Kitabı oku: «Im Moor und auf der Heide»

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Bruno P. Kremer, Bärbel OftringIm Moor und auf der Heide


Bruno P. Kremer, Bärbel Oftring

Im Moor und auf der Heide

Natur erleben – beobachten – verstehen


Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin. Ihre Liebe zur Natur setzt sie heute als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von zahlreichen Sachbüchern für Kinder und Erwachsene sowie in verschiedenen Naturforscherprojekten in die Tat um. Ihre Bücher vermitteln auf anschauliche und interessante Weise, was es alles über Tiere und Pflanzen zu entdecken gibt. Sie wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Bruno P. Kremer studierte Biologie und Chemie. Nach jahrelanger Feld- und Laborforschung zu Problemen der biochemischen Grundlagen ökologischer Anpassung lehrt er am Institut für Biologie und ihre Didaktik der Universität zu Köln und befasst sich mit Themen der Umwelt- sowie Naturerlebnispädagogik. Er veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Natursachbücher, die in insgesamt 14 Sprachen übersetzt wurden.

1. Auflage 2013

Bibliografische Angaben der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-258-47777-0

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013 by Haupt Berne

Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig.

Gestaltung und Satz: pooldesign.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

www.naturerleben.net in Partnerschaft mit www.naturgucker.net

www.haupt.ch

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbereitung auf den Moor- und Heideausflug

Im Moor und auf der Heide

Eine Einleitung

Erlebnisräume Moor und Heide

Brücher, Moore, Sümpfe

Vielfältig und verschieden

Regenernährte Hochmoore

Landschaftsprägende Niedermoore

Eingetieft und abgeschlossen

Vom Moor zur Heide

Frühling

Einleitung Frühling

Geschichtete Geschichte

Winzige Landschaftsgestalter

Wenn Frösche blaumachen

Wie man in die Binsen gerät

Sternenpracht im Moortümpel

Ballett im Morgengrauen

Eine tagaktive Eule, gibt es das?

Limikolen in Moor und Heide

Kurzinformationen Frühling

Sommer

Einleitung Sommer

Wollgräser bestimmen das Bild

Paarungsrad und Tandemflug

Pflanzen auf Kleintierjagd

Schieberei im Untergrund

Bodenbrüter in Moor und Heide

Insekten in Moor und Heide

Kurzinformationen Sommer

Herbst

Einleitung Herbst

Wenn die Heide blüht

Versponnene Welt: Leben am seidenen Faden

Pollenanalyse: Ein Torfprofil als Zeitleiste

Atlantische Küstenheiden

Leckere Früchte aus Moor und Heide

Moorlichter und Irrgeister

Ein lebendes Moor besuchen

Kurzinformationen Herbst

Winter

Einleitung Winter

Palsen und Pingos

Kunstvolles aus klirrend kalten Kristallen

Verflechtungen von Moor und Heide

Leitgehölz der Heidelandschaft

Ein nasses Geschichtsbuch

Moorleichen: Haut ohne Knochen

Kurzinformationen Winter

Anhang

Fragen und Antworten

Zum Nachschlagen und Weiterlesen

Bildnachweis

Vorwort

Ob in Dichtung, Sage, Mythen, Liedern, Märchen oder Malerei – seit vorchristlicher Zeit war das Moor ein düsterer, abstoßender, menschenfeindlicher Ort. Schon der römische Schriftsteller Tacitus hob vor 2000 Jahren die Moore als kennzeichnende Landschaftsteile Germaniens neben den Wäldern hervor. Ganz anders die Heide, die niemals bedrohlich oder gar geheimnisvoll-bösartig, sondern insbesondere in Heimatfilmen sogar als ein heiter romantischer, gar lieblicher Ort empfunden wird. So unterschiedlich diese Wahrnehmungen auch sind, gelten die beiden Naturräume Moor und Heide heutzutage vor allem als Landschaften von hohem Reiz – für Wissenschaftler ebenso wie für interessierte Spaziergänger.

Diesen Reiz können Sie am besten spüren, wenn Sie ein Moor oder Heidegebiet besuchen und sich auf diese einzigartigen Lebensräume einlassen: So gegensätzlich das ständig feuchte Moor und die trocken-karge Heide auch sind, sie beide bieten Beobachtungs- und Erlebnismöglichkeiten der Spitzenklasse. Weil man Moor und Heide nicht täglich vor Augen hat, erscheint dort alles auf den ersten Blick hin einigermaßen gewöhnlich. Die Besonderheiten, die auffälligen wie die kleinen verborgenen Dinge, entdecken Sie durch aktive Wahrnehmung. Dabei möchte Ihnen dieses Buch helfen. Es spürt ungewöhnliche Sachverhalte auf, erklärt Ihnen Zusammenhänge, erzählt Geschichten und lädt zum Erkunden ein.

Und weil die Natur nichts Statisches ist, sondern das Resultat von Vernetzungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, und weil das Erkunden ja auch Spaß machen soll, finden Sie überall Verweise auf andere, verwandte Themen im Buch sowie auf Geräusche, Filme und zusätzliche Bilder auf der Website www.naturerleben.net. Zahlreiche Heidevögel lassen sich leichter anhand ihrer Stimme als an ihrem Äußeren unterscheiden – prägen Sie sich die entsprechenden Tonspuren ein. Oder schauen Sie sich den Film über das Leben im Moorboden an. Wenn Sie eigene Beobachtungen oder Fotos mit anderen teilen möchten, können Sie dies dank unserer Partnerschaft mit www.naturgucker.net auch ganz einfach auf unserer Website tun.

Ab all dem Kreuz und Quer und Hin und Her zwischen Buchkapiteln und Website soll auch etwas hängen bleiben – mit den Quizfragen können Sie locker prüfen, wie viele Geheimnisse Sie schon gelüftet haben. Seit November 2011 gibt es noch eine weitere Dimension zu entdecken: Mit der iPhone-App zur Buchreihe können zum Beispiel die häufigsten Tier- und Pflanzenarten im Moor und auf der Heide bestimmt und das Auge und die Ohren durch die Beantwortung der Quizfragen für die Natur geschärft werden. Viel Spaß beim Beobachten, Entdecken und Erleben der Natur wünschen die Autorin, der Autor und Ihr Haupt Verlag!

Film

Tonspur

Fotos

Vorbereitung auf den Moor- und Heideausflug

Moor und Heide sind Lebensräume, die heutzutage bei uns fast verschwunden sind. Sie offenbaren ihre eher raue Schönheit und erstaunliche Vielfalt oft erst auf den zweiten Blick. Da gerade dort spezialisierte Arten vorkommen, die es sonst in keinem anderen Lebensraum gibt, versteht sich ein stets achtsamer und respektvoller Umgang mit den Pflanzen und Tieren von selbst. Schließlich sind Sie «nur» Gast in deren Lebensumfeld.

Tiere

Halten Sie sich von brütenden Vögeln fern. Scheuchen Sie keine Tiere auf. Lassen Sie Insekten, Spinnen und andere Bewohner von Moor und Heide, die Sie aus der Nähe betrachtet haben, dort wieder wohlbehalten frei, an der Sie sie aufgenommen haben.

Pflanzen

Um Pflanzen näher zu betrachten oder zu bestimmen, müssen Sie sie nicht ausreißen. Belassen Sie sie besser am Wuchsort, denn Pflanzen bieten Tieren Nahrung, Schutz, Unterschlupf, Brut- und Nistmöglichkeiten. Gerade in Moor und Heide kommen zahlreiche seltene Pflanzenarten vor, die unter Artenschutz stehen.

Abfälle

Bitte nehmen Sie Ihre Abfälle wieder mit und hinterlassen Sie diese nicht in der Natur. Flaschen, Dosen und anderer Müll wurden schon für viele Tiere zu tödlichen Fallen. Müll gehört in den Abfalleimer!

Hunde

Halten Sie sich unbedingt an die Leinenpflicht in Naturschutzgebieten: Ein einziger frei laufender Hund kann beispielsweise dazu führen, dass Kiebitze einen angestammten Brutplatz nicht mehr aufsuchen – fatal in unserer eh schon verarmten Natur, in der die Lebensräume für Pflanzen und Tiere immer kleiner werden. Auch darf Ihr Hund keine Tiere aufscheuchen oder Ruhe, Brut und Jungenaufzucht stören. Sind Jung- und Wildtiere in der Nähe, sollten Sie Ihren Hund stets an die Leine nehmen.

