Kitabı oku: «Jahrgangsübergreifendes Lehren und Lernen im 2. Zyklus (E-Book)»

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Ursula Fiechter / Marco Adamina / Simone Ganguillet / Trime Misini / Beat Reck / Susanna Schwab / Beat Wälti / Laura Weidmann

Jahrgangsübergreifendes Lehren und Lernen im 2. Zyklus

Exemplarische Unterrichtsanalysen und fachdidaktische Herausforderungen

Beiträge für die Praxis, Band 11

ISBN Print: 978-3-0355-1902-0

ISBN E-Book: 978-3-0355-1903-7

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 hep Verlag AG, Bern

hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

  1 Einleitung: Jahrgangsübergreifendes Lehren und Lernen im Zyklus 2 1.1 Differenzierung und Individualisierung als Chance und Herausforderung 1.2 Mehrjahrgangsklassen im Kanton Bern 1.3 Rahmenbedingungen für Fremdsprachen im Zyklus 2 1.4 Der Fokus der Unterrichtsanalysen: Vermittlung, Lernbegleitung, Aneignung 1.5 Zu den einzelnen Beiträgen

 2 Fach Mathematik: Individuelles und kooperatives Lernen in jahrgangsübergreifenden Klassen2.1 Ausgangslage2.2 Zwei kooperative Lernaufgaben im Fach Mathematik2.2.1 «Füll den Krug»2.2.2 «Geschickt zur Zielzahl»2.2.3 Vergleich der beiden Aufgaben2.3 Fazit2.4 Ausblick

 3 Fach Natur, Mensch, Gesellschaft: Tiere und Stoffe als Beispiele für Lerngegenstände3.1 Ausgangslage: Der Lerngegenstand im NMG-Unterricht3.2 Fallbeispiele: (Natur-)wissenschaftliches Verstehen und Entdecken3.2.1 Fallbeispiel (Kunst-)stoffe3.2.2 Fallbeispiel Tiere erfinden3.3 Diskussion der Ergebnisse3.3.1 Unterrichtsgegenstand3.3.2 Die knappe Ressource «Lehrperson»3.4 Fazit

 4 Fach Deutsch: Schreibaufgaben für kreative und umsichtige Autorinnen und Autoren4.1 Sprach- und schreibdidaktische Grundlagen4.2 Zwei Unterrichtsbeispiele4.2.1 «Lustige Geschichte»4.2.2 «Ein Tag im Leben von…»4.3 Fazit: Situierte und profilierte Schreibaufgaben für jahrgangsübergreifendes Lernen

 5 Fach Französisch: Comment parcourir les parcours?5.1 Einleitung5.2 Fallbeispiele5.2.1 Fallbeispiel «plusieurs parcours»5.2.2 Vermittlungsseite «plusieurs parcours»5.2.3 Aneignungsseite «plusieurs parcours»5.2.4 Fallbeispiel «un jeu d’un parcours»5.2.5 Vermittlungsseite «un jeu d’un parcours»5.2.6 Aneignungsseite «un jeu d’un parcours»5.3 Diskussion der Ergebnisse5.4 Fazit und Ausblick

 6 Fach Englisch: To JüL or not to JüL, that is RARELY the question6.1 Ausgangslage6.2 Fallbeispiele6.2.1 Fallbeispiel A: Ritual und Zahlen6.2.2 Fallbeispiel B: Wortschatz fünf Sinne6.3 Diskussion der Ergebnisse6.4 Fazit und Ausblick

 7 Schlussdiskussion7.1 Was ist der Lerngegenstand und wie wird er als jahrgangsübergreifendes Phänomen inszeniert?7.1.1 Der Lerngegenstand im Sinne von Medium und Thema7.1.2 Der Lerngegenstand im Sinne von Thema und Aufgabe7.1.3 Der Lerngegenstand im Sinne von Kompetenzen7.2 Die Rolle von Lehrmitteln und die knappe Ressource Lehrperson7.3 Leistungskategorien und Arten der Differenzierung7.4 Fazit und Ausblick

  Tabellenverzeichnis

  Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung: Jahrgangsübergreifendes Lehren und Lernen im Zyklus 2

Ursula Fiechter, Simone Ganguillet, Trime Misini, Susanna Schwab und Laura Weidmann

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir den jahrgangsübergreifenden Unterricht in fünf Schulfächern im Zyklus 2. Im Lehrplan 21 befasst sich der Zyklus 2 mit den Schulstufen 3. bis 6. Klasse (D-EDK, 2014) resp. dem 3. bis 6. Schuljahr. Beim Zyklus 2 handelt es sich um Schülerinnen und Schüler der Altersgruppe zwischen 8 und 12 Jahren.

Uns interessiert nun die Frage, wie der Lerngegenstand im jahrgangsübergreifenden Fachunterricht von den Lehrpersonen angelegt und von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet wird. Diese Fragestellung ist insofern bedeutsam, als insbesondere im Kanton Bern Mehrjahrgangsklassen, also Schulklassen, die zwei oder mehr Schuljahrgänge umfassen, im Zyklus 2 stark verbreitet sind (vgl. Kapitel 1.2). Im Rahmen des Projektes verwenden wir die Begriffe «jahrgangsübergreifendes Lernen» und «jahrgangsübergreifender Unterricht». Die Begriffe «altersdurchmischt», «altersgemischt» und «jahrgangsübergreifend» werden im deutschsprachigen Raum synonym eingesetzt. Aus unserer Sicht bezeichnet der Begriff «jahrgangsübergreifend» jedoch am genausten, dass in der Mehrjahrgangsklasse mehrere Schuljahrgänge zusammengefasst sind. Mit dem Begriff «jahrgangsübergreifendes Lernen» wird ein Unterrichtsarrangement bezeichnet, in dem sich Schülerinnen und Schüler mit einem gemeinsamen Lerngegenstand auseinandersetzen (vgl. Wannack, 2015). Neben den Chancen des jahrgangsübergreifenden Unterrichts bestehen auch Herausforderungen. In Kapitel 1.1 werden Chancen und Herausforderungen erörtert, die unser Projekt in die aktuelle Diskussion um (Fach-)Didaktik einordnen und auf die wir uns immer wieder beziehen. Zudem sind diese Konzepte für die Gestaltung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts bedeutsam.

