Kitabı oku: «Donaumelodien - Totentaufe»

Yazı tipi:

Bastian Zach

Donaumelodien –

Totentaufe

Historischer Kriminalroman


Zum Buch

Der Tod ist ein Wiener Wien, Herbst 1876. Ein Serienmörder hält die Kaiserstadt in Atem. Seine Opfer sind Ärzte, allesamt haben sie vor zehn Jahren im Narrenturm gearbeitet. Der Geisterfotograf Hieronymus Holstein, der gerade eigentlich für seine Unterkunftsgeberin auf der Suche nach deren verschwundenem Ehemann ist, wird von Polizeipräsident Marx hinzugezogen. Holstein soll verdeckt im untersten sozialen Milieu ermitteln. Im Gegenzug würde er von Marx die Adresse von František erhalten, dem Bruder seiner tot geglaubten Liebe Karolína. Hieronymus sagt zu. Gemeinsam mit seinem Freund, dem „buckligen Franz“, begibt sich der Geisterfotograf auf die Suche nach dem Täter und muss bald feststellen, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Selbst das, was als richtig oder falsch erachtet wird, beginnt zu verschwimmen. Und als Hieronymus und Franz nach dem Leben getrachtet wird, wissen die beiden, dass sie auf sich allein gestellt sind. Sind sie etwa selbst ins Visier des Mörders geraten?

Bastian Zach wurde 1973 in Leoben geboren und verbrachte seine Jugend in Salzburg. Das Studium an der Graphischen zog ihn nach Wien, als selbstständiger Schriftsteller und Drehbuchautor lebt und arbeitet er seither in der Hauptstadt. 2020 wurde sein Krimi-Debüt „Donaumelodien – Praterblut“ für den Leo-Perutz-Preis nominiert. Wiens morbider Flair ist es auch, der ihn zu seinen Kriminalromanen inspiriert, und seine Liebe, Historie mit Fiktion zu verweben, lässt das Wien um die Jahrhundertwende wieder lebendig werden.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Teresa Storkenmaier

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Graben_Wien_1900.jpg

Karte: Wienbibliothek im Rathaus,

Druckschriftensammlung, K-314355

ISBN 978-3-8392-6878-0

Widmung

Für alle, die ich im Herzen tragen darf,

die sind und die waren.

Karte


Wien, 1876

Prolog

»Was willst du noch von mir?«

Die Stimme des Mannes bebte vor Angst und klang, als erhoffte er sich keine Antwort. Stille folgte. Er sah an sich hinab. Man hatte ihn mit Lederriemen an jenen Stuhl gefesselt, in dem er eigentlich nur ein Glas Rotwein trinken wollte, so wie jeden Abend, bevor er zu Bett ging. Auf dass die Mühsal des Tagwerks von ihm abfiel und er innerlich zur Ruhe kam. Vielleicht hätte er durch das Fenster auf der anderen Straßenseite sogar noch die Silhouette jener Frau erspäht, die dort seit wenigen Wochen wohnte, zärtlich warm umrissen im Kerzenschein oder, wie er es sich zuweilen im Geiste ausmalte, gänzlich nackt im Lichtkleid.

Daran war nun nicht mehr zu denken. Sein Geist kreiste einzig und allein um die Frage, was der Eindringling von ihm wollte. Und ob er von ihm ablassen würde, bevor ihm Schlimmeres widerfuhr als ein paar kräftige Schläge auf Schädel und Wanst mit einem Ledergürtel und der daran befestigten Schnalle aus Messing.

»Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß«, fügte er flehend hinzu.

»Aber ich habe noch gar nicht damit begonnen, dich zu befragen«, krächzte die Gestalt, die hinter ihm stand, wie ein Greis, der seine ohnehin schon raue Stimme verstellte, um Kindern damit schreckliche Angst einzujagen.

Der Mann begann zu weinen. »Nimm dir, was du möchtest, es sei alles dein. Aber ich bitte dich, hab Erbarmen …«

»Erbarmen?« Die Gestalt stutzte, spie dann das Wort förmlich aus. »Erbarmen! Dieser Begriff ist für mich bar jeder Bedeutung. Woher soll einer ihn auch kennen, wenn man ihn nie erfahren ließ, welcher Sinn ihm innewohnt?«

»Die Gnade des Herrn ist uns doch allen schon einmal widerfahren, gleich, welche Sünden wir begangen haben, oder nicht? Ich flehe dich an …«

»Ah! Gnade sagt mir etwas. Wie oft habe ich so gefleht wie du jetzt, habe gebettelt, geweint und –« Die raue Stimme brach ab.

Der Mann auf dem Stuhl verrenkte den Kopf nach hinten, versuchte, in der Finsternis des kleinen Raumes zu erkennen, was geschehen war. Ob seine Worte zu seinem Peiniger durchgedrungen waren?

Ein neuerlicher Schlag mit der Gürtelschnalle belehrte ihn jedoch eines Besseren.

»So habe ich es auch gelernt«, fuhr die Gestalt fort, während der Mann im Stuhl wimmerte und sich am Holzboden unter ihm eine gelbliche Lacke ausbreitete. »Gnade ist eine liebreizende Erfindung der Philosophen, der Denker und Schöngeister. Und all jener, die sich einen Vorteil daraus erhoffen. Der gemeine Mensch jedoch kennt sie nicht. Kannte sie noch nie. Weder im Glauben noch im Krieg und schon gar nicht in der Liebe.«

Die Gestalt legte eine Beißzange auf das hölzerne Tischchen, das neben dem Stuhl stand, die Hand mit einem schwarzen Handschuh aus Leder verhüllt.

»Was … was hast du mit mir vor?«

»Ich möchte, dass du dich, so inniglich du nur vermagst, darauf konzentrierst, was ich dich fragen werde. Und weil dabei jede Ablenkung ein Hindernis darstellt, will ich dir helfen, zumindest nur mehr halb so abgelenkt zu sein.«

Mit diesen Worten trat die Gestalt an den Mann im Stuhl heran. Sie stopfte ihm ein Stück Stoff so gnadenlos fest in den Mund, als wollte sie einer Mastgans einen Trichter in den Schlund rammen.

Dann fasste sie den Mann an der Stirn, drückte seinen Kopf nach hinten und stach ihm mit einem metallenen Dorn durchs linke Auge.

I

Bertrand war ein Knabe von zehn Lenzen und immer schon von froher Natur. Besonders aber, seit er vor knapp einem Jahr eine fein polierte steinerne Murmel gefunden hatte, die geheimnisvoll in den Farben Braun und Grün schimmerte. Seither war ihm nur noch Gutes widerfahren. Sein Vater hatte eine Anstellung bei einem wohlhabenden Adeligen in der Inneren Stadt gefunden, weshalb der Tisch immer reichlich gedeckt und seine Mutter bei bester Laune war. Sein jüngerer Bruder hatte sich von dem schweren Husten, der ihn geplagt hatte, erholt, und der Gemahl seiner älteren Schwester war von zwei Raufbolden von der Franzensbrücke in den Donaukanal geworfen worden, von wo er nicht mehr aufgetaucht war. Seither hatte ihr immerzu malträtiertes Gesicht keine Anzeichen mehr von blauen Flecken oder Platzwunden aufgewiesen.

Ja, das Jahr seit dem Murmelfund war ein glückliches gewesen, weshalb Bertrand das runde Kleinod seither immer sicher in der Tasche seiner Joppe verstaut bei sich trug. Gerade hüpfte der Junge die Johannesgasse Richtung Stadtpark hinunter, als er mit Zeigefinger und Daumen eine merkwürdige Unebenheit auf der ansonsten spiegelglatten Oberfläche der Kugel verspürte. Er blieb stehen, sah sich sorgsam um, ob kein Fuhrwerk oder sonstiges Vehikel seinen Weg zu kreuzen drohte, und holte die Murmel hervor. Voll Sorge besah er sich die Unebenheit, versuchte, mit seinen abgeschundenen Fingernägeln den Schmutz zu entfernen – vergeblich. Also nahm er die Kugel in den Mund und begann, vorsichtig an ihr zu lutschen, als wäre sie eine Kirsche, die man noch nicht zerbeißen mochte. Und tatsächlich, wenig später schien die Unebenheit verschwunden zu sein. Bertrand wollte gerade noch einmal mit der Zunge die Vollkommenheit der Kugel prüfen, als ihn so ein Haderlump grob anrempelte – und er vor Schreck einatmete.

Plötzlich steckte die Murmel in Bertrands Hals, wollte weder in den Magen hinab noch in den Mund zurückrutschen. Der Bub verdrehte die Augen und begann lautlos zu japsen wie ein Fisch, der an Land verendete. Er fiel auf die Knie. Seine ansonsten gesunde rötliche Gesichtsfarbe wurde erst blass, dann bläulich.

Kurz bevor Bertrand das Bewusstsein verlor, klopfte ihm ein Knecht, der die Atemnot des Knaben bemerkt hatte, so beherzt auf den Rücken, dass dieser die Murmel in hohem Bogen wieder ausspie.

Während sich Bertrand mit tiefen Lungenzügen erholte, sprang die Murmel das Straßenpflaster hinab, rollte zwischen den abgerundeten Steinen hin und her und kam schließlich in einer Ecke zu liegen, in der eine Katze genüsslich schlummerte. Ihr struppiges Fell war grau und braun getigert, eine Rasse war bei ihr jedoch keine mehr zu erkennen. Mit halb geöffnetem Auge nahm sie die Steinkugel wahr wie ein Habicht, der seine Beute fixierte. Das runde Etwas rollte bis vor ihr Schnäuzchen, blieb dann liegen. Ein lustloser Schubs mit der Pfote ließ die Murmel eine Handbreit weiterrollen. Dies genügte, um den Spieltrieb in dem Tier zu erwecken. Wie von der Tarantel gestochen sprang die Katze auf und trieb mit gezielten Prankenhieben die Kugel die Gasse hinunter.

Bis die Murmel durch ein vergittertes Kellerfenster sprang und dort in der Dunkelheit verschwand.

Zwei-, dreimal pratzelte die Katze noch durch das Gitter, dann wandte sie sich ab, als hätte sie nie auch nur den Hauch eines Interesses an der Murmel gehabt – und stand einem Hund gegenüber, der knurrend die Zähne bleckte. Instinktiv machte die Katze einen Buckel, sträubte das Fell und stieß ein infernalisches Fauchen aus – dann hastete sie, so schnell sie konnte, davon. Und der Hund hinter ihr her.

In wildem Zickzack jagte der Wauwau die Fellnase, vorbei an Bürgern und Händlern, an Verkaufsständen und Karren.

Schließlich machte die Katze einen Satz, sauste zwischen den Beinen eines Arbeiters hindurch. Bei diesem handelte es sich um Bertrands Vater, der gerade ein dickes Seil in Händen hielt und damit über die Umlenkrolle eines Flaschenzuges eine Kommode in die Höhe zog, die für das oberste Zimmer des Hauses seines adeligen Dienstgebers gedacht war.

Der Hund setzte nach.

Doch da hatte Bertrands Vater die Beine bereits wieder geschlossen und maß mit scharfem Blick das Möbelstück, das direkt über ihm schwebte.

Mit einem Jaulen schlug der Köter im Gemächt des Mannes ein, der gleich darauf mindestens ebenso aufjaulte – und das Seil losließ …

Für einen Moment schien die edle Kommode in der Luft zu verharren, losgelöst von der Schwerkraft zu schweben – nur um im nächsten Augenblick wie ein Felsbrocken zu Boden zu stürzen.

Das Seil sauste so schnell durch die Umlenkrolle, wie die Kommode auf die Pflastersteine zustürzte, wo sie einen Herzschlag später mit einem fürchterlich lauten Krachen aufschlug und in unzählige Einzelteile zersprang – und das nur wenige Fuß von Bertrands Vater entfernt, der sich den Schritt hielt und mit ungläubigen Augen erst sein Glück fassen musste, dass nicht er es war, der unter der Kommode gestanden hatte, sondern der Hund.

Dessen Blut floss nun unter der zerstörten Kommode hervor, rann zwischen den Pflastersteinen hinfort, zeichnete ein seltsam wirkendes rechteckiges Muster. Bertrands Vater folgte dem sich ausbreitenden Rinnsal mit den Augen, gleich so, als würde er ein seltenes Schauspiel der Natur beobachten, und kam schließlich mit seinem Blick auf einem Haufen Unrat zu ruhen, der sich in einer Ecke türmte –

Und aus dem eine bleiche, verkrampfte Hand ragte.

Bertrands Vater humpelte mehr, als er ging, während er sich dem Haufen näherte, hielt sich weiterhin den schmerzenden Schritt.

»Jessasmaria!«, entfuhr es ihm, während er sich gleichzeitig bekreuzigte.

Vor ihm lag, inmitten des Unrats, ein Mann mittleren Alters, die Wangen wohl genährt, die Haare bereits schütter. Anstatt der Augen zwei klaffende Höhlen, die tief in den Schädel hineinreichten und aus denen das mittlerweile getrocknete Blut wie aus einem Springbrunnen herausgeschossen sein musste.

II

Wie ein Jagdhund, der die Witterung aufnahm, reckte Hieronymus Holstein seine Nase gen Himmel und schnupperte. Die wärmenden Strahlen der Sonne dieses vorletzten Augusttages vermochten nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es nach Herbst roch. Nach kürzeren Tagen und längeren Nächten, nach Feuchtigkeit und Kälte. Nach den Vorboten des Winters.

Die Seite des Schindelwagens mit halbrundem Dach hinter ihm kündete in farbenprächtigen Lettern von den verblüffenden Möglichkeiten der spirituellen Fotografie. An den Innenseiten der geöffneten Hecktür hingen gerahmte Beispiele fotografisch festgehaltener Geisterabbildungen, authentische Zeugnisse von Hieronymus’ Können.

Gekleidet in einen dunklen Rock, mit einem Zylinder auf dem Kopf, versprühte er durchaus eine adelige, seriöse Aura, die durch einen gezwirbelten Schnurrbart und einen präzise rasierten dreieckigen Kinnbart unterstrichen wurde. Seine braunen, wachen Augen ließen erahnen, dass ihm der Schalk im Nacken saß, seine Lippen umspielte fortwährend der Anflug eines Lächelns.

Auf der Prater-Allee vor ihm, die majestätische Kastanienbäume säumten, floss ein schier unablässiger Strom aus Spaziergehern, Fiakern und einigen offenen Privatequipagen. Jeder, so schien es, der es sich leisten konnte, wollte am Nachruf des Sommers teilhaben und ihn genießen, solange es noch etwas zu genießen gab.

Aufträge hatte er am heutigen Tag noch keine an Land ziehen können, was Hieronymus ein wenig wurmte. Nicht, dass er oder Franz, sein Freund und Begleiter, bereits am Hungertuch nagen musste. Aber untätiges Warten konnte einen Mann mindestens ebenso zermürben wie die schwerste Arbeit. Erneut zog er die eigenartig riechende Luft ein und stieß sie so langsam aus, wie ihm die Gedanken kamen. Daran, wie er erst zweieinhalb Monate zuvor seinen Hals aus einer Schlinge zu ziehen vermocht hatte, die ihn beinahe den Kopf gekostet hätte. Wie beschaulich seither sein Leben verlaufen war. Die Kundschaft rannte ihm zwar nicht gerade die Tür ein, aber er hielt sich über Wasser und konnte sogar einige Dutzend Gulden auf die Seite legen. Anezka, seine Quartiergeberin, meckerte weniger als zuvor, zumindest wenn Franz bei ihr die Nacht verbringen durfte. Einzig bei seiner Suche nach Karolína war er bisher –

»Herr Holstein?« Die Stimme einer Frau riss Hieronymus aus seinen Überlegungen.

Er wandte sich um und sah sich einer adretten Frau Mitte zwanzig gegenüber, gekleidet in ein hellgrünes, geblümtes Mieder mit tief ausgeschnittenem, wenn auch flachem Dekolleté und eine gleichfarbige, ein wenig aus der Mode gekommene Krinoline1. Ihr dunkelbraunes Haar trat neckisch unter dem Kapotthut hervor, den sie mit breiten Bandschleifen unter dem Kinn zusammengebunden hatte, und der ihr Gesicht harmonisch einrahmte. In der linken Hand hielt sie einen kleinen Sonnenschirm aus Poult-de-soie mit Spitzenüberzug, in der Armbeuge hing ein Täschchen.

