Kitabı oku: «Emmanuel Lévinas»
UTB 3262
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Einem Menschen begegnen heißt,
von einem Rätsel wach gehalten werden.
Emmanuel Lévinas

Barbara Staudigl
Emmanuel Lévinas
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. Barbara Staudigl ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der
Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertere bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
eISBN: 978-3-8463-3262-7
© 2009 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
www.v-r.de
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Reihenkonzept und Umschlagentwurf: Alexandra Brand
Umschlagumsetzung: Atelier Reichert, Stuttgart
Inhalt
Lévinas Ethik im Kontext seiner Biographie
Lévinas im Profil
1 Lévinas’ Ethik und die abendländische Tradition
2 Ethik als Erste Philosophie
3 Das vitale Ich: Setzung durch den Genuss
4 Das verwundbare Ich
5 Die ethische Bedeutung der Sinnlichkeit
6 Die ethische Erweckung zur Verantwortung
7 Der Andere
8 In der Spur des Anderen
9 Der Dritte und die Frage nach der Gerechtigkeit
10 Besessenheit, Geiselstand und Stellvertretung
11 Gott als der Andere
Serviceteil
Glossar
Siglen der Werke
Bibliographie
Anmerkungen
Lévinas’ Ethik
im Kontext seiner Biographie
Emmanuel Lévinas gilt als einer der größten Ethiker des 20. Jahrhunderts – und als einer der radikalsten. Sein Denken ist konsequent dem Anderen geschuldet. Von Anderen her wird entwickelt, was Verantwortung für das Subjekt bedeutet. Die Auseinandersetzung mit diesem großen Denker, der in Straßburg, Freiburg und Paris studierte und später Philosophieprofessor an der Sorbonne war, hat in Deutschland erst in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen − einige Jahre vor Lévinas’ Tod. Heute ist seine Ethik nicht mehr wegzudenken aus dem philosophischen, pädagogischen und theologischen akademischen Diskurs.
Beim Nachdenken der Philosophie von Emmanuel Lévinas, der am 25. Dezember 1995 kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag verstarb, wird man ohne das Mitdenken seiner Biographie kaum auskommen, zumindest nicht ohne das kardinale Datum des Holocaust.
»Dem Gedenken der nächsten Angehörigen unter den sechs Millionen der von den Nationalsozialisten Ermordeten, neben den Millionen und Abermillionen von Menschen aller Konfessionen und aller Nationen, Opfer desselben Hasses auf den anderen Menschen, desselben Antisemitismus.« (JdS)
Lévinas’ Spätwerk Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht aus dem Jahr 1974 enthält zwei Widmungen: eine erste für alle Holocaust-Opfer des nationalsozialistischen Regimes und eine zweite hebräische Widmung für seine Eltern, die Brüder und Schwiegereltern, die in ihrem Heimatort Kaunas in Litauen der »Endlösung« zum Opfer gefallen waren.
»Dem Andenken des Lebenshauches meines Vaters, meines Lehrers Rav Jechi’el, Sohnes des Rav Avraham, des Leviten;
meiner Mutter, meiner Lehrerin, Devora, Tochter des Rav Mosche;
meines Brudes Dav, Sohnes des Rav Jechi’el, des Leviten, und Aminadav, Sohnes des Rav Jechi’el, des Leviten;
meines Schwiegervaters Schmu’el, Sohnes des Rav Gerschon, des Leviten;
und meiner Schwiegermutter Milka, Tochter das Rav Chajím.
Möge ihre Seele eingebunden sein im Beutel des Lebens!«*
Das Werk Lévinas’ ist das Werk eines Juden, der Antisemitismus und Holocaust am eigenen Leib und in der eigenen Familie erlebt hat. Lévinas’ Philosophie ereignete sich vor diesem Hintergrund. Seine Biographie wurde, wie er selbst sagt, beherrscht von der Vorahnung des Nazigrauens und der Erinnerung daran (vgl. EN, 108).
Dass die Nachwelt sich ein plastisches Bild vom Leben des französischen Philosophen machen kann, verdankt sie der detailreichen Biografie Salomon Malkas, der Schüler von Lévinas war und den ehemaligen Lehrer und Schulleiter nicht als Philosophen, sondern als Mensch porträtiert (vgl. Malka 2003). Diese persönliche Biografie erlaubt einen anderen Blick auf ein Werk, das nicht leicht zu lesen ist, dessen Ethik im wahrsten Sinne des Wortes »an-stößig« sein kann. Lévinas ist nicht nur einer der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, er war auch gläubiger Jude – und zutiefst Mensch.
»Den Menschen kannte ich schon seit meinem siebzehnten Lebensjahr, als ich Schüler der ENIO war. Das kleine Energiebündel, das durch die Gänge fegte, machte damals Eindruck auf uns. Ich erinnere mich an seine Art zu gehen, seine kleinen, abgehackten Schritte. Ich höre noch sein ›Nicht wahr?‹ am Ende jedes noch so kleinen Satzes und sehe ihn mit seinem Exemplar von Le Monde, das er täglich nach dem Mittagessen unter dem Arm trug. […] Wir lebten in seiner Philosophie, ohne uns darüber im Klaren zu sein. Ich denke an die Aufmerksamkeit, die er, ohne es sich anmerken zu lassen, den ungeduldigen Fragen der jungen Leute, ihrem Bedürfnis, bemerkt zu werden, widmete. […]
Sein Ringen nach Luft, wenn er das richtige Wort suchte, das angestrengte Nachdenken, bei dem man ihn buchstäblich zusehen konnte, tastende Formulierungen und Gedankenblitze, befreiende plötzliche Erkenntnisse sowie aufscheinende Emotionen, und dann wieder ein instinktives, brüskes Zurückschrecken vor jedem Anflug von Eitelkeit: All das war bei ihm gleichzeitig zu erleben.« (Malka, 12; 106)
Emmanuel Lévinas wurde 1906 in Kaunas in Litauen geboren, das damals zum zaristischen Russland gehörte. Sein Vater Jehiel betrieb eine Buchhandlung in der Hauptstraße, heute Allee der Freiheit, in der sich auch das Café Conrad befand, ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle. Die Familie Lévinas selbst wohnte mit den drei Söhnen Emmanuel, Boris und Aminadab ein paar Straßen weiter in der Nähe des Flusses Nemunas. Im Nebenhaus lebte die Familie Lévy mit der Tochter Raissa, Lévinas’ späterer Frau.
Der junge Emmanuel wuchs in einem traditionellen jüdischen Milieu auf, religiöse Bräuche und Riten waren eingebettet in den Alltag der Familie. Lévinas lernte die hebräische Bibel und die talmudische Gelehrsamkeit kennen, die drei Brüder hatten einen eigenen hebräischen Hauslehrer.
Exkurs
Jüdisches Leben in Litauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Salomon Malka beschreibt das jüdische Leben in Litauen zu dieser Zeit: » war die Zeit der Jahrhundertwende, als Sprache, Religion und nationale Frage im Zentrum aller Debatten standen, als Emanzipationsgelüste aufkamen, das kulturelle Leben einen Höhepunkt erlebte. In Kaunas wie im übrigen Litauen waren all diese Strömungen lebendig. Ihren deutlichsten Niederschlag fanden sie in einem Netz unterschiedlichst orientierter Schulen, deren Lehrer, seien sie religiös oder laizistisch ausgerichtet, Zionisten oder Jiddischisten, all diese Strömungen widerspiegelten. Diese ganze Skala der Nuancen machte die Besonderheiten der Stadt, machte die Besonderheit Litauens aus. (Malka, 29)
Verfechter der Orthodoxie gab es in Kaunas ebenso wie Anhänger der Haskala, der aus Deutschland stammenden Aufklärung, die mit einem Aufblühen der Wissenschaften und der Künste einherging. Es gab Zionisten, die für die Schaffung einer jüdischen Gesellschaft in Palästina eintraten; und es gab Bundisten, die das jüdische Proletariat mit Hilfe sozialistischer Ideen einigen wollten. Prägend für die Zeit waren die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des Chassidismus, einer pietistischen, auf religiöse und mystische Erneuerung abzielenden Strömung und den Anhängern der sog. Litwak-Kultur.
