Kitabı oku: «Mordsmäßig heilig»

Yazı tipi:

Barbara Merten

Mordsmäßig heilig

EIN KRIMI AUS DEM HARZVORLAND

mit ausgewählten Wandertouren rund um die ›Tatorte‹

Impressum

Mordsmäßig heilig

ISBN 978-3-96901-020-4

ePub Edition

V1.0 (05/2021)

© 2021 by Barbara Merten

Abbildungsnachweise:

Umschlag (Front) © HayDmitriy | #391958104 | depositphotos.com

Illustration (Wanderer) © kamenuka | #166635400 | depositphotos.com

Porträt der Autorin © Ania Schulz | as-fotografie.com

Hinweise zum Kartenmaterial:

Die Kartenausschnitte für die Wandertouren

wurden mit Datenmaterial von OpenStreetMap erstellt.

Weitere Informationen: http://www.openstreetmap.org/

Lizensiert unter ODbL: http://opendatacommons.org/licenses/odbl/

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

E-Mail: mail@harzkrimis.de


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Allgemeiner Hinweis:

Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Schnüffel auf Tour

1. Wanderung

2. Wanderung

3. Wanderung

4. Wanderung

5. Wanderung

Was ich unbedingt noch loswerden muss

Über die Autorin

Mehr von Barbara Merten

Eine kleine Bitte

Prolog


Das, was jemand von sich selbst denkt, bestimmt sein Schicksal.

– Mark Twain –

Er hatte nicht mehr viel Zeit. Die Diagnose: Karzinose, die ihm Professor Reiter aus der Uniklinik mitgeteilt hatte, empfand er noch immer als ungerecht. Wie konnte ihm ›Der da oben‹ das antun? Ihn mitten aus dem Leben reißen!

Zuerst hatte sich ein Gefühl der Ohnmacht in ihm breitgemacht, ihm regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen.

»Ich kann nichts mehr für Sie tun. Der Krebs hat sich schon zu weit im Körper ausgebreitet. Tut mir leid. Genießen Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt. Machen Sie das, was Ihnen Freude bereitet«, hatte Reiter ihm gesagt. Mit heiserer Stimme hatte er ihn gefragt: »Wie viel Zeit bleibt mir?« — »Ein Jahr gebe ich Ihnen, plus/minus. Alles Gute ...« Der Professor hatte ihm die Hand gereicht und sich verabschiedet. Es war sein letzter Arbeitstag in der Klinik als Chefarzt gewesen. Auf den angehenden ›Prof. im Ruhestand‹ warteten nun die angenehmen Dinge des Lebens.

Der Arzt hatte es gut. Und er? Für ihn sollte alles zu Ende sein?

Nach tagelanger Leere folgte die Rebellion. Sie bestimmte fortan sein Denken und Tun. Er empfand eine unbändige Wut. In ihm wuchs der Wille, das Unvermeidbare nicht zu akzeptieren. Er holte sich eine Zweit- und eine Drittmeinung, ließ sich immer wieder untersuchen. Mit verschiedenen Medikamenten und allerlei Quacksalberei versuchte er den Krebs zu besiegen. Wochenlang kämpfte er mit sich und seinem Körper. Erfolglos. Die Krankheit schritt mehr und mehr voran. Er spürte, seine Uhr lief ab.

Inzwischen hatte er sich mit der Situation arrangiert, sein Ableben geplant und seine letzte Ruhestätte gefunden. Etwas ganz Besonderes würde es werden, ein Unikat, das einer Koryphäe wie ihm würdig war. Ein Ort, der ein Abbild seines Lebens sein würde. Ich lasse mich nicht einfach verscharren. Nein! Sobald alles eingerichtet ist, werde ich gehen. So Gott will, selbstbestimmt. Ich nehme seinen Auftrag an. Er röchelte.

Kapitel 1


Die Frage ist nicht, was man betrachtet, sondern was man sieht.

– Henry David Thoreau –

Mittwochnachmittag

Auf der Polizeiwache in Gieboldehausen klingelte das Telefon. Wachtmeisterin Marie Steffen, die heute Telefondienst hatte, nahm ab. Eine schrille Frauenstimme drang schmerzhaft in ihr Ohr.

»Hallo? Is doa die Polißei in Cheboldehusen?«

Marie hielt den Hörer auf Abstand. Wahrscheinlich ist die Frau schwerhörig. »Ja, hier ist die Polizeidienststelle Gieboldehausen. Sie sprechen mit Wachtmeisterin Marie Steffen«, antwortete sie deshalb auch lauter als gewöhnlich. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ähm, wie soll eek sei dat säjen? … Ja ähm ...« Die Frau schien zu überlegen.

»Von wo rufen Sie denn an?«, erkundigte sich Marie.

»Eek? Ja, von truus«, brüllte die Frau vorwurfsvoll, so als müsste die Polizei das doch wissen.

»Aha, von zu Hause, truus. Ich verstehe. Sagen Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse?«, fragte Marie nach.

Die Frau antwortete nicht. Nach kurzer Zeit, Marie war schon drauf und dran aufzulegen, begann sie in einigermaßen verständlichem Hochdeutsch zu sprechen.

»Ja, dat iss so. Ich war jerade in der Kirche und wollte bei unserer Madonna eine Kerze anstecken. Wissen Se, heute hat mein Sohn nämlich Geburtstag. Aber der ist schon tot. 2012 iss er an Krebs jestorben. Eine schreckliche Krankheit. Das können Se mir glauben. Ich habe ihn jepflegt, bis zum letzten Atemzug. Heilige Maria, bitte für uns«, betete die Frau. Dann schien sie sich zu schnäuzen.

Marie nutzte die kurze Pause und fragte noch einmal: »Wie heißen Sie denn? Und wo wohnen Sie?«

»Ja, wie ich heiße?«, entrüstete sich die Frau. »Trudchen. Ähm.« Sie schien wieder zu überlegen. »Ach so, ja. Das können Se ja nich wissen – Gertrud Rudolf aus Charmeshusen. Mein Mann ist auch schon tot. Ich bin hier ganz allein. Die Tochter wohnt nämlich in Göttingen. Iss ´ne Studierte. Hat alles mein Mann bezahlt. Nun iss se wech und ich sitze hier. Aber ich geh jeden Tag in die Kirche, obwohl die Pfarrer ja keine Messen mehr feiern. Wegen der Corona! Wissen Se, die iss vom Teufel! Könn Se mir glauben. Aber die Mutter Gottes, das ist meine Fürsprecherin – Heilige Maria! Und die iss nu auch wech. Haben se die wechgebracht? In Quarantäne?«

Angespannt versuchte die Wachtmeisterin, aus dem Durcheinander Schlüsse zu ziehen. Ihr war nicht klar, ob die Frau vor Aufregung wirr redete oder ob sie dement war. »Frau Rudolf. Habe ich Sie richtig verstanden? Sie wohnen in Germershausen und waren in der Kirche?«, hakte Marie nach.

»Ja, sag ich Se doch! Wollte bei der Mutter Gottes den Rosenkranz beten und eine Kerze anstecken. Aber da iss keine Madonna mehr! Iss denn die janze Welt verrückt jeworden?« Frau Rudolf schien ernsthaft besorgt.

»Nein, Frau Rudolph. Die Welt ist nicht verrückt geworden. Das glaube ich nicht. Aber danke, dass Sie angerufen haben. Ich werde mich darum kümmern. Können Sie mir sagen, wer morgens die Kirche aufschließt?«

»Ja, das macht Frau Hundeshagen. Die wohnt im Unterdorf, muss nur über die Brücke gehen. Und wenn Se was vom Pfarrer wissen wollen, den jibt es hier nich mehr, auch nich im Kloster. Alles leer. Der Pfarrer aus Göttingen, der iss jetzt auch für Duderstadt zuständig, der kommt manchmal«, antwortete Frau Rudolf und es schien der Wachtmeisterin, dass die Frau, je länger sie redete, klarer denken und reden konnte.

»Sagen Sie mir noch in welcher Straße Sie wohnen, Frau Rudolph? Dann können wir uns bei Ihnen melden, wenn wir noch Fragen haben«, erklärte Marie. Die Frau gab ihre Adresse an, wünschte der Polizistin einen schönen Feierabend und legte auf. Sprachlos starrte Marie Steffen auf den Hörer. »Was war das jetzt? Erst ist die Frau total gaga und dann wieder normal. Wollte die mich verschaukeln?«

Wachtmeister Kowalski guckte zur Tür herein.

»Führst du Selbstgespräche?« Argwöhnisch schaute er Marie an. Sie reagierte nicht, schien in Gedanken weit weg zu sein. Plötzlich zuckte sie zusammen.

»Ey, musst du mich so erschrecken?«, fuhr sie den Kollegen an. »Ich hatte eben ein ganz komisches Telefonat.« Sie berichtete von dem eigenartigen Gespräch mit Frau Rudolf.

»Am besten, du rufst bei der Frau Hundeshagen an. Die weiß sicherlich, warum die Mutter Gottes nicht an ihrem Platz steht. Vielleicht wird sie für die Wallfahrt geputzt.«

»Hallo? Es gibt in diesem Jahr keine Wallfahrt. Schon vergessen? Wir leben im Coronamodus. Das gemeinschaftliche Leben wurde heruntergefahren«, sagte Marie und zog prophylaktisch ihren Mundschutz, der ihr am Hals baumelte, übers Gesicht, um Kowalskis Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.

»Daran gewöhne ich mich nie! Alles wird gestrichen. Die große Wallfahrt ist doch immer ein Highlight im Kirchenjahr und ein Gemeinschaftserlebnis für uns Eichsfelder. Wo findest du das noch? Aber ruf an. Irgendetwas stimmt da nicht«, meinte Kowalski und verließ kopfschüttelnd das Zimmer.

Marie zog den Mundschutz wieder runter, schnaubte einmal nach frischer Luft und rief ihm hinterher: »Ich gewöhne mich auch nicht dran, aber wat mot, dat mot!«

Gott sei Dank gab es in Germershausen nur eine Nummer unter dem Namen ›Hundeshagen‹. Die Wachtmeisterin wählte und erreichte die Frau sofort. Sie erkundigte sich, ob es einen Grund gab, warum die Muttergottesstatue in der Wallfahrtskirche nicht an ihrem Platz stünde. Es hätte sich jemand bei der Polizei gemeldet und gesagt, dass der Schrein leer sei.

Frau Hundeshagen reagierte aufgebracht hektisch. »Der Schrein ist leer? Das kann nicht sein. Wir haben doch eine Alarmanlage! Ich geh sofort nachgucken.« Sie legte auf, noch ehe Marie etwas sagen konnte.

Wieder starrte die Polizistin das Telefon an. »Und nun?« Sie stand auf und ging rüber zu Kowalski ins andere Zimmer. »Gibt es in Germershausen nur Bekloppte? Die Frau hat einfach aufgelegt. Jetzt kann ich warten, bis sie wieder anruft.«

»Dann lass uns einen Kaffee trinken. Ich lade dich ein«, grinste der Polizist und ging hinüber zur Kapselmaschine. »Melange? Oder schwarz?«

»Cappuccino, bitte«, antwortete Marie mit einem Lächeln. Mit ihrem Kollegen kam sie sehr gut aus. Er beruhigte ungemein und machte die tägliche Arbeit um einiges leichter, sowohl die öden Tage am Schreibtisch als auch die stressigen im Einsatz. Ein väterlicher Freund. Sie klönten kaum eine Viertelstunde, da bimmelte das Telefon.

»Polizei...«

»Kommen Sie schnell! Die Madonna ist weg!«

Marie machte Kowalski ein Zeichen und stellte das Telefon laut, sodass er mithören konnte. »Frau Hundeshagen, beruhigen Sie sich!«, sagte sie, aber die Leitung war tot. Frau Hundeshagen hatte schon wieder aufgelegt. Marie schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. »Die lässt mich einfach nicht zu Wort kommen. Schreckliche Frau!«

Kowalski schnappte den Autoschlüssel: »Komm, wir fahren hin und schauen uns das an. Dann können wir persönlich mit ihr reden und uns ein Bild machen.«

Als sie in Germershausen auf dem Parkplatz vor der Wallfahrtskirche anhielten, konnten sie kaum glauben, was sich vor ihren Augen abspielte. Von allen Seiten kamen Leute, steuerten auf die Kirche zu. Einer in Hausschuhen, ein anderer in kurzer Arbeitshose, eine Frau mit Lockenwickler am Pony.