Neben sich hatte die Dame einen neumodischen Kinderwagen. Der Griff bestand aus edlem Porzellan, die Seiten waren mit dunklem Leder gepolstert, das Verdeck mit blauem Leinen überzogen und mit weißen Spitzen verziert. Darin saß ein kleines Mädchen in einem kurzärmeligen Jahreskleid, umgeben von dicken Pölstern.

Hieronymus’ besehenen Blick konterte sie mit einem stolzen »Ist ein echter Brennabor aus dem Deutschen Reich. Das neueste Modell.« Sie zögerte. »Also, sind Sie nun Herr Holstein oder nicht?«

Der nahm den Zylinder vom Kopf und verbeugte sich tief. »Hieronymus Holstein, g’schamster Diener2, werte Mademoiselle.«

Die Angesprochene goutierte die übertrieben devote Geste mit einem charmanten Lächeln. »Anna Rebiczek. Ich suche Sie auf Empfehlung einer gemeinsamen Freundin auf. Stanzerl Oppenheim.«

Hieronymus’ Grinsen gefror. Nicht ob des Vornamens – Constanze hatte er nur in bester Erinnerung. Aber Oppenheim, ihr Gemahl, war es gewesen, der ihm die Schlinge um den Hals gelegt hatte. Einen Herzschlag später hatte Hieronymus sich jedoch wieder besonnen.

»Ich hoffe, Frau Oppenheim verkraftet die schwere Zeit einigermaßen?«

Anna nickte. »Sie ist sehr tapfer. Mein Vater hat ihr mit einem Darlehen ausgeholfen, bis, also, der Nachruf geregelt ist.«

»Es freut mich wahrlich, das zu hören. Nun denn, wie darf ich Ihnen zu Diensten sein, Frau Rebiczek?«

»Anna, bittschön.«

»Frau Anna«, korrigierte Hieronymus höflich. »Wollen Sie den Geist eines lieben Verstorbenen fotografisch verewigt wissen? Vielleicht den der Eltern?«

Die Frau überflog die ausgestellten Exponate an der Wagentür mit einer Mischung aus Faszination und Schauder. Auf allen war mindestens eine Person abgelichtet, neben oder über der sich fragil wirkende, halbdurchsichtige Menschen gesellt zu haben schienen, Männer, Frauen, Kinder, manche verschleiert, andere gerade in Bewegung eingefangen.

»Sie sind ein – Geisterfotograf?« Annas Worte waren mehr geflüstert als gesprochen.

Hieronymus nickte mit stolzem Lächeln. »Eine Gabe sollte man nicht verdorren lassen. Und die meine ist es, Erinnerungen an liebe Menschen für die Ewigkeit zu binden. Für Hinterbliebene bedeuten sie Wärme fürs Herz und Trost für die Seele.«

Anna Rebiczeks argwöhnischer Ausdruck wandelte sich zu einem wohlwollenden. Sie sah zum Kinderwagen. »An einem Foto mit einem Geist ist mir nichts gelegen. Aber schauen S’, das ist meine zweijährige Tochter, Lucie.«

»Welch hübscher Name«, lobte Hieronymus und bedauerte im selben Augenblick, dass das arme Mädchen wohl sein Lebtag wie die Kurzform von »Luzifer« gerufen werden würde.

»Manche meiner Freundinnen meinen ja, ich solle mich nicht damit belasten, den Kinderwagen zu schieben. Wofür hat man schließlich ein Kindermädchen?«

»Eben«, stimmte Hieronymus zu, dachte jedoch dabei an die überwiegende Mehrheit der Mütter, die sich mit derlei Überlegungen gar nicht erst herumzuschlagen brauchten, weil ihnen schlicht das nötige Geld für ein Kindermädchen fehlte. Oder einen solchen Wagen.

»Aber ich meine«, fuhr Anna unbeirrt fort, »dass das Kostbarste im Leben die Zeit ist, die man gemeinsam mit seinen Liebsten verbringt. Und du bist mein Aller-allerliebstes!« Sie kniff das Mädchen zärtlich in die Wange, das daraufhin fröhlich quietschte.

»Wohl wahr.« Diesmal meinte es Hieronymus auch so.

»Nun habe ich folgendes Problem: Ich möchte eine Porträtaufnahme meiner Tochter anfertigen lassen. Nur soll sie nicht so aussehen.«

Die Dame öffnete ihr Täschchen, holte einige zusammengefaltete Kartonkarten heraus und reichte diese Hieronymus. Der nahm, entfaltete und betrachtete sie interessiert. Auf jeder war ein Lichtbild des kleinen Mädchens zu sehen, das im Kinderwagen saß, in ein rüschiges Kleidchen gehüllt, mal in die Kamera blickend, mal abwesend an ihr vorbei. Die Aufnahmen zeigten zudem noch etwas anderes: eine Gestalt. Einmal völlig von einem Tuch bedeckt, das Kind auf dem Schoß, sodass es aussah, als würde dieses auf einem Teppichmonstrum sitzen. Auf einer anderen Aufnahme war nur eine weibliche Hand zu sehen, die hinter einem Kasten hervorkam und das Mädchen an der Schulter hielt. Auf der dritten trug die Gestalt einen schwarzen Umhang, der auch von hinten über den Kopf fiel, sodass es wirkte, als würde Gevatter Tod persönlich mit dem Mädchen »Hoppe, hoppe Reiter« spielen.

Hieronymus nickte. »Ich weiß, was Sie meinen, Gnädigste. Das Geheimnis der versteckten Mutter.« Er grinste wissend. »Die Kinder halten nicht lange genug still, um sie fotografisch einzufangen. Außer sie spüren ihre Mutter.«

Anna seufzte. »Sie glauben ja nicht, bei wie vielen Fotografen und solchen, die sich des Handwerks mächtig schimpfen, ich schon gewesen bin. Alle versprechen sie einem das Blaue vom Himmel. ›Keine Angst, Gnädigste, man wird Sie kaum bemerken‹«, sagte sie mit verstellter Stimme. »Oder: ›Glauben S’ mir, meine Teure, das wird ein einzigartiges Erinnerungsstück.‹ Und dann bekommt man so etwas ausgehändigt.« Anna deutete auf das Foto mit dem »Tod«.

»Was will man machen?« Hieronymus zuckte mit den Schultern. Die Problematik war ihm zwar nicht fremd, aber er hatte sich noch nie damit auseinandersetzen müssen.

»Stanzerl hat gemeint, wenn es einer schafft, meiner Lucie zu einem einmaligen Porträt zu verhelfen, dann sind Sie das.«

»Das ehrt mich natürlich«, sagte dieser, »aber –«

»Dann ist es abgemacht, Herr Hieronymus«, unterbrach ihn Anna mit einer Bestimmtheit, die keine Widerrede duldete. »Morgen Nachmittag kommen S’ zu uns, und meine Lucie erwartet Sie gestriegelt und gekampelt3. Es soll ihr pekuniärer Nachteil nicht sein.« Sie zog eine Karte mit handschriftlicher Notiz aus dem Täschchen und hielt sie dem Fotografen vor die Nase. »Sie finden bestimmt zu uns.«

Hieronymus nahm die Karte, überlegte einen Augenblick lang, ob er etwas zusagen sollte, was er nicht einhalten könnte, deutete dann jedoch eine knappe Verbeugung an. »Ich freue mich, Sie zu überraschen, Frau Anna.«

Diese schenkte ihm zum Abschied ein Lächeln und schob den Kinderwagen weiter die Prater-Allee hinunter.

Hieronymus zwirbelte sich nachdenklich den Schnurrbart, während er der Dame hinterherblickte. Er war sich noch nicht im Klaren darüber, ob er sie affektiert oder ehrgeizig finden sollte. Oder beides.

»Samma im G’schäft?«

Eine bucklige Gestalt stapfte auf den Schindelwagen zu. Sie hatte gerade das Aquarium hinter sich gelassen, ein prunkvolles Gebäude, welches Dunkelkammern, Terrarien und Süß- und Salzwasseraquarien beheimatete.

»Oder wollte die Mamsell was anderes von dir?«

Hieronymus wandte sich der buckligen Gestalt zu. »Böse ist, wer Böses denkt, verehrter Herr Franz!«

»Und wer Zitate verwendet, um seinen Standpunkt zu festigen, bemüht sein Gedächtnis und nicht seinen Verstand«, konterte der andere.

Die beiden Männer teilten ein herzhaftes Grinsen.

»Die Mamsell will, dass ich ihr Kind verewige, ohne selbst auf dem Bild zu sein.«

Franz pfiff durch die Zähne. »Bei der langen Belichtungszeit? Da wird sie den Gschropp4 schon ordentlich tranquillieren müssen. Sonst schaut der so verschwommen aus, als würde man ihn beuteln.«

»Ich werde mir was überlegen«, gab sich Hieronymus zögerlich. »Bis morgen Nachmittag hab ich Zeit.«

Franz strich sich die spärlichen Haare zurück, die sein Haupt zierten. »Eilig haben sie es immer, die gnädigen Herrschaften. Alles sollte am besten schon gestern erledigt worden sein.«

»Was willst machen? Muss halt reichen.«

»Ich soll dir übrigens liebe Grüße von der Mitzi und dem Toni ausrichten. Sie würden sich freuen, wenn wir uns wieder einmal in der Schenke blicken lassen.«

»Werden wir.« Hieronymus lugte zur Sonne, die bereits die Wipfel der Kastanienbäume durchschnitt. »Aber heute nicht mehr. War ein langer Tag. Ich glaube, wir machen uns besser auf den Heimweg.«

Franz nickte zustimmend. Dann ging er zu dem fuchsfarbenen Haflinger, der einige Bäume entfernt seelenruhig graste. »Komm, Roswitha!«, rief er dem Pferd zu. »Schluss mit dem Tachinieren5!«

1 Großer Reifrock, der auf einem Unterbau aus Stahleisen aufliegt.

2 Alt-österreichische Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskel: »Ihr

gehorsamster Diener.«

3 Wienerisch: gekämmt.

4 Wienerisch: kleines Kind.

5 Faulenzen.

III

»Alsdann, was soll er mir da zeigen?«

Der hochgewachsene Mann mit Halbglatze und gediegenem schneeweißen Backenbart hatte die Frage intoniert, als ginge es um Leben und Tod. Leben und Tod des Gefragten, wohlgemerkt. Wilhelm Marx, Präsident der Wiener Polizei, hatte schon als junger Praktikant beim Stiftsgericht des Schottenstiftes gelernt, dass Freundlichkeit nur ausgenutzt und als Schwäche interpretiert wurde. Selbstbewusstes Auftreten mit einem Hang zur Überheblichkeit hingegen brachte einem zumindest Respekt ein. Im besten Falle schüchterte man sein Gegenüber ein, das einem dann zumeist mit vorauseilender Freundlichkeit begegnete. Das erhob einen selbst in die Position, diese Freundlichkeit als Schwäche des anderen zu nützen. Und um unmissverständlich deutlich zu machen, in welcher hierarchischen Position der andere sich befand, sprach Wilhelm Marx alle ihm Untergebenen sowie Fremde grundsätzlich in der dritten Person an.

»Hat er einen Frosch verschluckt oder ist er stumm?«, setzte Marx nach.

Der junge Mann der Sicherheitswache wurde hochrot im Gesicht, nahm eine noch steifere Haltung an und wies auf den Haufen Unrat, der sich in der Ecke türmte. »Es … der Tote liegt dort im Dreck, Herr Präsident.«

Marx sah den Polizisten im dunkelgrünen Waffenrock scharf an. Dann klopfte er ihm väterlich auf den Oberarm. »Beruhig er sich, ist schon recht.«

Der Polizeipräsident trat näher an die Stelle heran, auf die die Sicherheitswache gedeutet hatte, beugte sich vorn über. Inmitten von verwitterten Lumpen, Essensabfällen, abgenagten Tierknochen und vermoderten Holzbrettern lag ein Mann, die rechte Hand Hilfe suchend in die Höhe gereckt. Das Hemd blutbefleckt und zerrissen, das Haupt voller Blutergüsse. Anstatt der Augen nur klaffende Höhlen, in denen sich Maden verköstigten.

Marx betrachtete den Toten genauer. Jedem Finger war das letzte Glied abgetrennt worden, genau im Gelenk, dem glatten Schnitt durch die Haut nach zu urteilen vermutlich mit einem scharfen Messer oder einer Zange. Der Mörder hatte sich also Zeit genommen, den Schmerz des Malträtierten wohlfeil ausgekostet, denn eine solche Tortur nimmt gut und gerne ihre zehn Minuten in Anspruch. Zehn Minuten für den Täter – eine gefühlte Ewigkeit für das Opfer.

Der Präsident verzog das Gesicht. Allerdings war es nicht der faulig-beißende Gestank nach Verwesung, der ihn dazu veranlasste, sondern die Überzeugung, dass es sich hier weder um einen Raufhandel noch um das jähe Ende einer Liebelei handelte. Dieser Mann war förmlich hingerichtet worden – und der Mörder hegte nicht die Intention, dies zu verschleiern.

»Mensch, der arme Tölpel liegt hier noch keine vierundzwanzig Stunden«, tönte die näselnde Stimme eines Mannes hinter Marx, die einen unüberhörbaren norddeutschen Akzent aufwies. »Und lassen Sie sich von den Maden nicht ins Bockshorn jagen. Die sind nicht in den Wunden geschlüpft. Die kommen von den Essensresten und suchen sich was Nahrhafteres.«

Der Polizeipräsident wandte sich um und sah sich einem hageren Mann Mitte dreißig gegenüber, der mit seinem schwarzen Frack und der Nickelbrille auf der Nase wirkte, als wollte er in die Oper oder zu einer Soiree gehen.

Marx’ Brauen zogen sich zusammen. »Und wer bitte ist er?«

Der junge Mann schlug die Hacken zusammen. »Gestatten Sie: Salomon Stricker mein Name.«

Pause. Die Augen des Polizeipräsidenten verengten sich, sodass er wirkte, als wollte er dem anderen jeden Moment einen Schlag mit der Faust verpassen.

»Ich war einst Schüler der Pathologischen Anatomie des geschätzten Herrn Rokitansky«, fügte Salomon eiligst hinzu.

»Freiherr von Rokitansky«, korrigierte ihn Marx scharf. »Mein lieber Freund wurde vor zwei Jahren von Kaiser Franz Josef persönlich in den Adelsstand erhoben.«

»Natürlich«, meinte Salomon mit mildem Lächeln, das sein ohnehin schon scharfkantiges Gesicht eigenartigerweise noch härter wirken ließ. Seine grünen Augen blitzten auf, als wollten sie das Lächeln Lügen strafen, sein schwarzer Oberlippenbart, der zu einer präzisen Linie rasiert war, stand in krassem Gegensatz zur ausufernden Gesichtsbehaarung des Polizeipräsidenten.

»Auch war es Herr von Rokitansky, der mich hierhergeschickt hat«, fuhr Salomon ruhig fort. »Er meinte, ich könne Ihnen behilflich sein.«

»Ah geh. Und wobei soll er mir behilflich sein?«

»Den Mörder zu finden, natürlich.« Salomon rückte irritiert seine Brille zurecht.

»Und warum –«

»Ich habe die Totenbeschau von Michael Jaritz durchgeführt.«

Marx kratzte sich den Backenbart und dachte an die Meldung über jenen Mann, den man vor drei Tagen gefunden hatte – Michael Jaritz, ein einfacher Gehilfe in einem Spezereien- und Delikatessengeschäft in der Karmelitergasse. »Dann hab ich also ihm das Konvolut an Beschreibungen und Mutmaßungen zu verdanken?«

Salomon nahm stolz Haltung an. »Präzision bis ins kleinste Detail kann oftmals entscheiden, ob eine Missetat aufgeklärt wird oder eben nicht.«

»Na, da hat er nicht unrecht«, stimmte Marx versöhnlichere Töne an und sah erneut zu dem Toten. »Was kann er mir aus dem Stegreif über unsere Leiche sagen?«

Salomon machte einen Schritt auf den Toten zu, hob die Brauen und spitzte den Mund, als wollte er einen besonders edlen Wein verkosten. Sein Blick schnellte zwischen den unterschiedlichsten Anhaltspunkten hin und her, als müsste er ein komplexes Muster im Geiste verinnerlichen, um es später nachzeichnen zu können. Schließlich schien er genug gesehen zu haben und wandte sich wieder seinem Vorgesetzten zu.

Der schwieg erwartungsvoll.

