Kitabı oku: «Trauerarbeit mit Jugendlichen - ebook»

Yazı tipi:

Beate Alefeld-Gerges - Stefan Sigg

Trauerarbeit

mit Jugendlichen

Junge Menschen begleiten,

bei Abschied, Verlust und Tod

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Einleitung

Trauer, Tod und Sterben ist ein Teil unseres Lebens. Es ist notwendig, dass wir uns dieser großen Herausforderung stellen. In den letzten Jahren hat das Thema Trauer bei Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit erfahren – und das ist gut so! Es wäre zu wünschen, dass wir alle natürlicher und offener mit dem Thema umgehen können und Tod und Sterben nicht erst dann aufnehmen, wenn jemand in unserem Umfeld stirbt. Der Tod gehört zum Leben und das Thema braucht präventiv Raum in unserer Gesellschaft.

Schon Kinder im Kindergarten sollten lernen, was Tod bedeutet. Ein Friedhofsbesuch sollte ein Standardprogramm im Kindergarten sein. Kinder im Alter zwischen fünf bis sechs Jahren sind sehr neugierig und stellen in der Regel völlig unbekümmert Fragen, beispielsweise zu Grabsteinen und allem anderen, das ihnen dort begegnet. Erwachsene müssen keine Bedenken haben, Kinder und Jugendliche mit diesem Thema zu konfrontieren, die offene Herangehensweise der Kinder kann dazu beitragen, dass die Begegnung mit dem Tod selbstverständlich ist, und einen offeneren Umgang fördern.

Man kann beobachten, dass Menschen, die sich mit dem Thema Tod auseinandergesetzt haben, immer die ersten Ansprechpartner sind, für alle, die mit dem Thema Abschied beschäftigt sind, denn Trauer verbindet. Wer Trauer schon einmal selbst erlebt hat, der weiß, dass es gut ist, im Trauerprozess Menschen an seiner Seite zu haben, die zuhören und der Trauer Raum und Ausdruck geben.

In diesem Buch finden Sie viele Anregungen und Impulse zur Trauerarbeit mit Jugendlichen. Neben Informationen zum Trauerprozess in der Jugendphase und den Grundlagen der Trauerbegleitung finden Sie konkrete Methoden und Übungen sowie Impulstexte, die sich z. B. als Einstieg in eine Gesprächsrunde mit Jugendlichen eignen. Zahlreiche Beispiele aus dem Beratungsalltag geben Einblick in den Trauerprozess von jungen Menschen.

Wir haben in unserer langjährigen Erfahrung mit Jugendlichen in der Therapie (Beate Alefeld-Gerges), im Unterricht und in der Jugendarbeit (Stephan Sigg) erlebt, wie kreativ Jugendliche sind, einen Weg durch ihre Trauer zu finden. Wir möchten Sie mit diesem Buch einladen, sich von den Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren mit Jugendlichen gemacht haben, inspirieren zu lassen, um einen eigenen, authentischen Weg der Auseinandersetzung mit Tod, Abschied und Trauer zu finden, und Sie dabei unterstützen, Jugendliche in ihrer Trauer zu begleiten.

Beate Alefeld-Gerges und Stephan Sigg

1. Pubertät und Trauer – eine explosive Mischung
Plötzlich mit dem Tod konfrontiert
Pubertät ist eine Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit

Die Pubertät ist für Jugendliche eine Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit. Sie sind keine Kinder mehr, aber noch keine Erwachsenen. Sie möchten sich von den Eltern lösen, suchen ihre eigenen Werte, wollen ihre eigenen Wege gehen und brauchen doch Schutz und Unterstützung. Die Pubertät ist eine Zeit des Ausprobierens. Die Jugendlichen sind auf der Suche nach dem Sinn im Leben, auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt und kämpfen um Positionen, die sie selbst erst finden müssen. Teil dieses Prozesses ist auch, die eigenen Grenzen auszuloten. Autoritäten werden in Frage gestellt.

Auch für viele Eltern ist diese Zeit von großer Unsicherheit geprägt: Viele machen sich darüber Sorgen, wie die Pubertät ihre Kinder verändert. Wie damit umgehen? Wie darauf reagieren? Eine Studie der Universität Tübingen (2016) zeigt, dass Eltern die Veränderungen in der Persönlichkeit ihrer Töchter und Söhne als viel tiefgreifender beurteilen als diese selbst. Laut Studie fanden die Eltern oft, ihre Kinder seien verschlossener als früher, während die Kinder selbst überzeugt waren, offener geworden zu sein. Es scheint, als müssten sich heute vor allem die Eltern von ihren Kindern abnabeln und nicht mehr umgekehrt die Kinder von den Eltern.

Die Welt ist unberechenbar

Jugendliche in der heutigen Zeit erleben nicht nur die Unsicherheit der Pubertät, die es seit jeher gab, die auch schon Jugendliche vor vierzig oder fünfzig Jahren beschäftigte. Sie wachsen zusätzlich mit einem ständigen Gefühl der Krise auf, sie kennen die Welt gar nicht anders als im Krisenzustand: Menschen auf der Flucht, Krieg, Terror …

Eine weitere Unsicherheit betrifft ihr unmittelbares Umfeld: Das Zuhause ist für viele nicht mehr eine „sichere Burg“. Selbst wenn Jugendliche aus sogenannten geordneten Verhältnissen kommen, haben sie in ihrem Umfeld erlebt, wie sich Eltern trennen oder sie sich in Patchworkfamilien neu arrangieren müssen. Fast ein Drittel kennt heute die klassische Familie nicht mehr aus eigener Erfahrung, ihre Eltern haben nie zusammengelebt oder sich früh getrennt, es gibt Halb- oder Stiefgeschwister, klassische Patchworkfamilien (Studie Rheingold Salon, Köln, o.J.).

