Kitabı oku: «Tobit»
Internationaler Exegetischer Kommentar
zum Alten Testament (IEKAT)
Herausgegeben von:
Walter Dietrich, David M. Carr, Adele Berlin, Erhard Blum, Irmtraud Fischer, Shimon Gesundheit, Walter Groß, Gary Knoppers (†), Bernard M. Levinson, Ed Noort, Helmut Utzschneider und Beate Ego (apokryphe/deuterokanonische Schriften)
Umschlagabbildungen:
Oben: Teil einer viergliedrigen Bildleiste auf dem Schwarzen Obelisken Salmanassars III. (859–824 v. u. Z.), welche die Huldigung des israelitischen Königs Jehu (845–817 v. u. Z.; 2 Kön 9f.) vor dem assyrischen Großkönig darstellt. Der Vasall hat sich vor dem Oberherrn zu Boden geworfen. Hinter diesem stehen königliche Bedienstete, hinter Jehu assyrische Offiziere sowie, auf den weiteren Teilbildern, dreizehn israelitische Lastträger, die schweren und kostbaren Tribut darbringen.
© Z. Radovan/BibleLandPictures.com
Unten links: Eines von zehn Reliefbildern an den Bronzetüren, die das Ostportal (die sog. Paradiespforte) des Baptisteriums San Giovanni in Florenz bilden, geschaffen 1424–1452 von Lorenzo Ghiberti (um 1378–1455): Ausschnitt aus der Darstellung ‚Adam und Eva‘; im Mittelpunkt steht die Erschaffung Evas: „Und Gott der HERR baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und brachte sie zu ihm.“ (Gen 2,22) Fotografiert von George Reader.
Unten rechts: Detail der von Benno Elkan (1877–1960) geschaffenen Menora vor der Knesset in Jerusalem: Esra liest dem versammelten Volk das Gesetz Moses vor (Neh 8). Die Menora aus Bronze entstand 1956 in London und wurde im selben Jahr von den Briten als Geschenk an den Staat Israel übergeben. Dargestellt sind in insgesamt 29 Reliefs Themen aus der Hebräischen Bibel und aus der Geschichte des jüdischen Volkes.
Beate Ego
Tobit
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-020443-0
E-Book-Formate:
pdf: 978-3-17-038585-6
epub: 978-3-17-038586-3
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Diese Kommentierung stellt die antikjüdische Tobiterzählung in einen breiten traditionsgeschichtlichen Kontext, indem sie sowohl die darin enthaltenen Vorstellungen zu Engeln und Dämonen sowie zur antiken Medizin als auch ihre Torakonzeption analysiert. Außerdem wird eine synchron ausgerichtete Gesamtinterpretation vorgelegt, die zeigt, dass die Erzählung letztlich geschichtstheologisch zu verstehen ist. Sie macht deutlich, wie sich das antike Judentum in der Zeit der hellenistischen Herrschaft mit der Bedrohung durch die aggressive Politik der Großreiche auseinandersetzen konnte. Der Lobgesang des alten Tobit am Ende der Erzählung in Tob 13 eröffnet in diesem Kontext eine Hoffnungsperspektive für ihre Adressaten.
Prof. Dr. Beate Ego lehrt Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Ruhr-Universität Bochum.
Inhalt
Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber
Vorwort der Verfasserin
Einleitung
Zur Anlage dieser Kommentierung
Einführung
Textüberlieferung
Synchrone Aspekte der Tobiterzählung
Gliederung und Struktur der Erzählung
Gattung(en)
Erzählstil
Figuren der Handlung
Wichtige Themen: Leitwörter, bedeutende Motive und Motivfelder
Diachrone Perspektiven der Tobiterzählung
Zur Literarkritik
Datierung und Entstehungsort
Biblische und außerbiblische Bezüge und traditionsgeschichtliche Aspekte
Biblische Referenzen
Außerbiblische antikjüdische Traditionen
Weitere Traditionen
Gesamtinterpretation
Textgeschichtliche Aspekte
Kanonizität und Wirkungsgeschichte
Kanongeschichtliche Aspekte
Wirkungsgeschichte
Die Buchüberschrift: Tobits Herkunft und seine Exilierung (1,1–2)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelanalyse
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Exposition: Tobits und Saras Leid, ihre Gebete und die Entsendung des Engels (1,3–3,17)
Der Lebensweg des frommen Tobit, seine Verzweiflung und sein Gebet (1,3–3,6)
Tobits Lebensmotto: Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (1,3)
Tobits toratreues Leben in der Heimat (1,4–9)
Tobits Barmherzigkeitstaten im Exil und seine Verfolgung (1,10–2,1a)
Die Bestattung eines Landsmanns und Tobits Erblindung (2,1b–10)
Der Streit mit Hanna und die Verhöhnung Tobits (2,11–14)
Tobits Verzweiflung und sein Gebet (3,1–6)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Saras Leid und ihr Gebet (3,7–15)
Saras Schicksal: Vom Dämon heimgesucht und von einer ihrer Mägde verspottet (3,7–10)
Saras Verzweiflung und ihr Gebet (3,11–15)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelexegese
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Erhörung der Gebete und die Entsendung des Engels Rafaël (3,16–17)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelexegese
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Der Hauptteil: Die Reise mit dem Engel und die Heilungen (4,1–14,1a)
Planung der Reise und Tobits Lebenslehre (4,1–21)
Tobit erinnert sich an das Silber bei Gabaël in Medien (4,1–2)
Tobits Lebenslehre (4,3–21)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung, Struktur und Gattung/Formen
Einzelanalyse
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Suche nach einem Reisebegleiter, Vereinbarungen und Abschied (5,1–6,1)
Die Suche nach einem Reisebegleiter und Vereinbarungen für die Reise (5,1–17a)
Verabschiedung und Hannas Schmerz (5,17b–6,1)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelexegese
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Von Ninive nach Ekbatana: ein bedeutsamer Fischfang und die Vorbereitung auf die Begegnung mit Sara (6,2–18)
Am Tigris: ein bedeutsamer Fischfang (6,2–9)
Das Gespräch über die Begegnung mit Sara: Heirat und Dämonenvertreibung (6,10–18)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelexegese
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Der Empfang bei Saras Familie in Ekbatana und Vorbereitungen für die Heirat (7,1–17)
Ankunft und Empfang bei Saras Familie (7,1–9a)
Vorbereitungen für eine außergewöhnliche Eheschließung (7,9b–17)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Vertreibung des Dämons und eine glückliche Hochzeit (8,1–21)
Die Vertreibung des Dämons und die Hochzeitsnacht (8,1–18)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelanalyse
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Rafaël holt das Silber bei Gabaël in Rages (9,1–6)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Heimreise naht (10,1–13)
In Ninive: Tobits und Hannas Sorge um ihren Sohn (10,1–7a)
In Ekbatana: Die Verabschiedung von Tobias und Sara (10,7b–13)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Heimkehr: Tobits Heilung und Saras Ankunft (11,1–18)
Tobias’ Wiedersehen mit den Eltern und Tobits Heilung (11,1–15)
Der Empfang Saras und die Hochzeitsfeier (11,16–18)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung, Struktur und bestimmende Motive
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Die Verabschiedung Rafaëls: Entlohnung, Mahnungen und Selbstoffenbarung (12,1–22)
Die Entlohnung des Reisebegleiters (12,1–5)
Rafaëls Abschiedsrede und seine Offenbarung (12,6–22)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung, Struktur und Gattung
Einzelauslegung
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Tobits Lobgesang: Gottes Erbarmen und das neue Jerusalem (13,1–14,1a)
Lobpreis des Erbarmens Gottes unter den Völkern (13,1–8)
Der Jubel im Neuen Jerusalem (13,9–14,1a)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
Einzelauslegung
Wichtige buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Der Epilog: Tobits Vermächtnis und seine Lebenserfüllung (14,1b–15)
Tobits Abschiedsrede, Tod und Begräbnis (14,1b–11)
Bis zum Tod des Tobias: Das Ende des Exils naht! (14,12–15)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Einführung, Gliederung und Struktur
Einzelanalyse
Buchinterne Bezüge
Diachrone Analyse
Synthese
Anhang
Abkürzungen
Allgemein
Textversionen und Übersetzungen der Tobitüberlieferung
Weitere Quellen
Literatur
1. Tobit: Textausgaben und Kommentare
1.1 Textausgaben
1.2 Kommentare zu Tobit (Auswahl)
2. Weitere Quellen und Hilfsmittel
3. Weitere Forschungsliteratur
Register
Verzeichnis griechischer Wörter
Verzeichnis außerbiblischer Quellen (in Auswahl)
Schlagwortverzeichnis
Bibelstellenverzeichnis (in Auswahl)
Altes Testament
Neues Testament
Editionsplan
Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber
Der Internationale Exegetische Kommentar zum Alten Testament (IEKAT) möchte einem breiten internationalen Publikum – Fachleuten, Theologen und interessierten Laien – eine multiperspektivische Interpretation der Bücher des Alten Testaments bieten. Damit will IEKAT einer Tendenz in der gegenwärtigen exegetischen Forschung entgegenwirken: dass verschiedene Diskursgemeinschaften ihre je eigenen Zugänge zur Bibel pflegen, sich aber gegenseitig nur noch partiell wahrnehmen.
IEKAT möchte eine Kommentarreihe von internationalem Rang, in ökumenischer Weite und auf der Höhe der Zeit sein.
Der internationale Charakter kommt schon darin zum Ausdruck, dass alle Kommentarbände kurz nacheinander in englischer und deutscher Sprache erscheinen. Zudem wirken im Kreis der Herausgebenden, Autorinnen und Autoren Fachleute unterschiedlicher exegetischer Prägung aus Nordamerika, Europa und Israel zusammen. (Manche Bände werden übrigens nicht von einzelnen Autoren, sondern von Teams erarbeitet, die in sich bereits multiple methodische Zugänge zu dem betreffenden biblischen Buch verkörpern.)
Die ökumenische Dimension zeigt sich erstens darin, dass unter den Mitwirkenden Personen christlicher wie jüdischer Herkunft sind, und dies wiederum in vielfältiger religiöser und konfessioneller Ausrichtung. Zweitens werden bewusst nicht nur die Bücher der Hebräischen Bibel, sondern die des griechischen Kanons (also unter Einschluss der sog. „deuterokanonischen“ oder „apokryphen“ Schriften) ausgelegt.
Auf der Höhe der Zeit will die Reihe insbesondere darin sein, dass sie zwei große exegetische Strömungen zusammenführt, die oft als schwer oder gar nicht vereinbar gelten. Sie werden gern als „synchron“ und „diachron“ bezeichnet. Forschungsgeschichtlich waren diachrone Arbeitsweisen eher in Europa, synchrone eher in Nordamerika und Israel beheimatet. In neuerer Zeit trifft diese Einteilung immer weniger zu, weil intensive synchrone wie diachrone Forschungen hier wie dort und in verschiedensten Zusammenhängen und Kombinationen betrieben werden. Diese Entwicklung weiterführend werden in IEKAT beide Ansätze engstens miteinander verbunden und aufeinander bezogen.
Da die genannte Begrifflichkeit nicht überall gleich verwendet wird, scheint es angebracht, ihren Gebrauch in IEKAT zu klären. Wir verstehen als „synchron“ solche exegetischen Schritte, die sich mit dem Text auf einer bestimmten Stufe seiner Entstehung befassen, insbesondere auf seiner Endstufe. Dazu gehören nicht-historische, narratologische, leserorientierte oder andere literarische Zugänge ebenso wie die durchaus historisch interessierte Untersuchung bestimmter Textstufen. Im Unterschied dazu wird als „diachron“ die Bemühung um Einsicht in das Werden eines Textes über die Zeiten bezeichnet. Dazu gehört das Studium unterschiedlicher Textzeugen, sofern sie über Vorstufen des Textes Auskunft geben, vor allem aber das Achten auf Hinweise im Text auf seine schrittweise Ausformung wie auch die Frage, ob und wie er im Gespräch steht mit älteren biblischen wie außerbiblischen Texten, Motiven, Traditionen, Themen usw. Die diachrone Fragestellung gilt somit dem, was man die geschichtliche „Tiefendimension“ eines Textes nennen könnte: Wie war sein Weg durch die Zeiten bis hin zu seiner jetzigen Form, inwiefern ist er Teil einer breiteren Traditions-, Motiv- oder Kompositionsgeschichte? Synchrone Analyse konzentriert sich auf eine bestimmte Station (oder Stationen) dieses Weges, besonders auf die letzte(n), kanonisch gewordene(n) Textgestalt(en). Nach unserer Überzeugung sind beide Fragehinsichten unentbehrlich für eine Textinterpretation „auf der Höhe der Zeit“.
Natürlich verlangt jedes biblische Buch nach gesonderter Betrachtung und hat jede Autorin, jeder Autor und jedes Autorenteam eigene Vorstellungen davon, wie die beiden Herangehensweisen im konkreten Fall zu verbinden sind. Darüber wird in den Einführungen zu den einzelnen Bänden Auskunft gegeben. Überdies wird von Buch zu Buch, von Text zu Text zu entscheiden sein, wie weitere, im Konzept von IEKAT vorgesehene hermeneutische Perspektiven zur Anwendung kommen: namentlich die genderkritische, die sozialgeschichtliche, die befreiungstheologische und die wirkungsgeschichtliche.
Das Ergebnis, so hoffen und erwarten wir, wird eine Kommentarreihe sein, in der sich verschiedene exegetische Diskurse und Methoden zu einer innovativen und intensiven Interpretation der Schriften des Alten Testaments verbinden.
Die Herausgeberinnen und Herausgeber
Im Herbst 2012
Vorwort der Verfasserin
Die Tobiterzählung hat in den letzten Dekaden zunehmend das Interesse der Forschung auf sich gezogen. Die Veröffentlichung der Textfunde vom Toten Meer von Joseph Fitzmyer im Jahre 1995 stellte dabei einen wichtigen Faktor dar. Ein weiterer Meilenstein war dann die Publikation der mittelalterlichen jüdischen aramäischen und hebräischen Tobittexte durch Stuart Weeks, Simon Gathercole und Loren Stuckenbruck (2004). Somit wurde die Erforschung des Textes auf eine neue Basis gestellt. Da in der Tobiterzählung zudem Themen und Motive wie „jüdische Identität und Diaspora“, „Magie und traditionelle Medizin“, „Engel und Dämonen“, „Tora“ und „Gebetsfrömmigkeit“ eine bedeutende Rolle spielen, kommt ihr auch in Diskursen im Kontext der antikjüdischen Religionsgeschichte eine Schlüsselposition zu. Ich selbst freue mich, dass ich an der Erforschung dieses Textes nunmehr seit Anfang der 90er Jahre teilnehmen darf und dass ich dabei immer Neues entdecken konnte.
Mit der Fertigstellung dieses Kommentars und am Ende eines langen Weges gilt es, Dank zu sagen. An erster Stelle sei hier die VolkswagenStiftung genannt, die meinen Antrag für das Projekt „Historisch-kritische Kommentierung der Tobiterzählung in ihren antik-jüdischen, frühchristlichen und mittelalterlich-jüdischen Versionen“ im Rahmen des Opus Magnum-Förderangebots positiv beschieden hat. Ihre Finanzierung einer Vertretungsprofessur erlaubte es mir, mich über zwei Jahre voll auf die Arbeit an diesem Kommentar zu konzentrieren (10/2016–9/2018). Frau PD Dr. Kathrin Liess, München, hat mich in dieser Zeit in der Lehre so umfassend vertreten, dass der Unterrichtsbetrieb an meinem Lehrstuhl ohne jegliche Einschränkung stattfinden konnte. Dank sei auch der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum sowie der Universitätsleitung für die großzügige Gewährung einer so langen „Auszeit“ vom universitären Alltagsgeschäft. Der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart, danke ich für die Genehmigung, den Tobittext aus „Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, hg. von Wolfgang Kraus und Martin Karrer, © 2009, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart“ meiner Arbeit zugrunde legen zu dürfen.
Dann richtet sich der Blick auf all jene, die an der Arbeit selbst beteiligt waren, allen voran die wissenschaftlichen Hilfskräfte Sophia Daniel, Natalie Gabisch, Richard Jamison, Leonie Stör und Isabell Wolf; ein besonderer Dank geht an Karina Krainer, die das Projekt von Anfang an bis zum Abschluss mit viel Ausdauer und Sorgfalt begleitete. Dank sei auch dem Hauptherausgeber der IEKAT-Reihe Prof. Dr. Walter Dietrich für sein Engagement bei der Betreuung dieser Kommentierung sowie Florian Specker vom Lektorat des Kohlhammer-Verlages für seine Geduld und seinen Zuspruch bei der Fertigstellung des Manuskripts.
Schließlich danke ich all denen, die sich im Laufe der langen Zeit, in der diese Kommentierung entstanden ist, für Tobit und seine Familie, für Sara und Asmodäus und den Engel Rafaël interessiert und die mich durch ihre Fragen und ihre Geschichten sowie durch Einladungen zu Workshops und Vorträgen bei meiner Arbeit inspiriert haben. Geleitet war meine Arbeit an dieser Erzählung durch die Faszination für einen Text, in dem viele unterschiedliche Motive der antikjüdischen Vorstellungswelt zusammenfließen und dessen Tradenten immer neue Facetten ihres Stoffes erschlossen haben, die sowohl für die jüdische als auch für die christliche Tradition sinnstiftend wurden.
Einleitung
Zur Anlage dieser Kommentierung
Die Tobiterzählung (künftig: Tob) ist sowohl in hebräischer und aramäischer Sprache (so die fragmentarische Überlieferung der Texte von Qumran) bezeugt als auch in drei griechischen (GI, GII und GIII) sowie zwei lateinischen („Vetus Latina“ und „Vulgata“) Versionen. Wegen des fragmentarischen Charakters der Qumrantexte muss eine Kommentierung, die der gesamten Erzählung gerecht werden will, bei der griechischen Überlieferung ansetzen. Da die Langform GII, die hauptsächlich durch Ms. Sinaiticus belegt ist, die älteste und so gut wie vollständige Version der Erzählung repräsentiert und die dort fehlenden Abschnitte 4,7–19b und 13,6c–10 sich mit Hilfe des Kurztextes GI und der Vetus Latina relativ einfach rekonstruieren lassen,1 soll diese Version in der vorliegenden Kommentierung zum Ausgangspunkt genommen werden.2 Als Basis meiner Übersetzung diente die Übersetzung des Tobittextes in „Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung“, hg. von Wolfgang Kraus und Martin Karrer, © 2009, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Soweit keine gesonderten Verweise erfolgen, beziehen sich die Stellenangaben auf den Langtext, also die Version GII; die dort fehlenden Verse 4,7–19b und 13,6c–10 wurden rekonstruiert. Die Versangaben orientieren sich an der Septuaginta-Ausgabe von Robert Hanhart (1983).
Die einzelnen Abschnitte der Kommentierung sind wie folgt gegliedert: Nach einer Übersetzung des Textes nach der Version GII folgen zunächst Anmerkungen zur Übersetzung, in die knappe Hinweise zum Kurztext GI sowie zur Qumranüberlieferung und zur Vulgata eingeschlossen sind. Ziel dabei ist es, inhaltlich relevante Abweichungen knapp zu benennen. Um den Umfang dieses Kommentars in einem überschaubaren Rahmen zu halten, muss im Hinblick auf eine ausführliche Darbietung dieser Textversionen und ihrer einschlägigen Übersetzungen auf die bereits vorliegenden und leicht zugänglichen Publikationen verwiesen werden: Eine umfassende Präsentation aller Qumrantexte mit einem philologischen Fokus bieten Joseph Fitzmyer3 und Michaela Hallermayer4. Der Kurztext GI findet sich in Septuaginta Deutsch (2009)5 und die Überlieferung der Vulgata bietet die jüngst erschienene Übersetzung in der Reihe Tvscvlvm6. Die weiteren Ausführungen zum Text orientieren sich an dem durch die Kommentarreihe „Internationaler exegetischer Kommentar zum Alten Testament“ vorgegebenen Format und differenzieren deutlich zwischen einer synchronen und diachronen Betrachtung der Texte.7 Unter der Überschrift „Synchrone Analyse“ fragt der erste Hauptteil der Kommentierung vornehmlich nach der Struktur des Textes, der Erzählweise, nach wichtigen Motiven und der theologischen Aussage, wie sie dem Text unmittelbar entnommen werden können. Ein weiterer Hauptteil untersucht dann diachrone Aspekte des Textes. Da eine Kommentierung der Gesamterzählung mit einem Übersetzungstext arbeiten muss, erlaubt die Überlieferung des Buches nur begrenzt literarkritische Schlüsse. Vor diesem Hintergrund verzichtet die hier vorliegende Arbeit im Kommentarteil auf eine kleinteilige Literarkritik und bietet vor allem in der Einleitung einige grundlegende Informationen zu diesem Aspekt und ein „großflächiges“ Modell zur Literargeschichte. Umso aufschlussreicher sind im Hinblick auf die diachrone Struktur der Überlieferung jedoch die Bezüge zu älteren biblischen Texten sowie die traditionsgeschichtlichen Kontexte. Eine Synthese wird am Ende eines jeden Kapitels die vorangehenden Darlegungen zu einem knappen Gesamtbild zusammenfassen.
Die wichtigsten Einsichten zur Entwicklung vom Langtext GII zum Kurztext GI, zur Vulgata und zu nach-antiken jüdischen Überlieferungen werden, um den Umfang des Kommentars nicht zu sprengen, zusammenfassend in der Einleitung präsentiert. Eine durchgehende inhaltliche Kommentierung der Vulgata sowie eine ausführliche Präsentation der nach-antiken Texte und ihrer textgeschichtlichen Entwicklungen muss späteren Studien vorbehalten bleiben.
Somit liegt der Schwerpunkt der Kommentierung selbst – neben einer synchronen Betrachtung – auf der Traditionsgeschichte, wohingegen der Einleitungsteil neben den üblichen sog. „Einleitungsfragen“ auch wichtige textgeschichtliche Entwicklungen in ihren inhaltlichen Dimensionen behandelt.
Seit der Publikation der Fragmente aus Qumran ist das Interesse an Tob stetig gestiegen.8 Da diese Kommentierung in einem überschaubaren Umfang gehalten werden musste, war es mir nicht möglich, die zahlreichen Arbeiten zu Tob alle ausführlich zu diskutieren und zu würdigen. Allen Kolleginnen und Kollegen sei an dieser Stelle herzlich für ihre Beiträge gedankt, auch wenn nicht immer explizit auf diese verwiesen werden konnte.
Einführung
Das Tobitbuch erzählt die Geschichte des frommen und gerechten Tobit, der nach der assyrischen Eroberung in der Diaspora leben muss, dort unverschuldet erblindet und auf wundersame Art und Weise durch göttliche Hilfe, vermittelt durch einen Engel, geheilt wird. Dieser Handlungsstrang wird parallelisiert mit der Geschichte der Sara, die sich auch ihrerseits in größter Not befindet, da ein böser Dämon bereits sieben Männer, die sie heiraten wollten, vor der Hochzeit getötet hat, weshalb sie nun Schmach und Hohn ausgesetzt ist. Gott entsendet den Engel Rafaël, der – inkognito in Gestalt des jungen Mannes Azarias – wiederum Tobias, den Sohn Tobits, anweist, Herz, Leber und Galle eines Fisches einzusetzen, um Tobit und Sara von ihren Leiden zu befreien. Tobias und Sara werden zudem ein Paar und können somit das Gebot der Endogamie, das für den Erzähler ein wichtiger Bestandteil des Mosegesetzes ist, erfüllen. Letztlich aber wird die Rückkehr ins Heilige Land und in die herrlich erbaute Stadt Jerusalem erwartet. Das individuelle Schicksal der Protagonisten dient als Paradigma für das Geschick des Volkes und fungiert als Beispielgeschichte für dessen Erlösung.
Textüberlieferung
ÜberblickDie Textüberlieferung des Buches ist komplex. Außer den hebräischen bzw. aramäischen Qumranfragmenten liegen drei verschiedene griechische Textformen vor (der sog. Kurztext GI, der Langtext GII und eine Mischform GIII). Zu den älteren Übersetzungen gehören – neben einer syrischen, sahidischen, äthiopischen und armenischen Version – auch zwei lateinische Fassungen: die Vetus Latina und die Vulgata des Hieronymus. Während die Vetus Latina große Ähnlichkeiten mit dem Langtext GII aufweist, hat die Übersetzung des Hieronymus bei aller Nähe zur Vetus Latina eine ganz eigene Prägung. Darüber hinaus existieren noch fünf spätere, hebräische Textversionen sowie eine aramäische, die sich z. T. bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen. Es handelt sich um Rückübersetzungen der griechischen bzw. lateinischen Texte, die die Überlieferung frei gestalten.9
QumranDie Qumranfunde konnten eindeutig belegen, dass die Erzählung ursprünglich in einer semitischen Sprache verfasst wurde. So wurden im Jahre 1952 in Höhle 4 zahlreiche Einzelfragmente des Textes in aramäischer und hebräischer Sprache gefunden. Insgesamt handelt es sich um vier aramäischsprachige bruchstückhaft erhaltene Rollen (1–4) sowie ein hebräischsprachiges fragmentarisches Manuskript (5):
1. 4QpapToba ar (4Q196) ist auf Papyrus in späthasmonäischer Schrift geschrieben und auf ca. 50 v. Chr. zu datieren. Hier konnten 20 Fragmente von unterschiedlicher Länge identifiziert werden; 30 Teile sind unidentifiziert.
2. 4QTobb ar (4Q197) ist auf braune Lederfragmente geschrieben. Diese Abschrift wurde in frühherodianischer Formalschrift verfasst und kann in die Zeit zwischen ca. 25 v. Chr. und 25 n. Chr. datiert werden. Von dieser Kopie konnten fünf Fragmente identifiziert werden; zwei blieben unidentifiziert.
3. 4QTobc ar (4Q198) besteht aus zwei Fragmenten auf dünnem gegerbtem Leder. Die Schrift kann als späthasmonäische oder frühherodianische „book hand“ mit einigen semikursiven Elementen klassifiziert werden und ist zeitlich ungefähr um 50 v. Chr. anzusetzen. Die beiden Fragmente enthalten anscheinend Teile von Tob 14; allerdings kann das zweite nicht klar zugeordnet werden.
4. 4QTobd ar (4Q199) wird von zwei Einzelfragmenten auf braunem Leder repräsentiert. Der Text ist in hasmonäischer Schrift geschrieben und kann auf ca. 100 v. Chr. datiert werden. Es handelt sich damit um den ältesten uns erhaltenen Text des Tobitbuches.
5. 4QTobe hebr (4Q200), das einzige hebräischsprachige Fragment, besteht aus neun Einzelfragmenten auf Leder. Die Schrift kann als frühe herodianische „formal hand“ bezeichnet werden, die zwischen ca. 25 v. Chr. bis 25 n. Chr. anzusetzen ist. Es sind insgesamt 11 Fragmente enthalten; die Identifizierung von zwei Fragmenten ist unsicher.
Überblick über die Qumranfragmente 4Q196–200
| 4QpapToba ar | 4QTobb ar | 4QTobc ar | 4QTobd ar | 4QTobe hebr |
| 1 1,17 | ||||
| 2 1,19–2,2 | ||||
| 3 2,3 | ||||
| 4 2,10–11 | ||||
| 5 3,5 | 1 3,6–8 | 1 i 3,6 | ||
| 6 3,9–15 | 1 ii 3,10–11 | |||
| 7 3,17 | ||||
| 8 4,2 | ||||
| 9 4,5 | 2 4,3–9 | |||
| 10 4,7 | ||||
| 11 4,21–5,1 | 2 4,21–5,1 | 3 5,2 | ||
| 12 5,9 | 3 5,12–14 | |||
| 13 6,6–8 | 4 i 5,19–6,12 | |||
| 14 i 6,13–18 | 4 ii 6,12–18 | |||
| 14 ii 6,18–7,6 | 4 iii 6,18–7,10 | |||
| 1 7,11 | ||||
| 15 7,13 | ||||
| 5 8,17–9,4 | ||||
| 4 10,7–9 | ||||
| 5 11,10–14 | ||||
| 16 12,1 | ||||
| 17 i 12,18–13,6 | 6 12,20–13,4 | |||
| 17 ii 13,6–12 | 7 i 13,13–14 | |||
| 18 13,12–14,3 | 1 14,2–6 | 7 ii 13,18–14,2 | ||
| 19 14,7 | 2 14,10 (?) | 2 14,10 | 8 ? | |
| 20–49 ? | 6–7 ? | 9 3,3–4 |
Schließlich existiert noch ein Fragment Schøyen Ms. 5234 zu Tob 14,3–6.
Die Fragmente aus Qumran weisen einige Charakteristika auf, die für die Schreiberpraxis in Qumran typisch sind. Das Aramäische wird als Mittelaramäisch klassifiziert, das anderen nichtbiblischen Texten aus Qumran, wie z. B. dem Genesis-Apokryphon oder dem Hiobtargum, ähnelt und in die Zeit zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem Anfang des 2. Jh.s n. Chr. zu datieren ist. Die Sprache des hebräischen Fragments stellt dagegen ein Beispiel eines spät-nachexilischen Hebräisch dar.
Ein viel diskutiertes Problem seit der Entdeckung dieser Fragmente ist die Frage, welche Textform – die aramäische oder die hebräische – als Original anzusehen ist. Erschwerend für eine Entscheidung ist das Faktum, dass zwar 20 Prozent des aramäischen, aber nur sechs Prozent des hebräischen Textes erhalten sind und es nur wenige Überlappungen der beiden Überlieferungen gibt, sodass ein direkter Vergleich längerer Passagen nicht möglich ist. Insgesamt hat sich in den letzten Jahren die Tendenz zu der Annahme, dass die Erzählung zunächst auf Aramäisch verfasst und dann ins Hebräische übersetzt wurde, verstärkt. Als wichtiges Argument kann angeführt werden, dass die Erzählung aufgrund zahlreicher Motivparallelen als Bestandteil eines breiteren Korpus aramäischer Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels verstanden werden kann.10 Durch die Übersetzung des Textes ins Hebräische erhielt das Buch eine größere Autorität.11
Die griechischen VersionenAls weitere Stufe der Textgeschichte lässt sich die Erzählung in den griechischen Versionen greifen, nämlich in
– GI – repräsentiert durch den Codex Vaticanus (4. Jh.), den Codex Alexandrinus (5. Jh.) und den Codex Venetus (8. Jh.) sowie durch eine Anzahl von Minuskelhandschriften;
– GII – repräsentiert durch den Codex Sinaiticus (4. Jh.; es fehlen 4,7–19b und 13,6i–10b) sowie die Minuskelhandschrift 319 (3,6–6,16),
– GIII – repräsentiert durch die Handschriften 106 und 107 (auf 6,9–12,22 beschränkt).12
Seit der Entdeckung des Codex Sinaiticus in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Frage nach dem Verhältnis von GI zu GII zum zentralen Thema der Tobitforschung. Nach langer Diskussion13 hat sich in den letzten Jahren vor dem Hintergrund, dass die Qumrantexte im Wesentlichen der Form des Langtextes entsprechen, zunehmend der Konsens durchgesetzt, dass GII die ältere Textform darstellt, die in GI überarbeitet wurde. Die sprachliche Grundtendenz dieser Revision besteht in einer Kürzung des Textes sowie in seiner Glättung, welche die stark semitisierende Sprachform von GII in ein flüssigeres Griechisch umarbeitet. GIII wiederum kann als eine gegenüber GI und GII nochmals sekundäre Textform bestimmt werden, die grundsätzlich GII zuzuordnen ist, aber auch Textelemente von GI übernommen hat.14 Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen die Überlieferung von Qumran mit der Überlieferung von GI zusammengeht. Dies deutet darauf hin, dass die uns vorliegenden Texte der Version GII nicht deren älteste Version repräsentieren, sondern bereits eine spätere Abschrift eines nicht mehr vorhandenen Originals darstellen, in welche sich im Überlieferungsprozess kleine Veränderungen eingeschlichen haben. Ob diese frühere griechische Version eine hebräische oder aramäische Vorlage hatte, kann wegen der geringen Textbezeugung nicht entschieden werden.15
Lateinische VersionenDie griechischen Texte bilden wiederum die Grundlage für die lateinischen Versionen.
Vetus LatinaDie Vetus Latina, von der bislang keine kritische Edition vorliegt, setzt GII als Vorlage voraus16 und spielt deshalb für die Rekonstruktion von GII eine bedeutende Rolle. Wichtige alte Handschriften sind u. a. Codex Regius 3564, die Alcalà-Bibel und Codex Reginensis 7.17
VulgataAls weitere lateinische Übersetzung ist die Vulgata des Hieronymus aus dem Jahre 404 zu nennen. Nach seinem eigenen Zeugnis, das er in der dazugehörenden Vorrede gibt, entstand diese Übersetzung an einem einzigen Tag. Ein Dolmetscher übertrug den Text vom Aramäischen ins Hebräische, aus welchem Hieronymus dann ins Lateinische übersetzte. Diese Schilderung erklärt den paraphrastischen Charakter des Textes, der sowohl zu den aramäischen Texten aus Qumran als auch zu den griechischen Versionen häufig große Differenzen aufweist. Wenn die Vulgata aber oft eine große Nähe zu der Vetus Latina zeigt, so wird deutlich, dass sich Hieronymus bei seiner Arbeit auch dieser als Vorlage bediente.18
Weitere antike ÜbersetzungenNeben den griechischen und lateinischen Übersetzungen liegt noch eine Reihe weiterer alter Übersetzungen ins Syrische, Koptische, Äthiopische, Armenische, Georgische und Arabische vor. Die syrische Version ist ein Mischtext aus allen drei griechischen Versionen mit z. T. ganz eigenständigen Traditionen.19 Für die anderen Überlieferungen spielt GI als Vorlage eine wichtige Rolle, aber auch andere Lesarten (GIII und auch GII) konnten einfließen.20
Die nach-antiken jüdischen ÜberlieferungenSchließlich existieren noch mehrere nach-antike hebräische sowie eine aramäische Version der Erzählung aus mittelalterlicher bzw. noch späterer Zeit, nämlich „Hebraeus Münster“ (1542; basierend auf Ms. Konstantinopel 1516), „Hebraeus Fagius“ (1542; nach Ms. Konstantinopel 1519), „Hebraeus Londini“ (ed. Gaster 1897; nach dem Ms. der British Library, Add. 11639, 13. Jh.); „Hebrew Gaster“ (ed. Gaster 1897, nach einem verloren gegangenen Manuskript aus dem 15. Jh. von Gaster selbst erstellt [Codex Or. Gaster 28]) und Ozar ha-Qodesch (Druck Lemberg 1851, Manuskript unbekannt) sowie einer aramäischen Version (ed. Neubauer 1878; nach Bodleian Hebrew Ms. 2339).21 Diese Texte, die keine direkten Fortführungen der alten semitischsprachigen Tradition darstellen, sondern vielmehr freie Rückübersetzungen aus dem Griechischen bzw. Lateinischen sind, zeigen sowohl midraschähnliche Erweiterungen als auch paraphrastische Verkürzungen und Auslassungen.22
Synchrone Aspekte der Tobiterzählung
Gliederung und Struktur der Erzählung
Vor dem Hintergrund, dass der Langtext GII die älteste uns vorliegende und fast vollständige Fassung der Erzählung bietet, wird diese die Basis für die vorliegende Kommentierung bilden. Die Geschichte lässt sich in Buchüberschrift, Exposition, Hauptteil und Epilog gliedern:
1,1–2 Die Buchüberschrift: Tobits Herkunft und seine Exilierung
1,3–3,17 Die Exposition: Tobits und Saras Leid, ihre Gebete und die Entsendung des Engels
1,3–3,6 Der Lebensweg des frommen Tobit, seine Verzweiflung und sein Gebet
1,3 Tobits Lebensmotto: Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
1,4–9 Tobits toratreues Leben im Land
1,10–2,1a Tobits Barmherzigkeitstaten im Exil und seine Verfolgung
2,1b–10 Die Bestattung eines Landsmanns und Tobits Erblindung
2,11–14 Der Streit mit Hanna
3,1–6 Tobits Verzweiflung und sein Gebet
3,7–15 Saras Schicksal und ihr Gebet
3,7–10 Saras Leben: Vom Dämon heimgesucht und von einer ihrer Mägde verspottet
3,11–15 Saras Verzweiflung und ihr Gebet
3,16–17 Die Rettung naht: Die Entsendung des Engels Rafaël
4,1–14,1a Der Hauptteil: Die Reise mit dem Engel und die Heilungen
4,1–21 Planung der Reise und Tobits Lebenslehre
4,1–2 Tobit erinnert sich an das Silber bei Gabaël
4,3–21 Tobits Lebenslehre
5,1–6,1 Suche nach einem Reisebegleiter, Vereinbarungen und Abschied
5,1–17a Suche nach einem Reisebegleiter und Vereinbarungen
5,17b–6,1 Die Verabschiedung und Hannas Schmerz
6,2–18 Von Ninive nach Ekbatana: ein bedeutsamer Fischfang und die Vorbereitung auf die Begegnung mit Sara
6,2–9 Am Tigris: ein bedeutsamer Fischfang
6,10–18 Das Gespräch über die Begegnung mit Sara: Heirat und Dämonenvertreibung
7,1–17 Der Empfang bei Saras Familie in Ekbatana und die Vorbereitungen für die Heirat
7,1–9a Ankunft und Empfang bei Saras Familie
7,9b–17 Vorbereitungen für eine außergewöhnliche Eheschließung
8,1–21 Die Vertreibung des Dämons und eine glückliche Hochzeit
8,1–18 Die Hochzeitsnacht mit der Vertreibung des Dämons
8,19–21 Das Antrauungsmahl
9,1–6 Rafaël holt das Silber bei Gabaël in Rages
10,1–13 Die Heimreise naht …
10,1–7a In Ninive: Tobits und Hannas Sorge um Tobias
10,7b–13 In Ekbatana: Die Verabschiedung von Tobias und Sara
11,1–18 Die Heimkehr: Die Heilung Tobits und die Ankunft Saras
11,1–15 Tobias’ Wiedersehen mit den Eltern und die Heilung Tobits
11,16–18 Der Empfang Saras und die Hochzeitsfeier
12,1–22 Die Verabschiedung Rafaëls: Entlohnung, Mahnungen und Selbstoffenbarung
12,1–5 Die Entlohnung des Reisebegleiters
12,6–22 Rafaëls Abschiedsrede und seine Offenbarung
13,1–14,1a Tobits Lobgesang: Gottes Erbarmen und das neue Jerusalem
13,1–8 Lobpreis des Erbarmens Gottes unter den Völkern
13,9–14,1a Der Jubel im Neuen Jerusalem und Schluss
14,1b–15 Der Epilog: Tobits Vermächtnis und seine Lebenserfüllung
14,1b–11 Tobits Abschiedsrede, Tod und Begräbnis
14,12–15 Bis zum Tod des Tobias: Das Ende des Exils naht!
In ihrem Hauptteil weist die Erzählung eine konzentrische Struktur23 auf:
| Überschrift | 1,1–2 | Buch der Geschichte …; Genealogie Tobits | ||||
| Exposition | 1,3–3,17 | Tobits und Saras Not und der Heilsplan Gottes | ||||
| A | 4,1–21 | Lebenslehre Tobits für Tobias als Abschiedsrede vor seiner Reise, um das Geld bei Gabaël zu holen | ||||
| B | 5,1–6,1 | Suche eines Reisebegleiters, Lohnvereinbarungen und Verabschiedung | ||||
| C | 6,2–8,17 | Auf dem Weg von Ninive nach Ekbatana, Fischfang, Vertreibung des Dämons und Antrauungsmahl mit Sara | ||||
| D | 9,1–6 | Rafaël holt das Geld bei Gabaël | ||||
| C' | 10,1–11,19 | Gespräche über die Heimkehr,Rückreise von Ekbatana nach Ninive, Heilung Tobits und Hochzeitsfeier | ||||
| B' | 12,1–22 | Das Entlohnungsangebot für den Reisebegleiter und die Selbstvorstellung des Engels | ||||
| A' | 13,1–14,1a | Tobits Lobgesang | ||||
| Epilog | 14,1b–15 | Lebenserfüllung und Vermächtnis | ||||
Gattung(en)
Die Geschichte kann als eine romanhafte Lehrerzählung mit stark didaktischer Tendenz24 bezeichnet werden. Sie weist im Kernteil Tob 2–12 zahlreiche volkstümliche, humoristische Elemente auf;25 durch die Rahmung in Tob 1; 13 und 14 wird der Ton dann aber weitaus ernster. Die kunstvolle Verschränkung der Handlungsstränge sowie das Motiv der Zusammenführung der beiden Liebenden erinnert an die Gattung des hellenistischen Romans. Allerdings ist die Erzählung im Gegensatz zu den klassischen Beispielen dieser Gattung sehr zurückhaltend im Hinblick auf die Darstellung der Sexualität. Auch das Thema der Zusammenführung der Liebenden ist hier abgewandelt, denn für den hellenistischen Roman ist es typisch, dass die Liebenden getrennt werden, um dann nach vielen Abenteuern und Gefahren wieder zusammenzufinden.26
Diese komplexe Erzählung enthält wiederum weitere literarische Formen, die in die Redeelemente eingebaut sind: Hier ist an erster Stelle Tobits Testament (4,3–19) zu nennen, das aus einer Ansammlung von weisheitlichen Ermahnungen und Sentenzen besteht, sowie – ganz ähnlich im Duktus – die Offenbarungsrede des Engels (12,6–20). Testamentähnlichen Charakter haben auch Tobits Worte kurz vor seinem Tod (14,3–11), wobei hier aber neben den weisheitlichen Ermahnungen zum Tun der Barmherzigkeit (mit dem Verweis auf Achikar als eine Art Beispielgeschichte) (14,8–11) auch ein eschatologischer Geschichtsausblick (14,4–7) enthalten ist.
Als weitere eigenständige Gattung erscheinen Gebete und Dankeshymnen (3,2–6.11–15; 8,5–8.15–17; 13,1–18; siehe unten zu „Wichtige Motive“), die in die Handlung integriert sind und die Protagonisten charakterisieren. Dabei kommt dem Dankeshymnus (13,1–18), der wiederum aus zwei Teilen (Diaspora- und Jerusalemhymnus) besteht, aufgrund seines Umfangs und seiner exponierten Position am Ende der Erzählung besondere Bedeutung zu.
