Kitabı oku: «Kinder erkunden die lokale Baukultur (E-Book)»

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Noëlle von Wyl, Lea Weniger, Barbara Windholz

Kinder erkunden die lokale Baukultur

Ein Unterrichtskonzept für baukulturelle Vermittlung

ISBN Print: 978-3-0355-1971-6

ISBN E-Book: 978-3-0355-1972-3

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© 2022 hep Verlag AG, Bern

www.hep-verlag.ch


Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch: www.schuldetektive.ch

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Ich möchte, dass meine Kinder die Welt verstehen, aber nicht nur, weil die Welt faszinierend ist und der menschliche Geist neugierig ist. Ich möchte, dass sie sie verstehen, damit sie in der Lage sind, sie zu einem besseren Ort zu machen.[1]

Horward Gardner

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INHALTSVERZEICHNIS

Die Schule der Wahrnehmung – ein Vorwort

1. PROJEKTBESCHREIBUNG

1.1 Einleitung

1.2 Bewusstseinsbildung für die Umweltgestaltung

1.3 Problematik und Ziele

1.4 Baukulturelle Bildung – Intention und Lerngegenstand

1.5 Untersuchungen zur baukulturellen Bildung

1.6 Berücksichtigung bisheriger Ergebnisse

1.7 Konzeptuelle Grundlagen und Ziele des Unterrichtskonzepts

2. ENTWICKLUNG DES UNTERRICHTSKONZEPTS

2.1 Einleitung zur Praxisforschung

2.2 Modell «Baukulturelle Allgemeinbildung»

2.3 Unterrichtsstruktur, Lerninhalte und Didaktik

2.4 Erprobung und Evaluation des Unterrichtskonzepts

3. PRAXISBEISPIELE

Themenbereich 01 – Farbe und Form

Praxisprojekt: Oberfläche mit Tiefenwirkung

Praxisprojekt: Changierende Faltfassade

Themenbereich 02 – Material und Oberfläche

Praxisprojekt: Bausteine für ein Haus

Praxisprojekt: Multifunktionale Feuerstelle

Exkurs: Kopfkarten veranschaulichen Raumvorstellungen

Themenbereich 03 – Massstab und Dimension

Praxisprojekt: Häuser für Käfer und Giraffe

Praxisprojekt: Imaginative Räume

Themenbereich 04 – Licht und Schatten

Praxisprojekt: Lichtbühne am Wasser

Praxisprojekt: Stadtlichter bei Nacht

Praxisprojekt: Lichtinstallation im Tunnel

Exkurs: «Häuser sprechen mit dir!» – Transdisziplinäre Ansätze

Themenbereich 05 – Öffnung und Transparenz

Praxisprojekt: Farbiger Lichteinfall

Praxisprojekt: Einblicke und Ausblicke

Themenbereich 06 – Innen und Aussen

Praxisprojekt: Kaleidoskopische Räume

Praxisprojekt: Experimentelle Räume

Exkurs: Kreativität und baukulturelle Bildung

Themenbereich 07 – Schmuck und Ornament

Praxisprojekt: Ein Traumschloss bauen

Praxisprojekt: Dreidimensionale Fensterbilder

Themenbereich 08 – Statik und Konstruktion

Praxisprojekt: Ein Dach über dem Kopf

Praxisprojekt: Wandelemente für ein Spielhaus

Exkurs: Baukulturelle Bildung in der Schweiz

4. PROJEKTAUSWERTUNG

4.1 Einleitung

4.2 Projektbegleitende Auswertung

4.3 Fragebogenerhebung und summative Auswertung

4.4 Fazit

5. SCHLUSSBETRACHTUNG

ANHANG

Kompetenzmatrix

Glossar

Quellenangabe zu den Architekturbildern

Über das Projekt

Die Autorinnen

Textbeiträge

DIE SCHULE DER WAHRNEHMUNG

– EIN VORWORT | Roland Reichenbach

Manchmal behaupte ich, ich würde mich für Architektur interessieren. Gelogen ist es zwar nicht, wenn ich dann aber mein baukulturelles Wissen so richtig ernsthaft in die Mangel nehme, muss ich zugeben, dass ich es in diesem Bereich nicht so weit gebracht habe, wie ich mir vielleicht vorgaukle. Immerhin kann ich beispielsweise Bauernhäuser des Berner Oberlands von solchen aus dem Emmental, Entlebuch, Jura, Wallis oder Graubünden unterscheiden – von aussen. «Holz oder Stein?» ist dazu schon eine hilfreiche Ausgangsfrage. Müsste ich aber sagen, was diese Häusertypen im Innenbereich unterscheidet, so ist leider nicht sicher, ob ich eine einzige zutreffende Aussage machen könnte. Bisher bin ich auch ohne diese spezifische Unterscheidungskompetenz durch das Leben gekommen. Was kümmert es mich also?

Die gebaute Welt ist vergleichsweise beständig. Manche wohnen in Häusern, in denen schon Generationen zuvor Menschen gewohnt haben. Das sind die alten Häuser. Die Bewohnerinnen und Bewohner, selbst wenn sie das Haus besitzen, entwickeln vielleicht ein Gefühl dafür, dass sie in diesem Haus im Grunde nur vorübergehende Gäste sind; dem Anschein nach werden auch sie von diesem Gebäude überlebt werden. Solche Häuser mögen gefallen oder nicht, doch um sogenannte «Bausünden» handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht. Schult man seinen Blick ein wenig, so entdeckt man erstaunlich viele kleine und grosse Bausünden. Doch baukulturelle Bildung, um die es in diesem Buch geht, will Kinder beziehungsweise Schülerinnen und Schüler in erster Linie für das ganze Spektrum der gebauten Umwelt sensibilisieren und sie in der Wahrnehmung ihrer Lebenswelt fördern. Baukulturelle Bildung ist Wahrnehmungsschulung. «Sehen kommt vor Sprechen. Kinder sehen und erkennen, bevor sie sprechen können» (Berger, 2016, S. 7), meinte John Berger. Doch die Welt wird von Beginn des Lebens an nicht nur gesehen, sondern auch gehört, gerochen, ertastet und geschmeckt. Dies trifft auf die natürliche, die soziale sowie die gebaute Umwelt zu. Die fünf Körpersinne ermöglichen nicht nur von Anbeginn einen Zugang zur Welt, sondern lassen uns uns auch als Leib selbst erleben. Doch die Metaphorik der Sprache verweist vielfältig auf die fundamentale Bedeutung aller fünf Sinne für unsere Weltbezüge; so ist manches nach unserem «Geschmack», manchmal sind wir unangenehm «berührt», auch wenn dies uns vielleicht zu bestimmten «Einsichten» verhilft, und mitunter müssen wir Personen «gehorchen», die wir nicht «riechen» können.

Das griechische aísthēsis bedeutet bekanntlich «Wahrnehmung». Ein bedeutsamer Aspekt der menschlichen Entwicklung und Bildung ist Wahrnehmungsschulung, also letztlich ästhetische Bildung. Es geht darum, mehr, bewusster, anders und feiner beziehungsweise differenzierter wahrzunehmen. Hierzu ist Wissen nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Wer mehr weiss, kann auch mehr wahrnehmen, das trifft auf die natürliche, die soziale und die gebaute Umwelt gleichermassen zu. Wer sich in Flora und Fauna ein wenig auskennt, erlebt auf einem Spaziergang durch den Wald sehr viel mehr, als wer nur Gräser von Bäumen und Vögel von Säugern unterscheiden kann. Wer über sich und die anderen viel nachgedacht hat, versteht sich und seine soziale Umwelt besser. Sein Erleben ist tiefer, breiter und nachhaltiger. Wer sich aber (auch) für die gebaute Umwelt, das heisst die menschliche Baukultur, zu interessieren vermag, der oder die erfährt nicht nur objektives Wissen über Häuser, Brücken oder Bollwerke, über Baustile und Baumaterialien, sondern erhält zunächst nur stillschweigend und dann zunehmend Einblicke in die conditio humana: Der Mensch ist als homo faber ein baukulturelles Wesen, er «baut» sich seine Umwelt, in der er wohnt, arbeitet, überhaupt die meiste Zeit seines Lebens verbringt. Baukultur, zuallererst in ihrer Erscheinungsform als Behausung, könnte als die «zweite Haut» des Menschen bezeichnet werden. Sie nicht nur in ignoranter Weise zu nutzen oder nur am Rande zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie bewusst wahrzunehmen, verstehen und beurteilen zu können, das heisst, sich zu ihr in ein Verhältnis setzen zu können, ist ein bisher noch sehr vernachlässigtes Bildungsziel. Diese Form der Bildung fokussiert nicht auf Verfügungswissen, das heisst konkrete Handlungskompetenzen, mit denen Menschen nach Gusto in der Welt hantieren können, sondern auf Urteilskompetenzen und Orientierungswissen, die in der zeitgenössischen Bildungsdiskussion unterschätzt und wenig berücksichtigt sind. Menschen sind nicht nur «Handlungssubjekte», Kinder und Jugendliche wie auch Erwachsene müssen nicht nur Handlungskompetenzen erwerben, sondern die Welt, in der sie leben, verstehen, damit sie sich selbst verstehen, verorten können (Taylor, 1985).

Baukulturelle Bildung bringt den Menschen in die Lage, sich zum hergestellten Lebensraum in leiblicher, emotionaler und geistiger Hinsicht zunehmend differenzierter in ein Verhältnis zu setzen. Die gebaute Umwelt wird somit als Ausdruck der mit Menschen geteilten Welt erfahrbar, dies nicht nur in ihren schönen, sondern, wie erwähnt, auch ihren hässlichen Seiten. In der gebauten Umwelt manifestieren sich technische, historische, soziale, politische, ethische und ästhetische Dimensionen, Errungenschaften, Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Zusammenlebens, wie sie sonst kaum in dieser Dichte zu erfahren sind. Daher hat sie für Bildungsprozesse ein so grosses, aber wenig genutztes Potenzial. Die hergestellte Welt, die Gegenstände, Gebilde und Gebäude verleihen der Welt eine Dauerhaftigkeit und Beständigkeit, ohne die sich – so Hannah Arendt – «das sterblich-unbeständige Wesen der Menschen auf der Erde nicht einzurichten wüsste; sie sind die eigentlich menschliche Heimat des Menschen» (Arendt, 1996, S. 161). Bildungstheoretisch betrachtet hat der Bildungsprozess zentral mit Eindrucksbildung und Ausdrucksbildung zu tun (Gauchet, 1985). Der Mensch lässt sich prägen, das heisst beeindrucken, seinen Eindrücken will oder muss er dann – auf die eine oder andere Art – wiederum Ausdruck verleihen. Ohne Eindruck keinen Ausdruck, könnte man sagen. Daher stellt die Eindrucksfähigkeit des Menschen die Basis aller Bildung dar.

Baukulturelle Bildung kann sich im weitesten Sinne an Dimensionen ästhetischer Bildung orientieren. Die Auflistung von Kriterien oder Dimensionen hat häufig einen analytischen Sinn, tatsächlich handelt es sich aber nur um unterschiedlich akzentuierte Perspektiven auf das Amalgam eines ästhetischen Artefakts. Denn letztlich bildet jedes baukulturelle Erzeugnis – vom Innenraum einer Wohnung bis zum Strassennetz einer Grossstadt – eine phänomenale Ganzheit, die es zunächst weniger zu analysieren («in seine Momente zu zerlegen»), als vielmehr zu beschreiben und «verstehen» gilt. Dennoch ist es bedeutsam, Kriterien und Dimensionen zu diskutieren, die sich auf das Konzept der baukulturellen Allgemeinbildung beziehen. Dazu gehören die Dimensionen (1) Wahrnehmung, das heisst die Erweiterung und Differenzierung der Wahrnehmung baukultureller Phänomene, (2) Funktionalität, das heisst das Verständnis für die Bedeutung und Kriterien der Funktionen von baukulturellen Erzeugnissen, (3) Materialität, womit das Verständnis und der Zugang zu der Vielfalt der Baumaterialien und ihrer Bearbeitungsmöglichkeiten gemeint ist, (4) Gemeinsinn und Kommunikation, dabei unter anderem die Schärfung des Sinns für «Geschmacksgemeinschaften» und deren Grenzen, und (5) Imagination und Kreation, die auf die Förderung und Erweiterung der Möglichkeiten und Neuschöpfung geistiger und sinnlicher Produktion zielen, etwa in Form von Ideen, Entwürfen, Fragen an konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Diese – miteinander verschränkten – Dimensionen dienen nicht nur dem besseren Verständnis einschlägiger Urteils- und Artikulationskompetenzen in baukultureller Hinsicht, sondern sie bilden zugleich den Gegenstand, an dem sie aktualisiert und entwickelt werden können. So kann ein Gebäude – eine Fabrik, ein Kuhstall, ein Einfamilienhaus – in Bezug auf seine Herstellungsweise betrachtet werden (betrifft u. a. die Dimension der Materialität/Stofflichkeit), es kann aber auch architekturhistorisch eingebettet und diskutiert werden, es kann mit anderen vor Ort oder an entlegenen Orten, zeitnah und «zeitfern» vorhandenen Gebäuden, Architekten, Vorstellungsweisen in seiner Erscheinungsweise vergleichend betrachtet werden (betrifft die Dimension Wahrnehmung), es kann im Sinne seiner sozialen Bedeutung, Anerkennung und Werthaftigkeit beurteilt werden (Aspekte Gemeinsinn und Kommunikation), es kann auf unerwartete Weise in einen Diskussionskontext gestellt und thematisiert werden (Imagination). Immer aber geht es beim Bildungsgedanken darum, die Bedeutung des betrachteten Gegenstandes für das menschliche Leben und Zusammenleben selbst zu beschreiben, zu deuten und kritisch zu betrachten (Reichenbach, 2021).

