Kitabı oku: «Viel zu langsam viel erreicht»

Yazı tipi:

Barbara Sichtermann

Viel zu langsam viel erreicht

Über den Prozess der Emanzipation


Für meine Schwester Marie Sichtermann,

die als Kind auf alle Bäume geklettert ist,

die hoch genug waren

Dieses Werk wurde vermittelt durch

Aenne Glienke | Agentur für Autoren und Verlage

www.aenneglienkeagentur.de

© 2017 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe

www.zuklampen.de

Lektorat: Bettina Eschenhagen · Hildesheim

Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de

Umschlaggestaltung: Hildendesign · München · www.hildendesign.de

Illustration: © HildenDesign, Verena Rankl

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-86674-682-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorweg: Die Fragestellung

Kapitel 1: Kategorien

Kapitel 2: Räume

Kapitel 3: Bezogenheit

Kapitel 4: Gewalt

Kapitel 5: Macht

Kapitel 6: Liebe

Kapitel 7: Sexualität

Kapitel 8: Geist

Kapitel 9: Arbeit

Kapitel 10: Schönheit

Fazit

Literatur

Die Autorin

Vorweg: Die Fragestellung

Man möchte gerne drauflosleben. Man möchte einen Lebensweg finden und einschlagen, ohne lange über die Bedingungen der eigenen Möglichkeiten nachzudenken. Das Reflektieren stört eine Spontaneität, die mit der Vorstellung von Lebensfreude verbunden bleibt, auch wenn spontanes Handeln in Sackgassen und Kümmernisse führt. Ungute Erfahrungen sind es ja dann auch, die zum Reflektieren nötigen. Man möchte gerne einfach so da sein und sich behaupten und gar das Leben genießen, aber dieser Wunsch muss beständig kuschen, denn es gibt zu viele Bedingungen, die unsere Möglichkeiten definieren und beschränken und die wir deshalb verstehen müssen. Also beginnen wir, nolens volens, mit dem Nachdenken. Was ist unsere Stellung als Menschen im Kosmos? Was können wir in unserer unmittelbaren Wirklichkeit tun und gar ändern? Wo liegt unsere Freiheit, spontan zu handeln? Gibt es sie überhaupt? Wovon reden Frauen, wenn sie sagen, ihre Freiheit sei nicht verwirklicht, Gleichheit sei nicht garantiert? Und: Warum müssen sie das heute überhaupt noch sagen? Die letzten beiden Fragestellungen sind es, die uns im Folgenden beschäftigen.

Eins kann man inzwischen gut beobachten: Junge Frauen, die sich gegen Vorhalte und Forderungen älterer Frauen, doch entschiedener für die Gleichberechtigung einzutreten, wehren und sagen: Wir sind frei, wir können alles machen, lasst uns mit eurer Männerfeindschaft und eurem erledigten Feminismus in Ruhe, junge Frauen, die nicht kämpfen, sondern leben wollen, setzen auf die Möglichkeit, spontan in die Welt hinauszufahren, ohne ihre Möglichkeiten allzu genau auf verschlossene Zugänge hin abzuklopfen. Und das ist richtig so! Wäre es anders, hätten die Älteren, also die Generation, die in den 1970er Jahren die Emanzipation ausrief, gar nichts bewirkt. Es waren die Erfolge der Neuen Frauenbewegung, die den Töchtern und Enkelinnen der jetzt gealterten Emanzen das unablässige besorgte Reflektieren über die Bedingungen ihrer Möglichkeiten erspart haben – und genau das wollten sie ja auch erreichen: dass ihre Töchter unter verbesserten Bedingungen ins Leben starten, unter der Fahne der Gleichberechtigung, ohne täglich dafür streiten zu müssen. Die jungen Frauen akzeptieren es denn auch nicht, dass ihr Wunsch, ein Leben als freie Frauen spontan zu leben, kuschen soll, nur weil die älteren von ihnen verlangen, ihre Möglichkeiten zu bezweifeln, da angeblich die Bedingungen immer noch nicht stimmen. Gefühlt haben die jungen Frauen unendliche Möglichkeiten, und die wollen sie nutzen, ohne sich mit Grübeleien über die Bedingungen den Schneid abkaufen zu lassen. Manche erkennen dann in der Mitte ihres Lebens, dass bei den Bedingungen doch noch so manches fehlt, andere wieder resignieren und finden sich ab, Hauptsache, es bleibt ihnen ein Rest spontaner Lebensfreude – allzu genaues Nachdenken trägt für sie nicht dazu bei. Aber auch die Emanzengeneration, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren wurde, wollte ursprünglich nur ihren Lebensweg gehen und dabei möglichst viel Freude haben. Sie fand jedoch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Bedingungen vieler Möglichkeiten neu verhandelt wurden, dass ihre Wege zu kurz und zu starr vorgezeichnet waren. Sie rebellierte. Sie stürzte vieles um und entwarf manches neu, was im sozialen Zusammenlebens für unverrückbar gegolten hatte. Das war eine große Leistung und eine tolle Zeit.

Auf dem umgegrabenen sozialen Gelände laufen die alten und die jungen Frauengenerationen nun heute mit sehr viel höheren Freiheitsgraden umher. Dass die Bewegung aber weitergehen muss, dass die Möglichkeiten noch immer nicht den denkbar besten Bedingungen entsprechen – das wissen die älteren Frauen, das ahnen die jüngeren, und das bestreiten die ganz jungen, weil diese zwischen gefühlten Freiheitsgraden und objektiv gegebenen noch nicht unterscheiden können. Weil die erkämpften und jetzt gegebenen Grade eben schon vieles ermöglichen und noch mehr versprechen. Wenn die jetzige Alt-Emanzen-Generation sich ganz zurückgezogen hat oder ausgestorben ist, wird die nachfolgende Generation vor demselben Dilemma stehen. Sie wird sich darüber freuen, wie rücksichtslos und spontan die jüngste Frauengeneration ins Leben hinausfährt, wird stolz darauf sein, die Bedingungen dieser neuen Möglichkeiten mitgestaltet zu haben, und sich zugleich darum sorgen, dass die noch unerledigten Aspekte der Befreiung übersehen werden könnten, dass ein Rollback nicht ausgeschlossen und dass die Jugend blind sei gegenüber der Notwendigkeit, die Errungenschaften zu verteidigen, um sie zu sichern. Und so wird es womöglich weitergehen.

Wie kommt das? Warum ist nicht mal irgendwann wirklich alles gut? Warum erscheint der Zeitpunkt, an dem frau sich zurücklehnen kann und sagen: Die Arbeit ist getan, so fern? Warum können wir – in absehbarer Zeit – als Frauen nicht wirklich spontan drauflosleben, wissend, dass die Gleichberechtigung nun kein Thema mehr sein muss? Bleibt am Ende die vollendete Emanzipation ein Wunschtraum, weil sie, so wie sie jetzt gedacht wird, gar nicht umsetzbar, weil sie eine Illusion ist? Oder reicht es, wenn frau sich eingesteht, dass sie mit quasi unendlichen Zeiteinheiten zu rechnen hat? Vielleicht aber setzen wir auch nur die falschen Prioritäten … Eine solche Einsicht: Es kann ewig dauern, bis die Freiheit der Frauen verwirklicht ist, und eine solche Furcht: Es geht vielleicht einfach nicht mehr weiter oder sogar zurück, die Einsicht und die Furcht müssen Gründe haben, welche sich benennen lassen. Das versucht der folgende Essay.

Kapitel 1: Kategorien

Die Art, wie sich die Menschen bewegen, wie sie gehen, sitzen, etwas suchen oder umhertragen, etwas mitteilen oder sich anhören, ist immer unterschiedlich: zum einen individuell, denn jeder, jede hat einen persönlichen Ausdruck. Aber auch geschlechtsbezogen, denn Männer und Frauen bewegen sich nicht gleich; schon von Weitem lässt sich auf der Straße erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau, die sich nähert oder weggeht. So ist es auch mit Stimmen, die man hört, ohne die Sprechenden oder Rufenden zu sehen. Man weiß sofort: Es ist eine Frau, die ruft, oder: Es ist ein Mann. Die Irrtumswahrscheinlichkeit ist nicht groß, aber sie ist vorhanden. Es gibt Männer mit weicher Gestik und Frauen mit kantiger, es gibt Männer mit hoher Stimmlage und Frauen mit tiefer, und so kann man sich täuschen. Aber bezogen auf die große Zahl sind die Unterschiede deutlich und klar. Schließlich gibt es die Meinung, dass Männer sich mehr und mit größerer Kraft und Freude bewegen als Frauen, und es gibt die Beobachtung, dass männliche Stimmen weiter tragen und eine größere Entschiedenheit ausdrücken als weibliche. Das wären dann mit Werturteilen befrachtete Verallgemeinerungen, die zu Fragen führen, woher das alles kommt.