Erzählstil
Für den Großteil der Geschichte ist der Stil szenischen Erzählens, der vor allem aus kürzeren Dialogen besteht, vorherrschend. Durch dieses Stilmittel kommen Erzählzeit und erzählte Zeit oft zur Deckung und so wird die Leserschaft schnell in die Handlung hineingenommen. Darüber hinaus enthält die Erzählung aber auch längere Redeeinheiten (3,1–6; 4,3–21; 12,6–20; 13,1b–18; 14,3–11).27 Die Rahmenteile Tob 1,3–22 und 14,1–15 haben eher summarischen Charakter, insofern hier ein weit gespannter Rückblick auf Tobits Leben gegeben wird. Auffällig ist der Erzählerwechsel. Das Buch beginnt nach der Überschrift (1,1–2) mit der Ich-Erzählung des alten Tobit (ab 1,3) und wechselt dann, wie es der Stoff erfordert, mit der Geschichte der Sara in die 3. Pers. (3,7). Diese Perspektive wird bis zum Buchende beibehalten. Man hat überlegt, diesen Wechsel literarkritisch zu erklären (siehe unten Diachronie), allerdings kongruiert der Erzählerwechsel nicht mit gängigen literarkritischen Modellen. Außerdem kennen auch andere frühjüdische Erzählungen (so Esr, Neh, GenAp) einen solchen Wechsel der Erzählperson.28
Wenn ab Tob 3,7 einerseits ein Erzähler spricht, der einen deutlichen Wissensvorsprung gegenüber seinen Figuren hat, und andererseits auch häufig – durch den szenischen Erzählstil – die Figurenstimmen zu hören sind, die von den metaphysischen Hintergründen des Geschehens zunächst ja noch nichts wissen, so zeigt die Geschichte insgesamt eine ironische Komponente – so insbesondere, wenn von der Begleitung eines „guten Engels“ (vgl. 5,22) die Rede ist. Vor allem die Kernerzählung Tob 2–12 enthält solche Momente, zu denen auch die Episode vom Ausheben des Grabes während der Hochzeitsnacht gehört (8,9f.).29
Die Erzählung weist eine ganz besondere Art der Spannung auf, die man als „anticipatory suspense“ bezeichnet hat. Im Gegensatz zur „suspense of uncertainty“, bei der der Ausgang der Ereignisse tatsächlich noch offen erscheint, ist ab Tob 3,16–17 mit der Nachricht von der Entsendung des Engels klar, dass die Geschichte mit der Heilung Tobits und Saras enden wird. Offen – und auch das erzeugt natürlich wieder Spannung – bleibt allerdings, wie dies im Einzelnen geschehen soll, und die Kunst des Erzählers besteht dabei nicht zuletzt darin, die beiden Lebensfäden von Tobit und Sara miteinander zu verknüpfen.30
Typisch für die Erzählweise des Buches ist es auch, bestimmte Ereignisse, die sich zeitgleich zutragen, nebeneinander zu stellen. Das beste Beispiel hierfür ist die „Parallelschaltung“ der Geschicke Tobits und Saras, die beide in ihrem jeweiligen Gebet kulminieren (1,3–3,6; 3,7–15) und die mit der Entsendung des Engels zusammengeführt werden (3,16f.). Darüber hinaus wird auch von der Hochzeitsnacht sowohl in der Innen- als auch in der Außenperspektive erzählt (8,1–18), und schließlich thematisiert Tob 10,1–13 die Heimkehr Tobias’ sowohl aus dem Blickwinkel seiner Eltern als auch aus dem der Brauteltern. Die kunstvolle Verflechtung der verschiedenen Erzählstränge sowie ihre Zusammenführung können als Stilmittel verstanden werden, das die göttliche Führung des Geschehens zum Ausdruck bringt.31 Sehr gerne gibt der Erzähler auch einen Einblick in die Gefühlswelt und die Emotionen der Protagonisten und bietet somit in rezeptionsästhetischer Hinsicht das Identifikationspotential, das der Leserschaft die mentale Partizipation an dem Geschehen ermöglicht.32
Figuren der Handlung
Im Zentrum der Erzählung stehen die Figuren Tobit, Sara und Tobias, deren Schicksale eng verbunden sind. Weitere wichtige Figuren, die das Geschehen begleiten, sind Hanna, Tobits Frau, die Brauteltern Raguël und Edna sowie Gabaël in Medien. Namentlich genannt werden zudem noch Achikar und sein Neffe Nadab. Durch den Verweis auf die Assyrerkönige Salmanassar V. (726–722 v. Chr.; siehe 1,2.13.15), Sanherib (704–681 v. Chr.; siehe 1,15) und Asarhaddon (680–669 v. Chr.; siehe 1,21f.) spannt der Erzähler ein Koordinatensystem auf, das das Geschehen in einen zeitlichen Rahmen stellt. Weitere Akteure sind Gott, der Engel Rafaël und der Dämon Asmodäus. Wichtige Figuren, die namentlich nicht genannt werden, sind die Person, die Tobit wegen seiner Bestattung der Toten beim König anzeigt (1,19), die Nachbarn, die ihn verspotten (2,8), Tobits mitexilierte Brüder, die ihn bemitleiden (2,10), Saras Mägde (3,8f.) sowie die Einwohner Ninives bzw. die Juden, die sich über Tobits Heilung wundern und sich mit der Familie nach der Ankunft Saras freuen (11,16f.; siehe dort zum Begriff „Juden“.).
Tobit, Tobias und SaraIm Hinblick auf eine Charakterisierung der Figuren sind insbesondere die Figurenstimmen bedeutsam, da der Erzähler selbst in der Erzählstimme keine expliziten Aussagen über den Charakter der Protagonisten macht. Dabei kommt der Figur Tobits eine besondere Rolle zu, da die Erzählform in der 1. Pers. am Anfang des Buches (1,3–3,6) einen deutlichen Blick auf seinen frommen Charakter und seine emotionale Verfasstheit ermöglicht. Für Saras Darstellung ist ihr Gebet (3,11–15) bedeutsam. Tobias wird durch den gesamten Handlungskontext als gehorsamer Sohn porträtiert, für den das Gebot des Vaters höchste Priorität hat. Eine sehr persönliche Zeichnung findet sich bei Hanna, insofern diese sich mit der Lebenshaltung und dem Geschick ihres Mannes auseinandersetzt (2,11–14) und sie zudem ihren Schmerz und ihre Trauer um das Ergehen ihres Sohnes zum Ausdruck bringt (5,18–20; 10,4–7a). Der Erzähler lenkt den Blick immer wieder auf die Welt der Frauenfiguren und ihre emotionale Verfasstheit;33 allerdings fällt dennoch auf, dass Frauen im Vergleich mit den männlichen Protagonisten eine eher passive Rolle spielen.34
Gott als FigurGott wirkt – so das Gottesbild der Tobiterzählung – im Verborgenen; nirgends wird erzählt, dass Gott direkt in das Geschehen eingreift. Er kann Leid bringen, was als Strafe oder Züchtigung verstanden wird (μαστιγόω – so 11,15), erhört aber schließlich die Gebete der Protagonisten, indem er den Engel Rafaël entsendet, der ihnen Hilfe und Rettung bringt (3,16f.). Somit lässt die Erzählung keinen Zweifel daran, dass Gott sich der Frommen erbarmt (8,16f.; 11,17) und all das Gute gewirkt hat, das den Protagonisten begegnet (10,13; 11,17; 12,22). Gottes Handeln erscheint ansonsten noch im Kontext der Geschichte, insofern er in seiner Gerechtigkeit sein Volk bestrafen oder züchtigen kann (μαστιγόω – 13,2.5.9; vgl. auch 3,5 mit dem Hinweis auf Gottes Gerichtshandeln), aber auch hier hat letztlich seine erbarmende Zuwendung das letzte Wort (ἐλεέω – 13,2.5.9).
In diesem Kontext finden sich auch passive Formulierungen, die im Sinne eines passivum divinum verstanden werden können (siehe z. B. 13,10; 14,4). Während in den zahlreichen Abschnitten, in denen die Figurenstimmen reden (sei es direkt oder indirekt), Gott relativ häufig erwähnt wird (siehe insbesondere die Gebete und Tobits Weisheitslehre in 4,3–19, aber auch 10,13; 11,16), kommt er in den Passagen, in denen der Erzähler direkt spricht, selten vor (so nur 3,16f.). Die meisten Nennungen zeigen sich in den drei letzten Kapiteln in der Abschiedsrede des Engels (12,6–20), im Lobgebet Tobits (13) und in seiner Sterberede (14,3–11). Insbesondere der Hymnus in Tob 13 nennt Gott sehr häufig. Wenn so „fast ausschließlich die Figuren der Erzählung Gott im Munde [führen], sei es in ihrem monologischen Erzählen und Reden, sei es in Gesprächen miteinander oder in Gebeten […], erhält das Reden von Gott einen persönlichen Anstrich und die Qualität des Bekennens zu der Gottheit.“ Somit kann das Reden der Figuren „von und zu Gott“ als „exemplarisch vorbildhaft“ beschrieben werden.35
In GII erscheinen v. a. folgende Gottesbezeichnungen bzw. -namen: „Gott“, „Herr“, „Gott/Herr des Himmels“, „Gott Israels“, „Höchster“ sowie „König“, „(heiliger) Name“ und „unser Vater“.
– Die häufigste Gottesbezeichnung ist ὁ θεός, „Gott“. Der Begriff erscheint in GII insgesamt über 50-mal, in der Regel mit dem bestimmten Artikel (vgl. aber 3,11 und 8,15 im Vokativ).36
– An zweiter Stelle steht die Gottesbezeichnung κύριος mit fast 30 Belegen.37 In ungefähr der Hälfte der Fälle ist dieses Wort mit dem bestimmten Artikel verbunden;38 fünf der Belege haben, stets ohne Artikel, den Vokativ κύριε.39
– κύριος und ὁ θεός können auch miteinander kombiniert werden, dann trägt das an zweiter Stelle stehende Wort θεός den Artikel.40
– Manchmal treten beide Gottesbezeichnungen mit dem nachfolgenden Genitivattribut τοῦ οὐρανοῦ41 oder τοῦ οὐρανοῦ καὶ τὴς γής42 auch miteinander verknüpft auf („Herr / Gott des Himmels [und der Erde]“). In diesem Kontext findet sich auch je einmal die Verbindung ὁ θεὸς τῶν πατέρα ἡμῶν, „der Gott unserer Väter“ (8,5).
– GII hat darüber hinaus einmal ὁ θεὸς τοῦ Ισραηλ, „der Gott Israels“ (13,18). Hinzu kommt die Kombination mit Personalpronomina im Genitiv.43
– Die Gottesbezeichnung ὕψιστος, „Höchster“, erscheint nur einmal (1,13).
– Weitere Gottesbezeichnungen sind βασιλεύς, „König“ (auffallend häufig in 13),44 sowie τὸ ὄνομα τὸ ἅγιον, „der heilige Name“45 bzw. τὸ ὄνομα, „der Name“46. Schließlich ist auch die Gottesbezeichnung „unser Vater“ (13,4) belegt.47
Karin Schöpflin weist darauf hin, dass alle Gottesbezeichnungen der profanen Sprache entstammen und – mit Ausnahme der Bezeichnung „der Name“– „jeweils Spitzenpositionen innerhalb eines sozialen Gefüges (beschreiben) und […] somit Relationsbegriffe“ sind. Auch wenn die Texte vom Namen Gottes sprechen, wird dieser selbst doch nie genannt, „sodass Gott streng genommen namenlos bleibt“.48
RafaëlDie Wirksamkeit des Engels Rafaël, der zum Medium des göttlichen Rettungshandelns wird, umfasst eine Vielzahl von Funktionen, und er erscheint in ganz unterschiedlichen Rollen, so als Gebetsmittler (12,12), als Thronengel (12,15; siehe auch 3,16), als Wegbegleiter und Schutzengel (5–11 passim), als Offenbarer medizinischen Wissens (6,5.7–9; 11,4.7f.), als Brautwerber (7,9), als Dämonenvertreiber (8,3) sowie als Unterweiser in der Tora (6,10–18) und als Weisheitslehrer und Lehrer des rechten Gotteslobs (12,6–15.17–20).49
AsmodäusRafaëls Gegenspieler ist der Dämon Asmodäus. Auch diese Figur hat unterschiedliche Facetten: Asmodäus wirkt mit der Tötung der Ehemänner zunächst als Schadensdämon, dessen Aggressivität nicht näher erklärt ist (3,8). In diese Richtung deutet auch der hebr. Name „Aschmodai“ (der allerdings in den Qumranfragmenten nicht erhalten ist und erst in späteren Texten erscheint), denn er weckt Assoziationen an den hebräischen Begriff שׁמד hif., „ausrotten, vernichten“.50 Wenn seine „Entfernung“ oder „Lösung“ im Kontext der Mission Rafaëls als „Heilung“ verstanden werden kann (so 3,17), dann scheint der Dämon eine Art Krankheit zu verkörpern. Asmodäus kann als Symbolisierung einer Infektionskrankheit verstanden werden: Während Sara zwar infektiös ist, aber keine Symptome zeigt, hat diese für die betroffenen Männer einen tödlichen Ausgang. Dies erklärt die Aussage, dass Asmodäus Sara in Liebe verbunden ist (so 4Q196 14 i 4; Ms. 319; 6,15 GI); es klingt hier aber auch die Vorstellung von einem Incubus-Dämon51 an. Solche Dämonen zeigten sich in nächtlichen sexuellen Träumen, die wiederum als Grund für Erkrankungen angesehen werden konnten. Insofern der Dämon die endogamen Ehen Saras verhindert, die wiederum in der Vorstellungswelt der Erzählung dem Gebot der Tora entsprechen, fungiert er als Gegenspieler eines toragemäßen Lebens und als ein Feind Israels. Der Dämon kann mit Räucherwerk vertrieben werden (6,8.14f.17; 8,2f.); außerdem wird er von Rafaël noch gefesselt, sodass er fortan keinen Schaden mehr anrichten kann (8,3).52
Wichtige Themen: Leitwörter, bedeutende Motive und Motivfelder
Die Erzählung enthält verschiedene Leitwörter, die sich wiederum zu Motiven und schließlich auch zu Motivfeldern zusammenfassen lassen und die auf deren zentrale Themen verweisen. Diese Felder können sich berühren oder sogar überschneiden. Wenngleich ihnen unterschiedliche narrative Funktionen und Bedeutungen zukommen (die an anderer Stelle noch weiter zu differenzieren wären), so durchziehen sie doch die gesamte Erzählung.
„Exil vs. Jerusalem“Ein Motiv, das gleich am Anfang der Erzählung erscheint, ist das der Gefangenschaft bzw. des Exils. Hier stehen die Begriffe αἰχμαλωσία, „Gefangenschaft“, αἰχμαλωτεύω/αἰχμαλωτίζω, „in Gefangenschaft führen“, αἰχμάλωτος, „Gefangener“, im Zentrum. Tobit gehört zu der Gruppe der Nordisraeliten, die unter Salmanassar (726–722 v. Chr.) ins Exil nach Ninive geführt wurden (1,2), wo er seinen „Brüdern“ viele Wohltätigkeiten erweist und dafür mit Verfolgung, Enteignung und sozialer Schmach bezahlen muss (1,3.10–20; 2,1–7; zum Begriff siehe 1,3.10). Auch im Verlauf der Kerngeschichte wird immer wieder auf die Exilserfahrung rekurriert: So erklärt Tobit in seinem Gebet die Exilierung mit seinen eigenen Sünden und denen seines Volkes (3,3–6; zum Begriff 3,4). Auch Sara spricht in ihrem Gebet davon, dass sie sich im „Land der Gefangenschaft“ befindet (3,15); zudem verweisen Tobias und sein Reisebegleiter bei ihrer Vorstellung im Hause Raguëls auf ihre Zugehörigkeit zu den Exilierten (7,3).
Die Verbindung zwischen den Sünden des Volkes und der Exilierung findet sich auch in Tobits Hymnus am Ende des Buches unter dem Stichwort διασπείρω (13,3) bzw. διασκορπίζω (13,5) mit der Bedeutung „zerstreuen“. Tobits Hymnus macht deutlich, dass das Exil der Ort sein soll, an dem Gottes mächtiges Handeln vor den Völkern bekannt wird. Israel wird so zum Zeugen seines Gottes in der Völkerwelt (13,1–6). Im Neuen Jerusalem sollen dann auch die Gefangenen erfreut werden (13,10). In seinem Geschichtsausblick schaut Tobit auf das Babylonische Exil (14,4). Das Buch endet mit dem Untergang Ninives, und so ist es schließlich das stolze Reich der Assyrer selbst, das die Schmach und das Leid der Exilierung tragen muss (14,15).53
Gegenpol zur Exilserfahrung ist das Leben im Land und in Jerusalem. Dieses Motiv (und damit die Spannung „Exil vs. Land“) wird ebenfalls gleich am Anfang eingebracht: Explizit verweist der Erzähler auf Tobits Herkunft aus Nordgaliläa und lässt den Protagonisten dann in der Ich-Form auch über sein Leben im Land vor seiner Exilierung berichten, in dem er regelmäßig nach Jerusalem wallfahrtete (1,4–8). Hier findet eine Verbindung mit dem Motiv des „Mosegesetzes“ statt (1,8: νόμος Μωσῆ und ἐντολή; 1,6: πρόσταγμα αἰώνιον).
Auch beim Gespräch mit dem künftigen Reisebegleiter seines Sohnes erscheint die Erinnerung an Tobits Wallfahrten nach Jerusalem (5,14). Das Thema ist zudem auch integraler Bestandteil der Zukunftshoffnung: So wird das Endogamiegebot mit der Landgabe verbunden (4,12), und am Ende des Buches erscheint das Motiv der Rückkehr nach Jerusalem als ein breites Thema, insofern Tobit in seinem Hymnus das Neue Jerusalem als eine Stadt des Jubels besingt, in der die Gefangenen erfreut und in die auch die Völker mit ihren Gaben strömen werden (13,8–18). Ebenso verweist Tobit in seinem Geschichtsausblick kurz vor seinem Tod auf die Rückkehr der gesamten Gola und die Erbauung Jerusalems (14,5–7).54 Tobits Pilgerschaft nach Jerusalem kann so als eine Antizipation der eschatologischen Jerusalemwallfahrt gesehen werden; die für die Heilszeit erhofften Ereignisse werden aber alles Frühere überbieten.
Barmherzigkeitstaten, Armut und ReichtumDie Erzählung setzt das Milieu einer wohlhabenden Schicht voraus, und Tobit scheint – zumindest in seinen guten Jahren – ein reicher Mann gewesen zu sein. Hätte er nicht über ein bestimmtes Vermögen verfügt, hätte er seine Landsleute nicht in ihrer Bedürftigkeit unterstützen können (1,16–20; 2,2–7); auch die Mahnungen zum Almosengeben (4,6–11.16–17) oder zur korrekten Bezahlung eines Lohnarbeiters (4,14) ergeben nur dann Sinn, wenn sie sich an ein Publikum richten, das zumindest einen gewissen finanziellen Spielraum hat. Auch die Beschreibung seines Mahls deutet auf diesen Aspekt hin (2,1f.). Ein wichtiges Handlungselement, das mit dem Reichtum der Familie verbunden ist, ist das bei Gabaël im fernen Medien deponierte Vermögen (1,14), das durch die erfolgreiche Reise des Tobias wieder in den unmittelbaren Besitz der Familie kommt (vgl. 4,1.20; 5,3.6; 9,1–6; 10,2; 11,15; 12,3; oft mit expliziten Vor- und Rückverweisen55). Auch die Heirat mit Sara hat positive Auswirkungen auf das Vermögen der Familie (8,21; 10,10; 14,13).
Aber auch Tobits Verwandtschaft macht einen prosperierenden Eindruck. Für Achikar ist das ganz offensichtlich (1,22), ebenso muss Saras Familie über gewisse finanzielle Freiheiten verfügt haben, wenn reichlich aufgetischt werden kann (7,9; 8,19f.; 9,6) und für die Reise der Brautleute auch Dienstpersonal und Reittiere zur Verfügung stehen (9,2.5).
Das Thema des Reichtums klingt auch durch den Namen „Tobit“ an, da er Assoziationen an die Familie der Tobiaden – einer begüterten Adelsfamilie im spät-nachexilischen Judentum – weckt (siehe zu 1,1).
Die Geschichte zeigt aber problematische Seiten des Reichtums: So findet sich in den Worten Hannas nach dem Abschied ihres Sohnes („Es soll ja nicht das Silber zum Silber kommen …“; 5,19f.) eine eindeutige Kritik an dessen Überschätzung, und die Fragilität des Reichtums bzw. des Besitzes wird durch Tobits eigenes Schicksal nur zu deutlich: Wegen der Unsicherheit auf den Straßen ist Tobit nach dem Regierungsantritt Sanheribs (704–681 v. Chr.) in seiner Aktivität als Fernhandelskaufmann eingeschränkt und kann somit nicht mehr seiner Erwerbstätigkeit nachgehen (1,15); als er wegen der Bestattung seiner Landsleute verfolgt wird, verliert er sein Vermögen (1,20), und nach seiner Erblindung ist er nicht mehr in der Lage, für seinen Unterhalt und den seiner Familie zu sorgen (so implizit durch 2,10 und 2,11). In diesen Situationen ist Tobit auf die Solidarität seiner Verwandtschaft (i. e. Achikar; 1,22; 2,10) bzw. seiner Frau (2,11) angewiesen.
Innerhalb dieses breiten biographischen Rahmens kommt der Wertschätzung solidarischen Handelns eine bedeutende Rolle zu. Die Begriffe ἀλήθεια, „Wahrheit“, δικαιοσύνη, „Gerechtigkeit“, und ἐλεημοσύνη, „Barmherzigkeit bzw. Almosen“, durchziehen die Erzählung wie ein roter Faden und können als Leitwörter gelten.56 Alle drei Begriffe finden sich gleich am Anfang (1,3) und kehren sowohl in den erzählenden Abschnitten als auch in Redeelementen unterschiedlichster Art wieder. Dabei können aber auch nur einzelne Begriffe der Trias erscheinen. Durch die verschiedenen Belege ergibt sich eine Sinndimension, welche die gesamte Erzählung überspannt: Die Begriffe werden am Anfang programmatisch eingeführt, dann durch die Handlung bestätigt, um schließlich in der Rede des Engels am Ende der Geschichte reflektiert und gleichzeitig auf die Zukunft hin entfaltet zu werden.57 Speziell die Gabe von Almosen (eine mögliche Übersetzung des Terminus ἐλεημοσύνη, die sich aus dem Kontext ergibt58) wird in der Abschiedsrede Tobits thematisiert (4,6–11.16–17). In diesem Kontext erfolgt des Weiteren eine explizite Verbindung mit den göttlichen Geboten und Weisungen (vgl. die Rahmung 4,5 und 4,19). Zudem wird der Gebotsgehorsam mit der Wendung „Gottes gedenken“ zusammengefasst (4,5f.).59 Ein weiterer Rekurs auf die Thematik findet sich in der Rede des Engels (12,8–10; hier wieder alle drei Begriffe) sowie am Ende der Erzählung, wenn es heißt, dass Tobit auch nach seiner Erblindung weiterhin barmherzige Taten wirkte (14,2). Durch Tobits Rede vor seinem Tod wird der Anspruch einer solchen Praxis an die nächste Generation weitergegeben (14,8.9, ebenfalls alle drei Begriffe) und es erfolgt so eine Art „Verstetigung“ dieser Haltung.60
Tobit wird als Vorbild eines solchen solidarischen Handelns präsentiert (vgl. den programmatischen Einsatz in 1,3), der sich auch in extremen Krisensituationen nicht vom praktischen Tun der Barmherzigkeit abhalten lässt. Er erweist – unter Einsatz seiner gesicherten Existenz – seinen mitexilierten Brüdern viele Barmherzigkeitstaten, indem er sie speist, bekleidet und bestattet (1,16–20; 2,2–7; vgl. ἐλεημοσύνη siehe 1,16). Trotz seiner persönlichen Krise, in der ihm seine Frau vorhält, dass seine Haltung der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu nichts nütze war (vgl. 2,11–14 mit ἐλεημοσύνη und δικαιοσύνη), bleibt er seinen Idealen treu. In seinem Gebet schickt er sich in seine Situation und betont Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (3,1–6), und im Anschluss daran ermahnt er seinen Sohn zu einem Leben in Gerechtigkeit und Wahrheit (4,5f.).
Die gesamte Motivik impliziert einen narrativen Diskurs über den Tun-Ergehen-Zusammenhang. In Tobits Gebet (3,1–6) wird deutlich, dass „Barmherzigkeit“, „Gerechtigkeit“ (hier als Adjektiv) und „Wahrheit“ nicht nur menschliche Ideale, sondern auch göttliche Wirkgrößen darstellen (3,2). Insofern Gottes Handeln an Tobit als Barmherzigkeitshandeln zusammengefasst werden kann (11,17: ἐλεέω) und Tobit am Ende seines Lebens seinen Wohlstand auch wieder erlangt (14,2), steht die gesamte Motivik im Kontext eines funktionierenden Tun-Ergehen-Zusammenhangs: Derjenige, der seinen Nächsten barmherzige Taten erweist, erfährt auch die Barmherzigkeit Gottes. Dieser Zusammenhang wird in einem Subplot, d. h. einer Art Nebenhandlung, auch durch die Figur Achikars veranschaulicht, der als Exempel dafür dient, dass barmherziges Handeln letztlich belohnt wird (14,10f.).61 Am Ende der Erzählung soll dann in der Beschreibung des „Neuen Jerusalem“ mit seiner Lichtherrlichkeit (13,11; siehe auch 13,16f.) die spirituelle Dimension des Reichtums anklingen.
Tod und BestattungEin Sonderfall der Barmherzigkeitstaten ist die Bestattung. Tobit begräbt die Toten seines Volkes, die zu Opfern der Verfolgung wurden, als Ausdruck der Nächstenliebe (1,17–19; 2,3–8). Dieses Verhalten bringt ihm aber zunächst nur Unglück, da er vom König verfolgt (1,19f.) sowie von den Nachbarn (2,8) und auch seiner Frau (2,14) verspottet wird. Schließlich erblindet Tobit sogar in unmittelbarem Zusammenhang mit einer solchen Tat (2,9f.). In seinem Testament befiehlt er seinem Sohn, dass er ihn und seine Mutter würdig in einem Doppelgrab bestatten solle (4,3f.). Auf diesen Befehl, die Eltern zu bestatten, rekurriert Tobias, um zu begründen, dass er sein Leben nicht durch eine Heirat mit Sara riskieren möchte (6,15). Eine Ironisierung des Motivs findet während der Hochzeitsnacht statt, wenn der Brautvater Raguël in seiner Furcht, seinen künftigen Schwiegersohn könnte dasselbe Unglück ereilen wie dessen Vorgänger, ein Grab ausheben lässt (8,9f.), das dann aber glücklicherweise nicht benötigt wird, sodass er die Grube unbenutzt wieder zuschaufeln kann (8,18). Schließlich bestattet Tobias tatsächlich am Ende der Geschichte – in Entsprechung zur Lebenslehre Tobits (4,3) – seinen hochbetagten Vater (14,1.11), seine Mutter (14,12) und seine Schwiegereltern (14,13). Das Motiv ist nicht nur im Hinblick auf die Demonstration der Frömmigkeit Tobits bedeutsam, sondern zeigt auch, dass diese Frömmigkeit schließlich von Gott belohnt wird – ist es doch dieses Handeln, das den Engel Rafaël dazu bringt, das Gebet Tobits zu Gott zu bringen (12,12). In der Rede des Engels werden die negativen Folgen, die sich aus der Bestattung der Toten ergeben, auch als Probe interpretiert. Wenn der Sohn Tobias das Gebot der Elternbestattung, das zu der Weisheitslehre seines Vaters gehörte, befolgt, so zeigt er sich zudem als gehorsamer und vorbildlicher Sohn.62
Wege und ReisenEin weiterer Schwerpunkt bezieht sich auf das Motivfeld „Wege und Reisen“, vertreten durch die Begriffe ὁδός, „Weg“, πορεύομαι, „reisen“, und εὐοδόω, „Gelingen haben“. Der Begriff πορεύομαι erscheint ebenfalls gleich am Anfang der Erzählung für die Wallfahrt nach Jerusalem (1,6f.), für Tobits Weg ins Exil (1,10), für seine Handelsreisen nach Medien (1,14f.) sowie sein Weg zu den Ärzten nach seiner Erblindung (2,10). Aber auch Tobias’ Suche in der Stadt nach einem Bedürftigen, der mit dem Vater speisen soll (2,3), wird mit diesem Begriff bezeichnet. Im Zentrum stehen allerdings die Aussagen mit πορεύομαι, die sich auf die Reise nach Ekbatana (5,2.3.4.5.6.9.10.16.17.21; 6,1.6.18) bzw. Rages (9,2.5) und den Rückweg von dort (11,4) bzw. die gesamte Reise (10,1.5.6; 11,6; 12,1) beziehen.63 Dabei ist eine Verbindung mit ὁδός häufig. Der Begriff kann aber auch isoliert erscheinen und sich direkt auf den konkreten Weg beziehen, auf dem Hanna ihren Sohn sehnsüchtig erwartet (11,5). Schließlich kann πορεύομαι auch für Tobits freies Einherschreiten nach seiner Heilung auf dem Weg zum Stadttor (11,16) verwendet werden.
Eine besondere Rolle spielt das Wort εὐοδόω: Im Gespräch mit seiner Frau bringt Tobit seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die Reise ihres Sohnes gelingen wird (5,22), und schließlich preist Tobias (10,13) bzw. Tobit Gott für den erfolgreichen Ausgang der Reise.64 Zudem findet sich auch eine übertragene Bedeutung des Begriffs εὐοδόω, insofern Raguël wünscht, dass Gott Tobias und seiner Tochter für die Eheschließung Gelingen schenken möge (7,12; 10,11).
Begleitet werden diese konkreten Angaben zu Reise und Weg durch eine metaphorische Verwendung der Begrifflichkeit. Tobit geht auf den Wegen von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit (1,3), bekennt aber in seinem Gebet, dass das Volk („wir“) nicht in Wahrheit auf den Wegen Gottes gewandelt sei (3,5). In seiner Abschiedsrede weist Tobit seinen Sohn an, dass er nicht auf den Wegen der Ungerechtigkeit gehen solle (4,5) bzw. dass er von Gott das Gelingen seiner Pläne erbitten möge (4,19). Diejenigen, die die Wahrheit tun, werden in ihren Werken Gelingen haben (4,6).
Krankheit und HeilungEin weiteres Wortfeld ist dem Thema der „Krankheit“ und „Heilung“ gewidmet. Hier ist zunächst Tobits Blindheit zu nennen. Tob 2,10 erzählt von seiner Erblindung, und nach seinem Gebet wird Rafaël zu seiner Heilung entsandt (3,17). Da Tobit nichts von diesem hintergründigen Wirken Gottes weiß, beklagt er bei der Begegnung mit Azarias seinen Zustand (5,10). Implizit klingt das Motiv der Blindheit auch beim Fischfang und dem Ausnehmen der Innereien an, insofern Rafaël hier von einer Medizin gegen Blindheit sprechen kann (6,9). Dann verweist Raguël bei der Begrüßung von Tobias und Azarias explizit auf Tobits Blindheit (7,7), und der Kreis schließt sich, als Tobit bei der Rückkehr seines Sohnes geheilt werden kann und Gott lobpreist (11,8.10–17). In Tob 12,3 bezieht sich Tobias explizit auf die Heilung des Vaters zurück; Tob 12,13f. deutet die Erblindung Tobits nicht als unglücklichen Zufall, sondern als göttliche Prüfung. Tob 14,2 schließlich wirft einen Blick auf die biographische Einbindung der Erblindung Tobits: Danach erblindete er im Alter von 62 Jahren.65
Die Erzählung kennt zwei verschiedene Begriffe für das Heilungshandeln, nämlich ἰάομαι und θεραπεύω. Der Begriff ἰάομαι findet sich bei der Entsendung des Engels Rafaël (3,17) sowie in dessen Worten (siehe den Zuspruch für Tobit in 5,10 und den Rückblick des Engels in 12,14). Θεραπεύω dagegen erscheint im Kontext des Versuches Tobits, sich bei den Ärzten Hilfe zu holen (2,10), sowie bei Tobias’ Rückblick auf das Geschehen (12,3). So wird deutlich, dass das Heilungsgeschehen hier aus zwei Perspektiven beleuchtet wird: ἰάομαι steht für Heilungen, die im Kontext des göttlichen Rettungshandelns erfolgen, wohingegen bei θεραπεύω ein solcher Referenzrahmen nicht gegeben bzw. dem Sprecher nicht offenbar ist.66
Tob 3,17 (ἰάομαι) sowie Tob 12,3 (θεραπεύω) zeigen, dass auch die Vertreibung des Dämons (ein „böser Geist“), der eine Begegnung (ἀπάντημα) mit einem Menschen hat (6,8), als Heilungshandeln verstanden wird.
Weitere Begriffe aus dem Wortfeld „Heilung“ sind φάρμακον sowie die damit verbundenen Fischinnereien Herz, Leber und Galle, aus denen das Räucherwerk gegen den Dämon und die Augensalbe für den Vater hergestellt werden (6,4.7; 11,8.11; siehe auch 2,10 allgemein als Arznei bei Augenkrankheiten). In Tob 2,10 werden auch die Ärzte (ἰατρός) genannt.
Die Heilungen selbst sind dann ganz unterschiedlich beschrieben: Die Augensalbe soll aufgestrichen (ἐγχρίω) bzw. auf die Augen gehaucht (ἐμφυσάω) (6,9) oder geschmiert (ἐμπλάσσω) werden, sodass sie die weißen Flecken zusammenzieht (ἀποστύφω) und abschält (ἀπολεπίζω) (11,8). Beim Heilungsakt selbst bläst (ἐμφυσάω) Tobias dem Vater in die Augen, er trägt die Salbe auf (ἐπιβάλλω) und reicht sie ihm dar (ἐπιδίδωμι), dann werden die weißen Flecken mit den Händen abgeschält (ἀπολεπίζω) (11,11–13). Diese Unterschiede zwischen den einzelnen Abschnitten könnten darauf hindeuten, dass der Erzähler über die Abfolge der Handlungen („in die Augen blasen“ – „die Salbe aufstreichen“) beim Heilungsakt keine exakten Vorstellungen hatte.
Die Heilung vom Dämon soll dadurch erfolgen, dass dieser „gelöst“ oder „geschieden“ (ἀπολύω) wird (3,17). Bei der eigentlichen Vertreibung (wo allerdings der Begriff ἰάομαι nicht erscheint) wird er dann durch den Geruch zurückgehalten (κωλύω) und entweicht (ἀποτρέχω) nach Ägypten, wo er gefesselt (δέω) wird (8,3).
FamilieEin wichtiges Motiv der Erzählung ist das der Familie. Bereits der Buchanfang (1,1) zeigt durch den detaillierten Stammbaum die Bedeutung von familiären Strukturen.67 Der Wert der Familie äußert sich dann auch im Gespräch Tobits mit dem künftigen Reisebegleiter seines Sohnes, insofern er sich genau nach dessen Herkunft erkundigt und überglücklich ist, dass er die Verwandtschaft des jungen Mannes kennt (siehe 5,11–14). Auch die Begrüßungsszenen mit ihren z. T. stark emotional aufgeladenen Darstellungen unterstreichen die Bedeutung familiärer Strukturen (Tobias bei Raguël und Edna – 7,1–8; Gabaël beim Mahl bei Raguël – 9,6; Tobit und Sara – 11,17). In diesem inhaltlichen Rahmen steht auch die Verabschiedung Saras durch Vater und Mutter (10,12). Eine besondere Form der familiären Bindung äußert sich in Hannas Sorge um ihren Sohn, wobei hier auch, neben der Mutterliebe, materielle Aspekte mitschwingen können (5,18–20; 10,4–7a). Schließlich spielt die Thematik am Ende der Erzählung nochmals eine Rolle, insofern Tobit seinem Sohn und dessen Kindern eine Unterweisung über die künftigen Ereignisse der Geschichte ihres Volkes und die Bedeutung von Barmherzigkeitstaten erteilt (14,8.9).68 Neben dem Vater Tobit (siehe auch 4,3–21) erscheinen auch die Vorfahren, seien es allgemein die Erzväter (4,12) oder konkreter Ahnen aus der Familie (1,8: Debora), als bedeutsame Autoritäten.69
Das Buch kennt aber auch Ansätze, die Familie zur Sippe hin zu entgrenzen; ja sogar das ganze Volk oder zumindest alle Exilierten können als eine Art Familie dargestellt werden. Dies belegt die Verwendung des Begriffes ἀδελφός, „Bruder“, der im Tobitbuch ein weites und manchmal etwas unklares Bedeutungsspektrum hat. Er kann sowohl den leiblichen Bruder bezeichnen (so 1,21) als auch einen Verwandten (so eindeutig 3,15; 7,10) oder eine Person aus derselben Sippe (4,12). Darüber hinaus wird der Begriff auch allgemein für einen Stammesgenossen (5,13.14; evtl. 5,17) oder für einen Menschen aus dem Volk Israel (so 1,10.16f.; 2,2; 14,4) verwendet. In diesem Kontext scheint der Bezug zum Exil eine wichtige Rolle zu spielen (so 1,3.10.16f.; 2,2; siehe auch 4,13). Oft ist auch eine konkrete Zuordnung nicht möglich (z. B. 1,3.5; 5,17; 7,11a). Der Begriff erscheint vor diesem Hintergrund auch häufig in der Anrede der Figuren untereinander. Neben der Zugehörigkeit zum selben Volk sind hier die verwandtschaftlichen Beziehungen bedeutsam (so insbesondere in den Dialogen in Kap. 5, 6 und 7). Die wiederholte, fast monotone Verwendung bringt dabei die enge Verbindung der Figuren untereinander zum Ausdruck. Wird der Begriff für Menschen aus dem Volk Israel verwendet, so werden die Exilierten wie eine große Familie dargestellt. Wenn am Ende der Erzählung ganz Israel in Jerusalem versammelt wird (13,9–18) und zudem alle Völker den Gott Israels preisen (13,11; 14,6f.), so kommt insgesamt eine zunehmende Universalisierung zum Ausdruck.70
Eine andere Abwandlung der Vorstellung einer Familie erfolgt insofern, als der Begriff „Bruder“ bzw. „Schwester“ für den Status des Ehegatten benutzt werden kann (so 7,11: „von nun an bist du ihr Bruder, und sie ist deine Schwester“; für Schwester siehe auch 10,12). In Tob 10,12 verwendet Edna den Begriff „Bruder“ zur Anrede ihres Schwiegersohnes; daneben erscheint der Begriff „Schwester“ auch als Anrede der Ehefrau durch ihren Mann (siehe 5,21; 7,15; 10,6; siehe auch 7,9.11, wo Raguël Sara als Schwester des Tobias bezeichnet).71
Ehe und HochzeitIn engem Bezug zur Familie stehen die Motive „Ehe“ und „Hochzeit“.72 Bereits der Verweis auf die Eheschließung Tobits mit Hanna (1,9; die Wendung ἐκ τοῦ σπέρματος τῆς πατριᾶς ἡμῶν) macht deutlich, dass für die Erzählung das Prinzip einer sippeninternen Endogamie wichtig ist.73
Im Kontext der Handlung betont Rafaël in Tob 6,13, dass die Eheschließung mit Sara „nach der Bestimmung des Buches des Mose“ (κατὰ τὴν κρίσιν τῆς βίβλου Μωυσέως) erfolgen soll; in Tob 6,16 wird das Gebot, Sara zu heiraten, zudem explizit mit dem Endogamiegebot verbunden, das bereits Bestandteil der Lebenslehre des Vaters war (allerdings ohne die entsprechende Begrifflichkeit). Die „Tora des Mose“ ist auch die Leitlinie für den Prozess der Eheschließung zwischen Tobias und Sara (7,10–13). Im Hintergrund dieser Anweisung steht die Erbtöchtertora aus Num 36,6–9, wonach eine Tochter, die von ihrem Vater geerbt hat, innerhalb der eigenen Sippe heiraten soll, damit der Besitz in dieser bleibt (siehe hierzu bereits die Anspielungen in 3,15; siehe auch 8,21). Allerdings liegt in Tob eine Weiterentwicklung des Erbtöchtergesetzes vor, insofern das Übertreten dieses Gebots mit der Todesstrafe sanktioniert wird (6,13). Auch in Tob 3,16f. könnte dieses Motiv in der Begrifflichkeit, dass es Tobias zustand, Sara zu „erben“, im Hintergrund stehen.
Daneben erscheint das Motiv der sippeninternen Endogamie auch im Rahmen der Unterweisung, da Tobit in seiner Abschiedsrede die Forderung nach Endogamie mit dem Handeln der Patriarchen begründet (4,12). Der Bezug zur Tora ist hier indirekt gegeben, da es ja der Pentateuch ist, in dem von den endogamen Ehen Abrahams, Isaaks und Jakobs erzählt wird (siehe Gen 24,3–4.37–38 und Gen 28,1–4). Im Kontext von Tob 4,12–13 spielt zudem auch die Landperspektive sowie die Bruderliebe als Akt der Solidarität eine Rolle.
Diese Aussagen zur Ehe sind in die gesamte Handlung eingebettet. Den Auftakt bildet die Entsendung des Engels mit dem Auftrag, die Ehe zwischen Sara und Tobias in die Wege zu leiten, und das Thema ist dann sowohl in Tob 6,10–18 als auch in Tob 7 und 8 mit den Elementen „Brautwerbung“ und „Vertreibung des Dämons“ beherrschend. Mit den Feierlichkeiten beim Mahl nach der Eheschließung findet der Spannungsbogen einen ersten Abschluss (8,19–21; 9,6). In Tob 11,17f. folgt die Hochzeitsfeier in Ninive; hier verbindet sich das Motiv mit dem der Heilung Tobits. Einen Rückblick auf die Brautfindung enthält die Rede des Tobias in Tob 12,3.
