Kitabı oku: «Kreativ sein als Naturfotograf*in»

Yazı tipi:


Nur wenige Menschen können Naturfotos so treffend beurteilen wie Bart Siebelink. Er besitzt die Gabe, Dinge in einem Foto zu sehen, die man oft selbst nicht erkennen oder in Worte fassen kann. Diese Fähigkeit entwickelte er während seiner Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Willem de Kooning, Rotterdam. Bart stammt aus einer Lehrerfamilie. Daher verschafft ihm nichts mehr Befriedigung, als die Kreativität in anderen zum Aufblühen zu bringen. Und deshalb hat er das Buch geschrieben, nach dem er selbst immer gesucht hat.

Barts Fotos gewinnen regelmäßig Preise bei nationalen und internationalen Wettbewerben und wurden in zahlreichen Büchern und Zeitschriften veröffentlicht. So gewann er manche lobende Erwähnungen beim Wettbewerb »Europäischer Naturfotograf des Jahres« der GDT (Gesellschaft für Naturfotografie e.V.) und im Jahr 2020 den Fritz Pölking Award des Glanzlichter-Wettbewerbs der Fürstenfelder Naturfototage.

Gemeinsam mit Edo van Uchelen hat er in den Niederlanden das »Handbuch der Naturfotografie« veröffentlicht. In den letzten Jahren hat er sich zunehmend auf die kreative Weiterentwicklung konzentriert, für die er Foto-Coachings anbietet. Mehr über Bart und sein Kursangebot erfahren Sie auf mentornatuurfotografie.nl


Zu diesem Buch – sowie zu vielen weiteren dpunkt.büchern – können Sie auch das entsprechende E-Book im PDF-Format herunterladen. Werden Sie dazu einfach Mitglied bei dpunkt.plus+: www.dpunkt.plus

Bart Siebelink

Kreativ sein als Naturfotograf*in

Kreativität entfalten und den eigenen Stil entwickeln

Aus dem Niederländischen von Stephanie Wloch


Bart Siebelink, mentornatuurfotografie.nl

Lektorat: Rudolf Krahm

Übersetzung: Stephanie Wloch, www.tuliparola-translations.de

Copy-Editing: Sandra Petrowitz, www.sandra-petrowitz.de

Satz: Birgit Bäuerlein

Herstellung: Stefanie Weidner

Umschlaggestaltung: Helmut Kraus, www.exclam.de, unter Verwendung eines Fotos des Autors

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN:


Print 978-3-86490-772-2
PDF 978-3-96910-075-2
ePub 978-3-96910-076-9
mobi 978-3-96910-077-6

Translation Copyright für die deutschsprachige Ausgabe © 2021 dpunkt.verlag GmbH Wieblinger Weg 17 · 69123 Heidelberg

Copyright © 2019 by Uitgeverij PiXFACTORY

Title of the Dutch original: Grip op creativiteit: Ontwikkel jouw eigen stijl als natuurfotograaf, ISBN 978-9079588244, PiXFACTORY · Watergoorweg 104, 3861 MA Nijkerk

Translation Copyright © 2021 by dpunkt.verlag. All rights reserved.

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Gewidmet

meiner Mutter Leny Siebelink

und meinem guten Freund Ray Teixeira

»So wird handgreiflich, daß es eine andere Natur ist, die zu der Kamera als die zum Auge spricht … Vom Optisch-Unbewußten erfahren wir erst durch sie …«

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1935 (1955)


Genau wie diese junge Gottesanbeterin beschreiten Sie mit der Lektüre dieses Buches einen neuen, aufregenden Weg.

Vorwort

Die Fotografie hat eine lange Tradition als Kunstform. Der Kulturphilosoph Walter Benjamin meinte, dass sie sogar die Fähigkeit besäße, jegliche andere Kunst überflüssig zu machen. Bemerkenswert ist, dass diese Tradition nicht bei den professionellen Künstlern begann: Ihre Fotografien dienten höchstens als Hilfsmittel für die Schaffung ihrer Bilder. Fotografien von Modellen waren deutlich günstiger als die teuren Honorare für die lebenden Modelle, weil sie die Anzahl der Sitzungen für Porträts reduzierten. Auch die Erinnerung an die Landschaften, die der Künstler darstellen wollte, wurde durch die Fotos länger lebendig gehalten.

Die Emanzipation der Fotografie als eigenständige Kunstform ist vor allem den Amateuren zu verdanken, den »Liebhabern« im ursprünglichen Wortsinn. Der entscheidende Impuls dafür war die Tatsache, dass sich viele Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kamera leisten konnten. Es erschienen Zeitschriften über Fotografie und Bücher, die zur persönlichen Entwicklung der Amateurfotografen beitrugen. In den fünfziger und sechziger Jahren war beispielsweise Peter Charpentier in den Niederlanden ein bekannter Publizist, der so manchem Fotografen mit seinen Büchern auf die Sprünge half und so zu einer neuen populären Kunstform beitrug.

Im Rahmen der Fotografie als Kunstform stellt die Naturfotografie eine besondere Domäne dar. Seit der Geburt der bildenden Kunst galt die Natur als eine Quelle der Inspiration. Jahrhundertelang haben Künstler die Natur studiert, von ihr gelernt und sind ihr gefolgt, um sie so getreu wie möglich wiederzugeben. Dieser Akt galt auch als Suche nach der Natur in ihrer reinsten Form, als Symbol für das Schöne und Gute im Menschen, aber auch als sinnliche Befriedigung der Lust. In der Romantik wurde die Natur in all ihrer unermesslichen Größe gezeigt, um die Bedeutungslosigkeit des Menschen zu veranschaulichen.

Das Schöne an der Natur ist, dass man immer von ihr umgeben ist, selbst im Zentrum von Großstädten. Es ist ein unerschöpfliches Thema, immer verfügbar und im Prinzip immer interessant.

Seit der digitalen Revolution hat sich die Naturfotografie in kürzester Zeit denn auch zu einem der beliebtesten Trends entwickelt. Es ist, als hätte Walter Benjamin dies vorausgesehen, als er 1935 schrieb: »So wird handgreiflich, daß es eine andere Natur ist, die zu der Kamera als die zum Auge spricht … Vom Optisch-Unbewußten erfahren wir erst durch sie …«

Es ist wunderbar, dass Bart Siebelink als prominenter niederländischer Naturfotograf und Dozent an der Willem-de-Kooning-Kunstakademie in diesem Buch die Verbindung zwischen der Naturfotografie als einer Beinahe-Kunstform und der Notwendigkeit herstellt, sich selbst als Fotograf herauszufordern, um ursprüngliche, originelle, die Fantasie anregende Fotos zu machen. Damit tritt er gleichsam in die Fußstapfen von Peter Charpentier und schafft es, die Verbindung zwischen »hoher« und »niedriger« Kunst herzustellen.

Jeroen Chabot Direktor, Willem de Kooning Academie – Hogeschool Rotterdam

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Warum dieses Buch?

Warum Sie?

Warum ich?

BEZUGSRAHMEN

Was ist das richtige Mindset?

Abläufe sind wichtiger als Ergebnisse: Spitzenfotos sind Beifang

Verlassen Sie sich auf den Prozess

Der Lernzyklus

Geschmack ist ein korrupter Gradmesser

Der kreative Prozess

Wie sieht ein kreativer Prozess aus?

Wie durchlaufen Sie den Prozess? Starten Sie Ihr eigenes Projekt!

ROADMAP Kreativer Prozess

Aufgabe: An die Arbeit mit der Roadmap!

Sich festzufahren gehört dazu

Bildsprache

Inhalts-, form- und kontextabhängige Zeichen

Was sind die inhaltsabhängigen Zeichen?

Was sind die formabhängigen Zeichen?

Was sind die kontextabhängigen Zeichen?

Was sind die inhaltsabhängigen Zeichen?

Was sind die formabhängigen Zeichen?

Was sind die kontextabhängigen Zeichen?

Was sind die inhaltsabhängigen Zeichen?

Was sind die formabhängigen Zeichen?

Was sind die kontextabhängigen Zeichen?

Auswirkungen des Kontexts

Was macht dieses Stück Erdboden an der Wand?

Gestalt und Semiotik

Symbole

Metaphern

Rhetorik

Die Sprache des Ausschnitts

Das Serendipity-Prinzip

Orientierung

Wie füttern Sie Ihren kreativen Prozess?

Faszination

Beobachten und erkennen

Ereignisse auf einem Sandweg

Aufgabe: Ankommen im Hier und Jetzt

Die Bedeutung Ihrer Innenwelt

Miksang: kontemplative Fotografie

Die Kunst des Assoziierens

Aufgabe: Code Orange

Praxis: Dies ist die Wasserphase

Fünf Fragen zum Orientierungs-Check

Fünf Tipps für bessere Orientierung

Entwicklung der Idee

Wie gelangen Sie zum Kern?

Wie sieht Ihr Plan vom Ausgangspunkt bis zum Konzept aus?

Aufgabe: Wie machen das die Meister?

Noch mehr Recherche

Ein weiteres Beispiel

Wählen Sie Ihr Medium

Ordnen und auswählen

Zwölf Auswahl-Tipps

Sechs Vorschläge zum Ordnen

Wie macht man eine Serie?

Welche Bildfunktionen gibt es?

Die Bedeutung von Sprache

Treffende Titel

Visuelle Überlegungen

Aufgabe: Erstellen Sie ein Moodboard

Praxis: Dies ist die Feuerphase

Fünf Fragen zum Orientierungs-Check

Fünf Konzept-Aktionstipps

Gestaltung

Wie macht man ein Bild interessant?

Bildkonventionen durchbrechen

High Key und Low Key

Bildzuschnitt

Restformen

Drehen, spiegeln, neigen

(Extremes) Einzoomen, Neudefinition

Aufgabe: Kopflose Tiere

Wie weit kann man gehen?

Rhythmus, Wiederholung und Bildreim

Komplexität, Schichtung, zwei Aufgaben

Experimentieren

Zufall und Unvollkommenheiten

Verfeinern

Ecken und Ränder

Schärfen

Kontrast

Seitenverhältnis

Stativ, Stativ, Stativ!