»Ein Mann Mitte, Ende vierzig, würde ich aufgrund seines leicht schütteren Haares und dem Zustand seiner Schneidezähne vermuten. Ein Arbeiter, wie sein wuchtiger Körperbau im Allgemeinen und Schwielen und Hornhaut an seinen Händen im Besonderen bezeugen. Unverheiratet, da ihm sowohl ein Ehering fehlt als auch die typische Verjüngung am Ringfinger, hätte er stets einen getragen und man ihn dessen beraubt. Er wurde mit einem harten, stumpfen Gegenstand geschlagen. Und sämtliche Verstümmelungen hat man ihm ante mortem zugefügt, sonst wäre das Blut nicht in alle Richtungen gespritzt.«

Wilhelm Marx wartete einen Augenblick, ob der andere noch etwas hinzuzufügen gedachte. Dann rang er sich ein Lächeln ab. »Rokitansky hat ihn viel gelehrt.«

Salomon schwieg stolz.

»Allerdings ist ihm das eine oder andere entgangen. Den Blutergüssen an den Handgelenken nach zu urteilen war der Mann während seiner Tortur gefesselt, wohl mit Gurten. Ich wette, dass sich an seinen Beinen identische Male finden. Seine grobporige Nase lässt vermuten, dass er dem Wein nicht abgeneigt war, und ich meine in größeren, weniger bekömmlichen Dosen. Und der Mann wurde nicht an diesem Ort ermordet.«

Salomon wirkte verunsichert, suchte nach Schleifspuren oder Ähnlichem. »Bei allem Respekt, woher wollen Sie das wissen?«

»Da braucht es eben jenen Spürsinn, der nicht allen Menschen eigen ist. Oder nur eine klare Sicht.« Marx sah an der Fassade hoch. »Na, das Fenster im dritten Stock über uns ist sperrangelweit offen. Bei dem Gestank, der von hier aufsteigt, lüftet niemand so lange freiwillig seine Behausung.«

Der junge Mann prüfte mit einem schnellen Blick die Richtigkeit der Behauptung, schniefte dann, als wäre er erkältet. »Man kann Ihnen schwer etwas vormachen, Herr Präsident.«

Marx blieb ernst. »Einer wie er mit Sicherheit nicht.«

»Ach, Sie … halten wohl nicht viel von mir?«

»Aber! Wie kommt er denn auf so was?«

»Ist es mein deutscher Akzent? Ich habe durchaus bereits die Erfahrung gemacht, dass dieser in Wien nicht gerade beliebt ist.«

Marx schwieg genüsslich.

»Oder …« Salomon zögerte verunsichert. »Womöglich stört es Sie, dass ich Jude bin?«

»Ein Jud! Na, da irrt er sich gewaltig«, sagte Marx und wandte sich ab. »Ich mag einfach generell die Menschen nicht.«

IV

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als der Schindelwagen die Residenzstadt hinter sich ließ. Vorbei an den k.k. Stallungen und der k.k. Infanteriekaserne war er durch die Mariahilfer Straße gezogen, auf die Gürtelstraße abgebogen und erreichte nun die Vorstadt, deren Behausungen sich im Schatten der Metropole schuldbewusst zu ducken schienen.

So auch jenes schiefwinkelige Haus, in dem Hieronymus und Franz seit mehr als einem halben Jahr Quartier bezogen hatten. Das Grundstück war von einem niedrigen Zaun umgeben, in der Mitte des Vorplatzes stand ein Brunnen.

Im Hof angekommen hielt Hieronymus den Wagen an und spannte Roswitha ab, während Franz die sechs Kinder der Quartiergeberin begrüßte, die ihn, wie jeden Tag, laut krakeelend empfingen. Von ihrer Mutter jedoch fehlte jede Spur.

Hieronymus kam auf Franz zu, der gerade Jaroslav, den Zweitjüngsten der Rasselbande, in die Luft warf und wieder auffing. »Warum werden wir heute von Anezka gar nicht angefäult6, weil wir den Wagen drei Fuß zu weit von was auch immer abstellen?« Er sah zu Tereza, der Ältesten. »Ist deine Mutter nicht hier?«

Die nickte und runzelte die Stirn. Dann deutete sie hinters Haus.

Hieronymus und Franz warfen sich einen besorgten Blick zu und machten sich in die gewiesene Richtung auf.

»Holt uns doch bittschön einen Kübel frisches Wasser und stellt ihn in die Stube«, rief Franz den Kindern zu, die sogleich zum Brunnen liefen.

Hinter dem Haus hockte eine Frau, das Haupt gesenkt, der Blick starr. Ihre braunen Haare bildeten einen geflochtenen Knoten, ihr Kittel wies eine Vielzahl von Flicken auf. Als sich Hieronymus und Franz näherten, zeigte sie keine Regung.

»Anezka?«, begann Franz und kniete sich ungelenk zu ihr. »Was bekümmert dich?« Er legte ihr die rechte Hand auf die Schulter, was wirkte, als würde ein Riese ein Kind tätscheln.

Sie schüttelte wortlos den Kopf.

»Na komm«, versuchte er es noch einmal, als sein Blick auf die halbleere Flasche Sliwowitz fiel, die neben der Frau an der Bretterwand lehnte.

»Leoš«, flüsterte Anezka schließlich mit hartem böhmischem Akzent. »Leoš ist weg.«

Hieronymus runzelte die Stirn. »Was heißt das: Er ist weg?«

Die Frau funkelte ihn wütend an. »Wie soll Anezka wissen, was das heißt? Seit vier Wochen hat uns Leoš nicht mehr besucht.« Sie wischte sich Tränen aus den Augen. »Und Geld hat er uns auch keines mehr gebracht. Kein Leoš. Kein Geld. Rozumíš?«

Franz schüttelte den Kopf. »Nein, wir verstehen nicht.« Er legte seine Hand auf ihre. »Vielleicht … hat er sich nur wieder einmal versoffen? Du weißt, wie er sein kann.«

»Vier Wochen lang versoffen?« Sie entzog ihm ihre Hand. »Anezka ist kein dummes Weib. Wenn ein Mann so lange nicht mehr in sein Zuhause kommt, sich nicht um seine Kinder schert, hat er entweder eine andere, oder er ist tot.«

Franz sah mit sorgenvollem Blick zu Hieronymus hoch, der nur mit den Schultern zuckte.

Anezka griff sich die Flasche, nahm einen tiefen Schluck daraus. »Wenn Leoš tot ist, dann sei der Herrgott seiner Seele gnädig. Wenn er eine andere hat, ist er so gut wie tot.«

»Wir könnten zu den Ziegelwerken fahren und nach Leoš fragen«, schlug Franz vor und sah erneut zu Hieronymus. Der schien unschlüssig zu sein. »Wir kriegen raus, wo der Kerl geblieben ist, das verspreche ich dir.«

Anezka nickte bedächtig. »Děkuji.« Dann hielt sie Franz die Flasche Sliwowitz hin. »Schluckerl Sliwo?«

Der nahm sie, trank und reichte sie an Hieronymus weiter.

»Eigentlich wollte ich keinen –«

Dann trank er doch. Spürte, wie ihm der scharfe Zwetschkenschnaps die Kehle hinabbrannte und den Magen wärmte.

Anezka erhob sich. »Wann fahrt ihr hin? Morgen?«

Franz richtete sich ebenfalls auf, wenn auch wesentlich ungelenker ob seines verkrüppelten Rückens. »Ja, morgen.«

Zum ersten Mal, seit die beiden Männer angekommen waren, zeichnete sich so etwas wie ein zuversichtliches Lächeln im verlebten Gesicht der Frau ab.

Eine Burg, die über einer Stadt thront. Eine Tür, die eingetreten wird. Ein kleines Beil, das hinabsaust. Das unwirkliche Bild eines kleinen Fingers, der abgehoben neben der Hand liegt. Ein stechender, alles beherrschender Schmerz.

Karolína!

Hieronymus öffnete die Augen. Er blickte auf einen geschwärzten Plafond, der wie eine Öffnung ins Nichts wirkte. Wo war er –?

Instinktiv hob er seine rechte Hand, betrachtete sie im kalten Licht des Mondes. Er hatte also nicht geträumt, er hatte sich nur erinnert. Der kleine Finger fehlte, seit jener schicksalhaften Nacht, in der er so viel mehr verloren hatte als bloß dieses unbedeutende Körperteil. Den Grund zu leben. Karolína …

»Na«, tönte es zu seiner Linken. »Wieder mal den Geistern der Vergangenheit hinterhergejagt?«

Hieronymus wandte den Kopf, sah die dunklen Umrisse seines Weggefährten auf dem anderen Nachtlager. Er und Franz lagen auf ihren mit Stroh gefüllten Säcken, die Leiber nur mit dünnen Laken aus Leinen bedeckt. Das Mondlicht schnitt durch das kleine Fenster im Erdgeschoss, ließ die Dunkelheit der Schatten noch undurchdringlicher wirken. Ein zarter Geruch nach Zwetschke lag in der Luft.

»Irgendwie lassen mich diese Geister nicht los«, meinte Hieronymus resigniert. »Und einerlei, wie oft oder lange ich am Schlickplatz vor der Rudolf-Kaserne wartete, an der ich sie im Juli erspäht hatte, sie kam nie wieder.«

»Du weißt, ich bin der Letzte, der dir deine Träume entreißen will. Aber glaubst du nicht, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass es nicht Karolína war, sondern –«

»Sie war es.« Der Ton in Hieronymus’ Stimme duldete keinen Widerspruch. Nicht von seinem Freund und schon gar nicht von seiner eigenen, inneren Stimme.

»Ich glaub dir ja.« Franz beugte sich ächzend zu ihm, hielt ihm eine Flasche hin. »Schlafmedizin gefällig?«

Der nahm das Angebot an, trank mehrere Schlucke des scharfen Obstbrandes. Dann fiel sein Blick auf die geschlossene Tür zu seiner Rechten, hinter der das Schlafgemach ihrer Vermieterin lag.

»Anezka wirkte schon in den letzten Tagen gedrückt.«

»Du meinst mehr als sonst?« Kaum hatte Franz die Worte ausgesprochen, kamen sie ihm bereits unpassend vor. »Ich weiß, was du meinst«, fügte er rasch hinzu. »Und du hast recht.«

»Mit einem Gemahl wie Leoš hat man eben nicht viel zu lachen. Mich hat es nur immer gewundert, wie er seine Blechmarken, mit denen er in der Ziegelei entlohnt wird, in Gulden umtauschen konnte. Soweit ich weiß, wird jeder gekündigt, der seinen Lohn nicht ausschließlich in die Werkskantine trägt. Findig ist er, das muss man ihm lassen.«

»Und wo glaubst du, steckt dieser findige Pfeifenstierer7?« Der abfällige Ton in Franz’ Stimme ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, was auch er von Anezkas Gemahl hielt.

Hieronymus zuckte mit den Schultern. »Wäre er bei der Arbeit verunglückt, hätte man seine Frau schon verständigt.«

Franz raunte seine Zustimmung. Dann schwiegen beide.

»Morgen Nachmittag muss ich mich um die Fotografie des Kindes ohne Mutter kümmern«, meinte Hieronymus schließlich nachdenklich.

»Hast du eine Ahnung, wie du das bewerkstelligen willst?«

»Nein. Ist aber noch ein bisschen Zeit bis dahin.«

Franz schnaubte. »Oder auch nicht. Wir müssen für Anezka morgen früh aus den Federn. Wir haben es versprochen.«

»Wir?«

»Du hättest doch niemals einen alten Krüppel wie mich alleine zum Ziegelwerk geschickt. Wenn ich mich dort reinschleiche, spannen die mich noch vor einen Karren.«

»Das Fabriksgelände ist mit Sicherheit streng bewacht«, sagte Hieronymus leise. »Da müssen wir uns was einfallen lassen, wie wir dort reinkommen.«

»So gefällt mir das schon besser.«

»Freu dich bloß nicht zu früh«, mahnte Hieronymus. »Ich fürchte nur, wir werden keine erfreulichen Neuigkeiten erfahren.«

»Das fürchte ich allerdings auch, mein Freund. Das fürchte ich auch.«

6 Wienerisch: anschnauzen.

7 Taugenichts.

V

Unweit jener Stelle, an der sich auf dem weitläufigen Wienerfeld neben Wirtshäusern Leim- und Beinsiedereien angesiedelt hatten, wo die Pottendorfer Bahn in die West-Donaulände-Bahn mündete und sich der Liesingbach idyllisch durch das Blumenthal schlängelte, ragten mehr als drei Dutzend Rauchfänge in den Morgenhimmel. Die Rauchwolken, die sie ausstießen, verdunkelten zuweilen die Sonne, die Fassaden der umliegenden Häuser waren rußgeschwärzt. Selbst das Regenwasser, das sich in Lacken und in Fahrrinnen gesammelt hatte, schimmerte so schwarz wie Erdöl. Ein brandiger Geruch war allgegenwärtig, gleich so, als könnte jeden Augenblick alles um einen herum in Flammen aufgehen. Ein Moloch im Süden der Kaiserstadt …

Und doch wurde hier das Herzstück dessen hergestellt, ohne das es keine Stadterweiterung Wiens und keine Prachtbauten an der neuen Ringstraße geben konnte – der Ziegel.

Nach dem Tod des patriarchalen Unternehmers Alois Miesbach, der 1820 den alten k.k. Fortifikations-Ziegelschlag gepachtet hatte, übernahm dessen Neffe Heinrich Drasche 1857 die Geschäfte. Dank der regen Bautätigkeit, die eine schiere Unmenge an Ziegeln verschlang, erweiterte er kontinuierlich die Fabrik und steigerte die Jahresproduktion auf weit über einhundert Millionen Stück des Baumaterials, was ihm im Volksmund den Spitznamen »Ziegelbaron« einbrachte. Europas nunmehr größte Ziegelfabrik warf enorme Profite ab – mit den Aktien allein vermehrte Drasche sein Vermögen um fast eine halbe Million Gulden pro Jahr. Dennoch ließ er für seine Arbeiter Wohnhäuser erbauen, für die er gar bei der Pariser Weltausstellung 1867 ausgezeichnet wurde, gründete eine werkseigene Versicherung für Invaliden und Pensionisten und spendete große Summen für humanitäre Stiftungen. 1870 wurde er zum Ritter von Wartinberg ernannt.

Trotzdem war die Lage der Arbeiter äußerst prekär. Sie kamen hauptsächlich aus den östlichen Kronländern des Kaiserreiches mitsamt ihren Familien – die »Ziegelbehm«. So säumten einige Kinder die Straße, auf der eine Kutsche mit zwei Fahrgästen unterwegs war, und erbettelten sich ein Zubrot für ihre Familien.

Franz seufzte ob des traurigen Anblicks, dann schnäuzte er sich in die Hand und besah das Ergebnis: ein dunkler, stellenweise schwarzer Schleim.

»Früher haben wir Kathedralen erbaut, um näher am Herrgott zu sein. Heute sind es diese verdammten Schornsteine.«

Hieronymus, der in der Kutsche neben ihm saß, maß ihn argwöhnisch. »Vom Beten allein kommt kein Fortschritt«, und spielte damit auf dessen früheres Leben als Mönch an.

Franz wischte sich die Hand mit einem Fetzen sauber. »Vom Beten allein kam noch nie etwas. Aber mit mehr Respekt gegenüber Mensch und Natur ließe sich etwas erschaffen, was nicht zulasten des einen oder anderen ginge.«

»Du solltest bei der nächsten Aktionärsversammlung als Redner auftreten. Ich bin sicher, die geschätzten Herren verzichten ob solch hehrer Ansinnen gerne auf ihre dicken Dividenden.«

Franz schnaubte verächtlich. »Die würden auf keinen Gulden verzichten, selbst wenn sie daran ersticken würden.«

Hieronymus’ Tonfall wurde lakonisch. »Wo ist die gute alte Zeit, wenn man sie braucht?«

Er griff in seine Westentasche, holte einige Kronen heraus und warf sie Richtung der bettelnden Kinder, die sie kreischend vor Freude einsammelten.

»Füttern S’ doch nicht die Gschropp’n«, echauffierte sich der Kutscher. »Sonst bing’ ma die Böhm gar nicht mehr an! Sie wissen doch, wie’s so schön heißt: Es gibt nur a Kaiserstadt. Es gibt nur a Wien. Die Wiener san draußen, die Böhm, die san drin.«

Hieronymus lachte schallend auf. »Da haben S’ wohl recht«, meinte er und machte eine kurze ernste Pause. »Ich komm übrigens aus Prag.«

Der Kutscher zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen.