1.1 Differenzierung und Individualisierung als Chance und Herausforderung

Lehrpersonen, die an Mehrjahrgangsklassen unterrichten, sind herausgefordert, das fachliche Lehren und Lernen mit den zur Verfügung stehenden Lehr- und Lernmaterialien an die Situation der Mehrjahrgangsklasse anzupassen. Falls sie den Unterricht jahrgangsübergreifend, d.h. ein Lernen am gemeinsamen Lerngegenstand, gestalten möchten, müssen sie Lehrinhalte so differenzieren und individualisieren, dass Lernen am gleichen Lerngegenstand für Schülerinnen und Schüler jahrgangs- und entwicklungsgemischt möglich ist. Da die Lehrperson sich in der Mehrjahrgangsklasse vom Ideal (und von der Fiktion) der leistungshomogenen Lerngruppe verabschieden muss, bedarf es für den Unterricht einer gezielten Auseinandersetzung damit, was von wem und wie gelernt werden soll. Der Fachinhalt sowie die didaktischen Möglichkeiten der Aufbereitung für den Unterricht fordern die Lehrperson heraus, will sie die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden in der Mehrjahrgangsklasse berücksichtigen. In diesem Sinne bietet die jahrgangsübergreifende Schulklasse die Chance, den Unterricht weiterzuentwickeln sowie die Adaptivität von Lernangeboten und Lernbegleitung zu verbessern. Gleichzeitig ist diese Chance auch mit Herausforderungen verbunden. Stichworte in diesem Zusammenhang sind Differenzierung und Individualisierung als didaktische Massnahmen.

Reusser und sein Team weisen darauf hin, dass für die beiden Konzepte «Differenzierung» und «Individualisierung» «[e]ine allgemein akzeptierte Definition […] ebenso [fehlt] wie eine genaue Vorstellung des Zusammenspiels» (Reusser et al., 2013, S. 57). In der Diskussion scheint jedoch Einigkeit darüber zu bestehen, dass sich die beiden Begriffe auf die Gestaltung des Lernangebots durch die Lehrperson beziehen. (Innere) Differenzierung oder Binnendifferenzierung soll den Lernenden in der Unterrichtssituation ihren Voraussetzungen entsprechendes Lernen ermöglichen. Dies geschieht durch die Schaffung «unterschiedliche[r] Zugänge und Bearbeitungsmöglichkeiten» (ebd.). Es wird davon ausgegangen, dass Differenzierungsmassnahmen die «Passung zwischen Unterrichtsangebot und individuellen Nutzungsmöglichkeiten» (ebd.) verbessern oder überhaupt erst ermöglichen. In dieser Logik beschreibt (innere) Differenzierung das Lernangebot, Individualisierung bezieht sich dann nach Reusser et al. (2013) auf die Nutzung dieses Angebots durch die Lernenden. Auf eine Kurzformel gebracht heisst dies: Differenzierung schafft Lernangebote für individualisiertes Lernen (vgl. ebd., S. 57). Damit wird der heutigen Vorstellung entsprochen, dass Individuen lernen, d.h., dass sie sich den Lerngegenstand auf ihre eigene Weise aneignen. Für die Lehrperson bedeutet dies, dass sich ihre anspruchsvolle Aufgabe darauf beschränkt, «Lernen via kognitiv aktivierende Angebote anzuregen und die Lernprozesse der Individuen adaptiv und zielbezogen zu begleiten» (ebd.). Wie Reusser und Team weiter betonen, ist die «Notwendigkeit zur Gestaltung solcher Arrangements […] bei Lerngruppen mit erweiterter Heterogenität (u.a. integrative Volksschule, Mehrjahrgangsklassen) offensichtlicher als bei vermeintlich homogenen Jahrgangsklassen in äusserlich gegliederten Schulsystemen» (ebd., S. 57–58).

In Bezug auf die Entwicklung von Unterricht unterscheidet die fachdidaktische Forschung zwischen zwei Aspekten oder Ebenen von Unterricht. Die «Oberflächen-, Sicht- oder Handlungsstrukturebene» bezeichnet «die dramaturgische Gestaltung der Handlungsoberfläche des Unterrichts, die Choreographie, d.h. [die] austauschbaren Methoden, Sozial- und Inszenierungsformen» (Reusser, 2019, S. 144). Davon werden die Tiefenstrukturen von Unterricht unterschieden, welche Unterrichtsmerkmale «wie transparenter Stoffaufbau, Verständnisklarheit, Klassenführung, kognitive Aktivierung und ein lernförderliches Sozialklima ebenso wie eine Grundvorstellung über den Aufbau vollständiger Lehr-Lernzyklen» (ebd., S. 145) umfassen. Diese Unterscheidung wurde und wird in der fachdidaktischen Forschung zu Unterricht stark rezipiert (vgl. Adamina et al., 2019; 2020; Labudde & Metzger, 2019; Fiechter et al., 2015). Sie interessiert uns in Zusammenhang mit Differenzierung und Individualisierung von Lerngegenständen in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik und Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG).

1.2 Mehrjahrgangsklassen im Kanton Bern

Um unsere Fragestellung zu beantworten, beforschten wir den jahrgangsübergreifenden Fachunterricht in zwölf Schulklassen bei insgesamt 14 Lehrpersonen. Dabei suchten wir Lehrpersonen aus, die möglichst jahrgangsübergreifend unterrichten, d.h. die Lerngruppe lernt am gleichen Lerngegenstand. Dank guter Feldkontakte konnten wir meist entsprechende Lehrpersonen finden. In den Fächern Mathematik, NMG und Deutsch konnten wir denn auch durchgängig jahrgangsübergreifenden Unterricht beobachten. Für die beiden Fremdsprachen Französisch und Englisch gestaltete sich die Suche schwieriger. Die Gründe hierfür werden in Kapitel 1.3 dargelegt. In neun verschiedenen Schulen beobachteten wir den Unterricht in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik und NMG. Insgesamt waren wir in 99 Lektionen als Beobachtende anwesend. Zudem führten wir Gespräche mit den Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern, sammelten Lernspuren und Unterrichtsmaterialien sowie Informationen über die Schulen. In einzelnen Schulklassen konnte der Unterricht in drei, in anderen in zwei oder auch nur in einem Schulfach beobachtet werden. Tabelle 1 zeigt auf, in welchen Fächern wie viele Lektionen beobachtet wurden, wie viele Lehrpersonen dabei involviert und wie viele Schulklassen je Fach beteiligt waren.