Die Vorschrift der Endogamie dient sowohl der gruppeninternen Kohäsion und Stabilisierung als auch der Abgrenzung nach außen. Dadurch kommt dieser Regelung insbesondere dann ein großes Gewicht zu, wenn eine Gruppe sich durch die (entweder reale oder imaginierte) Übermacht einer anderen Gruppe in ihrer Existenz als gefährdet empfindet. Das Gebot kann aber auch in einem erbrechtlichen Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen (siehe zu 3,15). Die Ablehnung von Eheschließungen mit Nichtisraeliten war in frühjüdischer Zeit ein wichtiges Thema, wie es insbesondere die Debatte in Esr 9–10 und Neh 13 belegt. Im Vergleich mit diesen Texten, die auf ein Verbot der Ehe mit Frauen aus anderen Völkern wie den Moabitern oder Ammonitern zielen, erfolgt hier eine Fokussierung auf eine sippeninterne Endogamie (so auch in den Erzelternerzählungen z. B. Gen 20,12 sowie Gen 24; 27,46; 28,1–2.6f. in Abgrenzung von den „Töchtern Kanaans“; siehe zu 4,12f.).74
Neben der Ehe von Tobias und Sara ist auch die Ehe von Tobit und Hanna Gegenstand der Erzählung, allerdings werden hier v. a. Konflikte geschildert: Der Streit mit Hanna führt Tobit in eine Lebenskrise (2,11–14), wohingegen er in Tob 5,18–22 seine über die Abreise des Sohnes verzweifelte Frau zu trösten versucht. Hannas Sorge um den Sohn ist auch Thema der Szene in Tob 10,1–7a. Wie bereits in der Gesprächsszene in Tob 5,18–22 versucht Tobit seine Frau zu beruhigen (vgl. insbesondere die Wendung „Hab keine Sorge; er ist wohlbehalten“ in 5,21); während Tobit in Tob 5,18–22 aber erfolgreich ist und seiner Frau Trost zusprechen kann, will ihm dies später nicht gelingen. In Tob 10,1–7a findet sich der dritte und letzte Konflikt zwischen den Eheleuten.75
Toragehorsam und göttliche WeisungenEinzelne Handlungsweisen werden als Realisierung des Mosegesetzes verstanden, dem eine wichtige Autorität in der Erzählung zukommt.76 Die explizite Rede vom „Gesetz des Mose“ (νόμος Μωσῆ) hat zwei Haftpunkte, nämlich die sippeninterne Endogamie (6,13.16; 7,10–13; siehe zu „Ehe und Hochzeit“) sowie die Wallfahrt nach Jerusalem (siehe 1,6.8; siehe zu „Exil vs. Jerusalem“).77 In diesem Kontext steht das „Gesetz des Mose“ also in einem kultischen Zusammenhang. Bemerkenswert ist, dass mit Debora, Tobits Großmutter, eine Frau in der Unterweisung Tobits aktiv ist.78
Aber auch weitere Verhaltensideale bzw. konkrete Handlungen werden mit dem göttlichen Gebot in Verbindung gebracht (allerdings ohne Rekurs auf den Terminus νόμος). Über den Begriff ἐντολή erschließt sich der Bezug zur Weisheitsrede Tobits in Tob 4, insofern hier explizit dazu aufgefordert wird, nicht von den Geboten Gottes abzuweichen (ἐντολή; 4,5), und die Mahnung, der Gebote zu gedenken, diese Liste von einzelnen Unterweisungen auch abschließt (ebenfalls ἐντολή; 4,19). So wird der Gebotsgehorsam geradezu zum Überbegriff für die einzelnen Anweisungen in Tobits Abschiedsrede, die neben dem Endogamiegebot v. a. Taten der Barmherzigkeit umfassen. Indem Tobit als Sprecher dieser Sentenzen erscheint, tritt er als Lehrer des göttlichen Gebotes auf.
Schließlich sei noch auf die Begrifflichkeit vom „Gedenken Gottes“ verwiesen, die synonym mit dem Gebotsgehorsam gebraucht werden kann (siehe 4,5). Sie wird auch im Hinblick auf Tobits Beachtung der Speisegebote benutzt (1,11f.) und kann sogar in eschatologischer Perspektive erscheinen, wenn die Kinder Israel, die „Gottes in Wahrheit gedenken“, nach Jerusalem versammelt werden (14,7). Neben einer kultischen Perspektive auf das Gebot wird dessen soziale Dimension deutlich in den Vordergrund gestellt. Dahinter liegt das Potential, auf eine gottgemäße Lebensordnung zu verweisen, die sich unter der Bedingung einer tempellosen Existenz, z. B. in der Diaspora, verwirklichen lässt. Da der fromme und verzweifelte Tobit, der nach Gottes Weisungen lebt, Gott um Hilfe gebeten hat (3,3), entsteht ein reziproker Zusammenhang zwischen dem Erfüllen des göttlichen Gebots und der Zuwendung Gottes. Da das Motiv sowohl Teil der Narration als auch der Paränese ist, erfolgt auch hier wiederum eine Verbindung der beiden Bereiche.79
Gebete und LobpreisGebete und Lobpreis Gottes bilden ein weiteres Leitmotiv innerhalb der Erzählung, wobei eine klare Linie festzustellen ist. Zunächst finden sich mit dem Gebet Tobits (3,2–6) und dem Gebet Saras (3,11–15) sowie dem der beiden Brautleute (8,5–8) Bittgebete, die auch – so im Falle der Gebete Tobits und Saras in Tob 3 – Klageelemente enthalten können. Im Anschluss an die unbeschadet überstandene Brautnacht kennt die Erzählung nur noch Hymnen (8,15–17; 11,14f.; 13,1–18). Zudem finden sich auch kurze Erzählnotizen über den Lobpreis Gottes (so 11,15.17; 12,22; 14,2.15). Da die Geschichte damit endet, dass Tobias vor seinem Tod Gott wegen des Untergangs Ninives preist, wird die Bedeutung dieses Motivs besonders deutlich herausgestellt (14,15). Diese Handlungselemente vom Loben Gottes werden durch paränetische Abschnitte in den Reden unterstrichen, insofern sowohl die Weisheitslehre Tobits (4,19) und die Abschiedsrede des Engels (12,6f.11.17f.20) als auch das Testament Tobits (14,8.9) zum Lobpreis Gottes auffordern.
Durch intratextuelle Bezüge entstehen weitere Bedeutungsdimensionen: So bestätigt der Engel die Relevanz des Gotteslobs gleichsam von einer höheren, transzendenten Ebene aus. Wenn Tobias Gott lobt, erweist er sich als gehorsamer Sohn, der die väterlichen Ermahnungen bzw. die des Engels befolgt. Schließlich wird durch die Anweisungen zum Lobpreis dieses Element insofern verstetigt, als nun Tobias (Adressat in 4,19 und bei der Rede des Engels) sowie dessen Kinder (14,8.9) zum Gotteslob aufgefordert werden. Zudem verkündet Tobit das künftige Lob der kommenden Generationen (13,11) und des Neuen Jerusalem (13,18). Indem der Sohn Tobias auch den Lobpreis Gottes anstimmt (11,15; 14,15), zeigt er, dass sich diese Dimension tatsächlich erfüllt. Diese Belege verdeutlichen zudem, dass die einzelnen Elemente des Lobpreises eine Dynamik zu einer Erweiterung der Zuhörerschaft bzw. des Chores enthalten: Nach seiner Heilung zieht Tobit mit seinem Lobpreis durch die ganze Stadt (11,6); in seinem Hymnus spricht er dann alle Völker an (13,6; siehe auch 13,11.18). Damit wird die gesamte Erzählung von einer dialogischen Struktur zwischen Gott und Mensch geprägt. Durch den Bezug zwischen dem anfänglichen Bittgebet und dem Hymnus am Ende des Buches wird die Figur des Tobit geradezu paradigmatisch für die Bewegung von der Not zur Freude, die ihren Grund in Gottes Heilungs- und Rettungshandeln hat, mit dem Gott auf die Gebete der Menschen antwortet.80
FreudeEng verbunden mit dem Lobpreis ist die Begrifflichkeit „Freude“ bzw. „sich freuen“ (χαρά/χαίρω). Während der Anfang der Erzählung durch das Fehlen dieses Wortfelds gekennzeichnet ist, erscheint es mit dem Auftauchen des Engels in der Welt der Protagonisten zum ersten Mal. Der Engel begrüßt Tobit hier mit dem Wunsch, dass er viel Freude erleben möge. Dieser aber verweist explizit darauf, dass er in seinem Leben wegen seiner Erblindung eben keine Freude mehr habe (5,10). Diese Begrifflichkeit durchzieht dann die gesamte Erzählung: So erscheint sie mit dem Reisewunsch des Vaters an seinen Sohn (5,14: „Freudig mögest du ziehen“), bei der Ankunft von Tobias und seinem Reisebegleiter bei Raguël (7,1), als Wunsch Ednas an ihre Tochter Sara vor der Hochzeitsnacht (7,17), beim Abschied Tobias’ von seinen Schwiegereltern und dem Beginn seiner Heimkehr (10,13), beim Lobpreis des Tobias über die Heilung des Vaters und die geglückte Reise (11,15.16), bei der Begrüßung Saras in Ninive (11,17) und bei den Hochzeitsfeierlichkeiten mit den Bewohnern der Stadt und dem Erscheinen von Achikar und Nadab (11,17–18). Aber nicht nur im privaten Leben der Protagonisten spielt die Freude eine große Rolle; sie ist auch ein Element, das für das gesamte Volk Bedeutung hat, insofern sie aufs Engste mit der Erwartung des Neuen Jerusalem verbunden ist (vgl. 13,10.14; 14,7). Schließlich freut sich Tobias noch vor seinem Tod über den Untergang Ninives. Dies ist keine Schadenfreude, sondern eine Reaktion auf ein Ereignis, das ein Zeichen dafür darstellt, dass Gottes Heilsplan (vgl. 14,4–7) in Erfüllung geht (14,15 – der letzte Vers des gesamten Buches!).
SpeisenAuch das Motiv des Speisens kann als ein Leitmotiv angesehen werden. Die Form der Speisen spiegelt in gewisser Art und Weise die Stimmung innerhalb der Handlung und charakterisiert auch die Figuren. Insbesondere das Motiv der Speisung der mitexilierten Landsleute ist eng mit der Handlung verbunden, insofern es als Auslöser für eine Reihe von Ereignissen dient, die zu Tobits Blindheit, seiner Isolation und schließlich zu seiner Todesverzweiflung führen (2,1b–3,6).81 Als weitere Elemente sind zu nennen: Tobit gibt den zweiten Zehnten (der erste Zehnt ist für die Priester bestimmt) jedes dritte Jahr den Waisen, Witwen und Proselyten und verzehrt diesen gemeinsam mit ihnen in Jerusalem in Entsprechung zur Tora des Mose (1,6–8); als er dann im Exil ist, hält er von den Speisen der Völker Abstand (1,10f.). Somit macht sein Umgang mit den Speisen deutlich, dass er sich dem göttlichen Gebot gegenüber konform verhält. Insofern Tobit die Bedürftigen seines Volkes mit Nahrung versorgt, zeigt sich auch seine Barmherzigkeit (1,17; 2,2f.). Wegen der Not seiner Landsleute verzichtet Tobit auf das Festmahl und nimmt – nachdem er einen noch unbestatteten Toten versteckt hat – sein Brot „mit Trauer“ und unter Tränen ein (2,5.7). Die Gabe von Speisen an die Bedürftigen ist auch integraler Bestandteil seiner Lebenslehre (4,16f.). In der Szene mit dem Fisch scheint Tobias selbst in eine Speise verwandelt zu werden, aber dank des beherzten Eingreifens des Engels kehrt sich die gesamte Konstellation um und der Fisch wird nun zur Wegzehrung (6,3–6). Eine wichtige Rolle spielt das Motiv einer gemeinsamen Mahlzeit im Kontext der Brautwerbung: Nach dem Empfang bei Edna, Raguël und Sara schlachten die Gastgeber einen Widder (7,9a); bevor das Mahl aber stattfindet, verhandeln Raguël und Tobias über die Verheiratung (7,9b–13). Mehrmals fordert Raguël dabei Tobias zum Essen auf (7,10.11); Tobias will aber erst etwas zu sich nehmen, wenn die Angelegenheit der Eheschließung entschieden ist (7,11). Im Anschluss an das Mahl kann die Hochzeitsnacht beginnen (8,1). Nach der erfolgreich verlaufenen Hochzeitsnacht, bei der der Dämon vertrieben werden konnte, findet das üppige Antrauungsmahl statt (8,19), zu dem dann auch Gabaël hinzustößt (9,6). Schließlich erscheint das Motiv auch in der Rede des Engels, nun aber unter umgekehrtem Vorzeichen, wenn dieser betont, dass er nur zum Schein gegessen habe (12,19).
Dunkelheit und LichtAuch die Opposition von „Dunkelheit“ und „Licht“ kann als Leitmotiv genannt werden, wobei es bemerkenswert ist, dass dieses Motiv den Rahmen und die Kernhandlung umspannt. Der erblindete Tobit liegt in der Finsternis des Totenreiches und vermag das Licht Gottes nicht mehr zu schauen (5,10); Almosengeben aber – so die weisheitliche Sentenz – lässt nicht in die Finsternis eingehen (4,10). Tobias kann als Licht für seine Eltern bezeichnet werden (10,5; 11,14), und am Ende schaut der alte Tobias auf die künftige Gottesstadt Jerusalem mit ihrer Lichtherrlichkeit (13,11; siehe auch 13,16f.). Dass das Licht mehr als eine physische Qualität hat, wird auch deutlich, wenn im Hinblick auf Achikars positives Schicksal gesagt werden kann, dass er „ins Licht“ hinausging (14,10). Diese einzelnen Motive lassen sich kohärent miteinander verbinden, und so wird im Hinblick auf die Gesamterzählung ein Spannungsbogen aufgebaut. Dieser führt von Tobits Blindheit – also der Finsternis – über das Tun der Barmherzigkeit und Tobits Heilung zum Wiedererblicken des geliebten Sohnes Tobias und zur Hoffnung auf die Lichtherrlichkeit Jerusalems.82
Diachrone Perspektiven der Tobiterzählung
Zur Literarkritik
Tobits LobgesangDas Tobitbuch ist auch Gegenstand literarkritischer Reflexion geworden.83 Bereits die ältere Literatur wollte zumindest in Tobits Lobgesang (13,1–18) eine sekundäre Ergänzung sehen.84 Ein wichtiges Argument war in diesem Zusammenhang, dass sich an keiner Stelle dieses eschatologisch ausgerichteten Gebets direkte inhaltliche Beziehungen zur Handlung des Tobitbuches finden und das Lied sich auch in stilistischer Hinsicht von der restlichen Erzählung abhebt. Das Textstück zeigt zudem im Hinblick auf die Einbindung in den narrativen Kontext gewisse Unstimmigkeiten: Während Tobit und sein Sohn im Anschluss an die Selbstoffenbarung des Engels Rafaël Gott gemeinsam loben (12,22), verfasst Tobit sein Preislied anschließend in schriftlicher Form (13,1); Tobias dagegen wird in diesem Zusammenhang nicht mehr erwähnt. Zudem unterscheiden sich auch die eschatologischen Entwürfe am Ende des Buches bezüglich der Perspektive auf die Völker: Während Tobit in seinem Hymnus die Wallfahrt der Völker nach Jerusalem als integralen Bestandteil der Zukunftserwartung sieht (13,11b–d), spricht er in seinem Testament zwar explizit von der Umkehr der Völker, behält aber die Sammlung in Jerusalem und das Wohnen im Land den „Kindern Israel“ vor (14,6a–7c).85
Entwürfe für das GesamtbuchDezidiert literarkritische Entwürfe für das gesamte Buch, die von einem mehrstufigen Wachstum ausgehen, präsentierten Paul Deselaers (1982) und Marten Rabenau (1994). Nach Deselaers erfuhr die um die Mitte des 3. Jh.s v. Chr. in Ägypten entstandene, knapp fünfzig Prozent des Gesamtbestandes umfassende Urfassung des Buches (für Deselaers ist dies die Kurzfassung GI) ungefähr um 220 v. Chr. eine Überarbeitung in Jerusalem, wobei die Bedeutung des Gesetzes und der Propheten in den Vordergrund getreten sei. Eine weitere Überarbeitung soll zwei Jahrzehnte später vermutlich in Alexandria unter dem Einfluss der dortigen Pogrome vorgenommen worden sein und die Achikargestalt in die Erzählung eingeführt haben. Eine dritte und letzte Bearbeitung, die vornehmlich eschatologische Akzente setzte, soll schließlich um 185 v. Chr. in Jerusalem erfolgt sein.86 Rabenau wiederum möchte annehmen, dass das Buch in seiner Gesamtheit in Palästina entstand und dort auch in einem relativ kurzen Zeitraum mehrere Erweiterungen, die sich durch das gesamte Buch ziehen, erfuhr. „Die 1. Erweiterungsschicht, wahrscheinlich zwischen 147 und 141 v. Chr. in Palästina erstanden [sic!], spiegelt mit der Pflicht zur Totenbestattung die unruhigen Zeiten und verpflichtet besonders zur Solidarität mit den mittellosen, bedürftigen Brüdern. Die 2. Redaktion verarbeitet verstärkt die innerjüdischen Spannungen und wird in Palästina nach 140 v. Chr. erfolgt sein. Auch die 3. Erweiterung mit ihrer Betonung der Gesetzesfrömmigkeit erfolgte im letzten Drittel des 2. Jh.s v. Chr. in Palästina.“87
Beide literarkritischen Vorschläge hat die Forschung allerdings sehr zurückhaltend aufgenommen. Deselaers’ Ansatz ist insofern problematisch, weil er von der Priorität von GI ausgeht. Bei Rabenau bilden – abgesehen von der Einbindung des Lobliedes Tobits (13,1) – nicht auffallende Widersprüche, sondern vielmehr meist stilistische Kriterien wie Dubletten oder redundante Formulierungen die Grundlage für eine Quellenscheidung, sodass er von bestimmten Themen auf eigenständige Schichten schließt. Dieses Vorgehen wirft insofern methodologische Probleme auf, da all diese Kriterien keineswegs zwingend und notwendig für eine Quellenscheidung sprechen.88 So plädiert auch die Mehrzahl der Ausleger für die literarische Einheitlichkeit des Buches.89
Einen neuen Vorstoß im Hinblick auf die Diachronizität der Erzählung unternahm Lawrence M. Wills in seiner Arbeit über den griechischen Roman. Danach bilden Tob 2–12 den Kern, der sich am besten als eine volkstümliche Erzählung mit komischen Elementen beschreiben lässt. Tob 1, das einen viel strengeren Ton aufweist und das nur durch das Motiv der Bestattung und der Rede vom Erinnern mit Tob 2 verbunden ist, stamme – so Wills – von einer anderen Hand. Es erinnere mehr an Erzählungen von der Verfolgung einer gerechten und weisen Person, die in einem höfischen Kontext auftritt, und damit an die Josefsgeschichte, die Daniellegenden oder das Esterbuch. Auch Tob 13 und 14 stammten, so Wills, von einer anderen Hand als die Kernerzählung; auch hier verweist er wieder auf den unterschiedlichen Ton der Erzählung. Ein inhaltlicher Widerspruch zum Kern der Geschichte liege zudem in Tob 14,10 vor, wo Nadab, der Neffe Achikars, im Einklang mit der Achikarlegende pejorativ beschrieben wird, wohingegen er in Tob 11,19 einfach als Cousin bei den Hochzeitsfeierlichkeiten erscheine.90 In eine ganz ähnliche Richtung votierte auch John J. Collins: Zwar sei es schwierig, eine detaillierte literarkritische Analyse vorzulegen, die einzelne Schichten unterscheide und sogar zwischen einzelnen Versen trenne; die Diversität des Materials lege jedoch die Vermutung nahe, dass zumindest der Abschnitt über Tobits Jerusalemfrömmigkeit in Kap. 1 sowie die eschatologischen Passagen in Tob 13 und 14 sekundäre Erweiterungen seien. Dabei formuliert Collins ohne Rekurs auf Wills’ Ergebnisse:
„The core story of Tobit concerns the adventures and misadventures of a family. Only in the opening and concluding chapters is that story placed in the broader context of the history of Israel. The concern for Jerusalem and for the reunification of Israel in these passages is extraneous to the core story, and not required for its completion. There is reason to suspect, then, that the beginning and the ending of the story have been expanded to provide a theological and historical frame, from a Judean, Jerusalemite perspective, that was no integral to the original story of Tobit.“91
Dies bedeute jedoch nicht, dass die gesamten Kapitel 1, 13 und 14 sekundär seien, da das Buch mit einer Einleitung begonnen und mit Tobits Tod geendet haben müsse; auch seien sekundäre Zusätze im „Kern“ des Buches Tob 2–12 nicht auszuschließen; eine Unterscheidung zwischen dem Rahmenteil und dem Kern des Buches könne aber genügen.92
Interessant und weiterführend im Hinblick auf die Thematik der Literarkritik ist ein Ansatz der neueren Forschung, wie er von Naomi Jacobs in einem Aufsatz mit dem Titel „Scribal Innovation and the Book of Tobit: A long Overdue Discussion“ eingebracht wurde. Sie unterscheidet sich in der Herangehensweise insofern von der klassischen Literarkritik, als dass hier nicht nach der Schichtung des Textes gefragt, sondern vielmehr mit punktuellen Bearbeitungen desselben im Kontext der Schreibertätigkeit gerechnet wird. Jacobs stellt fest, dass sich in der Erzählung eine ganz auffällige Verteilung in der Verwendung der Gottesbezeichnungen findet: Während im Rahmen vom „König des Himmels“ (1,18; 13,7.11.16) die Rede ist, spricht die Kernerzählung vom „Herrn / Gott des Himmels“ (6,18; 7,11.12.17; 8,15; 10,11.13; siehe auch 5,17: „der Gott, der im Himmel ist“). Dieser Befund bestätigt – so Jacobs – Collins’ und Wills’ These, wonach die Kapitel Tob 1; 13 und 14 von Tob 2–12 zu trennen sind. Weitere Hinweise auf die Aktivität von Schreibern, die partiell in den Text eingegriffen haben, finden sich insbesondere im Kontext der Regelungen zur Verheiratung von Tobias und Sara (7,11–13).93 Weiterführende Überlegungen zur Literarkritik des Buches präsentiert Jacobs in ihrer Monographie „Delicious Prose“. Auch hier argumentiert sie mit der Aktivität von einzelnen Schreibern, aber nun sind es z. T. auch größere Abschnitte, für die eine spätere Bearbeiterhand erwogen wird (so z. B. für 1,6–8; 1,10f.; 2,6; 2,11–14; einzelne Weisungen in der Abschiedsrede 4,3–19 [ohne genauere Spezifizierung], bei den Ausführungen zum Umgang mit der Galle 6,9; 11,8 und 11,12 oder bei den Angaben zu den verschiedenen Hochzeitsfeierlichkeiten in 7,9–14; 8,1; 8,19–20, 9,16; 12,7b–10; 12,12–14 oder 12,19).94 Kriterien zur Auffindung des sekundären Materials ähneln dabei denen aus der traditionellen Literarkritik, so inhaltliche Widersprüche oder stilistische Brüche, allerdings sind diese Fortschreibungen nun nicht mehr konkreten Schichten zuzuordnen. Die Vorschläge Jacobs’ haben unterschiedliche Plausibilität; insgesamt liegt es aber in der Tat nahe, mit einem längeren Wachstumsprozess und mit einzelnen Fortschreibungen zu rechnen.
MinimalkonsensAls Minimalkonsens soll hier festgehalten werden, dass der älteste Teil der Erzählung in der Geschichte von der Heilung des frommen Tobit und der Vertreibung des Dämons zu finden ist (also im Wesentlichen in Tob 2–12). Zu überlegen wäre, inwiefern Tob 1,1–3 und Tob 1,10–22 in einer Grundschicht bereits zu diesem ältesten Teil der Erzählung gehörten. Der Protagonist muss zumindest kurz eingeführt werden, und die eigentliche Handlung setzt sowohl Tobits Reisen mit der Hinterlegung des Geldes (1,14) als auch sein Wirken bei der Bestattung der Landsleute (1,16–22) voraus. Vielleicht enthielt diese ursprüngliche Erzählung auch eine kurze Notiz über das Lebensende Tobits (ähnlich wie 14,1b–2).
Der Rahmen mit dem Jerusalembezug scheint dagegen später hinzugefügt worden zu sein. Hierzu gehört wahrscheinlich Tob 1,1–3 in seiner jetzigen Gestalt (vielleicht mit einem älteren Substrat), Tob 1,4–8; 13 und 14 (vielleicht auch mit älteren Teilen).
Die konkreten Angaben zu Tobits Herkunft aus Galiläa und deren Implikationen für die Vorstellung eines „Groß-Israel“ (1,1f.), die Jerusalemwallfahrt (1,4–8), die Verweigerung der Bestattung der Landsleute (1,17f.) und die Erwartung eines neuen Tempels (13,11; 14,6–7) lassen sich – wenn auch nicht zwingend – gut in zeitlicher Nähe zur Makkabäer- bzw. Hasmonäerzeit erklären.95
Zudem erscheint eine literarkritische Unterscheidung von Tob 13 und Tob 14 plausibel. Dafür spricht die Tatsache, dass diese Passagen Differenzen im Hinblick auf die künftige Rolle der Völker aufweisen. Während der Hymnus das Motiv der Völkerwallfahrt kennt (13,11–18), hat Tobits Testament lediglich eine universale Gotteserkenntnis der Völker im Blick (14,4b–7). Im Hymnus wird zudem das Motiv der Umkehr viel stärker in den Vordergrund gestellt. Nimmt man an, dass der Hymnus in Tob 13 jünger ist als das Kapitel mit der Geschichtsschau in Tob 14, so wäre die Kernerzählung von der Heilung des frommen Tobit und der unschuldigen Sara durch das Interesse einer geschichtstheologischen und eschatologischen Durchdringung des Stoffes in mehreren Stufen fortgeschrieben worden.
Datierung und Entstehungsort
DatierungIn der Forschung zeichnet sich der Konsens ab, die ursprüngliche Version des Tobitbuchs zwischen der Mitte des 3. Jh.s und 175 v. Chr. zu datieren.96 Als Terminus a quo gilt die Kanonisierung der Propheten als Heilige Schrift (vgl. 14,4) sowie aufgrund der Wendung „nach der Bestimmung des Buches des Mose“ (vgl. 6,13; 7,11.12.13) die Abfassung der Chronik. Als Terminus ad quem wird in der Regel die Makkabäerzeit genannt, da man annimmt, dass die Erzählung im Wesentlichen keine expliziten Hinweise auf die Religionsnot enthält.97 Eine solche Datierung passt zum Thema „Magie und Medizin“ sowie zu Tobits Weisheitslehre mit den zahlreichen Bezügen zu Jesus Sirach (siehe auch die anderen inhaltlichen und sprachlichen Verbindungen mit den Apokryphen und dem Corpus der aramäischsprachigen Literatur aus der Zeit des Zweiten Tempels; dazu unten unter „Biblische Referenzen“ sowie „Außerbiblische Traditionen“). Wenn man die Rahmenteile im Wesentlichen als spätere Fortschreibungen versteht (siehe zur Literarkritik), so ist eine Endredaktion in der Hasmonäerzeit nicht unwahrscheinlich.
EntstehungsortÜber den Entstehungsort der Erzählung liegt kein Forschungskonsens vor. Die einzelnen Motive ergeben ein buntes Bild, da sowohl babylonische als auch griechische Elemente vorhanden sind. Viele der Ausleger votieren für die östliche Diaspora als Ursprungsort, aber es gibt auch Stimmen, die für Jerusalem bzw. einen anderen Ort im Land Israel plädieren; zudem hat man an Ägypten gedacht.98 Eine Entscheidung ist nicht einfach zu fällen. Der bereits für die Grunderzählung gegebene Diasporabezug sowie die Häufung von Motiven, die in die östliche Diaspora verweisen (so v. a. Asmodäus, viele medizinische Vorstellungen und das Exorzismusritual, das Bestattungsmotiv, die positive Rolle des Hundes, die spezifische Ehekonzeption) können zwar durch die Annahme eines Motivtransfers erklärt werden; wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die östliche Diaspora, vermutlich Persien, tatsächlich als Herkunftsort des Stoffes zu gelten hat.99 Der Hinweis auf die fehlende Ortskenntnis des Autors100 oder die Motivverbindungen mit anderen aramäischen Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels, die im Land Israel entstanden sind (so ein wichtiges Argument bei Devorah Dimant und Andrew B. Perrin), sprechen zumindest nicht eindeutig gegen eine Lokalisierung im Osten. Zum einen sind bei den antiken Autoren, die noch keine Atlanten u. ä. besaßen, keine exakten geographischen Kenntnisse als selbstverständlich vorauszusetzen; zum anderen erzwingen auch die Motivverbindungen mit den anderen aramäischen Texten nicht notwendigerweise eine Lokalisierung im Land. So empfiehlt es sich hier, eher die Argumente auszuloten, denn eine konkrete Festlegung zu machen.101 Die griechischen Versionen deuten durch die Verwendung von Spezialvokabular auf Alexandria als Ort der Übersetzung, zumindest aber auf einen hellenistisch gebildeten Autor (siehe zu 1,21f.; TA 11,12.13a-a).
MilieuDas Ethos des Buches passt sehr gut in das Jerusalemer Milieu der Weisheitslehre, wie sie durch den Siraziden vertreten ist. Wer weiß, vielleicht hat ein solcher Weisheitslehrer den Stoff auch von einer seiner Reisen mitgebracht (vgl. Sir 39,4) und dann mit einem starken Akzent auf der ethischen Unterweisung bearbeitet? Die Erzählung ist in jedem Fall in einem prosperierenden Milieu entstanden, in dem man sowohl mit den biblischen Traditionen, und zwar der Weisheit ebenso wie der Prophetie, aufs Engste vertraut war, als auch mit babylonischen und persischen Vorstellungen und der griechisch-hellenistischen Kultur im Kontakt stand.102 Eine Beziehung zur Familie der Tobiaden ist nicht auszuschließen, lässt sich aber nur schwerlich im Gesamtkontext der Überlieferung konkreter fassen (zu 1,1).
Biblische und außerbiblische Bezüge und traditionsgeschichtliche Aspekte
Biblische Referenzen
Wie die Kommentierung im Einzelnen zeigen wird, ist die Erzählung sehr eng mit der biblischen Überlieferung verbunden, indem sie in einem reichen Maße auf ältere biblische Texte und Traditionen rekurriert. Bereits Israel Abrahams hat in einem 1893 erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Tobit and Genesis“ darauf aufmerksam gemacht, in welch hohem Maße die Erzählung an Überlieferungen aus dem Pentateuch erinnert. Dabei hatte er insbesondere die Bestattungsnotizen im Blick.103 Lothar Ruppert, der in diesem Kontext „von einer nachgestaltenden Erzählung“ sprechen kann,104 sowie Paul Deselaers,105 George W. E. Nickelsburg,106 Steven Weitzman,107 Norbert J. Hofmann108 und Micah H. Kiel109 haben diesen Ansatz aufgegriffen und weiter ausgebaut.110
Wenn auch eine ausführliche Klassifikation der unterschiedlichen Referenzen einer eigenen Arbeit vorbehalten bleiben und für einzelne Bezüge auf die Kommentierung selbst verwiesen werden muss, können an dieser Stelle doch einige grundlegende Linien gezogen werden.
Gesetz des Mose– Ein klarer Rekurs auf die biblische Überlieferung erfolgt mit der Wendung vom „Buch des Mose“ bzw. dem „Gesetz des Mose“. Sie hat in der Überlieferung des Buches zwei konkrete Haftpunkte: zum einen in a) den Bestimmungen zur Wallfahrt nach Jerusalem und den Tempelabgaben, wodurch eine klare Fokussierung auf kultische Zusammenhänge erfolgt, und zum anderen b) im Kontext der Endogamieforderung.
a) Bemerkenswert im Hinblick auf das Motiv der Jerusalemwallfahrt mit den Abgaben an den Jerusalemer Tempel (1,4–8; vgl. 1,8: νόμος Μωσῆ) ist zunächst, dass die einzelnen Bestimmungen hier sehr differenziert dargelegt werden, wobei zahlreiche Rückgriffe auf unterschiedliche biblische Gebote zu den Abgaben erfolgen.111
b) Der zweite Haftpunkt hängt mit dem Gebot der Endogamie zusammen, wonach der junge Tobias seine Verwandte Sara heiraten bzw. Sara einen Verwandten zum Ehemann nehmen soll. Die Referenz erfolgt zum ersten Mal in Tob 6,13 (siehe auch 7,11.12.13). Die Endogamieforderung der Abschiedsrede (4,12) enthält diesen expliziten Schriftbezug nicht; ebenso fehlt er im Gebet Saras (3,14). Allerdings findet sich an keiner Stelle der biblischen Überlieferung eine Bestimmung, die genau auf die hier vorliegende Form des Endogamiegebots, das auf die Heirat mit dem nächsten Verwandten ausgelegt ist und dessen Verletzung unter Todesstrafe steht, passt. Es ist anzunehmen, dass hier eine freie Auslegung der biblischen Erbtöchtertora (Num 27,1–11; 36,1–12) vorliegt, die den Terminus „Tora“ in einem weiteren Sinne auffasst, was auf eine Unterscheidung von „mündlicher“ und „schriftlicher Tora“ hinausläuft.112
Prophetische Traditionen– Prophetische Traditionen werden ausdrücklich eingeführt, wenn Tob 2,6 mit einer Zitationsformel auf Am 8,10 verweist und den betreffenden Vers auch im Wortlaut wiedergibt. Eine weitere explizite biblische Referenz (allerdings ohne Zitation einer bestimmten Stelle) findet sich in Tob 14,4 mit dem Verweis auf die Verkündigung Nahums zur Zerstörung Ninives. Tob 14,4.5 rekurriert zudem ganz allgemein auf die Verkündigung der Propheten Israels – zum einen im Hinblick auf das Geschick Assurs und Ninives (so 14,4) und zum anderen im Hinblick auf die Verheißungen zur Erbauung des Tempels (so 14,5).113
Subtexte– Abgesehen von einer Vielzahl von biblischen Anspielungen114 fungieren biblische Texte ansonsten häufig als Subtexte, und zwar dergestalt, dass ein biblischer Text die Folie bildet, auf die v. a. durch eine Mehrzahl von Referenzen, aber auch durch Motivbezüge immer wieder rekurriert wird.
a) Eine herausragende Rolle nimmt hier Gen 24 ein, wobei sich Parallelen in der Geschehensstruktur (z. B. die Brautwerbung als Grund für die Reise in 6,11 und Gen 24,4.7), gleichlautende Wendungen (z. B. das „Gelingen“ als Leitwort: 5,22; 10,11.13 und Gen 24,21.40.42.56), thematische Bezüge (das Thema der Endogamie in 1,9; 6,12.16; 7,10 und Gen 24,3f.7.40) und Anspielungen (das „Liebgewinnen“ der Frau: 6,18b und Gen 24,67) unterscheiden lassen.115
b) Hinzu kommen weitere Verbindungen mit den Erzelternerzählungen, die eher punktueller Art sind: Tobias’ Braut Sara trägt den Namen der Erzmutter, und die Begegnung von Tobias und Sara (7,1–9a) weckt zudem Assoziationen an Jakobs Begegnung mit den Leuten Labans in Gen 29,4–6.116
c) Darüber hinaus sind aber auch Entsprechungen zur Josefsgeschichte zu nennen.
Sowohl Josef als auch Tobit befinden sich in einem fremden Land (1,1–2//Gen 39,1); beide haben einen offiziellen Posten inne (1,13//Gen 41,42–43); beide werden unverdientermaßen angegriffen und geraten in Lebensgefahr (1,19–20//Gen 37,18–28; 39,7–20); schließlich aber werden sie ins Recht gesetzt und kommen zu unerwartetem Reichtum (1,14; 14,2//Gen 45,11; 47,12).117
d) Neben diesen Entsprechungen zu narrativen Passagen der Genesis spielen für die Pentateuchrezeption auch die Bezüge zum Deuteronomium eine bedeutende Rolle. Hier ist – abgesehen von allgemeinen sprachlichen Wendungen – insbesondere auf die dtn.-dtr. Sündentheologie und die Vorstellung der Reziprozität zwischen der Umkehr des Volkes und dem Erbarmen Gottes zu verweisen, die in Tob 13,5–6 auf der Folie von Dtn 30,2–3.5 eingespielt wird. Deutliche Bezugnahmen auf Dtn 32 finden sich in Tob 13,2. Wenn in Tob 14,3–11 in Analogie zu Dtn 33 eine Abschiedsrede Tobits vor seinem Tod erfolgt, ist ein weiterer Bezug zum Dtn gegeben, sodass deutlich wird, dass dieses insgesamt auf die formale Gestaltung des Buches eingewirkt hat.118
e) Insbesondere Tobits eschatologischer Hymnus in Tob 13 sowie sein Geschichtsausblick in Tob 14,4–7 enthalten eine Vielzahl von Anspielungen auf die Heilsprophetie Deutero- und Tritojesajas sowie auf weitere Traditionen aus der prophetischen Überlieferung.119 Von besonderer Bedeutung ist es, dass Tob 14,5 zu den Belegen gehört, welche die Hoffnung auf die Errichtung eines neuen Tempels in einer Zeit artikulieren, in welcher der Jerusalemer Tempel mitsamt seinem Kultbetrieb (wieder bzw. noch) bestand. Bemerkenswert ist auch die Abschiedsrede Tobits, da hier – analog zu den apokalyptischen Entwürfen in der Henochüberlieferung wie der Tier- und der Wochenapokalypse – eine klar gegliederte Geschichtsschau dargeboten wird.
f) Tobits biographischer Rückblick am Anfang der Erzählung (1,3–22) verweist auf historische Ereignisse wie die Exilierung durch die Assyrer (1,2.3.10), die Herrschaft Salmanassars (1,2.13.15), auf Sanherib und seine Ermordung (1,15.21) sowie auf die Regierung Asarhaddons (1,21f.). Der Autor greift hier auf die einschlägigen Notizen aus den biblischen Geschichtswerken, insbesondere den Königebüchern, zurück. Tobits Erzählung vom Abfall seiner „Brüder“, die der Sünde Jerobeams folgen (1,4–8), rekurriert auf 1 Kön 12,28–32.
g) Die Erzählung hat auch mit Motiven anderer antikjüdischer Erzählungen wie Daniel und Judit Berührungen. Denn auch in diesen Texten finden sich Hinweise auf spezifisch jüdische Speisegesetze (Dan 1,8; Jdt 10,5) sowie die Betonung der Endogamie (Jdt 8,1–2), der rechten Bestattung (Jdt 8,3) und des Gebets (z. B. Dan 2,20–23; 3,24–50LXX; 3,51–90LXX; Jdt 9,2–14; Est 4,17a–iLXX; 17k–zLXX). Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Beziehungen zur Weisheitsschrift Jesus Sirachs. Enge Berührungen liegen im Kontext der ethischen Unterweisungen vor, wobei ein Schwerpunkt auf dem Gebot der Armenfürsorge und der Barmherzigkeitstaten liegt (vgl. die Worte des Vaters 4,3–19 bzw. die Abschiedsrede Rafaëls in 12,6–20; siehe auch zu 5,18). Aber auch im Hinblick auf die transzendente Verankerung des medizinischen Wissens (siehe zu 6,8–9) oder die Bedeutung des Gebets (siehe zu 3,16f.) fällt die Nähe zum Siraziden auf.
h) An biblische Traditionen knüpft auch die Angelologie des Buches mit dem Engel Rafaël an und führt diese weiter. Dabei ist bemerkenswert, dass hier eine Vermischung zweier ursprünglich getrennter angelologischer Vorstellungen erfolgt, nämlich der des Botenengels und der des Thronengels. Diese ist innerbiblisch erst in späten Überlieferungen zu greifen.120
Wie in der Henochliteratur deutet sich dabei – im Unterschied zur biblischen Tradition – eine Hierarchisierung der Engelwelt an, da die Thronengel als eine besondere Gruppe hervorgehoben werden. Ein weiterer Unterschied zur älteren alttestamentlichen Überlieferung liegt vor, wenn der Engel hier auch einen Namen trägt.121 Eine solche Namensgebung ist in den biblischen Texten weder für den Boten- noch für die Thronengel bekannt.122
i) Weitere Entsprechungen sind allgemeiner Natur: Wie die Ester- und Danielerzählung spielt auch diese Geschichte in der östlichen Diaspora, sodass gerade im Hinblick auf die spezifische Problematik dieser Situation, wie die Abgrenzung von den Völkern durch spezielle Speisegebote, auch einzelne Passagen dieser Bücher anklingen. Hinzu kommen weitere Bezüge zu anderen biblischen Schriften: So scheint die Erzählung mit dem Thema des Leidens des Gerechten auch auf die Hiobgeschichte zu rekurrieren; auffälligerweise finden sich hier aber keine sprachlichen Anspielungen, sondern nur eine Motiventsprechung, wenn die beiden Protagonisten Zielpunkt des Vorwurfs und der Anklage ihrer Ehefrau werden.123
Außerbiblische antikjüdische Traditionen
Neben diesen biblischen Referenzen spielen aber auch außerbiblische antikjüdische Traditionen eine bedeutende Rolle.124 So enthält die Erzählung zahlreiche Verbindungen zu anderen auf Aramäisch vorliegenden Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels. Verbindende Motive sind die Wertschätzung der Endogamie, der Gedanke der Verbindung zwischen Dämonen und Menschenfrauen sowie die Halakha im Kontext der Abgaben am Jerusalemer Tempel. Darin berührt sich die Erzählung mit der Überlieferung des Äthiopischen Henoch, dem Aramaic Levi Document, dem Testament des Qahat, den Visionen Amrams und dem Genesis-Apokryphon.125
Insbesondere sind hier die engen Beziehungen zum Wächterbuch der Henochüberlieferung in äthHen 6–11 zu nennen.
Diese Geschichte kennt den Gedanken, dass Engel den Menschenfrauen in sexueller Begierde zugeneigt sind und deshalb ihre himmlische Heimat verlassen, um sich mit ihnen zu verbinden; ihre Nachkommen werden dann auf Erden in der Gestalt von Riesen eine dämonische Existenz führen. Die gefallenen Engel werden unschädlich gemacht, indem man sie u. a. bindet, und so kann die Erde schließlich erlöst werden (äthHen 11–16; vgl. Gen 6,1–4).126
Allerdings hat diese Vorstellung in Tob bei Weitem nicht eine so universale Ausrichtung, wie dies im Wächterbuch der Fall ist, da das Motiv von der Liebe des Dämons zu Sara hier relativ isoliert erscheint und weder von einem Herabsteigen der himmlischen Wesen aus der himmlischen Welt noch von einer generellen Bedrohung der gesamten Schöpfung die Rede ist. Insofern, als Asmodäus die Fortexistenz des gesamten Volkes zu bedrohen vermag, ist jedoch eine nationale Ausrichtung unverkennbar.127
Weitere Traditionen
Weitere Traditionen entstammen der sog. „Umwelt“, wobei ägyptische, mesopotamische, persische und griechische Texte bzw. Überlieferungen rezipiert werden.
Achikar– Eine wichtige Rolle spielt der Achikarstoff, der uns heute in den Elephantinetexten vorliegt (aber sicherlich nicht auf Ägypten begrenzt war). Durch die Konstruktion, wonach Achikar ein Verwandter Tobits ist, hat der Autor diese Figur geschickt mit seiner Erzählung verbunden, und so wird die Figur des Tobit aufgewertet. Zudem fungiert die Achikarerzählung als eine Art Subplot, die die grundlegende Gültigkeit des Tun-Ergehen-Zusammenhangs veranschaulicht.128 Schließlich dient Achikar auch als Exempel familiärer Solidarität und barmherzigen Handelns (zum letzteren Aspekt siehe 2,10; 14,10).129
Babylonische Medizin und Magie– Sowohl die „rationale“ Augenheilkunde als auch das Räucherritual haben viele Entsprechungen in babylonischen Traditionen.
a) Babylonische Heiltexte bezeugen sowohl die Behandlung von Augenkrankheiten durch Salben als auch die Verwendung von Fischgalle für die Herstellung derselben. Durch die unterschiedlichen Angaben zum konkreten Prozess der Heilbehandlung (siehe oben im Abschnitt „Wichtige Themen“) bleiben die konkreten realen Bezüge der Erzählung aber im Unklaren.130 Bei der Blindheit, wie sie hier dargestellt wird, handelt es sich um den „pragmamorphen Typ“ einer Krankheit; Krankheitsursache ist ein lebloser Fremdkörper, der in den Menschen eingedrungen ist, und die Heilung erfolgt durch die mechanische Entfernung desselben.