«Kinder erkunden die lokale Baukultur» ist meines Erachtens ein schöner Titel für die Studie, die die Autorinnen Noëlle von Wyl, Lea Weniger und Barbara Windholz hier nun in Buchfassung vorlegen. Die Erkundung passt in zweierlei Hinsicht, sowohl in ihrer physischen als auch ihrer symbolischen Bedeutung. So kann ein Gelände ausgekundschaftet werden. Allein der Schulweg macht das Kind ortskundig, da gibt es vieles zu sehen und noch viel mehr zu verstehen. Es lernt auch Umwege und Abkürzungen zu nehmen, das gehört zur kindlichen Freiheit. Aber um zu verstehen, muss es mehr als nur sehen können, die Dinge zeigen sich meist nicht von selbst. Man muss sich von anderen auch etwas zeigen lassen, was nicht unmittelbar wahrgenommen werden kann. Zum Glück ist die Bereitschaft des Kindes, sich etwas zeigen zu lassen, sehr ausgeprägt, eine gute Einrichtung der Natur. Es ist auf Verstehen angelegt und auf Mitteilung, zum kindlichen Realismus gehört das Wissenwollen. Kinder wollen in der Regel nicht in einer individuell-subjektiven Bubble verschwinden, sondern wissen, wie es ist, und dazugehören. Davon handelt Bildung: mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und sich zu ihr verhalten können. Durch baukulturelles Wissen erhält die wahrgenommene Um- und Lebenswelt des Kindes – wie auch der Erwachsenen – Bedeutung. Verstehen verleiht dem Wissen Sinn, meinte Hannah Arendt. Dazu ist aber mitunter eine bestimmte Systematik nötig, Zugangsweisen sollen bewusst ermöglicht und unterstützt werden. Die Autorinnen ordnen ihren Zugang zur baukulturellen Bildung nach elementaren Phänomenen: nach Farbe und Form, Material und Oberfläche, Massstab und Dimension, Licht und Schatten, Öffnung und Transparenz, Innen und Aussen, Schmuck und Ornament, Statik und Konstruktion. Die wahrnehmbaren und wahrgenommenen Phänomene bilden immer den Ausgangspunkt, und durch Wissen (z. B. die Kunde über Material) werden die Phänomene interessant und erhalten Bedeutung. Verstehen ist die Leistung, Phänomene und Wissen in einen Zusammenhang zu bringen – diese Synthese- und Integrationsarbeit ist beim kleinen Kind wie auch beim Erwachsenen nicht von grundverschiedener, sondern von gleicher Art. Mit der Zeit lernt der baukulturell interessierte Mensch auch sehr vieles über die vielfältigen Zusammenhänge von gebauter Welt zur Natur-Natur und zur Natur des Menschen kennen. Macht man seine kleinen Erkundungen in der Stadt oder auf dem Land, hat man nicht immer den Eindruck, dass sehr viel daran gedacht wird, wie Häuser gebaut sein sollten, damit sich die Menschen in ihnen auch wohl fühlen.

Wenn die Schulkinder nun – angeleitet soweit wie nötig und wichtig – ihre Erkundungen beispielsweise zu «Licht und Schatten» machen, so betreten sie unmerklich ein nahezu unerschöpfliches Universum, das weiter reicht als vom Baum als Schattenspender zur globalen Lichtverschmutzung und ihren bizarren Konsequenzen für Mensch und Tier oder von der Geschichte der Feuerstelle bis zur Nutzung von Solarenergie … Vielleicht werden manche von ihnen später verstehen, warum die «Aufklärung» so und nicht anders heisst, oder hinterfragen, ob das Mittelalter wirklich so «dunkel» war. Natürlich werden sie zunächst nur einzelne, konkret-gegenständliche Aspekte der Baukultur verstehen. Doch ohne solche Anfänge wird die gebaute Welt, die uns umgibt und in der wir leben, die uns im Guten wie im Schlechten prägt und die immer auch ein markanter Ausdruck der sozialen Verhältnisse darstellt, vielleicht nie wirklich wahrgenommen. Das wäre unaufgeklärt.

Es ist ein grosses Verdienst der Autorinnen, sich dem bis heute vernachlässigten Bildungsbereich der Baukultur auf didaktisch und pädagogisch überzeugende Weise angenommen zu haben. Dem Buch von Nöelle von Wyl, Lea Weniger und Barbara Windholz wünsche ich daher die Aufmerksamkeit und Würdigung, die es ganz sicher verdient!

Literatur

Arendt, H. (1996). Vita activa oder vom tätigen Leben. München: Piper (Original «The Human Condition», 1958).

Berger, J. (2016). Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt. Frankfurt a. M: Fischer (Original «Ways of Seeing», 1972).

Gauchet, M. (1985). L’école à l’école d’elle-même. In M. Gauchet (Hrsg.), La démocratie contre elle-même (S. 109–169). Paris: Collection Tel.

Reichenbach, R. (2021). Baukulturelle Allgemeinbildung. Eine bildungstheoretische Annäherung. In Archijeunes (Hrsg.), Elemente einer baukulturellen Allgemeinbildung (S. 51–70). Zürich: Park Books.

Seock Jae, Y. (2005). The Traditional Space. A Study of Korean Architecture. Seoul: Ewha Womans University Press.

Taylor, C. (1985). Self-interpreting animals. In ders., Philosophical Papers, Bd. I: Human Agency and Language (S. 45–76). Cambridge: Cambridge University Press.


Kapitel1.Projektbeschreibung

1.1 Einleitung

Diese Publikation dokumentiert die Ergebnisse des Projekts «Schuldetektive – Kinder erkunden die lokale Baukultur»[2] und stellt Lehrerinnen und Lehrern ein Unterrichtskonzept mit Beispielen zur Verfügung, das baukulturelle Bildung an öffentlichen Schulen der deutschsprachigen Schweiz ermöglicht. Die Publikation ist zunächst eine Antwort auf die Analyse zum Bestand und Bedarf der baukulturellen Bildung an Schweizer Schulen, die von Elisabeth Gaus-Hegner und ihrem Team unter dem Patronat des schweizerischen Vereins Archijeunes für das Bundesamt für Kultur erarbeitet wurde (Archijeunes, 2019). Sie erfüllt des Weiteren besonders den von Lehrpersonen geäusserten Bedarf an Unterrichtsmaterialien und Lehrmitteln für diesen Bildungsbereich (ebd., S. 27).

Die Dringlichkeit der Unterrichtsmaterialien für die Vermittlung von Baukultur wurde durch die Erklärung von Davos (FDHA/FOC, 2018) wirksam kommuniziert, welche die Kulturministerinnen und -minister Europas anlässlich des Weltwirtschaftsforums im Jahre 2018 verabschiedet haben. Die Erklärung erinnert daran, dass «die Art, wie wir zusammenleben und uns als Gesellschaften entwickeln, grundlegend kulturell bedingt ist und daher die Gestaltung unseres Lebensraums in erster Linie ein kultureller Akt» ist (S. 16). Das Manifest mündet in der Aufforderung, in den Bereichen der Bildung Verantwortung zu übernehmen, damit «Baukultur besser beurteilt werden kann» (ebd., S. 19). Die hier dokumentierte Unterrichtsforschung schliesst daran an. Sie wurde von der Pädagogischen Hochschule Schwyz PHSZ im Rahmen der Initiative «Kulturerbe für alle»[3] durchgeführt und erfolgte in Kooperation mit der Bildschule K’werk Zug.[4]

Ziel des Projekts war die Entwicklung und Evaluation eines kompetenzorientierten und fächerübergreifenden Unterrichtskonzepts für baukulturelle Vermittlung an öffentlichen Schulen der Schweiz, das Lehrerinnen und Lehrern als Orientierungshilfe dienen soll. Die in dieser Publikation präsentierten Lernarrangements mit Unterrichtssequenzen sind erprobt, ausgewertet und mit Bildern dokumentiert. Sie sind an die ortsspezifische Architektur gebunden sowie an organisatorische Bedingungen von Schulen und Lehrpersonen geknüpft und berücksichtigen inhaltlich die Interessen von Schülerinnen und Schülern. Ausgangspunkt für die Erarbeitung von Unterrichtsbeispielen für baukulturelle Bildung waren die Erkundungen der Schülerinnen und Schüler in ihrer Wohngemeinde. Die Durchführungen der Unterrichtseinheiten sind ausführlich beschrieben und mit Bildern visualisiert, sodass sie nachvollzogen werden können und Lehrerinnen und Lehrern als Anregung für die Planung von baukulturellem Unterricht dienen. Das Unterrichtskonzept veranschaulicht gleichzeitig ein kompetenzorientiertes Strukturmodell mit acht baukulturellen Themen und beschreibt damit, was und auf welche Weise in der Volksschule innerhalb des vorhandenen Fächerkanons unterrichtet werden kann. Die Auswertung der Durchführungen zeigt, wie Schülerinnen und Schüler den Unterricht erlebt haben. Entstanden ist ein Unterrichtskonzept zur Vermittlung von Baukultur für den Einsatz in den Fachbereichen des Textilen und Technischen sowie des Bildnerischen Gestaltens (D-EDK, 2016a) mit interdisziplinären Bezügen insbesondere zu den Raumthematiken des Fachbereichs Natur, Mensch, Gesellschaft (D-EDK, 2016c). Lehrerinnen und Lehrer sind eingeladen, diese Unterrichtsbeispiele nachzuvollziehen und sie ihren Bedürfnissen und Voraussetzungen anzupassen oder zu erweitern. Es würde uns freuen, wenn wir Lehrerinnen und Lehrer mit dieser Publikation für die Vermittlung von Baukultur inspirieren könnten.

1.2 Bewusstseinsbildung für die Umweltgestaltung

Baukultur umgibt uns und entsteht jeden Tag neu; sie umschliesst «die Summe der menschlichen Tätigkeiten, welche die gebaute Umwelt verändern», so die Erklärung von Davos (FDHA/FOC, 2018, S. 3). Mit dieser Definition von Baukultur wird ein weites Feld eröffnet und das Verhältnis des Menschen zur Umwelt beschrieben. Als Ausgangspunkt jeder Definition hat, «darüber besteht heute wohl fachlicher Konsens, die Differenz von System und Umwelt zu dienen» (Luhmann, 2015a, S. 35). Umwelt und soziales System beschreiben eine «Differenz», so der Soziologe Luhmann; es handelt sich sozusagen um zwei Seiten derselben Medaille. Menschen sind «strukturell an ihrer Umwelt orientiert und könnten ohne Umwelt nicht bestehen» (ebd.). Gleichzeitig stellt sich die Welt für sie als «Gesamtheit der Eigenwerte» dar, die sie durch ihre Existenz bewusst oder unbewusst verändern beziehungsweise gestalten. «Das Gehirn unterdrückt, wenn man so sagen darf, seine Eigenleistung, um die Welt als Welt erscheinen zu lassen» (Luhmann, 2015b, S. 15). Die Umwelt ist somit eine Voraussetzung, die eine Bildung des Bewusstseins über Differenzierungen erfordert. Das Bundesamt für Kultur beschreibt das Verhältnis Mensch–Umwelt in seinem Konzept für Baukultur auf folgende Weise: «Sei es als Bewohner[/-innen] oder als Architekt[/-innen] – alle Menschen prägen ihren Lebensraum. Dieser formt gleichzeitig das Zusammenleben jedes und jeder Einzelnen» (BAK, o. J.). Auch hier wird klargestellt, dass alle Menschen zur Gestaltung der Umwelt beitragen. Die Bildung des Umweltbewusstseins und der Gestaltungsfähigkeit des Menschen sind auch im schweizerischen Lehrplan verankert. Die Autorinnen dieser Publikation beziehen den Begriff Umwelt auf die Perspektiven der Fachbereiche Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG). Konkret orientieren sie sich an den Bildungszielen für nachhaltige Entwicklung (BNE), fokussieren auf die «Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Um- und Mitwelt» (NMG) und verbinden diese Inhalte mit den Kompetenzzielen der Fachbereiche Gestaltung (BG, TTG) (D-EDK, 2016b S. 17; 2016c, S. 5; 2016a, S. 3). Natürliche, kulturelle, wirtschaftliche, soziale und historische Phänomene werden mit den Schülerinnen und Schülern über interdisziplinäre Zugangsweisen erschlossen. Ausgehend von diesen Grundlagen ist das vorliegende Konzept für baukulturellen Unterricht entwickelt worden.

Baukulturelle Bildung als Allgemeinbildung erfordert eine Erklärung der Begriffe und den Aufbau eines fächerübergreifenden Verständnisses. Es erstaunt nicht, dass selbst der Begriff «Baukultur» für Lehrpersonen wenig fassbar ist, wie das Projektteam während der Durchführung feststellte. Auch Elisabeth Gaus-Hegner und ihr Team hielten in ihrer Studie 2019 zu Bestand und Bedarf der Baukulturellen Bildung an Schweizer Schulen fest: «Baukultur wird von Lehrpersonen und Dozierenden als wenig geläufiger und dehnbarer Begriff wahrgenommen» (Archijeunes, 2019, Vorwort). Es handelt sich um einen Ausdruck, der in unserem Sprachraum ausser in Fachkreisen der Architektur selten verwendet wird. Kinder verstehen ihn, wenn ihnen Baukultur als zusammengesetztes Wort von Bauen und Kultur erklärt wird. Wie der Begriff «Baukultur» in der Architektur definiert wird, zeigt die Erklärung von Davos: «Baukultur umfasst den gesamten Baubestand, einschliesslich Denkmälern und anderer Elemente des Kulturerbes, sowie die Planung und Gestaltung von zeitgenössischen Gebäuden, Infrastrukturen, vom öffentlichen Raum und von Landschaften» (BAK, 2018, S. 17). Der Begriff umfasst somit nahezu alle Bereiche der gebauten Umwelt.