Anzahl beobachtete Lektionen, Lehrpersonen und Schulklassen in den Schulfächern
Schulfach Deutsch Englisch Französisch Mathematik NMG
Anzahl Lektionen 20 15 22 30 14
Beteiligte LP 5 3 4 6 3
Anzahl Schulklassen 5 3 4 6 3

Tabelle 1: Anzahl der beobachteten Lektionen in den Fächern, beteiligte Lehrpersonen (LP) und Schulklassen

In den verschiedenen Schulen fanden wir unterschiedliche Varianten von Mehrjahrgangsklassen vor. Vier Schulklassen waren aus drei Jahrgängen (4.–6. Schuljahr) zusammengesetzt, zwei davon in ländlichem Umfeld. Zwei Schulklassen im ländlichen Umfeld bestanden aus vier Jahrgängen (3.–6. Schuljahr). Vier Schulklassen, drei in ländlichem, eine in städtischem Umfeld, waren zweistufig organisiert.

Im Kanton Bern sind Mehrjahrgangsklassen auf der Mittelstufe (Zyklus 2) verbreitet. Sie machen mehr als die Hälfte aller Schulklassen dieser Stufe aus.


Reine Jahrgangsklassen Kanton Bern Zyklus 2
3. Klasse 251
4. Klasse 242
5. Klasse 250
6. Klasse 239
Total Jahrgangsklassen Kanton Bern Zyklus 2 982
Reine Mehrjahrgangsklassen mit nur 3. und 4. Klasse
Total 396
Reine Mehrjahrgangsklassen mit nur 5. und 6. Klasse
Total 364
Mehrjahrgangsklassen mit 3.- oder 4.-Klässlern sowie weiteren Jahren (aber ohne die Mehrjahrgangsklassen mit nur 3.- und 4.-Klässlern)
Total 348
Mehrjahrgangsklassen mit 5.- oder 6.-Klässlern sowie weiteren Jahren (aber ohne die Mehrjahrgangsklassen mit nur 5. und 6. Klässlern)
Total 203
Total Mehrjahrgangsklassen im Kanton Bern Zyklus 2 1311

Tabelle 2: Lernendenstatistik 2019 zu Schulklassen im Kanton Bern unterschieden nach Jahrgangs- und Mehrjahrgangsklassen (Quelle: Bildungs- und Kulturdirektion Kanton Bern, 2020)

Wie Tabelle 2 zeigt, gibt es im Kanton Bern im Jahr 2019 im Zyklus 2 insgesamt 2293 Schulklassen. Davon sind 982 Jahrgangsklassen (42,8 Prozent). Von den 1311 Mehrjahrgangsklassen sind 760 Klassen aus zwei Schuljahrgängen zusammengesetzt. Dies entspricht einem Anteil von 58 Prozent der Mehrjahrgangsklassen und rund einem Drittel (33,1 Prozent) aller Schulklassen im Zyklus 2 im Kanton Bern. 42 Prozent der Mehrjahrgangsklassen bestehen somit aus drei und mehr Schuljahrgängen. Die Wichtigkeit und Bedeutung der Auseinandersetzung mit Lerngelegenheiten für Mehrjahrgangsklassen ist damit gegeben.

1.3 Rahmenbedingungen für Fremdsprachen im Zyklus 2

Obwohl im Kanton Bern im Zyklus 2 Mehrjahrgangsklassen sehr verbreitet sind, stellen sich insbesondere für den Unterricht in den Fremdsprachen besondere Herausforderungen, die den Rahmenbedingungen des Fremdsprachenunterrichts geschuldet sind. Betrachten wir zuerst die Lektionentafel für den Zyklus 2 (Tabelle 3), so stellen wir fest, dass die drei Promotionsfächer Deutsch, Französisch und Mathematik im 3. und 4. Schuljahr 13 Wochenlektionen ausmachen. Im 5. und 6. Schuljahr beanspruchen sie insgesamt 12 Wochenlektionen. Das Fach Englisch beginnt im 5. Schuljahr und hat zwei Wochenlektionen zur Verfügung. Die beiden Fremdsprachen Französisch und Englisch sind mit vergleichsweise wenig Wochenstunden bestückt. Dies hatte und hat Konsequenzen auf die Organisation des Fremdsprachenunterrichts sowie auf die Möglichkeiten, den jahrgangsübergreifenden Fremdsprachenunterricht im Rahmen des Projekts zu beobachten.


Lektionentafel (gültig für 39 Schulwochen) 2. Zyklus
3. Schuljahr 4. Schuljahr 5. Schuljahr 6. Schuljahr
Deutsch 5 5 5 5
Englisch – – 2 2
Französisch 3 3 2 2
Mathematik 5 5 5 5
NMG 6 6 6 6

Tabelle 3: Lektionentafel der für die Untersuchung berücksichtigten Schulfächer für den 2. Zyklus (Quelle: https://www.erz.be.ch/erz/de/index/kindergarten_volksschule/kindergarten_volksschule/lehrplan_21/lektionentafel.html [24.11.2020])

Die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts mit der Einführung zweier Fremdsprachen im Zyklus 2 stellt Lehrpersonen vor zusätzliche Herausforderungen. An dieser Stelle sollen drei neue Herausforderungen besonders hervorgehoben werden: a) fehlende Erfahrung mit Fremdsprachenunterricht; b) Lerngegenstand «Fremdsprache»: zugleich Medium und Lerngegenstand; und c) fehlende oder wenig Unterstützung für Fremdsprachenunterricht in Mehrjahrgangsklassen seitens der obligatorischen Lehrmittel.

Zu a) fehlende Erfahrung Fremdsprachenunterricht:

Die Vorverlegung zweier Fremdsprachen an die Primarstufe bedingte neue Lehrpläne sowie neue Lehrmittel, welche gleichzeitig die Neukonzeption des Fremdsprachenunterrichts (vgl. Passepartout Projektbeschrieb, 2007) umsetzten. Seit der Einführung von Französisch (August 2011) und von Englisch (August 2013) stehen Lehrpersonen infolgedessen vor der Aufgabe, neue Schulfächer mithilfe neuer Lehrmittel nach neuen fremdsprachendidaktischen Methoden und Ansätzen zu vermitteln. Dementsprechend haben Lehrpersonen im Zyklus 2 oft noch keine langjährige Erfahrung mit Fremdsprachenunterricht.

Zu b) Lerngegenstand «Fremdsprache»:

Im Fremdsprachenunterricht bedingt die Beschreibung des Lerngegenstandes gegenüber den nicht sprachlichen Schulfächern eine Besonderheit, da die Sprache zugleich Medium und Lerngegenstand ist. Eine weitere Herausforderung ist dabei die Lehrpersonensprache. Auf die Lehrpersonensprache und die Sprachkompetenz der Lehrperson wird in den jeweiligen Kapiteln (5 für Französisch und 6 für Englisch) näher eingegangen.

