Kitabı oku: «Bildung, Erziehung und Wissen der Frauenbewegungen»

Yazı tipi:


Die Autorinnen


Meike Sophia Baader, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim. Forschungsschwerpunkte: Historische Bildungsforschung, Kindheits- und Geschlechterforschung.


Eva Breitenbach, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Ev. Hochschule RWL in Bochum. Forschungsschwerpunkte: Geschlechterforschung, Gewalt im sozialen Nahraum, Elementarpädagogik.


Barbara Rendtorff, Seniorprofessorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt, zuvor an der Universität Paderborn. Forschungsschwerpunkte: Theorie der Geschlechterverhältnisse, Tradierung von Geschlechterbildern im Kontext des Aufwachsens.

Meike Sophia Baader, Eva Breitenbach, Barbara Rendtorff

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036322-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-036323-6

epub: ISBN 978-3-17-036324-3

mobi: ISBN 978-3-17-036325-0

Inhaltsverzeichnis

1  Einführung

2  1 Bildung, Erziehung und Wissen der Frauenbewegungen. Einleitung, Einführung in die Fragestellung

3  Ausgangspunkt, Zugang und Fragestellung

4  Begriffsklärungen

5  Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Frauenbewegungen

6  Bildung und Emanzipation

7  Literatur

8  Pädagogische Themenfelder der Frauenbewegungen

9  2 Bildung

10  Ausgangslage und Anliegen im 19. Jahrhundert

11  Ausgangslage und Anliegen in den 1970er Jahren

12  Anknüpfungspunkte der Frauenbewegungen

13  Die Debatten um Mono- und Koedukation

14  Resümee und Ausblick

15  Literatur

16  3 Sozialisation und Erziehung

17  Ausgangslage

18  Weibliche Sozialisation. Die Anfänge der Diskussion und die Etablierung als theoretisches Thema

19  Mädchen in der Geschlechterforschung

20  Geschlechtstypische Sozialisation – theoretische Entwicklung

21  Männliche Sozialisation

22  Literatur

23  4 Mutterschaft, Mütterlichkeit und öffentliche Kleinkinderziehung

24  Thematisierung von Mutterschaft und Mütterlichkeit in den Frauenbewegungen

25  Mütterpolitik und »geistige und soziale Mütterlichkeit« in der ersten Frauenbewegung

26  Mutterschaft und Mütterlichkeit in der zweiten Frauenbewegung

27  Kinderläden, Frauenbewegung und Mütter als »politische Personen«

28  Konsequenzen für die Pädagogik

29  Resümee und Ausblick

30  Literatur

31  5 Mädchen und »Mädchenarbeit«

32  »Mädchen« im Kontext der ersten Frauenbewegung

33  Mädchenarbeit in der zweiten Frauenbewegung

34  Wirkungen: Institutionalisierung

35  Konzeptionelle Entwicklung und aktuelle Lage

36  Literatur

37  6 Alltagsarbeit – Hausarbeit – Sorge und sich sorgen

38  Hausarbeit, Ehe und Familie – »die Katze, die dem Löwen auf den Rücken springt«

39  Soziale Arbeit und Fürsorge

40  Lohn für Hausarbeit, »Hausfrauensyndrom« und »Doppelte Vergesellschaftung«

41  Sorge und sich sorgen

42  Literatur

43  7 Machtverhältnisse, Gewalt, sexuelle Gewalt

44  Ausgangslage

45  Thematisierung von Machtstrukturen und Gewalt in der ersten Frauenbewegung

46  Zweite Frauenbewegung: »Frauen helfen Frauen« – Thematisierung der Geschlechterverhältnisse als Gewaltverhältnisse und Professionalisierung der Frauenhausarbeit

47  Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – »Missbrauch«: Debatten, Institutionalisierungen und öffentliche Rezeption

48  Literatur

49  8 Sexualität

50  Vorgeschichte: Sittlichkeit und Scham, Ehre und Schande

51  Situation und Diskurse im Kontext der ersten Frauenbewegung

52  Situation und Diskurse im Kontext der zweiten Frauenbewegung

53  Der Mythos von der sexuellen Befreiung

54  Literatur

55  Politisch-pädagogische Praxen und Theoriebildung

56  9 Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Emanzipation und Bildung

57  Selbstermächtigung als Bedingung für gesellschaftliche Veränderung

58  Freiheit, Gleichheit und Bildung

59  Emanzipation

60  Selbstbestimmung

61  Selbstbestimmung und Bildung

62  Literatur

63  10 Selbsthilfe, Selbstorganisation, Solidarität

64  Selbsthilfe und Solidarität

65  Selbsthilfegruppen von Frauen in der zweiten Frauenbewegung

66  Consciousness raising

67  Selbstorganisation und Bildungsräume: Frauenbuchläden

68  Frauen-Bildungsprojekte

69  Frauengruppen in der Frauenbewegung und in der Pädagogik

70  …und Bildung

71  Literatur

72  11 Wertschätzung

73  Ausgangslage

74  »Gemeinsam sind wir stark«

75  »Macht ohne Herrschaft«?

76  Die Politik der Differenz und der Affidamento-Ansatz

77  Autorität, Anerkennung und pädagogische Beziehungen

78  Literatur

79  12 Differenz und Differenzen

80  Zur Problematik der Begriffe

81  »Geschlechterdifferenz«

82  Differenz, Diversity und Intersektionalität

83  Das Verschwinden(lassen) von Geschlecht

84  Vom Unterschied zur Praxis der Unterscheidung

85  Fazit und Ausblick

86  Literatur

87  13 Forschung, Wissensproduktion und Theoriebildung

88  Wissenschaft und Forschung in der ersten Frauenbewegung

89  Wissenschaft, Forschung und Wissenschaftskritik in der zweiten Frauenbewegung

90  Die Universität als Institution und die Institutionalisierung der Geschlechterforschung

91  Theoriebildung, Geschlechterforschung und Erziehungswissenschaft

92  Literatur

93  14 Die Bildung der Frauenbewegungen: Impulse, Ambivalenzen, Aktualitäten. Ein Fazit

94  Literatur

Einführung

1 Bildung, Erziehung und Wissen der Frauenbewegungen. Einleitung, Einführung in die Fragestellung

1 Bildung, Erziehung und Wissen der Frauenbewegungen. Einleitung, Einführung in die Fragestellung

Ausgangspunkt, Zugang und Fragestellung

Begriffsklärungen

Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Frauenbewegungen

Bildung und Emanzipation

Ausgangspunkt, Zugang und Fragestellung

Dieses Buch befasst sich mit der Frage, welche Impulse für Bildung, Erziehung, Sozialisation und Sorge von den beiden Frauenbewegungen ausgegangen sind, explizit oder als implizite Anregung – und was aus diesen Impulsen geworden ist: Wie haben Erziehungswissenschaft und Pädagogik sie aufgenommen? Was ist in diesem Prozess der Adaption geschehen? Wie haben sich Inhalte und Intentionen verändert, was ist ganz verloren gegangen? Denn soziale Bewegungen, stärker organisierte oder fluidere und informellere, zielen mit ihren artikulierten Interessen darauf, Einfluss auf das gesellschaftliche Selbstverständnis zu nehmen, auf gesellschaftliche, soziale und kulturelle Ordnungen und Institutionen – können aber auch von diesen aufgesogen, entstellt oder zum Verschwinden gebracht werden.

Dass die im Nachhinein als »erste« bezeichnete Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sich wesentlich für Fragen der Bildung und Erziehung eingesetzt hat, ist von der Forschung, namentlich der erziehungswissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, vielfach beschrieben worden (Kleinau/Mayer 1996; Jacobi 2013). Ihre Anteile an der »Modernisierung des Bildungswesens« sind unter verschiedenen Aspekten herausgearbeitet worden (Fischer/Jacobi/Koch-Priewe 1996: 13) – auch wenn die Verbindung zur Frauenbewegung in der einschlägigen Literatur zur Geschichte des Bildungswesens oftmals unterschätzt oder vergessen wird. Bildung ist dabei durchaus in einem breiten Sinne zu verstehen: als Zuwachs an Wissen, Differenzierungs- und Verständnisfähigkeit, als Selbstbildung und als Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung. Aber in einem engeren Sinne, als Bildung in institutionellen Kontexten, war sie ein zentrales politisches Thema, das auf Widerstand in der Bildungs- und Kultuspolitik und den Bildungsinstitutionen stieß und sich deshalb gewissermaßen thematisch mit anderen allgemeinpolitischen Forderungen der Frauenbewegung verband ( Kapitel 2). In diesem Zusammenhang wurden beispielsweise die Impulse für Fragen der Studierfähigkeit von Frauen, der Bildungsbeteiligung von Mädchen, der Koedukation (vgl. Klimek 2002), der Schulentwicklung in Deutschland und der Modernisierung von Schule herausgearbeitet (vgl. Fischer/Jacobi/Koch-Priewe 1996).

Auch die Geschichte der Sozialen Arbeit und ihrer Professionalisierung war maßgeblich sowohl mit der ersten als auch mit der zweiten Frauenbewegung verbunden ( Kapitel 5, Kapitel 7). Konzepte von Bildung und Konzepte von Sorge wurden dabei bereits in der ersten Frauenbewegung in unterschiedlichen Ansätzen miteinander, mit den Geschlechterverhältnissen und mit der geschlechtstypischen Arbeitsteilung verknüpft. »Bildung und Sorge werden im Kontext frauenbewegter Visionen des Sozialen gleichermaßen als Notwendigkeit formuliert und erweisen sich als bewusster und explizit politischer Umgang mit den zeitgenössischen sozialen Herausforderungen« (Maurer/Schröer 2015: 597). Durch die zweite Frauenbewegung wurden manche Themen überhaupt erst zu Gegenständen von theoretischer Analyse und praktischer Hilfe. Aus Initiativen der Frauenbewegung entwickelten sich Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, im Verlauf der erfolgreichen Etablierung als Gegenstand Sozialer Arbeit wurde allerdings die kritische feministische Analyse der Geschlechterverhältnisse auch domestiziert und teilweise zum Verschwinden gebracht.

Eine umfassende Darstellung der Geschichte der Frauen- und Mädchenbildung über 500 Jahre in vergleichender Perspektive zwischen Deutschland, Frankreich und England wurde vor wenigen Jahren von Juliane Jacobi vorgelegt. Dabei werden auch die Aktivitäten und Kämpfe des 1894 gegründeten Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) für die Bildungsbeteiligung von Frauen und Mädchen um 1900 zentral in den Blick genommen (Jacobi 2013: 301). Jacobi resümiert, dass die meisten der seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Bildungszugänge von Frauen kämpfenden bürgerlichen Aktivistinnen der Frauenbewegung an der »Besonderheit von Mädchenbildung« festgehalten hätten und davon ausgegangen seien, dass damit kein Ausschluss aus der »Welt des Wissens und dem Erwerbsleben« verbunden sein müsse (ebd.: 446) Diese Position wurde allerdings von den sozialistischen Aktivistinnen nicht geteilt, aber auch nicht von radikaler denkenden bürgerlichen wie etwa Hedwig Dohm (1831–1919) (vgl. Dohm 1910/1981), die nicht zuletzt mit der Forderung nach Wahlrecht auch die Gleichheit von Frauen und Männern betonen wollten.

Dass der Rekurs auf »weibliche Besonderheiten« problematisch ist, weil er die kategoriale Aufteilung in zwei unterschiedliche Geschlechter mit je spezifisch zugeordneten Tätigkeiten und Passungen aufrechterhält – und es damit denjenigen Frauen, die sich in andere Berufsbereiche begeben wollten, zusätzlich schwermachte –, wird im Folgenden an verschiedenen Themenfeldern und aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert. Denn auch wenn die separate Mädchenbildung spätestens im Zuge der Bildungsreformen der 1970er Jahre aus der Regelschule der Bundesrepublik verschwand und die Frage nach einer besonderen Form der Mädchenbildung zunächst als erledigt betrachtet wurde (auch wenn es die Nische der Mädchenschulen weiterhin gab und noch gibt), blieben die Aufteilung nach Geschlecht und die Orientierung an einer vermeintlichen Besonderheit des Weiblichen in vielen anderen Bereichen – etwa der Segregation in Berufswahl und -bildung, dem Erziehungsbereich, der öffentlichen Kinderbetreuung oder den Konzepten der Sozialen Arbeit – weiterhin wirksam.

Erst die neue Frauenbewegung, so noch einmal Jacobi, habe die Einführung der Koedukation nicht mehr nur als Erfolg und Gleichstellung betrachtet, sondern kritisch danach gefragt, inwiefern sich unter der scheinbaren Gleichheit nicht alte Stereotypen und Geschlechterungleichheiten fortsetzen würden (Jacobi 2013: 447). Diese Perspektive, die nach Gemeinsamkeiten, Kontinuitäten, Unterschieden oder gar Brüchen im Verhältnis von erster und zweiter Frauenbewegung fragt, will das vorliegende Buch aufnehmen, auch wenn dabei vieles nur angerissen werden kann. Vor diesem Hintergrund verstehen wir unsere Arbeit auch als Anregung zum Weiterdenken, zur Vertiefung und differenzierten Erforschung. Unsere Bilanz ist eine vorläufige.

Während also die Impulse der ersten Frauenbewegung für Fragen von Bildung und Erziehung vor allem unter dem Aspekt der »Frauen- und Mädchenbildung« insgesamt recht gut erforscht sind, ist dies für die zweite Frauenbewegung nicht der Fall. Diese nahm in der Bundesrepublik ihren Ausgang 1967/1968 mit der Kritik am männlichen und autoritären Habitus in der sogenannten Studentenbewegung. Zwar ist der Tomatenwurf 1968 von Frauen gegen ihre männlichen Genossen durchaus in das kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik eingegangen (vgl. Notz 2006), dass es dabei aber um Fragen von öffentlicher Kindererziehung ging, ist weniger bekannt (vgl. Baader 2008, 2018a). Einzelne Aspekte der zweiten Frauenbewegung zu Frauen an Schule und Hochschule sind entlang der Frage nach der Frauenbildung in den Blick genommen worden (vgl. Kleinau/Opitz 1996), diese werden aber nicht durchgängig mit den Aktivitäten und Initiativen der Frauenbewegung in Verbindung gebracht. Eine umfassende Darstellung ihres bildungsbezogenen Engagements und dessen Wirkungen existiert bislang nicht.

Dieses Buch will diese Lücke schließen und die Impulse der ersten und zweiten Frauenbewegung für Fragen von Bildung, Erziehung, Sozialisation und Sorge in ihren Kontinuitäten und Diskontinuitäten skizzieren und diskutieren. Dabei wird auch nach den Kämpfen und Auseinandersetzungen innerhalb der erziehungswissenschaftlichen Fachcommunity um die Akzeptanz und Anerkennung bestimmter Perspektiven und Positionen, die aus der Frauenbewegung und dem Feminismus kamen, gefragt. So hatte beispielsweise die 1964 gegründete Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zunächst sehr skeptisch auf den 1982 eingereichten Antrag zur Gründung einer »Kommission für Frauenfragen« reagiert, die anfänglich als Bedrohung für die »Identität der Disziplin« (Berg/Herrlitz/Horn 2004: 48) gesehen wurde. 1985 wurde diese Initiative dann als »Arbeitsgemeinschaft auf Zeit« akzeptiert und erst 1991 konnte der Status einer »Kommission Frauenforschung in der Erziehungswissenschaft« durchgesetzt werden. Die Umbenennung und Erweiterung erfolgte dann 1999 zur Sektion »Frauen und Geschlechterforschung« (vgl. Rieske 2016).

Fragen von »Geschlechtergerechtigkeit« oder »Koedukation« kommen in der wichtigsten und traditionsreichsten Zeitschrift der Disziplin, der »Zeitschrift für Pädagogik«, bis in die 1970er Jahre nicht vor. Ein von einer Frau herausgegebenes Beiheft der Zeitschrift erschien im Jahre 1959 (eine Festgabe für Herman Nohl) und dann wieder im Jahr 2004. Juliane Jacobi hat 2008 vor dem Hintergrund einer Analyse der »Zeitschrift für Pädagogik« unterstrichen, dass die Geschlechterforschung dort bis dahin nicht angekommen war, genauso wenig wie in der empirischen Bildungsforschung (Jacobi 2008: 94ff.) Aber auch die 1967 gegründete kritisch ausgerichtete Zeitschrift »betrifft: erziehung«, die ein Forum für eine jüngere Generation von kritischen Erziehungswissenschaftler:innen und Bildungsforscher:innen darstellte und deshalb als kritischer Gegenentwurf zur »Zeitschrift für Pädagogik« gelten kann, wies in ihrem Redaktionsteam Anfang der 1970er Jahre nur eine Frau auf. Damit bildet die schwache Repräsentanz von Frauen eine Gemeinsamkeit sowohl einer älteren und tradierten wie auch einer jüngeren und aufbruchsorientierten Zeitschrift der Disziplin. Insgesamt würde das spezifische Verhältnis der Disziplin zu Fragen der Geschlechterforschung durchaus ein eigenes Forschungsprojekt darstellen.

In diesem Buch werden Fragen auf mehreren Ebenen berücksichtigt: erstens die nach der Repräsentanz und Sichtbarkeit von Frauen mit feministischen Positionen zu Erziehung, Bildung, Sozialisation und Sorge an den Schulen und Hochschulen, in den Fachgesellschaften und in einschlägigen Publikationsorganen und Publikationen; zweitens die nach den erziehungs- und bildungsbezogenen Themen, die von der Frauenbewegung initiiert und bearbeitet wurden, einschließlich der damit verwandten Topoi (wie Gerechtigkeit, Gleichstellung, Gemeinsamkeit, Solidarität). Drittens ist danach zu fragen, auf welche Resonanzen diese Themen in der Erziehungswissenschaft stießen und wie und wo sie aufgenommen worden sind. Dabei werden auch Ambivalenzen und Paradoxien in den Blick genommen, etwa bezüglich der Integration bestimmter ursprünglich aus dem Feminismus stammender Perspektiven in das Erziehungs- und Bildungssystem, das System der Sozialen Arbeit oder in diejenigen Wissenschaften, die sich mit Erziehung, Bildung und Sorge befassen – wobei das Wissen um diese historische Verbindung meist verloren gegangen ist. Und schließlich wird viertens auch danach gefragt, wie die von engagierten Frauen ausgegangenen pädagogischen, bildungs- und erziehungsbezogenen Impulse in das gesellschaftliche Miteinander, die gesellschaftliche Geschlechterordnung und in das Alltagshandeln zu Erziehung und Geschlecht hineingewirkt haben. Angesichts dessen wird mit diesem Buch auch ein erinnerungskultureller Beitrag geleistet, der der Geschichtsvergessenheit gegenüber den Debatten und Impulsen der Frauenbewegung und den diesbezüglichen Tradierungslücken etwas entgegensetzen will.

Systematisch unterscheiden wir zwischen den vielfältigen pädagogischen Handlungsfeldern von der Familie, über den frühpädagogischen und außerschulischen Bereich, die Schule bis zur Hochschule sowie den Feldern der Erwachsenenbildung und der Sozialen Arbeit einerseits und der erziehungswissenschaftlichen Disziplin andererseits. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Impulse für das Nachdenken über Erziehung, Bildung, Sozialisation und Sorge und Geschlechterverhältnisse die Frauenbewegungen mit sich gebracht haben (vgl. Rendtorff 2006) und wie diese jeweils sowohl in den Handlungsfeldern als auch in der Disziplin aufgenommen, diskutiert, weiterverfolgt, transformiert, ignoriert oder etwa zurückgewiesen wurden. Wie hat die Disziplin beispielsweise die Aufforderung der frühen zweiten Frauenbewegung aufgenommen, sich mit Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Familie und Schule zu befassen? Wie hat sie den sexuellen Missbrauch aufgenommen? Wie reagierte sie auf den Vorwurf, Frauen in ihren akademischen Karrieren zu behindern? Wie hat sie Impulse aufgenommen, ihr Verständnis von Disziplinierung, Sozialisation, frühkindlicher Erziehung, Lernen usw. angesichts der feministischen Wissenschafts- und Gesellschaftskritik zu überdenken? Aber auch: welche Kontroversen gab es dazu innerhalb der Frauenbewegungen und zwischen Frauen selbst – ob über Koedukation, Gleichheit oder Sozialisation?

Unsere Ausgangspunkte sind dabei die aus der Frauenbewegung und dem Feminismus stammenden Themen, weshalb die Gliederung des Buches entlang dieser einschlägigen Themen erfolgt, die Frauenbewegung und Feminismus beschäftigt und die sie für den allgemeinen Diskurs um Erziehung, Bildung, Sozialisation und Sorge aufgeworfen haben. Diese bilden die Folie für unsere Rekonstruktionen und Fragen.

Waren wir anfangs positiv gestimmt in Bezug auf die Wirkung jener Impulse der Frauenbewegungen, die wir aus Literatur und eigener Erfahrung als vielfältig, breit und differenziert kennen, so wich diese optimistische Einschätzung mehr und mehr der Einsicht, wie viel Engagement, Erkenntnisse, Wissen und politische Impulse tatsächlich eher versandet sind, weil aktiver und passiv-aggressiver Widerstand der Disziplin und der Bildungsinstitutionen ihr Wirksamwerden verhinderten. Die Aktivistinnen beider Frauenbewegungen hatten immer eine doppelte Hoffnung: in Bezug auf sich selbst, ihre Anerkennung als Frauen, die Wertschätzung ihrer Arbeit und Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsumstände – aber auch mit Blick auf »alle« Frauen, also die Veränderung von Strukturen, Machtverhältnissen und die Logik gesellschaftlichen Handelns. Doch wann immer Frauen scheinbar Wege gefunden hatten, diesen Zielen etwas näher zu kommen, stießen sie auf Gegenwehr von Institutionen und Disziplin oder wurden ihrer Impulse und Vorarbeiten enteignet, auch wenn sich das in den verschiedenen Handlungsfeldern und historischen Phasen unterschiedlich darstellt. Auch dies wird im Folgenden thematisiert und dokumentiert.

Begriffsklärungen

Vorweg einige Klärungen zu zentralen Begriffen und Orientierungen, auf die wir uns wesentlich stützen und die den Hintergrund unserer Theorieperspektiven bilden – auch wo dies nicht explizit zum Gegenstand wird.