Baukultur reicht also über die Wirkungsfelder von Architektur und Denkmalschutz hinaus, zielt auf öffentliche und private Bauten, Räume und Landschaften und auf baukulturelle Prozesse. Darüber hinaus strebt das Manifest für eine «hohe Baukultur» die Mitwirkung aller am jeweiligen Ort lebenden Menschen an. Das Qualitätskonzept, das im Nachgang zur Erklärung von Davos vom Bundesamt für Kultur verfasst wurde, präzisiert: «Ein spezifischer Genius Loci entsteht durch das soziale Gefüge, die Geschichte, Erinnerungen, Farben und Gerüche eines Ortes, die seine Identität und die Verbundenheit der Menschen mit ihm bestimmen» (BAK, 2021, S. 4). Die Authentizität eines Ortes entsteht also nicht nur durch die Bauten, sondern auch durch die Menschen, die eine gebaute Umwelt beleben und damit täglich verändern. Die Einladung für ein baukulturelles Engagement richtet sich damit nicht nur an Baufachleute; vielmehr braucht es dazu alle Bürgerinnen und Bürger, wie es bereits die damalige Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz (2007) anlässlich einer Eröffnungsansprache für einen Jugendwettbewerb formulierte. «Lebensraumgestaltung fängt im Kleinen an», sagte sie und führte aus: «[…] im Haus, in dem wir wohnen und arbeiten; in der Strasse vor dem Haus; auf dem Weg zur Schule, den wir mit dem Velo oder dem Bus zurücklegen; im Dorf oder im städtischen Quartierzentrum, wo wir uns einen Platz zum Begegnen wünschen».[5]

Baukulturelle Bildung bereichert die Fächer des Bildnerischen und Technischen Gestaltens mit dem Aspekt der Umweltgestaltung. Die Thematik schafft neue Möglichkeiten für schulische Projekte, fördert die Partizipation in der eigenen Wohngemeinde und befähigt Schüler und Schülerinnen zur Teilhabe an Veränderungsprozessen. Doch ein Interesse für die gebaute Umwelt ist keine Selbstverständlichkeit. Es nimmt seinen Anfang im Kindesalter mit der Wahrnehmung und Aneignung des unmittelbar vorhandenen Lebensraums. Raumeindrücke werden erfahren und Räume erkundet, befragt und verglichen. Kinder entwickeln Vorstellungen und Assoziationen und bewerten Räume emotional (vgl. Buether, 2010, S. 47). Sie entwickeln eine «räumlich visuelle Kompetenz» und setzen diese «im Gestaltungs- und Kommunikationsprozess» ein, sei es im Innen- oder Aussenraum (ebd., S. 261). Kinder und Jugendliche entwickeln Fähigkeiten, um gemeinschaftliche Raumprojekte zu initiieren; ihr Interesse für das Bauen reicht von der Herstellung von Laub- und Baumhütten[6] bis hin zur Teilhabe an städtischen Entwicklungsprojekten. Diese Interessen werden in Schulen, Freizeit und Ferienangeboten seit jeher berücksichtigt. Pädagogische Hochschulen im In- und Ausland haben in den vergangenen Jahren damit begonnen, baukulturelle Bildung in ihr Lehrangebot aufzunehmen. Auch im Architekturstudium setzen sich Studierende vermehrt mit den ethischen Dimensionen ihres Fachbereichs auseinander. Die Technische Universität München TU beispielsweise zeigte der Öffentlichkeit in der Architekturausstellung Experience in Action! (2020) eine Auswahl an Partizipationsprojekten. Wie Hilde Strobl in der Projektdokumentation titelt: «Architektur ist zu wichtig, um sie den Architekten und Architektinnen zu überlassen» (Strobl in Bader & Lepik, 2020, S. 31). Eine umfassende baukulturelle Bildung für alle setzt somit eine sich kontinuierlich aufbauende Auseinandersetzung mit Raumeigenschaften, -beschaffenheiten und -wirkungen auf allen Ausbildungsstufen voraus.

1.3 Problematik und Ziele

Bis anhin haben sich vor allem ausserschulische Organisationen für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen engagiert. Sie haben das Potenzial und die Notwendigkeit erkannt und bieten unterschiedliche Kurse an, wie zum Beispiel das LABforKids – Labor für Baukultur[7] im schweizerischen Zug. Da eine solche Förderung im informellen, das heisst im ausserschulischen Bereich nicht allen Kindern und Jugendlichen zukommt, setzt sich Archijeunes für eine baukulturelle Bildung an öffentlichen Schulen ein. Der Verein formuliert dieses Anliegen so: «Obwohl die gebaute Umwelt für die Gesellschaft anerkanntermassen von grosser Relevanz ist, wird dieser Bereich an schweizerischen Schulen ausser Acht gelassen. Es fehlt inner- und ausserschulisch an Partizipationsmöglichkeiten. Dieses Manko betrifft nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern ebenso deren Lehrpersonen. Unter diesen Umständen kann die gesellschaftliche Verantwortung für Baukultur, für soziale Interaktion und Kohäsion, für Kreativität und Identifikation, kaum wahrgenommen werden» (Archijeunes, o. J.). Über die Website können sich Lehrerinnen und Lehrer über Literatur und Vermittlungsangebote informieren. Doch für eine breite baukulturelle Bildung fehlen, wie erwähnte Studie von Archijeunes zeigt, sowohl eine klare Definition kompetenzorientierter Bildungsinhalte als auch Unterrichtsmaterialien.

Elisabeth Gaus-Hegner und ihr Team befragten in dieser Studie Dozierende, Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler zu Bestand und Bedarf bezüglich baukultureller Bildung in der Schweiz. Gegenüber der Idee, «neue Elemente in den Lehrplan zu integrieren» beziehungsweise neue Inhalte vermitteln zu müssen, äusserten Lehrerinnen und Lehrer insgesamt eher Bedenken (Archijeunes, 2019, S. 16). Als Begründung hielten sie fest, es seien nicht ausreichend Anknüpfungspunkte vorhanden und es würden geeignete Lehrmittel fehlen, um eine Verknüpfung zwischen Zielen und Inhalten baukultureller Bildung, dem Lehrplan 21 und dem schulischen Alltag herstellen zu können (ebd., S. 9). Die Lehrpersonen seien mit den Themen nicht vertraut und wünschten sich eine stufenbezogene Begriffs- und Inhaltsklärung. Einige teilten mit, dass die Kompetenzbereiche des Bildnerischen Gestaltens (BG) und Textilen und Technischen Gestaltens (TTG) sowie von Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) Übereinstimmungen mit baukulturellen Lernzielen aufweisen könnten. Auch im Bereich der überfachlichen Kompetenzen und Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) werden Anknüpfungspunkte zum Lehrplan 21 verortet. Es könnten Problemlösungsfähigkeit, freie Meinungsbildung, eine differenzierte Sprache und die Teilhabe an der Gestaltung der Lebenswelt gefördert werden, so die Befragten (ebd., S. 46).

Doch überwiegend waren die Lehrpersonen der Meinung, dass die Umsetzung solcher Themen stark von den Präferenzen der jeweiligen Akteure und Akteurinnen abhingen (ebd., S. 21). Lehrerinnen und Lehrer aller Stufen, vom Kindergarten bis zur Sekundarschule, bejahen dennoch mehrheitlich ihr Interesse an der Integration baukultureller Themen in den regulären Unterricht. Die Komplexität des wenig bekannten Themas, die Dichte des bestehenden Unterrichts und die fehlenden Lehrmittel verhindern ganz offensichtlich, diese Themen aufzugreifen. Ein kontinuierlicher Wissensaufbau kann bis heute nicht stattfinden, da baukulturelle Inhalte für den Unterricht bis jetzt nicht kompetenzorientiert aufbereitet worden sind, und das trotz aller Bekundungen der Kinder und Jugendlichen, dass «Baukultur für sie ein spannendes Lernfeld darstellt» (ebd., S. 17). Ziel des beschriebenen Projekts war es deshalb, ein fächerübergreifendes Unterrichtskonzept mit einem Kompetenzstrukturmodell zu entwickeln, dass Lehrerinnen und Lehrer für baukulturelle Vermittlung motiviert.


Abb. 1.1: Schematische Darstellung der Wissens- und Handlungsgebiete und ihre Beziehungen untereinander

1.4 Baukulturelle Bildung – Intention und Lerngegenstand

Baukultur betrifft den Menschen auf vielfältige Art und Weise, denn menschliches Handeln findet grundsätzlich in Innen- oder Aussenräumen statt. Diese werden meist nicht aufmerksam wahrgenommen, sondern eher beiläufig, unbewusst. So wird die gebaute Umgebung in einer Gleichzeitigkeit mit den sich darin aufhaltenden Menschen sowie den Raumqualitäten wie Wetter, Wärme, Geruch und Geräusche erlebt. Solche räumlichen Gesamteindrücke bezeichnet der Psychologe Rainer Schönhammer als «Milieu» oder allgemeinverständlicher als «Atmosphären» (Schönhammer, 2013, S. 293). Nicht nur Gebäude, sondern Personen, Pflanzen und alles, was die Umgebung formt, ist dabei miteinbezogen: «Man spürt sich und das Leben am Ort» (ebd., S. 296). Die vom Menschen geformte Umgebung erfüllt nicht nur funktionale Zwecke, sondern hinterlässt auch emotionale Eindrücke. «Wir geben ihr Form und sie formt uns» (UIA, 2008, zit. in Tschavgova & Feller, 2008, S. 2). Damit ist klar: Baukulturelle Bildung beinhaltet Funktion und Ästhetik. Ein Verständnis dafür, wie sich bestimmte Formen der gebauten Umwelt in ihrer Gestaltung über ihren Bezug zur Nachbarschaft, durch ihre Repräsentationsfunktion und Weiteres bedingen, und die Auseinandersetzung mit diesen Zusammenhängen bilden den Menschen in seinen Wahrnehmungs-, Gestaltungs- und Kommunikationsfähigkeiten.

Den Bezug zur Ästhetik stellt auch Roland Reichenbach (2021) in seiner bildungstheoretischen Annäherung an die baukulturelle Allgemeinbildung her. «Baukulturelle Erfahrungen sind auch ästhetische Erfahrungen. ‹Ästhetische Erfahrungen› ermöglichen ‹einen Zugang zum Wirklichen› (…), hierbei spielen nicht nur die sinnlichen Wahrnehmungen, sondern auch die sinnlichen Vorstellungen die zentrale Rolle» (Reichenbach, 2021, S. 65). Baukulturelle Bildung ermöglicht eine Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der gebauten Umwelt, indem der Anblick von Architektur die eigenen ästhetischen Vorstellungen bestätigt oder auch dazu führt, Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Architektur, besonders zeitgenössisches Bauen, ist für Kinder, Jugendliche und selbst für Erwachsene meist nicht auf Anhieb verständlich und wird wohl auch deshalb oft abgelehnt. Gebäude die Architekten und Konstrukteurinnen für bedeutungsvoll halten, sind für Schülerinnen und Schüler – und nicht nur für sie – manchmal erklärungsbedürftig.

Ungewohnte Sichtweisen erfordern eine unvoreingenommene Wahrnehmung und basale Kenntnisse formaler Prinzipien und Gestaltungsgrundlagen. Dazu gehören beispielsweise Formkonzepte und Farbtheorien, Statik und Konstruktion oder Licht und Schattenwirkung, wie sie in diesem Buch praxisnah thematisiert werden. Mithilfe dieses Wissens wird es eher möglich sein, auch ungewohnte Bauwerke und Anlagen zu betrachten, einzuordnen und zu beschreiben.

Betrachtungs- und Gestaltungsfähigkeit setzen eine ästhetische Bildung im Sinne einer sinnlich vermittelten Wahrnehmung kulturell und historisch bedingter Erscheinungen voraus. Dabei ist eine Balance zwischen Theorie und Praxis in der Vermittlung der Grundlagen bedeutsam. Kinder und Jugendliche müssen diese Fähigkeiten in handelnder und verstehender Ganzheit und Gegenseitigkeit erlernen, um die sinnliche Wirkung von Oberflächen, Materialien, Farben und Formen begreifen zu können. Architektur, Kunst und Design sind weder als reine Praxis noch als reine Theorie vermittelbar. Wenn sich Kinder und Jugendliche in Baukultur bilden, bedeutet das daher sowohl intellektuelles Erkennen, emotionales Empfinden als auch gestalterisches Handeln.

Diese Bildungsperspektiven finden sich auch in den Lernzielen, die im Rahmen von Forschungsprojekten der Wüstenrotstiftung[8] für Deutschland definiert wurden. Im Zentrum der baukulturellen Bildung steht dabei die Förderung der Begriffs- und Kommunikationsfähigkeit sowie der Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern. Das Ziel ist, ein breites und zielstufenspezifisches Verständnis für baukulturelle Belange zu etablieren. Die im Folgenden aufgeführten Lernziele der baukulturellen Bildung beziehen sich auf die Zielformulierung des Union International Education Network UIA sowie die Projekte der Wüstenrotstiftung (Million et al., 2019). Die Autorinnen dieser Publikation formulieren diese wie folgt:

•ein sinnliches Bewusstsein für private und öffentliche Räume entwickeln;

•Sensibilität, Fantasie und eigene ästhetische Vorstellungen bilden;

•gestalterische Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen und anwenden;

•Problemlösungsverfahren kennen und Prozesse erfahren;

•Techniken und Materialien kennen und damit experimentieren;

•Bau- und Handwerksinteresse entwickeln und Handlungen nachvollziehen;

•Ideen und Optionen erforschen, darstellen und umsetzen;

•im Team arbeiten und kreative Lösungswege finden;

•Präsentations- und Argumentationsfähigkeiten entwickeln;

•traditionelles und zeitgenössisches Bauen kennen und schätzen;

•Zusammenhänge zwischen gebauter und natürlicher Umwelt verstehen;

•das Vokabular kennen, um über Baukultur diskutieren zu können;

•Rollen, Rechte und Verantwortlichkeiten von Bauleuten und Öffentlichkeit kennen;

•Baukultur als Aufgabe von Forschung und Entwicklung anerkennen.

Die Vielfalt der Lernziele zeigt es: Die gebaute Umwelt ist nicht nur ein Lebensort, sondern auch ein bedeutender Lernort mit Förderungspotenzial. Kinder und Jugendliche wachsen in städtischen oder ländlichen Umgebungen auf, die aufgrund des demografischen Wandels sowie der technologischen und digitalen Entwicklung in Veränderung begriffen sind. Historisch gewachsene Strukturen und Orte erfahren Umstrukturierungen. Vertraute Treffpunkte, wie Plätze und öffentliche Räume, werden erneuert; Desorientierung unter Jugendlichen und auch Erwachsenen kann die Folge sein. Auch präventive Aspekte im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen und räumlichen Gefüge sprechen dafür, Kinder und Jugendliche für Umweltveränderungen und Umweltgestaltungen zu sensibilisieren und sie, wo immer möglich, auch daran zu beteiligen. Die Qualitätskriterien des Bundesamts für Kultur unterstützen diese Bildungsbestrebungen, denn eine «hohe Baukultur (…) fördert die Verbundenheit mit dem Ort», stärkt die «Identität und Unverwechselbarkeit» und berücksichtigt «das Bedürfnis nach positiver ästhetischer Wertschätzung und einer erfüllenden Beziehung zwischen Menschen und Ort» (BAK, 2021, S. 23). Baukulturelle Bildung fördert somit die Sozialkompetenz im Sinne der Fähigkeit, sich in der Gesellschaft aktiv einzubringen (D-EDK, 2016b, S. 3).

