Balnat 2011:145). Für sein Kurzwortkorpus berücksichtigt Balnat wiederum nur prototypische Kurzwörter. Es ist jedoch festzustellen, dass Balnats Datenauswahl für sein Kurzwortkorpus keine systematische Grundlage zu haben scheint (9). Seine Belege sind eher zur Illustration geeignet und erlauben aufgrund der willkürlichen Datenzusammenstellung aus diversen Quellen keine quantitativen Aussagen zur Frequenz verschiedener Kurzworttypen. Generell fasst Balnat das Untersuchungsfeld seiner Dissertation recht weit. So berücksichtigt er nicht nur entlehnte Kurzwörter, die keine deutsche Vollform haben, sondern auch chatspezifische Kürzungen wie hdl < hab dich lieb, GN8 < Gute Nacht, g < grins und als nichtsprachliche Kurzformen sogar Smileys wie :-). Der Großteil dieser chatspezifischen Kürzungen sind für Balnat allerdings nur Kurzformen und keine Kurzwörter. Diesen Charakteristika der Chatkommunikation widmet er ein ganzes Kapitel seiner Arbeit und hat eigens ein Korpus dazu erstellt, sodass sich letztlich ein nicht geringer Teil der Arbeit nicht mit Kurzwörtern im eigentlichen Sinn, sondern mit einem benachbarten Phänomen beschäftigt. Eine derartige Beschäftigung mit nicht-prototypischen Kurzwörtern und verwandten Phänomenen ist sicher sinnvoll, da gerade die neuen Medien Kommunikationsformen hervorbringen, die ein spannendes und lohnenswertes Untersuchungsfeld darstellen. Nichtsdestotrotz ist ein solches Vorgehen nicht für einen Vergleich mit einer Sprache wie dem Schwedischem geeignet, zu der noch kaum Kurzwortforschung vorhanden ist. Da für das Schwedische zunächst Grundlagen der Kurzwortforschung etabliert werden müssen, sollte sich auch die den Vergleich liefernde deutsche Seite vor allem auf grundsätzliche Fragen und prototypische Kurzwörter konzentrieren.

Trotz der vielen einschlägigen Veröffentlichungen3 zur Kurzwortbildung im Deutschen hat sich bislang keine einheitliche Terminologie herausgebildet, da die einzelnen Autoren das Phänomen der Kurzwortbildung unterschiedlich abgrenzen. So zählen manche Autoren auch Kunstwörter (z.B. Ronneberger-Sibold 1992) und/oder Lehnkurzwörter zur Kurzwortbildung (z.B. Balnat 2011). Während auf ein Morphem gekürzte Kurzwörter wie Ober < Oberkellner für manche Autoren einen eigenen Kurzworttyp darstellen (z.B. für Greule 1992) oder unabhängig davon, dass der gekürzte Teil ein Morphem ist, unter andere Kurzworttypen subsumiert werden (z.B. von Schippan 1963), sind sie für andere Autoren überhaupt kein Bestandteil der Kurzwortbildung (z.B. für Ronneberger-Sibold 1992). Diese Beispiele machen deutlich, dass die Auffassungen einzelner Autoren darüber, was genau Gegenstand der Kurzwortbildung ist, teils erheblich voneinander abweichen. Auch bei der Klassifikation der Kurzworttypen finden sich zum Teil beträchtliche Unterschiede zwischen den Arbeiten verschiedener Verfasser. Obwohl in vielen Arbeiten durchaus Themen wie das Flexionsverhalten oder die Wortbildungsmöglichkeiten von Kurzwörtern angesprochen werden, stehen im Zentrum der Diskussion der deutschsprachigen Kurzwortforschung meist typologische Fragen. Eine empirisch basierte Arbeit, die sowohl phonologische als auch auch grammatische Aspekte näher beleuchtet, war bislang ein Desiderat, das die vorliegende Arbeit erfüllen soll.

2.4.2 Forschung zu schwedischen Kurzwörtern

Wie bereits mehrfach angeklungen ist, hat eine Auseinandersetzung mit der Kurzwortbildung im Schwedischen bisher nur sporadisch stattgefunden. Auch wenn das Phänomen der Kurzwortbildung im Schwedischen weder selten noch unbekannt ist, wird es in Grammatiken und Wortbildungslehren meist nur knapp erwähnt. Oft beschränkt sich diese Erwähnung auch auf bestimmte Kurzworttypen wie Buchstabierwörter, während detaillierte Analysen auf der Grundlage eines systematisch erstellten Korpus ganz fehlen. Zur Schließung dieser Forschungslücke will diese Arbeit beitragen. Auffällig ist im schwedischen Diskurs, dass sich noch immer keine konsequente Differenzierung zwischen Abkürzungen und Kurzwörtern durchgesetzt hat. Häufig werden beide Phänomene – oder zumindest Abkürzungen zusammen mit Akronymen – gemeinsam unter dem Begriff „förkortning“1 behandelt.

Eine frühe Erwähnung finden Kurzwörter in Erik Wellanders Arbeit „En ellipsteori“ von 1921, die sich ausführlich mit Ellipsen beschäftigt, die für Wellander im Grunde ein syntaktisches Phänomen und durch „bortfallet av morfem“2 gekennzeichnet sind (Wellander 1921:31). Von den Kurzworttypen im Sinne dieser Arbeit trifft dies allerdings lediglich auf den Typ der elliptischen Kürzungen zu. Weitere Kurzworttypen werden von Wellander in einer Abgrenzung seiner Ellipsen von weiteren Phänomenen kurz angesprochen. Diese führen teils zu ähnlichen Resultaten wie Ellipsen, sind jedoch durch andere Prozesse entstanden (53). Dazu gehören Kürzungen wie labbis < laboratorium oder städ < städerska ‚Putzfrau‘, die laut Wellander Analogiebildungen zu echten Ellipsen sind (51). Im Gegensatz zu echten Ellipsen handelt es sich bei diesen Analogiebildungen nicht um „en syntaktisk utveckling, mekaniskt betingad av språkets morfologiska struktur“3, sondern um eine Bildung „efter bestämt mönster, gjord med medveten avsikt i bestämt syfte“4 (52). Des Weiteren grenzt Wellander Ellipsen von „rent grafiska förkortningar“5 ab, von denen einige jedoch bereits mündlich realisiert werden wie stins < stationsinspektör ‚Bahnhofsvorsteher‘ und lok < lokomotiv ‚Lokomotive‘, was von Wellander in sprachpflegerischer Absicht kritisiert wird (53). Er beobachtet hier also einen Übergang von einer auf den Schriftgebrauch beschränkten Abkürzung zu einem Kurzwort mit einer eigenen Lautform. Schließlich nennt er noch „andra med medveten avsikt gjorda förkortningar, där stympningen icke är grafiskt betingad utan förefaller vara rent godtyckligt“6 (54), zu denen er Beispiele wie bil < automobil ‚Auto‘ zählt. Wellanders Prognose zu letztgenanntem Phänomen hat sich allerdings nicht erfüllt: „Denna företeelse torde dock knappast spela någon större roll i det moderna språket“7 (54). Auch wenn Wellanders Hauptinteresse nicht Kurzwörtern, sondern Ellipsen gilt, zeigt seine Arbeit, dass bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Schwedischen unterschiedliche Kurzworttypen existierten. Zudem findet sich bereits bei Wellander eine Forderung nach einer ausführlicheren Auseinandersetzung mit verschiedenen Kürzungstypen im Schwedischen: „Monografier över ellipsarter och förkortningstyper t. ex. i svenskan skulle ge intressanta och delvis överraskande resultat, inte minst för den historiska syntaxen.“8 (Wellander 1921:56)