Wir nehmen eine Perspektive ein, die dem Begriff der Geschlechterverhältnisse folgt. Damit wollen wir hervorheben, dass die Geschlechterthematik in komplexen Relationalitäten zu sehen ist. Im Vordergrund stehen damit Selbst- und Beziehungsverhältnisse und die vielfältigen Bezüge der Kategorie »Geschlecht«, wie dies auch für die Geschlechtergeschichte, die aus der Frauengeschichte hervorgegangen ist, unterstrichen wurde (Opitz-Belakhal 2010: 11). Diese Relationalitäten schließen nicht nur Konstruktionen von Männlichkeiten (vgl. Forster 2020), sondern auch Artefakte und Aspekte des Materiellen ein sowie deren Verflechtung mit vielen Lebensbereichen, die zunehmend auch in feministische Ansätze aufgenommen werden. Die Frage nach den Geschlechterverhältnissen umfasst auch Perspektiven von »Geschlecht als Existenzweise«, wie sie etwa von Andrea Maihofer vorgeschlagen wurden (vgl. Maihofer 1995), sowie die Berücksichtigung gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse, insbesondere von »geschlechtlich markierten Herrschaftsverhältnissen« (Opitz-Belakhal 2010: 11). Dazu gehört wesentlich auch der Bereich der symbolischen Ordnung, der sich insbesondere um Symbolisierungen, Codierungen, Zuschreibungen und Wertungen sowie damit verbundene Prozesse der Ein- und Ausschließung dreht. Die Perspektive auf Geschlechterverhältnisse ist eng verbunden mit der Analyse von Geschlechterordnungen als zentralem Element gesellschaftlicher Ordnungen. Joan Scott hat schon vor Jahren explizit gemacht, dass Beziehungen zwischen den Geschlechtern ein wichtiger Aspekt der Organisation des Sozialen sind (Scott 1993: 17). Der Begriff der Geschlechterordnung akzentuiert, dass die Geschlechterverhältnisse starken Normierungen und Ordnungsvorstellungen unterliegen, die jedoch zugleich mit historischen Wandlungsprozessen verbunden sind und deshalb ständig neu hergestellt werden. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass es sich bei der Kategorie Geschlecht um eine machtvolle gesellschaftliche Ordnungsdimension und Platzanweiserin handelt, die mit Bourdieu als »strukturiert und zugleich selber strukturierend« zu betrachten ist (Rendtorff 2016: 9)

Darüber hinaus und zugleich steht die Kategorie Geschlecht immer in Beziehung zu anderen Differenzkategorien. Damit schließen wir grundsätzlich an die Perspektive der Intersektionalität an, die die Kreuzungen von verschiedenen Differenzaspekten fokussiert. Die Differenzen nach sozialer Lage, Bildungsstand und Herkunft spielten in beiden Frauenbewegungen eine Rolle, in der ersten nicht zuletzt als Konflikt zwischen sozial unterschiedlich gestellten Frauen im Zusammenhang mit der »Dienstbotenfrage« im Kaiserreich (vgl. Walser 1986). In der zweiten Frauenbewegung wurden die strukturellen Unterschiede zwischen Frauen gerade in den Frauenprojekten ebenso fruchtbar wie konflikthaft erlebbar, deren Grundlage die »Gemeinsamkeit der Frauen« war (vgl. Breitenbach 2018). Doch als Strukturkonzept kam der Begriff, der auf das Zusammenspiel von »Geschlecht« mit weiteren gesellschaftlichen Ungleichheitsdimensionen verweist, erst im Kontext des US-amerikanischen »Black Feminism« zu Beginn der 1980er Jahre in die Diskussion. 1981 hatte Angela Davis das Buch »Women, Class and Race« veröffentlicht (dt. 1982), nachdem 1977 ein Manifest des Schwarzen Feminismus, des »Combahee River Collective«, erschienen war. Seit den 1990 Jahren wurde die machtkritische Perspektive des Zusammenwirkens verschiedener Ungleichheitsdimensionen unter dem Begriff der Intersektionalität geführt, der auf die afrikanisch-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zurückgeht, die ihn 1989 geprägt hat. Die Diskussion um dieses Paradigma wurde seitdem transatlantisch und transnational geführt, wenn auch mit regional je unterschiedlichen Schwerpunkten, aber mit dem verbindenden Ansatz, das »Ineinandergreifen unterschiedlicher Kategorien in der Reproduktion gesellschaftlicher und globaler Ungleichheit« zu analysieren (Graneß/Kopf/Kraus 2019: 77). Cathy Davis hat dabei herausgearbeitet, dass in Europa diese Debatten stark akademisiert wurden (vgl. Davis 2008). Im Kontext der postkolonialen Theorie und des »Schwarzen Feminismus« haben insbesondere afrikanisch-amerikanische Theoretikerinnen dieses Analyseinstrument weiterentwickelt, um Unterdrückungsmechanismen und die »Mehrdimensionalität von Subjektpositionen, die sich im Widerstand dazu artikulieren«, zu begreifen (Graneß/Kopf/Kraus: 23, 77). Frauenbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika diskutieren jedoch auch andere Begriffe, insbesondere bezüglich des Feminismus (ebd.: 75–121).

Für den transatlantischen Transfer afrikanisch-amerikanischer Zugänge emanzipatorischer Bewegungen spielten seit dem 19. Jahrhundert Pädagoginnen im Kontext von Schulgründungen, von Bildungspolitik und von universitären Studien eine bedeutsame Rolle (ebd.: 76f.; vgl. Gippert/Kleinau 2014). Auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, ist uns wichtig, auch wenn wir unseren Fokus vor allem auf die Geschichte der deutschsprachigen Frauenbewegung legen und für die zweite Frauenbewegung insbesondere die Bundesrepublik in den Blick nehmen, denn als Theoriehintergrund gehen sie dennoch in unsere Beobachtungen ein.

Aber auch bevor das Zusammenspiel verschiedener Differenzlinien seit den 1990er Jahren unter dem Begriff der »Intersektionalität‹« systematischer diskutiert wurde, ist innerhalb der Frauenbewegungen und des Feminismus immer wieder nach dem Subjekt des Feminismus und danach gefragt worden, wer für welche Gruppe spricht (und sprechen darf), wer wessen Interessen vertritt (oder gegen wessen Interessen verstößt), wessen Positionen Gehör finden und wessen nicht – und warum. Für das bürgerliche Spektrum der ersten Frauenbewegung trifft dies insbesondere für die Erwartungen der jüdischen Mitstreiterinnen ( Kap. 6 und Kap. 10) sowie für die Positionen von Frauen unterbürgerlicher Schichten zu. In der zweiten Frauenbewegung bildeten sich zunehmend Gruppen eingewanderter Frauen (teilweise interkulturell, teilweise herkunftsspezifisch), von denen heute ebenfalls eine reichhaltige intersektionelle Forschung ausgeht (vgl. Diehm/Messerschmidt 2013; Kulaçatan/Behr 2020).

In die deutschsprachige Erziehungswissenschaft wurde die Perspektive der Intersektionalität Anfang der 2000er Jahre insbesondere von Lutz/Krüger-Potratz (2002) eingeführt. Zwischenzeitlich ist sie für die erziehungswissenschaftliche Diskussion um Geschlecht, Heterogenität und Diversität grundlegend (vgl. Walgenbach 2014) und methodologisch-methodisch insbesondere von den Soziologinnen Winker/Degele 2009 ausgearbeitet und reflektiert worden. Damit hat jenes vom »schwarzen Feminismus« (Graneß/Kopf/Kraus 2019: 23) hervorgebrachte Paradigma aus der politischen Sphäre der sozialen Bewegungen in einem über mehrere Jahrzehnte stattgefundenen Prozess der Auseinandersetzung und Diskussion Eingang in die Erziehungs- und Sozialwissenschaften gefunden. Es lässt sich allerdings beobachten, dass bei der Thematisierung der verschiedenen Ungleichheitsaspekte die Dimension Geschlecht deutlich in den Hintergrund geschoben wird, teilweise in Identitätsfacetten zerlegt und teilweise marginalisiert. Dahinter steht die Diskussion darüber, ob unter den zahlreich ausgemachten »Heterogenitätsdimensionen« der Kategorie Geschlecht überhaupt (noch) eine besondere Stellung zukomme (vgl. Knapp 2008) oder ob sie nicht mittlerweile längst »veraltet« oder »überholt« (Knapp 2012: 301) und nur noch eine fast nebensächliche Kategorie unter anderen sei.

Die Frage, ob der Feminismus die Geschlechterdifferenz akzentuieren solle, so etwa bei Luce Irigary (1987), oder aber Gleichheitsforderungen fokussieren, wird in der Theoriediskussion immer wieder gegeneinandergesetzt, wie auch die Rekonstruktion von Casale/Windheuser 2019 zeigt. Wir wollen diese Gegenüberstellung des Entweder-Oder jedoch nicht fortschreiben, denn die Opposition ist zum einen historisch nicht angemessen und zum anderen gab und gibt es immer wieder Versuche, das Verhältnis anders zu bestimmen, etwa über Gleichheit in der Differenz (vgl. Prengel 1990), durch Versuche der Balancierung beider Perspektiven (vgl. Maihofer 1995), durch eine Reflektion von Subjektkonstitutionen (vgl. Dingler 2019) oder durch eine Verflüssigung der Kategorie Geschlecht im »doing gender« und durch Ansätze, die das System der Zweigeschlechtlichkeit insgesamt in Frage stellen, wie in den Queer Studies ( Kap. 12). Gegen die Schablonen und festgefahrenen Mainstreamnarrationen wollen wir diese Aspekte vor allem mit dem Fokus auf Erziehung, Bildung, Sozialisation und Sorge diskutieren. Darüber hinaus ist auch zu fragen, ob die insbesondere in der französischen und italienischen Theoriebildung verwendeten Begriffe der »sexuellen Differenz« oder »differenzia sessuale« nicht noch andere Bedeutungshorizonte einschließen. Catrin Dingler hat in ihrer Auseinandersetzung mit dieser Theorietradition auf den »Schnitt« bezüglich des Subjektverständnisses hingewiesen (ebd.: 9ff.). Diese Debatten machen darüber hinaus deutlich, dass in einer reflektierten Perspektive »der« Feminismus aus vielen Feminismen besteht. Der Begriff »Feminismus« wurde im späten 19. Jahrhundert von französischen Frauenrechtlerinnen aufgebracht, er wird Hubertine Auclert zugeschrieben und bezeichnet Positionen, die sich für die Emanzipation, Frauenrechte und rechtliche Gleichstellung von Frauen stark machten. Er wurde in den 1890er Jahren auf verschiedenen internationalen Frauenkongressen diskutiert und teilweise synonym mit dem Begriff der Frauenbewegung verwendet.

»Im Deutschen aber haftet dem Begriff bis heute der Geruch besonderer Radikalität an. Tatsächlich wurde er an der Wende zum 20. Jahrhundert von den Akteurinnen kaum zur Selbstbezeichnung, dagegen abwertend und denunzierend von den Gegnern der Frauenemanzipation gebraucht und hat erst mit der Frauenbewegung der 1970er Eingang in unsere Alltagssprache gefunden« (Gerhard 2018: 8).

Die Geschichte des Feminismus ist also von seinen Anfängen an auch mit seiner Abwertung verbunden. Dabei ist die Geschichte des Antifeminismus historisch zudem immer wieder mit dem Antisemitismus verbunden. Karin Stögner etwa argumentiert, dass beides »in Form von Ideologemen, verfestigten Diskursformen, eingeschliffenen Stereotypen und tiefsitzenden Verhaltensmustern als verdinglichte soziale Tatbestände« auftreten und sich auf Natur und Ontologie berufen würde (2014: 15). Diese Konstellation erfährt auch aktuell Revitalisierungen und digitale Neukonfigurationen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Frauenbewegungen

Ebenso vielschichtig und uneinheitlich wie der Begriff »Feminismus« ist die Bezeichnung »Frauenbewegung«. Eine Kategorisierung als »Bewegung« kann stets nur im Nachhinein als Etikett vergeben werden, wenn sich bereits Personen in größerer Menge für ein bestimmtes Ziel oder gegen bestimmte politische Bedingungen zusammengefunden haben, sich zumindest rudimentär auch organisiert und ihre Aktivitäten über einen längeren Zeitraum hinweg artikuliert haben und so sichtbar werden. Damit dies funktioniert, brauchen Bewegungen auch so etwas wie eine »kognitive Konstitution« (Gilcher-Holtey 2005: 11), das heißt identitätsstiftende Themen und Praktiken, »ein symbolisches System der Selbstverständigung und Selbstgewissheit« (ebd.), die für den Mobilisierungsprozess bedeutsam sind. Diese bedürfen, neben den kognitiven Rahmungen, auch immer wieder besonderer Gelegenheitsstrukturen, innerhalb derer die Forderungen der Bewegung öffentlichkeitswirksam vorgetragen werden und ihren Ausdruck finden. Diese Merkmale treffen auf beide Frauenbewegungen zu. Beide haben sich organisiert, haben spezifische Protestformen entwickelt, Treffpunkte, Räume und Publikationsorgane geschaffen, agierten transnational und haben Theoriebildung und Akademisierung in Gang gesetzt und ihre Themen und Forderungen so mittel- bis langfristig eingebracht. Beide Frauenbewegungen haben dabei in ihren Themen unterschiedliche Akzentuierungen gehabt, aber es gibt auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten. Diese arbeiten wir in den einzelnen Kapiteln zu den zentralen Themen heraus. Die erste Frauenbewegung setzte ihre Akzente auf Bildung, Erwerbstätigkeit und Rechte (Bock 2005: 169), die zweite auf Formen der Wissensproduktion, Hausarbeit, Sprache, Körper, Gewalt, Sexualität und Formen der Selbstbestimmung in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Sie fokussierte sich stark auf »Individualisierung, Subjektwerdung, Subjektivität und Raum zur Selbstentfaltung« (ebd.: 323). Sie erfreute sich auch provokativer Protestformen, sie forderte Autonomie und brach »zuweilen unter Mühen – mit der Neuen Linken« (ebd.: 321).

Diese, wie auch die männlichen Politiker und Wissenschaftler, taten sich schwer, die Frauenbewegung überhaupt als eine »Bewegung« anzuerkennen (vgl. Kontos 1986), und es dauerte, bis sie nicht mehr nur als bürgerlich-reformistische Strömung eingeschätzt, sondern ihre »Patriarchatskritik« als zentraler und die politisch unterschiedlich positionierten Gruppen verbindender politischer Topos erkannt wurde (ebd.: 36).

Die erste Frauenbewegung in Deutschland verfügte über eine übergreifende zentrale Organisation, den Bund deutscher Frauenvereine (BDF; gegründet 1894). Damit stand die Vereinsstruktur als Organisationsform im Mittelpunkt. In den Vereinen waren die Frauen Mitglieder, so dass ihre Mitgliedschaft, auch für die historische Erforschung, zuordenbar war. Die zweite Frauenbewegung hingegen hing eng mit den internationalen sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre zusammen und war stark projektförmig organisiert, auch wenn vielfältige Vereine, wie etwa vereinsförmig organisierte Frauenzentren, Frauenbuchläden und Frauenbildungsstätten, dabei eine Rolle spielten (siehe die folgenden Kapitel). Ihre Bewegungs- und Projektförmigkeit äußerte sich in fluiden Organisationsformen und in zahlreichen damit verbundenen Konflikten. Insgesamt kann für die zweite Frauenbewegung an die Forschungen zu sozialen Bewegungen mit ihren spezifischen Dynamiken und Auseinandersetzungen angeknüpft werden (vgl. Gerhard 2008). Auch die Konflikte sollen Gegenstand dieses Buches sein, denn sie machen deutlich, welches die wichtigen Themen waren, welche unterschiedlichen Positionen damit verbunden waren und wo die Konfliktlinien und Kampffelder lagen und liegen. Konflikte sind Ausdruck von Dynamiken, umstrittenen Themen und Kämpfen um Hegemonie und zeigen, wie um Durchsetzung von Themen, Sichtweisen und Positionen gerungen wird. International agiert und sich an international geführten Debatten beteiligt haben sich beide Bewegungen.

Die zweite Frauenbewegung war auch inhaltlich sehr heterogen. Vieles geschah zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten. Die theoretische Analyse tendiert dazu, eine inhaltliche, aber auch eine zeitliche und örtliche Ordnung zu schaffen, die Ereignisse nachträglich zu ordnen und damit zu glätten und zu vereinheitlichen (beispielsweise orientierte sie sich an den Geschehnissen in den Großstädten, vor allem Berlin, die Entwicklung in der »Provinz« folgte mit einer gewissen Verzögerung und oft auf andere Art). Die Ziele der Bewegungen waren oft ebenso unklar und unbestimmt wie die Wege zu den unbekannten Zielen (vgl. Rendtorff 2009). Klar war für die Frauen der Frauenbewegung, dass sich sowohl die Verhältnisse als auch die Personen grundlegend verändern müssten und dass es Frauen gelingen würde, diese Veränderungen herbeizuführen. Auch hier kann die Analyse dazu tendieren, das Unbestimmte nachträglich zu konkretisieren. Diese Tendenz einer nachträglichen Systematisierung betrifft ebenfalls die Verbindungen und Verknüpfungen zwischen Frauenbewegung, feministischer Forschung, Geschlechterforschung und pädagogischer Theorie.

Fragen wir nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der ersten und der zweiten Frauenbewegung, so kann, auch wenn dies mit gewissen Vereinfachungen verbunden ist, zunächst gesagt werden, dass beide für die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen kämpften. Dabei haben die meisten Gruppen der ersten Frauenbewegung und ihres bürgerlichen Flügels stark an der Idee der spezifischen »Kulturaufgabe« der Frau festgehalten, was zu differenten Konzepten von Bildung für die Geschlechter führte ( Kap. 2 und Kap. 4). Dass die weibliche »Kulturaufgabe« aufs engste mit Mutterschaft und Mütterlichkeit verbunden war, führte bei manchen Protagonistinnen zu einer Distanzierung gegenüber Wissenschaft und Intellektualität, außerdem ließ die Behauptung einer Struktur- und Wesensähnlichkeit von Frauen und Kindern die Zuordnung von Frauen zum Elementarbereich und ihre Beschränkung auf die Mädchenbildung plausibel erscheinen ( Kap. 2). Für die Berufsbildung bedeutete dies etwa, dass Gertrud Bäumer (1873–1954) als wichtige Protagonistin der bürgerlichen Frauenbewegung sich für spezifisch weibliche Berufe aussprach (vgl. Baader 2018a). Zwar hat die zweite Frauenbewegung nicht mehr von der »Kulturaufgabe« der Frau gesprochen, aber gleichwohl immer wieder auch nach einer spezifisch weiblichen Kultur oder weiblichen Sozialformen gefragt (vgl. Rendtorff 2016) und auch die Diskussion um die Zuordnung von Frauen zur frühkindlichen Erziehung weitergeführt (vgl. Breitenbach 2010, 2015). Beide Bewegungen haben spezifische und bis heute weiterwirkende Impulse für eine Modernisierung der öffentlichen Kleinkindbetreuung gesetzt (vgl. Baader 2015). Mit diesen Konstellationen verbundene Fragen setzen sich bis heute, wenn auch mit anderer Begrifflichkeit fort, etwa wenn danach gefragt wird, ob eine größere Beteiligung von Frauen in der Politik den Politikstil verändere oder mehr Mädchen in einer Schulklasse förderlich für die Gruppendynamik seien. Allerdings haben die bürgerlichen Frauen der ersten Frauenbewegung bei ihren diesbezüglichen Überlegungen mit »Mütterlichkeit« argumentiert, so etwa die Pädagogin, Sozialdemokratin, Sozialistin, Europaanhängerin und Kritikerin des Nationalstaates Anna Siemsen (1882–1951), die sich von einer stärkeren Beteiligung von Frauen und des damit verbundenen »mütterlichen« Einflusses eine »Humanisierung« der öffentlichen Sphäre und der Politik erhofft hatte (vgl. Pfützner 2018), während die Aktivistinnen der zweiten Frauenbewegung sich diese Humanisierung eher von einer größeren politischen Sichtbarkeit, Wertschätzung von Frauen und ihrer Arbeit und insgesamt dem Einfluss von Frauen auf die politische und gesellschaftliche Sphäre versprachen.

Bildung und Emanzipation

Für beide Frauenbewegungen waren Bildung und Erziehung in ihren theoretischen Konzeptionen, ihrer Institutionalisierung und ihren Praktiken zentrale Bereiche – in diese zu investieren erschien als notwendige Voraussetzung für den politischen Kampf um Gleichberechtigung. Für die erste Frauenbewegung stand der »Kampf um Bildung« für bürgerliche Mädchen und junge Frauen im Zentrum, mit dem Ziel, angesehene Berufsmöglichkeiten für eigenständige Lebensentwürfe und gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen. Der Blick der zweiten Frauenbewegung auf Bildung war stärker auf die Unterstützung von Emanzipationsprozessen, auf Empowerment durch Bildung und mit einer feministischen Wissenschaftskritik auch auf andere Formen der Wissensproduktion sowie auf die Hervorbringung von eigenen Bildungsmedien gerichtet. Während es der ersten Frauenbewegung mit dem Fokus auf frühkindliche Erziehung und Bildung im Kontext der Fröbelbewegung zunächst vor allem um Möglichkeiten der Berufstätigkeit von bürgerlichen Frauen im sozialen Bereich ging (später auch um den Zugang zu höherer Bildung, Abitur und Studium), interessierte sich die zweite Frauenbewegung vor dem Hintergrund der Vereinbarkeit von Familie, Berufstätigkeit und auch von politischem Engagement für Einrichtungen der öffentlichen frühkindlichen Bildung wie die Kinderläden. Sie fragte dabei kritisch nach geschlechterdifferenzierenden Praktiken von Erziehung, Sozialisation und Bildung, in die auch geschlechtstypische Formen von Sorgeverhalten sowie Vorstellungen von Eignung und Passung zum Sozialen eingelassen sind. Die kritische Revision von Wissensbeständen und von Erziehung- und Bildungspraktiken mit ihren In- und Exklusionen stand im Zentrum der Bildungsinitiativen der zweiten Frauenbewegung. Der Begriff der Sozialisation, der um 1970 in Deutschland aufkam und auf die Rezeption US-amerikanischer Sozialwissenschaften zurückging, wurde beispielsweise in Verbindung mit der Frage nach »geschlechtsspezifischer Sozialisation« populär ( Kap. 3).

Beide Frauenbewegungen waren jedoch, bei aller Unterschiedlichkeit, mit ihrem Bildungsoptimismus insofern erfolgreich, als sie ein grundlegendes, die Erziehungs- und Bildungsvorstellungen nachgerade revolutionierendes Umdenken in Bezug auf Eignungen und Fähigkeiten von weiblichen und männlichen Kindern und Erwachsenen in Gang setzten. Allerdings fokussierten die beiden Frauenbewegungen unterschiedliche Institutionen und Organisationen sowie unterschiedliche Themen und Strategien bezüglich ihrer Bildungsbemühungen.

Seit den 1970er/1980er Jahren hat sich die historische Frauen- und Geschlechterforschung intensiv mit dem Verhältnis von privat und öffentlich auseinandergesetzt und dabei die Annahme einer strikten Dichotomie zunehmend infrage gestellt (Opitz-Belakhal 2010: 97ff.). Gleichwohl ist die Verhältnisbestimmung von privat und öffentlich bedeutsam für Geschlechterordnungen und Geschlechterverhältnisse. Der Slogan »Das Private ist politisch« kann als zentral für die zweite Frauenbewegung betrachtet werden. Nicht als Motto, aber als Denkfigur ist diese Perspektive jedoch auch in der ersten Frauenbewegung schon präsent. In der Geschichtsschreibung der Frauenbewegung wird dieser Slogan der zweiten Frauenbewegung mit der Thematisierung »innerfamiliärer Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse« sowie mit der Entscheidung über die »Gebärfähigkeit« in Verbindung gebracht (ebd.: 97). Für die zweite Frauenbewegung in der Bundesrepublik standen allerdings 1967/68 zunächst kritische Anfragen an die familiäre Arbeitsteilung und die Zuständigkeit für die Kindererziehung und damit auch Erziehungsfragen im Vordergrund, was jedoch in der Geschichtsschreibung der Frauenbewegung gerne übersehen wird (Baader 2008; Lenz 2008; Rendtorff 2009). Die zweite Frauenbewegung nahm also ihren Auftakt mit einem Erziehungsthema. Auch international war die Frage nach der Kindererziehung für die Anfänge der zweiten Frauenbewegung durchaus bedeutsam, so etwa bei der US-amerikanischen Feministin Shulamith Firestone (vgl. Firestone 1970).

Zentral für die zweite Frauenbewegung waren zudem die Universitäten als Orte der Bildung, der Wissenstradierung und Wissensproduktion. Dies zeigt sich etwa in Fragen nach der Repräsentanz von Frauen auf allen Ebenen der Universität und in den Auseinandersetzungen um Frauen als Subjekt und Objekt der Wissenschaft, so etwa im Zusammenhang mit den »Sommeruniversitäten« in Westberlin (Gruppe Berliner Dozentinnen 1977; Kap. 2 und Kap. 13). Das Bestreben, Frauen- und Geschlechterforschung sowie Genderstudien als Teile des universitären Curriculums oder gar als eigene Studiengänge an den Universitäten zu institutionalisieren, dokumentiert die Bedeutung, die universitären und akademischen Wissensformen beigemessen wird. Während sich in den frühen Texten der zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre in der Bundesrepublik das Ringen um Begrifflichkeit zur Bezeichnung von Geschlechterungleichheiten zeigte (vgl. Baader 2008), wurde zunehmend, auch international, der Begriff des Patriarchats als gesellschaftsanalytisches Konzept zur zentralen Referenz. Emanzipation, Befreiung und Selbstbestimmung waren darüber hinaus wichtige Schlagworte. Für Fragen der Selbstbestimmung stellten in der zweiten Frauenbewegung Sexualität, Körper und Gesundheit sowie Gewalt bedeutsame Aspekte dar ( Kap. 9, Kap. 10, Kap. 11). Die Aneignung von Wissen über den eigenen Körper war Ziel der internationalen Frauengesundheitsbewegung. Bücher wie »Our Bodies, Ourselves«, 1970 vom »Boston Womens Health Collective« herausgegeben und in viele Sprachen übersetzt bzw. für viele Länder angepasst, waren wichtige Meilensteine der internationalen Frauengesundheitsbewegung, die auch in der Bundesrepublik ein wesentlicher Motor der Frauenbewegung war. Insofern kann auch die Frauengesundheitsbewegung als eine »Frauenbildungsbewegung« bezeichnet werden, ging es doch um Formen der Wissensaneignung über den eigenen Körper und sein Funktionieren und damit um Gesundheitsbildung. 1980 wurde der internationale Bestseller unter dem Titel »Unser Körper – unser Leben« ins Deutsche übertragen. 1981 erschien mit »A New View of Woman’s Body« der US-Amerikanerin Carol Downer ein weiteres einschlägiges Buch, das das bisherige Wissen über den weiblichen Körper und seine Sexualorgane revolutionierte ( Kap. 10). Auch damit wird die Intention, neues Wissen zu schaffen, die für die zweite Frauenbewegung zentral war, unterstrichen. Versuche der Weiterführung der Frauengesundheitsbewegung im digitalen Zeitalter erweisen sich hingegen derzeit als schwierig.