Zu c) Fremdsprachenunterricht an Mehrjahrgangsklassen:

Bereits während der Erprobungsphase der neuen Lehrmittel wurde in einer externen Evaluation des Passepartout-Projekts (Singh und Elmiger, 2017) in Bezug auf den Fremdsprachenunterricht in Mehrjahrgangsklassen festgehalten, dass sich das Unterrichten in Mehrjahrgangsklassen als schwierig gestaltet und die Lehrpersonen den grossen Vorbereitungsaufwand beklagen. Singh und Elmiger (2017) weisen darauf hin, dass es wünschbar wäre, organisatorische Verbesserungen in solchen Klassen anzubringen, wie beispielsweise eine Erhöhung der Lektionenzahl oder die Aufteilung der Klassen für den Fremdsprachenunterricht (ebd., S. 64).

Die Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern (BKD) hat ein Merkblatt mit Empfehlungen zur Organisation des Fremdsprachenunterrichts herausgegeben (BKD, 2019). Nebst der Empfehlung, parallele Mehrjahrgangsklassen in den Fremdsprachen in Jahrgangsklassen zu unterrichten, wird im Merkblatt festgehalten, dass grundsätzlich nicht mehr als zwei Niveaus gleichzeitig unterrichtet werden sollen. Für unser Projekt bedeutete dies, dass die Suche nach Schulklassen, in denen jahrgangsübergreifend Englisch oder Französisch unterrichtet wird, sich schwierig gestaltete.

Empfehlungen zum Fremdsprachenunterricht in Mehrjahrgangsklassen wurden auch von den beiden Lehrmittelverlagen (Schulverlag plus für Französisch sowie Klett und Balmer für Englisch) herausgegeben. Auf die Empfehlungen der beiden Verlage wird in den entsprechenden Kapiteln näher eingegangen.

Seit der Einführung von zwei Fremdsprachen im Zyklus 2 haben sich in der Praxis verschiedene Varianten für den Unterricht in Mehrjahrgangsklassen herauskristallisiert. So werden beispielsweise Zusatzlektionen für Halbklassenunterricht gesprochen. Häufig wird der Fremdsprachenunterricht auch jahrgangsspezifisch eingeteilt, sodass beispielsweise alle Schülerinnen und Schüler des 3. Schuljahres über die einzelnen Mehrjahrgangsklassen hinweg zusammengenommen werden. Dann findet allerdings kein jahrgangsübergreifendes Lernen statt.

Abschliessend kann zu den Rahmenbedingungen im Fremdsprachenunterricht festgehalten werden: Lehrpersonen im Zyklus 2 wurden und werden neben der allgemeinen Knappheit an Ressourcen (vgl. Breidenstein, 2014) mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Dazu gibt es im Fremdsprachenunterricht in Mehrjahrgangsklassen zusätzliche Differenzierungsmassnahmen zu bewältigen und zu meistern.

1.4 Der Fokus der Unterrichtsanalysen: Vermittlung, Lernbegleitung, Aneignung

Im Projekt geht, es wie einleitend ausgeführt, um die Frage, wie der Unterricht in der Mehrjahrgangsklasse organisiert ist, wie das jahrgangsübergreifende Lernen am gleichen Gegenstand arrangiert wird. Zudem rekonstruieren wir, wie der Lerngegenstand, d.h. die fachlichen und fachdidaktischen Aspekte, aufbereitet, eingeführt und vermittelt werden. Für die Beschreibung der Unterrichtsbeispiele wählen wir die Aspekte der Vermittlung sowie Lernbegleitung und Lernunterstützung durch die Lehrperson und der Aneignung durch die Lernenden.

Lernbegleitung und -unterstützung bezeichnet Reusser (2019) als die «wichtigsten Professionalisierungs- und Entwicklungsaufgabe[n] von Lehrpersonen» (S. 157). Denn bei der Lernbegleitung stehen die «Tiefenstrukturen», die fachlichen und fachdidaktischen Aspekte, im Vordergrund. Die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und das unterschiedliche Vorwissen der Lernenden fordern die Lehrperson heraus. Insbesondere im Setting der Mehrjahrgangsklasse muss sie sich von einem «eng geführten Klassenunterricht […] verabschieden» (ebd.). Gefragt sind schliesslich «Kompetenzen der individuellen und gruppenbezogenen Lernunterstützung» (ebd.). «Dies heisst, flexibel auf wechselnde Bearbeitungsstände, Verständnisschwierigkeiten und Lernfortschritte einzugehen, Unterstützungsbedarfe zu erkennen und fachlich angemessene Hilfestellungen zu geben» (ebd.). Fachliche und fachdidaktische Grundlagen sind Voraussetzungen für eine zielführende Lernunterstützung. Die Lehrperson soll in der Lage sein, die Schülerinnen und Schüler individuell zu begleiten, dies vor dem Hintergrund einer grösseren Bandbreite an Lernvoraussetzungen in der Mehrjahrgangsklasse. Diese Problematik wird von Breidenstein (2014) aufgegriffen und unter institutionellen Bedingungen des Schulalltags diskutiert. Der Autor interessiert sich dafür, wie Lehrpersonen der Anforderung an individuelle Begleitung in einem Setting nachkommen, das sich vom «eng geführten Klassenunterricht» (Reusser, 2019, S. 159) verabschiedet hat. Breidenstein und sein Forschungsteam «fragen anhand der Beobachtung des praktischen Vollzugs individualisierten Unterrichts nach den zugrunde liegenden Handlungs- und Strukturproblemen» (Breidenstein, 2014, S. 36). Die Forschenden diskutieren die beobachteten Praktiken von Lehrpersonen unter dem Stichwort der «Knappheit der Ressource Lehrkraft» (ebd., S. 48). Nicht alle Lernenden können gleichzeitig hinsichtlich ihrer individuellen Fragen betreut und in ihrem Lernprozess begleitet werden. Gemäss Breidenstein wird «die Diskrepanz zwischen der Kapazität der Lehrperson und der Vielzahl der Schüleranfragen im individualisierten Unterricht nur […] durch eine gewisse Standardisierung der Schülertätigkeiten und damit der Problemstellungen» (ebd., S. 48) lösbar. Die Dezentrierung des Unterrichtsgeschehens, also die Tatsache, dass der Unterricht nicht mehr um die Erklärungen und Handlungen der Lehrperson, sondern auf das selbstständige und individualisierte Lernen und Arbeiten der Schülerinnen und Schüler hin organisiert ist, hat (neue) Praktiken der (Selbst-)Steuerung und (Selbst-)Kontrolle zur Folge. Das selbstständige Arbeiten der Lernenden geschieht durchwegs auf der Basis bereitgestellter Materialien wie Arbeits- resp. Aufgabenblätter und Lehrmittel. Breidenstein problematisiert diese Form des Lehr-Lernarrangements wie folgt: «Das konkrete Hantieren mit dem Material scheint gegenüber Lerninhalten bzw. -prozessen dominant zu werden» (ebd., S. 45). Ähnliche Beobachtungen machten bereits Liebers et al. (2008) in ihrer Untersuchung zur flexiblen Schuleingangsphase.