Im zweiten Band von Elias Wesséns „Svensk språkhistoria“, der sich mit Wortbildung beschäftigt (Wessén 1958:19), wird die Kurzwortbildung als Teil der schwedischen Wortbildung aufgeführt. Dabei nennt Wessén den Wortbildungsprozess „ellips“ oder „stympning, d.v.s. förkortning av ett ord utan förändring av dess betydelse“9, die Resultate dieses Prozesses jedoch „kortord“10. Die Beispiele, die er für Kurzwörter angibt, zählen nach der in dieser Arbeit verwendeten Typologie (vgl. Kapitel 2.2) vor allem zu den Kurzwörtern im engeren Sinne; doch auch Silbeninitialwörter, Kürzungskomposita und elliptische Kürzungen sind unter den Belegen. Von diesen Kurzwörtern grenzt Wessén sogenannte „bokstavsord eller initialord“11 ab, die vor allem Organisationen oder Unternehmen bezeichnen und entweder gebunden (z.B. Saco < Sveriges Akademikers Central Organisation ‚Zentralorganisation schwedischer Akademiker‘) oder mit Buchstabennamen (z.B. K.B. < Kungliga biblioteket ‚Königliche Bibliothek‘) ausgesprochen werden.

Speziell zu dem Thema der schwedischen is-Bildungen erschienen mit Inghult (1968) und Blume (1976) zwei Aufsätze. Inghult stellt in seiner Arbeit fest, dass den substantivischen is-Bildungen verschiedene Wortbildungsmuster zugrunde liegen, von denen „ellipsbildningar“12 am häufigsten sind (10). Bei diesen werden mehrsilbige Lexeme bis auf die erste Silbe, die meist ein Morphem ist, bzw. direkt vor dem zweiten Vokal gekürzt und mit -is suffigiert, z.B. spädis < spädbarn ‚Säugling‘ oder biblis < bibliotek. Auf gleiche Weise können auch adjektivische is-Bildungen wie bergis < bergsäker ‚todsicher‘ entstehen. Die entstandenen is-Bildungen sind für Inghult „biformer till bestämda grundord“13 (11). Des Weiteren können is-Wörter durch reine Suffigierungen von ungekürzten Substantiven, Adjektiven oder Verben gebildet werden, was jedoch über den Gegenstand dieser Arbeit hinausgeht. Auch wenn sich Inghults Interesse lediglich auf is-Bildungen beschränkt, liefert seine Arbeit neben einer nützlichen Analyse der Bildungsmuster einen weiteren Beleg dafür, dass der Terminus „ellips“ im Schwedischen für einen an der Wortbildung beteiligten Kürzungsvorgang verwendet wird. Herbert Blumes Betrachtung der schwedischen is-Bildungen (Blume 1976) geht dagegen über die Wortbildung hinaus und legt den Schwerpunkt auf die Frage nach dem zeichentheoretischen Status des Suffixes -is, ohne sich zu Fragen der Kurzwortterminologie zu äußern.

Nach Wellander (1921), der ja im Grunde nur elliptische Kürzungen mitbehandelt, sind die Arbeiten von Christer Laurén bis heute die ausführlichsten Texte zur schwedischen Kurzwortbildung. Laurén beschäftigt sich zunächst in der 1972 erschienenen Arbeit „Initialord i svenskan“ mit „initialord“14, die aus Initialen einer längeren Form gebildet werden. Schon zu Beginn seiner Arbeit findet sich der Hinweis: „Terminologien i samband med detta slag av ordbildning är inte helt stadgad. Avgränsningen av initialord är inte heller klar.“15 (3) Für Laurén selbst sind Initialwörter eine Untergruppe der „förkortningar“16; der Terminus „akronym“ bezieht sich hingegen auf Initialwörter mit gebundener Aussprache und ist kein Oberbegriff, sondern ein Untertyp der Initialwörter (3). Schließlich werden Initialwörter unter diversen Aspekten wie Rechtschreibung, Aussprache und diversen grammatischen Gesichtspunkten betrachtet.

Von größerer Relevanz für die schwedische Kurzwortforschung ist jedoch Lauréns 1976 veröffentliche Arbeit „Ellips, teckenfunktion och språklig ekonomi. En studie i svensk ordbildning“17. Darin weitet Laurén seinen Untersuchungsgegenstand auf Kurzwörter im Allgemeinen aus und setzt sich auch mit typologischen und terminologischen Fragen auseinander. Nach einer Abgrenzung von Kurzwörtern in seinem Sinne von anderen Phänomenen beschäftigt sich Laurén vor allem mit Sprachökonomie und den Gründen, die zur Entstehung von Kurzwörtern führen, ehe er die von ihm unterschiedenen Kurzworttypen ausführlich diskutiert. Dabei verwendet er unterschiedliche Bezeichnungen für verschiedene Kürzungsprozesse und deren Resultate. Als Oberbegriff für sämtliche Kurzwörter wählt Laurén „kortord“18; den Prozess, der zu diesen führt, bezeichnet er als „ellips“ (291)19. An Kürzungsvorgängen werden „initial“, „medial“, „final reduktion“20 sowie Kombinationen dieser drei Kürzungstypen (z.B. säpo < säkerhetspolisen ‚schwedischer Nachrichtendienst, wörtl. Sicherheitspolizei‘) unterschieden. Die Unterscheidung basiert darauf, ob der Anfang (z.B. cykel < bicykel ‚Fahrrad‘), die Mitte (z.B. kemtvätt < kemisk tvätt ‚chemische Reinigung‘) oder das Ende der Vollform gekürzt wird (z.B. el < elektricitet). Als weiteren Kürzungstypen führt Laurén „radikal reduktion“21 (318ff.) an, der zur Bildung von Initialwörtern führt. Bei der Benennung der Kürzungs­produkte unterscheidet Laurén zunächst grob zwischen „initialord“22 und „(övriga) kortord“23 (291) und weist ausdrücklich darauf hin, dass Initialwörter für ihn ein Untertyp der Kurzwörter sind. Ein Untertyp der Initialwörter sind wiederum „uttalbara initialord (ofta kallade akronymer)“24 (319). Auch die durch „medial reduktion“25 gebildeten Kurzwörter als Wortbildungsprodukte werden noch weiter differenziert. Im Hinblick auf die Bildungsweise handelt es sich dagegen um eine relativ undifferenzierte Kategorie, in der diverse Phänomene wie gebundene Kürzungen, Kürzungskomposita, Klammerformen, Kunstwörter und Wortkreuzungen zusammengefasst werden, wobei die drei zuletzt genannten Gruppen keine Kurzwörter im Sinne dieser Arbeit sind (vgl. Kap. 2.3).