1.5 Untersuchungen zur baukulturellen Bildung

Baukulturelle Bildung als bildungspolitische Aufgabe hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Seit der Jahrtausendwende wurden in europäischen Ländern wie England, Frankreich, Deutschland und Österreich Studien zur Förderung dieses Bildungsbereichs durchgeführt. Dennoch wird baukulturelle Bildung im Forschungszusammenhang zu wenig diskutiert (Million, Heinrich & Coelen, 2016). Angela Million und ihr Team kamen im Rahmen einer Untersuchung von mehreren baukulturellen Projekten im städtischen Umfeld und Interviews mit Kindern und Jugendlichen von acht bis 18 Jahren zum Schluss, dass die Diskussion über eine allgemeinbildende Baukultur notwendig sei, um junge Menschen für Stadtplanungsprozesse interessieren zu können. Die Forderung mündet in Umsetzungsvorschlägen wie «vielfältige Settings baukultureller Bildung kultivieren», «baukulturelle Bildung in der Schule verankern», den «gesamten (Stadt-)Raum als Bildungsraum nutzen», «familiäres Lernen berücksichtigen», «Zugänge über Materialien und Werkzeuge eröffnen», «digitale Lernwelten erschliessen», «baukulturelle Bildung mit Beteiligung verbinden», «Anleiterinnen weiterqualifizieren» (d. h. Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen und weitere Interessierte) oder «baukulturelle Bildungsangebote politisch fördern» (Million et al., 2019, S. 209 ff.). Insgesamt definiert die Studie vielseitige Handlungsfelder, die auch für andere Länder von Bedeutung sind.

Mit ihrer an der Natur orientierten Architektur und organischen Formensprache haben die Architekten Eliel Sarinnen (1873–1950) und Alvar Aalto (1898–1976) wesentlich zur finnischen Identität und dem damit verbundenen hohen Stellenwert der baukulturellen Qualität beigetragen. «Der Schlüssel zum Architekturverständnis», so zitiert Turit Fröbe aus dem architekturpolitischen Programm, «liegt vorrangig bei der Kunsterziehung sowie bei den umweltbezogenen Fächern, die die Belange der gebauten Umwelt einbeziehen» (ebd., S. 45). Die Architekturhistorikerin untersuchte 2018 im Rahmen einer Feldstudie an der Universität der Künste in Berlin die Auswirkungen der architekturpolitischen Massnahmen von 1998 in finnischen Bildungsinstitutionen beziehungsweise inwiefern diese Form der «Architecture Education» für andere Länder wegweisend sein könnte. Fröbe stellte fest, dass baukulturelle Bildung – nach einer anfänglichen Euphorie vor gut 20 Jahren – heute in den öffentlichen Schulen nicht mehr gelehrt wird als anderswo in Europa. Obgleich es in Finnland diese Programme gab, wurde offensichtlich zu wenig in die Koordination der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen investiert. Ein Problem besteht auch in der «Streichung des obligatorischen Architekturkurses», der im Rahmen des Kunstunterrichts in der Klassenstufe 1–7 stattgefunden hat (ebd., S. 65). Fröbe hält fest, «dass der Architekturunterricht an den Schulen auch aufgrund des Mangels an Lehrmitteln unzureichend sei» und kommt zum Schluss, schulische Projekte bedürften in der Vermittlung «einer gewissen Sinnlichkeit […], damit sie nicht abschreckend wirken» (ebd., S. 45). Deshalb empfiehlt sie baukulturelle Bildung für die Lehrenden «einfach» zu machen, weil Lehrpersonen sonst baukulturelle Inhalte nicht unterrichten würden (ebd., S. 156). Auf strategischer Ebene sollen darüber hinaus, «baukulturelle Leitlinien» entwickelt werden, die als «zentrale Bestandteile von Kunst und Kultur» gelten (ebd., S. 177). Es müsse ein Netzwerk aufgebaut werden beziehungsweise «es bedarf Akteurinnen und Akteure nach dem Vorbild des finnischen Special Advisors for Architecture im National Council for Architecture, welche die architekturpolitischen Massnahmen kommunizieren und als Ansprechpartnerinnen und -partner sowie Beraterinnen und Berater fungieren» (ebd., S. 67). Eine Implementierung der Vermittlung von Baukultur in den Schulen brauche zudem – etwa alle drei oder vier Jahre – einen Evaluationsprozess, um die Leitlinien einer regelmässigen Revision zu unterziehen (ebd., S. 178).

Der Verein Archijeunes fördert und koordiniert die baukulturelle Bildung in der Schweiz. Wie anfangs erwähnt hat er eine Analyse zum Bestand und Bedarf der baukulturellen Bildung in der Schweiz in Auftrag gegeben, um den Stand und die Bedürfnislage von Lehrerinnen und Lehrern an Schweizer Schulen zu ermitteln (Archijeunes, 2019). Insgesamt wurden 59 Dozierende an pädagogischen Hochschulen, 21 Lehrpersonen und 100 Schülerinnen und Schüler interviewt. Obwohl Baukultur nicht explizit unterrichtet wird, erkennen die Befragten bezüglich der Lerninhalte in bestimmten Fachbereichen Übereinstimmungen mit baukulturellen Inhalten. Diese betreffen insbesondere die Fähigkeiten zur Raumwahrnehmung, die Vorstellungsbildung, die Vermittlung von Strategien zur Entwicklung von Ideen, Entwurfstechniken und Ablauf von Gestaltungsprozessen (BG) sowie Fragen der Raumnutzung und Raumveränderung, Kartografie, menschliche Lebensräume und Lebensweisen, Kultur- und Siedlungsgeschichte (NMG), Konstruktion, Statik, Bauen und Wohnen sowie Handwerk und Verfahrenstechniken (TTG) (ebd., S. 45ff.). Ergebnis der Studie sind Empfehlungen zu folgenden Handlungsfeldern:

1Sensibilisierung für baukulturelle Bildung

2systemische Verankerung an Schweizer Schulen

3Kommunikation

4Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen

5Forschung und Entwicklung

6Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und Lehrmitteln

7Schulraum und Partizipation

8Rahmenbedingungen (ebd., S. 23ff.)

Zusammenfassend lassen die erwähnten Studien den Schluss zu, dass bis heute, zumindest in den genannten Ländern, geeignete, an die bildungspolitischen Gegebenheiten anschlussfähige Unterrichtskonzepte fehlen.

1.6 Berücksichtigung bisheriger Ergebnisse

Die Autorinnen der vorliegenden Publikation haben sich zum Ziel gesetzt, auf die Bedürfnislage an Schweizer Schulen zu reagieren und für Lehrerinnen und Lehrer ein stufen- und fächerübergreifendes Unterrichtskonzept für baukulturelle Bildung zu entwickeln, das eine Unterrichtsstruktur und ein Kompetenzmodell beinhaltet. Nachfolgend soll dargestellt werden, welche Aspekte der oben genannten Handlungsfelder der Studie zu «Bestand und Bedarf» berücksichtigt werden konnten (Archijeunes, 2019).

Verankerung der baukulturellen Lerninhalte

Lehrerinnen und Lehrer weisen auf die Notwendigkeit eines zirkulären Aufbaus der baukulturellen Bildung hin und betonen die «Wichtigkeit einer altersgerechten Auseinandersetzung» mit der Thematik. Die Lehrpersonen geben an, einige Lerninhalte seien mit den nationalen Bildungsstandards kongruent. Sie vertreten die Ansicht, die Ziele könnten über die «Bildung für Nachhaltige Entwicklung» (BNE) beziehungsweise «Natürliche Umwelt und Ressourcen» in die Modullehrpläne eingearbeitet werden (Archijeunes, 2019, S. 23).

Weil es bisher an einer klaren Definition der Inhalte und Ziele baukultureller Bildung fehlte, war es in der Praxis offensichtlich zu aufwändig, baukulturellen Unterricht zu planen und zu vermitteln. Unumgänglich ist deshalb der Aufbau eines Wissenskorpus, das heisst die Definition des Fachwissens beziehungsweise die Entwicklung eines in Theorie und Praxis begründeten Kompetenzmodells. Der Verein Archijeunes hat mit seiner Publikation «Elemente einer baukulturellen Allgemeinbildung» dazu beigetragen, Pädagogen und Pädagoginnen eine erste Gesamtsicht baukultureller Bildungsinhalte zu verschaffen (Archijeunes, 2021).

Im Rahmen des Projekts «Schuldetektive – Kinder erkunden die lokale Baukultur» wurde nun ein kompetenzorientiertes Unterrichtskonzept für Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule entworfen. Das Konzept greift die von Lehrpersonen in der Studie gewünschte Form des interdisziplinären das heisst fächerübergreifenden Unterrichts auf und formuliert acht Hauptthemen (siehe Kapitel 2.2). Entlang dieser Themenbereiche kann das baukulturelle Wissen und Können im Sinne eines allgemeinbildenden Basiswissens aufgebaut beziehungsweise vermittelt werden. Auf eine stufenorientierte Unterteilung der Kompetenzstruktur wurde vorerst verzichtet. Die baukulturellen Lernziele lassen sich im Lehrplan 21 fächerübergreifend verorten. Aspekte der baukulturellen Bildung sind kompatibel mit den BNE-Zielen der Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft.

Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und Lehrmitteln

Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich kompetenzorientierte Unterrichtsmittel, die forschend-entdeckendes Lernen und Mehrperspektivität ermöglichen sowie anschlussfähig an bestehende Fachinhalte und Methoden sind (Archijeunes, 2019, S. 28). Lehrmittel und -materialien haben einen direkten Einfluss auf die Ausgestaltung des Unterrichts, weil sie Lehrpersonen Mittel und Wege aufzeigen, wie ein Thema unterrichtet werden kann. In der Studie wird angemerkt, dass Lehrmittel auch «die Gefahr einer nur oberflächlichen und einmaligen Auseinandersetzung mit einem Thema» bergen (ebd., S. 27). Das Projektteam teilt diese Befürchtung nicht. Lehrerinnen und Lehrer verstehen es, Unterrichtsinhalte zielstufenspezifisch und immer wieder neu aufzubereiten, sie sind darin sehr kreativ. Deshalb dienen Lehrmittel und Materialien oft mehr als Inspiration denn als Vorlage für Unterrichtsvorbereitungen. Es seien vor allem solche Unterrichtsmaterialien sinnvoll, die «explizit an den lokalen Kontext und an die Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angepasst sind», so die Lehrpersonen (ebd.). Diese Bedürfnisse werden im vorliegenden Unterrichtskonzept und den dazugehörigen Materialien berücksichtigt.

Die Fachbereiche «Bildnerisches, Textiles und Technisches Gestalten» (BG & TTG) und «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG), die sich für interdisziplinär ausgerichtete, baukulturelle Unterrichtsformate verbinden lassen, sind an eine bestimmte Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 gebunden. Er legt fest, «was Schülerinnen und Schüler wissen und können müssen» (D-EDK, 2016b). Auch die Prozessebenen und Prozessstrukturen für die einzelnen Fachbereiche sind im Lehrplan formuliert. Mit dieser Publikation wurde der Versuch unternommen, eine Unterrichtsstruktur für interdisziplinär ausgerichtete Unterrichtsprojekte zum Thema «Baukultur» zu formulieren, die sich inhaltlich an die Lernziele des NMG, BG und TTG im Lehrplan 21 anlehnt (siehe Kapitel 2.3). Baukultur wird vermittelt, indem sich Kompetenzziele der einzelnen Fachbereiche konkret und geplant ergänzen und bereichern. Diese Struktur ist besonders erfolgreich, wenn Lehrpersonen über eine längere Zeitspanne hinweg baukulturelle Themen integrieren. Für die Bedeutung der drei Fächer im Gefüge der Bezugswissenschaften kann eine interdisziplinäre Übereinstimmung nur positiv bewertet werden, denn Schülerinnen und Schülern ist es so leichter möglich, Wissensbezüge herzustellen. Auch die in der Studie geäusserten Wünsche für untersuchende und handlungsorientierte Lernformen sowie digitale Formate konnten berücksichtigt werden. So haben sich Schülerinnen und Schüler beispielsweise die Aussenräume mit analogen und digitalen Mitteln erschlossen und sich so mit dem Lerngegenstand «Wohnort» stufengerecht auseinandergesetzt.

Schulraum und Partizipation

In der Bestands- und Bedarfsanalyse wird die Bedeutung des Aussenraums als Bildungsort für Schülerinnen und Schüler hervorgehoben (Archijeunes, 2019, S. 28). Doch Lehrerinnen und Lehrer äussern, dass «an den Nahraum geknüpfte Unterrichtsprojekte in der Regel in keinem Lehrbuch zu finden sind» (ebd., S. 27). Das Team von Elisabeth Gaus-Hegner hält dagegen fest, der «pädagogische Raum» stelle einen «privilegierten Lerngegenstand» für die Förderung im Bereich Nachhaltigkeit und Umweltentwicklung dar (ebd., S. 44).

Im Kompetenzaufbau des Lehrplans 21 im Fachbereich «Natur, Mensch, Umwelt» unter «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (D-EDK, 2016c) sind Raum und Raumorientierung bereits als Lerninhalt formuliert. Die Schülerinnen und Schüler sollen verschiedene «Lebensräume und Lebensweisen charakterisieren» (RZG.2), «Mensch-Umwelt-Beziehungen analysieren» (RZG.3), «sich in Räumen orientieren» und diese «mitgestalten» können (RZG.4, NMG.8) sowie die «Schweiz in Tradition und Wandel verstehen» (RZG.5), das heisst, auch die Dynamik in städtischen und ländlichen Räumen sowie Prozesse der Raumplanung kennen sowie «Geschichtskultur analysieren und nutzen» (RZG.7). Zu diesen Kompetenzzielen gehört es, dass Schülerinnen und Schüler die Lebensweisen von Menschen in verschiedenen Zeiten und Räumen vergleichen, «Demokratie und Menschenrechte verstehen» (RZG.8) und unter diesen Voraussetzungen mit geeigneten Mitteln an der Gestaltung von Raum zu partizipieren vermögen.

