Kitabı oku: «Der blaue Vorhang»

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Barbara Sichtermann · Ingo Rose

Der blaue Vorhang

Isadora Duncan. Ihr Leben, ihr Tanz

Romanbiografie


Erste Auflage 2021

© Osburg Verlag Hamburg 2021

www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-95510-260-9 eISBN 978-3-95510-266-1

Inhalt

IDie Eroberung des großen Publikums

IIDie Quellen der Kunst

IIIDie Schule und die Begegnung mit Craig

IVAuf Tournee und die Begegnung mit Singer

VEin Eheversuch und ein furchtbarer Unfall

VIDer Krieg und die Marseillaise

VIIRussland und die Begegnung mit Jessenin

VIIIDie Botschafterin der Revolution

IXDie letzten Jahre

Epilog

Editorische Notiz

Literatur

Abbildungsnachweis

I
Die Eroberung des großen Publikums

Die Pariser Weltausstellung im Sommer 1900 bot viele grandiose Neuheiten, von denen etliche im zwanzigsten Jahrhundert ganz selbstverständlich zum Alltag gehören würden, darunter die Rolltreppe, der Dieselmotor und die Untergrundbahn. Mit der großen Industrie- und Kulturenschau sollte zum Höhepunkt der Belle Époque eine Bilanz des Jahrhunderts gezogen werden. Auf einem Fahrsteig aus Holz konnten die Besucher das gesamte Ausstellungsgelände umrunden, ein typisches Schweizer Dorf war aufgebaut worden und auch eine kambodschanische Grotte, chinesische Pagoden und tunesische Bazare. Eine komplett neue Brücke über die Seine wurde eingeweiht. Und ein Riesenrad mit hundert Metern Durchmesser stand auch noch da.

Auf dem Marsfeld und der Place du Trocadéro, im Bois de Vincennes und auf der Esplanade des Invalides waren nicht nur technische, sondern auch künstlerische Sensationen zu bewundern. Die Brüder Lumière führten die ersten bewegten Bilder vor, der Bildhauer Auguste Rodin hatte seinen eigenen Pavillon, in dem erstmals fast alle seine Werke gezeigt wurden, und eine amerikanische Performerin namens Loïe Fuller faszinierte durch eigenartige »Lichttänze«. Es gab nun noch eine Persönlichkeit, die als Verwandlerin, Neuerin, ja Revolutionärin einer erstarrten Kunstform auftreten sollte – sie war auf der Weltausstellung allerdings nur im Publikum anwesend. Die 23-jährige junge Frau stammte aus Kalifornien, sie war über London nach Paris gereist, um die Welt kennenzulernen. Und die Kunstform, die sie ganz und gar neu erfinden und bekannt machen sollte, war der Tanz. Sie hieß Isadora Duncan.

Zeitgleich mit der Weltausstellung und in ihrem Rahmen fanden die Olympischen Spiele statt. Es waren die zweiten der Neuzeit. Allerdings nahm niemand sie gebührend zur Kenntnis, ja, sie sind im Trubel der Exposition Universelle regelrecht untergegangen. Nicht einmal Isadora Duncan, die es während der Sommermonate fast täglich zum Areal der Ausstellung zog, nahm von den Sportereignissen Notiz. Das verwunderte ihren Begleiter Charles Edward Hallé, einen englischen Maler, den Isadora von London her kannte und der zur Weltausstellung nach Paris gereist war. Er traf seine Freundin im Pavillon Rodin und küsste ihr erfreut die Hände.

»Ich habe Sie im Sportstadion vermutet«, sagte er. »Aber wie ich sehe, ziehen Sie die Skulptur dem lebendigen Körper vor.«

Isadora lachte. »Darüber müssen wir reden. Schauen Sie sich die Halslinie dieser Plastik an, lieber Charles, ist sie etwa nicht lebendig? Und schön dazu? Die schwitzenden Körper der Athleten, die um die Wette rennen und aus ihrer Muskulatur Werkzeuge machen, die ihnen irgendeinen Sieg bescheren sollen, interessieren mich überhaupt nicht …«

»Aber die Olympiade«, unterbrach Hallé, »ist doch eine griechische Idee! Die muss Sie doch begeistern. Haben Sie mir nicht in London immer wieder erklärt, dass es die alten Griechen seien, die mit ihrer Demokratie, ihrer Philosophie und ihren Künsten schlichtweg als Vorläufer unserer Zivilisation gelten müssen – sogar der amerikanischen?«

»Ach, Charles«, Isadora legte eine Hand auf Hallés Schulter, »Sie haben völlig recht und auch wieder nicht. Die Alten haben gewusst, was Schönheit ist und wie man sie hervorbringt, weil sie wussten, was Natürlichkeit ist. Ich war im Frühjahr Tag für Tag im Louvre und habe mir die griechischen Vasen mit den Abbildungen tanzender menschlicher Körper angesehen. Was für eine Vollendung der Form! Welch einfache Eleganz! Aber wir heute? Schauen Sie sich um, lesen Sie die Zeitungen. Überall wird gewetteifert, es geht nur um Preise, um Titel, um den ersten Platz. Um schnöden Mammon! Um Banalitäten. Wäre das im Sinne der Griechen? Ich glaube nicht.«

Hallé nickte. »So kenne ich Sie, Isadora, immer in Grübeleien versunken: Wie nur finden wir zurück zu den Griechen …«

»Auf keinen Fall durch solche Fetische wie Medaillen und Siegertreppchen.«

»Kann es sein, dass Sie die Antike idealisieren?«

»Ja, das kann sein. Aber ich brauche dieses Ideal für meine Kunst. Sie müssten das doch verstehen – mit Ihrer Loyalität zu den Präraffaeliten! Übrigens: Haben Sie Winckelmann gelesen?«

Mit Hallé konnte Isadora über all das reden, was ihr tagein, tagaus durch den Kopf ging, was ihre Gedanken beherrschte und sie unablässig ebenso quälte wie beseelte. Sie war eine Tänzerin. So sagte man, und so sagte sie auch selbst, vor allem, wenn sie sich um Auftritte bewarb, weil sie Geld brauchte. Aber immer wieder hat sie sich auch entschieden dagegen verwahrt, als Tänzerin bezeichnet zu werden. Denn dadurch, fand sie, würden falsche Assoziationen geweckt. Ein junges Mädchen in leichtem Gewand, das sich hin und her wiegt und den Umriss seines Körpers sehen lässt, das die Beine wirft und dann womöglich noch Kusshände ins Publikum – mit solchen frivolen Gesten wollte sie rein gar nichts zu tun haben. Ihr ging es um ganz etwas anderes: um den persönlichen Ausdruck des inneren Erlebens eines Menschen durch den Körper. Sie wollte das Leben selbst durch Bewegung zur Kunst erhöhen. Nein, darunter machte sie es nicht. Sie hatte schon als Kind getanzt, und immer weiter ihre ganze Jugend hindurch. Sie hatte sich angesehen, was Tanz zu ihrer Zeit in Amerika und anderwärts bedeutete und war entsetzt: das Ballett und auch der Gesellschaftstanz, alles fußte auf eingelernten, stets sich wiederholenden Bewegungen, die äußerlich, einfallslos und rigide waren, und waren sie weich, dann lasch und passiv. Letztlich beruhten sie auf Drill, auf Zwang, auf Beherrschung; vor allem das Ballett züchtete Körper, die funktionierten wie Marionetten. Der Spitzentanz beruhte auf der Vision eines von der Schwerkraft befreiten Körpers – aber war nicht in Wahrheit der Körper der Schwerkraft anheimgegeben, ihr ebenso überantwortet wie der Luft, die ihn durchatmete und musste nicht neben der Lust zu fliegen erst recht die Lust zu fallen und das eigene Gewicht zu fühlen, in den Tanz eingehen? Wo waren die natürliche Anmut, die Isadora hätte bewundern wollen, wo die edle Einfalt und stille Größe, die der deutsche Archäologe Winckelmann den alten Griechen zuschrieb? Was der Tanz der Gegenwart schuldig blieb, war, fand Isadora, der Fluss, die Zeitlichkeit, das Wissen und Zeigen, dass jede Bewegung einen Grund, eine Quelle, eine Herkunft hat und zu einer neuen Bewegung führt und von da zur Einheit, zur Höhe, zum Wesen, zur zweiten Natur. Was der Tanz zu ihrer Zeit schuldig blieb, war die Einsicht, dass sich überraschende, überwältigende, erhabene Gestalten ergeben, wenn nur der tanzende Mensch seine Seele ganz in den Körperausdruck fließen lässt. »Unter den tausenden von Figuren«, so notiert es Isadora später in ihren Memoiren, »die uns auf den griechischen Vasen und Reliefs überliefert sind, findet sich nicht eine, deren Bewegung nicht bereits eine andere Bewegung voraussetzte. Die Griechen waren eben außerordentliche Beobachter der Natur, in der alles der Ausdruck nie endender, ewig sich steigernder Entwicklung ist, in der es nie ein Ende, nie ein Einhalten gibt.« Einen solchen humanistischen Tanz, der wie eine Meereswelle sich aus sich selbst unentwegt entwickelt, wollte Duncan kreieren und lehren, sie hatte schon bei sich damit begonnen. Auch die Erscheinung der Tänzerin musste sich unbedingt ändern. Die Seidenschläppchen der Ballerinen lehnte Duncan als geziert ab, ebenso den Tüllrock und die Schnürbrust. Sie tanzte barfuß in einem losen Überwurf, ging es ihr doch um die größtmögliche Freiheit auch und gerade des Körpers. In den Londoner Zirkeln und Salons der Bohème und der Aristokratie hatte sie ihre Kunst im privaten Rahmen ein- und vorgeführt und auf Schauspielerinnen, Kunsthistoriker, Mäzeninnen und interessierte Laien tiefen Eindruck gemacht. Die ersten Kritiken waren erschienen, die meisten äußerten sich lobend. Künstler wie Hallé sahen in Isadoras Tanz einen avantgardistischen Ausdruck und feuerten sie an. Sie war, wie es schien, auf einem guten Weg – aber doch noch weit davon entfernt, ihre künstlerischen Ambitionen sozusagen in Großbuchstaben an den Horizont ihres Lebens schreiben zu können. Sie war immer noch eine Suchende, sie zermarterte sich das Hirn: Was ist es, das ich der Welt geben kann, geben muss? Wie kann ich das große Ziel fassen und einfach erläutern? Es genügte ihr nicht, tanzend etwas Neues zu erschaffen, sie musste auch die dazu passende Philosophie entwerfen. »So bin ich nun mal – cérébrale (= intellektuell)!«, sagte sie halb lachend aber doch ernst zu Hallé. Was sie nicht wollte, wusste sie genau. Und ihre Visionen, ihr Ehrgeiz – die gingen noch viel weiter als alles, was sie einstweilen tänzerisch oder mit Worten auszudrücken vermochte. Im Grunde wollte sie die ganze Welt aus Korsetts, Konventionen und starren Formen erlösen, wollte wie der deutsche Philosoph Karl Marx, den sie in London gelesen hatte, »die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen«. Um darüber nachzudenken, war die Weltausstellung in Paris genau der richtige Ort und Charles Hallé der richtige Gesprächspartner. Sie trafen sich täglich und umwanderten nach und nach die gesamte Exposition Universelle.

Hallé war ein Mann in den Fünfzigern, als Maler im Stile der Präraffaeliten erfolgreich und wie die meisten Männer, denen sich Isadora in ihrem Ringen um das Besondere ihrer Kunst anvertraute und mit denen sie eine Art Gesprächsbeziehung (»cérébrale«) begann und durchhielt, von väterlichen Gefühlen für die attraktive Amerikanerin erfüllt. Zugleich aber war er darauf bedacht, ihr klarzumachen, dass nicht alle Männer in der Welt so ritterlich und zurückhaltend waren wie er.

»Das Erotische werden Sie aus Ihrer Tanzdarbietung nie heraushalten können, zumal Sie …«, und er verschluckte ein Kompliment.

»Das will ich ja auch gar nicht. Das Erotische ist das Göttliche, das Dionysische, und natürlich soll es sich vermitteln. Aber nicht in der billigen Version einer Hupfdohle, die Ausschnitt zeigt, damit die Männer in der ersten Reihe einen Geldschein reinstecken. Das wäre mir zutiefst zuwider. Sie verstehen …«

Hallé verstand sie genau, wusste aber auch, wie schwer es sein würde, das Publikum, zumal das männliche, dazu zu bringen, ihre Shows nicht nur wegen der Schönheit der Performerin zu besuchen, denn dieses Mädchen hatte einen wahrhaft vollkommenen Körper und ein Gesicht wie ein Engel. Ihr langer, biegsamer Hals betonte ihre Zartheit, die kräftigen Schenkel ihre Erdverbundenheit. Natürlich kamen die Männer, um dieses Wunderwesen umherspringen zu sehen – und die Frauen auch, wollten sich vielleicht etwas abgucken, diese Gebärde oder jene Frisur. So waren die Menschen nun mal, die meisten nicht zu Höherem berufen.

»Doch!«, beharrte Isadora. »Alle sind zu Höherem berufen. Könnte ich die Welt nur tanzen lehren … Was meinen Sie, Charles, wäre wohl Auguste Rodin bereit, mich persönlich zu empfangen? Können Sie sich das vorstellen?«

Fast hätte Hallé gesagt: ›Aber sicher, meine Liebe‹, doch er biss sich auf die Lippen und murmelte nur:

»Erfreuen Sie sich an seiner Kunst. Der Mann ist ein ziemlich alter Knochen. Älter noch als ich. Und sein Umgang mit Damen –«

Isadora machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das ist mir egal. In seinen Plastiken erkenne ich alles wieder, was mir lieb und teuer ist – das Schönheitsideal der Griechen, Leidenschaft und Ekstase. Schon beim ersten Anblick seiner Kunst war ich überwältigt. Sagen Sie: Könnte es nicht sein, dass ich für ihn ein interessantes Modell wäre? In einer meiner besten Posen, so etwa …« Und sie reckte die Arme himmelwärts und ließ den Kopf ganz tief in den Nacken fallen.

»Ja, wahrscheinlich«, knurrte Hallé und nestelte an seiner Brieftasche. »Warten Sie, Isadora, ich gebe Ihnen hier die Karte meines Neffen Charles Noufflard. Wenn Sie einverstanden sind, bitte ich ihn, sich Ihrer hier ein wenig anzunehmen. Er heißt Charles wie ich, aber er ist jung und unternehmungslustig. Ich muss demnächst zurück nach London.«

Isadora nahm die Karte und las den Namen mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Freude. Sie hatte es nicht offen zugeben mögen, aber einstweilen war es ihr noch nicht gelungen, in Paris als Künstlerin Fuß zu fassen. Jeder neue Kontakt war wichtig, denn er konnte zu einem Engagement führen. Miss Duncan lebte derzeit, zusammen mit ihrer Mutter, bei ihrem Bruder Raymond – in einem Atelier in der Avenue de Villiers. Wie auch zuvor schon in London wohnten die drei in einem einzigen Raum, der ihnen als Studio und Unterkunft diente, möbliert mit nichts als einem Klavier und drei Matratzen, die tagsüber an die Wand gelehnt wurden, damit Isadora Platz zum Tanzen hatte. Außerdem gab es noch ein paar Kisten mit Büchern, Kleidung, persönlichen Sachen und Isadoras Tuniken. Aufgebrochen war die ganze Familie, der ›Duncan-Clan‹, wie sie sich selber nannten: die Mutter mit Tochter Elizabeth, den Söhnen Augustin und Raymond sowie Nesthäkchen Isadora im Jahre 1895 aus ihrer Heimatstadt San Francisco. Isadora war am 26. Mai 1877 auf die Welt gekommen, achtzehn Jahre war sie alt, als sie Kalifornien verließ. Zunächst ging es nach Chicago und New York und drei Jahre später nach Europa. Was der Clan suchte, war die Kunst: Mutter Dora als Pianistin, Augustin als Schauspieler, Raymond als Rezitator und Performer, Elizabeth als Organisatorin und Isadora auf der Tanzbühne. Sie lebten und arbeiteten quasi als ›fahrendes Volk‹, immer von der Hand in den Mund, wobei Isadora bei Schauspiel- und Musicalproduktionen sowie bei Solo-Auftritten in Salons und auf Kleinkunstbühnen das meiste Geld verdiente. In New York gehörte sie sogar einer renommierten Truppe an, die Operetten, Tanzabende und Shakespeares Komödien herausbrachte, es gab Erfolge. Aber die Gagen waren bescheiden, es war nie etwas übrig geblieben, um einen Fonds anzulegen für knappe Zeiten. Und gerade jetzt wieder wussten die Duncans nicht, wie es weitergehen sollte.