Ausrüstungsliste

Auch ohne besondere Ausrüstung können Sie im Moor und auf der Heide Pflanzen und Tieren erkunden und beobachten – aber mit ein paar Hilfsmitteln entdecken Sie einfach mehr. Dann kommt beim Erkunden der Natur erst richtig Freude auf!


›das wichtigste Utensil: Fernglas
›Kamera (evtl. wasserdicht)
›evtl. MP3-Player zum Aufnehmen von Lauten
›Hand- oder Becherlupe
›Pflanzen- und Tierbestimmungsbücher
›Notizbuch und Schreibzeug
›Taschenmesser
›wettertaugliche Kleidung, Schuhwerk und Sonnenschutz
›Reiseapotheke mit Pflaster und Desinfektionsmittel (für kleine Malheurchen)
›Zwischenmahlzeit und Getränk




Moor im Nebel

Erlebnisräume Moor und Heide

Selbst auf dem einigermaßen festen Weg gurgelt und schmatzt der Boden unter jedem Schritt und Tritt. Dichte Nebelschwaden umfassen die wie verkrüppelt aussehenden Moorbirken und -kiefern nur schemenhaft. Unwirsch fahren die weit ausladenden Äste der Kiefern dem einsamen Wanderer ins Gesicht, während ihre knorrigen Wurzeln heimtückisch nach seinen Füßen hangeln. Die kurzen, altersschwach geneigten Stämme der Weiden mit den vielen zurückfaulenden Astlöchern schneiden fürchterliche Grimassen. Was war das doch vorhin für ein seltsam knackendes Geräusch? Huschte nicht eben ein düsterer Schatten hinter ein Gebüsch? Woher kam gerade der lang gezogene Klagelaut?

«Birken be(ob)achten»

Wahrhaftig – das Moor liefert wirkungsvoll die perfekte Kulisse für ziemlich ungute Gefühle und Gänsehaut. Den meisten Menschen erscheint das Moor auch heute noch unheimlich, hierher geht man höchst unfreiwillig.

Stimmungsvolle Niederungsmoorlandschaft

Lebensraum mit Rufmord

Der schlechte Ruf von Mooren ist die späte Folge von Märchen und Mythen, die wir schon seit frühester Kindheit kennen. Auch viele literarische Darstellungen prägen unser Bild vom Moor – man denke da zum Beispiel an die unheimliche Szenerie, in der Sir Arthur Conan Doyles «Der Hund von Baskerville» durch die nächtliche Einsamkeit hechelt, oder an die gespenstischen Vorgänge in der finsteren Ballade «Der Knabe im Moor» von Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848): «O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen», heißt es gleich in der ersten Zeile. Und in der letzten Zeile setzt sie sicherheitshalber gleich noch eins drauf: «O schaurig war’s in der Heide». – Von der Heide war zwar vorher nirgendwo in der Ballade die Rede, aber sicherheitshalber bekommt auch dieser Lebensraum einen Seitenhieb ab.

«Moorleichen: Haut ohne Knochen»

Die neue Wertschätzung

Allerdings gibt es – besonders in jüngerer Zeit – nicht nur negative literarische Einschätzungen von Moor und Heide. So schreibt beispielsweise Hermann Löns (1866–1914) über das Bissendorfer Moor – heute ein Naturschutzgebiet – : «Wer es [öde, traurig und verlassen] schimpft, der kennt es nicht. […] Im Frühherbst, wenn die Heide blüht, dann gewinnt dem Moor jeder Mensch Geschmack ab, und auch im Spätherbst, wenn das Birkenlaub goldgelb leuchtet, findet man es schön. […] Wen es aber gelüstet, aus dem Lärm der Stadt herauszukommen und einmal alleine zu sein, keine Menschen um sich zu sehen, die überall die Wälder füllen, der muss in das Moor hinauswallen.»

Lebensraum Moor

Zwischen tropfnass und staubtrocken

Moor und Heide nennt man oft (und auch in diesem Buch) in einem Atemzug, obwohl beide Lebensraumtypen, genauer betrachtet, nicht unbedingt ganz so eng zusammengehören und tatsächlich eher ein Gegensatzpaar bilden: Das Moor ist in seinem ökologischen Profil ein vom Wasser dominiertes Gelände, auf das zumeist auch die nicht allzu positiv besetzten Begriffe Morast und Sumpf passen. Eine Heide kann man dagegen durchaus zutreffend als Sonderfall eines Trockenbiotops auffassen.

«Vielfältig und verschieden»

Das legt eine saubere begriffliche Abgrenzung nahe, aber die gelingt nicht so ganz einfach. Sie wird unter anderem dadurch erschwert, dass beispielsweise sowohl auf der Heide als auch im Moor zahlreiche Vertreter der Heidekrautgewächse (Ericaceae) vorkommen. Mitunter liegen kleine Moore auch inmitten ausgedehnter Heidegebiete wie etwa im Fall der Dünentälchenmoore, die sich beispielsweise auf den Nordseeinseln in den Senken der verheideten Braundünenzüge verstecken. Umgekehrt können auch größere Moorflächen im Randbereich einen klaren Heidecharakter annehmen, und außerdem gibt es in der Vegetationskunde den – zugebenermaßen nicht besonders glücklich gewählten – Begriff der Heidemoore. Auf diesen Lebensraumtyp trifft man beispielsweise in der Wahner Heide, dem größten nordrhein-westfälischen Naturschutzgebiet, in das man unglücklicherweise den Großflughafen Köln-Bonn platziert hat.

Moore und Heiden sind, wie bereits gesagt, im Prinzip gänzlich gegensätzliche Lebensräume. Das zeigt sich klassischerweise in ihrer Entstehungsgeschichte: Moore sind natürlich gewachsene Lebensräume bzw. Lebensgemeinschaften. Sie sind gleichsam die letzten inselartig erhaltenen Reste eines in der Spät- und frühen Nacheiszeit weitflächig verbreiteten Pflanzenkleides unserer Landschaften. Heiden sind dagegen im typischen Fall erst unter der Hand des wirtschaftenden Menschen entstanden, der mit Beginn der Jungsteinzeit seine Existenzsicherung von der jagend-sammelnden Aneignungswirtschaft auf die ortsgebundene Pflanzen- und Tierproduktion umstellte und die ersten bäuerlichen Kulturen etablierte. Mit der vor ca. 7000 Jahren auch in Mitteleuropa einsetzenden neolithischen Revolution begannen die frühen Siedlerkulturen die Wälder zu roden und Freiflächen für den Nutzpflanzenanbau zu schaffen. In der Folge wurde in Gebieten mit Sandböden der Oberboden durch Auswaschung in kurzer Zeit immer nährstoffärmer und verhalf so nur wenigen anspruchslosen Spezialisten unter den Pflanzen zur Flächendominanz – es entstanden erste Heiden. Heidegebiete sind somit Dokumente der Wirtschaftslandschaft früherer Jahrhunderte. Dennoch sind sie nicht nur im Blühaspekt, sondern auch in biologisch-ökologischer Hinsicht ungemein faszinierend.

«Vom Moor zur Heide»


Hochmoorgelbling (Colias palaeno)

Heidelandschaft

«Wenn die Heide blüht»

Fragen


›Was dokumentieren Heidelandschaften?
›Welche Bedingungen führen zur Entstehung eines Moors?

Antworten

Blühende Sumpfwiese

Brücher, Moore, Sümpfe

Überall auf der Erde befinden sich Wasser und Festland in ständigem Konflikt miteinander. Die sichtbaren Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind die jeweiligen Landschaftsbilder. Schon das kleinste Rinnsal gräbt sich selbst eine Abflussrinne, der rauschende Bergbach legt mit der Zeit tiefe Täler an, und auch der breite behäbige Tieflandstrom modelliert immerfort an seinen Ufern herum. Noch eindrucksvoller zeigt sich das stetige Gerangel zwischen den bewegten und festen Elementen an den brandungsexponierten Meeresküsten. Gewöhnlich steht hier das Festland als eindeutiger Verlierer da.