Praxis: Dies ist die Erdphase

Fünf Fragen zum Konzeptcheck

Fünf Konzept-Aktionstipps

Reflexion

Woher wissen Sie, wann es gut ist?

Selbstreflexion

Welcher Naturfotografen-Typ sind Sie?

Denken Sie über Ihre Ergebnisse nach

Vorstellungskraft

Schaffenskraft

Ausdruckskraft

Nachdenken über Ihren Prozess

Festgefahren, was jetzt?

Risiko-Bilder

Feedback

Diskurs und Jargon

Warum der Diskurs so wichtig ist

Erläuterndes Glossar

Praxis: Dies ist die Luftphase

Fünf Reflexionsfragen für Sie selbst

Fünf Reflexionsfragen zu Ihren Ergebnissen

Fünf Reflexionsfragen zu Ihrem Prozess

Dank


Einleitung
Warum dieses Buch?

Bei jeder Initiative neige ich dazu, mich zu fragen: warum? Was nützt sie, was kann ich damit tun, welchen höheren Zweck erfüllt sie? Was mich betrifft, so haben Sie als Leser dieses Buchs ein Recht auf eine gute Begründung. Gleichzeitig stelle ich mir hier diese Warum-Frage laut. Alles, was jetzt folgt, kann daher als ein innerer Dialog gesehen werden: die Auswirkungen meines eigenen Kampfes, um meine Gedanken wieder zu ordnen und in Einklang zu bringen. Manchmal dezidiert, manchmal bewusst vage im Ton, aber immer so geschrieben, dass man den roten Faden nicht verliert.

Seit langer Zeit habe ich das starke Gefühl, dass Kreativität in der Naturfotografie bisher kaum ein Thema war. Das meiste, was sich dazu finden lässt, ist fragmentarischer Natur und eher anekdotisch als methodisch. Höchste Zeit also, das Buch zu schreiben, nach dem ich immer gesucht, das ich aber nie gefunden habe.

Wo soll man anfangen? Vielleicht sollten wir zuerst das Rauschen beseitigen, das den Begriff Kreativität umgibt. Bei den meisten Büchern, Websites, Workshops oder Aktivitäten, die für sich Kreativität als Thema in Anspruch nehmen, fällt mir immer das Gleiche auf: Sie beschränken sich auf Produkte, Techniken und Fertigkeiten. Auch alles, was deutlich vom üblichen Vorgehen abweicht, wird automatisch als »kreativ« etikettiert: ein bestimmter Filter, eine bestimmte Nachbearbeitung, Doppelbelichtung oder Extrembelichtung. Aus Sicht der Marketingabteilungen, die den Verbraucher immer wieder zum Kauf verleiten müssen, ist das verständlich, aber um diese Art der Kreativität geht es in diesem Buch definitiv nicht.

Es gibt unzählige »kreative« Workshops, in denen man nur die Anwendung bestimmter Techniken lernt. Dabei rückt man zwar der Entwicklung der Kreativität ein Stück näher, bewegt sich aber hauptsächlich auf der Umsetzungsebene und fällt manchmal sogar in die Trickkiste. Das wird hier etwas später im Text sicher ausreichend thematisiert, aber auch das ist nicht die Art von Kreativität, um die es in diesem Buch wirklich geht.

Dann gibt es noch die Kreativität als eine Art heiliger Gral, als die Fähigkeit, immer wieder neue, frische Ideen zu entwickeln. Wie kommt es, dass einige Fotografen ständig originelle Einfälle haben und so sensationelle Fotos machen, dass Sie perplex fragen: Warum habe ich das denn nicht gesehen? Sie kennen wahrscheinlich die quälende Frage: Woher kommen diese kreativen Ideen?

Letzteres ist genau die Art von Kreativität, die in diesem Buch beleuchtet werden soll. Denn Kreativität ist keine Technik oder Methode, sondern vor allem eine Haltung, ein Mindset. Die Kunst besteht nämlich nicht darin, ein »kreatives« Foto zu kopieren, das jemand anderes schon einmal gemacht hat. Nein, die Kunst besteht darin, jederzeit und überall eigenständig neue Themen oder Situationen zu erkennen, die Potenzial für besondere Fotos haben können. Dafür braucht man drei Elemente: ein Motiv, Kamerakompetenz und eine Vision. Das erste Element kann man ausfindig machen und besuchen, das zweite kann man unkompliziert trainieren. Aber dieses letzte Element, die Vision, ist viel weniger greifbar, obwohl sie die Quelle kreativer und unverwechselbarer Fotografie ist. Dieses Buch hilft Ihnen, eine Vision zu entwickeln.

»Gleichzeitig stelle ich mir diese Warum-Frage laut.

Alles, was jetzt folgt, kann daher als ein innerer Dialog angesehen werden.«


Zwei Seeadler, fotografiert im Donaudelta, Rumänien. Nikon D800, 500 mm, 1/2000 s, Blende 11, ISO 800, -2,3 EV, Stativ


Zurückgebogene Staubblätter einer roten Protea, einer südafrikanischen (Kap-)Blume. Man könnte darin auch kleine Fäuste erkennen, die Haarbüschel festhalten. Nikon D800, 35 mm Makro, 1/100 s, Blende 5,6, ISO 400, 0,3 EV, Blitz

Warum Sie?

Wollen Sie sich als leidenschaftlicher Fotograf weiterentwickeln und von anderen unterscheiden? Dann ist dieses Buch wie für Sie gemacht. Der Ausgangspunkt ist die Entwicklung Ihrer philosophischen Seite, eine Seite, die bei vielen Fotografen nur wenig zum Vorschein kommt. Wenn Sie mit den vier Naturfotografen-Profilen vertraut sind, werden Sie den Philosophen wahrscheinlich als einen von ihnen kennen. Es ist das am wenigsten greifbare Profil, aber es ist wichtig, dieses zu entwickeln, wenn man kreativ vorgehen will.

Für diejenigen, die diese Profile noch nicht kennen, werden sie hier kurz vorgestellt. Eine detaillierte Beschreibung finden Sie auf Seite 168–169.

Da ist zunächst einmal der Biologe, der Artenkenner, der von Natur aus motivorientiert vorgeht. Viele Biologen sind Sammler, die mit Bestimmungsführer und Natur-App durch die Landschaften ziehen.

Der zweite Fotografentyp ist der Techniker, dessen Name Programm ist. Von Natur aus hat der Techniker wenig oder gar keine biologischen Feldkenntnisse, aber eine ausgeprägte Faszination für die Digitalkamera. Er schreckt auch vor den versteckten Funktionen nicht zurück.

Ein dritter Fotografentyp ist der Künstler, für den das Bild und die Komposition wichtiger sind als das Motiv oder die Technik. Künstler haben keine Probleme, Motive zu finden. Ein morscher Baumstamm ist für sie mindestens so verführerisch wie eine seltene Tierart. Der Künstler staunt über die Natur um ihn herum; draußen zu sein ist an sich schon ein Erlebnis.

Schließlich gibt es den Philosophen, der sich im Voraus fragt, was Fotos eigentlich aussagen (wollen). Der Philosoph wird von einer persönlichen Suche nach dem tieferen Sinn getrieben und ist in der Lage, originelle Zusammenhänge herzustellen.

Der ideale Naturfotograf vereint all diese Typen in sich. Aber die Realität ist widerspenstig. Auf meiner niederländischen Website www.centrum-voornatuurfotografie.nl/test können alle, die der niederländischen Sprache mächtig sind, den Test »Welche Art Naturfotograf sind Sie?« machen, wenn sie wissen wollen, zu welcher Kategorie sie gehören.

Mittlerweile haben über 3500 Naturfotografen diesen Test absolviert. Und was stellt sich heraus? Die meisten von ihnen sind primär biologisch getrieben. Nicht weniger als 35 Prozent der Befragten hatten den Biologen als höchste Punktzahl, gefolgt von den Kategorien Techniker (30 Prozent) und Künstler (28 Prozent). Der Philosoph erzielte nur 7 Prozent. Fazit: Für erfahrene Fotografen, die technisch, biologisch und künstlerisch fortgeschritten sind, ist die Pflege des Philosophen die größte Herausforderung für ihre weitere Entwicklung.

Klingt das nicht aufregend? Wenn Sie unbedingt weiterlesen möchten, ist jetzt der Moment für eine letzte Warnung gekommen. Wenn der Philosoph die Oberhand gewinnt, kann man als Fotograf ziemlich demotiviert werden: Man wird sich nämlich fragen, wofür man das alles tut und welchen tieferen Sinn es hat. Ist es überhaupt sinnvoll? Solche Gedanken können lähmend sein und den Spaß in freier Natur bremsen. Eine gewisse Lockerheit im Umgang mit dem Inhalt dieses Buchs ist daher sinnvoll. Fordern Sie sich selbst heraus, gehen Sie neue Wege, aber immer nach dem Motto: alles kann, nichts muss!


Muster sehen, Zusammenhänge herstellen, die richtigen Fragen stellen … aber auch vor sich hin träumen und sich darin verlieren. Foto: Annemiek Sips

Warum ich?

Wer bin ich, dass ich denke, die Weisheit gepachtet zu haben? Natürlich ist das nicht so. Aber ich bin seit mehr als dreißig Jahren beruflich in den Bereichen Kunst, Design, Biologie, Journalismus, Fotografie, Kommunikation und Bildung tätig. Ich habe gelernt, Muster zu sehen, Zusammenhänge herzustellen und die richtigen Fragen zu stellen.

Für mich begann alles mit der Natur. Schon als Kind war ich verrückt danach. Viele Naturliebhaber teilen ihre Leidenschaft mit einem Familienmitglied, aber bei uns zu Hause war ich der einzige. Anscheinend habe ich den Naturvirus von meinem Urgroßvater mitbekommen, aber für eine Begegnung reichte die Zeit leider nicht. Die Tatsache, dass ich zu Hause mit meiner Leidenschaft alleine dastand, hatte weitreichende Konsequenzen, von denen Sie als Leser nun profitieren.