Nicht zuletzt ist das Streben nach einer anderen, besseren Art von Bildung auch für die Themenfelder der Sozialen Arbeit zentral. Die Kritik an der geschlechtstypischen Teilung von Sorge sowie den geschlechterbezogenen gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen hatte auch hier Sozialisationsprozesse, Denkgewohnheiten und erziehungsbedingte Gewöhnungen an Über- und Unterordnungen als zentral erkannt, denen mit Aufklärung, durch Wissen, einer anderen Bildung und Erziehung und damit letztendlich auch veränderten Sozialbeziehungen begegnet werden könnte. Es ist die Geschlechterforschung, die den Sorgebegriff und Theorien der Sorge in den letzten Jahren stark in die Diskussion eingebracht und theoretisch entfaltet hat ( Kap. 6). Dabei wurde – im Anschluss an transnationale feministische Theorien – auch dafür votiert, den Sorgebegriff in der Erziehungswissenschaft als den übergreifenden Begriff zu fassen, der Erziehung und Bildung einschließt, da er die Grundlage aller sozialer Beziehungen darstellt (vgl. Baader/Eßer/Schröer 2014: 7–20). Diese Impulse wurden von der Disziplin aber eher abgewehrt.

Mit unserer Frage nach der Thematisierung von Erziehung, Bildung, Sozialisation und Sorge durch die Frauenbewegungen bearbeiten wir ein breites Thema, in das wir lediglich einige Schneisen schlagen können. Dabei liegt der Fokus schwerpunktmäßig auf der Bundesrepublik, den Blick auf die DDR und auf andere Länder nehmen wir nur sehr punktuell ein. Wir haben uns für eine gemeinsame Autorinnenschaft entschieden, da wir alle Kapitel gemeinsam schreiben und diskutieren, auch wenn unsere Positionen sich nicht in allen Fragen decken. Damit repräsentieren wir selbst Aspekte der Vielstimmigkeit des Feminismus, der zugleich Teil seiner Lebendigkeit ist.

Literatur

Baader, Meike Sophia (2008): Das Private ist politisch. Der Alltag der Geschlechter, die Lebensformen und die Kinderfrage. In: Dies. (Hrsg.), Seid realistisch, verlangt das Unmögliche. Wie 68 die Pädagogik bewegte (S. 153–172). Weinheim: Beltz.

Baader, Meike Sophia (2015): Modernizing Early Childhood Education: The Role of German Women’s Movement after 1848 and 1968. In: Harry Willekens/Kirsten Scheiwe/Kristen Nawrotzki (Hrsg.), The Development of Early Childhood Education in Europe and North America. Historical and Comparative Perspectives (S. 217–234). Houndmills: Palgrave Macmillan.

Baader, Meike Sophia (2018a): Autorität, antiautoritäre Kritik und Autorisierung im Spannungsfeld von Politik, Erziehung und Geschlecht im 20. und 21. Jahrhundert. In: Hilge Landweer/Catherine Newmark (Hrsg.), Wie männlich ist Autorität? Feministische Kritik und Aneignung (S. 87–124). Frankfurt am Main: Campus.

Baader, Meike Sophia (2018b): Von der Normalisierung zur De-Zentrierung nach 1968. Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Care in der Alten und in der Neuen Frauenbewegung. In: Antje Langer/Claudia Mahs/Barbara Rendtorff (Hrsg.), Weiblichkeit – Ansätze zur Theoretisierung. Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Bd. 14 (S. 15–37). Opladen: Barbara Budrich.

Baader, Meike Sophia/Eßer, Florian/Schröer, Wolfgang (Hrsg.) (2014): Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge. In: Dies.: Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge (S. 7–20). Frankfurt am Main: Campus.

Berg, Christa/Herrlitz, Georg/Horn, Klaus-Peter (2004): Kleine Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Eine Fachgesellschaft zwischen Wissenschaft und Politik. Wiesbaden: Springer VS.

Boston Women’s Health Book Collective (1970): Our Bodies Ourselves. New York: Simon & Schuster.

Bock, Gisela (2005): Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck.

Breitenbach, Eva (2010): Zur Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit für die Arbeit im Elementarbereich. In: Jörg Hagedorn et al. (Hrsg.), Ethnizität, Geschlecht, Familie und Schule. Heterogenität als erziehungswissenschaftliche Herausforderung (S. 141–157). Wiesbaden: VS.

Breitenbach, Eva et al. (2015): Männer in Kindertageseinrichtungen. Eine rekonstruktive Studie über Geschlecht und Professionalität. Opladen: Barbara Budrich.

Breitenbach, Eva (2018): Von Frauen, für Frauen. Frauenhausbewegung und Frauenhausarbeit. In: Diana Franke-Meyer/Carola Kuhlmann (Hrsg.), Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit. Von der Kindergartenbewegung zur Homosexuellenbewegung (S. 211–223). Wiesbaden: VS.

Casale, Rita/Windheuser, Jeanette (2019): Feminismus nach 1945. In: Markus Rieger-Ladich et al. (Hrsg.), Erinnern, Umschreiben, Vergessen. Die Stiftung des disziplinären Gedächtnisses als soziale Praxis (S. 158–186). Weilerswist: Velbrück.

Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist theory, and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum, 14, S. 538–554. Online verfügbar unter: https://chicagounbound.uchicago.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1052&context=uclf, Zugriff am 16.10.2020.

Davis, Angela (1981): Women, Race & Class. New York: Vintage Books.

Davis, Cathy (2008): Intersectionality as a buzzword. A sociology of science perspective on what makes a feminist theory successful. In: Feminist Theory, 9 (1), 67–85.

Dingler, Catrin (2019): Der Schnitt. Zur Geschichte der Bildung weiblicher Subjektivität. Frankfurt am Main: Campus.

Diehm, Isabell/Messerschmidt, Astrid (Hrsg.) (2013): Das Geschlecht der Migration. Bildungsprozesse in Ungleichheitsverhältnissen. Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Bd. 9. Opladen: Barbara Budrich.

Dohm, Hedwig (1910): Einheitsschule und Koedukation. In: Elke Frederiksen (Hrsg.) (1981), Die Frauenfrage in Deutschland 1865–1915 (S. 232–239). Stuttgart: Reclam.

Downer, Carol (1981): A New View of Woman’s Body. New York: Simon & Schuster.

Feminismus Seminar (Hrsg.) (2014): Feminismus in historischer Perspektive. Eine Reaktualisierung. Bielefeld: transcript.

Firestone, Shulamith (1970): The Dialectic of Sex. New York: Morrow.

Fischer, Dietlind/Jacobi, Juliane/Koch-Priewe, Barbara (Hrsg.) (1996): Schulentwicklung geht von Frauen aus. Zur Beteiligung von Lehrerinnen an Schulreformen aus professionsgeschichtlicher, biographischer, religionspädagogischer und fortbildungsdidaktischer Sicht. Weinheim: Deutscher Studienverlag.

Forster, Edgar (2020): Männlichkeit und soziale Reproduktion. Zur Geschichtlichkeit der Critical Studies on Men and Masculinities. In: Ders. et al. (Hrsg.): Geschlecht-er denken. Theoretische Erkundungen (S. 83–150). Opladen: Barbara Budrich.

Gerhard, Ute (2008): Frauenbewegung. In: Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945 (S. 187–218). Frankfurt am Main: Campus.

Gerhard, Ute (2018): Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. München: C.H. Beck.

Gilcher-Holtey, Ingrid (2005): Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA. München: C.H. Beck

Gippert, Wolfgang/Kleinau, Elke (2014): Bildungsreisende und Arbeitsmigrantinnen. Auslandserfahrungen deutscher Lehrerinnen zwischen nationaler und internationaler Orientierung (1850–1920). Beiträge zur Historischen Bildungsforschung, Bd. 46. Köln: Böhlau.

Graneß, Anke/Kopf, Martina/Kraus, Magdalena (2019): Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Wien: facultas.

Gruppe Berliner Dozentinnen (Hrsg.) (1977): Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität. Berlin: Courage-Verlag.

Irigaray, Luce (1987): Zur Geschlechterdifferenz. Interviews und Vorträge. Wien: Wiener Frauenverlag.

Jacobi, Juliane (2008): Die Erziehungswissenschaft im Jahr 2007: Potential und Grenzen feministischer Wissenschaftskritik in einer »handlungsorientierten« Wissenschaft. In: Rita Casale/Barbara Rendtorff (Hrsg.), Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung (S. 83–101). Bielefeld: transcript.

Jacobi, Juliane (2013): Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main: Campus.

Kaiser, Astrid (2009): Erziehungswissenschaftliche Genderforschung in der Schulpädagogik und autonome Organisierung von Frauen und Schule. In: Edith Glaser/Sabine Andresen (Hrsg.), Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft als Geschlechtergeschichte. Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Bd. 5 (S. 61–76). Opladen: Barbara Budrich.

Karsch, Margret (2016): Feminismus. Geschichte – Positionen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Kleinau, Elke/Opitz, Claudia (Hrsg.) (1996): Geschichte der Frauen- und Mädchenbildung. 2 Bde. Frankfurt am Main: Campus.

Kleinau, Elke/Mayer, Christine (1996): Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts. Eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs- und Berufsbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Klimek, Brigitte (2002): Mädchenbildung zwischen Traditionsbindung und Reformanspruch. Dissertation Universität Bonn, o. V.

Knapp, Gudrun-Axeli (2012): Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kontos, Silvia (1986): Modernisierung der Subsumtionspolitik. Die Frauenbewegung in den Theorien neuer sozialer Bewegungen. In: Feministische Studien: Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, 5 (2), 34–49. Online verfügbar unter: https://doi.org/10.25595/667, Zugriff am 16.10.2020.

Kulaçatan, Meltem/Behr, Harry Harun (Hrsg.) (2020): Migration, Religion, Gender und Bildung. Beiträge zu einem erweiterten Verständnis von Intersektionalität. Bielefeld: transcript.

Krüger-Potratz, Marianne/Lutz, Helma (2002): Sitting at a crossroad – wie werden kulturelle, nationale, ethnische und Geschlechterdifferenzen theoriegeleitet erfasst und mit welchen Instrumenten werden sie erhoben? In: Tertium Comparationis, 2002 (2), 81–92.

Lenz, Ilse (2008) (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.

Maihofer, Andrea (1995): Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer.

Notz, Gisela (2006): Warum flog die Tomate? Die autonome Frauenbewegung der Siebziger Jahre. Neu-Ulm: AG SPAK.

Offen, Karen (2000): European Feminisms: A Political History: Stanford: University Press.

Offen, Karen (2017): Writing the History of Feminism. (Old and New). Impact and Impatience. In: Kristina Schulz (Hrsg.), The Women’s Liberation Movement. Impacts and Outcomes (S. 320–337). New York: Berghahn.

Prengel, Annedore (1990): Gleichheit versus Differenz. Eine falsche Alternative im feministischen Diskurs. In: Ute Gerhard et al. (Hrsg.), Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht (S. 120–128). Königstein im Taunus: Ulrike Helmer.

Smith, Hilda (1976): Feminism and the Methodology of Women’s History. In: Berenice A. Caroll (Hrsg.), Liberating Women’s History (S. 369–384). Chicago: University of Illinois.

Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Antifeminismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos.

Opitz-Belakhal, Claudia (2010): Geschlechtergeschichte. Frankfurt am Main: Campus.

Pfützner, Robert (2018): Rezension zu: von Bargen, Marleen: Anna Siemsen (1882–1951) und die Zukunft Europas. Politische Konzepte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Stuttgart 2017. In: H-Soz-Kult, 27.07.2018. Online verfügbar unter: www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-26564, Zugriff am 16.10.2020.

Rendtorff, Barbara (2006): Erziehung und Geschlecht. Stuttgart: Kohlhammer.

Rendtorff, Barbara (2009): »Blöde Weiber, wollt Ihr ewig Hausarbeit machen?!« – Über gewonnene und zerronnene Veränderungen im Geschlechterverhältnis. In: Jahrbuch für Pädagogik 2008: 1968 und die neue Restauration (S. 135–152). Frankfurt am Main: Peter Lang.

Rendtorff, Barbara (2016): »Diese Frau ist die Frau eines Mannes«. Geschlechterbezogene Entwürfe von Individualität und Sozialität. In: Norbert Ricken/Rita Casale/Christiane Thompson (Hrsg.), Die Sozialität der Individualisierung (S. 73–87). Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Rendtorff, Barbara (mit Elke Kleinau, Birgit Riegraf) (2016): Bildung – Geschlecht – Gesellschaft. Weinheim: Beltz.

Rieske, Thomas Viola (2016): Zur Geschichte der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung. Online verfügbar unter: https://www.dgfe.de/sektionen-kommissionen-ag/sektion-11-frauen-und-geschlechterforschung-in-der-erziehungswissenschaft/archiv.html.

Scott, Joan (1993): Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte. In: Hanna Schissler (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse im historischen Wandel (S. 37–58). Frankfurt am Main: Campus.

Walgenbach, Katharina (2014): Heterogenität – Intersektionalität – Diversität in der Erziehungswissenschaft. Opladen: Barbara Budrich.

Walser, Karin (1986): Dienstmädchen. Frauenarbeit und Weiblichkeitsbilder um 1900. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik.

Winker, Gabriele/Degele, Nina (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheit. Bielefeld: transcript.

Pädagogische Themenfelder der Frauenbewegungen

2 Bildung

2 Bildung

Ausgangslage und Anliegen im 19. Jahrhundert

Ausgangslage und Anliegen in den 1970er Jahren

Anknüpfungspunkte der Frauenbewegungen

Die Debatten um Mono- und Koedukation

Resümee und Ausblick

Literatur

Das Verhältnis zwischen den Frauenbewegungen mit ihren Emanzipationsbestrebungen, den jeweiligen gesellschaftspolitischen Dynamiken und den Bildungsvorstellungen ist von komplexer wechselseitiger Beeinflussung gekennzeichnet, die es nicht gestattet, verursachende Impulse auf der einen und Reaktionen auf der anderen Seite zu identifizieren. Auch sind auf allen drei Ebenen die Entwicklungen so widersprüchlich, bestehen gleichzeitig widerstrebende Veränderungs- und Entwicklungsdynamiken, dass weder von »den« Bildungskonzepten noch von »den« Frauenbewegungen gesprochen werden kann.

Bei aller Vorsicht lässt sich jedoch als Wirkzusammenhang zeigen, dass die engagierten Frauen – einzelne und Gruppen, individuell oder organisiert – regelmäßig aus dem gerade aktuellen gesellschaftlichen Veränderungspotential einige Aspekte herausgreifen, verstärken, zu politischen Forderungen und/oder Aktivitäten verdichten und diese jeweils auch, oder sogar vorrangig, auf Bildungsfragen beziehen: In mehr und besserer Bildung scheint durchgängig der Schlüssel zu innerer Freiheit des Denkens, zur Selbstbestimmung, zur Forderung nach Beteiligung1 und Teilhabe und der Verbesserung der gesellschaftlichen Lage von Frauen (und letztlich der gesamten Gesellschaft) zu liegen. Dies soll zunächst an einigen Beispielen exemplarisch gezeigt werden.

Offen bleibt dabei jedoch, welches Wissen jeweils angestrebt wird und wie die Wege seiner Vermittlung aussehen sollen. Dazu gehört auch die Frage, ob Mädchen/Frauen gemeinsam mit Jungen/Männern lernen oder getrennt? Dies betrifft weniger den Elementar- und Primar-, sondern vor allem den Sekundarbereich, aber auch die außerschulische Bildung und schließlich den tertiären Bereich. Dies bildet den letzten Abschnitt des Kapitels.

Ausgangslage und Anliegen im 19. Jahrhundert

Bereits bei den im Vormärz aktiven Frauen(gruppen) zeigte sich deutlich das Anliegen, Impulse für verbessertes Wissen und Bildung von Frauen zu setzen. Zwar überwogen hier die auf die Veränderung der gesamten Gesellschaft bezogenen revolutionären Töne und ging es etwa Louise Otto2 darum, die Teilnahme der Frauen am Staatsleben nicht nur als Recht, sondern als eine Pflicht zu sehen (Paletschek 1991: 51) – aber bereits hier wurde eine bessere Bildung als Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe angesehen und gefordert. Die politisch aktiven »freisinnigen Frauenvereine« hatten aber explizit nicht eine Kopie männlicher Verhaltensweisen im Sinn, sie wollten auch nicht zu den »Emancipirten« gerechnet werden, die »das Weib zur Caricatur des Mannes herabwürdigten« (Frauen-Zeitung 1849), noch stellten sie die vorrangige Verantwortung der Frauen für die Familie in Frage – aber Bildung schien für Frauen aller Stände unabdingbar notwendig, als Basis für ein wachsendes politisches Selbstbewusstsein: »Jede für Alle, und daß wir vor Allem Derer zumeist uns annehmen, welche in Armuth, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten« (ebd.).

Louise Otto-Peters war auch an den Gründungen des ersten Frauenbildungsvereins 1865 und wenig später des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ADF maßgeblich beteiligt, dem organisatorischen Grundstein der ersten Frauenbewegung. In den Aktivitäten der Frauenbewegung wird in den nächsten Jahrzehnten das Ringen um eine verbesserte und institutionalisierte Mädchen- und Frauenbildung einen ganz zentralen Platz einnehmen und die akademische Pädagogik nachhaltig beeinflussen.

Umgekehrt war die elementarpädagogische Bewegung, die von Friedrich Fröbel angestoßen wurde, nicht vorrangig politisch motiviert, geriet aber im Zusammenhang mit den revolutionären Bewegungen von 1848 durchaus in einen politischen Kontext ( Kap. 4). Die Fröbelbewegung entstand im kirchenkritischen Umfeld der freireligiösen Bewegung (Allen 1996: 25) und stand ebenfalls in Zusammenhang mit Versuchen der Herausbildung einer nationalen Identität, die der Erziehung auch der jüngeren Kinder eine nationale Wichtigkeit beimaß. Zeittypisch ist hier die Mutterschaft nicht vorrangig biologisch konzipiert, sondern vor allem als ethisch und kulturell begründete Aufgabe der Frauen. In diesem Kontext entstand auch der Ausdruck »Geistige Mütterlichkeit« als Beschreibung der Befähigung von Frauen, einen professionellen gesellschaftlichen und politischen Beitrag zur Gesellschaft, ihrer Erneuerung und Verbesserung zu leisten.

Auch wenn der Elementarbereich nicht wie in England oder Frankreich zur »Elementarschule« ausgebaut wurde (Jacobi 2013: 261), nahmen doch die so angesprochenen Frauen das Angebot professionalisierter Ausbildung als »Kindergärtnerin« in großer Zahl mit Interesse an. Mit der Professionalisierung wiederum wuchs ihr Selbstbewusstsein, das ihnen in politischen Auseinandersetzungen dazu verhalf, ihre Herabsetzung als Frauen selbstbewusst zurückzuweisen (Allen 1996: 27). Wenngleich also hier ein pädagogisches Konzept einen Impuls gesetzt hat, ist es doch dem Einfluss der Frauenbewegung geschuldet, dass es in seiner gesamtgesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Dimension gesehen wurde. Hatte Fröbel den Müttern eine wesentliche kulturschöpfende Aufgabe zugeschrieben, so war es der Beitrag der selbstbewusst gewordenen Kindergärtnerinnen, aus dieser Aufgabe den Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung für sich als Frauen und für ihre Arbeit mit den kleinen Kindern zu entwickeln.

Im Falle der höheren Mädchenschulen ist das Verhältnis von Pädagogik, Gesellschaft und Frauenbewegung wiederum etwas anders gelagert, und es mischen sich die politischen und pädagogischen mit berufsständischen Interessenlagen. In den 1880er Jahren waren diverse regionale Lehrerinnen-Verbände entstanden, die sich 1890 im Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein ADLV zusammenschlossen und später auch Sektionen zu unterschiedlichen Schulformen bildeten. Durchaus auch mit Bezug auf den Topos »Geistige Mütterlichkeit« forderten die Lehrerinnen die Gründung von öffentlichen Einrichtungen zur wissenschaftlichen Ausbildung von Lehrerinnen sowie eine größere Beteiligung der Lehrerinnen am Unterricht in der Mittel- und Oberstufe der öffentlichen höheren Mädchenschulen, die im Geiste des Ideals nationaler Bildungsinteressen aufgewertet werden sollten. Diese Forderung brachte die männlichen und die weiblichen Professionsgruppen miteinander in Konkurrenz und Konflikt (die organisierten Mädchenschulpädagogen leisteten erbitterten Widerstand) und nötigte die Lehrerinnen mehr und mehr dazu, ihre Eignung zum Unterrichten aus ihrer Weiblichkeit abzuleiten: Die bessere Eignung von Frauen für den Lehrberuf an den höheren Mädchenschulen plausibilisieren sie mit einer Vorbildfunktion für die Schülerinnen und damit, dass sie sich als Frauen besser in diese hineinversetzen könnten. Besonders in den »ethischen Fächern« (Deutsch, Religion und Geschichte), den Fächern der »Erziehung«, habe die Lehrerin einen besseren Zugang zu den Schülerinnen als ein Lehrer – die Fächer Religion und Deutsch sollten vorrangig von Lehrerinnen unterrichtet werden (Lange, in Dauzenroth 1964: 33ff.).

Zwar war die Anstellung in höheren Mädchenschulen nicht gleichwertig zu der in den Knabenschulen angesehen, doch war sie für männliche Lehrer, die an den Knabengymnasien nicht untergekommen waren, eine wichtige alternative Berufsmöglichkeit. Weil andererseits die Lehrer eine bessere akademische Ausbildung hatten als die nur seminaristisch, also in einem Lehrerinnenseminar, ausgebildeten Lehrerinnen, hätte deren Anerkennung als gleichgestellte Lehrkräfte den Vorsprung der Lehrer negiert – aber umgekehrt hätte die Schlechterstellung der Lehrerinnen das gerade neu etablierte Berufsfeld für bürgerliche Frauen wieder gefährdet (Kraul 1991: 281). Beide Gruppen bemühten sich deshalb massiv darum, ihren Interessen mit Hilfe von Denkschriften und Petitionen Nachdruck zu verleihen, was politische Lösungen schwierig machte. Angesichts ihrer politischen Schwäche und Erfolglosigkeit wurden die Lehrerinnen deshalb selbständig praktisch-pädagogisch aktiv. Sie richteten 1889 eigene Realkurse (später sogar Gymnasialkurse) für Mädchen und Frauen ein und erzwangen letztlich Veränderungen auf beiden Ebenen: auf der politischen Ebene mit der Zulassung von Frauen zu Abitur und Studium sowie auf der pädagogischen Ebene mit der Anerkennung gleichwertiger Bildungsansinnen von Frauen – auch wenn deren konkrete Bildungswege noch für lange Zeit länger, umständlicher und immer weiter durch andere Formen von Exklusion aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit gekennzeichnet waren als die der Knaben und jungen Männer (Nieswandt 1996).