Die Duncans – das waren im Jahre 1900 nur noch die Clanmutter Mrs Duncan, Sohn Raymond und Isadora. Die beiden anderen waren in die Staaten zurückgekehrt, Augustin, weil er drüben ein Mädchen hatte und heiraten wollte, und Elizabeth, weil sie eine Tanzschule führen und Geld verdienen konnte. Aber Isadora kannte keine Angst vor der Armut, und ihre Mutter war nichts anderes gewohnt. Raymond, Hobby-Philosoph und stets bereit, aus einem der Bücher, die er bei sich trug, zu rezitieren, machte aus dem Mangel eine Übung und wurde praktizierender Asket. Hin und wieder hungerten die Duncans tatsächlich. Wie Epikur konnten sie sich an einer einfachen Mahlzeit erfreuen, doch wenn sich ihnen ein üppig gedeckter Tisch bot, waren sie nicht weniger entzückt. Dasselbe Verhältnis pflegte die Familie zu Geld und dem Umgang damit. War es vorhanden, wurde es mit vollen Händen ausgegeben, auch wenn es hieß, dass übermorgen nichts zu essen da sein würde und die Miete nicht bezahlt werden konnte. Als dürfte das Geld nicht an ihnen haften bleiben. Hauptsache war immer, dass die geistige Nahrung nicht ausging. Und hätte jemand zu Isadora gesagt: Vom Geist allein kann man doch nicht leben, so hätte sie, den Kopf in den Nacken werfend, geantwortet: »Doch, ich schon! Auf das Frühstück kann ich verzichten, aber nicht auf meine Lektüre und meinen Tanz.«


Die Weltausstellung bot eine Attraktion, für die sich Isadora beruflich interessierte. Aber bis jetzt hatte sie sich noch nicht hingetraut, denn alles, was sie darüber zu hören bekam, schürte in ihr eine gewisse Furcht. Es könnte ja sein, dass sie, wenn sie Loïe Fuller tanzen sah, ihre eigene Kunst plötzlich nicht mehr wertschätzte und sich neben der Lichttänzerin, wie man sie nannte, klein und hässlich fühlte … Aber das war nur der eine, wenn auch letztlich wichtigste Grund, warum Isadora zu Loïe Fuller noch auf Abstand geblieben war. Es gab weitere Bedenken. Die ältere Kollegin, die wie sie aus den Staaten stammte, war Stargast bei den Folies Bergère, einem Varieté-Theater von der Art, wie Isadora es instinktiv ablehnte. Dass auch die berühmte Tänzerin Caroline Otéro, Kurtisane mehrerer gekrönter Häupter und großer Künstler, jahrelang dort aufgetreten war, sprach für sich. Es war kein Ort für Isadoras Kunst, so wie sie es sah: zu sehr Revue und grand spectacle und womöglich Can-Can, auch war das Etablissement als bester Liebesmarkt der Stadt bekannt, da die schönsten Prostituierten hier Freikarten erhielten. Was konnte ihr der Kontakt zu Fuller schon anderes bringen, als Auftritte auf so einer Bühne? Wollte sie das? Schließlich siegte die Neugier. Isadora ging in die Vorstellung. Und war begeistert.

»Was für ein außerordentlicher Genius!«, schrieb sie in ihren Erinnerungen. »Was sie macht, kann man nicht wiederholen, und man kann es nicht beschreiben. Sie war ganz Licht, ganz Farbe. Sie verwandelte sich vor den Augen ihres Publikums in tausend bunte Imaginationen, in vielfarbige leuchtende Orchideen, in eine wogende, fließende Seeanemone und schließlich zu einer spiralförmigen Lilie. Völlig verwirrt und überwältigt von dieser einzigartigen Künstlerin ging ich nach Hause.«

Wichtigstes Hilfsmittel für Fuller und ihren Tanz waren riesige Stoffbahnen, die derart am Körper der Tänzerin befestigt waren, dass sie sie hin und her bewegen und dabei in runde Wogen, spiralförmige Wellen oder kelchartige Aufbauschungen übersetzen konnte. Die Tänzerin war der äußerst gelenkige Impulsgeber; was den Raum ausfüllte und das Auge des Betrachters fesselte, war eine ganz neue Erscheinung: Massen sich überschlagender und ineinander verschlingender Draperien, die weit über das Dekorative hinaus einen Eindruck von elementarer Wandlung weckten – als solle ein Stern aus dem Chaos geboren werden. Für diese außerordentliche Wirkung benutzte Fuller zur Verlängerung ihrer Arme leichte, aber lange Aluminiumstäbe, die mit den Stoffen verbunden waren und den Schwungbefehl ihrer Hände weitergaben.

Eine ausgefeilte Lichtregie war die andere tragende Säule der Show. Vor allem mit Licht drückte sich Loïe Fuller künstlerisch aus, nicht so sehr mit ihrem Körper: »Je sculpte de la lumière (= Ich forme Licht).« Sie verzichtete auf Kulissen, tauchte den Zuschauerraum in tiefes Schwarz, ließ elektrische Blitze von oben auf ihre Seidenflügel prasseln und bestrich ihre Textilien mit fluoreszierenden Substanzen. So zauberte sie nicht nur nie gesehene Wellenbewegungen in den Bühnenraum, sondern auch unglaubliche Farben und Reflexe. Ihr Beiname fée d’électricité weckte im Publikum einen leichten Schauder, denn noch war die Elektrizität im alltäglichen Gebrauch eine junge Errungenschaft und nie ganz ungefährlich. Fuller umgab sich mit Spezialisten, wollte aber selbst alles wissen und korrespondierte mit dem Physiker-Ehepaar Marie und Pierre Curie. Es entwickelte sich eine Freundschaft und Zusammenarbeit, und Fuller tanzte zur Verleihung des Nobelpreises an das Forscherpaar ihren Radium Dance. Zwar konnte man sie, wie Isadora schrieb, nicht wiederholen, aber man konnte versuchen, sie nachzuahmen. Fuller meldete Patente auf ihre Erfindungen an und prozessierte gegen die Diebinnen ihrer Ideen. Man nannte sie die Meisterin des Lichts, der Dramatiker und Künstler Jean Cocteau meinte gar, sie hätte das Phantom eines Zeitalters erschaffen.


Und noch einmal sprang Isadora in diesem großen Pariser Sommer über ihren Schatten. Sie schrieb einen Brief an Auguste Rodin und bat, ihn besuchen zu dürfen. Die Antwort kam postwendend und war positiv. Isadora küsste den Brief, drehte sich einmal um sich selbst und zog los. Sie wurde sogleich vorgelassen. »Ich tanze«, sagte sie, als sie sich vorgestellt hatte, »und ich habe mein Bewegungsideal in Ihren Skulpturen wiederentdeckt.« Sie hatte sich genau überlegt, was sie sagen wollte, und es vorher geübt, denn ihr Französisch war noch unvollkommen. Rodin führte sie herum und zeigte ihr seine aktuellen Arbeiten, viele davon waren wegen der Wärme mit feuchten Tüchern bedeckt, es duftete dumpf nach Ton und Lehm. Der Meister stand in seinem sechzigsten Jahr; er war stets geneigt, eine schöne Gestalt zu zeichnen, wenn sie ihm erschien. Also holte er seinen Skizzenblock hervor, nahm einen Stift und bat seinen Gast zu tanzen. Isadora legte ihr Schultertuch ab, zog ihre Schuhe aus, positionierte sich in der Mitte des Raumes und kreuzte die Hände vor der Brust. »Es ist nicht so einfach ohne Musik«, sagte sie, »aber es geht.« Dann tat sie ein paar kleine und größere Schritte, holte mit den Armen aus, als wollte sie die Luft zusammenschieben und machte einen Sprung. Ihr Kopf trudelte auf dem Hals, sie fiel auf die Knie. Und hob den Blick, die Schultern, die Hände, riss sich hoch und höher und schien über dem Boden zu schweben. Rodin ließ den Skizzenblock sinken. Er hatte schon so manche junge Frau tanzen sehen, aber so etwas noch nie. »Das ist phantastisch«, murmelte er.

Nach ihrer Darbietung, noch außer Atem, wickelte Isadora sich wieder in ihr Tuch und nahm neben einer Statue auf einem Hocker Platz. Beide schwiegen eine Weile. Dann begann Isadora zu dozieren. Der Meister musste einsehen, dass diese Frau nicht nur gekommen war, um sein Werk zu bewundern, sondern um ihn mit ihrer eigenen Kunst bekannt zu machen. Beeindruckt hörte er ihr zu. Isadora tat, was sie immer tat, wenn sie mit verständigen Menschen zusammentraf: Sie erklärte ihre Kunst, um sie selber besser zu verstehen. In ihrem gebrochenen Französisch, doch mit Emphase trug sie vor: »Einst war der Tanz die Quelle, die Urform des Rhythmus und der Poesie, der Mysterien und aller religiösen Feier. In ihm fanden alle Inspiration, alle Rauschelemente, das gesteigerte die Schöpfung fühlende Leben, einen anmutigen oder wilden Ausdruck. Und was ist er bei uns geworden? Sie sehen selbst, eine tiefgreifende Erneuerung ist vonnöten.« Jetzt wollte sie eigentlich auf die deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche zu sprechen kommen, hielt aber inne, da ihr Gegenüber sich erhob. Wie es weiterging, erzählt sie in ihren Lebenserinnerungen so: »Sein Blick glühte, während er mit dem gleichen Ausdruck, den er vor seinen Werken zeigte, auf mich zukam. Seine Hände strichen über meinen Nacken und meine Brust, er liebkoste meine Arme, streichelte meine Hüften, meine nackten Beine und Füße und begann, meinen ganzen Leib zu kneten, als wäre er aus Ton, wobei ihm eine Glut entströmte, die mich zu versengen drohte. Alles in mir verlangte danach, mich ihm völlig hinzugeben, und ich hätte es auch getan, wäre ich nicht aufgrund meiner Erziehung in Panik geraten, sodass ich mich zurückzog, eilig mein Schultertuch überwarf und ihn in zittriger Verwirrung zurückließ.«

Und sie ergänzte später: »Wie sehr ich dies heute bedauere! Oft habe ich den kindischen Unverstand bereut, der mich um das göttliche Erlebnis gebracht hat, dem erhabenen Rodin – dem großen Pan selbst – meine Jungfräulichkeit zu schenken.« Auguste Rodin aber nahm nichts krumm. Er besuchte zwei Jahre später eine von Isadoras Vorstellungen, anerkannte sie als eine ihm ebenbürtige Künstlerin und schrieb über sie:

»Isadora Duncan ist scheinbar mühelos zur Skulptur, zum Gefühlsausdruck gelangt. Diese Kraft schöpft sie aus sich selbst, eine Kraft, die nicht Talent zu nennen ist, sondern Genie. Miss Duncan bringt das Leben an sich in den Tanz ein. Auf der Bühne ist sie natürlich, was man sonst selten erlebt. In ihrem Tanz hat sie Sinn für die Linie und ist schlicht wie alles Antike, das ein Synonym für die Schönheit ist. Gelenkigkeit und Gefühlsausdruck, sie besitzt diese großen Qualitäten, die das Wesen des Tanzes selbst ausmachen. Es ist die vollkommenste, die höchste Kunst.«


Erzogen wurde Isadora von ihrer Mutter – und den drei älteren Geschwistern. Als Kind nannte man sie Dorita. Die Atmosphäre im Hause Duncan war freimütig und freundlich, die Wohnung stets von Musik erfüllt, denn Mutter Dora, von Beruf Klavierlehrerin, spielte täglich lange Stunden Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Chopin. Der Vater hatte die Familie noch vor Doritas Geburt verlassen; von Beruf war er eine Art Glücksritter, mehr als ein Vermögen hatte er durch spekulative Anlagen gewonnen und wieder verspielt. Mrs Duncan etablierte in ihrem Zuhause ein mildes Matriarchat, sie bemühte sich unablässig, der Deklassierung, die ihre Familie infolge von Scheidung und Verarmung erlitten hatte, durch Übungen in kultureller Verfeinerung entgegenzuwirken. Kaum konnte die Jüngste lesen, traktierte Bruder Raymond sie mit den altgriechischen Dramatikern und später mit deutscher Philosophie. Innerhalb der Familie bemühte man sich um Grundkenntnisse der deutschen Sprache, mit sechzehn studierte Isadora das Original von Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater. Schwester Elizabeth lehrte sie tanzen und brachte ihr die Ideen des Bewegungspädagogen François Delsarte nahe. Dessen oberstes Prinzip hieß ›Natürlichkeit‹! Bruder Raymond entwickelte eine dem täglichen Leben abgeschaute Bewegungstheorie (Kinematics), in die er Isadora einweihte. Pure Bildungsbeflissenheit war es nicht, die bei den Duncans herrschte, eher eine echte Liebe zum Guten, Schönen und Wahren. Aber der kleine Clan war meistens klamm; man schickte die niedliche Dorita zum Metzger, um Wurstzipfel gratis zu ergattern, auch zum Konditor, wo sie Altgebäck umsonst erhielt. Sie erfüllte solche Aufgaben mit Freude, sie schämte sich nicht, verkaufte auch auf der Straße Selbstgestricktes ihrer Mutter und bekam noch einen Extrapenny von gerührten Passanten. Die Schule schmiss sie mit elf. Zu Hause aber las sie viel und tanzte zu Mozart. So also wuchs Isadora ärmlich, aber mit lauter hehren Idealen auf; sie wurde nie gedrängt oder genötigt, sich künstlerisch und philosophisch zu bilden, sie tat es ganz von allein, wie die Geschwister auch. Ihrem Vater ist sie nur ein einziges Mal begegnet; die Mutter sprach nicht gut über ihn, auch eine Eheschließung empfahl sie ihren Kindern keineswegs. Bei Isadora verfing Kritik an jeder Art von Zwang und Kontrolle unmittelbar, sie war ein rebellisches Kind. Aber ihre Auflehnung galt den sozialen, religiösen und ästhetischen Normen ihrer Zeit, nicht der Familie. Im Gegenteil, ihre Angehörigen sahen die Welt wie sie, waren geschlossen kunstbesessen und antikirchlich, das Zuhause mit seinen beständigen Angeboten in Sachen Bildung stets ein sicherer Rückzugsort für alle. Früh schwor sich Isadora, niemals zu heiraten. Was hingegen die Sexualmoral betrifft, so kam selbst die unkonventionelle Mrs Duncan nicht gegen das puritanische Amerika an – man sprach nicht gern über »diese Dinge« und umschrieb sie auch im Hause Duncan mit allerlei Metaphern und Mehrdeutigkeiten. Eros war zwar eine beliebte Gottheit und auch Dionysos wurde gerne angerufen, aber nur als Idee, nicht als Praxis. So kam es, dass die zur Tanzrevolution entschlossene Isadora während ihrer ersten Jahre in Europa noch Jungfrau war.

Als sie an jenem denkwürdigen Abend nach dem Besuch bei Rodin zu Hause ankam, empfing Raymond sie mit einem gelinden Vorwurf. Sie solle sich doch bitte dazu entschließen, mal einen Tag daheimzubleiben, denn jetzt sei es schon das dritte Mal geschehen, dass ein gewisser Monsieur Noufflard erschienen sei und nach ihr gefragt habe. »Ach ja«, murmelte Isadora, »Hallés Neffe. Ich werde ihn morgen erwarten.« Und sie erzählte von Rodin. Seine erotische Attacke überging sie. »Er hat mich gezeichnet. Und er hat mich verstanden. Vielleicht werde ich als Skulptur von seiner Hand unsterblich.« Sie war sehr stolz. Raymond legte den Arm um sie. Und die Mutter brachte einen Teller mit Oliven und Brot. Heute Abend würde es nichts anderes mehr geben.


Charles Noufflard kam am nächsten Tag wieder; er brachte zwei Freunde mit, den jungen Maler Jacques Beaugnies und den angehenden Schriftsteller André Beaunier. Die drei wurden bald regelmäßige Gäste im Studio in der Avenue de Villiers, sie genossen die Atmosphäre der Freizügigkeit bei den Duncans, das Klavierspiel der Mutter und die Tänze Isadoras. Sie brachten Blumen, Obst, Brot und Quiches und sprachen viel über die Weltausstellung, die Kunst Rodins, die große japanische Schauspielerin Sada Yacco, die gerade Furore machte, über Richard Wagner und die Festspiele in Bayreuth, über die Affäre Dreyfus und den Symbolismus. Und schließlich geschah, was Isadora sich erhofft hatte und worauf auch Mrs Duncan und Raymond warteten: Jacques Beaugnies sprach eine Einladung aus. Seine Mutter führte einen prominenten Salon, und sie würde sich glücklich schätzen, wenn Isadora dort aufträte und für ihre Gäste eine Tanzvorstellung gäbe.