Der Leistungsdruck verursacht psychosomatische Beschwerden

Auf der anderen Seite gibt es aber heute auch viele Jugendliche, die überbehütet aufwachsen und unter großem Leistungsdruck stehen. Die Zukunftspläne von Jugendlichen sind hoch gesteckt. „Heute will ein Mädchen nicht nur Jura studieren, sondern eine weltweit bekannte Menschenrechtlerin werden.“ (Studie Rheingold Salon, Köln, o.J.) In der Rheingold-Studie wurden vor zwanzig Jahren Jugendliche befragt, ob sie berühmt werden wollen: Damals waren es 14 %, heute sind es 30 %. Die Ansprüche der Jugendlichen an sich selbst sind enorm gestiegen, was einen großen Druck verursacht. Viele Jugendliche wurden schon im Alter von fünf Jahren eingeschult, allein der Wechsel in die weiterführende Schulen ist oft mit einer großen Belastung verbunden, die Voraussetzungen für das Abitur sollen optimal sein. Eltern setzen sich regelmäßig über die Empfehlungen der Lehrer hinweg: Ihr Kind soll unbedingt auf das Gymnasium! Heute ist es keine Seltenheit mehr, dass schon 17-Jährige ihr Studium beginnen.

Angesichts der von ihnen erwarteten Leistungen und Ziele ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Jugendliche an psychosomatischen Beschwerden leiden: Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Alpträume, Kopf- und Bauchschmerzen, ständige Abgeschlagenheit, schwaches Immunsystem, Konzentrationsschwäche.

Der Tod lässt die Welt einstürzen

Wenn Jugendliche dann noch einen nahestehenden Menschen durch Tod verlieren, sind sie oft nicht mehr in der Lage, den He­rausforderungen gerecht zu werden. Der Tod einer wichtigen Person verändert die Vorstellung von der Zukunft radikal. Die Beziehungen, die Rollen und die Familienstruktur eines jungen Menschen ändern sich oft schlagartig. Die Jugendlichen aber unterschätzen sich hier oft: Im Allgemeinen denken sie von sich selbst, „gegen den Tod oder gegen Verletzungen immun zu sein“ und nicht so schnell aus der Bahn geworfen zu werden. Wenn jedoch ein Elternteil, ein Geschwister oder ein Freund stirbt, machen sie völlig unerwartet und unvorbereitet die Erfahrung, dass die Welt einstürzt und nichts mehr ist, wie es einmal war.

Extreme Belastungsprobe für die familiären und sozialen Beziehungen

Das soziale Umfeld von Jugendlichen ist heute oft klein oder gar nicht vorhanden. Viele alleinerziehende Mütter und Väter sind durch die Doppelbelastung Beruf und Kinder sozial isoliert. Wenn der Partner stirbt, bleibt die ganze Verantwortung bei dem überlebenden Elternteil, es müssen finanzielle und viele organisatorische Dinge geregelt werden, die Sorgen müssen alleine getragen, Entscheidungen für die Kinder alleine getroffen werden. In den ersten Monaten gibt es kaum Platz zum Trauern. Die Alleinerziehenden klagen über permanente Überlastung mit gesundheitlichen Folgen wie ständige Müdigkeit, Verspannungen, Rückenschmerzen, Erschöpfungszustände, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen und Ängste. In anderen Fällen kommt es vor, dass Familien nach dem Tod eines Menschen in Streit geraten und es zu gegenseitigen Schuldzuweisungen kommt. Dies ist für die Jugendlichen eine besondere Herausforderung, da sie weniger Unterstützung haben, sozusagen „zwischen den Stühlen sitzen“, eine Situation, die die Unsicherheit verstärkt. Wenn z. B. die Trennung der Eltern sehr konfliktreich war und danach ein Elternteil stirbt, ist es oft so, dass die Familie des Verstorbenen die Schuld bei dem überlebenden Elternteil sieht und die/der Jugendliche oft in diesen Streit mit hineingezogen wird.


Till und Luis
Till und Luis hatten ihren Vater durch Suizid verloren. Er hatte sich selbstgetötet und wurde nach einer Woche Suche im Wald gefunden, er hatte sich erhängt. Die beiden Jugendlichen fragten sich immer wieder: „Warum hat er es getan?“ Es gab keinen Abschiedsbrief, die Mutter vermutete, dass der Vater keinen Ausweg sah, da er selbstständig war und Geldsorgen hatte. Die Familie lebte in dem Haus der Eltern des Verstorbenen, für die klar war, dass es nicht soweit hätte kommen dürfen und dass eine Ehefrau doch merken müsste, wenn ein Mann mit dem Gedanken spielt, sich zu töten. Für Till und Luis bedeutete es, dass sie zusätzlich zu ihrer Trauer noch damit fertig werden mussten, dass die Großeltern ihrer Mutter die Schuld an dem Tod des Vaters gaben und dass die Mutter und die Großeltern nicht mehr miteinander sprachen.

Verantwortungsbewusstsein verdrängt ­Autonomiebestrebungen

Der „normale“ Prozess der Pubertät mit allen positiven und negativen Erfahrungen, die dem Jugendlichen das Erwachsenwerden ermöglichen, kann nach einem Todesfall oft nicht mehr fortgesetzt werden, meist fühlen sich die Jugendlichen verantwortlich gegenüber nahestehenden Angehörigen wie Mutter und Vater. Da war zum Beispiel ein 17-jähriger Schüler, der nach dem Tod seines Vaters seine Zukunftspläne, in eine andere Stadt zu ziehen und dort zu studieren, in Frage stellte. Er hatte das Gefühl, sich um seine Mutter und um seinen kleineren Bruder kümmern zu müssen. Dies ist kein Einzelfall, denn bei vielen Jugendlichen, die trauern, wird das jugendliche Autonomiestreben von einem hohen Verantwortungsgefühl verdrängt. Eine große Last, die schwer auf den Schultern der Heranwachsenden liegt.