Lebensraum Moor

Oftmals durchdringen sich Wasser und festländisches Lockermaterial gegenseitig und bilden dann Mischphasen, für die man im Alltag gerne die Bezeichnungen «Matsch», «Modder» oder «Morast» verwendet. Die fachwissenschaftliche Sicht der Bodenkundler, Geologen und Ökologen sieht es distanzierter: Sie weisen darauf hin, dass sich – zumal über wasserundurchlässigem Untergrund – Staunässe entwickelt. Zufließendes oder über die Niederschläge eintreffendes Wasser bleibt dadurch an Ort und Stelle. Es könnte allenfalls durch direkte Verdunstung seinen Weg zurück in die Atmosphäre antreten, aus der alles Oberflächen- und Grundwasser der Festländer letztlich stammt. Solche wassergesättigten Böden sind die wichtigste Voraussetzung für die Entstehung der Feuchtgebiete vom Typ der Sümpfe und Moore, die weder richtige Gewässer noch eindeutige Festlandlebensräume darstellen, sondern irgendwo dazwischen einzuordnen sind.

Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica)

Moorauge

Sumpf und Moor – ein «grund»legender Unterschied

Was aber unterscheidet einen Sumpf von einem Moor? Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal betrifft das Schicksal der in einem solchen Lebensraum anfallenden abgestorbenen Pflanzensubstanz. In jedem Ökosystem fällt während und vor allem gegen Ende der Vegetationsperiode eine Menge organisches Material an. Besonders augenfällig ist dies im Laubwald: Kaum sind die Blätter im Frühjahr den schützenden Winterknospen entwachsen, rieseln kilogrammweise Knospenschuppen und wenig später die entbehrlichen Blüten(teile) auf den Waldboden. Geradezu dramatisch wächst das Abfalldepot am Waldboden im Herbst, wenn nach furiosem farblichem Finale der Laubfall einsetzt.

«Vielfältig und verschieden»

Im Unterschied zur menschlichen Wirtschaft kennt die Natur allerdings keinen dauerhaften Abfall. Normalerweise macht sich ein Heer von Zersetzern über die anfallende organische Totsubstanz her und führt die darin enthaltenen Bestandteile in den allgemeinen Stoffkreislauf zurück. Perfekter könnte ein vorbildliches Materialrecycling gar nicht beschaffen sein!

In einem Sumpf schwanken die Wasserstände im Jahresgang, und eventuell trocknet der Boden auch einmal ganz aus. Dann hat der Luftsauerstoff überall freien Zutritt zum abgelagerten organischen Material. In der Folge gelingt es den kleinen Bodenorganismen, die anfallende pflanzliche Totsubstanz in relativ kurzer Zeit – wie übrigens auch auf dem Laubwaldboden – vollständig abbauen. Sie häufen am oder im Sumpfboden daher nur eine dünne Humusschicht an, die aus (zunächst) nicht weiter abbaubaren Resten besteht.

In Sümpfen findet anders als in Mooren keine Torfbildung statt.

Anders verhält es sich im Moor: Hier ist die die Wassersättigung des Bodens im Gegesatz zum Sumpf lage- und/oder klimaabhängig ziemlich konstant. Wegen des dadurch bedingten mehr oder weniger dauerhaften Sauerstoffmangels kann kein vollständiger Abbau der anfallenden organischen Totsubstanz stattfinden – es kommt also allenfalls zur Vermoderung bzw. zur Vertorfung (vgl. S. 40 ff.). Torf und Torfanhäufung sind somit die wichtigsten Kennzeichen eines Moores und unterscheiden es grundlegend vom Sumpf.

«Das Moor im Garten begraben?»

Beobachtungstipp – Moorleichen en miniature

Im Torf bleiben die angehäuften Pflanzenreste unter Sauerstoffausschluss unter Umständen viele Jahrtausende lang erhalten. Ein kleines Torfpaket – gegebenenfalls sogar aus der Bodenfüllung eines Blumentopfes – kann daher ein überraschend ergiebiges Untersuchungsgut für die (Stereo-)Lupe oder das Mikroskop sein. Neben pflanzlichen Makroresten (Blattepidermen, Leitbündelbestandteile) lassen sich in den Proben häufig auch Pollen oder Sporen finden (vgl. S. 128 ff.).

Fragen


›Was ist Torf?
›Was passiert mit dem Pflanzenmaterial in einem Moor?

Antworten

Wasserhaushalt der Moore: 1 Niederschlag, 2 Verdunstung, 3 seitlicher Zufluss, 4 seitliche Durchströmung, 5 Durchströmung von unten, 6 etwaiger Abfluss, 7 Abfluss in den Randsumpf

Vielfältig und verschieden

Genauso wie man von Wald oder Wiese spricht und dabei klar vor Augen hat, dass es grundverschiedene Wald- bzw. Wiesentypen gibt, verbirgt sich auch hinter dem Begriff Moor eine erstaunliche Bandbreite verschiedener Erscheinungsformen. Diese Vielfalt zeigt sich bereits in den entsprechenden Fachbegriffen wie Hoch- und Niedermoor, Hangmoor, Heidemoor, Kesselmoor, Durchströmungsmoor und vielen anderen. Aber auch die Regionalsprache kennt mancherlei Unterschiede: Filz und Moos (Bayern) oder Moos und Ried (Baden-Württemberg) sind gewiss nicht dasselbe. In Schweden unterscheidet man säuberlich mosse und kärr, im angelsächsischen Raum bog und fen, in Frankreich marais und tourbière. In den Niederlanden existiert allerdings nur der eine Begriff veen. Im relativ moorarmen Italien spricht man ebenfalls einheitlich nur von palude. Eine solche Vielfalt der Bezeichnungen erfordert eine klare Ordnung.

«Eingetieft und abgeschlossen»

Die traditionelle Sicht

Eine einfache und für die Praxis überaus brauchbare Einteilung unterscheidet zwischen Nieder- und Hochmoor. Zugegebenermaßen wäre es verführerisch, die betreffenden Begriffsinhalte mit Niederungs- bzw. Höhenmoor zu umschreiben. Den entscheidenden Unterschied macht jedoch nicht die topografische Höhenlage im Tiefland bzw. im Gebirge aus, sondern die Art der Wasserzufuhr bzw. die Herkunft des Wasserüberschusses, weswegen man auch von einer hydrologischen Einteilung der Moortypen spricht.

Hochmoor

Ein Nieder- oder Flachmoor ist immer ein Grundwassermoor. Der jeweilige Moorstandort- bzw. -bildungsort erhält sein lebenserhaltendes Wasser aus dem Oberflächenabfluss und vor allem aus dem ganzjährig hoch anstehenden Grundwasser. Niedermoore sind somit generell grundwasserernährt – man nennt sie deswegen auch minerotroph. Sie entwickeln sich in feuchten Mulden und Senken, in Quellgebieten, in breiten Flussauen und vor allem in den Randbereichen von Seen. Der Begriff «Niedermoor» erklärt sich daraus, dass dieser Moortyp bevorzugt, aber nicht ausschließlich in der Niederungslandschaft (Tiefland) auftritt. Die Bezeichnung «Flachmoor» verweist dagegen auf die ebene Oberflächengestalt dieses Moortyps. Niedermoore können demnach auch durchaus im Gebirge vertreten sein. Gewöhnlich sind sie ziemlich nährstoffreich. Deswegen bezeichnet man sie im Unterschied zu den nährstoffarmen Hochmooren vielfach auch als Reichmoore.

«Landschaftsprägende Niedermoore»

«Regenernährte Hochmoore»

Nieder- oder Flachmoore sehen wegen ihrer unterschiedlichen landschaftlichen Einbindung und Entwicklung meist sehr verschieden aus. Man kann daher geradezu von einer Flachmoor-Typologie sprechen, wie sie auch in den Schemata der Abbildung unten auf dieser Seite zum Ausdruck kommt. Die ausgewählten Beispiele zeigen einige der wichtigsten Formen. Tatsächlich ist die Bandbreite an diesen besonderen Moortypen noch viel größer.