Die Antworten, die wir haben, sind umstritten. Manche führen die Neigung der Frauen, auf ihrem Sitz in der Straßenbahn die Beine überzuschlagen, und die der Männer, mit gespreizten Knien dazusitzen, auf den unterschiedlichen Bau der Gelenke bei den Geschlechtern zurück. Man kann aber auch argumentieren, dass Frauen dazu erzogen werden, wenig Platz zu einzunehmen, und deshalb die Beine überschlagen und dass Männer dazu ermutigt werden, viel Platz zu beanspruchen, und deshalb gern breitbeinig dasitzen. Bei den Stimmen sagt der Hinweis auf die unterschiedliche Anatomie des Kehlkopfes bei den Geschlechtern schon vieles – aber nicht alles. Der Ausdruck einer Stimme ist von vornherein dadurch gefärbt, welche Resonanz der sprechende, rufende oder singende Mensch erwartet. Und die kann, je nach dem, wie eine Gesellschaft die Geschlechterfrage beantwortet, ebenfalls sehr unterschiedlich sein. Angeborene Eigenschaften und epochentypische Erziehung, natürliche Anlagen und kulturelle Gepflogenheiten, genetische Ausstattung und gesellschaftliche Erwartungen – das ist immer alles zugleich da, eines durchdringt das andere, widerspricht ihm oder ergänzt es, bestätigt oder verändert es. Heraus kommt eine Art Kompromiss oder Mittelwert, weshalb es nichts bringt, das eine gegen das andere auszuspielen. Auch ist die Natur kulturell beeinflussbar und sozusagen dehnbar und die Kultur von der Natur abhängig, beeindruckbar und bildbar, was uns lehrt, beide Faktoren weniger in Opposition als in Relation zu sehen. Ein Mädchen, das auf Bäume klettert, kann ein Zeichen dafür sein, dass der weibliche Bewegungsdrang dem der Jungen naturgemäß in nichts nachsteht. Das kletternde Mädchen kann aber auch eine Ausnahme sein, es kann für den Bruch eines Tabus stehen oder für die Begründung einer neuen Tradition. Es kommt immer auf den Kontext an. Und zu dem gehören die natürlichen Voraussetzungen und kulturellen Standards der Vergangenheit ebenso wie die lebendigen Kompromisse der Gegenwart und die verschiedenen für die Zukunft erstrebten Veränderungen. Es ist also nicht so einfach, das Geschlechterverhältnis in der jeweiligen konkreten Situation zu verstehen und dann auch noch zu verändern.

Die beiden Kategorien, die unseren Gedankengang bisher strukturiert haben, heißen Gleichheit und Verschiedenheit (oder Differenz). Sind nicht die Bedürfnisse, Baumwipfel zu erklettern, bei beiden Geschlechtern gleich, nur die Bedingungen, die Mädchen und Jungs jeweils vorfinden, wenn sie klettern wollen, unterschiedlich? Oder sind auch die Bedürfnisse unterschiedlich? Sind sie bereits geschlechtsbezogen unterschiedlich oder nur individuell? Wünschen nicht beide Geschlechter, mit ihren Stimmen durchzudringen, wobei aber die Frequenzen, auf denen ihre Ausrufe schwingen, dem einen Geschlecht mehr, dem anderen weniger Kraft verleihen? Oder liegt der Unterschied im Gehör, das beide finden, nur an sozialen Parametern? Die Antworten auf diese Fragen sind oft schwer zu geben, manchmal kommt man überhaupt nicht dahinter, manchmal nur näherungsweise. Das Sich-Festbeißen an den Begründungszusammenhängen von Gleichheit und Verschiedenheit ist misslich, das Darüber-Hinweggehen erst recht. Was also tun? Es bleibt nicht viel mehr übrig als die konkrete Analyse der konkreten Situation samt ihrem geschichtlichen Hintergrund. Gehen wir also freiweg rein ins gedankliche Gelände.

Eine weitere Kategorie, die wir jetzt brauchen, um voranzukommen, ist die Kategorie der Herrschaft. Sie hat das Verhältnis der Geschlechter die gesamte menschliche Geschichte hindurch strukturiert, wobei die Männer das beherrschende Geschlecht waren und die Frauen das beherrschte. Epochen des Matriarchats, in denen es umgekehrt war, sind entweder mit den primitiven Gemeinschaften, in denen sie prägend waren, untergegangen oder bloße Legenden. Sie sollen uns hier nicht weiter kümmern. Wir beziehen uns auf die ausdifferenzierten Gesellschaften der Moderne und ihre Vorgeschichte bis hin zur Antike, und hier finden wir überall die hierarchische Struktur im Zusammenleben der Geschlechter. Es waren (und sind) patriarchalische Gesellschaften, in denen der Mann entschied und die Frau ihm unterstand und von ihm abhängig war. Die Söhne wurden auf den Status des Oberhauptes der Familie vorbereitet, in allen Schichten, von ihren Vätern ebenso wie von ihren Müttern. Und die Töchter erzog man für ein Leben in Abhängigkeit von Vätern und Ehemännern. Nun könnte man den Schluss ziehen, dass angesichts einer so durchgängigen Geschichte der Herrschaft von Männern über Frauen während vieler Tausender von Jahren die Bereitschaft beider Geschlechter, es mit dieser patriarchalen Struktur gut sein zu lassen, als erwiesen gelte und man die Debatte schließen dürfe.

Dagegen spricht, dass das Geschlechterverhältnis als ein Herrschaftsverhältnis in der Vergangenheit und erst recht in der Gegenwart nie stabil war und ist und dass die Freiheitsgrade, die das unterworfene Geschlecht beansprucht hat, sich in Zahl und Bedeutung stets geändert und seit zweihundert Jahren kontinuierlich erhöht haben. Wir sind heute so weit, dass wir sagen können: Das Herrschaftsverhältnis soll als solches abgeschafft und nicht etwa umgekehrt werden. Die Männer haben ihre beherrschende Rolle ausgespielt, die Frauen wollen eine solche Rolle keineswegs erben, beide Geschlechter sollen als gleichwertig und gleichberechtigt anerkannt werden. So der Konsens in weiten Teilen der westlichen Gesellschaften. Der kleinere Teil dort und der größere im Rest der Welt, der unbelehrbar scheint und an den obsoleten Verhältnissen festhält, schießt quer, scheint aber – im Westen – auf dem Rückzug.

Es gestaltet sich nun der Prozess der Verabschiedung des überlebten Herrschaftsmodells ausgesprochen mühselig. Der Frauenbewegung, also der Avantgarde weiblicher Rebellion gegen den Herrschaftsanspruch der Männer und die entsprechend schiefe Machtverteilung in der Gesellschaft, wird immer wieder vorgehalten, sie habe sich verausgabt und keine neuen Ideen auf Lager. Die Situation der Frauen selbst hat sich zwar seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts deutlich in Richtung Gleichheit verbessert, vor allem, was Ausbildungs- und Berufschancen betrifft, aber noch nicht wirklich umfassend erneuert. Die Fortwirkung alter Rollenmuster, besonders unter Frauen, die Mütter geworden sind, scheint ausgesprochen zäh. Ein Stocken der Freiheitsbewegung der Frauen, ja eine Gefahr der Rückentwicklung wird befürchtet. Das ist die Ausgangslage, an die wir unsere Fragen und Erwägungen für Antworten knüpfen wollen.