Eine andere Art des Krankheitsverständnisses begegnet mit dem Motiv des Dämons und dem Exorzismus durch das Räucherritual. Da die Ursache der Krankheit hier in einem lebendigen Wesen gesehen wird, kann vom Typ einer „biomorphen“ Krankheit gesprochen werden, und es ist nach der immanenten Logik eine Vertreibung des Schädlings zur Heilung vonnöten.131 Babylonische Texte enthalten reiches Material, das Dämonenvertreibungen durch Räucherrituale belegt.132
b) Neben diesen Bezügen kann zum Verständnis des breiteren Hintergrunds auf die babylonischen Zauberschalen verwiesen werden. Wenn diese auch erst in das 5.–7. nachchristliche Jahrhundert datiert werden können, belegen sie doch auf eindrückliche Weise die folgende Vorstellung: Dämonen, die auch geschlechtliche Verbindungen mit ihren „Opfern“ eingehen, können mit ihrer schädigenden Kraft den Bereich des Hauses affizieren und in Form von Krankheiten Unheil anrichten; sie werden durch Beschwörung „geschieden“, müssen fliehen und werden schließlich gebunden. In diesen Quellen ist sowohl Asmodäus als auch Rafaël belegt (siehe zu 3,8.17; 6,15; 8,3).
Dieser allgemeine religionsgeschichtliche Hintergrund zeigt: Indem das Wissen um die richtige „Medizin“ in der Tobiterzählung durch den Engel Rafaël vermittelt wird, der wiederum von Gott zur Heilung der beiden Protagonisten entsandt wurde, erfolgt hier eine Legitimierung medizinisch-magischer Praktiken im Rahmen der Jahwereligion. Weder die Erblindung noch die Heimsuchung durch den Dämon werden dabei als eine göttliche Strafe dargestellt; diese Bedrohungen scheinen vielmehr grundlos über die Protagonisten hereingebrochen zu sein.
Zoroastrische Traditionen– An zoroastrische Vorstellungen erinnert der Name des Dämons Asmodäus; er entspricht dem Dämon des Zorns, Ashmadaeva. Eine unmittelbare Konkretisierung als Krankheitsdämon wird in den einschlägigen Quellen allerdings nicht gegeben; Ashmadaeva ist ganz allgemein der Dämon des Zorns und der Zerstörung.133
Ägypten und Griechenland– Weitere Motive verweisen eher auf den griechischen Bereich bzw. dann auch auf Ägypten:
a) In literarischer Hinsicht bedeutsam ist die Einsicht, dass die Erzählung durch Form und Stoff an den griechischen Roman erinnert (siehe oben zu „Gattung[en]“).
In der Forschungsliteratur hat man darüber hinaus eine wichtige Quelle in der Odyssee gesehen.134 So arbeitete Dennis R. MacDonald eine Vielzahl von einzelnen Motivparallelen heraus, die er verschiedenen Etappen der Handlung zugeordnet hat.135 Problematisch bei dieser These ist allerdings, dass sich die Haupthandlung der Odyssee bzw. die Nebenhandlung der Telemachie ganz wesentlich von der Tobitgeschichte unterscheidet. Telemachos zieht los, um seinen Vater zu finden, während das Ziel der Handlung hier letztlich in der Heilung des blinden Tobit und der Vertreibung des Dämons besteht. Die wesentlichen Handlungsmotive (Fischfang, Vertreibung des Dämons und Hochzeit der Protagonisten sowie die Heilung des Blinden) erscheinen in der Telemachie gerade nicht. Es handelt sich bei den Entsprechungen zwischen Tobit und der Odyssee also eher um Motive allgemeiner Art, die hier wie Versatzstücke erscheinen. Welche Mutter wäre nicht überglücklich, ihr Kind nach einer langen und gefahrvollen Reise wieder zu sehen? Das Motiv der Hochzeit ist völlig anders kontextualisiert, und dass man bei einer solchen Feier isst und trinkt und sich zur Vorbereitung einer Waschung unterzieht, ist ebenfalls recht trivial. Das Motiv der Offenbarung der Identität Odysseus’ und der Rafaëls liegen auf ganz verschiedenen Ebenen und sind nicht kompatibel. Homer war in der gesamten Antike unter den Gebildeten (auch den jüdischen!) eine bekannte Größe,136 und so ist anzunehmen, dass der Autor der Tobitschrift die Odyssee gekannt und einzelne Versatzstücke, sei es bewusst oder unbewusst, in seine Erzählung eingefügt hat. Für die Erzählung selbst sind die Bezüge allerdings nicht von handlungstragender Relevanz.137
b) Das Motiv von der Verborgenheit des Engels könnte – wenngleich der Nukleus auch in der biblischen Überlieferung enthalten ist (z. B. Gen 16,7; siehe auch Gen 18,2; 19,1; Ri 13,16) – auch auf griechische Einflüsse zurückgehen, da hier das Motiv der „verborgenen Epiphanie“ häufig zu finden ist.138 Zudem könnten bei der Gestalt Rafaëls auch Bezüge zu der Figur des Hermes mitschwingen (zu 5,17); auch eine Verbindung zu griechischen Kulturstiftern (insbesondere Prometheus und Chiron, vielleicht auch zu dem ägyptischen Thot) ist nicht auszuschließen (zu 6,6–9).
c) Die griechischen Überlieferungen sind im Hinblick auf Dämonenvertreibungen eher zurückhaltend; Vergleichsmaterial findet sich hier vornehmlich in den Zauberpapyri mit der Vorstellung vom Binden des Dämons (zu 8,3). Allerdings weisen neuere Arbeiten darauf hin, dass der Antagonismus zwischen dem „magischen Osten“ und dem „rationalen Westen“, wie er oft in der Literatur dargestellt wird, nicht sachgemäß ist. Auch die babylonische Medizin gründet auf empirischen Beobachtungen, und für Griechenland ist im Bereich des Volksglaubens auch in hellenistischer Zeit mit vorhippokratischen Vorstellungen zu rechnen (zu 3,8).
d) Wenn sich in den Jahrhunderten v. Chr. in der griechischen Welt ein Diskurs findet, der sich dezidiert dafür ausspricht, Krankheiten nicht in einem theologischen System zu begreifen, sondern rational-wissenschaftlich zu deuten, so könnte dies den Referenzrahmen darstellen, in dem Tobits Augenkrankheit und seine Heilung gesehen werden müssen und gegen den der Erzähler mit dem Motiv der durch den Engel vermittelten Heilkunst Stellung beziehen möchte. Insbesondere in Ägypten fand sich eine hoch entwickelte Augenheilkunde (zu 2,10; 6,6–9).
Gesamtinterpretation
„Kern“Die Geschichte erzählt in ihrem Kern (zum Umfang siehe „Literarkritik“) von zwei Heilungen, nämlich von der des frommen erblindeten Tobit und von der Saras, die von einem Dämon belästigt wird, welcher ihre potentiellen Ehemänner tötet. Dieser Aspekt verbindet sich mit dem Reisemotiv und dem Schutz auf dem Weg sowie einem narrativen Diskurs über die theologische Dimension von Heilungspraktiken. In Tob begegnen die beiden verschiedenen Krankheitstypen, die für die vorhippokratische Medizin in der Alten Welt typisch sind, nämlich zum einen der pragmamorphe und zum anderen der biomorphe Typ. Für beide gilt: Heilung ist nur durch eine „Medizin“ zu finden, deren Wirksamkeit über den Engel von Gott (der in der Erzählung der eine Gott und der Gott Israels ist) offenbart wird. Somit findet eine Legitimierung magisch-medizinischer Praktiken im Rahmen der Jahwereligion statt. Gleichzeitig könnte hier auch eine klare Position gegenüber dem Versuch, medizinisches Wissen als eine menschliche Errungenschaft und damit innerweltlich zu konzipieren – so ein Diskurs im griechischen Denken der hellenistischen Zeit –, zu finden sein.
Ein weiteres für die Erzählung wichtiges Thema ist das der Barmherzigkeitstaten. Es steht im Kontext eines theologischen Diskurses, der sich mit der Gültigkeit des Tun-Ergehen-Zusammenhangs auseinandersetzt. Während Tobits Erblindung der Vorstellung einer gerechten Belohnung für solidarisches Handeln diametral entgegenzustehen scheint, zeigt seine Heilung (wie auch die eingeflochtene Achikarreferenz), dass Barmherzigkeitstaten letztlich doch eine gerechte Belohnung erfahren. Die Erzählung kann hier als narrative Veranschaulichung der Weisheitslehre des Siraziden verstanden werden, die unermüdlich den Wert der Barmherzigkeitstaten betont und eine Belohnung für dieselben in Aussicht stellt (so z. B. Sir 1,12f.[12f.18f.]), aber auch das Motiv der Demütigung und Prüfung durch Leiden kennt (Sir 2,1–18[22–23]). Damit ist der ethische Impuls der Erzählung nicht zu übersehen.
Zudem betont der Erzähler die Rolle des Gebets und des göttlichen Lobpreises. Dabei kommt dem Engel als Mittler (und nicht als einem Wesen, das selbst Anbetung erfahren soll) besondere Bedeutung zu. So findet implizit eine Abgrenzung gegen die religiöse Verehrung von Engelwesen statt. Durch die zahlreichen intratextuellen Bezüge wird die Erzählung ganz in die altehrwürdige Tradition Israels eingebunden, wobei die Erzelternerzählungen eine ganz besondere Rolle spielen. Damit entsteht der Eindruck der Beständigkeit der göttlichen Zuwendung zu seinem Volk über die Generationen hinweg.
Auch wenn die Belege für Exil und Rückkehr vornehmlich (wenn auch nicht ausschließlich) im Rahmenteil des Buches (1,2f.10; 13; 14; siehe unten) erscheinen, bilden sie doch den allgemeinen Verstehenshintergrund für die Interpretation des gesamten Geschehens. Insofern die Geschichte in der Diaspora spielt, bezeugen die Heilungen und die erfolgreiche Reise ganz generell Gottes Schutz und Zuwendung zu seinem Volk auch außerhalb des Landes und fernab von Jerusalem. Im Kontext der Exilsthematik erfolgt auch eine Aktualisierung und Neuauslegung der Tora, als für das Leben im Exil vor allem das Endogamiegebot sowie die Fürsorge für die Armen als zentrale Bestimmungen akzentuiert werden. Diese Elemente implizieren – wie auch die Distanzierung von den Speisen der Völker – eine Abgrenzung nach außen, mit der nach innen ein stärkerer Zusammenhalt und wachsende Solidarität korrelieren. Es erfolgt so der Versuch, die Identität des Volkes in einer Minderheitensituation zu stabilisieren.
Durch das Medium des Gebets besteht zudem auch in der Diaspora die Möglichkeit, in Verbindung mit Gott zu treten, und Gottes Engel vermittelt den Seinen dessen helfende und heilende Zuwendung. Das Exil erweist sich damit – allem äußeren Anschein zuwider und trotz der dort erfahrenen Unsicherheit und Verfolgung – als ein Ort der Gottesnähe. Somit entfaltet der Erzähler grundlegende Koordinaten für das Leben im Exil, um auch dieses als Ort für Erfahrung der Hilfe Gottes verstehen zu können.
„Rahmen“Die Rahmenteile, die die Exilsituation und den Bezug zu Jerusalem betonen (zum Umfang siehe „Literarkritik“), stellen die Erzählung in einen geschichtstheologischen Kontext. Dabei kommt der Stadt Ninive eine Signalwirkung zu: Die Stadt steht am Anfang des Buches als pars pro toto für die assyrische Aggression und Machtentfaltung (1,3) und hat aufgrund der Rolle der assyrischen Expansion für die Geschichte Israels paradigmatischen Charakter. Tobit erscheint als das prototypische Opfer brutaler Weltmachtspolitik. Die Turbulenzen, in die er gerät, spiegeln die Unsicherheit der Existenz eines Deportierten. Insofern das Buch aber mit einem eschatologischen Geschichtsausblick und dem Untergang Ninives endet, bringt der Erzähler deutlich zum Ausdruck, dass Israel dank der Zuwendung seines Gottes letztlich diese Krise des Exils bewältigen wird. Somit steckt die Erzählung nicht nur die Koordinaten für ein Leben in der Diaspora ab, sie reagiert auch mit einem Zukunftsentwurf auf die geschichtstheologische Herausforderung der Exilserfahrung und der Konfrontation mit der Expansionspolitik der Großreiche.139 Die Problematik der Theodizee wird dabei durch den Rückgriff auf die dtn.-dtr. Theologie beantwortet: Die Aufgabe des Menschen besteht in der Umkehr und im Gebet.
„Kern“ und „Rahmen“Weitere zentrale Komponenten zum Verständnis der Gesamterzählung ergeben sich aus dem Zusammenspiel zwischen den Rahmenteilen und der Kernerzählung: Die Rahmung, die Jerusalem zum inhaltlichen Haftpunkt hat, unterstreicht zunächst das Diasporasetting; das Exil erscheint eindeutig als Interim. Von entscheidender Bedeutung ist aber vor allem die Tatsache, dass sich insgesamt eine enge Verschränkung der individuellen Geschichte Tobits und Saras mit der Geschichte des Volkes und somit dem kollektiven Aspekt findet. Hier spielen zunächst Stichwortverbindungen eine zentrale Rolle. Ein Schlüsseltext sind Aussagen in Tobits Hymnus (13,2.5.6a–d.9), wo Tobit Gott dafür preist, dass er das Volk wegen seiner Sünden züchtigt (μαστιγόω), sich ihm aber auch gnädig wieder zuwenden wird (ἐλεέω). Durch die Verwendung des Begriffes μαστιγόω entsteht hier ein Bezug zu Tobits Deutung seines eigenen Schicksals als Züchtigung (11,15).
Tobits Hymnus weist auch enge Bezüge zu seinem Gebet (3,1–6) auf: Die Sentenz, dass Gott in die Unterwelt hinabführt und von dort auch wieder heraufholt (13,2), erinnert an Tobits Todeswunsch (3,6), wonach er wieder zur Erde werden möchte, und das Motiv des Exils als Bestrafung verweist auf Tobits Bekenntnis, dass er an den Sünden seines Volkes partizipiert (3,3–5). Schließlich sind der Hymnus Tobits (13,1–18) und sein Gebet (3,1–6) auch durch das Motiv des göttlichen Angesichts miteinander verbunden: Während Tobit in seinem Gebet die Nähe Gottes und die Erlösung darin sucht, dass Gott ihn sterben lässt (3,6), erscheint Gottes Angesicht im Hymnus im Kontext der Umkehr des Volkes und der erneuten göttlichen Zuwendung im Horizont der nationalen Erlösung durch die Rückkehr aus dem Exil (13,6).
Auch der Begriff ἐλεέω (13,5.6) verbindet die Aussage vom göttlichen Erbarmen mit dem Kern der Geschichte. In ihrem gemeinsamen Gebet preisen Raguël und seine Frau Gott für seine Barmherzigkeit gegenüber Tobias und Sara in der Hochzeitsnacht (8,16f.), und Tobit wiederum versteht die Heilung von seiner Blindheit als Ausdruck des erbarmenden Handelns Gottes, das er in Ninive öffentlich lobt (11,17).
Schließlich wird der Hymnus Tobits noch durch den Begriff ταλαίπωρος, „elend“, mit der Gesamthandlung verknüpft. Während der Hymnus den Wunsch äußert, dass in Jerusalem allen Elenden Liebe erwiesen werde (13,10), charakterisiert Raguël bei seiner Begrüßung der Reisenden Tobits persönliches Schicksal und seine Erblindung als „böses Elend“ (7,7).
Ein weiteres Stichwort für die Verbindung der kollektiven mit der individuellen Sphäre ist das des Schmerzes. So kann Tobit in seinem Geschichtsausblick davon sprechen, dass das Haus Gottes in Jerusalem nach der Zerstreuung der Israeliten in die Gefangenschaft „im Schmerz“ (λύπη) sein wird (14,4). Das Stichwort „Schmerz“ verweist hier intratextuell sowohl auf das Schicksal Tobits als auch auf das Schicksal der Sara, die beide voller Schmerz ihre Gebete sprechen (3,1.6.10). Zudem wünscht Edna ihrer Tochter vor der Hochzeitsnacht, dass Gott ihren Schmerz in Freude verwandeln möge (7,17).140
Weitere Hinweise auf die Verbindung der individuellen Ebene mit der kollektiven finden sich, wenn gleich zu Beginn der Erzählung Tobit als Teil der Gruppe der Exilierten vorgestellt wird (1,3). Tobit nimmt das Wort Am 8,10LXX, das sich in einem Plural an das Kollektiv richtet, für sein eigenes Schicksal in Anspruch, und so wird deutlich, dass er als Repräsentant des gesamten Volkes fungiert.
Auch Tobits Blindheit impliziert eine kollektive Dimension, insofern die Verbindung von Tod und Blindheit durch die biblische Tradition vorgegeben ist und diese Blindheit in einem kollektiven Kontext verorten kann. Blindheit gehört nach Dtn 28,28f.65 zu den Strafen für das untreue Israel (siehe auch Jes 6,9f.). Auf einen kollektiven Bezug des Motivs verweist auch die Beobachtung, dass der Zustand der Blindheit in Beziehung zur Situation des Stammes Naftali gesehen werden kann, da Aussagen vom „Volk, das im Finstern wandelt“ und „das im Lande der Dunkelheit lebte“ (Jes 8,23–9,1) auf diesen Stamm bezogen werden können. Auch der Hymnus mit dem Motiv der Lichtherrlichkeit Jerusalems (13,11; siehe auch die Edelsteine in der Stadt in 13,16–17) ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, da es an die Heilung Tobits von seiner Blindheit, die ihn wieder das Licht sehen lässt, erinnert (vgl. 3,17; 5,10; 11,14).
Darüber hinaus verweist auch das Element des Lobpreises auf die Verbindung zwischen Individuum und Kollektiv, insofern Tobit sowohl seinen Sohn (4,19) als auch dessen Kinder (14,8.9) zum Lobpreis Gottes auffordert. Schließlich findet eine Ausweitung dieses Chores auf die gesamte Völkerwelt statt (14,6f.; siehe auch 13,3.6.11).
Wie bereits beim Stichwort λύπη deutlich wurde, steht auch die Figur Saras in einem kollektiven Horizont. Durch die intratextuellen Bezüge über den Namen „Sara“ zu den Klageliedern (siehe Klgl 1,1f. mit Jerusalem als Fürstin [שׂרה]) kann ihre Geschichte als Parabel für das Geschick Jerusalems verstanden werden (siehe zu 3,7). So wird ihre Heilung paradigmatisch für die Erlösung des Volkes.141
Auch im Endogamiegebot klingt letztlich die kollektive Ebene der Erzählung an, da dieses Gebot der Identitätserhaltung und -sicherung des gesamten Volkes dient. In seiner Abschiedsrede macht Tobit die Einhaltung der Endogamieforderung zudem zur Bedingung für den Besitz des Landes (siehe 4,12).
In diesem Kontext ist schließlich auch noch auf die Rolle des Dämons Asmodäus zu verweisen. Er ist nicht nur ein individueller Feind Saras. Da der Dämon mit seiner tödlichen Aggression gegenüber ihren Ehemännern letztlich der Zukunft des gesamten Volkes und der Realisierung der Toratreue entgegensteht, hat seine Vertreibung ebenfalls kollektive Dimensionen.
Fazit: Durch die intratextuellen Bezüge entsteht ein konzises Konzept einer theologischen Geschichtsschau, das die Erzählung vom individuellen Geschick Tobits und seiner Familie übergreift und theologisch in die Geschichte Israels als Teil der Weltgeschichte einbindet. Das Exil ist aber nicht nur Ausdruck der Strafe; die Zerstreuung unter die Völker enthält auch einen positiven Aspekt, insofern sie zu einer Gelegenheit wird, Gott auch unter den Völkern zu preisen. Da die Rettung der Protagonisten für die Adressaten der Erzählung bereits in der Vergangenheit liegt, die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Land und das Neue Jerusalem aber noch nicht erfüllt ist, entsteht eine gewisse Spannung zwischen der Geschichte von der Heilung Tobits und Saras und den eschatologisch ausgerichteten Abschnitten (13; 14,4–7). Die vergangene Rettung der Protagonisten wird so zum Exempel und Hoffnungszeichen der künftigen Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Man kann die Erzählung als eine Resilienzgeschichte interpretieren, insofern die Kernerzählung mit dem Wandel vom Schmerz zur Heilung die Entwicklung Tobits zu einer resilienten Persönlichkeit zeigt und ihn gleichzeitig als kollektiven Resilienzträger charakterisiert (zu 13,1 – 14,1a „Wichtige buchinterne Bezüge“). Literarische Mittel wie die emotionale Darstellung des Geschehens dienen dabei den Rezipienten als Identifikationspotential, das die Funktion der Erzählung als individuelle und kollektive Resilienzresource erschließt.142
Textgeschichtliche Aspekte
Weitere interessante diachrone Dimensionen eröffnet die Textgeschichte des Buches, insofern dieses in mehreren, z. T. sehr unterschiedlichen Versionen vorliegt.143 Hier sollen exemplarisch die Entwicklungen vom Langtext GII zum Kurztext GI, die Traditionen der Vulgata sowie Verbindungen zwischen der antiken Überlieferung und den nach-antiken jüdischen Texten aufgezeigt werden.
Von G#sup#II#/sup# nach G#sup#I#/sup#Wichtig sind zunächst die inhaltlichen Verschiebungen, die sich in der Entwicklung von GII nach GI ergeben.144
a) GII und GI unterscheiden sich durch einen veränderten Umgang mit den Gottesbezeichnungen, der auf gewisse Tendenzen bei der Überarbeitung schließen lässt.
– GI hat, wie nicht anders zu erwarten, die Tendenz zu vereinfachen. So erscheint anstelle des Begriffs „Herrscher“ (3,14 GII) der weit verbreitete Begriff κύριος; Tob 14,7 GI redet nicht vom „Gott der Ewigkeit“, sondern vom „Herrn“; Tob 13,4 sagt anstelle von „Vater und Gott in alle Ewigkeiten“ zusammenfassend „Vater in alle Ewigkeiten“. Daneben sind noch Belege zu nennen, in denen auf die Gottesbezeichnung verzichtet wird (so in 3,3.6) bzw. in denen die entsprechenden Verse kein Pendant in GI haben (5,10; 12,20).
– In GI findet durch die Veränderung der Gottesbezeichnungen eine besondere theologische Akzentuierung statt. Auffallend ist die Rede vom „Tempel der Wohnung des Höchsten“ in Tob 1,4 GI (anstelle vom „Tempel der Wohnung Gottes“ in GII). Tob 13,18 GI liest „gepriesen sei der Gott, der alle Welt erhöht hat“ anstelle von „gepriesen sei der Gott Israels“. So werden die Macht Gottes und seine Universalität betont.
– GI verwendet kombiniert die Begriffe κύριος und ὁ θεός insgesamt sieben Mal (3,11; 4,19; 14,2.6–7), wohingegen κύριος ὁ θεός in GII nur zweimal erscheint (4,21; 14,15; beide Passagen haben keine Entsprechung in GI).
– GI kann die Rede vom „Gott des Himmels“ zurücknehmen. So ersetzt sowohl Tob 6,18 GI als auch Tob 7,11 GI „Herr des Himmels“ aus GII durch den „barmherzigen Gott“; Tob 8,15 GI liest anstelle „Gott des Himmels“ nur „Gott“.
– Tob 10,13 zeigt eine Tendenz zur Abkürzung. GII liest: „er pries den Herrn des Himmels und der Erde, den König über alles“, während GI dann ganz lapidar formuliert: „er pries Gott“.145 In Tob 7,12 findet das Motiv in GI keine Entsprechung.
– Allerdings wird diese verkürzende Tendenz nicht durchgängig eingehalten, wenn Tob 10,12 GI lesen kann: „der Herr des Himmels bringe dich zurück“ (anstelle des einfachen „der Herr bringe dich zurück“ in GII) und die Wendung „Herr des Himmels“ in Tob 7,17 unverändert bleibt. Tob 5,17 GI betont den Himmel als Wohnort der Gottheit, indem es hier heißt: „der Gott, der im Himmel wohnt“ (anstelle von „der im Himmel ist“).
– GI unterstreicht die Heiligkeit Gottes, wenn Tob 12,12.15 GI das Gottesepitheton „der Heilige“ haben (anstelle der Bezeichnung κύριος). Außerdem spricht Tob 3,11 GI nicht nur vom „Namen, der in Ewigkeiten gepriesen werden soll“, sondern vom „heiligen und ehrenvollen Namen“; Tob 8,5 GI hat „dein heiliger und herrlicher Name“ (anst einfach „Name“ in 8,5 GII). Allerdings fällt auch auf, dass GI gerade da verkürzen kann, wo GII den Begriff „heilig“ verwendet (so in 13,11 GII, wo es anstelle von „kommen […] zu deinem heiligen Namen“ in GI heißt: „zum Namen des Herrn, des Gottes“). Tob 13,18 GI verzichtet auf die Wiedergabe der Wendung „den heiligen Namen preisen“ (so in GII).
– GI hat die Tendenz, Personalpronomina zu verwenden und damit die Beziehungsebene zu unterstreichen: Tob 3,11 GI hat in der Gebetsanrede „Herr, mein Gott“ (anstelle von „barmherziger Gott“); 4,5 GI: „Gedenke des Herrn, unseres Gottes“.146
b) Bemerkenswerte Veränderungen finden sich auch in der Angelologie und den medizinisch-therapeutischen Vorstellungen.
– In GI spielt der Engel insgesamt eine größere Rolle, wenn das Gebet direkt „vor der Herrlichkeit des großen Rafaël“ erhört (3,16 GI) und die direkte Zuordnung des Engels zu Gott etwas zurückgenommen wird (siehe 5,4 GII: „ein Engel Gottes“ und GI: „Rafaël, der ein Engel war“).
– Tob 8,15 GI erweitert zudem den Lobaufruf durch die Einführung der Engel, die im Parallelismus auch „Heilige“ genannt werden können (siehe hierzu die Auslegung z. St.).
– Die Vorliebe für die Verwendung des Wortes ἅγιος, „heilig“, findet sich auch in Tob 8,15 GI in der Rede vom „heiligen“ Preislied.
– Allerdings hat man auch den Eindruck, dass GI das Motiv der Engelverehrung zurückdrängt (11,14).
– Der Bearbeiter von GI zeigt eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Gebrauch von medizinisch-magischer Begrifflichkeit und produziert so einen Text, der – vor dem Hintergrund des antikjüdischen Diskurses über die Legitimität therapeutischen Handelns – weniger verfänglich ist. Während GII τὸ φάρμακον als Überbegriff für Herz, Leber und Galle des Fisches (so 6,5.7) bzw. nur für die aus Fischgalle bestehende Augensalbe (so 11,8.11) benutzt, verzichtet GI an den betreffenden Stellen auf diese Begrifflichkeit.
c) In GI zeigt sich die Tendenz einer Rücknahme des Bezugs auf Israel und seine spezifischen Traditionen und eine Hinwendung zu einer Universalisierung.
– So tritt die Israelbegrifflichkeit (siehe 1,5.8.18; 5,5.9; 13,18; 14,4 [2x].5.7)147 sowie die Verwendung des Begriffes „Bruder“ (z. B. 1,5; 5,9; 10,6) zurück.
– GI eliminiert den Ausdruck „das Buch des Mose“. So kann einmal anstelle dessen auf „das Gesetz des Mose“ verwiesen (so 6,13 GI) oder nur allgemein von der „Bestimmung“ gesprochen werden (7,11; siehe auch 7,12). Tob 6,16 GI ersetzt die Gebote durch die Wendung „die Worte, die dir dein Vater gebot“. In Tob 1,8 entfällt sogar gänzlich die Referenz auf die Mosetora, wenn weder der Drittzehnte noch die Unterweisung der Debora explizit mit der Thematik verbunden werden.
– Allerdings enthält GI auch die Mahnung an Tobias aus dem Munde des Vaters, das Gesetz und die Gebote zu halten (so 14,8.9).
d) GI hat die Tendenz, bestimmte Aussagen zu steigern und damit zu generalisieren.
– Die Sünde der Naftaliten besteht anstelle der Verletzung der Kultzentralisation in GI in deren Fremdgötterdienst (siehe 1,5).
– Während Tobit in Tob 10,2 GII nur fürchtet, dass die Reisenden aufgehalten worden sein könnten, steht in Tob 10,2 GI die Sorge im Raum, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte.
– Anstelle von Nadab (so 14,10f. GII), dem Neffen Achikars, erscheint in GI Haman. Durch die Nennung dieser Figur, die in der Estererzählung Israels Erzfeind darstellt und als politischer Gegner mit einem radikalen Vernichtungswillen konnotiert ist, schwingt in dem Konflikt Achikars mit seinem Neffen eine nationale Komponente mit.
e) GI macht gelegentlich den Eindruck, dass Frauenfiguren eine bedeutendere Rolle spielen.
– So kommt Sara den beiden Reisenden entgegen, begrüßt diese als erste und führt sie in das Haus ihrer Eltern (7,1); vielleicht hat Edna hier auch das Siegelrecht (7,13).
– Aber es gibt auch die umkehrte Tendenz: Tob 8,15 nennt nur noch Raguël und nicht mehr eine Gruppe, zu der aufgrund des Kontexts wohl auch Edna gehörte.
Es ist schwierig, aus diesen Beobachtungen Rückschlüsse auf das Milieu zu ziehen, in dem die Überarbeitung GI entstanden sein könnte. Insgesamt fällt auf, dass GI die Universalität und Heiligkeit der Gottheit in den Vordergrund stellt sowie auch die Beziehung zu diesem Gott. Karin Schöpflin stellt fest, dass GI „die Distanz zwischen Gott und seinem Herrschaftsbereich inhaltlich vergrößert“.148 In diesem Zusammenhang versteht sie auch die Akzentuierung der Engelsfigur. Die Betonung der „Zugewandtheit der Gottheit zu ihren Verehrern“ macht sie an der häufigeren Verwendung des Terminus κύριος fest, der im Gegensatz zu „Gott“ einen Beziehungsbegriff darstellt. Aus diesem Befund möchte sie schließen, dass GI in einer Zeit mit „Gefährdungen“ [entstand], vergleichbar denen, wie sie in der Makkabäerzeit in Palästina gegeben waren, […] in der der Anspruch politischer Herrschaft auf gottgleiche Verehrung zugenommen hat“ und in der es um eine „Selbstversicherung des jüdischen Glaubens und Denkens, eine Identitätssicherung durch die Gottesbeziehung“ ging.149
Ein wichtiges Kriterium für die Verortung dieser Überarbeitung scheint mir die Tendenz zu sein, die Überlieferung von Israel abzukoppeln, wie sie durch das Zurücktreten der Israel- und Verwandtschaftsbegrifflichkeit gegeben ist. Vor diesem Hintergrund wäre zu überlegen, ob GI bereits in einem christlichen Milieu anzusiedeln ist.150 Dazu passt auch, dass die Thematik des Gesetzes in den Hintergrund tritt und auf das „Buch der Tora“ gänzlich verzichtet werden kann.
VulgataDer spezifische Charakter der Vulgata ist durch Unterschiede zur griechischen Überlieferung, insbesondere zum Langtext, der über die Vetus Latina zumindest indirekt als Vorlage diente, zu erheben.151 Dabei kommt den Zusätzen (so z. B. der expliziten Angleichung von Tobits Leiden an das Hiobs und dessen Glaubenstreue in Tob 2,12–18 Vg. oder dem dreitägigen Gebet vor der Hochzeitsnacht in Tob 6,16–22 Vg.), die wohl direkt auf den Kirchenvater Hieronymus zurückzuführen sind,152 besondere Bedeutung zu.
Möchte man das Material thematisch strukturieren, lassen sich folgende Bereiche nennen.
a) Vg. zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen starken Akzent auf eine lustfeindliche Sexualmoral legt.
– Dies zeigt sich an erster Stelle in dem Abschnitt über die sog. „Tobiasnächte“ in Tob 6,16–22 Vg. Danach sollen Tobias und Sara nach der Vertreibung des Dämons drei Nächte vor dem Vollzug ihrer Ehe im Gebet verharren, und der Umgang der Eheleute miteinander soll nicht der Befriedigung ihrer Lust dienen, sondern hat vielmehr das Ziel, eine Familie zu gründen (Tob 6,22 Vg.). Die Hinwendung zur Lust bedeutet die Abwendung von Gott und macht die Menschen Tieren wie Pferden und Maultieren gleich (Tob 6,17 Vg.). An dieser Stelle erfolgt auch eine Neukonzeptionierung der Figur des Dämons, da er nun als eine Kraft erscheint, die ihre schädigende Wirkung immer dort entfalten kann, wo Menschen nicht Herr ihrer Lust sind (Tob 6,17 Vg.).153
– Tob 8,4.5 Vg. nimmt dann diese Zusammenhänge wieder auf, wobei nun das Ausgeliefertsein an die Lust als ein Charakterzug präsentiert wird, wie er v. a. für die Völker typisch ist. Da Tobias seine Lust zu beherrschen vermag, kann der Dämon Asmodäus keine Macht über ihn ausüben. Asmodäus fungiert hier nicht als eine negativ konnotierte Gegenkraft (und ist damit auch gar nicht mehr „böse“, vgl. 3,8.17 mit Tob 3,8.25 Vg.), sondern verhält sich vielmehr affirmativ zu dem propagierten Wertesystem.154
– Auch für die Beschreibung Saras, die durch die Figurenstimme in ihrem Gebet zum Ausdruck kommt, ist diese Haltung charakteristisch. Sara, die sich immer vom leichten Spiel der anderen Mädchen fernhielt, ist nur deshalb bereit, einen Mann zu ehelichen, weil dies dem Willen Gottes entspricht, nicht aber um ihrer eigenen Lust willen (Tob 3,17 Vg.).
b) Des Weiteren spielt auch die Betonung der Gottesfurcht eine bedeutende Rolle.
– Tobit lehrt seinen Sohn von frühester Jugend an, Gott zu fürchten (Tob 1,10 Vg.). Nicht das „des Herrn Gedenken“ ist das Kriterium dafür, zur Mahlzeit Tobits eingeladen zu werden, sondern vielmehr die Gottesfurcht (Tob 2,2 Vg.). Tobit verbirgt die Leichname aus Gottesfurcht (Tob 2,9 Vg.). Als Plus zur griechischen Vorlage unterstreicht Tob 2,13f. Vg. Tobits Frömmigkeit und seine Gottesfurcht, die ihm von Kindheit an beigebracht wurden. Sie beinhaltet auch das Halten der Gebote, wobei jedoch keine explizite Referenz auf die Mosetora erfolgt; trotz seiner Erblindung hält Tobit an dieser Haltung fest. In seinem Begrüßungssegen für Tobias bei der Feier im Haus Raguëls bezeichnet Gabaël Tobias als den „Sohn eines sehr guten und gerechten Mannes, der Gott fürchtet und Almosen gibt“ (Tob 9,9 Vg., nach Tvscvlvm). Schließlich zeichnet Gottesfurcht auch das Leben des Tobias bis in sein hohes Alter aus (Tob 14,16 Vg.).
– Auch Tobias und Sara werden als gottesfürchtig beschrieben: Gottesfurcht ist das eigentliche Motiv, das Sara zu einer Ehe bewegt (Tob 3,18 Vg.), Tobias ist Sara wegen seiner Gottesfurcht bestimmt (Tob 7,12 Vg.), und dies ist auch die Haltung, die die Eheleute bei ihrem Umgang miteinander haben sollen (Tob 6,22 Vg.). Zudem zeichnet sich die gesamte Festesfreude durch Gottesfurcht aus (Tob 9,12 Vg.).
– Weiterhin erscheint Gottesfurcht ganz generell als die angemessene Haltung für ein gelingendes Leben und steht weit über jedem materiellen Wert (Tob 4,23 Vg.). In Tobits Abschiedsrede am Ende des Buches heißt es: „Seht also, was er [Gott] an euch getan hat, und mit Furcht und Zittern bekennt euch zu ihm und erhöht den König der Zeiten in euren Werken“ (Tob 13,6 Vg., nach Tvscvlvm).
– Auch der Erzählzug, dass Tobit seinen Mitexilierten gute Ratschläge gibt (Tob 1,15 Vg.), sein Geld dem Gabaël wegen dessen Bedürftigkeit überließ (Tob 1,17 Vg.) und sein Vermögen an die Armen verteilt und sie tröstet (Tob 1,19 Vg.), gehört – wenn auch der Begriff „Gottesfurcht“ selbst hier nicht explizit erscheint – in diesen Kontext.
– Saras integre Lebensführung soll sich schließlich auch zeigen, wenn die Eltern bei der Verabschiedung ihr den Rat mit auf den Weg geben, „die Schwiegereltern zu ehren, den Ehemann zu lieben, das Gesinde zu leiten, den Haushalt zu führen und sich selbst untadelig zu zeigen“ (Tob 10,13 Vg.).
Durch diese verschiedenen Motive werden die Protagonisten der Erzählung, insbesondere der alte Tobit und auch Sara, noch positiver dargestellt, als dies bereits in der griechischen Vorlage der Fall ist.
c) Wenn in Tob 2,13 Vg. die Gottesfurcht auch in Verbindung mit dem Halten der Gebote Gottes steht, so tritt die Bedeutung der Tora innerhalb der Erzählung insgesamt doch zurück.
– In seinen Ratschlägen im Gespräch mit Tobias über die Eheschließung in Tob 6,11–22 Vg. verzichtet Rafaël im Gegensatz zu den griechischen Texten ganz auf dieses Motiv.155 Auch wenn in Tob 7,14 Vg. das „Gesetz des Mose“ als Grund für die Verbindung der beiden Eheleute genannt wird, spielt es doch (im Gegensatz zu 7,12f. G) bei der eigentlichen Antrauungszeremonie sowie dem Anfertigen der Heiratsurkunde keine Rolle mehr. An keiner Stelle nennt Vg. das „Buch des Gesetzes des Mose“ (vgl. dagegen GII).
– Auffällig ist auch, dass Vg. konsequent auf das Motiv der Waschung verzichtet (vgl. 2,5.9; 7,9), und so ist zu vermuten, dass diese Waschungen, die die Vorlage nennt, in einem rituellen Sinne verstanden wurden und der Übersetzer diesem Erzählzug keine weitere Bedeutung beimessen wollte.
d) Vg. unterstreicht die Bedeutung des Gebets.
– Nach Tob 3,10f. Vg. betet Sara drei Tage lang. Ein dreitägiges Gebet soll nach den Worten des Engels auch vor dem Vollzug der Ehe von Tobias und Sara erfolgen (Tob 6,18 Vg.; siehe auch Tob 8,4 Vg. mit der Ausführung der Weisung).
– Während in der griechischen Vorlage das Gebet der Brautleute der Vertreibung des Dämons zeitlich nachgeordnet wird, erfolgt diese in Tob 6,19 Vg. im Rahmen des Gebets.
– In Tob 7,13 Vg. interpretiert Raguël den Zuspruch des Engels, wonach er ohne Sorge sein solle und Gott seine Tochter für Tobias als einem gottesfürchtigen Mann bestimmt habe, mit den Worten: „Ich zweifle nicht, dass Gott meine Gebete und meine Tränen vor seinem Angesicht zugelassen hat“ (nach Tvscvlvm). Damit wird deutlich, dass Raguël die glückliche Fügung der Ereignisse als Erfüllung seiner Gebete versteht. Die griechischen Texte kennen dieses Element nicht.
– Tob 7,17 Vg. verbindet die Notiz vom gemeinsamen Mahl vor der Hochzeitsnacht mit dem Hinweis darauf, dass die Protagonisten Gott loben (vgl. dagegen Tob 7,14 G ohne religiöse Referenz).
– Auch in der Szene von der Heilung des Vaters in Tob 11 wird dem Gebet eine größere Rolle eingeräumt. So weist der Engel Tobias bereits vor der Begegnung mit dem Vater an, dass er, sobald er das Haus betritt, Gott anbeten und ihm danken und im Anschluss daran dem Vater die Salbe auf die Augen streichen solle (Tob 11,7f. Vg.). Diese Reihenfolge der Ereignisse wird dann auch bei der Heilung selbst eingehalten (Tob 11,12–15 Vg.).
– Unmittelbar nach der Heilung erscheint in Tob 11,16 Vg. die Notiz, dass Tobit, seine Frau und alle, die ihn kannten, Gott priesen. Da in G allein Tobit als Akteur des Gotteslobs erscheint, liegt hier eine deutliche Vergrößerung des Chores vor, wodurch das Gebet ebenfalls mehr Gewicht bekommt. Allerdings wird der Inhalt des Gebets, das ja auch den Lobpreis an die Engel enthielt, an dieser Stelle nicht mehr genannt.
– Auch beim Abschluss der Offenbarung des Engels zeigt sich dieser Erzählzug, insofern nun die Protagonisten gleich für drei Stunden auf ihr Angesicht niederfallen und Gott preisen (Tob 12,22 Vg.).156
– Schließlich ist in diesem Zusammenhang noch auf Tob 13,6 Vg. zu verweisen, wo explizit angeordnet wird, dass Gott „mit Furcht und Zittern“ bekannt werden solle.
e) Ein weiteres zentrales Theologumenon der Vulgatafassung ist das der Prüfung.
– Tobits Schicksal wird explizit als Prüfung verstanden. Allerdings geht es dabei nicht um seine eigene Standfestigkeit und sein Gottvertrauen (die scheint der Übersetzer stillschweigend vorauszusetzen), sondern darum, den anderen ein Beispiel für seine Geduld zu geben. Da Tobit von Kindheit an Gott fürchtete und die Gebote hielt, wurde er nämlich nicht verbittert, sondern blieb in der Furcht Gottes. Aber auch Sara scheint ihr Schicksal in diesem Sinne zu interpretieren, wenn sie in ihrem Gebet sagen kann, dass die göttliche Prüfung und Züchtigung eine Krönung des menschlichen Lebens darstellt (Tob 3,21 Vg.).
– Wie GI verbindet auch der Übersetzer der Vulgata die Entsendung des Engels mit dem Motiv der Prüfung (Tob 12,12 Vg.).157
f) Im Hinblick auf die Bedeutung der Familie zeigt Vg. ein differenziertes Bild. Während Vg. die Bedeutung der Nachkommenschaft betont (Tob 9,11 Vg.; 10,4.5 Vg.), scheint anderen familiären Beziehungen weniger Gewicht zuzukommen. So wird das Motiv der Endogamie marginalisiert (Tob 4,13f. Vg.; siehe auch das Gebet Saras in Tob 3,12–23 Vg.), und auch der Begriff „Bruder“ kann eliminiert werden (so z. B. bei 1,15; 2,2; 5,10; 10,6). Achikar (in Vg. „Achior“) erscheint nur im Zusammenhang mit dem Hochzeitsfest in Ninive in Tob 11,20 Vg.
g) Des Weiteren ist auch das Bild der Völker anders gezeichnet als in G.