Schemata der verschiedenen Niedermoortypen

Beobachtungstipp – Unterschiede auf den ersten Blick


Niedermoor in Norddeutschland

Für den Naturfreund ist es nicht immer einfach zu entscheiden, ob er gerade vor einem topogenen Nieder- oder einem ombrogenen Hochmoor steht. Letzte Zweifel räumt der Blick auf die vorherrschende Pflanzenwelt aus. Ein Niedermoor zeichnet sich fast immer durch eine üppige, artenreiche Vegetation mit großblättrigen Gräsern und Kräutern aus. Auffallend sind hier beispielsweise die eindrucksvollen Horste der Steifen Segge (Carex elata). Häufig finden sich hier auch der Fieberklee (Menyanthes trifolata) oder sogar verschiedene Sträucher (Weiden der Gattung Salix).

Die Hochmoore zeigen dagegen eine eher spärliche und artenarme Vegetation, die hauptsächlich aus gelbgrünen, bräunlichen oder roten Torfmoosen (Gattung Sphagnum) besteht. Die wenigen hier wachsenden Zwergsträucher wie Rosmarinheide (Andromeda polifolia) oder Moosbeere (Oxycoccus palustris) sind ebenso klein- bzw. schmalblättrig wie die wenigen Vertreter der Riedgrasgewächse, darunter Scheidiges Wollgras (Eriophorum vaginatum) oder Weißes Schnabelried (Rhynchospora alba).

«Winzige Landschaftsgestalter»

Wollgras

Die Moorlandschaften im deutschsprachigen Raum

Niedermoor in den Alpen

Regenernährte Hochmoore

In konstant niederschlagsreichen Gebieten konnte sich dagegen ein Moortyp entwickeln, der vom Grundwasserstand weitgehend oder sogar völlig unabhängig ist und nur vom Niederschlagswasser gespeist wird. Solche Moore bezeichnet man als ombrogen oder ombrotroph. Sie sind im Allgemeinen ziemlich nährstoffarm, weil Regenwasser von Natur aus kaum pflanzenverfügbare mineralische Nährstoffe wie Kalium-, Natrium-, Calcium-, Magnesium-Ionen enthält. Hoch- oder Regenmoore sind insofern überwiegend lagebedingt – sie konnten und können sich nur in zuverlässig regenreichen Gebieten entwickeln. Ihr Name erklärt sich aus ihrer eigenartigen Form: Die angesammelte, abgestorbene Pflanzensubstanz hebt die Mooroberkante deutlich über das ursprüngliche Geländeniveau hinaus. Die alsbald einsetzende Torfbildung riegelt den Moorkörper sogar vollends vom mineralischen Untergrund ab. Im Schnittbild erscheint ein solcher Moor- bzw. ein solcher Torfkörper daher deutlich gewölbt. Die Wölbung kann etliche Meter betragen. Je nach Grad der Oberflächenkrümmung unterscheiden Moorfachleute Planregenmoore (Küstenregionen Nordwestdeutschlands und der Niederlande) von den meist stärker aufgewölbten Plateauregenmooren (Mittelgebirge, Alpenvorland und Alpen) und den sehr betont kuppelförmigen Schildregenmooren (beispielsweise im südöstlichen Ostseeraum). Letztere nennt man in Skandinavien nach einem finnischen Wort auch Kermimoore. Hochmoore müssen auch nicht unbedingt über einem ebenen Untergrund wachsen. Als Kammmoor kann ein Hochmoor auch kappenförmig eine Bergkuppe überkleiden oder sich in einen Sattel einschmiegen. Ferner gibt es im Bergland kleinere ombrogene Hochmoore, die sich mit stark asymmetrischem Profil an einen Hang anlehnen. In solchen Fällen gibt es nicht selten fließende Übergänge zu den topo- bzw. soligenen Niedermooren, weswegen man sie auch als Übergangsmoore bezeichnet.

«Durch den Schornstein»

Beobachtungstipp – Moorgewässer

Auf unregelmäßig wachsenden Hochmooren oder an Stellen, wo bei etwas geringerer sommerlicher Wasserführung dennoch eine gewisse Torfzersetzung eintreten kann, entwickeln sich kleine, vielfach nahezu kreisrunde Moorseen, die man je nach Region Kolke, Mooraugen oder Blänken nennt. Hier liegt sozusagen der regenbedingte Grundwasserspiegel eines Moorkörpers frei. An den oft steilen Uferrändern eines solchen Moorgewässers findet meist keine Schwingrasenbildung statt. Kolke bzw. Mooraugen wachsen mit dem sich entwickelnden Moor- bzw. Torfkörper allmählich in die Höhe. Ihr Wasserspiegel liegt zuletzt etliche Meter über dem Randsumpf (Lagg), der ein gewölbtes Hochmoor im Idealfall ringförmig umgibt. Solche Moorgewässer sind – wenn man sie denn tatsächlich gut und biotopschonend erreichen kann – außerordentlich ergiebige Kleinlebensräume für die Untersuchung mit Lupe oder Mikroskop.

Moorauge

«Sternenpracht im Moortümpel»

Moore sind dynamisch

Die nach ihrem vorherrschenden Wasserregime unterschiedenen Moortypen Nieder- und Hochmoor stellen gleichsam nur die Eckpunkte einer breiten Palette von Möglichkeiten dar, wie und wo sich Moore entwickeln können. Allein in Mitteleuropa ist die Anzahl der regional unterscheidbaren Moortypen deutlich größer. Um diese Vielfalt in den Griff zu bekommen, verwendet man in der Vegetationskunde neben der Wasser- bzw. Nährstoffversorgung und anderen Einflussgrößen meist auch Merkmale der Entstehungs- bzw. Entwicklungsgeschichte oder die – für Nichtfachleute – in ihrer Begriffsvielfalt ziemlich unübersichtliche Gliederung nach pflanzensoziologischen Kriterien. Für die Zwecke dieses Buches ist sie völlig entbehrlich. Ein allgemein anerkanntes und verbindliches Einteilungsschema, das möglichst viele oder gar alle bisher beschriebenen Moortypen widerspruchsfrei darstellt, gibt es bislang ohnehin nicht. Die in der Grafik (S. 20) wiedergegebenen Möglichkeiten stellen insofern nur eine vereinfachende Übersicht dar.

Hochmoor


Aufbau eines Hochmoors (Schema)

Fragen


›Wieso können Hochmoore im Hochgebirge nur unterhalb der aktuellen Waldgrenze existieren?
›Was ist das Besondere eines Kondenswassermoors?

Antworten

Landschaftsprägende Niedermoore

In der Naturlandschaft Mitteleuropas stellen die verschiedenen Formen der grundwasserernährten Niedermoore die ausgedehntesten Moorkomplexe dar. Einst prägten sie das Bild ganzer Großlandschaften, vor allem im Alpenvorland und im breiten nordwesteuropäischen Tieflandgürtel. Derartige Moorlandschaften sind zum Glück immer noch bzw. zumindest in einigermaßen ansehnlichen Resten zu erleben. Je nach Entstehung und Wasserweg lassen sich bei den Niedermooren im Wesentlichen drei Haupttypen unterscheiden:


›Verlandungsmoore gehen aus meist flachen Seen oder Weihern hervor.
›Versumpfungsmoore entwickeln sich in oft abflusslosen Mulden oder Senken, in denen das Grundwasser über einem wassersperrenden Bodenhorizont oberflächennah ansteht. Ein Spezialfall dieses Niedermoortyps sind die Überflutungsmoore in den Flussauen.
›Hangmoore entwickeln sich im Bereich von Quellaustritten und werden daher oft auch als Quellmoore geführt. Man kennt bei diesen Mooren solche, die das Grundwasser lediglich durchströmt (= Durchströmungsmoore), und andere, die zumindest zeitweilig auch überrieselt werden (= Überrieselungsmoore).


Verlandung eines nährstoffreichen (eutrophen) Sees

Wie Seen vergehen

Verlandungsmoore sind die Spätstadien von Stillgewässern. Durch jahrhundertelangen Eintrag von mineralischen Feinteilchen aus dem umliegenden Wassereinzugsgebiet, die sich am Gewässergrund absetzen, wird der Seeboden allmählich aufgehöht. Die Pflanzengürtel, die üblicherweise die Ufervegetation eines Sees zusammensetzen, darunter Schilf (Phragmites australis), Gelbe Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus), Rohrkolben (Typha latifolia) oder Schneide (Cladium mariscus), schieben sich mit der Zeit immer weiter zur Gewässermitte vor und verkleinern damit die offene Wasserfläche. Zusätzlich können sich jetzt vom Uferbereich her verschiedene Braunmoose, Seggen (Gattung Carex) oder Blasenbinsen (Gattung Blysmus) ansiedeln und mit der Zeit einen Schwingrasen bilden. Darunter versteht man einen kompakten Vegetationskörper, der 1–2 m dick (mächtig) ist und wie eine Luftmatratze auf einem mehrere Meter tiefen Wasserkörper treibt.