»Ich habe ihr geschildert, wie originell und großartig Sie sind, Isadora. Und sie vertraut meinem Urteil. Ein Pianist ist vorhanden, er spielt, was Sie brauchen. Und lässt fragen, ob Sie auch zu Debussy tanzen würden?«

»Ich fürchte, für eine neue Komposition müsste ich erst längere Zeit proben. Aber sagen Sie mir doch, lieber Jacques, werde ich die Gäste Ihrer Frau Mutter zufriedenstellen? Sie wissen ja wohl, was das für Leute sind und können sie einschätzen. Es gibt immer noch Personen von Stand, die es ungebührlich finden, wenn eine Frau barfuß tanzt. Zu schweigen von meiner kurzen Tunika …«

Beaugnies lachte. »Es kann durchaus sein, dass einige der Habitués von gestern sind und sich empören, insbesondere deren Gattinnen. Ich garantiere für nichts. Aber bitte, Isadora, Sie wollen die Revolution in und mit Ihrer Bewegungskunst, dann müssen Sie auch riskieren, dass man Sie verhaftet.«

Mrs Duncan machte große Augen, aber Jacques beschwichtigte sie. »Kommen Sie doch auch mit, verehrte Mrs Duncan, und Sie werden sehen, dass Ihre Tochter einen Triumph feiert.«

Und so geschah es. Isadora wurde als die umwerfendste Erscheinung seit Delacroix’ Marianne apostrophiert. Der Maler Eugène Carrière nannte sie ein Wunder, auf das die Welt gewartet habe, er schrieb über sie: »Sie denkt an die Griechen und gehorcht ihrem inneren Selbst.« Der Dramatiker Victorien Sardou schloss sie in die Arme und flüsterte: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie fordern die Götter heraus …«, und der Komponist André Messager, der sie am Klavier begleitete, sagte schlicht: »Du bist adorable (= anbetungswürdig).« Wie stets hielt Isadora im Anschluss an ihre Darbietung einen kleinen Vortrag: »Sie sagen, ich bewege mich natürlich. Aber wissen Sie auch, was das bedeutet? Es bedeutet, dass ich mein Instrument, den Körper, genauestens studiert habe, denn er ist die Basis von aller Natur, um die es im Tanze geht. Und weit darüber hinaus! Man kann kein Bewusstsein von Schönheit haben, kein Bewusstsein von der Schönheit unserer Erde und unserer Wahrnehmung von ihr, ausgedrückt in Architektur, Malerei, Skulptur und allen anderen Künsten, ohne ein Bewusstsein vom Körper zu besitzen, seiner Linien und Symmetrie, seiner Proportionen und edlen Formen …« Alle lauschten ergriffen, die nächste Einladung ließ nicht auf sich warten. Der Prinz Edmond de Polignac samt Frau, die Gräfin Greffulhe, die Herzogin d’Uzès erbaten sich den Vorzug, das waren die ganz großen Namen. Isadora zog, wie im Vorjahr in London, durch die Salons von Paris und gewann Herzen und Sinne eines verwöhnten und anspruchsvollen Publikums. Die Gagen waren bescheiden, obwohl ihre Gönner sehr reich waren – Madame de Polignac war die Mäzenin Winnaretta Singer, Tochter des millionenschweren Nähmaschinenkönigs –, aber es langte für die Miete und für das eine oder andere Festmahl. Mutter und Bruder waren zufrieden, und Isadora selbst war jetzt bereit, sich mehr zuzutrauen. Sie würde Privatvorstellungen in ihrem eigenen Studio geben, und sie würde Loïe Fuller aufsuchen, um sie zu bitten, ihre Beziehungen spielen zu lassen. Ihr schwebte die ganz große Bühne vor.

»Was meinen Sie?«, fragte sie Jacques. »Könnte ich auf der Opernbühne überzeugen? Ich denke da an einen Saal mit tausend Plätzen. Und ich allein auf den Brettern – mit nichts als einem Piano und meinen blauen Vorhängen, Sie wissen schon, die, die ich selbst genäht habe. Würde meine Kunst vor so einem Publikum bestehen können?«

Beaugnies runzelte die Stirn. »Das kann ich nicht sagen, man müsste es ausprobieren. Womöglich – ja! Sie sind eine Novität. Sie erregen die Gemüter. Ich glaube an Sie.«

Isadoras Blick schweifte durch das Studio und blieb an dem jungen Schriftsteller André Beaunier hängen, der am Fenster saß und las. »Kommen Sie«, rief Isadora, »lesen Sie uns vor!«

Beaunier blinzelte. »Interessieren Sie sich für Maupassant?«

»Aber ja, natürlich. Kommen Sie, André, ich möchte Ihre Stimme hören. Und wenn Sie mir einen ganz großen Gefallen tun wollen, geben Sie mir eine Französisch-Lektion.«


Unter ihren Verehrern Noufflard, Beaugnies und Beaunier wählte Isadora den unansehnlichsten, den klein gewachsenen, rundlichen, bebrillten André als ihren Favoriten aus, denn er war von allen dreien am meisten cérébrale. Lange Stunden las er ihr vor – Flaubert, Gautier und Maeterlinck und auch aus eigenen Werken. Streng als Sprachlehrer, hochkonzentriert als Zuhörer war er unermüdlich als Diskussionspartner, und Isadora freute sich über diese neue erfüllende Gesprächsbeziehung, die sie zunehmend korrekt auf Französisch führen konnte. Aber sie wunderte sich auch, dass der Freund auf ihre tastenden Versuche, ihn zu einer anderen Art von Beziehung aufzufordern, niemals einging. Sie nahm beim Spaziergang seine Hand, er zog sie bald zurück. Sie setzte sich nach der Vorführung einer neuen Tanzfigur neben ihn auf die Matratze – er erhob sich. Sie erlaubte sich zum Abschied einen Kuss auf seine Wange, er zuckte zurück. Was war da los? Gefiel sie ihm denn gar nicht? Er kam doch immer wieder. Eines Abends besorgte Isadora für Raymond und die Mutter Opernkarten, und als die beiden außer Haus waren, zog sie eine seidene Tunika an und arrangierte eine Kiste mit weißem Tischtuch, Blumenschmuck und allerlei Leckereien, dazu eine Flasche Veuve Clicquot. Wie abgemacht traf André ein, aber statt sich mit ihr zu Tisch zu begeben, trat er ans Fenster, holte ein Taschentuch hervor und begann zu schluchzen.

»Was in aller Welt ist geschehen?«, fragte Isadora.

André brauchte eine Weile, bis er sprechen konnte. »Oscar Wilde ist gestorben.«

»Oh. – Ich weiß, er ist ein herausragender Dichter. Das Bildnis des Dorian Gray. Aber ich wusste nicht, dass Sie ihn kannten –?«

André wandte sich um, erblickte die Kiste mit dem weißen Tuch, die Champagnerflasche und die Blumen im Haar seiner Freundin. »Adieu«, sagte er mit tränenerstickter Stimme und ging rasch hinaus.

Erst im Rückblick begriff Isadora. André kannte Oscar Wilde nicht persönlich, natürlich nicht, trauerte aber um ihn, weil er sich ihm nahe fühlte, denn er liebte wie der irische Dichter die Angehörigen seines eigenen Geschlechts. Er war ein »Uranier«, wie man damals sagte. Was ihn nicht daran hinderte, Freundschaften mit kultivierten Frauen zu pflegen, doch körperliche Nähe suchte er zu ihnen nicht. Isadora, die das nicht wusste, fühlte sich verschmäht und grollte. Die nächsten Abende ließ sie André links liegen und widmete sich dem gut aussehenden, liebenswürdigen Charles Noufflard. Diese Geschichte ging genauso enttäuschend aus wie die mit André, nur dass die Umstände sozusagen spiegelverkehrt gelagert waren. Charles, der sich zunehmend dazu ermuntert fühlte, führte Isadora in ein Etablissement mit Champagner-Souper und chambre séparée, und als er sie umarmte und küsste und den Gürtel ihres griechischen Gewandes löste, machte sie den Fehler, ihm zu gestehen, wie lange sie schon auf diesen Augenblick, auf die Liebe überhaupt, gewartet habe. Der Erste – nein, der wollte Charles nicht sein. Bestürzt hielt er inne und bat sie, sich wieder anzuziehen. Vielleicht dachte er auch an seinen Onkel, der bei seinem Ersuchen an ihn, sich Isadoras anzunehmen, sicher kein Séparée im Sinn gehabt hatte. »Du musst rein bleiben«, flüsterte er und half ihr mit den Schuhen. Isadora war den Tränen nahe. Sie zitterte am ganzen Leibe und verstand die Welt nicht mehr. Später, allein in der Nacht, dachte sie: ›Was die Männer mir verweigern, muss meine Kunst mir geben. Es soll wohl so sein, dass nur sie meine Liebe erwidert.‹ Tags darauf besuchte sie Loïe Fuller.


La Duncan wurde im Laufe des Jahres 1901 zu einem Geheimtipp unter den Pariser Freunden einer neuen Tanzkunst, Fuller hatte ihren Namen schon öfter gehört und war erfreut, sie zu treffen. Isadora tanzte für sie und überraschte sie. »Ich wusste nicht, dass so ein Tanz möglich ist«, sagte Loïe, »Sie sind formidable. Möchten Sie mich nicht auf meiner Tournee im nächsten Jahr begleiten? Wir könnten gemeinsam auftreten.« Und in der Tat, obschon ihre Darbietungen ganz unterschiedlich waren, gab es manches, was die beiden verband. Fuller gab Unterricht, und sie folgte dabei denselben Prinzipien wie Duncan. Beiden kam es auf die Eigenart, die Individualität des tanzenden Menschen an, und das war etwas völlig Neues im Vergleich zur traditionellen Tanzerziehung. Die gab einen festgelegten Kanon von Techniken weiter, in dem, schlicht gesagt, alle dasselbe machten. Aber die Zeit hatte sich gegen die Tradition gekehrt. Der neue Tanz hatte mit dem Ballett nichts mehr zu tun. Er suchte die Freiheit. Er suchte, so wie Duncan ihn vormachte, das bewegte Bild, das entsteht, wenn der Körper seinem persönlichen Ausdrucksverlangen folgt. Er suchte nach Fullers Beispiel den Wirbel, die Welle, den Feuerstoß, die entstehen, wenn Bewegung sich in beleuchteter Materie fortsetzt und zur phantastischen Erscheinung wird. Das war ein kühnes Programm, es war die Ouvertüre zum Ausdruckstanz und zum modern dance, und seine Vorankünderinnen kamen beide nicht zufällig aus Amerika, einem Land, in dem das klassische Ballett nie wirklich heimisch geworden war. Es fehlte ihm dort die kulturelle Wiege: der Königshof und seine Neigung zur subtilen Künstlichkeit in der Prachtentfaltung. Dafür hatte dieses Land immer etwas übrig für Wagemut und Experimentierfreude. Unterm Zeichen solcher hervorstechenden Charakterstärken hatte Amerika die beiden Pionierinnen einer neuen Tanzkunst nach Europa gesandt. Im Jahre 1900 kam aus den Staaten noch eine dritte Neuerin hinzu, die der Vollständigkeit halber erwähnt sein soll: die nach François Delsartes Lehre erzogene Tänzerin Ruth St. Denis.


Loïe Fuller versprach der Kollegin, sich bei ihrem Agenten für sie einzusetzen. Sie dachte daran, Duncans Darbietung in ihr Programm zu integrieren. Das war ein wichtiger Schritt vorwärts, denn bei den Duncans war nun lange schon Ebbe in der Kasse. Einiges Hin und Her gab es in Fragen der Musik. Würde auf einer großen Bühne Mrs Duncan oder jemand anderes am Piano zur Begleitung ausreichen oder brauchte man nicht gar ein ganzes Orchester? Das aber war kostspielig. Und immer wieder erhob sich die leidige Frage, was denn zu spielen sei. Es war seinerzeit unüblich, dass sich Tänzerinnen von einer Musik begleiten ließen, die nicht ausdrücklich als Ballett- oder Tanzmusik komponiert und gekennzeichnet worden war. Das aber taten sowohl Duncan als auch Fuller – sie tanzten nach großen Musikwerken der klassischen und romantischen Epoche, wobei Isadora es nicht richtig fand, zu sagen, sie tanze »nach Schuberts Ave Maria«, sondern darauf bestand, dass sie diese Klänge quasi verkörpere. Bei den Puristen unter den Verehrern von Brahms und Beethoven war indes eine solche Zweckentfremdung der Musik – wie sie es verstanden – irgendwie unerlaubt. Die Tänzerinnen mussten sich allerlei Vorwürfe anhören, etwa, dass sie Werke entweihten, die doch zum Hören mit geschlossenen Augen bestimmt seien. Aber das focht beide nicht an. Sie wussten, dass das, was sie mit ihren Körpern taten, nicht hinter der sublimen Ausdruckskraft zurückstand, die »ihre« großen Komponisten besessen hatten. Und Mrs Duncan ermunterte ihre Tochter, sich immer wieder neuen musikalischen Inspirationen für ihre Tänze auszusetzen. Raymond hatte einen interessanten Auftrag aus Amerika erhalten, er sollte dort eine Konzerttournee begleiten und packte seine Koffer. Jetzt wollte er aber noch schnell dafür sorgen, dass seine Schwester mit den neuesten musikalischen Meisterwerken vertraut würde. »Du musst zu Richard Wagner tanzen«, sagte er und brachte die Noten des Klavierauszugs vom Bacchanale aus dem Tannhäuser mit und dazu noch Isoldes Liebestod. »Wie für dich geschrieben«, sagte er zu seiner Schwester, bevor er sich verabschiedete.


Eines Tages im November klopfte es an die Tür des Ateliers, und herein trat ein Herr im Pelzmantel. Er stellte sich als deutscher Theateragent und Direktor »der größten Varietébühne Berlins« vor und bot Isadora einen Vertrag über 500 Mark pro Abend. Das war eine hohe Summe! Isadoras Augen glänzten, aber sie war vorsichtig.

»Berlin?«, fragte sie. »In welchem Rahmen würde ich dort auftreten?«

»Sie werden als die erste Barfußtänzerin der Welt annonciert werden«, sagte der Direktor und strahlte über das ganze Gesicht. Isadora sah an ihm vorbei.

»Mein Herr«, sagte sie streng, »von meiner Kunst machen Sie sich völlig falsche Vorstellungen. Niemals werde ich es zulassen, dass man mich als Barfußtänzerin bezeichnet, und ich werde auch auf keiner Varietébühne tanzen. Ich bin gekommen, um der Welt einen Begriff von der Schönheit –«

»Aber Mademoiselle«, unterbrach der Direktor, »was reden Sie denn da! An unserem Theater treten nur erste Größen auf!«

»Meinetwegen. Aber ohne mich. Ich tanze nicht zur Unterhaltung von Banausen. Meine Kunst ist für ein erlesenes Publikum gedacht.«

Der Direktor schob den Unterkiefer vor. Er dachte kurz nach und stieß dann hervor:

»Tausend?«

»Ich komme nicht einmal für zehntausend.«

»Aber Miss Duncan, der Vertrag ist schon fertig. Sie müssen nur hier unterschreiben.«

Da wurde Isadora böse. Sie scheuchte den Kerl hinaus und schrie dabei:

»Niemals! Was denken Sie sich! Mon Dieu!« und schlug die Türe zu. In ihren Memoiren erwähnt sie, dass dieser Herr sie zwei Jahre später in der Kroll-Oper zu Berlin tanzen sah und anschließend mit Blumen in ihrer Garderobe erschien. »Sie hatten recht«, hat er zu ihr gesagt, »in mein Varieté hätten Sie nicht gepasst.«


Zu jener Zeit machte Isadora die Bekanntschaft einer jungen Amerikanerin, mit der sie ihr Leben lang befreundet bleiben sollte: Mary Desti war sechs Jahre älter als Isadora, bereits geschieden, und einen kleinen Jungen hatte sie auch. Durch schieren Zufall traf Isadoras Mutter in einem Park auf Miss Desti, die dort mit ihrem Sohn Verstecken spielte. Mrs Duncan hörte ihre Muttersprache, sie rief erstaunt: »Hallo!« Was die junge Landsmännin denn hierher nach Paris verschlagen habe? »Ich will mehr als eine Hausfrau in Chicago sein«, antwortete Mary, »ich fühle es: in mir steckt eine Künstlerin.« Da konnte Dora nicht anders. Sie erzählte von ihrer jüngsten Tochter und lud Mary ins Studio ein.

»Ich habe gehört, dass Sie eine moderne Art der Tanzkunst pflegen«, sagte Mary zu Isadora, »ob ich wohl einmal zusehen darf, wenn Sie proben?«

»Das können wir gleich haben«, antwortete Isadora erfreut. »Warten Sie, ich bitte meine Mutter um einen Walzer.« Mrs Duncan erschien, sie spielte auf, und Isadora warf sich in die Klänge. Sie drehte sich, sie schwebte im Takt, aber sie war nicht kokett, stattdessen verwegen und ernst. Dann kam ein Nocturne von Chopin, die Tänzerin verwandelte sich, duckte sich, sie suchte etwas und schien zu verschwinden, um dann wie ein Vogel flatternd aufzusteigen. Mary blieb der Mund offen stehen. ›Das ist es‹, sagte sie zu sich, ›das ist Kunst. Schönheit und Größe, sie sind kein Trick und keine Meisterleistung, sie fließen vielmehr von selbst aus der menschlichen Seele, wenn nur ein Weg für den Körper gebahnt ist, auf dem sie sich mitteilen kann.‹

»Ich möchte Ihre Schülerin sein!«, rief Mary aus. »Bitte lehren Sie mich diese Bewegungen.«

Isadora musste erst einmal verpusten. Dann nickte sie.