»Was ist das denn?«, fragte Marie erstaunt.

»Das nennt man Lauffeuer!«, grinste Kowalski. »Das ergreift im Nullkommanix ein ganzes Dorf. Die Muttergottes ist wirklich weg! Da kannst du Gift drauf nehmen.«

Er legte den Mundschutz an und stieg aus. Von den neugierigen Dorfbewohnern angesteckt, lief er nun auch über die Wiese zur Kirche, so als würde der Papst dort stehen, um allen den Segen ›Urbi et Orbi‹ zu erteilen. Marie folgte ihm. Sie betraten das angenehm kühle Gotteshaus. An die zwanzig Bewohner des Ortes, allesamt ohne Mund-Nasen-Schutz, standen ergriffen vor den geöffneten Türen des Schreins. Jemand betete laut den Rosenkranz vor, die anderen antworteten: »Heilige Maria, ...« Kowalski blies die Backen auf und pustete unter dem Mundschutz die Luft aus. Augenblicklich beschlug seine Brille, sodass er sie abnehmen musste. »Herrschaften!«, machte er auf seine Präsenz aufmerksam. »Es tut mir leid, dass ich Sie in Ihrem Gebet störe, aber … Bitte verlassen Sie sofort die Kirche.«

Die Menschen drehten sich zu ihm um, manche erschraken.

»Wer hat die Mutter Gottes gestohlen?« – »Sie müssen was unternehmen!« – »In was für einer Zeit leben wir hier eigentlich?«, bombardierten ihn die Leute mit Fragen und Forderungen.

Kowalski ging nicht darauf ein. In tiefem Bass fragte er in die Runde: »Wer von Ihnen ist Frau Hundeshagen?«

Eine kleine zierliche Frau um die siebzig meldete sich. Sie stand abseits, telefonierte mit ihrem Handy. Kowalski ging auf sie zu, während Marie die Leute beruhigend aus der Kirche leitete. Nur eine alte Frau, die hinter der Säule zusammengekauert saß, blieb, von niemandem wahrgenommen, sitzen.

»Ich habe gerade mit dem Dechant in Göttingen gesprochen. Der ist während der Vakanz für unsere Gemeinde zuständig. Er kommt sofort«, erklärte Frau Hundeshagen dem Wachtmeister. »Entschuldigen Sie, aber ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Wie konnte das passieren? Wir haben doch eine Alarmanlage! Scheinbar hat die jemand ausgeschaltet. Wer macht so was?«, fragte sie verzweifelt.

»Tja, wenn ich das wüsste.« Kowalski zuckte die Achseln. Nach einer kurzen Pause meinte er: »Aber wir werden das herausfinden, Frau Hundeshagen. Die Mutter Gottes wird bald wieder an ihrem Platz stehen. Da gebe ich Ihnen mein Wort drauf. ›Maria in der Wiese‹ ohne das Gnadenbild, das geht nicht. Entschuldigen Sie, jetzt muss ich telefonieren.«

Der Wachtmeister wandte sich ab, rief beim Duderstädter Polizeirevier an und fragte nach Kriminalhauptkommissar Christian Schneider.

»Der ist schon nach Hause gegangen«, erklärte ihm der Polizist am anderen Ende der Leitung.

Kowalski berichtete ihm von dem Vorfall in der Wallfahrtskirche, überlegte kurz und entschied dann: »Ich hab Schneiders Handynummer. Ich ruf ihn selbst an. Wenn ich ihn nicht erreiche, melde ich mich nochmal.«

»Aber es ist ein anderer Diensthabender zuständig«, erwiderte der Kollege.

»Vergiss es. Wenn uns hier einer helfen kann, dann ist das ›Schnüffel‹.« Er unterbrach die Verbindung und scrollte nach der Nummer von Schneider.

Kapitel 2


Am ärgsten fällt der Größenwahn oft grad´ die kleinen Leute an.

– Eugen Roth –

Mittwochnachmittag in Duderstadt

Am Behinderteneingang der St.-Cyriakus-Basilika in Duderstadt parkte ein Pick-up. Mehrere Decken und ein paar Bretter lagen auf der Ladefläche. An der Rückfront stand eine große Holzkiste mit Deckel. Wahrscheinlich wurde hierin Werkzeug transportiert. Der Kasten war mit einem Gurt befestigt, damit er nicht verrutschen konnte.

Bestimmt ein Tischlerei- oder ein Restaurationsbetrieb, mutmaßte Mathilde, die mit ihrer dreijährigen Nichte Elsa vom Spielplatz kam. Eine lustige Zeichnung mit einem augenzwinkernden Wurm, der eine Holzbank repariert, grinste die Betrachterin an. ›Benedikt Holzwurm‹ stand in geschwungenen Lettern unter dem Firmenlogo. Mathilde gefiel die Zweideutigkeit. Sie rief nach Elsa.

»Guck mal! Hier ist ein lustiger Wurm auf dem Auto!«

Das Kind zögerte. Es schaute gerade einer Amsel zu, die einen Wurm aus dem Rasen zog und verspeiste. Erst als die Amsel davongeflogen war, kam sie angelaufen, stoppte vor dem Bild und betrachtete es eingehend. »Waru-um?«, stellte sie heute gefühlt zum hundertsten Mal ihrer Tante diese Frage, die wohl alle Dreijährigen umtreibt.

»Warum? Weil der Mann, dem das Auto gehört, Holzwurm heißt«, erklärte Mathilde.

»Warum heißt der Holzwurm?«

»Ich denke, das ist sein Nachname.«

»Ich will auch ›Holzwurm‹ heißen«, bettelte Elsa und knabberte mit ihrer kleinen Schnute – wie der Wurm auf dem Bild – an Mathildes Hand.

»Nein, n´te«, schnalzte Mathilde mit der Zunge und zog energisch ihre Hand weg. »Das geht nicht. Du heißt doch ›Schneider‹, so wie dein Papa und Onkel Christian. Und ich auch. Das ist ein viel schönerer Name. Wenn deine Mama am Samstag den Papa heiratet, dann will sie auch ›Schneider‹ heißen und nicht mehr ›Kuckuck‹, so wie Oma und Opa in Bad Lauterberg.«

»Waru-um?«

»Äh, warum, warum, warum? Das musst du deine Mama fragen. Du fragst mir ja ein Loch in den Bauch«, antwortete Mathilde gereizt und zog ihre Nichte weiter. Warum ist dieses Kind so anstrengend? Waren Thomas und Moni auch so gewesen? Sie dachte an die Zeit zurück, als ihre Zwillinge drei Jahre alt waren und ihren Alltag bestimmten. Nein, sooo anstrengend waren die nicht. Sie konnten ja miteinander spielen. Da brauchte ich nicht ständig Programm machen. Heutzutage fordern das die Kinder ja von ihren Eltern regelrecht ein. Ich hätte gar nicht die Zeit gehabt. Neben dem Halbtagsjob im Büro, den Eltern, die meine Hilfe brauchten, Haus und Garten … Und Christian? Ja, der war als Kriminalbeamter auf der Leiter nach oben gefordert. Eine Fortbildung nach der anderen. ›Ich will eine leitende Funktion, keine leidende als Straßenpolizist‹, war sein Spruch, wenn ich mich beschwert hab, dass ich alles allein machen muss. Also hab ich zurückgesteckt. Ja, so war das damals.

Die kleine Elsa riss Mathilde aus ihren Gedanken. »Tante Mathi, schau mal!«, rief sie rückwärtsgehend. »Da kommen zwei Männer aus dem Haus. Was haben die da?«

»Das ist kein Haus, Elsa. Das ist eine Kirche!«, korrigierte Mathilde kopfschüttelnd und dachte: Am Handy kennt sich die Kleine besser aus als ich. Aber was eine Kirche ist, weiß sie nicht. Verrückte Welt!

»Ich will mal gucken!«, rief Elsa und lief den Weg zurück.

Abermals schüttelte Mathilde den Kopf und atmete stöhnend aus. »Kleiner Feger!«, raunte sie und war froh, dass hier vor der Pfarrei keine Autos fuhren. Sie schaute Elsa nach und musste die Hand an die Stirn halten, denn die Sonne blendete stark. Ihr fiel auf, dass die Männer, die aus dem Gotteshaus kamen, blaue Arbeitshosen und die gleichen rotgrün-karierten Hemden anhatten. Wie Zwillinge. Auf dem Kopf trugen sie beigefarbene Schirmmützen. Ihr Gesicht war durch schwarze Mundschutzmasken verdeckt.

Als sie Elsa und Mathilde erblickten, stoppten sie kurz, dann nickten sie sich zu und Mathilde beobachtete, wie sich ihre Gangart schlagartig veränderte. Im Eilschritt trugen sie nun das flache Teil, das in eine Wolldecke gewickelt war, den abgeschrägten Eingang hinunter zu ihrem Wagen.

Die holen bestimmt ein Gemälde zum Restaurieren ab.

In den Pfarrnachrichten hatte sie allerdings nichts darüber gelesen. Aber genau wusste sie es nicht. So streng wie früher nahm sie ihre kirchlichen Pflichten schon lange nicht mehr wahr. Viel zu oft fühlte sie sich von der Obrigkeit der Kirche unverstanden. Außerdem waren aus Furcht vor einer Pandemie seit dem Frühjahr sämtliche Messen abgesagt worden, sodass die Gläubigen auch untereinander kaum noch Kontakte pflegen konnten. Das gemeinschaftliche kirchliche Leben und das Vereinsleben waren so gut wie tot.

»Was machst du da?«, sprach Elsa einen der Männer an und stellte sich ihnen in den Weg.

»Vorsicht, Kleine! Mach Platz!«

»Hopp! Hopp!«, rief der andere mit drohend tiefer Stimme, um sie zu scheuchen.

Erschrocken trat Elsa zur Seite. »Warum bist du böse?«, fragte sie den Mann keck, beäugte ihn von oben bis unten.

»Weil du im Wege stehst! Verschwinde!«, antwortete er lauter werdend, nickte dem Anderen zu und warf Mathilde einen finsteren Blick rüber. Eingeschüchtert drückte sich Elsa an die Mauer mit dem Geländer und ließ die Männer vorbei. Sie legten das Teil mitsamt der Wolldecke hastig auf die Ladefläche zwischen die Decken, stiegen gehetzt in den Wagen.

Komisch. Als wären sie auf der Flucht, durchfuhr es Mathilde, als der Motor aufheulte. Aufgeregt rief sie: »Elsa! Bleib an der Mauer stehen! Rühr dich bloß nicht von der Stelle! Hörst du?« Sie hielt ihre Hand zum ›Stopp!‹ hoch. »Stehen bleiben!«

Viel zu schnell beschleunigte der Fahrer den schweren Wagen rückwärts, bremste dann scharf, als er das Kind im Rückspiegel sah. Elsa presste sich verängstigt an die Steine. Mathilde kreischte: »Halt! Das Kind!« Empört und voll Angst lief sie hin. »Sind Sie verrückt?«, schrie sie und versuchte in ihrer Not, den Wagen festzuhalten, damit er Elsa nicht plattdrückte. Doch der Fahrer legte den Vorwärtsgang ein, gab Gas und fuhr mit quietschenden Reifen los.

»Idiot!«, schrie Mathilde aufgebracht hinterher. Das Auto bog nach rechts zum Hauptportal der Basilika auf die Marktstraße und preschte dann übers Obertor aus der Innenstadt davon. Mathilde nahm Elsa in die Arme. Erleichtert, dass dem Kind nichts passiert war, lobte sie das Kind. »Das hast du toll gemacht, Elsa.« Sie streichelte ihr beruhigend über den Kopf, obwohl ihr eigenes Herz raste.

»Warum sind die schnell weggefahren, Tante Mathi?«

Nachdenklich betrachtete Mathilde das Kind.

»Ja, warum? Die hatten es plötzlich sehr eilig. Vielleicht mussten sie noch woanders hin«, antwortete sie, glaubte aber nicht, dass das der Grund für die Hals-über-Kopf-Aktion gewesen war.