Die Zulassung zum Abitur wiederum zwang die Universitäten sukzessive, sich für Studentinnen zu öffnen, was anderswo schon länger gang und gäbe war – Deutschland bildete hier im europäischen Vergleich und dem zur USA (in Bezug auf das Medizinstudium sogar international; Brinkschulte 2005: 105) ein Schlusslicht. Dabei spielte es eine Rolle, dass in Deutschland der Zugang zu den Professionen über ein akademisches Studium geregelt war, während etwa in der Schweiz, die ihre Tore früh öffnete, ein akademisches Studium in der Regel nicht entscheidend für den Zutritt zu den Professionen war (vgl. Costas 1992). Damit wird deutlich, um welche Privilegien bei der Zulassung zu den Universitäten gekämpft wurde, ging es dabei doch stark um Zugang zu prestigeträchtigen und einflussreichen akademischen Berufen. In Frankreich erfolgte der Zugang zu den Eliteuniversitäten erst Mitte des 20. Jahrhunderts, und separierte Eliteeinrichtungen für Frauen wurden erst 1940 den männlichen gleichgestellt (ebd.: 125). Der Weg, eigene Hochschulen für Frauen zu gründen, wie er etwa auch in England erfolgte, wurde in Deutschland nicht beschritten. Helene Lange besuchte 1889 das Frauencollege in Cambridge, und vermutlich erschien ihr dieses Modell aufgrund der hohen Normierung des Bildungssystems im Deutschen Reich nicht übertragbar (Jacobi 2010: 105).

Insgesamt ist die Öffnung der Universitäten für Frauen durch viele Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche gekennzeichnet, insbesondere auch im internationalen Vergleich. Dabei sind die unterschiedlichen Abschlüsse und ihre Bedeutung sowie die verschiedenen Qualifikationen im Universitätswesen, wie Promotionen und Habilitationen zu berücksichtigen. Eine bedeutsame Rolle spielten auch die Unterschiede in der Organisation der Universitäten, korrigiert werden müssen aber auch Vorstellungen von typischen Frauenfächern (vgl. Maurer 2010: 18), gehörten doch zu den Pionierinnen des Frauenstudiums sehr viele Naturwissenschaftlerinnen. Dies hatte um 1900 auch mit der Expansion der Naturwissenschaften und entsprechend geringeren Konkurrenzängsten zu tun, so dass den Frauen weniger Widerstände entgegengesetzt wurden. So war es beispielsweise an der Universität Heidelberg die naturwissenschaftliche Fakultät, die eine Vorreiterrolle für die Zulassung von Frauen übernahm. Sie setzte sich ab 1891 für die Zulassung von Gasthörerinnen und 1895 – gegen das Votum des Senats der Universität – für das Promotionsrecht für Frauen ein. Grundsätzlich fügten sich die Gremien der Universität nur widerwillig den politischen Erlassen der Badischen Landesregierung aus dem Jahre 1900, Frauen zum »Heiligtum der Universität« (Hedwig Dohm) zuzulassen (vgl. Baader 1995).

Zu den Gemeinsamkeiten der Auseinandersetzungen um das Frauenstudium im internationalen Vergleich gehören insbesondere zwei Aspekte. Übereinstimmend ist zum einen die enge Verbindung von Aktivistinnen, die für die Zulassung stritten, mit der Frauenbewegung (vgl. Maurer 2010: 20). Zum anderen wurden in allen Ländern bei der Diskussion um das Frauenstudium die Auswirkungen auf die männlichen Geschlechtsgenossen diskutiert (ebd.: 19). Dies macht deutlich, dass die Universitäten nicht nur Räume der Bildung und Wissenschaft, sondern auch der männlichen Sozialisation waren (ebd.: 10). So stellte etwa der Alkoholkonsum wie auch andere Rituale der männlichen Studentenverbindungen für die erste Generation von Studentinnen ein Thema dar. Diese trafen an der Universität entweder auf Galanterie und Kavaliershaltung seitens der männlichen Studenten (vgl. Baader 1992: 227) – oder auch auf ein feindseliges Klima: Nicht nur von Seiten der Lehrenden, denn auch die männlichen Kommilitonen würden den Studentinnen gerne »›unabsichtlich‹ aufs Kleid treten, ihnen beim Besetzen der Plätze Knüffe beibringen, ihnen Kleckse in die Hefte machen, sie an den Kleiderhaken und beim Aufsuchen der Sitze wegdrängen«, schreibt ein Anonymus 1911 in der Münsteraner Universitätszeitung (Brinkschulte 2005: 111).

Ein Thema der frühen Studentinnen war aber auch das Verhältnis zur älteren Generation der frauenbewegten Kämpferinnen für das Frauenstudium. So wollte beispielsweise der Verein »Frauenstudium-Frauenbildung«, der sich für die Zulassung von Frauen eingesetzt hatte und dem in Heidelberg unter anderen die Protagonistin der bürgerlichen Frauenbewegung Marianne Weber (1870–1954) angehörte, die erste Generation von Studentinnen zu ihrer Jugendgruppe machen. Diese aber rebellierte gegen die Generation ihrer kollektiven Mütter. »Wir waren jung und wollten unabhängig sein, wir wollten keine alten Tanten und wollten nicht gegängelt werden«, so die erste Medizinstudentin in Heidelberg, Rahel Straus (1880–1963) (Straus 1961: 94). Sie hatte am ersten Mädchengymnasium in Deutschland, das auf Betreiben des Vereins »Frauenstudium-Frauenbildung« 1893 in Karlsruhe gegründet wurde, 1899 Abitur gemacht und in der ersten Abiturrede einer Frau in Deutschland über die Bildungschancen von jungen Mädchen und das akademische Studium gesprochen. Um ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren, gründeten die ersten Studentinnen eine eigene Studentinnengruppe, die »Vereinigung studierender Frauen«, den Verein von Marianne Weber und anderen nannten sie spöttisch »Frauentugend-Frauenmilde« (vgl. Baader 1992: 221ff.).

Mit dem skizzierten Generationenkonflikt ist zugleich eine Konstellation angesprochen, die sowohl die alte als auch die neue Frauenbewegung immer wieder beschäftigte: die Jüngeren wollten mit den Älteren, die Rechte erkämpft hatten, nichts mehr zu tun haben, sie wollten unabhängig sein und den Älteren nichts verdanken, auch wenn sie sich unter Umständen selbst als Frauenrechtlerinnen verstanden, wie es bei Rahel Straus dezidiert der Fall war. Aber diese Konflikte weisen auch noch eine andere Dimension auf, die mit dem Verhältnis zwischen Kultur- und Naturwissenschaften zu tun haben. Denn der von Marianne Weber und anderen geführte Verein »Frauenstudium-Frauenbildung« hatte ein distanziertes Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Marianne Weber entfaltete in ihrem Text »Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaft« aus dem Jahre 1904 ganz in der Logik von der spezifischen »Kulturaufgabe der Frau«, dass die Frauen in den Kulturwissenschaften aufgrund ihrer »Gabe, sich in die Gefühlswelt anderer zu versetzen« und »einer spezifischen Stoffauswahl nach besonderen weiblichen ›Gesichtspunkten‹ der Wissenschaft weibliche Werte hinzuzufügen würden« (Weber 1919: 5). Diese Möglichkeit sah Weber in der Naturwissenschaft mit ihrer Orientierung an »Objektivität« nicht (ebd.). Sie wertete in ihren Überlegungen zur »Kulturbedeutung geistiger Frauenarbeit«, bei der es nicht um die »Förderung des objektiven Kosmos unseres Wissens« gehe (ebd.: 7), zum einen die Naturwissenschaft und zum anderen ökonomische Aspekte ab, denn sie zielte vorrangig auf die »geistige Emanzipation« (Weber 1948: 446). Naturwissenschaftlerinnen wie die erste habilitierte Frau an der Universität Heidelberg, Gerta von Ubisch, die die Gymnasialkurse von Helene Lange besucht hatte, kritisierten die stark idealistisch ausgerichtete Bildungsauffassung Langes und der bürgerlichen Frauenbewegung (vgl. Baader 1995: 450).

Der Glaube an die Kulturaufgabe der Frau und ihre besondere Zuständigkeit für den sozialen Sektor durchzog auch die Bildungsbemühungen der Frauenbewegung bei dem Ziel, für Berufstätigkeiten von bürgerlichen Mädchen und Frauen im Bereich der Fürsorge und des Sozialen auszubilden. »Aus diesem Grund«, so Alice Salomon, ab 1900 im Vorstand des BDF, »fordert die Frauenbewegung die Vertiefung der Mädchenbildung nicht nur, um den Frauen volle Entfaltungsfreiheit zu sichern, sondern auch um der Eigenart der Frauen Raum zur Anteilnahme am Kulturleben, am öffentlichen und sozialen Leben zu schaffen. So unterstützt sie ihre Forderung nach wissenschaftlicher Bildung durch den Glauben an die soziale Mission der Frau« (Salomon 1904). Bei der Eröffnung der von Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule in Berlin im Jahre 1908 erklärte sie, dass es ihr um eine »moderne Bildung« gehe, die kein Luxuswissen darstelle, sondern die eine Grundlage für Beruf und Erwerbstätigkeit in der sozialen Arbeit bilde und die Frauen befähige, »zu handeln, etwas zu leisten« und »der Menschheit in irgendeiner Form – in der Familie oder im größeren Kreis – zu dienen« (Salomon 1908).

Zwar bezogen sich diese Bildungsaktivitäten der Frauenbewegung wesentlich auf Mädchen und Frauen des Bürgertums, doch wurde die Notwendigkeit von »Bildung zur Selbstbildung« auch von Aktivistinnen der Arbeiterinnenbewegung gesehen. Bildung sei ja nichts anderes als »Regsamkeit des Geistes, die uns befähigt, einen neuen Gedanken voll in uns aufzunehmen«, schrieb die sozialdemokratische Aktivistin Wally Zepler (1866–1940), und nur das »gebildete«, also: zu freier, von Sachkompetenz getragener Einschätzung und Entscheidung fähige Individuum sei dazu in der Lage, das Gegebene zu prüfen und zu hinterfragen – und erst damit verfügt es auch über die Voraussetzung, politisch-gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen oder den Staat zu lenken. Damit begründete sie 1899 die Einrichtung von Arbeiterinnen-Bildungsvereinen: Den Mädchen und Frauen Bildung vorzuenthalten, begrenze ihre individuelle Entwicklung ebenso wie ihre Fähigkeit zu einer guten Erziehung – denn diese sei »eine Kunst, über die man auch etwas nachgedacht und von der man etwas gelernt haben muss« (Zepler 1899/1989: 284). Den Arbeiterinnen Bildung vorzuenthalten beschränke sie deshalb in doppelter Weise – als Frauen und als Angehörige des Proletariats – und schade damit auch der Gesellschaft insgesamt, zu deren Fortentwicklung diese Frauen nicht das ihrem Vermögen Entsprechende beitragen könnten. Stattdessen gelte es, den Hebel an dem anzusetzen, was »die Möglichkeit zur Verwirklichung in sich trägt« (Zepler 1916: 20). Da die »niedrige Entlohnung der Frauenarbeit« letztlich auf die geringere Bildung von Frauen zurückzuführen sei, votierte die sozialistische Frauenrechtlerin Lily Braun für die Einrichtung spezieller »Fortbildungsschulen« (Braun 1901/1981) und begründete damit nicht zuletzt das sozialistische genossenschaftliche Modell des »Einküchenhauses«3 – hier würden die Frauen Zeit gewinnen, um zu lesen, zu lernen und sich weiterzubilden.

Frauenbewegte Frauen haben also trotz der in jeder Hinsicht erschwerten Umstände in der Zeit um die Jahrhundertwende viele kluge, differenzierte, ja sogar kühne pädagogische Überlegungen veröffentlicht, in denen sie sich gegen die Geringschätzung des Weiblichen und der Frauen zur Wehr setzten – teilweise indem sie deren Benachteiligung aufdeckten, und teilweise indem sie den Spieß umdrehten: So schreibt Mathilde Vaerting4:

»Der Mann hat zu allen Zeiten die Verstellungskunst als eine weibliche Kunst bezeichnet. Weshalb ist er nie auf den Gedanken gekommen, dass auch in der Emotionalität des Weibes ein Teil Verstellungskunst enthalten sein könnte? Wahrscheinlich deshalb nicht, weil er die Emotionalität beim Weibe wünscht, nicht aber bei seinem eigenen Geschlecht, solange er die Vorherrschaft hat. Denn dieser Unterschied ist für die Herrschaft günstig: Wer sich gehen lässt, wer seinen Gefühlen stets Ausdruck verleiht, kann leichter beherrscht werden. […] In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass die Gewaltgefühle, obschon sie eine stärkere Emotionalität voraussetzen als weiche Gefühle, überhaupt nicht als Emotionalität gewertet werden.« (Vaerting 1923: 188)

Ausgangslage und Anliegen in den 1970er Jahren

Der mühsam erkämpfte freiere Zugang zu Bildung, Wissen und akademischen Abschlüssen war durch das NS-Regime wieder weitgehend eingeschränkt worden, aber die Bildungsreformen der 1960er Jahre hatten neue Möglichkeiten eröffnet. Die unter den Stichworten »Bildungskatastrophe« (Picht 1964) und »Bildung als Menschenrecht« (Dahrendorf 1965) geführte Debatte zielte zwar nicht vorrangig auf geschlechterbezogene Gleichberechtigung, hatte aber langfristig immerhin dazu beigetragen, die Bildungsbeteiligung von Mädchen und Frauen deutlich zu erhöhen, indem der Fokus allgemein auf »Chancengleichheit« gelegt wurde, die wiederum exemplarisch an der Benachteiligung des »katholischen Arbeitermädchens vom Land« (Dahrendorf 1965) als soziologische Kunstfigur erörtert wurde. Der Begriff der »Chancengleichheit« wurde im Zuge der Debatte um die sogenannte »Bildungskatastrophe« popularisiert. Dennoch fand die Zweite Frauenbewegung wiederum eine Situation der Ungleichverteilung von Bildungschancen und -wegen vor: Zwar hatten mehr Mädchen Zugang zu höherer Schulbildung und der Anteil der Geschlechter am Besuch des Gymnasiums hielt sich in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre mit jeweils 22,5 % die Waage (Hopf 2010: 41f.), aber der Anteil von Studentinnen an den Universitäten betrug noch 1975 nur ein Drittel (Lenz 2008: 207). Schwerwiegender schienen in den Augen der wiederum »frauenbewegten« Frauen der 1970er Jahre jedoch die heimlichen geschlechterbezogenen Botschaften, die sich in den Subtexten, in nebenbei erfolgenden Zuschreibungen oder der Auswahl an Inhalten in Schule und Universität mitteilten und auch die staatlichen Richtlinien bestimmten: Abgesehen davon, dass beim Lehr- und Leitungspersonal der Schulen in Bezug auf Mädchen und Jungen »überkommene Vorstellungen« (Borris 1972: 77) vorherrschten, betonten auch die Lehrpläne aller Bundesländer, ob für Haupt- oder Realschule, dass auf »Eigenart und Lebensaufgabe« der Geschlechter gebührend Rücksicht zu nehmen sei, dass bei Mädchen die »wesenhaft weiblichen Anlagen« mit Blick auf künftige Mutterschaft entwickelt werden und sie (vor allem durch das Fach Hauswirtschaft) zu »Ordnung, Sauberkeit und Disziplin« als Grundlagen eines guten »Familienhauswesens« erzogen werden sollten (Borris 1972, Kap. II.11, III.12). Die Kritik von Frauenbewegung und feministischer Schulforschung an Schule und Bildungswesen wurde deshalb eng mit der Kritik der »weiblichen Sozialisation« verbunden ( Kap. 3).

Mit der zunehmenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Frauen veränderten sich auch das Selbstbild und die Professionsvorstellungen von Lehrerinnen, blieben allerdings auch weiterhin von den Widersprüchen gesellschaftlicher Geschlechtervorstellungen geprägt – so zeigte Karin Flaake (1989: 163), dass für die älteren Kohorten unter dem Eindruck des Lehrerinnen-Zölibats (der erst 1951, in Baden-Württemberg 1956, aufgehoben wurde) die Entscheidung zwischen einem »normalen« Weiblichkeitsentwurf als Ehefrau, Mutter und Hausfrau und einer selbständigen Berufsexistenz deutlich radikaler erschien als für die jüngeren Kolleginnen (vgl. Hoff 2005), für die sich – und das bis heute – das Problem der Vereinbarkeit beider »Rollen« in den Vordergrund schob: Weil die Familienverantwortung von Frauen nicht in Zweifel gezogen wurde, machte sich im öffentlichen Diskurs die herabsetzende und verächtliche Formulierung breit, es ginge den Frauen nur um ihre »Selbstverwirklichung«, so dass ihre Professionsorientierung angezweifelt oder gering eingeschätzt wurde und als selbstgewählter privater Luxus erschien, der die Familienpflichten bedrohte.

Die Fokussierung auf die Benachteiligung von Mädchen und Frauen führte aber auch zu einigen blinden Flecken, die sich noch bis heute als unklare Gesichtspunkte zeigen. So zeigten schon in den 1960er Jahren empirische Befunde, dass Mädchen offenbar tendenziell leistungsmäßig stärker waren als Jungen und häufig die an sie gerichteten Erwartungen übertrafen (Zinnecker 1972: 118; Borris 1972: 71), und auch das »Sitzenbleiberelend« (Artur Kern) der Jungen war bereits aufgefallen. Diese frühen Befunde, die ja auf die Widersprüchlichkeit und Erklärungsbedürftigkeit der aktuellen Studien ein interessantes Licht werfen könnten, werden heute in der Diskussion um »Jungen als Bildungsverlierer« weitgehend ignoriert.

Die Interventionen der vielen auf Bildung, Schule und Universitäten bezogenen Frauenprojekte und vor allem aus der schnell entstehenden feministischen Schulforschung kann man in ihrer langfristigen Wirkung auf Pädagogik und Bildungspolitik nicht hoch genug einschätzen. Auch wenn manche der frühen Studien in Bezug auf Methodologie und Methoden später als unzulänglich kritisiert worden sind (Breitenbach 1994), wurden doch etliche Strukturaspekte deutlich, deren Entwicklung und Veränderung in den folgenden Jahrzehnten und bis heute in der Erziehungswissenschaft mit Aufmerksamkeit verfolgt wird: etwa dass Jungen deutlich mehr Aufmerksamkeit in der Schule auf sich zogen (Häufigkeit und Dauer von Sprechzeiten, Lob und Tadel), dass viele Schulbücher tendenziöse Texte und Aufgaben verwendeten, dass Lehrerinnen und Lehrer geschlechtstypisch ungleich in Leitungsfunktionen vertreten waren. Allerdings wurden auch viele wesentliche Erkenntnisse vom Mainstream der Erziehungswissenschaft nicht aufgegriffen, weil dieser nach wie vor blind war für die geschlechterbezogenen Dimensionen pädagogischer Konzepte – etwa die Problematisierung der Tatsache, dass die Mütter, deren nachmittägliche Verfügbarkeit vorausgesetzt wurde, von der Schule systematisch als »Hilfslehrerinnen der Nation« in Anspruch genommen wurden, was unter der Rede von »Eltern« dezent verschwand (Enders 1981: 176ff.).

Anknüpfungspunkte der Frauenbewegungen

Die bildungsbezogenen Ausgangssituationen waren für die beiden Frauenbewegungen also in einigen Hinsichten gleich – vor allem in ihrer bildungsoptimistischen Grundstimmung, die sie darauf vertrauen ließen, sich durch ein Mehr an Wissen, Bewusstsein und Reflexion die Welt erschließen zu können. Weil die »Aktivierung« von Frauen aber immer zugleich »die Relativierung der traditionellen Arbeitsteilung in der Ehe bedeutete«, hatten die Bildungsansinnen von Frauenbewegungen immer »eine kulturrevolutionäre Tendenz« und wurden »auch von politisch aktiven Männern fast immer als Provokation erlebt« (Prokop 1977: 36f.). Das ist ihre strukturelle Ähnlichkeit. Aber in anderen Hinsichten waren die Ausgangslagen höchst unterschiedlich, und so unterschieden sich auch die Antworten, Ziele und Strategien. Die Erste Frauenbewegung sah sich einer gemeinsamen Front von Widersachern gegenüber, die sich selbst gegen die elementarsten Ansätze ihrer Veränderungsbemühungen und ihrer Forderungen nach Beteiligung am Bildungswesen sperrte – sie mussten also allererst Akzeptanz und Anerkennung erringen, um überhaupt als gleichberechtigte Bürgerinnen und Mitglieder der Gesellschaft angesehen zu werden. Die zum bürgerlichen Flügel der Frauenbewegung gehörenden Gruppen konzentrierten sich folglich darauf, die Legitimität ihrer Forderungen zu begründen und deren gesellschaftliche Nützlichkeit herauszustellen. Deshalb zielten ihre Forderungen allererst auf eine Teilhabe am Bildungswesen – verbunden mit der optimistischen Vorstellung, dieses dann zugleich verändern zu können – und darauf, als gleichermaßen zu Bildung fähige und berechtigte gesellschaftliche Gruppe anerkannt zu werden. Es ist insofern logisch und plausibel, dass die allgemeinpolitische Einstellung der jeweiligen Frauen(gruppen) auch darüber entschied, wie radikal ihre Forderungen ausfielen und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit waren. Da letztlich alle berufsständischen Gruppen wie auch die pädagogischen Theoriediskurse genötigt waren, sich mit der durch das gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen veränderten Lage auseinanderzusetzen und in Politik- und Theoriekonzepten darauf zu reagieren, traten die Differenzen deutlich hervor, und es zeigt sich, dass sowohl innerhalb wie außerhalb der Frauenbewegung die bildungsbezogenen Argumentationslinien der einzelnen Protagonist:innen teilweise weit auseinanderlagen.

Die immer auch professionspolitisch denkenden Frauen des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins ADLV nahmen mit ihren Forderungen nicht zuletzt Rücksicht auf die Tatsache, dass Frauen nicht an Knaben- und folglich auch nicht an koedukativen Schulen unterrichten durften (Kleinau/Mayer 1996, 1: 153), und konzentrierten sich auf Argumente, die mit Verweis auf die »weiblichen Besonderheiten« von Lehrerinnen und Schülerinnen die Einstellung weiblicher Lehrkräfte in Mädchenschulen insbesondere in den erziehenden und den »ethischen« Fächern plausibilisieren sollten: »Echte Frauen werden nur unter Frauenleitung erzogen, darum muss prinzipiell der Frau die erste Stelle in der Mädchenbildung eingeräumt werden«, schreibt die Vorsitzende des ADLV Helene Lange in der Begleitschrift zu einer Petition, der sogenannten »Gelben Broschüre« 1887, wobei allerdings da, wo es sich um »Verstandeskultur« handelt, »der Mann besser am Platz ist als die Frau« (Lange 1887/1981: 218f.). Aber andere Stimmen sahen im Mädchenschulwesen selbst einen Bestandteil der Benachteiligung des weiblichen Geschlechts und plädierten für dessen Abschaffung – das waren vor allem die sozialistischen Frauen(gruppen) und diejenigen, deren politisches Handeln auf völlige Gleichberechtigung und gleiches Wahlrecht zielte, wie etwa Hedwig Dohm, die zur Lösung der »Frage der Mädchenbildung« vorschlug: »Sie ist für mich wie das Ei des Kolumbus. Zwei Worte erledigen sie: Einheitsschule und Koedukation« (Dohm 1910/1981: 234). Auch der von Minna Cauer 1888 gegründete Verein Frauenwohl strebte die Einrichtung von Reformschulen an, in denen koedukativ unterrichtet werden sollte – eine Forderung, der sich wiederum der ADLV nicht anschließen mochte. Und je enger sich die einzelnen Frauen dem bürgerlichen Lager zurechneten oder den konservativen Parteien nahestanden, desto eher scheuten sie sich auch, sich den Auffassungen der sozialistischen und/oder der proletarischen Frauengruppen anzuschließen.

Es lässt sich also erkennen, dass das leitende Stichwort »Teilhabe« hier bereits differenziert werden muss – woran wollten die einzelnen Gruppen teilhaben? In einer reformistischen Perspektive einen Platz in der in Verbesserung begriffenen Gesellschaft finden? Oder in einer revolutionären Perspektive erst die Gesellschaft verändern und dann den eigenen Platz darin bestimmen?

Diese Widersprüche trugen letztlich wesentlich zur Spaltung der Ersten Frauenbewegung bei. Der bürgerliche Flügel konzentrierte sich darauf, den Platz für Frauen im Bildungswesen mit Rückgriff auf ihre »Besonderheiten« zu erreichen, während der sozialistische Flügel die Interessen der Frauen bald offensiv dem »Hauptwiderspruch« zwischen Lohnarbeit und Kapital unterordnete und die Emanzipationsforderungen der Frauenbewegung als Mittel zum Zweck ansah, damit die Frau »gleich ausgestattet an Waffen mit dem Proletarier in den Kampf ziehen kann« (Zetkin, zit. bei Gerhard 1996: 185).