Wichtig

Wer beobachtet, dass Jugendliche im Trauerfall die Rolle eines Erwachsenen übernehmen, hat die Aufgabe, die erwachsenen Bezugspersonen zu unterstützen und für sie angemessene Hilfe zu finden und die Jugendlichen darin zu bestärken, dass sie nicht die ganze Verantwortung übernehmen müssen. Ein Jugendlicher kann nicht auf Dauer eine ganze Familie stützen oder immer für ein Elternteil da sein. Er hat ein Recht darauf, selber zu trauern, sein eigenes Leben aufzubauen und seine persönlichen Ziele zu realisieren.

Sozialer Rückzug in der Trauerphase

Normalerweise sind Teenager sehr bestrebt, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich den Meinungen, Einstellungen und Regeln dieser Gruppe anzupassen. Jugendliche, die einen Todesfall erlebt haben, ziehen sich sozial oft zurück, sie tragen nach außen hin eine Maske und sind bestrebt, sich nichts anmerken zu lassen. Melanie, 15 Jahre: „In der Schule versuche ich immer, gut drauf zu sein und zu lächeln, damit die anderen nicht merken, wie es mir wirklich geht, ich will nicht, dass die anderen über mich reden.“ Da es auf Dauer sehr anstrengend ist, keine Schwäche zeigen zu dürfen, die Jugendlichen sich gleichzeitig trotzdem wünschen, dass jemand ihre Trauer sieht, kommt es zu Gefühlen wie Wut, Aggression und Isolation – die Situation kann eskalieren. Lukas, 14 Jahre: „Meine Lehrer und Mitschüler sind Dreck. Die sollen mich alle in Ruhe lassen, die haben doch alle keine Ahnung. Als einer meiner Mitschüler sich über meine verstorbene Mutter lustig gemacht hat, habe ich ihn getreten, er hat es nicht anders verdient.“

Idealisierung des Verstorbenen

Ist es in der Pubertät normal, sich gegen seine Eltern aufzulehnen, sie in Frage zu stellen oder zu kritisieren, kann es nach dem Tod eines nahestehenden Menschen passieren, dass dieser idealisiert wird. Lena: „Meine Mutter war immer stark, sie hat immer gegen ihre Krankheit gekämpft und nie aufgegeben, deshalb werde ich jetzt auch immer stark sein.“ Auch diese Reaktion kann den Betroffenen unter Druck setzen und zu einer Überforderung führen, denn er verdrängt die Trauergefühle wie Angst und Verzweiflung.

Was ist Trauer, was ist Pubertät?

Oft sind Eltern und andere Angehörige verunsichert: Ist das aktuelle Verhalten der Jugendlichen wirklich noch auf die Trauer zurückzuführen – es sind doch inzwischen schon einige Jahre vergangen seit dem Verlust? Liegt es vielleicht doch nur an der Pubertät, dass mit dem Jugendlichen momentan „etwas nicht stimmt“? Gerade wenn der Todesfall schon mehrere Jahre zurückliegt, kann sich das soziale Umfeld oft nicht vorstellen, dass die Trauer noch eine Rolle spielt. Auch bei dieser Frage ist es wichtig, den Einzelfall zu betrachten.

Verhaltensprobleme in der Trauerphase

Zeigen Jugendliche nach dem Verlust ein auffälliges Verhalten, lässt sich nicht klar unterscheiden, ob dies durch die Pubertät bedingt oder auf den Trauerfall zurückzuführen ist. Eine solche Unterscheidung ist auch wenig hilfreich. Wichtiger, als die Ursache für die Verfassung des Jugendlichen zu klären, ist es, mit ihm ins Gespräch zu kommen, ihm ein offenes Ohr und Unterstützung anzubieten. Wenn ein Teenager z. B. in der Schule eine Verweigerungshaltung einnimmt und dies mit seiner Trauer begründet, sollten die Eltern und Lehrer dies ernst nehmen und überlegen, wie sie ihn unterstützen können. Von Vorteil ist dann eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Zuhause. Es gibt allerdings auch Jugendliche, die Mitschüler quälen und dies damit begründen, wütend darüber zu sein, dass ihr Vater gestorben ist. In diesem Fall muss man dem Jugendlichen klar aufzeigen, dass sein Verhalten nicht toleriert wird, und gleichzeitig mit ihm zusammen herauszufinden, wie die Wut in einem geschütztem Raum ausgelebt werden kann, so dass dies nicht mehr in der Schule geschieht.

Trauer kann jederzeit nachgeholt werden

Es gibt immer wieder Jugendliche, die die Trauer über eine längere Zeit verdrängen und einfach nur funktionieren, oder Jugendliche, die als Kind jemanden verloren haben und erst in der Pubertät starke Trauergefühle erleben. Verdrängte Trauer löst sich nicht einfach so auf. Wenn sie wieder zum Vorschein kommt, ist es wichtig, sie auszudrücken und über die Trauergefühle zu reden. Meistens ist es schwieriger, an Trauergefühle heranzukommen, die lange in die „Schublade“ gesteckt wurden. Oft macht sich verdrängte Trauer durch psychosomatische Beschwerden bemerkbar. Hier sollten auftretende Symptome zuerst medizinisch abgeklärt werden. Danach können die Jugendlichen und die Erwachsenen gemeinsam herausfinden, worauf die Symptome aufmerksam machen, und den vorhandenen Gefühlen Raum geben. Damit niemand überfordert wird oder falsche Erwartungen im Raum stehen, sollten Begleiter abklären, was genau der betroffene Jugendliche benötigt: Reichen Gespräche aus oder bedarf es einer Therapie?

Trauer verändert sich, begleitet den Trauernden aber durchs Leben

Wenn ein Junge seinen Vater im Alter von vier Jahren verliert, wird es in seinem Leben immer wieder Trauerphasen geben. Auslöser dafür können besondere Tage sein, wie z. B. Weihnachten, Geburtstage, Todestag oder auch bestimmte Gerüche und Situationen. Wenn der Junge älter geworden ist, wird er den Tod mit all seinen Konsequenzen verstehen und sich noch einmal mit anderen Trauergefühlen auseinandersetzen als es als kleines Kind möglich war. An bestimmten Stationen des Lebens wird der Betroffene den Vater vermissen, z. B. beim Schulabschluss, bei Hochzeit oder Geburt eines Kindes, in Krisensituationen usw.


