Kitabı oku: «Dunkle Geschichten aus dem alten Wien»
Barbara Wolflingseder
Dunkle
Geschichten
aus dem Alten Wien


ISBN 9783990401828

© 2012 und 2013 by Pichler Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
Alle Rechte vorbehalten
Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop
Umschlaggestaltung: Bruno Wegscheider
Buchgestaltung: Alfred Hoffmann
Reproduktion: Pixelstorm, Wien
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

„Dieser Raum erzählt uns unsere Geschichte“ (Adolf Loos): der Stephansplatz. Aquarell von Rudolf von Alt, 1834.

Zauber der alten Stadtlandschaft: Blick von der Elisabethbrücke in die Kärntner Straße. Gemälde von Carl Moll, 1897.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Die „Kapuzinergräuel“ am Neuen Markt
Die eingemauerte Nonne
Scheiterhaufen lodern auf der Gänseweide
Ein Mörder aus gutem Haus
Der Ehemann als Folterknecht
Tierische Belustigungen
Die schwere Last der schönen Greißlerin
Im Kampf gegen Napoleon Bonaparte
Wiens feschester Mörder
Skandal in prominenten Kreisen
Der Sündenbock von Gumpendorf
Die Hexe vom Brünnl
Ein schauderhafter Fund im Abzugskanal
Das Blutjahr 1874
Ein mörderisches Ehepaar
Die einzige Hinrichtung einer Frau in der Ära Franz Joseph
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Dank
Die Autorin
Blick vom Nußberg auf das Kahlenbergerdorf und die Stadt Wien. Gemälde von unbekanntem Meister, um 1830.
VORWORT
Anstatt die Leser mit einem langweiligen Vorwort zu inkommodieren, überlasse ich die Einleitung zu meinen dunklen Geschichten lieber dem unvergesslichen Peter Hammerschlag:
Die Ballade vom Lustmörder Alois Blawatschek oder Angewandte Psychonanalyse
Alle Jahre einmal im Quartale
Packte es den Alois Blawatschek.
Blawatschek an ihm war das Brutale,
Doch das Alois war ein lieber Schneck.
Und der Mädchen schlanke Sommerhälslein
Wuchsen braun aus duftigem Batist.
Gerne hätte Alois wie ein Gelslein
Hingestochen – nämlich: hingeküsst -
Doch er zahlte ihnen bloß ein Seitel
Und er war und blieb ein Mann voll Charme.
Dachte Blawatschek an Taschenfeitel,
Fiel ihm Alois hemmend in den Arm.
Eines Abends saß er bei den Schrammeln,
Denn das war sein angestammter Sitz,
Da begann um ihn sich zu versammeln
Dr. med. et phil. Knut Horowitz:
„Sie sind einer von den seltnen Fällen!
Lagen Sie im Mutterleibe schief?
Pflegen Sie beim Liebesakt zu bellen?
Träumen Sie? Wie oft, wie lang, wie tief?
Hatten Sie als Kind schon Mörderhände?
War die Frau Mama nicht schizophren?
Herr, ihr linkes Nasenloch spricht Bände!
Reagier’n Sie ab – sonst wer’n Sie sehn!"
Blawatschek griff sich ans Unterkieferl,
Kratzte es und schlenderte hinaus.
Dort tranchierte er das Psycho-Schlieferl
Und vergrub den Leichnam hinterm Haus.
Rein war nun sein Seelchen, wie ein Spiegel.
Himmelwärts schwamm blau Virginier-Rauch …
„Fräulein Mizzerl!! Gollasch und zwei Krügel,
Und den schwarzen Dokter zahl ich auch!"
Alois warf sein kleines Taschenmesser
Hinter Grinzing in den Abendwind.
Überhaupt: es war ihm schon viel besser,
Und er sah die Mädchen, wie sie sind.


Die Entdeckung des Klosterkerkers bei den Kapuzinern. Zeichnung von Vinzenz Katzler in Moriz Bermanns „Dunklen Geschichten aus Österreich“ (Wien 1868).
DIE „KAPUZINERGRÄUEL“ AM NEUEN MARKT
Der Skandal um die Klosterkerker
Anno Domini 1782, das Kloster der Kapuziner am Neuen Markt: Es ist die Nacht vom 23. zum 24. Februar, als Pater Innocentius von einem Laienbruder geweckt wird. Er werde dringend benötigt, teilt ihm dieser mit, und solle ihm auf Befehl des Guardians1 umgehend folgen. Wohin, wird ihm nicht verraten. Der Laienbruder geht mit einer Laterne voran und führt den Ordenspriester in den Keller. Sie schreiten durch mehrere finstere Gänge und Kammern, es ist dem verwunderten Pater ein völlig unbekanntes Terrain. Ein Türschloss wird knarrend aufgesperrt, plötzlich stehen sie in einem düsteren Kerkerraum. Was Pater Innocentius dort erblickt, beschreibt er später er mit folgenden Worten:
Vor mir lag ein langgestreckter Greis, in abgenütztem Habit, unter wollener Decke, auf einem Strohsacke; die Capuze deckte sein graues Haupt; sein schneeweißer Bart reichte bis an den Gürtel. Neben der Bettstelle ein alter elender Strohstuhl, ein alter schmutziger Tisch, darauf eine Lampe. Ich sprach einige Worte zu dem Sterbenden, er hatte die Sprache bereits verloren.
Den Häftling, bei dem es sich um den aus Ungarn stammenden Frater Nikomedes handelt, habe am Vortag der Schlag getroffen, erfährt Pater Innocentius. Und da keiner außer dem Pater der ungarischen Sprache mächtig sei, solle er dem Greis den letzten Segen spenden. Der alte, verwahrloste Mann gibt seinem Besucher durch einen Händedruck zu verstehen, dass er seine Worte hören könne. Worte des Trostes und der Hoffnung auf ewige Seligkeit, wie es der Pater in seinen Memoiren ausdrückt: Nach viertelstündigem, schweren Todeskampfe war er dort; sein Leiden hienieden geendigt.
Bevor der Pater den Laienbruder wieder zu sich ruft, sieht er sich genauer im Gefängnis um und schwört bei der Hülle des Entseelten, […] diesen Greuel bei dem Kaiser anzuzeigen. Er erkundigt sich nach den näheren Umständen und wird dabei in Kenntnis gesetzt, dass Frater Nikomedes seit 52 Jahren hier unten vegetiere, weil er den Prior einen Dummkopf geheißen habe. Er selbst habe nur die Aufsicht und werde deshalb auch „Löwenwärter“ genannt, erzählt der redselige Laienbruder. Ein Klosterwitz, plaudert er launig weiter, der sich auf die „Löwen“, wie man die Gefangenen nennt, beziehe. Pater Innocentius, im bürgerlichen Namen Ignaz Aurelius Feßler, kann sich für diesen „Witz“ nicht erwärmen. Noch nie hat er etwas so Abscheuliches gesehen. Den Eindruck dieser Barbarei wird er zeit seines Lebens nicht mehr loswerden. Aber es bricht nun auch etwas in ihm durch, was sein Inneres schon lange beschäftigt.
An den Lehren der römisch-katholischen Kirche, mit denen er seit seiner Kindheit gespeist worden ist, hat er mit zunehmender Bildung und Erfahrung immer mehr gezweifelt. Nun sind diese Zweifel so groß geworden, dass er seinem Leben endgültig eine neue Richtung geben will. Zunächst aber muss er irgendwie auf die ungeheuren Zustände, die im Kapuzinerkloster herrschen, aufmerksam machen.
Pater Innocentius I. alias Ignaz Aurelius Feßler
Ignaz Aurelius Feßler kam 1756 im damals ungarischen Zurány2, heute Zurndorf, zur Welt, wo er zweisprachig aufwuchs. Nach dem Gymnasium versuchte er einen Platz bei den Jesuiten zu finden, wurde aber aufgrund seiner Jugend zurückgewiesen; 1773 trat er daher im Kloster Mór bei Stuhlweißenburg in den Kapuzinerorden ein. Er erhielt den Namen „Innocentius“ und wurde sechs Jahre später zum Priester geweiht. Zu einem Zeitpunkt, als er im Unglauben erstarret war, wie er selbst schreibt. Er verbrachte die meiste Zeit mit Studien, las unzählige Bücher und fand Trost in den philosophischen Schriften Senecas. Nach Aufenthalten in diversen Klöstern führte ihn sein Ordensweg schließlich zu den Kapuzinern am Neuen Markt.
Die ersten zwölf Kapuzinerpatres waren 1599, zum Zeitpunkt der einsetzenden Gegenreformation, nach Wien gekommen, wo sie zunächst in verschiedenen Klöstern Quartier gefunden hatten. 1617 stiftete Kaiserin Anna von Tirol dem Orden eine Kirche am Mehlmarkt (heute Neuer Markt) und legte testamentarisch fest, dass unter dem dazugehörigen Kloster eine Gruft errichtet werden solle, in der sie samt ihrem Gemahl Kaiser Matthias beigesetzt werden möchte. Als Anna 1618 und der Kaiser ein Jahr später starben, war der Bau noch nicht fertig. Man deponierte die Särge zunächst im Königinnenkloster der Hl. Clara in der Dorotheergasse und überführte sie 1633 in die fertiggestellte Kapuzinergruft.
Nach mehreren Erweiterungen besteht die Kaisergruft heute aus acht Grabstätten, in denen über 140 Habsburger bestattet wurden.
Dass sich unter dem Kapuzinerkloster auch Kerker befanden, in denen man Mönche, die gegen die Klosterregeln verstoßen hatten, bis ins 18. Jahrhundert zur Strafe einsperrte und aufs Grausamste behandelte, ist heute kaum vorstellbar – die Kapuziner waren jedoch nicht der einzige Orden, der diese Praxis kannte. Obwohl Maria Theresia 1769 bereits erste gesetzliche Maßnahmen zur Aufhebung der Stifts- und Klosterkerker getroffen und ihr Sohn Joseph II. im Zuge der Säkularisation31782 diese Gesetze verschärft hatte, stieß man immer wieder auf diese unerlaubten Verliese. Diese Klostergeheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen, war ein gefährliches Unterfangen, welches für den „Verräter“ leicht mit einer ebensolchen Strafe enden konnte. Die schreckliche Nacht, die Ignaz Aurelius Feßler nie mehr vergessen konnte, gab ihm jedoch den Mut, den Kaiser persönlich über die „Kapuzinergräuel“ im Wiener Hauptkloster des Ordens zu unterrichten.
Der Lobkowitzplatz mit dem Kapuzinerkloster. Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, um 1759/61 (Detail).
Brachte den Skandal um die Klosterkerker ins Rollen: Ignaz Aurelius Feßler. Gemälde von János Rombauer, 1821.

Der Reformer Kaiser Joseph II., Gemälde von Joseph Hickel.
Der Brief an den Kaiser
Am 25. Februar, zwei Tage nach dem Besuch Feßlers in der Unterwelt des Kapuzinerklosters, wartete ein Student namens Pokorny im Kontrollorgang in der Hofburg auf das Erscheinen Josephs II. Pokorny war ein Vertrauter Feßlers, den der Geistliche schon mehrmals um Botengänge ersucht hatte, bei denen Verschwiegenheit oberstes Gebot war. Diesmal sollte er dem Kaiser einen Brief übergeben. Der Kontrollorgang befand sich im Mezzanin des Leopoldinischen Traktes, in dem der um Volksnähe bemühte Herrscher seine Audienzen abhielt. Jeder Bürger seines Reiches konnte hier ohne bürokratische oder zeremonielle Hürden sein Anliegen vorbringen.
Als der Kaiser aus der Tür seines Kabinetts trat, überreichte ihm Pokorny den Bericht seines Auftraggebers:
Gnädigster Kaiser und Herr!
Die Menschheit ruft zu Ew. Majestät Thron, um Rettung, Schutz und strenge Gerechtigkeit gegen ihre Unterdrücker, besonders wenn diese die ganze Welt durch den Schein der Frömmigkeit und Religiosität betrügen und in ihren geheiligten Mauern Grausamkeiten verüben, welche Ew. Majestät an Weltlichen gewiß mit aller Strenge der Gesetze züchtigen würden.
Vier Kapuziner schmachten heute noch in einem unterirdischen Klostergefängniß auf dem neuen Markt […] Der Weg zu dieser Mörderhöhle des Mönchsdespotismus führt auf dem Neumärkter Kloster durch die Küche rechter Hand hinein in das Waschhaus, dann gerade fort in die Speisekammer, von hieraus eine kleine Thür, durch die man etliche Stufen hinuntersteigt, sodann links in einen engen finstern Gang kommt, wo linkerhand die wohlverwahrten Behältnisse der Gefangenen, welche die Kapuziner „Löwen“ nennen, sind.
Ich habe Ew. Majestät hiermit als fühlender Mensch und als treuer Bürger und Unterthan, in Wahrheit die schaudervolle Hölle […] angezeigt. Ich hielt mich dazu verpflichtet; kommt es aber jemals heraus, daß ich es war, der der Menschheit diesen Dienst geleistet hat, so bin ich selbst für immer geopfert und verloren. Der Mönchsgeist hat tausend Mittel und Wege, seine Opfer zu erhaschen, wo sie weder das Auge des Regenten, noch das Schwert der Gesetze erreichen kann. Ich bitte daher um Ew. Majestät Allerhöchsten Schutz und um Verschwiegenheit meines Namens.
Ew. Kaiserl. Königl. Majestät
Allergetreuester Unterhan, P. Innocentius, Kapuziner in dem Kloster auf dem Neuen Markt
Die „Löwen“
Der Theologe Peter F. Barton beschreibt in seinem Buch Ignaz Aurelius Feßler. Vom Barockkatholizismus zur Erweckungsbewegung die Gründe für die Inhaftierung der weiteren Mönche. So hatte der mittlerweile 56-jährige Pater Paternus einst an den Nachmittagen unerlaubte Ausflüge gemacht, von denen er zwar immer pünktlich zurückgekehrt, die zu unterlassen er aber nicht bereit gewesen war. Für dieses Vergehen saß er schon seit 15 Jahren im unterirdischen Gefängnis. Pater Florentinus, nunmehr 73 Jahre alt, hatte den Guardian, der ihn wiederholt beschimpft hatte, geohrfeigt und war bereits 42 Jahre in Gefangenschaft. Beide Patres waren bei ihrer Arretierung nicht wahnsinnig gewesen, sind es allerdings durch die jahrelange Kerkerhaft geworden.
Besonders drastisch liest sich die Geschichte des Laienbruders Nemesian. Er hatte die Anweisung seines Novizenmeisters, in allen Menschen Gott zu lieben und zu ehren, als junger Mann allzu wörtlich genommen und war vor allen Besuchern und Straßenpassanten niedergekniet, sie um ihren Segen bittend. Um sein theologisches Verständnis zu schulen, wurde über ihn lebenslange Freiheitsstrafe verhängt. Bruder Nemesian, der von Joseph II. aus dem Kerker befreit wurde, muss eine Natur von Stahl und Eisen gehabt haben, denn er zählte 80 Jahre, wovon er 53 Jahre im Kerker verlebt hatte!, berichtet der Schriftsteller Carl Julius Weber.
Neue Regeln für die Klöster
Feßlers Brief an den Kaiser hatte zur Folge, dass eine Untersuchungskommission, an deren Spitze der als Theaterzensor bekannte Regierungsrat Franz Karl Hägelin stand, ins Kapuzinerkloster geschickt wurde. Der überraschte Guardian zeigte sich völlig ahnungslos und blieb selbst nach dreimaliger Aufforderung, die Männer in den geheimen Keller zu führen, stur bei seiner Auskunft, es gäbe „da unten“ keinen Kerker. Erst als die Kommission sich selbst einen Weg durch die von Feßler genau beschriebenen Gänge und Kammern bahnte, wurden die Schreckensgestalten, deren Anblick ebensoviel Entsetzen als Mitleid einflößte, wie Moriz Bermann schrieb, entdeckt.
Joseph II., zu dessen wichtigsten Reformbestrebungen es gehörte, Aberglauben, religiösen Fanatismus und die Macht des Klerus zurückzudrängen, verordnete nun in mehreren Klöstern Visitationen, um etwaige weitere Kerker aufzuspüren. Die verbotenen Gefängnisse, die man dabei entdeckte, wurden sofort aufgelassen. Das Kapuzinerkloster am Neuen Markt war also bei weitem kein Einzelfall. Ab dem 3. März 1783 mussten wahnsinnig gewordene Geistliche zum nächstgelegenen Kloster der Barmherzigen Brüder gebracht werden, wo sie auf Kosten des jeweiligen Herkunftsklosters gepflegt werden mussten.
Dem Wiener Erzbischöflichen Konsistorium4 wurde in einem Schreiben mitgeteilt:
Seine K. K. Majestät haben über dem in betreff der fürgetragenen Untersuchung, bei den Kapuzinern auf dem neuen Markte allhier erstatteten allergehorsamsten Vortrag durch allerhöchstes Hofdekret […] an die Regierung unter anderm herabgelangen lassen: daß der hiesige Guardian der Kapuziner auf dem Neumarkte, da er sich durch Beibehaltung der verbothenen Klosterkerker sehr strafbar gemacht, seines Amtes entsetzet und für die Zukunft aller Ämter unfähig erklärt werden solle; aufdaß aber die bereits in diesem Kloster existirenden Klosterkerker desto sicherer vertilget würden, so wäre die Vorkehrung zu treffen, womit selbe alsogleich zu Holzgewölben zugerichtet, die doppelten Thüren und harten Verschließungen weggethan, und mit einem Worte all-jenes auf die Seite geräumet würde, welches sie zum ferneren Gebrauche für Gefängniße fähig machen könnte; diejenigen Geistlichen, welche unter dem Namen als Wahnwitzige in dießen Behältnißen verwahret würden, müßten alsobald, wenn es noch nicht geschehen, in andere ordentliche Zellen übersetztet, und für ihre Herstellung all-mögliche Sorge getragen werden; wonach dem Kloster die Weisung zu geben, von Seiten des Politici aber darauf ein obachtsames Aug zu tragen sey.

In der Kapuzinergruft. Stich von William H. Bartlett, 1840.
1784 entzog Kaiser Joseph II. den Kapuzinern am Neuen Markt einen Teil ihrer Gärten und befahl, dort längs der Planke Häuser zu errichten. So kam die Plankengasse, die vorher Neuburgerstraße hieß, zu ihrem Namen. Das Bittgesuch von Pater Innocentius bewirkte auch, dass Kaiser Joseph II. im selben Jahr strengere Auflagen schuf, was die Bildung des Klerus anbelangte. Außerdem sollte den Missständen in den Klöstern endgültig ein Riegel vorgeschoben werden.
Vom Kapuzinerpater zum Freimaurer
Welch schillernde Persönlichkeit Feßler war, zeigt sein weiterer Lebenslauf. Um mögliche böse Folgen seines mutigen Handelns abzuwenden, berief ihn der Kaiser als Lektor für orientalische Sprachen und Altes Testament an die Universität Lemberg. Vor seiner Abreise, die für den 23. Februar 1784 geplant war, kam es zu gröberen „Komplikationen“, die Feßler beinahe das Leben gekostet hätten.
Dem Pater fehlte das Geld für die Reise. Bis auf seine Bücher besaß er nichts. Völlig unerwartet erhielt er zwei Reisegeschenke. Der Hofsekretär Grossinger überreichte ihm einen Dolch, der sich noch als lebenswichtig herausstellen sollte, und Joseph II. veranlasste, dass er von Rom aus einen kostenlosen Platz in einer „Diligence“5 sowie 150 Silbergulden Reisegeld erhalten sollte. Am 20. Februar begab sich Feßler etwas später als gewöhnlich zu Bett. In der Erwartung, dass er um Mitternacht bereits schlafen würde, stürzte sein fanatischer Klosterbruder Pater Sergius in seine Zelle. Ein großes Fleischermesser schwingend, warf er sich mit dem Rufe „Morere haeretice!“ auf den verhassten Repräsentanten aufgeklärter Bildung, um ihm das Messer in die Brust zu stoßen, so Barton. Geistesgegenwärtig fasste Pater Innocentius nach Grossingers Dolch und konnte den Angriff gerade noch abwehren. Der verwundete Sergius lief zurück in seine Zelle, wo er sich, bewaffnet mit zwei weiteren Fleischermessern, verbarrikadierte. Feßler weckte den Guardian, der sofort sechs Laienbrüder zum rabiaten Pater schickte. Die Zellentüre wurde aufgebrochen, Sergius mit langen Stangen entwaffnet und in die Korrektionszelle gesperrt.
Um Kloster und Orden Unannehmlichkeiten zu ersparen, informierten Feßler und der Guardian Pater Nicephorus den Präsidenten der geistlichen Hofkommission, Franz Karl Kressel, darüber, dass Pater Sergius in der Nacht vom Wahnsinn befallen worden sei, und erwähnten mit keinem Wort den Überfall. Ihre Bitte, Sergius der Obhut der Barmherzigen Brüder zu übergeben, erfüllte Kressel ohne zu zögern. Nach drei Jahren ging es mit der Karriere des „Messerhelden“ jedoch wieder bergauf. Im Ofener Kapuzinerkloster erhielt Pater Sergius das ehrenvolle Amt des Sonntagspredigers.
Am 22. Februar gaben Freunde und Mitbrüder für Feßler eine Abschiedsfeier. Wien zu verlassen, fiel ihm nicht leicht. Was sein Mut und seine Entschlossenheit in dieser Stadt durchgesetzt hatten, berichtete der Dichter Zacharias Werner im Jahre 1807: Man erinnert sich seiner hier in und außer seinem gewesenen Kloster noch mit viel Achtung und Theilnahme.
In Lemberg unterrichtete Feßler nicht nur, sondern begann auch seine schriftstellerische Karriere und verfasste etliche historische Romane. Dabei ging es ihm primär darum, seine philosophischen Ansichten und seine Weltanschauung mitzuteilen. 1784 wurde er Mitglied in der Lemberger Freimaurerloge „Phoenix zur runden Tafel“. Sechs Jahre später konvertierte Ignaz Feßler zur lutherischen Konfession.
In Berlin, wo er sich 1796 niederließ, lernte er den Philosophen Johann Gottlieb Fichte kennen. Mit ihm gemeinsam reformierte er die Regeln der Freimaurerloge „Royal York zur Freundschaft“. Feßler soll von durchaus streitbarem Charakter gewesen sein, er überwarf sich einige Jahre später mit seinen Logenbrüdern und trat aus dem Freimaurerbund wieder aus.
Zar Alexander I. engagierte ihn an die Alexander-Newskij-Akademie in St. Petersburg, wo er orientalische Sprachen und Philosophie unterrichtete. 1833 wurde er Generalsuperintendent und betrachtete es als seine Aufgabe, den lutherischen Glauben in Russland zu festigen. Auch setzte er sich für die Genehmigung der Freimaurerei in Russland ein.
Kinder hatte Ignaz Aurelius Feßler keine, wohl aber war er verheiratet. Und das gleich dreimal. Von seiner ersten Frau ließ er sich sogar scheiden, was damals sicherlich eine Seltenheit war.
Am 15. Dezember 1839 starb dieser freigeistige, geniale und durchaus sonderbare Kirchenmann in St. Petersburg.
So sehr Kaiser Joseph II. auch für großen Unmut bei der Bevölkerung gesorgt haben mag, indem er seine Untertanen mit unzähligen und teilweise absurden Gesetzen überhäufte, für seine engagierten Reformen im kirchlichen Bereich waren ihm dennoch viele dankbar. Der evangelische Theologe, Erbauungsschriftsteller und Erzähler Christian Friedrich Sintenis widmete ihm 1782 folgendes Gedicht:
Nonnenlied auf Kayser Joseph den Zweyten
Daß Joseph nichts als Segen schuf,
Daß er für Millionen Tröster
Geworden sey, drang in die Klöster
Sogar der feyerliche Ruf.
Er steuerte von seinem Thron
Dem Glaubenshaß, dem Volksverwüster;
Da lernten Duldung seine Priester,
Und Tugend ward Religion.
Er sah im Land viel Sclavenpein;
Da bebt’ er, gab der Menschheit Rechte
An Israel und Böhmens Knechte,
Und führte goldne Freyheit ein.
Unlängst warf er den Vaterblick
Auch auf viel tausend Mädchenseelen.
Er sah sie Gott zu Ehren quälen,
Und gab sie an die Welt zurück.
(…)
1
Vorsteher eines Franziskaner-, Minoriten- oder Kapuzinerkonvents
2
Heute Zurndorf im Burgenland
3
Verstaatlichung von Kirchenbesitz
4
Die Verwaltungsbehörde des Bistums
5
Postkutsche in Stil der französischen Monarchen

Grausige Legende aus dem mittelalterlichen Wien: die eingemauerte Nonne. Zeichnung von Vinzenz Katzler.
DIE EINGEMAUERTE NONNE
Eine Liebesgeschichte aus dem Alten Wien
Zu den besonders grausamen Hinrichtungsarten im Mittelalter gehörte das Einmauern. Schon im alten Rom wurden Vestalinnen, die das Gelübde der Reinheit gebrochen hatten, lebendig begraben. Später hat man auch Ehebrecherinnen und Kindsmörderinnen so bestraft. Dabei wurde der oder die Verurteilte, meist im Stehen, in eine Nische eingemauert und erstickte. Zur Strafverschärfung soll gelegentlich sogar ein Spalt in der Mauer offen gelassen worden sein, sodass der oder die Unglückliche nicht erstickte, sondern mangels Flüssigkeit und Nahrung einen langen, qualvollen Tod zu erleiden hatte. Vermutlich aber wurde diese Hinrichtungsmethode nur sehr selten verhängt, es existieren auch nur wenige Quellen dazu.
Sehr wohl aber ist dokumentiert, dass Nonnen und Mönche, die das Keuschheitsgelübde gebrochen hatten oder aus dem Kloster fliehen wollten, eingemauert wurden. So entdeckte man am Eingang des Klosters Maulbronn in Baden-Württemberg das Gerippe eines eingemauerten Menschen. Im Jahre 1498 soll im Minoritenkloster zu Villach der Klosterkoch eingemauert worden sein, weil er den Guardian1 vergiftet hatte. Die Constitutio Criminalis Carolina, das Strafgesetzbuch Kaiser Karls V., schrieb bei boshafter und heimlicher Tötung eines Kindes die Strafe des Lebendigbegrabens, der Pfählung oder des Ertränkens vor. So steht im „Geschichtlichen Verzeichnis öffentlicher Hinrichtungen in Zittau (Sachsen) von 1300 – 1774“ zu lesen, dass 1514 eine Weibsperson von Reichenau lebendig begraben worden wäre, die ihr neugeborenes Kind erwürgt und anschließend in einen Teich geworfen hatte. Zar Peter I. der Große, bekanntlich sehr phantasievoll in Sachen Hinrichtungen, griff 1702 die bewährte Praktik des Begrabens bei lebendigem Leibe wieder auf und ließ auf diese Weise eine Gattenmörderin bestrafen.
Auch in Wien, so eine dunkle Legende, soll es im Mittelalter einen Fall gegeben haben, bei dem eine Jungfrau eingemauert wurde. Der Schriftsteller Moriz Bermann (1823 – 1895) hat uns diese seltsame Geschichte hinterlassen, die sich seinen Schilderungen zufolge in der Pippingerstraße (heute Annagasse in der Inneren Stadt) abgespielt hat. Wie diese Straße zu ihrem Namen kam, erzählt eine alte Wiener Sage:
Im Jahre 1226 soll Neidhard der Pippinger, ein angesehener Wiener Bürger, voll des Mutes beim Babenbergerherzog Leopold VI., dem Glorreichen, höchstpersönlich vorgesprochen haben. Sein Anliegen: Der Landesfürst hätte den Flandrensern2 so viele Rechte eingeräumt, dass die Wiener Kaufleute ihre Handelsgeschäfte ernstlich bedroht sehen würden. Auch wollten die Fremden ihre Schulden nicht begleichen. Durch die Fürsprache Meister Pippingers löste sich die Angelegenheit in Wohlgefallen auf und so wurde ihm zu Ehren die Straße, in der er ein prächtiges Haus besaß, nach ihm benannt.
Rund 100 Jahre später bewohnte sein Nachfahre Albrecht Pippinger das Anwesen. Er soll ein sehr herrschsüchtiger Mann voll Zorn und Unzufriedenheit gewesen sein. Die unangenehmen Eigenschaften Pippingers wurden mit dem Alter nicht geringer. Wohin sein Starrsinn ihn schließlich führte, berichtet die folgende Erzählung, die auf Bermanns Überlieferung basiert und sich tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen haben soll:
Albrecht Pippinger schmorte also in seiner hausgemachten Wut und konnte sich vor Rachegelüsten an nichts mehr erfreuen. Nicht die vielen Häuser, die der reiche Patrizier besaß, nicht die Straße, die seinen Namen trug, einfach nichts konnte sein Verlangen stillen. Das Einzige, was seine Gier nach Macht zu besänftigen vermocht hätte, blieb ihm verwehrt, nämlich Bürgermeister von Wien zu sein. Was ihn dabei besonders schmerzte, war die Tatsache, dass sein alter Freund Otto Wülfleinstorfer dieses Amt innehatte. Seit Otto 1319 von den Wiener Bürgern zum Oberhaupt der Stadt gewählt worden war, war das Band der Freundschaft zerrissen, welches die beiden seit frühester Jugend zusammengehalten hatte. Und nicht nur dem ehemals treuesten Freunde grollte er, sondern auch Ottos Sohn Wiprecht. Sogar ein Hausverbot im Pippingerschen Domizil wurde den beiden auferlegt. Die Dinge verkomplizierten sich, als Wiprecht und Anna, die Tochter Pippingers, sich ineinander verliebten.
Die Tragödie um Anna und Wiprecht
An einem milden Frühlingstag schlenderten zwei junge Männer, vom Stephansfreythof3 kommend, durch besagte Pippingerstraße. Der Ältere hatte ein wohlgeformtes, von dunklen Locken umrahmtes Gesicht. Seine kräftige Gestalt strahlte Entschlossenheit, unbeugsamen Mut und Eleganz aus. Die Kleidung, der damaligen Mode entsprechend ein Wams4 aus edlem Stoff, gebauschte Hosen, schwarz glänzende Schuhe und ein rotes Barett mit weißer Feder, deutete auf erlesene Herkunft hin. Wiprecht Wülfleinstorfer hieß der junge Mann, Sohn des Bürgermeisters von Wien.
Der andere war etwas kleiner und jünger. Freude und Heiterkeit kennzeichneten sein Wesen, seine aufgeweckten Augen sprühten vor Lebenslust. Die weißen Beinkleider aus feinstem Tuche reichten ihm bis zu den Schnabelschuhen. Der Überwurf an der rechten Schulter und die schwarzsamtene Kappe verstärkten den Eindruck, aus ebenso noblem Hause zu stammen wie sein Begleiter.
Wien am Ausgang des Spätmittelalters: Ansicht von Süden mit dem Kärntner Tor. Zeichnung von Wolf Huber, 1530.
Das noble Haus war jenes des erwähnten Griesgrams, der Jüngling, Friedrich Pippinger, dessen Sohn. Dass der strenge Vater ihm den Umgang mit Wiprecht verboten hatte, hinderte ihn keineswegs daran, die brüderliche Freundschaft weiterhin zu pflegen.
Die Sorgenfalten auf der Stirn seines Freundes veranlassten Friedrich, sich nach dem Grund von dessen Betrübnis zu erkundigen. Und wie er es bereits geahnt hatte, ging es um seine Schwester Anna Pippinger, welche die meiste Zeit traurig und mutterseelenallein in ihrem Zimmer zubrachte und der es kaum gestattet wurde, das Haus zu verlassen.
Wiprechts und Annas Herzen waren, wie erwähnt, füreinander entflammt, doch wusste Wiprecht trotz seiner Courage nicht, wie er es anstellen könne, den strengen Vater um die Hand seiner Tochter zu bitten. Da die Liebenden sich lange nicht gesehen hatten, arrangierte Friedrich ein Treffen im großen Garten beim „Karnerthor“5, welcher sich im Eigentum der Familie Pippinger befand. Dort sollten die Liebenden Gelegenheit haben, ein Stündchen zu plaudern, während er aufpassen wollte, dass niemand sie störte. Mit dieser Abmachung verabschiedeten sich die zwei, drückten sich die Hände und machten sich auf den Weg nach Hause.
Der heißersehnte Nachmittag tat das seine dazu, um der Minne gerecht zu werden. Ein laues Lüftchen strich durch die Blätter, die Blumen streckten der Sonne wohlwollend ihre Köpfchen entgegen, der Blütenduft erfüllte Leib und Seele. Als Wiprecht die Gartentüre öffnete, erwartete ihn sein Freund bereits und wies ihm den Weg zu seiner Schwester.
Beflügelten Schrittes marschierte Wiprecht den Pfad entlang. Je näher er sich auf sein hehres Ziel zubewegte, desto heftiger pochte ihm das Herz. Und endlich sah er sie unter der Linde sitzen. Ein blaues Kleid, ein weißer Schleier, ein anmutiges Gesicht, von blondem Haar umgeben. Er stürzte sich zu ihren Füßen, küsste inniglich ihre zarten Hände und setzte mit bebender Stimme an, ihr Wohl zu erkunden.
Eine Stunde lang schwelgten sie im höchsten Glück. Die Sorgen waren einen langen Augenblick verflogen, bis Friedrich sie bedauerlicherweise zum Abschied gemahnte.
So wiederholten sich die Zusammenkünfte unter dem Schutz des Bruders. Dann kam der Tag heran, der alles ändern sollte. Mit unheilverkündendem Blick überbrachten die Geschwister Wiprecht die Nachricht, dass Anna schon bald mit einem anderen Mann vermählt werden sollte. Betroffen spazierten die drei im Garten auf und ab, bis endlich der junge Wülfleinstorfer die angespannte Stimmung durchbrach und einen eben gefassten Plan verkündete. Vielleicht gelang es mit Hilfe seines Vaters, den alten Pippinger umzustimmen.
Der Bürgermeister kommt der Bitte seines Sohnes nach und versucht beim alten Pippinger sein Glück, allerdings mit wenig Erfolg. Albrecht Pippinger war gerade in Gedanken vertieft, als es an der Tür klopfte. Herein trat Otto Wülfleinstorfer. Pippinger zuckte vor Schreck zusammen, begrüßte seinen einstigen Freund spöttisch und würdigte ihn keines weiteren Blickes mehr. Der Bürgermeister fasste sich ein Herz und brachte ihm sein Anliegen vor. Ob es nicht endlich an der Zeit wäre, den alten Groll zu begraben und dem Glück der beiden Kinder nicht im Weg zu stehen, die ihre Liebe vor dem Altar besiegeln wollten.
Pippinger, der bisher von nichts eine Ahnung hatte, sprang vor Entsetzen auf und schrie dem Bittsteller seinen Hass ins Gesicht. Die Abfuhr war unmissverständlich:
Eh’ will ich meine Tochter vermauert sehen, in einem Kloster, eh’ ich sie eurem Sohne gebe; eh’ will ich meinen einzigen Sohn, die Hoffnung meines Alters, mein Liebstes, Höchstes hier auf Erden, zerschmettert seh’n zu meinen Füßen, eh’ ich die Tochter eurem Sohne gebe; eh’ will ich einsam, lieblos, gehasst und gemieden von den Menschen in bitterer, unfruchtbarer Reue verkümmern, eh’ ich die Tochter eurem Sohne gebe!

Die Innenseite des Kärntner Tors. Foto aus dem Jahre 1850.
Starr vor Erschütterung über den entsetzlichen Schwur ging der Bürgermeister nun Richtung Türe, die ihm der Verbitterte wies, drehte sich noch einmal um und verabschiedete sich mit den Worten:
Ich gehe, doch hört mein letztes Wort. Verhüte Gott, dass Euer Eid zur Wahrheit werde. – Ich wünsch’ Euch’s nicht!
Wenige Tage später wurde Anna ins Kloster „Zur hl. Agnes“ gebracht.6 Durch die hohe Mitgift, die Pippinger bezahlte, wurde das Noviziat übergangen und Anna gleich zur Nonne geweiht.
Anna will sich jedoch mit ihrem Schicksal nicht abfinden, es kommt zu heimlichen Treffen hinter Klostermauern.
Bei einem der seltenen Besuche, die Friedrich seiner Schwester abstatten durfte, erkundigte er sich danach, wo sich die Zelle befinde, die sie bewohnte. Er drückte ihr eine seidene Schnur in die Hand und ersuchte sie, diese um Mitternacht, sobald sie den Ruf der Wachtel vernehmen würde, beim Fenster hinabzulassen.
Schlag zwölf stand Wiprecht vor den düsteren Mauern des Chorfrauenklosters zur hl. Agnes. Alle Fenster waren verdunkelt, nur aus dem letzten im 2. Stock rechts neben der Pforte leuchtete ein matter Schein. Mit seinen Händen imitierte er das Gurren der Wachtel, worauf Anna die seidene Schnur herunterließ. Daran knüpfte Wiprecht nun die mitgebrachte Strickleiter und kletterte zu seiner Angebeteten empor. In ihrer Kammer angekommen, zog er die Leiter hoch und umarmte sie erleichtert. Bis Sonnenaufgang genossen die beiden das Zusammensein im Wechselbad der Gefühle. Zwischen Freudentaumel und bitteren Tränen versprachen sie sich ewige Liebe.
Monatelang führten sie diese geheimen Treffen weiter, bis in einer regnerischen Nacht der unglückselige Galan vergaß, die Leiter hochzuziehen. In der Klosterpforte hockte Schwester Beatrix, die Pförtnerin. Bermann beschreibt sie als alte, hässliche Megäre, gefürchtet und gehasst von allen Inwohnerinnen des Klosters ob ihrer bösen, scharfen Zunge. Alles, was jung und schön war, soll ihr zutiefst zuwider gewesen sein.
Als das Plätschern des Regens aufhörte, ging sie vor die Tür, um nachzusehen, ob das Unwetter nachgelassen hatte. Da erblickte sie die Strickleiter, die in Annas Zimmer führte. Neugierig schlich sie die Treppen hinauf und presste ihr Ohr an die Zellentüre der unfreiwilligen Nonne. Sie vernahm die Stimme eines Mannes und hörte, wie dieser beruhigend auf Anna einredete, dass es nur noch drei Tage dauern würde, bis er sie aus den Mauern des finsteren Klosters befreien könne. Mit höllischer Freude suchte Schwester Beatrix gleich am frühen Morgen die Äbtissin auf und erstattete ihr Bericht über das unerhörte nächtliche Treiben.
In der folgenden Nacht überzeugte sich die Oberhirtin persönlich vom Frevel, der in ihren heiligen Hallen stattfand. Sofort informierte sie Albrecht Pippinger über die Schande, die anscheinend schon seit längerer Zeit hinter ihrem Rücken begangen wurde. Ferner teilte sie ihm mit, welch hartes Strafgericht über die Sünderin aufgrund des Vergehens verhängt werden würde. In Klöstern werde dergleichen mit Einmauern bei lebendigem Leibe geahndet, klärte sie ihn auf. Der Alte, dessen absonderliche Gefühlswelt soeben einen neuerlichen Zusammenbruch erlitt, gab prompt sein Einverständnis. Für ihn war seine Tochter bereits in diesem Moment gestorben.
Indes überbrachte Wiprecht seiner Geliebten eine Knabenkleidung, die sie in der Fluchtnacht anziehen sollte. Friedrich werde sie beide mit einer Kutsche beim Kärntner Tor erwarten, mit der sie dann Richtung Süden fliehen würden, instruierte er sie. Dann sollte einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege stehen.
Eine stürmische Nacht soll es gewesen sein, in der sich diese Romeo-und-Julia-Geschichte aus dem alten Wien dramatisch zuspitzte: Anna Pippinger stand im Knabenkostüm am Fenster und wartete ungeduldig auf die Stunde ihrer Erlösung. Kaum ertönte der Schlag der Wachtel, ließ sie die Strickleiter hinab und hörte eine leise Stimme, die sich vergewisserte, ob sie bereit sei. Gerade als sie antworten wollte, wurde die Zellentüre aufgerissen, eine dunkle Gestalt sprang auf sie zu und durschnitt den Strick mit einem Messer. Der Retter verlor das Gleichgewicht, versuchte sich mit aller Kraft am Fenstersims festzuhalten und einen Stützpunkt für seine Füße zu finden. Der alte Pippinger, der diese dunkle Gestalt war, zückte abermals sein Messer und hieb auf die Finger ein, die krampfthaft das Fensterbrett fumklammerten. Ein gellender Schrei, ein dumpfer Aufschlag auf den Boden, dann war Stille.
Anna verlor das Bewusstsein. Man brachte die Ohnmächtige ins Refektorium und band sie auf einem Sessel fest. Langsam öffnete sie die Augen und sah einen schwarz verhängten Tisch vor sich, um den die Äbtissin, zwölf Schwestern und der alte Pippinger Platz genommen hatten. Es waren sich alle einig, dass eine Nonne, welche den Treueschwur gegenüber dem Herrn gebrochen hatte, nichts anderes verdiene als den Tod. Von tiefster Verzweiflung erfasst, flehte Anna ihren Vater an, ihr doch zu helfen. Dieser entgegnete jedoch lakonisch, er kenne sie nicht. Dann übernahm die Oberin wieder das Wort und sprach aus, was alle schon voll Arglist ersehnten:
Wenn sie, baar aller Scham, ein Pfand des losen Thuns auf diese Welt zu bringen droht, so werde sie sammt jener schon im Mutterleib verfluchten Sündenfrucht zur Strafe bei lebendigem Leibe eingemauert!
Die Annagasse anno 1899. Foto von August Stauda. Als „Pippingerstraße“ wird sie 1290 erstmals urkundlich erwähnt.
Damit erhob sich das barbarische Tribunal und das schauderhafte Prozedere nahm seinen Lauf. In einem feierlichen Fackelzug, bei dem unablässig gebetet wurde, führte man Anna die Stiegen hinunter in den Keller. Vor einer Nische in der Wand hielt die Prozession inne. Mörtel, Kelle und ein Stoß Ziegel standen schon bereit. Zwei Schwestern packten die Verurteilte an den Händen und ketteten sie an zwei Eisenringen an, die in der Mauernische befestigt waren. Dann begannen sie, Stück um Stück die Steine aufeinanderzulegen, ohne auf das Flehen und Betteln der jungen Frau zu reagieren. Geflissentlich beendeten sie ihr Werk.
Endlich drang ein letzter Satz durch die Wand: „Wiprecht, ich komme!“ Für mehr reichte der Atem nicht mehr, die Luft war aufgebraucht. Anna hauchte ihr unglückliches Leben aus.
Unbeeindruckt machte sich nun der alte Pippinger auf zur Pforte, um den Toten mit Genugtuung zu betrachten. Er drehte den Leichnam um und blickte in ein blutüberströmtes junges Männergesicht, die glasigen Augen standen weit offen und starrten zum Himmel. Albrecht Pippinger stockte plötzlich der Atem, es durchfuhr ihn ein Schmerz, wie er ihn bisher noch nie erlebt hatte.
Der Tote, der zerschmettert zu seinen Füßen lag, dessen Tod er selber herbeigeführt und dem er zuvor mit seinem Messer noch die Finger durchgetrennt hatte, war Friedrich Pippinger, sein einziger, sein heißgeliebter Sohn!
1
Vorsteher eines Franziskaner-, Minoriten- oder Kapuzinerkonvents
2
Das Flandrenserprivileg ist die älteste Urkunde im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Sie wurde 1208 von Herzog Leopold VI. für die in Wien lebenden Tuchfärber aus Flandern (genannt Flandrenser) ausgestellt. Die Tuchfärberei war ein sehr gewinnbringendes Gewerbe. Die Gewährung von Vorrechten sollte die Ansiedlung von Tuchfärberei-Betrieben in Wien fördern. (Wiener Stadt- und Landesarchiv)
3
Friedhof vor dem Stephansdom. Wurde 1732 gesperrt und 1783 aufgelöst.
4
Jacke
5
Später Kärntnertor. Bestand seit der Babenbergerzeit. Wurde mehrmals umgebaut und Richtung Vorstadt verschoben. Mitte des 19. Jh. abgerissen.
6
Das Agnes-Kloster, später auch Kloster „Zur Himmelspforte“ genannt, befand sich im Bereich der heutigen Rauhensteingasse/Himmelpfortgasse.
„Ketzern“ und „Hexen“ drohte der Tod auf dem Scheiterhaufen. Zeichnung von Vinzenz Katzler.
SCHEITERHAUFEN LODERN AUF DER GÄNSEWEIDE
Die Feuertode des „katholischen Rabbiners“ Chaim Engelberger und der „Hexe“ Elsa Plainacher
Tausende Touristen zieht es jährlich in den 3. Bezirk Landstraße, um den farbenfrohen Gemeindebau des Künstlers Friedensreich Hundertwasser zu begutachten. Es ist heute schwer vorstellbar, dass sich in dieser heiter gestimmten Umgebung einst eine der bekanntesten Richtstätten Wiens befand: die sogenannte „Gänseweide“. Ab dem 14. Jahrhundert wurden hier die Delinquenten bei lebendigem Leib am Scheiterhaufen verbrannt. Zum Feuertod wurden z. B. Meineidige oder Sodomiten1 verurteilt, vorwiegend aber „Ketzer“, Juden, „Hexen“ oder „Zauberer“; also Menschen, von denen man meinte, dass von ihnen Gefahr für den Glauben und die Kirche ausginge. Nur durch das Verbrennen zu Asche könnten Dämonen zerstört und die Auferstehung des Fleisches am jüngsten Tag verhindert werden, so der Klerus. Zur Sicherheit wurde die Asche der armen Sünder verstreut – nichts sollte von den Abtrünnigen erhalten bleiben. Wenn der Delinquent „Glück“ hatte, erbarmte sich der Scharfrichter und erdrosselte ihn oder band ihm ein Säckchen mit Schwarzpulver um den Hals, welches, sobald es mit den Flammen in Berührung kam, explodierte. Dies musste natürlich im Geheimen geschehen, da das Publikum nicht um den „Genuss“ gebracht werden durfte, einen Menschen brennen zu sehen.
Die erste Shoa in Wien
Kaum jemandem fällt die kleine Tafel am Hundertwasserhaus auf, die an die Massentötung von Juden auf der Gänseweide im Jahre 1421 erinnert. Über 200 Wiener Juden fielen damals der Verfolgung durch Herzog Albrecht V. zum Opfer; in einigen Quellen werden auch 10 oder 400 Menschen genannt. Diese „große Katastrophe“2 ging unter der Bezeichnung „Wiener Geserah“3 in die Geschichte der Stadt ein; die Motive des Landesfürsten für dieses beispiellos grausame und rechtlich längst nicht mehr gedeckte Vorgehen sind ungeklärt. Aus dem „Judenregal“, dem landesfürstlichen Privileg, für den Schutz der Juden Abgaben und Steuern lukrieren zu können, hatten die Habsburger Jahr für Jahr beträchtliche Summen angehäuft.
Nach diesem Pogrom gaben die Juden Österreich den Namen „das blutgetränkte Land“ (Erets ha-Damim) und Wien wurde als „die Stadt des Blutes“ (Ir ha-Damim) bezeichnet. Eine skandalöse lateinische Inschrift am Haus Judenplatz Nr. 2, das nach seinem ehemaligen Besitzer Georg Jordan den Hausnamen „Zum großen Jordan“ trägt, erinnerte lange Zeit hindurch an diesen Massenmord. Die Inschrift, in der von „Verbrechen der Hebräerhunde“ die Rede ist, wurde 1998 durch eine weitere Gedenktafel ergänzt, auf der erstmals selbstkritisch die Täterschaft der Christen Wiens eingestanden wird.

Gedenktafel für die Opfer der Judenverfolgung von 1421 am Haus Kegelgasse 40.
Chaim Engelberger
Am 26. August 1642 wurde auf der Gänseweide der Rabbiner Chaim Engelberger verbrannt. Dass er zum Katholizismus konvertiert war, hat ihm leider nichts genützt. Anlässlich seiner Hinrichtung wurde in Wien eine antijüdische Flugschrift verteilt, auf der ein mehrstrophiges Lied abgedruckt war, das über den Leidensweg dieses Juden und zweier Schicksalsgenossen genauestens berichtete. Hier die ersten beiden Strophen:
Wahrhaftige Beschreibung von drey verurtheilten Juden
Ach wunder über wunder
ihr lieben Christenlein
will ich singen jetzunder
was sich in kurtzer zeit
wahrhafftiglich begeben und
zugetragen hat
zu Wien in Österreich eben
in der Kayserlichen Hauptstatt.
Als man schreibt 1642. Jahr
im Augusti besonder
den 26. Tag fürwar
wie es mit drey Juden ergangen und zugetragen hat
nun höret mit vergangen
ein wunderliche That.
Der in Böhmen geborene Rabbiner Chazzim aus Engelberg (auch die Versionen „Chaim“ oder „Joachim“ finden sich in manchen Büchern) wurde beim Silberdiebstahl in einer Prager Synagoge ertappt. Um sich nicht mit negativen Konsequenzen zu belasten, ließ er sich 1636 taufen und nannte sich fortan Ferdinand Franz Engelberger. Er lebte nun als Katholik in Wien und verfasste Schriften zur „Judenmission“ wie Der Catholische Wegweiser oder Generationes Jesu. Leider konnte er trotz Konversion nicht von seiner kleptomanischen Leidenschaft ablassen, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde.
Engelberger hatte gute Beziehungen zum kaiserlichen Hof, was ihm ermöglichte, sich Zugang zur habsburgischen Schatzkammer zu verschaffen. Mit zwei jüdischen Komplizen erbeutete er diverse Kleinodien der Erzherzogin Caecilia Renata (161 – 1644), einer Tochter Kaiser Ferdinands II., und entwendete ferner 21.000 Taler.
Der Diebstahl flog auf und alle drei wurden zum Tod durch den Strang verurteilt. Die Exekution war für den 22. August geplant und sollte am Hohen Markt stattfinden. Als Engelberger merkte, dass ihm in dieser prekären Situation auch die Taufe nichts mehr nützte, bekannte er sich neuerlich zum Judentum und wies bar jedweden Respekts darauf hin, dass er Hostien besudelt habe. Dann küsste er angeblich das Kruzifix, warf es mit Grimm auf den Boden, trat es mit den Füßen und bespuckte es, wobei er die Worte: Ach mein lieber Herr Jesu sprach. Auch über Dreifaltigkeit und Sakrament soll er gespottet haben.
Zwei Verbrechen wurden ihm nun vorgeworfen, die in dieser Zeit wesentlich schwerwiegender waren als Raub, nämlich Gotteslästerung und der Abfall vom Christentum. Diesen Vergehen gegenüber herrschte eine unerbittliche Haltung, wie die folgende Erklärung von Papst Paul IV. (1476 – 1559) offenbart: Selbst wenn mein eigener Vater ein Häretiker wäre, würde ich das Holz für seinen Scheiterhaufen sammeln, um ihn zu verbrennen. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle, dass Paul IV. mit der berüchtigten Bulle Cum nimis absurdum, die 1555 veröffentlicht wurde, auch die antisemitische Hetze weiter angeheizt hat.
Die Hinrichtung wurde abgebrochen. Die unmittelbaren Leidtragenden von Engelbergers Verhalten waren die Angehörigen der Wiener jüdischen Gemeinde – Studenten und der gemeine Pöbel nahmen wieder einmal die Gelegenheit wahr, um ihren Hass auf die Juden auszuleben: Zahlreiche Häuser jüdischer Bewohner wurden geplündert, einige Juden wurden bei diesem Tumult sogar ermordet. Damit es zu keinen weiteren Ausschreitungen kam, wurden am nächsten Tag Wachposten aufgestellt.
Engelberger musste heimlich in der Nacht ins Gerichtsgebäude gebracht werden, damit das Volk ihn nicht lynchte. Es wurde ihm erneut der Prozess gemacht. Beharrlich blieb er bei seiner Geisteshaltung, dass er den Juden zum Ruhm, den Christen aber zum Spott gethan. Damit erfüllte sein Vergehen den Tatbestand der Blasphemie und sein trotziges Gebaren brachte ihm ein verheerendes Urteil ein.
Am 26. August 1642 wurde er im „Hohen Wagen“ auf die vier Hauptplätze der Stadt geführt. Zuerst auf den Hohen Markt, dann auf den Platz Am Hof, von hier weiter zum Graben und zuletzt auf den Neuen Markt. Zweimal wurde Engelberger mit glühenden Zangen in die Brust gezwickt und zweimal wurden Riemen4 aus seinem Rücken geschnitten. Während der Fahrt soll er vor Schmerzen fürchterlich geschrien haben: Gott, der du nie geboren bist, erbarm dich meiner!
Anschließend schleifte man den „Gottlosen“ auf die Gänseweide. Auch der Zuspruch der Jesuitenpatres, die ihm das letzte Geleit gaben, konnte ihn nicht von seiner vermaledeyten Verstockung abbringen, wie in dem erwähnten Flugblatt, dem der gesamte Ablauf der Causa Engelberger zu entnehmen ist, berichtet wird. Vor dem Scheiterhaufen wurde ihm zunächst die rechte Hand abgeschlagen, dann die Zunge ausgerissen. Die unmenschliche Amtshandlung wurde damit beendet, dass man Chaim Engelberger an den Füßen aufhängte und ihn bei lebendigem Leib den lodernden Flammen übergab. Dann wurde seine Asche in die Donau gestreut.
Zur Vervollständigung sei hier noch die Rechnung5 angegeben, die der Henker für seine blutigen Dienste stellte:
Für das Auszwicken der Brüste mit glühenden Zangen 12 kr; für Riemenschneiden 12 kr;
auf die Schleife binden 30 kr;
Handabschlagen und Zungenausschneiden 30 kr;
bei den Füßen aufhängen 40 kr;
das lebendig Verbrennen 1 fl. 30 kr;

„Warhaffte und erschröckliche Zeitung“: der Fall des „gottlosen Juden“ Chaim Engelberger erregte 1642 großes Aufsehen.
In Gedenken an Chaim Engelberger
An der Schranne, dem alten Gerichtsgebäude von Wien, das sich bis ins 19. Jahrhundert an der Ecke Hoher Markt/Tuchlauben befand, waren links und rechts vom Eingang zwei Tafeln angebracht, die ebenfalls nicht mehr existieren. Sie erzählten die tragische Geschichte des Rabbiners Chaim Engelberger:
Anno 1642: Joachim Engelberger, ein jüdischer Rabiner, in Böhaimb zu Rackonitz6 getauft, und als ein Christ Ferdinand Franz genannt, hernach neben zweyer Juden in Diebstahl ertappt, und zum Strang verdambt, ist nach verlesenen Urtheil von dem sitzenden Gericht und allem Volk von Christo zu der Judenschaft widerumb abgefallen, und hat das Heil. Cruzifix grimmilich zur Erden geworfen, die Heil. Dreyfaltigkeit und das Heil. Sakrament des Altars grausam gelästert, sogar dasselbe aus seinem Mund abscheulich vertilgen wollen.
Dahero er von neuem in Gefängniß geführt, wohl examinirt, und mit gerechtem Urtheil verdammt, und crafft desselben auf vier Plätzen zweymal mit glühenden Zangen gezwickt, zweymal Rüemen aus seinem Rückhen gerissen, von dannen auf die Richtstatt, auf die Gennßwaid geschlaippft, ihme die rechte Hand abgehauet und die Zungen aus dem Rachen gerissen, sodann mit den Füßen aufgehenkt, lebendig verbrennet und die Aschen in die Donau gestreuet worden.
Eine „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen
Die einzige „Hexe“, die auf der Gänseweide verbrannt wurde, war die im niederösterreichischen Mank wohnhaft gewesene und um 1513 in Pielamund geborene Kleinhäuslerin Elisabeth „Elsa“ Plainacher, geborene Holtzgassner. Nachdem ihre Tochter Margareth im Kindbett verstorben war, kümmerte sie sich um die Erziehung ihrer Enkeltochter Anna Schlutterbauer. Mit ihrem Schwiegersohn, dem Bauern Georg Schlutterbauer aus Strannersdorf, verstand sie sich gar nicht. Der zu Gewalttätigkeit und Alkoholexzessen neigende Katholik warf seiner lutherischen Schwiegermutter vor, Annas Wutanfälle, die sie in der Pubertät entwickelte, seien auf ihre protestantische Erziehung zurückzuführen, außerdem richte sie das Mädchen für den Teufel ab – tatsächlich litt das schwachsinnige Mädchen wohl an epileptischen Anfällen. Er hielt diese Anfälle für Besessenheit und ließ seine Tochter mehrmals exorzieren. Bei der„Teufelsaustreibung“ vom 14. August 1583, die das 15-jährige Mädchen über sich ergehen lassen musste, sollen, laut der aufmerksamen Zählung des Jesuiten Becker, 12.526 Teufel aus ihrem Leib gefahren sein. Der „Oberteufel“ stellte sich angeblich sogar mit seinem Namen vor: Legio.
Dieses seltsame Mirakel wurde durch den ebenso geschwätzigen wie gefährlichen, aus Schwaz in Tirol stammenden Jesuiten und Hofprediger Dr. Georg Scherer (1540 – 1605), Domprediger von St. Stephan, von der Kanzel aus unter die leichtgläubigen Leute gebracht:
Christus und die Apostel haben die Teuffel gescholten, ihnen gedröwet, und mit allem ernst gebotten außzufahren: Eben das ist da auch geschehen. Man hat zur Apostelzeit die Heylthumb auffdie Beseßnen gelegt, eben das ist auch mit dieser Besessnen geschehen. Die Teyffel haben auffdas Gebieten Christi und der Apostel geschrien, und sein mit großem Geschrey und umgestümb außgefahren. Daß man die Beseßnen für todt eine Zeitlang umbgezogen: Eben das hat man bey disem entsetzlichen Spectackel gesehen und gehöret. Die Teuffel seind gepeinigt, gemartert und gequelet worden in den Beseßnen, durch Christi und der Apostel Wort: Also haben auch diese Teuffel Och und Auwehe auß dem Mägdlein geschrien zu der Zeit, da man den Göttlichen Namen ober sie angeruffen.
Scherer hetzte nun gegen die „Plainacherin“, schon zuvor hatte der Druck der Öffentlichkeit die Obrigkeit zum Handeln gezwungen: Erzherzog Ernst persönlich beauftragte im Mai 1583 Johann Caspar Neubeck, den Bischof von Wien, mit dem Fall, der darin nun ein höchst unrühmliche Rolle spielen sollte. Denn Neubeck war es, der nun empfahl, Elsa, die angebliche „Verursacherin“ der Leiden Annas, festzunehmen. Wie Anna Ehrlich in ihrem Buch Hexen, Mörder, Henker berichtet, brachte man daraufhin die 70-Jährige unter allen bei „Hexen“ üblichen Vorsichtsmaßnahmen nach Wien, wo sie vom Wiener Stadtrichter Oswald Huttendorfer vernommen wurde, der sich zunächst für ihre Aufnahme ins Bürgerspital einsetzte. Huttendorfer musste dann aber auf kaiserlichen Befehl hin die Folter zur Anwendung bringen. Der alten Frau wurden gleich mehrere Verbrechen zur Last gelegt: zauberische Schädigung ihrer Enkelin, dazu noch (Gift)Mord an ihrem seit langem verstorbenen Mann und an ihren vier Kindern, ferner Verbrechen gegen die göttliche Majestät und Verachtung des Schöpfers.
Elsa Plainacher wurde im Keller des Malefizspitzbubenhauses in der Rauhensteingasse schwer gefoltert; in der ersten Stufe der Tortur betritt sie noch, etwas über die Ursache der Krankheit ihrer Enkelin zu wissen, als man die Folter jedoch verschärfte, „gestand“ sie, was man von ihr hören wollte, samt Hostienschändung und allem, was ins Repertoire von „Zauberinnen“ nach Meinung der katholischen Kirche gehörte: Ja, sie hätte es mit dem Teufel getrieben und sich ihm für Geld verschrieben. Und sie hätte ihm auch Anna mit „Leib und Seele“ übergeben – der Teufel sei in einen Apfel geschlüpft, den Anna gegessen habe. Von diesem Augenblick an wäre sie von ihm besessen gewesen.

Das Böse wird den Menschen ausgetrieben: Exorzismus an einer Frau, die ihre Eltern und ihr Kind getötet hat. Darstellung am Großen Mariazeller Wunderaltar, 1519.
Gegen seine persönliche Überzeugung musste Stadtrichter Oswald Huttendorfer mit dem „Rat der Zwölf“ am 20. August 1583 das Todesurteil über Elsa Plainacher aussprechen. Auf der Freitreppe an der Schranne wurde coram publico der Stab über ihrem Haupt gebrochen.
Am 27. September 1583 wurde Elsa Plainacher an den Schweif eines Pferdes gebunden und auf ein paar festgenagelte Bretter geschnürt, zum Scheiterhaufen nach Erdberg geschleift, verbrannt und ihre Asche von den Winden zerstreut, damit nicht zu besorgen wäre, dass die Leiche, falls man sie nicht spurlos vertilgte, noch aus dem Grabe heraus neues Unheil heraufbeschwöre. So steht es im Buch Im Zeichen der Grausamkeit von Schlager und Fuhrmann.
Das betreffende Protokoll schließt mit dem Vermerk, dass die Hinrichtung der Plainacherin beim Volke großen Beifall fand. Kaiser Rudolf II., der dem Okkultismus höchst zugetan war, gab von Prag aus die Anordnung, die Jagd nach „Hexen“ und „Zauberern“ fürs Erste gut sein zu lassen.
Über das weitere Schicksal der Anna Schlutterbacher gibt es unterschiedliche Berichte. Einer Version zufolge soll sie als „Kopfwäscherin“ in einer Badestube ihren Lebensunterhalt verdient haben, nach anderen Aufzeichnungen fand sie bei den Dominikanerinnen in St. Laurenz Zuflucht.
Der Jesuit Georg Scherer hetzte weiter gegen Lutheraner, Juden und „Hexen“, bezeichnend sein Ende: Während einer Predigt in Linz anno 1605 trifft ihn auf der Kanzel der Schlag.
1
Der Begriff „Sodomit“ wurde früher nicht nur für Menschen, die Tiere sexuell missbrauchen, verwendet, sondern auch für Homosexuelle.
2
Hebräisch: Shoa
3
Hebräisch: Verhängnis
4
Hautstreifen
5
Die Abkürzung „kr.“ steht für Kreuzer; „fl.“ steht für Gulden und kommt von der mittelalterlichen Münze Florin, die in Florenz zum ersten Mal geprägt wurde.
6
Tschechisch: Rakovnik; Stadt in Mittelböhmen.

Der „Inhalt seines Verbrechens“ wird noch einmal geschildert: das Todesurteil gegen Franz Zahlheim.
EIN MÖRDER AUS GUTEM HAUS
Die letzte Räderung in Wien
Der Bürgermeister von Wien in den Jahren 1737 bis 1740 hieß Johann Adam von Zahlheim. Den Namen „Zahlheim“ (oder auch „Zahlheimb“ geschrieben) brachten die Wiener aber in erster Linie mit einem anderen Mann in Verbindung. Und zwar mit des Bürgermeisters Neffen, der in seinem kurzen Leben eindeutig mehr Berühmtheit erlangte als der Onkel. Bis ins 19. Jahrhundert sprach man noch von seinem Schicksal. Franz de Paula Zaglauer von Zahlheim dürfte schon als Kind eher schwierig gewesen sein und wurde von einem Zeitgenossen als ein äußerst leichtsinnig, und kolerischer Junge, in allen seinen Leidenschaften heftig, immer aber mehr ein Spiel der düstern Affekten, nämlich: des Zorns, Furcht, Schwermuth … als der sanftern Empfindungen beschrieben. Sein Temperament, mit dem ihn die Natur in ihrem Grimme ausgestattet hatte, konnte durch Beibringung heilsamer Lehren, und durch eine geschickte Leitung zum Edeln gebildet werden: allein, die Hauptperson, die dies zu thun hatte, seine Mutter, ward ihm bei der Geburt entrissen. Der Vater, mit der alleinigen Erziehung des Buben überfordert, steckte ihn in eine Jesuitenschule, über die der frühliberale Publizist Johann Jacob Fezer (1760 – 1844) schrieb: Statt den Jünglingen gute, gesunde Grundsätze zu ihrer zukünftigen Wanderschaft zu geben, füllt man ihnen den Kopf mit allerley mönchischen Narren(s)possen voll, die ihnen um so mehr zum Gelächter werden, weil sie den ehrwürdigen Herrn Prediger, ein paar Minuten nach der Predigt, seinen eigenen Predigten schnurstraks entgegenhandeln sehen.
Die strenge Erziehung in dieser kleinen verlogenen Welt bewirkte keine positive Veränderung in Zahlheims Charakter. Mit Zwang und Ekel sah er sich an einem Orte eingeschlossen, fühlte sich von allen gering geschätzt und verachtet und schmachtete nach der Stunde der Befreyung wie ein abgeschiedener Geist. Nach seiner Knechtschaft bei den Jesuiten wurde der junge Mann endlich ins Leben entlassen. Es ist denkbar, dass sich seine Wesenszüge durch die jahrelangen gottesfürchtigen Unterweisungen scheinheiliger Priester zu großer Unsicherheit geformt hatten. Denn er schwankte stets zwischen Rebellion und Enttäuschung in Verbindung mit Arroganz. Sein Leben gestaltete er frei nach der Devise „Was kost’ die Welt!“ und pfiff fortan auf die guten Sitten. Sein Freundeskreis bestand zum Großteil aus schändlichen Kreaturen, mit denen er sich in den übelsten Spelunken herumtrieb.
Als k. k. Magistratsbeamter hatte er zwar kein schlechtes Einkommen, trotzdem reichte das Geld nie aus. Franz Zahlheim machte Schulden. Doch da er aus gutem Hause war, ein ebenso gutes Auftreten hatte und zudem den Frauen gefiel, half ihm die eine oder andere Geliebte gelegentlich aus der pekuniären Klemme.
Eine dieser Damen, mit der er ein Verhältnis hatte und die ihn finanziell unterstützte, war die um einiges ältere Josefa (Barbara) Ambrokin. Die 50-Jährige hatte ihr Leben lang als Dienstmagd und Prostituierte ihr Geld verdient und sich einiges angespart. Von ausgesuchter Hässlichkeit soll sie gewesen sein. Kein anderer Mann erbarmte sich ihrer baufälligen Schönheit außer Franz Zahlheim, der ihre Vorzüge im erwähnten „Angesparten“ erkannte. Auf über 1700 Gulden in Bankobligationen und 140 Gulden in silbernen Zwanzigern soll sich ihr mühsam erworbenes Kapital belaufen haben.
Acht Jahre währte die Verbindung, in der Josefa vergeblich auf ihre Hochzeit mit dem um 17 Jahre jüngeren Zahlheim hoffte. Die Schulden des Lebemannes hatten sich inzwischen trotz finanzieller Zuwendungen auf eine Summe angehäuft, die zu bezahlen er nicht mehr im Stande war. Seine Gläubiger brachten ihn zunehmend in Bedrängnis und wurden immer zudringlicher. Als sich letzten Endes die Schlinge in einem solchen Maße zuzog, dass er weder ein noch aus wusste, kam ihm der Gedanke, jemanden seines Vermögens zu berauben. Und wer würde sich dazu besser eignen als seine „Verlobte“?
Josefa Ambrokin wohnte am Salzgries. Dorthin begab sich Zahlheim und öffnete die Türe mit ihrem Schlüssel, den er ihr kurz zuvor heimlich entwendet hatte. Nach gründlichem Durchstöbern ihrer Wohnung wurde er bald fündig, nahm Münzen und Scheine an sich, tauschte die Obligationen an der Börse gegen Bargeld ein und beglich damit seine Außenstände. Ein bisschen was davon blieb sogar noch über und er begann sich schön langsam wieder als feiner Herr zu fühlen, der das Geld fröhlich mit beiden Händen um sich schleuderte. Sobald ihn seine Geliebte, die vom Diebstahl noch nichts bemerkt hatte, skeptisch auf seinen plötzlich so großzügigen Lebensstil ansprach, beschwichtigte er sie mit Eheversprechungen, um wieder für kurze Zeit seine Ruhe zu haben.
Wohl fühlte sich der Heiratsschwindler aber keineswegs. Die Angst schwebte über ihm wie ein Damoklesschwert. Über kurz oder lang würde Josefa entdecken, dass ihr gesamtes Vermögen fort war, und ihn als Ersten zur Rede stellen. Die Vorstellung, dass er des Raubes bezichtigt werden würde, und die Scham darüber, dass die Öffentlichkeit dies erfahren könnte, versetzten ihn in eine solche Panik, dass er letztendlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als das Weibsbild aus der Welt zu schaffen.
Ein kaltblütiges Verbrechen
Am 29. Jänner 1786 frühstückte Franz Zahlheim bei Josefa am Salzgries und bat sie anschließend, ihm doch beim Aufräumen des Dachbodens zu helfen. Zahlheim bewohnte ein Haus auf der Elendbastei1, wohin ihn die hilfsbereite Frau begleitete und ihm auch vertrauensselig auf den Dachboden folgte. Als sie gerade vor einer Truhe niederkniete, zückte Zahlheim ein großes, scharfes Messer und schnitt ihr damit die Kehle durch.

Mittelalterliche Blutjustiz: das Rädern. Darstellung aus der Schweizer Chronik des Johann Stumpf, 1586
Besonders perfide erscheint die Tatsache, dass der Mörder am vorherigen Tag vorsorglich Ziegelmehl am Boden ausgestreut haben soll, um das Blut aufzutrocknen. Gleich im Anschluss an den Mord, bei dem das Opfer sich lange in höllischen Schmerzen gewunden haben soll, speiste er in aller Ruhe mit einem Freund, erzählte man sich in Wien. Laut Johann Jacob Fezer, der den Fall Zahlheim genau recherchiert und in seiner 1798 erschienenen Schrift Beweis, daß Zalheim als ein Opfer der Unwissenheit seiner Richter und durch Gewalt des Stärkern hingerichtet worden zu Papier gebracht hat, wurde bei der gerichtlich vorgenommenen Leichenbeschau allerdings etwas anderes festgestellt, als die Gerüchte über die langen Todesqualen besagten, nämlich daß die Schlund- und Luftröhren, dann die beiden Drossel-, Puls- und Blutadern ganz durchschnitten worden seyen, woraus der Tod unmittelbar erfolgen musste.

Auf dem Salzgries, um 1860.
Zwei Wochen blieb die Leiche unentdeckt, dann erst wurde Josefa Ambrokin vermisst. Die Hausmeisterin erzählte dem ebenfalls in diesem Haus wohnenden Polizeikommissär Fiebich, dass sie die Josefa schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hätte, was ihr äußerst merkwürdig vorkäme. Fiebich veranlasste, der Sache nachzugehen, und erstattete aufgrund diverser Zeugenaussagen und Beweismittel Anzeige gegen Zahlheim. Der Liebhaber wurde zum Verhör vorgeladen und nach dem Verbleib der Ambrokin befragt. Zahlheim beteuerte, damit nichts zu tun zu haben. Als man die Leiche schließlich auf seinem Dachboden fand, gestand er das Verbrechen.
Bereits wenige Wochen nach der Tat stand das Urteil fest. Der Schriftsteller und Bibliograph Franz Gräffer hielt fest:
Als diesem Mörder am 6. März früh sein Tod angekündigt wurde, protestirte er zwar förmlich gegen diese Ungerechtigkeit, wie er sagte, und bediente sich dabei sehr unziemender Ausdrücke; drang darauf, alles zu Protokoll zu nehmen, welches dann dem Kaiser vorgelegt ward, und gebehrdete sich dabey wie ein Rasender. Aber als er nachher vernahm, dass keine Gnade für ihn zu hoffen sei, gab er sich willig darein, und bethete ohne Unterlaß mit den ihm beygegebenen zwey Augustiner-Mönchen.
Flugblatt über die „grausame Mordthat“ und Hinrichtung von Franz Zahlheim, 1786.
Joseph II. wollte Franz Zahlheim für seinen Meuchelmord besonders hart bestrafen, da bei ihm gleich mehrere Verbrechen zusammenkamen: Diebstahl, Meuchel- und Freundesmord. Obwohl der Kaiser als notorischer Gegner der Todesstrafe alle Zivilverbrecher begnadigen ließ, sollte aufgrund der Tatbestände in diesem Falle der Mörder hingerichtet werden. Zusätzlich sollte dieser dabei Höllenqualen ausstehen. Als Hinrichtungsart wurde daher eine besonders inhumane Methode der mittelalterlichen Blutjustiz gewählt: das Rädern.
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