Lauréns Terminologie ist in Tabelle 14 zusammengefasst. Darin werden auch die in dieser Arbeit verwendeten deutschen Entsprechungen der Begriffe angegeben, wobei diejenigen Termini, die keine Kurzwörter im Sinne dieser Arbeit sind, in der Spalte mit den deutschen Begriffen eingeklammert sind.


BildungsweiseResultatdeutsche Entsprechung
ellipskortordKurzwortbildung, Kurzwörter
initial reduktionkortordEndwörter, elliptische Kürzungen
medial reduktiongebundene Kürzungen, diskontinuierliche Kurzwörter, (Klammerformen), (Kunstwörter), (Wortkreuzungen), Kürzungskomposita
final reduktionkortordKopfwörter, elliptische Kürzungen
kombinationer av olika reduktionerkortordSilbeninitialwörter, Rumpfwörter, Mischkurzwörter
radikal reduktioninitialord, akronymerBuchstabierwörter, Lautinitialwörter

Tabelle 14: Typologie schwedischer Kurzwörter nach Laurén 1976 mit deutschen Entsprechungen

Mit der Verwendung von nicht zusammenhängenden Termini für Kürzungsvorgang und -produkt folgt Laurén zwar Wessén (1958), der auch von Ellipse als Prozess und Kurzwort als Resultat spricht. Problematisch ist bei diesem Vorgehen jedoch, dass kein erkennbarer Zusammenhang zwischen den Begrifflichkeiten für Vorgang und Resultat existiert. Der Zusammenhang zwischen Ellipse und Kurzwort erschließt sich weit weniger intuitiv als derjenige zwischen Kurzwortbildung und Kurzwort, weshalb in dieser Arbeit Letzteres bevorzugt wird. Außerdem bringt diese Art von doppelter Terminologie eine weitere Aufblähung des terminologischen Apparats mit sich, was angesichts des Strebens nach einer schlanken Terminologie nicht sinnvoll erscheint.

Im Unterschied zu Laurén befasst sich die Veröffentlichung der Tekniska Nomenklaturcentralen (TNC) „Om teknikens språk“ von 1977 nicht ausschließlich mit Kurzwörtern, sondern generell mit der Fachsprache der Technik. In dem Teil zur Wortbildung werden jedoch Kurzwörter neben anderen Wortbildungsverfahren unter „ellips“ aufgeführt (45–48). Anders als bei Laurén (1976) ist hier Ellipse sowohl der Terminus für den Wortbildungsprozess als für auch das Resultat dieses Prozesses. In einer knappen Darstellung werden vier verschiedene Typen von Ellipsen unterschieden: Unter „typerna el och bil“ werden Beispiele für Kopf- und Endwörter, gebundene Kürzungen und Kürzungskomposita angeführt. Als weitere Typen werden Akronyme, Klammerformen und „teleskop­ord27“, d.h. Wortkreuzungen genannt, wobei Klammerformen und Wortkreuzungen in der vorliegenden Arbeit nicht zu den Kurzwörtern gerechnet werden. Akronyme oder „initialord“28 werden bei TNC als Synonyme gesehen und folgendermaßen definiert: „Man menar därmed ord som bildas av initialerna eller några av de första bokstäverna i ord eller sammansättningsleder som följer på varandra“29 (Tekniska Nomenklaturcentralen 1977:47). Unter den angeführten Beispielen finden sich jedoch nicht nur Akronyme im Sinne dieser Arbeit, sondern auch Lehnkurzwörter, Kunstwörter und diskontinuierliche Kurzwörter (z.B. milo < militärområde ‚Militärgebiet‘). Tabelle 15 veranschaulicht die Einteilung der Kurzworttypen bei TNC und ihre deutschen Entsprechungen. Auch hier sind diejenigen Begriffe, die keine Kurzwörter im Sinne dieser Arbeit bezeichnen, eingeklammert. Ein Vergleich mit Tabelle 14 zeigt, dass es bis auf die Begriffe „ellips“ für Kurzwörter allgemein und „teleskopord“30 bei der Einteilung und Terminologie keine Gemeinsamkeiten zwischen Laurén und TNC gibt.


Kurzworttypdeutsche Entsprechung
typerna el och bilKopfwörter, Endwörter, Rumpfwörter, diskontinuierliche Kurzwörter, gebundene Kürzungen, Kürzungskomposita
klammerformer(Klammerformen)
akronymer/initialordBuchstabierwörter, Lautinitialwörter, (Lehnkurzwörter), diskontinuierliche Kurzwörter, Mischkurzwörter, (Kunstwörter)
teleskopord(Wortkreuzungen)

Tabelle 15: Typologie schwedischer Kurzwörter nach Tekniska Nomenklaturcentralen 1977 mit deutschen Entsprechungen

Noch mehr terminologische Verwirrung stiftet die Arbeit von Stig Eliasson, die bei der Betrachtung eines phonologischen Prozesses – einer Konsonantengemination bei schwedischen Hypokorismen und manchen Kurzwörtern – das Thema Kurzwortbildung am Rande streift. Zum Phänomen der Kurzwortbildung heißt es dort: „stympning (även kallad reduktion, kortning eller ellips; om man mer vill rikta uppmärksamheten på den bevarade sekvensen, skulle man alternativt kunna tala om extrahering)“31 (Eliasson 1979:342). Für die Kürzungsprodukte fallen die Begriffe „ellipsord (stympord, reduktionsord eller kort­ord)“32 (343). Eliassons Formulierungen zeigen deutlich, dass im Schwedischen zu jenem Zeitpunkt keine etablierte Kurzwortterminologie vorhanden war, woran sich bis heute allerdings kaum etwas geändert hat.