Leo
Leo war sechs, als seine Mutter starb. Er nahm mit seinen zwei älteren Brüdern während zwei Jahren an einer Trauergruppe teil und bekam dort Raum, seine Trauer auszudrücken. Die Familie ging sehr offen mit dem Thema um. Im Alter von 13 Jahren kam Leo noch einmal in die Einzelberatung, weil sein Vater sich Sorgen machte, da Leo noch einmal in eine sehr intensive Trauerphase kam. In der Einzelberatung wurde klar, dass Leo Angst hatte, seine Mutter ganz zu vergessen, er konnte sich an vieles nicht mehr erinnern. Außerdem störte es ihn, dass seine Mutter bei Familienfesten gar kein Thema mehr war. Wir haben dann erst einmal aufgeschrieben, woran er sich erinnern konnte. Wie sah sie aus? Was hat sie ausgemacht? Was hatte Leo mit ihr gemeinsam? Was hat er mit ihr gerne gemacht? Was hat sie gerne gegessen? Welche Musik hat sie gerne gehört? Usw. Die Fragen, die er nicht beantworten konnte, nahm er mit nach Hause und befragte dazu seinen Vater. So wurden die Erinnerungen aufgefrischt, er erfuhr Dinge über seine Mutter, die er noch gar nicht wusste oder die er vergessen hatte, und er bemerkte, dass sein Vater zwar nicht mehr so viel über seine Mutter sprach, sie aber nicht vergessen hatte, und dass er sich gerne mit Leo an sie erinnerte. Bei der nächsten großen Familienfeier nahm Leo allen Mut zusammen und erzählte von seiner Angst, dass seine Mutter von allen vergessen werde. Er berichtete, woran er sich noch erinnerte, und viele Familienmitglieder erzählten Geschichten von der Mutter, die sie mit ihr erlebt hatten. Dies war für Leo ein tolles Erlebnis.

Oft trügt der äußere Schein

Bei Kindern im Alter von zwei bis sieben Jahren ist ein gleichwertiges Nebeneinanderstehen von Freude und Trauer zu beobachten. Sie leben im Jetzt und können ihre Gefühle sehr intensiv für den Moment fühlen, wechseln aber genauso schnell wieder in eine andere Gefühlsstimmung und erleben dann diese intensiv. Bei Jugendlichen, die in der Phase der Selbstfindung sind und oft schwanken zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, ist ein Schicksalsschlag wie der Tod eines nahestehenden Menschen eine ganz andere Herausforderung. Viele Jugendliche geraten in der Pubertät ohnehin in große Zweifel, kommt dann noch ein Todesfall dazu, wissen sie oft gar nicht mehr, wie sie dies bewältigen sollen. Diese Überforderung zu kommunizieren, ist für Jugendliche aber schwierig, so geben sie sich oft unnahbar und wollen mit ihrer coolen Art den Eindruck erwecken: „Ich habe alles im Griff und komme alleine klar.“ Dennoch fühlen sie sich oft enttäuscht und allein gelassen von ihrem sozialen Umfeld. Das soziale Umfeld ist meist hilflos und gibt gutgemeinte Ratschläge, weil es unterstützen möchte. Doch das bewirkt nicht selten das Gegenteil. Wenn junge Menschen sich nicht verstanden fühlen, ziehen sie sich zurück oder sie provozieren und gehen zum „Gegenangriff“ über. Trauernde Jugendliche möchten kein „Sonderfall“ sein und sind gerade in der Anfangsphase der Trauer meist nicht in der Lage, über ihre Gefühle zu sprechen. Daher behalten sie ihre Gefühle für sich und bauen eine Fassade auf, damit keiner sieht, wie schlecht es ihnen tatsächlich geht.

2. Wie trauern Jugendliche?

Jugendliche wissen, dass der Tod unwiderruflich ist. Damit unterscheiden sie sich klar von Kindern, die etwa bis zum siebten Lebensjahr den Tod als einen vorübergehenden Zustand ansehen. Da die Jugendlichen begreifen, dass jeder sterben wird, beschäftigen sie sich mit existenziellen Fragen: Was passiert nach dem Tod? Was fühlt ein Mensch, wenn er im Sterben liegt? Was bedeutet Seele? Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren verstehen die Universalität und die Irreversibilität des Todes, sie sind interessiert an den biologischen Gründen des Todes und können diese auch verstehen. In dieser Altersgruppe gibt es kaum noch einen Unterschied zum Todesverständnis von Erwachsenen.

Trauer macht orientierungslos
Der Tod bedroht die eigene Identität

Der Tod eines nahestehenden Menschen verursacht Angst, viele Jugendliche in diesem Alter fürchten sich davor, dass auch andere nahestehende Menschen sterben oder sie selber sterben könnten. Jugendliche ab 14 Jahren fühlen sich beim Thema Tod oft missverstanden. Sie haben beinahe identische Todesvorstellungen wie die Erwachsenen, fühlen sich in ihrer Trauer trotzdem oft alleine gelassen. Sie zeigen in der Regel andere Reaktionen, als Erwachsene es von ihnen erwarten würden, wie z. B. nicht reden wollen oder wütend und provokativ sein. Damit kann das Umfeld meist nicht umgehen und reagiert hilflos. Für diese Altersgruppe ist es sehr wichtig, eigene Wege und Strategien zum Umgang mit Sterben und Tod zu entwickeln. Bei älteren Jugendlichen treten häufig Schulschwierigkeiten, Aggressionen oder selbstverletzendes Verhalten auf.

Wenn Jugendliche einen nahestehenden Menschen durch Tod verlieren, kommt ihre schon durch die Pubertät ins Wanken geratene Welt erst recht ins Schleudern und sie verlieren noch mehr Halt und Orientierung. Durch den Tod des geliebten Menschen erleben sie eine Sinn- und Identitätskrise bis dahin, dass Gedanken an Selbsttötung den Jugendlichen umtreiben. Der Tod eines Menschen kann bei Jugendlichen auch zu einem Rückgang ihrer Entwicklung führen, z. B. kann ihr Selbstvertrauen stark beeinträchtigt sein. Bisweilen brechen Jugendliche ihre Lehre ab, weil sie das Gefühl haben, der Anforderung nicht mehr gewachsen zu sein. Das geschieht selbst dann, wenn die Ausbilder gegenteiliger Meinung sind.