– Der Schluss der Vulgatafassung des Tobitbuches erwähnt die Zerstörung Ninives nicht, sondern der Blick gilt hier den späteren Generationen, „die in einem rechtschaffenen Leben und in gesegnetem Lebenswandel [verblieben], sodass sie gern gesehen waren vor Gott wie vor den Menschen und allen Bewohnern des Landes“ (Tob 14,17 Vg.).
– Abgesehen von Tob 8,5 Vg., wo ein Seitenhieb auf die Lustzugewandtheit der Völker erfolgt, wird deren Rolle durchaus positiv gesehen. So verbindet Tob 8,19 Vg. das Dankgebet für die Vertreibung des Dämons bereits mit dem Motiv, dass die Betenden als Zeugen für Gottes Gnadenhandeln vor den Völkern auftreten sollen. Nach Tob 13,3–4 Vg. dient die Diasporaexistenz dazu, Gottes Wundertaten und seine Allmacht in der Völkerwelt bekannt zu machen; die Frommen sollen die Wunder Gottes erzählen und verkünden, dass es keinen „anderen allmächtigen Gott gibt neben ihm“.
h) Weitere deutliche Veränderungen finden sich in der Angelologie.
– In Tob 10,11 Vg. enthält der Segenswunsch des Brautvaters auch das Motiv des beschützenden Engels.
– Vg. lässt Tobias die Wohltaten des Engels vollständiger und prägnanter zusammenfassen: „Mich hat er wohlbehalten hin- und zurückgeführt; das Geld hat er selbst von Gabaël geholt; dass ich eine Ehefrau habe, hat er bewirkt und den Dämon von ihr genommen; Freude hat er ihren Eltern bereitet; mich selbst hat er vor dem Verschlingen durch den Fisch gerettet; auch dass du das Licht des Himmels siehst, hat er bewirkt, und durch ihn sind wir mit allen Gütern erfüllt worden. Was werden wir ihm geben können, das all diesem angemessen ist?“ (Tob 12,3 Vg.; nach Tvscvlvm).
– Tob 12,19 Vg. unterstreicht die Andersartigkeit des Engels, wenn das Motiv des Nicht-Essens ausgeschmückt wird: „Ich schien zwar mit euch zu essen und zu trinken, aber ich nehme eine unsichtbare Speise und einen Trank zu mir, der von den Menschen nicht gesehen werden kann;“ (nach Tvscvlvm).
i) Die lateinische Fassung zeichnet sich schließlich auch dadurch aus, dass hier ein stärkerer Akzent auf individuell-eschatologische Anschauungen gelegt wird
– Tob 4,11 Vg. verheißt, dass das Geben von Almosen die Seele nicht in die Finsternis eingehen lässt. Dies lässt vermuten, dass Hieronymus hier von dem Gedanken einer unsterblichen Seele ausgeht; es werden somit Vorstellungen aus dem Bereich der christlichen Eschatologie eingetragen.158
– Anstelle der „guten Gabe“, die das Almosen bildet, spricht Tob 4,12 Vg. davon, dass dieses eine „große Sicherheit“ (nach Tvscvlvm) darstellt. Auch an dieser Stelle scheint ein Einfluss eschatologischer Vorstellungen vorzuliegen.159
Die nach-antiken jüdischen ÜberlieferungenDie jüdische Tradition knüpft mit der aramäischen Version (Ar), Hebraeus Münster (HM), Hebraeus Fagius (HF), Hebraeus Londini (HL), Hebraeus Gaster (HG) und Ozar ha-Qodesch (OhQ) ab dem 13. Jh. an die griechische und lateinische Überlieferung an und entwickelt diese weiter.160 Ar, HM und HG weisen enge Beziehungen zueinander auf. Textgeschichtlich interessant ist insbesondere, dass HL in einem engen inhaltlichen Bezug zur Überlieferung der Vulgata steht.161 Eine Präsentation des gesamten Materials ist ein wissenschaftliches Desideratum und müsste aufgrund seines Umfangs in einer eigenen Publikation erfolgen. Hier soll ein Blick auf einige wesentliche Züge genügen, um so die großen Interpretationslinien des Stoffes deutlicher in den Blick zu bekommen.162
a) Eine wichtige Tendenz bei der Bearbeitung des Stoffes besteht darin, die Bedeutung der Almosengabe zu unterstreichen.
– Ar und HG stellen das Thema der Zehntabgabe als eine besondere Form des Almosengebens an den Anfang und Schluss der Überlieferung (zu 1,1–2 und zu 14 Ende).
– Auch in Tobits Testament in Tob 4 erfolgt eine eindeutige Betonung des Motivs, wenn Ar und HM die Mahnung zum Almosengeben erweitern.
– Eine Eschatologisierung des Motivs enthält HF, insofern Almosen hier vor der Gehenna errettet und dem Spender von Almosen eine „große und gute Gabe“ von Gott verheißen wird (zu 4,10f.).
– Schließlich kann das Motiv auch in den Hymnus Tobits integriert werden, wenn hier nicht nur zum Lob Gottes, sondern auch zum Almosengeben aufgerufen wird (HM zu 13,6). Somit wird insgesamt in der Überlieferung ein starker Akzent auf diese Frömmigkeitspraxis gelegt.
b) Des Weiteren bildet auch die Verstärkung der Gebetsfrömmigkeit eine bedeutende Komponente.
– Tobits Bittgebet (3,1–6) kann dramatisiert bzw. durch einzelne Wendungen erweitert werden (siehe HM, HF, HL).
– HL fügt beim Angriff des Fisches ein kurzes Stoßgebet ein (zu 6,3).
– OhQ platziert das Gebet vor die Vertreibung des Dämons und verändert durch diese Neukontextualisierung den Stellenwert dieses Motivs ganz generell, da nun nicht mehr die Räucherzeremonie die Vertreibung des Dämons bewirkt, sondern das Vertrauen der Protagonisten in Gottes Hilfe (zu 6,17; 8,2).
– Besonders interessant ist das Gebet des Tobias in der Hochzeitsnacht, das als Akrostichon gestaltet ist (HL zu 8,6); zudem spricht hier auch Sara ein eigenes Gebet (zu 8,7).
– Auch die Segensworte werden weiter ausgestaltet (z. B. HL zu 5,18; 7,11–14; 8,15–17; Ar, HM und HL zu 9,6).
– Schließlich enthält HL zu 11,14 auch ein Lobgebet der Hanna.
c) Zudem können die Überlieferungen die Bedeutung des Toragehorsams unterstreichen (so u. a. HF zu 4,19; Ar zu 7,7; HM zu 8,7; 9,6). Ein Teil der Versionen legt auch einen deutlichen Akzent auf die Erfüllung der rituellen Bestimmungen und Reinheitsfragen (z. B. Ar, HM, HL, HG und OhQ zu 1,10f.; HF und OhQ zu 2,9).
d) Die Versionen setzen zudem verschiedene theologische Akzente. Abgesehen von zahlreichen Einfügungen verschiedener Gottesepitetha spielen hier narrative Elemente eine bedeutende Rolle, etwa eine geschichtstheologische Reflexion zur Verfolgung durch Sanherib, die Gottes Gerechtigkeit betont (HM zu 1,18).
e) Andere Motive der Erzählung, so die Angelogie und die Dämonologie, werden eher zurückhaltend und mit leichten Akzentuierungen aufgenommen.
– Bei der Aktivität des Engels kann das Motiv der Gebetsmittlerschaft betont werden (HG zu 12,12); auffällig ist aber v. a. Ar, wo das Motiv der Selbstoffenbarung des Engels gänzlich fehlt.
– Insgesamt bemerkenswert ist auch die Angleichung an den rabbinischen Sprachgebrauch, wenn Rafaël als Fürst ׄשר bezeichnet wird (so z. B. HM in Tob 3,17; 12,15).
– Am Ende, nachdem der Engel entschwunden ist, fürchten die Protagonisten, dass sie sterben könnten, da sie einen „Engel des Herrn der Heerscharen“ gesehen haben (HL zu Tob 12,21).
– Asmodäus kann entweder „König der Dämonen“ (so z. B. Ar, HM zu 3,8.17) oder „Reschef“ genannt werden (HL zu 6,16.18; 8,3; 12,3).
– Manche Texte scheinen konkretere dämonologische Vorstellungen zu haben, wenn etwa vom „Herausziehen“ des Dämons (HL zu Tob 6,8) die Rede ist.
– Eine Art Theologisierung der Dämonologie findet statt, insofern das Gebet vor die Vertreibung des Dämons platziert werden kann (OhQ zu Tob 6,17; 8,2).
– Der Verweis darauf, dass das Räucherwerk unter dem Rock Saras platziert wird (Ar, HM und HG zu Tob 6,17; 8,2), könnte darauf hindeuten, dass hier ein konkretes Räucherritual aus einem medizinischen Kontext Pate gestanden hat und der Autor, welcher das Motiv zum ersten Mal in die Überlieferung einspielte, dieses vor Auge hatte.
f) Eine bedeutende Tendenz, die sich in fast allen Überlieferungen findet, ist der Verzicht auf den eschatologischen Ausblick, wie er für den Schluss der Erzählung in den antiken Versionen typisch ist. So zeigen sich in gewisser Weise eine „Ent-Eschatologisierung“ und eine Konzentration auf die eigentliche Handlung. Lediglich HF enthält die Wiedergabe des Jerusalemhymnus in Tob 13 bzw. 14,4–7 in einem nennenswerten Umfang.
g) Ansonsten ist zu bemerken, dass die Erzählfiguren unterschiedlich akzentuiert werden.
– Dabei spielt v. a. die Figur der Hanna eine besondere Rolle. Insbesondere ihre religiöse Aktivität wird betont, wenn sie nun – im Gegensatz zu den älteren Texten – als aktive Beterin dargestellt werden kann. Sie segnet ihren Sohn zum Abschied (HL zu Tob 5,18) und preist Gott nach seiner Rückkehr bzw. nach der Heilung Tobits (Ar zu Tob 11,9; HL zu Tob 11,14; HM zu Tob 11,16). Außerdem zieht sie ihrer künftigen Schwiegertochter entgegen (HM zu Tob 11,16).
– Des Weiteren kann auch Tobits Frömmigkeit betont werden, indem er als idealer Lehrer geschildert wird, der sich von jeder Sünde fernhält (HL zu Tob 1,9) und sich um das Wohl seiner Mitmenschen kümmert (HL zu Tob 1,13). Eine theologische Aufwertung von Tobits Ungehorsam gegenüber dem König formuliert HL, insofern Tobit hier sagen kann: „Ich fürchte den Herrn der Herren mehr als den König, der wie ich aus Erde geformt ist“ (zu Tob 2,8).
– Die Versionen sind außerdem darum bemüht, Saras Unschuld in den Hochzeitsnächten zu unterstreichen (Ar, HM und OhQ zu Tob 7,11).
h) In narratologischer Hinsicht interessant ist die Tendenz zur Dramatisierung der Handlung.
Dieser Aspekt zeigt sich deutlich im Kontext der Not Tobits bei seiner Flucht und bei seinem Gebet (HG zu 1,20 [während seiner Flucht wird Tobits Haus geplündert]; HL und HF zu 3,1 [Beschreibung des körperlichen Zustands beim Gebet]) oder bei der Begegnung zwischen Vater und Sohn bei seiner Rückkehr (HL zu Tob 11,10). Auch die Begegnung mit dem Fisch wird ausgeschmückt, insofern dieser „groß und furchtbar“ ist (HL zu 6,1–3; siehe auch OhQ).
i) Weitere Elemente dienen der Beleuchtung narrativer Details, insbesondere im Kontext des Eheschließungsrituals.
– So kann die Hochzeitszeremonie derart beschrieben werden, dass der Brautvater die Hand Saras in die Hand Tobias gibt und daraufhin die Antrauungsformel spricht (OhQ zu Tob 7,12).
– Außerdem erfolgen Angaben zum Material, auf das der Ehevertrag geschrieben wird, und bei der Eheschließung sind auch Zeugen zugegen (Ar und HM zu Tob 7,13).
– Besonders eindrücklich ist HL zu Tob 7,13–14, wonach sich die Ältesten der Stadt versammeln, Dinge niederschreiben (gemeint ist vermutlich der Ehevertrag), Gott preisen, Bräutigam und Braut segnen, um dann eine fröhliche Mahlzeit zu beginnen.
– Aber auch der Modus der Aushändigung des Geldes an Gabaël bzw. der Austausch der Unterschriften bei der Hinterlegung des Geldes kann genauer erklärt werden (HF zu Tob 3,17; HL zu 1,14; Ar, HM, HF, HG und OhQ zu 5,3).
j) Eine Reihe von Texten zeichnet sich durch das Bemühen aus, den Text an die biblische Überlieferung anzugleichen.
Dies kann durch biblische Begriffe (z. B. גער [„Schelten“ des Dämons] (HF zu Tob 3,17; HL zu Tob 2,10; 8,6f.; 8,17) geschehen, durch die Einfügung von Schriftzitaten (z. B. Jer 31,17 zu 13,9 oder Ps 72,10 zu 13,11 in HF) oder durch einen Eingriff in die Textüberlieferung selbst, durch welchen die historischen Referenzen der Erzählung an die biblische Überlieferung angeglichen werden (OhQ zu Tob 1,10.15).
Somit lässt sich insgesamt feststellen, dass in diesen nach-antiken Texten der ethische Aspekt, insbesondere die Bedeutung von Almosengabe, Toragehorsam und Gebet unterstrichen wird. Angelologie und Dämonologie sowie die eschatologische Ausrichtung der Überlieferung treten dagegen zurück. Weitere Arbeiten haben diese groben Traditionslinien genauer zu beleuchten, wobei der Verbindung zwischen der Vulgatatradition und Hebraeus Londini besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte.
Kanonizität und Wirkungsgeschichte
Kanongeschichtliche Aspekte
Antikes JudentumDie Erzählung erfreute sich im 1. Jh. v. Chr. im Land Israel einer großen Beliebtheit. Dafür sprechen ihre Bezeugung unter den Texten vom Toten Meer und ihre Übersetzung vom Aramäischen ins Hebräische, durch welche das Buch die Aura einer altehrwürdigen Schrift erhielt. Auch die Übersetzung ins Griechische, die uns heute im sog. Langtext vorliegt und die sich eng an der aramäischen bzw. hebräischen Textform orientiert, belegt eine hohe Akzeptanz des Buches im Judentum der hellenistischen Zeit. Aus Gründen, die sich nicht mehr genau eruieren lassen, scheint das Buch in der jüdischen Tradition aber im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte an Akzeptanz und Bedeutung verloren zu haben. Gegen seine Aufnahme in den Kanon sprach vielleicht, dass es ursprünglich nicht auf Hebräisch verfasst worden war; aber auch inhaltliche Faktoren, etwa die kritische Auseinandersetzung mit Engelsvorstellungen, wie sie für das rabbinische Judentum typisch ist, könnten zu einer solchen Marginalisierung beigetragen haben.163 Es wurde auch vorgeschlagen, dass die Darstellung der Rolle der Frauen (insbesondere der Hannas, die ihrem Mann ganz selbstständig Paroli bietet) den Rabbinen missfiel.164
So findet sich weder in der Liste der biblischen Bücher bei Josephus in Contra Apionem (I, 8 [38]) noch in der rabbinischen Baraita bBB 14b ein Hinweis darauf, dass das Tobitbuch zu den heiligen Schriften gezählt würde. Auch die Zeugnisse der Kirchenväter unterstützen dieses Bild. Origenes (185–254) weiß zu berichten, dass das Buch zwar in den Kirchen gelesen wird, nicht aber von den Juden, die es auch nicht in hebräischer Sprache besitzen,165 und Hieronymus schreibt in seiner Einleitung zur Übersetzung des Buches in der Vulgata: Die „Hebräer scheiden das Buch aus der Liste der heiligen Schriften aus und schlagen es jenen zu, die sie Hagiographen nennen.“166
Alte Kirche und MittelalterWährend das Tobitbuch in der jüdischen Überlieferung eine zunehmende Marginalisierung erfuhr, erfreute es sich in der Alten Kirche großer Beliebtheit und genoss in der Tradition des Westens über Jahrhunderte hin kanonischen Status. Da Johannes Gamberoni das Material in seiner Studie zur Auslegungsgeschichte des Tobitbuches aus dem Jahre 1969 vorbildlich zusammengestellt hat, können hier einige grundlegende Hinweise genügen. Wenn die Bischöfe Hieronymus drängen, er solle das Buch ins Lateinische übersetzen, so zeigt sich die Bedeutung, die dieser Text für den Westen am Ende des 4. Jh.s hatte. Auch die einschlägigen Kanonverzeichnisse können Tobit auflisten. Zwar gab es immer wieder auch einzelne Stimmen, die dem Buch Tobit sein Recht bestritten, unter die Bücher der Heiligen Schriften gezählt zu werden. All diese Diskussionen hatten auf die Praxis freilich jahrhundertelang keinen Einfluss.167 Für den Westen ist es die Fassung der Vulgata, die in ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte bedeutsam wurde.
Humanismus und ReformationEine solch positve Einstellung soll sich erst um die Wende vom 15. zum 16. Jh. im Gefolge von Renaissance und Humanismus ändern. Explizite Kritik am Inhalt des Buches wurde zum ersten Mal bei dem Freiburger D. A. Pelargus (1493/94–1531) laut. Dieser Humanist hatte das Buch zunächst einer eigenen Vorlesung für Wert befunden, zeigte sich dann aber – wie aus einem Brief an Erasmus von Rotterdam (ca. 1466–1536) hervorgeht – bald tief enttäuscht. Das Buch lasse einen kalt, sei hausbacken („jeiunus“) und vieles daran sei sehr dunkel, vor allem in der griechischen Version der Septuaginta. Auch Erasmus von Rotterdam äußerte eine ausgesprochen distanzierte Haltung zu diesem Buch.168
Die grundlegende kanonische Akzeptanz des Buches änderte sich – trotz gelegentlicher Kritik – erst im Zeitalter der Reformation, in dem die Maxime „ad fontes“ dazu führte, dass es – im Gegensatz zur katholischen Tradition – aus dem protestantischen Kanon ausgeschieden und nun zu den Apokryphen gezählt wurde. Der entscheidende Schritt zur De-Kanonisierung des Buches in der protestantischen Überlieferung kam von Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (1486–1541). Für ihn war der Umfang des jüdischen Kanons das entscheidende Kriterium dafür, ob ein Buch auch in der christlichen Tradition als kanonisch oder nicht-kanonisch zu betrachten sei. Alles andere, wie die kirchliche Praxis oder die Bekanntheit des Verfassers, sei dagegen als sekundär zu erachten. Somit waren alle Bücher, die nicht im jüdischen Kanon enthalten waren, von vornherein auch für den christlichen Kanon ausgeschlossen. Da aber auch die Apokryphen wertvolle Wahrheiten enthalten, dürfe man diese Überlieferungen nicht verachten. Aber ihre Autorität komme nicht aus den Apokryphen selbst, sondern vielmehr, insoweit deren Wahrheiten auch in den kanonischen Schriften selbst enthalten seien.169
Was Karlstadt in der Theorie darlegte, wurde dann von dem Drucker Johannes Knoblauch in Straßburg in die Tat umgesetzt. Am 21. November 1522 brachte er eine Vulgata des Alten Testaments in insgesamt sechs Bänden heraus, wobei nun – im Gegensatz zu älteren Ausgaben – die deuterokanonischen Bücher getrennt in dem letzten Band zusammengefasst waren. Dieser trug den Titel: „Bücher, die von den Juden nicht als kanonisch angenommen sind“.170 Diese Tendenz, sich auf einen engeren Kanon zu beschränken, wurde durch das Erscheinen von jüdischen Druckausgaben der Hebräischen Bibel, die in dieser Zeit aus Italien kamen,171 verstärkt.
Martin Luthers Entscheidung, die Apokryphen aus dem Kanon auszuscheiden und diese nur als „gut und nützlich zu lesen“ zu klassifizieren, war somit zu seiner Zeit sowohl theoretisch als auch praktisch vorgezeichnet, und die Notwendigkeit, dieses Vorgehen explizit zu erklären, schien sich damit zu erübrigen. Vor diesem Hintergrund liest sich freilich Luthers Vorrede zum Tobitbuch von 1530 fast wie eine Apologie des Buches. So stellt er den alten Tobit nicht nur als Vorbild an Glaubenstreue, Geduld und dem Tun guter Werke dar, sondern betont auch die Kontinuität zwischen der hebräischen Dichtung der Bibel und der griechischen Dichtung. Wenn er das Tobitbuch mit dem Werk „eines feinen hebräischen Poeten“ vergleicht, „der keine leichtfertigen, sondern die rechten Sachen handelt und über die Maßen christlich treibt und beschreibt“,172 so deutet Luther zumindest an, dass das Buch Tobit, wenn auch auf Griechisch verfasst, doch dem Ideal der „Veritas Hebraica“ zu entsprechen vermag – von den hebräischen Fragmenten, die noch jahrhundertelang in der Judäischen Wüste auf ihre Entdeckung harren sollten, konnte Luther nichts ahnen.173
Für die katholische Kirche wurde dann, wie allgemein bekannt, die Kanonizität des Tobitbuches als Reaktion auf die Reformation im Konzil von Trient 1546 definitiv festgelegt, und es wird seitdem in dieser Tradition zu den sog. „Deuterokanonen“ gezählt.174
Wirkungsgeschichte
Neues TestamentDie neutestamentliche Überlieferung zeigt durch ihre angelologischen und dämonologischen Vorstellungen zwar sehr viele Berührungen mit der Vorstellungswelt des Buches, enthält insgesamt aber nur wenige explizite Bezugspunkte.175 An erster Stelle ist die Beschreibung des „Neuen Jerusalem“ in Offb 21,10–21 zu nennen, in der mit der Motivik der Lichtherrlichkeit der künftigen Stadt Tob 13,16b–18 anklingt. Die Trias der guten Werke „Almosen, Beten und Fasten“ erscheint auch in Mt 6,1–18, und Mt 7,12 // Lk 6,31 enthält zudem auch die Goldene Regel (vgl. Tob 4,15; allerdings in positiver Fassung). Ein direkter Kontakt mit der griechischen Überlieferung ist aber nur schwerlich auszumachen, insofern die Goldene Regel in der zeitgenössischen Popularphilosophie weit verbreitet war. Auch die Didache zitiert – zumindest sinngemäß – die Goldene Regel.176
KirchenväterFür die Literatur der Kirchenväter ist festzuhalten, dass die griechische Welt nur die Kurzform der Erzählung belegt.177 Im Vordergrund steht die Rezeption der weisheitlich-moralischen Aussagen wie der Goldenen Regel als Ausdruck der Nächstenliebe oder die Sentenzen von den Heilswirkungen von Almosen, Fasten und Gebet.178 Aber auch die Wunder und das Wirken des Engels können thematisiert werden.179
Die westliche Welt bediente sich zunächst der Tradition der Vetus Latina. Hier gelangte auch eine allegorische Exegese, die den Fisch und das Wasser als Heilszeichen deutet, ins Blickfeld (vgl. Optatus von Mileve).180 Durch die Übersetzung des Hieronymus war es dann aber die Fassung der Vulgata, die für die abendländisch-christliche Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte bedeutsam wurde.181 Neben den einzelnen Auslegungen und Kommentaren182 ist an dieser Stelle die reiche Tradition in der bildenden Kunst zu nennen (siehe unten).
Mittelalterliches Judentum und HumanismusDie Tatsache, dass christliche Hebraisten wie Sebastian Münster und der Reformator Paul Fagius jüdische Handschriften wie Ms. Konstantinopel 1516 oder Ms. Konstantinopel 1519 rezipieren und edieren, zeigt, dass das Tobitbuch in der Zeit des Humanismus und der Reformation – abgesehen von seiner Kanonizität im Katholizismus – sowohl in der jüdischen als auch in der protestantischen Tradition bekannt war und auch eine gewisse Wertschätzung erfuhr. Sebastian Münster veröffentlicht seine Version des Tobitbuches in Verbindung mit seiner Grammatik183 erstmals im Jahre 1542.184 Sie sollte dann Generationen von Hebräischschülern als Übungstext, an dem sie ihre Kenntnisse in der Praxis anwenden konnten, dienen. Damit hat die Textgeschichte des Tobitbuches auch für den jüdisch-christlichen Religionskontakt geradezu paradigmatische Bedeutung.
Tobit in der bildenden KunstWie Hanne Weskott in ihrer 1972 erschienenen Dissertation darlegen konnte, hat das Buch in der bildenden Kunst eine breite Rezeption erfahren. Zahlreich sind nämlich die bildhaften Darstellungen, die sich dem Begraben der Toten, dem Streit der Eheleute, dem Fischfang, der Brautnacht mit der Vertreibung des Dämons (häufig als Drache dargestellt) und dem Gebet der Brautleute185 oder dem Abschied des Engels widmen.186 Während der Hund in der Erzählung selbst nur am Anfang und am Ende der Reise erscheint (6,2; 11,4), gibt es in der Malerei auch viele Darstellungen anderer Szenen (so z. B. beim Fischfang oder bei der Heilung des Vaters), in denen ein Hund mit abgebildet wurde.
Der Einfluss der Vulgata (und eben nicht der Septuaginta) wird auch in der Darstellung der Heilungsszene deutlich, die den Vater sitzend zeigt, während ihm sein Sohn Tobias die Salbe auf die Augen streicht (Tob 11,11–15 Vg.); nach der griechischen Tradition dagegen findet die Heilung statt, während Vater und Sohn außerhalb des Hauses aufeinander zugehen (11,10f.).187 Interessant ist die Szene auch für Medizinhistoriker, da diese als Staroperation verstanden wurde und dementsprechend dargestellt werden konnte.188
Die größte Bedeutung freilich haben die Reise des Tobias und das Motiv des Schutzengels bekommen. Wenn sich auch für alle Episoden der Geschichte Tobits und des Engels Bildbeispiele finden lassen, so ist es, betrachtet man das Material in seiner Gesamtheit, gerade das Wegmotiv, das eine prominente Rolle spielt.189 Tobias und der Engel erscheinen hier als gemeinsam Wandernde, die von einem Hund begleitet werden. Beide halten oft ihre Erkennungszeichen in der Hand: Rafaël das Salbgefäß und Tobias den Fisch. Nach einer Reihe religiöser Darstellungen in älteren Bibelmanuskripten und in Kirchengebäuden zeigt vor allem das Florenz des 15. Jahrhunderts großes Interesse an dem Motiv. Nun löst es sich aus dem religiösen Zusammenhang im engeren Sinne, wenn Privatleute, die ihre Söhne auf längere Auslandsreisen schicken, zum Auftraggeber solcher Bilder werden. Tobias schreitet dabei als vornehmer Patriziersohn neben dem Engel durch das Arnotal, während der Engel seine Flügel über ihm ausbreitet.190 Rafaël mit dem Salbgefäß wird zum Patron der Reisenden und Apotheker.191 Von Italien aus wandert das Motiv nach Norden, wobei – wie die Darstellungen von Adam Elzheimer (1578–1610) belegen – eine zunehmende Integration der Wandernden in die Landschaft stattfindet.192 Schließlich verschmilzt die Motivik mit einem ganz anderen Typus des Schutzengelmotivs, bei dem Engeln die Aufgabe zukommt, den Sterbenden beizustehen, dem Teufel zu wehren und die Seele sicher in den Himmel zu geleiten.193 Dies macht vor allem die Schutzengel-Gruppe von Franz Ignaz Günther aus dem Jahre 1763 deutlich, in der das Kind, ohne es zu bemerken, an einer Schlange vorbeischreitet.194 Gleichzeitig fand damit die Entwicklung eines religiösen Bildthemas einen Abschluss. Rafaël-Tobias-Wanderungen kommen fortan nur vereinzelt vor. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Motiv dann insofern popularisiert, als jene bekannten Farbdrucke entstehen, die zeigen, wie Kinder in großer Gefahr, z. B. auf einer brüchigen Brücke, beim Überqueren eines reißenden Baches oder in der Nähe von Bahngleisen beim Herandonnern eines Zuges, von den ausgebreiteten Flügeln eines Engels beschützt werden. So wurde zumindest ein Motiv der Tobiterzählung zum Teil des kollektiven Gedächtnisses des Abendlands.
Die Buchüberschrift: Tobits Herkunft und seine Exilierung (1,1–2)
1 a Buch der Geschichte Tobitsa, b bdes Sohnesb Tobiëls, [Sohn] Hananels, [Sohn] Aduëls, [Sohn] Gabaëlsc, [Sohn] Rafaëlsd, [Sohn] Raguëlse, aus der Sippe Asiëlsf, c aus dem Stamm Naftalig, 2 a der in den Tagen Salmanassarsa, des Königs der Assyrer, in die Gefangenschaft geführt wurde b aus Tisbe, das südlichb von Kydios [in] Naftali in Obergaliläa, oberhalb von Asserc und nordwestlich von Phogord liegt.
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
1,1a Griech.: Τωβίθ; GI liest Τωβίτ. Der Name ist die gräzisierte Form des hebr. Personennamens טובי (vgl. die hebr. bzw. aram. Überlieferung in 4Q196 18 12; 4Q197 4iii 5f.; 4Q200 4i 7; 6 4 und die ma. aram. Version). Um das Wort undeklinierbar zu machen, wurde im Griechischen an die vokalische Endung ein konsonantischer Auslaut angefügt. Für weitere Beispiele für dieses Phänomen siehe Fitzmyer, 93. Die Form טובי wiederum ist eine apokopierte Form des Namens „Tobija“ („Jhwh ist mein Gott“; z. B. Sach 6,10.14; Esr 2,60; Neh 2,10.19; 7,62; 13,4.7) bzw. von „Tobijahu“ (2 Chr 17,8) oder des Namens „Tobiël“ („Gott ist mein Gut“; so nur in 1,1 als Name von Tobits Vater); siehe Fitzmyer, 93. VL hat „Thobi“ und spiegelt so die hebr. bzw. aram. Namensform wider; Vg. liest „Tobias“ sowohl für den Vater als auch für den Sohn (mit der Ausnahme von 11,20 Vg., wo „Tobin“ im Akk. erscheint). Tob 13,1 spricht von „Tobias senior“ als Autor des Hymnus. Zu den Bezeugungen des Namens in den antiken Texten siehe Ilan, Lexicon I, 109f.
1,1b–b Im griech. Text fehlt hier und im Folgenden das Wort „Sohn“ und es findet sich nur – wie allgemein üblich – der Genitiv mit τοῦ, um die Abkunft zu bezeichnen; siehe Littman, 46.
1,1c Der Name Gabaël wird bestätigt durch 4Q197 5 10.
1,1d „Rafaël“ fehlt in VL. Da auch der Engel „Rafaël“ heißt, ist zu vermuten, dass der Name hier sekundär eingedrungen ist und GII in dieser Stelle nicht die älteste Form des Textes repräsentiert.
1,1e Hebr.: רעואל; wie bei Gomorrha oder Gaza wird ע mit ג transkribiert; fehlt in VL. Da Raguël auch der Name des Schwiegervaters Tobias’ ist, ist anzunehmen, dass der Name hier sekundär eingedrungen ist und GII an dieser Stelle nicht die älteste Form des Textes darstellt.
1,1f VL liest hier: „filii Asiel“.
1,1g Griech.: Νεφθαλείμ; ansonsten ist Νεφθαλίμ gebräuchlich; verschiedene Angaben zur Schreibweise bei Fitzmyer, 95.
1,2a Griech.: Ἐνέμεσσαρος. Nach Littman, 47, ist diese Namensform wohl aus Salmanassar (assyr.: Šulmanu-ašarid) korrumpiert; so auch Fitzmyer, 95. Moore, 101, verweist auch auf die Babylonische Chronik, der zufolge Salmanassar V. (726–722 v. Chr.) Samaria erobert hat. VL und Vg. lesen Salmanassar. Zu den unterschiedlichen Namensformen siehe auch Millard, Judith, 201.
1,2b Wörtl.: „rechts“ – ein Hebraismus (vgl. ימן in Jos 17,7; 1 Sam 23,19; 2 Kön 23,13 u. ö.); zum Ganzen siehe auch Littman, 49: Der Übersetzer hat hebr. מן mit griech. ἐκ wiedergegeben „to give very awkward Greek“.
1,2c Griech.: ʼΑσσήρ; vgl. die andere Namensform ʼΑσήρ in GI.
1,2d Wörtl.: „hinter dem Weg des Untergangs der Sonne links“. Für „links“ als Bezeichnung des Nordens siehe Fitzmyer, 97.
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
GliederungDie Buchüberschrift stellt die Hauptperson in ihren familiären, historischen und geographischen Bezügen vor und ist folgendermaßen gegliedert:
1a Überschrift mit Nennung der Hauptperson (als pater familias)
1b genealogische Abkunft: Stammbaum
1c Stammesangabe
2a Zeitangabe und Exilierung
2b lokale Herkunft
StrukturDie Geschichte beginnt mit zwei Sätzen, die eine Fülle von Details enthalten, um die wichtigsten Koordinaten der Erzählung – Person, Ort und Zeit – zu präsentieren. Zwar spielen hier neben Tobit auch andere Figuren eine wichtige Rolle – Tobits Frau Hanna, sein Sohn Tobias, dessen Braut Sara und selbstverständlich der Engel Rafaël –, aufgrund der Bedeutung, die dem familiären Denken in dieser Erzählung (wie in der Antike überhaupt) zukommt, liegt jedoch eine Fokussierung auf Tobit als pater familias nur allzu nahe.
Bemerkenswert ist die Anordnung der einzelnen Elemente: Da die Angaben zur Exilierung des Protagonisten jene zur genealogischen und lokalen Herkunft unterbrechen, schafft der Erzähler gleich zu Beginn seines Werkes eine Spannung, die auf zentrale Motive hinweist. Der Blick richtet sich sowohl auf die Frage nach einer Identitätsbewahrung bzw. Identitätskonstitution des Protagonisten in der Fremde als auch auf die Auseinandersetzung mit den Assyrern als einer Weltmacht, die einen universalen Herrschaftsanspruch erhebt.
Einzelanalyse
1,1Das Buch beginnt mit der überschriftartigen Wendung βίβλος λόγων („Buch der Geschichte“), die mit der Figur Tobits verbunden wird. Dann folgt eine komplexe Genealogie, die insgesamt aus sieben Namen besteht und die Tobit dem Stamm Naftali zuordnet. Auf diese Art und Weise wird die Identität Tobits genauer bestimmt.1
1,2Während bislang exakte genealogische Aussagen im Vordergrund standen, verweist der Erzähler nun auf Tobits Exilierung aus seiner obergaliläischen Heimat. Tobit gehört zu jener Schar von Verschleppten, die zur Zeit des Assyrerkönigs Salmanassar V. (726–722 v. Chr.) in die Gefangenschaft geführt wurde (zum biblischen Hintergrund siehe unten). Später erscheint Salmanassar dann als der König, für den Tobit als Einkäufer tätig ist (siehe zu 1,13). Auffallend ist der Detailreichtum im Hinblick auf die geographischen Angaben zu Tobits Herkunft.
Buchinterne Bezüge
ÜberblickBereits die Buchüberschrift führt zu zentralen Themen der Erzählung hin und enthält die Motive „Familie“ (durch den Stammbaum) sowie „Exil und Land“. Außerdem klingen geschichtstheologische Bezüge an.2
Geschichtstheologische AspekteDurch die Gesamtstruktur des Buches, die in den Schlusskapiteln im Jerusalemhymnus (13,10.13f.) sowie in Tobits Testament (14,6–7) auf die Rückkehr aus dem Exil verweist, steht das Schicksal der einzelnen Protagonisten in einem kollektiven und eschatologischen Kontext.
Diachrone Analyse
1,1: βίβλος λόγωνDer Ausdruck βίβλος λόγων („Buch der Geschichte“) weckt Assoziationen an die biblische Wendung N. N. ספר דברי הימים (z. B. 2 Kön 14,28; 15,6.21.31; 16,19 [griech. in der Regel mit βιβλίον λόγων τῶν ἡμερῶν N. N., z. B. 2 Kön 14,28; 15,6.21.31; 16,19 oder βιβλίον ῥημάτων τῶν ἡμερῶν N. N., so 1 Kön 14,29 wiedergegeben])3 bzw. an den biblischen Ausdruck N. N. ספר דברי (so 1 Kön 11,41, griech.: βιβλίον ῥημάτων N. N.). Eine solche Chronik erscheint in der biblischen Geschichtsschreibung (bzw. im Esterbuch, das den Anschein von Geschichtsschreibung erwecken möchte), um auf ein Werk zu verweisen, in dem bedeutende geschichtliche Ereignisse verzeichnet sind. Der Begriff λόγος ist hier daher im Sinne von „Begebenheiten, Geschichte“ zu verstehen (vgl. auch Apg 1,1).4 Der Anschluss im Hebräischen wird in der Regel mit Lamed in der Rolle einer Nebenprädikation5 bzw. im Griechischen mit Dativ konstruiert. Nur 1 Kön 11,41 verwendet eine Constructus-Verbindung bzw. im Griechischen dann den Genitivus possessivus. Die Bezugsgrößen sind dabei die Könige Judas oder Israels; in den Belegen aus dem Esterbuch geht es um die Chronik des Perserkönigs (Est 2,23; vgl. 6,1) bzw. die Chronik der Könige von Medien und Persien, in die – als Auszeichnung und große Ehre – auch die Taten Mordechais Eingang finden (Est 10,2). Die Formulierung in 1 Kön 11,41 kommt Tob 1,1 insofern am nächsten, als das „Buch der Begebenheiten“ dort ebenfalls mit einer einzelnen Person, nämlich mit Salomo, verbunden wird.
Außerbiblische ReferenzenEin ähnlicher Buchanfang wie hier findet sich im Genesisapokryphon 1QGenApocr 5,29, wo von einer Kopie des Buches der Worte Noachs (כתב מלי נוח פרשגן) die Rede ist.6 Des Weiteren liegt auch eine enge Korrespondenz zu den Testamenten der Zwölf Patriarchen7 sowie zum Anfang der aramäischen Achikarerzählung vor.8 Hier allerdings ist die Übersetzung „Buch/Schrift der Worte N. N.“ passender. Für Tobit insgesamt ist die erste Möglichkeit, wonach es um die „Geschichte Tobits“ geht, vorzuziehen, da nur am Buchanfang Tobit in der 1. Pers. spricht (so 1,3 bis 3,6) und dann – ab Tob 3,7 – ein auktorialer Erzähler agiert.
Die Parallelen zum Buchanfang erscheinen somit allesamt im nationalen bzw. internationalen Kontext königlicher Geschichtsschreibung bzw. in der Literatur, die mit altehrwürdigen Patriarchen in Verbindung steht. Tob 1,1 unterscheidet sich davon insofern, als hier weder eine königliche Figur noch einer der weisen Urväter vorgestellt wird, dazu ist Tobit auch noch ein Exilierter. Auf diese Art und Weise erscheint die Figur Tobits in der Patina historischer bzw. weisheitlicher Bedeutsamkeit. Gleichzeitig wird die Erwartung aufgebaut, dass nun entweder „große“ politische Geschichte berichtet wird oder aber – ähnlich wie in der Testamentenliteratur oder bei Achikar – eine besondere Art der Weisheitslehre erfolgt. Die Erzählung spielt zunächst aber – wenn auch in die Geschichte der großen Reiche eingebunden – in der „kleinen Welt“ der Familie. Erst am Ende des Buches soll deutlich werden, dass gerade das „Familiär-Private“ hier auf das Nationale hin transparent gemacht wird. Somit formuliert das Buch Tobit in „Anlehnung und Modifikation zu den im dtr. und chr. Geschichtswerk erwähnten Buchtiteln […] seinen Anspruch, eine für die Geschichte Israels insgesamt maßgebliche, ja positiv paradigmatische Person darzustellen.“9
1,1: Der Name „Tobit“Der Name „Tobit“, der in seiner Langform „Tobija(hu)“ bzw. „Tobiël“ die Bedeutung „Jhwh bzw. Gott ist gut“ (siehe TA 1,1a) hat, signalisiert das dem Wohl der Menschen dienende Handeln Gottes. Die symbolische Dimension des Namens erschließt sich insbesondere durch den innerbiblischen Bezug zu Nah 1,7, einem der wenigen Statements über Gottes Rettung seines Volkes „in the midst of a book largely devoted to prophesying God’s jugdement on Niniveh“.10
1,1: Die TobiadenInnerhalb der biblischen Überlieferung und der Geschichte Israels ist der Name „Tobit“ insbesondere mit der Familie der Tobiaden und einer Figur namens Tobija in Neh 2,10.19; 4,1–9; 6,1.12.14.17.19; 13,4–9 verbunden, die als „Knecht Ammons“ (Neh 2,10.19) bezeichnet wird und als Widersacher Nehemias auftritt. Das theophore Element des Namens (wie auch des Namens seines Sohnes Johanan; siehe Neh 6,18) deutet ausdrücklich darauf hin, dass dieser ein Jahweverehrer war. Deutlich wird zudem, dass dieser Tobija in engen verwandtschaftlichen Beziehungen zu hoch angesehenen Jerusalemer Familien stand und eine breite Akzeptanz und hohes Ansehen bei den Eliten genoss.
Nach Neh 13,4 war Tobija mit dem Priester Eljaschib (nach Neh 3,20 Hoherpriester!) verwandt (siehe auch Neh 6,18, wonach Tobija in einem verwandtschaflichen Verhältnis zu Schechanja stand, der ebenfalls zu den Priestern gezählt wird [Neh 12,3]). Eljaschib hatte Tobija sogar einen Raum im Jerusalemer Tempel zur Verfügung gestellt, damit dieser dort seine Besitztümer aufbewahren konnte (Neh 13,5). Außerdem hatten viele Judäer Tobija einen Treueeid geleistet (Neh 6,18). Wenn Nehemia Tobijas Recht auf dauerhaftes Andenken in Jerusalem bestreitet (Neh 2,20), so impliziert dies, dass ein solcher Anspruch, der vermutlich politische Implikationen hatte, tatsächlich bestand bzw. erhoben wurde.