«Schnittige Schönheiten»

Rohrkolben

Wenn man ein solches Gebilde vorsichtig (!) betritt, reagiert es tatsächlich ebenso flexibel wie die Bespannung eines Trampolins. Schließlich kann der ursprüngliche Wasserkörper eines Stillgewässers gänzlich von abgestorbener pflanzlicher Biomasse eingenommen werden und somit vollends verlanden. Eine freie Wasserfläche existiert dann nicht mehr – der See ist sozusagen erblindet. Die meisten Seen in den großen eiszeitlich entstandenen Seenplatten (Alpenvorland, Norddeutschland) befinden sich in unterschiedlichen Verlandungsstadien.

Beobachtungstipp – Blumenparadies Streuwiese

Für Pflanzenfreunde sind die den Niedermooren im Aussehen recht ähnlichen Sumpf- oder Nasswiesen mit ihrem enormen und betont blumigen Artenreichtum eine besondere Freude. Ihren schönsten Aspekt zeigen sie im Frühsommer. Solange sie nicht gründlich entwässert sind, eignen sie sich nur bedingt für eine landwirtschaftliche Nutzung. In manchen Gegenden, darunter im Alpenvorland, hat man sie gewöhnlich nur zur Gewinnung von Stalleinstreu genutzt, weshalb man sie auch Streuwiesen nennt. Dazu wurden oder werden sie erst im Frühherbst gemäht (einschürige Mahd), nachdem die Frucht- bzw. Samenreife abgeschlossen war, was dem Lebensrhythmus der hier vorkommenden und meist sehr seltenen Arten entgegenkommt.

Verlandender See

Erlenbruchwald unter Wasser (im Frühjahr)

Bruch, Bruchwälder und Brücher

Im früheren Uferbereich verlandender Seen, wo der Grundwasserstand reliefbedingt immer noch sehr hoch ist, können sich nach der Verlandung eines Gewässers verschiedene Gehölze ansiedeln und fallweise ausgedehnte Bestände bilden. Eine der wichtigsten und am häufigsten dabei beteiligten Pionierarten ist die Schwarz-Erle (Alnus glutinosa). Sie baut in vielen Moorgebieten die nach ihr benannten Erlenbruchwälder auf. Solche Bruchwälder sind außerordentlich artenreiche, wertvolle und unbedingt schützenswerte Lebensräume. Sie finden sich gebietsweise auch im direkten Umfeld von Hochmooren.

«Regenernährte Hochmoore»

In Nordwestdeutschland heißen die gehölzdominierten Bruchgebiete mehrheitlich das Bruch (beispielsweise das Naturschutzgebiet «Worringer Bruch» in einer ehemaligen Rheinschleife nördlich von Köln). Der in der Vegetationskunde üblicherweise verwendete korrekte Plural lautet (übrigens abweichend von den Empfehlungen in vielen Wörterbüchern) die Brücher.

Fragen


›Welche Niedermoore gibt es neben den erwähnten Haupttypen noch?
›Was ist ein Schwappmoor?
›Was ist ein Bruchwald?
›Welches ist der bekannteste Bruchwald/Moorwald der Erde?

Antworten

Karsee im Schwarzwald

Eingetieft und abgeschlossen

In Norddeutschland, wo sich am Ende der letzten Kaltzeit in den Eiszerfallslandschaften die Gletscherzungen in einzelne Blöcke auflösten, konnte sich das Schmelzwasser über wasserstauendem Grund in Toteislöchern (= Söllen) sammeln und kleine Seen bilden. Ein solches Toteisrelikt ist beispielsweise der rund 1 km2 große Brahmsee in Schleswig-Holstein – mit nur knapp 9 m über Meeresniveau Deutschlands tiefstgelegener See. Seltener kommen in Norddeutschland auch andere kesselartige Vertiefungen vor: Sie gehen als Erdfälle auf spontane Einstürze im Untergrund zurück, wenn beispielsweise Lösungsvorgänge größere Hohlräume in den oberflächennah anstehenden Salzstöcken aus der Zechsteinzeit angelegt haben, die sich beim Zusammenbrechen bis an die Erdoberfläche durchpausten. Solche in Serie angeordneten Einbrüche sind beispielsweise die Gewässer im Naturschutzgebiet Heiliges Meer zwischen Rheine und Osnabrück. Der letzte größere Erdeinsturz ereignete sich hier im April 1913.

«Ein lebendes Moor besuchen»

Den Toteislöchern vergleichbar sind die durch die aushobelnde Wirkung von Gletscherzungen im Hochgebirge entstandenen, oft abflusslosen Kare, in denen sich in der Nacheiszeit die malerischen Karseen entwickeln konnten. Karsee-Serien sind bis heute besondere Glanzpunkte der alpinen Landschaft und gern aufgesuchte Wanderziele. Je nach umgebendem Relief und davon abhängigem Stoffeintrag konnten sich auch in diesen Stillgewässern vom Rand her Niedermoore bilden und somit – nicht selten über Schwingrasen-Stadien – die allmähliche Verlandung einleiten.

Ein ganz heißer Start

Ein weiterer Moorstandort in unseren Breiten bilden die vulkanisch entstandenen Maare der Eifel im nordwestlichen Rheinischen Schiefergebirge. Sie gehen auf äußerst heftige Wasserdampfexplosionen zurück und bildeten sich immer dann, wenn relativ kühles, versickerndes Oberflächenwasser direkt mit aufsteigendem Magma in Berührung kam. Manchmal genügte bereits der Kontakt mit den Grundwasservorräten, nachdem sich die Gesteinsschmelze durch Fugen und Klüfte des Grundgebirges den Weg nach oben gebahnt hatte. Sobald glühender Gesteinsbrei von weit über 1000 °C mit Oberflächenwasser in Berührung kommt, entsteht augenblicklich Wasserdampf, dessen gewaltiger Druck sich explosiv entlädt. Er zerreißt und zertrümmert das einsperrende Gestein und sprengt einen weiten Maarkessel aus – fallweise mit bis zu 1 km Durchmesser. Soweit die ausgesprengten Maarkessel abflusslos blieben, bildeten sich darin schon kurz nach ihrer Entstehung Stillgewässer. Nur wenige der über 50 heute bekannten Eifeler Maare führen aktuell einen Maarsee. Bei zwei dieser Seen – Holzmaar und Meerfelder Maar – läuft gegenwärtig erkennbar die Verlandung ab. In drei weiteren Maaren ist der Verlandungsprozess bereits abgeschlossen: Die lebende Pflanzendecke, die auch hier laufend den Nachschub für das Torflager unter ihren Füßen produziert, ist in diesem Fall also zum Maarmoor geworden.

«Geschichtete Geschichte»

Moore im Kessel

Solche in überschaubaren napf- oder schüsselförmigen Geländevertiefungen gewachsenen Moorbildungen nennt man auch Kesselmoore. Interessanterweise ist ihre Entwicklung mit der Verlandung ihres Ausgangsgewässers nicht unbedingt abgeschlossen: In niederschlagsreichen und relativ kühlen Klimaten kann ein anfangs rein topogenes Moor sozusagen über sich hinauswachsen und zum ombrogenen Hochmoor werden. Dieser Wechsel vollzieht sich schrittweise, weshalb man die an ihrem charakteristischen Pflanzenkleid erkennbaren Zwischenstadien auch als Übergangsmoor bezeichnet. Zwischen- oder Übergangsmoore mit Hochmooranteilen können übrigens auch kleinflächig bzw. inselartig in allen übrigen Niedermoortypen vorkommen.

Hochmoor

Kesselmoor in der Eifel (Dürres Maar)

Fragen


›Wodurch zeichnet sich der Naturpark Hohes Venn–Eifel aus?
›Was haben Toteisseen, Karseen und Maarseen gemeinsam?
›Wer hat den Begriff vom Maarmoor geprägt?