Es verhielt sich nämlich so: Wenn wir beispielsweise spazieren gingen, blieb ich immer am Wegesrand hängen und machte dort alle möglichen Entdeckungen. Ein Frosch, eine Wanze – ich fand das alles unglaublich aufregend. Die anderen mussten ziemlich oft auf mich warten, und aus Gründen, die mir damals unverständlich waren, gab es dafür auch ein Zeitlimit. Auch die Urlaubsziele wurden leider nicht nach dem Naturgehalt ausgewählt, und ich musste mich mit sehr wenig zufriedengeben. Dazu gehörte beispielsweise der brachliegende Grünstreifen zwischen Ferienhaus und Strand. Aber kein Problem: Es war ja in Italien, und da wuselten Ruineneidechsen umher, also hatte ich meinen Spaß dort. Am Ende des Urlaubs hatte ich die tiefste Sonnenbräune von meinem stundenlangen, gebückten Laufen in der Sonne. Warum erzähle ich Ihnen das alles? Um Ihnen zu zeigen, dass ich schon früh lernen musste, mit Kompromissen zu leben.

Jahrelang habe ich mich dagegen gesträubt. Ich meinte sogar lange Zeit, im falschen Land geboren zu sein. Erst viel später wurde mir allmählich klar, dass hinter all diesen Kompromissen etwas Größeres steckte: die Kraft der Beschränkung! Während meines Biologiestudiums habe ich ein Praktikum in der Abteilung für Bodenökologie absolviert. In einem der Aufenthaltsräume der Fakultät hing ein Spruch an der Wand: »The soil is the poor man’s rain forest.« Damals fand ich das trist, jetzt finde ich es treffend!

Beschränkung führt zwangsläufig dazu, dass man der Sache einen eigenen Dreh geben muss. So wurde mein wichtigster Trumpf nicht das aufregendste Motiv, die spektakulärste Landschaft oder das bezauberndste Morgenlicht, sondern sehen zu lernen und visuell außergewöhnliche Bilder zu erzeugen, anywhere and anytime. Ich lernte, vor Ort immer schneller den Unterschied zu erkennen zwischen Situationen, die höchstens passable Fotos hervorbringen, und Situationen mit Potenzial für etwas Besonderes. Kurz gesagt: Beschränkung führt zu Kreativität. Der Begriff creative constraint unterstreicht dies. Oder das deutsche Sprichwort: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Und ist die so hoch geschätzte italienische Küche nicht aus Armut und Beschränkung entstanden?

Fazit: Beschränkung macht kreativ. Aber das ist nicht der einzige Faktor, der zählt. Schließlich kann man über massenhaft Zeit verfügen und in interessanten Motiven ertrinken und trotzdem in der Durchschnittsfotografie stecken bleiben. Man muss nicht viel Zeit im Internet verbringen, um zu sehen, was ich meine. Die Beschränkung ist also funktional. Aber wie setzt man dies in Kreativität um, und wie kann man das für sich selbst nutzen? Darum geht es in diesem Buch.


BEZUGSRAHMEN
Was ist das richtige Mindset?

Dieses Buch enthält keine Techniken, Rezepte oder Standardmethoden. Sie würden den Prozess nur vorhersehbar machen. Kreativität ist jedoch Einstellungssache. Dahinter verbergen sich bestimmte Schlüsselerkenntnisse, die Ihnen helfen, mit der Fotografie lockerer und eigenwilliger umzugehen. Das ist das Thema in diesem Einleitungskapitel.

Kennen Sie diese alte japanische Erzählung? Der Kaiser beauftragt einen Künstler, einen Hahn für ihn zu zeichnen. Der Künstler geht zurück in sein Atelier und lässt wochenlang nichts mehr von sich hören. Der Kaiser schickt einige Diener zu ihm. Als auch diese unverrichteter Dinge zurückkehren, beschließt er letztendlich nach einem Jahr, selbst hinzugehen. Er tritt ein und fragt in einem herrischen Ton: »Wo bleibt mein Hahn?« Der Künstler bückt sich, rollt ein großes Blatt Papier auf, taucht seinen Pinsel in die Tinte, und ratzfatz entsteht der schönste Hahn, den der Kaiser je gesehen hat. Der Kaiser ist hingerissen. Doch dann wird er wütend und fragt: »Warum ging das nicht schon früher?« Daraufhin bedeutet ihm der Künstler, weiter ins Haus zu gehen. Dort zeigt er dem Kaiser ein großes Atelier voller Skizzen von Hähnen. »All diese musste ich erst machen, damit ich den einen Hahn für den Kaiser zeichnen konnte.« Der Kaiser versteht – er ist ein weiser Mann.

Abläufe sind wichtiger als Ergebnisse: Spitzenfotos sind Beifang

»Übung macht den Meister«, lautet ein altes Sprichwort. Dies gilt nicht nur für künstlerisches Können wie das Zeichnen eines Hahns. Das gilt für alle Aktivitäten, die letztendlich zu außergewöhnlichen Ergebnissen führen.

Zurück zum japanischen Künstler: Alle früheren Skizzen, die er anfertigte, wurden von einem bestimmten Ablauf beherrscht. Sollten Sie glauben, dass dieser Ablauf nur darin besteht, immer wieder korrekte Linien flüssig zu Papier zu bringen, starren Sie blind auf die Ausführung und übersehen mindestens drei Viertel des kreativen Prozesses.

Der Künstler beginnt schon viel früher damit, Hähne zu beobachten. An vielen Morgen ist er dabei, wenn sie krähen, sich stolz strecken und bei jedem »Kikeriki« kleine Atemwolken ausstoßen. Er folgt den Kurven und dem Glanz jeder Schwanzfeder. Er vergleicht die Unterschiede ihrer markanten Kämme. Ihm fällt auf, wie die roten Hautlappen nach jeder heftigen Kopfbewegung noch nachvibrieren. Es entgeht ihm nicht, dass sich auf halber Höhe der Läufe elegante, nach hinten gebogene Sporen befinden.

Er spürt fast die Behutsamkeit, mit der ein Hahn bei jedem Schritt seine Zehenspitzen zuerst auf den Boden setzt. Während des Zuschauens wirft der Künstler kontinuierlich Kohleskizzen aufs Papier. Manchmal strichelt er grob, manchmal nimmt er sich die Zeit, Details auszuarbeiten. Er zeichnet zehn Hahnenköpfe mit verschiedenen Kammformen.



Fünf verschiedene Schwanzpartien und viele Posen. Während er skizziert und beobachtet, trifft er intuitiv Entscheidungen. Er bemerkt, dass keine zwei Hähne den gleichen Kamm haben. Welche Kammform spricht ihn am meisten an und warum? Zu Anfang dachte er, dass er den traditionellen roten Stehkamm mit seinen gleichmäßig verteilten aufrechten Spitzen bevorzugen würde. Doch allmählich findet er es viel faszinierender, wenn er ein unvorhersehbares Element im Kamm entdeckt. Der vordere Teil darf schlapp über den Schnabel fallen, entscheidet er. Das strahlt seine Ranghöhe aus.


Nach und nach entwickelt er Vorlieben für die Farben der Federn, die Haltung der Läufe, die Länge der Schwanzfedern, den Gesichtsausdruck des Hahns. Er meint, er dürfe ihn ein bisschen übertreiben. Schließlich hat der Künstler seinen Auftraggeber nicht vergessen: den mächtigen Kaiser. Ihm ist bewusst, dass von ihm ein Hahn erwartet wird, mit dem sich der Herrscher identifizieren kann.

Der Künstler hat sich selbst bereits ein Bild von den persönlichen Eigenschaften des Kaisers gemacht, die er durch die Zeichnung vom Hahn zum Ausdruck bringen will. Natürlich sollte es zumindest ein stolzer, imposanter Hahn sein, aber keine vorhersehbare Karikatur.


Glücklicherweise war der Künstler beim ersten, kurzen Kontakt mit dem Kaiser so klug gewesen, sehr genau hinzuschauen. Er bemerkte, dass der Kaiser zuerst zwar einen strengen und distanzierten Eindruck machte, gleichzeitig aber ein milder, gewinnender Ausdruck in seinem Blick lag. Also beschloss der Künstler, dass sein Hahn zugänglich und weise wirken sollte.

Deshalb beobachtete und zeichnete er auch stolze Soldaten und besuchte Dorfälteste, vor deren Weisheit man Hochachtung hatte. Er wollte einfach das Äußere der Eigenschaften erfassen, die ihn so faszinierten. Wie er diese Eigenschaften auf seinen Hahn projizieren würde, wusste er zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Aber er wusste, dass alles gut werden würde.

Nicht einen Moment lang dachte der Künstler: Jetzt stecke ich gerade in einem Prozess. Er folgte intuitiv seinem Gefühl und tat, was er für richtig hielt. Wenn wir die Geschichte jedoch noch einmal auf einer abstrakteren Ebene analysieren, gibt es eindeutig einen Ablauf mit unterschiedlichen Elementen.

Zunächst einmal gibt es eine Orientierungsphase mit einem Forschungsschwerpunkt, wobei man sich nicht um das Endergebnis sorgt. Parallel dazu läuft die Phase der Ideenentwicklung, in der eine Idee vom Endergebnis Gestalt annimmt. Schließlich gibt es ein permanent präsentes Gestaltungselement, bei dem die Aktivitäten auf die Ausführung, Gestaltung und Verfeinerung des Endergebnisses ausgerichtet sind.

In all diesen Phasen findet eine Dokumentation in Form von vielen Skizzen und Zeichnungen statt. Da sich der Künstler (zusätzlich zu seinem bereits vorhandenen Talent und Erfahrungsschatz) so intensiv damit beschäftigte, erreichte er ein solch hohes Kompetenzniveau, dass er den Hahn im entscheidenden Moment perfekt zeichnen konnte.


Damit sind wir beim Kerngedanken dieses Buchs angelangt: Es gibt so etwas wie einen kreativen Prozess. Und gerade die nüchterne Erkenntnis dieser Tatsache wird einen gewaltigen Unterschied machen, weil sie Ihnen erlaubt, alles, was Sie als Fotograf tun, in einen größeren Kontext einzuordnen. Das hilft Ihnen, Ihre kreative Entwicklung in den Griff zu bekommen.