Insgesamt gab es in Litauen vor dem Ersten Weltkrieg rund 40.000 Juden. Auch in Lévinas’ Heimatstadt Kaunas prägten sie das kulturelle Leben stark mit durch jüdische Theatergruppen, Zeitungen sowie jüdische Schulen (vgl. Malka, 28ff.).
Die Familie Lévinas lebte in einem gemäßigten jüdischen Milieu, in dem die Begegnung mit dem Talmud als wichtig erachtet wurde. Ebenso wichtig aber war im Hause Lévinas Literatur. Dies versteht sich nahezu von selbst, bedenkt man, dass der Vater Jehiel eine Buchhandlung betrieb, seine Schwester die russische Stadtbibliothek von Kaunas leitete. Emmanuels Mutter Dwora vermittelte Emmanuel die Liebe zur Literatur, las den Söhnen vor, ermöglichte die Begegnung mit den russischen Dichtern, die den Sohn faszinierten und, wie er selbst sagte, zusammen mit der Bibel zur Philosophie brachten.
»Die Bibel sehr früh, die ersten philosophischen Texte an der Universität […] Aber zwischen der Bibel und den Philosophen: die russischen Klassiker Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew, Dostojewsky und Tolstoi, und auch die großen Schriftsteller des westlichen Europa, vor allem Shakespeare, den ich in Hamlet, Macbeth und König Lear sehr bewundert habe. Ist dies eine gute Vorbereitung auf Platon und Kant, die auf dem Programm für das Diplom für Philosophie stehen, wenn man die Kernfrage der Philosophie als die nach dem Sinn des Menschlichen, wie sie Suche nach dem berühmtem ›Sinn des Lebens‹ – nach dem sich die Romanfiguren der russischen Schriftsteller ununterbrochen fragen – versteht?« (EU, 14)
In seiner Jugend erlebte Emmanuel die Unruhen des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution. Die Familie Lévinas war betroffen von den politischen Turbulenzen. Sie emigrierte nach der deutschen Invasion in die Ukraine, Emmanuel besuchte in Charkow das russische Gymnasium, wurde dort als einer von nur fünf jüdischen Schülern aufgenommen.
Exkurs
Litauen im frühen 20. Jahrhundert
Litauen gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zum zaristischen Russland, die Stadt Kaunas war zur Zeit, als Lévinas geboren wurde, Hauptstadt einer sog. Gubernja, eines Gouvernements. Litauen war nach der dritten Teilung Polens (1795) zu einer Provinz des Russischen Reiches geworden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verfolgte das zaristische Russland eine völlige Russifizierung: Der Druck litauischer Texte in litauischer Sprache wurde verboten, litauische Schulen wurden geschlossen. Gleichzeitig engagierten sich jedoch Intellektuelle für eine eigene politische und nationale Identität Litauens. Im Jahr 1905 erklärte der Große Wilnaer Landtag die Autonomie des litauischen Staates innerhalb des Russischen Reiches. Litauisch wurde wieder zur offiziellen Sprache.
Während des Ersten Weltkrieges besetzte Deutschland 1915 litauische Gebiete und fasste sie unter der Führung von General Erich Ludendorff zur Verwaltungseinheit Ober-Ost zusammen. Am Ende des Ersten Weltkrieges erklärte der litauische Landesrat (Lietuvos Taryba), die Unabhängigkeit Litauens mit der Hauptstadt Vilnius. Doch Polen meldete territoriale Ansprüche auf die Gebiete rund um Vilnius an und annektierte im Zuge des Polnisch-Litauischen Kriegs (1920) Mittellitauen. Schließlich wurde Kaunas zur Hauptstadt der Ersten Republik, zugleich Zentrum der Kultur und Bildung. In den 20er Jahren entwickelte sich ein reiches und national geprägtes Kulturleben (vgl. Rofall, 342ff., 462ff.; Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, 58ff.).
1920 kehrte die Familie Lévinas nach Litauen zurück, Emmanuel legte am jüdischen Gymnasium in Kaunas sein Abitur ab und erlebte als junger Mann die kulturelle Blüte und die geistige Offenheit seiner Heimatstadt Kaunas. »I woke up one day and I knew I was a European« – diese Widmung, die er handschriftlich Dr. Moses Schwabe in seinem Buch Vom Sein zum Seienden zukommen ließ, wird als Hommage an einen europäischen Humanismus gedeutet, den er nicht zuletzt diesem deutschen Schulleiter des jüdischen Gymnasium in Kaunas verdankte (vgl. Miething / Wolzogen, 7f.).
Interessiert an der deutschen humanistischen Tradition und ausgestattet mit guten Deutschkenntnissen, bewarb Lévinas sich 1923 um einen Studienplatz für Philosophie an den Universitäten Königsberg, Berlin und im Rheinland. Er erfuhr Ablehnungen – mit der Begründung, dass der Unterricht in einem jüdischen Gymnasium in Litauen kein ausreichendes Niveau aufweise (vgl. Lescouret, 51). Wie bitter, dass er in diesem Land, dessen humanistisches Erbe er studieren wollte, 20 Jahre später den Inbegriff der Inhumanität in einem Lager für jüdische Kriegsgefangene erleben musste!
Wegen der Ablehnungen in Deutschland ging Emmanuel Lévinas zum Philosophiestudium nach Straßburg und begegnete dort einem Freund: Maurice Blanchot, Journalist, Schriftsteller und Literaturtheoretiker.
»Ich glaube, jeder weiß, was ich Emmanuel Lévinas, meinem nunmehr ältestem Freund und dem einzigen, der mich zum Du autorisiert hat, verdanke. Bekannt ist auch, dass wir uns 1926 in Strassburg kennen lernten, wo so viele große Lehrer uns eine keineswegs mittelmäßige Philosophie lehrten. War diese Begegnung dem Zufall geschuldet? Man kann es so sagen. Doch unsere Freundschaft war weder gewagt noch zufällig. Etwas Tiefes ließ uns zueinander finden. Ich würde nicht sagen, dass es bereits das Judentum war, sondern, neben seiner Fröhlichkeit, jene ernste und schöne Art, in der er, ohne jede Pedanterie, die Tiefen des Lebens auslotete.« (Blanchot 1988)
Dabei waren die beiden jungen Männer höchst unterschiedlich: Lévinas war emigrierter Russe und Jude, geprägt von diesem kulturellen Erbe; Blanchot stammte aus gutbürgerlichen französischen Verhältnissen, arbeitete als Journalist an Zeitschriften der extremen Rechten mit. Auch antisemitische Äußerungen sind von ihm überliefert. Die unterschiedliche politische Haltung mag mit ein Grund für eine zunehmende Entfremdung der beiden Freunde gewesen sein. Gleichwohl war es Blanchot, der Lévinas’ Frau und Tochter half, während des Krieges unterzutauchen.
»Wir verließen Straßburg fast zur gleichen Zeit, um nach Paris zu gehen, aber obgleich unser Kontakt nie abriss, bedurfte es doch der Katastrophe eines entsetzlichen Krieges, um unsere Freundschaft, die vielleicht etwas lockerer geworden war, wieder zu festigen. Um so mehr, als Lévinas, der zunächst in Frankreich in Gefangenschaft geriet, mir auf geheimem Weg die Bitte übermitteln ließ, für seine Lieben zu sorgen, die leider von den Gefahren einer abscheulichen Politik bedroht waren.« (Ebd.)
Die Freundschaft zwischen Lévinas und Blanchot begleitete sie ihr ganzes Leben. Zeugnis dieser Beziehung geben Veröffentlichungen der beiden. Emmanuel Lévinas veröffentlichte im Jahr 1975 eine kleine Schrift Sur Maurice Blanchot, Blanchot beteiligte sich seinerseits 1980 an der Veröffentlichung Textes pur Emmanuel Lévinas und gab einer Erzählung den Namen von Emmanuels Bruder Aminadab.
Im Sommer 1928 ging Lévinas nach Freiburg. Dort begegnete er Philosophen, die sein Denken schulten und prägten und die unterschiedlicher nicht sein könnten: Husserl und Heidegger.