Antworten

Heidegebiete sind Waldersatzstandorte

Vom Moor zur Heide

In Mitteleuropa setzte die Moorentwicklung frühestens vor etwa 13 000 Jahren am Ende der (vorerst) letzten Kaltzeit (Würm-/Riss-Eiszeit) ein, nachdem die nordischen bzw. alpinen Gletscher genügend große Wasserkörper in der damaligen Tundrenlandschaft hinterlassen hatten und sich zudem ein Klimaregime entwickelte, das manchen Gebieten fast ganzjährig reichliche Niederschläge mit mindestens 700 mm pro Jahr bei relativ kühlen Sommern bescherte. Indessen liegt nicht bei allen mitteleuropäischen Mooren der Startpunkt am Ende der letzten Eiszeit. Fallweise setzte die Moorentwicklung erst deutlich später ein, beispielsweise in breiten Flussniederungen, in denen das Fließwasser zunächst einmal größere Flutmulden auskolken und randlich abriegelnde Wälle aus Hochflutlehmen anhäufen musste. In solchen Geländesituationen bilden sich üblicherweise die ökologisch ungemein reizvollen Überflutungsmoore.

Von Natur aus kommt das Wachstum eines Niedermoores zum Stillstand, wenn das betreffende Gewässer vollständig verlandet ist. Viel häufiger haben jedoch in der Vergangenheit menschliche Eingriffe dem Moorwachstum ein vorzeitiges und jähes Ende gesetzt – entweder durch Entwässerung und Trockenlegung mit Folgenutzung als Ackerland oder Weidegrünland (Moorkultur) oder schlimmstenfalls durch Abtorfung. Viele Moore liegen heute inmitten der intensiv genutzten Kulturlandschaft. Sie werden demnach auch indirekt arg in Mitleidenschaft gezogen, wenn das umgebende Acker- oder Grünland mit Drainagegräben rigoros entwässert wird. Insofern stehen Moore als besonderer Lebensraumtyp generell auf der Roten Liste.

«Das Moor im Garten begraben?»

Lebensraum aus zweiter Hand

Eine blühende Heide, eine horizontweit in Pink versunkene Fläche ohne Felder, Wälder und Dörfer, mag vielen Beobachtern als ein Landschaftselement erscheinen, das vom Menschen noch nicht gebraucht, verbraucht oder missbraucht wurde. Zugegebenermaßen weckt der Anblick eines Schäfers, der mit wachsamem Hütehund gemessenen Schrittes seiner Schnuckenherde folgt, den Eindruck einer perfekten Harmonie zwischen Mensch, Tier und Natur. Diese Vorstellung ist leider grundfalsch. Die Heide ist meist eine Landschaft, die so nicht natürlich entstehen konnte. Vielmehr ist sie das Ergebnis einer systematischen Vergewaltigung durch ungezügelten Raubbau am Wald und anschließender Übernutzung durch Weidetiere. Nicht nur mit PS-starken Maschinenparks und giftspeienden Industrieanlagen kann man die Umwelt ruinieren. In der Vergangenheit schaffte das auch die traditionelle Landwirtschaft mit ihren keineswegs auf Nachhaltigkeit angelegten Nutzungsverfahren.

«Schnuckelig: Vierbeinige Landschaftspfleger»

Aber: Die Natur reagiert oft gnädig, und so auch im vorliegenden Fall: Mit den Heidegebieten entstanden Offenland-Lebensräume mit einer höchst eigenartigen Artenausstattung, in der es heute von Rote-Listen-Arten nur so wimmelt. Insofern ist ein nährstoffarmes Heidestück immer noch deutlich sympathischer als eine völlig überdüngte Rotationsmähweide, auf der sich nun überhaupt keine Artenvielfalt mehr einstellen kann.

Wichtige Lebensrauminseln

Heiden sind zwar in manchen Gegenden durchaus landschaftsprägend, aber nur selten so großflächig entwickelt wie etwa in der Lüneburger Heide oder in der niederländischen Hoge Veluwe. Meist sind sie ähnlich den anderen Trockenbiotopen wie Felsfluren, Magerrasen oder Schafhutungen als kleinere Biotopinseln in den Flickenteppich der übrigen Kulturlandschaft eingefügt. Oftmals sind nicht einmal die vernetzenden bzw. verzahnenden Grenzen zum übrigen Offenland genau zu sehen, weil sich überall die Spuren der Überprägung der Landschaft durch den Menschen abzeichnen. Auf kalkigem Grund fällt der Artenreichtum von Heiden und übrigen Trockenbiotopen übrigens auffallend üppig aus. In den Sandgebieten mit ihren eher sauren Böden bleibt das Bild dagegen etwas verhaltener. Faszinierende Lebensräume sind sie aber in jedem Fall, denn hier kommen nur Lebensraumspezialisten vor, die – im Unterschied zu den Bewohnern der Moore – nicht primär auf eine geregelte Wasserversorgung vorbereitet sind. Solche Biotope wegen ihrer eingeschränkten land- oder forstwirtschaftlichen Nutzbarkeit als Öd- oder gar als Unland zu bezeichnen, ist aus der Sicht von Arten- und Naturschutz geradezu ein Frevel.


Verheidete Düne

Fragen


›Wo konnten sich Heidelandschaften ohne menschliche Einflüsse bilden?
›Welcher Bodentyp ist für Heiden typisch?
›Wo gibt es bei uns natürliche Heidegebiete?

Antworten




1 Geschichtete Geschichte

2 Winzige Landschaftsgestalter

3 Wenn Frösche blaumachen

4 Wie man in die Binsen gerät

5 Sternenpracht im Moortümpel

6 Ballett im Morgengrauen

7 Eine tagaktive Eule, gibt es das?

8 Limikolen in Moor und Heide

9 Kurzinformationen Frühling

Einleitung Frühling

Wenn im Frühjahr die Tage endlich länger werden, die Sonne tagtäglich einen größeren Bogen am Himmel beschreibt und mit ihren Strahlen den Boden aufwärmt, erwachen auch die Moore und Heiden aus ihrem Winterschlaf. Dann geraten die Frösche in Hochzeitsstimmung und ziehen zu den Gewässern, in denen sie einst selbst aus dem Ei schlüpften. Die Brutzeit beginnt, die Zugvögel unter den Gefiederten kehren aus den südlichen Gefilden zu uns zurück. Auf den traditionellen Balzplätzen finden sich nun auch die Birkhühner ein. Dort führen die Hähne vor den Augen der Hennen ihre beeindruckenden Schaukämpfe vor. Die Blumen öffnen ihre bunten Kelche und Kronen, und die Luft füllt sich so langsam mit dem Summen und Brummen, Zirpen und Flattern der Insekten. Jetzt aber nix wie raus ins Moor und auf die Heide – dort warten erlebnisreiche Stunden auf Sie!

Hand-Torfstich mit Torfsoden

Geschichtete Geschichte

Torf wächst im Moor schichtweise. Die jüngste Torfschicht steht jeweils dicht unter der aktuellen Oberfläche an. Schon früh muss das Naturgut Torf den Bauern aufgefallen sein, wenn sie versuchten, die Mühsal der Waldrodung zu umgehen und lieber gleich ein bereits von Natur aus waldfreies Gelände in Kultur zu nehmen. Was Torf wirklich ist, blieb aber lange Zeit rätselhaft. Erst im 18. Jahrhundert kann man in einer in den Niederlanden erschienenen Schrift die zutreffende Vermutung lesen, dass Torf eine «Zuhauffsammlung unzehliger in und unter dem sumpfhaften Wasser […] grünenden Gewächse (vegetabilische Dinge) sey».

«Das Moor im Garten begraben?»

Drei verschiedene Routen

Die organischen Reste toter Lebewesen werden in der Natur auf verschiedenen Wegen zersetzt und dabei so remineralisiert, dass ihre Bestandteile wieder den natürlichen Stoffkreisläufen der erneuten Nutzung zugeführt werden. Der effektivste Weg ist der in Anwesenheit von freiem Sauerstoff aus der Luft ablaufende Abbau. Zersetzer (Destruenten) aus allen möglichen Verwandtschaftsgruppen, vor allem Bakterien und Pilzen, bauen im Moor das organische Material vollständig zu Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasser (H2O) sowie den im Totmaterial steckenden mineralischen Komponenten (Phosphate, Stickstoffverbindungen, Kationen) ab. Zurück bleiben allenfalls die auch für Mikroorganismen nur schwer angreifbaren dunkelbraunen bis schwärzlichen Huminstoffe, die aus pflanzlicher Cellulose und aus dem Holzstoff Lignin hervorgehen. Deren chemische Struktur ist so unübersichtlich, dass kein Naturstoffchemiker dafür eine brauchbare Formel angeben kann.