»Und ich aus Königsberg in Ostpreußen«, setzte Franz nach. »Aber das macht bei Ihnen wahrscheinlich keinen Unterschied, weil ich eh nur ein Krüppel bin.«

»Entschuldigen S’, die Herrschaften, ich wollte nicht –«

»Fahren S’ einfach und halten S’ den Mund«, sagte Hieronymus in scharfem Ton. »Und hoffen S’, dass die Böhm nicht auch noch lernen, wie man eine Kutsche lenkt, sonst sind das bald Ihre Gschropp’n, die um Almosen betteln. Denn im Gegensatz zu Ihnen sind die Böhm fleißig und freundlich.«

Der Kutscher nickte mehrmals und murmelte ein »Sehr wohl, der Herr.«

Die Kutsche bahnte sich ihren Weg durch den kleinen Vorort Inzersdorf am Wienerberg, dessen schmutzig wirkende Häuser sich an die Hauptstraße reihten. Im Osten lag die vor vier Jahren gegründete private »Heilanstalt für Nerven- und Gemüthskranke«, im Westen das Drasche-Schloss mit einer prächtigen Parkanlage. Am Ende der Hauptstraße bog die Kutsche rechts in die Triester Straße ein, wo sie, nachdem sie den Liesingbach und den Gleiskörper der West-Donaulände-Bahn überquert hatte, vor dem schmiedeeisernen Portal der Ziegelwerke anhielt.

Hieronymus entlohnte den Kutscher, nicht ohne sich mit einem freundlichen »Děkuju« zu bedanken. Dann fegte er mit der Handfläche den Staub der Straße von seinem Raglanmantel, setzte sich einen steifen Hut auf, zog sich weiße Handschuhe an und klemmte sich ein Monokel vor das rechte Auge. Mit einer zu allem entschlossenen Miene deutete er mit seinem Flanierstock auf die Einfahrt.

»Wohl an, mein treuer buckliger Gefährte!«

Franz unterdrückte ein Grinsen. »Wen stellen wir denn heute dar?«

»Lass dich überraschen!«

Die beiden Männer durchschritten das schmiedeeiserne Portal, wo sie sogleich von einem dicklichen Portier lautstark in Empfang genommen wurden.

»Habe die Ehre, die Herren! Wen darf ich untertänigst melden?«

Franz sah Hieronymus erwartungsvoll an.

»Vojtěch von Martinic, mein Bester«, schmetterte Hieronymus ohne jede Scham hinaus, einen böhmischen Dialekt intonierend. »Nachlassverwalter derer von Rosenberg. Ich komme, um einen Ihrer Arbeiter aufzusuchen, einen gewissen Leoš Svoboda.«

Der Portier nickte ernst, als wären ihm die genannten Personen von Begriff. »Sehr wohl, Herr von Martinic. So darf ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich keine derartige davon habe, ob der genannte Böhm – ich meine, ob der genannte Herr bei uns unter Lohn steht«, sagte er und beendete die unnötig komplizierte Wortaneinanderreihung samt Korrektur mit einem knechtischen Lächeln, gefolgt von beharrlichem Schweigen.

Hieronymus wartete einen Augenblick, ob er den Portier richtig einschätzte. Dann griff er in die Tasche seines Mantels, holte einen Gulden hervor und drückte diesen dem Mann in die Hand.

»Wohl aber«, fuhr der Portier fort, als wäre nichts gewesen, »führt unsere Schreibstube genauestens über alle Angestellten Buch. Wenn S’ bittschön da nach vorn gehen, ins dritte Gebäude zu Ihrer Rechten, in den zweiten Stock.«

Hieronymus tippte an den Rand seines Hutes und machte sich auf den Weg zum Werksgelände. Franz folgte ihm, ohne dem Portier einen Blick zu schenken.

Je näher sie den Verwaltungsgebäuden der Ziegelfabrik kamen, umso lauter wurde der Lärm, der von den Hallen und Öfen her dröhnte, und umso stickiger wurde die Luft. Doch nun, da Hieronymus und Franz in dem sauber weiß ausgekalkten dritten Gebäude im zweiten Stock standen, drängte sich ihnen der Eindruck auf, sie befänden sich mehr in einem Sanatorium denn auf einem Fabriksgelände. Junge Männer in sauberer dunkler Kleidung eilten die Gänge entlang, schweigend und dienstbeflissen.

»Ich wart besser hier«, meinte Franz mit gedämpfter Stimme. »Die sollen sich auf das besinnen, was du ihnen anschaffst, und nicht auf einen hübschen Lackl8 wie mich.«

Hieronymus nickte knapp. Ohne anzuklopfen, öffnete er die erstbeste Tür und trat in den hellen Raum, in dem sich vier Schreibschränke befanden. An ihnen arbeiteten vier Angestellte emsig, jeder eine Feder in der Hand.

Alle Blicke richteten sich auf ihn.

»Gestatten: Vojtěch von Martinic, Nachlassverwalter derer von Rosenberg«, sprach er in gleicher Manier wie zum Portier und mit dem gleichen böhmischen Dialekt. »Ich bin auf der Suche nach einem Ihrer geschätzten Arbeiter, Leoš Svoboda.«

Die vier Männer wirkten verunsichert. Schließlich stand einer von ihnen auf. »Wissen der Herr zufällig, welche Position der Genannte innehat?«

»Lehmscheiber, wie mir zu Ohren gekommen ist«, antwortete Hieronymus.

»Bitte um einen Augenblick Geduld.« Mit diesen Worten eilte der junge Mann aus dem Raum.

Daraufhin nahmen die restlichen drei Männer ihre Schreibtätigkeiten wieder auf. Alle waren in dunkle Hosen gekleidet, wie Hieronymus bemerkte, in weiße Hemden und dunkle Westen, das Haar mit Pomade gescheitelt. Einer wie der andere, kam ihm in den Sinn, wie Zahnräder in einem Uhrwerk. Funktionierend und austauschbar.

Als einziger Schmuck hingen an einer Wand zwei Bilder, mit kräftigen Farben gemalt. Eines zeigte den Wienerberg, wie er vor einhundert Jahren ausgesehen haben musste, überzogen von üppiger Vegetation. Das zweite zeigte die Ziegelfabrik, umringt von geschönter Flora. Ein eigentlich trauriger Vergleich, sinnierte Hieronymus, vorher und nachher. Und doch erzeugten die beiden Bilder in ihm eine plötzliche Erkenntnis –

In dem Moment kam der junge Mann wieder. Ihm folgte ein vierschrötiger Kerl, der wirkte, als würde er an den Ringöfen arbeiten, nicht in der Verwaltung.

»Konrad Feigl mein Name«, sagte er ohne Umschweife, »Sie suchen einen unserer Arbeiter?«

Hieronymus nickte und wollte gerade Anstalten machen, sich ebenfalls vorzustellen, als der andere bereits wieder sprach. »In welcher Angelegenheit suchen S’ ihn?«

»In einer, die eine gewisse Form der Diskretion erfordert«, antwortete Hieronymus mit Blick auf die vier Schreiberlinge im Raum.

»Folgen S’ mir.«

Nachdem die beiden Männer mehrere Räume durchschritten hatten, die völlig ident wirkten, kamen sie schließlich in ein kleines Zimmer, in dem dicke Bücher in Regalen bis zur Decke gestapelt waren, alle am Rücken mit handschriftlichen Kürzeln versehen. Feigl wies seinem Gast einen Stuhl zu und suchte dann die Regale ab. Irgendwann zog er einen Wälzer heraus, setzte sich an seinen Sekretär und überflog die Seiten darin.

»Svoboda, Svoboda … ah! Hier ist er. Leoš Svoboda, fein säuberlich gelistet im Beschäftigtenverzeichnis. Hat bei uns als Sandler angefangen.« Er blätterte mehrmals vor und zurück, überflog die Spalten voll handschriftlicher Eintragungen. »Mhm … mhm.«

Feigl runzelte die Stirn. Wortlos stand er auf und verließ den Raum.

Hieronymus nahm das Monokel ab und versuchte zu lesen, was die Einträge besagten, konnte aber nicht viel erkennen.

Gleich darauf kam Feigl zurück, ein kleines Buch in der Hand.

»Sie sind mir noch eine Antwort schuldig«, sagte er, während er wieder beim Sekretär Platz nahm. »Was wollen Sie von unserem Arbeiter?«

Hieronymus klemmte sich das Monokel wieder vor das Auge. »Zunächst einmal: Mein Name ist Vojtěch von Martinic, meines Zeichens Genealoge und Nachlassverwalter derer von Rosenberg. Fürst Zdeněk von Rosenberg, Gott möge seiner Seele gnädig sein, ist erst vor Kurzem von uns gegangen. Die Syphilis kannte leider kein Erbarmen. Da er selbst keine Nachkommen hatte, obliegt es nun mir, etwaige Berechtigte bezüglich einer Erbschaft ausfindig zu machen. Und da tauchte, via mütterliche Linie, Leoš Svobodas Name auf.«

Hieronymus machte ein feierliches Gesicht, als hätte er die Bundeslade entdeckt.

Feigl teilte zwar nicht die Begeisterung des anderen, jedoch schien er die Geschichte zu glauben. »Ich wünschte, ich könnte nun sagen, dass ich mich für den Herrn Svoboda freue –« Er machte eine unnötig lange Pause. »Aber das wäre schlicht gelogen.«

Er schlug das mitgebrachte Buch auf, blätterte wieder darin. »Das ist das Arbeitsbuch des besagten Herrn. Hier wird auch jedwedes Vergehen penibel dokumentiert. Und meiner Seel’, das sind derer viele.«

Hieronymus versuchte, überrascht zu wirken, auch wenn er es nicht war.

»Ein Raufbold war er und ein Trangler9.« Feigl schüttelte verständnislos den Kopf. »Manchmal sogar ein Aufrührer.«

»Er war?«

Der Angestellte nickte und las den Eintrag, während er sprach. »Am Ersten des letzten Monats haben wir uns von ihm getrennt. Er war zum wiederholten Male dermaßen trunken, dass er seine Scheibtruhe10 samt Ziegel umkippen ließ, wobei viele der Werkstücke zu Bruch gingen. Ein solches Verhalten ist unentschuldbar.«

Innerlich seufzte Hieronymus tief und schwer. Etwas in der Art hatte er bereits befürchtet. Und nachdem Leoš nicht zu seiner Frau zurückgekehrt war, konnte er Gott weiß wo sein. Äußerlich jedoch war er um Räson bemüht.

»Sie wissen nicht, wo ich den Herrn Svoboda finden könnte?«

Feigl blätterte das Arbeitsbuch durch, schlug es schließlich zu. »Laut eigener Angabe ist er verheiratet, jedoch wohnt seine Familie nicht am Werksgelände. Fragen S’ in der Werkskantine nach. Mehr fällt mir dazu nicht ein.«

Hieronymus erhob sich. »Verbindlichsten Dank, Herr Feigl. Wenn Sie mir das Buch aushändigen könnten, dann –«

»Ist Werkseigentum«, knurrte der Angestellte und gab damit zu verstehen, dass sein Entgegenkommen hier endete.

»Dann danke ich für Ihre Zeit und empfehle mich.« Hieronymus schritt zur Tür, hoffend, dass dem anderen nicht noch die eine oder andere tiefschürfende Frage einfiel.

Die stickige Luft der Werkskantine raubte Hieronymus und Franz beinahe den Atem. Ein Gemisch aus Schweiß und Moder, aus abgestandenem Wein und Ausdünstungen jeglicher Art paarte sich mit dem Brandgeruch aus den Brennöfen. Die Lehmarbeiter, die in der Kantine mehr herumlungerten denn saßen oder standen, wirkten wie Schatten ihrer selbst – ausgelaugt, müde und bar jeder Hoffnung. Ihre Arbeitskleidung, blaue Hose und Janker, schienen sie im Frühjahr angezogen und seither nicht mehr ausgezogen zu haben.

Franz seufzte. »Du bleibst besser draußen. Ich denke nicht, dass auch nur eine Seele hier mit einem Frackträger wie dir sprechen will.«

Hieronymus machte einen Schritt zurück. »Dann werde ich zu Anna Rebiczek fahren, das Foto ihrer Lucie machen.«

»Jessas, Lucie, was für ein Name! Was ist aus einer schönen Adelheid geworden? Einer anmutigen Brunhild?«

Hieronymus klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Die sind alle im Mittelalter geblieben und lassen dich herzlich grüßen. Bis später.«

»Ja, bis später«, sagte Franz, in Gedanken längst woanders. Er fuhr fort, mehr zu sich selbst. »Nun heißt es, mit Bedacht vorgehen, sonst gibt’s noch ein Bahöl. Mir deucht, die Männer sind nicht hier, um sich an irgendetwas aus ihrem Leben zu erinnern. Die Männer sind hier, um alles zu vergessen.«

8 Kerl.

9 Säufer.

10 Schubkarren.

VI

»Herr Hieronymus!« Anna Rebiczek empfing ihren Gast wie einen alten Freund, den sie lange nicht mehr gesehen hatte. »Kommen S’ bitte herein.«

Der Fotograf nahm den Hut vom Kopf, packte die Griffe beider Koffer, in die er seine Ausrüstung verstaut hatte, und betrat die Wohnung, die ob ihrer Größe wie ein Palais wirkte. Die Kassettendecken waren mit allegorischen Bildern bemalt, die Wände mit edlen gemusterten Stoffen bezogen. Auf sämtlichen Kommoden, Tischchen und Regalen tummelten sich Plastiken aus Bronze und Keramik in Form von Pferden, stehend, liegend, zum Sprung ansetzend. Selbst die vielen silbernen Etageren waren bis auf das letzte Fleckchen mit Pferdefiguren dekoriert – oder vollgestopft, kam Hieronymus in den Sinn.

»Ich liebe Pferde«, erklärte sich Anna mit leicht verlegenem Lächeln, wohl um Hieronymus’ noch nicht gestellter Frage zuvorzukommen.

»Anmutige Wesen«, konstatierte dieser und verkniff sich ein »und wohlschmeckend«, während er an den Pepihacker11 dachte, bei dem er so gerne Pferdewurst einkaufte.

»Mein Gemahl teilt meine Leidenschaft zwar nicht, aber er lässt mich gewähren.«

»Ein wohlfeiler Gemahl, den Sie haben.«

»Ich weiß.« Anna lächelte, diesmal jedoch selbstbewusst. »Da Sie gekommen sind, gehe ich davon aus, dass Sie eine Lösung für mein Ansinnen gefunden haben. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich habe schon alles vorbereiten lassen.«

Die Dame des Hauses führte von einem Salon in den nächsten, wobei jeder zumindest ebenso mit Pferdefiguren vollgestellt war wie der davor. Nach einem mondänen Arbeitszimmer erreichten sie schließlich einen Wohnsalon, wo auf einer Chaiselongue bereits Lucie wartete, ein Kindermädchen neben sich. Das Kind quietschte vor Freude, als es die Mutter erblickte.

»Danke, Helene«, sagte diese zu dem Kindermädchen, das sich mit einem Knicks verabschiedete.

Anna setzte sich auf das mit hellrotem Blumenmuster überzogene Möbelstück und hob ihre Tochter auf den Schoß. »Nun spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter, Herr Hieronymus! Was ist Ihnen eingefallen? Wie wollen Sie Lucie ablichten, ohne dass ich zu sehen bin, und so, dass sie trotzdem ruhig genug hält, damit die Belichtungszeit ausreicht für eine scharfe Aufnahme?«

»Sie haben sich informiert, wie ich sehe.«

Anna wurde ernst. »Notgedrungenerweise. Sie glauben ja nicht, was man sonst für abenteuerliche Lügenmärchen aufgetischt bekommt.«

»Gut.« Hieronymus stellte die beiden Koffer auf den Perserteppich und setzte sich auf einen von ihnen. »Ich gestehe, die gestellte Aufgabe ist ebenso herausfordernd wie diffizil. Denn sämtliche Lösungsansätze bedingen eine Mutter, die das Kind zumindest berührt, wie gut auch immer man sie zu verstecken versteht. Doch heute Morgen kam mir eine Idee. Vorher und nachher.« Er dachte an die beiden Bilder in der Ziegelfabrik. »Ich werde ein und dasselbe Foto zweimal machen. Einmal mit Lucie und Ihnen darauf, einmal ohne Sie beide.«

Anna runzelte die Stirn. »Was genau wollen Sie mit einem Foto, auf dem man nur die Chaiselongue sieht?«

»Ich ließ mich von der Malerei inspirieren«, fuhr Hieronymus fort. »Dort erarbeitet man auch oft zuerst nur den Hintergrund, bevor man kleinere Details darüber setzt. Ich werde also das Albuminpapier mit Ihnen beiden nehmen und Lucie vorsichtig ausschneiden, sodass auch ihr Schatten gewahrt bleibt, sonst würde sie ja schweben. Dann nehme ich das Albuminpapier mit dem leeren Hintergrund, lege beide Bilder übereinander, fixiere sie mit einer Glasplatte und lichte diese Collage mithilfe einer speziell geschliffenen Linse auf einer Trockenplatte erneut ab.«

»Und damit wird Lucie alleine sitzen, ohne ihre Geistermutter«, vollendete Anna die Erläuterungen des anderen.