Ein Beispiel für die terminologische Verquickung von Abkürzungen und Kurzwörtern liefert Sigurd (1979). In dem Aufsatz „Förkortningarna och det moderna samhället“ diskutiert Bengt Sigurd unter dem Begriff „förkortning“33 sowohl auf die Schrift beschränkte Abkürzungen als auch Buchstabierwörter und Lautinitialwörter. Dabei zeigt er durchaus ein Bewusstsein dafür, dass zwischen Abkürzungen und Kurzwörtern ein Unterschied besteht, da er „initialförkortningar eller akronymer“34 (5) gesondert erwähnt. Dennoch werden beide Phänomene auch im empirischen Teil, einer Frequenzuntersuchung, unter dem Begriff „förkortningar“ zusammengefasst, was die Empirie für die Kurzwortdiskussion quasi unbrauchbar macht, da nicht nachvollziehbar ist, welcher Anteil an Sigurds Abkürzungen auf Kurzwörter entfällt. Kurzwörter im engeren Sinne, also Kopfwörter, Endwörter und diskontinuierliche Kurzwörter, finden bei Sigurd dagegen keine Erwähnung. Kürzungskomposita wie i-land < industriland ‚Industrieland‘ werden als Kompositum einer Initialkürzung mit einem gewöhnlichen Lexem analysiert (6). Für Sigurd gehören zu den „förkortningar“35 also Abkürzungen und einige Kurzworttypen im Sinne der vorliegenden Arbeit, während andere nicht darunter fallen, was einmal mehr zeigt, dass ein einheitliches Verständnis der Begrifflichkeiten in der schwedischen Kurzwortforschung noch aussteht.

Auch in dem von Ralf Svenblad herausgegebenen „Norstedts förkortnings­ordbok“, das 1998 in der ersten und 2003 in der zweiten Auflage erschien, wird weder im einleitenden Text noch im Register zwischen Abkürzungen und Kurzwörtern differenziert. Unabhängig von der Aussprache unterscheidet Svenblad zwischen „avbrytningar“36 wie uppl. < upplaga ‚Auflage‘, „sammandragningar“37 wie ngt < något ‚etwas‘ und „initialförkortningar/akronymer“38 wie BVC < barnavårdscentral ‚Kinderfürsorgeamt‘ (Svenblad 2003:XI). Kürzungskomposita werden hier nicht als eigener Kürzungstyp, sondern als Komposita aus einer „initialförkortning“ und einem weiteren Lexem analysiert (XIII).

Einer der wenigen schwedischen Texte, der eine Differenzierung zwischen auf die Schrift begrenzten Abkürzungen und auch mündlich realisierbaren Kurzwörtern enthält, sind die von Språkrådet herausgegebenen „Svenska skrivregler“39. Allerdings unterscheidet sich auch hier die Einteilung von der in der deutschen Kurzwortforschung üblichen. Als Arten von „förkortningar“40 werden wie in „Nordstedts förkortningsordbok“ „avbrytningar“41 und „sammandragningar“42, die nur im schriftlichen Sprachgebrauch vorkommen, sowie „initialförkortningar“43, die schriftlich und mündlich realisiert werden können, unterschieden. Bei den Initialabkürzungen wird weiter zwischen einer Aussprache nach Buchstabennamen und einer phonetisch gebundenen Aussprache differenziert (Språkrådet 2008:142f.). Eine eigene Lautform haben daneben auch „kortord“44 wie temp < temperatur, die aus ursprünglich reinen Schriftkürzungen hervorgegangen sind. „Förkortningen har då blivit ett vanligt ord, ett kortord.“45 (141) Kurzwörter im engeren Sinne werden hier also deutlich von Akronymen abgegrenzt. Obwohl letztere auch eine eigene Aussprache aufweisen und dekliniert werden können, wird ihnen ein geringerer Wortcharakter zugestanden als Kurzwörtern im engeren Sinne, und sie werden mit den Abkürzungen gruppiert. Diese Einteilung wird in Tabelle 16 veranschaulicht.


förkortningkortord
avbrytningsammandragninginitialförkortning

Tabelle 16: Typologie schwedischer Kurzwörter nach Svenska skrivregler 2008

Eine kontrastive Ausrichtung in der schwedischen Kurzwortforschung findet sich erstmals bei Nübling (2001). In Ermangelung einer etablierten schwedischen Terminologie stützt sich Damaris Nüblings Vergleich von deutschen und schwedischen Kurzwörtern auf die deutsche Kurzwortforschung und lehnt sich im Hinblick auf die Kurzworttypologie an Ronneberger-Sibold (1992) an. In Nüblings Artikel werden viele interessante Aspekte der Kurzwortbildung thematisiert; ein besonderer Schwerpunkt liegt neben einer Vorstellung der verschiedenen Kurzworttypen auf phonologischen Eigenschaften deutscher und schwedischer Kurzwörter. Dabei weist Nübling wiederholt darauf hin, dass im Hinblick auf eine eingehendere Untersuchung schwedischer Kurzwörter eine Forschungslücke besteht (z.B. Nübling 2001:196), zu deren Schließung die vorliegende Arbeit beiträgt. Eine Diskussion schwedischer Kurzwörter in einem skandinavistischen Rahmen bieten Nübling/Duke (2007). Janet Duke und Damaris Nübling diskutieren hier Kurzwörter im Schwedischen, Dänischen, Norwegischen und Isländischen, wobei für keine der genannten skandinavischen Sprachen bislang eine systematische Kurzwortforschung existiert. Eine empirisch fundierte Kurzwortanalyse ist also für alle skandinavischen Sprachen ein Forschungsdesiderat.

Schließlich existieren zwei von Nübling (2001) inspirierte Abschlussarbeiten vom Anfang dieses Jahrtausends, die schwedische Kurzwörter ebenfalls aus einem kontrastiven Blinkwinkel diskutieren. Lemey (2002) beschäftigt sich vor allem mit deutschen und niederländischen Kurzwörtern, zieht jedoch immer wieder auch englische und schwedische Kurzwörter heran und kommt zu der Schlussfolgerung, dass niederländische Kurzwörter „im Hinblick auf strukturelle und morphologische Eigenschaften eine Zwischenposition zwischen deutschen und schwedischen Kurzwörtern“ (87) einnehmen. Wahl (2002) untersucht dagegen deutsche und schwedische Kurzwörter, die sie ebenfalls anhand deutscher Typologien klassifiziert und anschließend unter verschiedenen Aspekten diskutiert. Als einer der ersten Schritte beim Vergleich deutscher und schwedischer Kurzwörter ist die Arbeit von Gisela Wahl und die von ihr zusammengetragene Belegsammlung sehr hilfreich, auch wenn für eine intensivere schwedische Kurzwortforschung nach wie vor systematisch erstellte Korpora nötig sind, die einen detaillierteren Vergleich mit dem Deutschen ermöglicht. Dazu will die vorliegende Arbeit beitragen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Menge der Diskussionsbeiträge über schwedische Kurzwörter relativ gering ist und deutlich weniger Arbeiten existieren, die sich explizit mit Kurzwortbildung befassen, als dies für das Deutsche der Fall ist. Hinzu kommt, dass die wenigsten Arbeiten das gesamte Kurzwortphänomen, wie es in dieser Arbeit verstanden wird, im Blick haben. Häufig wird von vornherein nur ein Kurzworttyp betrachtet (z.B. Pseudoableitungen bei Inghult 1968 und Blume 1976 oder elliptische Kürzungen bei Wellander 1921), oder die Darstellung der Kurzwortbildung wird auf wenige Typen verkürzt (z.B. bei Kjellin 2005 auf Akronyme). Auch wenn die Kurzworttypologie im Deutschen nicht einheitlich ist, wie in Kapitel 2.4.1 erläutert wurde, herrscht im Vergleich zum Schwedischen dennoch eine relativ große Einigkeit über gewisse Grundbegriffe. So ist die im Deutschen übliche Abgrenzung von Abkürzungen und Kurzwörtern aufgrund des Kriteriums der eigenen Aussprache im Schwedischen nicht etabliert. Häufig wird „förkortning“46 als Oberbegriff für sowohl Abkürzungen als auch Kurzwörter gebraucht, teils sind mit diesem Begriff aber auch nur Abkürzungen und Akronyme bzw. wenige Kurzworttypen gemeint. Wenn der Begriff „kortord“47 überhaupt verwendet wird, bezeichnet er häufig nur Kurzwörter im engeren Sinne und wird „initialord“48 gegenübergestellt (so z.B. bei Josefsson 2001:64 oder Hultman 2003:34f.).49 Dass „kortord“ das gesamte Spektrum an Kurzworttypen abdeckt wie der deutsche Terminus „Kurzwörter“, kommt kaum vor. Als Besonderheit der schwedischen Diskussion ist weiter zu nennen, dass immer wieder der Begriff „ellips“ für das Phänomen der Kurzwortbildung verwendet wird (z.B. auch bei Malmgren 1994:72f.). Teils wird damit nur der Kürzungsprozess bezeichnet, teils aber auch die Resultate dieser Kürzung. Doch auch wenn die Rede von „ellips“ ist, herrscht bei den verschiedenen Autoren keine Einigkeit darüber, welche Kurzworttypen dazu gezählt werden.