Wenn es stimmt, dass Traditionen und Gewohnheiten sich genetisch einschreiben in die Konstitution der Individuen – wo sie allerdings jederzeit wieder mit anderen Informationen überschrieben werden können –, wenn es stimmt, dass die alten Verhältnisse sich über die Zeit hinaus fortschleppen, in der sie vom Verstand und vom Erneuerungsbedürfnis der Menschen längst zum alten Eisen erklärt worden sind – und vieles spricht dafür –, dann haben wir als Frauen im Prozess der Emanzipation viel mehr zu tun, als nur gleiche Rechte zu fordern. Denn dann steckt die Herrschaft in ihren beiden Ausprägungen, der Dominanz und der Unterwerfung, der Prärogative und dem Gehorsam, dem Machtbewusstsein und der Bereitschaft zum Klein-Beigeben, in den winzigsten Verästelungen des menschlichen Zusammenlebens, des öffentlichen ebenso wie des privaten. Das hieße, dass wir einen Mann nicht nur deshalb an seinen Bewegungen erkennen, weil diese Bewegungen naturgemäß eckiger sind als die einer Frau, sondern auch, weil sie, soziokulturell begründet, stärker darauf aus sind, Folgsamkeit zu erwirken. Es hieße, dass wir eine weibliche Stimme auch deshalb von einer männlichen unterscheiden, weil sie im Unterton eine Tendenz zu dieser verlangten Folgsamkeit spüren lässt.

Das aber bedeutet, dass Herrschaft als Anordnung und Unterordnung – oder auch Auflehnung gegen die Erwartung, Unterordnung zu verlangen oder zu leisten – überall ist, dass wir gar nicht darum herumkommen, ihr alltäglich und an jedem Ort zu begegnen. Und wenn sie überall ist, ist sie auch schwer wahrnehmbar. Wird sie doch wahrgenommen, zeigt sie zugleich, wie verbreitet, wie fein verteilt in allen Aktionen und Reaktionen sie ist, wie ubiquitär, wie unweigerlich. Da kann schon das Gefühl einer Sisyphusarbeit aufkommen. Und zwar bei allen, die am Prozess der Emanzipation teilhaben, sei es als Vorantreibende oder Aufhaltende, als Subjekte oder Objekte, als Beobachtende oder Involvierte. Das verbreitete Gefühl von Überforderung einerseits: Es ist alles zu viel, und Unterforderung andererseits: Es ist doch längst alles gesagt, hat hier seine Ursache. Die Soziologieprofessorin Ute Gerhard hat die schwierige Situation folgendermaßen kurz in Worte gefasst: »Der Widerspruch zwischen Befreiung und Beschränkung, zwischen der Rede von der Emanzipation und tatsächlicher Unterordnung der Frau unter männliche Dominanz begleitet die Frauen- und Geschlechtergeschichte der Neuzeit seit der Französischen Revolution.«

Die Geschlechtscharaktere in den Jahrhunderten zuvor wiesen allerdings mannigfache Unterschiede auf, sie waren quasi gewichtet und ausgestaltet durch alle anderen Herrschaftsformen, die es in der jeweiligen Epoche gab. Die Dame am Hofe eines italienischen Renaissancefürsten lebte anders und gab sich anders als eine Bürgerin kurz vor der Revolution in Paris, und eine Kaufmannsfrau im mittelalterlichen Augsburg arrangierte sich auf andere Art mit ihrem Gatten als dreihundert Jahre später eine Aristokratin am Zarenhof in Russland. Zu schweigen von den Unterschieden zwischen der Ehefrau eines arabischen Scheichs und einer amerikanischen Universitätsdozentin heute. Was sie aber fast alle eint, ist ihr Unterworfensein unter die Herrschaft von Männern, ist der Mangel an Freiheit, was das Fällen lebenswichtiger Entscheidungen betrifft. Die einzige Ausnahme bildet die Universitätsdozentin, sie kann ihr Leben bereits selbst gestalten. Und sie weiß, dass sie, ihren Fall hochgerechnet auf die weibliche Weltbevölkerung, eine Ausnahme ist.

Die historische Herrschaft der Männer über die Frauen war und ist je nach Zeit und Ort unterschiedlich ausgeprägt, aber sie ist als Herrschaft mit den typischen Einschränkungen, denen die Beherrschten ausgesetzt waren und sind, auch überall ähnlich. Das wurde von den Frauen selbst jedoch früher nur selten so gesehen. Die gefühlte Selbstverständlichkeit der männlichen Vorherrschaft verhinderte einen kraftvollen und einstimmigen Widerstand seitens der Frauen, und wo er aufkam, wurde er niedergemacht; das letzte Wort in all diesen Auseinandersetzungen sprach stets die Gewalt. Aber wie wurde sie legitimiert, wie kam es dazu, dass die Männer ihre Herrschaft so lange und so weitgehend unangefochten aufrechterhalten konnten? Man sprach ja nicht einmal von Herrschaft. Es galt stattdessen der verbreitete Glaube an eine Bestimmung, die mit dem jeweiligen Geschlecht verbunden sei. Nachdem dieser Glaube durch die Aufklärung erschüttert worden war, hat man ihn vor allem im 19. Jahrhundert besonders inbrünstig beschworen.

Die Männer seien dazu bestimmt, ihre Familie zu beherrschen, die Frauen dazu bestimmt, sich zu fügen. Auch wenn das nicht überall friktionslos gelang, war doch das Bewusstsein: Ich, der Mann, muss meine Frau führen, und: Ich, die Frau, muss mich dem Mann unterordnen, allgemein. Das Medium, in dem diese Überzeugungen reiften und sich verfestigten, war die Religion. Es war (und ist) in allen geoffenbarten Bekenntnissen das Gleiche: Gott wolle es so, dass die Frau dem Manne untertan sei, und nun müsse man das Leben nach diesem Gebot führen. Es ist eigentlich einer Erklärung bedürftig, dass diese spirituell vermittelte Herrschaftsform der Männer über die Frauen so lange hingenommen worden ist. Was man weiß, ist dies: Die großen monotheistischen Religionen mit ihren Vatergottheiten über den Wolken haben ein Menschenbild kreiert, verbreitet und am Leben erhalten, in dem Herrschaft als Spezialfall von Zuneigung und Fürsorge, Auflehnung dagegen als Sünde und Ketzerei galt. Gehorsam war die wichtigste und angesehenste Verhaltensbereitschaft – die Männer schuldeten ihren Gehorsam Gott und seinen Gesetzen, die Frauen desgleichen, mit dem Unterschied, dass ihr Gottesgehorsam einen Umweg über die männlichen Menschen nehmen musste. Sie hatten zu tun, was die Männer als Stellvertreter göttlichen Wollens verlangten.

Die Religion und die Strenge der Geistlichen haben die Unterdrückung der Frauen aber nicht allein ins Werk gesetzt, die weltliche Macht hat mitgeholfen, sie hat stets mit Gewalt gedroht, wenn Arme, Benachteiligte, Fremde oder Frauen Ungehorsam an den Tag legten. In allen traditionalen Gesellschaften war und ist Gleichheit nicht praktisch zu denken. Diese Gesellschaften waren ständisch gegliedert, und die Stände – die Bauernschaft, die Handwerker, die Kriegerkaste, die Gelehrten, die Kirchenleute und der König – konnte man untereinander nicht vergleichen, weil ihr Wirken eine jeweils unterschiedliche Bedeutung für das Ganze hatte. Man dachte in heterogenen Einheiten; die Vorstellung von Homogenität, von einer menschlichen Allgemeinheit ist aber die Voraussetzung für ein Denken in Termini von Gleichheit. So gab es dereinst auch niemand, der sich gleiche Rechte oder Wirkungsräume oder Bewährungsfelder für Männer und Frauen denken konnte; die Menschen des Mittelalters hätten solche Ideen nicht nur für sündhaft, sondern auch für verrückt gehalten, für völlig irreal. Frauen sollten Kinder und das Herdfeuer hüten und Männer die Meere befahren und Länder erobern und alle gemeinsam zum Herrgott beten. Das Feld, auf dem die Menschen in homogenen Einheiten dachten: Wir sind alle Menschen, war einzig das religiöse, insofern es sich auf das Leben nach dem Tode erstreckte. Vor Gott waren alle gleich, aber auf Erden gab es gewaltige Unterschiede, und das war dann ja wohl der Wille Gottes. Hinter den konnte niemand zurück.