»Sie möchten reguläre Stunden? Ich bin nicht billig.«

»Das ist kein Hindernis.«

»Gut. Kommen Sie morgen um die gleiche Zeit.«

Mary erwies sich als begabt, und Isadora sah ihre Schülerin fast täglich. Einmal, als sie die Rollen getauscht hatten und Isadora zusah, wie Mary einen Tanz zu einem Hirtengedicht von Theokrit improvisierte – Mrs Duncan trug es mit singender Stimme langsam vor –, rief die Lehrerin scharf:

»Stopp! So geht das nicht! Mary, Sie kopieren mich. Das dürfen Sie nicht tun, das ist ein Abweg. Ich will hier nicht La Duncan sehen, sondern Mary Desti!«

»Aber – ich möchte so tanzen wie Sie.«

»Hören Sie, Mary, wenn Sie so tanzen wollen wie ich, müssen Sie so tanzen, wie Sie – wie nur Sie selbst es können. Stellen Sie sich hierher. Schließen Sie die Augen und führen Sie Ihre Hände auf die Partie unterhalb des Brustbeins, ja, genau so. Dort sitzt der plexus solaris, das Sonnengeflecht, ein wichtiges Nervenzentrum. Von hier aus, von der Mitte kommen alle Gefühle, alle Regungen und Bewegungen. Spüren Sie es? Warten Sie, bis Ihre Mitte antwortet. Dann tun Sie einen Schritt oder einen Griff oder eine leichte Neigung des Kopfes. Beginnen Sie mit der Ruhe. Lassen Sie sich atmen. Horchen Sie in sich hinein. Schauen Sie in sich hinein.«

»Wenn ich in mich hineinschaue«, sagte Mary mit kleiner Stimme, »sehe ich – Sie!«

Isadora seufzte. »Kennen Sie den Essay des deutschen Romantikers Heinrich von Kleist ›Über das Marionettentheater‹? Wenn Sie den gelesen haben, werden Sie besser verstehen, worum es mir geht und worum es auch Ihnen als Bewegungskünstlerin gehen sollte. Kopieren ist immer ein Sich-nicht-Trauen und ein Sich-Zieren. ›Denn Ziererei erscheint, wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet, als im Schwerpunkt der Bewegung‹, so Kleist. Wir sollten hier abbrechen und noch mal ganz von vorne anfangen. Was meinen Sie, Mary, haben Sie Lust auf einen Imbiss im Bistro an der Ecke?«

Wenn sie nicht Lehrerin und Schülerin waren, unterhielten sich Mary und Isadora ungezwungen, sie lachten viel und erzählten sich von früher. Isadora war ja auch in Chicago gewesen, und Mary kannte die Etablissements, in denen die 18-jährige Dorita damals aufgetreten war. Und beide konnten einfach drauflosreden, brauchten sich nicht mit der komplizierten französischen Sprache abzumühen.

»Wo ist der kleine Preston?«, fragte Isadora.

»Mit seiner Kinderfrau im Bois de Boulogne.«

»Sie sind well off genug, um eine Nurse zu bezahlen?«, fragte Isadora erstaunt.

»Oh, ja. Mein Exmann hat nichts getaugt, aber er zahlt.«

»Er akzeptiert, dass Sie mit dem Kind in Europa herumreisen und er den Kleinen nicht zu Gesicht kriegt?«

»Er hat nie Interesse an ihm gezeigt«, sagte Mary und kniff die Lippen zusammen, »aber lassen Sie uns das Thema wechseln.« Sie beugte sich vor und lächelte. »Kann es sein, dass ich Ihre erste Schülerin bin?«

»Oh, nein«, antwortete Isadora, »ich habe in San Francisco schon eine richtige kleine Tanzschule geführt. Hinter unserem Haus gab es einen Schuppen, und dort hat mein Bruder Augustin für uns ein winziges Theater gebaut. Wir gaben Vorführungen für Nachbarn und Freunde. Und die Nachbarskinder kamen zu mir, um tanzen zu lernen. Sie zahlten dreißig Cent pro Nase. So trug ich schon damals zum Familieneinkommen bei.«

»Was sagten denn Ihre Lehrerinnen dazu?«

»Gar nichts. Stumpfsinniger Drill, diese Elementarschule. Mit elf Jahren habe ich beschlossen, nicht mehr hinzugehen.«

Mary staunte. »So früh schon? Aber Sie erscheinen mir doch recht bewandert, zum Beispiel in Kunsttheorie. Und in Musik …«

»Alles, was ich gelernt habe, verdanke ich meiner Mutter und meinen Geschwistern. Mein Leben als Kind war praktisch laufender Unterricht daheim. Mit zehn lernte ich Deutsch und las Kant – verstehen tat ich ihn erst später, zugegeben. Und mit zwölf schon durfte ich Tanzlehrerin sein. Die Kinder liebten mich, sie kamen gern. Eigentlich wünsche ich mir auch heute wieder eine Schule.«

»Immerhin haben Sie ja jetzt schon mich als Schülerin. Die Anfänge sind gemacht.«

»Was bedeutet der Name Desti, Mary? Destination?«

»Er ist meine Erfindung – haben Sie das geahnt? Eigentlich heiße ich Dempsey. Das klingt nach gar nichts. In Italien gibt es eine Adelsfamilie mit dem Namen d’Este. In dieses vornehme Geschlecht habe ich mich sozusagen seitlich reingeschlichen.«

»Hm. Meinen Sie wirklich, man wird Mary Desti den italienischen d’Estes zurechnen?«

»Warum nicht?«

»Richtig so. Wir Nordamerikanerinnen stammen doch alle aus Europa. Mein Name Duncan ist schottisch, er kommt bei Shakespeare vor. Und was waren die Duncans? Könige! Meine Mutter kommt aus einer irischen Familie, meine Großmutter ist noch in einem Planwagen auf der Reise nach Westen geboren – und zwar mitten in einem Kampf mit den Indianern. Wir alle, meine Brüder, meine Schwester und meine Mutter haben den berüchtigten irischen Dickschädel.«


Nun war es also abgemacht: Isadora sollte mit Loïe Fuller auf Tournee gehen und im Rahmen ihres Programms auftreten. Sie fühlte sich am rechten Platz, denn die fée d’électricité zog genau das Publikum an, das Isadora vorschwebte. Loïe startete ihre Europatournee mit einem Dutzend ihrer besten Schülerinnen im Frühjahr 1902, erste Station war Berlin. Standesgemäß logierte das Ensemble im Hotel Bristol, Unter den Linden. Das vornehme Haus hatte erst vor Kurzem die erste Automobilausstellung Deutschlands beherbergt. Isadora zog allein durch die Straßen und Gassen der Reichshauptstadt, wie sie es gern tat, um das Gefühl für einen Ort zu bekommen. Sie hatte gehofft, ein nordisches Athen zu erblicken und war doch bald enttäuscht. Berlins preußischer Klassizismus bot die Antike als pedantische Kopie, steif und bedrückend. Zurück im Hotel beschied Isadora desillusioniert den Kellner auf Deutsch: »Geben Sie mir ein Bier, ich bin müde.« Sie brachte gern deutsche Ausdrücke und Redewendungen in ihren Sätzen unter.

Die Auftritte im Wintergarten waren erfolgreich, das Berliner Publikum applaudierte begeistert. Doch auch Loïe Fuller konnte nicht gut haushalten, zumal die Darbietungen der japanischen Tänzerin Sada Yacco, eine Protégée der Fuller, überhaupt nicht ankamen und viel Geld verloren ging. Das Hotel Bristol behielt, als die Truppe abzog, wegen unbeglichener Rechnungen das gesamte Gepäck als Pfand ein. So war es auch den Duncans einst in den USA und in London öfters ergangen, und Isadora begann zu zweifeln, ob sie es richtig gemacht hatte, als sie sich Fuller anschloss. Zumal sich während der Vorstellungen zeigte: Alles drehte sich um Loïe, sie selbst war Beiwerk. Über Leipzig und München ging die Tournee wie geplant nach Wien. Fuller lebte offen lesbisch, die jungen und ausgesprochen hübschen Mädchen des Ensembles, die als Walküren und Nereiden den Vordergrund der Bühne schmückten, waren ihr sehr zugetan. Ganz selbstverständlich streichelten sie die Hände und Brüste ihrer Angebeteten und küssten ihren Mund. Beflissen brachten sie Eisbeutel und Kräuterpackungen und verteilten Kissen im Rücken der Diva, die häufig unter Ischiasschmerzen litt. Isadora war zwar eingeweiht in die Lebensweise ihrer Kollegin, doch mit einer solchen Offenheit hatte sie nicht gerechnet. »Unsere Mutter hat uns bestimmt alle geliebt, aber selten liebkost. Und so war ich fast ein wenig erschrocken über diesen starken Ausdruck von wärmster erotischer Zuneigung. So etwas hatte ich noch nie erlebt.«

In Wien sollte Isadora eine befremdliche Erfahrung machen. Unter den Mädchen gab es eine Rothaarige, die alle nur Nursie nannten, denn tatsächlich war sie sehr rührig und kümmerte sich wie eine Krankenschwester um alle anderen – am meisten natürlich um La Fuller selbst – und sie trieb auch Geld für die Weiterreise auf. Dieses Mädchen hatte sich in Isadora verliebt, sie eines Abends vor aller Augen umarmt und geküsst. Isadora traute sich nicht, sich zu wehren, obschon sie sich überrumpelt fühlte. Es ergab sich dann, sicher nicht zufällig, dass Nursie im Hotel in Wien ihre Zimmergenossin war. »Eines Morgens gegen vier Uhr stand Nursie plötzlich auf, zündete eine Kerze an, trat an mein Bett und rief: ›Gott hat mir befohlen, dich zu erwürgen!‹«

Obwohl Isadora große Angst bekam, wusste sie doch instinktiv, dass man Menschen, die außer sich geraten, nicht widersprechen sollte und antwortete: »Ja, du hast vollkommen recht, ich bin bereit. Aber zuvor musst du mich noch ein Gebet sprechen lassen.«

Die List verfing, Nursie bekundete ihr Einverständnis und setzte sich brav auf einen Stuhl. Isadora aber sprang behände aus dem Bett und lief im Nachthemd und mit offenem Haar durch die langen Korridore, lauthals rufend »Lady gone mad!« (= Die Frau ist verrückt geworden!). Nursie blieb ihr dicht auf den Fersen, vier Angestellte des Hotels waren nötig, um die Furie zu stoppen und festzuhalten, bis ein Arzt kam. Isadora hatte nach diesem Vorfall endgültig genug. »Ich kann nicht mehr«, sagte sie zu Loïe. Und sie schickte ein Telegramm an ihre Mutter nach Paris: »Bitte komm sofort. Stop. Und hol mich ab.«


Isadora hatte allerdings in Wien auch eine ermutigende Erfahrung gemacht. Sie war nach einem Soloauftritt im Künstlerhaus am Karlsplatz bejubelt und mit Blumen überhäuft worden, und an diesem Abend kam der ungarische Theateragent Alexander Grosz in ihre Garderobe.

»Ihr Bacchanale war ein Traum, Sie sind einmalig! Wenn Sie Karriere machen wollen, kommen Sie mit mir nach Budapest.«

»Oh, ich danke Ihnen sehr. Ich bin zwar mit Loïe Fuller auf Tournee, wäre aber nur allzu bereit, auf eigenen Füßen zu stehen. Wann könnte es denn losgehen?«

»Sofort, wenn Sie möchten, ich besorge Ihnen eine Unterkunft in Budapest. Sie können in der wunderschönen venezianischen Urania auftreten, eines der besten Theater der Stadt.«

»Ich muss Sie aber warnen. Mein Tanz ist für die Elite, für Künstler, Bildhauer, Maler und Musiker geeignet, nicht für das breite Publikum.«

»Ah, das passt schon. Künstler sind die strengsten Kritiker, denen wird Ihre Art zu tanzen sehr gefallen, da bin ich sicher. Beim großen Publikum werden Sie dann erst recht Erfolg haben. Vertrauen Sie mir, ich habe viel Erfahrung in diesem Metier.«

Isadora zögerte ein wenig, denn es war das erste Mal, dass sie in einem Theater vor großem Publikum ihre Kunst darbieten sollte, und sie fürchtete sich sehr vor mangelndem Verständnis. Was, wenn die Zuschauer im Sperrsitz Münzen auf die Bühne würfen oder von ihr verlangten, die Tunika fallen zu lassen? Grosz redete ihr gut zu, und diesmal ließ sie sich überzeugen und unterzeichnete einen Vertrag. Ihre Mutter kam in Wien an, die beiden brachen sogleich mit Grosz nach Budapest auf. Isadora Duncans Debut dort im April 1902 bestand unter anderem aus Improvisationen zu Johann Strauss’ Donauwalzer, der inoffiziellen Landeshymne Wiens, und zu Franz Liszts Rákóczi-Marsch, der inoffiziellen Landeshymne Ungarns. Agent Grosz sollte recht behalten, die Menschen waren aus dem Häuschen. »Der erste Auftritt in der Urania wurde ein unbeschreiblicher Erfolg – ich tanzte dreißig Abende vor ausverkauftem Haus. Das temperamentvolle ungarische Publikum raste, die Menschen warfen ihre Hüte und Mützen auf die Bühne, alles sprang von den Sitzen auf und geriet in einen derartigen Rausch der Begeisterung, dass ich den Walzer viele Male wiederholen musste, bevor die Leute wieder halbwegs zur Vernunft kamen.«

Im Gegensatz zu Berlin machte Budapest mit seinen Bauten und seiner Atmosphäre einen tiefen Eindruck auf Isadora, die luxuriösen Gärten und breiten Boulevards, die Menschen in ihren farbenreichen Trachten und die Roma-Kapellen, die überall auf den Straßen und Plätzen aufspielten, gefielen ihr sehr. Deren Rubato, die Verlängerung oder Verkürzung von Tönen, die Beschleunigung oder Verlangsamung des Tempos, verbunden mit dem Versprechen, die ›geraubte Zeit‹ wieder zurückgegeben, beeindruckte sie. »Ein Zigeuner, der auf einer staubigen Straße in Ungarn spielt, war mehr wert als alle sogenannten Spitzenmusiker der Welt zusammen.« Sie war inspiriert. Und versuchte im Hotelzimmer, während die Mutter einen Rhythmus klatschte, das Rubato in Bewegung zu übersetzen, indem sie dem Takt mal vorauseilte, mal zurückblieb – dieses Ausscheren wurde zu einem ihrer typischen Stilmittel.

Das gute Essen, der kräftige Tokajer, den sie des Nachts mit Freunden und Bewunderern genoss, der Flieder, die Akazienblüten, die vielen Blumen der Stadt, deren Düfte die Luft erfüllten, dies alles vor dem Hintergrund ihres triumphalen Erfolgs, lässt ahnen, wie aufgeregt die Tänzerin Duncan damals war und wie unbesiegbar sie sich gefühlt haben muss.

»Es war überhaupt das erste Mal, dass ich in meinem Leben so gut und üppig zu essen bekam – und das Überangebot an Nahrung hob meine Stimmung. Dies alles bewirkte, dass ich meines Körpers richtig bewusst wurde und ihn nicht nur als Instrument des Ausdrucks geheiligter musikalischer Harmonien betrachtete.«

In der Doppelstadt, lange Zeit hieß sie Pest-Buda, begann Isadoras Weltkarriere. Und hier sollte sie auch ihre erste große Liebe, ihren »Romeo«, wie sie ihn nannte, kennenlernen.

Im Publikum der Urania befand sich ein junger Mann, ein talentierter Schauspieler des Nationaltheaters, der bedeutendsten Bühne des Landes: Oscar Beregi. Bei einem Souper nach Isadoras Auftritt wurden die Tänzerin und der Schauspieler einander vorgestellt. Und so beschrieb Isadora die erste Begegnung:

»Ich sah in zwei große schwarze Augen, die sich glühend in meine brannten, mit einer so feurigen Bewunderung und ungarischen Leidenschaft, dass in diesem Blick die ganze Bedeutung des Budapester Frühlings lag. Von diesem ersten Blick an waren wir schon in den Armen des anderen, keine Kraft auf Erden hätte das verhindern können.«

II
Die Quellen der Kunst

Die Ankunft ihrer Mutter in Wien war eine große Erleichterung für Isadora gewesen. Das familiäre Nest war ihr immer noch wichtig; sie brauchte ihre Duncans um sich herum als Anreger, Fürsprecher, Trostspender und Hilfskräfte. Und nachdem sich die Ersatzfamilie rund um Loïe Fuller in all diesen Hinsichten als untauglich erwiesen hatte, war Isadora umso erfreuter, die Mutter wieder in die Arme zu schließen. Es war schwer genug für sie gewesen, Fehlschläge wie in Berlin, wo sie im Schatten Fullers nur Achtungserfolge erzielen konnte, allein wegzustecken. Aber ein Triumph, so rauschend wie der in Budapest, musste erst recht geteilt werden! Dass Mrs Duncan so eilends gekommen war, rechnete ihr die Tochter hoch an. Doch nun … Nun, nach der Begegnung mit Oscar Beregi, überlegte sie hin und her, wie sie es anstellen könnte, sich von der Mutter loszueisen. Sie streifte wieder einmal allein durch die Straßen der Stadt und über die Brücken, sie schaute über die Donau hin, beobachtete die Boote und warf Steinchen ins Wasser. ›Als Erstes‹, dachte sie, ›werde ich mit Mutter in die Vorstellung von Romeo und Julia im Nationaltheater gehen. Auch wenn ich kein Wort verstehe, ich muss diesen Jungen auf der Bühne sehen.‹ Was hatte er zu ihr gesagt? »Sie haben ein Gesicht wie eine Blume.« Sein Englisch war unvollkommen, er mischte Deutsch hinein, aber es reichte für die Verständigung. Sie hatten eine ganze Weile miteinander geredet. War sie ihm zu oft ins Wort gefallen? Mit ihren Lieblingsthemen, dem Solarplexus, der antiken Tragödie und den deutschen Philosophen? Nein, er hatte gelächelt, während sie sprach und ihr anvertraut, dass er für die Rolle des Marc Anton in Shakespeares Julius Cäsar vorgesehen sei. Für eine Aufführung von Romeo und Julia wolle er beste Plätze für sie und ihre Mutter buchen und an der Theaterkasse hinterlegen lassen. ›Was soll ich anziehen?‹, dachte sie jetzt auf der Brücke, ›das seidene Reformkleid, dazu Blumen im Haar, echte, ungarische Frühlingsblumen, wilde womöglich, gepflückt auf der Donauinsel … Diesmal‹, sagte sie zu sich, ›ist es Liebe‹. Dessen war sie sich sicher. Nur wie sie mit Beregi irgendwohin, wo niemand war, verschwinden könnte, das wusste sie noch immer nicht. ›Er ist ja auch noch da‹, seufzte sie, ›er wird schon einen Weg finden, er kennt sich hier aus.‹

Und so kam es. Nach der Aufführung von Shakespeares Tragödie, in der Beregi kühn seine glühendsten Liebesworte in Richtung Proszeniumsloge sprach, wo, wie er wusste, die schöne Tänzerin saß, lud Beregi Isadora und ihre Mutter in seine Kutsche ein und fuhr sie zum Hotel. Dort soupierte er mit beiden Damen und etlichen weiteren Theaternarren, und es ergab sich, o Wunder, dass Mrs Duncan sich um Mitternacht in ihre Suite zurückzog und auch die anderen Bewunderer sich zerstreuten. Das Paar blieb allein. Sie plauderten, machten Pausen und sahen einander an. Die Pausen wurden länger, und sie lächelten nicht mehr, wenn sie sich in die Augen schauten. Da ergriff Beregi Isadoras Hand und sagte:

»Komm mit mir. Ich kenne einen Landgasthof, dort sind wir allein. An der Rezeption hier im Hotel hinterlegen wir ein Billett für deine Mutter. Komm.«

Isadora stand auf, ohne seine Hand loszulassen, und ging mit ihm hinaus. Sie stiegen in die Kutsche und begannen dort, sich zu küssen. Der Gasthof lag weit vor den Toren der Stadt, es war Zeit genug für viele Küsse.