Die Bezeichnung „Knecht Ammons“ spielt auf die Herkunft Tobijas aus dem ostjordanischen Ammon an, das als dem Siedlungsgebiet der israelitischen Stämme zugehörig betrachtet werden konnte (siehe Jos 13,24–28).11 Man hat erwogen, ob Tobija sogar die Position eines ammonitischen Statthalters innehatte. Klaus-Dietrich Schunck plädiert dafür, in Tobija einen „Unterbeamten“ zu sehen, der in enger Verbindung mit Sanballat als dem Statthalter der Provinz Samaria stand. Eine solche Annahme „würde noch eine Bestätigung erhalten, wenn es zutreffen sollte, daß der in Esr 4,7 genannte טבאל mit ihm identisch ist […]. Dieser טבאל wirkte bereits 448 v. Chr. als Beamter in Samaria, von wo er sich in einer Jerusalem betreffenden Angelegenheit mit einem Brief an Artaxerxes wandte.“12
Tobija scheint zu einer Familie gehört zu haben, die unter dem Namen „Söhne Tobijas“ in den Rückkehrerlisten in Esr 2,59f. und Neh 7,61f. als eine Gruppe genannt wird, bei der nicht klar war, ob sie aus Israel stammte.13
Weitere aufschlussreiche Hinweise zu Tobija sowie zur Geschichte seiner Familie gibt Benjamin Mazar. Er betont ausdrücklich, dass Tobija Jude war; die Bezeichnung „Knecht Ammons“ möchte er als Hinweis auf seine hohe gesellschaftliche Position deuten und seine Funktion als Diener („servant“) des persischen Königs mit Residenz in Ammon bestimmen.14
Nach Mazar entstammte dieser Tobija einer Familie, die bereits in vorexilischer Zeit politisch bedeutsam war und über einen großen Reichtum verfügte. Das früheste Zeugnis hierfür könnte sich bereits in Jes 7,6 finden, wo ein gewisser Tabeal genannt wird, der von den angreifenden Aramäern anstelle Ahas’ zum König Judas gemacht werden soll. Vor dem Hintergrund der Theorie, dass der Name Tabeal hier eine pejorative Form des Namens Tobiël darstellt und dass das theophore Namenselement -el infolge der josianischen Reform durch -jah(u) ersetzt wurde, möchte Mazar bereits diese Person als Mitglied der Tobiadenfamilie und als einen frühen Vorfahren des Tobija aus dem Nehemiabuch sehen, der einer einflussreichen judäischen Familie angehörte, „perhaps even a relation of the house of David, who had many supporters among Ahaz’ enemies in Jerusalem and was closely connected with the kings of Israel and Aram, and we might well see in this Ben-Tab’al the ancestor of the Tobiad family.“15 Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Tobiaden bereits in den letzten Jahren vor dem Ende des Königtums in Juda sehr einflussreich waren, findet sich in den Lachischbriefen, wo ein Tobiah als „Diener des Königs“ (Lachischbrief III, II, 19–21) bzw. als „Arm des Königs“ (Lachischbrief V, II, 7–10) bezeichnet werden kann.16
Für die Verbindung mit dem Ostjordanland bietet Mazar verschiedene Erklärungen an. So verweist er darauf, dass manche der israelitischen Könige enge Beziehungen zu Grundbesitzern in Transjordanien hatten. Pekach, der Sohn Remaljas, wurde mit Hilfe der Gileaditen König (2 Kön 15,25), und es ist nach Mazar möglich, dass die Tobiaden ihre Karriere als Landbesitzer in Transjordanien in den Tagen von Usija und Jotam begannen, als diese Besitztümer von den Ammonitern erhielten (vgl. 2 Chr 26,8; 27,5). Eine Alternative für die Verbindung der Tobiaden mit Gilead schlägt Mazar in einer Fußnote vor: „If we accept the assumption that Tab’al was the ancestor of the Tobiads, then the family estates in Gilead would be a pledge for his loyality towards Pekah, the king of Israel.“17
Mazar möchte zudem auch annehmen, dass Mitglieder der Tobiadenfamilie, die später als „Söhne Tobijas“ in den Rückkehrerlisten erscheinen (siehe Esr 2,59f. und Neh 7,61f.), von Tiglat-Pileser III. (744–727 v. Chr.) aus Gilead exiliert worden waren. Für eine solche Rückkehr sprechen Belege aus der prophetischen Überlieferung – so Jer 1,19, Ob 19 und Sach 10,10.18 Die babylonischen Texte aus dem Murashu-Archiv in Nippur zeigen aber auch, dass ein Teil der Familie im mesopotamischem Exil blieb.19 Zudem identifiziert Mazar jenen Tobija, der in Sach 6,10 erwähnt wird und der Gold für die Herstellung der Krone für Jeschua und Jozadak bringen sollte, als Großvater des Gegenspielers Nehemias.20
Blickt man von diesen Belegen aus auf die weitere Geschichte dieser Familie, so wird in der Regel angenommen, dass die Gestalt Tobijas, die im Nehemiabuch erwähnt wird, in Beziehung zu dem wohlhabenden und einflussreichen Tobiadenclan steht, der für die Geschichte des antiken Judentums in der Ptolemäer- und Seleukidenzeit bedeutsam wurde.21 So dokumentieren die Zenon-Papyri die Aktivität eines Tobias im 3. Jh. v. Chr., der im Ostjordanland ein wohlhabender Landbesitzer und ein Geschäftsmann war. Wenn Zenon-Papyrus Inv. 2358, der aus der Zeit Ptolemäus’ II. (283–246 v. Chr.) stammt, vom „Land des Tobija“ spricht, wird deutlich, dass die Familie der Tobiaden östlich des Jordans umfangreiche Ländereien besaß. Mazar beschreibt auf der Basis der Zenon-Papyri das Territorium dieses Clans folgendermaßen:
„We may fix its boundaries roughly according to the Zenon papyri. In the West it boardered on Abila, to which probably belonged the regions adjoining the Jordan on the east between Wadi Nimrin and the Dead Sea (the biblical ‘plains of Moab’). In the east it extended as far as the vicinity of Rabbath-Ammon, i. e. Philadelphia, which appears in the papyri as an autonomous city and it is called by its ancient name: ἐν Ραββαταμμανοις. In the south it is bordered on the Moabitis, and the boundary probably passed along the Wadi Ḥisban. In the north the whole neighbourhood of es-Salt belonged to Gedora […].“22
Diese Angabe wiederum passt zu den Ausführungen des Josephus im sog. Tobiadenroman, in dem erzählt wird, wie ein gewisser Josef, Sohn des Tobias und der Schwester des Hohenpriesters Onias II., vom Ptolemäerkönig das Amt des Generalsteuerpächters verliehen bekam und dieses zweiundzwanzig Jahre lang innehatte. Dieser Josef hatte sieben Söhne, und sein jüngster Sohn Hyrkanus, der die proptolemäische Haltung seines Vaters vertrat, überwarf sich mit seinen Brüdern, die proseleukidisch eingestellt waren, und musste ins Ostjordanland fliehen. Dort nahm er sich beim Regierungsantritt von Antiochus IV. Epiphanes (175–167 v. Chr.) im Jahre 175 v. Chr. das Leben (Flav. Jos. Ant. XII, 4, 2–11 [160–236]).23
Der Jerusalemer Zweig der Tobiaden dagegen kämpfte wohl weiterhin in Jerusalem um Einfluss und stellte sich gegen den Hohepriester Onias II. und seine Familie. Josephus berichtet, dass es die Tobiaden waren, die Menelaos unterstützten, als er das Hohepriesteramt von Jason, dem Bruder des Onias, erwerben wollte. Nach Josephus waren es auch die Tobiaden, die Antiochus IV. ermutigten, Judäa zu besetzen, ihm ihren Dienst dort anboten und ihn ermunterten, die griechische Lebensweise in Jerusalem zu fördern (Flav. Jos. Ant. XII, 5, 1 [237–241]).24
Die Nachricht, dass die „Brüder“ der Tubianer (ἐν τοῖς Τουβίου) von den umwohnenden Syrern angegriffen und versklavt wurden (1 Makk 5,13) sowie dass Judas den „Tubianer“ genannten Juden in Charax zu Hilfe eilte (2 Makk 12,17) belegt, dass auch nach dem Tod Hyrkanus’ im Ostjordanland Anhänger oder sogar Zugehörige zu diesem Zweig der Familie lebten.25 Beim Kampf gegen die Seleukiden leisteten wiederum die Reiteroffiziere Sosipatros und Dositheus, die ebenfalls mit den Tobiaden in Verbindung gebracht werden können (hierzu eine Lesart von 2 Makk 12,35), Judas tatkräftige Unterstützung (2 Makk 12,19.24.35).26
Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Tobiaden eine alte Familie waren, die wahrscheinlich schon vorexilisch nicht nur in Jerusalem bedeutenden Einfluss besaß, sondern auch im Ostjordanland über ein großes Territorium verfügte. Dies findet, wie die Überlieferung bei Nehemia zeigt, nach dem Exil seine Fortsetzung; allerdings wird das Bild etwas getrübt, insofern die Familie ihren Stammbaum nicht deutlich belegen kann. In der Zeit des 3. und 2. Jh. v. Chr. erscheinen die Tobiaden als eine in hohem Maße hellenisierte Familie, die weiterhin ihre Machtbasis im Ostjordanland hatte, aber auch in Jerusalem und Juda politisch machtvoll agierte. In der Gemengelage von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nach der Rückkehr aus dem Exil unter den Persern bzw. in der hellenistischen Zeit sowie vor dem Hintergrund von innerfamiliären Streitigkeiten scheint es für die Familie der Tobiaden immer wieder einen erheblichen Legitimationsbedarf gegeben zu haben. Vor diesem Hintergrund wurde in der Forschungsliteratur auch die These vertreten, dass die Erzählung als Familiensaga des Tobiadenclans diente, die das Image desselben in einem positiven Licht darstellen sollte.27
1,1: GenealogieSowohl der Name Tobit als auch die in der Genealogie genannten Namen weisen enge intertextuelle Bezüge zu anderen biblischen Schriften auf.
| Text | Mögliches Äquivalent in MT | Septuaginta | Bedeutung | Bemerkungen |
| Tobit – Tωβίθ | טוביה– Neh 2,10 u. ö.bzw. טוביהוnur in 2 Chr 17,8s. a. Tobiël | ΤωβιαΤωβιας | „Jhwh ist gut“ | |
| Tobiël –Tωβιήλ | טבאל– Jes 7,6; Esr 4,7 | Ταβεήλ | „El ist gut“ | |
| Hananel – Ἃνανιηλ | Name eines Turmes חננאל– Sach 14,10; Neh 3,1; 12,39vgl. auch חנני / חנניה / חנניהו | Ανανεήλ Ανανι/Ανανια/Ανανιας | „El ist gnädig“ | Tob 1,8 kennt Hananel als „Vater“ im Sinne eines Vorfahren |
| Aduël – Ἀδυήλ | in MT nicht belegt; evtl. עדיאל– 1 Chr 4,36 | Εδιήλ | „Ein Schmuck ist Gott“ | |
| Gabaël – Γαβαήλ | in MT nicht belegt | nur in Tob | „Gott hat erhoben“ | Person, bei der Tobit das Geld deponiert hat (1,14; 4,1.20 u. ö.). |
| Rafaël – Ραφαήλ | רפאלals Name einer Person nur in 1 Chr 26,7 | Ραφαήλ | „Gott heilt“ | vgl. den Namen des Engels (3,16 GI; 3,17 GII); ferner äthHen 9,1; 20,3; 22,4 u. ö. |
| Raguël –Ραγουήλ | רעואלGen 36,4.10.13; Ex 2,18 u. ö. | Ραγουήλ | „Freund Gottes“ | Name des Brautvaters (vgl. 3,7.17 u. ö.); vgl. den Namen eines Engels in äthHen 20,4; 23,4. |
| Asiël –Ἀσιήλ | יחצאל – der Erstgeborene Naftalis – Gen 46,24; Num 26,48 עשׂיאל – ein Vorfahre Jehus – 1 Chr 4,35 (nicht zu Naftali gehörig) | ἈσιήλἈσιήλ | Asiël ist der Einzige unter den hier genannten Vorfahren Tobits, der auch im MT dem Stamm Naftali zugerechnet wird. |
Auffällig bei all diesen Namen ist die Tatsache, dass sie das theophore Element „El“ enthalten und somit ihre Träger indirekt als fromme Personen charakterisieren.28 Durch die Konstanz im Stammbaum klingt zudem auch eine gewisse „Traditionstreue“ dieser Familie an.29 Der Stammbaum findet am Ende noch eine konkrete Präzisierung, wenn der Stammvater „Asiël“ mit dem Terminus σπέρμα in der Bedeutung von „Sippe, Clan“ verbunden und dieser wiederum dem Stamm (φυλή) Naftali zugeschrieben wird. Φυλή und σπέρμα sind in Verbindung mit πατριά bzw. γένος Teil des genealogischen Systems Tob, das in immer kleiner werdenden Einheiten die Organisation des gesamten Volkes zeigt.30
1,1: NaftaliTobit gehört dem Stamm Naftali an. Naftali war der zweite Sohn Jakobs mit Rahels Magd Bilha (Gen 30,7f.; 35,25; 46,24f.) und steht für den entlang dem Ostrand des unter- und obergaliläischen Gebirges lebenden Stamm. Die Frage, warum ausgerechnet ein Repräsentant des Stammes Naftali in Tob eine so bedeutende Rolle spielt, wird durch den Fortgang der Erzählung deutlich, wo die symbolische Bedeutung dieses Stammes zum Ausdruck kommt: Naftalis Bewohner waren nach der biblischen Darstellung die Ersten in der Geschichte Israels, die unter der Aggression einer Großmacht exiliert wurden (1,2; siehe 2 Kön 15,29).
1,2: ExilierungDer Erzähler weiß zunächst, dass der Protagonist unter dem assyrischen König Salmanassar V. (726–722 v. Chr.) in die Gefangenschaft geführt wurde (αἰχμαλωτεύω pass.). Damit spielt er auf die biblische Überlieferung von der Exilierung der Nordstämme an und gibt die Assyrerherrschaft als den zeitlichen Rahmen, in dem die Geschichte spielen soll, vor. Im Zuge der aggressiven Expansionspolitik unter Tiglat-Pileser III. (744–727 v. Chr.) löschte das neuassyrische Reich im Jahre 722 v. Chr. das Nordreich Israel aus und stellte dann für fast einhundert Jahre eine ständige Bedrohung für das Südreich Juda dar. Im letzten Drittel des 7. Jh.s v. Chr. aber schwand seine Kraft zusehends, und so konnte die Hauptstadt Ninive im Jahr 612 v. Chr. von den miteinander verbündeten Babyloniern und Medern erobert und zerstört werden.31
Allerdings liegt hier ein deutlicher Unterschied zur biblischen Überlieferung vor: König Salmanassar wird in 2 Kön 17,3 und 2 Kön 18,9 als der Eroberer Samarias vorgestellt, dessen Handeln zum endgültigen Ende des Nordreichs führte (722 v. Chr.).32 Die Exilierung Naftalis, die den Hintergrund für Tobits Geschick bildet, fand bereits zur Zeit des Königs Pekach (732 v. Chr.) unter König Salmanassars Vorgänger und Vater Tiglat-Pileser III. (744–727 v. Chr.) statt. Diese Vermischung der geschichtlichen Angaben könnte im Sinne einer historischen Fiktion verstanden werden, die markante Elemente der Exilierung kombiniert, um so zu einer idealtypischen Konstellation zu gelangen;33 vielleicht handelt es sich auch um einen schlichten historischen Irrtum. Jedenfalls wird Tobit als das prototypische Opfer aggressiver Weltmachtspolitik präsentiert.34
1,2: Tobits „Heimat“Die detaillierten Ortsangaben lassen sich durch biblische Bezüge genauer fassen, allerdings wirft die Zusammenstellung im Einzelnen auch verschiedene Probleme auf, da nur „Kydios“ und „Asser“ im Stammesgebiet Naftali eindeutig lokalisiert werden können; „Tisbe“ und „Phogor“ dagegen weisen in das Ostjordanland.35
– Die Ortsangabe „Tisbe“ stellt vor die Frage, wie sich dies mit der Herkunft Tobits aus dem Stamm Naftali vereinbaren lässt. Eine Ortslage Tisbe im Stammesgebiet Naftali ist nicht bekannt (vgl. Jos 19,32–39), vielmehr erinnert diese geographische Bezeichnung an Tisbe in Gilead, das als Heimat des Propheten Elija gilt (vgl. u. a. 1 Kön 17,1). Erschwerend kommt hinzu, dass die Ortslagen „Kydios“ und „Asser“, die im Folgenden genannt werden, eindeutig im Stammesgebiet Naftalis zu verorten sind. Vor diesem Hintergrund wollte Józef Milik, der nachdrücklich für eine Verbindung von Tob mit der Tobiadendynastie plädierte, Tisbe mit Ṭûbâs identifizieren, einer Ortslage ca. 20 km nordöstlich von Nablus an der alten Römerstraße zwischen dem Wadi al-Far‘â und dem Dorf Teyâṣîr gelegen. Wolfgang Zwickel setzt Tisbe hier mit Khirbet Harrawi / Khirbet Harrah / Qeren Naftali gleich. Die Ortslage liegt, so Zwickel, „unmittelbar an der Abbruchkante zum Huletal hin. Von hier aus kann man das ganze Hulebecken bestens überblicken.“36 Von daher passe diese Identifizierung in der Tat zu der Angabe, dass Tisbe „oberhalb von Asser/Hazor“ liegt. Ein weiteres Argument für diese Lokalisierung leitet sich aus der Tatsache ab, dass die beiden im Folgenden genannten Orte Asser/Hazor und Kedesch eindeutig zuzuordnen seien; wenn diese Orte wirklich existieren, sei es nicht plausibel, dass es sich bei den beiden anderen Orten „um fiktive Lokalisationen handeln“ solle.37 In Qeren Naftali befand sich eine große Festungsanlage, die wohl in hellenistischer Zeit massiv ausgebaut wurde; vermutlich handelte es sich um eine seleukidische Garnison, die die Hauptwasserquelle des Hulebeckens und die nach Norden gehende Handelsstraße überwachte. Das Fort wurde wohl um 145/144 v. Chr. von hasmonäischen Truppen erobert und besetzt, und die Einrichtung einer Miqwe in dieser Anlage deutet auf eine dauerhafte jüdische Existenz. Die Stadt wurde dann im Jahre 38/37 v. Chr. erobert. Zwar ist nicht klar, wer hinter diesem Angriff stand, aber nun wurde die Miqwe zugeschüttet und in einen Kochplatz verwandelt, an dem man auch Schweineknochen fand.38
– Kydios wird mit dem heutigen Tel Kedesch / Tell Qedes, dem biblischen Kedesch auf dem Stammesgebiet Naftalis in Obergaliläa, identifiziert (Jos 20,7; 21,32). Vermutlich ist der Ort auch mit der Stadt gleichzusetzen, die Tiglat-Pileser III. (744–727 v. Chr.) nach 2 Kön 15,29 erobert hat. Auch die Schlacht zwischen dem Hasmonäer Jonatan (161–142 v. Chr) und dem Seleukiden Demetrius II. (145–140 v. Chr.) um 144 v. Chr. fand wohl an diesem Ort statt (siehe 1 Makk 11,63.73 und Flav. Jos., Ant. XIII, 5, 6f. [154–162]). Die Ortslage ist von Kedesch-Naftali in Untergaliläa zu unterscheiden (zu Kedesch-Naftali siehe zu 1,8).39 Verschiedene Ausgrabungen belegen die Bedeutung des Ortes als regionales Zentrum und strategisch wichtige Ortschaft. Man entdeckte dort auf einem perserzeitlichen Fundament ein monumentales hellenistisches Gebäude, das aufgrund seiner Größe kein gewöhnliches Wohnhaus gewesen sein kann. So schloss man, dass es sich um ein administratives Gebäude gehandelt haben muss; verschiedene Siegel präsentieren ein breites Spektrum persischer und griechischer Motive, die auf aktive Handelsbeziehungen der Bewohner und einen gehobenen Lebensstil schließen lassen. Zudem zeigt sich ein enger Bezug zur phönizischen Welt, so z. B. durch den Fund eines Siegels, auf dem die Göttin Tanit dargestellt ist. Stempelabdrücke auf Amphorenhenkeln können auf die Zeit zwischen 180 und 145 v. Chr. datiert werden; für die Zeit um 145 v. Chr. ist ein Brand festzustellen, der wohl gezielt im Archivbereich gelegt wurde, und bereits zu Beginn der Ausgrabungen stellten die Ausgräber die Vermutung auf, der Ausbruch des Feuers stehe in Zusammenhang mit dem Kampf Jonatans gegen Demetrius II. (144 v. Chr.). Während der makkabäisch-hasmonäischen Expansionsbewegung hat der Ort seine Bedeutung als regionales Verwaltungszentrum verloren, wurde aber dann nach dem Feuer wieder besiedelt und bestand bis ins frühe 1. Jh. v. Chr. Dabei zeigt sich wiederum der Einfluss des phönizischen Kulturbereiches. Anscheinend gelang es den Hasmonäern nicht, das Gebiet dauerhaft unter Kontrolle zu bringen.40
– Asser wird in der Regel mit dem vormaligen kanaanäischen Stadtstaat Hazor gleichgesetzt; wie Kedesch wird diese Ortslage in der Ortsliste des Stammes Naftali erwähnt (vgl. Jos 19,36f.). Man fand dort Spuren, die auf die Errichtung einer assyrischen Zitadelle hinweisen, die wohl bis in die persische und griechische Zeit Bestand hatte. „Eine flächendeckende Wiederbesiedlung der eisenzeitlichen Großstadt ist nach der assyrischen Eroberung auszuschließen. In hellenistischer Zeit existierte dort eine kleine unbedeutende Siedlung in der Größe von 1 Hektar.“41
– Die Ortslage eines galiläischen Phogor ist biblisch nicht belegt. Stattdessen verweist der Name wieder auf das Ostjordanland, denn ein Berg namens Φόγωρ (Num 23,28LXX; vgl. Pegor) wird in Moab lokalisiert. Zwickel möchte annehmen, dass man Fogor/Phogor in der Nähe von Tisbe suchen muss, „und zwar im Hulebecken selbst. Das südliche Hulebecken war in hellenistischer Zeit abgesehen von Hazor unbesiedelt. Ein optimaler Kandidat wäre jedoch Tell Naama […], eine Ortslage, die in hellenistischer Zeit wiederbesiedelt wurde, nachdem sie nahezu ohne Unterbrechung seit dem Neolithikum bis vermutlich 732 v. Chr. bewohnt war.“42
Insgesamt deuten die Angaben darauf, dass die Figur Tobits mit Obergaliläa als Herkunftsort in Verbindung gebracht werden soll. Dort lebten auch nach der assyrischen Deportation noch Menschen der vormaligen Stämme. Im Gegensatz zu Samaria hören wir an keiner Stelle davon, dass die Assyrer in Galiläa fremde Bevölkerungselemente ansiedelten (vgl. dagegen 2 Kön 17,24). 2 Chr 30,5–10 weiß jedenfalls, dass Hiskija auch in den Norden aussandte, um diejenigen, die der Gewalt der Assyrer entronnen waren, zum Passahfest nach Jerusalem zu laden, und 2 Chr 34,6 berichtet, dass Joschija bei seiner Reform auch Altäre und Götterbilder „in den Städten von Manasse und Efraim, von Simeon bis nach Naftali“ zerstören ließ. Auch wenn die Aussage selbst keinen Anspruch auf Historizität haben kann, spiegelt sich in ihr zumindest die Tatsache wider, dass der Chronist ein solches Vorgehen Joschijas für möglich und wohl auch für nötig hielt. Allerdings ist es schwierig festzustellen, wie groß die vormalig israelitische Bevölkerung in diesem Gebiet war. 1 Makk 5,21–23 lässt darauf schließen, dass zur Zeit des Makkabäeraufstandes eine solche Minderheit in einem überwiegend paganen Territorium lebte; nach der hasmonäischen Eroberung wurden zahlreiche pagane Siedlungen in ganz Galiläa in jüdische Siedlungen umgewandelt, sodass man geradezu von einer Judaisierung Galiläas sprechen kann (siehe hierzu insbesondere die Eroberungen unter Aristobul I. [104–103 v. Chr.]; Flav. Jos. Ant. XIII, 11, 3 [318]).43
Die biblischen Angaben sind mit dem archäologischen Befund zu korrelieren. Diese zeigen, dass die Besiedlung dieser Gegend im Übergang von der persischen zur hellenistischen Ära intensiviert wurde, wobei zunächst vor allem phönizische und hellenistische Einflüsse zu greifen sind. Archäologische Funde wie Miqwen und Steingefäße oder das Verschwinden von paganen Münzen bzw. die Zerstörung paganer Heiligtümer weisen darauf hin, dass die hasmonäische Eroberung einen kulturellen Wandel in der Region mit sich brachte. Ausgeprägte jüdische Präsenz ist in Yodfat und Sepphoris nachzuweisen; aber auch die Orte Khirbet Shura, Khirbet el-Kerak, Qeren Naftali, Betsaida, Mizpe Yamim, Horvat Be’er Sheva, Horvat Tefen und Tel Kedesch legen solche kulturellen Veränderungen nahe.44
Bemerkenswert ist, dass die konkreten Ortsangaben am Anfang dieser Erzählung nicht allein durch biblische Referenzen erklärt werden können, vielmehr liegt hier ein Detailwissen vor, das die Tobitfigur bewusst im nördlichen Galiläa verankern möchte. Der Verfasser des Buches (bzw. der einleitenden Überschrift) scheint auf jeden Fall eine gute Kenntnis der Region Galiläas gehabt zu haben. Ob man daraus ableiten kann, dass der Erzähler aus dieser Gegend stammte,45 sei einmal dahingestellt. Zumindest lassen die konkreten Angaben darauf schließen, dass der Erzähler die Verbindung Tobits mit Galiläa betonen wollte und dass durch diese Figur, die im Folgenden als exemplarischer Frommer und Jerusalempilger gezeichnet wird, auch die Bedeutung dieser Region und ihr Bezug zu Jerusalem ideell gestärkt wurde.
Synthese
Die Buchüberschrift bietet sehr konkrete Angaben zum Stammbaum und zur Herkunft des Protagonisten Tobit sowie zu dessen historischer Kontextualisierung. Im Zentrum steht das Schicksal Tobits, eines Naftaliten, der aus seiner galiläischen Heimat unter König Salmanassar V. (726–722 v. Chr.) ins assyrische Exil deportiert wurde.
Der Buchanfang erinnert formal an zeitgenössische pseudepigraphe Überlieferungen großer Gestalten aus Israels Vergangenheit, sodass der Protagonist der Erzählung gleich in die Aura besonderer Bedeutsamkeit und Weisheit gehüllt wird. Es ist nicht auszuschließen, dass der Erzähler auf konkrete Familien- bzw. Lokaltraditionen rekurriert und auch das Ziel verfolgt, das Prestige einer bestimmten Familie bzw. von Menschen, die mit den hier genannten Ortslagen in Galiläa verbunden sind, zu untermauern.
Konkretere Rückschlüsse auf den historischen Ort und den Sitz im Leben der Buchüberschrift sind allerdings nicht möglich, da deren Angaben kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Die Ortsangaben wirken einerseits sehr konkret, lassen sich aber andererseits nicht miteinander harmonisieren, da nur „Kedesch in Naftali“ und „Asser/Hazor“ in Galiläa lokalisiert werden können, „Tisbe“ und „Phogor“ jedoch nur aus der Geographie des Ostjordanlandes bekannt sind. Die Ortslagen „Kedesch in Naftali“ und „Asser/Hazor“ sowie die Bedeutung, die Galiläa hier insgesamt einnimmt, passen in die Zeit der Makkabäerkämpfe (vgl. 1 Makk 5,21–23) bzw. der Gebietserweiterungen der Hasmonäer unter Aristobul I. (104–103 v. Chr.), aber eine solche Beziehung ist nicht zwingend.
Die Assoziationen zu den Tobiaden, die durch die Genealogie anklingen, sind zwar nicht zu übersehen, unklar bleibt aber, wie sich dann Tobits Zugehörigkeit zum Stamm Naftali in die gesamte Szenerie einfügen soll. Ob sich diese Einzelteile zu einem kohärenten Ganzen zusammensetzen lassen, muss offenbleiben. Vielleicht wurde eine alte Tobiaden-Familiensage umgedeutet und mit Naftali in Verbindung gebracht („Tisbe“ und „Phogor“ könnten dann Reminiszensen an die Herkunft des Stoffes aus dem Ostjordanland sein) oder es gab sogar zur Zeit der Makkabäerkämpfe eine Person aus der Tobiadenfamilie, die sich in Galiläa niedergelassen hatte und die aktiv an ihrem Image arbeitete, indem sie sich durch ihren Ahnherrn mit der altehrwürdigen Geschichte Israels zu verbinden versuchte (man beachte, dass bei den Kämpfen des Judas auch Reiteroffiziere aus dieser Familie beteiligt waren). All dies gehört in das Reich der Spekulation. Vielleicht ist die Verbindung der Namen zum Tobiadenclan reiner Zufall, und der Erzähler hatte einfach keine konkrete Vorstellung von der Geographie Galiläas …
Abgesehen von solchen Versuchen einer konkreten historischen Kontextualisierung ist festzuhalten: Die zentrale Thematik, die hier gleich beim Auftakt des Buches anklingt, ist die Begegnung Israels mit der Fremdherrschaft. Die Genealogie verweist sowohl auf die kollektive Dimension der Geschichte als auch auf das Thema der Familie, das zu den Leitmotiven der Erzählung gehört. Allerdings war es nach der entsprechenden Referenzstelle 2 Kön 15,29 nicht Salmanassar V. (726–722 v. Chr.), sondern vielmehr dessen Vorgänger und Vater Tiglat-Pileser III. (744–727 v. Chr.), der für die Exilierung des nördlichen Teils Israels unter Pekach (735–732 v. Chr.) verantwortlich war. Salmanassar V. dagegen erscheint in 2 Kön 17,3 und 2 Kön 18,9 als der Eroberer Samarias, der das endgültige Ende des Nordreichs besiegelte (722 v. Chr.). Die Vermischung dieser Angaben kann im Sinne einer historischen Fiktion verstanden werden, die markante geschichtliche Ereignisse kombiniert, um so zu einer idealtypischen Konstellation zu gelangen. Tobit wird so gleich zu Beginn der Erzählung als das Urbild eines Opfers aggressiver Weltmachtspolitik charakterisiert und seine Existenz als die eines Flüchtlings beschrieben. Da die Erzählung wohl in der hellenistischen Zeit entstand, ist nicht davon auszugehen, dass es sich hier noch um eine konkrete Auseinandersetzung mit der assyrischen Herrschaft handelt. Assur, das zu dieser Zeit bereits lange untergegangen war, ist zur Chiffre für die aggressive Expansionspolitik und die Bedrohung durch den universalen Machtanspruch einer Fremdmacht geworden und hat exemplarischen Charakter. Die religiöse Bedeutung des Namens „Tobit“ beinhaltet auch ein Statement über die Güte Gottes, sodass – vor dem Hintergrund der Exilierung – implizit die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit anklingt.
Diese Problematik soll sich im Laufe der Erzählung durch das Leiden Tobits und auch das Leiden Saras verstärken, um dann aber schließlich durch das Motiv der göttlichen Hilfe eine Lösung zu erfahren. Der gesamten Erzählung wird die Aufgabe zukommen, Gottes Güte, die durch den Namen des Protagonisten gleich am Anfang der Erzählung programmatisch eingespielt wird, aber angesichts individueller und kollektiver Krisen nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich ist, zu entbergen. Die Einleitung eröffnet somit einen Spannungsbogen, der dann sowohl durch die Geschichte von Gottes Rettungstaten als auch durch das Finale mit dem großen Jerusalemhymnus (13,9–18) und Tobits Testament (14,6–7) entfaltet und aufgelöst wird.
Die Exposition: Tobits und Saras Leid, ihre Gebete und die Entsendung des Engels (1,3–3,17)
Der Lebensweg des frommen Tobit, seine Verzweiflung und sein Gebet (1,3–3,6)
Tobits Lebensmotto: Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (1,3)
3 Ich, Tobit, wandelte alle Tage meines Lebens auf den Wegen der Wahrheit und in gerechten Werken und erwies meinen Brüdern und meinem Volk, die mit mir in die Gefangenschaft in das Land der Assyrer nach Ninive gezogen waren, viele barmherzige Taten.
Tobits toratreues Leben in der Heimat (1,4–9)
4 a Und als ich in meiner Heimat im Land Israel und ich ein junger Mann war, da fiel der ganze Stamm meines Vaters Naftali avom Haus meines Vaters David ab und von der Stadt Jerusalema, die von allen Stämmen Israels erwählt ist, damitb alle Stämme Israelsc [dort] opfern. b Und der Tempel der dWohnung Gottesd war geheiligt und in ihr erbaut worden efür alle Geschlechter auf ewige. 5 aAlle meine Brüder und das Haus meines Vaters Naftali opferten dem Jungstierb, den Jerobeam, der König Israels, in Dan gemacht hatte, auf allen Bergen Galiläasa.
6 Und ich reiste aganz alleina oftmals an den Festtagen nach Jerusalem, wie es in ganz Israel in ewiger Anordnung vorgeschrieben ist. Mit den Erstlingsgaben und Erstlingsfrüchten und dem Zehnten vom Vieh und den Erstschuren der Schafe zog ich eilends nach Jerusalem 7 und gab es den Priestern, den Söhnen Aarons, aauf den Altara, und den Zehnten von Getreide und Wein und Öl und Granatäpfeln und Feigen und den übrigen Früchten [gab ich] den Söhnen Levis, die Dienst tun in Jerusalem. Und den zweiten Zehnten von sechs Jahren löste ich durch Silber aus und wallfahrtete und gab ihn in jedem Jahr in Jerusalem aus. 8 aUnd ich gab ihn den Waisen und den Witwen und den Proselytenb, die sich den Kindern Israel angeschlossen hatten; ich brachte ihn herbei und gab ihn ihnen im dritten Jahr, und wir verzehrten ihn nach der Anordnung, die darüber im Gesetz des Mose angeordnet ist, und nach den Geboten, die Debora, die Mutter unseres Vaters Hananel, geboten hatte. Denn als Waise hatte mich der Vater zurückgelassen und war gestorben.a
9 Und als ich ein Mann geworden war, nahm ich eine Fraua aus der Sippe unseres Vaterhauses und zeugte mit ihr einen Sohn und nannte seinen Namen Tobiasb.c
Tobits Barmherzigkeitstaten im Exil und seine Verfolgung (1,10–2,1a)
10 Nachdem ich zu den Assyrern in Gefangenschaft gebracht worden und da ich in Gefangenschaft war, gelangte ich nach Ninive. Und alle meine Brüder und die aus meinem Volk aßen vona den Speisen der Völker. 11 Ich aber ahütete micha davor, von den Speisen der Völker zu essen. 12 Unda als ich mit ganzer Seele meines Gottes gedachte, 13 gab mir der Höchstea Gnade und Gunst vor Salmanassar, und bich kaufte für ihn alles, was er benötigteb. 14 aUnd ich pflegte nach Medien zu reisen und für ihn dort einzukaufen, bis er starb. Und ich hinterlegte bei Gabaëlb, dem Bruder des Gabric, im Lande Mediend [mehrere] Beutel [voll mit] zehn Talenten Silber.a
15 Und als Salmanassara starb und sein Sohn Sanheribb an seiner Stelle König wurde, da wurden die Wege in Medien unsicherc und ich konnte nicht mehr nach Medien reisen. 16 In den Tagen Salmanassars erwies ich meinen Brüdern, denen aus meinem Geschlecht, viele barmherzige Taten.a 17 Meine Speisen gab ich den Hungernden und Kleider den Nackten, und awenn ich jemanden aus meinem Volk sah, der tot hinter bdie Mauer Ninivesb geworfen wara, begrub ich ihn. 18 Und wenn Sanherib jemanden tötete, anachdem dieser Judäa fluchtartig verlassen hattea in den Tagen des Gerichts, das der König des Himmels an ihm vollstreckte wegen der Lästerungen, mit denen er lästerte, begrub ich ihn. Denn in seinem Zorn tötete er bviele vonc den Kindern Israelb, und ich stahl ihre Leichname und begrub sie. Und Sanherib suchte sie und fand sie nicht. 19 aUnd einer aus Ninivea ging hin und machte dem König über mich Anzeige, dass ich sie begrub; und ich verbarg mich. Und als ich erfuhr, dass der König über mich Bescheid wusste und ich gesucht wurde, bum getötet zu werdenb, fürchtete ich mich und floh. 20 Und alles, was mir gehörte, wurde geraubt, und nichts blieb mir, was nicht für den königlichena Schatz beschlagnahmt wurde, außer meiner Frau Hannab und meinem Sohn Tobias.
21 Doch es vergingen keine vierziga Tage, bis ihn [d. h. den König Sanherib] seine zwei Söhne töteten. Und sie flohen in das Gebirge Ararat, und sein Sohn Asarhaddonb wurde König an seiner Stelle. Da csetzte erc Achikard, [Sohn] meines Bruders Hanaële, über das ganze Geldwesenf seines Reiches, und er hatte die Verfügungsgewalt über die ganze Verwaltung. 22 Damals legte Achikar Fürsprache für mich ein, und ich kam nach Ninive zurück. Denn Achikar war Obermundschenk und Siegelbewahrera und Staatsfinanzverwalterb und cVorstand über das Rechnungswesenc unter dem Assyrerkönig Sanherib, und Asarhaddon setzte ihn erneutd in sein Amt. Er war aber mein Neffe und aus meiner Verwandtschafte. 2,1 a Und unter König Asarhaddon kehrte ich in mein Haus zurück, und meine Frau Hanna wurde mir wiedergegeben sowie auch Tobias, mein Sohn.
Die Bestattung eines Landsmanns und Tobits Erblindung (2,1b–10)
2,1 b Und am Fünfzigtagefesta – das ist das heilige [Fest] der Wochen – wurde mir ein gutes Mahl zubereitet, und bich ließ mich niederb, cum zu speisenc. 2 aUnd der Tisch wurde mir vorgesetzt und zahlreiche Speisen wurden mir vorgesetzta, und ich sagte zu meinem Sohn Tobias: Kind, geh, und wen du arm finden solltest bunter unseren Brüdernb, unter den nach Ninive Deportierten, der cmit seinem ganzen Herzenc d[des Herrn] gedenktd, den bring, und er soll gemeinsam mit mir essen! Und siehee, ich werde auf dich warten, Kind, fbis du wiederkommstf. 3 Und Tobias machte sich auf, um einen Armen unter unseren Brüdern zu suchen, und als er zurückkam, sagte er: Vater! Und ich sagte zu ihm: aHier bin icha, Kind! Und er antwortete und sprach: Vater, sieheb, ceiner aus unserem Volk ist ermordet und auf den Marktplatz geworfen worden – und dort wurde er nun erdrosseltc.
4 Und ich sprang auf und verließ das Mahl, ehe ich davon gekostet hatte, und ich nahm ihn hinweg von dem Platz und legte ihn ain eine der Hüttena, bis die Sonne unterginge undb ich ihn begraben würde. 5 Dann kehrte ich zurück, awusch micha und aß mein Brot bmit Trauerb. 6 Und ich gedachte des Prophetenwortes, wie Amos über Bet-Ela gesagt hatte:
„Eure Feste werden verwandelt in Trauer,
und all eure Liederb in Totenklage.“
7 a Und ich weinte. b Und als die Sonne unterging, machte ich mich auf, hob ein Grab aus und begrub ihn. 8 Und meine Nachbarn verspotteten mich und sagten: Fürchtet er sich denn nicht mehr? Er wurde doch schon einmal gesucht, aum für diese Tat hingerichtet zu werdena, und er ist davongelaufen; und siehe, schon wieder begräbt er die Toten!b
9 aUnd in derselben Nacht wusch ich micha und ging in meinen Hof und schlief neben der Mauer des Hofes, und mein Gesicht war wegen der Hitze unbedeckt. 10 a Und ich wusste nicht, dass Sperlingea über mir in der Mauer waren. Und ihr Kot fiel heiß auf meine Augen und verursachte bweiße Fleckenb. b cUnd ich begab mich zu den Ärzten, um mich gesund machen zu lassen, und je mehr Arzneien sie mir aufstrichen, desto mehr erblindeten meine Augen durch die Flecken, bis sie völlig blind waren. Und ich konnte dvier Jahred lang die Augen nicht gebrauchen. Und alle meine Brüder waren über mich betrübt. Und Achikare versorgte mich zwei Jahre lang, bis er in die Elymaïsf ging.c
Der Streit mit Hanna und die Verhöhnung Tobits (2,11–14)
11 Und zu jener Zeit verdiente meine Frau Hanna Geld mit Frauenarbeiten. 12 Und sie schickte [ihre Arbeit] ihren Herren, und sie gaben ihr den Lohn. Und am 7. [Tag des Monats] Dystrosa schnitt sie das Webtuch ab und schickte es den Herren, und die gaben ihr den gesamten Lohn und sie gaben ihr bfür den Herdb [dazu noch] ceinen Bock von den Ziegenc. 13 Und als siea zu mir kam, fing der Bock an zu meckern. Und ich rief sie und sagte: Woher ist dieses Böckchen? Es ist doch nicht etwa gestohlenb? Gib es seinen Besitzern zurück! Denn wir haben nicht die Erlaubnis, etwas Gestohlenes zu essen. 14 Sie aber sagte zu mir: Als Geschenk wurde es mir zusätzlich zum Lohn gegeben. Und ich glaubte ihr nicht und befahl, es den Besitzern zurückzugeben, und ich wurde deshalb ihretwegen ganz rot. Da antwortete sie und sagte zu mir: Wo sind deine Barmherzigkeitstaten? Wo sind deine gerechten Werke? Siehe, das ist offenbar an dir!
Tobits Verzweiflung und sein Gebet (3,1–6)
1 Und ich wurde in der Seele von tiefem Schmerz erfüllta und seufzend weinte ich und begann unter Klagen zu beten:
2 Gerecht bist du, Herr, und alle deine Werke sind gerecht, und alle deine Wege sind Barmherzigkeit und Wahrheit. aDu richtest die Weltba.
3 a Und nun, Herra, gedenke du meiner und sieh [mich an] b und strafe mich weder nach meinen Sünden noch bezüglich meiner unwissentlichen Vergehen noch [wegen der Sünden] meiner Väter. c bIch habe vor dir gesündigtb, 4 a und aich habe auf deine Gebote nicht gehörta b und du gabst uns dahin zu Plünderung und Gefangenschaft und Tod und zu Sprichwortb und Geredec und Schmachd bei allen Völkern, unter die du uns zerstreut hast.
5 Und nun sind deine vielen Gerichte wahr, die du aufgrund meiner Sünden an mir tust, weil wir deine Gebote nicht getan haben und nicht in Wahrheit vor dir gewandelt sind.
6 a Und nun, nach deinem Wohlgefallena tue mit mir und befiehl, dass mein Geist von mir weggenommen werde, b auf dass ich erlöst werde bvom Angesicht der Erdeb und [wieder zu] Erde werde. c Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben, weil ich falsche Schmähungen hören musste, und große Betrübnis ist in mir. d Herrc, befiehl, dass ich erlöst werde von dieser Not, e erlöse mich zum ewigen Ort f und wende nicht dein Angesicht, Herrc, von mir. g Denn es ist besser für mich zu sterben, als große Not zu sehend in meinem Leben, und keine Schmähungen [mehr] zu hören.
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
1,4a–a GI ist kürzer als GII und liest „vom Haus Jerusalem“. Diese Wendung erscheint nur in Tob; üblich ist sonst die Nennung der „Häuser Jerusalems“ im konkreten Sinne (siehe auch 2 Kön 25,9; Jes 22,10; Jer 19,13). GI hat Ἱεροσόλυμα für Jerusalem (vgl. 1,6 GI + GII).
1,4b Griech.: εἰς zur Wiedergabe von hebr. ל als Einführung eines Infinitivs; siehe Littman, 50.