Aus diesem Grund wird bei der vorliegenden Arbeit auf die im Vergleich zum Schwedischen doch recht homogene Terminologie der deutschen Kurzwortforschung zurückgegriffen und diese auch auf die schwedischen Belege ange­wendet. Abschließend werden in Tabelle 17 die in der schwedischen Literatur am häufigsten verwendeten Termini für Kurzwörter oder einzelne Kurzworttypen samt ihren deutschen Übersetzungen aufgeführt.


schwedischer Terminusdeutsche Übersetzung
ellipsEllipse
förkortningAbkürzung
initialord/initialförkortningInitialwort/Initialkürzung
akronymAkronym
kortordKurzwort
avbrytningUnterbrechung
teleskopordWortkreuzung
klammerformKlammerform

Tabelle 17: Termini der schwedischen Kurzwortforschung

Dass die konkreten Inhalte der einzelnen Begriffe bei der Verwendung durch unterschiedliche Autoren nicht zwangsläufig deckungsgleich sein müssen, dürfte in diesem Unterkapitel deutlich geworden sein. Auch wenn „Kurzwort“ die Übersetzung des schwedischen „kortord“ ist, können wie oben ausgeführt beträchtliche Unterschiede hinsichtlich des Bedeutungsumfangs bestehen.

3. Vorgehensweise und erste Ergebnisse

Für mehrere Arbeiten zur Kurzwortbildung im Deutschen wurden bereits empirische Kurzwortdaten erhoben (vgl. beispielsweise Kobler-Trill 1994, Ronneberger-Sibold 1992 oder Steinhauer 2000), was unabdingbar ist, wenn der tatsächliche Sprachgebrauch im Hinblick auf dieses Phänomen untersucht werden soll. Leider existieren für das Schwedische hingegen keine größeren Untersuchungen dieser Art, weshalb Damaris Nübling an verschiedenen Stellen ausdrücklich Analysen schwedischer Kurzwörter auf Grundlage einer größeren Datenmenge fordert, beispielsweise in Nübling (2001:196): „Auch hier wären eingehendere Untersuchungen vonnöten, ebenso was die Quantität von Kurzwörtern betrifft.“ Die vorliegende Arbeit liefert nun eine derartige größere Datenbasis, auf deren Grundlage dann vergleichende Aussagen über Kurzwörter im Deutschen und Schwedischen – auch in quantitativer Hinsicht – getroffen werden können.

Daher wurden für das Deutsche und das Schwedische je zwei Korpora erstellt. Dabei handelt es sich jeweils um ein Korpus aus Zeitungsdaten, das das Kernkorpus darstellt, sowie um eine Belegsammlung aus Wörterbuchdaten, die als Kontrollkorpus fungiert. Die Vorgehensweise bei der Erstellung der Korpora sowie erste Ergebnisse in Form der Häufigkeiten unterschiedlicher Kurzworttypen in den Untersuchungssprachen sollen im Folgenden kurz erläutert werden.

3.1 Zeitungskorpora

Die Datengewinnung erfolgte in zwei Schritten: Aus deutschen und schwedischen Tageszeitungen wurde je ein Zeitungskorpus erstellt, anhand dessen die tatsächliche Verwendung von Kurzwörtern im Sprachgebrauch untersucht werden konnte. Zusätzlich wurden aus deutschen und schwedischen Wörterbuchdaten Belegsammlungen erstellt, die als Kontrollkorpora dienen sollen (siehe Kapitel 3.2). Dass die Datengrundlage für die Kernkorpora aus Zeitungstexten besteht, hat mehrere Gründe. Zeitungstexte können als Abbild des gegenwärtigen Sprachgebrauchs angesehen werden, in dem sich auch aktuelle sprachliche Entwicklungen erkennen lassen (vgl. Ptashnyk 2009:4f.). Sie sind in der Regel in der Standardsprache abgefasst und somit variantenübergreifend, d.h. sie verzichten weitgehend auf reine fach- oder gruppensprachlichen Merkmale und Dialektgebrauch. Des Weiteren zeichnet sie eine thematische Vielfalt aus, wodurch die Gefahr vermindert wird, dass Belege eines bestimmtes Wortfeldes überrepräsentiert sind.

Allerdings ist die Frequenz mancher Kurzworttypen registerspezifisch. So werden wie bereits erwähnt manche Kurzworttypen wie Silbeninitialwörter oder Pseudoableitungen überwiegend in der mündlichen Kommunikation gebildet und sind daher in Zeitungstexten weniger häufig zu finden. Eine Untersuchung anderer Textsorten oder Kommunikationsformen wie z.B. von Chat oder gesprochener Sprache würde hinsichtlich der Frequenz dieser Kurzworttypen sicher zu etwas anderen Ergebnissen führen. Trotz dieser Einschränkung gilt, dass die Zeitungssprache für die Zwecke der vorliegenden Arbeit und die erstmalige systematische Betrachtung schwedischer Kurzwörter aufgrund der oben angeführten Vorteile meiner Meinung nach am besten geeignet ist.