Oscar Beregi hatte nichts dagegen, Isadoras erster Liebhaber zu sein, ja, er genoss die überraschende Rolle und spielte sie mit Inbrunst und Ausdauer. Isadora selbst hatte diese überfällige erste Nacht lange herbeigesehnt, aber auch gefürchtet. Sie ging in das Abenteuer hinein in dem Bewusstsein, jetzt etwas zu erleben, das ihrer Kunst einen ganz neuen Impuls geben könnte. Zugleich aber fürchtete sie, dass die Liebe sich als stärker erwiese als ihr Ehrgeiz und ihrer Laufbahn ein Ende machte. Also litt sie in den Armen ihres Geliebten, nicht nur, weil der sexuelle Akt ihr wehtat – »Ich schrie vor Schmerz« –, sondern auch, weil sie ahnte, dass da etwas auf sie wartete, das stärker wäre als die Genugtuung des Applauses im Blendlicht der Scheinwerfer. Sie wehrte dieses unbekannte Glück instinktiv ab, weil sie ja sie selbst bleiben wollte, Isadora Duncan, die Botschafterin einer neuen Tanzkunst. Zugleich aber war es ihr zuwider, unberührt und unwissend zu sein, und sie reckte sich nach der neuen Erfahrung mit all ihrer Kraft. Beregi versicherte ihr, dass der Schmerz vergehe und sie statt seiner ein Lustgefühl erleben werde »wie der Himmel auf Erden«. Er hatte nicht zu viel versprochen. Die beiden gaben einander Zeit und nahmen sich die Zeit, und Oscar Beregi wusste, was er seiner Blume schuldig war. Die kam nach und nach wieder zu sich. »Um Himmels willen, Oscar«, sagte sie, »ich hab heute Abend Vorstellung!« Er erwiderte: »Und ich auch!« Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Kutscher schlug auf die Gäule ein, um sie in den Galopp zu treiben. »Küss mich noch einmal«, sagte Oscar und bat sie, nach ihrem Auftritt auf ihn zu warten. Isadora tanzte die Iphigenie zur Musik von Christoph Willibald Gluck in einem Zustand der Benommenheit und der Selbstvergessenheit, aber ihr treues Publikum jubelte und klatschte wie sonst auch. ›Bin ich eine andere geworden?‹, befragte sie sich. ›Nein, ich bin ich selbst geblieben. Ich bin sogar noch mehr ich selbst.‹ Und mit ausgestreckten Armen trat Isadora an die Rampe und verbeugte sich tief.

Die Mutter war natürlich sehr durcheinander und voller Sorge um ihre Dorita, sie sah der Tochter ins Gesicht, zuckte die Achseln und dachte sich ihr Teil. Isadora verkroch sich in ihr Hotelzimmer, sie wollte allein sein und herausfinden, was sie fühlte. Das war nicht leicht. Sie las in Nietzsches Also sprach Zarathustra, aber anders als sonst sprach der Philosoph heute nicht zu ihr. Sie versuchte zu schlafen. Sie stand wieder auf, kleidete sich an und lief hinaus in die Nacht und an den Fluss. Es war unüblich zu jener Zeit, dass eine ehrbare Frau nachts allein umherlief, und so musste Isadora mehr als einmal vor besorgten oder zudringlichen Budapestern flüchten. Schließlich kehrte sie ins Hotel zurück – um dort zu erfahren, dass Elizabeth telegrafiert hatte: Sie würde am nächsten Tag eintreffen. Isadora machte vor Freude einen Sprung. Hier war ja doch ihr Herz zu Hause: in der Familie. Sie trank am nächsten Morgen Kaffee mit ihrer Mutter und sagte zu ihr:

»Ich glaube, ich habe das erste Mal in meinem Leben richtig viel Geld verdient.«

»So ist es, meine Kleine. Unser Konto ist gut gefüllt. Wenn das so weitergeht, können wir uns öfter mal eine Mietkutsche leisten.«

»Alexander hat eine Tournee für mich gebucht. Er will mich in lauter fashionablen Bädern herausbringen, Karlsbad, Marienbad und Franzensbad. Ich glaube, das ist eine gute Idee. Das Publikum dort ist nicht nur aufgeschlossen, es hat auch Geld.«

»Und Ansprüche«, sagte die Mutter.

Isadora fuhr auf. »Wie? Meinst du, ich hätte nachgelassen? Gestern Abend –«

»Du warst unkonzentriert, mein Kind. Du hast zwei Einsätze verpatzt. Kein Wunder nach drei Tagen ohne Proben. Die Leute haben es nicht gemerkt, sie lieben dich eben. Aber das geht nicht. Ich weiß, dieser Herr Beregi hat es dir angetan, und ich habe Verständnis. Aber du musst deine Verpflichtungen erfüllen. Deine Kunst darf nicht leiden.«

Isadora sah in ihre Tasse. »Mutter«, flüsterte sie, »steht die Liebe über der Kunst?«


Isadora in der Rolle der Priesterin in »Iphigenie auf Tauris« von Christoph Willibald Gluck, um 1903/04

»Die Kunst ist Liebe. Liebe zur Wahrheit. Zur Schönheit. Und sogar zum Publikum.«

»Das meine ich nicht. Ich meine die Liebe Julias zu Romeo. Oder Eurydikes zu Orpheus. Die Wollust. Die Seligkeit. Kann mich all das wegreißen von der Bühne, von meinem blauen Vorhang? Sag mir, muss ich das fürchten?«

Die arme Mrs Duncan wusste nicht, was sie antworten sollte. Natürlich gab es diese Gefahr. Aber es wäre für sie selbst und für die gesamte Familie eine Katastrophe, wenn Isadora ausfiele. »Du stehst doch erst am Anfang deines Weges«, sagte sie leise, »geh ihn weiter.« In Isadoras Memoiren finden sich diese Sätze: »Mein Leben kannte nur zwei Leitgedanken – die Liebe und die Kunst. Oft zerstörte eine Liebe die Kunst, und oft beendete der herrische Ruf der Kunst tragisch eine Liebe. Die beiden standen in einem ewigen Kampf miteinander.« Damals in Budapest hat der Kampf begonnen.


Elizabeth kam an, die Frauen der Familie waren wiedervereint und wussten alle drei nicht, wie sie es so lange ohne einander ausgehalten hatten. Für Isadora aber gab es jetzt noch ein Magnetfeld außerhalb der Familie, das sie stärker anzog, als sie selbst es wollte; doch wenn sie in Oscar Beregis Armen lag, war ihr alles andere egal. Sie war rettungslos verliebt, er war es ebenso, aber abends mussten sie beide auftreten und durften keine Einsätze verpatzen. Beregi war ein offener Charakter und ein Mann der Tat, er fand es nur richtig und natürlich, dass er und seine amerikanische Julia heiraten sollten.

»Du weißt es, ich habe es dir gesagt – für mich kommt eine Ehe keineswegs in Frage«, sagte Isadora mit fester Stimme.

Er breitete die Arme aus. »Dann lass es eine wilde Ehe sein. Hauptsache, wir sind zusammen.«

»Aber – wie stellst du dir unser Leben vor? Ich werde nächste Woche auf Tournee gehen, und ich denke nicht daran, die Gastspiele abzusagen. Und du … du probst den Marc Anton …«

»Richtig. Und du kannst diese Rolle mit mir üben. Dein Urteil bedeutet mir alles. Was meinst du – wäre denn die Rolle als Frau an meiner Seite für dich so gänzlich unannehmbar? Du sitzt abends in der Loge und sagst mir in der Nacht bei einem Glas Tokajer, was ich noch ändern sollte?«

Und ehe Isadora antworten konnte: ›Wie wär’s, wenn ich des Abends auf der Bühne stünde und du zuschautest‹, hatte Beregi sie um die Taille gefasst und hinausgeleitet, um mit ihr eine Kutschfahrt anzutreten. Es ging zu einem Haus, in dem Oscar eine Wohnung für sich und seine Liebste mieten wollte. »Wie findest du es hier? Für den Anfang würde es genügen. Die Küche ist ganz neu eingerichtet.« Isadora stöhnte. Er küsste sie, und sie sagte:

»Ich möchte jetzt sofort mit dir ins Bett.«

»Einverstanden. Aber nur, wenn du mich heiratest.«

Nach und nach begriff Beregi, dass seine Geliebte es ernst meinte, wenn sie sagte, ihre Kunst stünde für sie an erster Stelle und sie wolle niemals eine Ehe eingehen. Er fand sie auf der Bühne ja auch so überwältigend, dass er ihr diese Einstellung zugestand. Andererseits hielt er sich selbst für die beste Partie der Welt, und deshalb hoffte er immer noch, dass sie es sich überlegen würde. Das hoffte er auch um seiner selbst willen. Denn schließlich: Hatte er jemals eine so leidenschaftliche Geliebte besessen? Die dazu noch unberührt in seinen Armen angekommen war? Eine Frau, die so wundersame Worte zu sagen wusste über seine Haare, seinen Mund, seine Stimme und sogar über seine Füße? Nein, das hatte er nicht. Einstweilen aber war sie unterwegs nach Franzensbad, und Oscar vertiefte sich in den Marc Anton.

Für Isadora war die Tour durch die Bäder eine Qual. Sie war so erfüllt von Sehnsucht nach Oscar und so unglücklich über seine Abwesenheit, dass sie keinen Schlaf fand und der Appetit ihr verging. Trotzdem trat sie auf und tanzte zu Gluck, Chopin und Wagner. Bald sah sie abgezehrt aus und musste ihre Tuniken enger stecken, man hätte sonst ihre schmale Gestalt in den wallenden Gewändern kaum noch wahrgenommen. Schließlich fiel sie krank aufs Lager. Glücklicherweise gab es in Franzensbad gute Ärzte. Die Mutter fütterte ihr Kind mit Rinderbrühe, Elizabeth half der Kranken bei der Wasserkur, aber es wurde nicht besser. Beregi erfuhr von ihrem Zustand und kam kurz entschlossen angereist. Er schlich sich sogar für die Nacht in ihr Krankenzimmer und sorgte so für eine nachhaltigere Therapie. Die Krankenschwester wurde wütend, als sie ihn entdeckte und warf ihn kurzerhand hinaus. Aber er blieb in der Nähe und besuchte Isadora täglich. Allmählich kam sie wieder auf die Beine. Sie liebte ihren Oscar und er sie, aber er musste wegen der Premiere des Julius Cäsar zurück nach Budapest und sie mit Mutter und Elizabeth weiter nach Karlsbad. Sie bemühten sich beide, dem Pathos der getrennten Liebenden Inspiration für ihre Bühnenpräsenz abzugewinnen, fühlten und wussten aber, dass es so nicht weitergehen konnte und eine Entscheidung anstand. Sie entschieden sich für die Trennung. Aber sie blieben einander gewogen und sahen sich später wieder.


Alexander Grosz übte keinerlei Druck auf seine Tänzerin aus, ganz im Gegenteil, er tröstete und besänftigte sie, wenn sie weinte, weil sie sich zu krank fühlte, um aufzutreten.

Er sagte: »Ich verstehe Sie gut, Isadora. Oscar Beregi ist ein großartiger Schauspieler und ein umwerfend schöner Mann. Wer könnte ihm widerstehen? Wäre ich eine Frau …«

Isadora putzte sich die Nase. »Schon gut, Alexander. Ich danke Ihnen für Ihre Sympathie. Aber was soll ich tun? Ich bin hin- und hergerissen. Oscar, die Bühne, der Mann, die Kunst –«

»Natürlich, das ist ein Konflikt. Aber ich denke, verzeihen Sie, auch ans Geschäft. Wir können uns noch fünf, sechs Tage ohne Auftritt leisten, dann wird es finanziell eng. Was halten Sie von München? Ich hätte da Verbindungen.« Isadora maß in Gedanken den Abstand von Budapest nach München und nickte traurig.

Ihren Trennungsschmerz verwandelte sie in Kunst. Sie ersann eine Variante der Geschichte von Iphigenie, einen Tanz, der den Abschied vom Leben am Altar des Todes darstellt. Für eine endgültige Genesung begab sie sich mit Elizabeth ins mondäne Seebad Abbazia (Opatija) auf der Halbinsel Istrien, den ersten Kurort an der österreichischen Adriaküste. Die beiden Frauen fuhren die schmale Küstenstraße auf der Suche nach einer Unterkunft rauf und runter und erregten so die Aufmerksamkeit der Leute in dem kleinen Ort, auch die des Erzherzogs Ludwig Viktor, des jüngsten Bruders vom österreichischen Kaiser. Ludwig Viktor, ein bekennender Uranier, lud die beiden kurzerhand in seine Villa im Garten des Hotels Stephanie ein, dort konnten sie wohnen. Das wiederum löste eine nicht geringe Irritation in den aristokratischen Kreisen des Kurortes aus, die sich neugierig an die Tänzerinnen wandten – doch nicht etwa aus Interesse an der Kunst, nein, die meisten wollten herausfinden, in welchem Verhältnis die Frauen zu Ludwig Viktor standen. Die Schwestern ließen es sich gut gehen, speisten ausgiebig und gingen schwimmen, natürlich nicht in dieser Reihenfolge. »Damals führte ich ein Badekostüm ein, das bald sehr beliebt wurde, eine leichte blaue Tunika aus hauchfeinem Crêpe de Chine, mit tiefem Nackenausschnitt, dünnen Trägern, einem Rock, der eben die Knie bedeckte, die Beine nackt. Es war noch üblich, vollständig in Schwarz gekleidet mit knöchellangen Hosen und Schuhen ins Wasser zu gehen. Man kann sich vorstellen, was für ein Aufsehen ich erregte. Der Erzherzog wandelte stets mit einem Opernglas bewehrt die Promenade entlang und beobachtete uns. Gut hörbar murmelte er: ›Ach, wie schön ist diese Duncan. Ach, wie wunderschön! Diese Frühlingszeit ist nicht so schön wie sie.‹«

Jener paradiesische Flecken Erde inspirierte Isadora Duncan zu einer wiederkehrenden Stilfigur ihrer Kunst. Denn hier in dem gemäßigten Klima wuchsen Palmen direkt vor ihrem Fenster, sie konnte sie oft beobachten.