Der zweite Abbauweg ist die Vermoderung. Sie läuft bei Sauerstoffmangel ab und ist als unvollständige Verwesung aufzufassen, die mengenweise schwer zersetzbare Biomasse zurücklässt. Auch hierbei entstehen dunkle Huminstoffe. Unter weitgehendem Sauerstoffausschluss machen sich anaerob lebende Bakterien über die organische Totsubstanz her, können dabei aber auch nur bestimmte Anteile zerlegen. Sie setzen bei ihrer Abbautätigkeit übel riechende Faulgase wie Schwefelwasserstoff (H2S) und geruchloses Methan (CH4) frei. Diesen dritten Abbauweg bezeichnet man als Fäulnis.

«Moorleichen: Haut ohne Knochen»


Torfabbau im Hochmoor

Bei der Vertorfung wirken Vermoderung und Fäulnis zusammen. Im oberflächennahen Bereich eines Moores vermodern die abgestorbenen Pflanzen, im unteren, wirksamer vom Luftsauerstoff abgeriegelten Bereich unterliegen sie eher der Fäulnis. Während sich im Waldboden ein reiches Tierleben an der Verarbeitung des jährlichen Falllaubs beteiligt, spielen Kleintiere bei der Zersetzung im Moor überhaupt keine Rolle. Diese treten erst nach der rigorosen Entwässerung eines Moores auf den Plan.

Lebensraum Moor

Beobachtungstipp – Torf im Profil


Schichtenfolge im Moor: Die ältesten (untersten) Lagen entstanden vor etwa 12 000 Jahren. Auf einem verlandenden See wuchs ein Niedermoor und entwickelte sich zum Hochmoor weiter.

An einem frischen Anschnitt, beispielsweise in einem kleinen bäuerlichen Torfstich, lässt sich sehr schön die Schichtenfolge zumindest in gewissen Anteilen ablesen. Sie erzählt gleichsam die Geschichte des betreffenden Moores und enthält gegebenenfalls auch bemerkenswerte Objekte, für die sich die Moorarchäologie interessiert. Jedes Jahr wächst ein Torflager im Durchschnitt um etwa 1 mm. Die Basis eines etliche Meter mächtigen Torfpakets reicht also weit zurück in die Vorgeschichte und stammt meist aus einer Zeit, als die griechisch-römische Antike noch Zukunft war.

«Ein nasses Geschichtsbuch»

Vielerlei Mischungen

Moore bestehen je nach Lage aus verschiedenen Pflanzengesellschaften mit unterschiedlicher Artenzusammensetzung, die sich auch innerhalb eines Moorkomplexes vom Rand zur Mitte ablösen können. Entsprechend sind auch die daraus hervorgehenden Torfkörper recht verschieden zusammengesetzt. Streng genommen gibt es also nicht den Torf, sondern viele verschiedene Varianten.

Wenn man sich allerdings die Torfmischungen in den bunten Plastiksäcken aus den Gartencentern anschaut, wird man diese Vielfalt jedoch kaum noch erkennen. Bei der Herstellung von Kultursubstrat für den Gartenbau wird der beim industriellen Abbau gewonnene Torf zerkrümelt und gesiebt, sodass kaum noch Makrobestandteile erkennbar sind.

Beobachtungstipp – Makroreste unter dem Mikroskop

Auch wenn der Tütentorf für den Gartenbau für genauere Untersuchungen weniger ergiebig ist als eine frisch aus dem Anschnitt mitgebrachte Materialprobe, verspricht er beim genaueren Hinsehen mancherlei Überraschungen. Zur mikroskopischen Betrachtung wässert man die Probe einige Stunden lang in einer Schale und untersucht sie in kleinen Portionen unter der Stereolupe (Binokular) oder unter dem Mikroskop. Außer vielerlei Pflanzenteilchen (beispielsweise Torfmoosblättchen) finden sich nicht selten auch Samen oder Früchte der Torfpflanzen und als besondere Fundstücke fallweise auch Insektenteile.

Fragen


›Wie lange braucht Torf zur Entstehung?
›Worin unterscheidet sich Weiß- von Braun- und Schwarztorf?
›Womit kann man den Brennwert von Torf vergleichen?

«Das Moor im Garten begraben?»

Antworten

Winzige Landschaftsgestalter

Von vielen Pflanzen kennt man das und wundert sich nicht weiter darüber: Die hochwüchsigen Sträucher und Bäume bilden auffällige in die Flur eingestreute Gehölzinseln, schließen sich zu größeren Waldstücken zusammen oder überdecken als ausgedehnte Wälder weite Gebiete. Somit bestimmen sie wesentlich das Landschaftsbild. Aber auch Grasfluren wie Wiesen und Weiden mischen in der vom Grünland dominierten Kulturlandschaft kräftig mit. Können aber auch unscheinbare Moose Landschaftsgestalter sein? Wenn man das übliche Bild eines nicht einmal fingerlangen Moospflänzchens vor Augen hat, ist kaum vorstellbar, dass auch diese zarten Vertreter des Pflanzenreichs das Erscheinungsbild ganzer Landstriche bestimmen können: Selbst die auch in Mitteleuropa ursprünglich einmal großflächigen Moore entwickelten sich nur unter maßgeblicher Beteiligung von Moosen.

«Landschaftsprägende Niedermoore»


Aufbau eines Torfmoosblättchens in der Aufsicht (oben) und im Querschnitt (unten)

Moose bestimmen den Aspekt

In den Niedermooren sind es zumeist solche Laubmoose, die man wegen ihrer vorherrschend bräunlichen Färbung als Artengruppe der Braunmoose zusammenfasst. Hierher gehören vor allem Vertreter der Gattungen Aulacomnium, Calliergon, Cratoneurum, Drepanocladus, Paludella und Scorpidium. Die meisten von ihnen tragen nicht einmal allgemein akzeptierte deutsche Artnamen, weil sie dem Blick (und damit der Interessenlage) gewöhnlich weit entrückt sind. Im Hochmoor beherrscht dagegen eine gänzlich andere Laubmoos-Verwandtschaft das Bild. Hier sind es ganz überwiegend die verschiedenen Arten von nur einer Moosgattung: Die Torfmoos-Arten (Sphagnum spp.). Ein Hochmoor könnte man somit geradezu als riesiges, wassergesättigtes Torfmoospolster auffassen.

«Regenernährte Hochmoore»

Beobachtungstipp – Jedes an seinem Platz

In Mitteleuropa kommen ungefähr 30 verschiedene Torfmoos-Arten vor, deren artgenaue Bestimmung in den meisten Fällen schwierig und ohne mikroskopische Untersuchung fast unmöglich ist. Die meisten unterscheiden sich jedoch ein wenig in ihren ökologischen Ansprüchen. Die gelblich grünen Arten Sphagnum cuspidatum oder Sp. balticum schwimmen im Moorwasser oder ragen nur ganz wenig über die Wasseroberfläche hinaus. Die oft intensiv rot gefärbten Arten Sp. magellanicum und Sp. rubellum sowie das bräunliche Sp. fuscum besiedeln dagegen nur die kleinen hügelartigen Erhebungen. Unter lichtem Gehölzbestand vorkommende und meist grasgrüne Torfmoose sind Sp. palustre, Sp. recurvum und Sp. squarrosum. Schließlich gibt es auch Arten, die bevorzugt auf stärker abtrocknenden Stellen zu finden sind, wie zum Beispiel das etwas rotscheckige Sp. nemoreum oder Sp. compactum.