Hieronymus grinste triumphierend.

»Stanzerl hat mir nicht zu viel versprochen. Jedoch wird mich dies das Dreifache kosten, habe ich recht?«

»Sogar etwas mehr, da ich ja Lucies Foto auch noch bearbeiten muss.«

»Also gut, einverstanden«, sagte Anna ohne Umschweife. »Ich darf Ihnen auf diesem Wege ausrichten, dass Stanzerl sich über einen Besuch Ihrerseits sehr freuen würde.«

Der Geisterfotograf nickte, unsicher, was er antworten sollte.

»Und seien Sie gewiss, Herr Hieronymus. Ihr Geheimnis, wie man ein solches Werk herstellt, ist bei mir in guten Händen.«

»Ich vertraue Ihnen voll und ganz, Frau Anna«, sagte Hieronymus und begann seine Apparatur aufzubauen.

11 Volkstümliche Bezeichnung für den Pferdefleischhauer.

VII

»Ich danke Ihnen.« Die krächzende Stimme der Gestalt klang ehrlich und eigenartig warm.

»Dann … lassen Sie nun von mir ab?« Den Mann mit der Glatze und den buschigen grauen Augenbrauen überfiel ein heftiger Hustenanfall, der ihn und den Stuhl, an den er gefesselt war, gehörig beutelte.

»So einfach ist es nun auch wieder nicht.«

»Was wollen Sie denn noch von mir?« Tränen liefen dem alten Mann über die Wangen und lösten sich erst auf, als sie dessen kurze graue Bartstoppeln berührten. Die Augen hielt er fest zugepresst. Von hinten legte sich eine behandschuhte Hand auf seine Schulter, verweilte dort beruhigend, beinahe väterlich.

»Was nun folgt, hat nichts mehr mit Ihnen zu tun«, sagte die Stimme ruhig. »Es hat etwas mit mir zu tun, mit mir ganz alleine. Kommen Sie, öffnen Sie die Augen.«

Der Alte schüttelte trotzig den Kopf, gleich einem Kind, das nicht einsehen wollte, dass das von ihm Verlangte nur zu seinem Wohle war.

»Öffnen Sie die Augen oder ich schneide Ihnen die Lider ab. Sie wissen sehr wohl, was das bedeutet.«

»Ich kann nicht!« Der Trotz war einem Wimmern gewichen.

Die Gestalt packte ein Tischchen, das unweit des Gefesselten stand, und zog es ruckartig zu diesem, ungeachtet der großen Vase darauf, die zu Boden stürzte und ohrenbetäubend zerschellte. Dann legte sie die Beißzange und den ehernen Dorn darauf, nahm ein Skalpell in die rechte Hand und setzte dieses am Lidansatz des alten Mannes an.

Der riss die Augen auf.

»Hören sie doch auf, um Himmels willen!«

In diesem Augenblick wurde ihm gewahr, warum er die Augen so fest verschlossen gehalten hatte. Nur wenige Fuß weit entfernt saß Stephania, seine Gemahlin, den Rücken an den breiten Türstock gelehnt, die Arme schlaff zu Boden hängend. Den Hals so weit aufgeschlitzt, dass der Kopf wie ein lästiges Anhängsel vom Torso hing.

Die Lippen des Alten bebten, immer wieder flüsterte er den Namen seiner Frau. Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen, sein Blick wurde klar, sein Körper spannte sich an.

»Wissen Sie was? Nehmen Sie mein Leben. Ohne meine Stephania ist es doch nicht mehr lebenswert.«

»Ah«, raunte die Gestalt. »Die Erkenntnis darüber, was das Leben in seinem Kern ausmacht. Am Ende sind es immer die gleichen Dinge, nicht wahr? Nicht der Reichtum, der einem Halt gibt, nicht der Zuspruch von anderen, der einen antreibt. Es ist einzig der Wunsch, nicht allein auf dieser trostlosen Welt zu sein. Und wenn man diesen letzten Anker lichtet, von dem die meisten glauben, sie würden ihn brauchen wie einen Bissen Brot, dann treibt man im Geiste mutterseelenallein auf dem Ozean der Zeit einem Abgrund entgegen.«

Der Alte sah die Gestalt verwundert an.

»Mir deucht, Sie hatten solch tiefsinnige Worte von mir nicht erwartet? Wissen Sie, wenn man, so wie ich, alles verloren hat, jener besagte Anker nicht mehr ist als ein sichtbarer Hauch in einer kalten Wintersnacht, dann beginnt man, die abstrusesten Gedanken zu spinnen. Ich glaube gar von mir behaupten zu können, mehr über das Leben und seine Unbilden nachgedacht zu haben als ein Sokrates, ein Platon oder ein Aristoteles.«

»Das reine Nachdenken macht aus einem noch keinen Philosophen. Nur wer die richtigen Rückschlüsse zu ziehen imstande ist, den ereilt die Erkenntnis.«

Die Gestalt lachte auf. »Da ist er ja wieder, der belehrende Tonfall, der mir so gut in Erinnerung geblieben ist. Das arrogante Hinwegsetzen eines Mannes über andere, der überzeugt war, er stünde über diesen. Und der vermeinte, er verstünde sie auch noch.«

»Ich wollte doch nur helfen, nach bestem Wissen und Gewissen.«

»Nun, mit dem Gewissen ist das so eine Sache, nicht wahr? Georg Büchner schrieb dazu: ›Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quält.‹ Und wenn man etwas mit seinem Gewissen in Einklang zu bringen vermag, so lässt sich auch schnell die Moral ad acta legen.« Die Gestalt lächelte. »Ich jedenfalls kann das, was nun folgt, sehr wohl mit meinem Gewissen vereinbaren. Sehen Sie sich noch einmal gut Ihre Frau an, die so rein gar nichts mit all dem zu schaffen hat. In Wahrheit sind Sie ihr Mörder.«

Die Gestalt nahm den Dorn in die Hand. »Ich muss Sie warnen. Das könnte nun ein wenig unangenehm werden.« Mit diesen Worten bohrte sich der Dorn in das linke Auge des alten Mannes.

VIII

Ohne jede Hast bahnte sich der Schindelwagen seinen Weg Richtung Magdalenengrund. Dieser stellte ehemals eine der kleinsten Vorstädte Wiens dar, die 1850 gemeinsam mit den Vorstädten Mariahilf, Gumpendorf, Laimgrube und Windmühle eingemeindet wurde und seit 1861 die Bezeichnung 6. Bezirk, Mariahilf, trug. Dies allerdings nur offiziell. Ursprünglich hieß das Gebiet mit steiler Hanglage, das zwischen Wienfluss und Kaunitzgasse gepfercht lag, im Volksmund »Im Saugraben an der Wien auf der Gstätten12«. Nun nannten es alle das »Ratzenstadl«. Dieser wenig schmeichelhafte Name ging jedoch nicht auf eine Rattenplage zurück, derer es dort zuhauf und immer wiederkehrend gab, sondern vielmehr auf die Raizen13, die sich an diesem Ort als Erste ansiedelten.

Hieronymus holte ein silbernes Etui mit kunstvoll gravierter Oberfläche aus seiner Weste, entnahm eine Zigarette der Marke Eckstein und rauchte sie sich genussvoll an. Dann blickte er auf den Kutschbock neben sich, wo sein Freund wie ein Häufchen Elend kauerte.

»Ist der Herr jetzt in Stimmung mir zu berichten, was er gestern in Erfahrung bringen konnte, oder muss er noch weiter ausnüchtern?«

Franz rieb sich den roten Schädel. »Der Herr wird es berichten, wenn der andere die infernalische Stimme senkt.«

»Grundgütiger!«, entfuhr es Hieronymus. Franz zuckte unwillkürlich zusammen. »’tschuldigung.«

»Es trug sich folgendermaßen zu«, begann Franz, noch mit leicht trägem Zungenschlag, hielt jedoch gleich wieder inne. Er sprang vom Kutschbock und spie Wasser und Galle ins Gebüsch am Wegesrand.

Hieronymus zog an Roswithas Zügeln und wartete geduldig, bis sein Freund auch den letzten Tropfen Magensäure entleert hatte.

»Auf ein Neues?«, begann Hieronymus mit schiefem Grinsen, als beide wieder auf dem Wagen saßen.

Franz nickte. »Die Burschen in den Werkskantinen vertragen wahre Unmengen. Und dann auch noch so ein gotterbärmlicher Fusel … Allein beim Gedanken daran …«

Hieronymus wollte gerade wieder die Zügel anziehen, da fuhr sein Freund fort. »Grundsätzlich ist bei allen, mit denen ich geredet habe, der Unmut groß. Denn bis ins Neunundsechzigerjahr hinein hatten sie nicht nur Arbeit, sondern konnten auch in werkseigenen Wohnungen leben, mit Weib und Kindern. Dann wandelte Drasche das Unternehmen in die ›Wiener Ziegelfabriks- und Baugesellschaft‹ um, und die leitete fortan ein Konsortium aus Banken. Damit verschlechterte sich die Lage für alle Arbeiter, wie man sich unschwer vorstellen kann. Immer mehr von ihnen wurden auf immer weniger Raum gepfercht und die Entlohnung ist dermaßen bescheiden, dass viele von der Kirchenfürsorge abhängig sind.«

Hieronymus schüttelte verständnislos den Kopf.

»Es geht noch weiter«, sagte Franz. »Die Kerle schuften bis zu fünfzehn Stunden täglich, oft sieben Tage die Woche. Und ihre Kinder ebenso.«

»Schlimm, wirklich. Aber was hat das mit unserem Leoš zu tun?«

»Nichts. Aber als Einstand hab ich mir das Gesuder14 von jedem Arbeiter anhören können, und da ist es nur gerecht, wenn du das auch musst«, meinte Franz mit einem erbarmungswürdigen Grinsen. »Was Anezkas feinen Gemahl betrifft, so schien der auch unter den Arbeitern keinen besonders guten Ruf gehabt zu haben. Streitsüchtig, volltrunken, jähzornig. Das hörte ich durch die Bank. Was ich aber auch gehört habe, ist, dass er einen Tag vor seiner Entlassung das Werksgelände verlassen habe, voll im Öl15 und Arm in Arm mit einem Serben, einem gewissen Jakub. Und der soll im Ratzenstadl leben.«

»Dass wir da nicht wegen der guten Luft hinfahren, hab ich mir schon beinahe gedacht. Dann hoffen wir, dass es dort nur einen Jakub gibt«, entgegnete Hieronymus ironisch und sah besorgt in das fahle Antlitz seines Freundes. »Willst du dich lieber in den Wagen legen, während ich mich umhöre?«

Der winkte ab. »Wer saufen kann, der kann auch –«

Einen Augenblick später stand Franz erneut vornübergebeugt am Wegesrand und spie sich die Seele aus dem Leib.

Den Schindelwagen hatten sie an der Wienstraße stehen gelassen und einem Buben, dessen Vater dort einen Schusterladen betrieb, einige Kreuzer bezahlt, dass der auf Pferd und Gefährt aufpasste.

Nun stapften Hieronymus und Franz die Magdalenenstraße entlang, die von baufälligen Giebelhäusern gesäumt war. Ihre Fassaden drückten sich nach außen, ihre Dächer wölbten sich nach innen. Morsche Fensterläden hingen quietschend im Wind, Bretterverschläge verdeckten, was zu sehen nicht gewünscht wurde. Ein modriger Geruch hing über dem Viertel.

Franz wusch sich den Kopf in einem Brunnen mit eiskaltem Wasser, wirkte mit einem Male erfrischt und agil.

»Ich werde einen auf armen Krüppel machen, der seinen Bruder Leoš sucht, der wiederum bei seinem Arbeitskollegen Jakub wohnen soll«, schlug er vor. »Mit böhmischem Akzent und so.«

»Gute Idee. Sei trotzdem vorsichtig. Die Serben mögen die Ziegelbehm nämlich auch nicht.«

Franz nickte entschlossen, beugte sich nach vorn, sodass sein Buckel noch größer wirkte, als er war, und humpelte in den erstbesten Laden hinein, in dem ein Vergolder werkte.

»G-g-grüß Gott, ich h-h-hab bittschön eine F-frage.«

Dann schloss die Tür hinter ihm.

Unsteten Schrittes ging Hieronymus vor dem Laden auf und ab. Sollte sich Leoš’ Spur hier verlieren, wusste er nicht, wo sie ansetzen sollten. Eine Zeitlang könnten sie wohl Anezka und ihre sechs Kinder mit durchfüttern, aber eine Lösung war das keine, das wussten sie alle. Und da der Kerl entlassen worden war, stand selbst in seinem Todesfall Anezka keine Werkspension oder Ähnliches zu. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, was wäre, wenn sich Franz und Anezka vermählten – immerhin verstanden sich die beiden und teilten zuweilen das Bett miteinander … Trotzdem war der Gedanke daran so befremdlich, dass Hieronymus ihn sogleich verwarf.

Wenig später kam Franz heraus. Der Ausdruck in seinem Gesicht ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er nichts in Erfahrung hatte bringen können.

»Vielleicht beim Nächsten«, versuchte er sich selbst aufzumuntern und betrat das Geschäft eines Gemüsehändlers.

Doch auch hier kannte niemand einen Leoš oder einen Jakub. So klapperten sie einen Laden nach dem anderen ab, befragten sogar die schmutzig aussehenden Kinder, die bettelten oder mit Stöcken und Reifen spielten und in deren Augen sich eine befremdliche Abgeklärtheit spiegelte. Dennoch war den beiden kein Erfolg gegönnt.

»Vielleicht in einem Wirtshaus, oben, in der Kaunitzgasse«, schlug Hieronymus vor und sah die steile Kroatenstiege hinauf, deren abgetretene steinerne Stufen jeden Winkel zu kennen schienen, nur keinen rechten. Franz brummte seine Zustimmung.

Am Ende der Stiege machten die beiden Männer eine Verschnaufpause. Da merkten sie, wie jemand an Franz’ Joppe zupfte – ein blonder Bub, die Mütze schief auf dem Kopf, die Wangen voll Kohlestaub, unter der Nase Rotz.

»Sie suchen den Jakub?«, fragte er mit herausfordernder Stimme.

Franz lächelte. »Das tue ich.«

»Sie stottern ja gar nicht mehr.«

Schau an, dachte sich Hieronymus, so ein Wiffzack16. »Ist bei dem da nur zeitweilig«, sagte er mit einem Zwinkern. »Also, was weißt du über Jakub?«

Der Junge zuckte mit den Schultern, wirkte mit einem Mal gar nicht mehr so selbstbewusst. »Meine Schwester hat mit ihm ein kleines Pantscherl17 gehabt, heuer um die Weihnachtszeit war das. Da war er auch öfters zu Besuch bei uns. Und jedes Mal hat er mir ein Semmerl mitgebracht.«

»Ein Semmerl? Scheint ein netter Kerl zu sein.«

Wieder zuckte der Junge mit den Schultern. »Seit meine Schwester krank geworden ist, hat er sie nicht mehr besucht. Aber es geht ihr schon wieder besser.«

»Das freut mich zu hören«, sagte Franz und hockte sich zu dem Buben. »Du weißt nicht zufällig, wo ich diesen Jakub finden kann?«

»Vor zwei Wochen habe ich ihn gesehen, gemeinsam mit einem anderen Mann. Sie haben abwechselnd aus einer Flasche getrunken, haben gegrölt und gelacht und sind dann zu den Strottern18 runtergestiegen.«

»In die … Kanalisation?«, entfuhr es Hieronymus.