Erst seit die Aufklärung Herrschaftsformen überhaupt infrage stellte und fallweise abzuschaffen drohte, erst als die säkulare Gesellschaft am Horizont der Geschichte erschien und mit Immanuel Kant den Gehorsam als Prinzip kritisierte, ist Bewegung und Praxis in das Programm mit Titel »Gleichheit« geraten. Jetzt wurde Gleichheit denkbar und machbar, auch die von Männern und Frauen, zunächst im politischen und juristischen Sinn. Das geschlechtsbezogene Herrschaftsverhältnis war aber über so lange Zeiträume intakt geblieben, dass es sehr tief in alle Verzweigungen des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen war und dass wir heute vor der Sisyphusarbeit stehen, es aus diesen Verzweigungen und unseren eigenen Psychen und Verhaltensrepertoires wieder herauszubefördern. Wobei der erste Schritt, nämlich die Erkenntnis: Ja, da gibt es noch hierarchische Auffassungen vom Verhältnis der Geschlechter, also die Dingfestmachung von Herrschaftsansprüchen, häufig überhaupt erst gegangen werden muss. Jeder erkennt Herrschaft, wenn ein Mann eine Frau zu irgendetwas zwingt. Wer aber hätte gedacht, dass die scheinbar so unschuldige Lobpreisung der weiblichen Schönheit etwas mit Herrschaft zu tun haben könnte, dass die Höflichkeitsgesten von Männern gegenüber Frauen eine Art Kompensation für den Ausschluss aus den meisten gesellschaftlich interessanten Unternehmungen darstellten oder dass Hochzeitsfeste, wenn man ihre Rituale deutet, nichts anderes feiern als den Übergang von einer Form der familialen Einhegung weiblicher Existenz zur nächsten? Wer hätte gedacht, dass überall Spuren von Unterdrückung aufgefunden werden können, die der weibliche Teil der Menschheit vonseiten der männlichen erfahren hat?

So weiterhin zu denken, mit einem derart detektivischen Blick auf die Welt zu schauen, gilt heute als überholt und obendrein als ethisch fragwürdig. Für die Gleichstellung sei genug getan worden, und Frauen sollten sich vor einer Selbststilisierung als ewige Opfer hüten. Das ist richtig, dennoch: Es wäre verwunderlich, wenn nach einer so langen Vorgeschichte der Unterdrückung nicht immer noch Spuren, Folgen, geistige Verformungen und unbewusste Verhaltensbereitschaften aus diesem Kontext auffindbar wären, bei Männern und Frauen. Soll man sie auf sich beruhen lassen? Selbst wenn die gesamte Gesellschaft sich dazu entschlösse – es wäre nicht möglich. Die Idee der Gleichheit und das Virus des Widerstands gegen Diskriminierung sind in der Welt und werden ihre Arbeit tun. Die Gesellschaft muss mitmachen. Dabei geht es nicht nur darum, Diskriminierungen historisch zu begründen, sondern sie abzuschaffen und tragfähige Lebensformen für die Zukunft zu finden.

Man darf davon ausgehen, dass der Großteil unserer Öffentlichkeit und ihrer dienstbaren Geister, die Presse, das Fernsehen, das Internet und alle sozialen und asozialen Medien, dazu auch bereit und mit diesem Auftrag unterwegs sind. Die Prioritäten, die gesetzt werden, müssen von Fall zu Fall diskutiert werden. Dieser Essay möchte herausarbeiten, warum es eben doch unumgänglich ist, die Auflehnung gegen Spielarten fortwirkender Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes fortzusetzen, auch wenn es mühselig ist und obsolet erscheint. Dass es für die jetzt lebenden Generationen nicht infrage kommen wird zu sagen: Wir haben es geschafft, es ist alles gut. Dafür ist das historische Paket an Chauvinismus, Unterdrückungs-, Widerstands- und auch Kompromissvarianten, das wir alle schultern, zu groß. Und dafür ist das Feld, in das die geschlechtsspezifische Repression hineinwirkt, zu unübersichtlich. Es ist eben viel mehr und auch etwas anderes als Gleichheit, was wir anstreben, wenn wir weibliche Freiheit meinen. Es ist ein Lebensraum frei von Herrschaft für beide Geschlechter, wobei sich die Frage einschleicht, was nicht nur Gleichheit, sondern auch, was Differenz in und außerhalb von politischen, juristischen und sozialen Bezügen als Kategorien ausrichten können.

Die Verschiedenheit der Individuen soll sich entfalten können, diesen Grundsatz halten alle modernen Gesellschaften hoch. Aber wie sieht es mit der Verschiedenheit der Geschlechter aus? Sie zu diskutieren, ohne implizit den Herrschaftsanspruch des männlichen Geschlechtes und damit die patriarchalische Gehorsamskultur mit einfließen zu lassen, war immer ein schwieriges Unterfangen und ist es geblieben. Es geht damit nur zögerlich voran. Der feministische Diskurs heute scheut davor zurück, die anstrengende und verfängliche Debatte um die Verschiedenheit der Geschlechter bei Betonung des Gleichheitsprogramms im Sinne der Emanzipation weiterzuführen. Er weicht ihr aus, weil er fürchtet, dass alles, was argumentativ vom Pfad der Gleichheit abweicht, zu Rückschritten führt. Die Flucht in die verschiedenen Transgender-Diskussionen, die ein gedankliches Feld beackern, in dem die Existenz von Geschlechtern überhaupt infrage steht, ist ein Beispiel für diese tiefsitzende Furcht. Frau sollte aber das Risiko eingehen, über die Verschiedenheit der Geschlechter nachzudenken, und sich den Konsequenzen stellen. Zu denen muss nicht gehören, dass gleiche Rechte im Sinne von gleichen Chancen und Bedingungen verloren gehen. Im Gegenteil, da der Sinn der Zweigeschlechtlichkeit bei der Spezies Homo sapiens in der Verschiedenheit der beiden Geschlechter liegt, was ihre generativen Potenzen und womöglich noch einige andere Bereiche betrifft, könnte eine Berücksichtigung von Ungleichheit zu mehr Gleichheit führen. Es geht darum, Herrschaft aus den Geschlechterbeziehungen rauszuwerfen, nicht die Ungleichheit zu leugnen.

Frauenpolitik und -publizistik beschränken sich, nachdem auf dem Feld der Bildung und der politischen Partizipation viel passiert ist, heute weitgehend darauf, in denjenigen Lebensbereichen Gleichheit umzusetzen beziehungsweise anzumahnen, die sich nach einer Ausbildung oder einem Universitätsstudium für Frauen öffnen – mit dem Ziel, die Bedingungen zu verbessern, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft, was Berufsaussichten und -ausübung angeht und vor allem Entlohnung, Gehalt, Honorar und schließlich Rente. Auf diesen Feldern hat sich unter dem Zeichen der Gleichheit ein publizistischer Grabenkampf entwickelt, in dem seit Jahrzehnten identische Argumente, Zustandsbeschreibungen und Zielvorstellungen dargelegt werden. Es sieht so aus, als könne frau als Politikerin und als Feministin machen, was sie wolle und müsse, sie käme keinen einzigen Schritt voran. Immer noch gibt es die gaps, die sich einfach nicht schließen wollen: einen Lohnabstand zwischen Männern und Frauen von (in Deutschland je nach der Art, wie man rechnet) 17 bis 27 Prozent, eine Bereitschaft, Zeit mit Kindern zu teilen, die bei Frauen das Hundertfache dessen ausmacht, was Männer aufbringen, einen eklatanten Mangel an weiblichen Führungskräften, dafür ein Verhältnis von neun zu eins, was die Verteilung von Frauen und Männern bei den Alleinerziehenden, den Teilzeitarbeitenden und Zuständigen für die Pflege alter Eltern betrifft, eine schreiende Unterrepräsentanz von Studentinnen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sowie erschreckende Zahlen, was die Karrieren von Männern und Frauen nach dem Erreichen des Doktorgrades an den Universitäten betrifft: Männer werden Professoren, Frauen Mütter. Diese gaps lassen sich mutatis mutandis in allen gesellschaftlichen Bereichen, Parteien, Verbänden, Interessengruppen, Milieus, Stadt und Land, Branchen und Institutionen auffinden, sie sind angeblich in den anderen europäischen Ländern kleiner und klaffen nur in Deutschland auf beschämende und entmutigende Weise mit der Tendenz, sich nicht nur nicht zu schließen, sondern womöglich weiter zu öffnen. Hier haben wir eine Stockung in der Wirklichkeit und in der Debatte, die laut danach ruft, den Blick von den üblichen Parametern wie Einkommen, Zeiteinteilung und Planungssicherheit mal abzuwenden und in das unübersichtliche Gelände der im sozialen Leben fein verteilten ererbten Herrschaftsmechanismen zu richten. Frau wird dann entdecken:

Es ist mehr als Gleichheit, was wir anstreben müssen, wenn der Prozess der Emanzipation weitergehen soll. Der historische Blick macht vieles verständlich, und er ist die erste Voraussetzung dafür, die aktuelle Situation zu verstehen. Sie kann dann viel leichter verändert werden. Man sollte die Bewegungen und Stimmen von Männern und Frauen als ästhetische Phänomene wahrnehmen und bewerten, während man zugleich die Anteile von Herrschaft, die noch darin stecken mögen, kritisch anschaut und praktisch entfernt. Man sollte die Ansprüche und Selbstbilder der Geschlechter immer wieder daraufhin befragen, was sie an Altlasten noch mit sich herumschleppen und ob und wo sich die individuellen von den geschlechtsspezifischen Merkmalen oder Zielvorstellungen trennen lassen. Man sollte eine Ungleichheitspolitik wie die Quotierung, also die Bevorzugung von Frauen bei der Stellenbesetzung, auf allen Hierarchieebenen in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen (bis zu einem erstrebten Anteil) forcieren. In Schulen wird beklagt, dass die Jungen zurückfallen, weil Mädchen im Zuge des kritisch-feministischen Dauerfeuers mehr Aufmerksamkeit bekämen. Aber liegt es wirklich daran? Könnte es nicht auch sein, dass Mädchen mehr Disziplin an den Tag legen, weil ihnen die Bereitschaft zu gehorchen nach der langen Unterdrückungsgeschichte des weiblichen Geschlechts noch in den Knochen steckt? Das kritische Besteck des Feminismus muss feiner werden, es kann nicht sein Bewenden damit haben, überall fünfzig Prozent zu fordern. In der konkreten Situation sind diese groben Verteilungsschlüssel oft wenig wert.

Die Freiheitsimpulse in allen modernen Gesellschaften stärken das Individuum gegen Konformitätszwänge, die von Traditionen und Institutionen ausgehen, sie verlangen zunehmend Respekt vor dem Besonderen. Eine neue Herausforderung, vor der die Frauenbewegung steht, liegt darin, dem Geschlecht auf der großen Skala des individuellen Charakters sozusagen seinen Platz zuzuweisen. Es hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass gar nicht alle Frauen Mütter werden wollen. Und die Emanzipation war einen großen Schritt weiter, als die kinderlose Frau nicht mehr abgewertet, sondern ihre Entscheidung als eine individuelle akzeptiert wurde. Aber das war ein langer Kampf! Mädchen, die auf Bäume klettern, sind heutzutage Kinder, die ihre Lebensfreude zeigen, und keine aus der Art geschlagenen Evastöchter mehr. Streben sie aber später Führungspositionen an, werden sie immer noch gerne gedeckelt. Väter, die in Elternzeit gehen, ernten im Feuilleton Applaus, aber in den Betrieben macht man sie runter. Es sind also weniger die Männer, die es versäumen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als die Strukturen, in denen sie arbeiten, die ihnen das erschweren. Die Kategorie der Herrschaft kann sich vom Geschlecht lösen und unpersönlich werden, sie taugt dann auch dazu, Beschränkungen im Leben von Männern dingfest zu machen. Auf den Spuren solcher Betrachtungen, Bewertungen und kritischen Zugriffe richtet der Diskurs der Emanzipation heute viel mehr aus als nur das Plädoyer für Gleichheit. Im vorigen Jahrhundert war es wichtig, die Kategorie der Gleichheit in den Vordergrund zu stellen, weil das Geschlechterverhältnis vor allem durch die Brille der Verschiedenheit angeschaut wurde – auch in der Tradition der Frauenrechtlerinnen des Jahrhunderts zuvor. Inzwischen denken wir differenzierter. Und wir haben die Gleichheit so gut im Blick, dass wir nichts verlieren, wenn wir die Verschiedenheit zum Thema machen. Zumal es für beide Geschlechter inzwischen darum geht, Herrschaftsstrukturen zu erkennen und aufzulösen.

Kapitel 2: Räume

Dass Frauen ihre Beine lieber und öfter überschlagen als Männer, vor allem in öffentlichen Räumen, mag etwas zu tun haben mit den Unterschieden in der Konstruktion männlicher und weiblicher Gelenke, die erheblich sind. Mit Sicherheit entscheidender aber ist die Geschichte der Menschheit, verstanden als Summe der Entfaltungsmöglichkeiten beider Geschlechter. Ähnlich verhält es sich mit männlichen und weiblichen Stimmen. Ein Bass füllt einen großen Saal, die Luft schwingt bereitwillig unter seinem Atem und produziert mächtige Schallwellen. Ein Sopran spielt auf ganz anderen Frequenzen, und seine Kraft, einen Raum zu füllen, scheint geringer. Aber ob das nur an der Anatomie der jeweiligen Kehlen liegt, muss bezweifelt werden. Denn dem stimmlichen Ausdruck teilt sich stets die Psyche mit. Dass in Talkshows heute noch das weibliche Timbre öfter zittert als das männliche und deshalb von den Moderatoren bereitwilliger in seinem Vortrag unterbrochen wird, hängt damit zusammen, dass alle Frauen einen Rucksack tragen, auf dem das Paulus-Wort geschrieben steht: »Die Frau schweige in der Gemeinde.« Sie hatten allzu lange nicht die geringste Chance, ihre Stimmen in weiten Räumen widerhallen zu lassen. Allgemein gilt: Die Größe des Raumes, den das eine oder das andere Geschlecht einnehmen durfte und darf, ist der bedeutendste und auch am leichtesten messbare Unterschied zwischen ihnen. Er ist riesenhaft.

Wir wissen nicht, wann es begonnen hat, dass die Männer die Frauen im Hause hielten – ähnlich dem Nutzvieh, das sich auch nicht entschließen konnte, wieder in die Wildnis hinauszulaufen, nachdem es einmal gezähmt und im Stall eingesperrt war. Vielleicht konnte es sich entschließen, aber es konnte seinen Entschluss nicht in die Tat umsetzen. Der Vergleich zwischen Nutzvieh und Frauen hinkt insofern, als die Frauen den Prozess ihrer Einhegung an der Seite und nach dem Gebot der Männer über lange Zeiträume hinweg scheinbar einvernehmlich mitgetragen haben. Jedenfalls sind größere Aufstände nicht geschichtsnotorisch geworden. Auch wurden Frauen nicht gezähmt wie Pferde, sondern entwickelten ihre zahme Seite stetig und nolens volens sich anpassend an die rohen Umstände der menschlichen Anfänge. Wir hätten so gern eine Ursprungsgeschichte, in der es erstmalig passiert wäre, was dann für lange Zeiten gelten sollte: dass die Männer ihre Herrschaft über die Frauen etabliert und sie eingesperrt haben, aber die gibt es nicht. Was in der Bibel über den Gehorsam steht, den die Frau dem Manne schulde, baut ja schon auf einer Vorgeschichte auf, die in graue Urzeit zurückweist, das Herrschaftsverhältnis nur noch mal in Schriftform beglaubigt und es auch noch heiligspricht. Es wird so gewesen sein, dass ihre überlegene Körperkraft und sthenische Angriffslust es den Männern nahelegte, sich die Frauen zu unterwerfen – mit eben den Mitteln der Gewalt, die sie in der beständigen Auseinandersetzung mit männlichen Rivalen (um Land und andere Ressourcen, zu denen auch die Frauen gehörten) ausgebildet hatten. Wie das im Einzelnen vor sich ging, ist (für unsere Fragestellung) gleichgültig. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir keinen Mythos besitzen, in dem die Hierarchie zwischen den Geschlechtern erfunden und festgeschrieben wurde und den wir heute umschreiben könnten, sondern dass die Vorgeschichte aller Wahrscheinlichkeit nach kalt, grausam und blutig und weitgehend wortlos verlief. Und dass es keine Rücksicht gab auf zarte Kinder und stillende Frauen, außer dem Schutz durch einen Mann, der imstande war, Gegner aus dem Feld zu schlagen und mit genügend Jagdbeute in die Höhle zurückzukehren.