1,4c GI verzichtet bei der Erwähnung der Stämme auf die Spezifizierung durch den Genitiv „Israel“ (so auch in 1,5.8.18; 5,5.9; 13,18; 14,4 [2x].5.7); siehe Dyma, Wallfahrt, 224, Anm. 617.
1,4d–d Anstelle von „Wohnung Gottes“ heißt es in GI „Wohnung des Höchsten“; somit zeichnet sich hier die Tendenz von GI ab, inhaltlich die Distanz zwischen Gott und seinem Herrschaftsbereich zu vergrößern; siehe Schöpflin, Hellenisierung, 336.
1,4e–e Griech.: εἰς πάσας τὰς γενεὰς τοῦ αἰῶνος als Wiedergabe des hebr. לדרת עולם; siehe auch Gen 9,12, hierzu Littman, 50.
1,5a–a Nach GI besteht der Abfall der Stämme darin, dass sie „dem Baal, dem Kalb“ opferten; man kann dies als Steigerung des Abfalls von der Kultzentralisation betrachten. Es fehlt der Verweis auf den König Jerobeam und somit auch die Nennung Israels; vgl. 1,8.18; 5,5.9; 13,18; 14,4 [2x].5.7). In GI und Vg. fehlt der Begriff „Bruder“.
1,5b Griech.: μόσχος; GI liest hier δάμαλις (vgl. 1 Kön 12,28.32; 2 Kön 10,29; 17,16); siehe dazu unten z. St.
1,6a–a Griech.: μονώτατος; eine Superlativform, die Tobits isolierte Position besonders betont; siehe Littman, 51.
1,7a–a Griech.: πρὸς τὸ θυσιαστήριον; andere Übersetzungsmöglichkeiten: „vor den Altar“ oder „für den Altar“.
1,8a–a Der bedeutendste Unterschied zwischen GII und GI besteht darin, dass GI die Zehntabgabe für die Armen als „den dritten [Zehnten]“ bezeichnet: „Und den dritten Zehnten gab ich denen er zukam …“ Es fehlt sowohl die Referenz auf „Israel“ (vgl. 1,5.18; 5,5.9; 13,18; 14,4 [2x].5.7) als auch auf das „Gesetz des Mose“. Ausführlich zum Vergleich zwischen den beiden Lesarten siehe Dimant, Qumran Halakhah, 125–137; Hanhart, Text und Textgeschichte, 23–27.
1,8b Griech.: προσήλυτος für hebr. גר; siehe Littman, 53. Vgl. Jacobs, Delicious Prose, 37, die den Begriff προσήλυτος hier im Sinne von „resident aliens to be needy“ verstehen möchte und auf Dtn 14,29 als Hintergrund verweist.
1,9a GI nennt hier bereits Hanna, die Frau Tobits, mit ihrem Namen; vgl. 1,20.
1,9b Der Name Τωβίας entspricht hebr. טוביה; vgl. 4Q196 2 1; zum Namen siehe Ilan, Lexicon I, 110 (IV, 80f., hat abgesehen von Sach 6,10 v. a. Belege aus der spätantiken Literatur; ohne Referenz auf Tob).
1,9c Vg. fügt hier einen Satz ein, wonach Tobit seinen Sohn von frühester Jugend an in der Furcht Gottes unterwies.
1,10a Griech.: ἐκ ist ein Semitismus; im Griech. wird in der Regel mit Akk. ohne Präposition formuliert.
1,11a–a Griech.: ἐγὼ δὲ συνετήρησα τὴν ψυχήν μου; wörtl.: „ich aber bewahrte meine Seele davor“; es handelt sich hier um einen Semitismus; siehe Littman, 56.
1,12a GI schließt den Satz kausal an den vorherigen an und begründet somit Tobits Weigerung, von den Speisen der Völker zu essen, damit, dass er „mit meiner ganzen Seele Gottes“ gedachte.
1,13a Griech.: ὁ ὕψιστος für hebr. עליון.
1,13b–b GI verwendet hier zur Bezeichnung der Tätigkeit Tobits den Fachbegriff ἀγοραστής, „Einkäufer“; zu diesem Terminus siehe Braunert, ἀγοραστής.
1,14a–a Tob 1,15 Vg. hat hier zunächst noch das Motiv, dass Tobit seinen mitexilierten Brüdern gute Ratschläge gibt. Tobit überlässt das Geld Gabaël wegen dessen Bedürftigkeit.
1,14b Griech.: Γαβαηλ; siehe zu TA 1,1c.
1,14c Griech.: Γαβρι; es handelt sich hier um eine Kurzform des Namens „Gabriel“; siehe Moore, 119. Die Wortfolge im Griechischen wirkt unsortiert, wenn die Apposition „dem Bruder des Gabri“ erst nach dem Wort „Beutel“ erscheint; siehe Littman, 56.
1,14d GI nennt hier bereits mit der Angabe „Rages“ (griech.: ἐν Ῥάγοις) den Namen von Gabaëls Wohnort. In GII erscheint „Rages“ zum ersten Mal erst in 4,1.
1,15a Zu Salmanassar siehe TA 1,2a.
1,15b Griech.: Σενναχηρείμ.
1,15c Griech.: ἀφίστημι; wörtl.: „sie fielen ab“.
1,16a Vg. fügt hier noch an, dass Tobit sein Geld an seine mitexilierten Landsleute verteilte und sie tröstete.
1,17a–a Wörtl.: „wenn ich jemanden aus meinem Volk tot und hinter die Mauer Ninives geworfen sah.“
1,17b–b 4Q196 1 1 liest [ה]שורא די נינו – „die Mauer Niniv[es]“, sodass hier der erste Beleg aus den Fragmenten aus Qumran vorliegt.
1,18a–a Griech.: ὅτε ἀπῆλθεν φεύγων ἐκ τῆς Ιουδαίας; wörtl.: „als dieser fliehend aus Judäa gekommen war“.
1,18b–b GI verzichtet auf die Wendung „von den Kindern Israel“ (siehe auch 1,5.8; 5,5.9; 13,18; 14,4 [2x].5.7).
1,18c Griech.: ἐκ; auch hier liegt wieder ein Semitismus vor; siehe Littman, 59.
1,19a–a Hier beginnt 4Q196 2 zu 1,19–2,2, das aus mehreren Teilstücken zusammengesetzt ist und 13 Zeilen umfasst; zum Ganzen siehe Hallermayer, Text, 34–47; 4Q196 2 1 liest einen Plural.
1,19b–b Griech.: τοῦ ἀποθανεῖν; ein Inf. mit Art., eine Konstruktion, wie sie für das Koine-Griechisch typisch ist.
1,20a Griech.: βασιλικός; zu diesem Begriff siehe Littman, 59.
1,20b Griech.: Ἅννα; siehe auch 2,1.11; 10,4; 11,5.9. Der Name entspricht hebr. חנה, vgl. 4Q196 2 10.
1,21a Anstelle von „vierzig Tage“ lesen VL und Vg. „45 Tage“.
1,21b Griech.: Σαχερδόνος.
1,21c–c Vgl. 4Q196 2 5: שלט(א); „er machte zum Herrscher“.
1,21d Griech.: Ἀχιχάρος.
1,21e Griech.: Ἀναήλ; aram.: ענאל, vgl. 4Q196 2 5.
1,21f Griech.: ἐκλογιστία; wörtl.: „Rechnung, Abrechnung, Auszahlung“. 4Q196 2 6 liest hier רכלות(המ); zu diesem Begriff siehe Schmitt, Achikar-Notiz, 109–112; zum Begriff siehe auch 1,22.
1,22a Griech.: ἐπὶ τοῦ δακτυλίου; wörtl.: „über das Siegel“. Vgl. 4Q196 2 7: (זקן)רב ע; hierzu Schmitt, Achikar-Notiz, 118f.
1,22b Griech.: διοικητής; vgl. 4Q196 2 7: ל(המרכ)ו; hierzu Schmitt, Achikar-Notiz, 109–112.118f.; siehe zu 1,21f.
1,22c–c Griech.: ἐκλογιστής; vgl. 4Q196 2 8: יזפם(ש); hierzu Schmitt, Achikar-Notiz, 113–115.
1,22d Griech.: ἐκ δευτέρας; im Sinne von „zum zweiten Male“ siehe auch Jes 61,7; andere Übersetzungsmöglichkeit: „an die zweite Stelle [seines Reiches]“, siehe hierzu Littman, 61; vgl. 4Q196 2 8: תנין; hierzu Schmitt, Achikar-Notiz, 118f.
1,22e In GI fehlt „und aus meiner Verwandtschaft“. VL fügt hier an: „meus amicus“.
2,1a Griech.: ἐν τῇ πεντηκοστῇ. Bei dem Ausdruck „Fünfzigtagefest“ handelt es sich um eine eigene Begriffsprägung, um sowohl den Anachronismus „Pfingsten“ als auch eine Doppelung mit dem Begriff „Fest der Wochen“ zu vermeiden. GI liest „das ist das heilige [Fest] der sieben Wochen“. Die Zahlenangabe „sieben“ ist wohl eine Glosse, siehe Littman, 63.
2,1b–b Griech.: ἀναπίπτω; im Liegen zu speisen entsprach persischer und griechischer Sitte; vgl. Littman, 63.
2,1c–c Griech.: τοῦ ἀριστῆσαι; Inf. mit Art. ist eine geläufige Konstruktion für das Griechisch der hell. Zeit; siehe Littman, 63.
2,2a–a GI liest hier „Und ich sah die vielen Speisen und sagte zu meinem Sohn […].“ Vgl. 4Q196 2 11: „Und sie brachten den T[i]sch vor mich hin, und ich sah die Leckereien, die sie brachten auf ihm, viele und [ich] sagte [zu To]bija, meinem Sohn […].“ Es handelt sich hier wieder um einen der wenigen Fälle, in denen GI mit dem aramäischen Text übereinstimmt. Moore, 127, erwägt, dass GII hier eine semitischsprachige Vorlage hatte, die sich von 4Q196 unterschied, wohingegen Littman, 64, von einem Irrtum des Schreibers ausgehen möchte, der das Wort παρετέθη, „es wurde vorgesetzt“, aus Versehen zum zweiten Mal abgeschrieben hat. Zu den verschiedenen Lesarten siehe auch Jacobs, Delicious Prose, 60.
2,2b–b In Vg. fehlt u. a. „Bruder“.
2,2c–c Griech.: ἐν ὅλῃ καρδίᾳ; es handelt sich um eine Übersetzung des hebr. בכל לבב; vgl. Dtn 6,5.
2,2d–d In Vg. ist es nicht das religiöse Gedenken, sondern das Motiv der Gottesfurcht, das als Kriterium für die Einladung zum Mahl dient.
2,2e Griech.: καὶ ἰδέ, ein Hebraismus; vgl. hebr. והינה.
2,2f–f Griech.: μέχρι τοῦ σε ἐλθεῖν; Inf. mit Art. ist eine geläufige Konstruktion im Koine-Griechisch; vgl. Littman, 64.
2,3a–a Griech.: Ἰδοὺ ἐγώ, ein Hebraismus; vgl. hebr. והינני.
2,3b Griech.: καὶ ἰδέ, ein Hebraismus; vgl. hebr. והינה.
2,3c–c Hierbei handelt es sich um ein Beispiel für ein hysteron proteron: „Greek often puts the earlier action last and the result of that action first“ (so Littman, z. St.). GI vereinfacht: „… einer aus unserem Geschlecht wurde erdrosselt auf den Marktplatz geworfen“. 4Q196 3 11 hat חנק[את ]; „[er] wurde gewürgt“.
2,4a–a Griech.: εἰς ἓν τῶν οἰκιδίων; nach Littman, 65, handelt es sich bei der doppelten Präposition um einen Hebraismus; vgl. Gen 22,2: על אחד ההרים. Nach GI birgt Tobit den Toten „in einer Kammer“.
2,4b Griech.: καί steht für hebr. ו, das zur Einführung eines Finalsatzes dient.
2,5a–a Vg. verzichtet auf das Motiv der Waschung.
2,5b–b Nach GI isst Tobit sein Brot „im Schmerz“ (ἐν λύπῃ).
2,6a Griech.: Βαιθήλ.
2,6b Griech.: αἱ ᾠδαι; GI hat hier „Freuden“ (εὐφροσύναι).
2,8a–a Griech.: τοῦ φονευθῆναι περὶ τοῦ πράγματος τούτου; es handelt sich wieder um die für das Koine-Griechisch typische Konstruktion eines Inf. mit Art.; vgl. Littman, 66.
2,8b Tob 2,9 Vg. fügt hier Tobits Gottesfurcht als Motiv seines Handelns ein.
2,9a–a In GI fehlt das Motiv des Waschens, aber der Erzähler verweist darauf, dass Tobit neben der Mauer des Hofes geschlafen habe, weil er unrein geworden war (μεμιαμμένος). Auch Vg. verzichtet auf das Motiv des Waschens.
2,10a Griech.: στρουθίον. Der Begriff kann für hebr. יען, „Strauß“, ענור, „Storch“, und צפור, „Vogel“ stehen.
2,10b–b Griech.: λευκώματα. Vgl. 4Q197 4i 15: רריא(ח); siehe auch 4Q196 7 1. Zu diesem Begriff siehe auch Attia, Disease and Healing, 49.
2,10c–c Vg. weicht hier deutlich ab: Es fehlt das Motiv der Ärztekritik und der Waschung; dafür wird das Motiv der Versuchung sowie Hiobs Gottesfurcht und Gebotstreue eingeführt und Tobits Nachbarn treten nun wie Hiobs Freunde in ein Streitgespräch mit ihm.
2,10d–d „Vier Jahre“; so auch VL. In GI fehlt die Erwähnung der vierjährigen Blindheit Tobits; vgl. 14,2 GI, wonach Tobit acht Jahre lang blind war.
2,10e Griech.: Αχίαχαρος; vgl. 1,22.
2,10f Griech.: Ἐλυμαίς. Die Ortsangabe kann auch aus 4Q196 4 12 rekonstruiert werden, wo noch לם erhalten ist; siehe auch Hallermayer, Text, 48. Dillon, Ahikar, 367, vermutet hinter „Elymaïs“ eine Fehlübersetzung von עלם, „verbergen“. Dies könnte auf das Motiv der aramäischen Achikarüberlieferung verweisen, wonach sich Achikar verstecken musste, da er sich in tödlicher Gefahr befand. Zum Ganzen siehe Schmitt, Wende, 173, Anm. 89. Weiteres dazu in der Kommentierung z. St.
2,12a Der Monatsname „Dystros“ geht auf den makedonischen Kalender zurück und bezeichnet den fünften Monat des Jahres nach dem Äquinoktium im Herbst, d. h. er liegt in der Zeit Februar/März; siehe Fitzmyer, 140. Bertrand, Chevreau, 271, postuliert, dass der 7. Dystros dem 10. Nisan entspricht, und möchte vor diesem Hintergrund das Böckchen als Passalamm identifizieren. Tobits Zurückweisung des Böckchens wird damit erklärt, dass ein gestohlenes Tier nicht den Reinheitsanforderungen für ein Passalamm entspricht. Wie Moore, 133, zu Recht betont, ist diese Argumentation in psychologischer Hinsicht unlogisch, da als Motiv der Anklage Tobits die generelle Ablehnung von Diebesgut vorausgesetzt werden muss.
2,12b–b Griech.: ἐφ᾿ ἑστίᾳ: VL liest „ad manducandum“, „zum Essen“.
2,12c–c Griech.: νἔριφος ἐξ αἰγῶν; vgl. Gen 38,17: גד עזים.
2,13a Littman, 70, nimmt an, dass das Subjekt des Verbs εἰσέρχομαι nicht Hanna, sondern das Ziegenböckchen ist: „It is not unusual in Greek to place a temporal or relative clause first, and have the definite subject in the following clause“. In diesem Sinne liest VL „Et cum introisset ad me haedus, coepit balare.“
2,13b Griech.: κλεψιμαῖος; es handelt sich nach Conybeare/Stock, Grammar, 29, um eine nicht-attische Form eines Adjektivs.
3,1a Griech.: περίλυπος.
3,2a–a GI liest anstelle von „Du richtest die Welt“ ausführlicher: „Wahren und gerechten Richtspruch richtest du in Ewigkeit.“
3,2b Griech.: τὸν αἰῶνα. Αἰών meint hier die geschaffene Welt; siehe auch 14,5 GI.
3,3a In GI fehlt die Gottesbezeichnung.
3,3b–b Griech.: ἥμαρτον ἐναντίον σου. Die Verbform ἥμαρτον kann auch als 3. Pers. Pl. verstanden werden, siehe Littman, 73. VL liest 1. Pers. Pl.
3,4a–a VL liest wieder 1. Pers. Pl.
3,4b Griech.: εἰς παραβολήν; wörtl.: „zum Sprichwort“, meint hier zum Gegenstand negativen Geredes; siehe auch Ps 44,15 („Du machst uns zum Sprichwort unter den Nationen, lässt die Völker das Haupt über uns schütteln“); vgl. auch Dtn 28,37; Jer 24,9; Ez 12,22f.; Mi 2,4; Hab 2,6; 2 Chr 7,20.
3,4c Griech.: λάλημα; wörtl.: „das Reden“, wird hier – wie παραβολή – pejorativ gebraucht (siehe auch 1 Kön 9,7; Ez 23,10; 36,3).
3,4d Griech.: ὀνειδισμός; nach Littman, 73, handelt es sich um eine späte Form, die das klassische ὄνειδος ersetzt.
3,6a Griech.: τὸ ἀρεστόν; die Wendung ist typisch für Dtn; siehe Dtn 6,18; 12,8.25.28; 13,19; 21,9; hierzu Littman, 74.
3,6b–b Griech.: ἀπὸ προσώπου τῆς γῆς; es handelt sich um einen Hebraismus für האדמה⁻מפני; siehe auch Gen 2,6. 4Q200 1 2 hat einen Teil dieses Satzes erhalten, das Wort עפר ist noch zu erkennen.
3,6c In GI fehlt die Gottesbezeichnung.
3,6d Griech.: βλέπειν; der Begriff kann auch im kognitiven Sinne verstanden werden; vgl. Littman, 75, der auch erwägt, ob dieser Ausdruck in Anbetracht der Blindheit Tobits ironisch zu verstehen ist.
Synchrone Analyse
Gliederung und Struktur
GliederungTobit gibt einen Rückblick auf sein bisheriges Leben, das ihn letztlich dahin gebracht hat, dass er, der immer Gutes gewirkt hat, am Ende völlig isoliert ist und sterben möchte. Der Abschnitt ist folgendermaßen gegliedert:
1,3 Tobits Lebensmotto: Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
1,4–9 Tobits Toratreue im Land und der Abfall seiner Brüder
1,4–5 Die Sünde der Naftaliten
1,6–8 Tobits Wallfahrten als Zeichen seiner Toratreue
1,9 Familiengründung
1,10–2,1a Tobits Barmherzigkeitstaten im Exil und seine Verfolgung
1,10–14 Tobits frommes und erfolgreiches Leben im Exil
1,15–20 Not und Verfolgung
1,21–2,1a Rehabilitation mit Hilfe Achikars
2,1b–10 Die Bestattung und Tobits Erblindung
2,1–3 Tobits Festmahl wird gestört
2,4–8 Bestattung eines Landsmanns
2,9–10 Tobits Erblindung
2,11–14 Der Streit mit Hanna und die Verhöhnung Tobits
3,1–6 Tobits Verzweiflung und sein Gebet
StrukturNach der nüchternen, detailreichen Vorstellung der Hauptfigur der Geschichte, Tobit, lässt der Erzähler diese nun selbst in einem Ich-Bericht zu Wort kommen. Die Geschichte ist flüssig und gefällig zu lesen. Tobits Aussage, wonach er alle Tage seines Lebens auf den Wegen der Wahrheit wandelte, gerechte Werke übte und seinen Mitmenschen, die mit ihm im assyrischen Exil waren, viele barmherzige Taten erwies (1,3), kann dabei als Zusammenfassung verstanden werden, die Tobits Lebensrückblick dann detailliert entfaltet (1,4–2,14). Die Begriffe δικαιοσύναι und ἐλεημοσύναι (1,3 und 2,14, verbunden mit dem erzählerischen Neueinsatz durch Tobits Gebet in 3,1–6) umrahmen diese narrative Einheit.
Ab Tob 2,1b zeigt sich eine Veränderung des Erzählstils, als nun die allgemeine Perspektive zurücktritt und Tobit konkrete einzelne Episoden aus seinem Leben erzählt. Die äußere Bedrohung durch politische Verfolgung klingt hier nur noch im Hintergrund an und sie ist nur noch mittelbar für sein Schicksal verantwortlich. Indirekt führen Tobits Barmherzigkeitstaten zu seiner Erblindung (2,1b–10), sodass er dann – nach der Verhöhnung durch seine Frau – völlig vereinsamt und verzweifelt ist und in eine Lebenskrise gerät (2,11–14).1 Tobits Gebet (3,1–6) bildet schließlich die Konsequenz all dieser Erfahrungen. Insbesondere das Motiv der Barmherzigkeitstaten Tobits und der Zuwendung zu Bedürftigen verbindet die einzelnen Abschnitte miteinander (1,3; 1,16f.; 2,1–7). Ein Blick auf die der Erzählung implizierte Raumstrukur zeigt, dass Tobits Aktionsradius immer begrenzter wird.2
Einzelauslegung
1,3Der Text beginnt mit der Ich-Aussage des Tobit, dass er alle Tage seines Lebens „auf den Wegen der Wahrheit und in gerechten Werken“ wandelte („ὁδοῖς ἀληθείας ἐπορευόμην καὶ ἐν δικαιοσύναις“) und seinen Brüdern aus seinem Volk in Ninive „viele barmherzige Taten“ (ἐλεημοσύνη im Plural in Verbindung mit dem Verb ποιέω) erwies. Wenn in der ersten Hälfte des Verses zunächst die umfassende Lebensperspektive („alle Tage meines Lebens“) eingenommen wird, so fokussiert der zweite Teil auf Tobits Existenz im Exil. Die Semantik der Begriffe entspricht dem Sprachgebrauch der Hebräischen Bibel.
WahrheitDer Begriff ἀλήθεια ist nicht im Sinne einer abstrakten Norm zu verstehen, sondern praktisch im Sinne von „Wahrhaftigkeit“, „Zuverlässigkeit“ und „Aufrichtigkeit“. Er rekurriert auf hebr. אמת bzw. אמונה, die beide einen „ethischen, sozialen, politischen wie theologischen Wert [ausdrücken], der sich im zwischenmenschlichen Miteinander ebenso wie coram Deo zeigt […]. [Eine solche] Haltung […] kann zum einen von Menschen ausgesagt werden: allgemein (Spr 11,18), vom König (Jes 11,5; 16,5; 38,3), vom Volk (Jes 26,2.3.10) oder sie dient als Schwurformel (Jer 4,2). Zum anderen werden Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit und Treue ebenfalls als Charakteristika Gottes gebraucht (Gen 24,27; 32,11).“3
GerechtigkeitDer Begriff δικαιοσύνη ist wie das hebräische Äquivalent צדקה nicht abstrakt oder als distributive Gerechtigkeit aufzufassen, sondern rückt in die semantische Nähe von „Barmherzigkeit“ und kann auch die Bedeutung von „Wohltätigkeit“ haben (Jes 58,6–8; siehe auch Dtn 24,13; Hiob 29,14–17; Ps 111,9LXX).4
BarmherzigkeitDer Terminus ἐλεημοσύνη changiert in der Bedeutung zwischen „Barmherzigkeit“ und „Almosen“; aber auch da, wo sich die Konnotation „Barmherzigkeit“ nahelegt, ist an ein konkretes Handeln im Sinne einer materiellen Zuwendung an Bedürftige gedacht.5
Tobits BrüderDie Adressaten der Liebeswerke Tobits sind seine „Brüder“. ἀδελφός hat in Tob ein weites und manchmal auch etwas unklares Bedeutungsspektrum, meint aber nur selten einen leiblichen Bruder, sondern meist eine größere Gruppe – vom Verwandten über einen Sippen- oder Stammesgenossen bis zu einem Menschen aus Tobits Volk. Wichtig ist der Bezug zur Gruppe der Exilierten. Durch die häufige Verwendung dieser Begrifflichkeit wird die enge Verbundenheit dieser Menschen untereinander deutlich, sodass diese geradezu als eine große Familie erscheinen.6 Von Anfang an zeigt es sich, dass Tobits Geschick mit dem seiner Landsleute aufs Engste verbunden ist (zu diesem Aspekt siehe die Einleitung „Wichtige Themen“).
NiniveWährend in der Einleitung (1,1–2) nur ganz allgemein von der assyrischen Gefangenschaft erzählt wurde, erfolgt nun in der „Summe“ eine konkrete Ortsangabe (1,3).
Der exilierte Tobit befindet sich zusammen mit anderen Angehörigen seines Volkes in der Stadt Ninive, der Hauptstadt des Assyrerreiches. Die Stadt, die wohl schon in prähistorischer Zeit besiedelt war, gewann im 8. Jh. v. Chr. historische Bedeutung, als König Sanherib (704–681 v. Chr.) seine Residenz hierher verlegte und entsprechende repräsentative Prachtbauten errichten ließ.
„Dort liefen alle Fäden der Weltpolitik zusammen, dort huldigten die Beauftragten und Abgesandten aus den Provinzen und Vasallenstaaten dem Großkönig, dort trafen sich die Warenströme und sammelten sich die Tribute aus aller Welt. Die weitläufigen Königspaläste und die feinen Villen […] waren reich geschmückt mit Skulpturen, Steinreliefs, Wandmalereien und gefüllt mit umfangreichen Archiven und Bibliotheken sowie mit Kostbarkeiten aus Edelholz, Edelmetall, edlem Tuch, Elfenbein […].“7
Somit lebt Tobit nun in einer Weltstadt, im Zentrum der assyrischen Herrschaft.8
1,4–9Nun schwenkt der Blick zurück, und Tobit erzählt von seiner früheren Existenz im Land Israel. Dabei liegt der Fokus auf den Verfehlungen seiner Stammesgenossen gegenüber Jerusalem (1,4–5) sowie auf seiner eigenen Frömmigkeitspraxis (1,6–8.9).
1,4–5Der Text berichtet zunächst ganz allgemein vom Abfall des Stammes Naftali vom „Haus Davids“ und von Jerusalem, der aus allen Stämmen zum Opfern erwählten Stadt (1,4a), in der sich der heilige Tempel, explizit als Wohnung Gottes bezeichnet, befindet (1,4b). Somit zeigt sich hier deutlich die auf Jerusalem und Juda hin orientierte Perspektive der Erzählung.9 Bemerkenswert ist, dass hier nicht wie üblich (so z. B. 1,4; 1,7; 5,14; 14,4) der Name Ἰεροσαλήμ verwendet wird, sondern vielmehr Ἰεροσόλυμα. Dabei handelt es sich um eine hellenisierende Namensform.
IsraelNun erscheint zum ersten Mal der Begriff „Israel“, zunächst als Bezeichnung für das Land, sowie dann als Name des Volkes (1,4a). Dies entspricht dem breiten Bedeutungsspektrum des Begriffs in der gesamten Erzählung: Israel fungiert als Name für das Volk (1,8.18; 5,5.9; 13,3; 14,7) und das Land (14,4 [2x].5). Ansonsten begegnet der Terminus in den Wendungen „König Israels“ (1,5), „Propheten Israels“ (14,4.5) und „Gott Israels“ (13,18).10
GottEbenso findet sich hier in der Wendung „Wohnung Gottes“ der erste Beleg für den Begriff ὁ θεός (1,4b; zu den Gottesnamen siehe die Einleitung unter „Figuren der Handlung“).
Worin der Abfall von Tobits „Brüdern“ konkret bestand, wird im Folgenden deutlich: Sie brachten ihre Opfer „dem Jungstier, den Jerobeam […] gemacht hatte“ dar (1,5). Hier ist die semantische Konnotation des Begriffes „Bruder“ als Stammesgenosse offensichtlich.11 Durch den Rekurs auf den Begriff θύω, „opfern“, der zuvor mit Jerusalem verbunden war, wird das problematische Handeln der Naftaliten auch formal deutlich zum Ausdruck gebracht (vgl. 1,4a).
1,6–8Tobit ist dagegen der toraobservante Jerusalempilger, der dort die vorgeschriebenen Abgaben an den Tempel leistet,12 und dabei wiederum auch die Bedürftigen seines Volkes unterstützt.
WallfahrtenWie Oliver Dyma herausgearbeitet hat, können zur „Häufigkeit der Wallfahrten“ Tobits keine genauen Angaben gemacht werden.
„V.6 könnte auf mehrfache Wallfahrten in einem Jahr hindeuten (ἐν ταῖς ἑορταῖς), während die Erstlingsgaben und die Ausgabe des zweiten Zehnten ‚in jedem Jahr‘ (v.7) eher an eine jährliche Wallfahrt denken lassen. Der Plural von ἑορτή in v.6 mag durch die oftmalige Teilnahme bedingt sein. In Verbindung mit den Erstlingsgaben ist dabei an das Wochenfest zu denken (vgl. Num 28,26).“13
Insgesamt nennt der Abschnitt sieben Abgabenarten, die für vier unterschiedliche Personengruppen bestimmt sind, nämlich die Priester (1–4), die Leviten (5), für den Besitzer selbst zum Verzehr in Jerusalem (6) und für die Armen (7).14 Die Details erschließen sich durch den Rückgriff auf die ältere biblische Literatur (siehe hierzu die „Diachrone Analyse“).
ToratreueDer Erzähler betont in diesem Kontext explizit die Torakonformität von Tobits Handeln, denn Termini aus dem Wortfeld „Gebot“ umrahmen den Abschnitt zu Tobits Tempelwallfahrten. Der Begriff πρόσταγμα am Anfang des Abschnittes (1,6) wird am Ende wieder aufgenommen und nun explizit mit dem „Gesetz des Mose“ (νόμος Μωσῆ) sowie den „Geboten“ (ἐντολή) verbunden (1,8). Damit wird zum einen dessen Bedeutung im Sinne der Tora deutlich, zum anderen wird das „Gesetz des Mose“ auf kultische Zusammenhänge fokussiert.15
DeboraInteressant ist die Aussage, wonach es Tobits Großmutter Debora16 war, die Tobit, der von seinem Vater als Waise zurückgelassen wurde, in der Tora unterwies. Debora erscheint somit als Toralehrerin und „interpreter of Mosaic Law“.17 Dabei ist es bemerkenswert, dass die religiöse Unterweisung hier durch eine Frau erfolgt.18
1,9Der Abschnitt endet mit der knappen Notiz, dass Tobit eine Frau aus seiner Sippe geheiratet hat und beiden der Sohn Tobias geboren wurde. Später wird man erfahren, dass Tobits Frau den Namen „Hanna“ trägt (siehe 1,20).
EndogamieHanna stammt aus der Sippe von Tobits Vaterhaus („ἐκ τοῦ σπέρματος τῆς πατριᾶς ἡμῶν“). Somit wird hier das für die Erzählung so bedeutsame Motiv der sippeninternen Endogamie eingespielt; im Fortgang der Geschichte soll deutlich werden, dass die Endogamie als Erfüllung der Mosetora (6,13) und zudem als Ausdruck der Traditionskonformität mit den Vätern (4,12) verstanden wird (zum Ganzen siehe „Wichtige Themen“ in der Einleitung). Somit demonstriert Tobit auch durch seine Heirat seine Frömmigkeit.
1,10–2,1aNach dem Rückblick auf Tobits Leben im Land wendet die Erzählung sich nun Tobits Exilsexistenz zu. Auch hier zeigt der Protagonist seine Solidarität mit seinen Landsleuten; allerdings gerät er trotz seines vorbildlichen Handelns in Schwierigkeiten und wird schließlich selbst hilfsbedürftig.
1,10–14In Ninive im Exil findet sich Tobit in einer ganz ähnlichen Situation, wie sie ihm bereits während seines Lebens im Land begegnete, insofern er sich mit seinem torakonformen Verhalten von dem seiner Landsleute deutlich unterscheidet (siehe 1,4–8). Während nämlich seine mitexilierten „Brüder“ (wohl seine Stammesgenossen19) von den Speisen der Völker essen, hält sich Tobit von einer solchen Praxis fern. Dies deutet darauf hin, dass Tobit die traditionellen Speisegebote beachtet und sich sowohl von den Niniviten als auch von seinen eigenen Landsleuten abgrenzt.20 Der Erzähler spezifiziert nicht, worin die Problematik des Essens mit den Völkern besteht.21
SpeisegeboteDass Speisegebote gruppensoziologisch eine abgrenzende und ausschließende Funktion haben, ist allgemein bekannt und muss hier nicht weiter entfaltet werden.22 Entscheidend und über diesen Aspekt hinausweisend ist hier, dass Tobits „Orthorexie“ in einem religiösen Kontext zu deuten ist. Dies erschließt sich aus V. 12: Tobits Essverhalten erscheint als „Zeichen“ des „Gedenken Gottes“,23 und so liegt es nahe, hier unter dieser Begrifflichkeit die Treue zum göttlichen Gebot zu verstehen.24
Tun-Ergehen-ZusammenhangDie Aussage, dass Gott Tobit Gunst und Wohlgefallen vor König Salmanassar V. (726–722 v. Chr.; zu Salmanassar siehe zu 1,2) gewinnt und er eine Karriere als internationaler königlicher Einkäufer macht (1,13), suggeriert zunächst einen funktionierenden Tun-Ergehen-Zusammenhang, der den frommen Tobit mit Erfolg und Wohlergehen belohnt. Die Gottesbezeichnung „der Höchste“ erscheint selten in Tobit (vgl. 4,11).25
So führt Tobits Weg ihn im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Einkäufer des Königs nach Medien. Dort hinterlegt er bei einem gewissen Gabaël, Bruder des Gabri, eine Summe von zehn Talenten Silber (1,14).
GabaëlGabaël ist sicherlich nicht mit der gleichnamigen Gestalt aus dem Stammbaum (1,1) identisch, da dieser dort als Ururgroßvater Tobits erscheint. Der Begriff „Bruder“ meint hier wohl konkret den leiblichen Bruder.26
MedienMedien liegt im iranischen Hochland mit dem Kerngebiet im Zagrosgebirge. Am Anfang der Abschiedsrede Tobits (4,1) wird man erfahren, dass jener Gabaël in der Stadt Rages (zu Rages siehe zu 4,1) lebt. Diese Ortslage entspricht dem heutigen Rayy, jetzt Teil des südlichen Stadtgebietes von Teheran, und ist somit fast 1000 km von Ninive entfernt. Nach dem Routenplaner braucht man zu Fuß für diese Strecke ca. 200 Stunden (zu möglichen Routen siehe zu 6,2–9). Selbst wenn Last- und Reittiere für solche Reisen zu Verfügung standen (was an dieser Stelle aber nicht explizit genannt wird, vgl. dagegen 9,5), waren es dennoch immense Entfernungen, die Tobit für seine Tätigkeit beim König zurücklegen musste. Somit reist Tobit von Ninive aus also weiter nach Osten und entfernt sich dadurch noch mehr von seiner Heimat in Galiläa.27
Die Tatsache, dass Tobit bei Gabaël einen Betrag von zehn Silbertalenten deponieren kann, verweist auf Tobits großen Reichtum. Setzt man ein Talent mit 36 kg an,28 so handelt es sich hier um ein kleines Vermögen.
1,15–20Schnell aber soll sich Tobits Schicksal ändern: Nach dem Tod Salmanassars V. (726–722 v. Chr.) kommt es unter Sanherib (704–681 v. Chr.) zu beträchtlichen Schwierigkeiten. Die Wege nach Medien werden nun so unsicher, dass Tobit seinem Broterwerb als Kaufmann nicht mehr nachgehen kann (1,15).
Etwas unvermittelt wirkt in diesem Kontext Tobits Aussage, dass er bereits während der Regierungszeit Salmanassars die mitexilierten Angehörigen seines Volkes mit Nahrung und Kleidung versorgte und zudem auch bestattete, wenn sie tot hinter die Mauer geworfen worden waren (1,16f.). Es handelt sich um einen Rückblick, der Tobits Barmherzigkeit konkretisiert.29 Durch das Motiv der Speisung lässt sich hier eine Linie zu Tobits früheren Wallfahrten nach Jerusalem ziehen: Die Zuwendung zu den Armen ersetzt nun vollends die Abgaben im Tempel.30 Außerdem kommen auch hier wieder Tobits Reichtum und seine Großzügigkeit zum Ausdruck.31 Der Begriff „Brüder“ wird an dieser Stelle einmal für die größere Verwandtschaft Tobits verwendet (so sichtbar durch die Apposition „denen aus meinem Geschlecht [γένος]“);32 der weitere Kontext zeigt dann aber, dass es allgemein um Menschen aus Tobits Volk geht (siehe 1,17).33
Das Bild der unachtsam dahin geworfenen Toten hat etwas zutiefst Irritierendes, und es wurde auch als Veranschaulichung für das „Chaos“ der Diaspora-Existenz interpretiert.34 Sogar in einer Zeit, in der das Verhältnis einzelner Exilierter zum König relativ entspannt war, wie dies für die Zeit Salmanassars postuliert wird, scheinen die „gewöhnlichen“ Israeliten einer Bestattung wohl als nicht würdig erachtet worden zu sein.35 Die Leser erfahren an dieser Stelle nicht, um welche Art einer Bestattung es sich hier handelt. Wenn Tobit seine Landsleute selbstständig begraben kann, so ist an ein Erdbegräbnis zu denken (siehe zu 2,7 und 8,9.18).
Durch das Bestattungsmotiv leitet der knappe Abschnitt aber auch zum Fortgang der Handlung über, wo Tobit nun wegen seines Handelns verfolgt werden soll (1,18–20). Sanherib (704–681 v. Chr.) lässt Tobits Landsleute sogar töten; seine Aggression gründet in seinem Zorn, der wiederum aus seiner Erfahrung mit dem Gericht des „Königs des Himmels“ (zu dieser Gottesbezeichnung siehe auch 13,7.16) und seiner Flucht aus Judaä resultiert (1,18). Der Verweis ist nur vor dem Hintergrund der biblischen Überlieferung von Sanheribs Belagerung Jerusalems verständlich (vgl. die Bezüge zu 2 Kön 19,35–36; Jes 37,36–38; 2 Chr 32,21; siehe unten „Diachrone Analyse“). Der Erzähler verweist nur kurz auf diese Zusammenhänge; offenbar setzt er bei seiner Leserschaft ein Wissen um diese Traditionen voraus. Die Verweigerung der Bestattung und die damit verbundene Entehrung der Israeliten demonstriert die Macht Sanheribs; umgekehrt ist Tobits Handeln ein „Zeichen des Widerstands gegen das vorherrschende politische System“,36 das die Ehre seines gedemütigten Volkes wiederherzustellen versucht.
Da Tobit beim König denunziert wird,37 muss er flüchten, und sein Vermögen wird beschlagnahmt. So bleibt ihm nichts mehr außer seiner Frau und seinem Sohn (1,19.20). Tobits „ziviler Ungehorsam“ bringt ihn also in Lebensgefahr und „bedeutet den Verlust seiner Lebensgrundlage.“38
1,21–2,1aNoch einmal soll sich Tobits Schicksal wenden: Nur vierzig Tage nach seiner Flucht wird Sanherib (704–681 v. Chr.) von zwei seiner Söhne ermordet; diese fliehen in das Gebirge Ararat, woraufhin sein Sohn Asarhaddon (680–669 v. Chr.) König wird. Auch hier setzt der Erzähler die Kenntnis der biblischen Überlieferung voraus (vgl. 2 Kön 19,35–36; Jes 37,36–38; 2 Chr 32,21; siehe unten die „Diachrone Analyse“). Asarhaddon (680–669 v. Chr.) bestimmt in dieser Situation einen gewissen Achikar, den Sohn von Tobits Bruder Hananel, zu seinem Dienst. Er wird als erfolgreicher Hofbeamter vorgestellt, der sowohl über das gesamte Geldwesen des Königreiches („ἐπὶ πᾶσαν τὴν ἐκλογιστίαν τῆς βασιλείας αὐτοῦ“) als auch über die ganze Verwaltung („ἐπὶ πᾶσαν τὴν διοίκησιν“) bestellt ist (1,21). Weitere Titel Achikars sind „Obermundschenk“ (ἀρχιοινοχόος), „Siegelbewahrer“ (ἐπὶ τοῦ δακτυλίου), „Staatsfinanzverwalter“ (διοικητής) und „Vorstand über das Rechnungswesen“ (ἐκλογιστής) (1,22).
Insofern Achikar Fürsprache für Tobit einlegt und Letzterer nach Ninive zurückkehren kann, handelt Tobit also nicht nur zum Wohle seiner mitexilierten Brüder, sondern er wird nun auch selbst zum Empfänger einer solchen solidarischen Zuwendung. Am Ende rekurriert der Erzähler auf das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Tobit und Achikar, sodass dieser Zug narratologisch ein besonderes Gewicht erfährt und die Bedeutung verwandtschaftlicher Strukturen wiederum ganz deutlich zutage tritt39 (zu Achikar siehe auch 2,10; 11,18 und 14,10).40 Einmal mehr wird so der Wert der Familiensolidarität und des barmherzigen Handelns demonstriert (zum letzteren Aspekt siehe auch zu 14,10 sowie unter „Wichtige Themen“ in der Einleitung).41 Die Episode schließt mit dem Hinweis, dass Tobit in sein Haus zurückkehren darf und somit der Status quo wiederhergestellt wird (2,1a).
Schilderung des ExilsWie Rainer Albertz treffend formuliert, ist
„[…] das Bild, das im Tobitbuch bis hierhin von der Exilsituation gezeichnet wird, […] überwiegend düster: Wohl gibt es für Juden zuweilen die Möglichkeit, auch unter den Bedingungen des Exils zu Wohlstand (Tobit) und Einfluß (Achikar) zu kommen, aber das Glück ist nur von kurzer Dauer und fortwährend durch die Wechselfälle der Politik des Großreiches bedroht, auf die die normalen jüdischen Familien keinen Einfluss haben. Im Gegenteil, sie sind schutzlos den Übergriffen der Einheimischen und der Willkür der Regierenden ausgesetzt, werden auf offener Straße wie Kriminelle erschlagen, ohne dass es jemanden kümmert.“42
Es ist zwar nicht anzunehmen, dass sich hier konkrete Erinnerungen an das Leben der assyrischen Gola erhalten haben, aber die Erzählung bietet hier „vielleicht doch ein stark typisiertes Grundmuster von Erfahrungen, die über die Jahrhunderte in der Diaspora gemacht wurden.“43
2,1b–10Auch nach Tobits Rückkehr in sein Haus findet seine krisenhafte Existenz bzw. die seiner Familie kein Ende, vielmehr hebt nun mit der Geschichte von seiner Erblindung gleich die nächste Episode an, welche die Not und Verzweiflung des Protagonisten weiter vorantreibt. Die Erzählung reflektiert hier die Gefährdung einer vermeintlich sicheren Existenz, indem sie den unvorhergesehenen Übergang von Gesundheit zu Krankheit und vom Reichtum zur Armut markiert.44
2,1b–3Nun bahnt sich eine weitere Katastrophe an. Beschrieben wird zunächst, wie vor Tobit reiche Speisen aufgetragen werden und er sich zu einem opulenten Mahl niederlässt. Unklar ist, ob er allein oder in Gemeinschaft (vielleicht sogar mit Frau und Sohn) zu speisen gedenkt (2,1b). Die Szene insgesamt spiegelt Tobits Reichtum und präsentiert ihn als wohlhabenden Herrn, und so kann Naomi Jacobs feststellen:
„Separated from the process of cooking and serving, upper-class Tobit seems disconnected from the labour of others. Reclining, a sign of status, luxury, and privilege, is also class- and gender based“.45
Die reich gedeckte Tafel, die Tobit anlässlich des Wochenfests vorgesetzt wird, veranlasst ihn zunächst, seinen Sohn Tobias auszuschicken, um einen Frommen unter seinen nach Ninive mitexilierten „Brüdern“ zu finden, der mit ihm speisen und so an der Festesfreude partizipieren kann. Auch hier dient der Begriff „Bruder“ nicht zur Beschreibung eines leiblichen Verwandtschaftsverhältnisses, sondern einer Person aus der Gruppe der Exilierten. Der Fortgang mit der Wendung „einer aus unserem Volk“ zeigt nämlich, dass das gesamte Volk Tobits eingeschlossen ist.46 Tobits Einladung demonstriert wieder seine Zuwendung zu den Bedürftigen seines Volkes (zur Wendung „des Herrn gedenken“ siehe 1,1247).