Wie wir oben ausgeführt haben, bezieht sich die Diskussion über das (jahrgangsübergreifende) Lehren und Lernen wesentlich auf die Fähigkeiten der Lehrpersonen und die Qualität des Fachunterrichts. Welchen Sinn die Lernenden mit dem Lerngegenstand verbinden, welche Bedeutung der Lerngegenstand für sie und für ihr Lernen hat, wird weniger in den Blick genommen. Aus diesem Grund plädiert Pollmanns (2010) dafür, die Aneignungsseite des Unterrichts, d.h. die Lern- und Bildungsprozesse der Schülerinnen und Schüler, stärker zu beachten. Mit dem Begriff der Aneignung bezeichnet Pollmanns sowohl «die Art und Weise, in der [Schülerinnen und Schüler] Unterricht und ihre SchülerInnen-Rolle deuten» als auch die gleichzeitige Rekonstruktion der Bedeutungen, «die sie in der Auseinandersetzung mit dem unterrichtlichen Gegenstand entwickeln» (ebd., S. 108). Im Rahmen unseres Projektes erschliessen wir die Aneignungsseite des Unterrichts anhand von Interviews mit einzelnen Schülerinnen und Schülern, anhand von Gesprächen unter Schülerinnen und Schülern sowie anhand von Produkten und Lernspuren, die im Rahmen der Unterrichtseinheiten geschaffen wurden.

1.5 Zu den einzelnen Beiträgen

Im Projekt interessiert uns, wie der Lerngegenstand im jahrgangsübergreifenden Fachunterricht von den Lehrpersonen aufbereitet und arrangiert wird. Dies umschreiben wir in den einzelnen Kapiteln zu den fünf untersuchten Schulfächern als Vermittlung. Wir untersuchen auch, welchen Aktivitäten die Lernenden im Unterricht nachgehen, wie sie den Lerngegenstand verhandeln und welche Produkte sie im Rahmen der Unterrichtseinheiten erstellen. Damit diskutieren wir den Aspekt der Aneignung. Auf dieser Basis wird für die Leserin und den Leser deutlich, wie der Lerngegenstand in den konkreten Beispielen nachvollzogen werden kann und welche Herausforderungen sich daraus für den Unterricht ergeben. Im Fokus stehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sich anhand der beobachteten Lektionen in den verschiedenen Schulfächern zeigen, und die fachspezifischen Besonderheiten und Kontextbedingungen, die sich daraus rekonstruieren lassen. Ziel ist es, einen Beitrag zur Auseinandersetzung um fachliche und fachdidaktische Aspekte des jahrgangsübergreifenden Unterrichts zu leisten, Lehrpersonen sowie Studierende der Grundaus- und Weiterbildung zu inspirieren und zu ermutigen, jahrgangsübergreifendes Lernen auf der Basis fachdidaktischer Grundlagen zu erproben, zu entwickeln und zu reflektieren. Die Analysen zeigen, dass die Gestaltung des Lernangebots stark nach Schulfach und didaktischen Vorgaben wie Lehrplan, Lehrmittel sowie Anweisungen und Empfehlungen der Bildungsverwaltung variiert.

Die Fallbeispiele in den jeweiligen Kapiteln sind kontrastierend angelegt. Das bedeutet, dass sie unterschiedliche Aspekte der Aneignung, Vermittlung respektive des Lerngegenstandes fokussieren. Aufgebaut sind die einzelnen Kapitel entlang der Dimensionen Vermittlung, Aneignung und Lerngegenstand (Differenzierung, Beurteilung, kooperative Elemente im Unterricht usw.). Insofern sind die Ausführungen auch an die in der Fachdidaktik vermittelten zentralen Konzepte anschlussfähig. Die einzelnen Beiträge können als eigenständige Aufsätze gelesen werden. Der Band ist wie folgt aufgebaut:

In Kapitel 2 werden zwei Unterrichtsbeispiele aus dem Fach «Mathematik» vorgestellt. Der jahrgangsübergreifende Mathematikunterricht stützt sich in der Deutschschweiz grösstenteils auf jahrgangsgetrennte Lehrmittel. Oft gilt es für die Lernenden, nach Jahrgängen getrennte Pläne durchzuarbeiten. Die Lehrperson unterstützt durch Lernbegleitung und Instruktion. Im Projekt interessiert die Frage, wie ein Unterricht aussieht, in dem Lernende verschiedener Schuljahre den gleichen Lerngegenstand gemeinsam erschliessen, interagieren, Fragen und Antworten gemeinsam entwickeln und sich beim Lernen unterstützen. Der Beitrag skizziert und diskutiert zwei Situationen, in denen dies gelingt.

Das Fach «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG, Sachunterricht) gilt als Vorreiter, wenn es um die Förderung und Umsetzung kompetenzorientierter sowie jahrgangsübergreifender Didaktikkonzepte geht. Im Kapitel wird anhand von zwei Fallbeispielen aufgezeigt, welche Chancen und Schwierigkeiten sich im NMG-Unterricht ergeben, wenn dieser auf einen jahrgangsübergreifenden Lerngegenstand ausgerichtet ist.

Anhand von zwei Unterrichtsbeispielen aus dem Fach «Deutsch», in deren Zentrum Schreibaufgaben stehen, wird im Beitrag aufgezeigt, wie Schreibaufgaben für den jahrgangsübergreifenden Unterricht fruchtbar gemacht werden können. Zentral dabei ist, Schreiben als Prozess zu begreifen und die Schreibaufgaben auch dementsprechend anzulegen. Grundlage dafür liefern die aktuellen Konzepte der Schreibdidaktik im Sinne von situierten und profilierten Schreibaufgaben.