Abgesehen von den internen Differenzen hatten die Forderungen aus der Frauenbewegung die Debatten und Aktivitäten reformpädagogisch orientierter Lehrer und Pädagogen um 1900 enorm angefeuert und die bildungspolitischen Verantwortlichen unter Druck gesetzt – und wie meistens in der deutschen Geschichte haben sich auch hier letztlich die Gemäßigten durchgesetzt: koedukative Beschulung wurde zwar ermöglicht, aber nicht als Regelform.

In den 1970er Jahren war dieser Aspekt nicht mehr zentral, weil die Bildungsreformzeit den Frauen schon die Türen ins Bildungswesen geöffnet hatte und Koedukation auch in Westdeutschland zur Regelform auch an höheren Schulen geworden war (was in der DDR schon von Beginn an der Fall war). In der Bundesrepublik hat sich die Koedukation in den 1970er Jahren flächendeckend und eher »nebenbei« durchgesetzt (Faulstich-Wieland 1996: 386). Was in den Fokus der Frauenbewegung rückte, waren aber nicht-institutionelle, durch den »heimlichen Lehrplan« der Geschlechterungleichheit verursachte Unterschiede und Begrenzungen – und diese erforderten nun andere politische Analysen, Argumente und Strategien. Unter Stichworten wie »Verführung zur Ohnmacht« oder »Die Schule macht die Mädchen dumm« wurde das diskutiert, was Zinnecker (1972: 192) ganz neutral die »Verinnerlichung der weiblichen Statusrolle« genannt hatte: Eine spezifische, kaum bemerkte Erziehung der Mädchen zu Anpassung(sbereitschaft) und der Jungen zu Dominanzdenken, die für beide schädlich sei, weil sie die Mädchen bei der Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls behindere und die Jungen daran gewöhne, sich auf Kosten der Mädchen stark zu fühlen. Die Stimmung unter den frauenbewegten Gruppen war zunehmend selbstbewusst und von dem Impetus getragen, historisch und politisch im Recht zu sein.

Hier ging es also nicht mehr um Teilhabe, sondern darum, noch nicht durchschaute Zusammenhänge zu erschließen und dieses neue Wissen für eine Neu-Interpretation der gesellschaftlichen Verhältnisse und der eigenen Rolle darin zu nutzen. Nur auf dieser Basis konnten die entsprechenden politischen Strategien entwickelt werden. Allerdings gab es für die Frauen der 1970er Jahre keine ausgeprägte Tradition selbständigen Denkens und offener Lebensentwürfe, auf die sie hätten zurückgreifen können – weder im pädagogischen noch im gesellschaftlich-politischen Feld. Die Entschlossenheit, gemeinsam etwas Neues, noch nie Gedachtes zu entwickeln und mit dessen Hilfe die Gesellschaft umzustürzen, war das wirklich revolutionäre Potential der Zweiten Frauenbewegung, das im Verlauf weniger Jahre von vielen mit Bildung befassten Einrichtungen als pädagogisches Konzept aufgegriffen wurde.

In den ersten Jahren setzten die Frauen ausschließlich auf Selbstorganisation und Eigeninitiative, Selbsterfahrungs- und Diskussionsgruppen zu unterschiedlichen Themen gründeten sich meist über Aushänge in den Frauenzentren. Aber bald entstanden auf Initiative einzelner Frauen in vielen Volkshochschulen, Gewerkschaften und Kirchengemeinden Frauengruppen und Kurse, sowohl zu lebenspraktischen Themen wie auch grundsätzlicher angelegte Wissens- und Reflexionsangebote – wobei die Erfahrung, mit und unter Frauen gleichberechtigt über sachbezogene Themen diskutieren zu können, immer ein wesentliches politisches Ziel gegenseitiger Wertschätzung bildete. Getragen von der allgemeinen Euphorie gründeten sich dann in einem weiteren Schritt auch eigenständige selbstorganisierte Projekte mit festen Angeboten (z. B. das FFBIZ (Frauenforschungs-, Bildungs- und Informationszentrum), Berlin, die »Frauenwerkstatt Wiesbaden« oder die »Frankfurter Frauenschule« (Dokumentation, 1983: I)), meistens mit enthusiastischen hochfliegenden Plänen verbunden: Fast alle wollten neben dem Angebot von Kursen, Gesprächsgruppen und größeren Veranstaltungen mindestens auch ein Kulturprogramm initiieren, eine Bibliothek, ein Archiv, eine Werkstatt oder ein Café einrichten usw. – aber fast keines der Projekte bekam irgendwelche öffentlichen Gelder oder Zuschüsse. Die ehrenamtliche Arbeit lebte von der Energie des politischen Enthusiasmus und der beflügelnden Vorstellung, an etwas Neuem mitzuarbeiten: »In den Arbeitskreisen«, formuliert es ein Münchener Bildungsprojekt, »sollen Frauen, denen Feminismus etwas bedeutet, die Möglichkeit haben, auf noch unbekannten Gebieten mit noch unbekannten Vorgehensweisen zusammen weiterzuarbeiten, um ihre Ergebnisse langfristig wieder für die Erreichung feministischer Ziele direkt oder indirekt einzusetzen« (Dokumentation, Anhang, o. S.).

Als weniger spezifische Angebote wurden zudem in den 1970er und 1980er Jahren auch große überregionale Bildungsereignisse initiiert, wie die Sommeruniversitäten an der FU Berlin von 1976 bis 1983 (die eher auf ein studentisches Publikum zielte) oder diverse Frauenwochen (die die Frauen in der jeweiligen Region ansprechen sollten), die von tausenden Besucherinnen genutzt wurden. Der Ausschluss von Männern aus der ersten »Sommeruniversität für Frauen« im Jahre 1976 wurde mit der Einsicht begründet, dass die habitualisierten geschlechtstypischen Strukturen es nicht möglich erscheinen ließen, von Anfang an ein gleichberechtigtes Gesprächsverhalten herzustellen, dass die Frauen aber nicht ständig damit beschäftigt sein wollten, sich gegen männliches Dominanzverhalten zur Wehr zu setzen – das Motto war also »Nicht gegen Männer – aber für Frauen«. Dass es in einer dpa-Meldung daraufhin hieß, die Sommeruni finde »unter Ausschluss der Öffentlichkeit« statt, schien dann nur bezeichnend, denn damit, sagte die Rednerin der Eröffnungsrede, werde wieder einmal gezeigt, »dass ›öffentlich‹ nur sei, wo Männer sind« (Courage Nr. 1: 15; vgl. auch Courage, Null-Nr.: 13).

Alle diese bildungsbezogenen Arbeitsformen haben sehr zu einer gemeinsamen »Aufwertung« der Anwesenheit von Frauen, Frauenkörpern und Frauenstimmen, im öffentlichen Raum beigetragen, und vor allem unter den Beteiligten auch zu völlig neuen Formen von Respekt und Anerkennung, aber auch dem wachsenden Bewusstsein politischer Differenzen. Sie stärkten auch das Selbstbewusstsein der Frauen in ihren Forderungen nach Institutionalisierung von »Frauenforschung« (heute: Geschlechterforschung, mehr dazu Kap. 13) an den Universitäten. Frauenforschung zielte darauf, Frauen als Gegenstand der Wissenschaft sichtbarer zu machen und sie anders – insbesondere weniger stereotyp – zu thematisieren, sie als Subjekte im System Wissenschaft zu stärken und schließlich darauf, das System der Wissenschaft selbst grundlegend zu verändern. Während es der ersten Frauenbewegung wesentlich darum ging, Frauen den Zugang zum Studium und zur Promotion an den Universitäten zu ermöglichen, hat die zweite Frauenbewegung stark die Inhalte, das Wissen, das Wissenschaftsverständnis und die damit verbundenen Praktiken im Blick sowie die Repräsentation von Frauen als Dozierende an den Hochschulen.

1987 wurde nach langen Auseinandersetzungen der erste Lehrstuhl mit der Denomination »Frauenforschung« eingerichtet (an der Universität Frankfurt, besetzt mit Ute Gerhard), dem bald weitere folgten. Die informelle Frauengruppe »Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen NRW« konnte Ende der 1980er Jahre das Land NRW dazu bewegen, eine ganze Reihe Professuren und wissenschaftliche Stellen für Frauenforschung zu finanzieren, die noch heute den Grundstein des »Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW« bilden. Und in den letzten Jahren haben die Aktivitäten sogar bis zur Gründung einer eigenen wissenschaftlichen Fachgesellschaft, der »FG Gender«, geführt.

Politische Differenzen ergaben sich in den 1980er Jahren sowohl in der Tradition der Ersten Frauenbewegung mit sozialistischen Gruppen, für die die Frauenfrage weiterhin einen Nebenwiderspruch zum Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit darstellte, vor allem aber anhand der Frage, ob sich die Frauen auf das »Eigene« konzentrieren und zurückziehen sollten oder ob der gemeinsame politische Kampf um die Veränderung der Gesellschaft das Hauptanliegen bilden sollte. Insofern taucht hier das Stichwort »Teilhabe« erneut unter anderem Vorzeichen wieder auf – denn ein Teil der Frauenbildungsprojekte und Frauen-Ferienhäuser wandte sich, von den anderen als »esoterisch« geschmäht, tendenziell von der Gesellschaft ab, um miteinander ein neues Verständnis von Weiblichkeit zu entwerfen.

Die Debatten um Mono- und Koedukation

Die Konzepte für die Beschulung von Mädchen und Knaben waren niemals das Ergebnis pädagogischer Erwägungen, sondern immer Folge allgemein-gesellschaftlicher, politischer und staatlicher Entscheidungen und Konzepte, die von der Pädagogik oder durch deren Indienstnahme plausibilisiert wurden. Angesichts dessen, dass die Trennung der öffentlichen und der privaten Sphäre in der Bürgerlichen Gesellschaft fest etabliert war, und angesichts dessen, dass das preußisch-deutsche Schulwesen mit seiner »selbstbewussten und selbstherrlichen In-Einssetzung von Bildungsidee und Staatszweck« (Herrlitz/Hopf/Titze 1998: 35) in hohem Maße staatsfunktional organisiert war, schien es im 19. Jahrhundert nur logisch, die »höhere Bildung«, die überwiegend auf Tätigkeiten im Staatsdienst ausgerichtet war, dem Knaben-Schulwesen vorzubehalten, während höhere Töchterschulen für »nicht allgemein notwendig« befunden wurden (ebd.: 93). Auch dass Mädchen mit Blick auf ihre späteren Aufgaben anderes lernen müssten als Knaben, schien kaum diskussionswürdig – einzelne gebildete Frauen in Sonderrollen hatte es in den entsprechenden gesellschaftlichen Gruppen ja immer gegeben. Erst die Interventionen der Frauenbewegung mit ihren Forderungen nach Reform der Mädchenbildung und vor allem nach deren Eingliederung in das Berechtigungswesen, das auch den Mädchen den Weg zu Abitur und Studium öffnen sollte, ließen die Diskussion über gemeinsame oder getrennte Beschulung überhaupt nötig erscheinen.

Aber die bereits beschriebenen Differenzen in Bezug darauf, aus welchen Weiblichkeitsvorstellungen die Protagonistinnen ihre politischen Haltungen, Forderungen und Strategien entwickelten und mit welchen Begründungsfiguren sie diese zu plausibilisieren versuchten, führten auf allen Ebenen zu kontroversen Konstellationen. Wohl nahmen Lehrerinnen und Aktivistinnen zunehmend Einfluss – und ihre unterschiedlichen Positionen verbanden sich mit denen von anderen pädagogisch Aktiven. So finden sich unter den reformpädagogischen Modellen solche, die Koedukation befürworteten (wie die Odenwaldschule von Paul Geheeb), und solche, die strikt dagegen waren (oder zumindest ambivalent). Auch im »Bund Entschiedener Schulreformer« (gegründet 1919) gab es sowohl Positionen wie die von Anna Siemsen, die für zwar gleiche Lehrpläne, aber partiell getrennten Unterricht plädierte (Kleinau/Mayer 1996: 177) wie auch die der feministischen Sozialdemokratin Lydia Stöcker. Diese kritisierte die Konzentration der pädagogischen Diskussion auf weibliche und männliche Geschlechtscharaktere, verwarf aber auch die Anpassung der Mädchenbildung an die der Knaben (die sie bei Geheeb gegeben sah). Stattdessen votierte sie für eine »Parteilichkeit der Lehrerin für die Schülerinnen«, damit »in dem heranwachsenden Mädchen ein Gefühl von Stolz, von Selbstachtung, von eigener Würde erzeugt werde, das niemals zu hoch sein kann«. Denn der »Fluch« der alten Erziehung habe ja gerade darin bestanden, dass man »das Mädchen als Mensch duckte und immer wieder duckte«, bis sie selbst die Vorstellung von Minderwertigkeit verinnerlicht hatte« (zit. bei Hansen-Schaberg 2007: 207).

In seinem Buch »Geschlechtertrennung oder Geschlechtermischung« zieht Josef Schröteler (1933) eine Bilanz, wie »in manchen Kreisen, die die Frauenemanzipation grundsätzlich bejahen, über das Problem Mann und Frau gedacht wird«. Dabei zitiert er aus einer aktuellen Sammlung einschlägiger Texte einen »Brief eines Vaters«, der zu seiner Tochter spricht: »Von wem oder was habt Ihr Euch denn emanzipiert? Von uns? Aber Ihr habt doch gerade das Gegenteil getan. Ihr meßt Euch im günstigsten Fall mit männlichem Maß […] Und das nennst Du Emanzipation?« Die Frauen von heute, schreibt der zitierte Autor, »wollen wie Frauen sein und doch nicht die alten« (Schröteler 1933: 16). Schröteler selbst berichtet aber aus einer empirischen Studie, dass die intellektuell starken Mädchen unter den Abiturientinnen »›ausnahmslos aus solchen Familien stammten, in welchen die Frau eine dem Manne gleichberechtigte Stellung, z. B. als Mitinhaberin und Mitleiterin irgend eines Betriebes, innehatte.‹ Also eine von dem Milieu der Geschlechtsgenossinnen abweichende Umgebung, die auf die Variationsbreite entscheidend einwirkte« (ebd.: 125). Auch die sorgfältige Studie zu Koedukation von Kurt Wawrzyniak kommt zu dem Schluss, dass Leistungsunterschiede das Ergebnis einer jeweils bestimmten »kulturpädagogischen« Situation seien (Wawrzyniak 1959: 91) und weder auf Geschlechtsspezifika noch auf die Unterrichtsform zurückgeführt werden können. Alle diese Hinweise wurden später weitgehend ignoriert.

Tragisch für die zweite Frauenbewegung war die Tatsache, dass sie in der Bildungsreformzeit der 1960er Jahren noch nicht sehr präsent war – deshalb wiederholte sich, was schon in der ersten Runde passiert war: Die Mädchen wurden ohne weitere pädagogische Überlegungen in die höheren Knabenschulen eingegliedert – obgleich doch diese schon so oft kritisiert worden waren und sich nun eine gute Gelegenheit zur Revision ergeben hätte (allerdings hätte dies den Mädchen eine Art Definitions- oder Einspruchsmacht zugeschrieben, die möglicherweise gerade nicht gewollt war). So war es auch für die feministische Schulforschung der 1970er und 1980er Jahre nicht leicht, den ja offenbar für die Mädchen nachteiligen Einfluss zu lokalisieren: Lag das Problem für das geringere Selbstvertrauen der Mädchen, ihre domänenspezifisch schwächeren Leistungen und ihre Angst vor den naturwissenschaftlichen Fächern in spezifischen Strukturaspekten des Bildungssystems begründet? Oder in der Koedukation selbst? Intensive empirische Forschungen zur Koedukation setzen in den 1980er Jahren ein (vgl. Horstkemper 1987), aber der von Horstkemper herausgearbeitete Befund, dass Mädchen ihr schwächeres intellektuelles Selbstkonzept erst im Verlauf ihrer Schulerfahrungen entwickeln, lässt sich bis heute zeigen (z. B. Sprietsma 2011; Rendtorff 2016) – und das, obwohl viele Schulversuche mit partieller, jahrgangs- oder fächerweiser Aufteilung unternommen wurden, bis hin zu paralleler Monoedukation. Die Organisationsform des Unterrichts ist eben nur ein Kriterium unter anderen. Und die Schulforschung und die Praxis standen vor einer von Widersprüchen geprägten komplizierten Situation. Einerseits zeigte sich, dass Mädchen und Jungen, oft gegen die Überzeugung der beteiligten Lehrkräfte, zum Nachteil der Mädchen ungleich behandelt wurden, beispielsweise im Hinblick auf der Verteilung der Aufmerksamkeit. Andererseits wurde deutlich, dass sich der Unterricht stärker an den Interessen von Jungen orientierte und die Interessen von Mädchen vernachlässigte, dass also Ungleiche gleichbehandelt wurden. Schließlich wurde den Befürworterinnen monoedukuaktiven Unterrichts vorgeworfen, die Geschlechterdifferenzen, die doch in ihrem Einfluss unwichtiger werden sollten, zu betonen oder sogar zu dramatisieren (vgl. Breitenbach 2002). Viele der von der feministischen Schulforschung angestoßenen Veränderungsansätze konzentrierten sich auf sexistische Aspekte in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien und auf geschlechtstypische Er- und Entmutigungsroutinen. Um allerdings im Unterrichtsstil, in der Form der Ansprache von Mädchen und Jungen oder in der Gestaltung von Aufgaben kluge Veränderungen in Gang zu setzen, hätte es groß angelegter Fortbildungsbemühungen für die Lehrkräfte bedurft, zu denen letztlich das Schulsystem nicht bereit war.

Im Kern ging es auch in dieser historischen Phase, wie schon zuvor, um die Einschätzung der Bedeutsamkeit (vermeintlicher) Geschlechtscharaktere und deren mehr oder weniger polarisiert/binär gedachtes Verhältnis. Wenn es heute in pädagogischen Schriften gang und gäbe ist, zu fordern, der Unterricht müsse etwa in den Naturwissenschaften an den »Interessen der Mädchen« ansetzen oder im Schriftspracherwerb in der Grundschule die »Interessen von Jungen« stärker berücksichtigen, so zeigt das doch, dass die Debatte immer noch (oder wieder) um dieselbe Frage kreist. Entsprechend der jeweils zugrunde gelegten Weiblichkeitsvorstellungen, in Korrespondenz damit, welche Lebensentwürfe und Handlungsspielräume die jeweilige Gesellschaft für Mädchen und Frauen als »angemessen« ansieht, wurden also im Verlauf der Koedukationsdebatten entweder die Mädchen als schutzbedürftig dargestellt – zu schützen vor Überforderung oder vor schädlichen erotischen Einflüssen – oder sie galten als intellektuell zu schwach, um den Anforderungen höherer Bildung zu genügen (Klimek 2002: Kap. III; Rendtorff 2006). Am stärksten scheint jedoch immer das Argument der »Bestimmung« der Frau durchzuschlagen: dass die gesellschaftliche und sittliche Aufgabe der Frau in der Pflege des Hauswesens, oder moderner ausgedrückt: in Sorge und Verantwortung für andere besteht, und dass dieser Bestimmung alle anderen Überlegungen untergeordnet werden müssen.

Im Übrigen lässt sich die Frage, ob Mono- oder Koedukation die »bessere« Lösung wäre, bis heute nicht beantworten, obwohl das Thema vielfach untersucht wurde. Sowohl in Bezug auf Leistung und Notengebung als auch auf das subjektive Wohlbefinden oder geschlechtstypische Einstellungen sind die Ergebnisse widersprüchlich, wobei sich häufig dezente Hinweise darauf finden lassen, dass Jungen mehr von Koedukation profitieren als Mädchen und dass sich geschlechtstypische Interessen unter Koedukationsbedingungen verstärken – hier scheint sich der Verdacht der feministischen Schulforschung zu bestätigen. Allerdings sind solche Untersuchungen kompliziert, weil monoedukative Schulen eine spezifisch selektierte Elternschaft aufweisen und monoedukativ unterrichtete Klassen oder Fächer in der koedukativen Regelschule von vorneherein einen Sonderstatus bilden, der die Situation möglicherweise verzerrt. Deshalb sind selbst die vergleichsweise gut dokumentierten Studien zum monoedukativen Physikanfangsunterricht, die meistens einen kurzfristigen Vorteil der Mädchen ergeben, nur beschränkt aussagekräftig.

Dennoch lässt sich in Bezug auf Mädchenschulen zeigen, dass diese es Mädchen leichter machen, sich für Physik und teilweise auch für Mathematik zu interessieren und dass ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung hier höher ist als in koedukativen Schulen (vgl. Schurt/Waburg 2007). Auch wenn die Organisationsform nur einen Teil von Schulkultur ausmacht und obwohl Mädchenschulen aktuell unter einem gewissen Legitimationszwang stehen, können sie dennoch eine Ressource für Mädchen hinsichtlich Interessenentwicklung, Selbstwirksamkeit und Schulerfolg darstellen (vgl. Herwartz-Emden 2007; Herwartz-Emden/Schurt/Waburg 2010).

Die durchschnittlichen Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen fallen weniger eindeutig aus als oftmals angenommen (vgl. Rendtorff 2016: Kap. 2.3). Zwar sind die Jungen in Physik und Informatik leistungsstärker und die Mädchen in den sprachlichen Fächern, aber der Abstand hat sich in den letzten Jahren deutlich verringert (vor allem in Mathematik). Es zeigt sich aber ein paradoxes Bild: Der Vorsprung der Mädchen in der Lesekompetenz scheint sich im frühen Erwachsenenalter sehr schnell zu verlieren (OECD 2015: 4), während sich ihr Rückstand in den naturwissenschaftlichen Fächern überproportional stark entwickelt. Obwohl sich die Leistungen von Mädchen und Jungen gerade in den unteren Klassenstufen nur noch wenig unterscheiden, steigert sich die Distanz der Mädchen gegenüber Technik und Naturwissenschaften bis zu den geschlechtstypischen Fächerwahlen in der Oberstufe und entsprechenden Studienfachwahlen. Zwar werden Leistungs- und Abiturfächer auch nach den vorangegangenen Noten gewählt, doch scheint dies den Effekt nicht zu erklären. Durchgängig zeigen sich dagegen das geringere Selbstvertrauen der Mädchen in ihre rationalitätsbezogenen Fähigkeiten (auch im deutlichen Widerspruch zu ihren Noten) und die Vorstellung geschlechtstypischer »Passung« als wichtigste Einflussfaktoren.

Dass sich die Diskussion um Ko- oder Monoedukation auf messbare Leistungsunterschiede konzentriert, ist deshalb eher neoliberalen Einflüssen im Bildungswesen zuzuschreiben als der Plausibilität des Faktors selbst. Bedauerlicherweise führt dies aber dazu, dass die Frage nach dem Einfluss des Bildungssystems auf das schwächere intellektuelle und rationalitätsbezogene Selbstbild von Mädchen nach wie vor nicht zufriedenstellend bearbeitet worden ist.

Resümee und Ausblick

Jede soziale oder politische Bewegung, die sich in Opposition zu den gesellschaftlichen Institutionen begibt und deren Veränderung anstrebt, steht vor derselben dilemmatischen Entscheidung: Verharrt sie in der Opposition, kann sie ihre Argumente weiter schärfen, aber nur wenig konkret bewirken, begibt sie sich auf den »Weg durch die Institutionen«, gewinnt sie an Einflussmöglichkeit, muss sich aber in gewissem Maße den Gegebenheiten anpassen und Teile ihrer Ideen und Wünsche opfern. Die mittel- und langfristigen Folgen jedoch, die ein revolutionärer oder reformerischer Diskurs möglicherweise in Gang setzen kann, lassen sich überhaupt nicht vorhersehen und auch im Nachhinein nur schwer ermessen. Gegenüber den beiden vorangegangenen Jahrhunderten hat die Erste Frauenbewegung eine enorme Umwälzung in Gang gesetzt, indem sie den Frauen eine (wenn auch nicht gleichberechtigte) Teilhabe an Öffentlichkeit, Politik, an Bildungs- und Berufsmöglichkeiten eröffnete. Auf deren Schultern stehend hat dann die Zweite Frauenbewegung genauer hinterfragt, wie es dazu kommen kann, dass trotz gleicher Möglichkeiten Unterschiedliches gelehrt und gelernt wird, dass Selbstbilder und Selbstvertrauen von Mädchen und Jungen sich dennoch so sehr voneinander unterscheiden. Dass aus feministischer Schulforschung und Frauenforschung dann »Geschlechterforschung« wurde, zeigt eine Verschiebung der Perspektive an, die nicht mehr vorrangig das »Mehr« (der Männer) und das »Weniger« (der Frauen) vergleichend in den Blick nimmt, sondern die Dynamik, mit der die Strukturen der Geschlechterordnung auf beide Genusgruppen wirken. Hierin liegt allerdings auch das Risiko, nun aus dem Impuls heraus, beide als »Opfer der Verhältnisse« zu betrachten, weiterhin vorhandene androzentrische, die Genusgruppe der Frauen benachteiligende Strukturen weniger genau zu beobachten.