Für die Zeitungskorpora der vorliegenden Untersuchung wurden die Süddeutsche Zeitung (SZ) und Dagens Nyheter (DN) als deutsche bzw. schwedische überregionale Tageszeitung mit hohem Verbreitungsgrad ausgewählt.1 Da sich die durchschnittlichen Ausgaben der Süddeutschen Zeitung und von Dagens Nyheter in ihrer Textmenge stark unterscheiden2, wurden 12 Ausgaben der SZ und 24 Ausgaben der DN ausgewertet, um in beiden Untersuchungssprachen ein ähnlich großes Textvolumen zu erreichen. Sämtliche analysierten Zeitungsausgaben stammen aus dem Mai 2010. Bei der Auswertung wurden nach der in Kapitel 2.3 dargelegten Abgrenzung sämtliche Kurzwörter inklusive Eigennamen erfasst, die in sämtlichen Artikeln, Überschriften, Bildunterschriften, Leserbriefen sowie zum Text gehörigen Tabellen der gesamten untersuchten Zeitungsausgabe vorkamen. Nicht berücksichtigt wurde lediglich der Text von Werbeanzeigen, Fernseh- und Radioprogrammen, Rätseln und Comics. Innerhalb jedes Teilkorpus wurden das jeweilige Kurzwort, seine Vollform sowie weitere relevante Informationen, etwa zu Wortart, Silbenzahl, Silbenstruktur, Pluralbildung etc. erfasst. Die Auswertung der Daten erfolgte in einer Tabellenkalkulation.

Als Grundlage für Aussagen über Häufigkeiten von Kurzwörtern und einzelnen Kurzworttypen wurde die gesamte Textmenge jedes Korpus in einer Hochrechnung überschlägig ermittelt. Dazu wurde je Zeitung – also für die Süddeutsche Zeitung und Dagens Nyheter – die Wortmenge einer gesamten Ausgabe gezählt und durch die Zahl der Textseiten dieser Ausgabe geteilt. Die somit ermittelte Zahl der Textwörter pro Zeitungsseite wurde mit der Anzahl der gesamten Textseiten für alle untersuchten Ausgaben multipliziert. Dadurch ergibt sich eine gesamte Menge von ca. 970000 Wörtern Zeitungstext für das Deutsche und von ca. 880000 Wörtern für das Schwedische. Im Vergleich zu anderen Korpora, die teilweise mehrere Millionen Textwörter umfassen, ist dies offensichtlich eine relativ geringe Menge. Dabei ist allerdings zu beachten, dass verschiedene Kurzwörter derart unterschiedliche Strukturen aufweisen können, dass die Suche nach Belegen in den Zeitungstexten nicht durch elektronisches Filtern durchgeführt werden konnte. Auf diese Weise hätte lediglich nach bereits bekannten Belegen gesucht werden können; neue, noch nicht erfasste Kurzwörter wären dabei allerdings unentdeckt geblieben. Um möglichst alle vorhandenen Kurzwortbelege extrahieren zu können, blieb eine manuelle Durchsicht der Texte die einzige Möglichkeit. Dieser hohe Aufwand diktierte die Grenzen des Umfangs dieser Korpora.3

Manche Kurzwörter wie dt. Auto < Automobil oder schwed. bil < automobil ‚Auto‘ sind in den untersuchten Zeitungstexten sehr häufig. Um zwischen den einzelnen Vorkommen eines bestimmten Kurzworts und dem Kurzwortlexem an sich unterscheiden zu können, wurde bei der Erfassung der Kurzwortbelege zwischen Types und Tokens unterschieden. Auto beispielsweise ist demnach ein Type, der im deutschen Zeitungskorpus in Gestalt von 278 Tokens vorkommt. In den untersuchten Ausgaben der Süddeutschen Zeitung wurden insgesamt 5945 Tokens Kurzwortbelege gefunden, die sich auf 449 unterschiedliche Types verteilen. Jeder Type kommt also im Schnitt 13 Mal vor. Setzt man die Menge der Kurzworttokens in Beziehung zu der geschätzten gesamten Wortzahl der deutschen Zeitungsausgaben, so ergibt sich, dass 0,61 % des deutschen Textvolumens aus Kurzwörtern besteht. Geringfügig höher ist die Menge der Kurzwörter in Dagens Nyheter. Hier enthält der Zeitungstext 6469 Kurzworttokens, was 0,74 % der Textmenge entspricht. Die schwedischen Tokens verteilen sich auf 384 Types; der einzelne schwedische Type ist also mit durchschnittlich knapp 17 Vorkommen etwas häufiger als sein deutsches Pendant. Diese Zahlen zeigen, dass sich der Anteil von Kurzwörtern im Zeitungstext in beiden Sprachen mit weniger als einem Prozent des Textvolumens auf einem ähnlichen Niveau bewegt.

Auffällig ist der hohe Anteil an Eigennamen unter den Kurzwortbelegen in beiden Sprachen, ganz besonders allerdings im Deutschen, wo Eigennamen sogar die Mehrheit der Zeitungsbelege ausmachen. 66,78 % der Belege aus der Süddeutschen Zeitung sind Eigennamen wie GEZ < Gebühreneinzugszentrale, lediglich ein Drittel der deutschen Zeitungsbelege ist den Appellativa zuzurechnen. Die Appellativa unter den Kurzwörtern spielen also im Sprachgebrauch der untersuchten deutschen Zeitungstexte verglichen mit den Eigennamen eine untergeordnete Rolle und stellen bezogen auf den gesamten deutschen Zeitungstext nur 0,2 % der Wörter. Bei den schwedischen Daten ist dagegen das Verhältnis zwischen Appellativa und Eigennamen etwas ausgewogener: Die knappe Mehrheit der schwedischen Zeitungsbelege sind Appellativa, die folglich 0,38 % des gesamten Zeitungstexts ausmachen. Durch Kurzwortbildung gebildete Eigennamen sind in den schwedischen Zeitungstexten zwar seltener als in den deutschen, dennoch entfällt knapp die Hälfte der erfassten schwedischen Kurzwortbelege auf Eigennamen wie ABF < Arbetarnas Bildningsförbund ‚Bildungsverband der Arbeiter‘. Da Eigennamen unter den Kurzwörtern also offensichtlich eine wichtige Rolle spielen, wird im Verlauf dieser Arbeit immer wieder gesondert auf Eigennamen eingegangen werden, auch wenn der Schwerpunkt der Untersuchung wie in Kapitel 2.3 erläutert auf Appellativa liegt. Tabelle 18 veranschaulicht die genaue Verteilung von Appellativa und Eigennamen in den beiden Zeitungskorpora.