Obwohl der kreative Prozess grundsätzlich für alle künstlerischen Disziplinen gilt, schreibe ich ihn in erster Linie für die schnell steigende Zahl von (Natur-)Fotografen, die nach mehr Tiefe suchen und ihren eigenen Stil entwickeln wollen. Warum gerade für Naturfotografen? Erstens, weil ich selbst die Natur fotografiere. Und zweitens, weil die Naturfotografie eine Kategorie für sich ist, weit entfernt von anderen visuellen Disziplinen. Denn die Naturfotografie ist nicht in einer visuellen Tradition verwurzelt wie beispielsweise die Malerei.


Schließlich waren die ersten Naturfotografen von Haus aus keine Fotografen, sondern Biologen und Forscher. Diese Menschen arbeiteten mit einer sachorientierten Leidenschaft für ihr Thema. Zu den Pionieren der Naturfotografie gehören die Brüder Richard und Cherry Kearton, die 1897 mit ihrem Buch »With Nature and a Camera« für Furore sorgten. Sie enthüllten ihre Methoden und selbst erfundenen Techniken, mit denen sie sich Wildtieren näherten. Daraus entstanden Fotos, die damals niemand für möglich gehalten hatte. Das Buch war so erfolgreich, dass nach gut einem Jahr schon die dritte Auflage erschien.

Die Naturfotografen waren für ihr Durchhaltevermögen bekannt, weil sie beispielsweise stundenlang bei rauem Wetter in einer Schutzhütte ausharrten, nur um diesen einen Moment einzufangen. Außerdem waren sie bekanntermaßen bereit, viel Zeit zu opfern, sich viel Wissen anzueignen und viel Geld in schwere Stative mit Teleobjektiven zu investieren.

Letztere Investition hatte damit zu tun, dass sich die klassischen Naturfotografen vor allem auf Vögel und Säugetiere konzentrierten, die man naturgemäß nicht so leicht direkt vor die Linse bekam. Diese Fotografen wurden eher von dem Bedürfnis nach Registrierung getrieben. Spezifische Bildmerkmale wie Farbe, Rhythmus, Form, Konzept oder Komposition spielten kaum eine Rolle. Das erklärt vielleicht, warum die Naturfotografie trotz der digitalen Revolution immer noch stark wissens- und motivorientiert ist. Nachbearbeitung war lange Zeit ein Tabu, und selbst jetzt beschränkt sie sich meist auf die Optimierung des Motivs.


Die ersten Naturfotografen waren keine Künstler, sondern Naturforscher, wie diese Bilder aus dem Buch »With Nature and a Camera« (1897) der Gebrüder Kearton belegen.

Daran gibt es natürlich nichts auszusetzen. Es wird lediglich deutlich, dass die Naturfotografie, anders als beispielsweise die Mode- oder Werbefotografie, nicht in einer visuellen Tradition verwurzelt ist.

Die Aufmerksamkeit für das Bild ist noch nicht so alt. Obwohl in diesem Bereich immer ausgiebiger experimentiert wird, bleibt das Motiv oft der Ausgangspunkt. Das Streben nach einem maximalen ästhetischen Wert wird in der Regel als das Endziel angesehen.

Momentan findet jedoch ein Umdenken bei immer mehr Naturfotografen statt, und sie erkennen, dass schöne Fotos von schönen Motiven sich auf Dauer nicht von der Masse abheben. Vor allem dann nicht, wenn viele Fotografen die gleiche Art von Bildern an den gleichen Orten machen. Früher oder später wächst bei jedem Naturfotografen das Bedürfnis nach größerer Individualität.

Eine neuer Trend zeichnet sich bereits ab: die Verlagerung vom Bild zum Erlebnis. Das Motiv ist nicht verschwunden, aber das Foto wird stärker, wenn es sinnvoll erlebt werden kann. Diese Art der Argumentation ist Naturfotografen wahrscheinlich weniger vertraut.

Wir können Folgendes festhalten: Der Weg zur Einzigartigkeit liegt nicht darin, noch besseres Equipment anzuschaffen, mit noch mehr Techniken zu jonglieren oder noch mehr Fotolocations abzuhaken. Der Weg, den wir diesmal suchen, führt nach innen, zu uns selbst.

Was Sie dafür benötigen, sind vor allem Erkenntnisse, nicht nur über sich selbst, sondern vor allem darüber, wie ein kreativer Prozess abläuft. Schlüsselkomponente dabei ist die Reflexionsfähigkeit, und dafür braucht man einen bestimmten Diskurs. All dies finden Sie in diesem Buch.

Verlassen Sie sich auf den Prozess

Die einfache Erkenntnis, dass ein Prozess für die Entwicklung eines eigenen Stils erforderlich ist, hat weitreichende Konsequenzen für Ihr Vorgehen. Da ist zunächst die befreiende Einsicht, dass man ungestraft eine Menge schlechter Bilder machen kann. Tatsächlich muss man diese sogar erst machen, bevor man zu der besseren Arbeit kommt. Denken Sie an all die Hahnenskizzen des japanischen Künstlers. Betrachten Sie die gesamte dafür aufgewendete Zeit als Flugstunden. Wenn das kein tröstlicher Gedanke ist!

Wenn Sie die Idee des Prozessansatzes noch etwas länger auf sich wirken lassen, wird schnell klar, dass sie auf einem ganz neuen Mindset basiert.


Hier können Sie sehen, wie die Entwicklung der Naturfotografie mehr oder weniger der Entwicklung der Künste folgt: von der Motiv- über die Bild- zur Erlebnisorientierung.

Zunächst einmal benötigt der Prozess viel Raum. Sie müssen sich also Zeit dafür nehmen und daran arbeiten. Gönnen Sie sich die Ruhe, in Ihrem eigenen Tempo zu forschen, zu experimentieren und zu scheitern. Dabei ist das Suchen wichtiger als das Finden.

Vergessen Sie einmal das Endergebnis. Es ist viel sinnvoller, wenn Sie lernen, sich die richtigen Fragen zu stellen und interessante Schritte zu unternehmen. Das können Sie übrigens nicht alles allein machen. Es ist enorm hilfreich, einen Coach oder Mentor zu finden, der Sie anleitet. Das funktioniert in der Gruppe sogar noch besser als einzeln, denn dann profitiert man von Austausch und Brainstorming.

Klingt das ein wenig abstrakt und schwer fassbar? Glückwunsch, genau das ist der Sinn der Sache. Sie sind dabei, etwas Neues zu lernen, und dafür müssen Sie Ihre Komfortzone verlassen. Kein Wunder, dass Sie erst einmal fremdeln.

Der Lernzyklus

Übung macht also den Meister, aber mit Übung allein kommt man nicht ans Ziel. Man kann noch so viele Varianten ein und desselben Themas produzieren – wenn man dies unreflektiert tut, schafft man es nicht auf die nächste Ebene. Nach Ansicht des amerikanischen Lernpsychologen David Kolb muss man vier Phasen durchlaufen, um etwas gründlich zu lernen: (1) Sie erleben etwas Neues, (2) Sie lassen es auf sich wirken, (3) Sie analysieren, sehen Zusammenhänge und ziehen Schlussfolgerungen und (4) Sie wenden Ihre Erkenntnisse künftig an.


So sieht der Lernzyklus aus (frei interpretiert nach dem amerikanischen Lernpsychologen David Kolb). In welchem Typ erkennen Sie sich selbst am meisten wieder? Welche Phase ist Ihrer Meinung nach die schwierigste?


Skurrile Eisformen auf einem gefrorenen Buchenblatt. Ich habe dieses Motiv erst entdeckt, nachdem ich mich wegen etwas anderem hingehockt hatte. Zuerst war ich völlig auf diese flügelartige Form oben in der Mitte konzentriert. Erst nach einer Minute sah ich, dass diese geschwungenen Linien und das Blatt selbst ebenso spannend waren. Plötzlich erkannte ich darin einen abstürzenden Ikarus. All diese Schritte bilden einen kleinen, aber komplett kreativen Prozess, der während des Fotografierens in kurzer Zeit abläuft. Schließlich können wir von Orientierung, Ausführung, Reflexion und Ideenbildung sprechen. Nikon D810, 105 mm, 1/6 s, Blende 18, ISO 400, Stativ

Dies erklärt zum Beispiel, warum sich viele Amateurfotografen nach einer Fotosession endlos viel Zeit nehmen, um aus der üppigen Ernte auf ihrer vollen Speicherkarte ihre besten Bilder auszuwählen.

Zugegeben, es kann auch ein angenehmer Zeitvertreib sein, ganz darin aufzugehen. Aber wenn wir den Lernzyklus danebenstellen, zeigt sich, dass man noch nicht in der Lage ist, von Phase 2 (einwirken lassen) zu Phase 3 (analysieren und Schlüsse ziehen) überzugehen.

Für Profis hingegen ist es ein Klacks, weshalb sie dann problemlos und schnell entscheiden, welche drei Viertel ihrer Neuzugänge direkt in den Papierkorb wandern. Sie wissen auch, welche Bilder sie in diesem Moment für die besten halten, und können das begründen. Auch wenn sie so vernünftig sind, darüber hinaus doch noch etwas Bildmaterial aufzubewahren, das eventuell Potenzial hat, weil es beispielsweise zu neuen Ideen inspirieren kann. Sie sind damit also bereits wieder mit Phase 4 (Anwendung) beschäftigt.

Die Phase, die Ihnen von Natur aus am leichtesten von der Hand geht, bestimmt Ihren bevorzugten Lernstil. Dies ist die Phase, mit der Sie am liebsten starten und in der Sie die meiste Zeit verbringen. Es ist jedoch wichtig, dass Sie auch die anderen Phasen durchlaufen. Ansonsten ist Ihr Lernprozess unvollständig, und der Stoff bleibt nicht hängen. Profis beherrschen alle Lernstile und wenden sie dann an, wenn sie im kreativen Prozess am effektivsten sind. Manchmal beginnen Sie mit einer Reflexion über vorhandene Arbeiten (Phase 3) und notieren die Erkenntnisse für ein neues Projekt. Ein anderes Mal gehen Sie hinaus und lassen sich überraschen (Phase 1).

Geschmack ist ein korrupter Gradmesser

Wie oft hört man »Ich finde es schön« oder »nicht schön«, wenn Menschen über ein Foto sprechen? Sie lassen sich dann von ihrem persönlichen Geschmack leiten. Wenn die Geschmäcker unterschiedlich sind, gerät man in eine Sackgasse, und um die Stimmung nicht zu trüben, wird die Diskussion mit der Plattitüde »Über Geschmack lässt sich nicht streiten« abgewürgt.