Schuldgefühle und Rollenübernahme

Die Jugendlichen entwickeln oft Schuldgefühle, da sie in der Trauerphase auch noch andere intensive Gefühle empfinden, wie z. B. das erste Mal richtig verliebt sein. Viele Jugendliche wollen nicht aus ihren Zusammenhängen herausfallen und auf ihre altersspezifischen Aktivitäten verzichten, fühlen sich aber doch irgendwie schlecht dabei und merken, dass sich beides nicht „unter einen Hut“ bringen lässt.

Manche Jugendliche übernehmen die Rolle der verstorbenen Person. Ein 10-jähriger Junge, dessen 15-jähriger Bruder sich selbstgetötet hat, übernahm viele Verhaltensweisen von seinem Bruder. Als er fünfzehn Jahre alt wurde, geriet er noch einmal in eine Krise. Ihm wurde klar, dass er sich orientierungslos fühlte, weil jetzt das Modell großer Bruder wegfiel und er ganz auf sich gestellt war. Es gibt auch Jugendliche, die die Rolle des verstorbenen Elternteiles übernehmen, leider tragen die Erwachsenen oft mit entsprechenden Bemerkungen dazu bei, wie etwa „Jetzt bist du der Mann im Haus.“ oder „Jetzt, wo deine Mama gestorben ist, hast du die Verantwortung für deine kleine Schwester.“

Jugendliche versuchen oft, den trauernden Elternteil zu stützen und zu funktionieren, dabei unterdrücken sie ihre eigene Trauer, was zusätzlich Kraft kostet. Aus diesem Grund sind die nächsten Verwandten, die selbst durch ihre Trauer belastet sind, meist nicht die auserwählten Ansprechpartner von den Jugendlichen, sondern eher Menschen außerhalb der Familie, wie z. B. Lehrer, Freunde usw. Jugendliche thematisieren ihre Gedanken und Gefühle eher im Kontakt mit Gleichaltrigen, hier fühlen sie sich eher verstanden und können sich auf einer ganz anderen, mitunter sehr pragmatischen und direkten Ebene mitteilen und austauschen. Nicht immer wissen Eltern oder andere Bezugspersonen, ob die Jugendlichen sich Gleichaltrigen anvertrauen, oder sie halten diese Form des Austauschs für nicht ausreichend.

Körperliche Symptome

Die Trauer von Jugendlichen kann sich durch körperliche Symptome und ganz unterschiedliche psychische Reaktionen bemerkbar machen.

Körperliche Symptome, die in der Trauerphase auftauchen, sind z. B. Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Alpträume, Kopf- und Bauchschmerzen, ständige Abgeschlagenheit, schwaches Immunsystem, Konzentrationsschwäche, Schwindel, Herzrasen oder Tinnitus. Entsprechende Symptome sollten unbedingt vom Arzt untersucht werden. Stellt dieser keine organischen Ursachen fest, braucht der Jugendliche mehr Unterstützung vom sozialen Umfeld oder durch eine gezielte Trauerbegleitung, denn der Körper zeigt an, dass „etwas zu viel“ ist. In der Regel kann eine Trauerberatung oder eine Trauergruppe für Jugendliche dazu beitragen, die körperlichen Symptome zu lindern, dies gelingt allerdings in der Regel nicht sofort, sondern geschieht in einem längeren Prozess. So können trauernde Jugendliche häufig aufgrund von Konzentrationsproblemen für längere Zeit dem Unterricht nicht folgen, da andere Gedanken sie beschäftigen. Dann ist es wichtig, bei den Lehrern um Verständnis zu werben, damit sie bei der Bewertung Rücksicht darauf nehmen. Um Druck herauszunehmen, kann es auch eine gute Lösung sein, dass der betroffene Jugendliche das Schuljahr wiederholt.

Es kann bei Jugendlichen auch zu Phantomschmerzen kommen. Nachdem ihre Mutter an einem Herzinfarkt gestorben war, litt die 17-jährige Tochter beispielsweise ebenfalls unter starken Herzschmerzen. Solche Symptome müssen ärztlich abgeklärt werden. Lässt sich keine körperliche Ursache ausmachen, braucht der Jugendliche Unterstützung durch Beratung oder Therapie. Es gibt auch Jugendliche, die einen großen „inneren, seelischen“ Schmerz fühlen und diesen kaum ertragen können. Nicht selten fügen sie sich körperliche Wunden zu, um die inneren Schmerzen für einen Moment nicht mehr fühlen zu müssen oder davon abgelenkt zu sein. Auch hier braucht der Trauernde professionelle Unterstützung, um Wege zu finden, den Schmerz auszudrücken, ohne sich zu verletzen. In der Regel wird dieser Prozess längere Zeit in Anspruch nehmen.

Gefühle in der Trauerphase

Trauernde Jugendliche durchleben viele Gefühle: Aggression und Wut, Einsamkeit, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Hass, Liebe, Enttäuschung, Leere, Scham, Erleichterung, Schuld, Angst, Panik und vieles mehr.

Aggression und Wut

Manche Jugendliche, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, verhalten sich aggressiv gegenüber Mitschülern. Die Jugendlichen können wütend sein, weil die Person mit ihrer Liebe und Präsenz nicht mehr da ist. Ihre Wut kann sich aber auch direkt auf eine bestimmte Person richten, die den Tod hätte „verhindern“ können, wie z. B. ein Elternteil oder ein Arzt. Jugendliche werden mit anderen vollständigen, intakten Familien konfrontiert und erinnern sich an die schönen Zeiten, die sie mit dem verstorbenen Menschen hatten, und sind wütend wegen all der Veränderungen, die der Tod mit sich brachte. Manchmal sind die Jugendlichen auch wütend, weil die eigenen Gefühle so mächtig sind, dass sie sich nicht mehr kontrollieren lassen.