Die sind ja regelrecht in Panik geraten. Als wollten sie nicht gesehen werden. Was hatte der Wagen eigentlich für ein Nummernschild?, überlegte Mathilde mit aufkommendem Unbehagen. Das hätte ich mir merken müssen als Frau von Hauptkommissar Christian Schneider, rügte sie sich selbst.

Sie blickte hinüber zum Pfarrhaus. Niemand war hinter den Fenstern zu sehen. Durch die weißen Gardinen, die keinen Blick in die Räume zuließen, erschien das Haus verlassen, regelrecht leblos. Energisch fasste Mathilde das Kind bei der Hand. »Komm Elsa, wir besuchen jetzt Anne im Pfarrhaus. Du kennst doch meine Freundin. Vielleicht hat sie noch Dienst.«

»Waru-um?«, wollte Elsa wissen.

»Weil mir das alles komisch vorkommt. Anne weiß vielleicht, was die Männer in der Kirche gemacht haben«, antwortete Mathilde.

Anne Müller war Sekretärin in der Propstei und würde wissen, ob etwas zur Restauration abgeholt werden sollte. Sie zögerte. Ich könnte ja auch selbst in der Kirche nachsehen. Würde ich überhaupt merken, wenn etwas fehlt? Das Gotteshaus war 2016 renoviert worden und Vieles befand sich nicht mehr an dem Platz, wo es früher gestanden hatte. Außerdem würde Elsa sie mit ihrem ›Warum-Gefrage‹ nerven. Mathilde entschied sich, im Pfarrhaus nachzufragen. Sie drückte die geschwungene Klinke der schweren Holztür hinunter, öffnete die Tür und betrat mit Elsa den kleinen Vorraum, klopfte an. Das hätte sie sich sparen können, denn direkt vor ihren Augen klebte ein Zettel. Dick gedruckt stand darauf: ›Mittwochnachmittags geschlossen‹.

»Ach ja, heute ist Mittwoch. Da ist Anne nicht hier«, seufzte sie. »Komm Elsa, wir gehen nach Hause. Onkel Christian wartet bestimmt schon. Dem kannst du das erzählen.«

»Au ja, Onkel Chris ist ein Polizist. Der sperrt die bösen Männer ein!«, rief die Kleine begeistert und hüpfte die Stufen der breiten Treppe hinunter.

Mathilde kramte in ihrer Tasche nach dem Mundschutz. »Aber zuerst gehen wir noch Wurst fürs Abendessen kaufen.«

»Ja! Eine Scheibe Kinderwurst!«, jubelte Elsa.

Beim Schlachter am Obertor war reger Betrieb. Sie mussten vor der Tür warten, bis zwei Kunden den Laden verließen. Erst dann durften sie den Verkaufsraum betreten. Mathilde nahm frisches Mett und ein paar Bratwürste, und Elsa bekam von der Verkäuferin eine Scheibe Wurst.

Mit vollgestopftem Mund erzählte sie schmatzend: »Weißt du wa-as? Bei dem großen Haus waren zwei Männer. Die sind ganz schnell weggebraust. Soo! Brrrrmmm. Beinah haben die mich totgefahren.« Elsa quetschte sich an die Ladentheke und zog den Bauch ein, damit die Verkäuferin sehen sollte, wie sie sich ans Mauerwerk gedrückt hatte. »Soo«, sagte sie, schaute die Bedienung ernst an.

»Oh, je. Da hattest du wohl Angst?«

Elsa setzte einen leidenden Blick auf und nickte. »Hm-hm. Aber Tante Mathi hat geschimpft. Ganz doll. Weil die nämlich böse waren.« In Gedanken an das Geschehene nickte die Kleine noch immer, schaute ins Leere. Plötzlich schrie sie laut: »I-di-ooot!«, so wie Mathilde hinter dem Wagen hergerufen hatte.

»Te!«, schnalzte Mathilde und schüttelte peinlich berührt den Kopf. »Psch! Elsa! Schrei nicht so. Das macht man nicht.«

»Aber du hast das auch gemacht. I-d-iooot!«, rief Elsa erneut, strahlte dabei übers ganze Gesicht, hüpfte dann voll Freude durch den Verkaufsraum.

»Na, das Wort gefällt dir aber«, meinte die Verkäuferin lachend und schaute fragend rüber zu Mathilde.

»Ja, das war schon komisch. Aus dem Behinderteneingang von St. Cyriakus sind zwei Männer gekommen. Ich dachte, dass es Tischler oder Restauratoren sind,« erzählte Mathilde kopfwiegend. »Jedenfalls haben sie einen schweren Gegenstand rausgetragen und hinten auf die Ladefläche gelegt. Aber als sie uns gesehen haben, sind sie fluchtartig in ihren Wagen gesprungen und verschwunden. Ich weiß nicht, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Kommt mir sehr verdächtig vor. Aber vielleicht bilde ich mir das ja nur ein.«

Mathilde legte das Geld, das sie bezahlen musste, in die Schale. Die Verkäuferin nahm es und meinte: »Oh, ich glaube nicht, dass Sie sich was einbilden, Frau Schneider. Als Frau von unserem Hauptkommissar haben Sie doch inzwischen auch den richtigen Blick für Verbrechen, oder?«

Mathilde zuckte die Achseln. »Oh, das sagen Sie bloß nicht meinem Mann. Der sieht das sicher anders«, schmunzelte sie.

»Aber wir Frauen sehen so manches, was Männer nicht sehen, und lassen uns nicht so schnell was vormachen, nicht wahr? Also erzählen Sie Ihrem Mann, was Sie erlebt haben. Ich bin sicher, dass da was nicht stimmt. Viel Erfolg und einen lieben Gruß an Ihre bessere Hälfte. Ich bin gespannt. Auf Wiedersehen, Frau Schneider!«, verabschiedete die Verkäuferin ihre Kundin.

»Auf Wiedersehen!«

Als Elsa eine halbe Stunde später ihrem liebsten Onkel Chris, dem Kriminalhauptkommissar, wild gestikulierend erzählte, dass ein Auto sie beinahe umgefahren hatte, meinte der amüsiert: »Oh je, Elschen, da bin ich aber froh, dass du noch lebst. Hmpf.«

»Ja, das war wirklich eigenartig, Christian«, bestätigte Mathilde, die neben dem Kind stand. »Wie Diebe haben sich die Männer benommen. Die sind regelrecht in Panik geraten, als Elsa sie ansprach. Es kam mir vor wie ... eine Flucht! Ehrlich, Christian. Ich denke, da musst du was unternehmen. Ich hab das Gefühl, da stimmt was nicht.«

Mathildes Stimme wurde schneller und schriller. Der Kommissar hörte nur noch mit halbem Ohr zu, fand die Aussagen seiner Frau nicht wirklich besorgniserregend. Er wollte Zeitung lesen, danach Rasen mähen, denn am Wochenende würde er – wegen der Hochzeit seines jüngeren Bruders – keine Zeit dafür haben.

Darum sagte er: »Ja ja, Mathilde. Ist gut. Ich denke, du steigerst dich da rein. Wenn wirklich was geklaut wurde, ist die Dienststelle der richtige Ansprechpartner. Ich hab Feierabend.«

Warum musst du immer so übertreiben, Mathilde? Zusammen mit Elsas Vorführung bekommt die Geschichte ja regelrecht theatralische Ausmaße, dachte er belustigt. Um das Kind zu beschäftigen schlug er vor: »Weißt du was, Elschen? Du malst mir ein Bild von den Männern und dem Auto und der Kirche. Dann kann ich mir das anschauen. Tante Mathi? Hast du ein Malblatt und Buntstifte für unser Elschen?«

Mathilde knirschte mit den Zähnen.

Er nimmt mich wieder einmal nicht ernst. Aber wenn Elsa abgeholt ist, werde ich es dir noch einmal erklären, mein Lieber. Da kannst du Gift drauf nehmen. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Bin doch nicht blöd. Und ich ruf auch nicht auf der Wache an, wenn mein Mann selbst Polizist ist. Ich mach mich doch nicht zum Affen! Sie ärgerte sich über seine Ignoranz. Freundlich an Elsa gewandt sagte sie jedoch: »Oh ja, natürlich hab ich Malpapier. Das ist eine gute Idee, Onkel Chris.«

Schnüffelnd setzte sich Christian in den Sessel und nahm die Tageszeitung. Für ihn war das Thema damit erledigt. Elsa beobachtete den Onkel, der beim Lesen immer wieder seine Nase krauste, Luft einsog und schnüffelte. »Hmpf hmpf.« Eine dumme Angewohnheit, die ihm unter den Kollegen den Namen ›Schnüffel‹ eingebracht hatte. Dem Kind gefiel es. Es versuchte, den Onkel nachzuahmen.

»Onkel Chri-is, bist du ein Hase?«

Der Kommissar schaute irritiert auf. »Ich? – Was? – Ein Hase? Hmpf.«

»Ja!«, rief Elsa, setzte sich auf sein Bein, das er über das andere geschlagen hatte, und hopste auffordernd. »Wollen wir Hasi spielen?« Sie hielt Ihre Finger wie Hasenohren an den Kopf. Stöhnend legte der Kommissar die Zeitung beiseite und hob seine Nichte vom Fuß. »Nein Elschen. Onkel Chris hat keine Zeit zum Hasen spielen. Der geht jetzt den Rasen mähen.«

Kapitel 3


Ein Mensch bemerkt mit bitterem Zorn,

dass keine Rose ohne Dorn.

Doch muss ihn noch viel mehr erbosen,

dass sehr viel Dornen ohne Rosen.

– Eugen Roth –

»Mensch Jan, das war echt eng«, meinte Fredde, nahm seinen Mundschutz ab und blickte rüber zu seinem Zwillingsbruder, der den Rover forsch aus Duderstadt Richtung Herzberg lenkte.

»Heute Morgen ist es besser gelaufen als eben.«

»Das kann man wohl sagen. Nervige Göre. Musste die Frau mit dem Kind gerade jetzt da vorbeigehen? Ich dachte, um diese Zeit ist niemand bei der Kirche.«

Jan schaute in den Rückspiegel. »Bis jetzt ist die Luft rein.«

»Meinst du, die hat was gemerkt und die Polizei gerufen?«, hakte Fredde nach.

»Keine Ahnung. Hättest die Kleine nicht so anschnauzen sollen. Das hat die stutzig gemacht.«

»Ja, ja. Ich, natürlich bin ich wieder schuld. Du hättest vorsichtiger wegfahren können. Hast das Kind ja beinahe platt gedrückt. Deshalb ist die Frau ausgetickt. Hast du gehört, wie hysterisch die gekreischt hat? Oh, Mann. Mit der wollte ich nicht verheiratet sein.«

»Klar. Weißt du, was mir in dem Moment alles durch den Kopf gegangen ist? Ich hab echt die Panik gekriegt. Noch einmal gehe ich nicht in den Knast. Das sage ich dir«, schnauzte Jan und schob dann beschwichtigend hinterher: »Drei Brüche an einem Tag ist einfach zu viel für meine Nerven. Wir haben wohl beide überreagiert. Also lass gut sein. Hauptsache, sie erwischen uns nicht.«

Für Jan kam eine Auseinandersetzung mit seinem Bruder, dem Einzigen, dem er vertraute, nicht in Frage. Er war heilfroh, dass sie nach langen Jahren, die sie in verschiedenen Heimen und Pflegefamilien verbracht hatten, endlich wieder beieinander waren. Sie brauchten sich, waren abhängig voneinander. Ohne den anderen fühlte sich jeder, als wäre er nur halb existent. Zusammen aber waren sie ein Ganzes, einer in zwei Personen: Jan-Fredde. Sie dachten an früher.