Bleiben Fotobesprechungen für Ihren Geschmack zu oft auf diesem Niveau stecken? Dann haben Sie die falschen Gesprächspartner, was auf Dauer frustrierend ist. Sie bekommen schließlich kein befriedigendes Feedback, und solange man nicht weiß, wie man aus der Geschmacksfalle herauskommt, wird sich diese Frustration endlos wiederholen.

Natürlich ist ein persönlicher Geschmack völlig legitim. Ihren Geschmack brauchen Sie, um in fast jedem Bereich Entscheidungen zu treffen. Spontan denkt man dabei an Kleidung, Frisur, Wohnungseinrichtung, Partner, Auto, Schreibtisch und so weiter. Daher ist die Entwicklung eines Geschmacks nicht problematisch, sondern zwei andere Sachen, die zu Unrecht stark damit assoziiert werden.

Das erste ist die Art und Weise, wie Sie mit Ihrem eigenen Geschmack umgehen. Die Schlüsselfrage, die Sie sich stellen müssen, lautet: Haben Sie Ihren Geschmack oder sind Sie Ihr Geschmack? Die meisten Menschen betrachten ihren Geschmack als einen festen Wert, auf den sie blind vertrauen, weil er immer mit einem angenehmen Gefühl belohnt wird. Und warum sollte man gegen seine Gefühle handeln? Das sorgt nur für Unbehagen. Oder nicht? Wie oft hören Sie: »Folge deinem Gefühl«? Geschmack ist daher für viele ein absoluter Kompass. Klingt logisch, nicht wahr?

Dieses Schema zeigt (mit einem Augenzwinkern), dass Geschmack kein konstantes Merkmal ist, sondern sich pro Lebensabschnitt entwickelt und im Laufe der Jahre immer individueller wird.


Diese Übersicht bietet Ihnen Anhaltspunkte, wenn Sie Fotos mit den Phasen der Geschmacksentwicklung verknüpfen möchten. Disclaimer: Sie dient der Veranschaulichung und soll die Unterschiede (in loser Folge) benennen. Ohne Werturteil, denn eine Phase ist nicht schlechter oder besser als die andere, höchstens mehr oder weniger kompliziert.

Dennoch ist etwas grundfalsch, wenn man nur nach dem Geschmack geht. Dieser ist nämlich tatsächlich ein korrupter Indikator, weil er beeinflussbar ist. Geschmack ist wie ein kleines Kind. Er wächst, entwickelt und formt sich. Warum sollte man dann nicht seinen eigenen Geschmack erziehen, wie wir es mit Kindern tun?

Denken Sie an Ihre eigene Kindheit zurück. Welchen Geschmack hatten Sie damals? In der Wiege kennen wir nur einen Geschmack: den der Muttermilch. Nennen wir diese Phase die Milchphase. Diese Phase ist biologisch erklärbar. Die Muttermilch enthält alles, was der Babykörper benötigt. Nach dem Säuglingsalter vertragen viele Menschen Milch nicht mehr gut. Aber keine Sorge, an ihre Stelle tritt etwas anderes: Süßigkeiten wie Schokolade, Zuckerstangen, Bonbons. Nennen wir das doch die Süßigkeitenphase. Geschmacklich handelt es sich um eine unkomplizierte, vorhersehbare Phase mit einfachen Bewertungskriterien: Wenn es gut tut und süß schmeckt, ist es gut. Der biologische Hintergrund dieser Phase ist allseits bekannt. Leicht verdauliche Zuckerarten, insbesondere Glukose, geben schnell Energie und fördern das Wachstum – genau das, was ein junger Körper braucht. In der Natur gibt es die natürliche Fruchtsüße in Obst. Leuchtende Farben wie Gelb, Rot oder Orange zeigen den Reifegrad der Früchte an. Die Süßwarenhersteller reagieren auf diesen im Laufe der Evolution herausgebildeten Stimulus, indem sie ihre Produkte mit reichlich Farbstoffen einfärben.


Milchphase: All die typischen Schnappschüsse, die Menschen (auch Nicht-Fotografen) am laufenden Band machen, ohne sich um Lichteinfall, Flächenaufteilung, Komposition oder andere fotografische Ambitionen zu kümmern. Sehr oft versteht nur der Macher das Bild, weil er weiß, was darauf ist und weil er eine Erinnerung an diesen Moment hat.


Süßigkeitenphase: Dieses Porträt einer Gottesanbeterin wird vielen Betrachtern gefallen: zugängliches Thema, sichere Komposition, süße Farben, weiche Kontraste und nur eine Bedeutungsebene. Die Ästhetik spielt eine entscheidende Rolle. Nikon D810, 105 mm mit 2-fach-Konverter, 1/250 s, Blende 10, ISO 320, -0,3 EV, Stativ

Mit dem Erwachsenwerden entwickelt sich auch der Geschmack. Und so bricht eine Zeit an, in der viele Menschen anfangen, beispielsweise Bier lecker zu finden. Kein Kind mag Bier, aber das ändert sich oft ganz entscheidend um das 18. Lebensjahr herum, und die Bierphase bricht an. Zugegeben, nicht jeder wird zum Biertrinker. Darauf will ich jedoch auch gar nicht hinaus. Die Hauptsache ist hier, dass sich der Geschmack ändert. Ersetzen Sie das Wort Bier durch modische Kleidung, Frisur oder Einrichtung, und Sie werden sehen, dass sich der Geschmack in jeder Lebensphase ändert.

Es gibt auch eine (bio-)soziologische Erklärung für die Bierphase. Diese Periode reflektiert die Lebensphase der Identitätsbildung. Es ist eine turbulente Zeit, in der die Gruppenidentität von Gleichgesinnten eine entscheidende Rolle spielt.

Dies drückt sich unter anderem in der Kleidung und im Musikgeschmack aus. Die Beurteilungskriterien für diese Phase sind vielschichtiger und vielfältiger als in den vorangegangenen Phasen.

Der Geschmack entwickelt sich auch im Erwachsenenalter weiter. Schließlich entsteht eine individuelle Identität, die sich in persönlichen Entscheidungen in den Bereichen Kleidung, Einrichtung und Lebensstil ausdrückt. Um bei der Metapher der Getränkevorliebe zu bleiben, könnte man von der Weinphase sprechen. Wein mit seiner unglaublichen Vielfalt und geballten kulturellen Tradition ist eine Wissenschaft für sich. Der Geschmack ist alles andere als eindeutig und selten direkt gefällig.

Die Eigenart steht im Mittelpunkt und wird zelebriert, was zu Snobismus und Elitedenken führen kann. Zuweilen wird behauptet, dass man lernen muss, Wein (oder eine bestimmte Kunstrichtung oder bestimmte Musik usw.) zu schätzen. Die Beurteilungskriterien für Wein sind so komplex, dass es dafür Kurse und Workshops gibt. Mit dem Begriff »Kenner« ist auch ein gewisser Status verbunden. Was lernen wir daraus? Geschmack ist kein absoluter Gradmesser, Geschmack ändert sich. Und der gesamte Prozess der Geschmacksentwicklung kann von außen beeinflusst, sozusagen korrumpiert werden. Fast alle Produkte, an denen man seinen eigenen Geschmack zu erkennen glaubt, werden von Industrie und Marketing vorgekaut. Ebenfalls einen großen Einfluss haben soziologische Prozesse wie Statusdenken und Gruppenverhalten. Ein weiterer Grund also für die Disqualifizierung des Geschmacks als ultimativem Gradmesser. Schauen Sie sich die Fotos aus Ihren Anfangstagen an oder erinnern Sie sich an Ihren früheren Kleidungsstil, dann verstehen Sie, was ich meine.

Geschmack kann korrupt sein, aber natürlich verschwindet er nicht, und Sie werden weiterhin immer etwas schön oder hässlich finden. Auch bei der Beurteilung von Fotos spielt Ihr Geschmack eine Rolle. Aber von jetzt an können Sie das relativieren. Geschmack sollte niemals das einzige Kriterium sein. In diesem Buch werden Sie viele andere Kriterien kennenlernen, die es Ihnen ermöglichen, Fotos zu schätzen, auch wenn sie Ihnen nicht gefallen.


Bierphase: Dieses Bild ist für den fortgeschrittenen Betrachter. Motivwahl und Bildaufbau sind etwas weniger offensichtlich. Die Komposition ist komplex, und es gibt mehrere Schichten. Nikon D810, 210 mm, 1/20 s, Blende 16, ISO 100, Stativ


Weinphase: Dieses Bild wird nicht jedermanns Geschmack treffen. Keine gefälligen Farben und kein kuscheliges Motiv, aber schon eine grafische Qualität. Was Sie sehen, ist eine »Flotte« schiffbrüchiger, toter Segelquallen. Das sind etwa fünf Zentimeter lange, kolonienbildende Nesseltierchen, die mit Hilfe einer Art Segel auf ihrem Rücken vom Wind über die Ozeane getrieben werden. Auf dem Meeresspiegel treibend stehen sie hier kurz davor, an der korsischen Felsküste zu stranden. Nikon D810, 500 mm, 1/500 s, Blende 10, ISO 500, Stativ

Es gibt einen zweiten Grund, sich eingehender mit dem Faktor Geschmack zu beschäftigen: die Klickrate (Beliebtheit). Vielleicht kennen Sie dieses tolle Gefühl der Anerkennung für Ihre Fotos, zum Beispiel durch Likes auf Facebook oder Instagram, oder wenn eines Ihrer Fotos bei einem Wettbewerb gewinnt oder veröffentlicht wird. Dieser Stolz ist berechtigt, weil man als Fotograf Wertschätzung braucht.

Aber um weiterzukommen, werden Sie dieses Bedürfnis nach Anerkennung, genau wie Ihren Geschmack, vorübergehend aufgeben müssen.

Um das zu verstehen, sollten Sie auf die linke Koordinate im Diagramm auf Seite 16 achten. Dort sehen Sie die Anzahl der Gleichgesinnten pro Phase. Diese Zahl sinkt, wenn man sich vom allgemeinen Geschmack des Publikums entfernt.