Da jahrgangsübergreifendes Lernen im Fach «Französisch» selten anzutreffen ist, sind aktuelle Forschungsergebnisse kaum greifbar. Das für den Französischunterricht im Kanton Bern obligatorische Lehrmittel Mille feuilles für den Zyklus 2 basiert auf einzelnen Lerneinheiten, sogenannten parcours, die gemäss Verlag «nicht spezifisch für das Lernen am gleichen Gegenstand in Mehrjahrgangsklassen konzipiert» wurden (Passepartout & Schulverlag, 2013, S. 3). Wie durchlaufen also Lehrpersonen in jahrgangsübergreifenden Klassen diese parcours und wie konstruieren sie die Lerngegenstände? Im Kapitel werden die Herangehensweisen zweier Lehrpersonen beleuchtet.

Im Fach «Englisch» führen verschiedene Gründe dazu, dass sich die Frage «To JüL or not to JüL?» für Lehrpersonen im Englischunterricht an Mehrjahrgangsklassen selten stellt. Ein wichtiger Grund ist das Merkblatt der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern. Trotz dessen Empfehlungen findet an etlichen Schulen Englischunterricht in Mehrjahrgangsklassen und nicht in Jahrgangsklassen statt. Im Kapitel wird exemplarisch aufgezeigt, wie zwei Lehrpersonen den Englischunterricht an ihren Mehrjahrgangsklassen gestalten und wie dabei jahrgangsübergreifendes Unterrichten praktiziert wird.

In Kapitel 7 werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Fächer in Bezug auf wesentliche Aspekte diskutiert und es wird ein Fazit gezogen.

Literatur

Adamina, Marco (2019). 12. Lernen unterstützen – adaptiv-konstruktiv lehren. In Peter Labudde & Susanne Metzger (Hrsg.), Fachdidaktik Naturwissenschaft. 1.–9. Schuljahr. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage (S. 183–196). Bern: Haupt.

Adamina, Marco et al. (2020). Kompetenzorientierte fachspezifische Unterrichtsentwicklung. Professionalisierung von Lehrpersonen durch fachdidaktische Fallarbeit. Bern: hep.

Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern BKD (2019). Merkblatt Fremdsprachenunterricht in Mehrjahrgangsklassen. Abgerufen von URL https://www.erz.be.ch/erz/de/index/kindergarten_volksschule/kindergarten_volksschule/fremdsprachenunterricht/aktuell.html [31.1.2021].

Breidenstein, Georg (2014). Die Individualisierung des Lernens unter den Bedingungen der Institution Schule. In Bärbel Kopp, Sabine Martschinke, Meike Munser-Kiefer, Michael Haider, Eva-Maria Kirschhock, Gwendo Ranger & Günter Renner (Hrsg.), Individuelle Förderung und Lernen in der Gemeinschaft. Jahrbuch Grundschulforschung 17 (S. 35–50). Wiesbaden: Springer.

Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) (2014). Lehrplan 21. Abgerufen von URL https://v-fe.lehrplan.ch/ [9.2.2021].

Fiechter, Ursula; Arnaldi, Ursula & Müller, Anna (2015). Kompetenzorientierte Aufgaben gemeinsam gestalten. Einblick in ein Entwicklungsprojekt zum altersdurchmischten Lernen. Bern: Schulverlag plus.

Labudde, Peter & Metzger, Susanne (Hrsg.) (2019). Fachdidaktik Naturwissenschaft. 1.–9. Schuljahr. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Bern: Haupt.

Liebers, Katrin; Prengel, Annedore & Bieber, Götz (Hrsg.) (2008). Die flexible Schuleingangsphase. Evaluationen zur Neugestaltung des Anfangsunterrichts. Weinheim und Basel: Beltz.

Pollmanns, Marion (2010). Zur Aneignungsseite des Unterrichts. Pädagogische Fallstudie unterrichtlicher Lern- und Bildungsprozesse. In Rudolf Egger & Bernd Hackl (Hrsg.), Sinnliche Bildung? Pädagogische Prozesse zwischen vorprädikativer Situierung und reflexivem Anspruch (S. 108–122). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Reusser, Kurt (2019). Unterricht als Kulturwerkstatt in bildungswissenschaftlich-psychologischer Sicht. In Ulrich Steffens & Rudolf Messner (Hrsg.), Unterrichtsqualität. Konzepte und Bilanzen gelingenden Lehrens und Lernens. Grundlagen der Qualität von Schule 3 (S. 129–166). Münster: Waxmann.

Reusser, Kurt; Stebler, Rita; Mandel, Debbie & Eckstein, Boris (2013). Erfolgreicher Unterricht in heterogenen Lerngruppen auf der Volksschulstufe des Kantons Zürich. Wissenschaftlicher Bericht. Zürich: Universität Zürich, Institut für Erziehungswissenschaft. Abgerufen von URL https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=1022484#vollanzeige [31.2.21].

Singh, Lisa & Elmiger, Daniel (Hrsg.) (2017). Externe Evaluierung der Pilotphase des Französisch- und Englischunterrichts nach Passepartout. Schuljahre 2009–2016. Neuchâtel: irdp.

Wannack, Evelyne (2015). Altersdurchmischtes Lernen im Spiegel empirischer Forschung (Downloadversion). In Ursula Fiechter, Ursula Arnaldi & Anna Müller. Kompetenzorientierte Aufgaben gemeinsam gestalten. Einblick in ein Entwicklungsprojekt zum altersdurchmischten Lernen. Bern: Schulverlag plus.

2 Fach Mathematik: Individuelles und kooperatives Lernen in jahrgangsübergreifenden Klassen

Beat Wälti

Der jahrgangsübergreifende Mathematikunterricht stützt sich in der deutschen Schweiz grösstenteils auf jahrgangsgetrennte Lehrmittel. Oft gilt es für die Lernenden, nach Jahrgängen getrennte Pläne durchzuarbeiten. Die Lehrperson unterstützt durch Lernbegleitung und Instruktion. Im Rahmen des vorliegenden Projekts interessiert die Frage, wie ein Unterricht aussieht, in dem Lernende verschiedener Schuljahre den gleichen Lerngegenstand gemeinsam erschliessen, interagieren, Fragen und Antworten gemeinsam entwickeln und sich beim Lernen unterstützen. Der Beitrag skizziert und diskutiert zwei Situationen, in denen dies gelingt.