Ohne Rückfrage macht sich der junge Tobias auf, um dem väterlichen Befehl nachzukommen, allerdings bringt er nicht – seinem eigentlichen Auftrag entsprechend – einen Gast für das Festmahl mit, sondern nur die traurige Nachricht, dass einer aus ihrem Volk ermordet wurde und nun unbestattet auf dem Marktplatz liegt (2,3). Der Satz selbst ist etwas umständlich formuliert, da die Aussage, dass der Landsmann „erdrosselt“ wurde, erst am Ende erscheint. Diese unlogische Reihenfolge lässt sich insofern gut deuten, als sich in dieser Formulierung das Entsetzen und die Aufregung des jungen Tobias spiegeln könnten, die dieser angesichts solch chaotischer Verhältnisse empfindet. Das hier gebrauchte Verb στραγγαλάομαι ist ein Hapaxlegomenon in LXX, das sowohl „erwürgen, erdrosseln“ als auch „erhängen“ bedeuten kann. Aufgrund der Erwähnung des Marktplatzes könnte man an eine Hinrichtung durch den Strang denken (vgl. z. B. Dtn 21,22–23).48 Hintergründe für die Tötung der betreffenden Person werden nicht genannt.
Während bislang die Rede davon war, dass die Toten aus Tobits Volk „hinter die Mauer“ Ninives geworfen worden waren (1,17), zeigt sich hier insofern eine Dramatisierung des Motivs, als sich der unbestattete Körper nun nicht mehr außerhalb der Stadt befindet, sondern auf einem öffentlichen Platz in deren Zentrum. So kommt der Aspekt der Entehrung der entsprechenden Person und damit auch der Angehörigen ihres Volkes besonders deutlich zum Ausdruck.
2,4–8Der Gegensatz zum Beginn der Szene ist eklatant: Als Tobit die Nachricht von seinem unbestatteten Landsmann erreicht, verfliegt jäh seine Festtagsfreude, und seine Ruhe schlägt in heftige Geschäftigkeit um („und ich sprang auf“). Schnell macht er sich auf, um den Toten zu verstecken, um ihn so vor der öffentlichen Bloßstellung zu schützen und ihn dann nach Sonnenuntergang zu begraben (2,4). Dass Tobit mit der Bestattung seines Landsmanns bis zum Einbruch der Nacht wartet, hat seinen Grund wohl darin, dass er sich des Risikos seines Handelns bewusst ist. Nach seiner Rückkehr, die mit einer Waschung verbunden ist, beherrscht eine düstere Stimmung die Szene: Indem Tobit nun sein Brot „mit Trauer“ isst (so der Abschluss von 2,5), schafft der Erzähler einen weiteren spannungsreichen Gegenakzent zum Anfang dieser Episode, die Tobit an einer reich gedeckten Tafel sitzen lässt.49
Rekurs auf Amos 8,10Der Rekurs auf das Amoswort Am 8,10 (2,6) zeigt, dass Tobit seine aktuelle Situation als Erfüllung der Prophetie deutet, und verweist auf seine Traditionskonformität (siehe zu 1,10f.). Sein Weinen verstärkt die düstere Stimmung der Handlung (2,7a).
Bestattung und Spott der NachbarnEilig macht sich Tobit nach Sonnenuntergang daran, den Toten zu begraben (2,7b). Als Bestattungspraxis wird hier ein Erdgrab angenommen; die Errichtung eines Felsgrabes – ein Typus, der zur Zeit des Zweiten Tempels weit verbreitet war – wäre für eine Einzelperson, die wie Tobit zudem heimlich arbeiten muss, viel zu aufwendig gewesen.50 Durch das Verhalten der Nachbarn erfährt Tobit eine große soziale Demütigung.51
2,9–10Nunmehr überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Tobits Waschung und die Tatsache, dass er im Freien übernachtet (2,9), lassen sich am einfachsten vor dem Hintergrund halakhischer Bestimmungen im Umgang mit der Totenunreinheit verstehen (siehe unten zu „Diachrone Analyse“).
Tobits AugenerkrankungNeben der Mauer liegend fällt Tobit nun der heiße Kot von Sperlingen auf die Augen, der „weiße Flecken“ (λευκώματα) und schließlich seine Erblindung verursacht (2,10a). Der Terminus λευκώματα (so auch noch in 3,17; 6,9; 11,8) erscheint in LXX nur in Tob. Die medizinischen Hintergründe, die sich hinter diesem Begriff verbergen, beschäftigen die Übersetzer und Ausleger der Tobitgeschichte seit Langem. Luther deutete die weißen Flecken als Star. Da diese Krankheit aber eine Trübung der Linse ist, mit welcher der Kot der Vögel gar nicht in Berührung kam, plädierte man dafür, von einer Verätzung der Hornhaut auszugehen, die durch den scharfen, ammoniakhaltigen Kot verursacht wurde, und aus der schließlich eine Hornhauttrübung bzw. eine Vernarbung der Hornhaut resultierte.52 Der Zürcher Augenarzt PD Dr. Hannes Wildberger vertritt die These, dass sich hinter Tobits Erkrankung eine korneale verkalkende (bilaterale) Bandkeratopathie (in der Fachsprache auch „calcific band keratopathy“ [CBK] genannt) verbirgt. Wildberger beschreibt die CBK folgendermaßen:
„Die Trübungen entstehen weitgehend im Bereiche der unbedeckten Lidspalte, deshalb der Name Band-Keratopathie. Erreichen die Trübungen die optische Achse, fällt die Sehschärfe ab. Fragmente der brüchigen Kalkplatten fallen möglicherweise spontan heraus, wodurch die Sehschärfe wieder etwas ansteigen kann […]. Die CBK hat verschiedene Ursachen: Ausser seltenen erblichen oder idiopathischen Formen entsteht die CBK meistens sekundär als Folge chronischer pathologischer (endzündlicher) Vorzustände mit funktioneller Beeinträchtigung.“53
Für die Verbindung von Tobits Erblindung mit der CBK spricht nach Wildberger vor allem die Tatsache, dass Tobits Leiden schließlich durch den mechanischen Einsatz von Fischgalle (11,11–13; siehe auch 6,5f.9 und 11,4.8) geheilt werden konnte (zur Heilung siehe ausführlicher 11,11–13). Tatsächlich können die Kalkplättchen, die bei der CBK das Sehvermögen behindern, durch einen mechanischen Eingriff (so z. B. durch den Einsatz von Chemikalien) zur Ablösung gebracht werden.54 Im Falle von Leukomata ist ein solcher Prozess dagegen nicht möglich, denn, so Wildberger: „Echte tiefe Leukomata, weiss erscheinende korneale Narben innerhalb des Hornhautstromas (z. B. nach einem entzündlichen Hornhautulkus), reagieren nicht im geringsten auf Tropfen, Reiben, Kratzen oder Chelation.“55 Sollte der Erzähler tatsächlich an CBK gedacht haben, so würde dies bedeuten, dass der Kontakt mit dem Vogel-Kot eine bereits bestehende Disposition für die Erkrankung verstärkt hätte.
Allerdings sind die weißen Flecken auf Tobits Augen nur der Anfang der Misere, denn erst durch die Behandlung der Ärzte, die Tobit zum Therapieren (vgl. θεραπεύω) seiner Erkrankung aufsucht, kommt es zur vollständigen Erblindung (2,10b). Θεραπεύω erscheint in Tob bei Heilungsaktivitäten, die keinen expliziten Bezug zum Handeln Gottes haben (siehe auch 12,3, wo Tobias ja noch nicht weiß, dass sich hinter Azarias [alias Rafaël] der von Gott gesandte Engel verbirgt). Für das Heilungshandeln, das in einem theologischen Horizont steht, benutzt der Erzähler den Terminus ἰάομαι (3,17; 5,10; 12,14).
Bemerkenswert an dieser Krankheitsgeschichte ist ihre geradezu „naturwissenschaftliche“ Darstellung. Es handelt sich um ein „pragmamorphes“ Krankheitskonzept, insofern hier ein lebloser Fremdkörper (und eben kein Dämon oder eine Gottheit) die Ursache für Tobits Erblindung ist; die Heilung erfolgt dadurch, dass Medikamente eingesetzt werden, um diesen zu eliminieren.
Der Text weiß zudem auch nichts davon, dass Tobit irgendeine Schuld auf sich geladen hat. Damit sind „hier äußere Einflüsse ohne religiöse Implikationen die Ursache der Erkrankung“,56 sodass Tobits Erblindung als ein kontingentes Geschehen erscheint und sich an dieser Stelle eine „Krankheitskonstruktion jenseits des Tun-Ergehen-Zusammenhangs“57 zeigt. Tobit wird wegen der Taten seiner Nächstenliebe nicht nur verfolgt, sondern erfährt ausgerechnet im Kontext einer Barmherzigkeitstat wie der Bestattung der Toten nunmehr das Schicksal der Erblindung.58
Achikars UnterstützungTobits Gebrechen und sein Schicksal machen ihn verletztlich, und er wird nun seinerseits von anderen abhängig. In dieser traurigen Situation – immerhin dauert Tobits Blindheit vier Jahre an – erfährt dieser aber das Mitleid seiner „Brüder“. Es ist anzunehmen, dass sich der Begriff hier wieder auf die Gruppe derer bezieht, die mit Tobit nach Ninive exiliert wurden59 (zum Begriff siehe zu 1,3), und wieder ist es Tobits Neffe Achikar, der als Retter in der Not fungiert, indem er Tobit bis zu seiner Übersiedlung in die Elymaïs versorgt (zu Achikar siehe zu 1,22). So zeigt sich auch hier wieder der Aspekt der Familiensolidarität (siehe hierzu die Einleitung im Abschnitt „Wichtige Themen“).60
2,11–14Da der erblindete Tobit nicht mehr für den Unterhalt seiner Familie aufkommen kann, ist nun seine Frau Hanna gezwungen, Geld zu verdienen. Die Tatsache, dass Tobit aufgrund des bei Gabaël deponierten Geldes (siehe 1,14) eigentlich ein reicher Mann ist, kann deshalb außer Acht bleiben, da ihm dieses Vermögen ja nicht unmittelbar zur Verfügung steht. Der Erzähler weiß zunächst nur ganz allgemein, dass Hanna „Frauenarbeiten“ verrichtet (2,11). Aus der knappen Notiz, dass Hanna das Tuch abgeschnitten hat, lässt sich schließen, dass sie Webarbeiten verrichtete (siehe Spr 31,13.19.22.24, wonach Textilarbeiten typische Frauenarbeiten waren). Hanna bekommt zusätzlich zu dem ihr zustehenden Lohn „für den Herd einen Bock von den Ziegen“ als Geschenk (2,12). Mit der etwas umständlich wirkenden Wendung „ein Bock von den Ziegen“ bedient sich der Erzähler biblischer Sprache (siehe z. B. Ri 13,15), wobei ein Ziegenböckchen ein traditionelles Geschenk darstellt (vgl. Gen 38,17; Ri 15,1; 1 Sam 16,20).61
Streit mit HannaNach dieser knappen Einleitung folgt die eigentliche Handlung: Der alte und blinde Tobit hört das Tier blöken, unterstellt seiner Frau, dieses gestohlen zu haben, und fordert sie auf, es seinen Besitzern zurückzugeben. Durch die Verwendung der wörtlichen Rede erfolgt eine zunehmende Verlebendigung und Vergegenwärtigung des Geschehens (2,13). Ohne zu zögern, stellt Hanna den Sachverhalt klar, wonach es sich bei dem Ziegenböckchen um ein Geschenk handelt. Doch Tobit glaubt ihr nicht; er beharrt auf seiner Forderung, das Tier seinen rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Der Hinweis, dass er ihretwegen errötet (προσερυθριάω), deutet seine innere Erregung, vielleicht auch seine Scham, an und dass er die Kontrolle über seine Emotionen verloren hat (für ἐρυθριάω siehe in LXX nur noch Est 5,1LXX mit dem Bezug auf Esters Schönheit, als diese vor den König tritt).
Die Szene endet relativ abrupt, indem Hanna nun – Nadelstichen gleich – provokativ zwei rhetorische Fragen äußert, die auf Tobits Barmherzigkeitstaten (ἐλεημοσύναι) und seine gerechten Werke (δικαιοσύναι) abzielen. Angesichts der Blindheit Tobits und seines Misstrauens gegenüber seiner Frau scheint nichts für die Gültigkeit dieser Werte und die damit verbundene Praxis zu sprechen. Die abschließende Aussage „Siehe, alles ist offenbar an dir“ kann in diesem Kontext nur ironisch verstanden werden: Obwohl Tobit sein ganzes Leben lang barmherzig und gerecht handelte, ist der Lohn hierfür eben nicht offenbar, sondern im Gegenteil: Er ist blind, sozial isoliert und verzweifelt (2,14).
Somit stellt Hanna hier die gesamte Existenz ihres Mannes infrage. Insofern sich nun auch seine Frau von ihm distanziert und ihn verspottet, steht Tobit vor dem Nichts. Insgesamt wird deutlich, dass die Weltordnung aus den Fugen geraten ist.62
„So war aus Tobit unter den mörderischen Bedingungen des Exils trotz seiner großen Frömmigkeit ein verarmter, sozial isolierter, chronisch Kranker geworden, dessen Familie nur durch Zuwendungen Achikars und Gelegenheitsarbeiten seiner Frau über Wasser gehalten werden konnte. Als auch noch das Vertrauensverhältnis zu seiner Frau zu zerbrechen schien, war Tobit am Ende.“63
Der Erzähler lässt seine Leser von diesen Begebenheiten wissen, ohne sie näher zu kommentieren.64 Entsprechend kontrovers wurde Tobits Handlungsweise in dieser Szene auch gesehen: Manche Ausleger bestehen darauf, dass Tobit hier im Recht ist,65 wohingegen andere den Umgang mit seiner Frau aufs Schärfste verurteilen.66 Man hat Tobits Verhalten auch als Ausdruck einer spirituellen Blindheit gesehen, die mit seiner physischen Blindheit korreliert. Der Streit mit Hanna macht deutlich, dass Tobit sich durch seine Krankheit verändert hat:
„Tobit loses his spiritual vision when his eyesight is lost. Physical vision and spiritual vision go hand-in-hand here. […] [Die Auseinandersetzung mit Hanna zeigt]: His blindness has immediately resulted in paranoia, mistrust of the people closest to him, and angry outbursts, all of these things in the immediate narration following his blinding.“67
Die Aussage Hannas, dass nun alles offenbar ist, macht Tobits Schicksal öffentlich:
„As a blind man, he becomes the unwitting object of others’ gaze […] he is known, while he himself is literally kept in the dark […] to his suffering is added the experience of being exposed in his vulnerability.“68
3,1–6Tobit reagiert auf all diese Anfechtungen mit einem Bittgebet.69 Dieses ist das erste in einer Reihe von Gebeten, die die Erzählung leitmotivartig wie ein roter Faden durchziehen. Das Gebet ist folgendermaßen aufgebaut: Nach der eröffnenden Doxologie, die Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit preist (3,2), folgt der Bitt-Teil, der auch ein Schuldbekenntnis enthält (3,3f.). Daran schließt ein weiterer Preis von Gottes Gerechtigkeit an (3,5). Das Gebet Tobits endet mit dem Wunsch, dass Gott ihn sterben lassen möge (3,6).70
3,2Zum Einzelnen: Tobit, emotional sehr anrührend in Schmerz und unter Klagen und Weinen71, beginnt mit einer dreiteiligen Doxologie, in der er Gottes Gerechtigkeit und sein barmherziges und wahrhaftiges Handeln preist. Gott wird zunächst als „gerecht“ angesprochen, im zweiten Glied bekennt Tobit Gottes Barmherzigkeit und seine Wahrheit; im letzten Glied folgt schließlich ein Verbalsatz, der Gottes richterliche Tätigkeit beschreibt. Somit rahmt das Motiv der Gerechtigkeit diese Gebetseröffnung ein und es erfährt dadurch ganz besonderen Nachdruck (3,2). „Gerechtigkeit“, „Wahrheit“ und „Barmherzigkeit“ sind nicht nur – wie bislang in der Erzählung – menschliche Ideale, sondern können auch göttliche Wirkgrößen darstellen. Mit der Trias „Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit“ steht Tobits Gebetseröffnung in einer theologisch bedeutsamen Beziehung zu seiner Selbstvorstellung am Anfang der Erzählung (siehe zu 1,3),72 da nun in textpragmatischer Hinsicht deutlich wird, dass er mit seinem Handeln letztlich im Einklang mit Wirksphären steht, die Gott zuzuschreiben sind. An dieser Stelle erscheint in Tob zum ersten Mal die Gottesbezeichnung κύριος, „Herr“, die für das Tetragramm steht.73
3,3f.Darauf folgen – eingeleitet mit καὶ νῦν (siehe auch 3,5.6) – verschiedene Bitten (3,3f.). Tobits erste Bitte, Gott möge seiner gedenken (μιμνῄσκομαι), zielt auf die göttliche Zuwendung. In diesem Sinne ist auch die Rede vom „Schauen Gottes“ (ἐπιβλέπω) zu verstehen (3,3a). Dieses Verb eröffnet auch intertextuelle Bezüge. Während bislang Tobit das Subjekt des Gedenkens war und dieses als Ausdruck seines Gebotsgehorsams verstanden werden kann (so 1,12), erscheint nun Gott als potentieller Akteur. Damit klingt der Tun-Ergehen-Zusammenhang an: Tobit, der Zeit seines Lebens durch seine frommen Werke seines Gottes gedachte, kann diesen nun reziprok um Zuwendung bitten.74
Im Gesamtkontext der Erzählung überrascht, dass Tobit Gott auch darum bittet, ihn nicht wegen seiner Sünden (ἁμαρτία) zu strafen (3,3b); unmittelbar darauf folgt ein explizites individuelles Sündenbekenntnis. Tobit erklärt, dass er gesündigt und auf die Gebote (ἐντολή) Gottes nicht gehört habe (παρακούω) (3,3c.4a). Dieses Bekenntnis steht im Gegensatz zu Tobits langer Erzählung über seinen integren Lebenswandel in den beiden ersten Kapiteln des Buches. Dadurch, dass Tobit hier auch seine unwissentlichen Vergehen (ἀγνόημα) nennt, wird der Widerspruch zu dem Bild des frommen und gerechten Tobit etwas abgeschwächt. Wenn man nicht davon ausgehen möchte, dass Tobit sein Verhalten gegenüber seiner Frau bereut,75 was angesichts seiner Klage über seine Schmähungen (siehe unten) eher unwahrscheinlich ist, lässt sich dieses Bekenntnis am besten damit erklären, dass er sich hier als Teil seines Volkes begreift.76 Unschwer kann dies mit der bisherigen Handlung und dem Verweis auf die Bilderverehrung der Naftaliten (1,4–5) bzw. die Teilnahme an der Speise der Völker im Exil (1,10) verbunden werden.
Die Konsequenz aus diesen Verfehlungen zeigt V. 3,4b, insofern Gott das Volk ins Exil gegeben hat. Dabei wird sowohl auf die physische Seite rekurriert („Plünderung“, „Gefangenschaft“ und „Not“) als auch auf die soziale Seite („Sprichwort“ im pejorativen Sinne, „Gerede“ und „Schmach“).
3,5Anschließend betont Tobit nochmals die göttliche Gerechtigkeit (dazu bereits allgemein oben), wobei Gottes Gerichtshandeln nun insofern konkretisiert wird, als es die unmittelbare Reaktion auf den Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot darstellt (3,5). Auffallend ist wieder die enge Verbindung von Individuum und Kollektiv; Tobit erfährt Gottes Gericht wegen der Sünden seines Volkes.77
3,6Am Ende des Gebets setzt Tobit seine Bitten fort (3,6). Der Abschnitt besteht aus zwei Teilen, insofern zwei bzw. drei aufeinanderfolgende Bitten jeweils durch eine Sentenz abgeschlossen werden:
– 3,6a: Bitte Tobits, dass seine Seele von ihm genommen werde („ἀναλαβεῖν τὸ πνεῦμά μου“), damit er erlöst werde vom Angesicht der Erde;
– 3,6b: Bitte, dass er erlöst (ἀπολύω) werde vom Angesicht der Erde und zu Erde werde; – 3,6c: Begründende Sentenz: Der Tod ist einem Leben voller Schmähungen und Betrübnis vorzuziehen. – 3,6d: Bitte Tobits, dass er erlöst werde von dieser Not; – 3,6e: Bitte Tobits, dass er erlöst werde zum ewigen Ort („ἀπόλυσόν με εἰς τὸν τόπον τὸν αἰώνιον“); – 3,6f: Bitte Tobits, dass Gott sein Angesicht nicht abwenden möge; – 3,6g: Begründende Sentenz: Der Tod ist einem Leben voller Schmähungen vorzuziehen.
Es muss zunächst offenbleiben, ob hier von einer Hoffnung auf eine jenseitige Existenz ausgegangen wird. Der Fokus von Tobits Todeswunsch liegt ganz darauf, die gegenwärtige notvolle Lebenssituation hinter sich lassen zu können. Interessanterweise bezieht sich Tobit hier nicht auf seine Blindheit, sondern vielmehr auf die gegen ihn gerichteten Schmähungen, sodass an dieser Stelle eindeutig die soziale Seite des Schmerzes mit dem Hohn der Nachbarn (2,8f.) und dem Streit mit Hanna (2,11–14) im Vordergrund steht.
Buchinterne Bezüge
ÜberblickDie Kapitel sind auf vielfältige Art mit der Gesamterzählung verbunden, insofern hier die Motive „Gebet“ und „Heilung“ eingespielt werden, die dann im Laufe der Handlung zur Entfaltung kommen sollen. Weitere Leitmotive sind „Barmherzigkeit“ und damit verbunden die Figur Achikars, Tobits Gehorsam gegenüber den göttlichen Weisungen, das Thema der „Endogamie“ sowie das der „Bestattung“. Das Motiv der Speisen verbindet sich sowohl mit dem Gebotsgehorsam als auch mit Tobits Barmherzigkeitstaten. Eine Vorbereitung der Reise des Sohnes Tobias findet durch die Erwähnung des Geldvermögens statt, das Tobit bei Gabaël in Rages hinterlegt hat.78
Schlüsselelemente für die HandlungDes Weiteren enthält die Erzählung wichtige Schlüsselelemente für den Handlungsverlauf: Tobits Erblindung (2,10) bildet dabei einen entscheidenden Katalysator: Ihretwegen muss Tobits Frau Hanna den Unterhalt für die Familie bestreiten, wodurch es schließlich zum Streit der Eheleute (2,11–14) und zur Krise Tobits und seinem Todeswunsch (3,6) kommt. Schließlich präludiert die Verspottung Tobits durch seine Nachbarn und seine Frau das Schicksal Saras, die von ihren Mägden verhöhnt wird (3,7–9), und leitet so zum nächsten Abschnitt und zu deren Geschichte über.
Diachrone Analyse
1,3: Wahrheit, Gerechtigkeit und BarmherzigkeitDie einzelnen Begriffe „Barmherzigkeit“, „Gerechtigkeit“ und „Wahrheit“ sowie auch die Metapher des Weges79 sind traditionell vorgegeben:
– Gen 24,48; Ps 118,30LXX bzw. Weish 5,6 sprechen vom „Weg der Wahrheit“ (ὁδὸς ἀληθείας; siehe auch Ps 86,11 sowie 1QGenApocr 6,3). Spr 8,20; 16,31 und 17,23 haben „Wege der Gerechtigkeit“ (ὁδοὶ δικαιοσύνης).80 Die Verbindung von „Wahrheit und Gerechtigkeit“ findet sich in 1 Kön 3,6 („wandeln in Wahrheit und in Gerechtigkeit“).
– Die Trias der Begriffe (allerdings ohne die Wegmetapher) begegnet auch in Jes 16,5; Ps 85,11 und 89,15. Die Wendung ἐν δικαιοσύναις hat allerdings kein wörtliches Pendant in der Überlieferung der LXX (hier erscheint ἐν δικαιοσύνῃ – z. B. Lev 19,15; Jos 24,14). Die pluralische Verwendung des Terminus stellt eine semitisierende Ausdrucksweise dar (vgl. hebr. צדקות).81
1,3: Barmherzigkeitstaten und AlmosenDie Zuwendung zu den Schwachen und die Gabe der Almosen ist ein traditioneller Bestandteil der Ethik des Alten Testaments. Prinzipiell ist die Existenzsicherung des Einzelnen an familiäre Strukturen gebunden. Wenn diese aber zunehmend geschwächt werden (so ganz deutlich im 8. Jh. v. Chr.), dann greift der Staat zunächst in der Form einer Kodifizierung des Rechts ein, indem er versucht, durch
„Sozialgesetze die Mechanismen zu dämpfen, die zur Verelendung führen, indem u. a. die Schuldsklaverei zeitlich befristet (Ex 21,2–6; Dtn 15,12–18) und ein regelmäßiger Schuldenerlass gefordert wird (Dtn 24,6). Daneben werden in regelrechten Armengesetzen Bestimmungen fixiert, die der Versorgung derjenigen dienen, die aus dem familiären System herausgefallen sind. Zu nennen ist das Recht der Ernte im Brachjahr (Ex 23,11), das Verbot der Nachlese auf den abgeernteten Pflanzungen zugunsten der Armen (Dtn 24,19–22) und als umfassendste Maßnahme die Armensteuer in Form des Zehnten, der alle drei Jahre den Bedürftigen gewidmet wird (Dtn 14,28f.; 26,12).“82
Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Sozialethik des Deuteronomiums zu: Ganz Israel wird als ein Volk von Brüdern verstanden, das sich durch seine Solidarität untereinander auszeichnet; dabei motivieren werbende Ermahnungen zu einem entsprechenden Handeln.
In späterer Zeit, nach dem Untergang der Königreiche Israel und Juda, erhält die soziale Existenzsicherung dann eine neue Dimension, insofern nun vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verelendung das Almosenwesen eine immer größer werdende Bedeutung bekommt. Zwar sind
„Träger des Almosenwesens […] alle, die dazu in der Lage sind. In der Realität wendet sich der Bettelarme natürlich an Reiche […]. Das Oberhaupt einer wohlhabenden Familie, der Patriarch ist das Subjekt der Armenfürsorge (siehe Hiob 29,16; 31,16f.19). Darüber hinaus wurden wohl auch am Jerusalemer Tempel Gelder deponiert, um damit personae miserae wie Witwen und Waisen zu unterstützen (2 Makk 3,10); auch eine Armenversorgung durch die synagogale Gemeinde ist nicht auszuschließen (siehe CD XIV 12–17).“83
Tobit erscheint durch sein Verhalten als ein Vertreter einer begüterten Oberschicht, sonst könnte er sich die Unterstützung der Armen in solchem Umfang gar nicht leisten. Damit wird er als ein „guter“ Reicher gekennzeichnet (siehe hierzu Sir 13,24 [30]: „Gut (ist) der Reichtum, dem keine Sünde anhaftet […]“ (nach LXX.D); vgl. auch Sir 34[31],8–11; dagegen Sir 26,29[28] – 27,2[2–3]: „Kaum bleibt ein Händler von Schuld frei … Um des Vorteils willen haben viele gesündigt …“ (nach LXX.D).84
1,3: NiniveWährend die ältere biblische Überlieferung nur Assyrien als Ort der Exilierung angibt (vgl. 2 Kön 15,29; 17,6; 18,11), nennt der Erzähler nun explizit die Stadt Ninive als Wohnort Tobits. Für die biblische Überlieferung, die auf die aggressive Expansionspolitik der Assyrer im 8. Jh. v. Chr. reagierte, ist die Stadt Inbegriff assyrischer Macht und Herrschaft.85 Insbesondere in den Büchern Nahum und Zefanja ist Ninive „Symbol unwiderstehlicher Überlegenheit, aber auch unausstehlicher Überheblichkeit, auf welche die Autoren mit Gefühlen der Ohnmacht und des Zorns reagieren.“86 Die Stadt selbst wird in der biblischen Überlieferung als Ort frevlerischen Handelns konnotiert (vgl. Jona 1,2; 3,8.10; 4,11; Nah 3,1–4 und Zef 2,15); sie ist die „Blutstadt“, „durch und durch Betrug“, „voll von Beute“, „die Hure“, die Völker verkauft (siehe Nah 3,1–4). Ninive bildet somit das Symbol einer traumatischen historischen Erfahrung der Fremdherrschaft, Gewalt und Ausbeutung, die Israel über fast zwei Jahrhunderte in Bann hielt.
1,4–5: Naftalis BilderdienstDie Überlieferung von Naftalis Bilderdienst speist sich weitgehend aus der biblischen Tradition: Der Abfall vom „Haus Davids“ verweist auf die sog. Reichstrennung unter Jerobeam I., die bereits in 1 Kön 12,19LXX explizit mit dem Verb ἀθετέω, „abfallen“ (MT: פשׁע), bezeichnet wird. Die „Erwählung Jerusalems“ „aus allen Stämmen Israels“ mit dem Motiv des Opferns (θύω) rekurriert auf die Kultzentralisation (siehe Dtn 12,1–14). Durch den Bezug auf Jerusalem werden hier traditionelle Motive aus der Zionstheologie eingespielt: Der Tempel ist Wohnung Gottes (vgl. 1 Kön 6,13; 8,12f.) und ist geheiligt (vgl. 1 Kön 9,3.7; 2 Chr 7,16.20).
Die Aussage, dass Tobits Brüder dem Jungstier Jerobeams opferten, paraphrasiert 1 Kön 12,28–32 und versteht diesen Beleg dahingehend, dass Jerobeam in Bet-El und Dan zwei goldene Kälber (עגל) als Gottesbilder aufgestellt und das Volk diese angebetet habe. In LXX erscheint hier allerdings δάμαλις (siehe 1 Kön 12,28.32; so auch 2 Kön 10,29; 17,16); den in Tob verwendete Begriff μόσχος dagegen belegt LXX in der Episode vom Goldenen Kalb (vgl. Ex 32,4.8.19.20.24.35; MT: ebenfalls עגל) (siehe auch TA 1,5b). Außerdem ist im Gegensatz zur biblischen Erzählung nicht mehr von den beiden Orten Dan und Bet-El die Rede, sondern von Dan und „von allen Bergen Galiläas“. Diese Änderung erklärt sich durch die Fokussierung des Rückblicks Tobits auf den Nordstamm Naftali. Die Ausweitung auf „alle Berge Galiläas“ kann im Sinne einer Steigerung und Dramatisierung des Geschehens verstanden werden.
1,6: Jerusalem als Ziel der WallfahrtἸεροσόλυμα ist eine hellenisierende Namensform, die das griechische ἱερός, „heilig“, anklingen lässt. Sie findet sich zum ersten Mal bei Hekataios von Abdera und in den Zenon-Papyri, wohingegen sie in LXX erst spät erscheint (außer bei Tob v. a. noch in 1–4 Makk). Es handelt sich um eine bewusste interpretatio graeca des Namens Ἰερουσαλήμ, die auf hellenistische Kreise zurückgeht.87 Die gesamtisraelitische Perspektive und die Zentralität Jerusalems ist traditionell mit der dtn.-dtr. Theologie verbunden, spielt aber auch in prophetischen Zukunftsbildern (siehe insbesondere Jer 3,6–18; 30,27f.LXX; Ez 37,15–28) eine wichtige Rolle. In hellenistischer Zeit könnte in dem Motiv der Jerusalemwallfahrt auch eine Polemik gegen das Heiligtum auf dem Garizim mitschwingen, das dann unter Johannes Hyrkanus I. (134–104 v. Chr.) zerstört wurde.88
In politischer Hinsicht spielten Galiläa und seine Verbindung mit Jerusalem insbesondere zur Zeit der Makkabäerkämpfe und der Hasmonäerherrschaft eine wichtige Rolle: Simon eilt im Auftrag seines Bruders Judas den bedrängten Bewohnern Galiläas zur Hilfe und führt nach seinem Sieg Leute aus Galiläa unter großem Jubel nach Jerusalem (vgl. 1 Makk 5,14–23). Aristobul I. (104–103 v. Chr.) sollte dann das Gebiet definitiv erobern (zum Einzelnen siehe auch zu 1,2 „Tobits Heimat“).
1,6–8: Die TempelabgabenDetails zu den Abgaben bei Tobits Tempelwallfahrt erschließen sich durch den Rückgriff auf die ältere biblische Literatur.
Der Abschnitt rekurriert auf verschiedene biblische Bestimmungen über Abgaben und stellt diese in einem kohärenten System zusammen; zudem decken sie sich mit weiteren Belegen aus der hellenistischen Zeit.
Dabei sind die Darbringungen für vier verschiedene Personengruppen bestimmt: die Priester (1–4), die Leviten (5), den Spender selbst (6) und die Armen (7). Konkret werden die Erstlinge des Weizens (1), die Erstlingsfrüchte (2), der Zehnte des Viehs (3), die Erstschur der Schafe (4), verschiedene Früchte für die Leviten (5), der „zweite Zehnte“ (6) sowie der Armenzehnte (7) als Abgaben genannt.
1. Der Terminus ἀπαρχή meint die Abgabe der Erstlinge der Weizenernte und verweist auf die Anordnung zur Priesterabgabe in Lev 23,10 (ראשׁית), Num 18,11–13 (תרומה) und Dtn 18,4 (ראשׁית).89 In 2 Chr 31,5 wird diese Abgabe unter den Darbringungen erwähnt, welche die Israeliten im Kontext der Kultreform des Königs Hiskija nach Jerusalem brachten. Außerdem erscheint die Abgabe unter den Verpflichtungen für die judäischen Führer unter der Herrschaft Nehemias (Neh 10,38).90 Auch die Qumrantexte nennen eine solche Abgabe für die Priester (4Q251 10 9; 4Q524 6–10; 4QMMT [4Q394 8iv 13]; 4Q396 1–2iii 3). Aus dem Kontext von 4QMMT [4Q394 8iv 13] sowie aus 4Q251 10 9 geht dabei eindeutig hervor, dass diese Abgabe zum Tempel gebracht wurde, und Jub 13,25 spricht davon, dass die Erstlinge von den Priestern „vor Gott“ verzehrt wurden, eine Ausdrucksweise, die ebenfalls auf den Tempel als Ort der Darbringung hinweist.91
2. Die zweite Abgabe für die Priester besteht in der Ablieferung der Erstlingsfrüchte (griech. τὰ πρωτογενήματα; hebr. בקורים) und hat als engste biblische Referenztexte Dtn 18,4LXX und Dtn 26,1–11LXX (V. 2: „τῆς ἀπαρχῆς τῶν καρπῶν τῆς γῆς“; V. 10 „τὴν ἀπαρχὴν τῶν γενημάτων τῆς γῆς“), wo jedesmal explizit die Priester als Empfänger der Darbringung genannt werden.92 Nach den Belegen aus Qumran 4Q251 9 1–6 und 4Q365a 2i 2–4 wurde diese Abgabe von allen Arten des Getreides und der Früchte am Tempel dargebracht (zum Einzelnen siehe auch 11Q19 XVII–XX).93
3. Die dritte Abgabe an die Priester, der Zehnte des Viehs, basiert auf Lev 27,32 (dort allerdings ohne explizite Nennung der Priester als Empfänger)94 und ist ebenfalls in der Tempelrolle 11Q19 LX,2–3; 4QMMT (4Q394 8iv 13; 4Q397 6–13 5) sowie in der Damaskusrolle (4Q270 2ii 7–9) und in Jub 13,25; 32,8.11 belegt. Zudem entspricht dies auch einer Tradition bei Philo Spec. I,131–144.95
4. Die vierte den Priestern geltende Abgabe schließlich ist die der ersten Schafschur. Sie basiert auf Dtn 18,496 und findet sich auch in der Abschrift des Damaskus-Dokuments 4Q270 2ii 8–9, wobei davon auszugehen ist, dass diese Abgabe in Jerusalem stattfindet.97
5. Im Anschluss an die Priesterabgaben wendet sich die Aufzählung den Abgaben für die Leviten zu. Der Text rekurriert auf Num 18,21–24, wo von der Abgabe an die Leviten gesprochen wird, allerdings ohne konkrete Angaben, worum es sich dabei handelt. „Getreide, Wein und Öl“ werden in Neh 13,5 im Kontext von Abgaben genannt. Die Nennung von Früchten könnte durch Lev 27,30 inspiriert sein, wo Früchte im Kontext mit dem Zehnten stehen.98 Wie in Tob findet sich auch in Neh 10,38 und 2 Chr 31,4–6 ein Bezug zu Jerusalem. Auch die Tempelrolle 1QTa 60,6–7 sowie Jub 32,9 belegen eine Abgabe an die Leviten. Offensichtlich wurde auch diese Abgabe am Tempel dargebracht.99
6. Dann folgt die Erwähnung eines „zweiten Zehnten“, den Tobit zunächst verkauft, um dann den Erlös in Jerusalem auszugeben. Hier bezieht sich der Text auf Dtn 14,22–27. Wie im biblischen Text wird ausdrücklich erwähnt, dass diese Abgabe alljährlich zu entrichten ist. Allerdings fehlt in der biblischen Überlieferung die Bezeichnung als „zweiter Zehnter“. Dieser Ausdruck erscheint dann aber in Jub 32,11. Nach dem Ausweis der Qumranüberlieferung (so die Tempelrolle 11Q19 XLIII,2–17) und Jub 32,10–11 muss dieser Zehnte in den Tempel gebracht werden. Nur diejenigen, die weit entfernt vom Tempel wohnen, dürfen ihn verkaufen, um dann vor Ort in Jerusalem dieselben Früchte wieder zu erwerben und diese beim Tempel zu verspeisen.100 Die Angabe „von sechs Jahren“ bezieht sich wohl darauf, dass jedes siebte Jahr ein Sabbatjahr ist, in dem nicht angebaut und geerntet wird (vgl. Ex 23,10f.; Lev 25,2–7).101
7. Die letzte hier genannte Abgabe ist der Zehnte für die Armen. Tobit, so heißt es, gab in jedem dritten Jahr eines Sabbatzirkels einen Zehnten als Zuwendung an die Bedürftigen. Dies bezieht sich auf Dtn 26,12, wo von einem solchen Zehnten für „Leviten, Fremdlinge, Witwen und Waisen“ die Rede ist. Wenn die Leviten hier nicht erscheinen, dann sicher deswegen, weil diese ja bereits als Empfänger einer Abgabe erwähnt worden waren. Devorah Dimant betont, dass diese Abgabe an die Armen im dritten Jahr als Zusatzabgabe zum „zweiten Zehnten“ angesehen werden muss.102 Der Text lässt sich aber auch in dem Sinne verstehen, dass die Zehntabgabe für die Armen Teil des zweiten Zehnten war.103 Dtn 26,12LXX bezeichnet den Armenzehnt als „zweiten Zehnten“. Eine ähnliche Praxis berichtet auch Josephus, Ant. IV, 8, 22 [240], wobei er erklärt, dass dieser Zehnte zum „Zweiten Zehnten“ hinzugefügt werden sollte.104
1,6–8: Wallfahrt als Zeichen der ToratreueDie enge semantische Verbindung der Begriffe νόμος, ἐντολή und πρόσταγμα fügt sich in den Sprachgebrauch der LXX: νόμος ist sehr häufig in LXX (ca. 430 Belege) und steht vor allem für hebr. תורה, seltener für דת oder חקה/חק, wohingegen ἐντολή (ebenfalls häufig, ca. 400-mal in LXX) vornehmlich מצוה wiedergibt, seltener ,דת חק/חקה und תורה. Der Terminus πρόσταγμα kommt ca. 160-mal vor und steht ebenfalls für hebr. דת ,חק/חקה ,תורה und דבר. Speziell die Verbindung mit dem Adjektiv αἰώνιος erscheint außer hier in V. 6 nur noch in Jer 5,22 als Wiedergabe des hebr. חק עולם (ansonsten in der Regel mit νόμιμος αἰώνιος wiedergegeben – so z. B. Ex 29,28; 30,21; Lev 6,11 u. ö.). Eine Verbindung aller drei Begriffe hat Neh 9,13f. (2 x); auch die Kombinationen mit jeweils zwei Begriffen sind oft belegt.
1,8: Debora als LehrerinDer Name „Debora“ hatte wohl bereits zur Zeit des Erzählers eine gewisse „Patina“, da er mit Figuren aus der altehrwürdigen Geschichte des Volkes verbunden ist. „Debora“ erinnert gleich an zwei biblische Frauenfiguren: So war Debora nach Gen 35,8 die Amme der Rebekka, und nach Ri 4–5 hieß so die Prophetin und Richterin, welche die Nordstämme unter der Führung des Befehlshabers Barak, Sohn des Abinoam aus Kedesch-Naftali (Ri 4,6), zum Kampf gegen Sisera und sein Heer aufgerufen hat. Die Ortslage Kedesch-Naftali ist ursprünglich zwar von Kedesch in Galiläa zu unterscheiden, aber es ist anzunehmen, dass der Autor der Erzählung diese Orte miteinander identifiziert hat (zu Κυδιως siehe zu 1,2).105
Die Verbindung zwischen Naftali und Debora gehört zu einer in der Zeit des Zweiten Tempels entwickelten Naftali-Tradition: 4QTNaph nennt Debora als die Schwester Bilhas, der Mutter Naftalis; sie ist also Naftalis Tante mütterlicherseits (4Q215 1i 1). Im griechischen Testament Naftali hingegen ist Debora die Schwester des Rutheus, des Vaters der Balla (so hier der Name von Naftalis Mutter), d. h. sie ist Naftalis Großtante (TestNaph 1,9).106 Somit wird auch durch diesen Personennamen der Bezug der Erzählung zum Stamm Naftali eingespielt.
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