Man kann schon behaupten, dass alle Babys Milch lieben. Die Zahl der Gleichgesinnten in dieser ersten Milchphase beträgt fast hundert Prozent. In der Süßigkeitenphase haben Sie sicherlich auch drei Viertel der Bevölkerung auf Ihrer Seite. Aber in der Bierphase verhält sich das wirklich anders. Fragen Sie eine große Gruppe von Erwachsenen, wer von ihnen Bier mag, und höchstens die Hälfte von ihnen wird die Hand heben. In der Weinphase haben Sie noch weniger Anhänger. Das ergibt Sinn, denn Ihr Weg wird individueller. Vorerst wird es mehr Suchen als Finden sein. Sie werden experimentieren und per Definition von den allgemeinen Standards abweichen. Sie müssen also nicht mit der unmittelbaren Wertschätzung durch ein großes Publikum rechnen. Das ist logisch, denn Sie entfernen sich vom Publikumsgeschmack. Übrigens ist dies oft nur vorübergehend, denn auch der Geschmack der Massen entwickelt sich ständig weiter. Deshalb könnte alles, was heute noch von einigen als geniales, innovatives Foto angesehen wird, morgen schon ein Trend und übermorgen Mainstream sein. Aber denken Sie daran: Wenn Sie der Masse einen Schritt voraus sind, dürfen Sie nicht mit allzu viel Beifall rechnen.

Nicht jedem wird dieses Bild gefallen. Aber ich fühle, dass es bei mir etwas bewirkt. Es ist düster, geheimnisvoll, introvertiert. Was sehen wir? Eine Blüte, einen Oktopus, eine Frauenfigur? Das Bild drückt eher eine bestimmte Stimmung aus als ein Motiv. Das Foto bietet daher einen symbolischen Einblick in meine innere Welt. Nikon D810, 105 mm, 2 s, Blende 20, ISO 400, -3 EV, Stativ

Deshalb lautet mein Rat, solange Sie noch auf der Suche sind: Likes sollten Ihnen schnuppe sein. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Ihre experimentellen Fotos wenig Resonanz finden. Im Gegenteil: Ich rate Ihnen sogar davon ab, Fotos, an denen Sie noch Zweifel haben, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Sie werfen sich damit den Wölfen zum Fraß vor, und das kann Ihrer Suche sogar schaden. Der ehemalige Chefredakteur der niederländischen Ausgabe von National Geographic, Aart Aarsbergen, kritisierte in seinem Abschiedsinterview die Rolle der Plattformen: »Social Media wie Instagram sind tödlich für die Originalität in der Fotografie. Ein subtiles Bild geht dort völlig unter. Es muss alles grandios und schrill sein, um aufzufallen. Instagram führt zu kreativer Verarmung und fotografischem Konformismus.« Das ist auch meine Meinung.

Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sollten nicht von der Bestätigung durch andere abhängen. Einer der wichtigsten Maßstäbe für Professionalität ist Ihre Kritikempfindlichkeit. Mit wachsendem (fotografischem) Selbstvertrauen lernt man, zunehmend konstruktiv damit umzugehen. Wo der Amateur sehr sensibel auf jede Art von Feedback reagieren kann, das kein Schulterklopfen ist, sieht der Profi darin eine Chance zur Weiterentwicklung.

Der kreative Prozess

Innovative Fotos ergeben sich aus einem Prozess, den man natürlich auch ergründen kann. Zu jeder Phase gehören bestimmte Aktivitäten und eventuell eine bestimmte Struktur. Es handelt sich ausdrücklich nicht um einen Schritt-für-Schritt-Plan, den man geradlinig abarbeitet. Vielmehr sollten Sie den kreativen Prozes als ein Set mit Bezugspunkten sehen, auf das Sie zurückgreifen können.

In der Kunstpädagogik ist der Prozess immer öfter ein zentrales Thema – vor allem deshalb, weil die meisten festen Standards, nach denen eine bildliche Äußerung beurteilt wurde, mittlerweile überholt sind. Die Prozessqualität hat ihren Platz eingenommen.

Der Prozess ist schließlich auch eine verlässliche Größe. Man muss zuerst bis zum Ende der Straße gehen, um sehen zu können, was hinter der nächsten Ecke liegt. Progressive Erkenntnisse sind wichtig. Sie sind die einzige Möglichkeit, abgegriffenen Klischees zu entkommen. Erst wenn einen das Endergebnis überrascht, weiß man, dass man sich selbst übertroffen hat.

Wie sieht ein kreativer Prozess aus?

Kunsthochschulen nehmen den kreativen Prozess als Ausgangspunkt. Ein oft gehörter Einwand dagegen ist, dass »die Magie« verschwinden würde. Oder dass man versuchen würde, Kreativität in Diagramme oder Tabellen zu zwängen.

Meiner Meinung nach ist das alles halb so wild. Es gibt wirklich bestimmte Muster, Methoden und Gesetze, die man als Bereiche eines kreativen Prozesses einstufen kann. Diese sollte man nicht als ein rigides Protokoll betrachten, sondern als ein offenes Spielfeld, auf dem jeder seinen eigenen Weg zurücklegen kann. Deshalb wähle ich eine imaginäre Landkarte als Metapher, eine Roadmap, in der die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft die verschiedenen Bereiche des Prozesses repräsentieren: Orientierung, Konzeptentwicklung, Gestaltung und Reflexion. Diese Gebiete sind nicht scharf voneinander getrennt, sondern überlappen sich. Die Reflexion nimmt einen besonderen Platz ein, da man sie immer zwischendurch anwendet, bevor man wieder weitermacht. Darüber hinaus können Sie gerade als Fotograf Ihre eigene Route wählen und eigene Akzente setzen.

Eine kurze Charakterisierung der Bereiche: Bei der Orientierung tauchen Sie sozusagen in ein Thema ein. Sie tun dies, ohne sich mit der Frage aufzuhalten, was genau Sie damit wollen. Es geht darum, dass Sie stimuliert werden. Wichtige Aktivitäten sind Beobachten (Sehen, Hören, Fühlen usw.), Assoziieren, Phantasieren, Nachdenken und (neue) Ideen sammeln. Es ist eine Phase, in der Sie noch breit aufgestellt agieren.

Während der Ideenentwicklung, auch Konzeptphase genannt, beginnt man zu fokussieren, zu filtern, zu konvergieren, wobei man schließlich seinen eigenen, neuen Einfallswinkel bestimmt. Manchmal ist dieser von Anfang an klar, aber sehr oft nimmt er erst Gestalt an, wenn Sie Ihre Fotos ordnen und auswählen.

Während der Gestaltung (sprich: des Fotografierens) tauchen alle bekannten Facetten des Fotografierens auf. Welches Objektiv verwende ich? Welche Blende? Welche Belichtung, welche Kameraposition und so weiter. Auch die Nachbearbeitung ist ein wichtiger Teil der Gestaltungsphase.

Die Reflexion ist der Bereich, in dem Sie jedes Mal einen Schritt zurücktreten, um mit etwas mehr Abstand zu sehen, wo Sie stehen und welche Muster oder Gedankengänge in Ihrer Arbeit zu erkennen sind. Hier geht es darum, zu analysieren und Schlussfolgerungen zu ziehen: Was ist gut gelaufen? Was könnte besser sein? Welche Bedeutungen lassen sich aus den entstandenen Arbeiten ablesen?


Wenn Sie Ihren kreativen Prozess im Posterformat selber zeichnerisch darstellen, erhalten Sie eine Fülle von Erkenntnissen. Die Art der Gestaltung ist für jeden anders. Aukje Bakker arbeitete ein Jahr lang an einem Fotoprojekt mit dem Titel »Gegen den Strom«. Dieses Bild zeigt ihren kreativen Prozess. Links in den blauen Blasen stehen die Monate. Auch ihre Momente des Zweifels sind klar erkennbar.


Der Prozess des Fotografen Rob Blanken bei der Entstehung des Albums/Buchs »Vulnerabilty«. Die verschiedenen Phasen lassen sich deutlich ablesen, aber auch die Parallelen zu persönlichen Entwicklungen.

Es ist möglich, dass Sie den gleichen Bereich während Ihres kreativen Prozesses öfter aufsuchen. Manchmal geschieht das unbewusst, weil es einfach Spaß macht. Aber sobald man das Gefühl hat, nicht mehr weiterzukommen, steckt man fest. Dann ist es Zeit, erneut zu reflektieren, um voranzukommen.

Außerdem ist es hilfreich, sich darüber bewusst zu werden, dass sich kreative Prozesse sehr unterschiedlich gestalten können. Sie können sehr strukturiert sein. Zum Beispiel gehen viele Tier- und Landschaftsfotografen recht systematisch vor, weil ihr Motiv oft schon feststeht. Fotografen, die sich eher vortasten oder experimentierfreudig sind, geben dem Zufall oft viel mehr Raum, was ihren Prozess chaotischer und weniger greifbar erscheinen lässt. Doch auch sie durchlaufen die gleichen kreativen Phasen.

Kreative Prozesse können auch auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig ablaufen. Ein großer Prozess umfasst ein komplettes Projekt, ist komplex und nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber hinter jedem einzelnen einfallsreichen Foto desselben Projekts kann sich wiederum ein sehr kreativer (kleiner) Prozess verbergen, der in kurzer Zeit abläuft.

Wie durchlaufen Sie den Prozess? Starten Sie Ihr eigenes Projekt!

Wie kann man am besten all diese Schritte absolvieren, ohne dass es zu einer schweren Aufgabe wird, die einen belastet? Der beste Weg ist, einfach mit dem Projekt zu starten. Wollen Sie Ihren eigenen Stil finden? Wollen Sie Ihre Fotografie vertiefen? Soll sie mehr als nur ein netter Zeitvertreib werden? In all diesen Fällen ist ein Projekt hilfreich.

Beispiele für Projekte sind eine eigene Portfolio-Site, ein Blog, eine Ausstellung oder ein Fotoalbum. Es kann aber auch ein eigenes Buch sein oder eine kontinuierliche Erforschung einer bestimmten Fragestellung, die zu einer Fotoserie führt. Sie brauchen also eine gewisse Form: einen Plan, der bewirkt, dass Sie weiter schauen, als einzelne Fotos reichen, und auch weiter denken.