Herausgearbeitet wurde zudem in diesem Kapitel der enorme Bildungsoptimismus der ersten und der zweiten Frauenbewegung. Historisch betrachtet haben die damit verbundenen Anstrengungen und Kämpfe Früchte getragen, und gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat die Partizipation der Mädchen an der höheren schulischen Bildung in der Bundesrepublik die der Jungen überholt. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre besuchten 25 % der Jungen und 30 % der Mädchen das Gymnasium, 1999 lagen die Mädchen um 6 % vor den Jungen (vgl. Hopf 2010: 41f.), 2017 um 4 % (Statistisches Bundesamt 2018, S. 16). Auch die schulischen Leistungen der Mädchen sind insgesamt besser, was seit etwa 2000 zur Diskussion über die »Jungen als Bildungsverlierer« beigetragen hat. Allerdings, und darin besteht das aktuelle Dilemma, nehmen die Frauen diesen Vorsprung nicht mit auf den Arbeitsmarkt und in ihr Erwerbsleben. Ihr Leistungsvorsprung geht bei der Einmündung in den Arbeitsmarkt bezogen auf Positionen und Bezahlungen sukzessive und über die Zeit hin aufgeschichtet verloren, was sich unter anderem im Gender-Pay-Gap zeigt. Hierin liegen aktuell die Herausforderungen einerseits für die politischen Aktivitäten und andererseits für die Forschung und die Analyse der Ursachen. Diese sind multifaktoriell und hängen mit komplexen Dynamiken und offenen wie mit verdeckten Strukturen zusammen. Eine Rolle spielen dabei die Verknüpfung von Geschlechterverhältnissen mit Organisationen und ihren verschiedenen Ebenen (vgl. Krell/Rastetter/Reichel 2012), mit sozialem Kapital und Netzwerken, aber auch Fragen von Anerkennung, Wertschätzung und Autorisierung. Entscheidende Faktoren sind zudem Teilzeitarbeit und die gesellschaftliche Ordnung der Sorgeverhältnisse. Etwas provokativ gefragt: Haben wir es bei diesen aktuellen Konstellationen, dass Frauen ihre guten Bildungsabschlüsse und Leistungen nicht in die gleiche Bezahlung wie Männer übersetzen können, auch mit den Spätfolgen einer hohen Wertschätzung von Bildung, wie sie sie die Frauenbewegungen akzentuiert haben, bei gleichzeitiger Geringschätzung von ökonomischen Fragen zu tun?

Es scheint, dass der Bildungsoptimismus sich auch bei heutigen jüngeren Frauen fortschreibt und ein damit verbundener Glaube, »dass Frauen alle Möglichkeiten hätten« weit verbreitet ist (Hensel/Raether 2008: 67). In einem viel beachteten Buch aus dem Jahre 2008 beschreiben zwei um 1980 geborene Frauen, wie auch sie dieser Vorstellung für ihr Leben gefolgt seien. Feminismus habe sie nicht besonders interessiert. Dabei benennen sie auch eine Generationendifferenz gegenüber der Generation ihrer feministischen Mütter. Dies zeigt, dass die zweite Frauenbewegung »im Wandel der Generationen« in den jeweiligen biographischen Selbstentwürfen eine Rolle spielt (Thon 2015) – und sei es über Abgrenzung. Diese Erfahrung der Distanzierung der folgenden Generation hatten bereits, wie vorne erwähnt, die frauenbewegten Vorkämpferinnen für das Frauenstudium zu Beginn des 20. Jahunderst gemacht. Die beiden Autorinnen der 2000er Jahre dachten über den Feminismus, wie eine der beiden schreibt, dass »die Generation meiner Mutter das für mich abgehandelt habe« (ebd.). »Mitglied einer ausgegrenzten Minderheit zu sein« (ebd.) habe nicht zu ihrem Lebensgefühl gepasst.

»Dass keine der Vorlesungen, in die ich mich eintrug, von einer Frau gehalten wurde, bemerkte ich nicht. Als ich im Hörsaal saß, fiel mir nicht auf, dass die Mehrzahl derjenigen, die mit mir Germanistik studierten, weiblich waren und die Mehrzahl derjenigen, die mit mir Politikwissenschaften studierten, männlich. Mir fiel auch nicht auf, dass wenn ich mal wieder eine Vorlesung ausfallen ließ und stattdessen im Supermarkt am Helmholtzplatz Joghurt und Pfirsiche für mein Frühstück kaufte, alle anderen Kunden weiblich waren und einen Kinderwagen dabeihatten« (ebd.: 66).

Ihre Vorstellungen als jüngere Frauen über »die Chancen in der Gesellschaft« (ebd.: 164) entpuppten sich den beiden Autorinnen erst, nachdem sie längere Zeit erwerbstätig waren und mit Anfang 30 Kinder bekommen hatten, als »Illusionen«.

Literatur

Allen, Ann Taylor (1996): »Geistige Mütterlichkeit« als Bildungsprinzip. Die Kindergartenbewegung 1840–1870. In: Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hrsg.), Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2 (S. 19–34). Frankfurt am Main: Campus.

Baader, Meike Sophia (1992): Nie sicher vor Fremdheit. Rahel Straus – erste Medizinstudentin in Heidelberg. In: Norbert Giovannini/Jo-Hannes Bauer/Hans-Martin Mumm (Hrsg.), Jüdisches Leben in Heidelberg. Studien zu einer unterbrochenen Geschichte (S. 221–233). Heidelberg: Wunderhorn.

Baader, Meike Sophia (1995): »Wissenschaft als Beruf« in den Naturwissenschaften. Gerta von Ubisch (1882–1965) – die erste habilitierte und dennoch weithin unbekannte Frau an der Universität Heidelberg. In: Hubert Treiber/Karol Sauerland (Hrsg.), Heidelberg im Schnittpunkt intellektueller Kreise. Zur Topographie der geistigen Geselligkeit eines »Weltdorfes«: 1850–1950 (S. 445–461). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Borris, Maria (1972): Die Benachteiligung der Mädchen in Schulen der Bundesrepublik und Westberlin. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Braun, Lily (1901): Fortbildungsschulen. In: Elke Frederiksen (Hrsg.) (1981): Die Frauenfrage in Deutschland 1865–1915. Texte und Dokumente (S. 285–286). Stuttgart: Reclam.

Breitenbach, Eva (1994): Geschlechtsspezifische Interaktion in der Schule. Eine Bestandsaufnahme der feministischen Schulforschung. In: Die deutsche Schule, 86 (2), 179–191.

Breitenbach, Eva (2002): Geschlecht im schulischen Kontext. Theoretische und empirische Fragen an die Koedukationsdebatte. In: Dies. et al. (Hrsg.), Geschlechterforschung als Kritik (S. 149–163). Bielefeld: Kleine.

Brinkschulte, Eva (2005): »…das Weib lässt sich nicht gegenüber dem Gelehrten vergessen« – Zur Aufrechterhaltung der Virilität des Hochschulbetriebs um 1900. In: Frank Stahnisch/Florian Steger (Hrsg.), Medizin, Geschichte und Geschlecht: körperhistorische Rekonstruktionen von Identitäten und Differenzen (S. 103–118). Wiesbaden: Steiner.

Costas, Ilse (1992): Der Kampf um das Frauenstudium im internationalen Vergleich. Begünstigende und hemmende Faktoren für die Emanzipation der Frauen aus ihrer intellektuellen Unmündigkeit in unterschiedlichen bürgerlichen Gesellschaften. In: Anne Schlüter (Hrsg.), Pionierinnen, Feministinnen, Karrierefrauen? Zur Geschichte des Frauenstudiums in Deutschland (S. 115–146). Pfaffenweiler: Centaurus.

Costas, Ilse (2010): Von der Gasthörerin zur voll immatrikulierten Studentin. Die Zulassung von Frauen in den deutschen Bundesstaaten 1900–1909. In: Trude Maurer (Hrsg.), Der Weg an die Universität. Höhere Frauenstudien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert (S. 191–211). Göttingen: Wallstein.

Courage Nr. 1 (1976). Online verfügbar unter: http://library.fes.de/courage/pdf/1976_01.pdf, Zugriff am 07.10.2020.

Courage, Null-Nr. (1976). Online verfügbar unter: http://library.fes.de/courage/pdf/1976_00.pdf, Zugriff am 07.10.2020.

Dauzenroth, Erich (1964): Frauenbewegung und Frauenbildung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Dauzenroth, Erich (1971): Kleine Geschichte der Mädchenbildung. Ratingen: A. Henn.

Dohm, Hedwig (1910): Einheitsschule und Koedukation. In: Elke Frederiksen (Hrsg.) (1981), Die Frauenfrage in Deutschland 1865–1915. Texte und Dokumente (S. 232–239). Stuttgart: Reclam.

Enders, Uta (1981): Hausaufgaben und kein Ende … In: Irene Block/Uta Enders/Susanne Müller (Hrsg.), Das unsichtbare Tagwerk. Mütter erforschen ihren Alltag (S. 79–117). Reinbek: Rowohlt.

Faulstich-Wieland, Hannelore (1996): Abschied von der Koedukation? In: Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hrsg.), Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2 (S. 386–400). Frankfurt am Main: Campus.

Flaake, Karin (1989): Berufliche Orientierungen von Lehrerinnen und Lehrern. Frankfurt am Main: Campus.

Frauen-Zeitung (1849). Online verfügbar unter: http://www.addf-kassel.de/fileadmin/user_upload/Dossiers/LOP/LOP_Frauen-Zeitung_1_1849.pdf, Zugriff am 07.10.2020.

Gerhard, Ute (1996): Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek: Rowohlt.

Hansen-Schaberg, Inge (2007): Der Beitrag Lydia Stöckers zur Mädchenbildung und Koedukation in den zwanziger Jahren im Kontext der zeitgenössischen Koedukationsdebatte. In: Dies./Bruno Schoning (Hrsg.), Reformpädagogik. Geschichte und Rezeption (S. 202–235). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

Hensel, Jana/Raether, Elisabeth (2008): Neue deutsche Mädchen. Berlin: Rowohlt.

Herrlitz, Hans-Georg/Hopf, Wulf/Titze, Hartmut (1998): Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Weinheim: Juventa.

Herwartz-Emden, Leonie (Hrsg.) (2007): Neues aus alten Schulen – empirische Studien in Mädchenschulen. Opladen: Barbara Budrich.

Herwartz-Emden, Leonie/Schurt, Verena/Waburg, Wiebke (Hrsg.) (2010): Mädchen in der Schule. Empirische Studien zu Heterogenität in monoedukativen und koedukativen Kontexten. Opladen: Barbara Budrich

Hoff, Walburga (2005): Schulleitung als Bewährung. Ein fallrekonstruktiver Generationen- und Geschlechtervergleich. Opladen: Barbara Budrich.

Hopf, Wulf (2010): Freiheit – Leistung – Ungleichheit. Bildung und soziale Herkunft in Deutschland. Weinheim: Juventa.

Horstkemper, Marianne (1987): Schule, Geschlecht und Selbstvertrauen. Eine Längsschnittstudie über Mädchensozialisation in der Schule. Weinheim: Juventa.

Jacobi, Juliane (2010): »They made old Cambridge wonder«. Englische Frauencolleges zwischen Tradition und Aufbruch. In: Trude Maurer (Hrsg.), Der Weg an die Universität. Höhere Frauenstudien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert (S. 91–107). Göttingen: Wallstein.

Jacobi, Juliane (2013): Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main: Campus.

Kleinau, Elke/Mayer, Christine (Hrsg.) (1996): Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts. Eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs- und Berufsbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen. 2 Bde. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Klimek, Brigitte (2002): Mädchenbildung zwischen Traditionsbindung und Reformanspruch. Dissertation Universität Bonn.

Kraul, Margret (1991): Höhere Mädchenschulen. In: Christa Berg (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. IV (1870–1918) (S. 279–303). München: Beck.

Krell, Gertraude/Rastetter, Daniela/Reichel, Karin (Hrsg.) (2012): Geschlecht macht Karriere in Organisationen. Berlin: edition sigma.

Lange, Helene (1887): Die Höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung. Begleitschrift einer Petition an das preußische Unterrichtsministerium und das preußische Abgeordnetenhaus. In: Elke Frederiksen (Hrsg.) (1981), Die Frauenfrage in Deutschland 1865–1915. Texte und Dokumente (S. 207–230). Stuttgart: Reclam.

Lenz, Ilse (2008): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Maurer, Trude (2010): Einführung: Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Das deutsche Frauenstudium im internationalen Kontext. In: Dies. (Hrsg.), Der Weg an die Universität. Höhere Frauenstudien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein, S. 7–22.

Nieswandt, Martina (1996): Lehrerinnenseminare: Sonderweg zum Abitur oder Bestandteil höherer Mädchenbildung? In: Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hrsg.), Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2 (S. 174–188). Frankfurt am Main: Campus.

OECD (2015): Was sind die Ursachen von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Bildungsbereich? PISA im Fokus, 49. Online verfügbar unter: https://www.oecd.org/pisa/pisaproducts/pisainfocus/PIF-49%20(ger).pdf, Zugriff am 07.10.2020.

Paletschek, Sylvia (1991): Frauen im Umbruch. Untersuchungen zu Frauen im Umfeld der deutschen Revolution von 1848/49. In: Beate Fieseler (Hrsg.), Frauengeschichte gesucht – gefunden? Auskünfte zum Stand der historischen Frauenforschung (S. 47–64). Köln: Böhlau. Online verfügbar unter: https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:4660/datastreams/FILE1/content, Zugriff am 07.10.2020.

Prokop, Ulrike (1977): Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rendtorff, Barbara (2006): Erziehung und Geschlecht. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

Rendtorff, Barbara (mit Birgit Riegraf, Elke Kleinau) (2016): Bildung – Geschlecht – Gesellschaft. Weinheim: Beltz.

Salomon, Alice (1904): Wissenschaftliche Bildung und soziale Frauenarbeit. In: Dies. (1997), Frauenemanzipation und soziale Verantwortung. Ausgewählte Schriften, Bd. 1: 1896–1908 (S. 202–207). München: Luchterhand.

Salomon, Alice (1908): Zur Eröffnung der sozialen Frauenschule. In: Dies. (1997), Frauenemanzipation und soziale Verantwortung. Ausgewählte Schriften, Bd. 1: 1896–1908 (S. 480–485). München: Luchterhand.

Schröteler, Josef (1933): Geschlechtertrennung oder Geschlechtermischung. Beiträge zum Koedukationsproblem. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag.

Schurt, Verena/Waburg, Wiebke (2007): Geschlechtsspezifik und/oder Fachtypik? Selbstwirksamkeit, Interesse, Stimmung und körperliches (Wohl)befinden von Schülerinnen in ausgewählten Schulfächern im Vergleich. In: Leonie Herwartz-Emden (Hrsg.), Neues aus alten Schulen – empirische Studien in Mädchenschulen (S. 115–160). Opladen: Barbara Budrich.

Sprietsma, Maresa (2011): Explaining the Persisting Mathematics Test Score Gap Between Boys and Girls. In: ZEW Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH, Discussion Paper No 10–101. Online verfügbar unter: ftp://ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp10101.pdf, Zugriff am 07.10.2020.

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018): Schulen auf einen Blick.

Straus, Rahel (1961): Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin. Stuttgart: DVA.

Thon, Christine (2015): Frauenbewegung im Wandel der Generationen. Eine Studie über Geschlechterkonstruktionen in biographischen Erzählungen. Bielefeld: transcript.

Vaerting, Mathilde (1923): Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie. Karlsruhe: G. Braun.

Verein SFBF (Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildung für Frauen) (1983): Dokumentation der bundesweiten Arbeitstagung ›Autonome Frauen-Bildungsarbeit mit Frauen‹ am 4./5.6.1983 in Frankfurt am Main: Selbstverlag.

Wawrzyniak, Kurt (1959): Grundfragen der Koedukation. Ein Beitrag zur Pädagogik der Rolle der Geschlechter. München: Ernst Reinhardt.

Weber, Marianne (1919): Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaft. In: Dies., Frauenfragen und Frauengedanken. Gesammelte Aufsätze (S. 1–9). Tübingen: Mohr.

Weber, Marianne (1948): Lebenserinnerungen. Bremen: Storm.

Zepler, Wally (1899): Welchen Wert hat die Bildung für die Arbeiterin? In: Frederiksen, E. (Hrsg.) (1981), Die Frauenfrage in Deutschland 1865–1915. Texte und Dokumente (S. 273–285). Stuttgart: Reclam.

Zepler, Wally (1916): Die Frauen und der Krieg. Berlin: Verlag der »Internationalen Korrespondenz« (A. Baumeister).

Zinnecker, Jürgen (1972): Emanzipation der Frau und Schulausbildung. Zur schulischen Sozialisation und gesellschaftlichen Position der Frau. Weinheim: Beltz.

1 »Beteiligung« und »Teilhabe« waren zentrale Begriffe bei Aktivistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung wie Helene Lange (1848-1930) und Gertrud Bäumer (1973-1954) bis zu Marianne Weber (1870-1954) und auch in der Petition »Gelbe Broschüre« von 1888.

2 Louise Otto, später Otto-Peters (1819-1895), Schriftstellerin und politische Aktivistin

3 Hierbei handelt es sich um ein Konzept, nach dem in größeren Wohnkomplexen die Hausarbeit in Gemeinschaftsräumen verrichtet und dadurch reduziert und verbilligt werden sollte. Es wurde etliche Gemeinschaftshäuser und verschiedenen Städten realisiert.

4 Mathilde Vaerting (1884-1977), Pädagogin und Soziologin, erste weibliche Professorin für Pädagogik (Universität Jena, 1923)

3 Sozialisation und Erziehung

3 Sozialisation und Erziehung

Ausgangslage

Weibliche Sozialisation. Die Anfänge der Diskussion und die Etablierung als theoretisches Thema

Mädchen in der Geschlechterforschung

Geschlechtstypische Sozialisation – theoretische Entwicklung

Männliche Sozialisation

Literatur

Ausgangslage

Als die erste Frauenbewegung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aktiv war, wurden die Begriffe Erziehung, Bildung und Sozialisation noch nicht systematisch im heutigen Verständnis unterschieden. Während »Sozialisation« noch nicht gebräuchlich war, wurden die Begriffe Erziehung und Bildung im Kontext der ersten Frauenbewegung meist mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und in Übereinstimmung mit der damaligen Begriffsverwendung auf familiale bzw. familienähnliche Einwirkung Erwachsener auf jüngere Kinder (d. i. Erziehung) einerseits und andererseits auf die Wissens- und Berufsbildung verteilt. Auch wurde zwischen Bildung als Prozess der intellektuellen Entfaltung des jeweiligen menschlichen Potentials ( Kap. 2) und der Erziehung als gezielte Einflussnahme Erwachsener auf Kinder unterschieden: So nennt etwa Johanna Fröbel das, was im Kindergarten stattfindet, »Erziehung« und die darin Wirkenden »Erzieherinnen«, wobei die ergänzende Verbindung mit Schule und Bildung aus den verschiedenen Einrichtungen erst eine »vollständige Bildungsanstalt« werden lässt (Fröbel 1849 in Kleinau/Mayer 1996: 89f.). Friedrich Fröbel hingegen sprach für die Kindergärten sowohl von Erziehung als auch, wenn auch durchaus seltener, von Bildung der kleinen Kinder. Sowohl die vorschulische Erziehung als auch Bildung sah er in der Verantwortung der Frauen und widmete die entsprechenden Schriften zum Kindergarten »ihr«, während er ab dem Schuleintritt von »Menschenerziehung«, so in seiner Schrift von 1826 sprach, die er »ihm« widmete und damit in die Hände von Männern legte (vgl. Baader 1996). Andere Texte unterscheiden zwischen (männlicher) Bildung als Geistesbildung und dem weiblichen Einwirken auf die Entwicklung des »Charakters«, der Herzensbildung, als erzieherischer Einflussnahme von Müttern und Frauen (so etwa Caroline Rudolphi 1907 in Kleinau/Mayer 1996: 75f.) – aber auch diese Begriffsverwendung ist unsystematisch. So wird oftmals von »gemeinsamer Erziehung« auch im Kontext von Schule und Schulbildung gesprochen, wenn auf das Thema der Koedukation verwiesen werden soll (vgl. die Quellen in Kleinau/Mayer 1996, Kap. 4).

Diese Unschärfe der Begriffsverwendung ist aber kein Spezifikum der Frauenbewegung, sondern hängt mit der Komplexität des Gegenstandes und insbesondere auch der spezifischen Begriffsverwendung in der deutschen Tradition zusammen, denn andere Sprachen kennen die Unterscheidung von Erziehung und Bildung nicht. Wenngleich normativ, kann Erziehung doch nur in ihrer Prozesshaftigkeit gesehen werden und lässt sich nicht durch einfache und linear gedachte Handlungsvorgaben beschreiben. Die Unterscheidung zwischen einer eher familialen, im häuslichen Rahmen stattfindenden Einwirkung und einer auf Entfaltung des Potentials und der Vermittlung von Wissen gerichteten öffentlichen Erziehung und Bildung gilt im Übrigen bis heute – so heißt es ja in Art. 6 (2) des Grundgesetzes: »Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.«

Während also die Differenzierung zwischen Erziehung und Bildung im Kontext der ersten Frauenbewegung unscharf war, so fehlte der Begriff Sozialisation noch völlig.

Der Begriff und die Theorien der Sozialisation wurden vornehmlich in der Soziologie entwickelt (vgl. Durkheim 1902/1984) und kamen erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts über eine sozialwissenschaftlich und empirisch ausgerichtete Erziehungswissenschaft zum allgemeinen Bestand der Erziehungswissenschaft. Der Begriff gehörte nicht zum traditionellen Kanon der Allgemeinen Pädagogik. Sozialisationstheorien heben hervor, dass die Gesamtheit aller Lebensbedingungen auf das Individuum Einfluss nimmt. Eine grundlegende Frage ist – und das war auch eine Frage der Frauenbewegung und der feministischen Forschung – wie eigentlich aus äußeren Bedingungen Erfahrungen werden und aus den Erfahrungen möglicherweise relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale. Dies machte auch die anfängliche Attraktivität des Sozialisationsbegriffes für die feministische Auseinandersetzung aus, lieferte er doch Ansätze und Modelle dafür, wie – auch jenseits direkter erzieherischer Intentionen seitens der Eltern oder der Erziehenden – Vorgaben und Zuschreibungen für die Geschlechter auf den verschiedensten Ebenen gesellschaftlich transportiert und dann auch übernommen und reproduziert werden. Auch der mit den Sozialisationstheorien verbundene Rollenbegriff bot für die feministische Theorie und Forschung ein hohes Erklärungspotential für Produktion und Reproduktion, das heißt auch für die Übernahme von Erwartungen und Stereotypen. Die Auseinandersetzungen um das Sozialisationsparadigma insgesamt sind für die feministische Theorie und Forschung verknüpft mit den Auseinandersetzungen um die sogenannte »geschlechtsspezifische Sozialisation«.