• Was unterstützt?

Die meisten Erwachsenen im Umfeld des Jugendlichen können besser mit dem Gefühl der Traurigkeit umgehen als mit Wut. Sie haben Mühe zu verstehen, dass die Wut des Jugendlichen ein Teil der Reaktion auf die Ungerechtigkeit der Situation ist. Aggressive Jugendliche sollten ihre Wut ausagieren können, und zwar in einem geschützten Raum, wo sie keinen anderen verletzen können. Möglichkeiten dazu gibt es viele, beispielsweise an einem Sandsack, zuhause bei einer Kissenschlacht, beim Zerreißen von Telefonbüchern usw. Manchmal mögen Jugendliche auch die direkte Auseinandersetzung. Dazu eignen sich z. B. Schaumstoffschwerter, mit denen ein unmitelbares Kämpfen möglich ist, ohne dass sich jemand weh tut.

Schuldgefühle und schlechtes Gewissen

Schuldgefühle treten bei trauernden Menschen häufig auf, somit auch bei Jugendlichen: „Hätte ich mich doch bloß nicht mit meinem Vater gestritten, dann hätte er auch keinen Unfall gehabt“, „Ich hätte anders reagieren müssen, als mein Freund einen asthmatischen Anfall hatte“ oder „Warum habe ich nicht gemerkt, dass es meinem Bruder schlecht ging und er keinen Sinn mehr im Leben gesehen hat?“

• Was unterstützt?

Diese Jugendlichen brauchen ein Gegenüber, dem sie von ihren Schuldgefühlen erzählen können, einen Menschen, der ihnen diese nicht gleich wieder ausreden will, sondern dafür Raum lässt. Andernfalls erreicht man meistens das Gegenteil: Die Jugendlichen fühlen sich nicht ernst genommen und ziehen sich zurück.

Manche Jugendliche stellen sich die Frage: „Warum lebe ich?“ Sie haben deshalb ein schlechtes Gewissen und stellen in Frage, dass sie ein Recht haben, trotz ihrer Trauer auch schöne Momente genießen zu dürfen. Oft hilft es in solchen Fällen, mit dem Jugendlichen zu überlegen, was die Verstorbenen dazu sagen würden. Hier können Imaginationsübungen unterstützen, bei der die Jugendlichen mental in Kommunikation mit dem Verstorbenen treten (siehe Seite 88/89).

Schuldzuweisungen

Es passiert auch, dass Jugendliche anderen Menschen oder den Umständen die Schuld an dem Tod der verstorbenen Person geben. Dies kann der Realität entsprechen oder auch nicht. Bei Mord oder einem Unfall, der von jemand anderem verschuldet wurde, ist die Schuld real und die Jugendlichen brauchen die Möglichkeit, darüber zu reden und ihre Gefühle, oftmals Wut, auszudrücken. Dann gibt es Situationen, in denen Jugendliche einen Schuldigen suchen, damit der Verlust besser auszuhalten ist. Das kann der Arzt im Krankenhaus sein, der nicht richtig behandelt hat, oder die Mutter, die sich vor fünf Jahren vom Vater hat scheiden lassen, woraufhin der Vater an Krebs erkrankt ist.

• Was unterstützt?

Der betroffene Jugendliche muss die Gelegenheit erhalten, davon erzählen, ohne dass das Gegenüber das richtigstellen möchte. Wichtig ist zuzuhören und das Gesagte noch einmal zusammenzufassen, zum Beispiel: „Du glaubst, dein Vater ist an Krebs gestorben, weil seine Frau ihn vor fünf Jahren verlassen hat.“ Damit zeige ich dem Jugendlichen: „Ich habe dir zugehört (indem ich das Gesagte mit seinen Worten wiederhole), ich habe verstanden, dass dies deine Meinung ist und akzeptiere das, denn es ist dein gutes Recht, deine eigene Sichtweise zu haben (indem ich es ohne einen eigenen Kommentar stehen lasse)“. Durch das Reflektieren wird dem Jugendlichen das Gesagte bewusster und in der Regel kommt er mit der Zeit selbst dahin, dass seine Einschätzung nicht der Realität entspricht.

Erleichterung

Manchmal fühlen sich Jugendliche nach dem Tod eines Angehörigen erleichtert. Besonders wenn die verstorbene Person chronisch krank oder suizidgefährdet war. Eine solche Situation ist für einen Jugendlichen für einen längeren Zeitraum nur schwer zu ertragen und schafft in der Familie eine gespannte Atmosphäre. Jugendliche fühlen sich erleichtert, wenn das, was sie befürchtet haben, eingetreten und vorüber ist. Auch wenn ein Jugendlicher von der verstorbenen Person missbraucht wurde oder die verstorbene Person die ganze Familie terrorisiert hatte, fühlt sich der Jugendliche nach dem Tod oft erleichtert.

Über Gefühle wie Erleichterung oder Glück zu sprechen, wenn eine nahestehende Person gestorben ist, ist für Jugendliche überaus anstrengend. Sie fühlen sich meist schuldig, weil sie diese Gefühle haben. Aber es ist wichtig, dass ein Jugendlicher solche Gefühle benennen kann, denn sie sind ebenso berechtigt wie Traurigkeit und Wut.

• Was unterstützt?

Oft ist es hilfreich, dass der betroffene Jugendliche Bilder und Erinnerungen von der verstorbenen Person mitbringt und erzählen kann: Wie war die Person? Was hat sie ausgemacht? Wie hat sie sich vielleicht auch während der Krankheit verändert? Was hat Spaß mit ihr gemacht? Welche Sachen waren eher schwierig? Worüber hat man gestritten? Was hätte man gerne noch besprochen? Was hat sich nach dem Tod zum Besseren/Schlechteren verändert?