Der Bub deutete Richtung Karlsplatz. »Dort drüben sind sie bei einem der Kioske eingestiegen, wo es nach unten geht.«

Franz und Hieronymus teilten einen vielsagenden Blick. Dann drückte Franz dem Jungen einen Gulden in die schmutzige Hand. »Danke. Kauf davon dir und deiner Schwester was zu essen.«

Der Junge grinste schelmisch, dann lief er davon.

»Glaubst du, er hat die Wahrheit gesagt?«

Hieronymus zuckte mit den Schultern. »Wer weiß. Aber zwei Männer, die sich gemeinsam einen ansaufen … Das klingt sehr wohl nach Leoš.«

Franz pflichtete ihm bei. »Im Ratzenstadl ist er nicht, dafür bei den Strottern? Klingt, als käme er vom Regen in die Traufe. Ich bringe es aber auch nicht übers Herz, Anezka anzulügen, wir hätten keinen Erfolg gehabt.«

»Die Kanalisation unter Wien ist wie eine Stadt in der Stadt. Und die Strotter halten zusammen wie Pech und Schwefel, zumindest heißt es das. Es wird verdammt schwierig, auch nur irgendwen dort zu finden, zumal alle, die da unten leben, nicht gefunden werden wollen.«

»Ich gehe.« Franz strich sich die spärlichen grauen Haare am Kopf glatt, als würde er sich für einen gewichtigen Besuch zurechtmachen. »Wegen meinem Buckel brauch ich mich zumindest nicht zu bücken.«

»Das wird keine leichte Aufgabe, mein Freund. Und niemand hier oben wird dir helfen können, solltest du auf Schwierigkeiten stoßen.«

»Du meinst, ich kann dir nicht zu Hilfe eilen, wenn du wieder einmal in Schwierigkeiten steckst?«

»Ja.« Hieronymus grinste. »Oder so herum.«

»Was wirst du machen?«

»Ich werde mein Glück erneut am Schlickplatz versuchen und nach Karolína Ausschau halten. Wie schon so oft zuvor.«

»Tu das. Aber lass uns erst noch bei dem Wirtshaus da drüben die Wampe vollschlagen. Danach steig ich hinunter. Einverstanden?«

»Einverstanden«, meinte Hieronymus und sie machten sich auf den Weg. »Vielleicht zum Abschluss noch ein bekömmliches Schnapserl?«

Die rot unterlaufenen Augen und der strafende Blick des anderen waren Antwort genug.

12 Alter Ausdruck für »Baulücke«.

13 Eine bis ins 19. Jahrhundert gängige Bezeichnung für die serbische

Bevölkerung in der Habsburgermonarchie.

14 Wienerisch: Gejammer.

15 Wienerisch: »voll im Öl« = volltrunken.

16 Wienerisch: schlauer Mensch.

17 Wienerisch: Liebelei.

18 Menschen, die in Abfällen nach Verwertbarem umherstöbern.

IX

Hieronymus lehnte an der Ecke eines Hauses und beobachtete ruhig das Getümmel, das ihn umgab. Der Schlickplatz war voll geschäftiger Menschen, die von hier zum Franz-Josefs-Bahnhof eilten oder in die andere Richtung, zum Schottenring, und sich den Platz mit Fuhrwerken und Karren teilten. Alles überragend war die Fassade der Roßauer Kaserne, ein festungsähnlicher Bau aus roten Ziegeln, der erst sechs Jahre zuvor fertiggestellt worden war. Die beiden Türme, die acht Stockwerke in den Himmel ragten und mit Zinnen bekrönt waren, ließen keinen Zweifel aufkommen, dass dies ein Bollwerk gegen jegliche Art von Feinden der Monarchie darstellte.

Doch wie an so vielen Tagen zuvor konnte Hieronymus auch heute nicht erspähen, was er dereinst zu erspähen geglaubt hatte – das liebliche Antlitz seiner Karolína. Jener großen Liebe, die er seit neun Jahren tot geglaubt hatte, und bei der er sich doch seit ihrem, wenn auch nur kurz erhaschten, Anblick sicher war, dass sie lebte.

Auch hatte er in den letzten Wochen versucht, ihren Bruder František Skorkovský aufzuspüren, dessen zufällige Bekanntschaft er auf der Soirée Ludwig Oppenheims gemacht hatte. Doch auch dieses Unterfangen hatte sich als erfolglos erwiesen. So konnte er nur hier stehen und hoffen.

»Ganz allein, mein Hübscher?«, umgarnte ihn eine weibliche Stimme.

Hieronymus spürte, wie eine Hand die seine sanft berührte. Gleich darauf sah er sich einer Frau gegenüber, die sein Alter haben musste, wenngleich er hoffte, nicht ein derart verlebtes Bild abzugeben. Ihre Schminke hatte sie viel zu stark aufgetragen, eine leicht verzweifelte Nuance umspielte ihr gekünsteltes Lächeln.

»Nein danke«, winkte Hieronymus ab.

Der Gemütszustand der Hübschlerin änderte sich schlagartig. »Du hast doch keinen Schimmer, was dir entgeht, du grober Lackel19.«

»Und ich will es auch nicht wissen.«

»Na, ich sag dir jetzt was: Du gibst mir zwei Gulden oder ich schrei hier vor allen Leuten, dass du mich begrapscht hast.«

Hieronymus spürte, wie der Zorn in ihm aufstieg, gepaart mit dem Verlangen, die dreiste Nymphe mit mehr als nur Worten zurechtzuweisen. Doch er beherrschte sich. Zu unvorhersehbar wären die Folgen einer solchen Auseinandersetzung.

»Hör gut zu«, sprach er so leise, dass sich die Frau zu ihm beugen musste. »Da drüben ist die k.k. Polizei-Direction, und ihr Präsident, Wilhelm Marx, ist ein Bekannter von mir. Wennst also meinst, du musst hier ein Bahöl machen, dann tu das. Gerne werde ich der Sicherheitswache erklären, wer hier wen abgetatschkerlt20 hat. Und jetzt schleich dich.«

Die Hübschlerin schien einen Augenblick abzuwägen, ob der andere es ernst meinte. Dann spuckte sie zu Boden und verschwand in der Menge der Passanten.

Während Hieronymus ihr noch nachblickte, wälzte er die Überlegung, warum er nicht tatsächlich beim Präsidenten der Polizei vorstellig werden sollte, um diesen zu bitten, ihm bei der Suche nach Karolínas Bruder behilflich zu sein. Immerhin könnte er ihm Einsicht in die Register der melderechtlichen Erfassung gewähren. Nicht, dass ihm dieser nach dem Vorfall im Prater noch etwas schuldig wäre, aber ein Versuch konnte wohl nicht schaden …

Franz fluchte leise. Die eiserne Tür am Kiosk, einem achteckigen mannshohen Turm mit schrägem Dach, war abgesperrt. Auch wenn ihn kaum einer der Passanten, die am Karlsplatz unterwegs waren, beachtete, so wusste er, dass er die Tür nicht einfach mit roher Gewalt aufreißen konnte. Mit der rechten Hand kramte er in der Tasche seines Mantels, bis er gefunden hatte, wonach er suchte – einen Dietrich.

Er setzte den Sperrhaken ins Schloss, drückte, zog und drehte nach Gefühl, bis das Schloss mit einem Klacken aufsprang.

»He, du da!«, ertönte plötzlich die Stimme eines Mannes. Franz fuhr herum, erblickte aber anstelle eines Wachmannes ein junges, teuer gekleidetes Pärchen. »Der Präuscher hat telegrafiert. Er will seinen Buckel zurück!«

Die Frau lachte spitz auf, der Mann grinste feist.

Franz winkte den beiden mit einem Lächeln zu, während er ihm Syphilis und ihr Torheit wünschte. Er blickte noch einmal schnell prüfend um sich, ob er nicht doch beobachtet wurde, und verschwand dann in dem Kiosk.

Die Finsternis, die Franz umgab, war beinahe stofflich. Nur langsam gewöhnten sich seine Augen an das spärliche Licht, das durch die Eisengitter fiel, die den Kiosk mit seinem Dach verbanden. Er erkannte, dass sich zu seinen Füßen eine Wendeltreppe in die rabenschwarze Tiefe schraubte, die noch undurchdringlicher zu sein schien. Franz rümpfte die Nase. Doch er wusste, dass die Luft von nun an nur noch muffiger werden würde, also sollte er sich besser daran gewöhnen.

Vorsichtig machte er den ersten Schritt in die Tiefe, dem ein metallisches Knarren folgte, das sich hallend im Abgrund verlor. Nach einem lang gezogenen Seufzen begann er seinen Abstieg.

Fünfzig Stufen hatte er bereits zurückgelegt, fünfzig weitere, so schätzte er, würden noch folgen. Der enge Schacht glich einem Rauchfang, an dessen Wänden Schmutz und Staub in Fetzen herabhingen, die sich bei der leisesten Bewegung zersetzten und Schneeflocken gleich in die Tiefe rieselten.

Ein letzter Schritt und Franz hatte die Sohle erreicht. Ein eigentümliches Säuseln empfing ihn, als wollte der Wind ihn warnen, aber darauf gab er nichts. Franz marschierte einen kurzen Stollen entlang, an dessen Ende ihm ein sturmgleicher Luftzug entgegenblies, dann betrat er ein monumentales, unterirdisches Bauwerk. So hoch in seiner Wölbung und so breit in seinem Ausmaß, dass man gut und gerne ein Haus hineinbauen konnte, weitete sich der Kanal, in dessen Mitte das schmale Rinnsal der Wien floss. Ein Narr, der den Fluss unterschätzte, dachte Franz, denn die teils meterhohen Mauern zu beiden Seiten waren nur dafür errichtet worden, dem Rinnsal Einhalt zu gebieten, wenn es anschwoll.

Überall an den Wänden sickerte Wasser nach unten, die Luft roch modrig feucht und gleichzeitig süßlich nach Dung.

Das fahle Licht gab nur gelegentliche Anhaltspunkte preis – Seitenstollen, die wegführten und wesentlich enger waren als der Hauptfluss, manche maßen gar nur einen Meter im Querschnitt. Da auch das Rauschen und Tropfen des Wassers keine Orientierung zuließ, beschloss Franz, einfach eine Richtung einzuschlagen und dieser dann zu folgen.

»Ich werd Ihr Anliegen selbstverfreilich an unseren Präsidenten weiterleiten lassen«, meinte der aufgedunsene Mann im dunkelgrünen Waffenrock der Sicherheitswache am Eingang zur Polizei-Direction, nicht ohne durchklingen zu lassen, für wie lästig er das Gesuch erachtete. »Kommen S’ morgen wieder, dann kann ich Ihnen sagen, ob er Sie ebenso dringlich sehen will wie Sie ihn.«

Hieronymus seufzte frustriert. Aber mehr konnte er im Augenblick nicht ausrichten. »Holstein«, wiederholte er seinen Namen. »Hieronymus Holstein.«

Die Wache tippte sich auf den Kopf. »Ist notiert. Wiederschaun.«

Der Bittsteller ließ das imposante vierstöckige Gebäude hinter sich. Die Hübschlerin hatte ihn nämlich nicht nur auf die Idee gebracht, hierherzukommen, sondern auch noch jemand anders aufzusuchen. So machte er sich auf den Weg in die Singer-Straße, wo er bei seiner Suche an einen anderen Punkt anzuknüpfen hoffte.

Nach einer Weile, in der sich seine Augen weiter an das wenige Licht, das einfiel, gewöhnt hatten, erspähte Franz endlich eine andere menschliche Seele. Der Strotter hatte neben sich einen Korb aus Weidengeflecht stehen und in der Hand einen hölzernen Stab, an dem er ein kleines metallenes Sieb befestigt hatte. Damit fischte er im Rinnsal der Wien nach allem, was diese mit sich führte.

»Grüß Gott«, sprach Franz schon von Weitem, um nicht den Anschein zu erwecken, er wollte sich anschleichen.

Der Mann war von hagerer Statur, eine Nase dominierte sein Gesicht, die im Verhältnis zum Rest viel zu groß erschien. Es kleidete ihn ein vielfach geflickter Gehrock, dessen Schöße speckig und abgegriffen wirkten, und eine fettige Krawatte, die lose um den dürren Hals hing. Seine großen braunen Augen, die ihm aus dem Gesicht hervortraten, waren mit einem leichten Schleier überzogen.

»D’Ehre«, grüßte er zurück.

»Bin der bucklige Franz.«

»Camillo Cavalieri. Aber hier unten nennen mich alle Don Cavallo, wohl wegen meines edel lang gezogenen Gesichts.«

»Schmeichelhaft«, entgegnete Franz. »Dann werde ich wohl Gobba heißen.«

»Ah, parli italiano?«

»Solo un pocco«, untertrieb Franz und blickte auf den Kescher. »Wonach fischst du?«

»Was glaubst du denn? Als Banerstrotter natürlich nach Gebeinen und was mir sonst so ins Netz geht.«

Franz wischte sich die Schweißperlen vom kahlen Haupt, die sich jedoch ob der Luftfeuchtigkeit beinahe augenblicklich wieder erneuerten. »Knochen für die Seifensiedereien?«

»Sternkreuzdiwidomini!«, brüllte Camillo mit einem Male und ohne ersichtlichen Grund. Dann fuhr er in gemäßigtem Tonfall fort: »Nicht ganz zwei Kreuzer bezahlen sie für das Kilo. Allerdings musst du die Gebeine vorher noch trocknen.«

Franz machte erst gar nicht den Versuch zu errechnen, wie viele Kilo er am Tag zusammensammeln und nach Atzgersdorf schleppen müsste, um davon leben zu können.

»Der Kreislauf des Lebens, eben«, fuhr Camillo in beinahe dozierendem Tonfall fort und holte tief Luft. »Der Bürger frisst das Tier, wirft dessen Knochen unachtsam fort, damit einer wie ich sie aufsammeln darf und ein Fabrikant sich damit eine goldene Nase verdient, indem er Seife herstellt, mit der sich besagter Bürger die vom Essen fettigen Hände waschen kann. Der Herrgott hat eben für alles gesorgt! Leben und sterben lassen.«

Franz verkniff sich eine Entgegnung, denn er verstand die Verbitterung des Mannes.

»Aber verstehe mich nicht falsch«, wiegelte Camillo sogleich ab. »Ich bin keineswegs unzufrieden, im Gegenteil. Schau dich doch um. Niemand, der mich anherrscht, niemand, der mir Schmähungen entgegenschleudert. Ich bin mein eigener Herr und Meister und –« Ein Hustenanfall unterbrach seine Ausführungen.

»Sei versichert, ich bin nicht hier, um dir deinen Platz streitig zu machen. Ich bin auf der Suche nach jemandem.«

»Auf der Suche?«, wiederholte Camillo, nachdem er sich gefangen hatte. »Ich fürchte, da bist du bei uns Strottern falsch. Hier unten will keiner gesucht, geschweige denn gefunden werden.«

»Kein Haar will ich demjenigen krümmen, nach dem ich suche. Oder besser gesagt: nach dem sein Weib mich suchen lässt.«

Camillo lachte auf, dass es nur so hallte. »Ich kann mir wahrlich angenehmere Verstecke vor einem Weib vorstellen als hier unten. Im Schoß einer anderen, als Beispiel. Aber jeder, wie er will.«

»Leoš Svoboda heißt der, den ich suche.«

Der andere schüttelte den Kopf. Er überlegte, dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben. »Also gut, wie heißt es so trefflich? In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.«

»Ich glaube zu wissen, dass es heißt: In der Not schmeckt jedes Brot.«

»Papperlapapp«, insistierte Camillo. »Was ich damit sagen will, ist, ich werde dir helfen. Du kannst mit mir mitkommen, womöglich kennt ja der eine oder andere den, den du suchst.«

Der Strotter hob die Bütte, die er handhoch mit Tierknochen, an denen aufgeweichtes Papier und Fettklumpen hingen, gefüllt hatte, und wies mit dem Kescher den Weg in Richtung eines engen Rohres.

»Hier entlang, buckliger Franz. Und lass Vorsicht walten. Selbst einer wie du muss hier unten zuweilen den Kopf einziehen.«

Franz nickte dankend und folgte dem Strotter in die Dunkelheit der Unterwelt.

Zwei Uhr Nachmittag.