* * *

Jahre zuvor

Die Eltern von Jan und Fredde, Ilse und Adelbert Rittmann, hatten in Nesselröden mehr schlecht als recht den kleinen Hof des Vaters Alfred bewirtschaftet, der das Leben der Familie autoritär bestimmte. Ilse litt sehr unter dem strengen und zu Gewalt neigenden Schwiegervater. Sie kam aus dem damaligen Mädchenheim in Wollershausen. Das Jugendamt hatte sie aus ihrem Elternhaus genommen, weil Vater und Mutter an der Nadel hingen und nicht fähig waren, ihre Tochter groß zu ziehen. Ilse aber träumte von einem ganz normalen, glücklichen Leben in einer Familie, ohne Drogen und Alkohol. Als sie mit Adelbert anbändelte, glaubte sie, ihr Glück gefunden zu haben. Es dauerte nicht lange, da wurde sie schwanger und konnte aus dem Käfig des Heimes entfliehen, denn Adelberts Eltern bestanden auf eine schnelle kirchliche Hochzeit. Ihr Sohn sollte zu seiner Verantwortung stehen. Sie selbst übernahmen die Fürsorge für die siebzehnjährige Ilse. Doch schon bald nach der Geburt der Zwillinge Jan und Frederik spürte die junge Frau, dass sie zwar in Adelbert einen guten Mann gefunden hatte, aber fortan eine Gefangene auf dem Rittmannschen Hof sein würde. Nach dem viel zu frühen Tod der Schwiegermutter, mit der sie sich recht gut verstanden und die ihr beigebracht hatte, wie man einen Haushalt führt, wurde es zusehends schlimmer. Ilse nahm sich vor, dass es wenigstens Jan und Fredde einmal besser haben sollten. Sie liebte die Kinder über alles und versuchte, ihnen eine gute Mutter zu sein. Doch Alfred überwachte mit barschem Ton und Schlägen die Erziehung der Jungen, forderte auch von Ilse unbedingten Gehorsam ein. Die Jungen sollten ganze Kerle werden, keine Weicheier, wie er stets betonte. Mit der Zeit gab Ilse ihre eigenen Wünsche und Träume auf. Sie verstummte einfach, nahm jeden Befehl, jede Rüge ihres Schwiegervaters ohne Widerworte hin, wehrte sich nicht. So fand sie einen Weg, das Leben an der Seite des tyrannischen Schwiegervaters zu ertragen. Von ihrem Mann konnte sie nicht viel erwarten. Er war unter der harten Hand des Vaters aufgewachsen, hatte stets nach Anweisung auf dem Hof gearbeitet und nie versucht, sich dagegen aufzulehnen.

Nur des Nachts, wenn Ilse und Adelbert beieinanderlagen, fanden sie stummen Frieden. Immer und immer wieder malten sie sich aus, wegzuziehen, auf eigenen Beinen zu stehen. Doch kam der Morgen, blieben sie. Wo sollten sie hin mit den Zwillingen, ohne Beruf, ohne eigenes Einkommen?

Die Kinder wussten zwischen der unterschiedlichen Behandlung der Eltern und des Großvaters zu unterscheiden. Vater und Mutter liebten sie und waren gut zu ihnen, der Großvater hatte als Oberhaupt der Familie das alleinige Sagen. Sie kannten es nicht anders.

Weil die Jungen kaum voneinander zu unterscheiden waren, bis auf das kleine Muttermal an Jans linkem Auge, nutzten sie die Ähnlichkeit für allerlei Streiche, brachten den cholerischen Großvater an manchen Tagen derart in Rage, dass er sogar mit der Heugabel hinter ihnen her lief, um ... Sie aber waren schnell, ließen sich nicht erwischen. War Großvaters Wut abgeebbt, fiel auch die Strafe milder aus, denn im Grunde war der Alte stolz auf seine Enkel.

So verbrachten sie manche Nacht eingesperrt im Keller, stärkten sich dort unten allerdings an den eingelagerten Vorräten. Erzählten sich die Leute im Dorf von den Streichen der beiden, nannten sie sie Max und Moritz, angelehnt an die Lausbubengeschichten aus Ebergötzen von Wilhelm Busch. Viele von ihnen mutmaßten, dass es, ähnlich wie in der Bildergeschichte, ein schlimmes Ende mit Jan und Fredde nehmen würde.

Zu ihrem zehnten Geburtstag hatten sich die beiden überlegt, dass es an der Zeit wäre, wie die Halbstarken aus dem Dorf mit dem Rauchen anzufangen. Das würde ihnen enorme Achtung unter den Klassenkameraden einbringen.

Schon eine Stunde vor Mitternacht waren sie wieder aufgestanden, hatten sich leise aus dem Zimmer geschlichen und waren über die Holztreppe auf den Dachboden gestiegen, der als Heuboden genutzt wurde. Hier oben wollten sie sozusagen in ihren Geburtstag hineinrauchen. Hinter dem Holzpfeiler lag schon ein ansehnlicher Vorrat von Zigaretten in der alten Zigarrenkiste, die ihnen im Frühling noch als Maikäferbehausung gedient hatte. Darum waren in dem Deckel auch ein paar gebohrte Luftlöcher.

In den letzten Wochen hatten sie mal eine, höchstens aber zwei Zigaretten aus Großvaters Packung stibitzt und in der Kiste deponiert. Zuerst hatten sie überlegt: Ob wir mit den Freunden im Baumhaus die Glimmstängel paffen? Doch dann erinnerte sich Fredde, dass Großvater ihnen einmal erzählt hatte, dass so manch schwacher Junge beim ersten Rauchen in die Hose geschissen hätte. Also beschlossen sie, dass sie ihre erste Zigarette allein rauchen würden, um sich nicht zu blamieren. Mit den anderen konnten sie später noch zusammen qualmen, wenn sie sicher waren, dass sie nicht zu den Schwachen zählten.

Es war eine klare Vollmondnacht. Genug Licht, um sich auf dem Heuboden zurechtzufinden. Neben der großen Luke, durch die der volle Mond schien, hatten sie sich eine Sitzecke aus Strohballen eingerichtet. Kater Maunz war ihnen gefolgt und schnurrte um Freddes Beine. Jan hatte Streichhölzer aus der Hosentasche gezogen und seinem Bruder Feuer gegeben. Der zog an der Zigarette, bekam sofort einen Hustenanfall. Keuchend und mit brennenden Augen gab er den Glimmstängel an seinen Bruder weiter. Auch Jan musste kurz husten, zog aber gleich noch einmal so heftig, dass die Zigarettenspitze rot aufglühte und Asche auf den Boden fiel. Sie lachten, fühlten sich stark, setzten sich paffend ins Heu, bliesen Rauchwölkchen in die Luft, bis ihnen speiübel wurde. Jan schmiss den glimmenden Stummel weg. Er brauchte dringend frische Luft. Taumelnd kletterten sie die Leiter, die von draußen an die Luke gelehnt war, hinunter, stolperten keuchend über den Hof. Fredde übergab sich zuerst. Als Jan ihn würgen hörte, spuckte er gleich in hohem Bogen daneben. Obwohl ihnen schwindelig war und der Magen entsetzlich rebellierte, grinsten sie sich an. Plötzlich sprang Maunz von oben durch die Luke herunter auf den Mist, rannte laut miauend zwischen ihnen hindurch, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Erschrocken schauten sie dem Kater nach, konnten sich aber nicht erklären, was der Anlass für die Flucht war. Neugierig liefen sie dem Tier nach, verloren es aber schnell aus den Augen. Sie beschlossen zur Nathe, dem Bach, der sich durch Wiesen und Felder nach Westerode schlängelt, zu gehen. Dort im Baumhaus, das sie in der alten Weide über dem Bach zur Beobachtung ihrer Erzfeinde, den Westeröder Jungen, errichtet hatten, wollten sie auf ihren Geburtstag anstoßen. Eine Flasche mit Nordhäuser Schnaps, die Karl, der Sohn des Gastwirts, letzte Woche mitgebracht hatte, lag dort noch halb voll hinter der Matratze.

Die Uhr aus der Westeröder Kirche schlug zwölf Mal, als sie die Leiter zum Baumhaus hinaufstiegen. Sie fanden den Schnaps und tranken abwechselnd auf Jan-Freddes zwanzigsten Geburtstag. Der Alkohol wirkte schnell in den leeren Mägen. Eine unendliche Müdigkeit überkam sie. Sie schliefen bis in den späten Morgen, hörten nicht das Heulen der Sirenen im Ort, nicht die Duderstädter Feuerwehr, die mit Blaulicht und Martinshorn auf der Straße vorbeieilte. Sie sahen nicht die Flammen und die vielen fleißigen Helfer, die vergeblich versuchten, den Hof und das Leben der Bewohner zu retten. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Vater, Mutter und Großvater konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden.

An ihrem zehnten Geburtstag waren Jan und Frederik Rittmann Waisen geworden. Damit änderte sich ihr Leben schlagartig. In den ersten Wochen fanden sie bei der Nachbarsfamilie Kolle Unterschlupf. Ihr Sohn Jonas war genau so alt wie die Zwillinge. Doch schon bald merkten die Eltern, dass sie der Erziehung drei gleichaltriger Jungen mit einem hohen Potenzial für Unfug jeglicher Art nicht gewachsen waren. Das Jugendamt bestellte einen ehrenamtlichen Betreuer, der die Fürsorge der beiden übernahm. Der steckte sie getrennt in verschiedene Pflegefamilien, später ins Kinderheim. Jan und Fredde sahen sich nur noch selten, schworen sich aber, sobald sie achtzehn wären, wieder zusammenzuziehen.

Beide machten einen Realschulabschluss. Jan wurde Elektrotechniker und bekam einen Job bei einer Göttinger Firma, die Alarmanlagen installiert. Fredde probierte mehrere Berufe aus. Er fing als Maurerlehrling an, brach die Lehre jedoch vor dem Abschluss ab. Dann versuchte er sich als Steinsetzer. Auch diese Arbeit gefiel ihm. Doch kurz vor der Gesellenprüfung scheute er wieder wie ein Pferd vor einem Hindernis. Trotzdem verdiente er gutes Geld, denn genau wie sein Bruder arbeitete er gewissenhaft und sauber, war fleißig und verlässlich und als Handwerker überall einsetzbar.

Vor drei Jahren hatten sie angefangen, ihr Erbe, das Haus in Nesselröden, das als Brandruine jahrelang ein Schandfleck im Dorf gewesen war, wieder aufzubauen. Seit ihrer Volljährigkeit und dem Nachweis, dass sie einer geregelten Arbeit nachgingen, konnten sie darüber verfügen, wussten aber zuerst nicht, wie sie den Wiederaufbau finanzieren sollten. Die Bank bewilligte ihnen einen kleineren Kredit, der allerdings nur knapp für das Baumaterial reichte. Durch ihrer Hände Arbeit wollten sie das neue Heim errichten, das Erbe der Großeltern weiterführen und den Hof zu neuem Leben erwecken. »Wir bauen wieder auf, was wir zerstört haben. So hätten es Großvater und die Eltern gewollt«, sagten sie sich. Ihre Freunde aus dem Dorf halfen mit, so weit es ihnen möglich war. Jonas Kolle, der das Anwesen seiner Eltern nebenan übernommen hatte, war froh, dass aus der Brandruine nun endlich wieder ein schönes Haus wurde. Er war inzwischen Vater einer kleinen Tochter und hoffte, dass Jan und Fredde nach den Sturm- und Drangjahren auch bald Freundinnen finden und Familien gründen würden.

* * *

Mittwoch, später Nachmittag

»Der Chef soll uns endlich das versprochene Geld geben«, meinte Fredde. »Mit der Knete können wir die Fliesen und das Laminat für den Fußboden kaufen. Ich will aus dem Scheiß Wohnwagen raus und das Haus fertig machen. Aber ich schwöre dir: Nochmal klaue ich nichts aus einer Kirche. Meinst du, wir kommen deswegen in die Hölle?«

»Seit wann glaubst du denn so einen Schwachsinn?«

Fassungslos schaute Jan seinen Bruder an.

»Kann doch sein. Ich hatte in Duderstadt in der Kirche so ein komisches Gefühl. Als ob einer von oben guckt und mir sagt, dass ich ein Dieb bin. Weißte, so wie bei Don Camillo.«

»Ehrlich? Ist ja krass. Hast du ´ne Stimme gehört?«

»Nee, nicht wirklich, aber so ein Gefühl eben. Don Camillo ist ja nur ein Film.« Fredde kratzte sich am Kopf.