Der Philosophiestudent Lévinas lernte Edmund Husserl zu einem Zeitpunkt kennen, als dieser kurz vor seiner Emeritierung stand. Und dennoch entspann sich zwischen beiden eine enge Beziehung, Lévinas sprach Zeit seines Lebens voller Hochachtung über den Philosophen, aber auch den Menschen Husserl.
Im Jahr 1930 übersetzte Lévinas zusammen mit seiner Mitstudentin Gabrielle Pfeiffer Husserls Cartesianische Meditationen ins Französische, stellte der Übersetzung eine Einführung in die Phänomenologie Husserls voran und trat damit zum ersten Mal als Philosoph in die wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Er weiß sich Zeit seines Lebens von der Phänomenologie Husserls beeinflusst.
Exkurs
Edmund Husserl und die Phänomenologie
Edmund Husserl (1859–1938), Mathematiker und Philosoph, gilt als Begründer der phänomenologischen Methode. Er versuchte die Philosophie als apriorische strenge Wissenschaft neu zu begründen, indem er bei den Phänomenen, bei den Sachen selbst, in ihrer Selbstgegebenheit ansetzte und den Verzicht auf jegliches (Vor-)Urteil forderte. Die Phänomenologie stellt die Frage, ob der Erkenntnisgegenstand auch unabhängig vom Bewusstsein wirklich ist und versucht, Meinungen und Vorentscheidungen auszuklammern um zu den Sachen selbst zu kommen (vgl. Müller / Halder, 135f.).
Husserl wurde als zum Protestantismus konvertiertem Juden 1936 die Lehrerlaubnis entzogen.
In Freiburg begegnete Lévinas auch Martin Heidegger, dem Lehrstuhl-Nachfolger Edmund Husserls. Wie die meisten seiner Mitstudierenden war er begeistert von Heidegger. An einem philosophischen Treffen im Jahr 1929 in Davos, das maßgeblich von Ernst Cassirer und Heidegger gestaltet wurde, nahm auch der junge Lévinas teil.
Exkurs
Ernst Cassirer
Cassirer (1874–1945) war einer der bedeutendsten Neukantianer der sog. Marburger Schule. Obwohl er Jude war, war er 1929 noch Rektor der Universität Hamburg geworden, war Professor in Oxford, Göteborg und seit 1941 in New York. Cassirer steht für eine Philosophie, die die formale Betrachtungsweise des Neukantianismus mit einem Sinn für Geschichte verbindet. »Statt lediglich die allgemeinen Voraussetzungen des wissenschaftlichen Erkennens der Welt zu untersuchen, will er die verschiedenen (geschichtlichen) Grundformen des Verstehens der Welt bestimmt gegeneinander abgrenzen: Symbolische Formen in den Grundausprägungen von Sprache, Mythos, Wissenschaft. « (Müller / Halder, 54)
Die Begegnung zwischen Cassirer und Heidegger scheint nicht harmonisch verlaufen zu sein, wie den Protokollen zu entnehmen ist, da beide eine völlig unterschiedliche Philosophie vertraten. »Die eine beruft sich auf die europäische Tradition der Philosophie seit der Aufklärung, und die andere, die einen Neubeginn verkündet, zögert nicht, die Destruktion all dessen anzukündigen, was bisher die Fundamente der westlichen Metaphysik gewesen sind (Geist, Logo, Vernunft).« (Aubenque, zitiert nach Malka, 60). Lévinas stand auf der Seite der neuen Philosophie, war von Heideggers Denken angetan. Der junge Philosoph Maurice de Gandillac, wie Lévinas später Professor an der Sorbonne, berichtete von dieser Begegnung: »Er (Lévinas) sprach von Heidegger voller Verehrung, offenbarte uns alle Nuancen eines Denkens, das ihm bereits wohl vertraut war. Damals verspürte er dieses Misstrauen noch nicht, das sich ihm später aufdrängte.« (Gandillac, zit. nach Malka, 134)
Exkurs
Martin Heidegger
Martin Heidegger (1889–1976) war ein Schüler Husserls, ab 1923 Philosophieprofessor in Marburg, ab 1928 Nachfolger Husserls in Freiburg. Sein Hauptwerk Sein und Zeit ist methodisch der Phänomenologie verpflichtet.
Heidegger geht nicht vom Bewusstsein, sondern vom konkreten Da-sein des Menschen in der Welt aus. Dieses Dasein ist endlich, vom eigenen Tod bedroht. Aufgabe des Einzelnen ist es, im Vorfeld des Todes ein Verhältnis zu seiner eigenen Existenz zu finden (vgl. Müller / Halder, 127f.).
Martin Heidegger trat im Jahr 1933 in die NSDAP ein und wurde im selben Jahr Rektor der Freiburger Universität. Seine Rektoratsrede Die Selbstbehauptung der Deutschen Universität war höchst umstritten und stellte Heidegger in ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten. 1934 trat Heidegger von seinem Amt als Rektor zurück, doch seine nationalsozialistische Aktivität blieb an ihm haften.
Es ist nicht belegt, ob sich zwischen dem Studierenden Lévinas und dem Professor Heidegger ein engerer Kontakt entwickelte, obwohl beide Teilnehmende am philosophischen Treffen in Davos waren. Lévinas schätzte Zeit seines Lebens die denkerische Schärfe Heideggers, wandte sich jedoch vom Denken eines Seins ab, in dem das Zwischenmenschliche, die Ethik, die Begegnung von Mensch zu Mensch keine Rolle spielen.
»Heidegger ist für mich der größte Philosoph des Jahrhunderts, vielleicht einer der ganz großen des Jahrtausends; doch das macht mir zu schaffen, denn ich kann niemals vergessen, was er 1933 darstellte, selbst wenn er es nur für eine sehr kurze Zeit war.« (ZU, 147)
1930 promovierte Lévinas und ging an die Sorbonne in Paris. Geprägt durch positive Erfahrungen in Straßburg und begeistert vom französischen Humanismus, wurde er 1930 französischer Staatsbürger. Im Jahr 1932 heiratete er Raissa Lévy, die er bereits von Kindesbeinen an kannte. Raissa war zum Musikstudium nach Wien und Paris gegangen und hatte dort Emmanuel wieder getroffen. Im Jahr 1935 wurde die Tochter Simone geboren, 1949 folgte Sohn Michael, Komponist, Pianist und Professor am Konservatorium in Paris.
In den 30er Jahren arbeitete Emmanuel Lévinas im Lehrkörper der »Alliance Israélite Universelle«, einer internationalen jüdischen Organisation, die im Jahr 1860 in Frankreich als Reaktion auf antisemitische Ausschreitungen gegründet wurde und die bis heute eine zentrale Institution für jüdische Bildung und Kultur darstellt (vgl. http://www.aiu.org).
Als Franzose wurde Lévinas 1939 eingezogen, geriet 1940 in deutsche Gefangenschaft und wurde in Deutschland in das Lager Fallingbostel Stalag XI B, ein Lager für Kriegsgefangene, gebracht. Die Behandlung in diesen Lagern war abhängig von der Nationalität der Inhaftierten. Osteuropäische Insassen sowie Juden wurden im Hinblick auf Nahrung und Medizin unzureichend versorgt (vgl. http://www.relikte.com/fallingbostel/index.htm). Allerdings waren die jüdischen französischen Soldaten durch die Genfer Konvention besser geschützt als jüdische Zivilisten. Lévinas wurde einer Gruppe von siebzig jüdischen Häftlingen zugeteilt, die im Wald als Holzfäller arbeiten mussten.
Er überstand die Zeit bis zur Befreiung 1945 – in Unwissenheit darüber, was mit seiner Familie während des nationalsozialistischen Terrors geschah. Seine Frau und seine Tochter überlebten in einem Frauenkloster versteckt, seine gesamte Familie in Litauen fiel der sog. Endlösung der Judenfrage zum Opfer.
Lévinas äußerte sich selten über diese Zeit. Ein kleiner Aufsatz »Nom d’un chien« oder das Naturrecht berichtet vom Elend und den Erniedrigungen dieser Zeit und weckt Verständnis für die Entscheidung des Philosophen, nie wieder deutschen Boden zu betreten.