»Ich bemerkte, wie die Palmblätter sich in der Morgenbrise wiegten und kreierte ähnliche Bewegungen für meinen Tanz, etwa das Flattern der Arme, Hände und Finger. Viele meiner Nachahmerinnen haben das zu kopieren versucht, ohne dass sie überzeugen konnten. Denn sie wussten nichts von der Quelle dieser Bewegungen, dem kontemplativen Zittern der Palme, und konnten sie daher nicht innerlich empfangen, bevor sie äußerlich Gestalt annahmen.«

Grosz kabelte, er habe da eine Anfrage: »Münchner Künstlerhaus. Stop. Was meinen Sie?« Von diesem Etablissement hatte Isadora gehört, es war erst vor wenigen Jahren unter dem Motto Das Haus soll allen Künstlern Münchens ein Sammelplatz sein für Frohsinn, Rat und ernste Tat eröffnet worden – ein opulent ausgestatteter Neorenaissance-Bau, der wegen seiner ungewöhnlichen Fassade ins Auge fiel. »Dort traf sich täglich ein Kreis von Künstlern um die Meister Kaulbach, Lenbach und von Stuck, um das gute Münchner Bier zu trinken und über Philosophie und Kunst zu debattieren.« Die Duncans und Grosz fuhren im November 1902 nach München, und Isadora trat im Künstlerhaus auf. Aber das war nicht selbstverständlich, es gab im Vorfeld Widerstände gegen den Auftritt einer Tänzerin, insbesondere von Franz von Stuck. Der Jugendstilmaler fand eine leicht bekleidete, barfuß tanzende Frau unpassend in diesem Tempel der Kunst. Dabei hatte sich der Mann über Jahre mit dem Thema Tanz in Paar- und Reigentänzen sowie einzeln tanzender Frauen intensiv beschäftigt. Also glaubte er kompetent zu sein und fürchtete, Isadora würde ihn enttäuschen oder, schlimmer noch, den Kunsttempel mit vulgärem Exhibitionismus entweihen. Wenn Isadora solchen Vorbehalten begegnete, trat sie meist einen Schritt auf die Menschen zu. Eines Morgens besuchte sie also den Künstler in seiner von ihm selbst errichteten großartigen Villa in der Prinzregentenstraße, zog sich um, tanzte für ihn in ihrer Tunika und setzte ihm anschließend über Stunden »die Heiligkeit meiner Mission – die Wiedergeburt der Religion mit den Mitteln des Tanzes« auseinander. »Später erzählte von Stuck, wie er mir anvertraute, seinen Freunden gern, dass er selten in seinem Leben so überrascht gewesen sei. Es habe sich für ihn angefühlt, als sei eine Waldnymphe vom Olymp herab in sein Atelier gestiegen. Natürlich gab er seine Zustimmung.«

Isadora hatte einen Riecher für die richtigen Orte ihrer Auftritte. So tanzte sie auch im Kaim-Saal in der Maxvorstadt, wo Arthur Schnitzlers Reigen uraufgeführt wurde und die weltweit erste Eurythmie-Vorführung stattfand. Und sie sorgte auch hier für eine Sensation. »Der Erfolg war unglaublich. Besonders die Studenten gebärdeten sich wie verrückt. Nacht für Nacht spannten sie die Pferde meines Wagens aus und zogen mich durch die Straßen. Dazu schmetterten sie ihre Studentenlieder und liefen mit Fackeln neben meiner Kutsche her. Oft standen ganze Gruppen stundenlang vor meinem Hotelfenster und sangen, bis ich ihnen Blumen und Taschentücher zuwarf, um die sie sich dann balgten, weil sie sie auf ihre Kappen heften wollten.«

Isadora ließ sich von diesem Enthusiasmus anstecken, in einem Studentencafé tanzte sie tatsächlich auf den Tischen, was in der Satire-ZeitschriftSimplicissimus Erwähnung fand. Sie schrieb in ihren Memoiren: »Die jungen Leute tanzten die ganze Nacht, ein wiederkehrender Refrain war ›Isadora, Isadora, ach, wie schön das Leben ist‹. Obgleich einige nüchterne Bürger der Stadt schockiert reagierten, blieb es doch ein unschuldiger Spaß – auch wenn mir Kleid und Schal regelrecht zerrissen wurden.«

Eines Abends entdeckte Isadora bei einem Auftritt im Künstlerhaus in der ersten Reihe das Profil eines Mannes, das ihr bekannt vorkam. Diese markante Nase, die hohe Stirn und die auffälligen Augenbrauen hatte sie schon irgendwo gesehen. Es war der seinem Vater sehr ähnliche Siegfried Wagner, der da begeistert applaudierte. Isadora war begierig zu hören, was der Sohn des hochverehrten Komponisten zu erzählen hatte. Siegfried Wagner war bei Engelbert Humperdinck in die Lehre gegangen, der bald in Berlin ein wichtiger Unterstützer Isadoras werden sollte. Jetzt kam Wagner mit einem Liliengebinde zu ihr in die Garderobe und sagte:

»Miss Duncan, was Sie auf der Bühne machen, davon könnten wir auch in Bayreuth eine Menge lernen. Wären Sie bereit, für unsere Festspiele zu arbeiten?«

Isadora lächelte erst einmal nur, wie sie es meistens tat, wenn sie Zeit brauchte, um einen Entschluss zu fassen. Dann sagte sie:

»Es wäre mir eine große Ehre, bei Ihnen im Festspielhaus aufzutreten. Aber – ich kann leider nicht singen.« Beide lachten, sie verlegen, er höflich. Dann sagte er:

»Sie wissen, dass Tanzeinlagen in den Opern meines Vaters eine wichtige Funktion erfüllen?«

»Tanzeinlagen –« wiederholte Isadora gedehnt, »Das eben biete ich nicht.« Und sie erklärte Siegfried Wagner das Niveau und den Anspruch ihrer Kunst, so gut es in der Eile ging.

»Ich verstehe«, sagte Wagner, »und pflichte Ihnen bei. Es geht um mehr als um Einlagen. Beziehungsweise: Es geht um etwas ganz anderes. Um einen Appell an die Gottheit. Um eine Anrufung. Um Erhabenheit. Darum geht es uns auf dem Grünen Hügel auch. Ich bin sicher, wir werden uns einig. Ich werde meine Mutter bitten, sich an Sie zu wenden.«


Als Isadora an diesem Abend ins Hotel zurückkam, sah sie so abgekämpft aus, dass die Mutter fürchtete, ihre Kleine könne zu viel an Budapest und an die Liebe denken, und sich spontan eine attraktive Ablenkung überlegte:

»Hör mir zu, Dorita. Alexander spricht von Berlin. Er könnte da für dich die großen Soloabende organisieren, in der Kroll-Oper, verstehst du, fünftausend Plätze, und er wird es schaffen. Noch sind wir im Süden. Von hier aus ist es nicht weit nach Florenz. Was meinst du? Elizabeth wollte schon lange dorthin.« Isadora war einverstanden, und so brachen die drei Frauen ins schöne Italien auf. Für La Duncan war die Begegnung mit Florenz von besonderer Bedeutung, denn sie ging schnurstracks in die Uffizien und verliebte sich dort in ein Gemälde von Sandro Botticelli, sein Werk Primavera (= Frühling), das ihren Tänzen ein neues Leitmotiv vorgeben sollte. »Tagelang saß ich am Boden vor dem Bild; ein freundlicher alter Aufseher brachte mir schließlich einen Stuhl. Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen wachsen und die zarten Körper im Tanz sich wiegen sah, und in mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe und des Frühlings mitteilen wollte.« Später, 1903 in Berlin, war Isadora immer noch im Banne Botticellis, und unter den Kunstfreunden in ihrem Publikum, die das berühmte Bild natürlich kannten, gab es nicht wenige, die ihr attestierten, wie eine Botticelli-Venus auf der Bühne zu schweben.

»Was Sie da sagen«, antwortete Isadora, »befriedigt mich tief. Denn Sie müssen wissen, dass ich in einem früheren Leben für Botticelli Modell gestanden habe.«

»Wie war er als Mensch denn so«, fragte ein vorwitziger Kunststudent, »der große Meister Botticelli?«

»Oh«, replizierte Isadora schlagfertig, »er erlaubte mir nach jeder Sitzung so viele der gemalten Orangen zu pflücken und zu essen, wie ich wollte, und davon habe ich heute noch meine gesunde Haut.«


Es war Frühling in Berlin, als Isadora in der Kroll-Oper, unweit des Brandenburger Tores, ihre Soli tanzte, diesmal mit großem Orchester. Sie sah nun die Stadt in einem anderen, freundlicheren Licht als bei ihrem ersten Besuch mit der Fuller-Company, vor allem, weil jetzt der Applaus ungeteilt ihr galt. Die jungen Leute im Publikum waren ähnlich enthusiastisch wie die Münchner Studenten, auch sie spannten nach den Vorstellungen die Pferde vor Isadoras Kutsche aus und zogen ihr Idol mit eigener Kraft heim ins Hotel Bristol – wo man ihr das vor Jahr und Tag eingelagerte Gepäck mit vielen Verbeugungen und Pardon-Beteuerungen zurückgab. Die Stadt sprach von ihr, man feierte sie und nannte sie in der Presse und auf den Programmzetteln »die Göttliche«. Eines Abends meldete sich der Berliner Journalist Erwin Rosen bei Isadora und lud sie zum Essen ein. Er wollte einen Artikel über sie schreiben. Noch hatte er sie nicht auf der Bühne gesehen und war voller Erwartung. Viele seiner Kollegen schwärmten von ihr – besonders von der subtilen Ausdruckskraft ihrer Arme und Hände. Rosen notierte: »Ich hatte in Münchener Zeitungen gelesen, dass ihre Tänze unter den Münchener Künstlern richtige Stürme der Begeisterung entfesselt hätten. So begab ich mich schleunigst zu ihr ins Hotel. Überschrift meines Artikels sollte sein: ›Die neue Tanzkunst‹. Ich verarbeitete da natürlich fast nur das, was die gute Duncan mir zu erzählen beliebte, aber ich gab aus Eigenem hinzu, welche Eindrücke ich empfing, als ich sie beim Essen ihres Hühnchens beobachtete. Dabei ging mir nämlich ein Licht auf. Wer so wunderschöne Hände hat und die Bewegungen dieser Hände und Arme so zu beherrschen versteht, dass das Zerlegen eines Hühnchens mit Messer und Gabel für den erstaunten Beobachter ein ästhetischer Genuss wird – der hat auch Rhythmus im Leibe und Grazie; es müsste also etwas dran sein an der neuen Tanzkunst!«

Nicht alle Kritiker und Kunstsachverständigen waren von Isadora angetan. Das Völkchen der Ballettomanen etwa verzieh der Avantgardistin ihre Schmähungen des Spitzentanzes nimmermehr und würdigte sie guten Gewissens herab. Insbesondere die Berliner waren nicht allzu galant. Schon bei Erwin Rosen spürt man einen leichten Spott, noch deutlicher machte sich der wortgewandte Kritiker Max von Boehn über die Botschafterin der neuen Tanzkunst lustig: Er nannte sie »die tanzende Gouvernante«. Und weiter: »Sie hopste auf der Bühne herum mit Arm- und Handbewegungen, als finge sie Fliegen, aber mochte zehnmal jede Nuance einer alten Vase abgesehen sein, es war zusammen doch kein Ganzes, nichts, was ein innerer Zwang beseelt hätte.« Immerhin erkannte er an: »Was sie als Tänzerin schuldig blieb, hat sie als Anregerin gut gemacht. Miss Duncan hat den Tanz wieder in seine Rechte als individuelle Kunst eingesetzt, sie hat die Bahn freigemacht für den neuen Tanzstil, der sich an der schematischen Akrobatik des Balletts nicht mehr genügen lässt.«

Wie alle Menschen, die etwas Neues bieten, hatte Isadora gelernt, Kritik achselzuckend hinzunehmen, zu ignorieren oder abzuwehren. »Mein Tanz wurde Gegenstand hitziger Debatten. Ganze Kolumnen erschienen ständig in den Zeitungen, die mich entweder als Genius einer neu entdeckten Kunstform feierten oder als Zerstörerin des klassischen Balletts beschimpften.« Es gab einen Bewunderer, der sogar eigens begründete, warum es unmöglich oder jedenfalls nicht richtig sei, Duncan zu kritisieren, und mit diesem Schriftsteller namens Karl Federn freundete Isadora sich an. Er schrieb: »Was das Ausdrucksvollste an ihr ist, ob ihre Hände, ihr Antlitz oder der vollkommene Fuß – wir wissen es nicht. Zur Kritik ihrer Tänze ist meiner Ansicht nach noch nicht die Zeit. Ihr Weg ist noch zu neu. Und das Wesentliche ihrer Tat, die Rückkehr zur individuellen Inspiration, lässt sich überhaupt nicht kritisieren.« Der Dichter, Anarchist und Vagant Peter Hille feierte Isadora so: »Ihre Kunst ist so einfach, Intuition, nicht Regeltanz; da bedarf es weiter keines Rezepts: nichts Künstliches, keine blutig getrippelten Zehen, nichts Vergewaltigtes, keine wirbelnden, lebendigen Kreisel – einfach Leben, das sich erlauscht und das Erlauschte tanzt. Deshalb wird diese Kunst auch so inbrünstig gehasst von allen Tanzmeistern und Kritikern der Welt, wie sie gelobt wird von freischöpferischen Geistern der Künstler.«

›Das Beste ist‹, dachte Isadora, ›ich stelle selbst ein für alle Mal klar, worum es mir geht.‹ Vor dem inneren Auge Botticellis Primavera mit den drei Grazien und im Kopf, in dessen cérébralen Regionen, die Ideen und Ideale ihrer Kunst, beschloss sie, alles zu Papier zu bringen, was sie an Erfahrungen, Vorstellungen und Zielen in sich hatte und mit sich trug. Dem Manuskript, das sie verfertigte und auf Einladung des Berliner Pressevereins dort zum Vortrag brachte, gab sie den Titel Der Tanz der Zukunft. Es wurde 1903 von dem renommierten Verleger Eugen Diederich in Leipzig als Buch herausgebracht, zweisprachig, auf Englisch und Deutsch.

»Der wahre Tanz sollte nun nichts anderes sein als eine natürliche Gravitation des Willens im Individuum, nicht mehr und nicht weniger als eine Übertragung der Gravitation des Weltalls in das menschliche Individuum.

Und du, o Pan, der du mitleidig und freundlich warst gegen die arme Psyche auf ihren Wanderungen, denke doch gütiger von meinen kleinen Versuchen, in deinen waldigen Lichtungen zu tanzen.

Und du, o Terpsichore, sende du mir ein wenig Trost und Stärke, dass ich deine Macht auf Erden verkünden möge mein ganzes Leben hindurch. Und nachher im schattenhaften Hades soll mein sehnsüchtiger Geist noch tanzen — bessere Tänze zu deinen Ehren.«

Übersetzt hatte den Text Karl Federn. Er schrieb dies im Vorwort: »Was Nietzsche ahnte und in künstlerisch-poetischer Erkenntnis schaute, das hat Isadora Duncan zur Tat gemacht. Wenn er sagte: ›Nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden‹ – versuchen ihre Tänze, Gleichnisse der höchsten Dinge zu sein.«

Isadora hörte oft, dass sie etwas mache, was noch nie da gewesen sei, und so war es auch. Aber es gilt zu bedenken, dass sie mit ihrer Programmatik zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts keineswegs allein stand. Ihre Vision lag vielmehr im Zug der Zeit, die sich zunehmend für Freikörperkultur, Wandern, Turnen, Nacktbaden, Naturheilmethoden und gesunde Speisen, lose Kleider aus handgewebtem Stoff, Erziehungsprinzipien nach Art des verehrten Jean-Jacques Rousseau und seiner Devise »Zurück zur Natur« begeisterte. Man sprach von Lebensreform. Die Industrialisierung hatte die Städte verschandelt und die Luft verschlechtert – die Menschen wollten raus auf waldige Höhen und frei atmen. Aber nicht nur die äußere Natur war ihnen abhandengekommen, auch die innere. Ein seelisches Gleichgewicht verstand sich nicht mehr von selbst, und kaum noch jemand verspürte sie noch, die Gravitation des Weltalls im eigenen Solarplexus. All das musste zurückgewonnen werden – wobei es nicht recht klar war, ob es je vorhanden gewesen war. Wie oft in Umbruchzeiten verklärte man die Vergangenheit und sah sie als eine Ära, in der die Menschen besser mit der Natur gelebt, sich in ihrer Haut wohler und Gott näher gefühlt hätten. Und man beschwor ihre Wiederkehr. Es gab Gurus wie in Berlin den Maler Fidus, die ein neues frisches Lebensgefühl versprachen, wenn nur die Häuser so gebaut würden, dass in alle Zimmer einmal am Tag die Sonne schiene und wenn die Menschen täglich Gymnastik machten, sich fleischlos ernährten und barfuß liefen. So also war der Boden bereitet für eine Priesterin des natürlichen Ausdrucks im Tanz, und Isadora Duncan beschritt ihn sehr selbstbewusst und äußerst anmutig. Sie zweifelte nie an ihrer Mission und dachte immer öfter daran, dass es ihr vom Schicksal auferlegt sei, eine Schule zu gründen. Sie wollte die Kinder der Welt tanzen lehren, und zwar nicht nur ein paar auserwählte, sondern die gesamte junge Generation. Unter denen, die ihr auf der Bühne so frenetisch applaudierten, müssten doch mäzenatisch gesonnene, wohlhabende Persönlichkeiten zu finden sein, die nur darauf warteten, etwas Sinnvolles mit ihrem Vermögen anzufangen. Diesen großherzigen und einsichtigen Menschen würde sie es nahelegen, ihre Schule zu sponsern. In Berlin überzeugte sie tatsächlich mehrere Damen des Adels und einige Bankiersgattinnen, dass es unter den guten Werken, die die Zeit erfordere, nur wenige gebe, die so unverzichtbar seien wie ihre Schule.


Mutter und Töchter Duncan hatten schon lange drauf gewartet, und endlich kam er: ein Brief von Raymond. Er habe in den USA keine weiteren Aufträge bekommen, und jetzt hielte ihn nichts mehr in der alten Heimat. Er sei begeistert von Isadoras großen Erfolgen und von ihren üppigen Einkünften und sei nun unterwegs zu seiner Familie. Bruder Augustin, als Schauspieler durchaus erfolgreich, wolle sich anschließen, obschon ihm die Trennung von Frau Sarah und Tochter Temple sehr schwerfalle. Aber auch er spüre, dass die Wurzeln seiner Kunst in Europa lägen und suche neue Anregung. Isadora jubelte. Es stand noch ein Postscriptum in dem Brief. Raymond hatte nämlich einen Plan. Es gehe um einen ganz neuen Aufbruch. Was er damit wohl meinte? Isadora vertraute Raymond unbedingt. Wenn er sich etwas ausdachte, steckte immer etwas Großes dahinter.