Hieronymus steckte die Taschenuhr zurück in seine Weste. Eigentlich sollte dies die geeignete Zeit sein, dass die Frau sich bereits von den Strapazen der vorangegangenen Nacht erholt hatte, aber noch nicht zu neuem Schaffen aufgebrochen war. Er griff den ehernen Ring, der im Maul eines Löwen hing, und pochte damit dreimal gegen die Tür.

Nichts.

Er wiederholte das Signal. Nun hörte er, wie ein kleines Kind auf der anderen Seite der Tür zu weinen begann.

Schritte eilten herbei.

Die Tür wurde entriegelt … und geöffnet.

Die Frau, die durch den Türspalt lugte, runzelte ungläubig die Stirn. »Hieronymus Holstein?«

»Elsbeth Fränkel«, entgegnete dieser mit einem Lächeln ob der gegenseitigen Bekanntgabe ihrer Namen.

Die blond gelockten Haare völlig zerzaust und nur in ein einfaches helles Leinenkleid gehüllt, öffnete die Frau die große Flügeltür gerade weit genug, damit er eintreten konnte. Dennoch stellte sie sich mitten in den Weg.

»Was in aller Welt wollen S’ von mir?«

»Ich freue mich auch, Sie zu sehen. Darf ich?«

Elsbeth prüfte mit schnellem Blick, ob sich außer Hieronymus noch andere Personen im Flur befanden. Dann winkte sie ihn unwillig herein.

»Das Peterchen haben S’ auch aufgeweckt«, zischte sie und eilte zu dem Kleinkind, das in eine wollene Decke gewickelt auf einem Sessel lag. Liebevoll nahm sie es in den Arm und wiegte es.

Hieronymus schloss die Tür. »Ich wollte Ihnen kein Ungemach verursachen, Frau Fränkel«, sagte er und meinte es auch so.

»Das wollten S’ das letzte Mal auch nicht, und schauen S’ mich an. Der Wilhelm hat sich seither nicht mehr blicken lassen. Oppenheim hat sich in seiner Zelle erhängt, der wird also in naher Zukunft auch keine Gesellschaften mehr veranstalten. Frau Barbara musste ich auf zwei Tage die Woche beschränken, an denen ich schauen muss, wie ich das Geld für die restliche Woche aufstelle. Erzählen S’ mir also bitte nichts von dem, was Sie wollen, wenn sich doch alles zum Argen wandelt.«

Kraftlos setzte sie sich auf den Sessel, wischte sich trotzig die Tränen aus den Augen. Sie wirkte übermüdet, die üppigen Lippen rau, die unzähligen Sommersprossen auf Gesicht und Hals stumpf.

Hieronymus seufzte. Natürlich tat ihm die Frau leid, war er es doch gewesen, der sie erpresst hatte. Der sie erpressen musste, um seine eigene Haut zu retten. Dass sie dabei Schaden nehmen würde, hatte er zwar vermutet, aber hintangestellt.

»Umso anmaßender klingt dann wohl der Grund meines Besuchs«, sagte er und setzte sich ihr gegenüber.

»Ich vermute, Sie brauchen etwas von mir?«

»So ist es, Frau Fränkel.«

»Werde ich danach noch tiefer fallen? Mich gar am Graben oder am Spittelberg feilbieten müssen?«

Hieronymus konnte ein Schmunzeln ob der Offenheit der Frau nicht zurückhalten. »Das müssen Sie mit Sicherheit nicht, mein Wort darauf.«

Elsbeth schnaubte verächtlich.

»Gerne werde ich Ihnen berichten, wie es dazu kam, dass es mich nach Wien verschlagen hat. Das Ausmaß meines Schmerzes, meiner Pein, die mich seit neun Jahren malträtiert.« Er hielt seine rechte Hand in die Höhe, an der der kleine Finger fehlte. »Und ich spreche nicht hiervon. Aber ich vermute, dass Sie das im Augenblick nicht wirklich interessiert.«

»Da haben S’ recht, tut es nicht«, sagte sie knapp und hart. Dann wurde ihre Stimme sanft. »Und doch freue ich mich, dass Sie es geschafft haben, Ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Auch wenn dies gewissermaßen mein Verdienst war.«

»Da haben Sie recht, das war es.«

Elsbeth seufzte schwer. »Dann rücken S’ schon heraus damit. Was brauchen S’ diesmal?«

»An jenem Abend bei Oppenheims Soirée«, begann Hieronymus, »da tummelte sich eine illustre Schar an Gästen im Palais Rasumofsky.«

»Alles Herren der besseren Gesellschaft, die meinen –«, Elsbeth legte beide Hände auf die Ohren des nun schlafenden Kindes, »dass ihre Libido so groß und ihre Schwänze so hart sind wie ihre Bankkonten prall gefüllt. Was natürlich reines Wunschdenken ist.«

Hieronymus und Elsbeth teilten ein Lächeln.

»Sie verstehen es wahrlich, einem Mann den Kopf zu verdrehen«, meinte er und wurde wieder ernst. »Einer der Gäste war ein Böhme namens František Skorkovský. Er hat etwa mein Alter, rötliche Haare, groß gewachsen. Ein zackiger Mann, spricht mit kaum hörbarem Akzent.«

Elsbeths Blick wanderte im Raum umher, immer wieder verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. »František … František Skorkovský.« Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Der Name ist mir nicht geläufig. Ich kann mich nicht einmal an einen Herrn mit rötlichen Haaren erinnern.« Als sie Hieronymus’ Enttäuschung sah, fügte sie hinzu: »Aber seien Sie versichert, dass es mir aufrichtig leidtut.«

»Schon gut, es war einen Versuch wert«, meinte dieser mit gedämpfter Stimme. »Wie geht es dem kleinen Peterchen?«

Elsbeth hob die Decke vom Gesicht des Buben in ihren Armen. »Schauen S’ selbst. Er wächst so schnell, dass ich ihm dabei zuschauen könnt. Und jeden Tag schaut er seinem Vater ähnlicher, finden S’ nicht?«

Hieronymus schmunzelte ob der Anspielung auf Wilhelm Marx, Präsident der Wiener Polizei, einem glücklich verheirateten Mann mit einem außerehelichen Kind. Er selbst jedoch hatte, wie versprochen, dieses Geheimnis bewahrt, war es doch weder die Ausnahme noch eine Seltenheit. Beinahe jeder Dorfpfaffe könnte davon ein Liedchen singen, das wusste er.

»Ja, ganz der Herr Papa«, stimmte er der Mutter zu. »Apropos, ich werde wohl morgen bei besagtem Papa bezüglich meiner Suche nach diesem František vorstellig. Ich vermeine, es könnte nicht schaden, ihn darauf hinzuweisen, dass er sich ein wenig mehr um seinen Sohn bemühen sollte. Wenn schon nicht persönlich, so zumindest pekuniär?«

Elsbeth lächelte gütig, so wie Hieronymus sie zum ersten Mal getroffen hatte, damals im Café Central. »Das wäre eine schöne Geste von Ihnen.« Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, besann sich dann jedoch anders und schwieg.

Hieronymus stand auf. »Dann auf bald, Frau Fränkel.«

Sie begleitete ihn zur Wohnungstür. »Ja, auf bald.« Dann gab sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Und danke.«

Nachdem Franz und Camillo über drei Griasler, wie man Obdachlose hier nannte, geklettert waren, die eng aneinandergekauert auf einem groben Steinhaufen schliefen, waren sie in einen Stollen gekrochen, gerade groß genug, dass man die fünfzig Meter Länge auf allen vieren überwinden konnte.

Camillo hielt vor sich eine kleine Öllampe, die bei jeder Bewegung einen Schwall an Ruß ausstieß, wie eine Dampflokomotive, die anfuhr.

Daraufhin gelangten sie in einen Raum, aus Ziegeln gemauert, in dem zwar die Luft feuchtschwül drückte, der aber ansonsten einen reinlichen Eindruck machte.

»Ist die Küche«, erklärte Camillo, mit einem Stolz in der Stimme, als würde er durch Wiens Sehenswürdigkeiten führen. »Hier drin haben die Arbeiter, die den Kanal einst erbauten, ihre Mahlzeiten gekocht. Ist ein begehrter Schlafplatz, aber auch eine wahre Todesfalle. Denn bei Überschwemmung sammelt sich das Wasser hier drin bis zur Decke, bevor es in die Wien abfließen kann.«

Im angrenzenden Stollen, der nur marginal breiter war, mussten Franz und Camillo einen Schlafenden überklettern, der so tief schlummerte, als wäre er bereits tot.

Ein weiterer Raum, nur halb so hoch wie ein Mann, verschaffte den gebeugten Rücken der beiden Männer ein wenig Erholung, bevor es einen Schlauch zu durchklettern hieß. Einhundert Meter lang, leicht aufsteigend und nur passierbar, indem man auf dem Bauch vorwärtsrobbte.

Drei Pausen später, völlig außer Atem und in Schweiß gebadet hatte Franz Camillo schließlich eingeholt, der sich bereits den Rücken im nächsten Raum durchstreckte. »Der Schlauch geht uns allen am Arsch«, kommentierte er den Weg. »Aber was willst machen? Die Bauherren haben sicherlich nicht ins Kalkül mit einbezogen, dass hier einmal Menschen hindurch sollten.«

Franz war, als wäre er erneut von einem Fuhrwerk überrollt worden. Schulterblätter, Ellbogen und Hüfte schmerzten kolossal. Und der Schädel brummte ihm, als hätte er die Nacht durchgetschechert, was zwar stimmte, seinen Zustand schrieb er aber dennoch der schlechten Luft zu.

»Ab nun wird es einigermaßen erträglich, zumindest, was die Höhe betrifft«, sagte Camillo und deutete auf eine türähnliche Öffnung in der gegenüberliegenden Mauer. Diese war mit dem Ort, an dem sie standen, nur durch ein schmales Brett verbunden, unter dem es mehrere Meter in die Tiefe ging.

»Jetzt stehen wir genau unter dem Schwarzenbergplatz. Und dort drüben liegt die Zwingburg. Wer länger hier unten haust, erschläft sich irgendwann das Recht auf einen Platz da drin. Ist sicher hier. Denn wenn man das Brett wegzieht, dann können einem nicht einmal die Kieberer auf den Pelz rücken.«

Camillo überquerte das schwankende Brett wieselflink, Franz mit der Bedächtigkeit eines Ochsen, der über eine Stange balanciert.

Hinter einem alten Kotzen, der als Vorhang diente, öffnete sich ein weitläufiger Raum, der voller Menschen war, hauptsächlich Männer jeden Alters. Sie schliefen dicht aneinandergedrängt, damit die Wärme der Leiber nicht unnötig in die Luft entwich, saßen rauchend zusammen oder starrten stumm auf das Gewölbe über ihnen, oftmals eine Flasche in der Hand.

Wellen furchtbarer Ausdünstungen schlugen Franz ins Gesicht, vermischt mit dem Geruch von Rauch und Moder. Er musste sich beherrschen, sich nicht zu übergeben, machte nur kleine Atemzüge, wie ein Fisch, der an Land gestrandet lag.

Mehrere Röhren führten von hier wieder weg, und in kleinen Mauernischen, über die mit Kreide verschiedene Initialen geschrieben standen, horteten die Strotter ihre Beute.

Diebstahl musste man hier wohl nicht fürchten, dachte sich Franz ein wenig überrascht.

»Was für einen Krüppel zahst denn da an, Don Cavallo?« Ein alter Mann mit eingefallenem, ledrigem Gesicht und kehliger Stimme, der auf einer zerschlissenen Filzdecke hockte, blickte zu den beiden Männern auf.

»Reg dich ab, Gurginger«, entgegnete Camillo, »der bleibt eh nicht lang bei uns.«

Franz griff in eine Manteltasche und holte eine der Zigaretten hervor, von denen er wohlweislich im Vorfeld einige erstanden hatte. »Bin der bucklige Franz. Willst eine Tschick21?«

Die stumpfen Augen des Alten blitzten für einen Moment auf, mit überraschend flinkem Griff schnappte er sich die Rauchware. »Ach was, du bist schon recht. Bin ein alter Stänkerer, war nicht so gemeint.«

Franz nickte ihm zu, sah dann ernst Camillo an. »Wen soll ich hier unten fragen?«

Der tätschelte ihm mit seiner vor Schmutz starrenden Hand die Schulter.

»Sternkreuzdiwidomini! Hör zu, mein Freund, so schnell geht das hier bei uns Schrobs nicht. Gut Ding braucht Eile mit Weile. Komm, wir setzen uns zu meinem Lager und du erzählst mir ein wenig von der Oberwelt und wie sie so geworden ist, seit ich sie verstoßen habe. Und wennst noch die eine oder andere Tschick hast, dann kann’s auch nicht schaden.«

19 Großer, ungeschlachter Mann.

20 Begrapscht.

21 Wienerisch: Zigarette.

X

Der Mann der Sicherheitswache mit dem aufgedunsenen Gesicht starrte Hieronymus an, als hätte er ihn noch nie im Leben gesehen. Doch dann schien er sich zu erinnern.

»Ah, weiß schon wieder. Alsdann, Herr Holstein, der Herr Präsident wird Sie empfangen.«

Hieronymus war gerade im Begriff, die Polizei-Direction zu betreten, als die Wache ihm den Weg versperrte. »Immer schön langsam. Warten S’, bis man Sie hier abholt und dann raufbringt, Herr Holstein.«

»Herzlich gerne«, log dieser.

»Der Herr Geisterfotograf. Er hat schon wieder verlangt, mich zu sprechen?«, fragte der Polizeipräsident in Anspielung an ihr erstes Treffen und konnte sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen.

»Hat er«, antwortete Hieronymus, der in einem dunkel getäfelten Raum stand, in dessen Mitte ein Schreibtisch thronte, und in dessen Schränken sich unzählige Akten stapelten. »Zumindest das Umfeld ist ein angenehmeres als bei unserem Kennenlernen.«

Wilhelm Marx überlegte kurz. »Ich gestehe, die Stube zur Befragung kann furchteinflößend sein. Soll sie ja auch. Setze er sich hin.«

Der Angesprochene tat, wie ihm geheißen.

»Erzähl er, wie ist es ihm nach unserem letzten Treffen ergangen?«

»Gut genug, dass ich darüber zu klagen weiß«, antwortete Hieronymus, der keine Lust auf ein Plauscherl22 hatte. »Der Grund meines Kommens ist –«

»Er will etwas von mir.« Marx schob die Brauen zusammen und strich sich über den Backenbart.

»Ganz recht. Ich bin auf der Suche nach jemandem, einem Mann, gebürtig aus Prag.«

»Wenn er einen Behm sucht, sollte er sein Glück am Wienerberg versuchen.«

Hieronymus wiegelte ab. »Einen Behm der feineren Gesellschaft werde ich dort wohl kaum antreffen. Sein Name ist František Skorkovský. Ich weiß zwar nicht, ob er in Wien gemeldet ist, aber einen Versuch ist es allemal wert.«

»Und was will er von ihm, wenn er ihn gefunden hat, diesen Behm?«

»Ich will ihm nur ein paar Fragen stellen.«

Marx’ Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

»Ich schwör’s«, bekräftigte Hieronymus, ohne die Stimme zu erheben. »Was würde es auch für einen Sinn ergeben, mich beim Präsidenten der Wiener Polizei nach einem Mann zu erkundigen, wenn ich ihm Leid zufügen will?«

Der Präsident schien sich wieder ein wenig zu entspannen. »Da hat er zwar recht, aber die Leute heutzutage begehen Taten, da greift man sich nur noch aufs Hirn. Jedem Gefühl gleich nachgebend, nicht auch nur den Funken Verstand. Trotzdem muss ich ihn enttäuschen. Zivilpersonen können wir eine solche Auskunft nicht erteilen.«

»Sie meinen, nach allem, was geschehen ist, können Sie mir nicht helfen?«

»Vorschriften sind nun mal dafür da, um eingehalten zu werden.«

»Wo kämen wir auch hin, wenn wir uns gegenseitig helfen würden?«, knurrte Hieronymus verärgert ob des Bürokraten.

Die Tür zum Raum wurde aufgerissen, ein Mann der Sicherheitswache stürmte mit hochrotem Kopf herein. »Wir haben wieder einen gefunden!«, keuchte er. Als er den überraschten Blick des Präsidenten bemerkte, nahm er Haltung an. »Entschuldigen S’ bitte vielmals, aber –«

»Man hat wieder einen gefunden. Ich kann ihm folgen«, sprach Marx gefährlich ruhig.