Aus diesem Grund haben Schulwege eine sehr hohe Bedeutung, denn die Schülerinnen und Schüler prägen sich diese über die tägliche Erfahrung ein. Die Wege ermöglichen ein räumliches Verständnis, dass sich in Zeichnungen kartografisch abbilden lässt. Das Unterrichtskonzept knüpft an dieses vorhandene Wissen an und sichert damit den motivationalen Einstieg in den baukulturellen Unterricht. Baukulturelle Themen werden im alltäglichen Raum erkundet. Mit Zeichnungen werden die Raumvorstellungen der Kinder und Jugendlichen zur Darstellung gebracht. Das Gespräch darüber befördert das Interesse für die Wahrnehmung der gebauten Umwelt. Visualisiert werden nicht nur Aussengelände der Schulhäuser, sondern auch gemeinschaftliche Bauten, Einrichtungen, Strassen, Wege, Plätze sowie gestaltete Natur wie Parks, Waldränder und Gärten, Teiche und Wasserläufe. Der gebaute Raum ist tatsächlich ein «pädagogischer Raum»; eine Referenz an die vielzitierte Metapher der Reggio-Pädagogik vom Raum als drittem Erzieher (Göhlich, 2006, S. 67). Raumvorstellungen, Raumorientierungen sowie die Beobachtungen und Gespräche über Baukultur entwickeln sich aus gelebten Erfahrungen und interaktiven Prozessen mit Schülerinnen und Schülern; die unmittelbar vorhandene Baukultur ist der Ausgangspunkt für baukulturelle Bildung.

Kommunikation

Weiter ergab die Analyse zum Bestand und Bedarf, dass der Begriff «Baukultur» sowie das in diesem Zusammenhang verwendete Vokabular wenig verbreitet ist. Eine Begriffsdefinition für Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulstufen könne die Kommunikation unter Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern erleichtern, so das Team von Elisabeth Gaus-Hegner. Die Begriffe «Baukultur» und «baukulturelle Bildung» seien so weit zu «schärfen und stärken, dass sie zur Anerkennung baukultureller Anliegen beitragen» können. «Die Begriffe der Baukultur könnten mit einer Umschreibung der Ziele baukultureller Bildung einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden» (Archijeunes, 2019, S. 24).

Die Autorinnen stellen fest, dass der Begriff «Baukultur» infolge unterschiedlicher Auslegung in der Praxis tatsächlich erklärungsbedürftig ist. In diesem Projekt konnte der Begriff praxisnah überprüft und geklärt werden. Die Lehrpersonen waren in die Unterrichtserprobung involviert und konnten so den Begriff konkret mit Inhalten verknüpfen. Sie entwickelten eine Vorstellung zu Sinn und Zweck der baukulturellen Bildung und erlebten, wie baukulturelle Themen von den Schülerinnen und Schülern begeistert aufgenommen wurden. Ihr baukulturelles Verständnis bildete sich somit im Gespräch mit dem Projektteam sowie über ihre eigenen Beobachtungen. Sie konnten mitverfolgen, wie Schülerinnen und Schüler Zugang zu einer Thematik erhielten, die den Kindern bisher eher fremd schien. Kindergartenkinder verstehen den Begriff «Baukultur» gut, wenn ihnen die Wörter «bauen» und «Kultur» erklärt und mit Bildern visualisiert werden. Es war teilweise selbst für das Projektteam erstaunlich zu sehen, wie sehr sich auch kleine Kinder für baukulturelle Themen begeistern können.

Ausbildung von Lehrpersonen sowie Forschung und Entwicklung

Baukulturelle Bildung wird nur erfolgreich sein, wenn Lehrerinnen und Lehrer angemessen ausgebildet werden. Die Studie zum Bestand und Bedarf fordert deshalb Lehrpersonen, die «über das Wissen und die methodischen Fähigkeiten verfügen, baukulturelle Themen im Unterricht sach- und stufengerecht umzusetzen» (Archijeunes, 2019, S. 25). Dass sich Baukultur «bestens als Thema für die fachdidaktische Ausbildung» von Lehrerinnen und Lehrern eignet (ebd., S. 28), kann bestätigt werden.

An der Pädagogischen Hochschule Schwyz beispielsweise werden baukulturelle Inhalte und fachdidaktische Bezüge in zwei Fachbereichen unterrichtet. Im Rahmen des NMG-Seminars «Raum und Zeit» wird die räumliche Veränderung im Zeitverlauf im 2. Semester sowie im Leistungsnachweis mit einem siedlungsgeschichtlichen Zugang bearbeitet. Baukulturelle Bildung wird auch im 6. Semester des Studiengangs Kindergarten-Unterstufe (KG und 1./2. Klasse) im Rahmen eines interdisziplinären Moduls BG/TTG entlang den acht in dieser Publikation vorgestellten baukulturellen Kompetenzfeldern vermittelt. Ergebnisse des Projekts Schuldetektive fliessen in die Lehre ein und werden mit den Studierenden in projektorientierten Arbeiten reflektiert und weiterentwickelt.

Die Studie fordert im Bereich der baukulturellen Bildung Grundlagenforschung. Damit wird eine Schnittstelle von Erziehungswissenschaften, Architektur/Baukultur/Raum und Fachdidaktik thematisiert. Es sind zwar Forschungsergebnisse zu Raumwahrnehmung, Vorstellungsbildung, systematischem Denken in Bezug auf Raum, der Rolle des Raums im kreativen Prozess, räumlichen Aneignungsprozessen sowie Identitätsbildung vorhanden, diese müssen unter dem Aspekt der baukulturellen Bildung analysiert und diskutiert werden.

1.7 Konzeptuelle Grundlagen und Ziele des Unterrichtskonzepts

Als Teil des aktuellen Diskurses zur baukulturellen Bildung greifen die Autorinnen mit diesem Unterrichtskonzept die bildungstheoretische Verortung von Roland Reichenbach auf und richten es an den «Dimensionen ästhetischer Bildung» aus (Reichenbach, 2021, S. 66). Reichenbach versteht baukulturelle Bildung im weitesten Sinne als ästhetische Bildung. «Erleben, Empfindung und Wahrnehmung sind die leibphänomenalen Zugangsweisen zur Baukultur» (ebd., S. 61). Das griechische Wort «Aisthesis» beziehe sich auf die Sinneswahrnehmungen, so Reichenbach, und «sich ästhetisch zu bilden, soll im günstigen Fall dazu führen, mehr, bewusster und anders wahrzunehmen», als dies in alltäglichen Weisen der Fall sei (ebd.). Ästhetische Bildung beschränkt sich somit nicht auf den Kunstunterricht. Denn Ästhetik ist sowohl «eine Theorie der freien Künste» als auch «der sinnlichen Erkenntnis»; sie ist «eine Wissenschaft der spezifischen Erkenntnisweise sinnlicher Wahrnehmung» (Kirchner, 2020, S. 71 f.). Die Definition besagt, dass nicht nur wissenschaftlich deduktives Denken als vernunftgeleitetes Denken anzusehen ist, sondern dass daneben auch das ganzheitliche, unmittelbar sinnliche Erkennen als Erkenntnisform gelte. Man spricht von ästhetischer Wahrnehmung, ästhetischer Erfahrung oder auch ästhetischer Erkenntnis. Baukulturelle Bildung bietet demnach geeignete Voraussetzungen für eine ästhetische Wissenserweiterung. Reichenbach definiert Baukultur als «phänomenale Ganzheit», die es nicht zu zerlegen, sondern als Ganzes wahrzunehmen und zu verstehen gelte, das heisst, dass im Unterricht geeignete Rahmenbedingungen für ganzheitliche ästhetische Erfahrungen geschaffen werden sollen. Jedes «baukulturelle Erzeugnis – vom Innenraum einer Wohnung bis zum Strassennetz einer Grossstadt» gelte es «zunächst weniger zu analysieren, als vielmehr zu beschreiben und verstehen» (Reichenbach, 2021, S. 67f.). Dennoch definiert Reichenbach sechs Dimensionen, die unterschiedliche Perspektiven auf diese Ganzheit bieten und für die Diskussion rund um die Vermittlung von Baukultur wegweisend sind:

•Dimension Wahrnehmung (Wahrnehmung der baukulturellen Phänomene)

•Dimension Funktionalität (Kriterien der Funktionalität von baukulturellen Erzeugnissen)

•Dimension Materialität (Grundmaterialien und ihre Bearbeitungsmöglichkeiten)

•Dimension Wissenskorpus (Fachwissen, Orientierungswissen und Verfügungswissen)

•Dimension Gemeinsinn und Kommunikation (sprachlich-ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten)

•Dimension Imagination und Kreation (Neuschöpfungen, Entwurf- und Produktion sowie Umsetzungen) (Reichenbach, 2021, S. 67)

Die «Dimension der Wahrnehmung», das heisst die Bildung der sinnlichen Vorstellung, ist, wie Reichenbach ausführt, eine Voraussetzung, welche die Imaginationsfähigkeit begünstigt. Die «Dimension der Imagination» also die Förderung der Imaginationsfähigkeit, erfüllt sich reflexiv im bewussten Umgang mit der gestalteten Welt. Die Imagination ist nicht unmittelbar an eine bestimmte Wahrnehmung gebunden, sie kann unbeabsichtigt und unabhängig von der Wahrnehmung auftreten. «Sie eröffnet die Anschauung eines Weltverhältnisses, das die augenblickliche Situation der Wahrnehmung überschreitet» (Seel, 2003, S. 137). Die beiden ersten Dimensionen Reichenbachs verweisen auf die Vermittlung grundlegender Voraussetzungen, die es Kinder und Jugendlichen ermöglichen, Fähigkeiten zu entwickeln, die es ihnen erlauben werden, die Welt gestalten zu können. Baukulturelle Bildung unterscheidet sich insofern von den gestalterischen Disziplinen Kunst und Design, als sie zusätzlich die Funktion und Form der gebauten Umwelt zum Inhalt hat. Elemente der baukulturellen Bildung, wie die «Dimension der Funktionalität» und die «Dimension der Materialität», sind auf allgemeinbildender Basis kongruent mit elementaren Lernzielen des technischen und bildnerischen Gestaltens – zum Beispiel bezüglich Material- und Verfahrenskunde oder Entwurfsstrategien –, reichen jedoch darüber hinaus. Baukulturelle Bildung orientiert sich an der Architektur. Auch für die «Dimension des Wissenskorpus» kann in der Grundschule an Lernziele des Lehrplans 21 angeknüpft werden. Das räumliche Basis- und Orientierungswissen ist Inhalt der Lernziele im Fachbereich Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) und wird im Rahmen der Modulinhalte «Räume, Zeiten, Gesellschaften» vermittelt. Für das Konzept der baukulturellen Bildung ist es von Bedeutung, Wissensbereiche zu verschränken und gleichzeitig Wissen und Können zu fördern. Die «Dimension des Gemeinsinns» legt eine fächerübergreifende Förderung nahe. Diese Dimension hat die Schärfung der Sinne und Ausdrucksfähigkeit, das heisst die Kommunikation der ästhetischen Erfahrungen zum Ziel. Die Voraussetzung für das Agieren und Reagieren ist, so Reichenbach, die Wahrnehmung baukultureller Phänomene mit Wissen und Erfahrung abzugleichen und sich zum hergestellten Lebensraum in leiblicher, emotionaler und geistiger Hinsicht zunehmend differenzierter in ein Verhältnis zu setzen» (Reichenbach, 2021, S. 68). Aufgrund der Omnipräsenz von Medien vermischen sich virtuelle und reale Erfahrungswelten – auch in der Vermittlung von Baukultur. Sich auf die Wahrnehmung ästhetischer Phänomene einzulassen, bedeutet somit, sich auch auf die Widersprüche und Heterogenität verschiedener Bildwelten beziehungsweise Wirklichkeiten einzulassen und diese in die Betrachtungen und Diskussionen miteinzubeziehen.

Ein Verständnis für gebaute Strukturen und Bauten kann sich aus der Sicht der Autorinnen am besten aus einem intrinsisch motivierten Interesse entwickeln. Damit sich Kinder und Jugendliche begeistern können und sich an der Gestaltung der Umwelt beteiligen wollen, ist es von Bedeutung, die baukulturellen Erzeugnisse im lebensweltlichen Erscheinungszusammenhang wahrzunehmen und ihre Funktion und Materialität zu begreifen sowie Grundprinzipien, Techniken und Materialien der Gestaltung und Formfindung kennenzulernen. Auf diese Weise kann es gelingen, baukulturelle Erzeugnisse vergleichend und assoziierend zu betrachten sowie individuelle Überlegungen einzubringen beziehungsweise zur Diskussion zu stellen. Wünschenswert ist eine ästhetische Bildung, die sich über alle Zyklen der Grundschule erstreckt und die Vermittlung der baukulturellen Grundlagen kontinuierlich aufbaut.

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Kopfkarte: Beispiel aus einem Kindergarten


Kapitel2.Entwicklung des Unterrichtskonzepts

2.1 Einleitung zur Praxisforschung

Die Praxisforschung befasst sich mit der Didaktik und Methodik in ihrer konkreten Umsetzung. Forscherinnen und Forscher in diesem Bereich führen Erprobungen, Beobachtungen und Befragungen durch, um zu erfahren, ob fachspezifisches Lehren und Lernen – hier bezüglich der Baukultur – zu den gewünschten Ergebnissen führt. Das vorliegende Unterrichtskonzept wurde im Sinne einer solchen Praxisforschung evaluiert. Ihm liegt ein eigens entwickeltes, fächerübergreifendes Kompetenzstrukturmodell zugrunde. Ein Projektteam – bestehend aus Expertinnen aus den Bereichen Erziehungs- und Designwissenschaft, Architektur und Fachdidaktik Gestaltung – erprobte und evaluierte das Unterrichtskonzept von Mai 2019 bis Januar 2020 an zwölf unterschiedlichen Standorten, in 20 Schulklassen in drei Schulzyklen (1. Zyklus: acht Gruppen, 2. Zyklus: sieben Gruppen, 3. Zyklus: fünf Gruppen) und unter Beteiligung von 20 Lehrpersonen und 328 Schülerinnen und Schülern. Die Durchführungen werden in Kapitel 3 beschrieben als auch visualisiert und die Ergebnisse werden im Kapitel Projektauswertung erörtert und dargestellt.

Die vermittelten fachtheoretischen Inhalte beruhen auf der Definition eines baukulturellen Basiswissens für die Allgemeinbildung in der Grundschule. Es wird ein interdisziplinär ausgerichtetes und an den Kompetenzzielen des Lehrplans 21 orientiertes Fundament mit wesentlichen baukulturellen Bildungsaspekten vorgeschlagen. Die Berücksichtigung methodisch-didaktischer Überlegungen führte zur Ausarbeitung eines Kompetenzstrukturmodells mit acht baukulturellen Doppelthemen. Die Themen integrieren Bereiche des Bau- und Ingenieurwesens, der Raumplanung sowie der Kunst, der Kultur und des Designs und orientieren sich letztlich auch an Wissensbereichen der Architekturtheorie (Moravánszky, 2003). Das Modell stellt zudem vier Vertiefungsthemen in Aussicht, die im Gegensatz zu den acht Hauptthemen noch nicht erprobt worden sind (siehe Abbildung 2.2).