»Wir waren siebzig in einem Waldarbeiterkommando israelitischer Kriegsgefangener in Nazideutschland […]. Die französische Uniform beschützte uns damals noch vor der Hitlerschen Vernichtungswut. Die anderen Menschen jedoch, die uns trafen oder uns Arbeit oder Befehle gaben oder uns sogar zulächelten – und die Kinder und Frauen, die vorübergingen und manchmal einen Blick auf uns warfen –, beraubten uns unserer Menschenhaut. Wir waren nur noch quasi-menschlich, eine Affenbande. Wie es die Kraft und das Elend der Verfolgten ist: Ein dünnes inneres Gemurmel erinnerte uns an unser Dasein als Vernunftwesen. Doch wir waren nicht mehr auf der Welt. Unser Kommen und Gehen, unsere Pein und unser Gelächter, unserer Krankheiten und Zerstreuungen, die Arbeit unserer Hände und die Angst in unseren Augen, die wenigen Briefe aus Frankreich, die man uns aushändigte und diejenigen an unsere Familien, die man akzeptierte – all das geschah zwischen Klammern. Wesen, die ihrer Art nicht entkommen konnten; sprachlose Wesen, trotz ihres reichen Wortschatzes.« (NdCh, 57ff.)
Selbst als ihm im Jahr 1983 der Karl-Jaspers-Preis der Universität Heidelberg verliehen wurde, kam Lévinas nicht nach Deutschland. Sein Sohn Michael nahm an seiner Stelle den Preis entgegen, verlas die vom Vater vorbereitete Rede (vgl. Malka, 247).
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Lévinas nach Frankreich zurück. Im Jahr 1946 übernahm er die Leitung der »Ecole Normale Israélite Orientale« (ENIO) in Paris, einer Schule für Jüdinnen und Juden vor allem marokkanischen Ursprungs, die Lehrer für die Schulen der »Alliance Israélite Universelle« ausbildet. Die Konstellation war durchaus ungewöhnlich, bedenkt man, dass Emmanuel Lévinas ein Aschkenas war, ein Jude aus Osteuropa, während die ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler Sephardim, Juden und Jüdinnen aus Nordafrika waren. Lévinas behielt die Leitung der Schule nominell bis 1973, lehrte dort Philosophie und Hebräisch. Die Zeit bis zu seiner Emeritierung an der Universität in Paris im Jahr 1976 beschreibt Lévinas selbst so:
»Seit 1947 regelmäßige Vorlesungen im philosophischen Colloquium, das von Wahl gegründet und mit Leben erfüllt wurde. Leitung der hundert Jahre alten Ecole Normale Israélite Orientale, Ausbildung von Französischlehrern für die Alliance Israélite Universelle des Mittelmeerraumes. […] Seit 1957 jährliche Vorlesungen über talmudische Texte bei den Colloquien der Französischen Jüdischen Intellektuellen. 1961 Doktordissertation der Geisteswissenschaften. Seit 1967 Professur an der Universität Paris-Nanterre und seit 1973 an der Sorbonne.
Dieses Sammelsurium ist eine Biographie.« (EN, 108)
Im September 1994 starb Lévinas’ Frau Raissa, die er zärtlich »Rainka« nannte. Raissa Lévinas hatte ihren Mann immer zu Vorträgen und Vorlesungen begleitet, war in seiner Nähe, aber stets im Hintergrund. Nach dem Tod von Emmanuel Lévinas schreibt Wilhelm Schmid: »Die Inkarnation des Anderen, das war für Lévinas sein Frau. Als er sie letztes Jahr zu Grabe tragen musste, mochte er selbst nicht mehr leben. Lévinas starb am 25. Dezember, fast 90 Jahre alt.« (Schmid, 27.12.1995).

Emmanuel und Raissa Lévinas (Malka, 224).
Emmanuel Lévinas hat den Holocaust erlebt und überlebt. Und wenngleich er ihn in seiner Philosophie nicht explizit thematisiert, sind die Erfahrungen dieser Zeit wesentlicher Motor für die Entwicklung seiner Ethik. Lévinas’ Biographie war, wie er selbst sagte, geprägt von der Vorahnung des Nazigrauens und der Erinnerung daran (vgl. EN, 108). Der Holocaust ist für ihn aufs Engste verquickt mit der Frage, wie die abendländische humanistische Tradition solche Anti-Blüten treiben konnte. »Ich suchte keine Antwort für Auschwitz, sondern für die, die überlebt haben«, sagte er bei einem Kolloquium in Leuven (zitiert nach Meyer-Drawe, 157).
Was den Juden während des Nazi-Terrors widerfahren ist, ist singulär. Doch die Erfahrungen, die aus dieser Unmenschlichkeit gewonnen wurden, können Gültigkeit für die ganze Menschheit besitzen. Die Unmenschlichkeit des 20. Jahrhunderts muss auch von der Philosophie verarbeitet werden, denn der Holocaust ereignete sich nicht fernab der abendländischen Denktradition und des Humanismus, sondern inmitten von beidem.
»Es geht nicht darum, […] an dieser Herrschaft, die von den Dingen und den Bösen über die Menschen ausgeübt wird, an dieser Tierheit, zu zweifeln. Aber Menschsein heißt zu wissen, dass es so ist. Die Freiheit besteht darin zu wissen, dass die Freiheit in Gefahr ist. Aber Wissen und Bewusstsein bedeuten, Zeit haben, um dem Augenblick der Unmenschlichkeit auszuweichen und zuvorzukommen. « (TU, 38)
Literatur
Malka, Salomon: Emmanuel Lévinas. Eine Biographie, München 2003
Lévinas im Profil
1
Lévinas’ Ethik und die abendländische Tradition1
Die Ethik Lévinas’ ist ein Denken vom Anderen her. Damit hat sie einen anderen Ursprung als traditionelle ethische Konzepte, die von der Identität, vom Denken des Selben ausgehen. Doch Lévinas’ Philosophie entstand nicht unabhängig von der abendländischen Tradition, sondern gerade in der kritischen Auseinandersetzung mit ihr. Er schätzt diese Philosophie, die auch sein Denken geschult hat, doch er schätzt sie nicht kritiklos. Denn mit dem Streben des ontologischen Denkens nach Weisheit als vollem Selbstbesitz des bewussten Ich gehe immer auch eine Gefahr einher: die der Totalität allen Denkens, der Rückführbarkeit alles einzeln Seienden auf das Allgemeine. Auf diese Weise gingen nach Lévinas die Wertschätzung von Andersheit und eine echte Transzendenz verloren.
Kritik der Ontologie
Lévinas kritisiert die ontologische Tradition, die das Denken des Abendlandes geprägt und dominiert hat.
Exkurs
Ontologie
Ontologie ist die »›Seinslehre‹, d.h. Lehre vom Seienden, sofern es ist.« (Halder 2008, 233) Damit ist ein Begriff gemeint, der in der philosophischen Tradition erst im 17. Jahrhundert aufkam, vom Prinzip her jedoch bereits auf das aristotelische Denken zurückgeht. In diesem interessiert nicht das einzelne Seiende in seiner Singularität, sondern das in ihm aufleuchtende allgemeine Sein. »Ontologie ist reine, sich selbst genügende theoria, ›Theorie‹ im ausgezeichneten Sinn. Die ontologische Frage ist sowohl die leerste, weil allgemeinste, als auch die umfassendste, weil auf die unbeschränkte Totalität gehend.« (ebd.)
Im ontologischen Denken stehen sich zwei Grundordnungen gegenüber: auf der einen Seite die reale, sinnlich wahrnehmbare, aber vergängliche Welt, die Heimat aller einzelnen Seienden; auf der anderen Seite die geistige Wirklichkeit der Ideen, die alle allgemeinen Prinzipien beheimatet. Sie ist gleichsam die vorgegebene und übergeordnete Ordnung für alles sinnlich Seiende. Der Mensch lebt in beiden Ordnungen: Körperlich ist er in die sinnlich erfahrbare Welt eingebunden, an der geistigen Welt kann er teilhaben, da er mit Geist ausgestattet ist. Weil der Mensch vernunftbegabt ist, kann er die Welt der sinnlichen Einzelwesen transzendieren und an den geistigen Erkenntnissen teilhaben (vgl. Müller / Halder, 219f.).