Jetzt, da Sie das gesamte Spielfeld auf der Roadmap überblicken können, wird auf einen Blick klar, dass der kreative Prozess weit mehr beinhaltet als nur die Fotografie selbst. Sie können nun überprüfen, welche Phasen des kreativen Prozesses Sie am besten kennen und mit welchen Bereichen des kreativen Prozesses Sie (noch) weniger vertraut sind.

Die Reihenfolge, in der Sie alles durchgehen, ist von Person zu Person unterschiedlich. Das ist in Ordnung, solange Sie sicherstellen, dass alle Elemente vertreten sind. Wenn das nicht der Fall ist, können Sie genauso gut wunderschöne Fotos machen und sich an ihnen erfreuen. Aber dann wissen Sie wahrscheinlich, wo es noch Raum für weitere Vertiefung gibt. Für viele Amateurfotografen heißt das: Ideenentwicklung und Reflexion. Möglicherweise machen Sie das sogar schon, aber dann unbewusst. Dieses Buch konzentriert sich auf die Bewusstwerdung.

Wenn man einen länger laufenden kreativen Prozess, der praktikabel und inspirierend bleiben soll, auf die Beine stellen will, muss man diesen unbedingt strukturieren. Seien Sie sich jedes Mal bewusst: In welcher Phase bin ich gerade? Welche Aktivitäten gehören dazu? Was wird mein nächster Schritt sein? Lassen Sie sich davon nicht abschrecken, es muss nicht in eine erdrückende Aufgabenliste ausufern. Aber manchmal muss man das Ganze aus der Vogelperspektive betrachten, wenn man den Überblick behalten will. Gerade wenn man den Eindruck hat, stecken zu bleiben, ist es wichtig, dass man irgendwie wieder Schwung in die Sache bringt. Aus diesem Grund nutzen viele Fotografen Weiterbildungs- und Coaching-Angebote. Es gibt kaum einen besseren Weg, wenn man Fortschritte erzielen sowie Struktur und Qualität sicherstellen will.


Aufgabe

An die Arbeit mit der Roadmap!

Wie gehen Sie vor?

Auf den vorhergehenden Seiten sehen Sie eine praktische Roadmap für Ihren kreativen Prozess, die Sie auch von der Produktseite dieses Buchs auf (www.dpunkt.de/siebelink) herunterladen und größer ausdrucken können. Werfen Sie einen Blick darauf und lesen Sie die zwanzig Kontrollfragen. Wahrscheinlich können Sie schon einige Fragen beantworten, aber andere (noch) gar nicht. Das ist logisch, denn manche Fragen können erst beantwortet werden, wenn man mit seinem Projekt ein Stück weiter ist. Doch selbst wenn Sie die Fragen überspringen und nur die Karte auf sich wirken lassen: Sie werden erkennen, dass zu einem kreativen Prozess mehr gehört als eine proppenvolle Speicherkarte.

Bestimmen Sie (ganz nach Ihrem Gefühl), mit welcher Frage Sie beginnen wollen, mit welcher Sie weitermachen usw. Bei jeder Frage sehen Sie ein Kästchen in einer bestimmten Farbe. Diese Farben beziehen sich auf die vier Elemente: Erde (braun), Wasser (blau), Feuer (gelb) und Luft (hellgrau) – und diese entsprechen ihrerseits den verschiedenen Kapiteln in diesem Buch, in denen Sie weitere Erklärungen finden.



Wenn Sie die Roadmap herunterladen und ausdrucken, haben Sie eine zusätzliche Version, auf der Sie mit einem Stift Ihren eigenen Weg einzeichnen und Notizen machen können. Der Download ist wirklich empfehlenswert, weil er auch einige klickbare digitale Extras enthält.

Zeichnen Sie Ihre Route mit gestrichelten Linien von Frage zu Frage ein. Lassen Sie sich dabei viel Zeit: Wochen, Monate. Genau wie eine echte Landkarte nutzen Sie diese Roadmap vor allem am Anfang Ihrer Reise. Zwischendurch schauen Sie ab und zu hinein, um Ihren Kurs zu überprüfen, oder wenn Sie sich »verirrt« haben, aber auch, um den Fortschritt Ihres Prozesses abzulesen. Möglicherweise stoßen Sie mehrmals auf dieselbe Frage, aber das ist sinnvoll. Ihr Prozess ist abgeschlossen, wenn Sie alle Fragen angekreuzt haben. Viel Erfolg!

Tote Insekten, dramatisch geschrumpft: Der Fotograf Rob Blanken kann sich stundenlang damit vergnügen. Erst sind es einzelne Exemplare, später arrangiert er Sammlungen.

Sich festzufahren gehört dazu

Egal, wie oft Sie hören oder lesen, dass alles ein Prozess ist und dass es für jedes Problem eine Lösung gibt: Es gibt kein Gegenmittel für eine ab und zu auftretende Blockade. Es gehört dazu, dass Sie auch gegen widerspenstige und festgefahrene Momente ankämpfen. Natürlich gibt es auch Flow-Momente, in denen alles von selbst zu laufen scheint. Aber um diesen Zustand zu erreichen, muss man einige Hindernisse überwinden, die früher oder später auftauchen werden. Denken Sie daran, dass der Drachen ohne Gegenwind nicht steigen kann. Ohne Reibung gibt es keinen Glanz. Wenn alles zu glatt läuft, sollten Sie sich fragen, ob Sie nicht zu sehr in Ihrer Komfortzone verharren.

Dennoch hat eine Blockade immer eine Ursache. Sie taucht auf, sobald in Ihrem Kopf zwei Stimmen miteinander streiten und Sie aus diesem Grund nicht mehr wissen, was Sie tun sollen. Die eine Stimme ist das sprichwörtliche Gaspedal. Vielleicht erleben Sie es nicht einmal als Stimme, sondern als Motivation für das »aktive Anpacken«. Es ist jedenfalls Ihr aktiver Modus, der Sie anspornt. Für Fortschritt und Produktion ist das ein besonders brauchbarer Modus. Die andere Stimme ist der Nachdenk-Modus; er fungiert als strenger Richter, der Sie schon während Ihres Handelns kritisiert. Besonders wenn Sie zum Perfektionismus neigen, kann der innere Richter viel Raum einnehmen und Ihren aktiven Modus lähmen. Er ist die sprichwörtliche Bremse. Sie erkennen den inneren Richter an Gedanken wie »Bin ich gut genug?«, »Das wird den Leuten nie gefallen« oder »Es ist nicht interessant«, »Wer will denn sowas sehen?« Es sind regelmäßig diese Gedanken, die Ihnen den Elan rauben.

Wenn Sie wieder einmal auf eine Blockade stoßen, sollte Ihnen bewusst werden, dass Sie Bremse und Gaspedal gleichzeitig betätigen. Natürlich müssen Sie sich dafür eingestehen, dass Sie sich festgefahren haben. Sie sind nicht der erste Mensch, der sauer wird, weil es trotz hohem Zeitaufwand nicht läuft. Ursache für dieses schlechte Gefühl sind Selbstvorwürfe. Kommt Ihnen das bekannt vor? Nein? Dann leugnen Sie immer noch, dass Sie steckengeblieben sind. Je früher Sie lernen, Ihre eigenen Signale zu erkennen, desto leichter wird es für Sie sein, auf eine Lösung umzuschalten.


Der Höhepunkt: ein mehrfach belichtetes Foto einiger toter Schlanklibellen, umgewandelt in ein Schwarzweiß-Negativ. Bei dem Projekt ging es nicht mehr um Insekten, sondern um Verwundbarkeit.

Wenn Sie die Sache wieder zum Laufen bekommen wollen, habe ich einen heißen Tipp:: Bringen Sie den selbstgerechten Richter für einen Moment zum Schweigen. Wählen Sie die Aktion und verschieben Sie die Reflexion auf später. Sagen Sie sich: jetzt mal keine Selbstkritik, sondern erst ein paar Stunden aktiv werden. Verbieten Sie sich, auf die Bremse zu treten, und geben Sie einfach Gas. Fotografieren Sie weiter, machen Sie weiter, schreiben Sie weiter. Notfalls stellen Sie sich selbst eine strukturierende Aufgabe: zehn Fotos innerhalb einer halben Stunde. Also nicht »die bestmöglichen Bilder«, sondern »die bestmöglichen Bilder, die Sie hier in einer halben Stunde machen können«. Spüren Sie den Unterschied? Mit solchen Maßnahmen befreien Sie sich für eine Weile vom Joch der Perfektion. Jetzt wissen Sie auch, warum Deadlines die Produktivität steigern.

Kommen Sie dann immer noch nicht weiter, lassen Sie einfach alles so, wie es ist, und machen etwas ganz anderes. Einkaufen, Kochen, soziale Aktivitäten. Kurz: Nehmen Sie Abstand. Viele Menschen haben beim Laufen oder unter der Dusche ihre besten Einfälle. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, denn in diesen Fällen stimuliert eine körperliche Empfindung das Gehirn ganz anders, als es in einer starren Sitzposition der Fall ist.

Aber nicht vergessen: Das Aha-Erlebnis gibt es nur, wenn Sie sich vorher das Hirn zermartert haben. Denn so setzen Sie Ihr Unterbewusstsein in Gang, damit es seine Arbeit im Hintergrund fortsetzen kann, während Sie duschen oder laufen. Diese Lösung eignet sich besonders für Situationen, in denen das Problem in Ihrem Kopf so komplex ist, dass Sie den Überblick verlieren. Dann müssen Sie einfach der Zeit und Ihrem Körper die Arbeit überlassen.

Natürlich bietet sich als Lösung auch eine Gruppe von Gleichgesinnten oder ein Coach für gemeinsames Brainstorming an. Eine Person, die viel Erfahrung mit kreativen Prozessen hat und erkennt, womit Sie zu kämpfen haben, ist eine echte Hilfe.