2.2 Modell «Baukulturelle Allgemeinbildung»

Themen und Fachsprache der Architektur sind für Laien und Laiinnen naturgemäss schwer verständlich. Die Vermittlung von Baukultur an öffentlichen Schulen erfordert neben Begriffserläuterungen eine didaktische Reduktion. Themen und Sprache müssen sowohl für die Unterrichtenden als auch für die Lernenden nachvollziehbar und zugänglich sein (UIA, 2008, S. 16). Im Rahmen dieses Projekts haben zwei Expertinnen aus Fachdidaktik und Architektur einen Wissenskorpus mit baukulturellen Grundthemen erarbeitet. Diese bisher in der schulischen Praxis nur teilweise im Sinne der «baukulturellen Bildung» berücksichtigten Inhalte orientieren sich vollumfänglich an den Kompetenzzielen des Lehrplans 21 (D-EDK, 2016b). Der Begriff der Kompetenz bezieht sich auf Wolfgang Klafkis Kompetenzmodell der kritisch-konstruktiven Didaktik. Eine Kernkompetenz umfasst Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Bereitschaft und Zuständigkeit auf einem bestimmten Gebiet (vgl. Klafki, 1997).[9] Dieses pädagogisch-didaktische Modell wird in der Volksschule konzeptionell und operativ eingesetzt. Im Lehrplan sind Leistungsstandards festgelegt, die Lehrerinnen und Lehrern als Orientierung dienen, nicht aber die Unterrichtsmethoden oder die Unterrichtsschritte festlegen, die zu bestimmten Kompetenzen führen. In diesem pädagogischen Feld können Lehrpersonen ihren Unterricht frei gestalten. Baukulturelle Themen lassen sich sehr gut integrieren, sie beziehen sich wie unten abgebildet besonders auf die Kompetenzbereiche der Fächer NMG, BG und TTG und zu einem kleinen Teil auf Mathematik, wobei die Kompetenzfelder fächerübergreifend unterrichtet werden können (D-EDK, 2016b).


Abb. 2.1: Schematische Darstellung der Interdisziplinarität baukultureller Bildung (BKB)

Die Motivation für baukulturelle Themen bei Schülerinnen und Schülern gründet meist nicht in entfernten Objekten und Fakten, so die Überzeugung und Beobachtung der Autorinnen, sondern in der unmittelbar vorhandenen, greifbaren Lebenswelt. Baukultur umgibt den Menschen täglich und konfrontiert ihn mit verschiedensten räumlichen Erfahrungen und Empfindungen. Dazu gehören heute neben alltäglichen Eindrücken auch Erlebnisse an Ferienorten und virtuelle Bildwelten. Die Erfahrungen zuhause überwiegen, und deshalb sind für einen gelingenden Einstieg in baukulturelle Themen nicht Beispiele von monumentalen Bauten und weltbekannten Denkmälern empfehlenswert, sondern vielmehr Beispiele von Bauten vor Ort. Die unerlässliche Kenntnis wegweisender Architektur wird im weiteren Verlauf ästhetischer Bildung erworben.

Die acht formulierten Grundthemen der baukulturellen Bildung sind stufenübergreifend formuliert, das heisst die Kompetenzniveaus für die einzelnen Zielstufen werden nicht ausgewiesen. Differenzierungen von Anforderungen und Niveaustufen ergeben sich aus der Orientierung an den Kompetenzzielen des Lehrplans 21 und in der konkreten Vorbereitung des Unterrichts. Anpassungen an einen bestimmten Schwierigkeitsgrad erfolgen somit wie üblich über die Erhöhung der Anforderungen an Material und Aufgabenstellungen, über die Beachtung und den Einbezug des Vorwissens und der Komplexität der Fragestellungen, über die Erwartungen an selbstständige und kreative Problemlösungsstrategien sowie über den Grad der Reflexionsfähigkeit.

Das Kompetenzstrukturmodell der baukulturellen Themen berücksichtigt die UIA-Guidelines für Nachhaltigkeit und hohe Bildungsqualität und zielt auf Fachwissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen Architektur und Umwelt, Geschichte, Gesellschaft, Funktion, Wohnen, Baustrukturen, Technik sowie Gestaltungs- und Designprozesse (UIA, 2018). Da ein Kompetenzstrukturmodell für den Unterricht eine didaktische Reduktion verlangt, wurden Schwerpunkte gesetzt, die sich auf baukulturelle Phänomene beziehen und grundlegende Themen der Architektur aufgreifen (Augoyard & Torgue, 1995; Moravánszky, 2003; Grütter, 2012; Pallasmaa, 2012). Im Zusammenhang mit der Dokumentation der Praxisbeispiele werden die Themen theoriebezogen eingeführt und mit Bildmaterial, Literaturhinweisen und weiteren Angaben zur Vertiefung in die Thematik ergänzt. An praktischen Beispielen wird die kompetenzorientierte, ortsbezogene und zielstufenspezifische Umsetzung der Themen veranschaulicht.


Abb. 2.2: Visualisierung der Struktur des Kompetenzmodells mit acht Hauptthemen (1–8) und vier möglichen Ergänzungsthemen

Themenbereich Farbe und Form

Mit einem Farbanstrich lassen sich Baukörper hervorheben oder zurücknehmen. Die Anordnung von Farbkontrasten sowie Abstufungen über gleichhelle und gleichdunkle Töne ermöglichen eine lebendige Gestaltung. Die Farbe der Oberflächen unterstützt oder kontrastiert den Charakter einer Form. Der Kreis ist ohne Anfang und Ende, das Dreieck zeigt mit seinen Spitzen nach verschiedenen Richtungen; das Viereck markiert den Raum, wobei das Quadrat über seine Symmetrie besticht. Farben und Formen können sich überlagern, verbinden und wiederholen, wobei Akzente durch Gegensätze zustande kommen (vgl. Trautwein, 2019). Aufgrund der Farbgestaltung erscheinen Räume in der Architektur beispielsweise weiter oder enger, als gemessene Distanzen vermuten lassen.

Themenbereich Material und Oberfläche

Materialeigenschaften erahnt der Mensch über die Ansicht von Oberflächen. Doch das Erfassen von Materialität wäre nicht möglich ohne haptische Erfahrungen. Der Sehsinn benötigt die Hilfe des Tastsinns, der ihn mit Empfindungen von «Festigkeit, Widerstand, Plastizität und Struktur versorgt» (Pallasmaa, 2012, S. 55). Erst aufgrund dieser Erfahrungen reicht das Sehen, um Tiefe, Weichheit und Härte von Dingen zu erahnen. In der hautnahen Begegnung ergänzt sich die Information mit Eigenschaften wie Falten, Risse, Fugen, Überlappungen oder Ausbuchtungen. Somit ist die Gestaltung der Oberflächenarchitektur für den Tast- und den Sehsinn gleichermassen von Bedeutung.

Themenbereich Massstab und Dimension

Massstab und Dimension stehen im Verhältnis zum menschlichen Körper (Le Corbusier, 2021, S. 181). In der Gestaltung von Lebensräumen bildet der menschliche Körper den Massstab für Grössenverhältnisse und Proportionen. Begriffe wie «mannshoch», «fingerbreit» oder «ellenlang» verdeutlichen in der Alltagssprache bestimmte Längenmasse. Elemente der Architektur wie Türen, Fenster oder Treppenstufen sind auf den menschlichen Körper abgestimmt. Aus diesen massgebenden Proportionen für das Bauen lassen sich die ästhetischen und funktionalen Eigenschaften von Architektur ableiten.

Themenbereich Licht und Schatten

Der periodische Lauf der Sonne dient dem Menschen als Orientierung. Ohne Licht gäbe es keine Schatten und ohne Schatten wäre das Sehen erheblich erschwert. Die Beleuchtung der Gegenstände sowie die dazugehörigen Schatten bilden die Voraussetzung für die Wahrnehmung dreidimensionaler Körper. «Die wahrhaft grossen Räume der Architektur sind immer erfüllt von einem tiefen Atem aus Schatten und Licht» (Pallasmaa, 2012, S. 62). Auch die Lichtintensität ist ein wichtiger Faktor. Durch die Erfindung des künstlichen Lichts wurde ein differenziertes Erkennen der Dinge im Dunkeln möglich. Licht und Schatten sind somit am Tag und in der Nacht essenzielle Dimensionen der Architektur.

Themenbereich Öffnung und Transparenz

Offenheit und Geschlossenheit charakterisieren die Beziehungen zwischen Innen- und Aussenraum. Mittels Öffnungen in Form von Türen und Fenstern werden Räume zugänglich und oder über transparente Schichten mittels Lichtöffnung verbunden. Demnach kann mit diesen architektonischen Elementen das verbindende oder trennende eines Raumcharakters beeinflusst werden. «Insbesondere die Vorstellung von hellen und offenen Räumen hat sich wie keine andere als Sinnbild für Modernität und Zeitgeist in unseren Köpfen festgesetzt» (Corrodi, 2008, S. 9). Sind diese Raumbegrenzungen lichtdurchlässig, vollständig transparent oder gar offen gestaltet, findet man in der Architektur fliessende Raumzonen, welche die Raumgrenzen mitunter aufheben.

Themenbereich Innen und Aussen

Räume werden durch flächige oder dreidimensionale Elemente definiert und je nach Perspektive als Innen- oder Aussenräume wahrgenommen. Zwischenräume markieren Übergangszonen. Diese sind komplexe Gebilde mit atmosphärischen Qualitäten, die in ihren Eigenschaften und Wirkungen nicht vollständig objektivierbar sind. Als Wand und Dach oder Korridor und Arkade gewähren sie Schutz vor Kälte, Lärm und Feuchtigkeit. Es sind «Räume, die freie Entwicklung und Zufälligkeiten ebenso zulassen wie Alterungsprozesse und fortschreibende Umwidmungen» (Gantenbein & Rodewald, 2016, S. 6). Lichtdurchlässige Materialien und Öffnungen funktionieren als Filter, die eine Verbindung zwischen innen und aussen herstellen. Raumfilter und Raumteiler in der Architektur grenzen das Öffentliche vom Privaten ab.

Themenbereich Schmuck und Ornament

Schmuck und Ornament bewegen sich formal zwischen der schematischen Darstellung abstrakter Formen und der naturalistischen Wiedergabe der sichtbaren Welt. Schmuck, Ornament und Muster, Verzierung und Zierrat, Symbol und Erkennungszeichen, Metapher und Allegorie – diese Begriffe sind nicht immer einfach zu trennen. Dies beruht auf unterschiedlichen Ordnungs- und Bedeutungszuweisungen, die sich im Laufe der Überlieferungen entwickelt haben. So wurde der Leitsatz «form follows function» des Architekten Louis Sullivan vom Bauhaus irrtümlich als Verzichtserklärung für Schmuck und Ornament interpretiert, was Auswirkungen auf das ästhetische Bewusstsein hatte. In der zeitgemässen Architektur hingegen funktionieren Ornamente meist als «Kontingente von Kommunikation» sowie als «Notwendigkeit von Effekt und Empfindung» (Moussavi & Kubo, 2006, S. 6 f.).

Themenbereich Statik und Konstruktion

Jeder Baustoff ermöglicht bestimmte Gestaltungsansätze von Bauwerken. Die Konstruktion macht das Gefüge der Bauteile sichtbar. Sie dient als Tragwerkstruktur, die Kräfte und Spannungen aufnimmt, die neben ästhetischen Anforderungen insbesondere die technischen Regeln, Normen und Vorschriften berücksichtigt und nicht zuletzt Bezug nimmt auf die örtlichen Gegebenheiten. Für den Architekten und Theoretiker Otto Wagner liegt die Notwendigkeit von Konstruktion im Bauen selbst begründet. «Die Konstruktion bezeichnet Wagner als ‹Urzelle› des Bauens, aus der der Architekt [oder die Architektin] mit Schönheitssinn die Kunstform entwickeln kann» (Moravánsky, 2003, S. 293).

Ephemere Raumaspekte

In der Praxis berühren die Themen alle eine weitere Dimension baukultureller Erfahrung, denn «jede tiefe Erfahrung von Architektur ist multisensorisch; Auge, Nase, Ohr, Haut, Skelett und Muskeln beurteilen die Eigenschaften von Raum, Material und Massstab» (Pallasmaa, 2012, S. 54). Alle acht Themen des Modells haben somit, besonders im Unterricht mit jüngeren Kindern, zusätzliche Betrachtungsdimensionen: Diese umfassen die Wahrnehmung von Geräuschen in der gebauten Umwelt (Klang), die Alterung des Materials (Zeit), den Einfluss des Wetters (Mikroklima) sowie die Wahrnehmung des Materialgeruchs (Olfaktorus); das heisst, eine Vertiefung oder eine spezifische Erweiterung der Unterrichtsthemen kann über die Auseinandersetzung mit Klang, Zeit, Mikroklima und Geruch von Materialien der gebauten Umwelt erfolgen.

Eine Übersicht, wie das oben genannte Kompetenzmodell in den durchgeführten Praxisbeispielen (Kapitel 3) eingesetzt wurde, kann auf der Kompetenzmatrix nachvollzogen werden, die über den QR-Code auf www.schuldetektive.ch einsehbar ist.

2.3 Unterrichtsstruktur, Lerninhalte und Didaktik

Bei der Entwicklung von Unterrichtskonzepten stellt sich die Frage, was wozu und auf welche Weise gelernt werden soll. Ziele und Lerninhalte wurden in den Kapiteln 1.7., Konzeptuelle Grundlagen und Ziele des Unterrichtskonzepts, und 2.2., Modell «Baukulturelle Allgemeinbildung», behandelt. Nun sollen die Prinzipien der Unterrichtstruktur, die didaktischen und methodischen Überlegungen sowie die jeweiligen Bezüge zum Lehrplan 21 beschrieben werden. Jede Unterrichtsreihe stellt einen Lern- und Gestaltungsprozess zu einem spezifischen Thema dar. In Anlehnung an die Untersuchungen von Florian Pfab zur «Kreativität in künstlerischen Gestaltungsprozessen» (vgl. Pfab, 2019) wird ein vierphasiger Prozess vorgeschlagen. Im Folgenden wird jede dieser Phasen theoretisch und didaktisch begründet.


Abb. 2.3: Verlaufsschema des kreativen Lern- und Gestaltungsprozesses (vgl. Pfab, 2019, S. 40f.)

Phase 1: Wahrnehmen und erkunden

In der ersten Unterrichtsphase findet eine Annäherung an die Baukultur des eigenen Wohnorts statt. Dieser Schritt gründet in der Annahme, dass baukulturelle Bildung die bewusste Wahrnehmung von Architektur voraussetzt. Die Schülerinnen und Schüler richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die bisher zumeist nur unbewusst wahrgenommene gebaute Umwelt und entdecken Aspekte der jeweils gegebenen Thematik an örtlichen Bauobjekten. Fotografisch halten sie ihre Eindrücke fest, beispielsweise zu Farbe und Form, um sie später in der Klasse diskutieren und weiter verarbeiten zu können. Die Lehrperson sammelt die wahrgenommenen Eindrücke und reichert diese mit zielstufenspezifisch ausgewählten baukulturellen Informationen an.

Wahrnehmen ist ein elementarer Bestandteil ästhetischer Erfahrung. Die Umwelt wird vom Menschen grundsätzlich leiblich, also über alle Sinne wahrgenommen (Schmitz, 1990, S. 115 ff.), auch wenn im ersten Augenblick der Wahrnehmung das Sehen überwiegt (Schönhammer, 2013, S. 141 f.). Begünstigt wird die Wahrnehmung durch eine sensitive Auffassung, die dazu führt, bei einer Besonderheit, wie sie erscheint, länger zu verweilen. Ein aufmerksames Hinschauen ermöglicht erst, ästhetische Phänomene in ihren Wirkungsweisen und Eigenschaften wahrzunehmen. Aufmerksamkeit wird als ein Schauen im Sinne von «Beobachten und Untersuchen» aufgefasst (Waldenfels, 2004, S. 14). Doch wie die Welt dem Menschen erscheint, ist subjektiv, «denn jede Betrachtungsart nimmt das Gegebene auf eine grundsätzlich andere Weise in den Blick» (Seel, 2003, S. 17). Auf dieser Basis bilden sich Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Vorstellungen (D-EDK, 2016b). Bewusstes Sehenlernen gehört zum Erwerb der gestalterischen Grundlagen und ist elementarer Bestandteil der ästhetischen Bildung.

Die Perspektiven der Wahrnehmung sind somit individuell geprägt. Dennoch können, beispielsweise in der Charakterisierung von Städten, weitgehende Übereinstimmungen festgestellt werden. «Das Klima einer Stadt prägt das Leben der Bewohnerschaft grundlegend» (Löw, 2021, S. 110). Der Begriff «Klima» zielt nicht auf das Wetter, sondern auf eine atmosphärische Stimmung. Mit der Qualität von Atmosphären befassen sich die Disziplinen Environmental Design, Architektur und Phänomenologie, was in der wissenschaftssprachlichen Verwendung zu Differenzierungen in der Interpretation führt.[10] Studien zur Charakterisierung städtischer Atmosphären veranschaulichen meist Erfahrungen aus der Sicht von Erwachsenen (vgl. von Wyl, 2018; Hasse, 2012; Franck & Franck, 2008; Grosjean & Thibaud, 2001; Nasar, 1988). Die Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf Atmosphären untersucht die Architektin Susanne Hofmann im Rahmen eigener baukultureller Schulprojekte. Gleichzeitig zeigt sie, wie Kinder und Jugendliche an der Gestaltung von Schulhausatmosphären partizipieren können (Hofmann, 2014, S. 44 ff.). Charakterisierungen der atmosphärischen Qualität von gebauten Umgebungen ermöglichen Gespräche mit Schülerinnen und Schülern über ihre «Lebensräume» (D-EDK, 2016b, NMG.7, NMG.8, NMG.9).

Menschen leben in räumlichen, zeitlichen, sozialen, klimatischen und atmosphärischen Verhältnissen, die ihnen nicht bewusst sind. «Wie jede Bildung stünde baukulturelle Bildung daher im Dienst der Wahrnehmungsschulung und -differenzierung.» (Reichenbach, 2021, S. 61) Schon der bekannte Architekturtheoretiker Norberg-Schulz forderte eine Phänomenologie der Architektur und verlangte Achtsamkeit für die Diskrepanz, die zwischen der Erscheinung eines Gegenstandes und dem Gegenstand an sich besteht (Norberg-Schulz, 1980, S. 24f.). Alles Sichtbare erscheint im Lichte spezifischer Hinsichten. So verändert sich beispielsweise der Eindruck eines Gebäudes oder eines Objekts bereits nach jedem Positionswechsel. Die Reflexionen der Sonnenstrahlen an den Oberflächen und die Verteilung von Licht und Schatten helfen, räumliche Distanzen und Grössen wahrzunehmen und sich im Raum zu bewegen. Eine phänomenologische Betrachtungsweise der Baukultur ermöglicht es, aufmerksam zu schauen und über die verschiedenen Wahrnehmungsweisen zu sprechen. Das Ziel ist dabei das assoziative Betrachten und nicht die objektive Analyse. Phänomenologisches Lernen gründet nach Käte Meyer-Drawe «in einem leitenden Vorwissen, das sich unter der Massgabe sedimentierter Erfahrungen» ausbildet (Meyer-Drawe, 2001, S. 269). Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen sind heterogen. Die Schule als Ort des sozialen und partizipativen Lernens ist beauftragt, «gegenseitige Wertschätzung» zu üben (D-EDK, 2016b). Die Auseinandersetzung über Baukultur kann die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen fördern.

Phase 2: Ergründen und sammeln

In dieser Phase geht es darum, die wahrgenommenen Phänomene näher zu ergründen. Schülerinnen und Schüler untersuchen ausgewählte Objekte im Hinblick auf die Unterrichtsthematik. Aus der Diskussion in Phase 1 ergeben sich Fragestellungen, denen sie mit zuvor eingeführten Methoden nachgehen. Dabei kommen geeignete, zielstufenspezifische Werkzeuge und Unterrichtsmaterialien zum Einsatz. Die Schülerinnen und Schüler sammeln Fundstücke und beschreiben ihre Erkenntnisse dazu in einem Portfolio.

Auch dafür braucht es keine Einrichtungen, der Bildungsraum ist die gebaute Umwelt vor Ort. Die unmittelbare Lebenswelt bietet Schülerinnen und Schülern vielseitige Beispiele, seien es Wohn- und Schulräume, die ausgemessen, ländliche Gegenden, die ergründet, oder Bauten, die im Hinblick auf ihre Materialität, Form oder Farbe untersucht werden. Räume sind verschiedensten Einflüssen ausgesetzt und manchmal unterliegen sie «radikalen Veränderungen», was aus soziologischer Sicht zentrale Aspekte für die Implementierung baukultureller Bildung sind (Löw, 2021, S. 101). In dieser zweiten Phase erkunden die Schülerinnen und Schüler auf geführten Spaziergängen[11] (vgl. Burckhardt, 2017, S. 34 ff.) bestimmte Bauten ihrer Wohngemeinde und untersuchen diese im Hinblick auf spezifische Fragen. Dabei erfahren sie Ortsgeschichte und ergründen die Eigenschaft baukultureller Phänomene anhand bestimmter, von der Lehrperson eingeführter Untersuchungsmethoden. Den Schülerinnen und Schülern wird dabei klar, dass sie Teil dieser «Lebenswelt» sind und diese durch ihr partizipierendes Handeln mitgestalten können (D-EDK, 2016c, NMG.7, NMG.9). Baukulturelle Bildung hat zum Ziel, das Bedürfnis nach Teilhabe an kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen zu wecken.

Didaktische Unterrichtsmaterialien für die Erkundungen vor Ort werden zielstufengerecht eingesetzt, denn geeignete und inspirierende Werkzeuge unterstützen die fokussierte Wahrnehmung der thematischen Beobachtungen. Das Instrumentarium besteht beispielsweise aus einem Feldstecher aus Kartonröhren (KU), einem Fotoapparat und einem kleinen Diarahmen für ein fokussiertes Schauen (PS und OS), einem zusätzlichen Arbeitsblatt sowie weiteren Werkzeugen der Architektur wie Massstab und Grundrissplänen (PS und OS). Alle Schülerinnen und Schüler halten ihre Beobachtungen mit Notizen und Zeichnungen in einem Portfolio fest. Das Ziel besteht darin, über fokussierte Erkundungs- und Betrachtungsweisen ungewohnte Eindrücke zu sammeln, was zur Förderung der Vorstellungsbildung beiträgt und die Basis für kreative Gestaltungsprozesse bildet (D-EDK, 2016a, BG.1, S. 15).

Die Fähigkeit der Raumorientierung wird in dieser Phase über Raumzeichnungen gefördert. Als Referenz dienen die sozialwissenschaftlichen Analysen von Karlheinz Benke und Raphaela Kogler, die Räume nach Typen, Ort und Nutzung unterscheiden. Kogler beobachtet, dass es in der Forschung bislang an lebensweltlichen biografischen Bezügen fehlt und erachtet deshalb Selbstzeugnisse von Kindern wie beispielsweise gezeichnete Karten (Kopfkarten) der Wege durch die Stadt oder das Dorf sowie Fotointerviews als sehr wirkungsvoll (Kogler, 2015, S. 54). Die in dieser Projektphase erstellten Zeichnungen zeigen eindrücklich, wie sich Kinder und Jugendliche im Raum orientieren. Sie zeigen ihr Orientierungswissen über den Wohnort und zeichnen ihr Zuhause, die Schule, bestimmte Bauten und alltägliche Wege. In diesem Projekt wurden mit 20 Klassen 328 Zeichnungen von Schulwegen angefertigt.[12] In zwölf Schulklassen wurden Wegstrecken vom Schulhaus bis zum gewählten Untersuchungsort mit GPS-Trackings festgehalten und später aufgezeichnet. Gezeichnete Wegabfolgen eröffnen Forschungsfragen zur Verinnerlichung von Orientierungspunkten. Kartografische Kenntnisse sowie die Fähigkeit, sich in Räumen orientieren zu können, sind elementare Lernziele im Fachbereich Natur, Mensch, Gesellschaft (D-EDK, 2016c, NMG.8).

Um eine Ortschaft unter den genannten Gesichtspunkten betrachten zu können, sind auch funktionale Differenzierungen nötig. Dies betrifft einerseits Bahnen, Achsen und Wege, die von einem Ort zu einem anderen führen, andererseits Kreuzpunkte und Plätze und schliesslich Zentren religiöser und politischer Art (Augé, 2012, S. 63). Diese gebauten Strukturen sind Kindern und Jugendlichen vertraut und scheinen ihnen selbstverständlich vorhanden zu sein. Die bewusste Erkundung und Vergegenwärtigung bestimmter baukultureller Anschauungsobjekte stellt wie gesagt eine Voraussetzung für nachfolgende gestalterische Prozesse dar. «Denn der Ort – zuvor tendenziell etwas selbstverständliches Gegebenes, ein Platz, eine Stelle – wird als etwas aktives Herzustellendes erfahren» (Löw, 2021, S. 107). Schülerinnen und Schülern wird bewusst, dass die Umwelt nicht zufällig entsteht, sondern gestaltet beziehungsweise gebaut wird. Entdeckende und nachvollziehende Methoden werden im Lehrplan 21 «als Einstieg oder als Vertiefung in eine Thematik» empfohlen. Im Technischen Gestalten (TG) sowie im Fachbereich Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) werden konkret «Türme, Brücken, Mauern» und Weiteres untersucht und «Vermutungen zu Konstruktion und Funktion» angestellt (D-EDK, 2016c, NMG.5; 2016a, TTG.2). Über eine intensive Beschäftigung vor Ort erweitern Kinder und Jugendliche ihr Wissen über baukulturelle Zusammenhänge.

Phase 3: Handeln und erfinden

Die dritte Phase hat zum Ziel, Beobachtungen, Erfahrungen und Erkenntnisse anzuwenden und gestalterisch umzusetzen. Fotografien, Skizzen, Fundstücke, Abriebe von Oberflächen, Eindrücke von Bauwerken und mehr sowie Einträge im Portfolio über Untersuchungen von Materialien und Farben dienen als Ausgangspunkt für verschiedenste Entwurfs- und Gestaltungsaufgaben. Der gestalterische Prozess besteht darin, über Kreativitätstechniken,[13] das heisst durch Assoziieren, Variieren, Verändern, Verwerfen, Konstruieren und Kombinieren eigenständig eine Aufgabe zu lösen.

Das Entwerfen und Entwickeln von Bildern, Mustern und Modellen erweitert das Vorstellungs- und Darstellungsvermögen der Schülerinnen und Schüler und fördert die Zuversicht in die eigenen kreativen Fähigkeiten. Der gestalterische Prozess führt dazu, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen, denn erst im Versuch, etwas darzustellen, zeigt sich, was wahrgenommen wurde. Fotografische und zeichnerische Notizen, Fundstücke und Abriebe von Oberflächen sowie Einträge im Portfolio über Untersuchungen der Materialien und Farben dienen als Ausgangspunkt für die nun folgenden Entwurfsaufgaben. Die Erkundungen von einem Turm helfen beispielsweise dabei, eigene Ideenskizzen von pavillonartigen Türmen zu entwerfen. Die Verarbeitung und Interpretation der Eindrücke und Notizen sowie die Gespräche und Signale der anderen Kinder und Jugendlichen bieten Möglichkeiten zur Stimulierung des kreativen Prozesses. Dieser beinhaltet «genaugenommen nichts anderes, als die Fähigkeit, die Bilder zu variieren, sie zu kombinieren, einen Teil des einen mit einem Teil des anderen zusammen bestehen zu lassen und – bewusst oder unbewusst – das Verbindende in ihren Strukturen zu gewahren» (Valéry, 2019, S. 15), bis ein befriedigender Entwurf entsteht. Schülerinnen und Schüler erweitern darüber ihre «Erinnerungsfähigkeit, üben phantasievolles Assoziieren und differenzieren ihr Vorstellungs- und Darstellungsvermögen» (D-EDK, 2016a, S. 3). Dieser Entwurfsansatz beginnt mit der Darstellung der Vorstellungen und befördert über methodische sowie spielerische Interventionen die Entwicklung von Gestaltungsideen und -produkten.