In diesem ontologischen Denken gilt der Primat des Geistes, der die Grundsätze des allgemeinen Seins erkennen, sich an den allgemeinen Prinzipien orientieren kann. Alle sinnlich wahrnehmbaren Einzelphänomene werden den geistigen Prinzipien untergeordnet und auf ihren allgemeinen Seinsgrund zurückgeführt. Auf diese Weise entsteht jedoch nach Lévinas Totalität, da jede Andersheit und sogar ihr Gegenteil letztlich auf das eine Prinzip bezogen werden kann. In unserer intellektuellen Tradition sind Sein und Erkenntnis des Seins in ihrer Identität der eigentliche Schauplatz des Geistes, sagt Lévinas (vgl. WGD, 153f.).
Ontologie ist das Denken, das von dem einen Ursprung ausgeht und zu dem einen Ziel zurückkehrt. Durch den Geist kann der Mensch teilhaben an diesem Ursprung und an diesem Ziel. Der Geist verfolgt so gleichsam das Ziel der Rückkehr zu sich selbst.
»Der Weg der Philosophie bleibt der des Odysseus, dessen Abenteuer in der Welt nichts anderes als die Rückkehr zu seiner Geburtsinsel war – ein Sich-Gefallen im Selben, ein Verkennen des Anderen.« (HaM, 33)
Lévinas stellt dieses Denken in Frage. Sollte alles, was ist, letztlich rückführbar sein auf denselben Ursprung, denselben Ausgangspunkt? Sollte die Vielfalt aller Einzelphänomene, die Variationsbreite der Erscheinungsweisen des Seins doch nur eine Ausfaltung des Einen und Allgemeinen sein?
Lévinas sucht einen Weg, der der Andersheit und der Mannigfaltigkeit der Einzelphänomene gerecht wird. Es ist ein Weg, der nicht von den allgemeinen Prinzipien ausgeht, sondern von der Singularität des einzelnen Seienden, vom Reichtum der Andersheit, von echter Pluralität.
Fehlende Wertschätzung von Andersheit
Die ontologische Reflexion des Seins ist nach Lévinas einseitig (zur Darstellung seiner Kritik an der abendländischen Tradition vgl. Staudigl, 28ff.). Wo bleibt das Andere, wenn alles auf das Selbe, das Allgemeine, das Prinzipielle zurückgeführt wird? Das einzelne Seiende, das Individuum in seiner Originalität bedeutet und zählt nicht – oder nur, insofern es einer Allgemeinheit angehört. Alles, was als sinnlich Einzelseiendes erscheint, wird in dieser Tradition auf einen ersten nicht-sinnlichen Grund und ein letztes nicht-sinnliches Ziel bezogen.
»Wenn im philosophischen Leben […] ein diesem Leben Fremdes auftaucht, etwas anderes – die Erde, die uns trägt, der Himmel, der uns erhebt und uns nicht kennt, die Kräfte der Natur, die uns vernichten und uns beistehen, die Dinge, die uns hinderlich sind und uns nützen, die Menschen, die uns lieben und uns knechten – so ist es ein Hindernis. Man muss es überwinden und in dieses Leben integrieren. Und die Wahrheit ist eben dieser Sieg und diese Integration.« (SpA, 188)
Doch ist es wirklich ein Sieg, wenn das Fremde überwunden wird? Nach Lévinas kommt es einem Gewaltakt gleich, das Andere nicht in seiner Eigenart zu schätzen. Gilt das Primat des Selben, wird das Andere nicht gewürdigt. Die Besonderheit des Anderen gilt dann nicht als Auszeichnung, sondern als Störung, als Hindernis, als Abweichung vom Eigentlichen. Andersheit hat dann nicht eine eigene irreduzible Qualität, sondern steht unter der Optik des Fremden, des Vorläufigen, des Nochnicht-Selben.
In der ontologischen Tradition ging die Philosophie den Weg der Angleichung des Anderen an das Selbe, des Be-greifens von Andersheit, der Identifizierung – und damit der Vereinnahmung des Anderen. Unsere abendländische Geschichte ist voll von identifizierenden Übergriffen: Zwangsmissionierung Angehöriger anderer Religionen; kulturelle Überformung Eingeborener während des Kolonialismus; »Umerziehung« ethnischer Minderheiten oder von Menschen mit anderen Lebensentwürfen. Und sie kennt Kapitel der gewaltsamen Vernichtung der Andersheit, weil die Identifizierung, die Angleichung nicht gelungen ist. Man denke an die dunklen Kapitel der Hexenverfolgungen oder Judenprogrome durch die Jahrhunderte hindurch.
»Die Eroberung des Seins durch den Menschen im Laufe der Geschichte – das ist die Formel, in der sich die Freiheit, die Autonomie, die Reduktion des Anderen auf das Selbe zusammenfassen lassen. In dieser Reduktion des Anderen auf das Selbe stellt sich nicht irgendein abstraktes Schema dar, sondern das menschliche Ich. Die Existenz eines Ich verläuft als Verselbigung des Verschiedenen. « (SpA, 186)
Lévinas sucht einen ethischen Weg, der bei der Andersheit beginnt, in ihr nicht die Abweichung vom Selben sieht, sondern ihm eine ganz andere Weise zu sein zugesteht. Ihm ist es dabei gerade nicht um das Erkennen oder Verstehen einer Andersheit zu tun, sondern um Begegnung und Beziehung. Denn nur die Begegnung mit etwas, das wirklich anders ist als das eigene Ich, erlaubt ein Über-sich-selbst-Hinaus, erlaubt eine wirkliche Transzendenz.
Fehlen einer echten Transzendenz
Für Lévinas hat die ontologische Tradition mit einer einseitigen Vernunftbetonung und einem Identitätsdenken diese Transzendenz eingebüßt.
Exkurs
Transzendenz
Vom Ursprung des lateinischen Wortes (vgl. transcendere = überschreiten) kann Transzendenz als eine Bewegung über die Grenzen des eigenen Selbst hinaus gedeutet werden. In der klassischen abendländischen Metaphysik bedeutete Transzendenz das Denken über den Bereich der konkreten sinnlich wahrnehmbaren Einzelphänomene hinaus auf einen jenseits des eigenen Bewusstseins liegenden Ursprung. Im Laufe der abendländischen Denkgeschichte erfuhr dieser Transzendenzbegriff Kritik von verschiedenen Philosophen, u.a. Kant, Marx und Feuerbach, Nietzsche, Heidegger (vgl. Halder 2008, 337f.).
Auch Lévinas gehört zu den Kritikern eines solchen Transzendenzverständnisses. Für ihn ist diese Art der Transzendenz nicht radikal und unendlich, sondern beseelt vom Wunsch, zur Ruhe zu kommen, im Selben anzukommen. Wenn das Bewusstsein alles auf das Allgemeine und Identische zurückführt, wenn alles, was anders und fremd ist, identifiziert wird, dann ist Andersheit und mit ihr Transzendenz genichtet. Für Lévinas ist dies ein gewaltsamer Akt: das Andere, das Fremde begreifen, in den Griff bekommen zu wollen. Was dabei jedoch nicht gelingen kann, ist der Ausstieg aus der Immanenz, die Begegnung mit Transzendenz.
Immanenz und mangelnde Transzendenz führen zu einer Totalität. Wenn Andersheit nicht als Qualität belassen, sondern gleich gemacht wird, wenn es nur noch das Eine gibt, hat die Totalität gesiegt. Für Lévinas ist die abendländische Tradition auch eine Geschichte dieser Totalität.