2.1 Ausgangslage

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Wirksamkeit von Mathematikunterricht in engem Zusammenhang mit den Unterrichtskonzepten (vgl. Wagener, 2014), den Beliefs (vgl. Nührenbörger, 2006; Matter, 2016) und dem Professionswissen (Krauss et al., 2008) der Lehrpersonen steht. Für das jahrgangsübergreifende Lernen im Mathematikunterricht ergeben sich diesbezüglich Fragen:

 Inwiefern gelingt es, Lernende in jahrgangsübergreifenden Klassen gemeinsam zu mathematischem Handeln anzuregen, sie zu Interaktion und Diskussion zu ermutigen und vom gleichen Unterrichtsgegenstand (bzw. von der gleichen Aufgabe) ausgehend die eigenen Kompetenzen zu erweitern?

 Ist es überhaupt sinnvoll, wenn Lernende in jahrgangsgemischten Klassen nicht immer, aber immer wieder echt kooperativ zusammenarbeiten, sich austauschen und sich gegenseitig unterstützen?

 Wie sehen entsprechende Aufgaben aus?

 Ist ein solcher Unterricht in gleichem Masse zielführend wie der Unterricht, der sich auf Jahrgangslehrmittel stützt?

Entsprechende Untersuchungen in den letzten Jahren liegen im deutschsprachigen Raum allerdings lediglich von Matter (2016) vor. Er weist positive Effekte auf die Unterrichtsorganisation und das Lernen der Schülerinnen und Schüler nach, wenn in Mehrjahrgangsklassen eine Parallelisierung der Inhalte von Jahrgangslehrmitteln vorgenommen wird.

Einer der Hauptgründe für die mangelhafte Datenlage mag sein, dass sich Mathematiklehrpersonen stark an Lehrmittel anlehnen. Für Mehrjahrgangsklassen geeignete Aufgabenstellungen stehen zwar in Sekundärliteratur und vereinzelt auch in Lehrmitteln (Wälti et al., 2018) zur Verfügung, sind jedoch nicht Teil des Unterrichtskonzepts von Lehrmitteln. Diese sind für Jahrgangsklassen konzipiert: Die Aufgaben lassen sich einzeln bearbeiten, Erkenntnisse lassen sich dann allenfalls im Nachgang nach dem Konzept des dialogischen Lernens (Ruf & Gallin, 2011) diskutieren. Der Vordenker vieler aktueller Mathematiklehrmittel argumentiert, dass Mathematikunterricht mit Vorteil in Jahrgangsklassen unterrichtet werden sollte (vgl. Wittmann & Müller, 1984; 2012). Eher der Not gehorchend werden in den letzten Jahren Empfehlungen gemacht, wie mit Lehrmitteln für Jahrgangsklassen wie dem Zahlenbuch (Affolter et al., 2009; 2010) jahrgangsübergreifend gelehrt und gelernt werden kann. Diese Empfehlungen regen an, dass verschiedene Klassen am gleichen Thema bzw. am gleichen Lerngegenstand (z.B. Addition) arbeiten. Eine jahrgangsübergreifende Interaktion wird jedoch durch die verschiedenen Aufgaben stark behindert.

Die Diskussion darüber, wie ein geeigneter alters- und niveaugemischter Unterricht aussehen mag, wurde jedoch jüngst durch die Lehrmittelreihe MATHWELT 1 (Hess et al., 2018) und MATHWELT 2 (Wälti et al., 2018) neu entfacht, ohne dass bisher entsprechende Forschungsergebnisse vorliegen. Damit Lernende verschiedener Klassenstufen mathematisch interagieren, ist nicht nur das Lernen an einem gemeinsamen Lerngegenstand, sondern immer wieder auch innerhalb der gleichen Aufgabe angesagt. Das Konzept der Interaktion bereits während der Aufgabenbearbeitung kontrastiert mit Arbeitsplänen, die stufenspezifische Bedürfnisse bedienen und von den Lernenden abgearbeitet werden müssen.

Ob sich das Konzept der Interaktion während der Bearbeitung von Aufgaben durchzusetzen vermag, lässt sich zurzeit nur schwer abschätzen. Didaktische Wellen kommen und gehen, ohne dass sie die Frage nach dem bestmöglichen Lernerfolg für viele Schülerinnen und Schüler ultimativ beantworten. In den 90er-Jahren setzten Gallin und Ruf mit dem Konzept des dialogischen Lernens (ich – du – wir) einen Akzent, der das gemeinsame Lernen betont. Zurzeit bekennen sich viele Schulen konzeptionell zu individuellem, selbstorganisiertem Lernen (SOL). Die Suche nach einer lernförderlichen Balance zwischen individuellem und kooperativem Lernen ist vor diesem Hintergrund für viele Lehrpersonen nicht nur Spannungsfeld, sondern fortwährende Lern- und Entwicklungsaufgabe mit entsprechendem Forschungsbedarf.

Die gedanklichen Vorreiter dieser scheinbar gegensätzlichen Positionen sind Piaget und Vygotzky.

Piaget verstand Lernen als Zusammenspiel von zwei Prozessen: der Assimilation (Einordnung einer neuen Erfahrung in ein bestehendes kognitives Schema) sowie der Akkommodation (Veränderung eines kognitiven Schemas aufgrund von Erfahrung). Gemäss Piaget kann die Umwelt Lernen lediglich stimulieren, neue Erkenntnisse werden immer individuell konstruiert.

Der Interaktionismus sieht demgegenüber individuelle Lernfortschritte in Zusammenhang mit Interaktionsprozessen zwischen den Individuen einer Gruppe. Das eigentliche (individuelle) Lernen wird diesem Verständnis folgend durch kollektive Prozesse ausgelöst, die dem individuellen Lernen «voranschreiten». Auf der aktuellen Entwicklungsstufe können Probleme auf einem bestimmten Niveau selbstständig gelöst werden. Auf der nächsten Stufe kann ein Problem zunächst nur durch Nachahmung oder Anleitung gelöst werden. Lernen ist dann quasi die kognitive Nachbearbeitung von Erlebtem. Die Rolle der Schule besteht folgerichtig darin, die Lernenden beim Übergang in die nächste Zone mithilfe entsprechender Lernsettings zu begleiten.

Vygotsky (vgl. Textor, 2000) und Piaget (vgl. Montada, 1995) gehen gleichermassen von der Prämisse aus, dass Lernen durch Irritationen ausgelöst wird. Irritationen provozieren individuell bedeutsame Fragen. Die «Zone der nächsten Entwicklung» eröffnet sich laut Vygotzky (Textor, 2000) ausgehend von bedeutsamen Fragen durch die Auseinandersetzung mit Lerngegenständen, Situationen oder Lernpartnerschaften sowohl beim individuellen als auch beim kooperativen Lernen.