Moorauge


Fruchtendes Torfmoos in Nahaufnahme

Grün oder bleich

Torfmoose sind außerordentlich wirksame Wasserspeicher und gleichsam die Wasserreservoire der Hochmoore. Auf die zahllosen Kapillar- und Porenräume im Stängelgewirr eines ausgedehnten Sphagnum-Polsters geht jedoch nur ein Teil der enormen Wasserspeicherfähigkeit zurück. Ungleich wirksamer für die Zurückhaltung von Niederschlagswasser ist die unter den Moosen sonst nur selten verwirklichte Blättchenkonstruktion. Wenn man Stämmchen- oder Astblätter vorsichtig abzupft und bei mittelstarker Vergrößerung im Mikroskop betrachtet, erkennt man ein sehr eigenartiges, aber hochgradig geordnetes Muster, an dem sich nur zwei verschiedene Zellsorten beteiligen: Die leicht geschwungenen, ziemlich schmalen und grünen Chlorozyten umschließen jeweils die ungleich breiteren, durchsichtigen Hyalozyten. Diese manchmal auch Hyalin- oder einfach Wasserzellen genannten Strukturen sind im funktionstüchtigen Zustand tot und leer. An den Stämmchen zeigen sie bei vielen Arten eine andere Form: Sie sind wie hängende Laborgefäße angeordnet und heißen deswegen auch Retortenzellen.

Lebensraum Hochmoore



Mikro-Aufnahmen von Sphagnum-Blättchen

Poren zur Außenwelt

Nach außen sind die farblosen Hyalozyten über große Poren geöffnet – es sind begrenzte, meist nur 3–25 μm breite rundliche Wanddurchbrechungen bzw. -auflösungen. Größe, Anzahl und Anordnung sind für die artgenaue Bestimmung einzelner Arten(gruppen) wichtig. Im mikroskopischen Präparat lassen sie sich deutlich und kontrastreich darstellen, wenn man sie mit normaler Schreibtinte anfärbt. Völlig ausgetrocknet sind die Hyalozyten dagegen mit Luft gefüllt. In diesem Zustand sehen die Torfmoose fahl bis fast weißlich aus, was ihnen auch den Namen Bleich- oder Weißmoose eingetragen hat. Da ihr Wasserpotenzial dann sehr weit im negativen Bereich liegt, saugen sie auftreffendes Niederschlagswasser außerordentlich rasch und bereitwillig auf. Die Poren erleichtern und beschleunigen diesen rein passiven, nur über Kapillarkräfte gesteuerten Vorgang. Artabhängig können die Torfmoose bei sättigender Wasseraufnahme ihr Eigengewicht um das 30-fache steigern. Für die stoffwechselaktiven Chlorozyten stellen die im Zellnetz eines Blättchens jeweils flankierenden Hyalozyten unentbehrliche Wassertanks dar, mit denen sie auch weniger niederschlagsaktive Perioden überbrücken können. Über die Hyalozyten, die eine starke innere Oberflächenvergrößerung leisten, erfolgt auch die Aufnahme von Kationen unter gleichzeitiger Abgabe von H+-Ionen (Protonen), weswegen die Torfmoose ihre Standorte allmählich und nachhaltig ansäuern.


Makroaufnahme einer Torfmoosspitze

Wasserzellen sind Mini-Aquarien

Dieser bemerkenswerte Effekt nutzt der einzelnen Torfmoospflanze über eine Art Selbstverstärkung allerdings nur im größeren Verband und hat damit gleichzeitig Bedeutung für das gesamte Moorökosystem. Letztlich hängt davon nämlich die gesamte komplexe Lebensgemeinschaft eines Hochmoores vom Sonnentau bis zur Libellenlarve ab. Außerdem hat die Feinstportionierung des Wassers in einem Sphagnum-Polster auch noch eine ganz andere Dimension. Viele der über eine oder mehrere Poren und oft sogar allseitig zugänglichen Hyalozyten erweisen sich bei gezielter Nachsuche als attraktive und auch tatsächlich bewohnte Kleinsthabitate, in denen man häufig eine arten- und typenreiche Auswahl an Mikroorganismen erwarten kann. In der linken Aufnahme auf S. 46 kann man solche winzigen Zellinsassen sehen. Nach bisherigem Kenntnisstand finden sich hier nicht nur Arten ein, die auch im Freiwasser eines Moorgewässers vorkommen, sondern auch vielerlei Spezialisten, die nur die Hyalozyten bewohnen. Dieser besondere Lebensraum und seine Artenbestückung sind schon seit Langem als Materialquelle für recht ungewöhnliche Einzeller bekannt. Cilaten, Amöben, Flagellaten, einzellige Algen und weitere Kleinorganismen sind hier mitunter arten- und individuenreich vertreten. Da sie sich nahezu ungehindert zwischen den einzelnen Hyalozyten fortbewegen, liefern sie gleichzeitig den visuellen Beweis dafür, dass die Wasserzellen tatsächlich ein zusammenhängendes Hohlraumsystem darstellen. Auch Pilzhyphen, die sich hier nicht selten einfinden, kann man gut von Kammer zu Kammer verfolgen.

«Pflanzen auf Kleintierjagd»

Sonnentau

Grünalgen

Fragen


›Wie reagieren Torfmoose in Trockenzeiten?
›Sind Torfmoose zu unbegrenztem Wachstum fähig?

Antworten

Moorfrösche im Teich

Wenn Frösche blaumachen

In stark sauren Hochmooren wird man die sonst relativ häufigen Gras- sowie Wasserfrösche und auch sonst kaum Amphibien antreffen: Ihre empfindliche und stoffwechselaktive Haut kann die viel zu niedrigen pH-Werte des Wassers einfach nicht bewältigen. Selbst der Moorfrosch meidet diese Gewässer. Nährstoffreiche Moortümpel und Heideweiher, dazu auch Grünlandkleingewässer, Gräben und Altarme sucht er dagegen als Laichgewässer sehr gern auf. Sein wissenschaftlicher Name Rana arvalis bedeutet wörtlich Acker- oder Feldfrosch. Das lässt den Schluss zu, dass sich sein Lebensraumspektrum nicht auf Niedermoore oder Moorwiesen beschränkt. Tatsächlich bevorzugt er Auen- und Bruchgebiete, feuchtes Grünland und sogar lichte Kiefernbestände, wenn sie viel krautigen Unterwuchs aufweisen. Westlich des Rheins kommt er nur in den Niederlanden vor. In der Schweiz fehlt er. Im östlichen Mitteleuropa, in Osteuropa und in großen Teilen Skandinaviens ist er eine recht häufige Erscheinung. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich weit nach Norden und Osten bis in das Altaigebirge.

«Sternenpracht im Moortümpel»

Moorfrösche bei der Paarung – nur die Männchen werden blau

Beobachtungstipp – Leicht zu erkennen

Der leicht spitzköpfige Moorfrosch wird selten länger als 6 cm. Auf der Oberseite ist er bräunlich und trägt meist dunklere Flecken. Die Bauchseite ist immer deutlich heller. Hinter den Augen erstreckt sich ein großer dunkelbrauner Schläfenfleck, in dem das relativ kleine Trommelfell liegt. Vom häufigen, etwas plumpköpfigen Grasfrosch unterscheidet ihn ein helles, beidseits dunkler abgesetztes Band, das sich über den ganzen Rücken erstreckt. Mitunter wird er mit dem deutlich südlicher verbreiteten Springfrosch verwechselt, doch besitzt dieser ein fast augengroßes Trommelfell.

Grasfrosch

Nur die Männchen werden blau

Alle in Mitteleuropa heimischen Froscharten sind entweder Braun- oder Grünfrösche. Auch der Moorfrosch gehört unzweifelhaft in die Untergattung der Braunfrösche. Während der Paarungs- und Laichzeit (ab März) legen sich die Männchen allerdings ein sehr auffälliges Kleid an: Sie sind dann für nur wenige Tage leuchtend himmelblau. Sogar der Bauch und die Beinunterseiten können dabei kräftig hellblau verfärbt sein. Dieses Hochzeitskleid ist von keiner anderen Art in der Gruppe der Braunfrösche bekannt. Wie diese Färbung zustande kommt, weiß man noch nicht. Auch ist überhaupt noch nicht verstanden, welchem Zweck die auffällige, nur kurzfristig bestehende Färbung dient. Sie könnte ein arttypisches Erkennungssignal für die paarungsbereiten Weibchen sein oder mögliche Rivalen auf Distanz halten. Allerdings findet man mitunter mehrere verblaute Männchen dicht bei dicht in einem kleinen Laichgewässer. Ihre Paarungsrufe erinnern an ein leises Blubbern und hört sich völlig anders an als das lautstarke Quaken der Grünfrösche.

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261 s. 153 illüstrasyon
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9783258477770
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