»Nur diesmal ist es kein Arbeiter oder Tagelöhner. Diesmal –« Der Wachmann brach ab und hustete, als wollte sich seine Lunge nach außen stülpen.

Marx sprang auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Genug! Komm er zu Atem und erstatte er Meldung, wie es sich geziemt, oder er wird ab morgen Nachtwache bei den Latrinen schieben!«

Hieronymus empfand einen Hauch von Mitleid mit dem jungen Mann, ließ sich aber nichts anmerken.

Dieser nahm nun, so gut er konnte, Haltung an, atmete zweimal tief ein und aus und salutierte zackig.

»Herr Präsident. Wir haben erneut eine grausam zugerichtete Leiche gefunden. Den Merkmalen der Tat nach zu urteilen artverwandt mit den Untaten an dem Jaritz und dem Pacheleb. Der Verschiedene ist der honorige Dr. Eugen Bonifaz Gasser.«

Marx sah den Boten nun etwas milder an. »Warum sagt er das nicht gleich?« Der Präsident strich sich den Bart zurecht. »Lass er alles vorbereiten, ich bin in zehn Minuten vor dem Haupttor.«

Die Wache deutete eine Verbeugung an und eilte mit einem dünnen »Sehr wohl« aus dem Raum.

»Gasser … Gasser«, murmelte Marx zu sich selbst. »Mir deucht, ich bin dem Mann dereinst begegnet.« Er sah Hieronymus finster in die Augen. »Ein roher Geselle, vom Auftreten her mehr Fleischhacker denn Dokteur.«

»Zumindest klingt das nach jener Art von Fall, über die Sie sich gerade echauffiert haben. Ohne Hirn, nur einem Gefühl nachgehend.«

»Gut möglich«, murmelte Marx und maß sein Gegenüber vom Scheitel bis zur Sohle. »Verdingt er sich noch immer mit diesen zweifelhaften Fotografien?«

»Damit verdingt er sich.«

»Dann hole er die notwendigen Apparaturen und komme zur Adresse der Gräueltat. Womöglich kann er von Nutzen sein.«

Hieronymus überlegte, wenn auch nur für einen Atemzug.

»Er will doch noch Einblick ins melderechtliche Register, oder etwa nicht?«

»Will er.«

»Die Adresse soll ihm beim Hinausgehen mein Sekretär geben.«

Hieronymus stand auf. »Ich bin in einer Stunde dort.«

Die Wohnung im zweiten Stock in der Esslinggasse war großzügig angelegt, mit zwei Wohnsalons, einer Küchennische, einem kleineren Arbeitsraum und einem Schlafsalon. Die Luft in allen Räumen war stickig und trüb, als hätte man gerade einen Teppich ausgeklopft. Das Schwirren von Fliegen war allgegenwärtig, es roch nach Ausscheidung und Fäulnis. Es roch nach Tod.

Mit zwei schweren Koffern in den Händen betrat Hieronymus die Räumlichkeiten, die von vier Mann der Sicherheitswache gegen neugierige Nachbarn und noch neugierigere Schreiberlinge der Gazetten abgeschirmt war. Er brauchte einige Atemzüge, bis er sich an die strengen Gerüche gewöhnt hatte, setzte dann seinen Weg dorthin fort, wo Wilhelm Marx sowie zwei weitere Männer zusammenstanden und sich besprachen. Einer von ihnen trug die Uniform der Sicherheitswache, der andere einen eleganten Frack.

»Hieronymus Holstein zur Stelle«, meldete er lautstark und mit mehr Schwung in der Stimme, als er eigentlich wollte.

Marx schenkte ihm nur einen schnellen Blick. »Bau er seine Sachen dort auf, von wo er am besten das gesamte Geschehen überblicken und ablichten kann. Ich habe die spezielle Order herausgegeben, dass hier nichts verändert werden darf, bevor er nicht alles eingefangen hat. Verstanden?«

Hieronymus nickte und betrat den zweiten Raum. An den Wänden hingen die gebleichten Schädel geschossener Trophäen, von Hirschen und Bären, wie auch von großen Raubkatzen, die der offenbar passionierte Jäger in Afrika geschossen haben musste. Am Boden, mit dem Rücken zum Türstock, lehnte der leblose Körper einer älteren Frau. Sie saß inmitten ihres eigenen Blutes, das vom Halse abwärts geronnen war und unter ihr am Teppich einen großen dunklen Fleck bildete. Ihr Kopf wirkte zum Körper wie der Deckel einer Dose, den man geöffnet und zur Seite geklappt hatte. An der klaffenden Wunde und ihren leblosen Augen labte sich bereits das Ungeziefer.

Keine vier Fuß entfernt lag ein Stuhl am Boden, an den ein alter Mann gefesselt war. Jeden Einzelnen seiner Finger hatte der Mörder am Gelenk abgezwickt, die einzelnen Glieder wirkten willkürlich um ihn herum verstreut. Den Mund hatte der Tote weit aufgerissen, die Augen bildeten nur mehr dunkelrote Höhlen im blutbefleckten Schädel, gleich zweier Frühstückseier, die man mit einem Löffel sorgfältig ausgeschabt hatte. Die Dielen des Bretterbodens waren dunkelrot verfärbt.

Beim Anblick der beiden geschändeten Körper lief Hieronymus ein Schauer über den Rücken. Der Täter hatte hier ganz offensichtlich nicht wahllos gewütet, er hatte seine Tat zelebriert.

Hieronymus öffnete seine Koffer, baute ein schweres Dreibeinstativ auf und befestigte darauf die Plattenkamera. Zu guter Letzt setzte er eine Gelatine-Trockenplatte in den Apparat ein.

Dann öffnete er die beiden Flügelfenster, ließ das Tageslicht hereinströmen und den Dunst hinausziehen.

»Wenn die Herren so freundlich wären und einen Schritt zurückgingen!«

Marx und die anderen Männer taten, wie ihnen geheißen.

Hieronymus holte eine Messingschale aus dem Koffer, füllte eine Handvoll weißes Pulver hinein und entzündete ein Streichholz. Er nahm den Deckel vom Objektiv der Kamera, fuhr das Flämmchen des Streichholzes zu dem Pulver hin und schloss die Augen.

Ein greller Blitz durchzuckte den Raum, gefolgt von dichtem weißem Rauch.

»Sind Sie von Sinnen?«, echauffierte sich der Sicherheitsmann an Marx’ Seite. »Oder wollen S’, dass wir blind werden?«

»Na, na«, beruhigte ihn der andere Mann im Frack mit unüberhörbarem norddeutschem Akzent. »Unser eifriger Fotograf hier will nur den Moment einfangen. Und dafür braucht er eben viel Licht. Sie gehen ja auch nicht mit geschlossenen Augen durchs Leben.«

Hieronymus schob die Abdeckung auf das Objektiv und nickte dem Mann mit dem viel zu schmalen Oberlippenbart zu.

Der schritt zu ihm, schlug die Hacken zusammen. »Gestatten: Salomon Stricker mein Name.«

»Hieronymus Holstein. Und Sie sind als –«

»Er unterstützt uns durch pathologische Erkenntnisse«, unterbrach ihn Marx. »Aber das geht ihn nichts an. Wie viele Ablichtungen will er noch machen?«

»Zwei«, bestimmte Hieronymus klar.

»Dann gehen wir vor die Tür eine rauchen, meine Herren, bis sich der Pulverdampf verzogen hat.« Mit diesen Worten verließen Marx und seine beiden Gehilfen die Räumlichkeiten.

Nachdem Hieronymus seine Arbeit erledigt und alles wieder in den Koffern verstaut hatte, betraten die drei Männer der Polizei erneut den Tatort.

»Wie ich bereits sagte, meine Herren«, nahm Salomon das Gespräch wieder auf. »Eine solch ruchlose wie brutale Tat kann nur das Werk eines gänzlich ruchlosen Individuums sein. Ein Mann von grober Statur, der es gewohnt ist, sein Tagewerk mit Muskelkraft zu erledigen, dem jeglicher Sinn für das Schöne und Feine fehlt.«

»Oder es war ein kleiner schmächtiger Kerl, der nur den Anschein erwecken wollte, er sei all das eben nicht«, warf Hieronymus ein.

Salomon lachte hell auf, selbst Marx konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Was Sie nicht sagen.« Der Pathologe fuhr mit dem Zeigefinger über seinen Oberlippenbart. »Die meisten Mordbuben sind von einfachem Gemüt, doch verstehen sie sich bestens darauf, nur das zu tun, was ihnen Körper und Talent gestattet. Ein kleiner flinker Mensch wird eher als Taschenzieher erfolgreich sein als ein Grobschlächtiger.«

»Und eine Frau?«

»Allein durch ihre angeborene körperliche Schwäche sind die Weiber so gut wie nicht imstande, ein anderes Vergehen als das des Giftmordes zu verüben. Schon gar nicht –«, Salomon deutete auf die beiden Leichen, »so etwas Gräuliches. Anselm von Feuerbach vertrat die Ansicht, dass –«

»Das genügt, Herr Stricker! Mach er sich an die Arbeit, für die er hier ist.«

Der junge Mann gehorchte widerspruchslos.

»Und was ihn angeht«, wandte sich Marx an Hieronymus. »Wann kann er mir die Fotografien bringen?«

»Morgen Mittag.«

Der Präsident schien überrascht. »Das freut mich zu hören. Dann reden wir auch noch einmal über diesen Behm, wegen dem er mich heut aufgesucht hat.«

Hieronymus nickte wertschätzend und wollte gerade gehen, als ihm etwas auffiel. Ein kleines Stück Papier, zusammengeknüllt am Boden liegend, am gedrechselten Fuß einer Kommode. Er bückte sich, hob es auf und entfaltete es. Mit schwarzer Feder stand darauf beschwingt geschrieben: »19.Lb2–f6+«.

»Sagt Ihnen das etwas?« Er hielt Marx das Papierstück hin.

Der überlegte, zuckte schließlich mit den Schultern. »Eine Notiz von Dr. Gasser vielleicht? Könnte ein Rechenbeispiel oder eine Formel sein.« Er nahm es und steckte es ein. »Wohl kaum etwas, was der Mörder gesucht hat. Genau genommen scheint er sich gar nicht am Besitz des Doktors vergriffen zu haben. Alle Schränke sind geschlossen, ebenso die Kommoden. Leuchter und Tafelsilber, Geschmeide und Uhren, alles unangetastet.«

»Es war also etwas Persönliches?«

»Zumindest deutet alles darauf hin«, meinte Marx nachdenklich.

Hieronymus zwirbelte seinen Schnurrbart. »Mit ›persönlich‹ meine ich eine Angelegenheit mit dem seligen Herrn Doktor. Im Gegensatz zu ihm wurde seine Frau Gemahlin geradezu abgeschlachtet, als wäre sie im falschen Augenblick hinzugekommen. Sofern dies seine Gemahlin war.«

Marx warf einen schnellen Blick auf die Frau, die am Türstock lehnte, und nickte dann. »Wir sehen uns, Herr Holstein.«

Mit einem Mal mischte sich in die abgestandene Luft der Wohnung und dem Geruch nach Kanal und Pferdemist, der von der Straße hereinzog, noch ein anderer »Duft«, kaum wahrnehmbar und doch beherrschend – der von Erbrochenem. Hieronymus begann den Raum abzusuchen, bückte sich zur Verwunderung der anderen, kniete sich hin, dann legte er sich flach mit dem Bauch auf den Boden. In dieser Haltung robbte er bis zu einer Vitrine und holte unter ihr einen Fetzen Stoff hervor, der mit Blut ebenso vollgesogen war wie mit Erbrochenem.

»Ich vermute, ein Knebel?«

»Sie hätten wohl ein Spürhund werden sollen«, spottete die Sicherheitswache, gefolgt von einem hässlichen Lachen.

»Im Gegensatz zu ihm zeigt der Fotograf wenigstens ein wenig Eifer!«, konterte Marx scharf. »Und nun spute er sich, eine der Wachen vor der Haustür abzulösen. Hier drin atmet er uns nur die Luft weg.«

Die Sicherheitswache warf Hieronymus einen verachtenden Blick zu, der das mit einem überfreundlichen Grinsen goutierte, und stürmte aus der Wohnung.

»Unsere Leute werden auch immer deppata23«, rutschte dem Präsidenten im volksnahen Jargon heraus und er musste über sich selbst schmunzeln.

Salomon verzog scheinbar uninteressiert den Mund. »Scheint sich in der Tat um einen Knebel zu handeln. Bravo, Herr Holstein.«

Hieronymus spürte, dass ihn dieser Fall nicht kaltließ, mehr noch, er hatte das Gefühl, als könnte er gar zu seiner Lösung beitragen. Aber er wusste auch, dass er mit Bedacht vorzugehen hatte, wollte er bei Marx etwas erreichen.

In einem lapidaren Tonfall sagte er: »Wenn Sie mich nicht mehr benötigen, Herr Präsident, widme ich mich der Entwicklung der Fotografien. Wer weiß, welche Auffälligkeiten mir noch ins Auge stechen, wenn ich erst die Bilder entwickelt habe.«

»Ja«, meinte Marx nachdenklich und schien dann einen Entschluss zu fassen. »Was hält er davon, wenn er uns ein wenig von außen unterstützt? Gänzlich unbegabt scheint er ja nicht zu sein.«

Hieronymus gab den Überraschten.

»Er könnte sich ja dort umhören, wo unsereins nur schwerlich an Informationen herankommt. In den Bierhallen, den Raufnestern. Überall dort, wo man Dinge lieber unter sich regelt, als das Recht des Staates in Anspruch zu nehmen. Wenn er seine Sache gut macht, kann er sich ja vielleicht sogar selbst durch die Melderegister wühlen.«

Nun horchte Salomon auf, der über den Leichnam des Doktors gebeugt war und Beobachtungen in sein Notizbuch schrieb. »Ich darf doch sehr bitten, Herr Präsident!« Erhobenen Hauptes stellte er sich vor seinen Vorgesetzten. »Seit wann ist die Wiener Polizei auf irgendwelche dahergelaufenen Kiebitze angewiesen? Wir können –«

Marx legte dem sich ereifernden Mann die Hand auf die Schulter, weniger zur Beruhigung als mehr zur Ermahnung. »Jetzt sei er nicht so. Wir von der Wiener Polizei lassen uns ja auch von übereifrigen Herren aus dem Deutschen Reich unterstützen, oder sollten wir das auch nicht zulassen?«

Salomons Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes Dunkelrot angenommen. »Ich lebe schon seit über fünfzehn Jahren hier!«

»Hört man so gar nicht, wenn Sie die Gosch’n24 aufmachen«, stichelte Hieronymus.

Salomon machte einen Schritt auf ihn zu, der Geisterfotograf ballte schon die Fäuste. Da hob Marx die Hände.

»Nun beruhigen sich alle wieder.« Er sah zu Salomon. »Hitzköpfe brauche ich genauso wenig wie Oberg’scheite25.« Dann zu Hieronymus: »Über den Stand der Ermittlung kann er sich bei meinem Sekretär erkundigen. Außerdem erstattet er mir unverzüglich und persönlich Meldung, sofern er etwas in Erfahrung bringt. Er kann jetzt gehen.«

Während Hieronymus die Wohnung verließ, wandte sich Marx noch einmal an Salomon.

»Und er lernt besser heute als morgen, mit Kollegen zusammenzuarbeiten. Zwei tote Hackler sind schon schlimm genug. Aber jetzt haben wir einen renommierten Arzt, der auf die gleiche Art und Weise zugerichtet wurde, wie die beiden davor. Wenn die Presse Wind davon bekommt, dann kann er sich die Schlagzeilen ja ausmalen. Mir reichen noch die Titelseiten mit dem ›Dirndlhacker‹ und Schmähungen des Polizeiapparats Seiner Majestät.«

Marx holte tief Luft.

»Ich hoffe, ich habe mich deutlich ausgedrückt. Oder die nächste Arbeit, die er zugewiesen bekommt und die mit Leichen zu tun hat, ist das Ausschaufeln von Gräbern am Zentralfriedhof. Verstanden?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Marx Salomon Stricker stehen und verließ ebenfalls den Tatort.

22 Wienerisch: zwanglose Unterhaltung.

23 Wienerisch: dämlicher.

24 Wienerisch: Mund, Maul.

25 Klugscheißer.

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22 aralık 2023
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9783839268780
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