Ängste

Furcht und Angst sind eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. Der Tod eines nahestehenden Menschen bringt die Welt des Jugendlichen komplett durcheinander, das macht Angst. Die Angst kann sich in Form von Schlaflosigkeit, Angst vor dem Alleinsein, Panikattacken, als Aggression, Nervosität oder Konzentrationsmangel zeigen. Bei den jüngeren Jugendlichen (ca. 10 bis 13 Jahre) kann ein Verlust dazu führen, dass sie die Bezugspersonen, die noch leben, nicht aus den Augen lassen und sofort Panik bekommen, wenn diese nur wenige Minuten später kommen als erwartet. Dies ist in der Anfangsphase nicht ungewöhnlich, denn die Jugendlichen haben erfahren, dass jemand plötzlich stirbt und weg ist, und jetzt fürchten sie sich davor, dass auch noch andere Angehörige sterben könnten. Wenn Jugendliche einen Menschen durch Tod verloren haben, ist das Urvertrauen, dass alles gut gehen wird, oft nicht mehr da.

Jedes Begreifen hat seine Zeit. Ich habe Angst davor, Angst vor dem Tag, an dem ich begreife, dass meine Mutter mich wirklich nie wieder tröstet. Sina, 16 Jahre

Bei trauernden Jugendlichen treten häufig auch so genannte „soziale Ängste“ auf. Sie befürchten, abgelehnt und ausgelacht zu werden. Das kann so weit gehen, dass sie die Schule schwänzen, sich nicht mehr in ihren Sportverein trauen oder keine Party mehr besuchen. In solchen Fällen müssen die Jugendlichen stabilisiert und Ressourcen aktiviert werden, damit sie der Angst etwas entgegensetzen können.

• Was unterstützt?

Gerade bei den jüngeren Jugendlichen ist es wichtig, ihnen Struktur und Verlässlichkeit zu vermitteln. In der Trauerzeit brauchen die Jugendlichen oft genaue Absprachen, wieder mehr Betreuung und mehr Nähe. Sie wollen z. B. sogar wieder bei den Eltern im Bett schlafen. Trauern ist eine Ausnahmezeit, es ist wichtig, die Bedürfnisse der Jugendlichen ernst zu nehmen und sie wenn möglich umzusetzen. Wenn Jugendliche unter Angstgefühlen leiden, sollten Erwachsene ihnen klar machen, dass Angst zum Leben gehört. Man sollte vermitteln, dass Angst auch eine gute Seite hat, denn sie verhindert, dass wir uns in Situationen begeben, die uns überfordern.

Rückzug und Einsamkeit

Manche Jugendliche ziehen sich sehr zurück, lassen niemanden an sich heran, sie nehmen keinen Anteil mehr an ihrem Umfeld und vernachlässigen Freizeitaktivitäten. Einige verweigern die Mitarbeit in der Schule ganz oder wollen nicht mehr zur Schule gehen. Wenn Jugendliche sich komplett zurückziehen, entwickeln sie oft ein ungesundes Verhalten, wie z. B. Computersucht oder Konsum von Alkohol oder Drogen.

• Was unterstützt?

Auch in diesen Fällen geht es darum, dem betroffenen Jugendlichen Ressourcen und Fähigkeiten aufzuzeigen, denn Computer oder Drogen haben immer dann eine besondere Sogkraft, wenn die Wirklichkeit zu wenig positive Reize bietet. Gefährdet sind besonders Jugendliche, die sich als minderwertig, als nicht attraktiv empfinden. In der virtuellen Welt z. B. kann der Jugendliche alles kontrollieren, seine Persönlichkeit einbringen, ohne Angst haben zu müssen, nicht verstanden zu werden. Er kann Erfolge erzielen und Herausforderungen bestehen, für die er sich in der realen Welt zu schwach und zu hilflos fühlt. Daher sollte der Konsum von Drogen oder Computer nicht einfach verboten werden, vielmehr muss man das Gespräch mit dem Jugendlichen suchen und gemeinsam überlegen, was ihm helfen könnte.

Weitere mögliche Trauerreaktionen
Fürsorge für andere

Oft haben Erwachsene das Gefühl, dass die Jugendlichen gar nicht trauern, denn sie benehmen sich wie vor dem Tod der verstorbenen Person, sind weiterhin gut in der Schule und treffen ihre Freunde, mit denen sie über den Todesfall auch nicht reden. Es gibt Jugendliche, die ihre Trauer zurückstellen. Weil sie merken, dass ihre Bezugspersonen sehr traurig und nicht belastbar sind, versuchen sie, ihre engsten Familienmitglieder zu schützen. Wenn in der Familie jemand stirbt, ist das System Familie aus dem Gleichgewicht geraten. Manche Jugendliche bemühen sich, das alte System zu stabilisieren, indem sie Rollen übernehmen und ihre Emotionen unterdrücken. Sie vermissen die Fürsorge und Liebe der verstorbenen Person, signalisieren dies aber nicht, sondern versuchen, für die anderen Familienmitglieder dazu sein.

Rückschritte in der Entwicklung

Jugendliche leiden sehr darunter, wenn sie nach einem Todesfall in ihrer Entwicklung Rückschritte machen. Wenn ein Jugendlicher z. B. nicht mehr alleine schlafen kann, weil er Albträume hat, oder sich nicht mehr zutraut, bei Dunkelheit alleine auf die Straße zu gehen, beeinträchtigt dies das normale Bestreben, sich von den Erwachsenen zu lösen und selbstständig zu werden. Viele Jugendliche stehen dann in einem großen Zwiespalt, häufig sind ihnen ihre Ängste auch peinlich und sie schämen sich dafür. Sie versuchen, sie vor anderen zu verheimlichen, das baut jedoch zusätzlichen Druck auf. Wichtig ist, dass die Jugendlichen erfahren, dass diese Reaktionen in einem Trauerprozess normal sind und nach einer Zeit wieder weggehen. Es ist durchaus auch möglich, dass ein Jugendlicher nachts wieder einnässt, was für den Betroffenen in der Regel sehr unangenehm ist. Auch darauf müssen Erwachsene ruhig reagieren und, auch wenn keiner gern darüber sprechen möchte, klarstellen, dass dies eine normale und vorübergehende Trauerreaktion ist.

Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen

Mit dem Tod eines Elternteils tauchen bei den Jugendlichen oft existenzielle Fragen auf: „Können wir hier wohnen bleiben?“, „Wer verdient jetzt das Geld?“ oder „Was ist, wenn der andere Elternteil auch krank wird und stirbt?“ Diese Fragen lösen Angst aus und machen die Jugendlichen unsicher. Entsprechende Fragen muss man in Ruhe besprechen und realistische Lösungen finden. Für manche Jugendliche ist es gut zu wissen, wo sie leben können, wenn auch der andere Elternteil sterben sollte. In dieser Situation reicht es nicht aus zu beteuern, dass dieser gesund ist und nicht sterben werde. Denn Jugendliche können gut erfassen, dass jeder jederzeit sterben kann, und sie haben dies ja auch gerade erlebt. Sie brauchen konkrete Möglichkeiten und Perspektiven. Oft ist es für den überlebenden Elternteil nicht einfach, so kurz nach dem Velust über den eigenen Tod zu sprechen und zu überlegen, wo das eigene Kind dann leben könnte. Gegebenenfalls braucht die Mutter / der Vater bei solchen Überlegungen auch Unterstützung von Freunden oder Trauerbegleitern. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben ist für die Jugendlichen aber auch eine Gelegenheit, sich mit dem Wert des eigenen Lebens zu beschäftigen und diesen auch zu spüren.

Bemühen um Unabhängigkeit

Trotz des Todes sind betroffene Jugendlichen bestrebt, ihre Unabhängigkeit zu behalten, Bevormundung oder Mitleid wollen sie nicht. Sie möchten keine Sonderrolle spielen. Sie benötigen Aufmerksamkeit und suchen Zuneigung, auch wenn sie das nicht zeigen können. Es ist für Jugendliche wichtig, sich selbst zu verwirklichen, doch haben sie auch Angst, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu verlieren. Jugendliche in der Trauerphase brauchen Respekt, Offenheit, Freundschaft.

Anpassung an das Kommunikationsverhalten ­Gleichaltriger

Jugendliche kommunizieren heute meist über WhatsApp, Twitter oder Instagram. Hier fasst man sich kurz, springt häufig von einem Thema zum nächsten und „zeigt sich nicht wirklich“. Trauernde Jugendliche sind bemüht, nicht aus der Rolle zu fallen, und passen sich an. Denn Traurigkeit oder Verzweiflung haben in den sozialen Netzwerken keinen Platz oder geraten bei anderen schnell „in den falschen Hals“. Persönliche Gespräche sind generell weniger geworden. Mädchen haben meistens noch eine gute Freundin, mit der sie sich über alles austauschen, bei Jungs ist das eher nicht so. Deshalb ist es notwendig, dass sich Erwachsene als Gesprächspartner anbieten und betroffenen Jugendlichen signalisieren, dass sie sich Zeit für sie nehmen.

Was war nach dem Tod der verstorbenen Person für dich wichtig? – Antworten von Jugendlichen

Dass ich nicht alleine gelassen wurde. Ich hatte immer Familie und Freunde um mich herum, die mir halfen und mich abgelenkt haben.

Jana, 17 Jahre

Mit jemanden drüber reden, für meine Geschwister da sein und vor allem an die schönen vergangenen Momente erinnern.

Kate, 16 Jahre

Dass ich in der schwierigen Zeit unterstützt wurde und Halt hatte. Dass es eine Trauergruppe gibt, wo ich mich mit anderen Leuten austauschen kann.

Michelle, 17 Jahre

Mir ist wichtig gewesen, dass das Amt nicht mit mir machen kann, was es will. Ich habe viele Erinnerungen an unser Haus gehabt. Mir war zudem wichtig, dass ich weiß, wie es weitergeht.

Lukas, 14 Jahre

Dass ich mein Leben, so gut es ging, weiterführen konnte. Natürlich war ich traurig, aber hätte ich mich hängen lassen, dann wäre ich jetzt in einem Tief, da ich auch eher ein „Papa-Kind“ war und eigentlich noch bin. Mir waren aber auch meine Freunde sehr wichtig, denn wenn ich meine beste Freundin nicht gehabt hätte, dann wüsste ich nicht, was ich getan hätte. Aber wichtig war mir auch, dass es Menschen gibt, die einem helfen oder einen verstehen. Und im Trauerland habe ich das gefunden.

Angelina, 15 Jahre

Mein Vater, Omi, Schwester, Freund, beste Freunde, der Sport, ­shoppen, lesen.

Finja, 17 Jahre

Ihn nicht vergessen und genug Zeit haben, um an ihn zu denken.

Jantje, 16 Jahre

Zuneigung und dass ich meine Trauer mit meiner Familie teilen konnte. Und dass ich vieles unternommen habe.

Merle, 17 Jahre

Den Kopf wieder hochzunehmen und eine klare Sicht zu behalten, es war wichtig, nicht zu viel über den Todesfall nachzudenken, da man nicht nur sich selbst, sondern auch die Familie mitbelastet!

Mattis, 15 Jahre

Ich habe Nähe nach einer Person gesucht, weil bei mir ist meine Mutter gestorben.

Caroline, 14 Jahre

Das weiß ich nicht mehr so genau, eigentlich war mir nichts mehr so wirklich wichtig, damals war ich 10 Jahre alt und für mich ist einfach die Welt zusammengebrochen, als meine Mutter starb.

Finja, 15 Jahre

Dass ich und meine Familie trotzdem glücklich weiterleben können. Und das tun wir ja heute noch.

Marco, 15 Jahre

Es war mir wichtig, mich abzulenken, und mit anderen etwas zu unternehmen.

Hanna, 14 Jahre

Nicht alleine zu sein. Das Gefühl, dass es Personen gibt, die für mich da sind, die mir zuhören.

Tamike, 15 Jahre

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