KorpusWortschatzbereichprozentuale HäufigkeitTokensTypes
deutsches ZeitungskorpusAppellativa33,22 %1975161
Eigennamen66,78 %3970288
schwedisches ZeitungskorpusAppellativa51,62 %3339180
Eigennamen48,38 %3130204

Tabelle 18: Verteilung von Appellativa und Eigennamen in den Zeitungskorpora

Kobler-Trill (1994:154ff.) ermittelt in ihrer Arbeit für verschiedene Zeitungsjahrgänge eine sogenannte Kurzwortdichte, einen Quotienten, der die Zahl der Kurzwörter auf 1000 Wörter Zeitungstext angibt, wobei Kobler-Trill sich in ihrer Korpusuntersuchung auf Akronyme und Kürzungskomposita beschränkt und die Kurzwörter i.e.S. sowie einen Großteil der Kurzwortypen aus der Gruppe der Sonderfälle außer Acht lässt. Der von ihr ermittelte Quotient bewegt sich für ihre Auswertungen von Zeitungstexten aus dem Jahr 1989 je nach untersuchter Zeitung und Zeitungsteil zwischen 10,7 und 22,6. Rechnet man meine Ergebnisse aus der SZ auf Kobler-Trills Quotienten um, erhält man lediglich eine Kurzwortdichte von 6,13. Dieses Ergebnis ist zunächst überraschend, da nicht davon auszugehen ist, dass der Kurzwortgebrauch zwischen 1989 und 2010 stark abgenommen hat. Eine Erklärung für die Diskrepanz könnte zum einen darin liegen, dass sich Kobler-Trill nicht auf deutsche Kürzungen beschränkt, sondern auch Lehnkurzwörter aus anderen Sprachen wie engl. Nato < North Atlantic Treaty Organization und Laser < Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation in ihr Korpus aufgenommen hat, die zum Teil sehr frequent sind. Des Weiteren beziehen sich Kobler-Trills Zahlen nicht auf gesamte Zeitungsausgaben, sondern lediglich auf bestimmte ausgewählte Seiten wie Titelblatt, Wirtschafts- und Sportteil (150). Da in der vorliegenden Arbeit hingegen ganze Zeitungsausgaben ausgewertet wurden, gehen in mein Korpus auch Zeitungsteile wie das Feuilleton ein, die tendenziell eine sehr geringe Menge an Kurzwörtern aufweisen und somit die Gesamtfrequenz an Kurzwörtern senken. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auf Grund unterschiedlicher Ansätze zur Abgrenzung des betrachteten Phänomens und der unterschiedlichen Materialauswahl die Vergleichbarkeit der beiden deutschen Korpora leider sehr begrenzt ist. Für das Schwedische existiert meines Wissens bislang kein systematisch er­stelltes Kurzwortkorpus, mit dem ein Vergleich hätte vorgenommen werden können.

Wie sich im Folgenden zeigen wird, sind die einzelnen Kurzworttypen in den Kurzwortkorpora unterschiedlich stark vertreten. Daher lag es nahe, eine Unterscheidung zwischen gebräuchlichen und weniger gebräuchlichen Kurzworttypen vorzunehmen, um sich in den Analysen dieser Arbeit vor allem den gebräuchlichen Kurzworttypen widmen zu können, was in der bisherigen deutschen Kurzwortforschung noch keine Tradition hat. Zunächst wurde die Anwendbarkeit klassischer Verfahren der Korpuslinguistik wie der Produktivitätsberechnung nach Baayen (1992) oder der Ermittlung von Type-Token-Verhältnissen untersucht. Diese führen jedoch zu keinen verwertbaren Ergebnissen, was im Folgenden kurz skizziert werden soll. Mit Hilfe der Produktivitätsberechnung sollte die Wahrscheinlichkeit ermittelt werden, mit der Neubildungen nach dem untersuchten Wortbildungsmuster entstehen, wobei im vorliegenden Fall einzelne Kurzworttypen wie Buchstabierwörter, Kopfwörter und Endwörter als unterschiedliche Wortbildungsmuster aufgefasst werden. Hintergrund ist folgende Annahme: Entfallen bei einem Kurzworttyp viele Tokens auf nur wenige Types, ist davon auszugehen, dass es sich um etablierte Lexeme handelt, die „eine gewisse Formelhaftigkeit aufweisen“ (Scherer 2006:37) und dass kaum neue Bildungen nach diesem Muster gebildet werden. Finden sich unter den Types eines Wortbildungsmusters hingegen viele selten belegte Bildungen, ist es wahrscheinlich, dass das entsprechende Muster von Sprechern produktiv zur Bildung neuer Belege eingesetzt wird. Eine zentrale Rolle kommt dabei Hapax legomena zu, also Types, die nur ein einziges Mal im Korpus belegt sind. „Je höher der Anteil der Einmalbelege, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Muster Neubildungen hervorbringt.“ (Scherer 2006:37) In seiner zentralen Arbeit zu morphologischer Produktivität leitet Baayen (1992:115) die Formel her, mit der die Produktivität eines Wortbildungsmusters berechnet werden kann:

P = n1/N 4

P „expresses in a very real sense the probability that new types will be encountered when the item sample is increased.“ (Baayen 1992:115) Damit soll P ein Instrument darstellen, mit dem unabhängig von der tatsächlichen Anzahl von im Korpus belegten Types zwischen produktiven und unproduktiven Mustern unterschieden werden kann (117). P stellt jedoch keinen absoluten Wert in dem Sinne dar, dass man ab einem bestimmten Wert für P von der Produktivität eines Wortbildungsmusters ausgehen könnte. Stattdessen muss der ermittelte Wert immer zu den für andere Wortbildungsmuster ermittelten Werten in Relation gesetzt werden, um letztlich Aussagen darüber treffen zu können, ob ein bestimmtes Muster produktiv ist.

Bereits Baayen selbst weist allerdings auf Grenzen seines Verfahrens hin: So wird P bei sehr großen Datenmengen mit einer sehr hohen Zahl von Tokens immer kleiner und tendiert allmählich gegen Null, da die Wahrscheinlichkeit, noch nicht belegte Bildungen zu finden, immer geringer wird. Doch auch sehr kleine Datenmengen können problematisch sein. Ist ein Wortbildungsmuster nur in Gestalt weniger Tokens vertreten, worunter einige Hapax legomena sind, kann der Wert für P vergleichsweise hoch ausfallen, was jedoch in diesem Fall nicht zwangsläufig ein Zeichen für echte Produktivität ist. Bei einer nur geringen Belegzahl kann das Vorhandensein von Hapax legomena auf Zufall beruhen, oder die Hapax legomena können statt Neubildungen auch veraltete Lexeme sein, die nur noch selten gebraucht werden.