Bildsprache

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass Formen und Bilder ihre eigene Sprache haben? Die Bildsprache. Als Benutzer konsumieren Sie die Bildsprache, ohne darüber nachzudenken. Sie können beispielsweise bei der Betrachtung eines Fotos sofort eine beklemmende oder bedrohliche Atmosphäre spüren. Das Empfinden bedeutet aber noch lange nicht, dass Sie diese Atmosphäre in ihren eigenen Bildern deutlich machen können. Es verhält sich so wie mit einer Fremdsprache. Wenn Sie in einem Land mit einer Ihnen unbekannten Sprache verweilen, verstehen Sie oft relativ schnell, was man Ihnen sagen will. Darauf zu antworten gestaltet sich aber viel schwieriger. Anders ausgedrückt: Passives Konsumieren ist einfacher als aktives Produzieren. Das gilt auch für die Bildsprache.

Für visuell orientierte Berufsgruppen wie Architekten, Werber, Designer, Künstler und Dichter ist die Bildsprache vertrautes Terrain. Aber beschäftigen Sie sich als Amateurfotograf auch damit?

In der Naturfotografie wird das Potenzial der Bildsprache bei weitem nicht voll ausgeschöpft. Viele Hobby-Naturfotografen haben sie noch gar nicht auf ihrem Schirm. Dabei könnten sie viel aus dieser ergiebigen Quelle herausholen, wenn es um die Entwicklung eines eigenen Stils geht oder darum, Naturfotos eine Bedeutung zu verleihen. Deshalb widmen wir hier dem Phänomen der Bildsprache viel Aufmerksamkeit.


Die steigende Flut nimmt das Land wieder in Besitz. Ein Foto mit Bildsprache, auf dem das Wasser als eine Art Monster dargestellt wird, das alles verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt. Nikon D810, 105 mm, 1/10 s, Blende 32, ISO 100, Stativ


Geben Sie bei der Bildersuche den Suchbegriff »Kreis« ein: Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig.


Geben Sie bei der Bildersuche den Suchbegriff »Teilhabe« ein: Das Ergebnis ist ziemlich unterschiedlich.

Inhalts-, form- und kontextabhängige Zeichen

Sprache im Allgemeinen ist jedes mehr oder weniger komplexe Kommunikationsmittel in Form von Zeichen, die zusammen ein System bilden. Dies gilt sowohl für die reguläre Sprache als auch für die Bildsprache.

Wenn wir uns die reguläre Sprache ansehen, können Sie die Buchstaben als Zeichen betrachten. Die Form und der Klang jedes Buchstabens sind mehr oder weniger festgelegt, so dass alle Sprachbenutzer über die Gesetze des Systems miteinander kommunizieren können. Aber ein Buchstabe hat für sich allein genommen keine Bedeutung. Diese entsteht erst, wenn mehrere Buchstaben zusammen ein Wort bilden. Damit wird ein höherer Grad an Komplexität erreicht. Auch Wörter können als Zeichen betrachtet werden. Über ihre Bedeutung herrschen bestimmte Absprachen, und auch diese stehen mehr oder weniger fest. Im Zweifelsfall können Sie in einem Wörterbuch nachschauen.

Die Bildsprache funktioniert im Wesentlichen genauso, nur dass die Vereinbarungen über die Bedeutung eines Bildes viel weniger feststehen. Es gibt auch kein Äquivalent zum Wörterbuch, auf das man zurückgreifen könnte. Aber mit der Google-Bildersuche können Sie die Konventionen leicht selbst überprüfen. Geben Sie das Wort »Kreis« ein, und Ihr Bildschirm füllt sich mit Bildern, die recht ähnlich aussehen werden. Denn wie man ihn auch dreht und wendet, ein Kreis bleibt ein Kreis. Mit anderen Worten: Es herrscht ein hohes Maß an Eindeutigkeit.

Wenn Sie dasselbe mit dem Suchbegriff »Tisch« oder »Haus« tun, dann variieren die Bilder bereits, aber die Varianten sind ziemlich eindeutig und verkörpern immer noch weitgehend dasselbe Konzept. Dies ändert sich erst, wenn Sie einen Suchbegriff eingeben, der naturgemäß nicht greifbar ist und für den es kein universelles Symbol gibt. Probieren Sie es zum Beispiel mit einem abstrakten Konzept wie »Teilhabe« – Sie werden sehen, welche Vielfalt an Bildmaterial plötzlich auftaucht. Daraus kann man u. a. schlussfolgern, dass bei der Bildsprache die Vereinbarungen über die Bedeutung von Zeichen weiter gefasst sind als bei der Schriftsprache oder der gesprochenen Sprache.

Das ist eine gute Nachricht für Fotografen, denn das Fehlen festgelegter Vereinbarungen über Bild und Bedeutung macht die Bildsprache herausfordernd und spannend. Es schafft nämlich viel Freiraum, um Eigenes einzubringen. Das gilt sowohl für den Macher eines Fotos als auch für die Interpretation des Betrachters.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Bildsprache immer relevanter wird. Mit Bildern kommuniziert man schneller und direkter als mit Texten, und ihre Wirkung beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Sprachgebiet. Aufgrund der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung leben wir in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit eine knappe Ressource geworden ist. Demzufolge gewinnt die Bildsprache gegenüber der Schriftsprache im Eiltempo an Bedeutung. Ein Beispiel dafür ist der rasante Anstieg der Bildsprünge in einem durchschnittlichen Film oder Werbespot in den letzten Jahrzehnten. Oder wie sich das Text-Bild-Verhältnis eines durchschnittlichen Buchs oder einer Zeitschrift zugunsten der Bildpräsenz verschoben hat. Das geschriebene Wort wird natürlich nicht ganz verschwinden, aber doch erheblich reduziert werden.

Der Autor Ton Hendriks bringt in seinem 1995 erschienenen Buch Beeldspraak: Fotografie als visuele communicatie die Verbindung zwischen Fotografie und Bildsprache sehr treffend zum Ausdruck: »Ein Foto ist eigentlich nichts anderes als ein Bild mit unzähligen Zeichen, von denen einige direkt sichtbar und andere in der Form verborgen sind. Zusammen bilden diese Zeichen eine Bedeutung, und das ist die Botschaft des Fotos. Wir müssen also die auf dem Foto abgebildete Wirklichkeit durchschauen und lernen, das Foto als Träger einer eigenen Sprache, der Bildsprache, zu sehen.« Diese Definition regt uns dazu an, den analytischen Weg weiter zu verfolgen. Wenn Sie als Fotograf eine bestimmte Bedeutung vermitteln wollen – eine Information, ein Gefühl, eine Idee –, stehen Ihnen eigentlich nur drei Instrumente zur Verfügung.


Ein Emu in der Nähe eines Industriegebiets bei Schiphol. Ein Foto, das die Absurdität der Globalisierung zeigt. Nikon D810, 35 mm, 1/8 s, Blende 7,1, ISO 1600, Blitz auf den zweiten Vorhang, Stativ

Erstens das Motiv, also das Stück Wirklichkeit, das Sie auf dem Foto sichtbar machen. Darauf bezieht sich auch der Begriff »Denotation«: Was auf dem Bild zu sehen ist, verweist im wörtlichen Sinn auf die fotografierte Wirklichkeit. Ein Löwenkopf ist daher ein Löwenkopf, Gras ist Gras, und ein Baum ist ein Baum. Nicht mehr und nicht weniger. Das Motiv ist alles, was es auf dem Foto zu sehen gibt.

Das zweite Instrument ist die Gestaltung beziehungsweise die Art und Weise, wie Sie das Motiv fotografieren. Dazu gehören die verwendeten Techniken, das Equipment, die Kameraeinstellungen, das Objektiv, die Blende, die Farbe, die Nachbearbeitung usw., aber vor allem die Art und Weise, wie Sie alle Elemente innerhalb einer von Ihnen gewählten Komposition anordnen.

Das dritte und letzte Instrument ist der Kontext, in dem Sie das Foto zeigen. Der Kontext bezieht sich also nicht auf das Foto selbst, sondern auf die Art und Weise, in der das Foto gezeigt wird. Ein Foto an der Wand bei Ihnen zu Hause wird beispielsweise komplett anders wahrgenommen als auf Facebook oder Instagram. Und ein Ausdruck auf Papier macht einen ganz anderen Eindruck als auf Leinwand, hinter Glas oder einfach als Foto auf dem Bildschirm. Auch das Format zählt zum Kontext: Ein Ausdruck in Postergröße wirkt völlig anders als ein Thumbnail.


Ein minimalistisches Foto der Landschaft in der niederländischen Provinz Limburg, mit dem der Fotograf ein Gefühl der Besinnlichkeit und Einfachheit ausdrücken möchte. Foto: Marian Smeets. Nikon D750, 70–200 mm bei 95 mm, 1/250 s, Blende 13, ISO 500, Stativ

Der Autor Michael Freeman sagt dazu in seinem Buch »The Photographer‘s Vision: Understanding and Appreciating Great Photography«: »Es ist der Kontext, der bestimmt, wie auf ein Foto reagiert wird.« Auch ein Begleittext, andere daneben hängende Fotos oder die Zeit, die für die Betrachtung zur Verfügung steht, sind Teil des Kontextes und beeinflussen somit die Assoziationen und Deutungen der Betrachter. Regelmäßig zeigen Menschen einem eine Flut von Fotos auf ihren Handys oder im Zuge einer Präsentation. Unter dieser Überdosis leidet aber die Aufmerksamkeit für jedes einzelne Foto, womit unbeabsichtigt signalisiert wird, dass die Fotos eigentlich nicht so wichtig sind. Auch das ist eine Wirkung von Kontext. Er kann stärken, aber auch abschwächen.

Ausgehend von der Wirkung dieser Instrumente (Motiv, Gestaltung und Kontext) gelangt Hendriks zu drei Kategorien von Zeichen, die sowohl dem Macher als auch dem Betrachter brauchbare Anhaltspunkte bei der Analyse von Fotografien bieten: Zeichen für Inhalt, Form und Kontext. Lassen Sie uns – bevor wir fortfahren – ein beliebiges Bild im Hinblick auf die Bildsprache analysieren.


Großes Kampagnenfoto über dem Eingang eines Baumarkts

Sehen Sie sich das obige Foto an. Es hängt im XXL-Format über dem Eingang des Baumarkts Karwei. Es ist eindeutig inszeniert, aber welche Bildsprache wurde hier eingesetzt, und welche Botschaft wollte man damit vermitteln?

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12 kasım 2024
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298 s. 214 illüstrasyon
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9783969100769
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