»Diese Geschichte kann als Versuch einer universellen Synthese interpretiert werden, als Reduzierung aller Erfahrung, alles Sinnvollen auf eine Totalität, in der das Bewusstsein die Welt umfasst, außerhalb seiner Selbst nichts übrig lässt und auf diese Weise absolutes Denken wird. Das Bewusstsein von sich ist zugleich Bewusstsein vom Ganzen. Gegen diese Totalisierung hat es in der Geschichte der Philosophie wenig Proteste gegeben.« (EU, 57)
Lévinas protestiert. Er geht den Weg in eine Ethik, die nicht von den allgemeinen Prinzipien ausgeht und sie auf das Einzelne anwendet. Er beginnt gerade dort, wo die Ontologie ankommen will: bei der Andersheit des einzelnen Seienden.
Auch Heidegger protestierte vor Lévinas gegen die Totalität der menschlichen Erkenntnis.2 Er kritisierte die klassische Ontologie, die die Frage nach dem Sein immer unter dem Blickwinkel der Weltimmanenz betrachtet hat. Durch diese Betrachtungsweise wurde das Sein vergessen, im Zentrum standen nur die Seienden. Heidegger denkt vom konkreten Dasein des Menschen in der Welt aus. Dieses Dasein ist ein Sein zum Tode. Das Individuum muss sich ins Verhältnis dazu setzen. In seinen späteren Schriften verschiebt sich bei Heidegger die Optik weg vom sorgenden Subjekt hin zum Sein. Das Sein wird nicht mehr als Entwurf von Dasein, als zu bewältigende Existenz vor dem Tod verstanden, sondern als unvorwegnehmbares Geschick der Seins- und Wahrheitsgeschichte, die dem Menschen überhaupt erst die Möglichkeit eines Welt- und Selbstverständnisses eröffnet. Diese Seins- und Wahrheitsgeschichte ist jedoch geprägt von Seinsverbergung und Wahrheitsentzug. Weil man sich dieser Geschichte nicht versichern kann, bleibt unser Denken – und Heidegger versteht das seine so – ein vorläufiges (vgl. Halder 2008, 137f.).
Lévinas kritisiert wohl den totalitären Anspruch einer ontologischen Tradition, die alles identifiziert und ver-ein-nahmt (im wörtlichen Sinne: eins macht). Doch sieht er bei Heidegger eine andere Totalität: die des Seins, die den Menschen zur Exekutive des Seins macht. Das Sein befiehlt dem Menschen die Existenz. Die Beziehung zwischen den Menschen ist für Heidegger nicht interessant, nur die Beziehung zum Sein (vgl. SpA, 194). »Anonym, neutral, befiehlt das ›Sein‹ das Existieren als ethisch indifferentes und als heroische Freiheit, der alle Schuld vor dem Anderen fremd ist.« (SpA, 194)
Das Zwischenmenschliche, die Ethik, die Begegnung von Mensch zu Mensch spielen bei Heidegger keine Rolle – und sind bei Lévinas der Beginn der Ethik.
»Die erste Beziehung des Menschen zum Sein verläuft über seine Beziehung zum Menschen.« (SF, 35)
Abschied vom Monolog des Selben
Sollte es keine andere Weise geben, im Sein zu sein als eine monologische? Sollte es dem Menschen nicht möglich sein, Anderem zu begegnen, das mehr ist als eine Variation des Selben?
Die Tradition hat den Zugang zum anderen Menschen über die Erkenntnis gesucht, über das Allgemeine, alle Verbindende. Dabei wurde immer die Bedeutung des eigenen Bewusstseins bedacht, nicht aber die des Menschseins mit anderen. Welchen Stellenwert haben Begegnung und Beziehung in dieser Tradition? »Wird nicht alles, was im menschlichen Seelenleben auftritt, alles, was dort geschieht, am Ende gewusst? Das Geheimnis und das Unbewusste, verdrängt oder verfremdet, werden gemessen am oder geheilt durch das Bewusstsein, das sie verloren haben oder das sie verloren hat.« (ZU, 55)
Beziehung wird nicht durch Erkenntnis konstituiert, sondern durch Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Damit negiert Lévinas nicht die Bedeutung von Vernunft und Erkenntnis für das menschliche Dasein. Doch er hält sie für ergänzungsbedürftig durch eine Ordnung, die dieser ontologischen sogar vorausgeht: durch die sinnliche.
»Der Mensch lässt sich wohl als Gegenstand der Erkenntnis behandeln und zeigt sich dem Wissen im Wahren der Wahrnehmung und im Licht der Sozialwissenschaften. Aber ausschließlich als Objekt betrachtet, ist der Mensch missachtet und verkannt. Nicht, dass die Wahrheit verletzend oder seiner unwürdig wäre. […] Doch wir sind Menschen, bevor wir Wissenschaftler sind, und bleiben es, auch nachdem wir eine Menge vergessen haben.« (AS, 9)
Mit der Abkehr von einem monologischen Denken steht Lévinas nicht allein in der Tradition, sondern stellt sich selbst bewusst in die Nähe der sog. dialogischen Philosophie.
Exkurs
Dialogische Philosophie
Martin Buber, Ferdinand Ebner und Franz Rosenzweig sind die großen Gestalten der dialogischen Philosophie. Allen dreien gemeinsam ist der jüdische Sozialisationshintergund. Ebner entschied sich für die Konversion zum christlichen Glauben, Rosenzweig plante den Übertritt zum Protestantismus, blieb jedoch aufgrund einer prägenden Erkenntnis Jude und gründete in den Jahren vor seinem Tod ein Freies Jüdisches Lehrhaus. Buber schließlich war überzeugter Jude, der sich um die Erneuerung des assimilierten Judentums ebenso bemühte wie um die Verständigung zwischen Juden und Arabern in Palästina (vgl. Coreth / Ehlen / Haeffner / Ricken, 40ff.).
Die dialogische Philosophie entfaltete sich nicht unabhängig von der klassischen Tradition. Auch die dialogischen Denker waren von der Fragestellung geleitet, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf den Idealismus, der das Subjekt als das Absolute postuliert hatte, auftat: der Frage nach dem Sein. Die Antwort, die sie auf diese Frage zu geben versuchten: »Sein wird nicht mehr nur verstanden als der absolute Binnenraum des sich selbst hellen Geistes. Sondern es zeigt sich als das sich je neu im Zwischen Ereignende, das in der je neu sich ereignenden Sprache zwischen Menschen hell wird und zum Ausdruck kommt.« (Casper 1984, 354)
Lévinas weiß sich beeinflusst vom dialogischen Denken. Er spricht voll Wärme von Franz Rosenzweig, den er − da er bereits 1929 im Alter von 43 Jahren verstarb − persönlich nicht kennenlernte, dessen Lehre er aber sehr verbunden war. »Man erkennt in Rosenzweig trotz den schrecklichen Erfahrungen, die uns von seiner Zeit trennen, trotz den deutschen Landschaften, in denen sich dieses Leben abspielt, einen Zeitgenossen und einen Bruder.« (SF, 132)
Rosenzweig hat bereits 1919 in seinem Werk Der Stern der Erlösung auf die Grenzen der abendländischen Philosophie hingewiesen. Ein Habilitationsangebot nach einer exzellenten Promotion an der Universität Freiburg lehnte er ab mit der Begründung der mangelnden Freiheit im universitären Denken. Dieses Denken lasse sich zwar nicht die Antworten vorschreiben, wohl aber die Fragen (zitiert nach Casper 2002, VI). Rosenzweig stellte wie nach ihm Heidegger und Lévinas die Voraussetzungen des überlieferten philosophischen Denkens in Frage. Dieses habe wohl den sicheren Besitz des vielen Wissens erreicht. Aber erreicht es auch die ursprüngliche Wirklichkeit und die für den Menschen wesentlichsten Fragen? (ebd., VII)
»Was Rosenzweig selbst interessiert, ist die Entdeckung des Seins als Leben, des Seins als Leben in Beziehung. Die Entdeckung eines Denkens, das das Lieben dieses Seins selbst ist. Die Person fließt nicht mehr in das System ein, das sie denkt, […], um darin zu erstarren und auf seine Singularität zu verzichten. Die Singularität ist für die Ausübung dieses Denkens und dieses Lebens als unersetzlicher Singularität notwendig, der einzigen, die der Liebe fähig ist, der einzigen, die geliebt werden kann, die zu lieben vermag, die eine religiöse Gemeinschaft bilden kann.« (SF, 143)
Die Singularität des Individuums, die Bedeutung des Lebens als Beziehung sind Themen, die Lévinas auch bei Martin Buber hoch schätzt, der das von Rosenzweig im Jahr 1920 begründete jüdische Lehrhaus in Frankfurt nach dessen frühem Tod noch bis ins Jahr 1938 geführt hat. Mit seiner These »Am Anfang war Beziehung« (vgl. Buber, 15) habe er wie niemand vor ihm dargestellt, dass die dialogische Beziehung zum anderen Menschen einer autonomen und vom Bewusstsein unabhängigen Sinnordnung unterliegt (vgl. Lévinas, AS, 39). Er habe die personale Beziehung von der Intentionaliät des Bewusstseins getrennt und gezeigt, dass es unmöglich ist, die Begegnung mit dem Anderen ins reflektierende Denken einzuholen.