Ein Blick in den Unterricht von Mehrjahrgangsklassen legt die Vermutung nahe, dass individualisiertes Lernen für viele Lehrpersonen ein Gebot der Stunde ist. Unter dem Etikett «SOL» besteht für viele Lernende die Lernzeit zu einem grossen Teil aus Planarbeit. SOL verspricht einerseits, den unterschiedlichen Lernbedürfnissen der Lernenden Rechnung zu tragen, und andererseits, selbstgesteuertes Lernen zu fördern. Nicht selten wird die Arbeit mit vorgefertigten Plänen als Gegenentwurf zum lehrpersonenzentrierten Unterricht interpretiert und als geeignete Form der Individualisierung und Differenzierung angesehen. Dass dabei kooperatives Lernen weitgehend auf der Strecke bleibt, wäre leichter zu verschmerzen, wenn wenigstens das individuelle Lernen substanziell gefördert würde. Wo aber Pläne als abzuarbeitender Stoff verstanden werden, weicht das Lernen in Sinnzusammenhängen – zumindest teilweise – dem Generieren von Aufgabenlösungen. In diesem Fall verstehen Lernende ihre Ziele nicht inhaltlich, sondern messen ihr Lernen an der Anzahl erledigter Aufgaben. Dass Konzepte der Lernenden dabei im Sinn von Piaget irritiert werden, ist wohl eher die Ausnahme.

Auf der Suche nach der angesprochenen Balance zwischen individuellem und kooperativem Lernen gilt es, individuell bedeutsame und qualitativ hochwertige Lernunterstützung anzubieten. Eine solche Lernunterstützung lässt sich weder rezeptartig organisieren, durch Arbeitspläne gewährleisten oder digital verwalten. Sie entsteht situativ im Wechselspiel mit den Lernenden. Die an sich begrüssenswerte Stossrichtung der SOL-Welle (hin zu einem schülerinnen- und schülerzentrierten Unterricht) hat das Lernen nicht nur einsamer, sondern auch weniger lustvoll und technokratischer werden lassen. Im Sinn der aus dem Lot geratenen Balance gilt es heute, echt kooperatives Lernen vermehrt in den Fokus zu nehmen.

Das kooperative Lernen ist eine Form des Lernens, bei der die Schülerinnen und Schüler zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Im Idealfall können die Mitglieder der Gruppe das eigene Ziel nur dann erreichen, wenn auch die anderen Gruppenmitglieder erfolgreich sind (vgl. Johnson et al., 2000). Das Einteilen von Lernenden in Lerngruppen bedeutet jedoch noch lange nicht, dass daraus kooperatives Lernen während der Aufgabenbearbeitung entsteht. Um die Stossrichtung der Beispiele im nächsten Kapitel einordnen zu können, enthält Tabelle 4 eine Gegenüberstellung von drei Konzeptionen des kooperativen Lernens. Die folgenden Unterrichtsbeispiele sind in der rechten Spalte anzusiedeln.


Art der Kooperation
Methodenbasiertes, kooperatives Lernen Kooperatives, dialogisches Lernen Kooperatives Lernen während der Aufgabenbearbeitung
Charakteristik Die Methode steht im Zentrum. Oft werden damit Grundfertigkeiten automatisiert. Fachliche Anliegen werden in die Methode «eingefüllt». Aufgaben werden im Dialog bearbeitet. Oft ist aber auch bloss eine gemeinsame Reflexion nach der Aufgabenbearbeitung vorgesehen. Fachliche Anliegen stehen im Zentrum. Interaktion ist notwendig, um ein gegebenes Ziel zu errei-chen. Die Lernsituation ist einzeln nicht machbar.
Positionierung Keine Lernaufgaben. Die Methode bestimmt die Aufgabe, fachliche Anliegen sind austauschbar. Es geht in der Regel lediglich darum, deklaratives Wissen abzufragen oder zu automatisieren. Anregungen sind u.a. in Ratgebern zu kooperativem Lernen zu finden. Reichhaltige Lernaufgaben, Lernumgebungen. Zum Beispiel in Mathematik und Deutsch haben sich in den letzten Jahren Lehrmittel und Begleitliteratur diesem Anliegen stark angenommen. Prominente Unterstützung von Gallin und Ruf. Spielerische Ansätze oder problemorientierte Aufgaben, die nur gemeinsam gelöst werden können. Vereinzelt in Lehrmitteln anzutreffen. Entsprechende Chancen werden für das Lernen in vielen Fächern wenig genutzt. Die Diskussion wird hier weitergeführt.
Beispiele Schülerinnen und Schüler fragen einander gegenseitig ab: Vokabeltraining; Reihentraining. Lernende organisieren ein Quiz. «Wandtafelfussball». Gemeinsame Reflexion von Lösungen oder Lösungswegen. Peer-Feedback zu Produkten. Gruppenpuzzle. Gemeinsames Erarbeiten eines Produktes. Kooperatives Lernspiel. Konfliktlösungsprozess. Organisation einer Veranstaltung.

Tabelle 4: Drei Konzepte zum kooperativen Lernen (vgl. Wälti, Schütte & Friesen 2020, S. 26)

Kooperatives Lernen ist eine Frage des Unterrichtssettings. Zurzeit existieren zu wenig entsprechend konstruierte Lernaufgaben, die eine Kooperation bereits während der Aufgabenbearbeitung notwendig machen. Die Lehrpersonen sind aber auch gefordert, innerhalb vorhandener substanzieller Aufgaben Gelegenheiten für kooperatives Lernen (auch spontan) wahrzunehmen und entsprechende Aktivitäten zu betreuen. Dabei wird der Unterricht weniger planbar, der Lernerfolg lässt sich nicht in Form gelöster oder zumindest korrigierter Aufgaben archivieren. Art und Qualität der Interaktion zwischen den Lernenden sind komplex und nur bedingt zu steuern. Wo aber Lehrpersonen den damit verbundenen Kontrollverlust als Chance sehen, kann eine ganz andere Qualität von selbstorganisiertem Lernen entstehen: Lernende arbeiten gemeinsam auf ein Ziel hin, finden Fragen und Antworten in ihren eigenen Worten, treffen Entscheidungen und loten die Grenzen ihrer momentanen Kompetenz aus.

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