»Und noch dazu einer aus dem letzten Jahrhundert. So was glaubt doch heute kein Mensch mehr. Nee. Aber wenn ich ehrlich bin ... hatte ich auch Schiss«, gab Jan zu.

»Hab gedacht, dass gleich ein Pfarrer um die Ecke kommt und fragt, was wir da machen. Komisch. In den anderen Kirchen war ich nicht so nervös. Da gibt’s eh keinen Pfarrer mehr und die Betschwestern kochen in der Mittagszeit. Bis auf die uralte zahnlose Oma. Ey, hast du das mitgekriegt, wie sie sich bei uns bedankt hat? Die glaubte echt, dass wir die Mutter Gottes zur Wallfahrt putzen wollen.« Fredde griente.

»Ja! Die war echt cool. Weißt du, warum die Alfred zu uns gesagt hat?«, fragte Jan und schaute belustigt zu seinem Bruder.

»Nee, das war komisch. Vielleicht sehen wir einem Alfred ähnlich. Gab es dort bei den Augustinern im Kloster nicht mal einen Bruder Alfred?«

»Das kann sein. Egal. Jedenfalls wollte sie für uns beten! Irgendwie hat sie mich an Oma erinnert.« Schmunzelnd dachte Fredde an die alte Frau. »Aber in Duderstadt war das ganz anders. Echt kribbelig.« Er schaute rüber zu Jan. »Hast du auch gedacht, dass da gleich ein Pfarrer um die Ecke kommt?«

»Nee. Die machen seit der Coronakrise nix mehr, nur noch Abstand halten. Beim Singen fliegen doch die Viren rum.« Jan zappelte mit den Fingern vor seinem Gesicht, als tummelten sich dort lauter Krankheitskeime. »Jetzt soll jeder zuhause beten. Nix mehr mit Sonntagspflicht. Oma hat das gebeichtet, wenn sie am Sonntag mal nicht zur Messe gehen konnte. Weißt du noch, was die dann für ein schlechtes Gewissen hatte?«

Die Brüder dachten an früher.

»Ja, ich weiß. Ich glaube, die Schwarzröcke sind nicht böse, dass es das Virus gibt. Denen kommt das wie gerufen. Jetzt brauchen sie nicht mal ´ne Predigt vorbereiten. Kirchensteuern einsammeln und gut is.«

»Meinst du ehrlich? Aber vielleicht ist ja doch was dran an dem ganzen Glaubensgedöns. Vielleicht straft Gott die Menschen mit dem Virus, weil sie die Welt kaputt machen?«

»Du redest schon wie Oma!«

»Na, kann doch sein. Selbst der Chef scheint an Gott zu glauben, besonders an die Mutter Maria. Warum mussten wir sonst die Madonna aus Germershausen und das Bild aus der Basilika klauen? Der scheint das für sein Seelenheil zu brauchen«, meinte Fredde und guckte zu seinem Bruder rüber.

»Du spinnst! Der und Seelenheil!« Jan lachte laut auf. »Wenn der an Gott glaubt, würde er uns nichts klauen lassen. Der Chef ist aber ein Studierter. Der glaubt so´n Quatsch nicht, sondern nur, was er sieht. Religion ist ›Opium fürs Volk‹. Hat schon Karl Marx gesagt.«

»Du und dein Karl Marx. Der Papst hat auch studiert. Oder meinst du, der tut nur fromm?«

»Ach, ich weiß nicht. Der Chef macht bestimmt auf Kunsthandel im Darknet. Da kannst du so was zu Spitzenpreisen verhökern. Das sind jahrhundertealte Unikate. Die gibt es nur einmal auf der ganzen Welt. Vielleicht hat der einen Kunstliebhaber an der Hand, der ihm viel Geld dafür bezahlt. Warum sonst musste es auf dem Höherberg ausgerechnet die Figur mit dem Drachen sein? Da standen doch so viele andere. Klauen auf Bestellung. Und wir machen die Drecksarbeit«, überlegte Jan und warf einen Blick auf den Tacho. Im gleichen Moment zuckte er zusammen. Siebzig innerorts! Runter vom Gas! Scheiße. Er trat auf die Bremse. Hier in Pöhlde wird oft geblitzt. Das fehlte uns gerade noch. Sein Herz klopfte. Sämtliche Poren seiner Haut öffneten vor Schreck ihre Schleusen. Schweiß rann ihm den Rücken herunter, tropfte von der Nase. Er wischte sein Gesicht am Hemdärmel ab. »Scheiße! Warum quatschen wir hier blöd rum. Mensch Fredde, wenn sie uns jetzt geblitzt haben, war´s das. Dann kriegen sie uns!«

Fredde wurde blass. Seine Beine begannen zu zittern. Er hielt die Hände auf die Knie. »Hoffentlich nicht.«

Am Ortsausgang atmeten sie erleichtert auf. Kein Blitzer! Jan schaute in den Rückspiegel. Folgte ihnen jemand? Nein. Alles gut. Bleib ruhig. Hinter dem Ortsschild beschleunigte er wieder.

»Da vorn, vor der Brücke, geht ein Feldweg nach rechts. Ich fahr da rein, und wir machen die Holzwürmer ab. Dann erkennt uns keiner mehr. Okay?«

Fredde nickte. »Ja, das ist gut.«

Jan bog in den geschotterten Weg, der neben der Oder entlang verlief. Eine Staubwolke hüllte sie ein. Das Flussbett führte nur wenig Wasser. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Als sie außer Sichtweise zur Straße waren, hielt er an. Sie stiegen aus, sahen sich um. Niemand war zu sehen.

»Das war echt ´ne gute Idee von dir mit dem Firmenzeichen. Wenn sie uns jetzt suchen, suchen sie vergeblich einen Wagen mit Holzwurm«, sagte Fredde, während sie die Folie mit den aufgeklebten Holzwurmemblemen von der Fahrer- und Beifahrertür pulten.

»Benedikt Holzwurm! Ade!«

»Hoffentlich war das Nummernschild dreckig genug und die Frau bei der Oberkirche konnte es nicht entziffern.« Er schaute nach. »Ja, das kann man nicht lesen. Wir sind safe.«

Sie knüllten die Folienreste zusammen, warfen sie ins Gebüsch, stiegen erleichtert wieder ein, fuhren bis zum Kreisel und geradeaus weiter nach Herzberg.

Die Beute sollten sie nach Düna in eine Scheune bringen. So lautete die Anweisung vom Chef.

Kapitel 4


Die Entfernung ist unwichtig.

Nur der erste Schritt ist schwierig.

– Marquise du Defand –

Hauptkommissar Schneider hatte gerade zwei Bahnen vom Rasen gemäht, da vibrierte sein Handy in der Gesäßtasche. Er ließ den Sicherheitsgriff des Mähers los. Der Motor verstummte. Umständlich zog er die Gartenhandschuhe aus, ließ sie auf den Boden fallen und griff eilig nach dem Handy.

»Was gibt’s?«

»Kowalski, Gieboldehausen. Hallo Christian. Du, wir brauchen dich hier. Ich bin in Germershausen. Da ist die ...«

»Ein Mord?«

»Nein. Aber, aus der ...«

»Warum rufst du mich dann an? Wende dich an den Kollegen, der jetzt Schicht hat. Ich hab Feierabend«, würgte Schneider das Gespräch ab, steckte das Handy wieder ein und zog an der Schnur vom Mäher. Der Motor heulte auf.

Wegen jeder Lappalie rufen die mich an. Warum stecke ich das Handy überhaupt ein? Bin ja selbst schuld. Ich muss nicht ständig erreichbar sein. Schniefend mähte er weiter. Doch das ›Wir brauchen dich hier‹ hallte in seinem Kopf nach. Ich habe nicht mal gefragt, was passiert ist. Kowalski ruft eigentlich nicht wegen einer Kleinigkeit an. Sollte es doch was Wichtiges sein? Er blieb stehen und rief zurück.

»Ich bin´s nochmal. Hmpf. Sag mal, ist es wirklich wichtig? Kein Kleinkram?«, fragte er, als Kowalski abnahm.

»Denke schon. Sonst hätte ich dich nicht angerufen. Übrigens: Ich hab mit Marie gewettet, dass du gleich zurückrufst. Bingo! Ich habe gewonnen!«, jubelte Kowalski.

Im Geiste sah Schneider den Kollegen vor sich, wie er Marie Steffen angrinste und den Daumen hob.

»So, so. Scheinst mich ja gut zu kennen. Schieß´ los, was ist passiert?«

»Aus der Wallfahrtskirche wurde die Muttergottesstatue geklaut. Der Schrein ist leer, die Küsterin ist total durch den Wind und das halbe Dorf steht kopf.«

»Haben die keine Alarmanlage?«

»Doch, haben sie. Scheinen Profis gewesen zu sein, die sich mit Elektronik auskennen. Alles ist fein säuberlich ausgeschaltet worden. Dass hier Diebe am Werk waren, erkennt man nicht. Ist aber so. Ich hab überall nachgefragt. Niemand hatte einen Auftrag, die Madonna abzuholen. Und heute Morgen, als Frau Hundeshagen die Kirche aufgeschlossen hat, stand sie, nach ihrer Aussage, noch an ihrem Platz. Der Diebstahl muss um die Mittagszeit passiert sein.«

»Hast du schon die Kriminaltechniker angefordert?«

»Klar. Und alles abgesperrt.«

»Gut, ich guck mir das an. Befrage schon mal die Leute. Vielleicht hat einer ein Auto oder Fremde bei der Kirche gesehen. Am besten, Ihr geht in die Gastwirtschaft vorn an der Straße. Die haben dort sicherlich einen Raum für uns. Bin gleich da.«

»Wird gemacht. Bis dann.« Siegessicher schaute Kowalski zu Marie. »Wusste ich´s doch. Der kann´s nicht lassen. Schneider liebt interessante Fälle, nichts Alltägliches. Am liebsten allerdings Mord, so makaber es auch klingt.«

»Okay. Du hast die Wette gewonnen, leider. Wollen wir wetten, bis wann er den Fall aufgeklärt hat?«

»Jau, bis zum nächsten Wochenende, also nicht dieses, sondern das nächste«, gab Kowalski sein Votum ab.

»Na, na. In zehn Tagen? Das kannste knicken. Ich denke, mindestens doppelt so lang, wenn überhaupt. Hier sind null Spuren. Wie soll er das anstellen?«

Sie schlug siegessicher in Kowalskis hingehaltene Hand ein.

»Und um was wetten wir?«

»Um ´ne Pizza«, meinte Marie.

»Gebongt. Die Pizza bezahlst du, wirst sehen,« grinste Kowalski.

Während er mit Marie in Germershausen die Befragung vorbereitete, schob Hauptkommissar Schneider den Rasenmäher zurück in den Schuppen und ging ins Haus, um sich umzuziehen. Pfeifend lief er die Kellertreppe zur Wohnung hinauf, steckte den Kopf zur Küchentür hinein. Mathilde guckte auf die Uhr und fragte erstaunt: »Bist du im Sturmschritt über den Rasen geprescht?«

»Nein, ich mach morgen weiter. Kowalski hat angerufen. Ich muss noch mal weg. Einsatz!«, jubilierte er und sein Blick fiel auf den Tisch, an dem Elsa saß und malte. In dem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Kirchenraub auch in Duderstadt? Sollte Mathilde recht haben mit ihrer Vermutung? Oh Gott, hoffentlich nicht. Mit ungutem Gefühl öffnete er die Tür ganz und ging zum Tisch. »Na, Elschen, hast du für den Onkel ein schönes Bild gemalt?« Elsa nickte. Schneider betrachtete das Blatt Papier. »Was ist das? Eine böse Sonne?«, fragte er und seine Hoffnung, etwas Brauchbares zu bekommen, schmolz dahin.

»Nein! Das ist das blöde Virus«, erklärte Elsa. »Co-ro-na!« Mit ihrem Malstift versah sie Corona mit noch mehr Haaren. Oder sollten es Tentakeln sein?

»Ah ja. Das blöde Virus. Genau so sieht es aus«, nickte Schneider und warf Mathilde einen enttäuschten Blick zu.

»Elsa ist noch keine vier Jahre alt, Onkel Christian, und kann schon so schön malen. Wie die Großen«, lobte Mathilde augenzwinkernd.