In den siebziger Jahren, einem Höhepunkt der schicht- und geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung, herrschte eine Konzeption von Sozialisation vor, die das Individuum als von gesellschaftlichen Strukturen determiniert ansah. »In diesem Sinne gebrauchen wir also den allgemeinen Begriff der Sozialisation, der meint: gesellschaftlich werden (oder zu einem bestimmten gesellschaftlichen Wesen gemacht werden)«, so Carol Hagemann-White und Reinhart Wolff (ebd. 1975: 36). Diese Konzeption wurde abgelöst durch Modelle von Interaktionen zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. In diesen Interaktionsmodellen sah etwa Jürgen Habermas, der den Sozialisationsbegriff 1968 prominent in die deutsche sozialwissenschaftliche Diskussion eingeführt hatte (vgl. Habermas 1968), den Vorteil gegenüber der Psychoanalyse, da Interaktions- und Rollenmodelle erklären könnten, auf welche Weise die Persönlichkeit auf inneren Kommunikationsprozessen basiere (ebd.: 34; vgl. Baader 2020b). Sozialisation wurde in den frühen 1980er Jahren gekennzeichnet als »Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und dinglich-materiellen Umwelt« (Geulen/Hurrelmann 1980: 51). Einflussreich wurde das »Modell der produktiven Realitätsverarbeitung« (Hurrelmann 1986: 64). In den folgenden Jahren wurde dieser Ansatz verstärkt mit einer Vorstellung von Sozialisation als Aktivität des Subjektes verbunden, was mit einem Abrücken vom oben genannten deterministischen Verständnis einer passiven Einwirkung auf das Subjekt verbunden war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam dann der Begriff der »Selbstsozialisation« ins Spiel, der wesentlich auf Niklas Luhmanns Schrift »Das Erziehungssystem der Gesellschaft« (Luhmann 2002) zurückging. Auch erhielten in der Sozialisationsforschung die Peers eine wichtige Rolle als Sozialisationsinstanzen und Sozialisation wurde zudem als lebenslanger Prozess gedacht. Im Anschluss daran lässt sich Sozialisation definieren als »ein Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen auf persönlicher ebenso wie auf kollektiver Ebene entstehen« (Hurrelmann/Grundmann/Walper 2008: 25). In den letzten Jahren wendet sich die Sozialisationsforschung wieder verstärkt dem Gegenstand der sozialen Ungleichheit und der sozialen Teilhabe zu. »Die sozialwissenschaftliche und sozioökonomische Forschung weist darauf hin, wie unverändert wichtig der Prozess der gesellschaftlichen Restrukturierung von Ungleichheit über Sozialisationsprozesse ist« (Hurrelmann et al. 2015: 12).

In der zweiten Frauenbewegung, insbesondere in ihren Anfängen, wurde Sozialisation zu einem zentralen Topos. Das hatte sicherlich eine Ursache darin, dass diese sich mit einem breiteren, offeneren Blick der Analyse von Geschlechterdifferenzen zuwandte, aufgefasst als Unterschiede zwischen Männern und Frauen und vor allem als Unterschiede der Lebenslagen von Frauen und Männern. Stichworte waren hier etwa unterschiedlich verteilte Privilegien, Unterdrückung und Gewalt, eine Arbeitsteilung, die Frauen selbstverständlich die Verantwortung für Kindererziehung, -betreuung und -versorgung zuwies, verbunden mit dem Verzicht auf berufliche Qualifikation und Berufstätigkeit. »als ich heiratete, weil ich ein kind bekam, es aus wirtschaftlichen gründen nicht schaffte, unverheiratet zu bleiben, war es selbstverständlich, dass ich natürlich meine studien unterbrach, damit der mann zu ende studieren konnte« (Sander 1968: 53, Kleinschreibung im Original5). Mutterschaft und Kinderbetreuung bildeten einen Schwerpunkt der theoretischen und politischen Arbeit in den Anfängen der zweiten Frauenbewegung in der Bundesrepublik ( Kap. 4).

Der 1968 in Berlin gegründete »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« solidarisierte sich vor diesem Hintergrund mit den (zu dieser Zeit so genannten) Kindergärtnerinnen als Berufsgruppe und der Aktionsrat unterstützte den Streik der Kindergärtnerinnen unter anderem mit Flugblättern. »GEHEN WIR AM STREIKTAG ZUR KUNDGEBUNG DER KINDERGÄRTERINNEN. ÜBERLEGEN WIR UNS GEMEINSAM MIT IHNEN, WIE WIR EINE BESSERE ERZIEHUNG UNSERER KINDER ERMÖGLICHEN KÖNNEN. (…) Frauen gemeinsam sind stark« (Privatarchiv Helke Sander 1969: 68, Großschreibung im Original).

Weibliche Sozialisation. Die Anfänge der Diskussion und die Etablierung als theoretisches Thema

Geschlechtsspezifische Sozialisation wurde zunächst – wie Sozialisation innerhalb der Sozialisationsforschung insgesamt – vor allem als gezielte, prägende und einschränkende Beeinflussung von Mädchen in Richtung auf ein zu den Interessen der bürgerlichen Gesellschaft passendes Verhalten verstanden (vgl. Rendtorff 2019). Folglich dominierten in den 1970er Jahren Begriffe wie »weibliche« oder »geschlechtsspezifische« Sozialisation. Sie wurde aus zwei Perspektiven gedacht: Einmal ging es um die eigene Sozialisation, die selbst erfahrene Sozialisation der erwachsenen Frauen, und zum zweiten um die Sozialisation der Kinder, der zukünftigen Generation. Zunächst stand die weibliche Sozialisation im Mittelpunkt.

Dass und wie Sozialisation, Erziehung und Bildung als Normierungs- und Disziplinierungsprozesse die Geschlechterverhältnisse in ihren komplementären und hierarchischen Ausgestaltungen und Orientierungen erst herstellen und in den Individuen verankern, war bis dahin im deutschsprachigen Raum theoretisch wenig bearbeitet worden. Eine der wenigen Quellen, auf die zurückgegriffen werden konnte, bot Simone des Beauvoirs Schrift »Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau«, 1949 in Frankreich erschienen und zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt, mit dem populär gewordenen Schlüsselsatz »On ne naît pas femme: on le devient« – »man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es«.

Hier knüpfte eine der ersten und sehr populären Publikationen zur geschlechtsspezifischen Sozialisation bereits in der Überschrift an: »Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht. Zur frühkindlichen Erziehung in unserer Gesellschaft«. Dass sich dieses Buch von Ursula Scheu (1977) so stark verbreitete (1978 erreichte es bereits eine Auflage von 75000), lag nicht daran, dass es leicht lesbar gewesen wäre. Vielmehr las sich die Auseinandersetzung mit »bürgerlicher und marxistischer« Gesellschaftstheorie und marxistischer Persönlichkeitstheorie eher mühsam. Die Autorin analysierte zunächst die »geschlechtsspezifische Arbeitsteilung« als Herrschaftsinstrument. »Die totale Aufhebung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist eine der Hauptvoraussetzungen für die Befreiung der Frauen« (Scheu 1978: 20). Im zweiten Schritt folgte sie der kindlichen Entwicklung und trug Ergebnisse zur unterschiedlichen Behandlung von Mädchen und Jungen auf unterschiedlichen Gebieten (taktile und akustische Stimulierung, Sauberkeitserziehung, Spielzeug etc.) zusammen, die dann wiederum als Ursache der Geschlechterdifferenzen dingfest gemacht wurden.

Die Analyse der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, im Zuge derer die familialen Haus- und Sorgearbeiten den Frauen zugeordnet wurden, und die Analyse der frühkindlichen Sozialisation in ihrer Verbindung gaben Antworten auf die Fragen der Frauen in der Frauenbewegung, der Scheu als Autorin angehörte. Für sie hingen Praxis und Theorie eng zusammen: »Ich hoffe, dass sich aus diesem Buch Konsequenzen theoretischer und praktischer Art ergeben«, schrieb sie in ihrem Vorwort, »zwingende Schritte für Erzieher(innen) und Wissenschaftler(innen), die nicht länger die Augen verschließen können, vor den Verbrechen, die an Mädchen im Namen der ›Weiblichkeit‹ begangen werden« (ebd.: 11). Dies ist als ein doppelter Verweis zu lesen, als eine doppelte Aufforderung zur Weiterentwicklung pädagogischer Theorien und Erziehungsvorstellungen: Sowohl die Analyse der ausdrücklichen, intendierten Erziehungsmaßnahmen, die Mädchen und Jungen an vorgesehene Geschlechterrollen gewöhnen sollten, sei vonnöten, als auch die Analyse der Wirkmechanismen eher unbewusster, gewissermaßen »nebenbei« ins pädagogische Handeln eingebetteter geschlechtstypisierender Einflüsse.

Bereits zwei Jahre vorher, 1975, erschien (im Verlag Frauenoffensive, Kap. 10) eine Schrift von Elena Gianini Belotti mit dem Titel »Was geschieht mit kleinen Mädchen? Über die zwangsweise Herausbildung der weiblichen Rolle in den ersten Lebensjahren durch die Gesellschaft«. Auch diese Autorin zeichnete die kindliche Entwicklung vom Mutterleib bis in pädagogische Institutionen nach und prangerte die Zurichtung der Mädchen und die Feindseligkeit gegenüber Frauen an. Belotti verzichtete auf eine theoretische Gesellschaftsanalyse und diskutierte die Möglichkeit, dass Männer in Frauenberufen, genauer gesagt, im Kindergarten arbeiten könnten, durchaus positiv und verbunden mit einer negativen Kritik an den dort arbeitenden Frauen. Beides wurde im Nachwort vom Redaktionskollektiv des Verlags scharf als eine verkürzte Sichtweise der Probleme kritisiert. Anstatt sich »gegen dieses ganze System der patriarchalen Arbeitsteilung zu wehren«, wie es das Redaktionskollektiv forderte, hänge Belotti »im Fangnetz männlicher Definitionen« (ebd.: 171).

Gegen das Defizitmodell, das sie bei Belotti erkannten, setzten die Verlagsfrauen ein Konzept von weiblichem Selbstbewusstsein und von geschlechtlicher Differenz, »weil wir als Feministinnen nicht um Gleichheit mit den Männern kämpfen, sondern um unsere Existenz und Identität als Frauen« (ebd.: 166).

Einige Jahre später, 1984, bildete eine Schrift mit dem Titel »Sozialisation: weiblich-männlich?« von Carol Hagemann-White den Auftakt zu der sechzehnbändigen Reihe »Alltag und Biographie von Mädchen«, herausgegeben von der Sachverständigenkommission Sechster Jugendbericht, erschienen 1984–1988. Dieser Bericht hatte die »Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen« zum Thema, denn, so die Sachverständigenkommission, in der Literatur über Kinder- und Jugendfragen blieben Mädchen und ihre Situation unsichtbar: »Es wird praktisch nur von Jungen berichtet – Mädchen erscheinen subsumiert bzw. allenfalls als eine (defizitäre) Untergruppe des ›Normalfalls‹ der männlichen Jugendlichen« (ebd.: 5).

An diesen Beispielen lassen sich bereits die zentralen Problematiken erkennen, die für das Konzept von Sozialisation sowie für die Kritik an geschlechtstypisierenden Sozialisationseinflüssen zentral sind: der Aspekt der »Herrschaftskritik«, ausgehend von der Tatsache der Ungleichstellung von Frauen, ihrer mangelnden Sichtbarkeit und Wertschätzung – und der Aspekt der Beeinflussung und Prägung der Mädchen (Jungen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Gegenstand des Interesses geworden) durch Gewöhnung an ein nur schmales Segment von Entfaltungsmöglichkeiten. Dabei fällt der zweite Aspekt wesentlich in die Verantwortung von Erziehung und Pädagogik und ihren Institutionen. Auf diese richtete sich denn auch die Hoffnung der Protagonistinnen der Frauenbewegung.

Mädchen in der Geschlechterforschung

Die Reihe zu »Alltag und Biographie von Mädchen« kann als ein Meilenstein nicht nur in der Mädchenarbeit, sondern auch der Forschung über Mädchen, die sich ab Ende der siebziger Jahre entwickelte, angesehen werden. Mädchen wurden »aus dem permanenten Vergleich mit den Jungen entlassen« und als eigenständige Gruppe wahr- und ernstgenommen (Kelle 2004: 360, Kap. 5). In den folgenden zwanzig Jahren konzentrierte sich die Geschlechterforschung deutlicher auf die weibliche Geschlechtszugehörigkeit als auf die männliche, d. h. die Bildungsverläufe, Zukunftsentwürfe, Alltagspraktiken und Beziehungen von Mädchen wurden stärker als bei Jungen mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit verbunden. Weibliche Jugendliche schienen sich in besonderer Weise als Projektionsfläche für Bilder von modernen und emanzipierten wie auch von traditionellen Lebensentwürfen anzubieten. Auch für die Mädchenforschung lässt sich skizzieren, dass sich die Forschung von einer Benachteiligungs- und Defizitperspektive über eine Betonung und Aufwertung der Geschlechterdifferenz theoretisch zu (de)konstruktivistischen Ansätzen und methodisch zu rekonstruktiven und ethnographischen Zugängen hin entwickelte.

1992 fand an der Freien Universität Amsterdam die »First International Conference of Girls and Girlhoood: Transitions and Dilemmas«, »Alice in Wonderland« statt, die dazu gedacht war, die Mädchenforschung als eigenständiges akademisches Feld zu etablieren, den internationalen Forschungsstand zu diskutieren und zugleich die »Kategorie ›Mädchen‹ als historische, soziale und ideologische Konstruktion« zu problematisieren« (Breitenbach 1992: 123; Kelle 2004). (Über diese Tagung heute zu lesen, ist irritierend: thematisch wie theoretisch könnte es sich um eine aktuelle Tagung handeln und nicht um eine, die fast dreißig Jahre zurückliegt).

Ein zentrales Thema der Mädchenforschung war die weibliche Adoleszenz. Ein Zweig der Forschung sah in den Beziehungen von Mädchen zu anderen Mädchen und zu erwachsenen Frauen, also in weiblichen Beziehungszusammenhängen einen Schlüssel zum Verständnis der weiblichen Adoleszenz. Carol Gilligan und ihre Kolleginnen entwickelten auf der Basis langjähriger empirischer Arbeit – insbesondere einer Längsschnittstudie mit Schülerinnen zwischen 7 und 16 Jahren – eine Theorie weiblicher Adoleszenz (Brown/Gilligan 1994). Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht die zentrale Bedeutung von Beziehungen, und zwar insbesondere von Beziehungen zwischen Mädchen und Frauen, für die Identitätsentwicklung des Mädchens. Der Beginn der weiblichen Adoleszenz wird als eine tiefe Krise angesehen, in der das Mädchen sich selbst, die selbstbewusste »Stimme« ihrer Kindheit verliert, weil sie sich genötigt sieht, sich den gesellschaftlichen und sozialen Erwartungen an sie als (zukünftige) Frau anzupassen (vgl. auch Flaake/King (Hrsg.) 1992).

Erwachsenen Frauen, insbesondere Müttern, kommt in diesem Konzept weiblicher Adoleszenz eine zentrale Bedeutung zu: Erwachsene Frauen werden als Beispiel oder auch als Vorbilder betrachtet, die dem Mädchen eine bestimmte Art von Weiblichkeit vorleben und sie ihm gleichzeitig nahelegen. Für Mädchen wiederum steht nicht die Ablösung oder Trennung von der Mutter im Vordergrund, sondern es kommt für sie darauf an, die Beziehung neu auszuhandeln und auf eine Grundlage zu stellen, die beiden eine offene und streitbare Kommunikation und gegenseitige Anerkennung ermöglicht (vgl. Apter 1990). Aus der Sicht von adoleszenten Mädchen scheinen Bindung und Trennung keine Gegensätze zu sein, sondern sich auf vielfältige Weise verknüpfen zu lassen (vgl. Brown/Gilligan 1994; Stern 1992). Diese Ansätze hätten einen Impuls für die Jugendforschung bedeuten können, um das Konzept der »Entwicklungsaufgaben«, das sich auf Ablösung, Autonomie und heterosexuelle Beziehungen zentrierte, zu erweitern – der allerdings nicht in Literatur und Forschung aufgenommen wurde.

Die Erforschung der Beziehungen von Mädchen untereinander stellte ebenfalls eine Linie der Adoleszenzforschung dar, eine Perspektive, die jedoch nicht weiterverfolgt wurde und die gegenwärtig in der ohnedies raren Jugendforschung keine Rolle spielt. Auch wenn Mädchenbeziehungen hier als »Mädchenkultur« oder als »weiblicher Raum« gekennzeichnet wurden, ging es nicht um eine Aufwertung oder Stabilisierung der Geschlechterdifferenz, sondern um Konstruktionsprozesse von Geschlecht innerhalb und durch Beziehungen. Thema der Beiträge waren die Ausgestaltungen und Bedeutungen von Mädchengruppen für die Alltagspraxis und die Entwicklung von Mädchen. So lassen sich beispielsweise Mädchenfreundschaften als eine bedeutsame weibliche Beziehungspraxis beschreiben, als einen Erfahrungs- und Arbeitsraum, in dem vielfältige Fragen wie z. B. die angemessene Darstellung als Frau und die Inszenierung von Weiblichkeit, Konflikte mit Peers und den Eltern, Konzepte von Freundschaften und Liebesbeziehungen, erste sexuelle Erfahrungen begleitet und bearbeitet werden können (Bütow 2006; Breitenbach 1998, 2000; Fritzsche 2003).

Geschlechtstypische Sozialisation – theoretische Entwicklung

Carol Hagemann-White setzte in ihrem Buchtitel »Sozialisation: weiblich – männlich?« ein Fragezeichen hinter die Unterteilung in weibliche und männliche Sozialisation. Indem das Thema mehr und mehr zum wissenschaftlichen Gegenstand und Gegenstand von Forschung wurde und sich als empirisches Thema in einzelne Felder ausdifferenzierte, wurden die schlichte Entgegensetzung von weiblicher und männlicher Sozialisation sowie die polaren Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit auf mehreren Ebenen in Zweifel gezogen. Erstens wurde weiterhin versucht, die Theorien zu angeborenen Geschlechtsunterschieden zu entkräften (Hagemann-White 1984, Kapitel I). Zweitens blieb (und bleibt) die Suche nach empirisch belegbaren Geschlechterdifferenzen schwierig (Hagemann-White 1984, Kapitel I.2; vgl. auch Connell 2013; Fine 2012). Drittens schließlich wurde deutlich, dass sich Sozialisationsprozesse in ihrer Komplexität nicht in einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge einpassen oder mit Reiz-Reaktions-Mustern erklären und verändern lassen. Das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit selbst rückte nun in den Blick und »Sozialisation« erschien zunehmend als ein Modus für dessen Herstellung. Auch bezieht Hagemann-White hier bereits die Unterschiede zwischen Frauen/Mädchen entsprechend ihrer sozialen Lage mit ein:

»Die Zweigeschlechtlichkeit ist in jeder Gesellschaft ein symbolisches System, das mit den ökonomischen und sozialen Verhältnissen zutiefst verwoben, aber keineswegs identisch ist. Die Macht dieses Systems führt dazu […] dass weniger privilegierte Mädchen sich stärker an normativen Geschlechterbestimmungen orientieren, daher aber auch als ›rückständig‹ oder emanzipationsfeindlich denunziert werden können« (Hagemann-White 1984: 77).

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden die verhaltenstheoretischen Paradigmen von tiefenpsychologischen und kognitivistischen, später von (im weitesten Sinne) konstruktivistischen und biographischen Ansätzen abgelöst. »Aus den Opfern des Patriarchats der 70er Jahre, den Seelensucherinnen der frühen und Architektinnen einer positiven weiblichen Kultur der späten 80er Jahre werden die Frauen jetzt zu durchaus unterschiedlichen Konstrukteurinnen und Managerinnen ihrer je eigenen Biographie« (Breitenbach/Hagemann-White 1994: 258). Diese Paradigmenwechsel waren zwar kein Spezifikum der Geschlechterforschung allein, sondern vollzogen sich in vielen Bereichen der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung wie auch der Sozialisationsforschung insgesamt – doch sie kamen den Interessen und der Entwicklungsdynamik innerhalb der Geschlechterforschung entgegen. Sie verbanden sich mit deren Theoretisierungsbemühungen und ihrem Interesse an einer breiteren Perspektive sowie der Einbeziehung unterschiedlicher Einflussebenen in die Analyse von vergeschlechtlichenden Sozialisationsprozessen. Im Folgenden betrachten wir diese komplexen und widersprüchlichen Prozesse genauer.

In der Frauenbewegung (und in der Geschlechterforschung) verminderte sich der Optimismus der frühen Jahre, dass etwas zu verstehen (hier: die eigene Sozialisation) gleichbedeutend damit sei, es unmittelbar verändern zu können (hier: die eigene Identität und das eigene gelebte Leben). In den 1980er Jahren wandte sich deshalb der Blick stärker nach innen, auf das Subjekt selbst. Zwar setzt sich Sozialisationstheorie als Theorie der Vergesellschaftung des Subjekts immer mit den Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft auseinander – doch hatten die Ansätze der frühen siebziger Jahre dazu tendiert, die Bedeutung der gesellschaftlichen Verhältnisse hervorzuheben, so wechselte die Perspektive in den 1980ern stärker zum Individuum. Das Individuum erhielt theoretisch mehr Spielraum und mehr Verantwortung für sich und das eigene Leben, eine Tendenz, die sich bis in die Gegenwart noch verstärkt hat (vgl. z. B. Schmidt 2017, Kapitel 5) und in der kritischen Gesellschaftsanalyse seit der Jahrtausendwende breit unter den Begriffen des »unternehmerischen Selbst« als Subjektivierungsform (vgl. Bröckling 2007) oder auch der Selbstoptimierung diskutiert wird. Gleichzeitig öffnete sich damit der Blick für die biographisch erworbenen Zwänge und Verstrickungen, die sich nicht durch Vernunft und Einsicht allein auflösen ließen. Diese Perspektive war teilweise etwas anklagend oder resigniert, wie es z. B. in Studien über misshandelte Frauen zum Ausdruck kam (vgl. Brückner 1983, 1987). Sie war aber zugleich auch durch einen neuen Optimismus geprägt, indem sich die Frauenbewegung der Psychotherapie zuwandte und sich feministische Therapieansätze entwickelten, durchaus weiterhin mit gesellschaftskritischem Anspruch (vgl. Bilden 1992; Eichenbaum/Orbach 1984). Auch darin drückte sich eine Tendenz aus, die die 1970er und 1980er Jahre jenseits der feministischen Debatten prägten und die als »Therapeutisierung« des Selbst (vgl. Maasen et al. 2011) beschrieben wurden. Geschlechtsspezifische Sozialisation wurde jetzt als etwas angesehen, das Frauen bis in die tiefen Schichten ihrer Persönlichkeit und/oder bis in ihr Unbewusstes hinein geformt hat. Die therapeutischen Ansätze enthielten das Versprechen, Frauen individuell von den Lasten ihrer Vergangenheit, insbesondere ihrer Kindheit und Jugend und damit in der Folge von den Fesseln ihrer Gegenwart zu befreien. Sie waren aber auch verbunden mit dem Anspruch, die psychische Situation von Frauen insgesamt zu begreifen und ein neues Bild von Frauen zu kreieren. Das Verständnis der weiblichen Psyche wurde jetzt zum Schlüssel für das Verständnis des weiblichen Lebenszusammenhangs. »Die Frauenbewegung hat heute eine Entwicklungsstufe erreicht, auf der man anfangen kann, eine radikal neue Theorie der weiblichen Psyche zu formulieren, die auf feministischen Grundsätzen beruht« (Eichenbaum/Orbach 1984: 10).

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Prozessen, durch die Menschen zu Mädchen und Frauen (und Jungen und Männern) werden, kam die Mutter-Kind-Beziehung und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung als oft erste zentrale und einflussreiche Beziehung im menschlichen Leben in den Blick. Die Mutter-Tochter-Beziehung ( Kap. 4) war Gegenstand populärwissenschaftlicher Entwürfe (Franck 1987; Friday 1979), therapeutischer Konzepte (Eichenbaum/Orbach 1984) und theoretischer und empirischer Studien. In Deutschland einflussreich waren die Arbeiten von Nancy Chodorow (1985) und Carol Gilligan (1984), ebenfalls, wenn auch etwas weniger bekannt, von Dorothy Dinnerstein (1979).

Chodorow ging in ihrer psychoanalytischen und soziologischen Analyse von einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung aus, die in der Regel Frauen die Aufgabe der Versorgung und Erziehung der Kinder zuweist, das von ihr so genannte »Muttern«. Mädchen würden ihre Identität demnach in Ähnlichkeit und in Verbindung zu ihrer Bezugsperson ausbilden, Jungen in Differenz zu ihr. Das Geschlecht würde für Jungen ein Instrument der Abgrenzung, für Mädchen ein Instrument der Verbundenheit. »Das grundlegende weibliche Selbstgefühl ist Weltverbundenheit, das grundlegende männliche Selbstgefühl ist Separatheit« (Chodorow 1985: 220). Diese Sichtweise tendiert erkennbar zu dichotomisierenden und essentialisierenden Vorstellungen von männlich und weiblich und wurde deshalb entsprechend kontrovers diskutiert (vgl. z. B. Großmaß 1989).

Wie bereits ausgeführt, betonte Gilligan auch in ihren Arbeiten zur Moral (Gilligan 1984) und in ihren Arbeiten über Mädchen in Kindheit und Adoleszenz (Brown/Gilligan 1994) das »Leben in Beziehungen« und die Bedeutung der Fürsorge, wobei auch für sie die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern von entscheidender Bedeutung sind – sie sieht jedoch erheblich deutlicher den Einfluss der Sozialisation auf diese Orientierung von Mädchen und Frauen.

Mit dieser neuen Betonung einer essentiellen Verschiedenheit ging eine Aufwertung der »Geschlechterdifferenz«, von Unterschiedlichkeit und (vermeintlichen) Besonderheiten von Frauen und Männern einher. Beziehungsfähigkeit und Fähigkeit zur Fürsorge beispielsweise, weibliche Fähigkeiten und weibliche Arbeitsfelder wurden jetzt expliziter in ihrer sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung erkannt und ihre gesellschaftliche Anerkennung gefordert. Dies ist allerdings auch hoch ambivalent – denn mit der Aufwertung wurde die Verortung dieser Qualitäten bei den Frauen gewissermaßen bestätigt und ihre Bindung an sie verstärkt. Bis heute finden sich in pädagogischen Kontexten Spuren dieser Aufteilung – etwa, wenn mit großer Selbstverständlichkeit Frauen mehr Empathie attestiert wird als Männern, Männern jedoch ein höheres Maß an agency (Ebert/Steffens 2013) – obgleich sich in sozialpsychologischen Studien zeigen lässt, dass Frauen keine größere Empathiefähigkeit haben, sich jedoch mehr anstrengen, wenn sie daran erinnert werden, dass dies von ihnen erwartet wird (Fine 2012: 60). Diese Vorstellungen schlagen sich nicht zuletzt in Arbeitsteilungen in pädagogischen Einrichtungen nieder (mehr Männer in Leitungsfunktionen; Männer spielen mit den Jungen draußen, Frauen malen mit den Mädchen drinnen usw.). Die theoriebasierte Erkenntnis, dass Sozialisationsprozesse umfassend, auf vielfältige und meist unbemerkte Weise solche Arten von ›beliefs‹ erzeugen, ist sicherlich richtig – doch kann sie (auch begünstigt durch Texte wie den von Chodorow) gelegentlich auch leicht kippen in einen biologisierenden Gestus.

Und dennoch: Es muss als ein großes Verdienst der frühen Frauenbewegung und -forschung gesehen werden, dass sie diese Widersprüchlichkeit in die Diskussion getragen und mit vielen empirischen und theoretischen Impulsen unterfüttert hat. Hier hätte allerdings der Mainstream der sozialwissenschaftlichen Fächer deutlich stärker reagieren und sich selbst des Themas annehmen müssen – dieses Versäumnis hat nicht zuletzt dazu beigetragen, dass der Glaube an angeborene Geschlechterunterschiede noch immer sehr weit verbreitet ist (und von populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen nach wie vor gestützt wird).

Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts geriet das Sozialisationsparadigma insgesamt in die Kritik, dies gilt etwa für die Neuere Kindheitsforschung ( Kap. 12) und betrifft auch den Ansatz der geschlechtsspezifischen Sozialisation. Der Sozialisationsbegriff und das weibliche Subjekt lösten sich sozusagen im »doing gender« als situierte Praxis auf. »Dem Sozialisationskonzept sind grundlegende Annahmen nicht wirklich auszutreiben, die ich nicht mehr teilen kann«, schrieb Helga Bilden (1991/1998: 279) im »Neuen Handbuch Sozialisationsforschung«, in dessen erster Fassung sie bereits zehn Jahre früher einen Beitrag zur geschlechtsspezifischen Sozialisation veröffentlicht hatte, und sie kritisierte unter anderem »das Konzept der stabilen Persönlichkeit bzw. des (hoffentlich) mit sich identischen Individuums, das durch Sozialisation entstünde«. Dementsprechend verwarf sie die Frage nach verallgemeinerbaren Geschlechterdifferenzen, sowohl hinsichtlich der Sozialisationsbedingungen als auch hinsichtlich der weiblichen und männlichen Subjekte selbst – auch Geschlecht wurde von etwas, das jemand »ist« oder »hat«, zu etwas, das jemand in bestimmten Situationen »tut« (Gildemeister/Wetterer 1992: 212) – womit der Blick von den prägenden Einflüssen gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse weg und stärker auf die einzelnen Individuen und ihr Handeln in konkreten Situationen gelenkt wurde. Zwar sei die Suche nach verallgemeinerbaren Geschlechterdifferenzen, die durch geschlechtsspezifische Sozialisation entstünden, für die Frauenbewegung eine wichtige Frage für die Selbstvergewisserung gewesen, heißt es bei Bilden, inzwischen analysiere die feministische Forschung aber vielfältige Geschlechter- und Lebensverhältnisse. Bilden schlug stattdessen eine sozialkonstruktivistische Sichtweise vor. »Zentral ist die Annahme, dass wir unsere Wirklichkeit andauernd in sozialen Praktiken produzieren« (Bilden 1991/1998: 280, kursiv i. O.).

Auch der mit der frühen Sozialisationsforschung eng verbundene Rollenbegriff wurde in der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung in den letzten Jahrzehnten zugunsten von Perspektiven, die sich an der Bedeutung von Praktiken, an Situierungen, Wissen, Sprache und Performativität orientieren, zunehmend infrage gestellt. Kritisiert wird, dass er die Möglichkeit des Ablegens von Rollen suggeriere und nach wie vor einer strikten Unterscheidung von sex und gender folge. In der eher psychologisch orientierten Sozialisationsforschung ist der Rollenbegriff hingegen stark präsent (vgl. Kahlert 2013). Dort geht er auch einher mit einem weiteren Festhalten an stabilen Persönlichkeitsmerkmalen.

2015 betonte Andrea Maihofer wiederum im neuen Handbuch Sozialisationsforschung unter der vorsichtigeren Überschrift »Sozialisation und Geschlecht« die gesellschaftlichen Zumutungen an Frauen und Männer, sich geschlechtlich eindeutig zu positionieren.

»Geschlechtsidentität wird dabei als ein Disziplinierungs- und Normalisierungsprozess deutlich, in dem ein Individuum einen kompliziert ineinander verschränkten Vereindeutigungs-, Vereinheitlichungs- und Vereigenschaftlichungsprozess in und mit sich vollziehen und immer wieder aufs Neue reproduzieren muss oder jedenfalls müsste, will es geschlechtlich (an)erkennbar sein« (Maihofer 2015: 652).

Es wird hier also eine hochkomplexe Verbindung deutlich, in der explizite Erziehungsbemühungen, individuelle Sozialisationserfahrungen im gesellschaftlichen Umfeld und mit Gleichaltrigen sowie in pädagogischen Institutionen zusammenwirken und allesamt durch das deutliche Bestreben der Gesellschaft unterfüttert werden, Mädchen und Frauen nach wie vor auf beziehungsorientiertes Verhalten und auf Sorgetätigkeiten zu verpflichten. Gerade für diesen letzten Aspekt ist die Aufrechterhaltung von Zweigeschlechtlichkeit als Ordnungssystem durchaus von gesellschaftlichem Interesse. Was in der feministischen Bewegung unter den Stichworten »Heteronormativität« oder »Zwangsheterosexualität« auf einer politischen Ebene diskutiert wurde (und wird), zeigt sich hier in aller Brisanz in seiner pädagogischen Dimension – und ist doch im Feld der Erziehungswissenschaft noch weitgehend unbearbeitet geblieben.

Männliche Sozialisation

Schon bevor die männliche Sozialisation explizit zum Thema wurde, wurde die weibliche Sozialisation in ihren Unterschieden und Ähnlichkeiten zur männlichen Sozialisation betrachtet. Selbst da, wo Frauen ausschließlich Frauen und Weiblichkeit berücksichtigen wollten, folgten ihnen die Fragen um Männer und Männlichkeit wie ein Schatten, und sei es nur in der Figur der Abgrenzung. Das war aus zwei Gründen folgerichtig: Erstens bilden männlich-weiblich bzw. Weiblichkeit-Männlichkeit ohnehin ein relationales Begriffspaar, dessen Terme aufeinander verweisen und die deshalb nur gemeinsam auftreten können – die Frage, in welcher Weise diese Relationalität zu denken ist, hat die Philosophiegeschichte seit ihren Anfängen beschäftigt, sie gehört zum Kernbestand jeder Religion und aller Gesellschaftskonzepte und ist seit Jahrtausenden Gegenstand von Auseinandersetzungen. Zweitens aber dominierte in der Frauenbewegung als Ausgangspunkt der Analyse und Einsatzpunkt politischer Interventionen die Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern. Die Sozialisationsdebatte fragte nach den Prozessen, die Benachteiligung individuell und gesellschaftlich entstehen ließen und fortschrieben – und dies führte in ihren Anfängen dazu, Jungen (und Männer) als Bevorteilte zu sehen und deshalb die Problematik in der Erziehung kleiner Jungen zu unterschätzen und zu vernachlässigen.

Die Problematik, bei der Beschäftigung mit der weiblichen Sozialisation die männliche sozusagen immer mitschleppen zu müssen (ohne sie jedoch prominent zu setzen), zeigte sich in zwei Ebenen der Diskussion. Eine Ebene bestand darin, die weibliche Sozialisation, wie schon ausgeführt, als benachteiligend und einschränkend zu beschreiben. Mehr oder weniger explizit verwandelte sich Weiblichkeit in eine Beschreibung von Defiziten und wurden Mädchen und Frauen in der Folge als defizitär charakterisiert – gemessen an einem Stereotyp von Männlichkeit. Entsprechend wurde der Beweis der Gleichbefähigung im Vergleich zu Jungen (und Männern) handlungsleitend. Sehr prägnant und konkret wird dies veranschaulicht in einem Lied des seinerzeit sehr bekannten Grips Theaters in Berlin von 1978. Dort heißt es: »Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind, der spinnt, der spinnt, der spinnt. Mädchen sind genau so schlau wie Jungen, Mädchen sind genau so frech und schnell. Mädchen haben soviel Mut wie Jungen, Mädchen haben auch ein dickes Fell.«

Die zweite Ebene der Diskussion bestand darin, dass überall (nicht nur in der Frauenbewegung) die Beschäftigung mit Geschlecht und geschlechtsspezifischer Sozialisation quasi automatisch die Beschäftigung mit Frauen meinte, und damit die Frauen zum Problemfall erklärt wurden, zur Abweichung vom männlichen und damit vom menschlichen Allgemeinen, »wie überhaupt das Wort ›geschlechtsspezifisch‹ anzeigt, dass Frauenprobleme zur Sprache kommen sollen« (Hagemann-White/Wolff 1975: 199). »Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben. Das ist ein Reizthema, besonders für Frauen, und es ist nicht neu« (Beauvoir 1949/2000: 9). So begann Simone de Beauvoir ihr Buch über »Sitte und Sexus der Frau« und illustrierte damit die Schwierigkeit, mit der Beschäftigung mit den Lebenslagen von Frauen fast zwangsläufig nicht die Geschlechterverhältnisse, sondern die Frauen zu problematisieren.

Doch wurden durchaus, wenn auch weitaus weniger intensiv und überwiegend im Konzept der geschlechtsspezifischen Sozialisation, die Probleme typisch männlicher Sozialisation (und typischer Männer) analysiert – spätestens mit dem Band »Männer« von Helga Dierichs und Margarete Mitscherlich (1980). So sprachen Uta Enders-Dragässer und Claudia Fuchs (1988) vom »Überlegenheitsimperativ«, dem Jungen ausgeliefert seien, und Ilse Brehmer formulierte im Hinblick auf Schule: »Obwohl es unser/mein vordringliches Ziel ist, Frauen zu stärken, so müssen wir gleichzeitig dringend fordern, dass männliche Sozialisation in ihrer jetzigen Form und in ihren Folgen aus ihrem defizitären Zustand herausgeführt wird« (Brehmer 1984: 567f.). Die mit dem Ausdruck »Überlegenheitsimperativ« sehr treffend beschriebene Erwartung an Jungen, besser zu sein als andere, verweist dabei nicht einmal in erster Linie auf ein Problem zwischen den Geschlechtern (denn dass Jungen Mädchen überlegen seien, schien ja ohnehin klar), sondern beschreibt ein grundlegendes Muster männlicher Sozialisation (vgl. Forster/Rendtorff/Mahs 2011). Es thematisiert den Modus von Rivalität zwischen Jungen bzw. zwischen Männern, den Bourdieu später als »ernste Spiele des Wettbewerbs« bezeichnet hat (vgl. Meuser 2008) und der sich in Raewyn Connells Konzept der »hegemonialen Männlichkeit« (1999) wiederfindet.

Im Kontext der neu entstehenden Männlichkeitsforschung nahmen sich dann einige Autoren explizit der Schwierigkeiten und Defizite männlicher Sozialisation an und beschrieben sie aus einer anderen Perspektive als Benachteiligung von Jungen. Ähnlich große Verbreitung wie die ersten Schriften zur weiblichen Sozialisation erreichte beispielsweise das Buch »Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit« von Dieter Schnack und Rainer Neutzling, welches, erschienen 1990, 1992 bereits eine Auflage von 82.000 erreicht hatte. Wenig später folgten »Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf« von Lothar Böhnisch und Reinhard Winter (1993). Böhnisch/Winter schlossen auch an feministische Theorien an und sahen den Kern der männlichen Sozialisation in der Problematik, dass Männlichkeit in erster Linie über Nicht-Weiblichkeit definiert sei (vgl. ebd.). Dieser Gedanke findet sich einige Jahre später auch zentral bei Bourdieu, der in seinem Buch »Die männliche Herrschaft« darauf verweist, dass die männliche Sozialisation in erster Linie in der Arbeit an der »Entweiblichung« bestehe (Bourdieu 2012).

Für die Pädagogik erörterte die Publikation »Junge, Junge – Mann, o Mann« von Tim Rohrmann (Rohrmann 1994) die »Entwicklung zur Männlichkeit« breit. Nahmen diese Schriften noch Bezug auf feministische Forschung (wenn auch bei Schnack/Neutzling eher in negativer Abgrenzung), so verlor sich dieser Bezug in der bis heute andauernden Debatte über Benachteiligung von Jungen in der Familie und in pädagogischen Institutionen.

Es ist allerdings doch irritierend zu sehen, dass die »Jungen-Debatte« erst nach der Jahrtausendwende mit der ersten PISA-Studie Schwung aufnahm – dann aber vom Mainstream der Erziehungswissenschaft und der Bildungsforschung in dramatisierendem Gestus aufgegriffen wurde. Hier ging es angesichts des schwächer werdenden leistungsmäßigen Vorsprungs um messbare Nachteile (recht eigentlich um das Nachlassen gewöhnlich gewesener Vorteile) von Jungen, bezogen auf Output und schulische Leistung. Doch war diese selektive Aufmerksamkeit für die Sache der Jungen nur begrenzt hilfreich, denn dieser Befund führte gerade nicht zu einer erziehungswissenschaftlichen Reflexion der Bedingungen des Aufwachsens von Jungen, sondern verblieb ganz überwiegend auf der Ebene von Schuldzuweisungen (an weibliche Lehrkräfte oder schulische Strukturen), die unter dem Schlagwort von der »Feminisierung der Erziehung« geführt und von pragmatischen Vorschlägen für pädagogische Einrichtungen begleitet wurden (vgl. Hurrelmann/Schulz 2012).

Im Mittelpunkt des aktuellen Diskurses um Jungen und pädagogische Institutionen steht die Vorstellung, dass Jungen erwachsene Männer brauchen, als Väter und (teilweise als Vaterersatz) als männliche Pädagogen. Diese Position wird auch in der Sozialisationsforschung vertreten, etwa von dem Sozialisationsforscher Klaus Hurrelmann (ebd.). Einen Schwerpunkt bildet derzeit die Wachstumsbranche Kinderbetreuung. In Verbindung mit der Diagnose, dass männliche Pädagogen in Kita und Grundschule fehlen, entwickelte sich eine populäre, politisch (mit vielen Fördermitteln) und pädagogisch gestützte Bewegung für männliche Fachkräfte in Kitas (vgl. BMFSFJ 2015). Die entsprechenden theoretischen Ansätze argumentieren im Grunde ähnlich wie die frühen Sozialisationstheoretikerinnen der zweiten Frauenbewegung: ihr Ausgangspunkt ist die gesellschaftliche Zuständigkeit der Frauen für die Betreuung und Erziehung von Kindern, gerade in der frühen Kindheit.

Die Analyse dieses Befundes sieht dann jedoch anders aus. Die Zuständigkeit von Frauen wird oftmals zur »Dominanz« von Frauen in der weiblichen und männlichen Kindheit (Rohrmann 2011: 109), und es entsteht ein Bild dominanter Frauen, die Jungen in einer Weise erziehen (und unterdrücken), dass sie keine männliche Identität entwickeln können. Die Entwicklung einer männlichen Geschlechtsidentität, ausgerichtet am männlichen Vorbild, soll nun die Aufgabe der männlichen Pädagogen sein. Es tun sich hier mehrere Probleme auf: Zum einen kann es als eine Zumutung angesehen werden, von (jungen) Männern, die in ein Berufsfeld einmünden, zu verlangen, sie mögen ihr gesamtes Geschlecht repräsentieren. Zweitens bleibt weitgehend unklar, worin denn diese »Männlichkeit«, die Jungen präsentiert werden soll, besteht und was sie kennzeichnet – und nicht zuletzt verbirgt sich schon in dem Grundansatz selbst ein problematisches, sogar sexistisches Moment, sofern die Repräsentation dieses Männlichen an das Körpergeschlecht gebunden wird und damit letztlich auch qualitative Verhaltensaspekte aus dem Körpergeschlecht abgeleitet werden. Die Erkenntnis der 1980er Jahre, dass Geschlechtsidentität im Sozialisationsprozess produktiv-realitätsverarbeitend entsteht, scheint somit vergessen, zumindest aber deutlich umgewichtet zu sein.

Ein offenkundiger Widerspruch zeigt sich darin, dass einerseits in frühpädagogischen Konzepten weitgehende Übereinstimmung darin besteht, Kinder nicht in geschlechtstypischer Weise erziehen und damit einschränken zu wollen, andererseits eine zentrale Forderung darin besteht, Mädchen und Jungen bei der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität als Mädchen oder Junge zu begleiten und zu fördern – was leicht darauf hinauslaufen kann, ihre vermeintliche »Besonderheit« fixierend zu verstärken, statt sie zu verbreitern.

Die Anforderungen an die pädagogische Arbeit, wie sie sich derzeit darstellen, lassen sich also in etwa so verdichten: Die Geschlechterdifferenzen sollen keine einschränkende soziale und gesellschaftliche Bedeutung entfalten, sie sollen diese Bedeutung jedoch in der persönlichen Identität des Subjekts erhalten. Beides soll sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen gelten. Auslegungsfähig ist also jeweils, worin die »Differenz« überhaupt bestehen könnte und wie sie ihre »Bedeutung« erlangt.

Eine mögliche theoretische Antwort bietet die Hinwendung zu irgendeiner Art von essentialistischer Geschlechtertheorie, sei sie nun biologisch, sozialisationstheoretisch, psychologisch, evolutionstheoretisch oder philosophisch-spirituell begründet. Dann wären für erstere Anforderung – die Geschlechterdifferenzen sollen nicht bedeutsam sein – Kultur, Sozialisation und Erziehung zuständig, für die zweite – die Geschlechterdifferenzen sollen in der persönlichen Identität bedeutsam werden – die Natur bzw. ein essentieller Kern des Selbst.

Einen pädagogischen Ausweg aus den widersprüchlichen Anforderungen scheint die Figur des Vorbildes zu bieten bzw. das Lernen am Modell: Jungen sollen sich am männlichen Erzieher orientieren, der sowohl die robusten als auch die verletzlich-sanftmütigen Anteile von Männlichkeit verkörpern und darstellen soll, Mädchen orientierten sich wie gehabt an den Erzieherinnen als Frauen, die entsprechend moderne Weiblichkeit und Mütterlichkeit verkörpern und darstellen sollen. »Role model«, heißt das dann, auch hier wird der oben kritisch thematisierte Rollenbegriff verwendet und zeigt verblüffende Ähnlichkeiten zur traditionellen geschlechtstypischen Erziehung – allerdings auch hier verbunden mit einer (Selbst-)Überschätzung der pädagogischen Fachkräfte. Statt auch die Unterstützung der Kinder bei der Herausbildung von Geschlechtsidentität als Bestandteil professionellen Handelns zu begreifen, sind die einzelnen Fachkräfte aufgefordert, sich als Personen einzubringen, aus sich selbst heraus in »Selbstreflexion« ihre Verstrickung in Geschlechterstereotype zu erkennen, zu überwinden und ein davon befreites role-model zu verkörpern – ohne dass sie dabei auf tragfähige Unterstützung aus ihrer pädagogischen Fachliteratur rechnen können. Das muss notgedrungen dazu führen, dass sich die Einzelnen an das halten, was sie persönlich für richtig erachten und als »normal« in ihrer eigenen Sozialisationsgeschichte kennengelernt haben. Damit schließt sich der Kreis: Die Forderungen und Ansätze der Frauenbewegung an die professionelle Pädagogik, die Entstehung geschlechterstereotypen Denkens zu analysieren und alternative Erziehungskonzepte zu erarbeiten, scheint vergessen und durch die Hintertür der rosa und blauen Geschlechtsidentität kehren die traditionelle Geschlechtererziehung und die hegemoniale Männlichkeit zurück in den (sich doch als fortschrittlich verstehenden) Raum der Pädagogik (Breitenbach/Bürmann 2014; Breitenbach et al 2015).

In den entsprechenden Ansätzen wird auch die in der feministischen Forschung breit diskutierte Problematik der Reifizierung von Stereotypisierungen durch die Forschung nicht reflektiert, sondern reproduziert, so dass sich auch hier Verengungen und Simplifizierungen zeigen. Ironischerweise reproduziert diese verengte Form der Männlichkeitsforschung, die auch die Impulse einer gesellschaftskritischen Männlichkeitsforschung nicht aufnimmt, teilweise die vereinfachenden Positionen der frühen feministischen Sozialisationsforschung, wenn mit Schlagworten wie »unterdrückte Jungs«, »weibliche Herrschaft« oder notwendige »Jungenoffensive« operiert wird.

Diese Tendenz kann jedoch, ihren Vertretern durchaus unbewusst, politisch brisant sein, denn zu gleicher Zeit gibt es aktuell im Kontext der Neuen Rechten und populistischer Strömungen eine Debatte, die ihren Fokus auf Kinder und den vorschulischen Bereich legt und jede Kritik an Geschlechterstereotypen und jegliche geschlechterreflektierte Pädagogik grundsätzlich als »Umerziehung«, »Gewalt an Kindern« und Eingriff in die »Elternrechte« – bevorzugt unter dem Stichwort »Frühsexualisierung« – verunglimpft und mit einem höchst aggressiven Antifeminismus verbindet (vgl. Baader 2020a).

Zugleich fällt auf, dass die Impulse, die am Anfang der feministischen Sozialisationsforschung standen, nämlich insbesondere nach der geschlechterdifferierenden Erziehung in der frühen Kindheit zu fragen, kaum fortgeführt wurden, denn in den letzten Jahren wurden nur sehr wenige Arbeiten zu »Geschlecht« im Bereich der frühen Kindheit vorgelegt (z. B. Brandes et al. 2016; Kubandt 2016). Insgesamt kann festgehalten werden, dass gerade die gesellschaftskritische Dimension, der kritisch-analytische Blick auf die von Machtverhältnissen und Ideologien geprägten Bedingungen des Aufwachsens von Kindern, die feministischer Forschung immer eigen waren, hinter extrem vereinfachenden Fragen »Wer ist mehr benachteiligt?« und »Wer ist schuld daran«? weitestgehend verschwunden ist.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
493 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783170363243
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar