Kitabı oku: «Henkersmahl»
Bärbel Böcker
Henkersmahl
Kriminalroman
Zum Buch
QUOTENKNÜLLER Florian Halstaff, Talkshow-Redakteur, bereitet eine Sendung über unerklärliche Krankheits- und Todesfälle vor, die ganz Köln in Atem halten. Noch ist unklar, ob die Ursache Virusinfektionen oder Lebensmittelvergiftungen sind.
Während immer mehr Menschen sterben und die Polizei im Dunkeln tappt, überschlagen sich die Ereignisse: Auf dem Weg zur Arbeit erhält Florian einen dubiosen Drohanruf, kurz darauf wird die Show abgesagt – vom Unterhaltungschef des Senders höchstpersönlich. Als schließlich auch noch Florians bester Freund und Vorgesetzter auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, wird Florian klar, dass er an dieser Geschichte dranbleiben muss. Offenbar hatte sein Freund in ein Wespennest gestochen und mächtige Lebensmittelkonzerne, geldgierige Winzer und gewissenlose Staatsdiener gegen sich aufgebracht. Aber: Wer ist schuld an den vielen Toten? Florian recherchiert und gerät selbst in Lebensgefahr.
Bärbel Böcker, geboren in der Volkswagenstadt Wolfsburg, studierte an der FU Berlin. Sie ist Sinologin, Publizistin und Germanistin. In den 80er-Jahren hielt sie sich zu Studienzwecken mehrfach in Südostasien auf. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie als Redaktionsmitglied für die Wirtschaftsfachzeitschrift China-Handel. Seit Mitte der 90er-Jahre ist Bärbel Böcker Mitinhaberin einer Kölner Film-, Fernseh- und Video-Produktions-GmbH. Sie lebt in Köln Rodenkirchen, wo auch die Wiege ihres Protagonisten Florian Halstaff steht. Mehr über die Autorin: www.Baerbel-Boecker.de
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Neuausgabe 2021
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung / Korrekturen: Daniela Hönig / Sven Lang, Katja Ernst
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © FrauEule / photocase.de
ISBN 978-3-8392-3454-9
Widmung
Für Renate
Zitat
»Was der Mensch sät, das wird er ernten«
Galater 6: 7–8
1
Dicker Zigarettenqualm schlug Peter Mallmann entgegen, als er die Wohnung in Köln Ehrenfeld betrat, die ihm selbst im Halbdunkel und fast leer geräumt noch völlig vertraut erschien. Seine Augen durchforsteten suchend den Raum, aber er konnte sie nirgends entdecken. Jemand, den er nicht kannte, hatte ihm die Tür geöffnet, war aber gleich wieder Richtung Musik entschwunden, die laut aus einem der hinteren Zimmer dröhnte.
Plötzlich sah er Vera, eine Studienkollegin, und war froh, als sie ihm eine Flasche Bier anbot. Wenigstens ein vertrautes Gesicht. Peter Mallmann verstand seltsamerweise kaum, was sie sagte, aber den Bewegungen ihres Mundes entnahm er, dass es etwas Lustiges sein musste. Beide lehnten nebeneinander an der Wand und Peter beobachtete, wie die Gäste der Party sich amüsierten. Vera sprach ununterbrochen.
Auf einmal spürte Peter Mallmann, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Ihre Worte wurden zu Blasen. Sie schienen ihren Mund zäh und wabernd zu verlassen, sich schillernd im Raum auszudehnen und zu zerplatzen, bevor sie ihn erreichten. Er zog seine Lederjacke aus und drückte sie ihr in die Hand. Vera sah ihn prüfend an. Fürsorglich klopfte sie ihm gegen die Schulter, aber für ihn fühlte es sich wie ein Hammerschlag an. Er musste hier weg, sofort, er brauchte dringend frische Luft. Als er sich in Bewegung setzte, schwankte er leicht und stützte sich an einer Stuhllehne ab.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer, das einen Balkon zur Straße hinaus hatte, auf dem er und Yvonne so oft abends gemeinsam in den Nachthimmel gesehen hatten, kam er am Buffet vorbei. Er griff sich ein Stückchen Käse und hoffte, dass es ihm besser gehen würde, wenn er es aß, vielleicht würde es die Übelkeit vertreiben. Peter Mallmann kämpfte sich weiter voran durch die dichte Menge der Partygäste, und plötzlich sah er sie. Yvonne. Ihre rot gelockten Haare schwangen wild im Rhythmus der Musik, sie tanzte und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Ihre Bewegungen nahmen ihn gefangen, wie immer. Der Zauber wirkte noch. Er beobachtete, wie sie, einer Schlafwandlerin gleich, mit aufreizenden Bewegungen auf den Typen zutanzte, der ihm die Tür geöffnet hatte.
Peter Mallmann konnte den Blick nicht abwenden. Eine ungeheuere Welle der Wut kroch in ihm hoch und drohte ihn zu überrollen. Ein Ton verließ seine Kehle, der nicht ihm zu gehören schien. Sekunden später sah er, dass der Fremde wie eine Marionette zu Boden ging. Seine Schläfe war blutverschmiert.
Irgendjemand brüllte Peter an: »Sag mal, spinnst du?«
Eine andere Stimme drang an sein Ohr: »Der ist ja stockbesoffen.«
Peter sah, dass die Flasche, die er eben in der Hand gehalten hatte, zerschmettert in einer Pfütze aus Bier und Blut am Boden lag. Hatte er sie geworfen? Der Fremde rappelte sich auf, kam hoch und ging mit beiden Fäusten auf ihn los. Peter war unfähig, sich vom Fleck zu rühren. Er hörte ein Knacken, dann spürte er, wie etwas Warmes aus seiner Nase rann. Das Gesicht des anderen, das er zuvor nur verschwommen wahrgenommen hatte, nahm nun Konturen an, großflächig und eckig verzerrte es vor seinen Augen zu einer Fratze. Peter schlug zurück. Er traf den Fremden mit voller Wucht am Unterkiefer. Der andere taumelte, griff sich den abgebrochenen Flaschenhals vom Boden und versuchte, ihn Peter gegen die Schläfe zu rammen, aber Peter konnte sich gerade noch rechtzeitig abwenden, und die Scherbe streifte ihn nur.
Eine Frauenstimme schrie: »Hört auf. Hört sofort auf damit!«
Die Stimme gehörte Yvonne. Unter Tausenden von Stimmen hätte er sie erkannt. Peter hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich langsam zu ihr um. In Zeitlupe sah er, wie sie auf ihn zu kam. Täuschte er sich, oder war da ein warmer Schimmer in ihrem Blick? Er wollte ihr sagen, dass er sie immer noch liebte, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. Seine Knie knickten ein und er spürte, wie er langsam zu Boden sackte. Dann wurde es dunkel um ihn herum. Ein seltsamer Gedanke ging ihm durch den Kopf: Woher weiß ich eigentlich, dass ich jetzt sterben werde?
2
Florian Halstaff hasste Kaschmirmäntel, den rheinischen Sauerbraten seiner Mutter und Kontrolle in jeder Form. Das war immer schon so gewesen, solange er denken konnte. Bereits als kleiner Junge hatte er es nicht ausstehen können, wenn Anna, die nach wie vor in der am Rheinufer gelegenen Rodenkirchener Villa seiner Mutter als Haushälterin beschäftigt war, mit festem Schritt die Stufen der Holztreppe nahm, um dann die Tür zu seinem Zimmer aufzureißen und sich streng nach dem Stand der Hausaufgaben zu erkundigen. Sie hielt es nie für nötig anzuklopfen, und kaum war sie im Raum, hatte sie auch schon sein Heft in ihrer kleinen, fordernden Hand. Ärger gab es vor allem, wenn die Seiten noch blütenweiß waren. Anstatt seine Arbeit zu erledigen, hatte Florian sich mit Comics, später mit dem Playboy vergnügt. Umso mehr fühlte er sich gestört, wenn Anna ihn in solchen Momenten gnadenlos in die Wirklichkeit zurückholte. Bis heute, und Florian war mittlerweile 36 Jahre alt, stieg in ihm ein Gefühl des Grolls auf, wenn ihn jemand unvermittelt aus seinen Gedanken riss oder gar kontrollieren wollte.
»Die Fahrkarten, bitte.«
Die Stimme des Mannes, der sich schwerfällig durch den mit Menschen verstopften Gang der Bahnlinie 15 bewegte, ließ Florian innerlich fluchen. Kontrolleure waren eine Spezies von Mensch, die ihm Gänsehaut verursachten. Erst recht an einem Montagmorgen. Außerdem hatte er sich bereits darauf eingestellt, einen ungestörten Blick in die Zeitung werfen zu können, bevor er an der Haltestelle Christophstraße in der Kölner Innenstadt aussteigen musste. Daraus würde nun nichts werden, denn der Kontrolleur würde jeden Moment vor ihm stehen und seinen Fahrschein verlangen. Trotzdem schlug Florian rasch die Zeitung auf, die Schlagzeile Mysteriöse Erkrankung – bereits 30 Fälle in Köln, hatte ihn neugierig gemacht. In dem dazugehörigen Artikel hieß es, dass es immer noch keine Erklärung für die Serie von Krankheitsfällen gäbe, die Köln seit zwei Wochen in Atem hielten – und ihn selbst auch.
Florian blickte auf. Er dachte an die Recherchen in seiner Talkshow-Redaktion, die auf Hochtouren liefen. Er und seine Kollegen wussten bislang nicht viel, planten aber morgen eine Sendung zum Thema und er konnte sich nach wie vor nicht vorstellen, wie sie überhaupt aussehen sollte.
Mit halbem Auge registrierte er, wie der Kontrolleur näher kam und dachte daran, dass er unbedingt zwei von der Krankheit betroffene Talkgäste finden musste, die bereit waren, ins Studio zu kommen. Alle Opfer hatten heftigen Schwindel verspürt, fünf von ihnen waren sogar ins Koma gefallen. Die Behörden tappten im Dunkeln. Niemand wusste, wodurch die Symptome ausgelöst wurden, aber langsam machte sich Panik in der Bevölkerung breit.
Florian Halstaff richtete seine Beine schräg Richtung Gang aus, um es ein wenig komfortabler zu haben. Mit einer Größe von knapp zwei Metern war er für jede Möglichkeit, einen Zentimeter mehr Raum zu ergattern, dankbar. Außerdem saß der Bund seiner schwarzen Jeans auf diese Weise etwas lockerer und schnitt nicht mehr so tief ins Fleisch.
Die metallisch klingenden Fahrgeräusche, die beim Drosseln der Geschwindigkeit entstehen, wurden übertönt von der Stimme des Kontrolleurs, der immer weiter in Florians Nähe rückte. Gerade herrschte er einen verlebt aussehenden Mittvierziger an, der letzte Nacht offensichtlich zu wenig Schlaf bekommen hatte, denn dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab.
»Nun mal her mit dem Fahrschein.« Der Kontrolleur, ein untersetzter Mann mit Halbglatze, stellte sich dem Fahrgast breitbeinig in den Weg.
Florian hob unwillkürlich den Kopf. Er sah, wie sich die Gesichtszüge des Mittvierzigers anspannten und wie seine Augen die des Kontrolleurs suchten. Zwei Sekunden hielt er ihrem Blick stand, dann schlug er seine Augen nieder und reichte dem Kontrolleur wortlos das Ticket, das er bereits in der Hand gehalten hatte.
Merkwürdig, dachte Florian und lehnte sich wieder in den Sitz zurück, dass sich so viele Menschen jeder Form von Autorität, ganz gleich, wie gering sie auch sein mag, unterordnen und bereit sind, selbst Schikanen widerspruchslos hinzunehmen. Ihm ging das Bild eines auf dem Boden liegenden Hundes durch den Kopf, der seinem überlegenen Feind die Kehle hinhielt. Florian schüttelte sich unwillkürlich. Die Bahn ruckte und verlangsamte die Geschwindigkeit. Eine freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher tönte melodisch durch das Abteil. »Nächster Halt – Barbarossaplatz.«
Florian schloss den obersten Knopf seines hellen Trenchcoats und schlug den Kragen hoch. Eine weitere Station konnte er sitzen bleiben, aber schon gleich würde er im Strom unzähliger Menschen treiben, die wie er auf ihrem Weg zur Arbeit durch Bahnstationen hasteten, um den nächsten Zug nicht zu verpassen und pünktlich zur Arbeit zu kommen.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken.
Er sah auf das Display, aber es zeigte ihm keine Nummer an, sodass er nicht wusste, wer zu so früher Stunde schon etwas von ihm wollte. Florian drückte auf den grünen Knopf und meldete sich, unwirsch leicht die Stimme hebend.
Jemand, den er kaum verstand, fragte nach: »Florian Halstaff?«
»Ja. Florian Halstaff.« Seiner Stimme war anzumerken, dass er genervt war.
»Ich möchte ihnen einen guten Rat geben.«
Florian war nahe dran, das Gespräch direkt zu beenden, denn auf Spinner jeglicher Art konnte er am frühen Morgen gut verzichten. Verärgert fragte er nach: »Mit wem spreche ich?«
»Das spielt keine Rolle. Ich sage Ihnen nur eins, suchen Sie sich für die nächste Sendung ein anderes Thema.«
»Wie bitte? Was wollen Sie?« Florian richtete sich abrupt auf. Er fluchte innerlich und presste das Handy dicht an sein Ohr, aber der Lärm um ihn herum ließ nicht nach, und er konnte den Mann nur schlecht verstehen.
»Keine Talkshow über die Erkrankungen, habe ich gesagt. Verstanden?«
»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«
»Weil Sie sich sonst anstecken könnten, und das läuft nicht immer so glimpflich ab wie bei den anderen.«
Florian war verblüfft, doch bevor er etwas erwidern konnte, machte es klack. Der Anrufer hatte aufgelegt. Er runzelte die Stirn. Die Stimme hatte ziemlich jung geklungen. Er überlegte, ob er sie irgendwann schon einmal gehört hatte, aber seine grauen Zellen gaben ihm keinerlei Rückmeldung. Florian atmete tief durch und ignorierte das alarmierende Gefühl in seinem Bauch, das sich langsam zum Magen hin ausbreitete, und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass der Anrufer wahrscheinlich irgendein Verrückter oder ein besonders witziger Kollege aus dem Showumfeld gewesen war. Florian seufzte. Es gab einfach zu viele Idioten auf der Welt. Er wischte den Gedanken an den Anrufer beiseite und sah wieder aus dem Fenster.
Eigentlich war es heute viel zu früh für ihn. Die Flasche Rotwein, die er gestern Abend genüsslich geleert hatte, trug vermutlich auch dazu bei, dass er nur schwer wach wurde. Florian lehnte sich zurück und schloss die Augen. Normalerweise fuhr er eine Stunde später ins Büro, die Redaktion begann in der Regel nicht vor halb zehn mit der Arbeit. Er hoffte, in Anbetracht der frühen Stunde und des seltsamen Anrufs wenigstens dem Kontrolleur zu entgehen. Der Zug würde jeden Moment in den Bahnhof Christophstraße einfahren, doch er hatte Pech. Der Kontrolleur baute sich vor ihm auf und streckte fordernd die Hand aus. Zunächst zögerte Florian einen Augenblick, insbesondere, weil der Mann ihn nun anherrschte: »Mal ’n bisschen hoppla, ja?«
Er spürte, wie Ärger in ihm aufstieg, und war schlagartig hellwach. Zur vollen Länge aufgerichtet fixierte er den Mann und behielt die Karte fest in der Hand.
»Irgendwelche Probleme?«, fragte der Kontrolleur bissig.
»Ja.« Florian ließ sich kurz Zeit, bevor er weiter sprach. »Mit Menschen, die sich wie Sie auf verdammt widerliche Art aufspielen.«
Eine tiefe Röte breitete sich im grobschlächtigen Gesicht des Kontrolleurs aus, und an seiner linken Schläfe schwoll eine Ader gefährlich an. »Ich mache hier meinen Job, sonst nichts.« Der harsche Tonfall stand allerdings im Gegensatz zur nervösen Handbewegung, mit der er sich über die Glatze fuhr.
Die Bremsen der Bahn quietschten, und Florian musste aufpassen, dass er nicht das Gleichgewicht verlor. Er hielt sich an der nächst besten Stange fest. In diesem Moment kam der Zug zum Stehen. Florian riss dem Kontrolleur das Ticket aus der Hand und fasste den Mann, den er um anderthalb Köpfe überragte, fest am Kragen. Er zog ihn zu sich heran. »Demnächst erledigen Sie Ihren Job aber bitte mit etwas mehr Respekt!« Ohne sich noch einmal umzublicken, machte er einen großen Sprung durch die Tür und landete sicher auf dem Bahnsteig.
3
In der Redaktion, die ihre Räume in einem Altbau am Hansaring in unmittelbarer Nähe des Mediaparks hatte, ging es trotz der frühen Stunde – es war erst kurz nach halb neun – bereits hektisch zu.
Obwohl der Mediapark, errichtet auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Gereon, als themenbezogener Stadtteil in der Medienbranche eine gute Adresse war, hatte Florians Chefin der Verlockung, in eines der modernen Hochhäuser umzusiedeln, widerstanden und war ihrem alten Büro am Hansaring mit dem Fischgrätparkett, den Stuckdecken und den großen Flügeltüren treu geblieben. Florian liebte Regine Liebermann dafür. Er fand es zwar schön, hin und wieder in der Mittagspause durch den Mediapark zu spazieren und sich ein wenig wie in Klein-Manhattan zu fühlen, wenn er auf den fast 150 Meter hohen Köln-Turm blickte, der den Dom und das Kölner Städtepanorama widerspiegelte, aber richtig wohl fühlte er sich grundsätzlich nur, wenn er von älteren Mauern umgeben war. Die Jahrzehnte, die die alten Gebäude auf dem Buckel hatten, verströmten eine ganz andere Aura, und diese zog er eindeutig der Kühle moderner Architektur vor. Inzwischen hatten sich im Mediapark mehr als 250 Medien- und Dienstleistungsunternehmen angesiedelt, und wenn große Leinwandstars zu ihren Filmpremieren einflogen und abends vor dem Cinedom im Scheinwerferlicht über den roten Teppich schwebten, stellte sich sogar etwas Hollywood-Glamour ein, was ihn jedoch nicht wesentlich beeindruckte.
Jetzt, da er die altehrwürdigen Büroräume von Profi Entertainment betrat, fühlte er sich sofort wie zu Hause. Sein Blick fiel auf die Garderobe, es war kein Bügel mehr frei. Rasch schlüpfte er aus dem Trenchcoat, stülpte ihn achtlos über eine grüne Wildlederjacke, die so teuer aussah, dass sie nur seiner Chefin gehören konnte, nahm die Zeitung aus der Manteltasche und ging mit schnellen Schritten zur Küche. Dabei bemerkte er ein neues Foto, das neben den zehn glasgerahmten an die Wand gehängt war. Allesamt zeigten sie Jörn Carlo inmitten von prominenten Talkgästen. Auf dem neuen Foto war der Moderator mit dem Oberbürgermeister und einer stadtbekannten Kabarettistin zu sehen. Carlo starrte mit gerecktem Hals gebannt in ihr tiefes Dekolleté.
Das ist wieder mal ganz und gar typisch für ihn, dachte Florian, gib ihm attraktive Frauen mit dicken Möpsen und Carlo ist zufrieden. Er gab dem Bild nicht mehr als einen halben Tag.
Florian riss sich von dem Foto los und hastete weiter. In den meisten Büros wurde schon gearbeitet. Telefone klingelten, Stimmengewirr drang an sein Ohr. Aber er brauchte erst mal einen Kaffee, bevor er anfangen konnte. Meistens wurde der Kaffee von Theo gekocht, dem Praktikanten, und Florian hoffte, dass noch eine Tasse für ihn übrig war. Von den Kollegen hielt es im Prinzip nie jemand für nötig, Kaffee aufzusetzen. Sie bedienten sich zwar gern, doch den Rest sollte Theo erledigen. Die Redakteurinnen und vor allem die Redakteure hatten eben Wichtigeres zu tun.
Als er die Küchentür öffnete, sah er zuallererst Jana. Er hatte bisher nicht oft mit ihr gesprochen, aber immer, wenn er ihr begegnete, war er überrascht darüber, wie gepflegt sie aussah. Florian fragte sich, ob dieser Eindruck vielleicht einzig ihrem Ultra-Kurzhaarschnitt zuzuschreiben war, der perfekt zu ihren klaren Gesichtszügen passte und besonders ihre schmale Nase und den breiten, dabei gut proportionierten Mund zur Geltung brachte. An ihrer Kleidung allein konnte es jedenfalls nicht liegen, denn es kam ebenso vor, dass sie derbe Stiefel zu ausgewaschenen Jeans und einem weiten Rollkragenpullover trug wie ein klassisch geschnittenes Kleid aus Rohseide. Heute hatte sie sich für die Jeans-Variante entschieden. Sie lehnte lässig an der Arbeitsplatte der Einbauküche. Florian bemerkte, dass sie sich langsam mit der linken Hand über ihr kurzes dunkelbraunes Haar strich.
Sie sagte: »Die Zeit ist ziemlich knapp, Max, und ich bin nicht sicher, ob ich das für dich machen kann. Wenn es auffliegt, werde ich Probleme bekommen.«
Max, Redaktionsleiter und damit sein direkter Vorgesetzter, antwortete grinsend: »Wie ich dich kenne, wirst du so geschickt vorgehen, dass niemand auch nur das Geringste merkt.«
Jana drehte den Becher zwischen ihren Händen. »Ich werde darüber nachdenken.« Sie sah von Max zu Florian und begrüßte ihn lächelnd: »Hi, auch schon wach?«
»Nicht wirklich.« Florian warf seine Zeitung auf den Tisch zu dem Stapel anderer Zeitungen, griff in das Regal neben Max und angelte sich eine Tasse. Obwohl der Frühling bereits in der Luft lag, war es morgens ziemlich frisch. Das heiße Getränk tat ihm gut. Er stellte sich neben Jana und sah Max, der immer noch schwieg, fragend an: »Störe ich?«
»Nein, ist schon in Ordnung«, antwortete Max. Er fühlte sich dazu animiert, eine Erklärung abzugeben. »Wir haben uns gerade Gedanken über die morgige Sendung gemacht.«
»Und was hat Jana damit zu tun? Soll sie uns eine neue Datenbank aufbauen?«
»Nein. Es geht um etwas ganz anderes«, sagte Jana und wandte sich wieder an Max: »Sag mal, wie ist denn überhaupt der Stand bei diesem mysteriösen Krankheitsthema?«
Florian fragte sich, was hier eigentlich vorging. Wahrscheinlich hatte Max die Kollegin am Wickel, um sie in letzter Minute noch in eine Aktion einzuspannen, von der er sich erhoffte, Weiteres über die Erkrankungen zu erfahren. Wenn Max an einem Thema dran war, ließ er nicht locker.
Florian kannte Max von Kindesbeinen an, sie waren befreundet, und inzwischen arbeiteten sie zusammen, bereits seit über einem Jahr. Max’ Ideenreichtum bei der Recherche und der Biss, mit dem er Sendungen vorbereitete, imponierten ihm. Dass die Chefin Max vor drei Monaten zum Redaktionsleiter befördert hatte, konnte er gut nachvollziehen.
Jetzt sagte Max, dessen struppiges blondes Haar noch feucht war von der morgendlichen Dusche, zu Jana: »Knapp 30 Personen hat es bislang erwischt. Fünf waren bereits bewusstlos, als sie ins Krankenhaus kamen. Angehörige oder Freunde haben sie gefunden. Derzeit versuchen Forscher vom Paul-Ehrlich- und Robert-Koch-Institut herauszufinden, ob es sich um eine epidemieartige Virusinfektion oder um eine Nahrungsmittelvergiftung handelt.«
Florian dachte laut nach: »Wer weiß, wann es den ersten Todesfall gibt. Die Betroffenen haben Glück gehabt, dass sie rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen sind.«
»Wer allein ist und bewusstlos wird, hat vermutlich schlechte Karten«, sagte Jana trocken.
»Ja, das sehe ich auch so. Ich war im Krankenhaus und habe versucht, aus den Ärzten was rauszukriegen, aber ich hatte keine Chance. Angeblich gibt es bislang keine Erkenntnisse.« Über Max’ Gesicht flog ein Schatten, und er fügte hinzu: »Es gibt also weiterhin keine konkreten Anhaltspunkte, über die wir in der Sendung reden können. Das wird weder den Unterhaltungschef noch Carlo besonders freuen. Immerhin muss er eine Stunde lang etwas zu reden haben. Ich verfolge zwar mehrere Hinweise, aber das ist alles nach wie vor nicht spruchreif.« Er wandte sich an Florian. »Weißt du inzwischen etwas Konkretes?«
»Nein, nichts. Aber ich habe in der Bahn einen seltsamen Anruf bekommen.«
»Du auch?« Max’ Augen weiteten sich.
»Irgend so ein Durchgeknallter, der mich davor gewarnt hat, die Sendung zu machen.«
»Mich hat jemand angerufen, als ich am Frühstückstisch saß. Vielleicht war es derselbe. Meinte, wenn wir mit dem Thema auf Sendung gingen, würde mir das schlecht bekommen.«
»Und, kam dir die Stimme bekannt vor?« Florian sah Max gespannt an.
»Bin nicht ganz sicher, glaube aber nicht.«
»Mir sagte sie auch nichts.«
»Woher hatte der eigentlich unsere Telefonnummern?«
»Was weiß ich.« Max zuckte mit den Schultern und sprach weiter: »Schließlich ist es nicht schwierig, die Nummern herauszubekommen. Ein Anruf im Sekretariat und schon hat er sie.«
»Aber er muss gewusst haben, dass wir die Sendung vorbereiten.«
»Na und? Auch kein Problem. Vielleicht kommt er aus dem privaten Umfeld eines unserer Kollegen, oder er ist vom Sender. So eine Show ist schließlich kein Geheimnis.«
Jana hatte aufmerksam zugehört. Halb ernst, halb ironisch sagte sie nun: »Da kann einem ja richtig mulmig werden.«
Sie trat von einem Bein auf das andere und fügte lachend hinzu: »Glücklicherweise bin ich nur eine kleine EDV-Maus und damit außerhalb der Gefahrenzone.«
Florian und Max lachten nun auch.
»Na, warte es ab«, sagte Florian und grinste.
»Vielleicht sollten wir bei Regine eine Gefahrenzulage einfordern«, scherzte Max und fuhr fort: »Aber nun mal im Ernst. Entweder gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Anrufer und den Erkrankungen, dann hören wir noch von ihm, oder er ist einfach nur ein Spinner. Für den Moment vergessen wir ihn am besten.«
»Vermutlich hast du recht.« Florian wandte sich gedanklich wieder den Erkrankungen zu. »Ich frage mich, ob die Mediziner wirklich nichts wissen.«
»Bestimmt gibt es inzwischen Hinweise, denen sie nachgehen. Aber solange die nicht gesichert sind, wird auch nichts der Öffentlichkeit mitgeteilt«, sagte Max und ergänzte resigniert: »Das kennen wir doch.«
Florian schwieg. Er goss sich Kaffee nach. Ein leichter Hauch von Parfum, mit einer Spur Sandelholz und Blütenessenzen versetzt, die er nicht einordnen konnte, stieg ihm trotz des bitteren Kaffeegeruchs in die Nase. Er überlegte. Es könnte eine Spur Bergamotte in ihrem Parfum enthalten sein, und vielleicht auch etwas Jasmin oder Veilchen. Florian war sich nicht sicher, aber es roch angenehm.
»Und, wie steht es mit den Talkgästen, alles im Griff?«, fragte Max.
»Ich bin noch dran, aber heute Nachmittag werde ich dir hoffentlich eine Traumbesetzung präsentieren können.«
Max bedachte Florian mit einem zweifelndem Blick. »Halt dich ran, wir brauchen wenigstens gute Leute, wenn wir schon kaum Fakten haben.« Er senkte die Stimme. »Möglicherweise hält das Gesundheitsamt bewusst Informationen zurück.«
»Warum sollten sie das tun?« Florian musterte ihn interessiert.
»Um keine Panik in der Bevölkerung auszulösen.« Max sah Florian ernst an. »Täglich steigt die Zahl der Erkrankungen. Wer weiß, wie viele es heute erwischt.«
Florian schwieg, ihm war unbehaglich zumute. Er war sich aber sicher, dass es nicht Wenige sein würden. Vielleicht schlürften sie gerade ebenso ahnungslos ihren Kaffee wie er. Auch er konnte theoretisch vergiftet sein. Oder sie atmeten ahnungslos die Luft, die den Virus bereits in sich trug.
Max seufzte und wandte sich an Jana: »Umso wichtiger ist es, dass wir für die Sendung etwas in Erfahrung bringen. Ich brauche die allerletzten Neuigkeiten aus der Uni-Klinik. Wenn du es schaffst, vor der Redaktionskonferenz. Die Situation ist ernst.«
»Liegen dir diese Informationen nicht längst vor?«, fragte Jana erstaunt.
»Im Prinzip ja, aber ich weiß garantiert noch nicht alles.«
»Was brauchst du konkret?«
»Namen und Anschriften der Opfer. Symptome bei Einlieferung, egal wo, Ergebnisse der Blutuntersuchungen und Analyse der Mageninhalte, sofern vorhanden. Ergebnisse der virologischen Forschung, was immer du an Daten kriegen kannst«, sagte Max.
Jana sah mit einem skeptischen Blick zu Florian, aber Max beruhigte sie mit den Worten: »Ist schon o. k. Florian wird es für sich behalten, dass du für uns in fremden Netzen surfst.«
Er lächelte Jana betont aufmunternd zu und klopfte Florian lässig auf die Schulter. Der trat unwillkürlich einen Schritt zurück und dachte, dass sich sein Freund erstaunlich gut mit Jana verstand. Wahrscheinlich hatte er sie längst angebaggert.
Jana sah zu Max. »Dein Wort in Gottes Ohr.«
Bereits halb aus der Tür fügte sie hinzu: »Also gut. Ich werde mir Mühe geben.«
Nachdem Jana den Raum verlassen hatte, ging Max zum Fenster und blickte hinaus. Sinnierend sagte er zu Florian: »Wer weiß, was die Leute gegessen und getrunken haben, bevor sie ins Krankenhaus gekommen sind?«
Florian zog einen Menüvorschlag seines italienischen Lieblingsrestaurants Alfredo, das ganz in der Nähe des WDR lag, aus der Tasche und las vor: »Variation von gebratenen Jakobsmuscheln und Langostinos auf Löwenzahnsalat, Gemüserisotto mit gegrillten Calamari, geschmorter Seewolf mit gestoßenem Koriander und zum Dessert weißer Pfirsich auf Muskatzabaione mit Pistazieneis.« Er sah Max grinsend an. »Na, das haben die, die jetzt flach liegen, hoffentlich nicht gegessen, denn ich habe vor, es mir am Wochenende einzuverleiben. Komm doch mit, ich lade dich ein.«
Max überlegte einen Moment. »Danke. So lecker das klingt, ich koche ab sofort nur noch selbst.«
»Du und selbst kochen?« Florian musste so heftig lachen, dass er einen Hustenanfall bekam.
»Jawohl, und du bist mein Gast.«
»Und was gibt’s? Hartgekochte Eier?«, stieß Florian hervor.
»In meinem unerschöpflichen Kochbuchfundus lässt sich bestimmt eine Kleinigkeit finden, die Gnade vor deinem Gourmetgaumen findet.« Max’ Stimme klang säuerlich.
Florian schnäuzte sich. Er war heute in wagemutiger Stimmung, das hatte er sich bereits in der Bahn bewiesen, und so sagte er: »Ich bin gespannt. Dann lass dir mal was einfallen.«
»Donnerstag?«
»O. k.« Florian machte eine kurze Pause: »Geht’s auch kalorienreduziert?«
»Hör mal, wenn du darüber nachdenkst, bei Alfredo essen zu gehen, brauchst du bei mir erst recht nicht mit einer Diät anzufangen.« Max’ Blick fiel auf den Bauch seines Freundes, und er grinste: »So schlimm ist es doch nun auch wieder nicht.«
Er nahm den auf dem Küchentisch liegenden Stapel Zeitungen auf den Arm und wurde ernst: »Aber zurück zum Thema. Viele Menschen denken tatsächlich so. Gegessen wird nur, was man selbst auf den Tisch gebracht hat und was aus vertrauenswürdiger Quelle stammt.«
»Jedenfalls solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich um verseuchte Nahrungsmittel handelt. Dabei meint man immer, die Menschen dürften nach BSE, Würmern im Fisch, verseuchten Futtermitteln und Gift in Fritten doch nicht mehr so empfindlich sein.«
»Mag sein. Wahrscheinlich ist den meisten nach all den Skandalen irgendwann sowieso egal, was sie essen«, überlegte Max und schlürfte seinen Kaffee.
Florians Blick fiel erneut auf Alfredos Menü und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Nachdem er seit zwei Wochen keine Zigarette mehr angefasst hatte, entwickelte er daraufhin einen sehr gesunden Appetit. Er spürte jetzt, wie das Hungergefühl in ihm aufstieg, denn er hatte heute nicht einmal gefrühstückt. Nach dem Gang auf die Waage, den er zwei Wochen lang erfolgreich vermieden hatte, war der Schock auf nüchternen Magen umso heftiger gewesen. Das Display hatte 108 Kilo angezeigt. Als sich die Ziffern auch beim erneuten Wiegen nicht veränderten, hatte er seinen Kühlschrank konsequent ignoriert. Er hatte sogar der Versuchung widerstanden, ein Glas Milch zu trinken. Florian nahm sich fest vor, heute Abend die fettarme Variante zu besorgen, möglichst aus dem Reformhaus oder aus dem Bioladen. Auf seinen heiß geliebten Latte macchiato zum Frühstück wollte er auch in Zukunft nicht verzichten. Aber weitere Überlegungen zu diesem Thema hatten Zeit bis heute Abend. Florian zögerte kurz, entschloss sich dann aber, Max doch zu fragen: »Woher hat Jana soviel Ahnung von EDV, dass sie dir Informationen aus fremden Netzen beschaffen kann?«
»Bis vor einem halben Jahr hat sie als Hacker-Fahnderin bei der Kölner Kriminalpolizei gearbeitet, als Angestellte in einer Datenverarbeitungsgruppe. Sie ist in der Lage, sich Zugang zu fast jedem System zu verschaffen«, antwortete Max.
Florian versuchte, seine Überraschung zu verbergen. Er ließ den seltsamen kleinen Laut, der über seine Lippen kam und sich fast wie ein Pfeifen anhörte, in ein Hüsteln übergehen. Scheinbar unberührt sinnierte er: »Bei der Kripo. Ich dachte, sie wäre eher links?«
»Ist sie auch«, sagte Max. »Deswegen hat sie den Job ja quittiert. Außerdem war er wohl nicht gerade üppig bezahlt.«
»Als Beamtin verdient man doch nicht schlecht«, hielt Florian dagegen.
»Soviel ich weiß, war sie nicht verbeamtet, sondern angestellt. Sie hat quasi für einen Hungerlohn gearbeitet. Aber nachdem sie ihr Informatikstudium abgebrochen hatte, war sie erst einmal froh, überhaupt einen Job zu haben.«
»Wollen wir hoffen, dass sie sich bei uns ein bisschen wohler fühlt.«
Max horchte auf: »Spricht da aus deinen Worten etwa mehr als nur berufliches Interesse?«
»Ach was.« Florian wandte sich schnell der Kaffeekanne zu und goss sich noch eine Tasse ein. »Schon mal was von Paragraf 202 a StGB gehört?«
»Ja, aber ich habe den Inhalt nicht mehr exakt präsent«, antwortete Max. Er legte seinen Kopf schräg und sah Florian erwartungsvoll grinsend an.
»Das Ausspähen von Daten kann mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. Meinst du, Jana ist sich darüber im Klaren?«
»Sicher. Sie weiß, was sie tut. Aber wenn die Richter gnädig sind, kommt man auch mit einer Geldstrafe davon.« Max begann zu flüstern. »Und wenn ich es nicht für absolut notwendig halten würde, hätte ich sie nicht um diesen Gefallen gebeten. Immerhin stehen Menschenleben auf dem Spiel.«
Florian sah Max erstaunt an. »Weißt du etwa mehr? Erzähl.«
»Gedulde dich noch ein bisschen.« Max runzelte die Stirn. »Wenn ich sicher bin, erfährst du es als Erster. Nur so viel: Ich glaube, da ist eine ganz große Schweinerei passiert. Und mit den Leuten, die dahinter stecken, ist bestimmt nicht zu spaßen.«
4
Bingo.
Florian legte den Hörer auf. Ausgerechnet jetzt fiel sein Blick auf den Stapel Autogrammkarten, der auf der Ecke seines Schreibtischs lag. Sie waren bereits signiert und zeigten Jörn Carlo mit leicht nach vorn geneigtem Oberkörper und einem Grinsen, das er selbst für ein strahlendes Lächeln hielt. Viele Fans anscheinend auch. Über 50 Autogrammanfragen erreichten die Redaktion jeden Tag. Ein Glück, dass er sich darum, seit er fest als Redakteur angestellt war, nicht mehr kümmern musste.
Florians Blick wanderte zu seiner Armbanduhr. Es war gleich 12 Uhr, er hatte den ganzen Vormittag wie besessen herumtelefoniert, und nun war er endlich zufrieden. Er hatte für die Sendung nicht nur die Zusagen vom Leiter des Gesundheitsamtes und einer Referentin aus dem NRW-Innenministerium, sondern auch die Zusage einer indirekt Betroffenen. Gerade hatte er ausgiebig mit der Ehefrau eines Opfers telefoniert, die ihren bereits bewusstlosen Mann ins Krankenhaus gebracht hatte. Sie war bereit, als Talkgast aufzutreten, und eventuell würde auch ihr Mann, der heute entlassen werden sollte, ins Studio kommen. Florian hatte bereits mit ihm telefoniert. Er war überzeugt davon, dass er in Kombination mit seiner Frau und den politischen Talkgästen die optimale Besetzung für die Talkshow wäre. Das Ehepaar, das sich glücklicherweise gut ausdrücken konnte, war emotional zwar sehr angegriffen, aber das war nicht schlecht, denn Emotionen ließen die Quoten steigen. Außerdem hatten sie mehrfach betont, dass sie großes Vertrauen in die Sensibilität des Moderators hätten. Florian verzog bei diesem Gedanken die Unterlippe. Wenn die wüssten, wie Carlo über manche seiner Talkgäste nach der Sendung herzog. Irgendwie, dachte Florian, mochte er sie alle nicht.
Aber unter journalistischen Gesichtspunkten betrachtet, war Carlo in jedem Fall der optimale Talkshow-Moderator, immer gut vorbereitet, schlagfertig und zu allem Überfluss auch noch attraktiv. Er war groß, schlank, und seine braunen halblangen Locken machten ihn zum Traum aller potenziellen Schwiegermütter.
Sie produzierten Diens-Talk in der Vulkanhalle, einem denkmalgeschützten Klinkerbau in Köln Ehrenfeld, auf dem Gelände des ehemaligen Leuchtstoffröhrenwerks Vulkan. Die Halle bot Platz für bis zu 800 Personen und hatte ein schönes Ambiente, für ihre Talkshow war sie die optimale Location. Wenn Jörn Carlo dienstags nach der Sendung in der Bar auftauchte, in der die Talkgäste mit ihren Angehörigen, die im Publikum gesessen hatten, einen Drink nahmen, rissen sich die Leute darum, noch einmal ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Carlo genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und angehimmelt zu werden.
Der Einzige, der offen zugab, mit Carlo Probleme zu haben, war der Leiter der Abteilung journalistische Unterhaltung beim Sender, für den sie Diens-Talk produzierten. Trotz der guten Quoten. Vermutlich, weil Barrick ahnte, dass Carlo den Menschenfreund nur mimte und weil er es hasste, dass er so gut aussah. Barrick selbst, mit Spitzbart, Geheimratsecken und Kasperlgesicht konnte joggen, so viel er wollte, selbst mit einem perfekten Körper würde sich kaum eine Frau für ihn interessieren.
Florian bemerkte, dass Barrick ihm tatsächlich leid tat, und er wunderte sich darüber. Er sah vom Notizzettel auf, den er sich für die Vorbereitung des Talks gemacht hatte, denn es hatte geklopft. Wenn das so weiterging, würde er den Showablauf zur Redaktionskonferenz nicht mehr fertig bekommen.
Eddie Klump steckte den Kopf zur Tür herein. Er war Boulevardjournalist und hatte hin und wieder spannende Tipps auf Lager, die sich für die eine oder andere Sendung als hilfreich erwiesen. Das Entscheidende aber war, dass Eddie und Max sich schon lange kannten, und die beiden sich gegenseitig immer wieder Informationen zusteckten. Eddie stammte aus einer alteingesessenen Kölner Familie und beherrschte das Klüngeln aus dem Effeff. Er agierte, wie die meisten Kölner, ganz nach dem Adenauer-Motto ›Man kennt sich, man hilft sich‹, und nicht zuletzt dadurch hatte er einen bemerkenswerten beruflichen Erfolg, der über Jahre anhielt. Gegen Klüngeln war im Grunde nichts einzuwenden, fand Florian. Solange es nicht kriminell wurde und Angestellte im öffentlichen Dienst und Unternehmen sich unter der Hand gegenseitig Vorteile verschafften, in dem sie sich Geld und Aufträge zuschoben. Doch genau dafür war Köln ja bekannt. Florian selbst hatte den guten Kontakten seiner Mutter zu verdanken, dass er als Redakteur bei Profi Entertainment arbeitete.
Jetzt, da er Eddie zur Tür hereinkommen sah, dachte er daran, dass Max ihn erst vor einiger Zeit mit dem Journalisten bekannt gemacht hatte, aber Max hatte sicher gewusst, warum. Kürzlich erst waren sie miteinander in der Schreckenskammer versackt, einer Brauereikneipe in der Ursulagartenstraße, bei reichlich Kölsch und abschließend Ramazzotti. Seither hatten sie sich nicht mehr gesehen.
Eddie machte einen erschöpften Eindruck auf Florian, er hatte tiefe Schatten unter den Augen, die trotz seiner rechteckigen Brille sichtbar waren.
»Hast du dir gestern wieder so eine Dosis verpasst?«, fragte Florian lachend.
»Um Himmels willen, eine Kölsch- und Kräutervergiftung im Monat reicht mir. Was du siehst, ist alles ehrlich erarbeitet. Sehe ich wirklich so schlimm aus?«
»Das letzte Mal hast du schlimmer ausgesehen. Aber setz dich doch.« Er deutete auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand, und Eddie nahm Platz.
»Was gibt’s?«, fragte Florian.
»Ihr macht doch eine Sendung über diese unerklärlichen Krankheitsfälle, oder?«
»Ja. Hat Max dir davon erzählt?« Florians Aufmerksamkeit stieg schlagartig.
»Genau. Vielleicht habe ich eine interessante Neuigkeit für dich«, sagte Eddie. »Max meint, dass das was für dich wäre. Habe ihm gerade kurz ›Hallo‹ gesagt.«
»Um was geht’s denn?«
»Um eine mögliche Verbindung zwischen den Krankheitsfällen und einem Todesfall in Ehrenfeld.« Eddie schlug seine langen Beine übereinander. Wie Florian war er fast zwei Meter groß, nur erheblich schlanker.
»Einem Todesfall?«
»Ja, am Wochenende hat es einen erwischt, auf einer Party in Ehrenfeld. Offiziell heißt es, er sei an den Folgen einer Schlägerei gestorben, aber ich vermute, dass er der Erste ist, den die mysteriöse Krankheit gekillt hat.«
»Bist du sicher?«
»Ich war selbst auf der Party. Der Typ hat sich tatsächlich geprügelt, aber das war völlig harmlos. An den Verletzungen ist er mit Sicherheit nicht gestorben, er hatte nur ein blaues Auge, eine gebrochene Nase und ein paar Schnittwunden.«
»Weißt du, wie er heißt?«
»Peter Mallmann. War gerade mal 32.«
»Warum hat er sich geprügelt?«
»Ist mit dem neuen Freund der Gastgeberin aneinandergeraten. War ziemlich eifersüchtig. Offenbar hatte er sich noch Chancen bei ihr ausgerechnet.«
Florian schwieg einen Moment. »Und wieso bist du so sicher, dass er nicht an der Schlägerei, sondern infolge der Krankheit gestorben ist?«
»Erstens hat der Notarzt eine entsprechende Vermutung angestellt, denn Peter Mallmann hat anscheinend ähnliche Symptome wie die anderen Erkrankten gezeigt. Zweitens war die Kripo vor Ort und hat den Staatsanwalt informiert und um eine Obduktion gebeten und drittens war ich heute früh in der Uniklinik. Da habe ich gehört, wie zwei Ärzte mit demselben Kripobeamten, der auch auf der Party war, über erste Ergebnisse der Obduktion sprachen.«
»Ja, und?« Florian hielt die Luft an, aber Eddie biss erst einmal in ein Brötchen, das er aus seiner Jackentasche gezogen hatte.
»Hab’ seit gestern Abend nichts mehr gegessen«, sagte er entschuldigend und nahm noch einen Bissen.
»Na, dann guten Appetit.«
Nach einer Ewigkeit, zumindest kam es Florian so vor, fuhr Eddie kauend fort: »Der Tote hatte in seinem Magen eine Substanz, wie sie auch in den Mägen von anderen Erkrankten entdeckt wurden. Was es ist, habe ich bisher nicht herausbekommen.«
Florian pfiff durch die Zähne: »Bleibst du dran?«
»Na logo.«
»Und hältst mich auf dem Laufenden?«
»Gut möglich.« Eddie erhob sich. »Aber denk doch mal drüber nach, ob der bestinformierte Journalist der Stadt nicht auch ein hervorragender Talkgast für euren schönen Carlo wäre.«
Einen Moment lang sah Florian ihn sinnierend an, dann sagte er unbestimmt: »Mal sehen.«
Eddies Blick blieb herausfordernd und schließlich gab Florian sich geschlagen: »Ist schon o. k. Du bist der Beste, und ich denke, ich find ein Plätzchen in der Sendung für dich.«
Eddie lächelte und wollte gerade gehen. Er hatte schon die Klinke in der Hand, als Florian sagte: »Wie heißt der Kripobeamte, der sich um den Fall kümmert?«
»Rössner, Marco Rössner. Der Name der Gastgeberin ist übrigens Yvonne Kosuczek, sie ist eine alte Freundin von mir und wohnt in Ehrenfeld in der Takustraße 15.«
»Danke. Ich melde mich nach der Konferenz.«
Eddie hob grüßend die Hand und ging. Florian raffte in Windeseile seine Unterlagen zusammen, dann eilte er in das Büro schräg gegenüber.
Während Florian Max alles erzählte, stürzte Theo, der Praktikant, mit einer Mail ins Zimmer: »Um 17 Uhr gibt es eine Pressekonferenz.«
Beide sahen sich an.
Florian dachte daran, dass er die Hintergrundinfos und Fragenvorschläge für sämtliche Talkgäste schreiben musste. Sie sollten morgen früh fertig sein. Und die Abläufe waren natürlich auch noch nicht fertig. Das bedeutete, dass er gleich nach der Redaktionskonferenz, die in einer Viertelstunde beginnen sollte, Megastress haben würde. Trotzdem, die Pressekonferenz hatte absolute Priorität, er musste unbedingt hin.
»Ich gehe«, sagte er und fragte: »Hat Jana schon etwas herausgefunden?«
»Nein, bis jetzt nichts. Sie kommt nicht ins System, die EDV bei der Kripo ist aus irgendeinem Grund blockiert.«
Florian holte tief Luft. »Mist. Was meinst du, wann können wir mit Informationen rechnen?«
»Vielleicht erfahren wir im Laufe des Tages etwas«, sagte Max. »Jana bleibt dran, und ich übrigens auch. Wenn es stimmt, was Eddie erzählt hat, müsste sie auch auf Informationen über Peter Mallmann stoßen.«
»Wie macht sie das eigentlich?«
Max senkte den Blick. »Das fragst du sie am besten selbst.« Auffällig beschäftigt blätterte er in seinen Aufzeichnungen.
»Auf jeden Fall haben wir jetzt ausreichend Stoff für den Talk morgen Abend. Die Stunde Sendezeit kriegen wir gefüllt. Ich bin hochgespannt, ob sich die Mitteilungen nachher auf der Pressekonferenz mit Janas Rechercheergebnissen und den Informationen von Eddie decken.«
Die Tür wurde aufgerissen, die Redaktionssekretärin raunte: »Beeilt euch, die warten schon. Die Konferenz hat angefangen, sie haben bereits mehrmals versucht, euch anzuklingeln.«
Die Sekretärin, ein junges blondes Mädchen, das noch an das Gute im Menschen glaubte, stutzte, denn sie hatte bemerkt, dass Max den Hörer neben den Apparat gelegt hatte.
Beide erhoben sich und griffen nach den Unterlagen. Max überprüfte alles auf Vollständigkeit und murmelte: »Ablaufplan der Sendung, Zuspielfilme, alles da.« Ungerührt legte er den Hörer auf und sagte: »Komm, lass uns einen Zahn zulegen, wenn Regine so trommelt, verheißt das nichts Gutes.«
5
Florian und Max standen vor der Fahrstuhltür und starrten auf das Display der Fahranzeige. Der Fahrstuhl hing offenbar fest, denn die Anzeige K1 leuchtete permanent rot auf. Dort im Souterrain befand sich das Archiv und einige Schnittplätze, an denen Profi Entertainment die Zuspielfilme der Sendung produzierte. Wahrscheinlich hatte mal wieder irgendein Kollege den Fahrstuhl blockiert.
»Verdammt, immer wenn man es eilig hat«, fluchte Max. »Komm, wir nehmen die Treppe.«
Aus dem oberen Stock kam ihnen einer der Aufnahmeleiter entgegen. Im Vorbeilaufen frotzelte er: »Hält fit, was?«
»So fit, dass ich bald einen Kreislaufkollaps kriege«, antwortete Max ärgerlich. Er blieb stehen und hielt sich einen Moment am Treppengeländer fest.
Florian wunderte sich, denn Max machte doch sonst nicht so schnell schlapp. »Nun los, komm schon«, sagte er und musterte ihn prüfend.
Beide nahmen die nächsten Stufen, Max jedoch deutlich langsamer. Als sie im dritten Stock angekommen waren, beugte Max sich über das Treppengeländer und rief hinunter: »Um wie viel Uhr geht’s eigentlich los? Verzögern sich die Stellproben?«
»Nein, sieht gut aus, wir können den Zeitplan vermutlich halten. Ich melde mich, falls ich etwas anderes höre«, rief der Aufnahmeleiter, der bereits im zweiten Stock angelangt war, zurück.
»Hauptsache, morgen läuft alles glatt«, grummelte Florian. Stellproben, die dazu dienten, dass Licht, Kamera, Ton und Ablauf der Sendung so aufeinander abgestimmt waren, dass alles reibungslos funktionierte, führten sie in ihrer Show derzeit eigentlich selten durch, aber diese Woche hatten sie eine neue Bühnendekoration bekommen und deshalb mussten die Elemente der Show neu koordiniert werden, obwohl im Prinzip alles beim Alten blieb.
Mittlerweile war beim Diens-Talk, der seit zwei Jahren lief und am Dienstagabend von 21 bis 22 Uhr einen Marktanteil von durchschnittlich 16 Prozent erzielte, fast alles reine Routine. Auch die Redaktionssitzungen.
Als Florian und Max nun mit Schweißperlen auf der Stirn in den Konferenzraum eintraten, schlug ihnen eine Wolke schlechter Luft entgegen. Irgendjemand hatte Knoblauch gegessen, viel Knoblauch. Florian ging zum Fenster und kippte es, obwohl er es am liebsten weit geöffnet hätte, aber dafür war es noch zu kalt. Dann setzte er sich an den ovalen Konferenztisch, der vor einem großen Flachbildschirm stand, auf dem ununterbrochen das Programm eines Nachrichtensenders lief. Er wunderte sich darüber, dass Hermann Barrick, Leiter der journalistischen Unterhaltung beim Sender, auch hier war. Üblicherweise zitierte er Regine und Max zu Besprechungen zu sich ins Büro. Außer ihm und Max, Regine Liebermann und Hermann Barrick waren zwei weitere Redakteure anwesend, Katja und Curt. Sie waren Kettenraucher wie Regine.
Regine ergriff das Wort: »Um es kurz zu machen. Wir haben das Thema der nächsten Sendung gekippt. Es lautet nicht mehr Köln in Angst, sondern Brutale Diebe, Jugendbanden in Nordrhein-Westfalen.«
»Das ist nicht dein Ernst.« Max bekam einen roten Kopf.
»Doch. Und zwar aus gutem Grund.« Regines Stimme klang ungewohnt scharf.
Barrick lehnte sich zurück, reckte den Hals und schob den Unterkiefer vor, wie immer, wenn er sich einerseits unbehaglich, aber dennoch wunderbar mächtig fühlte.
»Der Leiter des Gesundheitsamtes und die Referentin aus dem NRW-Innenministerium haben vor 20 Minuten ihre Teilnahme an der Show abgesagt«, erklärte Regine.
Florian unterbrach sie entgeistert: »Was? Ich habe doch gerade noch mit beiden telefoniert.«
»Nun, was Sie so unter gerade noch verstehen. Wir machen eine aktuelle Talkshow, und die aktuelle Entwicklung sieht nun mal so aus, dass beide nicht zur Verfügung stehen. Anstatt nun wie wild Ersatz-Talkgäste aus der Politik zu suchen und in Anbetracht der knappen Zeit maximal Gäste der B- oder C-Kategorie zu kriegen, machen wir lieber eine Top-Sendung zu einem ganz anderen Thema …«
»… das aber niemanden wirklich interessiert«, führte Max den Satz fort. »Ich habe zwar, wie ihr wisst, die Sendung über die Jugendbanden schon vorbereitet, aber im Brennpunkt stehen doch jetzt ganz andere Dinge! Die Menschen wollen erfahren, was es mit den dubiosen Krankheitsfällen auf sich hat. Außerdem erwarte ich in den nächsten Tagen einen heißen Tipp über einen bevorstehenden Bandenkrieg, der sich in Köln-Bickendorf abspielen soll. Wäre doch schade, das Pulver einfach zu verschießen.«
Max sah Regine an, und die Hoffnung, dass sie ihm zustimmte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er fuhr fort: »Außerdem haben wir Neuigkeiten. Ein Toter aus Ehrenfeld scheint Opfer der unerklärlichen Krankheit zu sein.«
»Woher wollen Sie das denn wissen?« Barrick funkelte ihn an. Seine Geheimratsecken ließen sein Gesicht noch länglicher erscheinen, als es eh schon war.
»Aus sicherer Quelle«, erwiderte Max.
»Und um welche geht es dabei, wenn ich fragen darf?« Barricks Stimme klang beinahe spöttisch.
»Das würde ich jetzt lieber für mich behalten. Informantenschutz. Aber ich gehe davon aus, dass Sie das spätestens übermorgen in der Zeitung lesen werden.« Max’ Antwort war schroffer als nötig ausgefallen.
»Die Quelle wollen Sie also nicht nennen und wir können sie auch nicht benutzen«, stellte Barrick fest. »Treu und Glauben als Basis der Sendung? Dafür riskiere ich nicht den Kopf bei der Programmdirektion.«
»Moment mal, Herr Barrick. Wenn wir die Sendung machen, dann wird die Quelle sogar mit auf dem Talksofa sitzen«, versetzte Max.
Regine schritt ein: »Woher stammen die Informationen, Max, und wer ist dein geheimnisvoller Talkgast?«
»O. k.« Max verzog das Gesicht. »Eddie Klump vom Kölner Blick. Er weiß eine Menge und war sogar auf der Party, auf der der junge Mann starb.«
»Dieser windige Boulevard-Journalist«, erregte Barrick sich. »Dem ist doch jede Lüge recht, um sich bei uns in die Sendung zu schleichen.« Barrick, bereits Ende 50, kam tatsächlich in Fahrt. »Machen Sie die Sache wasserdicht. Kommen Sie mir nicht mit diesem Klump und bringen Sie mir klare Belege, dann reden wir weiter.«
Max schluckte. »Da ist noch etwas. Florian Halstaff und ich haben heute Morgen per Anruf auf dem Handy eine Drohung erhalten. Wenn wir die Sendung nicht kippen würden, müssten wir mit dem Schlimmsten rechnen. Was immer das auch heißen mag.«
Max und Florian sahen Barrick erwartungsvoll an, gespannt, wie er auf diese Mitteilung reagieren würde.
Barrick stutzte einen Moment. »Sie nehmen das doch nicht etwa ernst?«
»Auf jeden Fall so ernst, dass wir die Sendung unbedingt machen sollten. Nun erst recht.« Max drehte sich zu Florian, der nachdrücklich nickte.
»Keine Frage.«
»In diesem Fall gebietet allein meine Fürsorgepflicht, Ihnen die Sendung zu untersagen«, erwiderte Barrick ironisch. »Nicht, dass Ihnen etwas zustößt. Sie wissen ja, für solche Fälle sind wir beim Sender nicht versichert.«
Max starrte Barrick an und schwieg. Jetzt schaltete sich Regine ein, die wie immer in einem dunklen Designerkostüm am Tisch saß, das ihr halblanges blondes Haar perfekt kontrastierte.
»Wie auch immer, fest steht, dass uns die Gäste aus der Politik abgesprungen sind. Das Problem haben wir in jedem Fall und die Chancen, so kurzfristig hochkarätigen Ersatz zu bekommen, stehen schlecht. Die haben uns nur Mitarbeiter aus dem Mittelbau anzubieten.«
Florian und Max sahen sich an. Die beiden anderen Redakteure sagten keinen Ton.
Schließlich unternahm Max einen letzten Versuch. »Vielleicht lässt sich ja doch noch was machen. Persönliche Kontakte ins Ministerium gibt es doch, oder?« Er wandte sich fragend an Florian.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Meine Mutter hat Drähte dorthin. Aber wir könnten auch schlicht und ergreifend eine ganz offizielle Anfrage an den Direktor der Uniklinik richten, der wäre als Talkgast auch gut geeignet.«
»Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert«, versetzte Max und sah seine Chefin erwartungsvoll an. »Wir sollten nicht so schnell aufgeben.«
Es entstand eine kurze Pause. Die anderen beiden Redakteure, Katja und Curt, schwiegen nach wie vor. Regine rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und schlug die Beine übereinander. Florian bemerkte, dass sie mit ihrem linken Fuß auf und ab wippte. Sie sah einen Moment lang Barrick an, wie um in seinen Gesichtszügen nach Anzeichen für einen eventuellen Meinungsumschwung zu suchen und zündete sich eine weitere Zigarette an, bevor sie abschließend sagte: »Danke für das Angebot. Dennoch, es bleibt dabei, wir machen die Sendung zum Thema Jugendbanden.«
»Frau Liebermann und ich sind einer Meinung.« Hermann Barrick legte in einer entschiedenen Geste seinen Stift, den er in der Hand gehalten hatte, weit vor sich auf den Tisch. Florian kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dies das Zeichen dafür war, dass die Debatte nun beendet sei.
Max rang um Selbstbeherrschung. Er hatte sich vom Stuhl erhoben und beugte sich vor: »Vermutlich hätten Sie zwischen den Talks zur Bandenkriminalität in Nordrhein-Westfalen gern etwas Militärmusik zur Auflockerung, oder?«
Barrick erwiderte trocken: »Gar keine schlechte Idee, sollten Sie sich direkt drum kümmern.«
»Zu kurzfristig«, sagte Max knapp.
»Und mit Kontakten zur Big Band der Bundeswehr kann ich leider nicht dienen«, ergänzte Florian.
»Dann bemühen Sie sich darum. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.« Barrick sah Max und Florian an, griff seine Aktentasche, verabschiedete sich knapp von Regine und verließ mit steifen Schritten das Zimmer.
6
Während Florian und Max nach der Redaktionskonferenz nur widerwillig an ihre Schreibtische am Hansaring in Köln zurückkehrten, hatte Burkhard Weidner den seinen in der Stiftsstraße in Mainz gerade verlassen. Derzeit lief er, die Hände tief in den Taschen seines dunklen Trenchcoats vergraben, stumm neben seinem Sohn am Kölner Konrad-Adenauer-Ufer entlang. Gerade hatte er für die Strecke Mainz–Köln auf der A3 nur knapp zwei Stunden gebraucht, er war gerast, und die längere Abwesenheit von seinem Schreibtisch erschien ihm mit Blick auf Tims Treiben absolut gerechtfertigt. Die Hohenzollernbrücke im Rücken glitt Burkhard Weidners Blick über den Rhein, den er so liebte, er hoffte, dass der Strom in diesem Jahr nicht wieder zu einem Höchststand von mehr als zehn Metern anschwoll. Rhein-Hochwasser stellte für einen Großteil der Bevölkerung eine echte Katastrophe dar, und wenn er daran dachte, war Burkhard Weidner froh, nicht mehr in Köln, sondern in Mainz zu wohnen. 1995 hatte es sie in ihrer Wohnung in der Kölner Altstadt ganz schön erwischt. Er und seine Frau waren vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen umgezogen, aber Tim, ihr Sohn, war in Köln geblieben. Mit prüfendem Blick erkannte Burkhard Weidner, dass der Rhein wegen der Regenfälle der vergangenen Tage schon wieder einen erhöhten Wasserpegel erreicht hatte, aber noch sah alles recht harmlos aus.
Da er sich nicht aufregen wollte, boten ihm die Gedanken an das Hochwasser eine willkommene Ablenkung. Denn was Tim, der seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden trug, ihm eben eröffnet hatte, hatte ihn regelrecht geschockt. Er musste den richtigen Ton finden. Wenn er anfing zu brüllen, würde das Verhältnis, das er so mühsam wieder einigermaßen hergestellt hatte, erneuten Schaden nehmen. Mit aller Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, fragte er: »Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Glaubst du, das würde irgendetwas bringen?«
Tim sah seinen Vater von der Seite an und antwortete, bereits aufbrausend. »Natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gemacht.«
»Schrei nicht so.« Burkhard Weidner, der heute eine Baskenmütze aufgesetzt hatte, weil er sich bei den Temperaturen schnell eine Erkältung zuzog, packte seinen Sohn hart am Ärmel. »Wir sind nicht die Einzigen hier. Leiser, Mensch.« Nervös rückte er die Mütze zurecht, die schräg auf dem Kopf saß und seine spärlichen grauen Haare knapp bedeckte. Aber die zwei älteren Frauen, die einige Meter vor ihnen gingen, hatten sich nicht einmal umgeblickt. Etwas ruhiger sagte er nun: »Also noch einmal, was hast du dir dabei gedacht?«
Tim sah seinen Vater trotzig an und antwortete ausweichend: »Eine ganze Menge. Euer Zeug ist giftig, Mensch, kapier das doch endlich! Einige, die zu viel davon intus haben, liegen jetzt im Krankenhaus. Ein Typ ist wahrscheinlich sogar daran gestorben.«
»Deine Behauptung ist ungeheuerlich!« Burkhard Weidner verspürte den unmittelbaren Wunsch, sich zu setzen, aber die Parkbank, die er am Wegrand bemerkte, schien ihm meilenweit entfernt zu sein. Wortlos ging er neben seinem Sohn her, den Schritt unter der Schwere des soeben Gehörten unwillkürlich verlangsamend. Nachdem er sich wieder etwas gefasst hatte, sagte er: »Selbst wenn du recht hast, ist das immer noch kein Grund, eine TV-Sendung verhindern zu wollen, indem du Redakteure einschüchterst.«
»Doch, es gibt Grund genug.« Tim sah seinen Vater von der Seite an, senkte den Blick jedoch sofort wieder und fuhr kleinlaut fort: »Ich habe es jemandem verkauft, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wenn der herausfindet, dass man daran krepieren kann, werde ich auch nicht mehr lange leben.«
»Du meine Güte.« Burkhard Weidner brach der Schweiß aus und Tim erklärte: »Ein Redakteur von Diens-Talk verfolgt eine Spur, die direkt zu euch führt. Er scheint aber der Einzige zu sein, der davon weiß. Wenn ich den in seinen Recherchen stoppen kann, kommt vielleicht nie heraus, dass dieses dämliche Zeug an allem Schuld ist und Alex lässt mich in Ruhe. Und du hättest Zeit genug, alles, was existiert, zu vernichten und könntest damit eventuell Schlimmeres verhindern.«
Zielstrebig steuerte Burkhard Weidner die Parkbank an, die nun unmittelbar vor ihnen stand, und setzte sich schwerfällig. Tim nahm neben ihm Platz. Der Blick des Vaters wanderte zur Deutzer Brücke, die ihre Farbe wie vier weitere Brücken Konrad Adenauer zu verdanken hatte. Extra auf seinen Wunsch hin war das spezielle Patinagrün entwickelt worden, und es sah wirklich gut aus. Burkhard Weidner atmete tief durch. Am liebsten hätte er das Gespräch mit seinem Sohn jetzt nicht geführt. Wie gern würde er stattdessen unbeschwert über die Hohenzollernbrücke oder über die Südbrücke schlendern und die sogenannten Liebesschlösser in Augenschein nehmen, von denen er in der Zeitung gelesen hatte. Seit einiger Zeit hingen Tausende bunter Vorhängeschlösser am Zaun zwischen Bahngleisen und Fußgängerweg, und täglich wurden es mehr. Verliebte Paare schworen sich auf ihnen ewige Liebe, den Schlüssel für das Schloss warfen sie in den Rhein. Burkhard Weidner fand diesen neuen Brauch so sympathisch, dass er sich vornahm, die Schlösser unbedingt bei seinem nächsten Kölnbesuch anzusehen.
Seufzend wandte er sich seinem Sohn zu und sagte: »Also, du hast davon an diesen Bandenchef verkauft. Wem noch, und wo?«
»Das meiste auf dem Nippeser Wochenmarkt am Wilhelmplatz. Und dann hat so ein Schreiner ein bisschen was gekriegt und eben Alex. Vor allem Alex.«
»Was hast du mit dem überhaupt zu schaffen? Junge, du hattest doch schon genug Ärger mit der Polizei! Willst du dein Schicksal unbedingt herausfordern, indem du dich mit diesem kriminellen Typen einlässt?«
Burkhard Weidner war inzwischen auf alles gefasst, und Tims Schweigen war Antwort genug. Er stöhnte leise und fragte sich, was er eigentlich von seinem Sohn erwartet hatte. Wenn Tim nur ahnen würde, was er ihm antat. In diesem Moment hasste er ihn mit jeder Faser, aber als er Tim kleinlaut sagen hörte: »Ich habe Schiss vor Alex, begreif das doch endlich«, mischte sich unwiderruflich das altbekannte Gefühl der Sorge unter den Groll und gewann schließlich, obwohl er sich dagegen sträubte, die Oberhand.
»Wenn Alex merkt, dass das Zeug nicht koscher ist, dann gnade mir Gott. Der fackelt nicht lange.«
Gedankenversunken betrachtete Burkhard Weidner einige Spatzen, die sich begeistert um trockene Brotkrümel scharten und eifrig darauf erpicht waren, keinen einzigen außer Acht zu lassen. Schließlich sagte er: »Überlass die Angelegenheit bitte mir. Da ist sie besser aufgehoben, und vor allem lass diesen Redakteur in Ruhe.« Mühsam erhob er sich von der Parkbank, stopfte den Schal tiefer in den Ausschnitt seines Mantels und setzte den Weg fort. Tim folgte ihm wortlos. Nachdem sie eine Weile nebeneinander hergegangen waren, fragte Burkhard Weidner: »Haben die in der Redaktion deine Nummer erkennen können?«
»Nein. Ich habe von einer Telefonzelle aus angerufen. Ich bin nicht blöd, auch wenn du immer meinst, ich wäre es«, sagte Tim verstockt. Angriffslustig fragte er nach: »Und? Was willst du tun? Wie ich dich kenne, füllst du erst mal 100 Anträge aus, stimmt doch, oder?« Tim kickte mit dem Fuß ein paar kleine Steinchen aus dem Weg.
Burkhard Weidner spürte, dass er sich sehr beherrschen musste: »Du bist unverschämt«, sagte er nur und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: »In jedem Fall wende ich Mittel an, die klüger sind als deine.«
Inzwischen hatte er große Lust, das Gespräch mit seinem Sohn rasch zu beenden. Er wandte sich um und steuerte schweigend auf die schmalen, bunten Häuser der Kölner Altstadt mit ihren hohen Giebeln und Schieferdächern zu. Sie passierten Groß St. Martin und gingen, gedankenversunken, durch enge Gassen zur Tiefgarage am Dom, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Für die Schönheit der Häuser hatte er heute keinen Blick. »Halt dich da raus, ich sage es dir noch einmal. Verstanden?« Burkhard Weidners Ton klang scharf.
Tim schwieg und sein Vater insistierte: »Ob du das verstanden hast, habe ich gefragt.« Er blieb stehen und sah seinem Sohn fest in die Augen. Tim konnte ihm nicht ausweichen, denn jetzt griff sein Vater auch nach seinen Schultern. Er legte beide Hände darauf und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Ich werde es schon nicht an die große Glocke hängen«, sagte Tim genervt. Er senkte den Blick sofort wieder, und sein Vater ließ ihn los.
Inzwischen hatten sie den Kölner Dom erreicht, das als Weltkulturerbe geltende Wahrzeichen der Stadt. Vor ihnen wurde der Eingang zur Tiefgarage sichtbar. Auf der Domplatte, einer modernen Betonkonstruktion, die den Dom umgab und auf dem Domhügel rund 17 Meter über dem Rhein lag, waren verhältnismäßig wenig Menschen unterwegs.
Bei dem ungemütlichen Wetter bleiben die meisten Menschen wohl zu Hause, dachte Burkhard Weidner und hielt seine Mütze fest, an der der typische Domplatten-Wind zerrte. Und die Touristen saßen vermutlich lieber in den umliegenden Kneipen, tranken Kölsch und aßen Halven Hahn oder Hämchen mit Sauerkraut.
Burkhard Weidner wandte sich ein weiteres Mal an seinen Sohn: »Sieh bitte zu, dass du alles, was du unter die Leute gebracht hast, wiederbekommst. Wie, ist mir ganz egal. Und pass auf, dass niemand etwas merkt.«
Bevor er die Treppen zur Tiefgarage hinabging, fügte er in etwas weicherem Ton nach einem Moment des Überlegens hinzu: »Wir packen das schon.«
Ein flüchtiges, doch aufmunterndes Lächeln glitt über sein Gesicht, dann war er verschwunden. Als er in seinem Wagen saß, drückte er ein wenig zu heftig auf das Gaspedal und der Motor heulte auf. Verdammt, es war spät geworden, er musste dringend zurück.
Zurück ins Ministerium.
7
Tim Weidner kam es so vor, als liefe er schon zum hundertsten Mal durch die Passage in der Bodenheimer Straße Ecke Bahide-Arslan-Straße. Von Alex keine Spur. Ein erneuter Blick auf seine Armbanduhr bestätigte ihm, dass er ihn bereits eine Stunde warten ließ. Gleich 21 Uhr. Frierend und ärgerlich zog Tim den Reißverschluss seiner Lederjacke hoch. Er würde ihm noch fünf Minuten geben, wenn er dann nach wie vor nicht auftauchte, würde er einfach verschwinden. Lange genug gewartet hatte er schließlich. Doch leise Zweifel verschafften sich Gehör. Vermutlich wäre es besser, ein wenig länger zu warten. Man wusste nie, wie er reagierte. Also gut, dann eben noch zehn Minuten.
Alex vertrug es nicht, wenn man ihn versetzte. Dabei war der Gedanke eigentlich absurd. Schließlich hatte er ihn versetzt und nicht umgekehrt.
Wenn er wenigstens wüsste, was er von ihm wollte. Hoffentlich hatte es nichts mit dem Stoff von seinem Vater zu tun. Tim strich sich wiederholt eine Strähne seines langen Haars aus dem Gesicht. Es war doch wohl niemand aus der Gang daran erkrankt? Warum hatte er es auch ausgerechnet an Alex verkaufen müssen. Er schalt sich selbst einen Dummkopf.
Plötzlich spürte Tim einen heftigen Schlag im Rücken. Er stolperte und fiel auf die Steinplatten. Mühsam hob er den Kopf. Über ihm stand Alex und grinste.
»Na, gemütlich da unten?« Alex setzte einen Fuß auf seinen Rücken. Tim hatte keine Chance aufzustehen. Nach vielleicht einer Minute, die ihm unendlich lang vorkam, nahm Alex den Fuß wieder herunter. Er hörte ihn langsam sagen: »Kannst hochkommen.«
Tim richtete sich vorsichtig auf und bemerkte, dass Alex ihm sogar die Hand reichte. Nur zögernd griff Tim zu, doch seine Angst schien unberechtigt, denn er half ihm tatsächlich. Als er wieder auf beiden Beinen stand, klopfte er sich den Schmutz von der Hose und grinste nun auch.
»Alles tutti?«, wollte Alex wissen.
»Klar.« Tims Stimme war schwächer als sonst.
Alex fixierte ihn, legte den Arm fest um seine Schulter und setzte sich in Bewegung.
Tims Herz schlug schneller. Was wollte er von ihm?
»Ich glaube, wir müssen dir mal ein bisschen deine hübsche Visage polieren. Das eben war nur ein kleiner Vorgeschmack.«
»Was habe ich denn verbrochen?«, schrie Tim hysterisch.
Alex ging ungerührt weiter. Der Griff seiner Hand schmerzte Tim durch die Lederjacke hindurch. Wie ein Schraubstock, den er nicht abschütteln konnte.
»Du plauderst ein bisschen zu viel.«
»Ich? Gibt doch gar nix zu plaudern.«
Alex’ Umklammerung tat höllisch weh. Tim versuchte, sich zu befreien, aber vergeblich.
»Da habe ich aber etwas ganz anderes gehört.«
»So? Was denn?« Tim starrte Alex an.
»Was denn?«, äffte Alex. »Ich will dir sagen, was. Da gibt’s einen Reporter, der hinter mir herschnüffelt, und ich habe munkeln hören, dass du ihn mir aufgehalst hast.«
»Nein, habe ich nicht! Ich kenne überhaupt keinen Reporter.«
Abrupt blieb Alex stehen und schlug zu. Tim strauchelte. Er roch frisches Blut. Es rann über sein Kinn. Vorsichtig wischte er es mit seinem Jackenärmel weg, wo es purpurn leuchtete.
»Ich habe dich an niemanden verpfiffen, wirklich nicht.« Tims Stimme klang erstickt. Er wusste weiterhin nicht, wovon Alex sprach, aber er bemerkte, dass er ihn etwas verunsichert hatte.
»Wir sind doch Freunde«, sagte er rasch. Alex blies hörbar Luft durch die Nase und schwieg. »Hast du eigentlich noch was von dem Zeug, dass ich dir neulich gebracht habe?«, fragte Tim vorsichtig.
Alex lachte verächtlich. »Glaubst du, du kommst aus der Nummer mit ’ner milden Gabe raus? Das Zeug war zwar nicht schlecht, aber so gut nun auch wieder nicht.«
»Hast du noch was davon?«
»Leider nicht. Du darfst mir also noch was bringen. Aber wenn du tatsächlich hinter der Sache mit dem Journalisten stecken solltest, wird dir das leider trotzdem nichts nützen, da kannst du Gift drauf nehmen.«
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte Alex Weyer sich um und ging.
8
Diese rasenden Kopfschmerzen.
Normalerweise bekam er so etwas nur sonntags, nach einer durchzechten Nacht, aber nicht am frühen Montagabend. Bereits vor einer halben Stunde hatte er zwei Kopfschmerztabletten geschluckt, aber eine Wirkung war nicht zu spüren. Im Gegenteil. Er presste beide Hände gegen die Schläfen, als könne das helfen. Der Schmerz hämmerte in kurzen Intervallen direkt über der Nasenwurzel und zog nach hinten.
Ein Tiger, der seine Kopfhaut zerfetzte. Ihm seine Krallen ins Hirn trieb. Ihn daran hinderte, zu denken.
Ein lautes Stöhnen kam über seine Lippen. Er musste stehen bleiben, sich an die Wand lehnen. Kalte Wand. Das grelle Weiß der Kacheln tat ihm weh, er musste die Augen wieder schließen, sich vor dem Weiß schützen, unbedingt. Gleichzeitig spürte er, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
Diese rasenden Kopfschmerzen. Taumelnd versuchte er, das Waschbecken zu erreichen. Kein Halt mehr, nirgends. Seine Füße fühlten sich taub an. Jeder Schritt eine Qual. Der Mund trocken wie Staub, die Zunge ein fremdes Tier. Wasser. Im Spiegel seine aufgerissenen Augen, die ihm entgegenblickten. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Krampfhaft hielt er sich am Waschbecken fest und sah hinunter auf die Hand, die da versuchte, den Wasserhahn aufzudrehen. War das seine? Dieses zittrige Etwas, einem Spinnenkörper gleich, den er nicht in der Gewalt hatte?
Keine Kraft mehr. Der Schweiß tropfte von seiner Stirn, doch der Wasserhahn bewegte sich keinen Millimeter. Er röchelte. Die Konturen des Waschbeckens verschwammen. Er versuchte, sich am Rand festzuhalten, den drohenden Fall zu verhindern, aber vergeblich. Er sackte auf den Boden, unfähig, wieder hochzukommen.
Nach Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, drehte er den Kopf, denn er hatte ein Geräusch gehört. Jemand war hereingekommen. Endlich. Er atmete auf. Gekrümmt am Boden liegend, sah er auf ein paar dunkle Stiefel mit grünen Schnürsenkeln, die langsam auf ihn zukamen und dann kurz vor seinem Körper stoppten. Er lächelte. Die Schuhe seines Retters. Am liebsten hätte er sie geküsst. Gleich würde er ihm aufhelfen. Gleich würde alles gut. Er horchte, aber im Raum blieb es still. Totenstill. Nicht der Hauch einer Bewegung. Er versuchte, zu lächeln und seinen Kopf zu heben, denn er wollte sehen, wer vor ihm stand, aber er hatte keine Chance. Er konnte sich kaum rühren. Ehe er all seine Kraft sammeln und etwas sagen konnte, drehten die Schuhe um und entfernten sich. Das leichte Klacken der Tür verriet ihm, dass er erneut allein war. Schaum trat vor seinen Mund und erstickte den Schrei, der aus seiner Kehle nach oben drängte.
Fauchend grub der Tiger seine Klauen tiefer in ihn hinein. Er stürzte sich auf ihn mit ganzem Gewicht.
Enormer Druck. Kaum Luft zum Atmen. Seine Beine manövrierunfähig. Die Taubheit in seinem Körper kroch immer höher. Und jetzt auch noch diese Übelkeit.
Der Tiger ließ einfach nicht los.
Er wusste, inzwischen hatte die Bestie auch seinen Rücken aufgerissen, denn eine ungeheuere Hitzewelle überkam ihn. Er bäumte sich auf. Konnte er sie abschütteln? Nach einer Weile hielt er die Luft an. Tatsächlich, der Schmerz war auf einmal verschwunden. Wie weggeblasen. Sanft wie die Samen einer Pusteblume. Auch der Rücken taub. Er stöhnte. Der Kopf schmerzte weiterhin. Er musste würgen, robbte Richtung Toilette, ruderte auf dem Boden mit den Armen. Der Gedanke, welch lächerliche Figur er abgab, steigerte den Brechreiz ins Unermessliche. Kam denn niemand, um ihm zu helfen? Plötzlich durchzuckte ihn ein Hoffnungsschimmer. Ja, so musste es sein: Der Stiefelträger holte Verstärkung. Alarmierte einen Krankenwagen und kam jeden Augenblick zurück. Er versuchte zu rufen, doch seine Stimme versagte. Er brachte nichts als ein jämmerliches Winseln heraus, das in den Schaumblasen vor seinem Mund verebbte. Jetzt verloren auch seine Arme an Kraft, sie ruderten immer schwächer. Und plötzlich: Auch hier kein Gefühl mehr. Taub wie alles andere. Seine Wange versuchte, sich an den Boden zu schmiegen. Die Augen hielt er geschlossen. Er wollte schlafen, einfach nur schlafen. So lag er eine Weile. Dann ließ ein tiefer, rasselnder Atemzug seinen Körper erzittern, und als er sich nach einigen Sekunden wieder entspannte, kam nur noch ein zarter Hauch über seine Lippen.
Der Tiger hatte endlich losgelassen.
9
Es war bereits dunkel und Florian Halstaff fröstelte, als er auf den Treppenstufen vor dem Haus seiner Mutter im Rodenkirchener Auenviertel stand und zum zweiten Mal an der Haustür klingelte. Florian liebte Rodenkirchen, das 1975 eingemeindet worden war und sich am Westufer des Rheins im sogenannten Rheinbogen befand. Als er noch zu Hause wohnte, hatte Florian in kölntypisch schwülen Sommernächten oft mit Max im feinen Sand des Rheinstrandes gelegen, auf die vorbeifahrenden Schiffe geschaut und stundenlang geredet, über die große Liebe, die erste große Enttäuschung und über das, was sie erreichen wollten in ihrem Leben. Heute hatte er trotz des einsetzenden Nieselregens die Gelegenheit genutzt und einen Spaziergang gemacht, vorbei am Campingplatz hin zum Tennisklub, der einen knappen Kilometer südlich des Auenviertels mitten zwischen den Feldern lag. Florian war immer ein wenig wehmütig zumute, wenn er hier entlangging. In den letzten Jahren hatte er kaum Gelegenheit gefunden, den Schläger in die Hand zu nehmen und sich zu einem Match zu verabreden. Hinzu kam, dass die Tennispartner seiner Kindheit und Jugend mittlerweile in alle Winde verstreut waren. So waren auch die feucht-fröhlichen Runden nach dem Spiel auf der Terrasse oder im Klubhaus immer seltener geworden, und mittlerweile kam es ihm so vor, als ob er kaum noch ein Klubmitglied kenne.
Er klingelte erneut und dachte daran, dass es jetzt doch zu spät geworden war, um fettarme Milch zu kaufen. Die meisten Läden hatten schon geschlossen.
Seltsam, dass Anna nicht öffnete. Wahrscheinlich war wieder einmal Peter Alexander schuld. Anna hatte die komplette Sammlung. Sie hörte nichts anderes, und das immer in voller Lautstärke. Florian hatte sich schon oft gefragt, wie seine arme Mutter das aushielt.
Endlich wurde die Tür schwungvoll geöffnet und vor ihm stand Anna. Kaum, dass sie ihn begrüßt hatte, machte sie schon wieder auf dem Absatz kehrt und war auf dem Weg zurück in die Küche. Florian sah perplex auf ihr weißes Schürzenband, das sich immer weiter von ihm entfernte und über ihrem Hinterteil zu einer ordentlichen Schleife gebunden war. Er dachte, dass ihr Elan offensichtlich völlig ungebrochen war. Soviel er von seiner Mutter wusste, führte sie den Haushalt wie eh und je in Dragonermanier. Jetzt brummte sie Florian über die Schulter an: »Es gibt dein Lieblingsgericht.«
Florian rief ihr hinterher: »Doch nicht etwa rheinischen Sauerbraten?«
Anna blieb stehen und knurrte: »Nein.«
»Rievkoche?«
»Nein.«
Florian musste lachen. »Komm, sag schon, was ist es denn?«
»Roastbeef.« Mit etwas weicherer Stimme fügte sie hinzu: »Aber das Bratenthermometer wartet, ich muss nachsehen, ob die Temperatur stimmt.« Abrupt drehte sie sich um und lief eilig in die Küche.
Florian wusste ganz genau, dass Anna alles tat, um zu verhindern, dass seine Mutter ihm mit ihrem Sauerbraten oder ihren Reibekuchen den Appetit verdarb, und er war ihr dafür sehr dankbar. Marie-Louise Halstaff hatte nie Kochen gelernt und würde es auch nie mehr lernen. Sie selbst glaubte natürlich, sie sei eine hervorragende Köchin und ließ es sich daher nicht nehmen, hin und wieder für die besten Freunde oder ihren Sohn persönlich ein Essen, oft etwas typisch Kölsches, zuzubereiten. Bis heute hatte es niemand übers Herz gebracht, seiner Mutter in aller Deutlichkeit zu sagen, dass ihr rheinischer Sauerbraten und ihre Rievkoche, immerhin ihre favorisierten Gerichte, einfach scheußlich waren. Im Hintergrund hörte er ihre Stimme. »Bist du es, Florian?« Marie-Louise Halstaff kam in die Diele und reichte ihrem Sohn die Wangen zum französischen Kuss.
»Ein bisschen blass schaust du aus.«
Florians Mutter, eine elegante Erscheinung, sehr schlank und zierlich, betrachtete Florian aufmerksam. Aufrecht ging sie voran ins Wohnzimmer. Wie das ganze Haus, das von den Bomben des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben war und über eine Wohnfläche von 300 Quadratmetern verfügte, war auch das Wohnzimmer mit Eichenparkett ausgelegt und hatte eine Deckenhöhe von mehr als drei Metern. Es gab mehrere Sitzecken und Lichtquellen, die die Rot- und Brauntöne der Sofas und der Teppiche vorteilhaft hervorhoben und ihnen einen warmen Schimmer verliehen.
Florian fühlte sich sofort wieder heimisch, auch wenn er im Grunde seines Herzens froh war, der Selbstverständlichkeit, mit der sich seine Mutter ihren exquisiten Geschmack leistete und zur Schau stellte, längst entkommen zu sein. Wie so oft meinte Florian auch jetzt, den süßlichen Duft der Dekadenz, den Möbel und Teppiche verströmten, förmlich riechen zu können. Um jedoch in seinem Innersten keine Missstimmung aufkommen zu lassen, weigerte er sich, diesem Eindruck nachzugehen und steuerte entschlossen auf die von ihm bevorzugte altrosafarbene Couch am Fenster zu. Erschöpft ließ er sich in die Kissen fallen und streckte die Beine aus.
»Wie wäre es mit einem Aperitif?«
»Gern.«
Seine Mutter goss ihm ein Glas Vermouth ein und nahm mit der Eiszange einen Eiswürfel aus dem silbernen Kübel, der auf dem Beistelltisch stand. Sie gab auch eine Scheibe Zitrone hinzu, die vermutlich Anna fürsorglich aufgeschnitten hatte. Florian hob sein Glas. »Zum Wohl, auf alle Feierabende unseres Lebens.« Genussvoll nahm er einen Schluck. »Du trinkst nichts?«
»Später zum Essen. Erzähl, was gibt es Neues?« Marie-Louise sah ihn forschend aus ihren grünen Augen an, die sie Florian vererbt hatte und die dunkel werden konnten wie die Blätter eines Waldfarns im Oktober. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«
Florian begann ohne Umschweife zu erzählen: »Stell dir vor, sie haben meine Sendung gekippt. Angeblich, weil die eingeladenen Talkgäste kurzfristig abgesagt hätten.«
»Worum ging es denn?«, fragte seine Mutter und strich sich vorsichtig mit ihrer Hand durch das halblange, fast schwarze Haar, dessen Spitzen mit leichtem Schwung nach außen sprangen.
Vermutlich ist sie heute erst beim Friseur gewesen, dachte Florian, perfekt gestylt. Laut sagte er: »Um die rätselhaften Krankheitsfälle.«
»Ich habe davon gelesen.« Marie-Louise runzelte die Stirn und spielte mit ihrer langen Halskette, die aus unterschiedlich großen türkisfarbenen Dreiecken und Quadraten bestand und auf Florian den Eindruck machte, als stamme sie von einem türkischen Luxusjuwelier. Seine Mutter hatte ein Faible für außergewöhnlichen Schmuck und Florian musste zugeben, dass sie ein Händchen dafür hatte.
»Wer hat denn abgesagt?«, wollte Marie-Louise Halstaff nun genauer wissen.
»Der Leiter des Gesundheitsamtes und eine Referentin aus dem Innenministerium. Angeblich aus Terminschwierigkeiten. Dabei habe ich eine knappe Stunde vorher mit beiden telefoniert und da war noch alles klar. Außerdem beherrscht das Thema die Schlagzeilen seit einer guten Woche, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die keine Zeit für eine Sendung haben.«
»Hört sich wirklich merkwürdig an.« Marie-Louise Halstaff sah ihren Sohn interessiert an.
»Max bekam nach der Redaktionskonferenz mit, wie Regine Liebermann am Telefon versucht hat, den Leiter der journalistischen Unterhaltung dazu zu bewegen, die Sendung doch zu machen. Mit anderen Gästen, aber Barrick hat sich nicht darauf eingelassen.« Florian führte das Glas an seine Lippen und nahm noch einmal einen kräftigen Schluck.
»Immerhin will Regine, dass wir dranbleiben, davon weiß aber Barrick nichts. Sie hat Max und mich aufgefordert, weiter zu recherchieren. Man kann nie wissen, wofür es gut ist.«
Florians Mutter sah ihn prüfend an. »Dann bist du gerade wohl sehr im Stress?«
»Geht so.« Florian machte eine wegwerfende Handbewegung. »Morgen hänge ich mich richtig rein. Mit der Alternativsendung zum Thema Jugendbanden habe ich zum Glück nichts zu tun, das machen Max, Katja und Curt. Max hat eh schon dafür recherchiert.«
Marie-Louise Halstaff nahm sich einen Zitronenschnitz, biss hinein und musste sich unwillkürlich schütteln. Sie legte den Schnitz schnell zurück auf den Teller. »Kann das wirklich jeden erwischen?«
»Ja.« Vorsichtig sprach er weiter: »Man weiß nach wie vor nichts Konkretes, aber es gibt erste Anhaltspunkte.« Florian stopfte sich ein weiteres Kissen in den Rücken. »Im Mageninhalt fast aller Betroffenen wurde die gleiche Substanz nachgewiesen. Worum es sich dabei handelt, wissen wir derzeit nicht. Ich habe es von einem Informanten erfahren, auf der Pressekonferenz heute Nachmittag wurde darüber kein Wort verloren.«
Florians Mutter schwieg betreten.
»Da werden ganz offensichtlich Fakten zurückgehalten. Inzwischen sind über 40 Leute erkrankt.«
»Du meine Güte.« Marie-Louise Halstaff presste die fein geschwungenen Lippen aufeinander und fragte nach: »Was für eine Substanz könnte das sein?«
»Ich weiß es nicht.«
»Vielleicht ist doch ein Virus Schuld an allem?«
»Genau das versucht man gerade herauszufinden.« Florian schnaubte kurz und griff nach einem Taschentuch, das er zerknüllt aus seiner Hosentasche zutage beförderte.
Marie-Louise Halstaff strich sich einen Fussel von ihrem dunkelblauen halblangen Rock. »Das heißt, nach wie vor weiß keiner, wann, wo und wie man sich anstecken kann, und die, die was wissen, wollen oder dürfen nichts sagen. Tolle Aussichten. Ich sollte also erst einmal nirgendwohin gehen, niemanden treffen und möglichst nichts essen, wenn ich gesund bleiben will.«
Florian sah ihr geradewegs in die Augen. »Stimmt.«
Seine Mutter betrachtete ihn verblüfft, dann sagte sie mit sorgenvoller Miene: »Was auch immer es ist, hoffentlich bleiben wir verschont.«
Florian entschied, ihr nichts von dem seltsamen Telefonanruf, Max’ heißer Spur, von der er nicht einmal wusste, was er damit meinte, und dem Ehrenfelder Toten zu erzählen. Auf der Pressekonferenz am späten Nachmittag war Peter Mallmann mit keinem Wort erwähnt worden. Florian konnte demnach sicher sein, dass seine Mutter so schnell nichts davon erfahren würde, dass die Krankheit vermutlich das erste Todesopfer gefordert hatte, es sei denn, Eddie hätte inzwischen sensationelle Neuigkeiten, die morgen in der Zeitung standen.
Marie-Louise Halstaff wollte gerade etwas erwidern, als sich die Wohnzimmertür öffnete und Anna hereinkam. Auf einem Servierwagen schob sie eine Platte mit Roastbeefscheiben sowie dampfenden Bratkartoffeln, die einen würzigen Duft verströmten, herein.
»Das riecht ja fantastisch.« Florian kräuselte die Nase. Er und seine Mutter gingen hinüber zum Esstisch und nahmen Platz.
»Möchten Sie das übernehmen?« Anna hielt der Hausherrin eine Weinflasche hin und sah sie fragend an.
Florians Mutter studierte das Etikett, nickte zufrieden und schenkte ein. Anna verschwand Richtung Küche.
»Nimmst du keine Kartoffeln?« Marie-Louise sah Florian erstaunt an. »Oder hast du etwa Angst, die zu essen? Sie sind garantiert einwandfrei. Hat unser Gärtner selbst gezogen.« Sie lächelte. »In seinem Garten, nicht in meinem.«
»Ich werde mich mit dem Roastbeef begnügen, danke Mutter. Die Linie.« Florian schluckte.
»Willst du nicht wenigstens einmal probieren?«
»Nein, wirklich nicht.« Florian nahm sich fest vor, im Kampf gegen die Pfunde nun endlich auch mit dem Joggen zu beginnen.
Seine Mutter breitete ihre Serviette auf ihrem Schoß aus. Florian spürte, dass etwas nicht stimmte, sah von seiner Gabel und dem Stückchen Roastbeef auf, das er sich gerade in den Mund schieben wollte, und sagte schuldbewusst: »Sorry.« Er schickte sich umständlich an, seine Serviette ebenfalls auf dem Schoß zu platzieren. »Ich lerne es einfach nicht.«
Marie-Louise Halstaff goss sich ungerührt noch etwas Sauce über ihr Fleisch. Während sie sich ganz auf die Bewegung konzentrierte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie zog die dunkel nachgezogenen Augenbrauen zusammen und sinnierte. »Für mich wäre es fatal, wenn ich krank werden würde, denn ich werde nächste Woche wieder drehen.« Gespannt, wie er auf diese Mitteilung reagieren würde, beobachtete sie ihren Sohn.
»Tatsächlich? Ich freue mich für dich. Was denn?« Florians Augen weiteten sich. Er fand die Nachricht fantastisch. Seine Mutter hatte sich lange genug hauptsächlich mit ihrem Aussehen beschäftigt und war in den letzten Monaten mehr auf Filmbällen denn in Filmen zu sehen gewesen. Alternde Schauspielerinnen waren einfach nicht mehr so gefragt, auch wenn sie einmal große Stars gewesen waren.
»Einen Fernsehfilm«, antwortete Marie-Louise. »Ich spiele eine Ehefrau, die nach 20 Ehejahren feststellt, dass ihr Mann ein Verhältnis hat. Mit einem Mann.«
»Auch schön.« Florian legte sein Besteck auf den Teller und lehnte sich zurück. »Hast du das Gefühl, es könnte hilfreich sein, dass du als Ehefrau völlig unerfahren bist?« Die bissige Ironie seiner Frage war nicht zu überhören gewesen.
Marie-Louise drehte das Glas zwischen ihren Händen. »Ach was. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie grässlich es sein muss, mit einem Mann zusammenzuwohnen.«
»Ja, du.« Florian machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: »Aber ich will mich nicht schon wieder aufregen.«
Seine Mutter hob den Kopf: »Das ist auch besser so.« Vorwurfsvoll fügte sie hinzu: »Wir haben das Thema doch schon 1.000 Mal diskutiert.«
»Trotzdem will ich wissen, wer mein Vater ist.« Florians Stimme war lauter geworden.
Marie-Louise sah ihn mit großen Augen an, schwieg aber einen Moment, bevor sie erwiderte: »Ich finde, wir sollten das Thema nun endlich ad acta legen.« Sie seufzte. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass die Romanze, die ich mit deinem Vater hatte, nur von kurzer Dauer war. Er war ein Frauenheld, unzuverlässig und nicht mal besonders klug.«
»Das hast du mir zigmal erzählt«, versetzte Florian.
»Du könntest ihn vermutlich nicht ausstehen«, sagte seine Mutter und ergänzte mit Nachdruck: »Ich bin davon überzeugt.«
»Mein Urteil über ihn würde ich mir gern selbst bilden. Ich hoffe, dass ich irgendwann noch einmal die Gelegenheit dazu haben werde.« Florian setzte das Glas an die Lippen und leerte es in einem Zug. Voller Unbehagen dachte er an das letzte Gespräch mit seiner Therapeutin, die er zweimal wöchentlich aufsuchte, seit Katharina ihn verlassen hatte. Beim letzten Gespräch hatte ihn die Ahnung erfasst, dass es einen Zusammenhang zwischen seiner Sehnsucht nach dem Vater und seiner Unfähigkeit, eine Beziehung zu führen, geben könnte. Florian runzelte die Stirn. Freitag hatte er den nächsten Termin.
»Mit der Tatsache, dass er dich gezeugt hat, hat er seine Vaterpflichten meines Erachtens ausreichend erfüllt, oder hast du ihn etwa vermisst?« Marie-Louises Augen sprühten Funken.
»Nicht oft. Aber hin und wieder habe ich mir auf jeden Fall einen Vater gewünscht«, sagte Florian. Er dachte an früher. Die Väter im Fernsehen hatten für ihre Söhne Seifenkisten gebaut, waren mit ihnen angeln gegangen oder hatten ihnen gezeigt, wie man einen Drachen steigen lässt. Dinge, die Florian mit der Mutter nicht machen konnte, denn sie war häufig wegen Dreharbeiten außer Haus gewesen. Außerdem kann eine Mutter einen Vater einfach nicht ersetzen, dachte er.
Anna kam herein und fragte, ob sie mit dem Essen fertig seien. Sie war nicht sehr erfreut darüber, dass so viel übrig geblieben war.
Florian war dankbar für die Unterbrechung, denn er merkte, dass das Thema ihm mehr unter die Haut ging, als ihm lieb war.
Als emanzipierte Frau hatte seine Mutter irgendwann einmal die Entscheidung getroffen, ein Kind in die Welt zu setzen und es allein großzuziehen. Sämtliche Erinnerungen an Florians Vater hatte sie vernichtet. Es existierten keine Fotos, und Marie-Louise erwähnte nicht einmal seinen Namen. Sie hatte damals noch am Anfang ihrer Schauspielerkarriere gestanden, verdiente aber bereits sehr gut und konnte es sich leisten, ihr Kind auch ohne die finanzielle Unterstützung eines Mannes aufzuziehen. Bald nachdem sie sich von Florians Vater getrennt hatte, hatte sie ihn vergessen, das behauptete sie jedenfalls, und Verehrer hatte sie immer mehr als genug. Ihre gesellschaftlichen Kontakte zogen sich nicht zuletzt deswegen bis heute quer durch die Republik.
Florian fühlte sich auf einmal müde. Ihm war längst klar, dass er bei seiner Mutter mit der Frage nach dem Vater auf Granit biss und ärgerte sich darüber, dass er es trotzdem immer wieder probierte. Wenn er wirklich etwas über ihn in Erfahrung bringen wollte, musste er sich schon etwas anderes einfallen lassen.
Florian seufzte und folgte seiner Mutter hinüber zur Couch. Im Hintergrund spielte leise Musik, ein Violinkonzert von Mendelssohn Bartholdy. Anna kam herein und brachte mit dem Espresso auch das Telefon. Sie hielt Florians Mutter, die fragend aufschaute, den Hörer hin. »Frau Kilian ist am Apparat. Sie sagt, es sei dringend.«
»Dann geben Sie mal her.« Marie-Louise Halstaff nahm, etwas unwillig über die Störung, den Hörer entgegen.
Florian war gerade im Begriff, ein Stückchen braunen Zucker in die Tasse zu geben und horchte nun auf. Normalerweise rief niemand mehr nach 22 Uhr bei seiner Mutter an. Sie hasste es, so spät gestört zu werden, und eigentlich musste dies doch ihrer besten Freundin in jedem Fall bekannt sein. Die beiden kannten sich aus der gemeinsamen Schulzeit. Was konnte so dringend sein, dass sie sich um kurz nach halb elf hier meldete?
»Oh Gott, das ist ja furchtbar«, hörte Florian seine Mutter sagen. Sie sah auf einmal sehr blass aus und starrte Florian mit schreckgeweiteten Augen an.
»Marianne, um Himmels willen, wie konnte das passieren? Das darf doch nicht wahr sein!«
Florian spürte, wie Angst in ihm hochkroch.
Seine Mutter sackte in sich zusammen. Sie hörte ihrer Freundin am anderen Ende der Leitung einen Moment zu, bevor sie entschied: »Ich komme zu dir. Sofort.« Marie-Louise Halstaff ließ den Hörer in ihren Schoß sinken und drückte langsam auf den Ausknopf. Sie sah Florian lange an und flüsterte: »Max ist tot.«
10
Florian konnte es nicht glauben, Max sollte tot sein? Sein Freund Max, den er von Kindesbeinen an kannte? Als seine Mutter ihm die Nachricht mitgeteilt hatte, fühlte er sich wie vor den Kopf gestoßen. Die Welt war versunken in einem dumpfen Strudel aus Blut, das sich mit Hochdruck durch seine Adern presste und an der Schläfe schmerzhaft zu pochen begann.
»Was ist passiert?« Er hatte seine Mutter entsetzt angestarrt, unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
»Wissen die Ärzte auch noch nicht. Die Uniklinik hat bei Marianne angerufen.«
»Max? Tot? Max ist doch fit wie ein Turnschuh, das kann nicht sein.«
»Florian, es tut mir so leid. Es ist schrecklich.«
Marie-Louise war langsam von der Couch aufgestanden und hatte ihn zur Beruhigung tröstend in den Arm nehmen wollen, aber Florian konnte in diesem Moment keine Berührung ertragen, es war unmöglich. Er hatte sie schroff zurückgewiesen.
»Marianne braucht mich jetzt, ich fahre zu ihr«, hatte sie ihm nach einer hilflosen Pause mitgeteilt und mit hängenden Armen leise hinzugefügt: »Ich hoffe, du verstehst das.«
Er begleitete sie. Seine Mutter sah sehr blass aus, als sie im Taxi zu ihm sagte: »Den Sohn zu verlieren ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.« Dabei blickte sie angestrengt aus dem Fenster. Florian bemerkte, dass sie darum kämpfen musste, ihre Tränen zurückzuhalten. In diesem Augenblick kam er wieder zu sich. Bis zu diesem Moment hatte er sich wie in einem Kokon gefühlt, eingeschnürt in Sprachlosigkeit, die sich nun langsam auflöste. Wortlos legte er den Arm um die Schultern seiner Mutter und drückte sie sanft an sich.
Wie im Film liefen die Bilder vor seinem inneren Auge ab, und Florian wälzte sich in seinem Bett auf die andere Seite. Durch die Gardine, die er wie immer nicht ganz zugezogen hatte, fiel in einem schrägen Streifen helles Mondlicht. Florian atmete schwer. Er hatte den Eindruck, als habe sich langsam und hinterhältig eine Klammer um seine Brust gelegt, die ihm die Luft nahm. Er spürte, wie der Druck stärker und sein Atem flacher wurde. Mit einem Ruck setzte er sich auf, knipste die kleine Lampe an, die auf dem Fußboden neben seinem Bett stand und warf die Bettdecke zurück. Er zögerte kurz, doch dann stand er auf und ging hinüber zum Fenster. Die Holzdielen fühlten sich um diese Jahreszeit kalt an. Florian drehte die Heizung ein wenig auf, obwohl er Heizungsluft im Schlafzimmer eigentlich hasste, und zog die Gardine zurück. Sein Blick fiel auf die mächtige Kastanie, die seit mindestens 100 Jahren, wie der Hausmeister ihm erzählt hatte, im Hinterhof stand, und deren ausladende Äste sich ihm, wie es schien, vertrauensvoll entgegenreckten.
Florian dachte darüber nach, dass der Tod sie eines Tages alle erwischen würde, unwiderruflich. Den einen früher, den anderen später, und selbst die Kastanie würde daran glauben müssen. Vielleicht würde sie eingehen, weil eine Krankheit sie befallen hatte oder sie würde gefällt werden, weil ihr Laub von Jahr zu Jahr weniger Licht in die angrenzenden Wohnungen ließ und ihr Anblick den Bewohnern des Mietshauses lästig geworden war. Florian sah genauer hin, aber an den Ästen war keine Spur von Grün zu erkennen. Er hoffte, der Kastanie blieben noch ein paar Jahre Zeit.
Florian lehnte sich zurück an die Wand und starrte in die Äste. Max’ Bild tauchte vor ihm auf. Er sah ihn vor sich, wie er vor Barrick in der Redaktionskonferenz für die Sendung gekämpft hatte und wie er ihn angegrinst hatte, als er ihn zum Essen einlud. Er schloss die Augen, die Bilder verschwammen und wurden überlagert von dem Bild eines kleinen Jungen, der ihn mit seinen kurzen blonden Haaren, den Sommersprossen und den abstehenden Ohren anlachte, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand über Kreuz, zum Gruß erhoben.
Florian seufzte. Er erinnerte sich daran, wie sie als Zwölfjährige bei einem gemeinsamen Urlaub mit ihren Müttern in Österreich auf die Alm marschiert waren, nur Max, der Sohn des Hoteliers und er. Wie hatte der Hotelierssohn eigentlich geheißen? Florian fiel der Name nicht ein, aber das war ja auch nicht so wichtig. In jedem Fall hatte er den Auftrag gehabt, die Almhütte für den Sommerbetrieb vorzubereiten, denn seine Großmutter sollte dort über den Sommer Kühe und Ziegen hüten. Er hatte seine Urlaubsfreunde Max und Florian gefragt, ob sie nicht Lust hätten, ihn zu begleiten. Und natürlich hatten sie Lust gehabt, denn der Ausflug auf die Alm war etwas Besonderes, Außergewöhnliches, zumal kein Erwachsener dabei sein würde. Die Almhütte sollte aufgeräumt und geputzt werden und sie hofften, Ausbesserungsarbeiten vornehmen zu können, die sonst nur erwachsene Männer ausführten.
Sie hatten sich wichtig gefühlt und waren losgezogen mit prall gefüllten Rucksäcken, in denen sich Schüttelbrot, Bauernkäse, Obst und Wasser befand. Mit zittrigen Knien hatten sie pfeifend Wiesen überquert, auf denen Bullen weideten, und das letzte Stück des Weges ein Wettrennen veranstaltet. Wer als Letzter oben auf der Alm ankommen würde, sollte den Stall saubermachen, das war die Abmachung gewesen. Max und Ernst, jetzt fiel Florian der Name des Hotelierssohns wieder ein, hatten in Windeseile im Endspurt den letzten Abhang erklommen, während er selbst mit hängender Zunge hinterhergekeucht kam. Über Florians Gesicht ging ein Lächeln. Natürlich war er Letzter gewesen, wie immer, wenn es um sportliche Wettkämpfe ging. Als auch er endlich oben angekommen war, hatten Max und Ernst ihm eröffnet, dass die Alm verschlossen war. Ernst hatte den Schlüssel zu Hause im Tal liegen lassen, und so mussten sie sich etwas einfallen lassen, um überhaupt hineinzukommen. Um nicht wieder umkehren und den beschwerlichen Aufstieg ein zweites Mal machen zu müssen, hatte Ernst schließlich kurzerhand ein Fenster eingeschlagen. Sie hatten beratschlagt, wer hindurchkriechen sollte, denn das Loch mit den scharfen, gezackten Glasscherben sah sehr gefährlich aus, aber Max hatte bald beschlossen, dass dies sein Part sei, er sei schließlich der Kleinste. Heldenhaft hatte er sich durch das Fenster gezwängt und beiden die Tür geöffnet, nachdem er innen einen zweiten Schlüssel gefunden hatte.
Florian zog sich der Magen zusammen, als er daran dachte. Max war tot. Sein bester Freund.
Max war mutig gewesen, bereits als kleiner Junge. Er hatte damals stark geblutet, weil er sich an den Spitzen der zerbrochenen Fensterscheibe verletzt hatte, aber irgendwann war es ihnen gelungen, den Blutfluss mit Handtüchern zu stoppen. Max hatte weder geflucht noch gejammert. Die Narbe, die an seinem Ellenbogen zurückgeblieben war, hatte sie auch als Erwachsene stets an ihr Abenteuer erinnert. Und die Finger hatten sie bis heute manchmal zum Gruß gekreuzt.
Florians Füße waren inzwischen eiskalt geworden. Fröstelnd zog er die Gardine zu und legte sich wieder ins Bett. Ein Blick auf den Wecker zeigte, dass es bereits 4 Uhr war.
Als seine Mutter und er bei Marianne angekommen waren, hatten sie eine völlig verstörte Frau vorgefunden, die so stark weinte, dass sie kaum ein Wort herausbrachte. Erst nachdem Marie-Louise einen befreundeten Arzt gebeten hatte, vorbeizukommen, um ihrer Freundin eine Beruhigungsspritze zu geben, war Marianne dazu in der Lage gewesen, zu berichten, was sie wusste. Max war gegen 21.15 Uhr bewusstlos in den Waschräumen eines Fitnessstudios gefunden worden, nachdem er ungefähr eine Stunde dort trainiert hatte. Der Inhaber hatte sofort den Notarzt alarmiert, aber der konnte nur Max’ Tod feststellen.
Florian setzte sich wieder halb auf und starrte an die Wand. Das Licht der kleinen Lampe wirkte seltsam tröstlich auf ihn. Gab es einen Zusammenhang zwischen Max’ Tod, den unerklärlichen Krankheitsfällen der vergangenen Tage und seinen Recherchen? Vielleicht hatten aber auch seine Recherchen über die rivalisierenden Kölner Jugendbanden etwas mit seinem Tod zu tun. Florian verspürte ein alarmierendes Gefühl in der Magengegend, das ihm seit der Nachricht von Max’ Tod die Eingeweide zusammenzog. War Max umgebracht worden? Wahrscheinlich sah er Gespenster. Florian knipste resolut das Licht der Nachttischlampe aus. Außerdem hatte Marianne erzählt, dass Max in den letzten Tagen über Herzrasen geklagt hatte und vorgehabt habe, deswegen einen Arzt aufzusuchen. Wahrscheinlich war er ganz einfach einer der Unglücklichen, die bereits in jungen Jahren einen Herzinfarkt bekamen. Bei dem Job wäre das auch kein Wunder, dachte Florian resigniert und wandte den Kopf in die Richtung, aus der er ein leises Schnurren vernommen hatte. Zicke, seine sechs Monate alte Katze, kam auf Samtpfoten ins Zimmer spaziert. Sie blieb etwa einen Meter vor dem Bett stehen, fixierte ihn mit ihren unergründlichen grünen Katzenaugen, machte einen Buckel und sprang mit einem Satz mitten auf seinen Bauch. Florian zuckte zusammen und fluchte. Kleines Miststück. Als der Schmerz nachließ, begann er sich über ihren Besuch zu freuen und streichelte zärtlich ihr orangeweiß gestreiftes Fell. Beruhigt von der wohltuenden Wärme des Katzenkörpers, fiel er in einen tiefen traumlosen Schlaf.
11
Die Trauerrede, die Regine Liebermann aus dem Stegreif vor der Belegschaft gehalten hatte, war kurz und knapp gewesen, dennoch ergreifend. Die Redaktion war völlig schockiert. Es hatte einige Stunden gedauert, bis sich die Aufregung und Betroffenheit so weit gelegt hatte, dass die Kollegen wieder an die Arbeit gehen konnten. Doch die Stimmung blieb gedrückt. Niemand brüllte, keine Tür knallte, und selbst die Telefone schienen nicht so schrill zu klingeln wie sonst. Glücklicherweise hatte Florian nichts mit der heutigen Sendung zu tun, die mussten Katja und Curt irgendwie hinkriegen, und nicht er.
Vielleicht hoffte Curt bereits, dass er Max’ Nachfolge antreten würde. Florian presste die Lippen zusammen. Er saß an Max’ Schreibtisch und versuchte, die Traurigkeit, die ihn lähmte, beiseitezuschieben und nachzudenken, aber es gelang ihm nicht. Die Frage, ob Max umgebracht worden war, hämmerte in seinem Kopf.
Katja und Curt hatten ihn zuvor gefragt, ob der Spinner sich noch mal gemeldet hatte. Bei ihm hatte er nicht wieder angerufen, aber das musste nichts heißen. Florian machte sich eine Notiz, er wollte sich nicht nur im Fitnessstudio umhören und in Erfahrung bringen, ob und mit wem Max dort gesprochen hatte, sondern sich auch Max’ Handy besorgen und sich in seiner Wohnung umsehen. Vielleicht fand er dort Informationen über die Jugendbanden.
Er durchsuchte Max’ Schreibtisch, entdeckte aber nichts, was ihm in irgendeiner Weise wichtig erschien, außer der Adresse von Peter Mallmann. Er steckte sie in seine Jacketttasche.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Jana, sich vorsichtig auf dem Flur umblickend, kam rückwärts ins Zimmer. Florian sah überrascht auf. Reflexartig schob er die halb geöffnete Schublade des kleinen Schränkchens zu, das unter dem Schreibtisch stand. Jana drehte sich erschrocken um. Ihre Augen waren rot und verquollen.
»Was machst du denn hier?« Überrascht sah sie ihn an.
»Wollte mich nur mal ein bisschen umsehen.«
»Das wollte ich auch. Glaubst du, dass Max an Herzversagen gestorben ist?«
»Nicht wirklich.« Florian merkte, wie eine Gänsehaut seinen Körper überzog. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte er den Impuls, Jana in den Arm zu nehmen, aber es kam ihm unpassend vor, und so ließ er es bleiben.
Jana kam näher. »Und, was gefunden?«
Florian sog tief die Luft ein, aber er roch nichts. Auf ihr Parfum schien sie heute verzichtet zu haben. Aus Pietät vermutlich. Ob das alle Frauen so handhabten, wenn jemand gestorben war? Er wischte den Gedanken schnell beiseite, Jana hatte heute früh ja noch gar nichts von Max’ Tod gewusst.
»Nur die Adresse des Toten aus ›Köln-Ehrenfeld‹.«
»Die habe ich Max gestern noch gegeben. Sonst nichts?«
»Nein. Aber ich vermisse seinen Laptop.«
»Wenn er nicht hier ist, finden wir ihn bestimmt bei ihm zu Hause«, sagte Jana. »Übrigens, die Substanz, die im Magen der Erkrankten nachgewiesen wurde, ist ein Glutamatderivat.«
Florian starrte Jana irritiert an.
»Das ist die neue Form eines Geschmacksverstärkers.« Jana fingerte ein Taschentuch aus ihrer Jeanstasche und schnäuzte hinein.
»Wie machst du das eigentlich?«
»Was?«
»Ich meine, wie kommst du in fremde Computer?«
»Ach, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Oft brauchst du gar nicht mehr in die Computer, also auf die Festplatten. Am einfachsten funktioniert es direkt über das Internet. Du musst dir das so vorstellen: Viele Unternehmen häufen so viele Daten an, dass sie manchmal gar nicht mehr wissen, was sie wo abgelegt haben. Unzählige Menschen arbeiten damit, die Daten werden ergänzt, korrigiert, versehentlich falsch gespeichert, ohne dass es bemerkt wird, und unendlich oft intern und extern verschickt. So sind häufig ungewollt mehr Informationen über das Internet zugänglich, als die Anwender auch nur im Geringsten ahnen.«
Florian zog die Augenbrauen hoch und Jana setzte ihren Vortrag fort: »Hacken war gestern, heute reicht in der Regel schon gekonntes Suchen im World Wide Web. Darüber sind sich alle Experten einig. Ein Beispiel. Kürzlich erst gelangten durch einen Anwenderfehler geheime Konstruktionszeichnungen einer im Bau befindlichen US-Botschaft ins Internet.«
»Tatsächlich?«
»Ja.«
»Eine immer wieder auftauchende Dummheit ist beispielsweise, dass Daten an Stellen gespeichert werden, wo sie nichts zu suchen haben, zum Beispiel auf der Festplatte des Webservers. Selbst wenn du also auf der offiziellen Webseite nichts siehst, ist oft doch etwas im Hintergrund vorhanden.«
»Und wie kommt man da dran?«
»Du brauchst nur die richtige Suchmaschine, und schon wirst du fündig.«
»Und woher weiß ich, welche das ist?«
»Das verrate ich dir leider nicht.« Jana lächelte verschmitzt und sagte bestimmt: »Außerdem ist die Lektion nun beendet.«
»Fortsetzung folgt?«
»Vielleicht später irgendwann. Lass uns erst einmal von hier verschwinden.«
Florian nickte und nahm sein schwarzes Jackett, das er über die Stuhllehne gehängt hatte. »Ins Maybach?«
»Gut, da ist um diese Zeit nicht so viel los.«
Florian folgte Jana über den Flur. Ihr Gang erinnerte ihn an seine Katze, wenn sie mit erhobenem Haupt vor ihm her über den langen Wohnungsflur lief. Mit einem Seitenblick registrierte er, dass das Foto von Jörn Carlo nicht mehr an der Wand hing. Vielleicht regierte doch nicht in erster Linie Geld, sondern Eitelkeit die Welt.
Nach wenigen Minuten waren sie bereits im Restaurant Maybach angekommen, das am Ende der Mediapark-Grünfläche im Direktionsgebäude des ehemaligen Kölner Güterbahnhofs lag und mit seinen weitläufigen Räumlichkeiten ein angenehmes Großstadtflair verbreitete. Im Sommer genoss Florian es, im Biergarten sitzen zu können, der sich großer Beliebtheit erfreute. Nicht zuletzt wegen der guten Küche und der ansprechenden Weinkarte. Heute war es im Maybach so gut wie leer, die Leute vom benachbarten Kölner Filmhaus und die Mitarbeiter aus den Unternehmen rund um den Mediapark waren offensichtlich noch nicht in der Mittagspause. Florian und Jana nahmen an einem Ecktisch Platz. Es waren nur zwei weitere Tische besetzt, und die waren weit genug entfernt. Nachdem die Bedienung zwei Tassen Kaffee gebracht hatte, begann Jana zu berichten. »Stell dir vor, die Kripo ermittelt im Fall Mallmann.« Sie beugte sich Florian über den Tisch entgegen und flüsterte: »Genauer gesagt, die Mordkommission.«
Das wusste Florian bereits von Eddie Klump, ließ es sich aber nicht anmerken.
Jana senkte die Stimme: »Hat sich der Typ, der dich und Max angerufen hat, eigentlich noch mal gemeldet?«
»Nein.«
»Gut.« Jana seufzte erleichtert. »Dann also zurück zum Glutamatderivat. Der Tote aus Ehrenfeld hatte das Derivat im Magen, ebenso wie alle anderen Erkrankten. Allerdings steht noch nicht fest, ob diese neue Form des Glutamats tatsächlich auch Mallmanns Tod herbeiführte.«
»Hoffentlich finden die Gerichtsmediziner das bald heraus. Wissen sie schon, in welchen Lebensmitteln es enthalten ist?«
»Unter Verdacht stehen zwei neue Produkte, die vor zwei Wochen auf den Markt kamen. Eine Vollmilchschokolade und ein Frischkäse. Vermutlich reden sie gerade mit den Herstellern.«
»Hast du die Namen?«
Jana nickte und zog einen Zettel aus ihrer schmalen, dunkelbraunen Aktentasche. Florian streckte die Hand aus und Jana schob den Zettel über den Tisch.
»Ziemlich bekannt.« Florian pfiff leise durch die Zähne.
»Ja. Und da ist noch etwas. Alle Opfer hatten Alkohol im Blut.«
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