»Hmpf. Ja, ganz toll.« Er strich über den Kopf seiner Nichte. »Ich bin dann mal weg. Kann sein, dass ich dich nachher nochmal befragen muss, Mathilde«, sagte er zu seiner Frau und verschwand aus der Küche.

Er war noch nicht im Schlafzimmer, da kam seine Angetraute hinter ihm her, bombardierte ihn mit Fragen: »Wieso musst du mich nachher befragen? Was willst du denn wissen?«

Schneider gab keine Antwort. Hätte ich nicht sagen sollen, dachte er schnaufend.

»Warum sagst du nichts?« Er reagierte nicht. »Christian! Rede mit mir! Warum bist du so geheimnisvoll? Was ist denn passiert?« Sie hielt inne, überlegte. »Hatte ich etwa recht? Waren das tatsächlich Diebe in der Kirche? Was haben die denn geklaut?«, fragte Mathilde und triumphierte innerlich.

Schneider zog grummelnd einen Schmollmund. Mathilde, du gehst mir auf den Senkel, knirschte er gereizt, ärgerte sich über sich selbst. Da er aber wusste, dass sie keine Ruhe geben würde, wandte er sich ihr zu und seine Stimme klang strenger, als er es beabsichtigte. »Lass gut sein, Mathilde. Ich muss nach Germershausen. Kümmere dich um Elschen. Wenn ich wiederkomme, reden wir. In Ordnung?«

»Aber das kannst du nicht mit mir machen! Sag doch einfach, was los ist«, eiferte sie.

»Später!« Er hatte keine Lust. Zuerst musste er klären, ob etwas dran war an Mathildes Beobachtung. Wenn ja, hatte er einen Fehler gemacht. Einen Riesenfehler. Dann wäre sinnvolle Zeit verstrichen. Die Diebe wären längst über alle Berge. Inständig wünschte er, dass seine Frau sich irrte, obwohl ...

Er lief zu seinem Wagen, stöpselte sein Handy an die Freisprechanlage und fuhr los. Bis Germershausen würde er eine Viertelstunde brauchen. Während der Fahrt rief er auf der Wache an. Oberwachtmeister Carl-Otto Paschke, sein bester Mann, meldete sich.

»Hör mal Cop, check bitte, ob heute Nachmittag in der Basilika was gestohlen wurde. Mathilde hat Männer beobachtet, die ihr verdächtig vorkamen. Ich hoffe, da ist nichts dran. Bin selbst auf dem Weg nach Germershausen. Da wurde die Muttergottesstatue aus der Wallfahrtskirche geklaut. Kowalski ist vor Ort.«

»Ja, ich weiß. Er hat hier angerufen. Wollte aber unbedingt dich haben. Und du meinst, bei uns in der Kirche fehlt auch was? Ich ruf gleich den Hausmeister an und verabrede mich mit ihm in der Kirche. Melde mich, wenn ich was weiß.«

»In Ordnung. Das ist aber kein Hausmeister. In der Kirche heißt der Küster. Solltest du eigentlich noch wissen. Bis dann«, beendete Schneider das Gespräch und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Kirchendiebe. Hier im verschlafenen Eichsfeld? Unglaublich. Haben die jetzt unsere Gegend entdeckt? Mal was Neues. Kirchenschätze gibt´s hier ja genug. Ihm fielen gleich mehrere Dinge ein, die es sich lohnen würde, aus den Kirchen in seinem Revier zu stehlen. Aber woher kommen die? Aus dem Göttinger Raum? Weiter weg? – Von hier sicher nicht. Bei uns gibt es doch eher Kleinkriminelle. Wer kann Kirchenkunst in klimpernde Münzen umsetzen? – Könnten Clans aus dem Ostblock dahinterstecken? Oder Fanatiker, Sammler, Marienverehrer? Irritiert rieb er sein Kinn. »Heiliger Antonius!, würde Tante Hilde jetzt sagen. Hmpf.«

In Mingerode bog Schneider links ab und fuhr die Abkürzung durch die Feldflur nach Germershausen. Diese schmale Straße war während der Sommermonate sonntags für Autos gesperrt. Inlineskater, Radler und Wanderer nutzen dann die Strecke für eine Tour durchs Untereichsfeld. Zur großen Wallfahrt im Juli war Schneider oftmals hier mit Freunden und der Familie entlanggeradelt. Lange her. Aber er erkannte die Stellen noch wieder, an denen sie damals Pausen eingelegt hatten. Vor sich hinschmunzelnd schwelgte er in Erinnerungen. An der Abzweigung nach Esplingerode fuhr er in eine Staubwolke, verursacht durch einen Mähdrescher, der auf dem großen Acker neben der Straße das Korn mähte. Der Weizen war in diesem Jahr früher gereift durch die Trockenheit.

Es müsste unbedingt regnen. Mal sehen, wie viel Staub ich aufwirbeln muss und wie tief ich graben muss, um meine Ernte einzufahren, wenn ich den Fall löse. Vielleicht ist es ja auch gar kein Diebstahl gewesen und ich freue mich zu früh.

Er stellte die Klimaanlage aus, fuhr achtsam durch den braunen Dunst. In Germershausen hielt er vor der Gaststätte ›Stadt Hannover‹ und schaute überwältigt über die Wiese vor der Wallfahrtskirche.

Donnerwetter. Was ist denn hier los? Menschen sind schon eigenartig. Nimmt man ihnen was weg, was ihnen bis dahin gar nicht mehr so wichtig war, sind sie plötzlich aufgebracht wie aufgescheuchte Hühner! Spüren sie jetzt, dass ihnen die Traditionen und der Glaube doch wichtig sind? Wahrscheinlich sind sie nur sensationshungrig, überlegte er, als er die vielen Menschen sah, die, verstreut über die Wiese in kleinen Gruppen herumstanden und heftig diskutierten. Ihm kam ein Gedanke, der ihn schmunzeln ließ: Wenn ich ihnen die Statue zurückbringe, wird die nächste Wallfahrt der Renner. »Also Christian, ran an die Arbeit! Hmpf«, forderte er sich selbst auf und stieg aus. Im nächsten Moment kam ein Krankenwagen mit Blaulicht vorgefahren. Sanitäter sprangen heraus und eilten zur Kirche. »Ist noch was passiert?«, fragte er irritiert den Wachtmeister, der auf ihn zukam.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Kowalski und begrüßte Schneider mit einem Ellenbogenknuff, dem neuen Corona-Begrüßungs-Knigge. »Da saß noch eine alte Frau in der Kirche, ganz versteckt in einer Bank. Wir haben sie erst nicht gesehen. Wachtmeisterin Steffen hat die Leute aus der Kirche ins Gasthaus gebracht, und ich war dabei, alles abzusperren. Plötzlich hat es laut gerummst. Ich hab mich richtig erschrocken. Dann habe ich sie gefunden, mit dem Rosenkranz in der Hand. Kann sein, dass sie beim Beten eingeschlafen ist. Sie ist vorn über auf den Boden gefallen, einfach so. Ich habe versucht, sie zu wecken. Nichts. Puls war da. Hab den Krankenwagen gerufen. Die ist immer noch nicht ansprechbar. Vielleicht hat sie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt gekriegt«, mutmaßte Kowalski und verzog das Gesicht.

Schneider wurde hellhörig. »Komm! Ich muss zu der Frau! Wenn sie eingeschlafen war, könnte es sein, dass sie schon in der Kirche saß, als die Mutter Gottes geklaut wurde! Hoffen wir, dass sie bald zu sich kommt.«

Er eilte zur Kirche. Die Sanitäter waren gerade dabei, die alte Frau auf die Trage zu heben. Neben der Bank stand ein Rollator. Wahrscheinlich gehörte er der Frau. Die Helfer hatten ihr Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Sitz gelegt. Der Korb des Rollators war leer, aber Schneider entdeckte einen Zettel, der an der Stange festgebunden war.

»Magda Burchardt, Germershäuser Straße«, las er laut.

Der Notarzt, der gerade den Puls der Frau messen wollte, drehte sich zu ihm um, nickte ihm freundlich zu.

»Hallo, Herr Kommissar. Danke für den Namen. Immer erfolgreich im Einsatz! Jetzt kann ich die Frau wenigstens ansprechen.« Er wandte sich der Alten zu: »Frau Burchardt? Hören Sie mich?«

Auf eine Regung wartend, beobachtete Schneider das faltige Gesicht. Sie mag an die neunzig Jahre alt sein, riecht ungepflegt. Gekrauster, eingefallener Mund. Ihr Gebiss liegt sicher zu Hause im Becher. Ob sie allein lebt?

»Hallo, Frau Burchardt!« Der Arzt tätschelte ihre Wangen. Die zu einem Bubikopf kurz geschnittenen, graumelierten Haare klebten ungekämmt am Kopf.

Vielleicht kümmert sich ein Pflegedienst um die Frau. Hoffentlich bleibt mir so ein Zustand mal erspart, dachte Schneider.

Ein leises Stöhnen riss Arzt und Kommissar aus ihren Gedanken. »Oooochhh.« Die Frau schlug die Augen auf, schaute sich um. »Alfred? Alfred! Wo bist du?«, flüsterte sie kaum hörbar. Sogleich fielen die Augen wieder zu.

Der Arzt hob die Augenbrauen, blickte den Kommissar an. »Sie muss sofort ins Krankenhaus.«

Schneider nickte. »Wird sie durchkommen?«

»Schwer zu sagen. Ich kenne sie nicht. Sie ist alt, scheint ein schwaches Herz zu haben und wahrscheinlich hat sie zu wenig getrunken. Man muss schauen, wie ihr sonstiger Zustand ist. Sie kümmern sich um die Angehörigen und so weiter?«, fragte der Doktor, stand auf und ging neben den Sanitätern her, die Frau Burchardt zum Rettungswagen und danach ins Duderstädter Krankenhaus bringen würden.

Schneider zog den kleinen Block mit dem Bleistiftstummel aus der Hemdtasche. Magda Burchardt: Alfred, Alfred, wo bist du?, notierte er sich. Jedes Detail konnte wichtig sein. Das war das Erste, was er nach der Befragung in seinem Büro an die Wand pinnen würde. Ab jetzt würde er jede Kleinigkeit wahrnehmen und vermerken. Ist es ein brauchbarer Hinweis? Mal sehen. Bis jetzt ist alles offen. Jedenfalls werde ich nicht mehr so oberflächlich wie heute Nachmittag bei Mathilde sein, schwor er sich.

Kapitel 5


Die schmerzhaftesten Wunden sind die Gewissensbisse.

– Joachim Ringelnatz –

Mittwochabend

Auf dem Rückweg von Germershausen meldete sich Oberwachtmeister Paschke. »Hallo Christian, ich bin jetzt mit dem Küster in St. Cyriakus. Du hattest mal wieder die richtige Schnüffelnase. Es fehlt tatsächlich ein altes Relief aus der Spätgotik. Der Dechant von Göttingen ist schon informiert. Er ist momentan auch für Duderstadt zuständig. «

»Mist! Leider war das diesmal nicht meine, sondern Mathildes Schnüffelnase, hmpf.« Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Schneiders Magengegend aus. Das wird sie mir jetzt jeden Tag aufs Butterbrot schmieren. Er schob den Gedanken schnell beiseite, fragte: »Was für ein Bild war das denn? Kann man das so einfach abhängen und mitnehmen?«

»Ja, anscheinend. Ein geschnitztes Holzrelief mit der hl. Sippe. Ich schätze von der Größe her so auf einen Meter breit und achtzig Zentimeter hoch«, erklärte ihm Cop. »Der Küster hat mir ein Foto aus dem Kirchenführer gezeigt. Die Großfamilie von Jesus ist dargestellt, mit der Gottesmutter Maria, deren Mutter Anna und der ganzen Verwandtschaft. Nach der Beschreibung ist es ein Teil aus einem ehemaligen Annenaltar und hing bis heute Mittag im Johanneschor an der Wand. Der Küster kennt sich übrigens sehr gut aus mit den Schätzen, ist natürlich jetzt fix und fertig. Der scheint sich mit seinem Job total zu identifizieren. – Ach ja, die haben übrigens in der Kirche eine Kamera installiert. Bin gespannt, ob man auf dem Film jemanden sehen kann. Wenn´s klappt, zieh ich das Filmchen auf einen Stick. Der Küster meint, das geht. Obwohl hier alles alt ist, sind sie technisch super ausgerüstet.«

»Ein Film vom Diebstahl. Hmpf. Hört sich gut an. Bring ihn mit aufs Revier, wenn das Überspielen klappt. Sonst muss ich rüber kommen. Der Küster soll unbedingt die Kirche abschließen. Und ruf die Techniker aus Göttingen an! Die werden sich wundern, dass sie gleich zwei Mal hintereinander in ein Gotteshaus müssen. So kann man sich auch Leute in die Kirche holen. Bis gleich!«, beendete Schneider das Gespräch.