Wenn wir die Dinge so sehen, erkennen wir, dass die Emanzipation erst beginnen konnte, nachdem die Legitimität der Gewalt durch das geschriebene Recht und die Idee der Gleichheit so weit eingeschränkt war, dass kleinere, schwächere und mit Piepsstimmen geschlagene Menschen ihre Würde und ihre Unversehrtheit in der Welt der Gedanken, aber auch praktisch vor Gericht und schließlich in der öffentlichen Meinung verteidigen konnten. Mit anderen Worten: Es waren die Verkündigung der Menschenrechte und die Konzentration der Gewalt beim Staat nach der Aufklärung, die der Frauenemanzipation zuarbeiteten. Ohne sie wäre an Gleichstellung niemals zu denken gewesen. Wenn wir die Perspektive umkehren und die Menschenrechte mit einer Herausforderung an alle politischen Systeme in der Zeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts verbinden, die von willkürlicher Gewalt geprägt waren, erkennen wir ferner, dass Frauenemanzipation eine Abkehr von jeder Art Gewaltherrschaft zur Voraussetzung hat. So einfach ist das. Die Emanzipation verlangt als Bedingung ihrer Möglichkeit eine zivilisatorische Stufe, welche die Gewalt als politische teilt, als körperliche ächtet und einhegt, beim Staat konzentriert und gegebenenfalls sanktioniert. In Diktaturen mit gewaltbereitem Untergrund sind Frauenrechte keinen Pfifferling wert. Sie sind die schöne Blüte einer Gesellschaft, in der das Recht die Gewalt bezwungen und sich die Gleichheit von einem bloßen Motto zu realer Chancenvielfalt entwickelt hat. Insofern sind die Verteidigung der Demokratie und der Kampf gegen jegliche Diskriminierung das Erste und Beste, was zur Sicherung der Emanzipation, ihrer Gewinne und Errungenschaften, getan werden muss.

So ist denn auch die Selbstbefreiung der Frauen in den letzten hundertfünfzig Jahren, in denen die modernen westlichen Gesellschaften entstanden sind, mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten. Das Jahrhundert davor darf man schon mitrechnen, allerdings lief die Emanzipation ab dem Ende des 18. Jahrhunderts noch im Schneckentempo. Es gab Unterbrechungen, es gab Neuansätze, es gab vor fünfzig Jahren einen Aufbruch mit enormem Crescendo. Aber derzeit stecken wir in einer Generalpause. Frau weiß nicht recht, was tun, um weiter voranzukommen. Auch fühlt sie sich unter Druck durch die politische Rechtsentwicklung überall in der westlichen Welt, es schwelt die böse Ahnung, dass Fremdenhass, Rassismus, Misogynie, Nationalismus, eine weitere Aufwertung von Dominanzgesten auf militärischem Gebiet und Ellenbogenmentalität im wirtschaftlichen Bereich auch Frauenrechte nicht unangetastet lassen werden. Noch ist die Bedrohung eher atmosphärischer Natur. In dieser Situation könnte es nützlich sein, sich bewusst zu machen, was Emanzipation jenseits von verbrieften Rechten bedeutet und was es eigentlich gewesen ist, das Frauen über so viele Jahrhunderte vorenthalten wurde. Und da ist ein wichtiges Stichwort: Räume.

Frauen sollten in Innenräumen verbleiben, dort, wo man sie nicht sah und wo sie ihrerseits nichts Neues sehen und erleben konnten. Die raumgreifenden Schritte waren den Männern vorbehalten. Frauen trippelten. In China verwehrte man ihren Füßen durch Einbinden das natürliche Wachstum, sodass sie nur zu Trippelschritten fähig waren. Lassen wir die Schuhmode unserer Zeit beiseite. Die Modi der Verhinderung, mit denen man Frauen in Binnenbereichen hielt und sie vom Erkennen, Beschreiten und Erobern der Außenräume, gedanklicher und gegenständlich-irdischer, abhielt, waren vielfältig. Hier interessieren erst mal Räume im Sinn von Territorien. Schauen wir den Männern zu, wie sie sich die Erde untertan gemacht haben.

Der Welthandel und die Kriegskunst waren die großen Bewährungsfelder, auf denen junge und reife Männer seit der Antike ihre Kräfte und Fähigkeiten entwickelten, einsetzten und aneinander maßen. Es ging immer darum, Räume zu erschließen, zu erobern und zu sichern. Dafür wurden fantastische Leistungen erbracht. Die Schifffahrt in der Antike, der Vorstoß nach Afrika und Asien, schon der Bau der großen Segler und Ruderboote, das waren gewaltige Abenteuer und berauschende Erfahrungen. Von den Seeschlachten mit ihren unermesslichen Opfern an Menschen und Material berichten die Historiker schaudernd. Die Kriege des Mittelalters und der Neuzeit, die Kreuzzüge, die Religionskriege, die Kabinettskriege, die Weltkriege, sie wollten weiterhin Räume besetzen, aneignen, aufteilen, bebauen, sie entfesselten eine sich steigernde Gewalt, sie erschütterten die Menschheit und stifteten sie an zu epochalen Werken in der Theorie, der Philosophie und Dichtkunst, Werke, in denen man darum rang, die eigene menschliche Natur und ihr schöpferisches Vermögen ebenso wie ihren Zerstörungsdrang zu verstehen und Werte zu entwickeln, an denen gemessen das menschliche Zusammenleben stabiler werden könne. Derweil bearbeitete auch das zivile Leben mit Landwirtschaft, Handwerk und Städtebau die irdischen Räume. Es gab ferner die Epoche der großen Entdeckungen: Auf dem Seeweg nach Indien stieß man auf Amerika, und so ging es weiter, bis die Umrisse der Pole und der letzten unbekannten Inseln die Landkarte der Erde vervollkommneten. Sie ist ein grandioses Epos, die Eroberung, Besetzung, Aufteilung und Nutzung des irdischen Raumes.

Und sie ist eine Erzählung ganz ohne weibliche Autoren. Abgesehen von der Kleinlandwirtschaft, in der Frauen tätig waren, soweit der Zustand ihrer Füße es ihnen erlaubte, waren sie an der Aneignung des Raumes, so wie er die Menschheitsgeschichte bis ins vorletzte Jahrhundert hinein geprägt hat, nicht beteiligt. Was bedeutet das für ihre Psychen, für ihr Selbstbewusstsein, für ihr Tun und Lassen? Und was hat ihre Rolle als Entdecker und Krieger aus den Männern gemacht? Die Tatsache, dass die großen Feldzüge, Erkundungszüge, Eroberungszüge, Welthandelskompanien und Städtebauarbeiten eine rein männliche Angelegenheit waren, muss etwas heißen für die Entwicklung der Geschlechter. Man befindet heute, dass weibliche Gehirne in Bezug auf räumliches Vorstellungsvermögen deutlich weniger leistungsfähig seien als männliche. Zur Erklärung verweist man auf den unterschiedlichen Zustand neuronaler Vernetzungen. Ein Blick in die Geschichte lehrt, woher dieser Unterschied stammt.

Junge Männer mussten, um Schiffbauer oder Soldat zu werden, eine Ausbildung auf einer Werft oder als Rekrut bei der Truppe machen – beides war Frauen verwehrt. Es gab für sie bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht einmal Schulen und auch dann erst mal nur Schrumpfformen jener Institute, an denen die männliche Jugend lernte und studierte. Das war überall auf der Welt so. Das vor-aufgeklärte Weltbild mit den ihm entsprechenden Geschlechterrollen kannte keine Frauen, die eine Ausbildung gemacht oder studiert hätten, um Expertenwissen zu erwerben und einen Beruf auszuüben (von raren Ausnahmen abgesehen). Der Sinn eines Frauenlebens bestand in seinem Dienst an der männlichen Menschheit. Weibliche Menschen sollten Kinder auf die Welt bringen und großziehen, um so das Geschlecht des Mannes fortzupflanzen, und sie sollten hausnahe Tätigkeiten ausführen, etwa gärtnern, spinnen, brauen, backen, kochen und das Kleinvieh versorgen. Kenntnisse, die dafür nützlich waren, durften sie sich aneignen. In den Oberschichten gehörten Musik, Tanz und Lyrik dazu, während Spinnen und Backen weniger galten, dies wurde von Mägden erledigt. Jede weitere Bildung aber war überflüssig und wurde gar für schädlich befunden. Irgendwann aber tat sich der Raum des Wissens auch für Frauen auf. Nicht einfach so, sondern weil Frauen ihn unter Missachtung ihrer beschränkten Zukunftsaussichten ertrotzten.