»Die Dimension der Gemeinschaft ist eine durchgehend sinnvolle Ordnung ethischer Beziehungen, die Beziehung mit der nie assimilierbaren und somit im eigentlichen Sinne un-be-greif-baren, mit Zugriff und Besitz unvereinbaren Andersheit des Nächsten. Die Entdeckung dieser Ordnung in ihrer ganzen Eigentümlichkeit, das Durchdenken ihrer Konsequenzen […] bleiben mit dem Namen Buber verbunden.« (AS, 39)
Lévinas schätzt Buber und seine ethische Korrektur des abendländischen Denkens, mit der er die Absolutheit des Bewusstseins zurücknimmt, hoch. Auch wenn er selbst weiter und über Buber hinausgeht, auch wenn er das Verhältnis unter Gleichen durch ein asymmetrisches Verantwortungsverhältnis ersetzt: Die geistige Verbundenheit mit Rosenzweig und Buber, zwischenmenschliche Beziehungen nicht an Erkenntnis rückzubinden, bleibt bestehen.
»Die irreduzible und letztendliche Erfahrung der Beziehung scheint mir in der Tat woanders zu liegen: nicht in der Synthese, sondern im Von-Angesicht-zu-Angesicht der Menschen, in der Sozialität im moralischen Sinn. Aber man muss verstehen, dass die Moral nicht wie eine zweite Schicht oberhalb einer abstrakten Reflexion über die Totalität und ihre Gefahren ist; die Moral hat eine unabhängige und vorrangige Tragweite. Die Erste Philosophie ist eine Ethik.« (EU, 59)
Literatur
Lévinas, Emmanuel: Die Philosophie und die Idee des Unendlichen, in: SpA, 185-208
Krewani, Wolfgang: Einleitung: Endlichkeit und Verantwortung, in: SpA, 9-51
2
Ethik als Erste Philosophie
Ethik ist die Lehre vom rechten Handeln. Da die Vorstellung dessen, was rechtes Handeln ist, jedoch aufs Engste verknüpft ist mit der Vorstellung vom Wesen des Menschen, ist sie letztlich rückführbar auf die Ontologie, die Lehre vom Seienden. Die klassische Zuordnung geht von der Ontologie als Lehre vom Seienden aus und leitet von hier aus ethische Prinzipien ab. Lévinas geht einen anderen Weg. Die ethische Ordnung sei nicht aus der Ontologie ableitbar, sondern eine Ordnung sui generis. Zu ihr führt die Sinnlichkeit, während zur Ontologie das Bewusstsein führt. Doch beide können nicht voneinander abgeleitet werden, sondern sind unabhängige Ordnungen, auch wenn sie in der menschlichen Existenz zusammenkommen.
Exkurs
Ethik
Man kann die Ethik als Lehre vom rechten Handeln unterschiedlich klassifizieren: hinsichtlich Ziel, Ursprung der Verpflichtung, Bezugsgröße, Gültigkeitscharakter, Bewusstseinshaltung oder wissenschaftlichem Handlungsgebiet.
Ethikformen in Abhängigkeit vom Ziel des Handeln sind z. B. Glücks-Ethik (Eudaimonismus), Lust-Ethik (Hedonismus) oder Nutzen-Ethik (Utilitarismus). Hinsichtlich des Ursprungs der Verpflichtung unterscheidet man autonome, selbstbestimmte, sowie heteronome, fremdgesetzliche Ethik. Steht die soziale Bezugsgröße im Mittelpunkt, differenziert man zwischen Individualethik und Sozialethik. Gilt eine Ethik nur für sich wandelnde Situationen, spricht man von Situationsethik im Gegensatz zu einer Wesensethik, bei der es um allgemeine und überdauernde Gebote geht. Fokussiert man die Bewusstseinshaltung, unterscheidet man die sog. deontologische Ethik oder auch Pflichtethik (z.B. der kategorische Imperativ Kants) von einer Erfolgsethik (z.B. Darwinismus: »survival of the fittest«) oder Verantwortungsethik (z.B. die Ethik Hans Jonas’). Eine Differenzierung hinsichtlich wissenschaftlicher Handlungsgebiete erlaubt die Einordnung in Bereichsethiken, z.B. ökologische, politische, medizinische Ethik oder Wirtschaftsethik (vgl. Halder 2008, 94f.).
Im abendländischen Denken gilt Ontologie als die Erste Philosophie, von der aus die Maxime für das ethische Handeln abgeleitet werden. Lévinas kehrt die Zuordnung zwischen Ethik und Ontologie um: Die Ethik ist keine abgeleitete Ordnung der Ontologie, sondern die erste und alles fundierende Philosophie. Doch die Ontologie kann auch nicht aus der Ethik abgeleitet werden, denn die Ethik ist keine Logik im Sinne einer Lehre vom Denken, sondern eine Optik, eine Sichtweise auf den Menschen.
Ethik als Optik
Lévinas stellt in diesem Zusammenhang in Frage, dass der Lehre vom rechten Handeln ein theoretischer Entwurf vom Menschen vorausgehen muss. Nach Lévinas ist Ethik genau dem umgekehrten Weg verpflichtet: nicht der Universalität, nicht dem Selben, sondern der Singularität und dem Anderen, dem »Unmittelbaren einer namenlosen Vereinzelung, die man nur mit dem Finger bezeichnen kann und deren Qualität in eben dieser Andersheit und Unterschiedenheit besteht« (vgl. WGD, 155). Dies ist der Qualitätsmaßstab der Ethik, die eben nicht mit der Erkenntnis Maß nimmt an einer zugrundeliegenden Ontologie.
»Hat das Denken nur Sinn durch die Erkenntnis der Welt? […] Sollte das Denken nur Denken dessen sein, das ihm gleichkommt und das sich auf sein Maß begibt? […] Liegt das Bedeuten des Denkens allein in der Thematisierung und so in der Versammlung der zeitlichen Verschiedenheit und Verstreutheit? Ist das Denken von vornherein ausgerichtet auf die Adäquation der Wahrheit, auf die Erfassung des Gegebenen in seiner idealen Identität des ›etwas überhaupt‹? Sollte das Denken nur sinnvoll und vernünftig sein angesichts der reinen, der vollendeten Gegenwart, die folglich in der Ewigkeit der Idealität ›nicht mehr vergeht‹? Ist alle Anderheit nur eine qualitative, nur Verschiedenheit, die sich einsammeln lässt in die Gattungen und die Formen, und die dazu angelegt ist, inmitten des Selben zu erscheinen?« (WGD, 207f.)
Ethik ist für Lévinas wesentlich eine Optik. Eine Optik jedoch, die erscheinen lässt, die sich gerade kein Bild vom Anderen macht, sondern einem bildlosen Sehen gleicht und bewusst auf die Möglichkeit einer Objektivierung verzichtet (vgl. TU, 23).
Diese Optik muss den Anderen in seiner Andersheit erscheinen lassen. Es gilt gerade nicht, im Anderen die Bilder wiederzuerkennen, die man selbst in sich trägt, ihn den eigenen Vorstellungen anzugleichen. Es gilt, den Anderen in seiner irreduziblen Andersheit zu sehen, ihn wahrzunehmen, ihm zu begegnen – und nicht ihn zu erkennen.