Der Einsatz von Methoden und Werkzeugen fördert die Gestaltungsideen. Dazu zählen etwa die Veranschaulichung von Eindrücken über Inszenierungen, Variationen zeichnerischer Darstellungen über Punkte, Linien und Flächen, Inspirationen über Fotografien und Internet, Auseinandersetzung mit Grundriss, Aufriss oder Schnitt, Projektionen und Schattenwürfe, Collage und Montage, Film und Videoaufnahmen, Erkundungen über Endoskope und mehr. «Mit den visuellen Werkzeugen erarbeiten wir primär die Form, mit den verbalen entwickeln wir vor allem die Bedeutung des Entwurfs» (Gänshirt, 2007, S. 103). Die gezielte unendliche Manipulation der Form ist eine bedeutsame Methode für das Entwerfen. Der Ansatz des Funktionalismus folgte dem ästhetischen Grundprinzip, dass der Verwendungszweck allein die Form bestimmt. Inzwischen ist aber klar, dass formales Experimentieren für die Gestaltung wichtig ist und nicht vorschnell durch einschränkende Kriterien aufgegeben werden darf, auch wenn zuletzt wieder formale Bedürfnisse berücksichtigt werden sollen. Wenn Kinder und Jugendliche fachdidaktisch begleitet und in ihrem Handeln bestärkt werden, sind ihre Entwürfe oft von verblüffender Originalität. «Gute, herausfordernde Aufgaben erfordern den gezielten Einsatz fachspezifischer Methoden» (D-EDK, 2016a, S. 8). Aufgaben, die kreatives Entwerfen fördern, sind vielseitig und abwechslungsreich. Sie berücksichtigen den kindlich-jugendlichen Tatendrang und sind handlungsorientiert.

Prototypische Darstellungen wie Muster und Modelle sind zwei- oder dreidimensionale Gebilde. Sie veranschaulichen oder simulieren in der Architektur mögliche Wirklichkeiten. Anhand verschiedener Materialmuster lassen sich mit Kindern und Jugendlichen Oberflächenstruktur, Haptik, Konsistenz und Farbe verschiedener Baumaterialien vergleichen. Musterkunde schärft den Blick für die gebaute Umwelt, was sich wiederum auf Entwurfsüberlegungen auswirkt. Muster haben im Gegensatz zu Modellen reale Grössen; das Modell hat meist ein kleines Mass und veranschaulicht eine mögliche Form. In dieser dritten Phase stellen Schülerinnen und Schüler Proben und kleine Modelle her, um ihre Ideen zu visualisieren. Entwerfen heisst für den Grafikdesigner Otl Aicher, Modelle zu konstruieren. Diese menschliche Fähigkeit üben Schülerinnen und Schüler in den gestalterischen Fachbereichen: «im entwurf wird der mensch das, was er ist», denn «sprache und wahrnehmung haben auch tiere, aber sie entwerfen nicht» (Aicher, 2015, S. 195). Modelle stehen für das, was veranschaulicht oder produziert werden soll. Ausgehend von Skizzen erhalten Schülerinnen und Schüler in der dritten Phase die Aufgabe, eine dreidimensionale Form oder eine bestimmte Farbkomposition zu entwerfen, zum Beispiel ein Fassadenmodell oder ein Modell eines Pavillons. Die Schülerinnen und Schüler lernen, «Ideen umzusetzen und gestalterische Vorhaben, Aufgaben und Prozesse zu realisieren» (D-EDK, 2016b). Kinder und Jugendliche wirken beim Gestalten wechselseitig aufeinander. Sie übernehmen kreative Ideen und entwickeln diese weiter.

Phase 4: Kennen und überprüfen

Die vierte Phase dient der Überprüfung und Auswertung des erworbenen Wissens und Könnens. Die Schritte des anfänglichen Wahrnehmens der gebauten Umwelt, des Transfers der erkundeten und gesammelten Fundstücke, die zum Entwurf und schliesslich zum ausgestalteten Produkt geführt haben, werden diskutiert. Die Schülerinnen und Schüler stellen ihre Arbeiten vor und erörtern, inwiefern sie ihre Vorstellungen umsetzen konnten, welche weiteren Ideen realisiert werden könnten oder wie die Zusammenarbeit in der Klasse verlief.

Für den Kompetenzerwerb, der meist in Gruppenprozessen stattfindet, sind grundsätzlich in jeder der vier Phasen Reflexionsprozesse angezeigt. Lehrpersonen reflektieren im gestalterischen Prozess aufkommende Probleme mit einzelnen Schülerinnen und Schülern oder auch gruppenweise. Die vierte Phase dient jedoch der Überprüfung des gesamten im baukulturellen Bildungsprozess erworbenen Wissens und Könnens. Das Wahrnehmen und Erkunden der gebauten Umwelt sowie der Transfer dieser Erkenntnisse und die Ausgestaltung eigener Modelle beziehungsweise Produkte, wie sie in Phase drei beschrieben sind, werden zusammen betrachtet. Es sind vertiefte Diskussionen in der Klasse möglich, in denen das Verbesserungspotenzial identifiziert und erreichte oder unerreichte Wunschvorstellungen formuliert werden können. Dabei «entfalten sich ästhetische Wirkungen sehr individuell und immer mitbedingt durch spezifische Eigenaktivitäten, Vorerfahrungen und persönliche Suchbewegungen» (Rittelmeyer, S. 88). Die individuellen, biografisch bedingten Erfahrungsformen zeigen, wie komplex deshalb das Gespräch über ästhetische Wirkungen sein kann. Unterschiedliche Erlebnis- und Deutungsweisen müssen bei der Reflexion immer einbezogen werden. Vermutlich werden alle Menschen, die in dieser rückblickenden Weise über bestimmte ästhetische Erfahrungen und ihre Wirkungen nachdenken, zu diesem Schluss kommen (vgl. Rittelmeyer, 2016, S. 89). Schülerinnen und Schüler haben grundsätzlich ihre Vorlieben und lassen sich unterschiedlich für baukulturelle Bildung begeistern. Bildung soll ihnen ermöglichen, ihre Potenziale zu erkunden, «sie zu entfalten und über die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt eine eigene Identität zu entwickeln» (D-EDK, 2016b, S. 2).

Baukulturelle Bildung bietet die Möglichkeit, soziale Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler weiterzuentwickeln. Das gemeinsame Arbeiten ermöglicht den Austausch bereits während des gestalterischen Prozesses und trägt zur Erweiterung des eigenen Repertoires bei. Die abschliessende Überprüfung der Gestaltungsprozesse fördert die Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Förderaspekte in dieser Phase des kooperativen Lernens sind beispielsweise die Bildung und Äusserung eigener Meinungen, das Zuhören und die Beachtung von Gesprächsregeln sowie das gemeinsame Abwägen und Erwägen möglicher Gestaltungsweisen. Zusätzlich kann das gegenseitige Erklären individueller Handhabung von Techniken sowie das Sprechen über eigenen Stärken und Schwächen thematisiert werden (vgl. Bochmann et al. 2015, S. 13 ff.). Ein beliebtes und geeignetes Mittel, diese Fähigkeiten zu üben, sind Präsentationen von Portfolios mit anschliessenden Gruppengesprächen, wobei die Arbeit mit Portfolios zur Projektdokumentation im Hinblick auf Ziel, Zeitrahmen und Präsentationsformen gut eingeführt werden muss. Portfolioarbeit bietet «vielfältige Chancen» wo nicht vorrangig das ästhetische Produkt, sondern «das Produkt des ästhetischen Lernens», das heisst der Lernprozess, beschrieben, nachvollzogen und sich angeeignet werden soll (Berner, 2017, S. 120). Schülerinnen und Schüler «formulieren ihre Erfahrungen im Umgang mit den bearbeiteten Materialien, den angewendeten Verfahren, den Konstruktionen, den Gestaltungen und den Kontexten» (D-EDK, 2016a, S. 9).


Abb. 2.4: Darstellung der Unterrichtsstruktur des kreativen Prozesses bis hin zum Produkt

2.4 Erprobung und Evaluation des Unterrichtskonzepts

Ziel der Erprobung der Praxisbeispiele war es, den baukulturellen Unterricht im Hinblick auf die erarbeiteten Wissensinhalte der baukulturellen Bildung und der vierphasigen Unterrichtsstruktur zu erproben, den Lernzuwachs bei den Schülerinnen und Schülern zu beobachten und zu dokumentieren sowie Erfolge und Fragen im Team zu diskutieren. Die am Projekt teilnehmenden Lehrpersonen wurden durch ein Rundschreiben auf das Projekt «Schuldetektive» aufmerksam und haben sich unaufgefordert für die Teilnahme angemeldet. Die Vorbereitungen zu den Durchführungen fanden in Absprache mit den Lehrpersonen statt; diese organisierten das schulische Grundmaterial und regelten die administrativen Bedingungen. Die Vorbereitungen zu den Durchführungen wurden vom Projektteam, bestehend aus zwei Expertinnen aus Gestaltung und Architektur, entwickelt. Die vier Projektphasen nahmen vier Vormittage à vier Lektionen in Anspruch, wobei im regulären Unterricht mit Vorteil mehr Zeit eingeräumt werden sollte. Die erste und vierte Projektphase führten die zwanzig beteiligten Lehrpersonen unter Anleitung des Projektteams durch, die zweite und dritte Phase oblag der Leitung des Projektteams. Alle Durchführungen erfolgten im Ganzklassenunterricht, lediglich im Kindergarten war vereinzelt nur die Hälfte der Klasse anwesend.

Für die Durchführung der ersten Phase erhielt die Lehrperson Projektinformationen. Sie bekam vom Projektteam eines der acht Themen zugewiesen, damit alle Themen erprobt werden konnten. Die Themeninhalte wurden auf einer Themenkarte und dazugehörigem Glossar beschrieben. Die Lehrperson unternahm in der ersten Phase (Wahrnehmen und erkunden) einen Spaziergang in der Gemeinde und eruierte mit den Schülerinnen und Schülern die Baukultur vor Ort entsprechend der thematischen Vorgaben. Schülerinnen und Schüler fotografierten die von ihnen in den Blick genommenen Objekte und gaben zehn der Fotos an das Projektteam, das auf dieser Grundlage die zweite Phase (Ergründen und sammeln) und dritte Phase (Handeln und erfinden) des Unterrichts entwickelte und vorbereitete. In der zweiten und dritten Phase leitete jeweils eine Person aus dem Projektteam den Unterricht. In der vierten Phase (Kennen und überprüfen) evaluierte die Lehrperson den Lerneffekt mit den Schülerinnen und Schülern anhand eines Fragebogens oder bei kleinen Kindern im Gespräch.

In der dritten Unterrichtsphase war zusätzlich eine Expertin zugegen, die einen Beobachtungsbogen ausfüllte und im Hinblick auf die Qualität des Unterrichts den Unterricht als ganzen und die Lernaktivitäten dreier von der Lehrperson ausgewählter Schülerinnen und Schülern beobachtete. Die Beobachtungsmethode greift Elemente der Methode «Lesson Study» auf und wird in Kapitel 4 Projektauswertung ausführlich beschrieben. Ebenfalls im Rahmen der Lesson Study fanden nach der Durchführung der dritten Unterrichtsphase Nachbesprechungen mit Expertin, Projektteam und Lehrpersonen statt. Die Besprechung erfolgte nach vordefinierten Fragen, um den Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler im Einzelnen und Allgemeinen zu besprechen und von der Lehrperson ihren Eindruck zur Planung und Durchführung des Unterrichts zu erfahren. Die Ergebnisse der Besprechungen wurden fortlaufend in die weitere Planung der Unterrichtserprobungen miteinbezogen. Der Unterricht wurde von einer Teamkollegin, die nicht an der Durchführung beteiligt war, fotografisch festgehalten. Eltern und Schulleitungen gaben ihre Einwilligung für die Bildrechte und waren zu jeder Zeit über das Projekt informiert.

Das Unterrichtsmodell zur baukulturellen Bildung konnte auf allen Zielstufen mit Unterrichtsinhalten zu allen acht Themenbereichen erprobt werden. Die von Lehrerinnen und Lehrern gewünschten interdisziplinären und kompetenzorientierten Bezüge zwischen Lehrplan 21 und baukultureller Bildung werden in den Durchführungen konkretisiert, indem dargestellt wird, wie kompetenzorientierte Praxisbeispiele entwickelt und durchgeführt und schliesslich im Hinblick auf den baukulturellen Lernerfolg untersucht wurden. Die Kompetenzorientierung der Praxisbeispiele wird in einer Übersichtstabelle (im Anhang, mit Verweis auf einen QR-Code zur Projektwebseite) zusätzlich veranschaulicht. Baukulturelle Thematik, Durchführungort, Lernziele, Niveaudifferenzierung, Werkzeuge und Materialien, Kompetenzcodes und Anschauungsobjekt werden für jedes Praxisbeispiel aufgeführt und in einer Übersichtsgrafik dargestellt. Ein Glossar (ebenfalls im Anhang) steht zur Verfügung, um sich in den Themen und Begriffen der baukulturellen Bildung zurechtzufinden.

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Kapitel3.Praxisbeispiele

Themenbereich Farbe und Form

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Form kann nur als Farbe wahrgenommen werden: Man kann das, was man als Form sieht, nicht trennen von dem, was man als Farbe sieht, denn Farbe ist die Reaktion der Form eines Gegenstandes auf die Lichtstrahlen, und diese sind die Mittel, mit denen wir die Farbe wahrnehmen. Farbe bildet den oberflächlichen Aspekt der Form.[14]

Herbert Read

“


Baukulturelles Fachwissen

Mit einem Farbanstrich lassen sich Baukörper hervorheben oder zurücknehmen. Die Anordnung von Farbkontrasten sowie Abstufungen über hellgleiche oder dunkelgleiche Töne ermöglichen eine lebendige Gestaltung. Die Farbe der Oberflächen unterstützt oder kontrastiert den Charakter einer Form. Der Kreis ist ohne Anfang und Ende, das Dreieck zeigt mit seinen Spitzen nach verschiedenen Richtungen; das Viereck markiert den Raum, wobei das Quadrat über seine Symmetrie besticht. Farben und Formen können sich überlagern, verbinden und wiederholen, wobei Akzente durch Gegensätze zustande kommen. Aufgrund der Farbgestaltung erscheinen Räume in der Architektur beispielsweise weiter oder enger, als gemessene Distanzen vermuten lassen.

Farbe: mhd. varwe, farbig; urspr. bezeichnete «Farbe» die Eigenschaft eines Wesens oder Dings, erst in mhd. Zeit auch den pflanzlichen oder mineralischen Farbstoff

Polychrom: altgriech. polys, viel, vielfach, oft; chrom, chromat

Form: lat. forma, äussere Gestalt, Umriss; Wohlgestalt, eigentümlicher Charakter

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