Aber erst einmal waren es die Pläne ihres Agenten, denen Isadora Folge leisten musste. Es war das Jahr 1903. Alexander Grosz hatte für den Mai Auftritte in Paris ausgehandelt, und das war ganz im Sinne der Duncans, hatten sie doch diese Stadt verlassen, ohne das ganz große Publikum gewonnen zu haben. Und jetzt würde La Duncan im Théâtre Sarah Bernhardt ihr Debut geben, in einem ersten Haus an der Place du Châtelet; Georges Bizet und Charles Gounod hatten dort ihre Opern herausgebracht, die neue Tanzkunst passte gut hinein. Das Programm beinhaltete einen Reigen zu Botticellis Primavera, Bacchus und Ariadne, drei Stücke von Chopin und zwei Tänze ohne Musik: Der Tod und das Mädchen und Pan und Echo. Doch es war wie verhext; an fast allen der zehn Abende gab es freie Plätze im Theater, der Applaus klang verhalten, es blieb bei bloßen Achtungserfolgen. »Was ist los mit den Parisern?«, fragte Isadora ihre Mutter mit Tränen in den Augen. »Sie haben mich doch in den Salons zum Küssen rumgereicht …« Immerhin nahm sie teil an einem Fest für Auguste Rodin, der zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt worden war. Sie tanzte noch einmal für den Meister, er besuchte ihre Vorstellung und pries ihre Kunst. Gleichwohl: Eine Resonanz wie die in Budapest, München oder Berlin war ausgeblieben. Enttäuscht fuhren Mutter und Tochter zurück in die preußische Hauptstadt. Dort warteten nicht nur Elizabeth, sondern auch noch Augustin und Raymond. Die Familie war wiedervereint und Isadora getröstet. Sie mieteten eine geräumige Wohnung in Charlottenburg, und Isadora absolvierte noch ein paar Auftritte im Thalia-Theater und in der Philharmonie. Als alle eines Abends um den Tisch herumsaßen, verkündete Raymond seinen Plan:

»Lasst uns auf eine Pilgerreise gehen.« Das Wort ›Pilgerreise‹ löste eine verhaltene Euphorie aus. Die Mutter fragte etwas besorgt:

»Und unser Ziel?«

»Die Quelle der Kunst: Griechenland.«

Nach dem Misserfolg in Paris war Alexander Grosz bereit, seine Tänzerin erst einmal ziehen zu lassen. Die guckte auf ihr Konto. Dort hatte es schon mal besser ausgesehen, der Abstecher nach Paris war ein Zuschussgeschäft gewesen, aber der Rest war immer noch beträchtlich, die Reise konnte angetreten werden. Isadora war jetzt 26 Jahre alt, sie hatte die halbe Welt befahren und ihr vorgetanzt. Von San Francisco aus war sie in die großen amerikanischen Städte des Nordens gefahren: Chicago, New York, Boston und hatte dort ein kleines Publikum gefunden. Sie war danach in Europa, in den Hauptstädten Englands, Frankreichs, Österreichs, Ungarns und Deutschlands aufgetreten und konnte in den meisten dieser Orte ein großes Publikum bezaubern. Dabei dachte sie oft daran, dass ihre geistige, künstlerische und spirituelle Heimat eigentlich noch woanders lag: in Griechenland eben. Von daher, aus der Antike, so war sie überzeugt, stamme letztlich alle überzeitliche Inspiration für eine hohe Kunst; insofern war es ihr aufgetragen, dieses Land kennenzulernen und vielleicht sogar zum Standort ihres künftigen Lebens und Wirkens zu erwählen. War es ein Zufall, dass sich gerade jetzt die Familie wieder zusammengefunden hatte? War es ihr und den anderen nicht bestimmt, zueinanderzustehen und beieinanderzubleiben, um aus der Gemeinsamkeit Erleuchtung zu gewinnen? Die Nähe des Clans fühlte sich warm an, und Wärme war eine Form der Energie, die Isadora für die Regsamkeit, die Geschmeidigkeit und die Grazie ihrer Glieder vor allem brauchte. Sie traf sich noch einmal, zum Abschied, mit Karl Federn, schrieb Briefe an Mary Desti, Charles Noufflard und Oscar Beregi. Dann packte sie ihre Tuniken, die Chitone und die blauen Vorhänge ein. Das Herz hüpfte ihr bei der Vorstellung, auf der Akropolis zu tanzen.


Raymond Duncan nahm es sehr ernst mit dem einfachen Leben. Er war Vegetarier, trug sommers wie winters offene Sandalen, die er selbst herzustellen gelernt hatte, außerdem schlichte Gewänder aus Wolle, die er zum Teil selbst spann, und er lehnte die Eisenbahn als roh, laut und stinkend ab. Doch Mutter und Schwestern konnten ihn überreden, von einer Reise zu Fuß, die ihm am liebsten gewesen wäre, abzusehen. Die Eisenbahn war nicht ganz zu vermeiden, doch wo immer es möglich sei, wolle man wandernd oder in Kutschen und Booten zum Lande der Verheißung vordringen. Von Venedig aus ging es über die Adria auf die griechischen Inseln zu, immer auf den Spuren des Odysseus, so weit sich diese anhand des Homer nachvollziehen ließen. Hier kam es zu ersten Enttäuschungen bezüglich der Mentalität und des Wissensstandes zeitgenössischer Griechen: die jungen Bootsführer wussten gar nichts von der Odyssee und dem Trojanischen Krieg und belächelten die ›griechischen‹ Gewänder ihrer Passagiere. Überhaupt war die Verständigung schwierig. Trotz seiner Nähe zur Antike hatte der Duncan-Clan es versäumt, Griechisch zu lernen, und unter den Bewohnern des Gelobten Landes war das Englische nicht eben verbreitet. Doch die Sprachschwierigkeiten fochten die Duncans nicht an. »Der Tanz ist elementar. Er ist die Sprache, die jeder versteht«, sagte Isadora. Als die fünf in Karvasaras (Amfilochia) an Land gingen und entzückt niederknieten, um den griechischen Boden zu küssen, sahen die Bootsmänner und die Leute am Strand einander höchst verwundert an. Man hatte ja schon manches von der anderen Seite des offenen Meeres, von Amerika, gehört, aber so verrückt hatte man sich die Einwohner dann doch nicht vorgestellt.

Die Duncans lösten ein, was sie bei ihrem ersten Landgang an Verrücktheit versprachen. Sie waren so erfüllt von der gefühlten spirituellen Verwandtschaft mit den alten Griechen, dass sie ihre Idole, die Gottheiten Zeus und Athene, Apoll und Aphrodite, die Helden Odysseus und Agamemnon, die Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides zum Berühren nahe fühlten und ihnen in ihrer Einbildung tatsächlich begegneten. »Das schneebedeckte Haupt des Olymp tauchte auf«, schrieb Isadora, »dann wieder umgaben uns die tanzenden Nymphen der Olivenhaine. Manchmal gerieten wir in eine derartige Erregung, dass wir uns umarmten und in Tränen ausbrachen. Die schwerfälligen Bauern an den Bahnhöfen beäugten uns voller Erstaunen, sie hielten uns wohl für betrunken. Und doch war es nichts als der Ausdruck unserer Begeisterung bei der Suche nach höchster Weisheit – nach den blauen Augen der Pallas Athene.« In diesem Zustand der Verzückung beschloss die Familie, für immer in Griechenland zu bleiben. Leben, beten und tanzen wollten sie in einem eigens zu erbauenden Tempel – möglichst nah bei der Akropolis, und mindestens auf gleicher Höhe. Es gelang ihnen in der Tat, einen passenden Hügel zu finden, von dem aus die Akropolis zu erblicken war, und sie erkundigten sich nach dem Kaufpreis des Geländes. Die Anhöhe Kopanos gehörte seit Menschengedenken fünf Bauernfamilien, die sie, kahl und öde wie sie war, für wertlos hielten. Das Interesse der seltsamen Ausländer trieb den Preis in die Höhe, und die Duncans mussten tief in die Tasche greifen, um das Land zu erwerben. Sie taten es gleichwohl und begannen sogar mit einem Tempelbau, sie schleppten das Gestein den Berg hinauf und arbeiteten im Verein mit örtlichen Maurern, die sie zu bezahlen hatten, Tag und Nacht, wobei sie zwischendurch im Mondschein tanzten. So ging es weiter, bis sich herausstellte, dass es auf dem Kopanos kein Wasser gab, er also als Ort für eine Besiedlung untauglich war. Raymond bohrte lange weiter in der trockenen Erde, in der verzweifelten Hoffnung auf eine Quelle, aber es war nichts zu machen. Der Clan musste zudem einsehen, dass die Kosten seines Vorhabens die verfügbaren Mittel weit überstiegen, und so ließen sie die Maurerkellen sinken und zogen weiter nach Athen.

Dort tanzte Isadora hingebungsvoll auf dem Berg über der Stadt, wo die große Tempelanlage noch in alter, wenn auch stark angeschlagener Pracht zu besichtigen war.

»Mit dem Parthenon hatten wir den Gipfel der Vollendung erschaut. Es schien mir, dass der Geist, den ich suchte, die unsichtbare Göttin Athene war, die noch immer die Ruinen des Parthenon bewohnte.« Um Kontakt zu den Athenern zu finden, wandten sich die Duncans an die Universität, wo es unter den Studenten einige gab, die gleichfalls für die Antike schwärmten und über Isadora in der Zeitung gelesen hatten und die bereit waren, der Tänzerin aus dem fernen Amerika Auftrittsmöglichkeiten in örtlichen Theatern zu verschaffen. Einen solchen Tanz hatte man im neuzeitlichen Athen noch nie gesehen, und schnell verbreitete sich der Ruhm Isadoras bis in die höchsten Kreise. König Georg I. selbst kam mit Gefolge, um eine Vorstellung anzusehen, aber hier sprang der Funke nicht über. Seine Majestät applaudierte respektvoll, doch ohne echtes Hochgefühl. »Ich spürte sofort, dass er kein Verständnis für meine Kunst aufbrachte. Für königliche Herrschaften dürfte das konventionelle Ballett auch in Zukunft der Tanz schlechthin bleiben.«

Die Herbergen in Griechenland waren schlicht, aber unsere Pilger bereit, mit kaltem Wasser und frugalen Mahlzeiten vorliebzunehmen, suchten sie doch vor allem Nahrung für den Geist. Eines Tages kam Augustin von der Poststelle mit rotem Gesicht und zitternden Händen heim.

»Ich muss euch gestehen«, rief er in die Runde, »dass ich es ohne meine liebste Frau und das Kind nicht länger aushalte. Wir haben korrespondiert. Sarah will mit unsrer Tochter zu uns stoßen. Was meint ihr?«

Elizabeth sah ihre Mutter an, Isadoras Blick suchte Raymonds. Niemand sprach. Augustin vergrub sein Gesicht in den Händen. Da sagte Isadora:

»Wird sie sich bei uns aufgehoben fühlen? Du weißt, wir sind hier nicht im Urlaub. Wir haben eine Mission.«

»Wenn Sarah«, meldete sich die Mutter, »ihren Mann vermisst und kommen will, dann ist es für uns eine menschliche Pflicht, sie aufzunehmen. Man kann später immer noch sehen –«

»Wir alle«, unterbrach Isadora, »haben dich gewarnt, Augustin! Eine Eheschließung ist für uns nicht hinnehmbar. Ich selbst stand vor der Frage einst … Meine Entscheidung war klar. Die Kunst darf keinen Rivalen haben in Gestalt eines Ehegespons.«

Augustins Hände zitterten immer noch. Er stand auf und sagte:

»Dann werde ich euch verlassen müssen. Es ist mir zutiefst … Ich kann nicht …« Er stammelte noch dies und das und wollte davonlaufen, aber Raymond hielt ihn auf.

»Mutter hat recht. So leidenschaftlich wir auch hier die Götter suchen – das Menschliche darf dabei nicht verloren gehen. Telegrafiere ihr, sie soll sich auf den Weg machen.« Raymond hatte seinen eigenen besonderen Grund, dem Bruder entgegenzukommen. Er war verliebt in eine schöne Griechin. Sie war Sängerin und hieß Penelope.

Einige Wochen später wuchs dann der Duncan-Clan um zwei weitere Personen an. Isadora bewog die Schwägerin, ihr französisches Kostüm abzulegen und in einen luftigen Chiton zu schlüpfen. Der fünfjährigen Tochter namens Temple zeigte sie, wie man tanzt, und fand in der Kleinen eine eifrige Schülerin. Elizabeth nahm Sarah unter ihre Fittiche und machte mit ihr einen Ausflug nach Kopanos. Dort lagen die Grundmauern des Duncan-Tempels in der Sonne wie eine antike Ruine. »Wer weiß«, sagte Elizabeth, »vielleicht bauen wir unser griechisches Haus irgendwann doch noch zu Ende.«


Auch in Athen gab es Museen, Isadora sah sich in ihnen um. Was sie aber wirklich faszinierte, waren die byzantinischen Kirchen und die orthodoxen Gottesdienste mit ihren wundervollen Gesängen. In dieser geistlichen Musik verberge sich, meinte sie, das Erbe der griechischen Chöre. Sie war immer schon davon ausgegangen, dass der Chor, den es in der griechischen Tragödie gibt, nicht wie in den zeitgenössischen Inszenierungen einfach nur seinen Text hinausposaunt hat, sondern dass diese Texte ursprünglich gesungen worden waren. Nun wusste oder ahnte sie, wie das geklungen hatte. An der Universität war ihr ein junger Seminarist begegnet, der sie und ihren Tanz bewunderte und Englisch sprach. Jetzt bat sie ihn, ihr dabei behilflich zu sein, einen Chor zusammenzustellen, mit dem sie Aischylos’ Drama Die Schutzflehenden aufführen wollte. Als Chorsänger stellte sie sich eine Gruppe von Jungen mit besonders schönen, klaren Stimmen vor. Der angehende Priester war sofort bereit, für Isadora so einen Chor zu gründen, und mit einem Dutzend lernbereiter, neugieriger Knaben studierte Isadora dann die Chöre des Aischylos ein. Daraus entwickelte sich eine eindrucksvolle Darbietung, die große Resonanz fand – sicher auch deshalb, weil die Eltern der Jungen mit allen Verwandten und Bekannten ins Theater strömten, um ihre begabten Söhne singen zu hören und tanzen zu sehen. Isadora selbst führte den Chor an, Elizabeth übernahm die Regie nach den choreografischen Ideen Raymonds. Für die Duncans war diese Vorführung die Erfüllung eines Traums, denn mit ihr, so empfanden sie es, war ihnen nichts weniger gelungen als eine Wiedergeburt der antiken Bühnenkunst. Aber nach nur wenigen Auftritten erlahmte das Interesse der Athener an ihrer eigenen Vorvergangenheit; Raymond glaubte, dass Die Schutzflehenden in Nordeuropa bessere Chancen auf ein nachhaltiges Echo haben würden und schlug vor, fürs Erste nach Berlin zurückzukehren. Isadora schickte Telegramme an Grosz, in denen sie einen Eindruck ihrer jüngsten Arbeit zu geben versuchte, und bat ihn um Unterstützung. Und sie ging intensiv mit sich selbst zu Rate. Eines Abends stieg sie allein zur Akropolis empor, um die dort versammelten Götter noch einmal zu befragen. Die Antwort war Schweigen. Isadora gab sich geschlagen. »Plötzlich erschien es mir, als ob alle unsere Träume wie eine schillernde Seifenblase zerplatzten, und ich erkannte, dass wir nichts anderes waren und niemals etwas anderes sein konnten als moderne Menschen. Wir konnten nicht fühlen wie die alten Griechen! Ich selbst bin nichts anderes als eine schottisch-irische Amerikanerin, die vermutlich den Rothäuten Amerikas nähersteht als den klassischen Griechen.«

Weder gab die Herberge weiteren Kredit noch waren die Arbeiter vom Kopanos bereit, länger auf ihren Lohn zu warten. Augustin hatte noch Bares dabei, ebenso Sarah; sie gaben ihr letztes Geld, um alle Schulden zu begleichen und Rückfahrkarten zu bezahlen. Dann hieß es Aufbruch. Aber so ganz mit leeren Händen wollten die Duncans nicht von Hellas scheiden. Sie nahmen zehn der musikalischen Knaben mit – nachdem der hilfreiche Seminarist den Eltern versichert hatte, dass es auf eine exquisite Bildungsreise gehe und auch sich selbst als Betreuer angeboten hatte. Grosz kabelte zurück: in Wien wolle man die neue Produktion mit dem Knabenchor im Carltheater herausbringen. Also ging es erst einmal nach Österreich. Es kam, wie Raymond vorhergesehen hatte. In Wien waren die zahlreichen Kunstjünger sehr viel aufgeschlossener für die Chöre des Aischylos als im Mutterland des großen Dramatikers. Allerdings musste Isadora auf Zuruf im Anschluss noch mehrmals die Schöne blaue Donau tanzen, um das Publikum in der Leopoldstadt vollends zufriedenzustellen. Hermann Bahr besprach den Abend lobend. Isadora lernte den einflussreichen Wiener Schriftsteller persönlich kennen und gewann in ihm einen Freund.

Das Jahr 1904 hob an, der Reiz der griechischen Chöre mit den lauteren Knabenstimmen und der temperamentvoll den Chor anführenden Miss Duncan sorgte für volle Häuser auch in München und Berlin. Dort, im Berliner Thalia-Theater, traf Isadora erneut auf Grosz.

»Da bist du ja wieder«, sagte der Manager. »Mag sein, dass du eine Weile ohne dein deutsches Publikum auskommen konntest. Aber das deutsche Publikum hat sich nach dir gesehnt. Und nicht nur das deutsche. Weißt du, mit wem ich gerade verhandele? Mit einem Theaterdirektor in St. Petersburg. Dein Ruf ist bis in die Weiten Russlands gedrungen.« Isadora wusste, dass Grosz ihre griechische Pilgerfahrt als eine idée fixe abgetan hatte. Sie mochte nicht zugeben, dass er im Recht gewesen war, wollte jedoch nicht mit ihm streiten.