Der Mensch zwischen zwei Ordnungen: Ethik und Ontologie
Lévinas sieht Ethik nicht als praktische Anwendung einer vorangehenden Ontologie, sondern als Ordnung sui generis. Ethik ist eine Ordnung des Sinnes, eine Ordnung, in der das Zwischenmenschliche und das Menschsein vor dem Erkennen etwas bedeuten, in der es nicht um das Sein für sich geht, sondern um eine Existenz mit dem Anderen.
»Eine Ordnung über der Erkenntnis. Eine Ordnung, die mit dem Ertönen eines Rufes das Menschliche in dessen noch von der Allgemeinheit des Genus festgehaltenen, aber schon zur Einzigkeit des Ich erwachten Individualität erreicht und berührt. Erwacht zu einer Einzigkeit, die logisch nicht auszumachen; durch die Verantwortung für den anderen Menschen, die als Erwählung unabweisbar ist. […] Von Einzigkeit zu Einzigkeit, vom Einen zum Anderen. […] Ertönen eines Rufes über aller Logik, wie sie die einzelnen noch immer mittels der Zwänge der Gattung und der Art kommandiert, und Aufruf zu einer Wachsamkeit des Denkens.« (AS, 9f.)
Lévinas lokalisiert den Stellenwert der Ethik höher als den der Erkenntnis, auch über aller Logik – und er sieht die Sinnlichkeit als den Wegbereiter der Ethik. Wir sind Menschen, bevor wir denken und erkennen – und wir bleiben es, auch nachdem wir wieder eine Menge vergessen oder einen Teil unserer Erkenntnisfähigkeit eingebüßt haben (vgl. AS, 9). Säuglinge brauchen menschliche Beziehungen, Nähe, Sprache, Hautkontakt, um zu überleben, um überhaupt erkenntnisfähig zu werden. Demenzkranke Menschen, die einen Teil ihrer Erkenntnisfähigkeit eingebüßt haben, sind für Begegnung, für Nähe und Berührung zugänglich. Sollte wirklich die Erkenntnisfähigkeit, die in der Entwicklung von Kindern erst nach der Bedeutung von Beziehungen auftritt und die man auch wieder einbüßen kann, das kardinale Datum des Menschseins sein?
»Man fragt nicht nach diesem Seienden, sondern richtet Fragen an dieses Seiende. Es ist immer gegenüber. Wenn die Ontologie – das Verstehen, das Umgreifen des Seins – unmöglich ist, so nicht darum, weil jede Definition des Seins schon die Erkenntnis des Seins voraussetzt […] die Ontologie ist vielmehr darum unmöglich, weil das Verstehen des Seins überhaupt nicht die Beziehung zum Anderen zu beherrschen vermag. Ich kann mich aus der Gemeinschaft mit dem Anderen nicht losreißen, selbst wenn ich das Sein des Seienden betrachte, das er ist. […] Diese Beziehung mit dem Anderen als Gesprächspartner, diese Beziehung mit einem Seienden geht aller Ontologie voraus.« (TU, 58)
Nach Lévinas lebt der Mensch im Schnittpunkt zweier Ordnungen: der Ethik und der Ontologie. Der Weg zur Ontologie führt über die Erkenntnis, über die Geisttätigkeit, der Weg zur Ethik über Sinnlichkeit und Nähe. Diese beiden Ordnungen schließen sich nicht aus, sondern finden im Menschen ihren Schnittpunkt. Nach Lévinas bedingen sie einander aber nicht und es gilt, die Ethik als die primordiale im Blick zu haben.
Die Ontologie definiert unter Rückgriff auf die formale Erkenntnis das Allgemeine und Wesentliche; die Ethik sieht das Subjekt als zwischenmenschliches und vom Anderen her angesprochen, immer schon auf den Anderen als Gesprächspartner verwiesen. »Beide Bewegungen überlagern einander und bedingen sich gegenseitig, so dass es im konkreten Vollzug des Menschseins und Subjektseins ständig zu Interferenzen und Wechselwirkungen beider Ordnungen kommt. […] Ihre Unterscheidung liegt nie klar vor Augen, sondern die Ordnungen von Ethik und Ontologie müssen in ihrer Eigengestalt sichtbar gemacht werden, indem man sie aus dem komplexen Geschehen abstrahiert.« (Wenzler 1991, 117f.) Wichtig dabei ist zu sehen, dass keine der beiden Ordnungen die jeweils andere begründen kann. Die Erkenntnis, so Lévinas, ist ihrem Wesen nach eine Beziehung zu dem, dem man gleicht und das man umschließt, dessen Andersheit man aufhebt, das immanent wird, weil es dem eigenen Maßstab entspricht. Auf diese Weise ist Erkenntnis jedoch immer eine Entsprechung zwischen Denken und Gedachtem. Die Gemeinschaft mit dem Anderen kann deshalb nie die gleiche Struktur haben wie die Erkenntnis, da sie eine Begegnung mit einem Anderen ist, dessen Andersheit so anders ist, dass man sie nie begreifen, sie nicht benennen, sondern nur mit dem Finger darauf deuten kann (vgl. EU, 46).
So kann also weder die Ethik aus der Ontologie noch die Ontologie aus der Ethik abgeleitet werden, obwohl beide Ordnungen in der konkreten menschlichen Existenz letztlich nie voneinander zu trennen sind. In der Ethik Lévinas’ begegnet diese Spannung zwischen ontologischem Ich, das sich in seiner Identität behauptet, und ethischem Sich, das vom Anderen angerufen und zur Verantwortung gerufen ist. Diese Position ist eine Position zwischen ontologischem Nominativ und ethischem Akkusativ. Es ist eine Spannung, die nicht aufgehoben werden kann, denn sie ist gründend für die ethische Beziehung, für die Begegnung mit dem Anderen, die eine Beunruhigung der Identität, eine Infragestellung des autonomen Subjekts darstellt (vgl. Reiter, 366).
Ethik als Metaphysik
Lévinas kritisiert die abendländische Tradition, insofern sie Identitätsdenken ist, das alles auf dieselben allgemeinen Prinzipien zurückführt und damit immer auch einem Totalitätsdenken verpflichtet ist. Durch diese Kritik will Lévinas jedoch nicht die Metaphysik in Frage stellen, sondern ganz im Gegenteil ihre eigentliche Bedeutung retten. Denn sie ist der Garant für den Menschen als Wesen der Transzendenz.
Exkurs
Metaphysik
Der Begriff der Metaphysik geht zurück auf die aristotelische Konzeption unserer Denkgeschichte. Aristoteles suchte eine erste Philosophie, die sich nicht nur auf ein konkretes Einzelding richtete und auch nicht nur das Wesen als solches im Blick hatte, sondern das »Seiende als solches«, jenes, das der Grund für alles mögliche und wirkliche Seiende in der Welt und die Möglichkeit des Denkens desselben ist (vgl. Halder 2008, 207f.). Ein solchermaßen gedachtes allumfassendes erstes Sein wird auf verschiedene Weise gedacht und ausgesagt: als Ontologie, insofern das Seiende in seinem Sein gedacht wird; als philosophische Theologie, insofern es als Endliches über sich hinaus auf ein Höchstes und Göttliches verweist; als philosophische Kosmologie, insofern es im Kontext einer Wesensordnung der Welt steht; und als philosophische Psychologie, insofern es sich auf die menschliche geistige Seele bezieht.
Metaphysik generell meint das Denken in der Differenz von sinnlich Einzelseienden und den allgemeinen Ideen, von erscheinender und wesenhafter Wirklichkeit, von Werden und Sein, Vergänglichkeit und Dauer, Sinnlichkeit und Geistigkeit (vgl. Müller / Halder, 219f. und Halder 2008, 207f.).
Allerdings versteht Lévinas Metaphysik nicht im Sinne der Bedeutung, die diese seit Aristoteles in der abendländischen Tradition angenommen hat und die sich letztlich in der Ontologie manifestiert. Denn neben dieser Engführung gebe es auch, so Lévinas, eine andere Auslegung der Metaphysik:
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