Die Berechnung der Produktivitätswerte (P-Werte) für die Belege meiner Zeitungskorpora führte zu widersprüchlichen Resultaten, die in den Tabellen 19 und 20 aufgeführt sind. Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass diese Verhältnisse nicht die sprachliche Realität abbilden. Laut dieser Ergebnisse sind etwa deutsche Endwörter doppelt so produktiv wie Kopfwörter, und die sehr seltenen gebundenen Kürzungen sind der produktivste deutsche Kurzworttyp. Tatsächlich sind Buchstabierwörter einerseits viel frequenter und andererseits deutlich leichter zu bilden als die gebunden ausgesprochenen Lautinitialwörter, da sie deutlich weniger Restriktionen unterliegen. Dennoch haben deutsche Lautinitialwörter laut dieser Ergebnissen eine vier Mal so hohe Produktivität wie Buchstabierwörter. Im Schwedischen sind gemäß den ermittelten Werten Lautinitialwörter am produktivsten, während Buchstabierwörter nahezu völlig unproduktiv sind. Der Grund dafür, dass diese Ergebnisse nicht verwertbar sind, dürfte in den teilweise sehr geringen Belegzahlen zu suchen sein. Geringe Belegzahlen eines Wortbildungsmusters scheinen das Verfahren zur Produktivitätsberechnung unzuverlässig und äußerst anfällig für Zufälligkeiten zu machen. So erzielen gerade besonders schwach belegte Kurzworttypen wie deutsche Endwörter oder schwedische Rumpfwörter ungewöhnlich hohe Produktivitätswerte, da sich das Vorhandensein von Hapax legomena bei einer geringen Anzahl von Tokens relativ stark auswirkt.


deutsches ZeitungskorpusP-WertType-Token-Verhältnis
alle Belege0,021:13,24
Appellativa0,021:12,20
Eigennamen0,021:13,83
Buchstabierwörter (Appellativa)0,021:14,42
Lautinitialwörter (Appellativa)0,081:3,71
Silbeninitialwörter (Appellativa)0,151:2,71
Kopfwörter (Appellativa)0,011:14,36
Endwörter (Appellativa)0,021:24
diskontinuierliche Kurzwörter (Appellativa)01:8
Pseudoableitungen (Appellativa)0,021:15,5
Kürzungskomposita (Appellativa)0,031:9,26
gebundene Kürzungen (Appellativa)0,331:1,5
elliptische Kürzungen (Appellativa)0,061:8,58

Tabelle 19: Produktivitätswerte und Type-Token-Verhältnisse im deutschen Zeitungskorpus


schwedisches ZeitungskorpusP-WertType-Token-Verhältnis
alle Belege0,021:16,85
Appellativa0,021:18,55
Eigennamen0,021:15,34
Buchstabierwörter (Appellativa)0,0091:38,5
Lautinitialwörter (Appellativa)0,61: 1,25
Silbeninitialwörter (Appellativa)0,141:3,5
Kopfwörter (Appellativa)0,031:9,16
Endwörter (Appellativa)0,0031:155,5
Rumpfwörter (Appellativa)0,171:2
diskontinuierliche Kurzwörter (Appellativa)0,011:11,43
Pseudoableitungen (Appellativa)0,041:5
Kürzungskomposita (Appellativa)0,031:9,12
gebundene Kürzungen (Appellativa)0,061:7,71
elliptische Kürzungen (Appellativa)0,021:14,26

Tabelle 20: Produktivitätswerte und Type-Token-Verhältnisse im schwedischen Zeitungskorpus

Baayen (1992:122ff.) versucht die Abhängigkeit des Produktivitätswerts von der Anzahl der Tokens dadurch auszugleichen, dass er zum errechneten P-Wert die Anzahl der Types eines Wortbildungsmusters hinzuzieht und damit die globale Produktivität ermittelt. Für die Zeitungsdaten der vorliegenden Arbeiten wurden daher auch die Types durch Ermittlung der Type-Token-Verhältnisse berücksichtigt, was sich jedoch ebenfalls als problematisch herausstellte. Theoretisch müsste – wie oben dargelegt – ein geringes Type-Token-Verhältnis ein Anzeichen dafür sein, dass ein Wortbildungsmuster rege genutzt wird. Dass dies nicht pauschal gilt, zeigen die Auswertungen meiner Zeitungskorpora (siehe die rechten Spalten der Tabellen 19 und 20). Demnach ist ein niedriges Verhältnis von Types zu Tokens nicht zwangsläufig ein Zeichen für spontane, neue Bil­dungen mit dem Potential für viele Neubildungen; es kann sich auch ganz profan um ein seltenes Muster handeln, das aber nicht gleichzeitig hochfrequent ist. Bei deutschen gebundenen Kürzungen ist beispielsweise davon auszugehen, dass sie nur wenig produktiv sind. Gleichzeitig sind sie auch selten (6 Tokens auf 4 Types). Das bedeutet aber nicht, dass sie ein produktives Wortbildungsmuster wären, das viele spontane Neubildungen hervorbringt. Ebenso wenig spricht ein hohes Type-Token-Verhältnis zwingend für ein erstarrtes, formelhaftes Wortbildungsmuster. Es ist durchaus möglich, dass ein Wortbildungsmuster einige hochfrequente Types hervorgebracht hat, die durchaus formelhaft sind, daneben aber auch spontane Neubildungen hervorbringt. So sehe ich die Sachlage etwa bei deutschen Buchstabierwörtern und Kopfwörtern, die aufgrund einiger hochfrequenter Types wie WM < Weltmeisterschaft und Auto < Automobil ein recht hohes Type-Token-Verhältnis haben, aber dennoch alles andere als unproduktive, erstarrte Wortbildungsmuster sind, sondern meiner Einschätzung nach die zentralen Mittel für Neubildungen bei deutschen Kurzwörtern darstellen.

Aufgrund der teilweise sehr geringen Belegzahlen mancher Kurzworttypen und der oben skizzierten Problempunkte ergab sich also, dass weder die Produktivitätsberechnung nach Baayen noch die Berücksichtigung der Type-Token-Verhältnisse für die Zwecke dieser Untersuchung das passende Instrument waren, um zwischen gebräuchlichen und weniger gebräuchlichen Kurzwortypen zu differenzieren. Eine Unterscheidung zwischen unterschiedlich stark genutzten Kurzworttypen sollte dennoch vorgenommen werden, wozu in Anlehnung an Ronneberger-Sibold (1992)5 diejenigen Kurzworttypen, die bei den Appellativa der Zeitungskorpora mit bis zu fünf Types belegt sind, als wenig frequent klassifiziert wurden. Auch Baayen (1992:123ff.) weist darauf hin, dass die Typenfrequenz ein Instrument bei der Beurteilung der Produktivität von Wortbildungsprozessen sein kann. Insgesamt wurden drei Frequenzstufen unterschieden: Kurzworttypen mit geringer Frequenz, die mit bis zu fünf Types belegt sind, Typen mit mittlerer Frequenz mit zwischen sechs und zehn Belegen und Kurzworttypen mit hoher Frequenz, von denen mehr als zehn Types verzeichnet sind.6 Diese Differenzierung lieferte die folgenden Ergebnisse, die in den Tabellen 21 und 22 zusammengestellt sind. Mit der Konzentration auf Types bei der Berücksichtigung gebräuchlicher Kurzworttypen werden genau jene Kurzworttypen als hochfrequent markiert, die man intuitiv als besonders elementar eingestuft hätte und die auch in der bisherigen Kurzwortforschung prominent diskutiert wurden.

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