»Alexander«, sagte sie, »die Welt wird vom Geld regiert. Aber ich lasse mich unter dieses Joch nicht beugen. Ich weiß, dass die Menschen in letzter Instanz etwas anderes suchen. Ich kann ihnen das geben: Sinn. Erhebung. Berührung mit dem Universum …«

»Und all das hast du ausgerechnet in Griechenland zu finden geglaubt?«

»Ach«, seufzte Isadora, »mach dich nur lustig über mich. Ich versichere dir, dass der Besuch des Parthenons einen neuen Menschen aus jedem macht, der diesen Tempel betritt. Sogar aus dir. Aber die Griechen unserer Zeit sind nicht mehr cérébrale. Die lange Türkenherrschaft hat ihnen den Geist ausgetrieben. Lord Byron kam zu spät.«

»Byron starb in Griechenland an einer schlichten Infektion. Und nicht im Kampf gegen die Türken.«

»Was hast du bloß gegen Legenden, Alexander!«

»Gar nichts. Solange ich Geld mit ihnen verdiene. Du weißt, meine Schöne, dass du selbst trotz deiner Jugend eine Legende bist. Alle Welt ruft nach dir – die Welt jenseits von Griechenland, wohlgemerkt. Fürs Jahresende habe ich schon mit Baden-Baden, München, Würzburg, Heidelberg und Dresden abgeschlossen. Und hier, dem jüngsten und verführerischsten Ruf wirst du gewiss Folge leisten, auch wenn für mich nichts dabei rausspringt.« Er reichte ihr einen großen Brief. »Ich habe diese Post für dich beantwortet und erklärt, dass du erst später frei sein wirst. Lies, es ist die ganz große Ehre.« Die Absenderin war niemand anderes als Cosima Wagner aus Bayreuth.


So stolz Isadora war, dass die Tochter Liszts und Witwe des großen Komponisten sie als Mitwirkende zu den Bayreuther Festspielen bat, sosehr fühlte sie sich aber doch in der Pflicht, ihre Sängerknaben weiter zu betreuen und mit ihnen aufzutreten. Der Gedanke an eine Tanzschule hatte sie nie verlassen und würde sie ihr Leben lang begleiten. Hier waren ja nun schon mal zehn Schüler. Die Vorstellungen in den vergangenen Wochen und das Verhandlungsgeschick ihres Agenten hatten ihr Konto wieder gefüllt, und sie glaubte jetzt ein Haus erwerben zu können, in dem sie die griechischen Jugendlichen und viele weitere Schüler und Elevinnen unterbringen könnte. Einstweilen logierten sie noch alle miteinander im Hotel, die Kosten waren hoch und Isadora mit der Leistung des jungen Seminaristen, der auf die Knaben aufpassen sollte, unzufrieden. Sie stellte ihn zur Rede:

»Was ist los, mein Lieber, gestern fehlten bei der Vorstellung zwei Jungen. Wir mussten improvisieren.«

»Das tut mir leid, Miss Duncan, aber ich tue, was ich kann. Vielleicht sollte ich Ihnen gestehen …«

»Was denn bloß?«

»Es ist wie einen Sack Flöhe hüten. Sie glauben es nicht. Die Bengel klettern nachts aus dem Fenster und vergnügen sich in den Bars am Tiergarten.«

»Nicht möglich! Es sind Kinder.«

»Das dachte ich auch. Aber sie wachsen ja. Und entwickeln neue Interessen …«

Isadora fasste sich an die Stirn. »Jetzt wird mir auch klar, woher die Misstöne rühren, die ich immer öfter höre. Könnte es sein, dass der Stimmbruch …«

Der junge Priester nickte traurig. Bald darauf, nach Rücksprache mit Elizabeth und Raymond, schickte Isadora ihren Chor samt Betreuer zurück nach Athen. Grosz war heilfroh, endlich wieder ein volles Isadora-Duncan-Programm zu Gluck, Beethoven, Schubert, Chopin und Wagner anbieten zu können, ohne irgendwelche altgriechischen Prätentionen. Er schickte Isadora auf Gastspielreise nach München und Köln. Sie absolvierte die Tournee in Begleitung ihrer Mutter und musste sich damit abfinden, dass der Familienclan nunmehr in Auflösung begriffen war. Raymond reiste zurück nach Griechenland, wo seine Penelope auf ihn wartete und er den Tempelbau fortsetzen wollte. Augustin und seine Frau erwogen die Heimkehr nach Amerika. Elizabeth sah sich in Berlin nach einem Haus für die zu gründende Schule um. Dafür brauchte sie Geld. Also musste Isadora die Kasse aufbessern und tanzen, tanzen, tanzen. Bei den Bayreuther Festspielen hatte sie nun endgültig zugesagt. Kurz vor ihrer Abreise erhielt sie einen Brief von der Freundin Mary Desti. Die wünschte sich ein Wiedersehen. Isadora schickte ihr ein Telegramm: »Wir treffen uns in Bayreuth. Stop. Auf dem Grünen Hügel.«


An einem warmen Frühlingstag kam Isadora mit ihrer Mutter in Bayreuth an. Im Hotel Schwarzer Adler nahmen die Frauen ein Zimmer, das groß genug für tägliche Tanzproben war, zu diesem Behufe ließen sie ein Klavier bringen. Beinahe täglich kamen Boten mit Grüßen von Cosima Wagner, die zum Mittag- oder Abendessen lud oder zu einer Soiree ins Haus Wahnfried. Dieses Haus war ein Geschenk König Ludwigs von Bayern an den verehrten Komponisten gewesen: »Hier, wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt.« Bei den täglichen Zusammenkünften waren meist etwa fünfzehn Gäste anwesend, bekannte Musiker und Künstler, Adlige von Rang bis ganz nach oben. Cosima Wagner dominierte die Tafel taktvoll und würdig vom Kopfende her. Oft spielten abends Quartette, besetzt mit den Besten ihres Fachs, Isadora traf die Dirigenten Hans Richter, Karl Muck und Felix Mottl, den Kunsthistoriker Heinrich Thode, Cosimas Schwiegersohn, und den Komponisten der Oper Hänsel und Gretel, Engelbert Humperdinck. In den Gesprächen ging es meistens um Musik und die Festspiele, aber auch um moderne Kunst und Politik. Isadora beteiligte sich lebhaft, sie erwähnte öfters ihren Plan einer Schulgründung. In Humperdinck fand sie einen interessierten Zuhörer. »Das könnte ich mir reizvoll vorstellen«, sagte der Komponist, »für tanzende Kinder Musik zu machen!« Auch bei schwierigen Themen wie Philosophie und Lebensreform stieg Isadora mit kräftiger Stimme ohne Angst vor den erlauchten Diskutanten ein, wobei man ihr die Fehler, die sie im Deutschen machte, nachsah, war sie doch als Person so überaus anziehend, wenngleich oft provokant. Nach dem Essen erging sich Frau Wagner gern mit Isadora im Park der Villa am Rande des Bayreuther Hofgartens.

»Nehmen Sie doch meinen Arm, Isadora. Wissen Sie, es ist mir manchmal eigenartig zumute, wenn ich hier am Grabe Richards vorbeigehe, mir ist dann, als spräche er zu mir.«

»Da ist nichts dabei, Cosima, sprechen Sie ruhig mit ihm, das kann sehr helfen. Ich unterhalte mich auch mit den Geistern der Vergangenheit, den Geistern der Antike.«

»Das freut mich sehr, dass Sie es mir nachsehen.«

»Wie sollte ich nicht. Ich bewundere Sie und Ihre Arbeit und alles, was Sie hier geschaffen haben.«

Isadora war genau die Art Frau und Künstlerin, die sich Cosima Wagner als Schwiegertochter und Braut für ihren damals 35-jährigen Sohn Siegfried wünschte. Das konnte sie offen nicht äußern. Stattdessen sagte sie:

»Isadora, ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie im Tannhäuser auftreten. Ich sehe Sie als eine der drei Grazien im Bacchanale. Richard hat das klassische Ballett ebenso wenig gemocht wie Sie, ihm hätte Ihr Tanz sehr gefallen, das weiß ich. Was meinen Sie?«

»Siegfried hat mich ja mit dieser Aussicht hergelockt. Ja, ich tanze gern im Bacchanale, ich betrachte es als eine Auszeichnung.«

Damit war es beschlossen. Nun benötigte Isadora noch eine standesgemäße Unterkunft, im Hotel war zu viel Trubel und letztlich doch zu wenig Platz, zumal Miss Duncan sich ein buntes soziales Leben wünschte und ähnlich interessante gesellige Abende geben wollte wie Frau Wagner. Bei einem Spaziergang entdeckte Isadora nicht weit entfernt vom Festspielhaus ein ziemlich heruntergekommenes, bildschönes Gebäude, das von einer Bauernfamilie bewohnt wurde: Philippsruh, einst Jagdhaus des Markgrafen Friedrich von Bayreuth. Sie bot den Bauern eine beträchtliche Summe, damit diese ihr das Haus für eine Saison überließen und bestellte Innenarchitekten, Maler, Tapezierer und andere Gewerke für eine gründliche Renovierung. Die Wände ließ sie in einem zarten Grün tünchen. Während der Sanierungsarbeiten fuhr sie nach Berlin und suchte dort Sessel, Sofas, Ruhekissen, rosa Lampen und Bücher aus – es gab keine Stühle – und nahm danach Philippsruh in Besitz. Isadora: »Das Haus hatte ein großes, wundervoll geschnittenes Wohnzimmer, alte marmorne Stufen führten in einen romantischen Garten.« In diesen Tagen kam Mary Desti mit ihrem Sohn in Bayreuth an; Isadora war stolz, die Freundin in ihrem stilvoll eingerichteten Jagdhaus empfangen zu können. Mary hatte inzwischen zum zweiten Mal geheiratet und hieß jetzt Mrs Sturges. Ihr Mann hatte den kleinen Preston adoptiert und nichts dagegen, dass seine Familie in Europa auf Bildungsreise ging.

»Liebste Mary«, sagte Isadora, »wenn du es immer noch ernst meinst mit der Kunst, solltest du das Heiraten sein lassen.«

Aber Mary gehörte, was Fragen der Emanzipation betraf, noch zur alten konservativen Garde und fand, dass es die Pflicht der Männer sei, für den Lebensunterhalt der Ihren aufzukommen. Sie sagte:

Isadora in Philippsruh bei Bayreuth, 1904

»Dir liegt das Publikum zu Füßen, du hast einen Agenten, der für Einkünfte sorgt. Das ist etwas anderes. Wer bezahlt mir die Schiffspassage und später die Schule für Preston?«

Isadora küsste Mary auf den Mund.

«Weißt du, was mir vorschwebt? Dass ich für dich und Preston und vielleicht später mal für meine Kinder das Geld ertanze – und zwar so viel, dass es für dionysische Partys reicht.«

Mary machte große Augen. »Kinder?«, fragte sie. »Du denkst an eigene Kinder, obschon du niemals heiraten willst?«

»Und ob. Ich betrachte es als das Recht jeder Frau, Kinder zu haben von wem immer sie möchte, ohne sich dafür Ehefesseln einzuhandeln.«


Die Proben für die Festspiele begannen und beflügelten Isadora, entsprach doch diese Musik ihrem Sinn für Erhabenheit und Ekstase. »Ich verpasste keine Probe des Tannhäuser, des Ring und des Parsifal, bis diese Musik mich in einen andauernden Rauschzustand versetzte. Um sie besser zu verstehen, lernte ich die Texte aller Opern auswendig, bis ich eines Tages Sieglinde war, die in die Arme ihres Bruders Siegmund sank.« In dieser außerordentlichen psychischen Verfassung verlangte es Isadora nach der Liebe; also schickte sie ein dringendes Telegramm nach Budapest mit der Bitte an Beregi, sich nach Bayreuth aufzumachen und ihr Gast in Philippsruh zu sein. Es fügte sich, dass der Schauspieler gerade frei hatte, er kam sofort angereist und umarmte seine Fast-Verlobte stürmisch. Mit ihm als künstlerischem Berater komponierte sie die Choreografie des Bacchanale. Am Ende führte ihre Art des freien Tanzes zu einer absurden Kombination mit den beiden Ballerinen, die als Co-Grazien ihre gewohnten Pirouetten drehten. Bei Publikum und Presse aber gewann Isadora. »Sie zeigt natürliche harmonische Bewegung im klassisch-griechischen Stil. Statt Tütü, Korsett und rosa Strümpfen trägt sie fließende Gewänder und tanzt nicht in Spitzenschuhen, sondern barfuß. Duncan erschafft den modernen Tanz und ist die Erste, die sich nach den klassischen Musikwerken auf eine ganz neue, weiblich-freizügige Weise bewegt. Tanz ist für sie körperlich-seelische Einfühlung in die Musik.« So stand es in der Zeitung. Die Direktorin der Events indes, die Grande Dame Cosima, war jetzt ganz froh, dass sich zwischen ihrem Siegfried und Isadora keine intime Liaison hergestellt hatte. Zwar wusste sie vorher, worauf sie sich einließ, als sie die Duncan engagierte, aber der sittenstrengen Matriarchin war die Tunika der Tänzerin dann doch allzu durchsichtig. Sie ließ ihr ein langes, weißes und blickdichtes Hemd in die Garderobe schicken, auf dem beigefügten Kärtchen stand zu lesen:

»Liebe Isadora, bitte ziehen Sie dieses Kleid über, tun Sie mir den Gefallen. Man sieht all Ihre Rundungen; neben den Korsagen und den Strumpfhosen der anderen beiden Grazien erweckt das einiges Aufsehen.« Doch Isadora blieb unnachgiebig, »Ich tanze und kleide mich, wie ich es für richtig halte oder gar nicht.« Frau Wagner gab nach, sie wollte auf keinen Fall einen Tunika-Skandal heraufbeschwören.

Isadoras Salon in Philippsruh florierte, die Prominenz kam und soupierte und diskutierte – das Gastgeben über alle Grenzen hinweg lag der Amerikanerin im Blut, sie genoss es, auch, weil es sie inspirierte. Die Korrespondenz mit Künstlern, Literaten und Gelehrten hatte eine ähnliche Funktion. Immer noch schrieb sie Briefe an Karl Federn, und er teilte ihr seine neuesten Gedanken zu Nietzsche und dem Zarathustra mit. In London war sie einst auf die Schriften des Naturforschers Ernst Haeckel gestoßen, sein Buch Die Welträtsel, das sie in englischer Übersetzung las, beeindruckte sie sehr; es war und ist eines der wichtigsten populärwissenschaftlichen Werke in der deutschen Buchgeschichte. Haeckel hatte der Evolutionslehre Darwins zum Durchbruch verholfen, viele von dessen Prognosen waren ja seither von der Wissenschaft bestätigt worden. Isadora schrieb dem Naturforscher einen Brief, in dem sie ihre Dankbarkeit ausdrückte, nicht viel später kam die Antwort, man blieb im Briefkontakt. In der Presse stieß Isadora nun auf die Nachricht, dass eine Ehrung anlässlich des siebzigsten Geburtstags Haeckels geplant sei. Wäre das nicht eine gute Gelegenheit, den Mann nach Bayreuth einzuladen? Gedacht, getan. Bald schon konnte Isadora den Jubilar mit der Kutsche vom Bahnhof abholen. Hier sahen sich beide das erste Mal. Isadora war beeindruckt von Haeckels athletischer Figur, seinem großen weißen Bart und seiner lässigen Kleidung. »Er verströmte einen feinen Duft, der an Gesundheit, Stärke und Geist gemahnte, man könnte es Intelligenzparfum nennen.« Haeckel bezog ein mit Blumen geschmücktes Zimmer in Philippsruh. Freudig eilte Isadora ins Haus Wahnfried zu Cosima, um den Gast anzukündigen. Der brauchte ja auch eine Eintrittskarte für den Parsifal. Die Hausherrin reagierte kühl, Isadora hatte deren katholische Frömmigkeit unterschätzt und auch den Brauch, die Logenplätze für die Aufführungen kostenlos nur an enge Freunde abzugeben. Dennoch erhielt Isadora die begehrte Karte, man konnte sie ihr schlecht verweigern. Im Festspielhaus wandelte die Tänzerin barfuß und in Tunika Hand in Hand mit dem großen Haeckel. Die fünfstündige Aufführung ließ der Mann der Wissenschaft stoisch über sich ergehen. Da er keine Einladung ins Haus Wahnfried erhielt, natürlich nicht, beschloss Isadora, ihrerseits ein Essen für den Freund zu geben. Sie lud eine illustre Schar Bekannter ein, darunter den Fürsten Ferdinand von Bulgarien, den Tenor Alfred von Barry, die Schwester des Kaisers, Prinzessin Charlotte von Preußen, Heinrich Thode und Engelbert Humperdinck. Ihre Mutter, Oscar und Mary halfen bei den Vorbereitungen. Isadora hielt persönlich die Laudatio auf Haeckel. Danach tanzte sie für ihn und die anderen. So endete ihre Bayreuther Saison. Beregi fuhr zurück nach Budapest, Haeckel nach Jena und Mary mit dem Jungen nach Amerika. Isadora packte für Berlin. Von da aus würde sie, so hatte Grosz es mitgeteilt, zu Auftritten nach Baden-Baden, München, Heidelberg, Würzburg und Dresden reisen. Im Anschluss daran, gegen Ende des Jahres, war sie für St. Petersburg gebucht. Die aufregendste Neuigkeit aber hatte Elizabeth per Brief mitgeteilt: Sie hatte ein Haus für die Duncan-Schule gefunden. Es war neu, groß und im romantischen Stil erbaut und lag im Grunewald.

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