Zum Beispiel in Zürich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Universität dort war eine junge Gründung, und die weitblickenden Herren, die ihr Lehrprogramm ausarbeiteten, spürten, dass etwas in der Luft lag: der Wunsch junger Frauen aus besseren Kreisen, mehr über die Welt zu wissen als Geburtshilfe und Kochrezepte. Das Kalkül ging auf. Aus vielen europäischen Ländern kamen höhere Töchter in die Schweiz, um dort ihren Wissensdurst zu stillen. Sie beziehungsweise ihre Familien zahlten bereitwillig die saftigen Gebühren. Niemand traute den Mädchen viel zu, weder ihre Eltern noch die Professoren, erst recht nicht die Kommilitonen. Studentinnen wurden regelrecht gemobbt. Aber sie setzten sich durch und die akademische Welt in Erstaunen. Franziska Tiburtius, Anita Augspurg, Ricarda Huch und Rosa Luxemburg gehörten damals zu ihnen. Jetzt war Wut gerechtfertigt, wenn es weitere Hemmnisse gab, die Frauen den Eintritt in die Räume des Wissens verwehrten. Die akademische Welt, in der die Männer so lange unter sich gewesen waren, hielt mächtig gegen die Aspirationen der Frauen. Man betrachtete ihre Studien als eine Art Accessoire, als Zusatzqualifikation für den Small Talk im Salon, den eine kluge Ehefrau an der Seite eines Mannes von Stand führen könnte. Einen akademischen Abschluss brauchten sie dafür nicht, also wurde er verweigert. Dann, als das nicht mehr ging – die Gleichheit als politische Kategorie drängte mit Macht in die Praxis –, verbot man ihnen eine Karriere als Ärztin, Professorin, Anwältin oder Pfarrerin. Sie durften sich, weil sie Frauen waren, nicht niederlassen oder eine Approbation erwerben. Bis sie es dann endlich doch konnten, mussten viele weitere Kämpfe durchgefochten werden.

Warum leisteten Männer in der großen Mehrheit einen solch rigorosen Widerstand, als erstmals Frauen in die akademischen Räume vorstießen? Es hat zu tun mit Weltbildern, die gelten sollten. Die Aufteilung der Geschlechter auf die Räume des Lebens, auf Territorien wie auch auf die Räume des Wissens mit ihren historischen Schätzen und möglichen Neuerungen war tradiert worden und hatte in den Vorstellungen der Menschen eine die Lebenswege vorzeichnende Tiefenwirkung. Für eine Frau war es wichtig, dass sie einen Mann fand, der ihr seinen Namen gab, dessen Kinder sie zur Welt bringen würde und der ihr dafür seinen Schutz und eine begrenzte Teilhabe an seinem Vermögen angedeihen ließ. Alles andere zählte nicht. Für einen Mann war es wichtig, dass er seine Fähigkeiten entwickelte und ein würdiger Nachfolger seines Vaters als Bauer, Hufschmied, Gelehrter oder Aristokrat wurde. Ob und wann er eine Frau fände, mit der er sein häusliches und Gattungsleben führen könnte, war vergleichsweise weniger wichtig. In diesem Weltbild mit dem entsprechenden Verhältnis der Geschlechter gehörte die Erde den Männern, die sie sich, wie Gott es gewollt hatte, untertan und urbar machten. Frauen waren von dieser Weltaneignung ausgeschlossen, sie lebten in Innenräumen und betraten die Außenwelt nur insoweit, als ihr männlicher Vormund es gestattete.

Eine Frau, die studieren ging, rüttelte an diesem Weltbild. Eine Jurastudentin, die Richterin werden wollte, machte die Aufteilung von Räumen, die schätzungsweise auf neunzig zu zehn hinauslief – wobei der Löwenanteil von neunzig den Männern und die Restgröße von zehn den Frauen zukam –, zunichte. Das durfte nicht sein. Die Macht der Tradition liegt in ihrem Ewigkeitsanspruch. Sie will immer weiter gelten. Die Männer, die in Zürich und anderswo während der 1860er bis 1890er Jahre verbissen gegen Studentinnen der Rechte, der Theologie, der Medizin oder der schönen Künste kämpften und ihr Weltbild mit der Neunzig-zu-zehn-Aufteilung der Räume verteidigten, sahen sich nicht als Frauenfeinde oder -verächter, und sie waren es subjektiv auch nicht. Sie wollten den Frauen ihre Komfortzone erhalten: Die sollten mal schön bei Mann und Kindern zu Hause bleiben, anstatt sich den rauen Wettern der Wissenschaften, der Juristerei, der Heilkunst oder den Streitereien der verschiedenen philosophischen Schulen auszusetzen. Natürlich waren so gut wie alle Männer davon überzeugt, dass Frauen für die Wissenschaften ungeeignet seien. Sie erfanden die bizarrsten Indizien, angefangen bei der weiblichen Kopfform bis hin zur angeborenen Scham (eine Frau in der Anatomie – nicht auszudenken!), mit denen sie belegen zu können glaubten, dass eine Frau nicht in die Universität gehöre. Es gab strenge Verbote. Aber Zürich wies dann doch den Weg. Und Frauen beschritten ihn, nachdem die Schranken gefallen waren, in großer Zahl. Heute lacht man über die Vorwände, unter denen man einst weibliche Studienanfänger draußen vor der Tür der Alma Mater gehalten hat. Damals war es nicht zum Lachen, weder für die Frauen, die als erste raumgreifende Schritte ins Reich des Wissens machten, noch für die Männer, die sie aufhalten wollten. Für beide ging es um ein Weltbild. Die einen wollten es erhalten, die anderen es umstoßen.

Zur Neunzig-zu-zehn-Aufteilung der Räume muss noch gesagt werden, dass der den Frauen zur Verfügung stehende Binnenraum ebenfalls unter der Oberherrschaft ihrer Männer stand. Sie hatten also, genau besehen, nicht einen zehnprozentigen Restraum für sich, sondern gar keinen. Sie lebten quasi zur Untermiete in einem Haus, das den Männern gehörte, auch wenn die fast nie dort waren, und aus dem sie, die Frauen, jederzeit rausgeworfen werden konnten, so bei Untreue oder wenn der Mann ihrer überdrüssig war. Es ist eine Ironie der Wortwahl, dass die »Hausfrau«, die es ja heute noch gibt und die konservative Kräfte in Deutschland als Existenzform gerne aufwerten möchten, dass die Hausfrau das »Haus«, in dem zu leben und zu wirtschaften angeblich ihre Bestimmung oder wenigstens eine erfreuliche Daseinsform sei, nicht einmal besessen hat. Es gab zwar auch begüterte Frauen. Doch das Vermögen einer Frau gehörte nach der Eheschließung von Rechts wegen dem Mann.

Was die Räume betrifft, so kommen wir zu dem ernüchternden Schluss, dass Frauen nicht nur auf den sieben Meeren nicht vorkamen – alter Seemannsspruch: »Frauen und Blumen an Bord bringen Unglück« –, dass sie nicht nur an der territorialen Erschließung unseres Planeten unbeteiligt waren und dass sie die Räume des Wissens nicht mit eingerichtet haben, sondern dass selbst im Nahraum des Hauses, in dem sie ihr Dasein fristeten, auch noch der Mann von Rechts wegen als Bestimmer über ihnen stand. Der »Stichentscheid des Haushaltsvorstandes«, der bei schwierigen Fragen zum Beispiel in Sachen Kindererziehung noch vor einer (!) Generation die Debatte schließen konnte, wurde, historisch gesehen, erst gestern abgeschafft. Ebenfalls zu nennen wäre in diesem Zusammenhang das gern zitierte Verbot, das ein Ehemann über seine Frau verhängen konnte, wenn sie arbeiten gehen wollte und er das nicht gut fand. Auch das eigene Konto einer Frau ist eine junge Errungenschaft. Alles in allem: Die nach der festen Überzeugung vor allem des bürgerlichen Zeitalters »ureigene Sphäre« des weiblichen Wirkens, das Haus, war nie ihre eigene Sphäre. Es war immer ein Herrschaftsbereich der Männer. Für Frauen war es der Ort, an dem sie die Dienstleistungen erbrachten, die für den Sinn ihres Daseins standen.