Der letzte Satz, den er eigentlich ganz unüberlegt gesagt hatte, beschäftigte ihn.

Könnten extrem Konservative auf die Idee gekommen sein, durch Diebstahl mehr Aufmerksamkeit auf Kirche und Glauben lenken zu wollen? – Oder wollen sie die lauen Katholiken bestrafen, nach dem Motto: Wir nehmen uns, was euch eh nicht mehr wichtig ist? – Das Bild der Großfamilie, der sorgenden Mutter? – Gibt es unter den AnhängerInnen von ›Maria 2.0‹ AktivistInnen? Wenn diese Leute Aufmerksamkeit haben wollen, werden sie sich irgendwann outen. Vielleicht gehen sie über die Medien oder schicken ein Bekennerschreiben an den Bischof. Das wär´s. So was hatte ich noch nie. Er dachte weiter: Viele sind aber auch entrüstet, wie die Obrigkeit in der Coronakrise die Menschen allein lässt. Aber das erklärt nichts, verwarf er den Gedanken. Auch ohne Mord und Totschlag scheint der Fall knifflig zu werden.

Auf dem Duderstädter Revier hatten die meisten Beamten schon Feierabend. Schneider grüßte den Polizisten unten an der Pforte und sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf in sein Büro in der ersten Etage. Er war gerade dabei die leere Stellwand mit den Worten von der alten Frau Burchardt aus Germershausen zu bestücken, als Wachtmeister Carl-Otto Paschke, mit einem Stick in der Hand wedelnd, hereinkam. Erwartungsvoll fragte Schneider: »n´Abend, Cop. Ist was drauf?«

»Schauen wir mal.« Der Wachtmeister setzte sich an den Schreibtisch, fuhr den PC hoch, steckte den Stick ein und trommelte mit den Fingern nervös auf der Tastatur herum. »Na, komm schon. Wie lange brauchst du noch?«, stöhnte er ungeduldig. »Wann kriegen wir hier endlich schnellere und bessere Computer? Wir sollen mit mittelalterlichen Geräten alles aus dem Dreck ziehen«, wandte er sich an seinen Chef.

»Nun lass mal gut sein. Wir leben hier auf dem Lande und machen das in Ruhe, dann geht es im Endeffekt schneller als mit deiner Hektik. Glaub mir«, versuchte Schneider den Hitzkopf zu beruhigen. »Die paar Sekunden wirst du wohl aushalten. Unser Denken und Kombinieren geht ja auch nicht immer blitzartig. Alles braucht eben seine Zeit.«

Auf dem Bildschirm erschien der Innenraum der Basilika in Schwarz-Weiß. Der Kommissar zog sich den Besucherstuhl ran, setzte sich neben den Wachtmeister.

»Schaltet sich das nur bei Bewegung ein oder müssen wir jetzt stundenlang die Leere der Kirche betrachten?«, fragte er und schaute auf seine Uhr.

»Alles in Ruhe, nach der Uhrzeit. So wolltest du es doch«, grinste Cop. Schneider knuffte ihn.

»Na ja, wenn es sein muss, kann ich vorspulen. Wann schätzt du, dass die Diebe da waren?«

Schneider zog die Augenbrauen hoch und sog Luft ein. »Hmpf. Ich frag Mathilde, wann sie mit unserer Nichte an der Kirche war.« Er atmete laut aus. Mist, aber nicht zu ändern. Mathilde ist eine Zeugin. Widerwillig nahm er sein Handy, stand auf, drückte die Nummer von zu Hause und ging wartend im Zimmer umher. Als sich Mathilde meldete, blieb er stehen. Ehe sie ihn mit Fragen bombardieren konnte, stoppte er sie mit fester Chefstimme, die keinen Widerspruch duldete: »Mathilde! Sag nichts, sondern hör mir jetzt gut zu.«

»Aber, was ...«

»Rede bitte nicht dazwischen! Du hattest recht. In der Basilika ist heute wirklich ein Bild gestohlen worden. Kannst du mir genau die Uhrzeit sagen, wann du mit Elschen bei der Kirche warst?« Er lauschte. »Mathilde? Bist du noch dran?«

»Darf ich jetzt reden?«, fragte seine Frau schnippisch.

»Nur die Uhrzeit bitte. Das andere kannst du mir erzählen, wenn ich nach Hause komme. So in einer Stunde. In Ordnung?«

Schneider spürte, wie seine Hände feucht wurden und zitterten. Warum passierte ihm das immer, wenn seine Frau anfing, ihn mit ihrem Gekeife mundtot machen zu wollen? Sah er in Mathilde dann seine dominante Mutter, die ihn stets wie ein dummen Jungen behandelt hatte? Er musste sich doch dagegen wehren, oder?

»Es war um halb vier«, sagte Mathilde, mehr nicht.

Aber wie sie es sagte. Schneider fühlte es. Sie war zutiefst beleidigt. Er zog die Augenbrauen hoch, presste die Lippen fest aufeinander. Das schlechte Gewissen meldete sich, nagte. So redet man nicht mit seiner Frau. Es tat ihm leid. Eigentlich war Mathilde doch seine Beste, trotz allem. Darum versuchte er nett zu klingen. »Aah, um halb vier! Danke, mein Schatz. Du bist ein Engel!« Er legte auf. Auf dem Nachhauseweg fahre ich bei Edeka vor und nehme ihr einen Strauß Blumen mit, beschloss er und wischte sich die feuchten Hände am Hosenbein ab.

Cop riss ihn aus seinen Gedanken. »Halb vier, sagtest du? Komm mal her. Ich bin gerade bei 15.15 Uhr. Da marschieren zwei Männer im Mittelgang hoch.« Cop drehte den Bildschirm ein wenig in Schneiders Richtung. »Tatsächlich! Die biegen nach links ab, ins Johanneschor! Im Seitenschiff ist dummerweise keine Kamera.«

Sie starrten auf den Film, der ruckartig über den Bildschirm lief.

»Mathilde faselte heute Mittag was von Zwillingen. Jetzt versteh ich sie. Die sind gleich angezogen. Ob sie gleich aussehen, kann man allerdings nicht erkennen.«

»Ja, hinter dem Maulkorb können sich Diebe gut verstecken, ohne dass es auffällt. Scheiß Corona!«, fluchte Cop.

Sie ließen den Film weiterlaufen. Es dauerte eine Weile, da erschienen die Männer wieder. Sie trugen ein scheinbar schweres Teil, das in eine Decke gewickelt war, gingen damit zum Behinderteneingang der Kirche hinaus.

»Das war´s. Nicht sehr aufschlussreich. Wir wissen nicht mal, welche Farbe deren Klamotten hatten«, sagte Cop enttäuscht.

Schneider wog den Kopf hin und her. »Das wird mir Mathilde erzählen. Die hat sie ja gesehen, und einen Blick für Kleinigkeiten hat meine Frau. Was glaubst du? Waren das dieselben wie in Germershausen oder gibt es da eine Bande, die unsere Kirchen ausräumt?«

Cop zuckte die Achseln. »Maybe. Ehrlich. Ich hab keine Ahnung.«

»Vielleicht kann uns die Frau aus Germershausen weiterhelfen. Drück die Daumen, dass sie wieder auf die Beine kommt. Zumindest hat sie was von einem ›Alfred‹ gefaselt. So könnte einer der Diebe heißen. Morgen früh machst du dich gleich ans Recherchieren. Ich will wissen, wer die Frau ist, wie viel Kinder sie hat, wer ..., wo ..., was …. Alles, einfach alles.«

Cop stand auf, salutierte und sagte mit militärischem Gehabe: »Aye, aye Käpt’n!«

»Verrückter Hund! Du bist nicht mehr bei der Marine, mein Lieber«, kommentierte Schneider und knuffte den Kollegen kopfschüttelnd grinsend an die Schulter. »Machen wir Schluss. Ich hab zu Hause noch einiges zu klären.«

Kapitel 6


Unsere Gegenwart und unsere Vergangenheit sind die Steine,

aus denen wir unser Leben bauen.

– Henry Wadsworth Longfellow –

Gegen zwanzig Uhr bogen Jan und Fredde hinter Nesselröden rechts in den Betonweg, der hoch zum Campingplatz am Waldrand führt. Auf der Ladefläche des Pick-ups rutschte die Kiste Bier, die sie noch schnell in Duderstadt gekauft hatten, von einer Seite zur anderen.

»Wenn du so weiterfährst, haben wir nur noch Schaum statt Bier in den Flaschen. Wir hätten die Kiste festbinden sollen«, bemerkte Fredde.

»Ja, ja, ich weiß. Hätte – müssen. Aber ich bin durch für heute, total fertig. Du etwa nicht?« Jan zog eine Grimasse. »Dass wir die geklauten Sachen auch noch in diese Karsthöhle bringen mussten, war ja wohl der Hammer und nicht vereinbart. Es war abgemacht, dass wir sie nur in die Scheune legen. Immer gibt es einen Haken und wir müssen mehr fürs Geld tun. Ein Arschloch ist das, wenn du mich fragst.«

Fredde nickte: »Du hast recht. Ich hätte nicht gedacht, dass wir sie durch den Höhleneingang kriegen. Was will der mit den Sachen da unten? Woher kennt der Chef die überhaupt, und wie kann er sicher sein, dass da keiner rein geht und alles klaut?«

»Hast du das Schild nicht gelesen? Da stand doch drauf, dass die Untersuchungen zu den Höhlen 2011 abgeschlossen wurden. Seitdem ist der Zutritt wegen Steinschlag streng verboten. Da darf niemand mehr rein«, erklärte Jan.

»Hab ich nicht gelesen. Dann ist es ein gutes Versteck. Darauf kommt nie einer. Aber die Höhle war echt toll, gar nicht so duster, wie ich mir das vorgestellt habe. Hoffentlich müssen wir die Sachen nicht wieder rausholen, wenn er einen Käufer hat. Zumindest haben wir das Geld gekriegt. Soll ich mal nachgucken, ob er uns nicht doch übers Ohr gehauen hat?« Fredde klopfte auf den gepolsterten, großen Briefumschlag, der mit Folie rundum verklebt war. »Fühlt sich gut an.«

»Ja, mach auf «, forderte Jan.

Es dauerte eine Weile, bis Fredde etwas vom Klebeband gelöst und den Umschlag ein Stück weit geöffnet hatte. Er fasste hinein. Seine Erschöpfung wich einem Aufbrausen. »Ey, da ist nur eine Schachtel ›Mon Cheri‹ drin!«, rief er entrüstet, zog sie raus und fasste erneut in den Umschlag. Ein Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. »Hier, willste sehen?« Erleichtert wedelte er mit einem dicken Geldbündel vor Jans Gesicht. »Lauter Fünfhunderter! Ich dachte, die gibt’s nicht mehr!«

»Siehste doch, dass es die gibt. Die drucken nur keine neuen mehr seit Ende 2018. Die alten bleiben aber gültig. Jau! Jetzt starten wir durch. Weihnachten feiern wir in unserem Haus!«, jubelte Jan und trat aufs Gas. Mit quietschenden Reifen bog er auf den Campingplatz.

»Pass auf!«, schrie Fredde, als er auf den alten Wohnwagen zusteuerte. Jan bremste, es knirschte. Dann kam der Wagen zum Stehen. In eine Staubwolke gehüllt, stiegen sie aus. Fredde betrachtete die Beifahrertür. »Bist du irre? Guck dir das an! Du bist an der Anhängerkupplung vom Wohnwagen langgeratscht.«

»Scheißegal. Ist eben der Lack ab.« Jan klappte die Fahrertür heftig zu. »Ich bin fix und knalle«, grummelte er erschöpft.

Vom Nachbarplatz tönte aufgebracht eine Frauenstimme: »Ich glaube, ich spinne! Ihr wirbelt ja den ganzen Dreck auf. Wollt ihr meine Wäsche noch mal waschen?«

Fredde rollte mit den Augen. »Sorry Mandy. Jan hat immer noch zu viel Temperament, obwohl wir einen harten Arbeitstag hatten. Soll nicht wieder vorkommen!«, beschwichtigte er und schaute über die Ligusterhecke.

»Temperament im Bleifuß vielleicht. Mehr aber nicht. Der soll mal rüber kommen. Ich zeig ihm gern mein Temperament.« Mandy hob den Stinkefinger, ließ ihn aber gleich wieder sinken, schluckte den Ärger runter und sagte einlenkend: »Was soll´s? Warum reg ich mich über euch zwei auf? Lasst uns lieber einen schönen Abend machen. Bei mir gibt´s heute Pilzomelette. Habt ihr Hunger?«

Jan streckte sich und schaute über die Hecke.

»Nee Mandy, heute nicht. Dass du genug Temperament für zwei hast, ist mir klar, aber bei uns langt´s heute nicht mehr, meine Liebe. Wir sind durch. Morgen Abend. Okay?«

Als er jedoch die hübsche Frau mit ihren Rundungen im knappen Bikini betrachtete, preschte sein Testosteronspiegel nach oben. Er warf ihr einen schmelzenden Blick zu, atmete tief durch und schob ihr die Schachtel mit den Mon Cheris, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, über die glatt geschnittene Hecke.

»Hier, ein Trostbonbon. Damit kannst du dir den Abend versüßen, meine Zuckerschnecke!«, säuselte er augenzwinkernd und schickte ihr einen Kuss rüber.

»Feiglinge! Und ich hab extra mit dem Pilzomelette auf euch gewartet, ihr Schwächlinge. Aber Danke für den Nachtisch! Hm, lecker!« Kokett winkte Mandy mit den Pralinen und verzog sich in ihr Domizil.

In den Ferien und an freien Wochenenden wohnte sie hier und war nebenan auf dem Pferdehof als Reitlehrerin tätig. Sonst lebte sie in Göttingen und arbeitete als Krankenschwester im Klinikum. Leider reichte der Verdienst nicht, um sich ein eigenes Pferd zu leisten. Doch durch eine Zusatzausbildung im therapeutischen Reiten hatte ihr der Verein ein Pferd zur Verfügung gestellt, das sie wie ihr eigenes betrachtete.

Fredde und Jan kannten sie seit vorigem Sommer. Da hatten sie in dem alten Wohnwagen eine günstige Bleibe gefunden und sich mit der stets gut gelaunten jungen Frau von nebenan angefreundet. Tagsüber ging jeder seiner Arbeit nach. Nach Feierabend bauten die Brüder Stück für Stück den Rittmannschen Hof unten im Dorf wieder auf. Oftmals, wenn sie abends erschöpft auf den Campingplatz kamen, hatte Mandy für sie mitgekocht. Kochen war neben der Liebe zu Pferden ihre zweite Leidenschaft. Und es war gut, wenn sie nicht alles allein essen musste, denn ihr Hüftgold nahm inzwischen Dimensionen an, die ungut zu einem Reitpferd passen.

Jan und Fredde hatten sich beide in sie verguckt, genossen ihre Gesellschaft und das gute Essen. Manchmal fragten sie sich, warum es Mandy nicht im Doppelpack gab? Das wäre ein Leben! So aber hatten sie sich versprochen, auf Mandy zu verzichten. Keiner sollte sie haben. Auch wenn es ihnen zeitweise schwerfiel und kleine Eifersüchteleien schon einige Male für Unfrieden gesorgt hatten.

Fredde entrüstete sich auch jetzt lautstark: »Ey, spinnst du? Du schmeißt meine Lieblingspralinen einfach so über den Zaun? Ich wollte heute Abend jede einzelne genießen, du Vollpfosten.« Er schnaubte ärgerlich, hob die Kiste Bier von der Ladefläche und trug sie zum Wohnwagen.

»Die schmecken doch eh nicht zu Bier und Mettwurst«, meinte Jan, klemmte sich die Stracke, die sie bei Bauer Bömeke gekauft hatten, unter den Arm und schlug Fredde auf die Schulter. »Komm, lassen wir uns volllaufen.«

Kapitel 7


Es gibt Augenblicke, in denen man nicht nur sehen,

sondern auch ein Auge zudrücken muss.

– Benjamin Franklin –

Zur gleichen Zeit stand Kommissar Schneider im Einkaufsmarkt vor den Blumen. Nichts Gescheites mehr da.

»Morgen kriegen wir neue Ware«, meinte eine Verkäuferin, die vorbeilief und ihn hilflos an den fast leeren Eimern stehen sah.

»Das nutzt mir nichts. Ich brauche jetzt welche.«

Die Frau zuckte die Achseln und verschwand.

Was soll ich da nehmen? Chrysanthemen? Da sagt Mathilde gleich: Friedhofsblumen. – Die Sonnenblume? Die lässt schon traurig den Kopf hängen. – Eine Topfblume? Auch blöd. »Hmpf.« Glücklicherweise fand er noch einen Strauß mit zehn, in Zellophan eingepackten, dunkelroten Rosen. »Einsneunundneunzig«, las er. Oh, so günstig! Die nehme ich! Freudig ging er zur Kasse, bezahlte und verließ pfeifend das Gebäude. Ich sollte Mathilde öfter mal einen Strauß mitbringen. Das gefällt ihr bestimmt. Seine Stimmung stieg, als er die Rosen betrachtete. Das unbehagliche Gefühl, dass ihn noch vor ein paar Minuten gequält hatte, löste sich in Luft auf. Ich mach Mathilde eine Freude. Dann ist alles wieder gut. Mit sich zufrieden fuhr er nach Hause, parkte in der Garage und ging durch den Keller nach oben in die Wohnung. »Ich bin da-a!«, rief er gut gelaunt in den Flur, zog die Schuhe aus und rutschte auf Socken, in der Hand den Blumenstrauß, ins Wohnzimmer. Mathilde saß in ihrem Fernsehsessel und schaute eine Ratesendung.

»Pscht«, sagte sie, hielt den Zeigefinger an den Mund, stierte auf den Bildschirm. Sie wollte nicht gestört werden. Schneiders Gesicht verfinsterte sich.

Der Rauch ist noch nicht verflogen. Sie ist immer noch sauer. »Hier, die Rosen sind für dich«, sagte er gut Wetter machend, legte Mathilde die Blumen in den Schoß und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

Mathilde nahm die Blumen, betrachtete sie. Ihr Mund öffnete sich. Sie schaute Christian an. Dann klappte der Mund zu, während sich ihre Augen weiteten.

»Was ist? Freust du dich nicht?«, fragte er irritiert. »Ich hab das am Telefon vorhin nicht so gemeint, Mathilde. Tut mir leid. Aber ich stecke mitten in einem Fall«, versuchte er zu erklären. Ihm kamen Gedanken an früher, als seine strenge Mutter ihn mit vernichtenden Blicken strafte.

Mathilde runzelte die Stirn. Das gelbe Preisschild auf dem Zellophan war ihr regelrecht ins Auge gesprungen: Einsneunundneunzig! Sie schluckte. »Danke. Ich stelle sie morgen bei deiner Mutter aufs Grab. Morgen ist ihr Todestag«, erwiderte sie eisig. Wenigstens fair trade für 2,99 Euro hätte er nehmen können. Bitter enttäuscht wandte sie sich dem Fernsehen zu, versuchte, dem Ratespiel zu folgen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte ihm die Blumen vor die Füße geschmissen. Was denkt der eigentlich, wer ich bin? Stoffel.

Wie ein begossener Pudel verließ Schneider achselzuckend das Zimmer, zog sich im Flur seine Latschen an und ging in die Küche, um etwas zu essen. Der Tisch war abgeräumt, Wurst und Käse standen eingetuppert im Kühlschrank. Mathilde hatte ihm nicht wie sonst ein leckeres, appetitliches Abendessen hergerichtet. Hilflos setzte sich Schneider an den Tisch, nahm das Tageblatt vom Kühlschrank.

Was hab ich jetzt wieder falsch gemacht? Verstehe Einer die Frauen. Ich jedenfalls nicht. Er blätterte die Seiten der Zeitung durch. Hab ich die nicht heute Nachmittag schon gelesen?, überlegte er und legte sie zurück. Zuerst grübelte er, wie er den häuslichen Frieden wieder herstellen konnte. Doch schon bald schweiften seine Gedanken ab, er biss sich an dem neuen Fall fest, merkte nicht, dass es dunkel wurde. Morgen müssen wir die anderen Pfarrämter unterrichten, dass sie die Kirchen verschlossen halten. Das hätte ich schon längst veranlassen müssen. Aber irgendwie war heute nicht mein Tag. Morgen muss ich besser sein, schwor er sich. Er schlief ein, wachte erst in der Nacht gegen drei Uhr wieder auf. Sämtliche Glieder schmerzten von der unbequemen Haltung auf dem hölzernen Stuhl. Er schlich ins Schlafzimmer, das durch den Vollmond diffus erleuchtet war. Seine Hose ließ er vor dem Bett auf den Boden fallen, ebenso das Hemd. Stöhnend kroch er unter die Decke. Mathilde grunzte im Schlaf. Wunderbares Liebesgesäusel, dachte er sarkastisch, schaute zu ihr rüber. Fahles Mondlicht fiel auf ihren Kopf. Schneider beobachtete sie, vertiefte sich in ihr hübsches Gesicht, ihre braunen, krausen Haare, die genauso störrisch sein konnten wie sie selbst. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus.

»Verstehe wer will, aber ich liebe dich, Mathilde, auch wenn wir uns manchmal zoffen«, flüsterte er.

Mathilde schlug die Augen auf. Sie füllten sich mit Tränen. »Ach Christian.« Sie schniefte. »Wollen wir wieder gut sein? Seit die Kinder aus dem Haus sind, haben wir doch nur noch uns. Lass uns die Tage nicht mit Streiten verderben.«

Schneider fiel ein Stein vom Herzen. Er drückte seine Frau an sich, küsste sie immer und immer wieder.

»Du hast ja so recht, Mathilde.«

Erst als im Osten die Sonnenstrahlen den neuen Tag zum Leben erweckten, schliefen sie, fest aneinander gekuschelt, ein. Knapp eine Stunde später klingelte der Wecker. Schneider war sofort hellwach. Vorsichtig zog er seinen Arm unter Mathildes Kopf heraus, schlich aus dem Schlafzimmer.

Zur Feier des Tages mach ich heute Frühstück, beschloss er. Mathilde hat recht. Die Zeit, die uns bleibt, machen wir uns schön.

Er stellte die Kaffeemaschine an, deckte den Tisch. Als die Weißbrotscheiben aus dem Toaster hüpften, lugte Mathilde mit ihrem Wuschelkopf zur Tür herein.

»Wolltest du nicht von mir noch was wissen?«, fragte sie verschlafen.

»Ja, mein Schatz. Zieh dir den Bademantel über, und wenn wir frühstücken, kannst du mir erzählen, wie das gestern mit Elsa vor der Kirche war. Einverstanden?« Schneider gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.

»Manchmal ist so ein kleiner Streit gar nicht so schlecht«, fand Mathilde und gähnte.

Er grinste. »Die Nacht mit dir war wunderschön«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Mathilde wurde rot. Auch nach fünfundzwanzig Jahren Ehe passierte ihr das noch. Schneider fand es einfach süß und hätte am liebsten den ganzen Tag mit seiner Frau im Bett verbracht. Aber heute war ›Sch-la-do‹ – ›Scheiß-langer-Donnerstag‹ – und es kribbelte ihn, den Raub aus den Kirchen aufzuklären.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
237 s. 12 illüstrasyon
ISBN:
9783969010204
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