Die Konsequenzen, die jene Raumfülle für die Männer und die Raumlosigkeit für die Frauen hatte und hat, sind gewaltig. Schauen wir uns noch einmal die Lebenswege der Männer an. Diese Wege führten sie zuweilen in weite Ferne – auch Männer aus dem Volk kamen als Soldaten, als Matrosen und als Handelsreisende weit herum. Auch wenn sie, beispielsweise als Landmann oder als Pastor, im Wesentlichen auf ihrer Scholle oder in ihrem Kirchspiel blieben, hatten sie doch eine gehörige Weltbegegnung, sei es als Verhandler von Geschäftsbedingungen, als Geistlicher auf einem Konzil, als Soldat im Feindesland, als Lehrer vor Buben, als Zimmermann auf dem Bau. Sie trafen dort ihresgleichen, aber auch Vertreter anderer Stände, sie trafen – Männer. Die Einhegung der Frauen im Hause bedeutete ja, dass Männer in ihrem Berufsleben, auf ihren Feldzügen, auf ihren Handelswegen oder in ihren Werkstätten ausschließlich mit anderen Männern verkehrten. Dort, wo die Geschlechtersegregation von alters her besonders konsequent durchgeführt wurde oder wo Männerbündelei den Zugang streng kontrollierte wie beispielsweise in englischen Clubs, beim katholischen Klerus, bei der Armee oder in Geheimbünden wie den Freimaurern, ist das heute noch so: Männer sitzen oder arbeiten zusammen mit anderen Männern, sie verleben den Feierabend mit anderen Männern, sie wetteifern mit anderen Männern, sie kooperieren und sie verschwören sich mit anderen Männern. Sie leben ihr soziales Leben mit Menschen ihres eigenen Geschlechts. Was heißt das für sie?

Es heißt, dass sie einander ziemlich gut kennenlernen. Dass sich ihre libidinösen Energien, soweit solche auch neben den erotischen Zielen und Zwecken in ihren Herzen wohnen, auf Männer richten. Respekt, Ehrfurcht, Sympathie, Anerkennung und Einvernehmen sowie deren Entzug und sodann Beleidigung, Böswilligkeit, Rufmord und Keilerei erleben sie vor allem unter ihresgleichen. Dazu gehört, dass sie es lernen, miteinander auszukommen. Dass sie Person und Sache trennen. Männer können sich als politische oder sportliche Gegner nach Herzenslust attackieren und hinterher miteinander anstoßen. Ihre überlegene Fähigkeit, sich aufeinander zu beziehen, sich nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern, kurz: Seilschaften zu bilden, die einiges aushalten, erwächst aus dieser Geschichte: Männer leben ihr interessantes Leben mit anderen Männern.

Nicht mit Frauen? Nun ja. Zu Hause ist es eher langweilig. Man kennt den Typus Ehemann, der seinen Feierabend lieber in der Kneipe mit den Kollegen verbringt, weil er da mehr Spaß hat. Aber manchmal sind Männer auch zu Hause, und dann freuen sie sich, wenn ihre Frauen sie liebevoll empfangen. Oder sie ärgern sich, wenn das nicht so ist. Allgemein gilt: Männer erlebten früher das andere Geschlecht als das fremde, das ihnen nicht ganz geheuer und das zu beherrschen ihnen aufgegeben war, weshalb sie es gewohnheitsmäßig abwerteten oder aber mystifizierten – das weibliche ist als »das andere« auch das mindere. Diese lange Vorgeschichte der Emanzipation ist noch nicht ganz vergangen. In alten Zeiten haben Männer gerne betont, dass sie die Frauen verehrten, es gab im Hochmittelalter in den höheren Ständen ja sogar die »Verehrung der Frau« als Kunst- und Lebensform. Theodor W. Adorno hat dazu gesagt: »Der Affekt, der zur Praxis der Unterdrückung passt, ist Verachtung, nicht Verehrung«, wodurch er wohl einiges richtiggestellt hat. Ungezählt sind die Mystifizierungen der Frau als die in der Natur tiefer Verhaftete, die Rätselvolle, die Triebhafte, die Sündhafte, das Tier. Solche Zuschreibungen sind Folgen eines Geschlechterrollen-Entwurfs, der keine Räume öffnet für eine nicht-erotische Begegnung der Geschlechter im Medium des Wettbewerbs oder der Kooperation, Räume, die von beiden Geschlechtern gleichermaßen befahren, erobert oder verteidigt oder als Räume des Wissens, der Vorstellung und der Zukunft entworfen und beschrieben werden können. Erst unsere Epoche hat eine solche Begegnung möglich gemacht, dieses Verdienst ist außerordentlich. Denn es erneuert das Fundament für Gleichheit, was die Chancen der Lebensführung betrifft, und es lehrt beide Geschlechter, was es heißt oder heißen könnte, die alte Raumaufteilung nach der Neunzig-zehn-Regel zu suspendieren und Frauen in die großen, weiten Räume der Außenwelt zu entlassen. Es bedeutet, dass mit der Herrschaft des männlichen Geschlechts über das weibliche das Dispositiv »Herrschaft« überhaupt als sozial strukturierendes Modell in die Defensive gerät. Es bedeutet viel mehr, als dass Männer und Frauen aufhören, einander als Agenten einer Hierarchie mit festgelegten Oben-Unten-Strukturen zu begegnen – es bedeutet, dass Herrschaft als soziales Instrument eo ipso fragwürdig wird. Es bedeutet, dass alle Hierarchien in eine Legitimitätskrise geraten.

Dabei hat aber die Herrschaft der Männer über die Frauen zu lange bestanden, um einfach so abgeschüttelt werden zu können, sie hat das Verhalten, die Eigenschaften, die Erwartungen, die Umgangsstile und den individuellen Ausdruck der Menschen derart geprägt und gefärbt, dass ein langer Übergang vonnöten sein wird, bis es selbstverständlich geworden ist, dass die Geschlechter einander auf Augenhöhe begegnen. Ja, man kann sagen: Die Umsetzung der Idee der Gleichheit in Bezug auf die Geschlechter kommt, was die Lebenswirklichkeit betrifft, einer kopernikanischen Wende gleich. Alles muss anders angesehen werden und anders werden, nachdem sich herumgesprochen hat, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern die Erde um die Sonne … Also: alles muss anders angesehen werden, wenn sich herumgesprochen hat, dass das Verhältnis der Geschlechter kein selbstverständliches Oben-Unten mehr einschließt. Irgendwann wird es womöglich so kommen, Menschen werden einander als Männer und Frauen in all ihrer individuellen Sonderbarkeit gelten lassen, sie müssen sich dann nicht mehr einer über die andere erheben oder eine dem anderen sich unterordnen, sie können nebeneinander mit gleichen Rechten, Aussichten und Chancen, dabei mit ganz verschiedenen Hintergründen, Ansichten und Zielen ihre Wege suchen und gehen. Männer können arbeiten und leben mit und neben Frauen, ohne den Anspruch, es besser zu wissen und die Entscheidungen zu treffen, und Frauen können arbeiten und leben neben Männern, ohne die Bereitschaft, sich zurückzunehmen und bloß zu folgen. Das geht. Es ist jedoch noch nicht so weit. Unsere Arbeitswelt wie auch unsere privaten Lebensräume müssen erst entsprechend umgestaltet werden. Aber die Tradition der obsoleten Raumaufteilung wirkt immer noch mächtig nach. Das wissen Männer, die eine solche Tradition loswerden wollen, genauso gut wie Frauen, die überkommene Verhaltensweisen abgeschüttelt haben. Das ahnen sogar Männer und Frauen, die in altfränkischen Umgangsstilen festsitzen und es trotz besseren Wissens nicht schaffen, sie abzulegen. Sie sind die Verlierer der Emanzipation. Sie müssen uns nicht leidtun. In manchen Weltgegenden rotten sie sich zu einer Art Gegenrevolution zusammen. Es sind inzwischen, da Amerika diesen Weg möglicherweise mitgeht, ziemlich viele. Also: Achtung!

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
171 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783866746824
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar