Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung»
Die Gewissensfrage
Von Beate Fischer und Stefan Bickelmann
Thriller
Buchbeschreibung:
Peter Steins Leben als Justizbeamter ist nicht unbedingt spannend, denn sein Job besteht lediglich darin, dem Leiter der JVA Mainstadt Ärger vom Hals zu halten.
Das ändert sich schlagartig, als der aufgehende Stern am Polithimmel, Oberstaatsanwalt Trommer, Peter zwingt, sich zwischen dem Gesetz und seinem Gewissen zu entscheiden.
Während sich über der JVA Mainstadt dunkle Wolken zusammenziehen, eröffnet am anderen Ende der Welt ein ehemaliger CIA-Direktor die Jagd auf Caroline Miles, eine ehemalige Mossad-Agentin.
Als sich die Wege von Peter und Caroline kreuzen, gerät Peters Leben völlig aus den Fugen, denn nicht nur er hat sich mächtige Feinde gemacht,
Caroline ist ihrerseits auf einem erbitterten Rachefeldzug. Vereint im Kampf gegen gedungene Killer und Söldner kommen sich die beiden näher, doch ihre Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig…
Über die Autoren:
Beate Fischer
Mein Name ist Beate Fischer und ich soll ein wenig über mich erzählen. Hm... wo fange ich an, was ist interessant?
Mein Alter? Gerne, ich stehe in der Blüte meines Lebens und genieße jeden Tag, egal, was er bringt.
Meine Geodaten?
Ich wohne im wilden Süden bei dem Stamme der württembergischen Schwaben in einem Dorf, das zwischen einer idyllischen Studentenstadt und einer Industriestadt am Rande der Schwäbischen Alb gelegen ist.
Soll ich mich auch beruflich outen? Ich administriere Netzwerke und helfe öfter, armen, gepeinigten Seelen den Tag zu überstehen, wenn sie an ihren Computern zu verzweifeln drohen. Das alles, um zu verhindern, dass sich nach den Programmen auch noch die User aufhängen.
Was mir gefällt? Aufrechte, eloquente Menschen mit Herz und Verstand... außerdem lache ich gerne, liebe Kabarett und gute Filme, ich gehöre auch zu den Trekkies. Mich kann man darüber hinaus mit einem guten Essen verführen oder mit Musik einwickeln, z.B. von Queen. Außerdem bin ich gern unter netten Leuten und Freunden. Ganz aus dem Häuschen bin ich, wenn es um Flugzeuge und Technik geht, das begeistert mich total.
Was ich nicht mag? Bornierte, arrogante Leute, vor allem, wenn diese in Führungs-positionen in Firmen oder der Politik sitzen. Ich mag keine betrunkenen Autofahrer, die sich keine Gedanken um das Leben anderer machen.
Wie und mit wem ich lebe? Ich lebe in einer Doppelhaushälfte, die ich wegen ihrer hübschen Erker als Schlösschen bezeichne. Das Haus teile ich mit meinen 5 Lieblingen: zwei Frauen und drei Männern. Wir sind eine Superlebensgemeinschaft, obwohl eine der Frauen ein ziemlich egoistisches Luder ist und sie und die drei Männer reichlich verfressen sind. Vielleicht liegt es daran, dass 4 meiner Lieblinge ein Fell und vier Beine haben und hervorragend schnurren können...
Was ich vom Leben erwarte? Ich möchte weiterhin lange gesund bleiben und meine Lieblinge um mich haben. Mein Lachen und meine Lebensfreude will ich niemals verlieren. Und ich hoffe, dass das Buch, für das ich diese Vorstellung schreibe, einen großen Anklang findet und vielen Menschen Freude bereitet. In diesem Fall möchte ich noch viele meiner anderen Bücher folgen lassen...
Stefan Bickelmann
Nun, was gibt es Interessantes über mich zu erzählen? Mittlerweile habe ich beim Alter eine Fünf vorne stehen, aber damit bin ich noch einige Jahre von der „Halbzeit“ entfernt.
Wo komme ich her? Ich komme aus dem Land der Schwenker, im Südwesten unserer Republik, wo man jeden kennt oder jemanden kennenlernt, der jemanden kennt, den man selber, ach, kennt… Korrekt: ich komme aus dem Saarland.
Womit ich mein Geld verdiene?
LEIDER noch nicht mit dem Schreiben…
Nach der Schule habe ich den tollen Beruf des Landschaftsgärtners erlernt, was mir sehr viel Spaß machte. Dann kam mit der Bundeswehr ein totaler Wechsel.
Aufmerksame Leser haben es sicher schon bemerkt, heute kämpfe ich in Uniform für die Justiz.
Wie kam ich zum Schreiben? Schon als Kind spulten sich auf dem Weg zur Schule Abenteuer und Geschichten in meinem Kopf ab und mit der Zeit wurden die Geschichten komplexer und begleiteten mich auf dem Weg zur Arbeit.
Irgendwann begann ich diese Geschichten aufzuschreiben, denn wie hat eine sehr gute Freundin treffend formuliert: "Diese Geschichten sind zu fantastisch, um vergessen zu werden".
Und damit hat sie absolut recht!
Dann geschah etwas Unglaubliches! Ich lernte eine Person kennen, die auch tolle und einmalige Geschichten erzählen und schreiben kann. Plötzlich ergaben all diese Geschichten und erdachten Abenteuer einen richtigen Sinn und fügten sich zu einer fantastischen "großen" Geschichte zusammen.
An dieser Stelle: vielen Dank an Beate - ohne dich gäbe es nicht einmal diese Biografie.
Was ist das Schöne in meinem Leben? Ganz klar, meine Familie. Meine Frau und unsere drei Kinder halten mich ganz schön auf Trab.
Tatsächlich übe ich auch meinen Beruf auch sehr gerne aus, denn es macht mir einfach Spaß, einen - wie ich finde - wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leis-ten. Zum Leidwesen meine Frau stapeln sich bei uns zu Hause die Bücher bis un-ter die Decke und es kommen sicher noch weitere hinzu. Dazu liebe ich Rockmusik, die mich über weite Teile des Tages begleitet.
Das weniger Schöne in meinem Leben? Jede Form und Art von Diskriminierung! Ich mag es nicht, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion oder aus welchen Gründen auch immer benachteiligt, oder was noch schlimmer ist, angegriffen oder bedroht werden! Noch schlimmer finde ich nur noch Politiker, die diese Schande zu ihren Zwecken nutzen!
Was erwarte ich noch vom Leben? Ich möchte weiterhin für meine Familie der Fels sein, an dem sich die Wellen brechen. Gute Konzerte hören, gute Freunde um mich haben, einfach das Leben wie im Moment weiterführen. Da mir bis jetzt die Ideen für neue Geschichten nicht ausgegangen sind, denke ich, dass es noch weitere fantastische Bücher geben wird.
Die Gewissensfrage
Buch 1 aus der Soulebda Reihe
Von Beate Fischer und Stefan Bickelmann
Beate Fischer
Nelkenstraße 3
72127 Kusterdingen
Telefon: 0321 21219266
beate.fischer@soulebda.nu
https://angelfaces-geschichten.de/die-romanreihe-soulebda/
1. Auflage, 2021
© 2021 Beate Fischer und Stefan Bickelmann – alle Rechte vorbehalten.
Beate Fischer
Nelkenstraße 3
72127 Kusterdingen
beate.fischer@soulebda.nu
https://angelfaces-geschichten.de/die-romanreihe-soulebda/
Buch 1 aus der Soulebda Reihe
Beate Fischer / Stefan Bickelmann
Thriller
| Hauptpersonen | ||
| Caroline Miles | Protagonistin | |
| Peter Stein | Protagonist | |
| Vera Müller | Peters Lebenspartnerin | |
| Jessika Dafore | Peters Arbeitspartnerin | |
| Beate Fischer | Spielball eines Politikers | |
| Sarah Schlosser | Frau mit Vergangenheit | |
| Gerhard Trommer | Oberstaatsanwalt und Politikstern | |
| Die Guten | ||
| Frank Brauer | Leiter JVA | |
| Wolfgang Decker | Leiter Wach-Team | |
| Hannes Meier | Wach-Team JVA | |
| Johann Brenner | Wach-Team JVA | |
| Bernd Gratzweiler | Wach-Team JVA | |
| Thekla | Vorzimmereminenz | |
| Randy | Technik-Nerd | |
| Dagan Meyr | Geheimdienstchef | |
| Benjamin Levi | Mossad | |
| David Lem | Mossad | |
| Soraya Davidson | Mossad | |
| Krischan | Carolines Verlobter | |
| Mike Smith | CIA | |
| Dave Miller | CIA | |
| Sally Clifford | CIA | |
| Die Bösen | ||
| Allister MacFroody III | Ex CIA Direktor | |
| Karl Worrowitz | US-Söldner | |
| Pierre Cardin | Der alte Franzose / Söldner | |
| Lt. Gilles | Französischer Söldner | |
| Lt. Souvier | Französischer Söldner | |
| Sergeant Dunant | Französischer Söldner | |
| Sergeant Mueller | Französischer Söldner | |
Vorwort
Peter Steins Leben als Justizbeamter ist nicht unbedingt spannend, denn sein Job besteht lediglich darin, dem Leiter der JVA Mainstadt Ärger vom Hals zu halten. Das ändert sich schlagartig, als der aufgehende Stern am Polithimmel, Oberstaatsanwalt Trommer, Peter zwingt, sich zwischen dem Gesetz und seinem Gewissen zu entscheiden.
Während sich über der JVA Mainstadt dunkle Wolken zusammenziehen, eröffnet am anderen Ende der Welt ein ehemaliger CIA-Direktor die Jagd auf Caroline Miles, eine ehemalige Mossad-Agentin.
Als sich die Wege von Peter und Caroline kreuzen, gerät Peters Leben völlig aus den Fugen, denn nicht nur er hat sich mächtige Feinde gemacht, Caroline ist ihrerseits auf einem erbitterten Rachefeldzug. Vereint im Kampf gegen gedungene Killer und Söldner kommen sich die beiden näher, doch ihre Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig…
Teil 1 - Beate
JVA in Mainstadt
Gibt es morgens nach dem Aufstehen etwas Geileres als den Geruch frischen Kaffees? Eindeutig nicht! Ich stand in meiner kleinen Küche und wartete geduldig, dass der Kaffee durchlief, während ich den angenehmen Duft genoss. Dann nahm ich die Tasse, verließ meine Wohnung… und stand im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes der JVA Mainstadt im wunderschönen Kreis Main-Spessart. Ja, ich arbeite und wohne freiwillig in der JVA…
An dieser Stelle sollte ich mich vorstellen. Mein Name ist Peter Stein, meine Heimat ist das schöne kleine Saarland, mittlerweile bin ich knapp über vierzig und arbeite seit mehr als zwanzig Jahren als Beamter in der JVA Mainstadt.
Da ich nach der Schule noch keine Ahnung hatte, wohin die Reise gehen sollte, beschloss ich, erst einmal den Wehrdienst zu leisten, um mir Zeit zum Nachdenken zu erkaufen. Dabei klopfte die Zukunft sprichwörtlich an meine Autoscheibe. Als Stabsfahrer fuhr ich eines Abends meinen Batteriechef zu einem offiziellen Empfang des Oberbürgermeisters unserer Garnisonsstadt Mainstadt, wo ich ihn vor der Stadthalle absetzte. Ich hatte ein gutes Buch und gute Musik, also beschloss ich, im Auto zu warten. Um den Eingang im Auge behalten zu können, suchte ich nach einem Parkplatz in Sichtweite, doch da war keiner. Genau gegenüber dem Eingang hatte man allerdings mit zwei mobilen Halteverbotsschildern eine parkfreie Zone errichtet, vor und hinter der natürlich kein freier Platz war. Doch die Schilder waren mobil… ich schaute mich kurz um, sah niemanden und stellte mich vor das erste Fahrzeug in der Reihe. Danach stieg ich aus und rückte das Schild vor meinen Wagen, anschließend machte ich es mir bequem.
Ich schlug gerade mein Buch auf, als jemand an die Scheibe der Fahrertür klopfte. "Mist!", fluchte ich und sah durch die Scheibe. Ich atmete erleichtert auf, als ich erkannte, dass es weder ein Polizist noch jemand von der Feuerwehr war, der am Auto stand, sondern ein Mann in Zivil, der den Kopf schüttelte. Um Ärger zu vermeiden, öffnete ich die Tür und stieg aus.
"Das war kreativ gedacht, aber mies ausgeführt", sagte der Mann, der etwa dreißig Jahre alt war. "Sie haben sich umgesehen, aber nicht darauf geachtet, ob jemand in den Autos sitzt und wir waren direkt im Wagen hinter Ihnen." Dabei zeigte er auf einen zweiten Mann hinter sich.
Eigentlich hatte ich schon auf der Zunge liegen: "Was soll die Klugscheißerei?", doch irgendetwas hielt mich zurück. Der Mann schien nicht darauf aus zu sein, mir auf die Nerven zu gehen oder mir meine "Unfähigkeit" vorhalten. Vielmehr hatte ich den Eindruck, er wolle mir ernst gemeinte Tipps geben, also schluckte ich die Erwiderung herunter. "Ich werde es mir beim nächsten Mal zu Herzen nehmen.", antwortete ich stattdessen.
"Wird es denn ein nächstes Mal geben?"
"Hmm… wahrscheinlich schon."
Der Mann grinste und ging in Richtung Stadthalle, als er sich plötzlich umdrehte und zurückkam. "W12er?", fragte er mich.
"Ja", nickte ich.
"Haben Sie einen Job, mit dem es nach dem Bund weitergeht?"
"Bis jetzt noch nicht."
"Einen Plan?"
"Mal sehen… vielleicht verlängere ich meinen Aufenthalt bei Y-Reisen oder ich drücke wieder die Schulbank. Um ehrlich zu sein… ich habe keine Ahnung."
"Ok, falls Sie noch eine Möglichkeit in Betracht ziehen wollen, melden Sie sich bei mir, ich suche immer kreative Köpfe." Damit reichte er mir eine Visitenkarte, drehte sich um und ging zur Halle. Nun sah ich auch den zweiten Mann etwas genauer, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte. Er war ebenfalls um die Dreißig und hatte schon eine deutliche Halbglatze. Der Mann rollte mit den Augen, als er den Ersten anstieß. "Was soll das?", fragte er ihn, "Der Typ wird uns nur Ärger machen…" den Rest hörte ich nicht mehr, also betrachtete ich mir die Karte. "Frank Brauer" stand da und sonst nur eine Telefonnummer, die mir sagte, dass es sich um einen Amtsanschluss handeln musste.
Keine Ahnung warum, aber diese Visitenkarte war nun für die nächsten Monate mein Lesezeichen. Nach zehn Monaten Bund kam der Zeitpunkt näher, an dem ich mich entscheiden musste, wie es weitergehen sollte. Als ich im Warteraum des Wehrdienstberaters mein Buch aufschlug, hielt ich die Visitenkarte wieder in der Hand. "Warum nicht?", fragte ich mich und rief mir den Mann vor der Stadthalle zurück ins Gedächtnis. Irgendwie hatte er mich beeindruckt, er strahlte etwas aus, das man am besten mit Vertrauen beschreiben konnte, also beschloss ich, ihn anzurufen.
"Können Sie sich vorstellen, in einem Gefängnis zu arbeiten?", war die zentrale Frage.
"Klar, aber werden solche Stellen nicht ausgeschrieben?", wollte ich wissen.
"Selbstverständlich werden unsere Stellen ausgeschrieben, also bringen Sie eine Bewerbung mit. Kommen Sie morgen um 17 Uhr in die Fernstraße 34", teilte mir Frank kurz und knapp mit und legte auf.
Ich staunte nicht schlecht, als ich an der Pforte der JVA schon erwartet wurde. Franks Begleiter vom Abend unseres ersten Treffens, der Mann mit Halbglatze, stand mit den Armen vor der Brust verschränkt da und wartete auf mich.
"Wenigstens kennst du die Uhr, mein Name ist Decker!", brummte er und schob hinterher: "Mir nach!" Dann drehte er sich um und ging durch die Schleuse.
"Decker, gibt’s auch einen Vornamen?"
"Nein!"
"Ok, Decker, ich bin Peter."
"Peter und wie weiter?"
"Nichts weiter, einfach Peter." Decker drehte sich zu mir und warf mir einen vernichtenden Blick zu, was mich zum Grinsen brachte.
"Ganz schön große Klappe", zischte er böse.
Nach gefühlten 1.000 verschlossenen Türen kamen wir zu Franks Vorzimmer, wo eine Mittfünfzigerin mit zwei jungen Frauen, die beide in meinem Alter waren, an einem Schreibtisch saß und ihnen eine Akte zeigte.
Als wir das Zimmer betraten, sah die Frau auf und nickte Decker zu. "Jessika, Thekla, das ist Herr Decker. Herr Decker darf als Einziger ohne Anmeldung zum Chef, sagt ihm nur Bescheid, falls bereits jemand in Herrn Brauers Büro ist."
Die zwei nickten eifrig und mir fiel sofort Jessika auf, die einen sehr wachen und intelligenten Blick hatte.
"Heute noch?!", fragte Decker, der schon die Tür zu Franks Büro geöffnet hatte, während er mich ungeduldig ansah.
Ich verkniff mir eine Antwort und trat ein. Frank saß an einem großen Schreibtisch, stand auf, kam mir einen Schritt entgegen und reichte mir seine Hand.
"Hallo, Peter", begrüßte er mich freundlich. "Woher zum Teufel kennt er meinen Vornamen?", schoss es mir durch den Kopf, denn während unseres einzigen Telefongesprächs waren wir beim Sie geblieben. "Bewerbung?", fragte er und streckte die Hand aus.
"Ähm, ja." Ich übergab ihm meine Unterlagen, die er ungelesen hinter sich auf den Schreibtisch legte.
"Ich will es kurz machen", begann er, "das hier ist ein Gefängnis. Die Arbeit hier fordert von uns allen den höchsten Einsatz. Zum Schutz all meiner Mitarbeiter brauche ich eine funktionierende Verwaltung. Damit die richtig rund läuft, brauche ich einen Kern von fähigen Leuten, die ich sozusagen als Joker überall einsetzen kann. Wie ich schon vor der Stadthalle sagte, suche ich kreative Köpfe und du scheinst einer zu sein."
"Na ja", antwortete ich wahrheitsgemäß, "ich gebe mir zumindest Mühe, nicht vorgefertigte Denkmuster von anderen zu übernehmen und meinen eigenen Weg zu gehen."
Frank setzte ein Grinsen auf und meinte: "Ok, Ende September ist der Bund vorbei, am ersten Oktober erscheinst du hier und fängst bei uns an. Um die Bewerbung kümmere ich mich."
"Ja… und was wäre meine Aufgabe?", wollte ich wissen und Decker stieß ein Grunzen aus, während Frank milde lächelte.
"Deine Aufgabe ist die von allen Neuen… du beginnst eine Ausbildung, danach sehen wir weiter."
***
So ging es dann auch weiter. Pünktlich zur angegebenen Zeit erschien ich am ersten Tag nach der Bundeswehr in der JVA Mainstadt und trat meine Ausbildung an. Sollte ich gedacht haben, dass ich durch Franks "Empfehlung" einen Bonus bekam, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Nach ein paar Wochen rauchte mein Kopf von all den Inputs, die Franks Beamte und die Lehrer der Verwaltungsschule in meinen Kopf eintrichterten. Der einzige Lichtblick war Jessika, die gemeinsam mit Thekla ebenfalls die Ausbildung durchlief. Doch nach einem halben Jahr begann ich zu zweifeln, ob dieser Job der richtige war.
Darüber brütete ich in einem kleinen Büro der JVA nach, als Jessika dazu kam. Sie hielt zwei Tassen Kaffee in der einen Hand und mit der anderen Hand schloss sie die Tür hinter sich ab. Wortlos setzte sie sich mir gegenüber und schob mir eine Tasse herüber.
"Du siehst aus, als ob du ein Problem hast", sagte sie, was eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage war.
Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Augen. "Ja", stöhnte ich, "ich weiß nicht… irgendwie habe ich mir den Job anders vorgestellt… das ist alles sehr… trocken, wenn du verstehst, was ich meine."
"Trocken?", lachte sie auf. "Du hättest also gerne etwas mehr Action?"
"Na ja, so könnte man es nennen."
"Und du überlegst hinzuwerfen?"
"Nein… ja… ich weiß es nicht!"
Jessika schien zu überlegen, wie sie mir etwas scheinbar Klares und Unübersehbares mitteilen sollte und meinte, nach einiger Zeit: "Also, wenn du Action willst, dann klemm' deine Arschbacken zusammen und sieh zu, dass du einen guten Abschluss bekommst, dann wirst du deine Action sicher bekommen."
Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah ich sie fragend an und Jessika begann, geheimnisvoll zu grinsen. "Du musst lernen zuzuhören", meinte sie, "wusstet du, dass Brauer hier erst vor eineinhalb Jahren das Kommando übernommen hat?"
"Nein", gab ich zu.
"Und findest du nicht auch, dass jemand der Anfang dreißig ist, etwas jung für so einen Posten ist?"
"Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht."
"Marlies, Brauers Sekretärin, sagte neulich, dass Frank plötzlich eines Tages dastand und der damalige Direktor ihm die Leitung übergab. Kein Mensch weiß, wo Frank herkam, oder was er früher gemacht hat oder welchen Posten er vorher hatte. Passenderweise war die Stellenbeschreibung so ausgeschrieben, dass nur Brauer die Stelle bekommen konnte. Was sagt dir das?"
"Dass Brauer die richtigen Leute kennt?"
"Genau, und diese Leute haben Brauer ganz sicher nicht umsonst hierhergesetzt und ihm auch noch Wolfgang mitgegeben."
"Wer ist Wolfgang?"
"Decker!", schüttelte sie den Kopf.
"Decker hat also doch einen Vornamen?"
"Du bist unmöglich", tadelte sie mich. "Was immer Frank auch vorhat, er ist gerade dabei, sich einen Kern von Vertrauensleuten zu bilden und du stehst ganz oben auf der Liste. Du musst Frank nur zeigen, dass du lernfähig bist, also beweise es ihm in den nächsten eineinhalb Jahren." Damit zeigte sie auf die Unterlagen, die überall herumlagen.
So hatte ich das noch gar nicht gesehen und die Infos über Brauer waren sehr interessant. "Weißt du, bei dem einen oder anderen Thema könnte ich etwas Hilfe gebrauchen."
"Das glaube ich gerne", entgegnete sie mit einem verschmitzten Lächeln. "Heute Abend gehen wir beide Essen, dann machen wir eine Bestandsaufnahme und wir schauen, wo du meine Hilfe brauchst."
***
Jessika hielt Wort und half mir dort, wo es nötig war, doch schon bei der ersten "Nachhilfestunde" wurde mir etwas bewusst… Hände weg von Jessika! Jessika war einer der besten Menschen, die ich bisher kennengelernt hatte, und sie zu auch nur ansatzweise zu enttäuschen oder zu verletzen, war das Letzte, was ich wollte. So gab es nach ein paar Wochen eine unausgesprochene Übereinkunft. Wir waren beste Freunde, teilten alles miteinander und am Ende des Tages ging jeder in sein eigenes Bett.
Fand einer von uns zwei einen Partner, freute sich der andere und er tröstete ihn, wenn die Partnerschaft in die Brüche ging…
Mit Jessikas Hilfe (und dem neuen Blickwinkel auf Brauer) schaffte ich die Ausbildung zwar nicht mit Bestnote, lag aber noch im oberen Drittel.
Schließlich kam der Tag, an dem Jessika, Thekla und ich in Franks Büro standen, der uns unsere Urkunden überreichte. Als Frank Jessika zu einem Abschluss mit der Note 1,0 gratulierte, konnte ich das Augenzwinkern nicht sehen, mit dem er sie bedachte. Ich hörte, dass er sagte: "Das war sehr gute Arbeit!", und hatte keine Ahnung, dass sich dies auf mich bezog. Ja, ich hatte noch viel zu lernen…
Aber ich lernte und Frank beschloss, dass Jessika und ich ein tolles Team seien, das er überall dort einsetzen konnte, wo es brannte. Zunächst übernahmen wir Abteilungen, die durch Krankheiten, Elternzeiten oder andere Ausfälle überlastet waren, oder wir arbeiteten neue Mitarbeiter ein… wir ackerten solange, bis wir den Verwaltungsablauf im Schlaf kannten, dann kam Stufe zwei.
"Ihr drei werdet ein duales Studium beginnen!", teilte uns Frank in einer knappen Ansprache mit.
"Ähm, habe ich da etwas mitzureden?", wollte ich wissen.
"Habe ich dich bisher nach deiner Meinung gefragt?", kam die Gegenfrage.
"Nein."
"Warum soll ich es dann jetzt tun?"
"Dual heißt zwar, dass wir hier weiterarbeiten und unsere Kohle bekommen, dennoch kostet Studieren eine Stange Geld und bei mir geht schon ein großer Teil vom Gehalt für die Miete drauf."
"Da hat er nicht ganz Unrecht", stellte sich Thekla auf meine Seite.
"Was ist mit dir, Jessika?"
"Ich habe eine eigene Wohnung im meinem Elternhaus, solange das Gehalt weiter fließt, habe ich keine Probleme."
Für einige Sekunden schien Frank durch uns hindurch zu sehen, dann setzte er sein typisches Pokerface auf. "Dann zieht ihr zwei eben in eine günstigere Wohnung um."
"Du hast gut reden", entgegnete ich, "wir sind hier in Mainstadt, wo soll ich da eine billige Wohnung hernehmen?!"
"Zwei Zimmer, Küche, Bad, 55 Quadratmeter, für 250 Ocken Warmmiete."
"Das wäre ein Angebot, das einfach zu schön wäre, um wahr zu sein. Ich würde mich sofort fragen, wo der Haken ist!", hielt ich ihm entgegen.
"Der Haken sind Gitter an den Fenstern."
"Das ist ein Witz! Du willst uns Zellen andrehen?"
"Natürlich nicht", schüttelte Frank den Kopf. "Oben im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes wird gerade die halbe Etage leer. Die alten Lager und Archivräume kommen weg. Zellen kann ich im Verwaltungsgebäude nicht einrichten lassen und leer stehen sollen die Räume auch nicht. Ich lasse ein paar Schreiner und Klempner kommen und schon hat jeder von euch eine schöne und vor allem günstige Wohnung."
Thekla und ich sahen uns zweifelnd an, bis wir Jessika im Hintergrund nicken sahen, also meinte ich: "Na ja, dann kann ich in Pantoffeln zur Arbeit gehen… das hat was. Ok, ich nehme das Angebot an."
Nun sah Frank zu Thekla, die noch mit sich kämpfte und sich dann doch einen Ruck gab. "Also gut, ich nehme auch an", entschied sie schließlich. "Aber nur, bis das Studium vorbei ist!"
***
Der Job
Das Studium ging vorbei und anders als Thekla, die kurz nach der Universität Marlies Posten übernahm und Franks neue Vorzimmereminenz wurde, heiratete und mit ihrem Mann ein eigenes Haus baute, lebe ich noch immer im dritten Stock der JVA.
Allerdings veränderte sich nach der Uni auch meine Tätigkeit. Zwar bildeten Jessika und ich noch immer ein Team, doch jetzt bestand unser Job darin, Frank den Rücken freizuhalten. Anwälte, die auf Krawall gebürstet waren, Ministeriumsmitarbeiter, die meinten, sich profilieren zu müssen, neue Ideen von Ministern, Öffentlichkeitsarbeit…
Wir waren der Schild für Franks Belegschaft. Egal, ob Sicherheitsbeamter, Verwaltungsangestellte oder Reinigungskraft, gab es Ärger, hatten wir ihn aus der Welt zu schaffen. Wir waren gut, was daran lag, dass Frank wohl der beliebteste Chef überhaupt war (und noch immer ist). Im Gegenzug hielt Frank seine schützende Hand über uns, ganz gleich, wer uns ans Leder wollte. Jetzt hatte ich meine Action und ich genoss das Leben so, wie es war.
Allerdings, so gut wir unseren Job auch machten, Decker blieb die einzige Person, die ohne Anmeldung und ohne anzuklopfen in Franks Büro marschieren konnte. So meldete ich mich brav bei Thekla an, als ich mit meiner Kaffeetasse zum täglichen Meeting bei Frank erschien.
"Guten Morgen, Thekla", begrüßte ich sie und zeigte auf die Tür zu Franks Büros, "darf ich?"
"Er telefoniert gerade mit dem Ministerium, du kannst trotzdem reingehen."
"Danke, übrigens, tolle neue Frisur."
"Oh", lächelte sie, "vielen Dank. Nicht einmal meinem Mann ist die neue Frisur aufgefallen."
"Tja, Männer!" Mit einem Augenzwinkern, das ich Thekla zuwarf, betrat ich Franks Heiligtum, der mir hinter seinem Schreibtisch sitzend zuwinkte, und mich aufforderte, Platz zu nehmen, während er am Telefon weiterredete.
"Herr Staatssekretär, Sie werden sich bestimmt daran erinnern, dass wir Sie vor einer solchen Aktion gewarnt haben", sagte er gerade mit einem Blick, der selbst durch das Telefon tödlich sein musste, während ich geduldig wartete, bis Frank das Gespräch beendete.
"Ich verstehe, Herr Staatssekretär. Ja. Auf Wiederhören."
Frank legte den Hörer auf und sah mich vielsagend an.
"Du kannst dich bewerben, im Ministerium wird eine Dezernatsstelle frei."
"Das heißt wohl, die Internetgeschichte ist tot?"
"Tot? Tot ist gar kein Ausdruck. Das grenzt schon an Leichenschändung. Und natürlich will es keiner gewesen sein, im Gegenteil, alle waren von Anfang an strikt dagegen."
Die tote Internetgeschichte bezog sich auf den Vorschlag des Ministeriums, ähnlich wie in den USA ein öffentliches Strafregister zu erstellen, so dass man auf einer vom Ministerium bereitgestellten Landkarte bzw. einem Stadtplan sehen konnte, ob ein registrierter Straftäter in der Nachbarschaft lebte. Man hätte auch sehen können, welche Straftat der Nachbar begangen hatte.
Um festzustellen, dass eine solche Aktion in Zeiten der DSGVO schiefgehen musste, hätte man kein sündhaft teures Gutachten einholen müssen. Abgesehen davon, dass der Nutzen eines solchen öffentlichen Prangers - nichts anderes stellte ein solches Register dar - zweifelhaft war, hielt ich dessen Einführung für einen Fehler. Denn die Erfahrung lehrte uns, dass es in jeder Abteilung Vollpfosten gab, die Fehler machten und die falschen Leute in ein solches Register aufnahmen. Außerdem konnte ein guter Hacker praktisch jeden als Straftäter brandmarken und schon war man Ruf, Job und Freunde los, denn es würde immer heißen: "Irgendwas wird schon dran sein."
Jetzt lag das Kind im Brunnen und man fragte sich, warum man für eine solche Sache über eine Million an Steuergeldern in den Sand gesetzt hatte.
"Es ist ja nicht so, dass wir diese Idioten nicht vorgewarnt hätten", meinte ich zu Frank. So war es, denn auf der entscheidenden Konferenz hatten Frank und ich den Vorschlag des Ministeriums von Anfang an als Schnapsidee abgetan. Auch hatten wir wiederholt, dass man das Geld sehr viel besser investieren könnte, beispielsweise in neue Stellen. Nun, nach nur sechs Monaten, war das Internetprojekt gestorben, in das sündhaft viel Geld gesteckt wurde. Zum Glück hatten Frank und ich unsere Einsprüche gegen das Projekt schriftlich festgehalten, denn als jetzt ein Sündenbock gesucht wurde, blieben wir beide außen vor.
"Das Ministerium erwägt zukünftig, öffentliche Bekanntmachungen zu Straftätern einzuschränken, was immer das bedeuten mag. Warten wir mal ab, aber die Befürworter haben prominente Unterstützung."
"Ja, wen denn?"
"Oberstaatsanwalt Trommer."
"Trommer?", fragte ich nach. "Hm, den kenne ich so gar nicht. Ich dachte immer, der steht mit beiden Beinen in der Realität."
"Da steht er noch immer, der Großteil der Bevölkerung macht sich über so etwas wie ein Register keine Gedanken. Aber ein kleiner Teil schreit ganz laut nach einem solchen Pranger und derjenige, der am lautesten schreit, wird am ehesten gehört. Trommer will die Aufmerksamkeit nutzen, die die Debatte um das Register mit sich führt."
"Nutzen?"
"Trommer will nach oben. Und jetzt rate mal wohin."
"Generalstaatsanwalt?"
"Du hast es erfasst."
Wow, das war starker Tobak. Der jetzige Generalstaatsanwalt würde in einem halben Jahr in Ruhestand gehen, doch die Stelle des Generals war eine politische Entscheidung. Bewerber gab es in den Parteien jede Menge und einige der Kandidaten hatten weit mehr Dienstjahre und mehr Freude in der Chefetage als Trommer. Wie zum Teufel wollte er an denen vorbeikommen? Da fiel mir nur ein Weg ein. Trommer musste die Öffentlichkeit für sich gewinnen.
"Na ja, wie du sagst, wir sollten abwarten."
Das Telefon läutete und Frank schaute auf das Display. "Jessika", teilte er mir mit und nahm ab. "Ja, er ist da", antwortete er ihr und sah mich an. "Ich soll dich an den Gerichtstermin erinnern."
"Der ist erst nächste Woche", entgegnete ich.
Frank lauschte wieder und grinste, als er den Hörer auflegte. "Jessika sagt, heute ist die nächste Woche."
Ich stöhnte auf… Verdammt, den Gerichtstermin hatte ich ganz vergessen, bei dem ich als Zeuge in einem Prozess gegen eine unserer Beamtinnen geladen war. "Mist, die Schiller-Sache. Ja, ich werde daran denken."
"Tanja Schiller?"
"Ja."
"Was lief da schief?"
"Tja, was lief schief…?"
Tanja Schiller arbeitete seit acht Jahren in Deckers Team der Wachbeamten, bis sie ihren Mann kennenlernte. Der saß bei uns wegen verschiedener Delikte ein und Tanja verliebte sich in ihn. Da bekannt war, dass man mit Frank über jedes Problem reden konnte, nahm sie das Angebot an und "beichtete" Frank ihre Liebe zu einem Gefangenen. Frank wäre nicht Frank, hätte er nicht eine Lösung gefunden, also wurde Tanja in die Freigänger-Einrichtung versetzt, wo sie keinen direkten Kontakt zu dem Gefangenen hatte. Dort verblieb sie, bis dieser seine Strafe abgesessen hatte. Nach seiner Entlassung zogen die zwei zusammen, heirateten und Tanja kehrte zurück. Doch schon kurze Zeit später sah man den ein oder anderen deutlichen blauen Fleck an ihren Armen oder im Gesicht.
Frank brauchte mich erst gar nicht auffordern, mich der Sache anzunehmen, doch ich kam nicht an Tanja heran. Auch Jessikas Versuche schlugen fehl und Tanja lehnte alle Hilfsangebote dankend ab, auch als die blauen Flecken mehr und größer wurden. Sicher, wir hätten eine Anzeige erstatten können und Frank hätte die Mittel dafür zu sorgen, dass eine Einstellung des Verfahrens nicht in Frage kam, doch was dann? Wenn Tanja keine Aussage gegen ihren Mann machen würde, käme nichts dabei heraus und Tanja hatte klar gemacht, dass es keine Aussage geben würde! Ich spielte schon mit dem Gedanken Tanjas Mann im Dunkeln abzupassen, um ihm zu erklären, was es heißt, Respekt gegenüber seiner Ehefrau zu haben, als dieser plötzlich sehr krank wurde. Je schlechter es dem Mistkerl ging, umso mehr nahmen die blauen Flecken ab. Schließlich, nach drei Monaten schwerer Krankheit, verstarb Tanjas Mann und die Bombe platzte, als Tanja verhaftet wurde. Der Gerichtsmediziner hatte eine tödliche Dosis eines sehr üblen Giftes festgestellt und die Ermittler brauchten nicht lange, um Tanja als Schuldige auszumachen…
Was lief schief…? Darüber hatten Jessika und ich uns auch unsere Köpfe zerbrochen und die Antwort war tragisch einfach. Tanja hatte die Hilfe, die wir und alle anderen ihr anboten, nicht angenommen… und das Drama nahm seinen Lauf.
"Unangenehme Sache", meinte Frank leise, denn auch er hatte sich mehr als einmal gefragt, was er hätte tun können, um die Tragödie zu vermeiden.
"Ja, zumal ich sie ausgebildet habe."
"Beim Ausstellen deiner Aussagegenehmigung habe ich deinen Vorabbericht gelesen, du versuchst, sie herauszuhauen."
"Natürlich will ich das, sie ist schließlich eine von uns."
"Ich hoffe, du hast Erfolg. Und jetzt solltest du dich auf die Socken machen, nicht dass das Gericht auf seinen wichtigsten Zeugen warten muss."
Ich lachte und erhob mich. Als ich kurz vor der Tür stand, sagte Frank. "Was deine Aussage angeht… Ich verlasse mich darauf, dass bei dir alles nach Vorschrift läuft."
Frank wusste genau, dass ich das tat, was ich für richtig hielt, und er wusste auch, dass ich es weiterhin tun würde, also schaute ihn an und entgegnete selbstsicher: "Keine Sorge, ich habe alles im Griff."
Hätte ich in diesem Moment gewusst, was die nächsten Tage und Wochen geschehen würde, hätte ich mir diesen Kommentar ganz sicher verkniffen.
***
Schicksal
Eine Stunde später saß ich wartend vor dem Gerichtssaal. Im Saal selbst lief die Verhandlung immer mehr auf die Frage hinaus, ob Tanja ihren Mann eiskalt ermordet hatte oder ob es eine Verzweiflungstat war. Die Verteidigung legte sich mächtig ins Zeug, doch sie hatte das Problem, dass es keine "Zeugen" gab, die Tanja hätten helfen können. Tanja hatte leider immer behauptet, die blauen Flecken kämen von Unfällen. Dafür hatte die Staatsanwaltschaft gleich Dutzende Zeugen, die aussagten, dass der Verstorbene an einer tödlichen Dosis Gift langsam und qualvoll verstorben war. Es war klar, dass es nötig gewesen war, ihm über einen langen Zeitraum täglich eine Dosis zu verabreichen, was also eine spontane Tat ausschloss.
Tanja saß auf der Anklagebank und schwieg, denn ihre Verteidiger hatten ihr anscheinend strengstens davon abgeraten, eine Aussage zu machen.
Ich konnte mich genau an diese junge Auszubildende erinnern. Selbstbewusst und lebensfroh… Sie hatte den Beruf der Justizbeamtin gewählt, weil sie etwas völlig anderes tun wollte als das, was man vor ihr erwartete. Mit Stolz machte sie ihren Abschluss und bekam schon kurz darauf die Leitung einer kleinen Abteilung. Jetzt saß sie als gebrochene Frau vor dem Gericht.
Während ich darüber nachdachte, stellte ich mir die Frage, ob ich, wenn ich tatsächlich Tanjas Mann im Dunkeln abgepasst hätte, diesen tatsächlich nur mit Worten davon hätte überzeugen wollen, seine Frau nicht mehr zu misshandeln. Was wäre geschehen, wenn er "Leck mich" gesagt hätte? Wäre es dann auch noch bei einem verbalen Schlagabtausch geblieben? Wahrscheinlich nicht, musste ich mir eingestehen und die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihm ein paar Knochen gebrochen hätte, wäre sehr hoch gewesen. Dann wäre es gut möglich gewesen, dass ich heute hier als Angeklagter sitzen würde, denn auch ich hatte nicht das Recht, mir meine eigenen Regeln zu machen.
Über all das dachte ich nach, während sich dunkle Gewitterwolken über Tanjas Kopf zusammenbrauten.
Schließlich kam ich mit meiner Aussage an die Reihe.
"Kommen wir nun zum Zeugen Stein", verkündete der Richter und sah mich an.
"Herr Stein, Ihren vollen Namen bitte."
Da ich oft als Zeuge bzw. als Sachverständiger vor Gericht aussagen musste, kannte ich die Angaben, die ich machen musste, und leierte sie herunter.
"Peter Stein, 41 Jahre, Beruf Justizbeamter, ladungsfähige Anschrift ist die hiesige Justizvollzugsanstalt, weder verwandt noch verschwägert mit der Angeklagten."
"Herr Stein, Ihre Aussage!"
Nun berichtete ich über die Zeit, als mir die ersten blauen Flecken auffielen.
"Was sagte Frau Schiller, woher diese stammen?"
"Frau Schiller antwortete jedes Mal, dass sie sich gestoßen oder einen anderen Unfall gehabt hätte."
"Haben Sie in Betracht gezogen, dass es die Wahrheit sein könnte?"
"Nicht eine Sekunde!"
"Erklären Sie das!"
"Bei meiner Arbeit werde ich oft mit Gewalt konfrontiert und die Verletzungen bzw. die Folgen von Gewalt sind immer dieselben."
"Über welchen Zeitraum haben Sie diese Verletzungen festgestellt?"
"Eine Woche nach Frau Schillers Rückkehr in die Hauptstelle der JVA bis kurz vor dem Tod des Mannes, also viereinhalb Jahre lang."
"Und Sie haben nichts unternommen?"
"Selbstverständlich haben wir Frau Schiller Hilfe angeboten, aber leider hat Frau Schiller diese Hilfe nicht angenommen." Jetzt war es Zeit, den ersten Einwurf zu machen. "Ich vermute, aus Angst vor ihrem Mann."
"Wie kommen Sie zu dieser Annahme?"
"Nun, ich bin kein ausgebildeter Psychologe, dennoch ist Psychologie ein wichtiges Arbeitsfeld für uns in der JVA und unser Direktor, Herr Brauer, besteht auf regelmäßigen Schulungen. Deshalb bin ich der Meinung, dass ich die Anzeichen richtig deuten konnte. Frau Schiller hatte mit Sicherheit Angst vor ihrem Mann, der ja auch unter anderen wegen Gewaltdelikten bei uns zu Gast war."
Damit gab sich der Vorsitzende erst einmal zufrieden und er sah nach links. "Herr Staatsanwalt, Fragen?"
"Ja. Laut der Akte haben Sie selbst die Angeklagte ausgebildet?"
"Das ist korrekt, wobei die Ausbildung nicht allein von mir durchgeführt wurde, ich überwachte die Ausbildung lediglich."
An diesem Punkt übernahm der Richter wieder. Da er etwas unentschlossen schien, entschied ich mich, noch ein paar Zweifel zu streuen.
"Welche Verletzungen haben Sie denn konkret feststellen können?"
"Typische Verfärbungen am Oberarm, ich bin mir absolut sicher, dass diese von einem brutalen Festhaltegriff stammten. Dazu kommen Hämatome, die genau die Größe einer Faust hatten."
"Herr Stein, Frau Schiller hat ja des Öfteren beteuert, dass diese Verletzungen von Unfällen stammen. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass es hier um einen Unfälle handeln könnte?"
Ich atmete tief durch, denn jetzt kam es darauf an, bei der Wahrheit zu bleiben und das "Richtige" zu sagen. "Ein Unfall, möglich… zwei Unfälle, vielleicht… Vier Jahre lang solche Unfälle, ausgeschlossen."
Bevor ihr Verteidiger sie daran hindern konnte, sprang Tanja auf und schrie: "Ja! Es waren kein Unfälle! Dieser elende Scheißkerl hat mich über vier Jahre geschlagen und misshandelt! Ich habe dieses miese Stück Dreck mit voller Absicht umgebracht! Und ich habe es genossen, ihn leiden zu sehen, und ich hoffe, dass er in der tiefsten Hölle schmort!" Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
Eine gute Minute lang war es totenstill im Gerichtssaal und niemand sagte auch nur ein Wort. Alle starrten Tanja an, während ich innerlich traurig den Kopf schüttelte. Verdammt! Ich hatte die Richter fast soweit gehabt… der Rest der Verhandlung war jetzt nur noch reine Formsache. Nachdem man Tanja nach den Plädoyers das letzte Wort gelassen hatte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück.
Ich wusste, wie das Urteil lauten würde, beschloss aber, mir das nicht anzutun, und machte ich mich auf dem Rückweg, doch weit kam ich nicht. Als ich aus dem Saal ging, um zum Ausgang zu kommen, geriet ich in ein großes Gedränge. Ich kämpfte mich durch die Leute und hatte fast das Ende erreicht, als ich auf Mike traf, einen Mitarbeiter unserer Presseabteilung.
Zugegeben, wir beide hatten einen holprigen Start, doch nach anfänglichen Schwierigkeiten, Mike musste lernen mit meinem schwarzen Humor umzugehen, wurden wir doch Freunde. "Hallo Mike, was zum Teufel ist denn hier los?"
"Was? Bad-Man, weißt du denn gar nicht, was in der Welt geschieht? Heute ist der Fischer-Prozess."
"Wer ist Fischer?"
"Der Messermord vor sechs Monaten, die Zeitungen waren voll davon."
Angestrengt überlegte ich und langsam kam mir die Sache wieder ins Gedächtnis. Ich hatte gerade eine Woche Urlaub gehabt, als es geschah. Eine Frau hatte ihren Mann mit dem Messer umgebracht. Der einzige Grund, warum ich mich daran erinnerte, war der, dass es in unserer Stadt geschehen war.
"Da kommt die Fischer." Mike zeigte auf eine Frau, die von zwei Beamten durch die Menge geführt wurde.
Wow, was für eine Frau! Beate Fischer war 1,70 Meter groß, hatte eine perfekte Sanduhrenfigur, lange feuerrote Haare, ein freundliches, feminines Gesicht, das mit Sommersprossen geschmückt war, und herrliche smaragdgrüne Augen.
Sie trug einen schwarzen knielangen Rock mit hellen Nadelstreifen und den passenden Blazer, darunter eine weiße Bluse und ein paar schwarze Nylons und schwarze Pumps. Hätte sie nicht Hand und Fußschellen getragen, hätte niemand in ihr eine Mörderin gesehen. Als ich sie jetzt sah, fielen mir auch einige Artikel aus den Zeitungen wieder ein, denn die Presse hatte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, diese schöne Frau auf ihren Seiten zu bringen.
Soweit ich mich erinnerte, war es eine Familientragödie gewesen. Fischer hatte ihren Mann mit übrig vierzig Messerstichen umgebracht, dennoch schaffte es ihr Verteidiger, mit Hilfe von Psychologen eine Anklage zu erreichen, die "nur" auf Totschlag lautete.
Dennoch! Vierzig Messerstiche!
Die meisten Morde werden im Affekt begangen, wenn man nicht wie Tanja seinen gewalttätigen Ehemann mit einer Menge Gift um die Ecke bringt. Ein Schuss, ein Schlag mit einem schweren Gegenstand, auch mal ein, vielleicht auch zwei Messerstiche. Aber vierzig! Vierzig Mal mit einem Messer auf jemanden einzustechen, dauert seine Zeit. Zeit, um zum Nachdenken und zur Besinnung zu kommen. Vierzig Mal zuzustechen bedeutet, dass sich ein unglaublicher Hass entladen haben muss.
Unterdessen hatten sich die Leute sich um die Angeklagte gescharrt und die Wachtmeister hatten alle Hände voll zu tun, um Fischer durch die Menge in den Saal zu bringen.
"Sie wird unsere Lebenslänglichabteilung um einiges verschönern."
"Nein, wird sie nicht. Sie ist nur wegen Totschlag angeklagt, dafür bekommt sie höchstens 10 Jahre."
Mike lachte leise auf, während er mich von der Seite her spöttisch ansah.
"Weißt du etwa mehr als das Gericht?"
"Siehst du die blonde Schönheit dort hinten?" Er zeigte auf eine Frau, die abseits des Pulks stand.
"Ist kaum zu übersehen."
"Das ist Petra Strass, sie war die Geliebte des Opfers", erklärte er mir, also sah ich mir die Frau etwas genauer an. Petra Strass war ein Traum in Blond, hochgewachsen, schmal, lockige Haare bis unter die Schulterblätter und ein Dekolleté, das fast nichts der Fantasie überließ. Sie trug ein schwarzes Designerkleid mit schwarzen hochhackigen Schuhen, die Beine steckten in schwarzen Seidenstrümpfen. Der dezente Schmuck, den die Strass trug, kostete wahrscheinlich so viel wie ein Kleinwagen. Ihre arroganten und kalten blauen Augen musterten die Leute um sie herum sehr abwertend. Diese Frau war der klassische Vamp.
Die Wachtmeister hatten es geschafft, einen Durchgang zum Saal freizumachen, und Mikes Kollegen der Presse wanden sich nun der Strass zu.
"Jetzt pass mal auf!", flüsterte Mike.
Von einer Sekunde auf die andere wurden die kalten, arroganten Augen tieftraurig und füllten sich mit Tränen. Die Schulter fiel nach unten, der Blick wanderte zu Boden und alles an dieser Frau schrie: "Ich bin ein Opfer."
"Eine beeindruckende Leistung, findest du nicht auch?", fragte Mike.
"Ja, sehr beeindruckend. Dennoch, Totschlag ist Totschlag."
"Die Anklage kann jederzeit erweitert werden, das weißt du genau. Und da kommt die Anklage!", antwortete Mike und zeigte zur Treppe.
Ich blickte zur Treppe und da kam der Staatsanwalt mit seinem Gefolge. Es war Oberstaatsanwalt Trommer! Spontan fiel mir die Unterhaltung mit Frank ein, die wir vor wenigen Stunden geführt hatten. Trommer war das, was man einen "harten Hund" nennt. Konsequent, knallhart, aber auch Realist. Er wusste, welche Strafe er wann fordern und wie er sie bekommen konnte.
"Warte noch einen kleinen Moment."
Die Menge teilte sich, um die Prozession der Staatsanwaltschaft vorbei zu lassen, und als Trommer an Petra Strass vorbeikam, fand zwischen den beiden für einen Sekundenbruchteil ein intensiver Blickkontakt statt, dann war Trommer im Saal verschwunden.
Beate Fischer wurde jetzt ebenfalls in den Saal geführt, doch da sie in ihren Fesseln nur kleine Schritte machen konnte, dauerte das etwas länger. Während die Menge in den Saal strömte, blieb Petra Strass stehen und schaute ihr entgegen. Als Beate Fischer an ihr vorbeikam, blickten sich die zwei Frauen an und in beiden Gesichtern lag der pure Hass. Ich glaube, der Hass den Frauen gegeneinander hegen können, ist der Größte, den es auf der Welt gibt.
"Ich wette mit dir um eine Flasche teuren Single Malt, dass Trommer lebenslang fordert, und um eine weitere, dass er es bekommt."
"Ok, die Wette gilt, sag mir, wie es ausgegangen ist", nickte ich und strebte dem Ausgang entgegen, während Mike sich den Zuschauern anschloss.
***
Ohne es zu wissen, hatte ich gerade eine Begegnung mit dem Schicksal. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Tag mein Leben und das Leben all meiner Freunde für immer auf den Kopf stellen sollte. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich in naher Zukunft Dinge tun würde, die ich jetzt noch als völlig absurd und unmöglich betrachtete. Ich ahnte auch nichts von dem Drama, das sich gerade in der fernen Südsee auf einer Insel namens Soulebda anbahnte, und das jene einzigartige Frau zu mir führen würde, die ich mehr lieben sollte, als ich es mir je vorstellen konnte.
***
Wie alles begann.
Caroline Miles - so lautet der Name in meinem Ausweis. Ich bin sicherlich kein schlechter Mensch, dennoch bringe ich Menschen um, weil es mein Job ist, denn ich bin eine staatlich bestellte Henkerin.
Meine Heimat ist Israel. Dort wurde ich schon als Kind durch die Gewalt des Alltags geprägt. Gewalt, die mir meine Eltern und Geschwister vor meinen Augen nahm, und mich nur das beherzte Vorgehen eines Mannes wieder zurück in die richtigen Bahnen lenkte.
Dieser Mann wurde zu meinem Mentor und Ersatzonkel. Er selbst legte keinen Wert darauf, dass ich ihn bei seinem richtigen Namen rief, und so nannte ich ihn einfach nur mein "Onkelchen". Seinen Namen, Dagan Meir, bekam ich erst später zu hören.
Dass dieser Mann eine lebende Legende im Geheimdienst war, wusste ich damals noch nicht. Mit ihm hatte ich seinerzeit, als junges Mädchen von gerade 11 Jahren, einen Förderer gefunden und er kümmerte sich in Israel um mich, nachdem ich meine Eltern verloren hatte. Mein Onkelchen sorgte dafür, dass ich die richtigen Schulen besuchte, bemühte sich um meine Ausbildung und kümmerte sich fürsorglich um mich.
Er nannte mich immer Mischka, das heißt Kleiner Bär. Das lag einerseits an meinem damaligen burschikosen Auftreten und andererseits an meiner Art, bei Gefahren nicht zurückzuweichen, sondern der Gefahr beherzt entgegenzutreten. Mein Onkelchen sah in mir etwas Besonderes und sorgte dafür, dass ich die besten Internate besuchen und recht früh beim Militär Fuß fassen konnte. Da Onkelchen dem Geheimdienst vorstand, konnte ich diverse Spezialeinheiten besuchen und viele Kurse in Selbstverteidigung belegen.
So wuchs ich beim Militär auf. Mit gerade einmal 22 Jahren hatte ich bereits eine gut gefüllte Militärakte und reichlich Einsatz-Abzeichen auf meiner Uniform. Meinem Onkelchen war es allerdings auch immer wichtig, dass ich auf dem Boden der Tatsachen blieb und nicht verrückt wurde. Er verstand es immer wieder, mich zur Erde zurückzuholen, wenn ich am Abheben war.
Mit 23 Jahren durchlief ich in den Vereinigten Staaten einige Spezialausbildungen und durfte als jüngstes Mitglied sogar in einem Einsatzteam an echten Einsätzen teilnehmen. Meine Schießkünste über große Distanzen begeisterten die Leiter in Fort Benning, Georgia, und ich wurde auch hier weiter gefördert.
Mein Förderer hieß hier General Oldfield, von allen nur "Daddy Langbein" genannt, weil er gerne und so gut wie Fred Astaire tanzte. Durch ihn erfuhr ich auch die Vorteile der größeren Munitionsarten und fand schließlich meinen Favoriten, eine Barrett M82A1 Kaliber 50.
Mit 25 Jahren kam ich nach Israel zurück und blieb dort für drei Jahre in einem der besten Einsatzteams. Mit 28 Jahren wurde ich zurück in die Vereinigten Staaten nach Fort Benning, Georgia, gerufen. Dort unterrichtete ich die angehenden Scharfschützen an der United States Army Sniper School als damals jüngste Trainerin. Da dies anfangs nur ein Drei-Tages-Job pro Woche war, hatte man mir über die Verwaltung das Angebot gemacht, im Strafvollzug die Ausbildung zum Henker zu durchlaufen, da ich für diesen Job als hart genug eingestuft wurde. Seitdem erledigte ich diese Aufgaben, wenn ich dazu eingeteilt wurde.
Heute Abend hatte ich einen Außentermin. Der Fahrer einer dicken Limousine stand vor meiner Tür und bat mich, im Wagen Platz zu nehmen. Es ging zu einem vor Tagen vereinbarten Termin.
Wir fuhren in das beste Villenviertel und rollten schließlich durch die mit Gitterstäben eingefasste Einfahrt eines alten englischen Herrenhauses. Das riesige Anwesen hatte einen eigenen Park, zu beiden Seiten der Auffahrt standen hohe Birken und alles im Park war perfekt gepflegt. Prächtig erhob sich das Hauptgebäude und der Wagen hielt am Portal. Der englische Baustil der Gründerzeit ließ sich nicht leugnen, dennoch war alles um mich herum topmodern.
In dem altehrwürdigen Haus wurde ich gebeten, im Empfangsbereich Platz zu nehmen und zu warten. An den Wänden hingen mächtige, uralte, gerahmte Ölbilder. Eine schwarz gekleidete Maid wuselte durchs Haus und führte die Straußenfedern gekonnt in alle Ecken und Ritzen im Kampf gegen imaginäre Spinnweben und Staub.
An den Ecken standen einige durchtrainierte, sonnengebräunte Herren mit dunklen Sonnenbrillen und Knöpfen im Ohr. Sie hielten die Arme verschränkt, dabei konnte man deutlich sehen, dass eine Hand in der Jacke ruhte - sicherlich an der Dienstwaffe. Allem Anschein nach war mein Ruf bis hierher vorausgeeilt…
Dann traf mein Gastgeber ein, nein, er erschien.
Ein älterer Herr, ich schätzte ihn auf Ende 60, sportlich gestählt, ungefähr 1,85 Meter groß, aber deutlich verlebt. Die grauen Haaransätze waren dunkel, aber erkennbar gefärbt, er trug einen sehr guten, sündhaft teuren Anzug von Brioni. Der Mann war eindeutig vom Clubleben verwöhnt und sehr reich. Leutselig begrüßte er mich wie eine langjährige Geschäftspartnerin.
"Ah, hallo Miss Miles, schön, dass Sie es einrichten konnten. Nehmen Sie doch bitte Platz." Dabei schenkte er sich einen Scotch ein, obwohl es noch nicht einmal Mittag war.
Die Ledermöbel dufteten nach teurem Material und allerbester Pflege.
"Darf ich Ihnen auch einen Drink anbieten?"
"Danke für das Angebot, aber nein. Darf ich den Grund der Einladung erfahren, Mr. …?"
"MacFroody, ich bin John Allister MacFroody III. Ich habe mein ganzes Leben für diesen Staat gearbeitet. Ich habe auch mit diesem Staat gearbeitet und dabei mein Vermögen in Telekommunikation und Dienstleistungen gemacht. Mir gehören drei der wichtigsten IT-Firmen im Land, vier Telefonfirmen in den Staaten und ich habe meine eigenen Satelliten da oben." Dabei deutet er in Richtung Decke.
"Sie sehen, ich weiß, wie man zu etwas kommt und wie man sein Geld macht. Ich weiß ganz bestimmt auch, wie man Macht bekommt und sie behält!" Den letzten Satz schrie er mir fast zu.
"So bin ich bei der Agency gelandet. Heute, nach langen Jahren harter Arbeit, bin ich einer der Vizedirektoren dort. Aber nun zu Ihnen, Miss Miles." Er blickte mich streng an.
"Meine beiden einzigen Söhne sitzen im Todestrakt des Staatsgefängnisses ein. Die Hinrichtung soll am kommenden Montag sein. Die beiden Jungs sind gerade mal 30 Jahre alt. Nun, lassen Sie es mich so sagen, Sie können meine beiden Söhne nicht hinrichten, es sind meine einzigen Kinder!"
"Mr. MacFroody, nicht ich habe Ihre beiden Söhne zum Tod verurteilt, sondern der Staat Arizona. Der vorsitzende Richter nannte während der Verhandlung die Taten - ich zitiere wörtlich: <heimtückisch, niederträchtig, hinterhältig und äußerst abscheulich>. Zitat Ende. Der oberste Richter dieses Staates hat auch seinen Kommentar dazu abgegeben und das Urteil nochmals explizit bestätigt. Ich bin lediglich die beauftragte Vollstreckerin. Ich kann aber meinen Vorgesetzten darum bitten, dass ich von der Vollstreckung abgelöst werde."
"Hören Sie zu, Kindchen, ich will auch nicht, dass irgendjemand anderes Hand an meine Söhne legt." Nun beugte er sich zu mir und wurde sehr deutlich.
„Ich bin John Allister MacFroody III - Vizepräsident der CIA. Ich bin es gewohnt, dass man zu mir <Ja, Sir> sagt, und meine Anweisungen schnellstens ausführt. Genau das erwarte ich auch von Ihnen, denn ich stehe hier für die CIA. Gerade Sie sollten wissen, wir verschaffen uns immer das nötige Recht – zur Not mit Gewalt und das auch überall auf der Welt!"
MacFroody stand auf und brüllte mich fast an. "Lassen Sie gefälligst Ihre Hände von meinen beiden Söhnen", er bebte innerlich. "Das gilt auch für die anderen Henkersleute. War das jetzt deutlich genug für Sie?"
"Mr. MacFroody, ich denke, das war eine deutliche Aussage und ich muss mich jetzt verabschieden. Aber ich stehe nicht über dem Gesetz und ich muss mich an das Recht halten. Ich danke Ihnen für den netten Abend und wenn Sie den Wagen kommen lassen könnten, wäre ich ihnen sehr dankbar, ich nehme aber auch gerne ein Taxi."
Er gab Anweisungen und zwei Leute verschwanden, dann kam auch schon die Limousine. MacFroody ging mit mir bis zur Tür.
"Sie können meine beiden Kinder nicht bestrafen! Ich kann und werde das nicht zulassen, denken Sie an meine Worte und nun gehen Sie!", gab er mir noch mit und sah mich vielsagend an. Anschließend brachte mich einer der Wachleute zur Limousine und es ging heimwärts.
***
Ja, so begann es damals. Ich ließ diesen ehrenwerten CIA-Vize-Direktor rasch hinter mir und machte Meldung bei meinem Direktor, einem ergrauten Mann, der kurz vor dem Ruhestand war.
"Miss Miles, ich habe den Vorfall notiert und werde dies an die entsprechenden Stellen weitergeben. Aber MacFroody steht nicht über dem Gesetz, wenn er das auch ab und an übersieht. Sie müssen sich da keine Gedanken machen."
"Herr Direktor, mir kam dieser MacFroody aber nicht so vor, als ob er sich von ein paar Gesetzen aufhalten ließe."
"Miss Miles, die Gesetze gelten für alle Bundesbeamten, auch ein MacFroody muss sich an Gesetze halten."
Mich beruhigte die Einstellung unseres Direktors überhaupt nicht. Er war aus einem anderen Holz geschnitzt und hielt sich immer an die definierten Spielregeln, etwas, das ich bei der CIA jedoch nicht feststellen konnte.
Schon an den folgenden Tagen kam es mir so vor, als tauchten ständig neue Gesichter in schwarzen Anzügen um mich herum auf. Beim Lauftraining blickten mir Leute in schwarzen Autos nach, die offensichtlich in versteckte Mikros sprachen und eindeutig nicht in dieses Viertel gehörten.
Während des Schießtrainings am nächsten Tag auf dem Combat Campus beobachteten uns deutlich mehr Menschen durch Feldstecher, um meine Ergebnisse genau anzusehen.
Tags drauf war ich mit zwei Kollegen beim Kampfsport und auch da verfolgten uns Männer mit Headsets bis zum Eingang. "Hey, Caroline, schau dir mal die beiden Typen da in dem Wagen an. Die gehören doch garantiert zur Agency. Seit wann interessiert sich die CIA für unsere Schießergebnisse?"
"Marlene, keine Ahnung. Aber die sind so unauffällig auffällig, dass die nach CIA stinken. Lasst uns mal sehen, ob wir die besser getarnten auch entdecken."
Philipp war der Erste, der etwas bemerkte. "Da vor uns: der Eisverkäufer trägt nagelneue Lackschuhe und die Armbanduhr ist sauteuer." Marlene fand den Zweiten: "Dort die Oma auf der Parkbank, die auf dem Handy herumtippt. Habt ihr schon einmal eine Oma gesehen, die so schnell ist?"
Wir waren uns einig, dass hier die CIA eine Überwachung durchführte. Wenn der Auslandsgeheimdienst intern einen anderen Dienst überwacht, dann ist immer Vorsicht geboten und wir machten daher bei unserem Direktor Meldung.
Unser betagter Direktor notierte sich alles sorgsam, aber er versuchte wieder, uns zu beruhigen. Schließlich entließ er uns mit seinem Segen.
Dann kam der Hinrichtungstag.
An diesem Tag saßen in der Gästekabine 10 Zuschauer, aber zwei Stühle in der ersten Reihe blieben leer. Als das Urteil vollstreckt war und der Arzt den Tod der beiden jungen Männer feststellte, drang unter großem Lärm John Allister MacFroody ein und machte einen wilden Aufstand, der erst durch mehrere Wachen gestoppt werden konnte.
"Ich habe Sie gewarnt, Miss Miles, lassen Sie die Hände von meinen Söhnen. Jetzt haben Sie es doch gewagt und mir meine Kinder genommen." Für einen kurzen Augenblick hatte ich mit MacFroody Blickkontakt und seine Augen schworen Rache! Die Augen funkelten und in MacFroody war etwas zerbrochen, seine beiden Söhne, seine einzigen Erben hingen hier leblos in den Schlingen. "Dafür werde ich Sie zur Rechenschaft ziehen! Verlassen Sie sich drauf, Ihr Leben ist keinen Pfifferling mehr wert!" MacFroody schrie den letzten Satz und die Sicherheitskräfte mussten ihn mit Gewalt aus dem Raum bringen.
Als ich zu unserem Direktor kam, waren dort zwei weitere Beamte, die sich als "Interne Ermittler" vorstellten. Unser Direktor saß an seinem Schreibtisch und hatte einen hochroten Kopf.
"Herr Direktor, wir schlagen Ihnen vor, Miss Miles schnellstmöglich über den sicheren Weg außer Landes zu bringen. Dieser MacFroody ist ein Fersenbeißer, dem man nicht trauen kann."
"Aber meine Herren, das Gesetz besagt doch ganz klar..." Der ältere der beiden Internen unterbrach unseren Direktor höflich, aber bestimmt. "Sehen Sie, dieser CIA-Mann hält sich nicht an das Gesetz und die globalen Spielregeln. Das ist die Agency, die nehmen das Recht gern in die eigene Hände und das ist gefährlich. Miss Miles muss außer Landes, so schnell wie möglich."
Als die beiden Herren gegangen waren, bat mich der Direktor, noch kurz zu bleiben. "Miss Miles, Caroline, bitte vergeben Sie mir. Ich habe bis eben nicht geglaubt, dass MacFroody soweit gehen würde. Die Internen haben Recht, Sie müssen weg von hier, in Sicherheit. Bitte verzeihen Sie mir, Caroline."
Bei unserem Abschied standen die Tränen im Gesicht unseres Direktors.
Am Folgetag brachten mich zwei Sicherheitsleute unseres Institutes heimlich und still zum Flughafen. Sie steckten mich schnell über den VIP-Service in eine bereitstehende Sondermaschine, mein Gepäck und alles würde ich später nachgeschickt bekommen. So verließ ich die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Land, dem ich die letzten Jahre gut und gerne gedient hatte.
Man hatte mich quasi hinausgeworfen, weil ich mich an das Recht hielt und meine Arbeit gut machte. Ab diesem Zeitpunkt waren die USA für mich nicht mehr das Land der unbegrenzten Freiheit, ein Zustand, der sich nicht mehr ändern sollte.
***
Karibik
Mein erstes Ziel waren die Bahamas, dort traf ich auf einen Vertrauten von früher: John Phillips, einen Agenten des Mossad. "Hallo Caro, wie wäre es mit einem kühlen Eistee? Ich freue mich auf ein Gespräch mit der kleinen Lady von früher."
"John, mein Freund, gerne, da vorne ist frei. Die Leute am Nebentisch sind steinalt und betrachten die Urlaubsbilder der schwulen Söhne. Sie versuchen ihre Enttäuschung über ihre Kinder mit Whisky herunterzuspülen."
"Unglaublich und ich dachte schon, du hättest alles verlernt, was dir dein alter Lehrmeister beigebracht hat. Aber ich sehe, es ist alles noch da. Ich soll dich übrigens von Dagan grüßen, er wird sich um dein Gepäck kümmern. Deine weitere Route führt dich nach St. Vincent auf die Antillen. Du kennst doch noch Gerome, unser Bastelgenie?"
"Aber klar doch, Gerome, der Dioden-Schreck! Wie ich hörte, hat er jetzt eine kleine Ladenkette."
"Oh ja, Gerome wollte immer ein Geschäft, jetzt hat er eine kleine Kette und ich habe ihn bereits instruiert, er freut sich auf dich. Ach ja, wir sollten uns beeilen, dein Flieger geht in 45 Minuten."
Gerome ließ mich am Flughafen abholen, Karah, das Mädchen, das mich abholte, hatte mich sofort erkannt und fiel mir um den Hals. "Caroline, meine Lieblingsschwester, endlich sehen wir uns wieder!" Schon lagen wir uns in den Armen und küssten uns wie zwei Schwestern, die sich lange nicht gesehen hatten.
"Schön, dich zu sehen, Geschwisterliebe ist hier nicht tabu", flüsterte sie mir zu und wir verschwanden im bereitstehenden Wagen. "Das ist Margot aus München, sie ist die Niederlassungsleiterin hier und Gerome hat ihr vermutlich alles erzählt, was sie über dich wissen muss." Dabei rollte Karah verführerisch mit den Augen und Margot musste laut lachen. "Na, so schlimm war es dann doch nicht, hallo Caroline, schön, dich endlich einmal persönlich kennenzulernen. Gerome hält wirklich sehr viel von dir und ich glaube, er ist immer noch ein bisschen in dich verliebt."
So gelange ich nach St. Vincent, eine der schönsten, aber auch kleinsten Inseln der Karibik. In der Niederlassung des Elektronikfachhandels übernahm ich mit Michelle die Reparaturwerkstatt.
***
Neuzugänge
Zwei Tage nach Tanjas Gerichtsverhandlung saß ich gegen Abend noch in meinem Büro und ging ein paar Akten durch. Feste Arbeitszeiten hatte ich längst abgelegt und solange ich meinen Job tat, interessierte es Frank auch nicht, wann, wie lange und an wie vielen Tagen der Woche ich arbeitete. Außerdem genoss ich die Stille im Verwaltungsgebäude nach Feierabend.
Heute Vormittag hatte man Tanja in unsere JVA verlegt, was Frank dazu veranlasst hatte, die Dienstpläne umzustellen. Denn einige von Tanjas engen Freunden und Kollegen hatten darum gebeten, nicht bei der Prozedur ihrer Einlieferung dabei sein zu müssen. Zu lebenslanger Haft wegen Mordes aus Heimtücke hatte sie das Gericht verurteilt. Zwar hatte ihr Anwalt Berufung eingelegt, doch die Bestätigung ihres Urteils war eine reine Formsache. Da sich jemand darum kümmern musste, hatte ich mich bereit erklärt, Tanja "zu begleiten" bzw. mich um alles zu kümmern. Wieder einmal stellte ich fest, dass es bei einer Einweisung unglaublich viel Papierkram zu erledigen gab.
Als die Tür aufging, sah ich auf und Jessika kam mit Tanjas Akte in der Hand zu mir, denn natürlich wollte ich wissen, wie das Urteil begründet wurde.
"Hier, die wurde gerade per Kurier gebracht. Schade, ich habe sie sehr gemocht. Weshalb hat sie sich nicht helfen lassen?!", schimpfte sie leise, während sie mir die Akte reichte. "Glaub mir, diese Frage habe ich mir mehr als tausend Mal gestellt", brummte ich und warf einen Blick in die Akte. "Warum hat sie nicht einfach den Mund gehalten?!", fügte ich im Stillen dazu.
"Am besten verlegen wir Tanja in Haus B, dort hat sie am wenigsten Kontakt zu ihren ehemaligen Kollegen. Die meisten Beamten in Haus B kamen, als Tanja in der Freigänger-Einrichtung gearbeitet hat."
"Gute Idee, ich werde morgen früh alles in die Wege leiten", nickte sie und sah zur Couch, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Dort lag Vera, meine Lebensgefährtin, die tief und fest schlief. Vera hatte ich hier in der JVA kennen gelernt, als sie eine Stelle bei Dr. Schemmlein bekam, unserem leitenden Arzt der Krankenstation. Den Luxus einer eigenen Krankenabteilung besaßen nur die wenigsten Gefängnisse und diesen hatte Frank gegen alle Widerstände aus dem Ministerium durchgesetzt.
Vera war eine junge Assistenzärztin mit mehreren Zusatzausbildungen. Sie hatte vorher bei der Bundeswehr im medizinischen Dienst gearbeitet und sie war auch an mehreren Auslandseinsätzen beteiligt. Die 28-jährige, rotblonde Schönheit und ich hatten sehr schnell einen Draht zueinandergefunden, so dass das anfänglich dienstliche Verhältnis sich in ein privates änderte. Vera wusste von meinem Job und hatte anders als die meisten ihrer Vorgängerinnen kein Problem damit. Die meisten Beziehungen, die ich im Laufe der letzten Jahre hatte, gingen wegen des Jobs bzw. meiner Wohnsituation in die Brüche. Denn einfach eine Bekanntschaft zu einer Tasse Kaffee mit in die Wohnung nehmen war nicht drin, von meinen Arbeitszeiten ganz zu schweigen. Umso erfreuter war ich, dass Vera mich dennoch liebte und es jetzt schon zwei Jahre mit mir aushielt.
"Hatte sie wieder Zusatzdienst?", wollte Jessika wissen und wies auf Vera.
"Ja, Schemmlein hatte ein paar Notfälle."
"Willst du ihr nicht eine Decke besorgen?"
Mein Blick schweifte bei der Suche nach einer Decke ergebnislos durch das Büro. "Hm, du hast nicht zufällig in deinem Büro eine liegen?"
"Nein! Verdammt, deine Wohnung ist nur ein Stockwerk höher und ihr zwei werdet mich aus eurem Leben heraushalten. Ich habe auch so schon genug mit euch zu tun." Sie drehte sich um und ging wieder hinaus, doch ich konnte sie schmunzeln sehen, als sie sich umdrehte.
Auch ich lächelte, bis Jessika das Büro verlassen hatte, dann schlug ich die Akte auf und las mir das Urteil durch. "Lebenslange Haft! Warum hast du nicht den Mund gehalten!", seufzte ich nochmals und warf die Akte resigniert auf den Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
"Stein."
"Du schuldest mir zwei Flaschen erstklassigen Whiskey", meldete sich Mike am anderen Ende der Leitung.
"Sie haben sie wirklich zu lebenslang verurteilt?"
"Nicht nur das! Trommer hat die Anklage noch erweitert, und zwar auf Mord in zwei Fällen, Mord an ihrem Mann und Mord an ihrer Tochter Ella Fischer. Das heißt, lebenslang mit anschließender Sicherheitsverwahrung und das ohne Berufungsmöglichkeit."
"Wow, hätte ich nicht gedacht."
"Tja, sie sicher auch nicht. Fischer ist bei der Verkündung glatt zusammengebrochen."
"Kann man ihr nicht verdenken."
"Du hättest die Strass sehen sollen. Tief betroffen von dem harten Urteil beugte sie sich dem Willen des Staatsanwaltes."
"Sie war sicher am Boden zerstört."
"So kann man es auch nennen, jedenfalls lade ich dich auf einen schönen, gemütlichen Herrenabend ein und bring den Stoff mit."
"Geht klar. Wir sehen uns."
Ich saß noch eine Weile schweigend in meinem Sessel, während mir immer wieder Beate Fischer vor meinem inneren Auge erschien. Sie war mit Sicherheit eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte… Eine Überlegung, die Vera sicher nicht gefallen würde. Dennoch, diese smaragdgrünen Augen hatten etwas, das mir im Gedächtnis bleiben würde… und auch der Hass darin, als sie Petra Strass gegenüberstand. Etwas in meinem tiefsten Innersten sagte mir, dass es da mehr geben musste als das, was man oberflächlich wahrnehmen konnte. Ein Blick zur Uhr teilte mir mit, dass es Zeit war, für heute Feierabend zu machen, also fuhr ich den PC herunter, ging zur Couch und weckte Vera sanft auf. "Komm, Schatz, Zeit ins Bett zu gehen", flüsterte ich ihr ins Ohr und brachte sie eine Etage höher in meine Wohnung.
***
Hoher Besuch
Am nächsten Tag kam ich vom morgendlichen Meeting mit Frank und war auf dem Weg in mein Büro, als ich sah, wie Beate Fischer von zwei Beamtinnen und Vera in die Untersuchungszelle gebracht wurde.
Jetzt trug sie eine Jeans, einen hellen Pullover und ein Paar Sneakers. Anders als im Gericht, wo sie mit erhobenem Haupt durch die Menge schritt, blickten ihre Augen glanzlos geradeaus. Statt Fesseln trug sie nun ihre Kleidung, Decken und ihren persönlichen Besitz, den sie behalten durfte.
Die Wachen drückten sie durch die Tür des Raumes und Vera bildete den Schluss, wobei sie ihre kleine Tasche trug, die ihr Stethoskop enthielt und alles, was sie sonst noch so brauchte, um eine Frau medizinisch zu untersuchen. Sie warf mir ein verliebtes Augenzwinkern zu und schloss die Tür hinter sich. Ich beneidete Beate Fischer für die nächste halbe Stunde nicht, schließlich nahm Vera ihre Arbeit hier sehr ernst. Vera würde sie sehr gründlich untersuchen, denn letztlich war sie für deren Gesundheit verantwortlich.
"Da bist du ja. Ich suche dich schon überall", hörte ich Jessika, drehte mich um und sah sie auf mich zukommen.
"Was ist denn? Ich habe heute keine Termine."
"Nein, du hast Besuch."
"Wen?"
"Oberstaatsanwalt Trommer."
"Trommer? Was will der denn?"
"Keine Ahnung! Er kam vor einer Viertelstunde und will mit dir reden", teilte sie mir mit, während sie mit mir zurückging. "Was immer er will, ich denke, es ist nichts Offizielles, also werde ich mich erst einmal unsichtbar machen."
"Ok, ich hör mir an, was ihn herführt, dann sehen wir weiter", meinte ich zu ihr. "Hör dich mal um, ob der Knastfunk schon etwas Neues weiß", bat ich sie, als wir in meinem Büro ankamen, wo Oberstaatsanwalt Trommer wie selbstverständlich auf meinem Stuhl hinter meinem Schreibtisch saß.
"Ich habe noch einiges zu erledigen", sagte Jessika und warf mir noch einen warnenden Blick zu, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Ich ignorierte die Tatsache, dass Trommer auf meiner Seite des Schreibtisches saß, also machte ich es mir deutlich bequem auf meinen Besucherstuhl.
"Guten Tag, Herr Oberstaatsanwalt. Was kann ich für Sie tun?"
"Sie haben heute einen Neuzugang bekommen, Beate Fischer."
"Hm, ich habe mir die Akten der heutigen Neuzugänge noch nicht angesehen. Aber wenn Sie es sagen, wird es sicher so sein."
"Lassen wir den Quatsch, Sie waren gestern im Gericht und wissen genau, wen ich meine! Reden wir einmal, ohne auf die Förmlichkeiten zu achten. Sozusagen inoffiziell."
"Autsch", dachte ich, "das kann heiter werden." Denn die Erfahrung lehrt uns, dass inoffizielle Gespräche nie wirklich inoffiziell sind. Zumindest nicht dann, wenn sie anders verlaufen, als es sich das Gegenüber vorstellt.
"Beate Fischer wurde gestern zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Ich werde gegen dieses Urteil Revision einlegen, mit dem Ziel, ihr zumindest die Sicherheitsverwahrung und damit großzügigerweise die Zukunftslosigkeit zu ersparen."
"Warum?", fragte ich misstrauisch. Trommer war ein Profi und dass das Gericht seinem Antrag gefolgt war, bewies dies einmal mehr. Gegen das von ihm selbst geforderte Urteil Revision einzulegen, war mehr als ungewöhnlich, nein, das stank geradezu. Frank hatte mich darauf hingewiesen, dass Trommer seine Beliebtheit nutzen wollte, um bei der Bevölkerung Punkte zu machen. Das hatte er mit Beates Urteil erreicht, was also lief hier?!
"Ich möchte, dass Beate Fischer bis zur endgültigen Entscheidung des Gerichtes in den gelockerten Vollzug kommt."
"WAS?", musste ich nachfragen, denn ich glaubte, mich verhört zu haben.
"Sie haben mich genau verstanden! Bis zur endgültigen Entscheidung gilt auch bei Beate Fischer die Unschuldsvermutung. Durch das öffentliche Interesse an diesem Fall sollte die Justiz zeigen, dass es einen Unterschied zwischen rechtskräftig verurteilt und noch nicht rechtskräftig verurteilt gibt. Das ist übrigens, wie Sie genau wissen, so im Gesetz verankert."
Das war ganz starker Tobak! Trommer wusste ebenso wie ich, wie der Hase im Knast lief! Beate war wegen Mordes an ihrem Kind verurteilt und hier hinter Gittern spielte es keine Rolle, ob das Urteil endgültig war oder nicht! Die Knasthierarchie bei den Frauen unterschied sich bei Kindesmord in ihrer Gnadenlosigkeit in keiner Weise von jener der Männer! Kindermörder*innen waren die unterste Stufe der Hierarchie und Freiwild! Diejenigen, die im Knast wegen Mord an einem Kind einsaßen, hatten ein sehr "bescheidenes" Leben. Das lag nicht etwa an uns Beamten, denn Frank hatte klar gemacht, dass er von jedem Einzelnen ein korrektes Verhalten erwartete, nein, es lag an den Mitgefangenen. Für Berufsverbrecher, die wegen Mord, Totschlag oder Raub einsaßen, boten Kindermörder die Chance, entweder in der Hierarchie aufzusteigen oder ihren Rang zu festigen. Das alles wusste Trommer nur allzu genau… Ich stand auf und ging zu meinem Schreibtisch, dort setzte ich mich vor Trommer auf die Kante.
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Ich soll Frau Fischer nicht in den normalen Vollzug verlegen, sondern in den gelockerten Vollzug. Was Freigang, Aufschluss und Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen bedeutet."
"Exakt."
"Und das, obwohl Ihnen die Konsequenzen sicherlich bekannt sind."
"Ich sehe, Sie haben mich verstanden, denn so sieht es das Gesetz im Strafvollzug vor."
"Die Leitung der JVA hat für Verurteilte wie Frau Fischer spezielle Vorgehensweisen und Abläufe erstellt, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Ich wusste gar nicht, dass das Ignorieren meiner Vorschriften so in meinen Dienstvorschriften steht."
"Kommen Sie mir nicht mit so einem Scheiß", antwortete Trommer scharf, "ich weiß genau, was in den vier Wänden Ihres Knastes geschieht, spielen Sie also nicht den Saubermann. Sie und Frau Dafore biegen sich Weisungen und Verordnungen so zurecht, wie Sie es brauchen, um Brauer Ärger vom Hals zu halten."
"Da ist schon etwas dran, schließlich lässt sich praktisch jeder Paragraf mit einem anderen Paragrafen widerlegen. Ich will mich ja auch nicht gegen Ihre Weisung sperren, mich interessiert lediglich das Warum."
"Sagen wir einfach, es handelt sich um einen persönlichen Gefallen."
Jetzt war ich ernsthaft erstaunt! Trommer nahm den Tod einer verurteilten Frau in Kauf und verpackte es als "persönlichen Gefallen"! Plötzlich sah ich Trommer wieder im Flur des Gerichtes, als er mit Petra Strass Augenkontakt hielt. SIE benutzte Trommer, um sich an Fischer zu rächen! "Sind wir immer noch inoffiziell?", wollte ich wissen.
"Sicher."
"Ihnen ist schon klar, dass Frau Strass Sie benutzt, um ihre Rache zu bekommen?"
Trommer lachte nur trocken auf, wobei er mich mitleidig anschaute und in diesem Moment wurde mir alles klar! Nicht Petra Strass benutzte Trommer… nein! Trommer benutzte Beate Fischer. Es war der perfekte Fall, sich zu profilieren und die Leiter nach oben zu steigen. In Beates Fall hatte er sich hart gezeigt, er hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert und bekommen. Gleichzeitig zeigte er sich nachsichtig, indem er der armen Verurteilten ein "für immer weggesperrt sein" im Nachhinein ersparte. Gab das Gericht seiner Revision statt, wäre er der Mann, der Beate Fischer - der schönen, rothaarigen Frau, wie die Leute sie in Erinnerung behielten - doch noch eine Perspektive gab. Sollte ihr bedauerlicherweise etwas geschehen, würde die Öffentlichkeit ganz sicher nicht Trommer die Schuld geben, sondern Beate selbst. Allerdings wäre auch ich dann im wahrsten Wortsinn "der schwarze Peter". Wie auch immer, Trommer war fein raus, dass ihm dabei Petra Strass ein paar schöne Stunden bescherte, war lediglich ein angenehmer Nebeneffekt für ihn.
Ich musste meinen Hut vor diesem Mann ziehen, doch gleichzeitig machte es mich vorsichtig. Eine innere Stimme riet mir, dass ich mir diesen Mann nicht zum Feind machen sollte, denn er würde mit Sicherheit eines Tages Minister werden… mindestens.
"An welchen Zeitraum genau haben Sie denn bei Frau Fischer gedacht?"
"Die Dauer wird von dem zuständigen Gericht abhängen, doch wie ich das OLG kenne, wird es eine geraume Zeit dauern."
Ich fragte mich, was Frank dazu sagen bzw. was er von mir erwarten würde. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass er sagen würde: "Schaff den Irren hier raus, aber so, dass es niemand mitbekommt." Eigentlich hatte ich momentan nur eine Option… Zeit schinden, und die Zeit bekam ich nur, wenn ich hier und jetzt auf Trommers "persönlichen Gefallen" einging. „Gut“ antwortete ich schließlich, „aber ich hätte da auch eine Bitte.“
"Ich bin ganz Ohr", sagte er, während er mich fragend ansah.
"Meine ehemalige Kollegin, Tanja Schiller, sie wurde gestern zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihr Mann hat sie über Jahre misshandelt. Ich möchte, dass Sie bei der Berufungsverhandlung einen Blick in ihre Akte werfen."
"Also gut", nickte Trommer, "ich werde sehen, was sich machen lässt." Er stand auf und streckte mir die Hand entgegen. "Wir sind uns einig?"
"Ja, Herr Oberstaatsanwalt", entgegnete ich, damit waren wir wohl wieder offiziell und Trommer verließ mein Büro, während ich mich in meinen Sessel sinken ließ. "Das werden interessante Wochen werden", dachte ich und beschloss, Frank erst einmal nichts zu sagen, denn was Frank nicht wusste…
***
"Und was wollte Trommer?", fragte Jessika später.
"Er legt gegen sein eigenes Urteil Revision ein und will, dass Beate Fischer bis zur Entscheidung des Gerichtes in den gelockerten Vollzug kommt."
"Er will was?!"
"Ja, ich war genau so erstaunt."
"Ihm ist doch sicher klar, dass Beate dort keine zwei Wochen überlebt! Jeder weiß, dass wir eine neue Kindermörderin einsitzen haben und die harten Mädels sind schon ganz aufgeregt! Eigentlich müssten wir sie die erste Zeit in die TE-Abteilung (Terror-Abteilung, ein besonders gesicherter Bereich aus Einzelzellen) verlegen."
"Ja, das weiß ich, was mir die meisten Sorgen macht ist, dass es Trommer als persönlichen Gefallen verpackt hat."
"Wieso, aus seiner Sicht ist das genial, geschieht Beate etwas, ist es deine Schuld und nicht seine. Also was tun wir?"
Ich schaute zur Uhr und meinte: "Heute ist Freitag, bis seine Revision bei Gericht eingegangen ist und der Eingang bestätigt wird, dauert mindestens bis Dienstag, erst einmal tun wir gar nichts. Beate bleibt im normalen Vollzug, solange haben wir Zeit, uns etwas zu überlegen und mehr herauszufinden."
„Ok“ nickte Jessika, "ich fange an zu graben und du besorgst dir die Fischer-akte und schaust sie dir an."
***
Ein Kurier hatte die Akte am heutigen Montagmorgen gebracht und ich musste feststellen, dass ich lediglich eine verwässerte Abschrift bekam. Die eigentliche Ermittlungsakte wurde mir verwehrt, dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf, einen Hinweis zu finden, der Trommers "Gefallen" erklärte, also studierte ich jeden Eintrag. Immer wieder sah ich Trommer vor dem Gerichtssaal mit Petra Strass Augenkontakt halten. Doch das war einfach zu offensichtlich! Ein Mann wie Trommer würde seinen Aufstieg an die Spitze nicht riskieren, nur um seiner momentanen Flamme ihre persönliche Rache zu geben. Beates Tod würde mächtige Wellen schlagen und natürlich würde man auch Trommers Rolle bei dem Drama durchleuchten. Dennoch riskierte er einen Skandal, es machte mir Sorgen, dass ich nicht hinter Trommers Pläne blicken konnte, als Jessika zu mir kam.
"Ich glaube, ich habe da etwas."
"Hoffentlich, ich finde hier nämlich nichts und die Zeit arbeitet gegen uns."
"Trommer hatte am Freitag noch einen Termin hier."
"Jetzt mach es nicht spannend!"
"Er vernahm eine Insassin, Elvira Torres."
"Torres?!" Elvira Tores, 33, hatte zwar einen spanischen Nachnahmen, kam aber aus der tiefsten bayrischen Provinz, saß seit vier Jahren hier wegen Totschlags ein und hatte noch vier Jahre vor sich. Mindestens, denn Torres galt als Pulverfass, das ständig explodieren konnte. In den bisherigen vier Jahren ihrer Haft hatte Torres schon einige Disziplinarmaßnahmen wegen Gewalt gegen Mitgefangene erhalten und darum stand sie in der Knasthierarchie auch im oberen Viertel.
"Die sitzt hier schon vier Jahre, was will er von ihr?"
"Wollen wir wetten, dass Trommer sie gekauft hat, um Beate umzulegen?"
"Sag das laut und wir stehen auf jeder Abschussliste! Aber ja, das würde passen, Torres hätte kein Problem damit, Beate ein Messer in die Rippen zu stecken. Ich verstehe immer noch nicht, warum Trommer das in Kauf nimmt!"
"Ich auch nicht, trotzdem gehe ich die Wette ein und Trommer scheint es eilig zu haben, Beate umbringen zu lassen."
"Wenn du Recht hast, muss sie eine Waffe haben." Da Torres als gewaltbereit galt, hatte Decker ihr den Zugang zu möglichen Waffen komplett verwehrt. Natürlich konnte sie auch mit der Klinge eines Einwegrasierers Schaden anrichten, doch kaum jemanden damit in Sekundenschnelle umbringen, denn mehr Zeit würde sie nicht haben.
Jessika sah auf die Uhr und meinte: "Torres ist noch eine halbe Stunde beim Freigang, durchsuchen wir ihre Zelle."
"Guter Gedanke", meinte ich und stand auf. "Soll ich Decker unterrichten?"
"Wenn du Decker einweihst, kannst du auch gleich Frank anrufen."
Als ich eine Minute immer noch schwieg, stieß sie mich an. "Was geht in deinem Kopf vor?"
"Die ganze Sache stinkt zum Himmel. Ein Staatsanwalt bittet mich um einen Gefallen, der mit Sicherheit dazu führt, dass jemand umkommt! Das Problem dabei ist, dass er mich lediglich bittet, das Gesetz genau zu nehmen. Damit zwingt er mich, zu entscheiden, ob ich dem Gesetz oder den Anweisungen meines direkten Vorgesetzten folge, also Frank.
Ich kann Trommer nicht einmal greifen! Angenommen ich gehe zum Minister, was soll ich dem sagen?" Mein Blick war ziemlich niedergeschlagen. "Trommer bittet mich, ich soll mich an das Gesetz halten, tun Sie was dagegen!", schüttelte ich den Kopf. "Entweder ziehen wir hier und jetzt die Reißleine und gehen zu Frank oder…"
"Oder…?"
"Wenn ich zu Frank gehe, wird er dem Spiel schnell ein Ende setzten, doch Trommer wird Wege kennen, seinen Plan umzusetzen. Entweder wird Beate in eine andere JVA verlegt, wo Frank nicht das Kommando hat, oder es dauert eben etwas länger, bis Beate über die Klinge springt.
Ich will aber nicht, dass Beate stirbt! Selbst wenn ich davon ausgehe, dass sie tatsächlich in vollem Umfang schuldig ist. Aber eine Stimme in meinen Kopf sagt mir, dass da etwas faul ist, daher kann ich nicht einfach danebenstehen und zusehen. Wir sind hier nicht in den USA, hier gibt’s keine Todesstrafe und das ist verdammt gut so. Aber wenn ich Beates Tod verhindern will…"
"…dann musst du herausfinden, was Trommer bezweckt", beendete Jessika meinen Gedanken.
"Ja. Bist du mit dabei?"
"Wir sind jetzt zwanzig Jahre ein Team, natürlich bin ich mit dabei!"
***
Die Entdeckung
Fünf Minuten später durchsuchten wir Torres' Zelle und wurden schnell fündig. Zwischen den Hygieneartikeln fand Jessika ein beidseitig geschliffenes Messer! "Warum denken Frauen eigentlich immer, dort würde man nicht suchen?", fragte sie leise und rief mich zu sich.
"Hm", brummte ich und sah einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem ein Messer lag, das klein genug war, um beim Tragen nicht aufzufallen, aber dennoch groß genug, um jemanden zu erstechen. Die Tatsache, dass es beidseitig geschliffen war, machte das Messer umso gefährlicher. "Das sieht wie ein normales Besteckmesser aus. Entweder hat Torres das Messer schon länger oder sie ist eine Weltmeisterin im Messerschleifen."
"Die letzte unangemeldete Zellendurchsuchung in diesem Block war vor sechs Tagen. Deckers Leute hätten das Messer niemals übersehen", meinte Jessika. "Das Messer ist brandneu, wie ist sie darangekommen?!" Und als ich nach der Tüte greifen wollte, hielt sie mich zurück. "Sieh mal!", sie hob eine Ecke eines zusammengelegten Handtuchs an und zeigte auf einen handelsüblichen weisen Einweggummihandschuh. "Weder das Messer noch der Handschuh sind aus der JVA! Damit wird es wohl Zeit, mit Torres ein paar Worte zu wechseln."
***
Von der ersten Etage aus sahen Jessika und ich zu, wie Johann, einer von Deckers besten Männern, Torres beim Einrücken in den Zellentrakt abfing und sie unter dem Vorwand, sie müsse einen Drogentest machen, in das Untersuchungszimmer des Zellenblocks brachte. "Sieh dir das an!", schüttelte Jessika den Kopf. "Erinnerst du dich an das Geschrei beim letzten Test?"
"Oh ja!", antwortete ich und wahrscheinlich würde mir das Gezeter und der Aufstand, die Torres beim letzten unangekündigten Drogentest aufführte, ewig im Gedächtnis bleiben. Drei Beamte waren nötig gewesen, um bei Torres den Bluttest zu nehmen. Es war nicht so, dass Torres Drogen nahm. Tatsächlich wurden bei ihr noch nie Drogen nachgewiesen, aber es gehörte zu Torres' Grundeinstellungen zu rebellieren und den anderen Mitgefangenen zu zeigen, wie hart sie ist, aber jetzt ging sie ganz friedlich vor Johann her! Hätten wir das Messer nicht gefunden, wüssten wir spätestens jetzt, dass etwas nicht stimmte!
"Oh, oh", flüsterte ich und zeigte mit dem Kopf leicht nach links, wo Decker auf der anderen Seite des Flures stand und die Szene ebenfalls mit schmalen Augen beobachtete. Kaum hatte Johann hinter Torres die Tür verschlossen, drehte Decker seinen Kopf und sah uns mit seiner typisch anklagenden Miene an. "Keine Sorge", meinte Jessika, "ich lasse mir was einfallen."
***
"Wow", schnaubte Torres, als wir in das Untersuchungszimmer kamen. "Bad-Man und Wonder-Woman kommen persönlich, um mir Blut abzunehmen! Wo ist denn die Verstärkung, die ihr brauchen werdet?"
"Du kannst dein Blut behalten", entgegnete ich entspannt, denn ich wusste, dass Provokationen bei Torres dazu gehörten.
"Ich bin wegen des Drogentests hier, soll ich vor euch ins Becherchen pinkeln…", sie brach ab, als Jessika die Tüte mit dem Messer auf den Tisch warf. Einige Sekunden starrte sie das Messer an, dann sah ich, wie sie wieder Oberwasser bekam. "Das Teil habe ich noch nie gesehen."
"Dann sei froh, dass wir es gefunden haben, es lag nämlich zwischen deinen Hygienebinden, so etwas kann zu hässlichen Verletzungen führen", kommentierte Jessika die Lüge trocken.
In diesem Moment begannen meine Alarmglocken zu läuten! Torres war sich zu sicher! Allein die Tatsache, dass wir das Messer in ihrer Zelle gefunden hatten, müsste sie zumindest besorgt machen, was sie natürlich zu überspielen versuchen würde, doch Torres spielte nicht die Unsichere! Torres war sich sicher!
"Im Ernst, ich habe das Ding noch nie in der Hand gehabt."
"Na klar!", antwortete Jessika, "und eine Erklärung, wie das Messer in deine Zelle kam, hast du auch sicher."
"Vielleicht ein Fehler beim Abpacken der Binden? Außerdem, wer sagt, dass das Messer in meiner Zelle war, vielleicht wollt ihr es mir ja auch unterschieben!"
Diesem Wortwechsel folgte ich nur mit einem Ohr, während meine Gedanken rasten. Das Messer stammte nicht aus der JVA, aber Messer hatten wir schon einige in den Zellen gefunden. Doch das Messer aus Torres' Zelle war das Erste, das in einem Plastikbeutel lag. Eine einfache Untersuchung würde Torres Fingerabdrücke bestätigen und sie der Lüge überführen, was das Unterschieben der Waffe betraf… und dennoch war sich Torres sicher, sehr sicher. Der Handschuh… plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Auf dem Messer waren keine Fingerabdrücke von Torres!
"Wessen Fingerabdrücke sind auf dem Messer?!", fuhr ich dazwischen.
"Was?!"
"Ich will wissen, wessen Fingerabdrücke ich auf dem Messer finden werde!"
"Keine Ahnung, Mann!"
Jetzt da Jessika die Frage verstanden hatte und meinen Gedankengängen gefolgt war, setzte sie auf einen Bluff: "Die Fingerabdrücke von Oberstaatsanwalt Trommer werden es nicht sein, er hat dir das Messer schon in dem Beutel gegeben, nicht wahr?"
Nun konnte ich ein erstes unsicheres Aufflackern in Torres' Augen sehen, das auch Jessika nicht entging. Ja, Torres war ein hartes Mädel, aber eine lausige Pokerspielerin.
"Keine Ahnung, wovon du redest, Wonder-Woman."
"Oh, ich denke doch", grinste Jessika und wies zur Wand, wo eine Kamera hinter Panzerglas angebracht war, "sieh mal." Natürlich war es verboten, die Gespräche zwischen Mandanten und Anwalt bzw. der Staatsanwaltschaft abzuhören, doch das mussten wir Torres ja nicht auf die Nase binden. "Schon mal daran gedacht, dass Trommer dich gelinkt hat?" Doch schon als die Frage in der Luft hing, kehrte die Selbstsicherheit zu Torres zurück. "Ich weiß immer noch nicht, wovon ihr da redet."
"Dann helfe ich dir mal nach!", meinte ich, denn mittlerweile hatte ich eins und eins zusammengezählt, "Trommer gibt dir das Messer, damit du Beate Fischer abstichst. Eine Kindermörderin abzustechen bereitet Elvira Torres keine Probleme. Was hat dir Trommer im Gegenzug versprochen? Haftverkürzung? Verlegung nach Wunsch? Was immer er versprochen hat, er wird es nicht halten können, denn wenn Beate etwas geschieht, wären alle deine Privilegien zum Teufel. Du würdest in den geschlossenen Vollzug kommen und auf die kommenden vier Jahre noch einige dazu packen."
Da sich Torres nur mit einem verächtlichen Gesicht zurücklehnte, setzte Jessika zum Angriff an. "Weißt du, es gibt da ein kleines Problem, an dem Trommer nicht vorbeikommt, nämlich uns Beide. Wir können dir das Leben scheißschwer machen."
"Ihr könnt mir nicht drohen."
"Ich drohe dir nicht, denn du bist schließlich die harte Torres."
"Da hast du verdammt Recht."
"Hast du nicht die Erlaubnis, einmal die Woche mit deiner Tochter zu skypen?", fragte Jessika und sofort kehrte die bekannte Wut in Torres Gesichtszüge zurück. Aber auch eine Spur Angst, denn dieses Privileg hatte Torres bei all ihrem rebellischen Verhalten nie aufs Spiel gesetzt. "Wem wird Brauer wohl glauben, wenn ich ihm mitteile, wo ich das Messer gefunden habe?"
"Ich warne dich, Wonder-Woman, wenn du es wagst…"
"Klappe, Torres!", fuhr ich dazwischen. "Entweder sagst du uns, was Trommer dir versprochen hat oder du siehst deine Tochter erst wieder, wenn du hier rauskommst! Und nach dem Messerfund wird das nicht in vier Jahren sein, sondern eher in fünf!"
"Aber… vielleicht müssen wir dir ja auch gar nicht drohen", schob Jessika nach, "auch wir können Privilegien geben oder garantieren…" Jessika lehnte sich zurück und ließ die Worte bei Torres wirken, die schließlich einknickte.
"Verlegung in den Freigänger-Knast bei Freising", flüsterte Torres leise. "Ich könnte die restlichen vier Jahre dort absitzen und meine Tochter zweimal die Woche treffen."
Hinter Jessikas Stirn rasten die Gedanken ebenso wie in meinem Kopf. Eine solche Verlegung auf Antrag einer Insassin würde von der Staatsanwaltschaft geprüft werden und Trommers Arm wäre sicher lang genug, dass diese dem Antrag zustimmen würde, doch wie sollte das nach einem Mord bzw. einem Mordanschlag gehen? Die Chance, dass Torres in U-Haft käme, wäre um einiges höher… plötzlich packte mich Jessika am Arm und zog mich ein paar Meter weiter in die Ecke des Raumes, wo Torres nicht hören konnte, was sie flüsterte. "Das Messer ist nicht aus der JVA! Jede Wette, es ist aus Fischers Haus! Deswegen die Tüte, deswegen der Handschuh! Auf dem Messer sind die Fingerabdrücke von Beate Fischer und sonst keine!"
"Scheiße!", fluchte ich, "Das gibt Sinn! Wenn Torres sagt, Beate hätte sie angegriffen und sie hätte sich nur verteidigt, und wenn das Messer untersucht wird, auf dem nur die Abdrücke von Fischer sind, dann würde die Staatsanwaltschaft Torres als Zeugin einstufen und sofort verlegen, damit sie sich nicht mit anderen Zeugen absprechen kann! Verdammt clever!" Wir drehten beide den Kopf zu Torres, die sichtlich geschrumpft war.
"Wie solltest du es drehen? Beim Aufschluss, von hinten zwischen die Rippen?", wollte ich wissen.
"Bei der Essensausgabe", antwortete sie, während ihr eine Träne über das Gesicht lief, die sie sofort wütend abwischte.
Das erklärte den Gummihandschuh, denn aus Hygienegründen mussten die Gefangenen, die das Essen ausgaben, Handschuhe tragen. Ein unübersichtliches Handgemenge anzuzetteln war für Torres ein Leichtes, das hatte sie schon mehrfach bewiesen und im Laufe der ersten chaotischen Sekunden Beate das Messer in den Leib zu rammen, würde sie sicher auch hinbekommen. Bis die Beamten die Lage unter Kontrolle brächten, wäre alles schon geschehen und niemand wüsste, was sich wirklich abgespielt hatte. Selbst wenn eine Mitgefangene den Anschlag mitbekam, würde sie ganz sicher den Mund halten, schließlich war Beate nur eine Kindermörderin! "Sitzenbleiben!", befahl ich Torres und ging mit Jessika aus dem Raum heraus. "Was tun wir jetzt?", fragte ich sie im Flur. "Sieh dich um, hier sind eine Menge Torres unterwegs. Wenn sie es nicht macht, tut es eine andere und wir haben absolut nichts, womit wir Trommer festnageln können, außer dem Wort von Torres, das jeder Ermittler oder Richter anzweifeln wird."
"Dieser Staatsanwalt fängt an, mir gewaltig zu stinken", nickte Jessika, "aber das ist unser kleinstes Problem! Wenn Trommer sich auf so ein riskantes Spiel einlässt, dann hat er seinen Plan gut durchdacht. Hinter dem Ganzen muss viel mehr stecken als das, was wir jetzt sehen."
"Egal, wie wir es drehen, ob wir zu Frank gehen oder nicht, Trommer wird zum Zug kommen, wir können es nur verzögern."
"Dann lassen wir ihn eben zum Zug kommen", jetzt sah mich Jessika an.
Ich brauchte einige Sekunden, um den Satz zu verstehen, und starrte sie ungläubig an. "Du willst Beate umbringen lassen?"
"Genau das! Aber das muss verdammt gut geplant werden!"
Jetzt, da ich sie verstanden hatte, schaute ich noch ungläubiger. "Dir ist schon klar, dass Frank ausflippen wird."
"Ja, das ist mir klar, deswegen sag ich ja, es muss gut geplant werden."
***
"Na, Bad-Man, hast du schon den Traum in Rot gesehen?", fragte mich Vera, als wir gegen Abend in unserer Wohnung waren.
"Fischer? Nicht genau, warum?"
"Ach, komm schon, du bist ein miserabler Lügner. Ich habe am Freitag genau gesehen, wie du Beate im Vorbeigehen angestarrt hast, deine Augen haben sie förmlich verschlungen."
"Ja", grinste ich, "sie sieht nicht schlecht aus."
"Schade, dass nur ich sie nackt, ganz ohne Kleider, sehen konnte. Sie hätte dir ganz sicher gefallen", neckte sie mich mit übertriebenem Bedauern.
"Ha, ha!", erwiderte ich gespielt zähneknirschend, dann erzählte ich Vera von Trommers Auftauchen und seinem speziellen Wunsch. Denn um unseren Plan durchzuführen, brauchten wir Vera, die schon bei der Erzählung ganz blass wurde.
"Im Ernst, wir sollen sie in den gelockerten Vollzug lassen?"
"Ja."
"Die anderen werden sie bei der ersten Gelegenheit umbringen! Warum denkst du, tut Trommer das?"
"Tja, er will nach oben. Dafür geht er buchstäblich über Leichen."
"Ist es nicht gefährlich für ihn, Petra Strass ihre Rache zu geben? Irgendwann könnte sich das als Bumerang erweisen."
"Das habe ich auch schon überlegt, aber ich komme nicht hinter seinen Plan… egal, wie sehr ich mich anstrenge! Trommer weiß, dass ich zu Protokoll geben würde, dass die Anweisung Beate in den gelockerten Vollzug zu verlegen von ihm kam und trotz aller Konsequenzen besteht er darauf. Wenn du die Karriereleiter aufsteigen willst, vermeidest du Ärger und suchst ihn nicht, das passt alles nicht zusammen."
"Und Bad-Man, was hast du vor zu tun?"
"Ich habe vor, Trommers Plan zu durchkreuzen und Beate zu schützen. Das Ganze so, dass Frank keinen Herzinfarkt bekommt."
"Warum gehst du nicht zu ihm?"
"Weil es mein Job ist, Ärger von ihm fern zu halten. Am besten, wir sperren sie in einen dunklen Keller, bis das Gericht zu einer Entscheidung gekommen ist."
"Du willst Beate nicht wirklich in den dunklen Keller sperren, oder?"
"Sehe ich so aus?"
"Lass mich raten, du und Jessika habt einen Plan."
"Ja, den haben wir und dafür brauchen wir dich!"
"Dann schieß los", grinste sie verräterisch, doch das Grinsen verging ihr augenblicklich als ich ihr unseren Plan und dabei besonders ihren Part erklärte.
"Weißt du, die nennen dich hier zwar Bad-Man, aber dass du ernsthaft, und ich meine ernsthaft, über so etwas nachdenkst, macht mich wirklich sprachlos! Wie seid ihr auf so einen Schwachsinn gekommen?!"
"Schwachsinnig ist der Plan nur, wenn du nicht mitmachst."
"Wenn ich nicht mitmache? Habt ihr eine Ahnung, was ich dabei riskiere?!"
"Dasselbe wie wir, wenn’s scheiße läuft, fliegen wir im hohen Bogen hier raus."
Vera stand auf und ging einige Male in der Wohnung hin und her, bis sie stehen blieb und sagte: "Ich gehe unter die Dusche, und zwar alleine!"
Das tat sie, wobei ich wusste, dass Vera unter der Dusche nachdenken würde. Also ließ ich ihr die Zeit, die sie brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Nach einer guten Viertelstunde kam sie, in ein Handtuch gewickelt, wieder zu mir. "Als ich Beate untersucht habe, sie hat… was denkst du, hat sie ihre Kleine umgebracht, ist sie schuldig?"
"Das Gericht sagt, ja."
"Das war nicht die Frage! Du hast die Akte gelesen, du hast die Berichterstattung mitbekommen, du hast sie im Gericht gesehen! Was denkst du?!"
"Ich weiß es nicht", gab ich zu. "In den Akten steht so gut wie nichts und die Ermittlungsakte kenne ich nicht, die Berichterstattung ging bis zur Verhandlung an mir vorbei und im Gericht… Da ist etwas, das ich nicht greifen kann, eine innere Stimme, die mich warnt, aber ich weiß es nicht. Aber ob schuldig oder nicht, keinem von uns steht es zu, über ihr Weiterleben zu entscheiden. Unser Job ist es, das zu garantieren."
"Ich glaube, sie ist unschuldig und ich will es beweisen, also mache ich bei eurem Schwachsinnsplan mit."
"Dann müssten wir uns als Erstes überlegen, wann wir den Schwachsinnsplan umsetzen."
"Am Samstag!", antwortete Vera. "Am Wochenende hat Schemmlein frei und ich habe das Kommando."
"Gut... dann bleiben noch drei Tage zur Vorbereitung. Apropos Vorbereitung", ich zog ihr das Handtuch herunter, so dass sie nackt vor mir stand, "war das Duschen die Vorbereitung für eine Runde heißen Sex?"
"Wirklich! Du denkst jetzt an Sex?!"
"Wenn ich dich sehe, denke ich pausenlos an Sex."
"Ich denke nicht, dass ich nach deiner Überraschung in Stimmung kommen wer…"
"Ich deute das als ja", unterbrach ich Vera, packte sie, legte sie über meine Schulter und trug sie ins Schlafzimmer.
***
Freitag
"Ich habe gehört, dass du Besuch hattest", fragte Frank ganz nebenbei beim morgendlichen Meeting am Freitag, nachdem wir unseren Entschluss gefasst hatten, Trommer in die Parade zu fahren. "Oberstaatsanwalt Trommer."
"Ja, der war letzte Woche wegen der Fischer-Sache hier. Er wollte mir nur mitteilen, dass er gegen sein eigenes Urteil Revision einlegt."
"Das hätte er auch schriftlich oder am Telefon machen können."
"Ja, aber ich glaube, er hatte noch mehrere Termine hier, wahrscheinlich kam er deswegen persönlich vorbei."
"Wusstest du, dass Trommer neben seinem ehrgeizigen Plan Generalstaatsanwalt zu werden, auch für den Vorsitz bei der PfR - Partei für Rechtsstaatlichkeit - kandidiert?"
"Diese mit braunen Streifen versetzte sogenannte Volkspartei?", fragte ich angewidert. "Ich hätte nie gedacht, dass Trommer soweit sinken könnte."
"Tja, genau das ist das Problem, er sinkt nicht! Da sich die Parteien unserer Landesregierung immer mehr selbst zerlegen, steigen die Werte der PfR. Die letzten Umfragen ergaben, dass die PfR gute Chancen hätte, zweitstärkste Kraft zu werden, wenn die Wahlen morgen stattfinden würden."
"Ja, leider! Aber zum Glück sind morgen keine Wahlen, die gibt’s erst in drei Jahren und ich habe die Hoffnung, dass diese Scheiß-Partei sich bis dahin selbst erledigt."
"Ich schätze deinen Optimismus, aber… das wird eher nicht geschehen. Außerdem, wenn Trommer dort tatsächlich das Ruder übernimmt, bezweifele ich, dass es erst in drei Jahren eine Wahl gibt."
"Wann auch immer Wahlen sind, meine Stimme bekommen sie nicht. Apropos Wahl, hast du schon gewählt, wohin dich dein diesjähriger Hochzeitstagausflug bringt?", versuchte ich möglichst unauffällig das Thema zu wechseln.
"Nein, Iris sagt immer, egal wohin, Hauptsache weit weg von Peter."
"Was bitte habe ich deiner Frau angetan?"
"Irgendwas wird es schon sein, ich werde sie fragen, wenn wir weit von dir weg sind", grinste Frank und ich stand auf. "Ok, ich wünsche dir ein schönes Wochenende", verabschiedete ich mich und war froh, aus dem Büro zu kommen, bevor mich Frank festnageln konnte. Denn ihn zu belügen käme nicht in Frage!
Frank beobachtete, wie ich das Büro verließ, und wartete, bis ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Dann schüttelte er den Kopf. "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Wochenende um einiges ruhiger sein wird als deines…"
***
Der Angriff
"Denkst du, Frank hat Lunte gerochen?", fragte Jessika, als ich am Samstagmorgen in ihrem Büro stand und auf den Dienstplan schaute. Laut Plan hatten heute nicht Berrlinger und Eders Dienst in Haus D zu verrichten, wo Beate seit gestern zusammen mit Torres untergebracht war, sondern Hannes Maier und Bernd Gratzweiler, zwei von Deckers "Elite"-Beamten.
"Nein, Eders hat sich gestern Mittag krankgemeldet, für die springt Hannes ein und Gratzweiler hat selbst den Dienst getauscht, da er morgen mit dem Schützenverein unterwegs ist, das ist zumindest seine Version. Wenn Frank etwas wüsste, hätte er Torres von der Essensausgabe ausgeschlossen."
"Wollen wir es hoffen, verdammt ausgerechnet Hannes und Gratzweiler, die riechen normalerweise Ärger meilenweit im Voraus."
"Jetzt bleib cool, Torres wird das schon schaffen."
***
Gegen 11.30 Uhr packten wir beide uns ein paar Alibiakten unter die Arme und gingen in Haus D, wo gerade die Warmhaltewagen mit den Tabletts von den eingeteilten Gefangenen durch das Haus gefahren wurden. Das Büro des diensthabenden Beamten war verschlossen und leer, da Hannes und Gratzweiler die Essensausgabe vorbereiteten. "Hätte nie gedacht, dass ich mal sowas Verrücktes mache", meinte ich und schaute durch die Panzerglasscheibe des Büros zum Flur, wo Torres und eine weitere Mitgefangene begannen, die Wagen zu öffnen und erste Essen verteilten. Dabei ging Gratzweiler voraus, schloss zwei Zellentüren auf, die Gefangenen traten heraus, nahmen ihr Essen in Empfang und Hannes schloss zwei Türen hinter Torres wieder die Türen. Da die meisten Zellen mit zwei Gefangenen belegt waren, standen auf diese Weise oft vier bis fünf Insassinnen gleichzeitig im Flur. Doch da im Haus D Gefangene im offenen Vollzug untergebracht waren, lag die Sicherheitsstufe nicht so hoch. Gegen 11:50 Uhr war die Essensausgabe im ersten Stock abgeschlossen und der Vorgang wiederholte sich eine Etage höher, wo Beate untergebracht war.
"Es geht los", teilte ich Jessika mit, die die Tür aufschloss, einen Stapel Akten nahm und sich in Richtung der Zellen in Bewegung setzte, während ich Vera das Startzeichen gab.
"Verdammt, Torres!", schimpfte ich leise, "nicht so auffällig!" Denn Torres starrte sehr angestrengt nach vorne und vermied jeden Blickkontakt. Gratzweiler schloss gerade die Zelle auf, die zwei Türen vor Beates Zelle lag, als ich auf den Flur trat. Als Gratzweiler Beates Zelle aufschloss, ließ sich Torres unter dem Vorwand zurückfallen, dass der Essenswagen ihr Probleme bereitete. Gratzweiler schloss in der Zwischenzeit zwei weitere Zellen auf, bevor er bemerkte, dass Torres am Wagen hantierte, der sich scheinbar nicht mehr gut lenken ließ. Nun standen sechs Zellen offen und fünf Gefangene standen zwischen Gratzweiler und Beates Zellentür. Hinter Beates Tür standen vier weitere Insassinnen auf dem Flur mit ihren Tabletts, als Beate aus der Zelle kam, um ihr Essen entgegenzunehmen. Als die zweite Gefangene der Essensausgabe das Tablett aus dem Wagen zog, schob Torres den Wagen quer in den Flur, so dass er zwischen Hannes und Beate stand.
Gratzweiler fuhr herum, als laut scheppernd Teller und Tabletts zu Boden fielen und Torres laut "Hilfe!" schrie. Innerhalb von Sekundenbruchteilen bildete sich ein unübersichtliches Gewühl um Torres und Beate, durch das sich sowohl Gratzweiler als auch Hannes erst durchkämpfen mussten. Hannes stieß den Warmhaltewagen aus dem Weg, während Gratzweiler von der anderen Seite kommend die Gefangenen zwischen sich und der laut schreienden Torres zur Seite riss. Als er das Gewühl endlich durchdrungen hatte, riss Gratzweiler Torres von Beate weg, die völlig blutüberströmt dastand und ein Messer in der Hand hielt. "Sie hat mich angegriffen!", schrie Torres, die mehrere Schnittwunden an den Armen hatte. Hannes, der Beates Messerarm gepackt hatte und herumriss, konnte sie gerade noch auffangen, als deren Beine unter ihr nachgaben. "Scheiße!", brüllte er, als er sah, dass Beates Kleider völlig blutgetränkt waren. "Zwei Verletzte durch Stichwunden! Haus D, erster Stock!", brüllte er ins Funkgerät, dann hatten Jessika und ich die Gruppe erreicht. "Ihr schafft die Gefangenen in die Zellen!", schrie ich, packte Torres und drückte sie gegen das Geländer des Ganges, während Jessika die taumelnde Beate aus Hannes Armen riss, um sie einige Meter weiter auf den Boden gleiten zu lassen.
Mittlerweile hatte der ganze Block mitbekommen, dass etwas geschehen war, so dass Hannes und Gratzweiler alle Hände voll zu tun hatten, um wieder Ordnung in das Chaos zu bringen und die Gefangenen auf dem Gang in ihre Zellen einzuschließen. Noch während das Geschrei im Flur anhielt, erreichte Vera den Flur, die sich mit ihrem Notfallkoffer sofort neben Jessika warf, um Beate zu untersuchen. "Peter?!", rief sie, ohne aufzublicken.
"Schnittwunden am Arm, blutend aber nicht bedrohlich!"
"Verdammt!", schrie Torres, "die Scheiß-Schlampe hat mich angegriffen! Alle haben es gesehen! Die Kindermörderin wollte mich abstechen!"
Hannes beugte sich, nachdem alle Zellen geschlossen waren, zu Vera herunter. "Wie sieht‘s aus?"
"Kann ich noch nicht genau sagen, sie muss sofort auf die Notstation!"
„Ok“, antwortete Hannes, drehte sich zu Gratzweiler und stellte fest, dass dieser schon einen Schritt weiter war. Er hatte aus dem Büro schon eine Transporttrage besorgt und kam zur Gruppe gerannt.
"Auf mein Kommando", rief Vera, als die Trage neben Beate lag, die immer mehr in die Bewusstlosigkeit abglitt. "Jetzt!"
Gemeinsam hoben Jessika, Hannes und Bernd Beate hoch und legten sie auf die Trage, mit der Hannes und Gratzweiler sofort losliefen, begleitet von Vera und Jessika. "Los, Torres!", scheuchte ich diese vor mir her in Richtung Krankenstation.
***
"Auf den Tisch, bei drei! Eins, zwei, drei!", schon lag Beate auf dem Behandlungstisch der Notstation und Gritt, die diensthabende Krankenschwester, kam in den Raum. "Gritt, kümmere dich um Torres!", wies Vera ihre Kollegin an und begann, mit einer Schere Beates Kleider aufzuschneiden. "Ihr wartet draußen!", befahl sie Hannes, der zusammen mit Gratzweiler den Raum verließ. "Das wird ein scheiß-langer Bericht!", konnte ich Hannes fluchen hören, als ich mich an ihm vorbei in den Raum drückte. "Gratzweiler, warte bei Torres!", sagte ich zu ihm und er nickte: "Ok."
Nun waren Jessika, Vera und ich mit Beate allein, die mit letzter Kraft noch einmal den Kopf hob und auf die blutverschmierte Kleidung schaute, die Vera aufschnitt. "Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht…", flüsterte sie, dann fiel ihr Kopf nach links auf die Seite.
***
Als die Tür mit einem deutlichen Knall zufiel, hatte Vera die Kleidung ganz aufgeschnitten und schob sie zur Seite, um die Verletzungen sehen zu können, doch… da waren keine Schnittwunden oder Einstiche, von einem kleinen Einstich einer Kanüle abgesehen. "Dass so wenig Blut eine dermaßen große Schweinerei anrichten kann, ist doch immer wieder erstaunlich", grinste ich. Dabei zog ich die Überreste eines blutigen Kondoms aus meiner Tasche, das mir Torres zurückgegeben hatte - zusammen mit der Spritze, die sie Beate bei ihrem "Anschlag" verpasst hatte. Vera hatte ihr außer dieser Spritze, in der sich ein starkes Betäubungsmittel befand, noch ein mit etwa 200 ml Blut gefülltes Kondom gegeben. Das Blut hatte mir Vera kurz zuvor abgezapft und Torres hatte es im Ärmel ihres Overalls verborgen. Mitten im Chaos hatte Torres Beate die Spritze verpasst, mit dem Messer das Kondom zerschnitten, so dass das Blut sich über sie und Beate verteilte und sich schließlich selbst zwei Schnittwunden am Arm zugefügt, die man sicher als Abwehrverletzungen werten würde. Zuletzt hatte Torres Beate, bei der das Betäubungsmittel schon wirkte, das Messer in die Hand gedrückt und um Hilfe gerufen.
"Ich werde mich um die anderen kümmern", sagte Jessika und ging nach draußen, wo Gritt der Torres schon Verbände anlegte. Hannes, der Gratzweiler bei Torres zurückgelassen hatte, war zurück ins Haus D gelaufen, um dort das Kommando zu übernehmen. Denn durch den Alarm hatten alle Beamte, die im Dienst waren, ihre Sektionen abgeriegelt und warteten auf Informationen.
"Was ist mit Torres?", wollte Jessika von Gritt wissen.
"Zwei mittlere Schnittwunden und zwei leichte Schnitte, die mittleren habe ich klammern können, scheint so, als ob Torres Glück hatte."
"Ich? Die Schlampe hatte Glück! Ich gebe ihr das Tablett, da sehe ich, wie sie mich abstechen will! Nur durch Zufall konnte ich ihre Hand mit dem Tablett ablenken, sonst hätte sie mich voll erwischt."
"Und weiter?"
"Weiter?! Nichts weiter! Ich habe versucht, ihr das Messer aus der Hand zu nehmen, aber sie hat einfach weiter auf mich eingestochen, da habe ich ihr eine verpasst!"
"Und dabei hast du Fischer ihr eigenes Messer in den Bauch gesteckt?“
"NEIN! Ich habe das Messer nicht angerührt! Wenn, dann hat sich die Schlampe das Messer selbst in den Wanst gerammt!"
"Na klar!", schüttelte Jessika den Kopf und sah zu Gratzweiler.
"Ich habe den Angriff nicht gesehen, aber als Hannes die Fischer packte, hatte diese das Messer in der Hand."
"Na, schön", nickte sie und meinte dann zu Bernd: "Du kannst zu Hannes gehen, ich bleibe hier und bringe Torres zurück, wenn sie fertig ist."
"Ok", bestätigte Gratzweiler und machte sich auf zu Haus D. Als Gritt sich herumdrehte, um den Verband zu befestigen, nickte Jessika Torres zu: "Gut gemacht". Diese schloss erleichtert kurz die Augen.
***
Leichenschau
Im Behandlungsraum nebenan schaute ich Vera zu, die Beate ihre Kleidung auszog.
"Etwas Hilfe wäre nicht schlecht", zischte sie und so half ich ihr, Beate zu entkleiden.
"Tja, Bad-Man, ich wette, so hast du dir es nicht vorgestellt, sie mal nackt zu sehen."
"Nicht ganz", bestätigte ich. "Was machen wir mit den Klamotten?"
"Die sind Beweismittel, also packen wir sie in eine Tüte."
"Wird man nicht feststellen, dass es nicht Beates Blut ist?"
"Eine DNA-Untersuchung würde uns auffliegen lassen, aber warum sollte man das tun?"
"Keine Ahnung, ich bin kein Ermittler."
"Dann solltest du jetzt ganz schnell einer werden, denn jetzt, wo du Trommer die Stirn bietest, musst du herausfinden, wozu er das alles tut."
"Ich werde einen Crashkurs belegen", brummte ich. "Ok, was jetzt?", wollte ich wissen, als Beate nackt auf dem Tisch lag. "Wie lange wirkt das Zeug?"
"Sechs Stunden. In fünf Stunden werde ich ihr eine weitere Narkose verpassen, bis dahin wird die Leichenschau hoffentlich beendet sein."
"Leichenschau?"
"Peter! Sie ist tot! Was denkst du, ist hier gleich los?! Frank, die Polizei und eine Menge andere Leute werden die Leiche sehen wollen!"
"Aber…" Scheiße, soweit hatte ich gar nicht gedacht! Ich bin davon ausgegangen, dass sich das Interesse auf die Torres konzentrierte, nachdem Vera den Totenschein ausgestellt hätte. "…wir haben aber keine Leiche zum Anschauen!"
"Dann solltest du mir helfen, aus Beate eine Leiche zu machen. Keine Angst, ich habe beim Bund immer die Verletzten geschminkt, ich weiß, wie eine Leiche aussieht."
***
Weniger als eine Stunde, nachdem der Alarm ausgelöst wurde, bretterte Frank durch die Schleuse, wo er schon von Decker erwartet wurde.
"Was ist los?!"
"Es gab einen Messerangriff im Haus D. Torres war mit dabei, die andere war Fischer."
"Beate Fischer?"
"Ja, angeblich hat Fischer die Torres angegriffen."
"Wo sind die beiden jetzt?"
"Torres wird auf der Krankenstation behandelt, Fischer ist bei Vera auf der Notstation... tot!"
"Tot?!"
"Ja, Vera sagt, sie konnte nichts mehr für sie tun."
"Verdammte Scheiße! Wer war alles dabei?"
"Hannes, Gratzweiler, und welche Überraschung… Jessika und Peter."
"Schaff die Bande in mein Büro, bevor sie mit irgendwelchen Ermittlern reden, und sieh zu, dass die Polizei ihre Arbeit machen kann."
***
"Nur ein Stich?", fragte ich zweifelnd, als Vera ihr "Werk" betrachtete. Beate lag noch immer nackt auf dem Tisch, bloß mit dem Unterschied, dass sie nun eine scheinbare klaffende Wunde im Bauchbereich hatte, die täuschend echt aussah.
"Ja, das reicht völlig aus, dort ist nämlich die Bauchschlagader, das erklärt auch das ganze Blut."
"Wo hast du das gelernt?" Verdammt, die Wunde sah so echt aus, dass selbst mir ein Schauer über den Rücken lief.
"Da gibt’s extra Lehrgänge, die du belegen kannst. Beim Bund hielt ich es für eine gute Idee, alle angebotenen Kurse zu nutzen. So… fertig."
"Und jetzt?"
"Ich mache die Bilder und du kümmerst dich um die Papiere!"
***
Während Vera mit einer Kamera um Beate herum ging, dabei Dutzende Bilder aus allen möglichen Winkeln von ihr machte, setzte ich mich an den Computer und begann, die nötigen Frachtpapiere zu erstellen. Wir hatten eine Leiche und die Staatsanwaltschaft würde zwingend eine Obduktion anordnen, also musste die Leiche in die Gerichtsmedizin, wo sie natürlich nicht ankommen durfte!
Da es bei mehr als 600 Insassen immer wieder vorkam, dass jemand in Haft verstarb, gab es selbstverständlich eine vorgeschriebene Handlungsanweisung. Ein Bestattungsunternehmen wurde von uns, der Verwaltung, mit der Überführung der Leiche beauftragt, diese entweder in die Gerichtsmedizin oder bis zur Bestattung in das zuständige Bestattungsinstitut zu überführen. Des Weiteren gab es den "Einlieferungsbeleg" der Gerichtsmedizin, der bestätigte, dass die Leiche dort angekommen war. Von allen diesen Papieren hatte ich Blankobelege gespeichert, die ich nun ausfüllte. Lediglich den Beleg der Gerichtsmedizin musste ich "anpassen", doch ein von Jessika eingescanntes Dokument eines früheren Vorgangs hatte ich in ein neues Blankodokument umgewandelt. "Cool", dachte ich, als ich die Dokumente erstellte, "früher wäre das "Anpassen" solcher Dokumente nicht so einfach gewesen".
"Fertig!", rief ich und druckte die Dokumente aus, unterschrieb sie, um sie dann in einer Schublade verschwinden zu lassen.
"Ich bin auch so weit. Durch die Bilder werden sie sich die Leiche hier nicht genau ansehen wollen, ich denke, wir kommen damit vorerst durch. Was machen wir nachher mit ihr? Hierbleiben kann sie nicht."
"Nein, in ihrer Zelle kann sie aber auch nicht bleiben, es sei denn wir weihen Decker und sein Team ein."
"Keine gute Idee. Jessika hält doch immer für Notfälle ein paar Zellen frei, wie wäre es damit?"
"Ich weiß nicht… nein, sie muss essen und wir können sie auch nicht einfach auf Dauer dort hineinstecken, ohne dass es jemand bemerkt…"
"Wir nehmen meine Wohnung."
"Deine Wohnung?"
"Ja, die ist perfekt!"
Noch während ich über ihren Vorschlag nachdachte, musste ich ihr Recht geben. Veras kleine Wohnung lag am Ende desselben Flures, in dem auch meine eigene Wohnung lag. Sie war lediglich etwas kleiner und Veras Wohnung stand zurzeit mehr oder weniger leer, da sie die meiste Zeit bei mir verbrachte.
Die Idee, Beate dort unterzubringen, hatte natürlich Vor- und Nachteile… Die Wohnung lag abgelegen und die dicken Wände des ehemaligen Archives würden keinen Laut nach draußen dringen lassen, auch die Fenster waren - wie alle Fenster im Gebäude - vergittert, Schwachstelle war lediglich die Tür… Aber da würde sich sicher eine Lösung finden lassen. Je länger ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir die Idee.
"Ok, jetzt… wie bekommen wir sie dort hinein? Und wie sorgen wir dafür, dass sie friedlich bleibt?"
"Sie weiß doch noch nichts von dem geplanten Anschlag auf sie?"
"Nein, sie weiß noch nichts von ihrem Glück".
"Dann weihen wir sie ein! Wenn sie erfährt, dass ihr Leben in Gefahr ist, wird sie sicher mit uns zusammenarbeiten."
"Hm, da ist was dran… ok, wir warten bis heute Abend, wenn die Nachtschicht begonnen hat, solange musst du sie bewusstlos halten."
"Kein Problem", nickte sie selbstbewusst, als sie mich plötzlich am Arm festhielt. "Hast du gehört, was sie sagte?"
"Ja, habe ich. Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht."
"Ich glaube nicht, dass jemand, der denkt, er stirbt, in diesem Moment lügt!"
Ja, diese Worte hatten sich in mein Gehirn eingebrannt, doch bis jetzt fehlte mir die Zeit, darüber nachzudenken. "Ja, ich habe es gehört!" Doch auch jetzt konnte ich mir darüber keine Gedanken machen, denn Franks Stimme donnerte durch die Luft. "Was gibt’s hier herumzustehen?! Macht euch auf den Weg zu euren Stationen, und zwar sofort!"
"Los, hilf mir" flüsterte Vera und bedeckte Beate völlig mit einem Laken. Kaum lag das Laken über Beate, riss Frank auch schon die Tür auf. Ohne ein Wort zu verlieren, zog er das Laken von Beates Gesicht und schaute dann zu Vera.
"Ein Schnitt in die Bauchschlagader. Sie ist innerhalb von zwei Minuten verblutet."
Frank nickte und hob das Laken soweit an, dass er den "Einstich" sehen konnte, dann richtete er das Laken wieder ordentlich, ja, beinahe liebevoll, über Beate. Anschließend drehte er den Kopf zu mir und zischte: "In mein Büro! Jetzt!"
***
"Das interessiert mich einen Scheiß!", hörte ich Frank zu einem Ermittler des LKA sagen, der in seinem Vorzimmer stand. "Meine Beamten werden mit Ihnen reden, nachdem ich mit ihnen geredet habe und weiß, was vorgefallen ist! Solange können Sie sich es bequem machen, ich werde es Sie wissen lassen, wenn ich fertig bin!"
Wir, das waren Jessika, Hannes, Gratzweiler und ich, standen in Franks Büro, als der Kommissar versuchte, in Franks Büro vorzudringen, um uns zu vernehmen. In derselben Zeit sahen sich weitere Polizisten den Flur im Haus D an, machten Bilder und befragten die Gefangenen, die sich zur Tatzeit auf dem Flur aufhielten. Da der Ermittler Franks "Bitte" zu warten nicht allzu ernst nahm, teilte dieser ihm nun unmissverständlich mit, wer hier das Sagen hatte! Frank ließ ihn stehen, kam ins Büro zurück und warf die Tür hinter sich zu. "Ich gehe nicht davon aus, dass ich euch einzeln befragen muss! Also! Auf der Krankenstation liegt eine verdammte Leiche, was zur Hölle ist passiert?!"
Hannes wollte gerade antworten, als die Tür aufging und Decker dazu kam: "Ich habe Johann abgeordnet, die Polizei zu unterstützen." Was hieß, Johann würde Decker alles berichten, was die Polizei tat, denn ohne einen Beamten mit Schlüssel konnten sie ihre Arbeit nicht machen.
"Also?", fragte Frank nach.
"Torres und Saar haben die Essen verteilt, als Torres plötzlich um Hilfe rief. Sie gibt an, dass Fischer versucht hat, mit einem Messer auf sie einzustechen."
"Hast du das gesehen?!"
"Nein, der Wagen mit den Tabletts stand zwischen mir und Torres, aber als ich Fischer erreichte, hatte sie ein Messer in der Hand."
"Bernd?"
"Ich habe es scheppern hören, dann rief Torres um Hilfe. Auch ich habe den Angriff selbst nicht gesehen, da zwischen Torres und mir sechs Gefangene standen, die sich natürlich sofort um die beiden scharrten. Aber auch ich habe gesehen, wie die Fischer das Messer in der Hand hielt."
"Was ist mit euch?"
"Wir waren zufällig im Flur", begann Jessika, "ich stand etwa zehn Meter entfernt und kam erst dazu, als Hannes und Bernd die Fischer von Torres trennte."
"Was ist mit dem Messer?"
"Das habe ich erst gesehen, als es im Flur lag", antwortete ich. "Ich habe Torres geschnappt und festgehalten, damit Hannes und Gratzweiler die Lage im Flur unter Kontrolle bringen konnten."
"Also hat Fischer die Torres angegriffen?"
"So sieht es zumindest aus."
"Und wieso liegt dann Fischer tot auf der Krankenstation?!"
"Keine Ahnung! Ich habe das Messer nur kurz gesehen, aber es schien beidseitig geschliffen zu sein. Vera sagt, dass sie durch einen einzigen Stich ums Leben kam, der ihre Bauchschlagader traf. Gut möglich, dass sich Fischer im Handgemenge selbst verletzt hat."
"Wie kam Fischer an das Messer?!"
"Weiß ich nicht."
"Hat einer von euch eine Idee, woher das Messer kam?" Frank sah die anderen nacheinander an und alle schüttelten den Kopf. "Na schön! Sonst noch etwas, dass ich wissen sollte, bevor die Polizei übernimmt?"
"Nein."
"Dann ab mit euch!"
Wir verließen Franks Büro und nur Decker blieb zurück, der sich mit steinerner Miene auf einen Stuhl setzte.
"Was denkst du?", fragte ihn Frank.
"Das ist Bullshit! Elvira Torres, der Kessel, der ständig zu explodieren droht, soll das arme Opfer sein? Ich könnte beinahe darüber lachen. Fischer ist erst ein paar Tage hier, woher soll sie das Messer haben?"
"Du meinst, Torres hatte das Messer?"
"Natürlich hatte sie es! Aber Torres Zelle wurde erst kürzlich unangemeldet durchsucht, da hatte sie definitiv noch kein Messer!"
"Fest steht, dass ein Messer im Spiel war, Fischers Leiche beweist das! Außerdem sagen Hannes und Gratzweiler übereinstimmend, dass Fischer das Messer in der Hand hielt."
"Für die beiden würde ich meine Hand ins Feuer legen, wenn sie sagen, dass Fischer das Messer hatte dann war es auch so. Doch eines steht fest, das Messer ist nicht aus der JVA, es wurde eingeschmuggelt! Irgendjemand hat es der Fischer zugesteckt, und zwar erst kurz zuvor! Die Frage lautet, wer war der Schweinehund!"
"Jessika und Peter sagen auch das Gleiche."
"Ja", schnaubte er, "natürlich sagen beide dasselbe, die beiden steckten schon immer unter einer Decke!"
"Du glaubst nicht ernsthaft, dass die Zwei damit etwas zu tun haben?"
"Ich finde es nur reichlich seltsam, dass sie zufällig gemeinsam vor Ort waren."
"Gehen wir mal davon aus, dass alle vier die Wahrheit sagen und das will ich ihnen Gott-verdammt-nochmal raten, dann ist Torres unsere Schlüsselfigur. Schaff' sie in das Besprechungszimmer…" ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, als einer seiner Beamten den Kopf durch die Tür steckte.
"Sorry, Chef, die Staatsanwaltschaft ist da!"
"Soll warten!"
"Nein, nicht hier, ich meine hier in der JVA und der zuständige Staatsanwalt will sofort die Hauptzeugin Torres vernehmen."
"Wer ist der zuständige Staatsanwalt?", fragte Frank, obwohl er die Antwort schon kannte.
"Oberstaatsanwalt Trommer."
Decker und Frank sahen sich besorgt an, denn Frank wusste, dass er keine Chance hatte, Trommer zuvorzukommen – das ging nicht wie bei dem Kommissar. Torres war eine Insassin und keine seiner Beamten… "Ok, lassen Sie Torres in das Besprechungszimmer bringen."
"Sofort, Chef!" Damit drehte sich der Beamte zackig um und lief los.
"Verdammt!", fluchte Frank, sah Wolfgang an und der nickte nur: "Bin schon unterwegs!"
***
Ohne eine Miene zu verziehen stand Oberstaatsanwalt Trommer neben der Leiche von Beate Fischer und sah auf diese herunter, wobei sein Blick auf der klaffenden Wunde hängen blieb.
"Sie haben die Leiche nicht gereinigt?", wollte er von Vera wissen und zeigte auf die Blutspuren.
"Selbstverständlich nicht, schließlich ist sie praktisch ein Beweisstück, zudem habe ich eine Menge Fotos gemacht, nachdem ich den Tod festgestellt habe", antwortete Vera, die innerlich tausend Tode starb. Zwar hatte sie aus nachvollziehbaren Gründen nur Beates Bauch frei gelassen und Unterleib sowie Gesicht und Oberkörper abgedeckt, doch in Wahrheit diente dies dazu, die minimalen Atembewegungen zu verschleiern. Sollte Trommer auf die Idee kommen die "Leiche" ganz aufzudecken, würde alles Auffliegen. Dennoch stand sie selbstsicher neben dem Staatsanwalt und sagte: "Wenn es Sie interessiert, auf dem Computer können Sie sich alle Bilder anschauen. Ich leite sie auch gerne an Ihre Mail-Adresse weiter."
Trommer riss sich schließlich von dem Anblick los und nickte. "Natürlich werde ich eine Obduktion anordnen, die Ihre Untersuchung sicher bestätigen wird."
"Selbstverständlich, Herr Oberstaatsanwalt, ich werde die Leiche von Frau Fischer schnellstmöglich in das gerichtsmedizinische Institut überführen lassen."
***
"Ich konnte ausgiebig mit Frau Torres reden, sie scheint zu bestätigen, was bisher über den Vorfall bekannt ist. Daher wird Frau Torres unverzüglich in eine andere JVA verlegt", teilte Trommer Frank mit. "Sie ist eine zu wichtige Zeugin und daher kann ich nicht riskieren, dass sie ihre Aussagen mit anderen Insassinnen im Nachhinein abspricht."
"Dazu muss sie nicht in eine andere JVA, wir haben durchaus die Möglichkeit, sie in einem anderen Haus unterzubringen."
"Nein! Sie wissen genau, wie der Knastfunk funktioniert. Wenn sich zwei Gefangene absprechen wollen, werden sie es nicht verhindern können. Es sei denn, Sie stecken sie in den BgH (Besonders gesicherter Haftraum) und das würde bei Torres über das Ziel hinausschießen, schließlich scheint der Angriff nicht von ihr ausgegangen zu sein."
"Ich bezweifele diese Version, anders als Torres schien Fischer wenig gewaltbereit zu sein."
"Wie meinen Sie das?"
"Kommen Sie! Fischer saß wegen Kindesmord ein, also war sie Freiwild! Doch das wissen Sie ja alles bereits, schließlich war es Ihre Idee, Fischer in den gelockerten Vollzug zu verlegen!"
"Das sehen Sie völlig falsch. Es war nicht meine Idee, es steht so im Gesetz, werfen Sie mal einen Blick in die Bücher, die hinter Ihnen stehen", antwortete Trommer gelassen und wies auf das Bücherregal an der Wand. "Nach den ersten Vernehmungen zu urteilen, scheinen Ihre Beamten sich korrekt verhalten zu haben, daher sehe ich keinen Anlass, Verfahren gegen diese einzuleiten. Sie brauchen sich also keine Sorgen um Ihre Leute zu machen. Natürlich muss von Amts wegen ein Verfahren wegen eines Tötungsdeliktes gegen Unbekannt eröffnet werden."
"Was ist mit Torres?"
"Sie wird nach Freising verlegt, veranlassen Sie bitte das Nötige." Damit stand Trommer auf und ließ Frank in seinem Büro zurück.
Kaum hatte der Staatsanwalt die Tür hinter sich geschlossen, kam Decker zurück.
"Und?", wollte Frank wissen.
"Keine Chance, Trommer wusste, dass wir zuhören! Er hat die Befragung von Torres genau nach Drehbuch abgehalten. Torres hat laut und deutlich ihre Version wiederholt, Fischer hat sie angegriffen und sich im Handgemenge selbst verletzt."
"Was, wie du so schön festgestellt hast, Bullshit ist."
"So ist es! Also, was tun wir jetzt?"
"Wir? Wir beide tun erst einmal gar nichts, Jessika und Peter sollen sich darum kümmern."
"Was?! Die beiden hängen doch bis über beide Ohren in der Sache mit drin!"
"Eben! Sie haben die Suppe eingebrockt, also sollen sie diese auch auslöffeln."
"Das ist eine Scheiß-Idee."
"Ich weiß nicht… vielleicht sollten wir ihnen vertrauen. Schließlich haben sie die letzten zwanzig Jahre auch gewusst, was sie tun."
"Ich sag es nochmal fürs Protokoll! Das ist eine Scheiß-Idee!"
"Zur Kenntnis genommen!"
***
Vera schloss die Tür zum Flur auf und schaute nach rechts und links. Es war gegen 22 Uhr und die Flure lagen verlassen da, nachdem sich die Aufregung gelegt hatte. Es war wieder Routine eingekehrt, als die Polizei ihre Tatortuntersuchungen abgeschlossen, das Messer sichergestellt und die Zeuginnen befragt hatten. Gegen 20 Uhr, die Polizei war seit einer Stunde weg, war ein Leichenwagen in die JVA gefahren, der den Transportauftrag bekam, einen versiegelten Transportsarg und eine verschlossene Transportbox mit Proben in das gerichtsmedizinische Institut Mainstadt bzw. nach Frankfurt zu überführen.
Vera und ich luden den Sarg selbst in den Leichenwagen, gaben dem Fahrer die Probe, zusammen mit den nötigen Papieren und dieser verließ die JVA wieder. Nun war die Leiche von Beate Fischer also offiziell nicht mehr in der JVA.
"Alles klar", nickte sie und stieß die Tür auf. Da überall in der JVA Kameras installiert waren, hatten wir Beate in einen größeren Transportsack aus der Kleiderkammer gesteckt und auf das untere Blech eines Rolltisches gelegt. Auf dem oberen Blech lagen Kleider und Gegenstände, die wir in das Verwaltungsgebäude fuhren. Hier gab es nur am Eingang eine Kamera, also konnten wir Beate zum Aufzug und in den dritten Stock bringen.
Zusammen schoben wir den Rolltisch vor Veras Wohnung, die diese schnell aufschloss. Als die Tür hinter uns geschlossen war, atmete ich erleichtert auf, dass alles glattgegangen war. "Dass eine Leiche so schwer sein kann", brummte ich, während wir den Transportsack auf das Bett hoben und Beate herausholten. "Ich brauche eine Schüssel mit Wasser und Seife", sagte Vera und begann, Beate das Blut abzuwaschen und ihr die "Wunde" abzunehmen. Da ich damit beschäftigt war, den Transportsack zusammenzulegen und frisches Wasser zu holen, sah ich Veras Blick nicht, als sie Beate das Gesicht säuberte. Schließlich war Vera fertig und Beate lag sauber auf dem Bett. "Da hinten im Schrank muss ein Schlafanzug sein." Vera zeigte auf einen Schrank in der Ecke, aus dem ich einen Schlafanzug holte, den Vera Beate überzog.
"Das war es, jetzt heißt es warten", meinte Vera und wir setzten uns gemeinsam auf das Sofa, das in Sichtweite des Bettes stand und warteten.
Beate lag friedlich im Bett und ihre feuerroten Haare leuchteten auf dem hellen Kissen. Ich legte meinen Arm um Vera und betrachtete Beate, während immer wieder der Satz auf mich einhämmerte, den Beate für ihre letzten Worte hielt.
"Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht."
Und eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte: "Was, wenn das wahr ist?"
***
"Ich glaube, sie kommt zu sich", flüsterte ich leise, als Beate sich leicht bewegte. Die kurz eingenickte Vera war sofort hellwach, denn jetzt kam der heikelste Moment.
Sie stand auf und setzte sich neben Beate auf die Bettkante, wo sie ihre Hand liebevoll in ihre nahm.
Beate öffnete kurz die Augen und blinzelte, schloss die Augen wieder, dann riss sie die Augen panisch auf und begann sofort ihren Bauch abzutasten.
Als Beate losschreien wollte, legte Vera den Arm um sie.
"Ruhig, ganz ruhig. Ich habe dich ganz fest!" Sie beugte sich zu ihr und nahm Beate fest in ihre Arme.
Beate hatte mittlerweile erfasst, dass sie nicht tot war, sondern irgendwo zusammen mit fremden Menschen in einer völlig fremden Umgebung. Ihre Blicke wanderten panisch durch den Raum und blieben an mir hängen. Jetzt brach die Angst durch und sie fing an zu schreien.
Vera schickte mich mit einem Wink aus der Sichtweite, also setzte ich mich in die Essecke der kleinen Wohnung. "Bitte versuche, dich zu beruhigen. Dir ist nichts passiert." Vera streichelte ihr den Kopf und strich Beate über die Wange.
"Was ist passiert? Wieso? Wo bin ich?"
"Es tut mir leid, dass wir dich nicht vorwarnen konnten. Wir haben deinen Tod nur vorgetäuscht. Du bist bei mir in meiner Wohnung."
Nun fing Beate an, hemmungslos zu weinen. "Warum quält ihr mich so?", schluchzte sie. "Warum…?"
"Deinetwegen!", sagte ich mit harter Stimme, trat hinter Vera hervor und sah sie mit festem Blick an. "Ich will eine Antwort! Deine letzten Worte waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht.> Ich will wissen, ob das stimmt!"
Beate liefen die Tränen über das Gesicht, als sie mit ihren smaragdgrünen Augen direkt in meine sah.
"Ich habe versucht, sie zu retten", sagte sie tränenerstickt. "Ich habe alles versucht. Ich habe gesehen, wie er sie gewürgt hat und riss ihn weg, aber ich konnte ihr nicht mehr helfen. Ich weiß nicht mehr, was ich alles getan habe, um sie zu retten, aber ich höre noch immer dieses schreckliche Lachen. Die ganze Zeit hat sie gelacht und mich verhöhnt. Dann habe ich das Messer genommen…"
"Wer hat gelacht?"
"Petra Strass!", presste sie hervor und der Hass kehrte in ihre Augen zurück.
In den zwanzig Jahren, die ich nun schon mit Menschen in der JVA arbeitete, hatte ich mir eine gesunde Menschenkenntnis angeeignet und wusste, wann mich jemand anlog und wann er die Wahrheit sagte. Was Beate sagte, war die Wahrheit und in meinem Kopf legte sich ein Schalter um. "Das war es mit deinem Plan, Trommer!"
Vera sah mich nur mit schmalen Augen an. Sie hatte während Beates Erzählung die Lippen zusammengepresst und ihre Augen fingen an zu blitzen.
"Ich will dich nicht anlügen, vor ein paar Tagen kam Trommer zu mir und hat deine Verlegung in den offenen Vollzug angeordnet, obwohl ich ihn auf die Gefahr eines Angriffs auf dich hinwies. Er bat mich, es als persönlichen Gefallen zu sehen! Genau das waren seine Worte. Ich bin auf diesen Gefallen eingegangen, um Zeit zu schinden, denn tatsächlich steht dir das Recht zu, bis zum endgültigen Urteil im gelockerten Vollzug zu sein. Dann haben wir konkrete Hinweise auf einen Anschlag auf dich bekommen. Um mehr herauszufinden und um dein Leben zu schützen, haben wir deinen Tod vorgetäuscht. Der musste leider sehr echt wirken, daher konnten wir dich nicht vorher einweihen. Jetzt, da du tot bist, müssen wir herausfinden, warum Trommer will, dass du stirbst."
"Der Staatsanwalt? Warum macht er das? Er hat mich zu lebenslang verurteilen lassen! Warum will er mich umbringen lassen?"
"Tja, gute Frage. Da gibt es wohl mindestens zwei verschiedene Gründe. Erstens, er hat ein Verhältnis und will sich dieses bei Laune halten."
"Ein Verhältnis? Mit wem?"
"Petra Strass."
Beate, die sich aufgesetzt hatte, riss die Augen auf, denn jetzt schien ihr klar zu werden, warum Trommer dieses Urteil für sie gefordert hatte. "Nein", keuchte sie. "Nicht noch einmal. Das kann er nicht tun. Nicht für diese Schlampe."
"Der wahre Grund ist viel schlimmer."
"Schlimmer, als dass die Frau, die dein Kind umbringt, auch noch dich töten lässt? Das glaube ich kaum!"
"Oh, doch. Trommer nimmt das nur als Vorwand. Jeder soll genau das glauben. Der wahre Grund ist, er benutzt dich. Dich und deinen Fall."
"Ich verstehe nicht. Mein Fall ist abgeschlossen und ich wurde verurteilt. Warum soll er mich töten lassen?"
"Um ehrlich zu sein, ich weiß es noch nicht, aber Trommer tut das sicher nicht ohne Grund. Und den werde ich herausfinden müssen. Wenn du Trommer eins auswischen und dafür sorgen möchtest, dass Petra Strass nicht ungeschoren davonkommt, dann tust du, was wir dir sagen. Was das ist, wird dir Vera erklären. Aber ich warne dich! Wenn du auch nur eine einzige Dummheit machst, schleppe ich dich zurück in Haus D und das wirst du das zweite Mal sicher nicht lebend verlassen! Hast du mich verstanden?"
Sie starrte mich eine halbe Minute schweigend an. Der traurige und entsetzte Ausdruck in ihren Augen war mittlerweile einer festen Entschlossenheit gewichen. Nein, Beate würde keinen Ärger machen, Beate würde alles tun, um sich an Petra Strass zu rächen, und wenn es das Letzte wäre, was sie auf dieser Welt tun würde.
"Ja, ich habe dich verstanden."
"Ok, wir sehen uns morgen, schlaf etwas, morgen früh reden wir", nickte ich ihr zu und ging zur Tür. Da sagte sie: "Entschuldige …" und sah sie Vera hilfesuchend an.
"Peter."
"Entschuldige, Peter, du hast gesagt, anfangs hättest du es nur getan, um Zeit zu gewinnen. Und warum tust du es jetzt?"
"Wenn das stimmt, was du mir gesagt hast, dass die Strass am Tod deiner Tochter schuld ist, werde ich dich heraushauen… Ich kann bei einem solchen Unrecht nicht einfach wegschauen." Ich hatte die Tür fast erreicht, als sie mich fragte: "Wann hast du diese Entscheidung getroffen?"
Ohne den Kopf zu drehen, blieb ich noch einmal kurz stehen und brummte wahrheitsgemäß: "Vor zwei Minuten!"
***
"Verflucht, auf was habe ich mich da eingelassen?!" Es war weit nach Mitternacht und ich saß grübelnd auf meiner Couch. An Schlaf war nicht einmal ansatzweise zu denken, denn immer mehr Fragen kamen in meinem Kopf auf. Das Wichtigste, Beate war offiziell tot! Sie konnte nicht "einfach" wiederauftauchen, wie sollte sie plötzlich wieder lebendig werden?
Selbst wenn Trommer… und der hatte sicher kein Interesse, dass Beate von den Toten auferstand. Oder? Die Frage blieb… Warum wollte Trommer wirklich, dass Beate verschwand?
Die Geschichte mit der Strass war vorgeschoben, da war ich mir sicher. Die hatte er mir erzählt, damit ich genau dies denken sollte. Doch sich so zu gefährden, nur um seine Liebschaft bei Laune zu halten, dafür war Trommer zu schlau. Trommer wollte ein Medienspektakel, er wollte einen Aufhänger für… ja, aber für was? Das wusste ich noch nicht, aber es stand im Gegensatz zu dem, was Frank mir erzählt hatte. Nämlich, dass Trommer sich bei der breiten Öffentlichkeit beliebt machen wollte, um auf diese Weise auf Stimmenfang zu gehen. Aber man bekam keine Wählerstimmen, wenn man mit dem Tod einer Gefangenen in Zusammenhang gebracht wurde!
Vor zehn Minuten war die Pressemitteilung herausgegangen, in der stand, dass Beate Fischer am gestrigen Tag bei einer Auseinandersetzung getötet wurde.
Der Fall Fischer machte derweil noch immer Schlagzeilen, die Zeitungen brachten Beates Bild auf der Titelseite. Welchen Nutzen hatte eine tote Beate für ihn? Das war die 1-Million-Euro-Frage!
Tief in Gedanken versunken hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, wie Vera in die Wohnung kam. "Sie schläft."
"Wenigstens eine von uns", brummte ich.
"Peter. Ich bin stolz auf das, was wir getan haben."
"Wir haben unsere Köpfe selbst in die Schlinge gelegt, darauf bin ich nicht unbedingt stolz."
"Du weißt genau, was ich meine. Sie ist unschuldig!"
"Unschuldig oder nicht, ein ordentliches Gericht hat sie verurteilt. Wenn die Sache schief geht, können wir ohne Umweg für den Rest unseres Lebens zum Jobcenter laufen."
Vera schwieg eine Weile, dann flüsterte sie. "Sie wäre es wert." Dann blickte sie zu mir und fragte mich. "Wie gehen wir weiter vor?"
"Wir reden mit Trommer. Er wird sehr schnell merken, dass er keine Leiche hat, also wird er uns aufsuchen. Dabei lassen wir ihn weiterhin im Glauben, dass wir es nur für ihn tun, zu seinem persönlichen Gefallen. Wir können ihn hinhalten und den Preis für Beates Leiche nach oben schrauben. Mal sehen, wie weit Trommer mitgeht, vielleicht verrät er sich ja irgendwie, aber wir können keinen Krieg gegen ihn führen, der wäre nicht zu gewinnen."
"Wow, das hast du dir in so kurzer Zeit ausgedacht? Nicht schlecht."
„Kommt daher, dass wir einige Erpresser hier einsitzen haben“, versuchte ich zu grinsen, doch irgendwie gelang mir das nicht richtig.
Vera hatte begonnen, sich auszuziehen, ging ins Bad und machte sich bettfertig, dann kam sie zu mir, stellte sich nackt vor mich und lächelte. "Sagtest du nicht neulich, du musst immer an Sex denken, wenn du mich siehst? Beweis es und komm jetzt ins Bett, du Retter unschuldiger Frauen. Morgen wird es hoch her gehen."
"Oh, je", dachte ich, "gerettet ist Beate noch lange nicht und wir schon gar nicht!" Aber in einem Punkt hatte Vera absolut Recht… heiß hergehen würde es morgen ganz sicher!
***
Der erste Auftrag
Eines Tages klingelte bei mir das Telefon. Mein Onkelchen, besser gesagt Dagan Meir, war am Apparat. Da ich gerade abkömmlich war, hatte er einen Job für mich. "Mischka, meine geliebte kleine Mischka. Wir haben ein kleines Problem. Bitte schau in das spezielle Postfach. Ich habe dir etwas geschickt, wir reden danach weiter."
"Michelle, ich ziehe meine Pause vor." Michelle winkte mir zu und prüfte eine defekte elektronische Schaltung.
"Ja, Onkelchen, ich schau gleich nach. Weißt du schon etwas Neues wegen meiner Dinge, die noch in den Staaten geblieben sind? Meine ganzen Kleider und die guten Spielsachen fehlen mir hier."
"Keine Angst, meine geliebte Mischka, das ist alles bereits geregelt. Ich habe die Kleider und deine Spielsachen an eine sichere Adresse senden lassen. Damit sie nicht etwa verloren gehen. So etwas soll in den USA schon einmal vorkommen."
"Gut, ich habe die Datei geladen, bei Fragen melde ich mich bei dir."
"Sehr schön, wie immer wünsche ich dir gutes Gelingen und eine perfekte Arbeit." Damit verabschiedete sich mein Gönner und ich ging den aktuellen Fall durch.
***
Auf der Antilleninsel St. Vincent hatte sich ein ehemaliger Agent der CIA seinen Alterssitz errichtet. Bereits zwei Teams der Amerikaner waren dabei gescheitert, ihn aus dem "Dienst" zu entfernen. Einen versteckten Luftangriff konnte man nicht fliegen, da rings herum bewohnte Häuser standen und der Anflug nur aus der Richtung der hohen Berge möglich war. Dort aber warteten Raketen auf ungebetene Gäste. Gegen Tiefflieger gab es modernste tragbare Raketen, sogenannte Manpads (Man Portable Air Defence System). Die beiden Radaranlagen zum Schutz der Villa waren hochmodern und würden sogar kleine Angriffsdrohnen erkennen.
Aus den verschlüsselten Datensätzen ging hervor, dass Albert Horastonian, so lautete sein wirklicher Name, Bestechungsgelder für Afghanistan umgeleitet hatte und zwei größere Lieferungen Opium damit bezahlt hatte. Damit wollte er das große Geld in den Staaten machen, unter Verwendung eines ganz unmenschlichen und gemeinen Tricks.
Er beauftragte seine Leute, junge, unbekannte Mädchen zu entführen und umzubringen, ließ sie dann tiefgefroren aus Afghanistan in die Staaten zur Einäscherung und Beisetzung überführen. Die wichtigsten Stationen wurden dabei bestochen, die armen Mädchen waren innerlich ausgeweidet und aufgefüllt mit Drogen. Die Mädchen, die dabei starben, bedeuteten Horastonian keinen Cent.
Da mein Freund Gerome in Kingstown eine Niederlassung hatte, wo ich in der Reparaturwerkstatt arbeitete, war ich problemlos auf die Insel gekommen. Horastonian überwachte nämlich jeden, der die Insel betrat und sie wieder verließ. Meine Elektronik-Kenntnisse waren in dem Geschäft natürlich sehr nützlich, denn eines Tages, als Michelle außer Haus war, erschienen drei Männer in der Niederlassung und checkten mich ab.
"Sagen Sie, kann man diesen Sender auch an jede Stabantenne anschließen?"
"Oh, das sollten Sie tunlichst lassen, der sendet mit maximal 250 Watt. Das sollten Sie keiner Stabantenne zumuten, nehmen Sie diese Anpassung mit, ideal wäre ein Dipol, bei einem Langdraht ist die Abstimmung schwieriger."
"Oh, danke, gut zu wissen. Wie lange kann ich das in meinem Pkw betreiben, wenn der Motor steht?"
"Sender, Empfänger und Verstärker ziehen heftig, da sind Sie schnell bei 8 Ampere. Aber mit zwei LKW-Batterien im Kofferraum sollten Sie locker zwei Stunden Betrieb hinbekommen."
So ging es noch eine Weile. Am Ende verkaufte ich ihnen zwei Wanzen und drei Aufspürgeräte, reparierte einen defekten kleinen KW-Sender und einen modernen. Natürlich waren das Testkäufer, das war mir klar und ich verkaufte mich gut als Nerd.
Schließlich bekam ich eine Einladung in seine "Villa", wie man das Anwesen nannte. Es war eine riesige Anlage zwischen St. George im Osten, Questellas im Westen und Dubiois im Norden der Insel.
Von Onkelchen wusste ich, das Horastonian auf spröde, gutaussehende Mädchen stand. Offensichtlich war die Beschreibung seiner Gorillas, die sie von mir abgaben, auf seinen Geschmack zutreffend. Die Villa war regelrecht in einen Berg hineingebaut und sehr schön, aber aus den bereits genannten Gründen aus der Luft nahezu unangreifbar.
„Durchsucht die Kleine, ich will nachher keine Überraschungen“, wies Horastonian am Eingang seine Leibwächter an, kaum dass ich die Villa betreten hatte.
„Ja, Boss. Ihr zwei, mitkommen und die kleine Caroline Fletcher abchecken, seid vorsichtig und macht sie nicht kaputt. Ihr wisst ja, wie Horastonian mit Leuten umgeht, die seine Spielsachen beschädigen!“
Die beiden Wachen kamen auf mich zu. „Hey, Kleine, Arme hoch, wir mögen keine versteckten Waffen und sonstigen Dinge, also sei brav, dann sind wir es auch.“
Die Untersuchung war schnell, aber sehr gründlich. Horastonian hatte sich gute Leute ausgesucht. Schließlich kam er durch die Tür in Begleitung zweier hochhackiger Blondinen und seines Leibwächters. Dann begann er mich auf raffinierte Weise auszuhorchen.
„Hallo Caroline, ich darf doch Caroline sagen? Ich bin Horastonian, der Hausherr. Meine Leute in der Stadt waren mit Ihnen sehr zufrieden, der Sender arbeitet bestens. Dieser Gerome ist von Ihnen ja auch sehr überzeugt. Ist er nicht gerade auf einer Elektronik-Messe in Fonds Panier?“
„Die Elektronik-Messe ist Fort de France auf Martinique, in Fonds Panier sind wir in zwei Wochen, da ist eine Messe für Messgeräte. Ich hoffe, dass er gute Neuigkeiten mitbringt.“
„Sehr schön, sicher waren Sie da auch schon bei José, dem Argentinier im Lotissement la Sérenité?“
„Oh ja, das Angus, das er zubereitet, ist tatsächlich eines der besten, das ich je gegessen habe.“
„Genau das bekommt er von einem meiner Leute geliefert. Wissen Sie, ob die Baustelle da an der Ostseite des Flughafens noch besteht, ich will dort demnächst hin?“
„Ja, die N5 und N6 sind da immer noch einspurig, das scheint noch eine Weile zu dauern.“
„Danke für den Tipp, dann fahren wir dort doch erst etwas später vorbei. Sie sind ja vielseitig interessiert. Waren Sie schon einmal in Fonds Saint Denis? Da gibt es dieses bekannte Restaurant mit einem chinesischen Koch, der Mann zaubert in seiner Küche.“
„Nein, noch nicht, ich hörte aber, dass man dort extra für ihn eine neue Gasleitung gelegt hat, damit er seinen Wok auch richtig befeuern kann. Wir wollen demnächst einmal vorbeigehen.“
So ging es eine Weile, Horastonian wusste genau, wie man Fragen stellt, und horchte mich sehr ausführlich aus. Er war Experte darin, welche Fragen zu stellen waren, um die gewünschten Antworten zu bekommen.
„Lassen Sie uns in den Salon gehen, da ist eine feine Leckerei gerichtet. Trinken Sie eigentlich lieber Sekt oder Champagner?“
Er führte mich in ein sehr schön eingerichtetes Zimmer. Die beiden hochgewachsenen Blondinen verließen jetzt das Zimmer zusammen mit einem der Leibwächter.
Zurück blieben sein persönlicher Leibwächter und zwei seiner Aufpasser.
„Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Horastonian setzte sich neben mich und wir redeten noch ein wenig Belangloses. Aber plötzlich ließ er die Maske des Gentlemans fallen und griff mir an meine Knie. Elegant und Verwirrung heuchelnd wich ich ihm aus. „Aber bitte, Horastonian…“ das war aber bereits nicht mehr in seinem Sinn.
„Hank!“, war ein kurzes Kommando und einer der Wächter, der hinter mir stand, hielt meine Hände fest. „Paolo, die Beine, pass auf die Kleine auf, die ist bissig!“ Die beiden versuchten, mich schnell festzuhalten, aber ein Tritt in Paolos Unterleib brachte ihn rasch zu Fall.
"Das reicht jetzt, du rote Zora, du hast mich den ganzen Abend angemacht, jetzt will ich sehen, ob du überall rote Haare hast. Hank, schnapp sie dir!"
Hank war eindeutig ein brutaler Mensch. „Hör auf, Püppchen, dann tut's auch nicht so weh, wenn er dich…“ Weiter kam Hank nicht. Ich drehte mich um und zerkratzte sein Gesicht derart, dass er sofort abließ und ich freikam.
Noch ehe ich alles zusammen schreien konnte, hatte Horastonian mir eine Serviette in meinen Mund gestopft und sein persönlicher Leibwächter hielt mich fest.
„Horastonian, die wird schreien, denk an die Gäste oben!“, erinnerte ihn sein Leibwächter und tatsächlich dachte er kurz nach.
„Schade, ich hätte dich so gerne hier auf dem Tisch vernascht, aber du hast heute Glück, meine Süße. Bringt sie nach Hause. Und du, rote Zora, sag Gerome, dass ich in einer Woche am Freitagmittag zu ihm komme und die Rechnung bezahle. Jetzt raus mit ihr.“
Der Telefonanruf kam wie angekündigt eine Woche später. Gerome war am Telefon. „Hallo Horastonian, was darf ich für Sie tun?“
„Gerome, mein Freund, ich bin auf dem Weg zu dir in dein Büro Lager II, um meine Schulden zu begleichen. Ist deine rothaarige Angestellte auch da, ich würde sie gerne mit an den Strand nehmen?“
„Sie wird da sein, ich erwarte Sie dann im Büro, der Hintereingang ist für Sie geöffnet.“
„Gut, dann bis gleich, Gerome.“
Die Überprüfung meiner Person hatte demnach nichts ergeben, Onkelchen hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Als Übergabepunkt war das Lager II der vorbereiteten Fabrik vereinbart, südlich von Fort Charlotte im Clare Valley.
Als die beiden Wagen an den Hintereingang rollten, stieg Horastonian aus und wies seine Leibwächter an: „Sichert die Umgebung ab!“ Mit einem Blick zu seinem Leibwächter murmelte er: „Du kleine rote Zora, ich hoffe für dich, du bist für mich bereit!" Dabei grinste er seinen Leibwächter breit an. „Du bleibst abfahrbereit im Wagen, ich denke, Gerome ist so klug, dass er diese Frau zu mir bringt.“
Mit diesen Worten stieg er aus. Als sich Horastonian langsam umdrehte, drang eine Kugel in seinen Kopf ein und beendete seine Drogenkarriere abrupt. Eine zweite Kugel schaltete seinen Leibwächter aus, dieser fiel mit dem Kopf auf das Lenkrad.
Der Rest gehörte den Geiern der Staatsmacht. Sie trieben die übrigen kleinen Gangster zusammen und verhafteten alle, das war es dann mit dem Drogenhandel für den Moment. Am Abend besprach ich mit Dagan den Abschluss der Aktion. „Meine liebe Mischka, die Federales haben auf der Insel die Drogen sichergestellt und dabei noch einige gefangene Mädchen befreit, dieser Horastonian war ein ganz übler Bursche.“
„Ja, dann war die Aktion also ein voller Erfolg.“
„Ja, sicherlich, ich gratuliere dir zu deinem Schuss. 1,2 Kilometer ist schon eine Ansage, und es ist gut zu wissen, dass du es noch immer kannst. Aber es gibt auch etwas anderes zu besprechen. Mir sind zwei meiner Agenten aus dem Raum Ozeanien umgekommen. Das Flugzeug hatte Motorschaden und die Landung lief schief. Jetzt brauche ich dich dort. Du hast die Erfahrung, kennst die Sprache und der Pazifik ist sowieso dein Wunschgebiet gewesen.“
„Danke, Onkelchen, gibst du mir noch die Unterlagen, damit ich mich einlesen kann? Ich packe und wann geht mein Flug?“
„Bereits morgen Abend um 21:30 Uhr und am Ziel erwarten dich deine neuen Kolleginnen und Kollegen.“ Zusammen mit mehreren anderen Agentinnen waren wir für den riesigen Bereich Ozeanien, also den Südpazifik, zuständig. Mein neuer Bereich war Australien und Neuseeland.
***
Ruhe vor dem Sturm
Am Montagmorgen beherrschte Beate die Titelseiten. Es gab keine Zeitung im Land, die nicht über sie und die Umstände ihres Todes berichtete.
Auch ein zweites Bild war auf den Titelseiten zu sehen… das Bild von Oberstaatsanwalt Trommer!
Warum er der Mörderin den gelockerten Vollzug erlaubte? Das war eine zentrale Frage. Nicht, warum Beate dort umkam! Trommers Antwort war umso erstaunlicher!
Er tat es, da es Beates Recht gewesen sei, doch das wolle er nicht weiter kommentieren, da er Beates Tod nicht für sich als Plattform nutzen wolle. Doch tat er genau das! War ich denn der Einzige, dem das auffiel?
Zugegeben, Trommer war ein sehr charismatischer Mensch, ein begnadeter Redner, der es sehr gut verstand, den Leuten das zu vermitteln, was sie glauben sollten.
Er besaß die ungewöhnliche Gabe, sich in die Persönlichkeit seines Gegenübers hineinzuversetzen. Trommer könnte problemlos einer armen Oma eine sündhaft teure Heizdecke verkaufen und gleichzeitig harte Strafen für solche Betrüger fordern und alle Beteiligten, sowohl Oma als auch Betrüger, würden ihm applaudieren.
Dieser Mann war auf dem Weg nach oben und er war skrupellos. Der Moment, in dem er noch hätte gestoppt werden können, war längst vorbei.
Mit Beates Fall hatte er sich der Öffentlichkeit präsentiert und die Leute fingen an, ihn zu lieben.
Die wichtigste Erkenntnis von all dem war, Beates Leben war für ihn völlig belanglos!
***
"Stein", meldete ich mich zwei Tage später am Telefon.
"Bernkamp, Gerichtsmedizinisches Institut Mainstadt", hörte ich eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. "Herr Stein, ich habe hier die Papiere für eine Tote mit Namen Fischer, die am Samstagabend aus der JVA zu uns überstellt wurde."
"Ja, und?"
"Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion der Leiche angeordnet, aber ich habe keine Tote mit Namen Fischer, sondern lediglich ein paar Gewebeproben, die zur Untersuchung abgegeben wurden."
"Was heißt, Sie haben keine Tote?"
"Genau das, hier im Institut ist keine Frau Fischer, weder tot noch lebendig."
"Warten Sie, ich hole die Papiere aus der Akte", sagte ich, legte den Hörer zur Seite und zog Beates "Frachtpapiere" hervor.
"So, ich habe hier die Bescheinigung des Bestatters, der die Überführung durchführte. Und hier die Bestätigung, dass der Leichnam bei Ihnen… verdammt, was ist das denn für ein Mist?", fluchte ich laut genug, so dass Bernkamp es hören musste.
"Warten Sie!" Ich raschelte mit den Papieren und sagte: "Anscheinend wurden die Institute vertauscht. Die Probe sollte nach Frankfurt und die Leiche zu Ihnen. Mist, Frau Fischer wurde wohl in die Gerichtsmedizin nach Frankfurt überstellt."
"Oh, das erklärt die Probe, damit konnte nämlich niemand etwas anfangen."
"Gut, ich werde die Rückverlegung von Frau Fischer nach Mainstadt veranlassen."
"Vielen Dank, Herr Stein, ich hatte schon befürchtet, dass sich die Leiche selbstständig gemacht hat."
"Keine Ursache… und falls Sie mal eine Tote sehen, die sich erhebt und selbstständig macht, rufen Sie mich bitte zuerst an."
"Haha, guter Witz, Herr Stein. Auf Wiederhören."
"Ja, du mich auch", dachte ich und legte auf. Nun begann sich das Karussell zu drehen…
***
"Ja, wir haben laut den Papieren eine Probe erhalten, die mit dem Vermerk Fischer gekennzeichnet ist, aber die Probe selbst oder gar eine Tote mit dem Namen haben wir nicht", antwortete Frau Zappf, eine Mitarbeiterin der Gerichtsmedizin Frankfurt.
"Hören Sie, wir haben aber eine Bestätigung Ihres Institutes, dass ein Bestattungsunternehmen Ihnen am Samstagabend eine Leiche überführt hat, die eigentlich nach Mainstadt gebracht werden sollte."
"Haben Sie die Bestätigung vorliegen?"
"Selbstverständlich, das Aktenzeichen ist die F/78-12-6-34", teilte ich ihr mit und konnte das Eintippen des Aktenzeichens hören. "Tatsächlich! Am Samstag wurde ein versiegelter Sarg aus der JVA Mainstadt überstellt… versiegelt? Warum war der Sarg versiegelt?"
"Die diensthabende Ärztin wollte sichergehen, dass keine Beweise an der Leiche verunreinigt oder verfälscht werden."
"Oh, wären doch alle Ärzte so gewissenhaft… also gut, der Sarg ist da, doch wo ist Frau Fischer?"
"Keine Ahnung, aber eine Leiche kann sich nicht in Luft auflösen und die Rechtsmedizin in Mainstadt bittet um die Überführung nach dort."
"Herr Stein, ich werde nochmal alle Neuzugänge überprüfen, vielleicht liegt ja auch nur eine Verwechselung vor."
"Vielen Dank, ich werde das den Kollegen in Mainstadt mitteilen."
***
Detektivarbeit
"Na, Sherlock, wie geht es dir?", begrüßte ich KHK Meyer in der Kantine des Landgerichtes, der dort allein an einem Tisch saß und auf einem Brötchen kaute.
"Hallo, Bad-Man. Lange nicht gesehen", antwortete er und drückte mir die Hand.
Meyer war einer der dienstälteren Ermittler des LKA und ganz zufällig traf ich ihn nicht, denn aus Beates Akte wusste ich, dass er in diesem Fall ermittelt hatte. Ich kannte Meyer schon eine geraume Zeit und im Laufe der letzten Jahre sind wir uns im Gericht oder in der JVA öfter über den Weg gelaufen, beispielsweise wenn er dort eine Vernehmung durchführte, und so verstanden wir uns mittlerweile recht gut. Ich setzte mich neben ihn und stellte eine Tasse Kaffee vor ihn, die er dankbar anschaute.
"Danke, ich habe nur kurz Zeit und an der Kaffeebar ist ein riesiger Andrang." Dabei zeigte er auf eine lange Schlange, die sich an der Kaffeeausgabe gebildet hatte.
"Du musst dich mit dem Personal gut halten, dann musst du auch nicht anstehen", grinste ich. "Was treibst du heute hier?"
"Ich muss in der Raubmordsache aussagen. Du weißt schon, die beiden Frauen die sich als Pflegekräfte ausgegeben haben, um hilflose Rentner zu erleichtern."
Ja, daran erinnerte ich mich. Das Duo hatte einige Zeit sein Unwesen getrieben, dann war ein Rentner, der etwas rüstiger war, misstrauisch geworden und hatte die beiden erwischt, wie sie seine Sachen durchsuchten. Daraufhin hatte eine der Frauen ihn mit einem Stuhl niedergeschlagen und der Mann starb.
"Das Gericht wird dir die zwei wohl als Kundschaft schicken."
"Ach ja, die Sache… aber sag mal… warst du nicht auch in den Fischer-Fall involviert?"
Meyer wurde sofort misstrauisch. "Ja, warum?"
"Nichts, es interessiert mich einfach. Du hast doch sicher gehört, was passiert ist."
"Ja, natürlich."
"Ich war dabei und habe gesehen, wie sie starb, daher mein Interesse an der Sache."
"Tut mir leid, wahrscheinlich werde ich paranoid."
"Was bitte soll so einen gestandenen Ermittler wie dich paranoid werden lassen?" Ich versuchte, es lustig rüberzubringen, doch meine Nackenhaare sträubten sich und es begann mir kalt den Rücken herunter zu laufen. Ich konnte es nicht fassen, aber Meyer schaute sich tatsächlich um, ob jemand zuhörte!
"Das war eine verdammt üble Sache!"
"Kann ich gut verstehen, eine Familientragödie ist immer schlimm, besonders wenn Kinder unter den Opfern sind."
"Nein, das meine ich nicht." Wieder schaute er sich um. "Die Ermittlungen… wir mussten…"
"He, ist hier noch frei?" Einer von Meyers jüngeren Kollegen kam an unseren Tisch, setzte sich dazu und Meyer verstummte sofort.
"Sie sind doch der Kerl aus dem Knast? Wie nennt man Sie, den Bad-Man! Cooler Name."
Damit war der Typ bei mir unten durchgefallen. Er hatte ein arrogantes Gehabe und die Art, wie er meinen Spitznamen benutzte, klang ziemlich abfällig.
"Ja, so nennt man mich, aber das Recht, mich so zu nennen, muss man sich erst verdienen!"
Wir taxierten uns gegenseitig mit festem Blick und ich gab nicht nach. Schließlich brummte der Arsch etwas Unverständliches und kümmerte sich um seinen Kaffee. Meyer sagte kein Wort mehr, doch seine Augen sagten mir etwas ganz anderes.
"Wir sehen uns, Sherlock", verabschiedete ich mich von Meyer, stand auf und ging.
"Blöder Arsch.", hörte ich noch den Jungen murren und normalerweise hätte ich mir den Typ sofort vorgeknöpft und mit ihm den Boden aufgewischt, doch ich hatte gerade ganz andere Sorgen.
***
Beate lebte nun seit zwei Wochen in Veras Wohnung. Wie sie es versprochen hatte, machte sie keinen Ärger und achtete darauf, dass niemand etwas von ihrer Anwesenheit bemerkte. Vera verbrachte unterdessen mehr und mehr Zeit mit Beate. Die beiden schienen Freundinnen zu werden. Ich versuchte, Vera klar zu machen, dass über uns und ganz besonders über Beate, Trommers Damoklesschwert hing, doch meine Warnung schien an ihr vorbei zu gehen.
Warum Trommer Beates Leben unbedingt beenden wollte, war mir noch immer schleierhaft, denn ich machte mir keine Illusionen darüber, dass er Beates Urteil korrigieren wollte. Nein, er stellte nur zwei Tage nach seinem Besuch hier in der JVA den Antrag, das Verfahren gegen Unbekannt einzustellen, und bestritt seine "Beteiligung" an Beates Tod in keiner Weise.
Doch Vera schien sich dieser Tatsache zu verschließen. Für Vera war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Beate wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnte. Ich fragte mich unterdessen, ob Beate das überhaupt wollte. Jetzt lebte sie für ihre Rache, die Gelegenheit sich an Petra Strass zu rächen, doch angenommen, sie würde ihre Rache bekommen… was dann? Ihre Familie gab es nicht mehr! Ich glaubte nicht, dass Beate oder Vera soweit vorausdachten.
Während der nächsten Tage wurde Beates Bild auf den Titelblättern immer kleiner und verschwand schließlich auf Seite 5, dafür wurde Trommers Bild immer größer und die Artikel über ihn umfangreicher.
Trommer hatte es geschafft, zum Selbstläufer zu werden. Man hätte glauben können, er wäre ein Politiker, der vor der Wahl noch einmal alles gibt, um wiedergewählt zu werden. Er griff ganz nebenbei Themen auf, die seine Person ins richtige Licht brachte und schaffte es, so in den Schlagzeilen zu bleiben. Natürlich war er klug genug, niemanden persönlich anzugreifen, doch nach und nach schaltete er einen möglichen Bewerber für den Posten als Generalstaatsanwalt nach dem anderen aus.
Dabei hatte er noch nicht einmal das Wort "Bewerbung" oder "Generalstaatsanwalt" in den Mund genommen. Nein, er spielte einfach nur den besorgten Staatsdiener! Mit dieser Methode machte er sich allerdings auch jede Menge Feinde, doch die waren ganz klar in der Minderheit. Und wenn sich jemand tatsächlich erdreistete, etwas gegen Trommer zu sagen, brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Das konnte ein Shitstorm in den sozialen Medien sein oder die Zeitungen gruben etwas aus und zerrten eine Leiche aus dem Keller des Anklägers.
So kam es, dass nach und nach Trommers Gegner verstummten oder zum Schweigen gebracht wurden. Aber auch die, die nur passiv auf einen Fehler warteten, waren nicht sicher. Ein Wort der Kritik an der falschen Stelle kostete in diesen Wochen einige Karrieren. Mir wurde indessen immer klarer, dass ich mehr über Beates Fall herausfinden musste und dazu musste ich nochmals mit Meyer reden. Die Sache fing an zu stinken ... Ich kannte Meyer. Er war einer, den nichts erschüttern konnte, und plötzlich hatte so einer Angst! Wenn Meyer schon Angst hatte… Dann musste da eine ganz große Sauerei am Laufen sein!
Ich schaute auf die Uhr, dann suchte ich seine Nummer heraus und rief ihn unter seiner Durchwahl an.
"Meyer."
"Hier ist Stein. Hättest du Interesse an einem guten Mittagessen?"
Meyer schwieg am anderen Ende, wahrscheinlich wurde ihm gerade klar, dass meine Frage neulich keine reine Neugier war.
"Morgen Mittag um 12 Uhr im Schiller." Schon war das Gespräch beendet.
Ich starrte den Hörer ungläubig an und legte schließlich auf. "Da läuft etwas ganz gewaltig schief", dachte ich und einmal mehr hatte ich das Gefühl, als würde ich nachts ohne Licht über die Autobahn rasen.
Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, klingelte das Telefon erneut.
"Ja?!"
"Herr Stein, hier ist noch einmal Zappf vom Gerichtsmedizinischen Institut Frankfurt. Ich rufe erneut wegen der Sache Fischer an."
"Fischer? … Ah ja, wurde Frau Fischer nach Mainstadt überführt?"
"Nein, deswegen rufe ich ja an, wir konnten Frau Fischer nicht finden."
"Das ist ein Witz, oder?"
"Nein, das ist leider kein Witz. Wir haben den von Ihnen gelieferten Sarg, aber keine Leiche darin."
"Hören Sie, der Sarg war versiegelt, es muss doch ein Protokoll geben, wer das Siegel geöffnet hat!", sagte ich scheinbar sauer, denn ich wusste, dass es ein solches Protokoll nicht geben konnte. Vera hatte das Siegel angebracht, es dem Bestattungsunternehmer gezeigt, der hatte unterschrieben. In der Zeit, die der Bestatter brauchte, um das Formular auszufüllen, hatte ich das Siegel wieder entfernt, in der Hoffnung, dass dies am Samstagabend in Frankfurt nicht kontrolliert wurde. Soweit war meine Rechnung aufgegangen! Am Samstagabend hatte sich niemand in Frankfurt die Mühe gemacht, das Siegel zu überprüfen, denn das wäre uns sofort mitgeteilt worden. Jetzt, nach zwei Wochen war es so gut wie unmöglich nachzuvollziehen, wer das Siegel entfernt haben könnte. Ich jedenfalls hatte eine amtliche Bestätigung, dass der Sarg mit Beate als Inhalt versiegelt in Frankfurt angekommen war!
"Leider scheint jemand den Sarg geöffnet zu haben, ohne auf das Siegel zu achten und ein entsprechendes Protokoll auszufüllen."
"Heißt das etwa, die Leiche von Frau Fischer ist Ihnen abhandengekommen?!"
"Wir versuchen noch zu rekonstruieren, wo Frau Fischer abgeblieben ist."
"Was wäre denn der schlimmste Fall?"
"Dass Frau Fischer mit einer freigegebenen Leiche vertauscht und bereits eingeäschert wurde."
"Dann muss es doch eine andere herrenlose Leiche geben? Was ist denn da bei Ihnen los?"
"Die ursprüngliche Verwechslung lag auf Ihrer Seite!"
"Ja, das ist schon richtig, aber Fakt ist, dass die Leiche von Frau Fischer bei Ihnen ankam und jetzt verschwunden ist!"
"Nur um alle anderen Möglichkeiten auszuschließen, hat mein Abteilungsleiter mich beauftragt, bei Ihnen nachzufragen, ob die Leiche von Frau Fischer auch tatsächlich in dem Sarg war."
"Warten Sie… jetzt wo Sie es erwähnen… hier riecht es in den letzten Tagen so seltsam…"
"Es gibt keinen Grund sarkastisch zu werden, Herr Stein!"
"Verdammt! Wir sind eine JVA! Hier liegen keine Leichen herum!"
"Es war auch lediglich eine Nachfrage. Ich werde dies so ausrichten und wir suchen weiter."
"Gut! Wenn Sie Frau Fischer gefunden haben, geben Sie mir umgehend Bescheid!" Damit knallte ich den Hörer auf und musste zum ersten Mal seit zwei Wochen herzhaft lachen.
***
Die andere Wahrheit
Am nächsten Tag machte ich mich auf, um ins Schiller zu gehen, ein kleines verwinkeltes Restaurant in der Altstadt. Am Wochenende brauchte man dort erst gar nicht ohne Reservierung hinzugehen, doch mitten in der Woche um die Mittagszeit hatte man meistens Glück.
Meyer saß in einem der Winkel, von dem er das Restaurant überblicken konnte und wartete auf mich.
"Hallo, Sherlock", begrüßte ich ihn und dieses Mal ignorierte er meine Hand, die ich ihm entgegenstreckte.
"Hallo Mister, es interessiert mich einfach."
Ich setzte mich und Meyer dirigierte mich in eine Ecke, von der aus ich von der Straße nicht gesehen werden konnte, falls jemand am Restaurant vorbeiging.
"Was ist bloß los mit dir? Wieso hat ein so erfahrener Ermittler wie du Angst?"
Bevor Meyer antworten konnte, wurde unsere Bestellung aufgenommen und er wartete, bis die Bedienung wieder weg war.
"Bevor ich auch nur ein Wort sage, will ich wissen, wieso dich das interessiert."
"Die letzten Worte von Beate Fischer waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht>. Wenn das stimmt und ich glaube es, wurde sie zu Unrecht verurteilt. Das hört sich jetzt vielleicht abgedroschen an, doch es ist etwas, mit dem ich schlecht leben kann und das ich nicht hinnehmen werde. Ich will den wahren Mörder!"
"Sie war eine Mörderin. Sie hat ihren Mann mit 40 Messerstichen praktisch filetiert."
"Er soll die gemeinsame Tochter erwürgt haben. Wenn ich Kinder hätte und jemand würgte sie, könnte er froh sein, wenn er mit nur 40 Messerstichen davonkommt."
"Woher weiß du das?"
"Was?"
"Dass ihr Mann die Kleine erwürgt hat! Das steht weder in der Akte noch in einem Bericht."
Verdammt, Meyer hatte mich ertappt! Ich hatte mich zu sehr auf Beates Bericht verlassen und die Akte weniger genau gelesen… als Ermittler war ich wohl ein blutiger Anfänger.
"Von Beate. Sie hat erzählt, dass sie dazu kam, als ihr Mann die kleine Ella würgte. Sie hätte versucht, die Tochter zu retten, aber es war zu spät."
"Das sind ziemlich viele letzte Worte!"
"Scheiße! Also gut, ich habe mit ihr geredet, bevor sie in den gelockerten Vollzug kam, schließlich musste ich eine Bedrohungsanalyse vornehmen."
"Und du hast es trotzdem getan? Ich meine die Verlegung in den gelockerten Vollzug."
"Was hätte ich denn tun sollen? Laut Gesetz stand ihr das Recht zu! Unser Job ist es dafür zu sorgen, dass so etwas nicht geschieht… tja, da habe ich ganz klar versagt… aber ich habe Beate versprochen, den wahren Mörder zur Rechenschaft zu ziehen."
Meyer schwieg eine Zeit lang und blickte mich nicht an, als er anfing zu erzählen. "Ich war als einer der ersten Ermittler am Tatort. Die Kollegen hatten Beate Fischer schon in Handschellen abgeführt. Laut der Zeugin Strass hatte diese mit Beates Mann und der kleinen Ella Kaffee getrunken, um nachträglich den ersten Schultag zu feiern. Es hätte wegen vorheriger Probleme zwischen Fischer und Strass eine klare Absprache zwischen Beate und ihrem Mann gegeben. Jedes zweite Wochenende würde Petra Strass zu ihrem Freund kommen und Beate würde in der Zeit außerhalb des Hauses bleiben. Das hätte man so vereinbart, da es zwischen den Frauen Handgreiflichkeiten gegeben haben soll, die, ebenfalls nach Aussage von Strass, ausschließlich von Beate ausgegangen sind. Mit dieser Regelung wäre man dann drei Monate gut gefahren. Dennoch hätte Beate sie immer wieder bedrängt und auch verbal angegriffen. Auch Telefonterror hätte Petra Strass erdulden müssen."
"Verflucht hart dieses Abkommen."
„Schließlich kam der Tag, an dem der Streit eskalierte. Petra Strass sagte aus, Beate sei trotz der Übereinkunft in das gemeinsame Haus gekommen und hätte ihr in der Küche eine Szene gemacht. Dabei sei es zum Streit zwischen Beate und ihrem Mann gekommen. Im Laufe des Streites hätte der Mann damit gedroht, sie aus dem Haus zu werfen und dafür zu sorgen, dass sie das Sorgerecht für Ella verliert. Daraufhin wäre Beate durchgedreht, hätte die kleine Ella gepackt und ihr die Hände um die Kehle gelegt.“
"Wenn ich sie nicht bekomme, bekommt sie keiner!", soll sie geschrien haben. Ihr Mann soll Beate von Ella losgerissen und zu Boden geworfen haben, doch der Kehlkopf der kleinen Ella war bereits zerquetscht.
Während der Ehemann sich am Boden kniend um Ella gekümmert hätte, nahm Beate das Messer und stach auf ihren Mann ein. Petra Strass sagt weiter, sie hätte versucht, Beate davon abzuhalten, doch Beate hätte sie zur Seite geschleudert und sie sei mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen. Anschließend sei sie aus dem Haus geflüchtet und hätte die Polizei gerufen. Soweit die Aussage von Petra Strass."
"Und? Wie ist es deiner Meinung nach wirklich abgelaufen?"
"Meiner Meinung nach? Wen interessiert meine Meinung schon!"
"Mich, verdammt nochmal. Und dich selbst!"
Wieder schwieg Meyer einen Moment, dann fuhr er fort. "Das erste was mir auffiel, waren die Würgemale am Hals der kleinen Ella. Die passten nicht zu Beates Händen. Auch war an der Kleinen kein Blut. Wäre es so gewesen, wie die Strass sagte, dass der Mann sich um Ella kümmerte, als Beate mit dem Messer auf ihn losging, hätte die Kleine mit Sicherheit einiges abbekommen. Also haben wir uns die Leiche von Beates Mann genauer angesehen.
Hast du schon mal jemanden erstochen? Das ist gar nicht so einfach, es kostet nämlich einiges an Kraft. Beate hat das Messer 44 Mal in ihren Mann gerammt. Die ersten Stiche waren tief und drangen bis zum Heft in ihn ein, die Letzten waren nur noch halb so tief.
Doch die tiefen Einstiche waren nicht im Rücken! Strass sagte aber, Beate hätte ihrem Mann von hinten angegriffen, als er sich um das Kind kümmerte. Die tiefen Stiche waren alle auf der Vorderseite! Genau 17 Stiche. Dann wurde Beate kraftloser und die letzten 5 Stiche waren nur noch oberflächlich. Nur diese waren auf dem Rücken. Für mich stand sofort fest, dass die Aussage der Strass von vorne bis hinten erlogen war."
Als ich das hörte, war ich zutiefst geschockt. Beate war, nein, Beate ist unschuldig. Der ganze Prozess und damit Beates Urteil beruhten auf einer Falschaussage. Verfluchter Mist!
"Wenn ihr das wusstet, warum habt ihr nichts getan? Ihr habt zugesehen, wie eine Unschuldige zu lebenslanger Haft verurteilt wurde!"
"Glaubst du ernsthaft, wir hätten nichts gemacht?! Verdammt! Ich war noch vor Ort, als Trommer erschien. Er ließ sich einen vorläufigen Bericht geben und verschwand. Während wir unsere Berichte schrieben, besuchte er Petra Strass und ließ sich ihre Version erzählen. Kaum waren unsere Berichte zur Staatsanwaltschaft gegangen, wurden wir zu ihm bestellt, nein, wir wurden nicht bestellt, wir wurden herbeizitiert! Trommer teilte uns mit, dass wir unsere Ermittlungen an den Aussagen von Petra Strass ausrichten sollen. Sie wäre schließlich die einzige Augenzeugin. Wir waren völlig perplex. Natürlich haben wir ihre Aussage in Erwägung gezogen, doch da gab es einige Ungereimtheiten. Wir machten Trommer darauf aufmerksam und Trommer bat uns die Ergebnisse der Untersuchungen der Rechtsmedizin abzuwarten und diese ihm vorab mitzuteilen. Wir waren einverstanden, schließlich war er für den Fall zuständig.
Nach drei Wochen kamen die Ergebnisse, es war genau, wie wir vermutet hatten. Petra Strass hatte gelogen. Beate hat zwar ihren Mann umgebracht, das gab Beate ja auch zu, aber die Würgemale deuteten auf den Ehemann als Mörder von Ella hin. Auch die Messerstiche bestätigten, dass Beate ihren Mann frontal anging. Mit diesem Ergebnis unter dem Arm sind wir zu viert zu Trommer. Er ließ sich alles haarklein darlegen und dachte nach. Dann sagte er, dass er die Version der Strass für plausibler halte und wir diese als Ermittlungsbasis nehmen sollten.
Wir dachten, dass wir uns verhört hatten. Trommer saß ganz ruhig da und verlangte von uns, die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken. Natürlich haben wir abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll. Dabei war ich noch der freundlichste von uns."
"Was ist dann passiert? Ihr vier wart euch einig, dass Petra Strass lügt und dennoch wurde das in der Verhandlung nicht ein einziges Mal erwähnt."
"Ein paar Tage später gab es einen versuchten Einbruch. Die Meldung besagte, ein angetrunkener Jugendlicher würde versuchen, die Sicherheitsglasscheibe eines Juweliers einzuschlagen. Einer von uns vier hatte gerade Dienst und fuhr hin."
"Und?"
"Der Betrunkene hat ihn niedergeschossen. Eine Woche später wurde der Zweite von uns von hinten niedergeschlagen und liegt seitdem im Koma."
Meyer schwieg.
"Und der Dritte?"
"Der hat Trommers Version geschrieben, in die Akte gepackt und ist jetzt drei Gehaltsstufen höher als Chef einer Sondergruppe."
"Was ist mit dir?"
Meyer schwieg wieder. Was sollte er auch sagen? Dass er zu feige gewesen war, Trommer die Stirn zu bieten? Dass er zu viel Anstand hatte, Trommers Angebot anzunehmen? Die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen.
"Ich habe noch zwei Jahre und keine Lust, schon vorher zu sterben. Also halte ich die Klappe. Beate hat ihren Mann umgebracht. Ganz unschuldig war sie also nicht."
"Du machst es dir ganz schön einfach."
"Tue ich das? Ich erzähle dir mal was. Falls du dich mit Trommer anlegst, dann pass gut auf dich auf, wenn du nachts unterwegs bist. Hast du nicht diese rothaarige Freundin? Ich an deiner Stelle würde sie nicht mehr aus den Augen lassen."
"Das würde sich nicht mal Trommer wagen."
"Ach ja?", grunzte er. "Neulich wollte ich meinen Enkel an der Kita abholen, da wurde mir gesagt, dass er schon abgeholt sei. Ich habe sofort Alarm geschlagen, und weißt du was? Er war zu Hause und niemand weiß, wie er dorthin kam! So viel zu dem, du machst es dir einfach."
Mein Kopf fing an, sich zu drehen. Dass Trommer ein Mistkerl war, das wusste ich ja mittlerweile schon, aber was für ein Mistkerl, das wurde mir erst jetzt langsam bewusst.
Mein Plan, Trommer mit irgendwelchen Ermittlungsergebnissen dazu zu bringen, Beate zu rehabilitieren war jedenfalls gestorben. Meyer würde kein Wort verlieren. Gleichzeitig geriet ich in Rage. Rage? Das war gar kein Ausdruck für die Wut, die in mir hochstieg!
Ich arbeite in einem Rechtsstaat. Gerichtsurteile, an deren Umsetzung ich beteiligt bin, werden von unabhängigen Gerichten gesprochen und dieser Mistkerl hat das Gericht dazu benutzt, seinen schmutzigen Plan in die Tat umzusetzen. Schlimmer noch! Trommer hatte nicht nur das Gericht benutzt, er hatte MICH benutzt. Gut, wir konnten die Umsetzung dieses Verbrechens an Beate verhindern, doch nun wurde mir klar, dass ich mich mit ihrer Rettung selbst in eine Sackgasse begeben hatte, aus der es keinen Ausweg mehr gab … außer… Beate starb. Natürlich kam das nicht in Frage, doch eine Lösung schien jetzt noch unerreichbarer als vor zwei Wochen!
"Überleg es dir gut, ob du einen Kreuzzug gegen Trommer startest. Und falls ja, dann mach dir keine Hoffnung. Du stehst allein!"
Mit diesem Satz fischte Meyer einen Geldschein aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und verschwand.
Ich blieb noch ein paar Minuten sitzen und ordnete meine Gedanken. Als Erstes musste ich meine Wut unter Kontrolle bringen, dann erst konnte ich mich auf den Rückweg machen. Zwanzig Jahre Berufserfahrung hatten mich gelehrt, dass dies eine gute Idee ist. Als ich zu meinem Wagen kam, standen dort zwei Männer am Auto und warteten scheinbar auf mich.
"Sieh mal an, der Bad-Man", meinte der eine. Es war der Hundesohn aus der Kantine mit einem zweiten Kerl. Beide waren in Zivil und die beiden waren sicher nicht dienstlich an meinem Wagen interessiert.
"Tu dir selbst einen Gefallen und verschwinde", riet ich dem Idioten.
"Du triffst dich mit den falschen Leuten, Bad-Man. Ich dachte, ich weise dich vorsichtshalber darauf hin."
Obwohl ich meine Wut unterdrückt hatte, brodelte in mir noch immer eine riesengroße Portion Hass. Ich merkte, wie sie begann, von mir Besitz zu ergreifen.
"Und ich weise dich vorsichtshalber darauf hin, dass ich dir in fünf Sekunden die Fresse poliere, wenn du nicht abhaust!"
Diese Warnung nahm der Typ nicht ernst und kam einen Schritt auf mich zu, dabei setzte er sogar noch einen obendrauf, indem er freundschaftlich seinen Arm um mich legte.
"Hör zu, Bad-Man. Damit das klar ist…"
Weiter kam er nicht. Mein linker Fuß krachte auf sein Knie und gleichzeitig packte ich ihn in den Haaren, zerrte seinen Kopf nach unten und mein Knie nach oben. Es traf ihn mitten ins Gesicht, bei dem die Nase knirschend nachgab. Noch während er zusammenklappte, hatte ich ihm seine Pistole aus dem Halfter gerissen und hielt sie seinem Kollegen unter die Nase.
Der hatte auch die Hand an seiner Waffe, doch er war so überrascht, dass er sie noch nicht gezogen hatte. Deutlich hörbar entsicherte ich die Waffe.
"Ich würde es nicht darauf anlegen!", sagte ich mit eiskalter Stimme, dabei hielt ich die Waffe ohne das geringste Zittern. "Die Pfoten weg von der Waffe!"
Ganz langsam nahm er die Hand von seiner Waffe und hob die Hände schön so, dass ich sie sehen konnte.
"Jetzt klemm dir die Pfeife unter den Arm und verschwinde! Und bevor ihr Blödsinn macht, beim nächsten Mal kommt ihr nicht so gut davon!"
Ich hielt die Pistole weiter auf ihn, bis er das Arschgesicht in ihr Auto gepackt hatte, dann deutete ich ihm die Seitenscheibe herunterzufahren. Als die Scheibe offen war, warf ich das Magazin aus der Pistole, entlud sie und warf Waffe und Magazin durch die offene Scheibe in den Innenraum. Arsch Nr. 2 gab Vollgas und verschwand, während ich in mein Auto stieg und zur JVA zurückfuhr.
Was für eine Scheiße! Ich machte mir zwar keine Gedanken, dass die beiden eine Anzeige schreiben würden, aber irgendjemand überwachte mich. Wer das war, darüber musste ich nicht rätseln. Trommer! Und die beiden Pfeifen würden sicher bereits mit ihm reden. Na ja, reden würde wahrscheinlich nur einer der beiden. Immer noch kochend vor Wut saß ich später im Büro. Langsam erkannte ich das Netz, in dem ich mich verfangen hatte. Was immer Trommer für einen Plan hatte, ich hatte keine andere Wahl, als mitzumachen. Beate war tot. Wie sollte ich erklären, dass sie noch lebte? Wer würde mir glauben?
Niemand! Es war, wie Meyer gesagt hatte, ich stand allein da.
***
"Na, du Ermittler?", grinste Vera. "Ich muss gleich auf die Krankenstation und wollte nur kurz vorbeischauen." Meinte sie und setzte sich auf das Sofa gegenüber vom Schreibtisch.
"Hm", grunzte ich.
"Mach es nicht so spannend, was hast du herausgefunden?"
Ich erzählte Vera alles, was ich von Meyer erfahren hatte und auch, was im Anschluss geschehen war. Vera wurde blass, als sie die Wahrheit über Beates Fall erfuhr.
"Endlich, jetzt wissen wir was wir machen müssen, um Beate zu helfen!"
"Hast du nicht zugehört? Trommer wird niemals zulassen, dass wir ihn kompromittieren. Womit auch? Beate ist tot, hast du das schon vergessen? Wenn wir da irgendwie rauskommen wollen, gibt es nur einen Weg! Wir lassen die Bombe platzen und gehen zu Frank. Mit etwas Glück behalten wir unseren Job, Beate wird von den Toten auferstehen und kommt in den geschlossenen Vollzug. Dann muss sich Trommer etwas Neues ausdenken."
Als die Worte bei Veras Gehirn ankamen, wich alle Farbe aus ihr.
"Nein!", flüsterte sie. "Nein, das darfst du nicht!"
"Vera…"
"Nein!" Vera war aufgesprungen und schrie fast. "Das werde ich nicht zulassen!"
"Vera, du weißt besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt, dass mir das keinen Spaß macht, aber…"
Da geschah etwas, was mich fassungslos machte.
Vera ging vor mir auf die Knie!
"Ich flehe dich an, tu es nicht!"
Sie sah mir direkt in die Augen. In diesem Blick lag wirklich alles! Der Blick sagte mir, dass sich Vera unsterblich in Beate verliebt hatte.
Die Angst, diese Liebe zu verlieren und die Bereitschaft für diese Liebe zu kämpfen, koste es, was es wolle.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Nein, ich war ... keine Ahnung! Völlig schwindelig kniete ich mich zu Vera und nahm sie in den Arm, als sie anfing zu weinen und dabei bebte, während ich sie hielt.
"Versprich es mir! Versprich mir, dass du sie beschützt!", flehte sie tränenüberströmt.
Was sollte ich nun tun? Vera war der wichtigste Mensch für mich auf dieser Welt.
"Ich verspreche dir, dass ich nicht zu Frank gehe, egal was geschieht, ich beschütze sie."
"Ich muss zum Dienst. Sieh mir in die Augen und sag mir, dass du dein Wort hältst."
Mit der Hand griff ich unter Veras Kinn, hob ihren Kopf und sah ihr in die Augen. "Ich verspreche es."
Noch immer weinend ging sie heraus und ich blieb erschüttert zurück.
Jetzt war es keine "unpersönliche" Sache mehr. Vera liebte Beate! Seltsamerweise kam kein Funken Eifersucht in mir auf, obwohl mir bewusst war, dass ich Vera verloren hatte. Nun war Veras Schicksal mit dem von Beate verbunden. Wenn Beate unschuldig in Haft käme und dabei war es sehr wahrscheinlich, dass es früher oder später einen neuen Anschlag gab, würde Vera das nie überwinden. Das kam nicht in Frage, weder heute noch an einem anderen Tag.
Genau jetzt, an diesem Punkt hatte ich die Wahl. Was war mir wichtiger? Veras Sicherheit ober aber das Wort, das ich ihr vor wenigen Sekunden gegeben hatte?
NEIN! ICH HATTE KEINE WAHL! Niemals könnte ich Vera hintergehen und mein Wort zu brechen, kam für mich erst recht nicht in Frage! Vielleicht würden wir alle draufgehen, aber dann, verdammt nochmal, gingen wir kämpfend unter!
***
Übersee-Einsatz
Mein Onkelchen meldete sich einige Wochen später erneut bei mir, um meine Hilfe bei einem besonderen Fall einzufordern. Sein Anruf begann stets mit den gleichen lieblichen Worten: "Mischka, meine Kleine, wir haben da ein Problem!"
"Ich schick dir über den anderen Kanal eine Datei, melde dich, wenn du Fragen hast, ja?" Damit begann ein weiterer interessanter Einsatz für meinen lieben Onkel. Die gesicherten Daten ergaben, dass sich ein Verräter nach Perth absetzen wollte und dass diese Person die geheimsten Pläne der US-Verteidigung verraten wollte. Das Dumme an der Angelegenheit waren zwei Dinge: Man wusste im Moment nicht genau, wer der Verräter war, und auch nicht, was als Übergabemedium gewählt wurde – also Film, Datenspeicher oder was auch immer.
Eines aber wusste man genau, welchen Fluchtweg der Verräter gerade nahm. Damit kam ich ins Spiel. Beide als Verräter in Betracht gezogene Personen waren auf Mikronesien ausfindig gemacht worden, aber dann in Richtung Nauru und den Solomon-Inseln entkommen. Das war mein Gebiet und ich machte mich auf den Weg nach Honiara. Der Flughafen Lungga hatte von seiner herrlichen Lage noch immer nichts eingebüßt. Ich stand bereit und wartete auf neue Informationen, als mein Handy summte. Endlich kamen die Neuigkeiten, auf die ich so dringend wartete.
"Mischka, wir haben es jetzt. Der Verräter hat detailliertes Wissen über die US-Alarmierungskette in Luft- und Wasser. Er kennt den Platz jeder Sonarsonde und auch die versteckten in den Sektoren B07 bis B09."
Der eigentliche Spion war also enttarnt. John Mercury, so nannte sich der Mann, die Bilder zeigten einen attraktiven Mann. Unter den Merkmalen stand "sexuell aktiv, eidetisches Gedächtnis", er war also ein Mann mit fotografischem Gedächtnis, der nichts anbrennen ließ.
Endlich, eine Stunde vor der Landung der Maschine, kam die Bestätigung von Onkelchen, dass dieser Mann tatsächlich in der Maschine wäre und definitiv der Verräter war.
Die Übergabe würde in Perth stattfinden, ich musste also vorher an ihn herankommen. Die Informationen lauteten, dass er die Nacht hier in einem guten Hotel verbringen wollte und am Morgen weiter nach Australien fliegen wollte. Ich musste also schnell handeln.
***
John Mercury hatte seine Augen überall, als er die Boeing verließ. "Auf Wiedersehen, ihr Hübschen!", rief er noch und die Stewardessen lächelten ihm dankbar zu.
Heimlich prüfte er seine Umgebung und war sich sicher, dass er noch nicht aufgefallen war. Deswegen hatte er diesen abgelegenen Flughafen gewählt. Nach der Zollabfertigung huschte er eilig um eine Ecke und rannte dabei eine Frau um, als er sich gerade wieder einmal hektisch umsah. Eine Frau? Aber was für eine Frau! Das enganliegende, teure Kostüm war zerdrückt, das sah er auf den ersten Blick, und einer der sündhaft teuren Manolos war am Absatz gebrochen. Die attraktive Frau blickte verwirrt vom Boden zu ihm auf.
"Entschuldigen Sie bitte tausendmal, ich habe Sie völlig übersehen! Ich war auf der Suche nach meinen Flugdaten, sind Sie verletzt?"
"Mein Kopf schmerzt, ich glaube, ansonsten bin ich in Ordnung. Oh, mein Fuß tut auch weh und ich kann nicht aufstehen. Nein, mein Schuh ist auch noch kaputt!"
"Oh, ich befürchte, der ist hinüber, hier bitte halten Sie sich an mir fest beim Aufstehen." Ganz galant half er der Frau in dem eleganten Kostüm auf. Sie betrachtete kurz die Manolos. "Der ist wohl nicht mehr zu retten." Ohne viel zu reden, zog sie den anderen Schuh ebenfalls aus.
"Verzeihen Sie bitte, Miss ...?"
"Mellow, Yasmin Mellow, und Sie sind?"
"John Mercury, es tut mir unsäglich leid und selbstverständlich übernehme ich all Ihre Auslagen, die Sie jetzt durch mich haben."
Im Laufe des Gespräches erfuhr Mercury, was er wissen musste. Sie war jung und ledig, aber durch den Zusammenprall etwas angeschlagen. Offenbar hatte sie Angst, im Leben noch etwas zu verpassen, gab sie John Mercury das Gefühl. Also ließ er sich auf das Spiel ein.
Rasch hatte er ihr ein paar Drinks spendiert und diese zeigten ihre Wirkung. In einem luxuriösen Schuhgeschäft versorgte er die hübsche Frau mit ihren langen, roten Haaren und tollen Brüsten mit neuen Markenschuhen. Danach schlenderten sie durch die Hotelanlage. Yasmin ging neben John und sie betrachteten diese und dann jene Auslage in den vielen Geschäften.
"Wann müssen Sie weiter, Yasmin? Mein Flieger geht erst morgen zur Mittagszeit?"
"Ich habe auch noch einige Zeit, mein Flug steht für 14:30 Uhr auf dem Plan."
"Darf ich Sie zu einem gemütlichen Abendessen einladen, quasi zur Wiedergutmachung? Hier gibt es einen wunderbaren Italiener, der zaubert die besten Pizzen dieser Region."
"Ich liebe italienisches Essen und habe einen Bärenhunger. Bitte!" Damit hakte sich Yasmin bei John am Arm ein und sie gingen zusammen los. Das Abendessen war sehr gut und es floss reichlich Wein. Daher hielt es John Mercury für sehr vorteilhaft, dass er Yasmin mit in sein Hotelzimmer nehmen konnte.
***
Nach einer Weile und reichlich Rotwein lag sie in seinen Armen und nach einer wilden Nacht erwachte John, deutlich von den Anstrengungen der Nacht gezeichnet. Yasmin Mellow hatte ihm alle Wünsche erfüllt. Dennoch überprüfte er ihren Ausweis und die sonstigen Dinge in ihrer Handtasche. Aber alles sah so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Eine erfolgreiche, junge Geschäftsfrau, die einfach nur leben wollte. Vielleicht ergab es sich nochmal, dass er Yasmin treffen konnte.
Ein prüfender Blick in das Bett, ihr wunderschöner Körper lag da und er wusste, dass er sich frisch machen musste, schließlich wollte er danach noch einen weiteren Termin bei ihr haben. Schnell stieg er unter die Dusche und der heiße Dampf umgab ihn. Die Dusche war erfrischend heiß und brachte ihm seine Lebensgeister wieder zurück.
Beschwingt entstieg er der Dusche, suchte im Dampf das Badetuch und rutschte plötzlich auf einem Stück Seife aus. Unglücklich stürzend fiel er mit dem Kopf auf einen Hocker, der an einem ungünstigen Platz stand. Mit einem leisen Knacken brach sich John dabei sein Genick.
Die Tür öffnete sich nun vollständig und die Dame aus dem Bett trat in die Dusche ein. Aus Yasmin Mellow war wieder Caroline Miles geworden, die eiskalt berechnend ihrem Job nachging.
Sie löste ein dünnes Seil vom Hocker und prüfte die Reaktion der Pupillen des Gestürzten mit einer kleinen Taschenlampe. John Mercury war eindeutig tot! Offensichtlich beim Liebesspiel im Bad unglücklich gestürzt. Mit einem raschen Drehen seines Kopfes versicherte sich Caroline, dass er tatsächlich nicht mehr erwachen würde. Daraufhin ließ sie den Dampf abziehen und schoss zwei Bilder des Verräters mit ihrem Handy, mailte die Bilder über eine besonders gesicherte Leitung und löschte sie anschließend wieder von ihrem Handy.
Nach einem kurzen Reinemachen verließ sie das Bad und anschließend völlig neu eingekleidet auch das Hotel. Kurz darauf flog sie in einer Privatmaschine hinaus auf die offene See und verschwand.
Als der Zimmerservice schließlich John Mercury fand, lief alles nach Plan. Das erschrockene Zimmermädchen schrie nach Herzenskräften und einer der Hotelgäste kam zu ihr. "Meine Gute, was haben Sie denn, kann ich Ihnen helfen?"
"Da drinnen in der Dusche! Schrecklich, der Mann liegt mit offenen Augen in der Dusche."
"Bitte rufen Sie die Polizei, ich bin Internist, ich warte, bis die Polizei kommt, vielleicht kann ich ja helfen."
Die Polizei untersuchte den Fall. Es gab keine Aufregung und nur die örtliche Presse schrieb später vom "Letzten Liebesspiel eines Galans" und machte eine richtige Lovestory mit einer schönen Unbekannten daraus.
Dass der Verstorbene ein Verräter war, würde auf der kleinen Insel niemand erfahren. Mein Onkelchen hatte die Daten bereits, als ich ihm vom erfolgreichen Abschluss des Auftrages berichtete. Er informierte mich, dass der Mann sogar ein Doppelagent war und in Australien Geschäfte mit den Chinesen und Russen zugleich machen wollte.
Sein Wissen über die US-Alarmierungskette in Luft- und Wasser wären dabei sehr wertvoll gewesen. Die Daten, die er im Kopf hatte, waren brisant gewesen. Aber jetzt kam niemand mehr an diese Daten heran. Die Geheimnisse waren wieder sicher.
In Perth warteten einige Agenten aus unterschiedlichen Ländern vergeblich auf einen Mann und lasen später von dem Liebesunfall. Spätestens da war ihnen klar, dass ihr Spion nicht mehr kommen würde und sie zogen ab.
***
Konsequenzen
Zwei Tage war der Vorfall mit Trommers Arschgesichtern nun her und Trommer hatte sich noch immer nicht gemeldet, obwohl die beiden Pfeifen ihm mit Sicherheit alles gesteckt hatten.
Vera hatte Beate berichtet, was ich herausgefunden hatte und wohl auch, was für Konsequenzen uns allen drohten. Gestern Abend, als Vera Dienst hatte, saß ich bei Beate und wir sprachen über Meyers Entscheidung, den Mund zu halten. Sollte Vera Beate auch erzählt haben, dass ich in Erwägung gezogen hatte, die Notbremse zu ziehen, um Trommers Plan zu vereiteln, verbarg sie es gut. Irgendwann stand sie auf, kam zu mir und setzte sich auf dem Zweisitzer-Sofa neben mich.
"Peter, ich liebe Vera. Ich weiß, es ist völlig verrückt… meine Familie… und dennoch liebe ich sie mehr als alles andere, was mir auf dieser Welt geblieben ist. Vera gibt mir etwas, das ich nach dem Tod von Ella für immer verloren glaubte… bedingungslose Liebe. Sie gibt mir den Glauben an das Gute in uns und sie gibt mir Hoffnung! Falls es Vera schützt, dann geh zu deinem Chef und beende die Sache!"
Schweigend saß ich neben ihr und schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. "Gestern wollte ich es tun, da ich keinen anderen Weg sah, aber Vera hat mich angefleht, es nicht zu tun. Ich gab ihr mein Wort, es nicht zu tun. Warum?... Ich habe ihre Augen gesehen... Trommer will, warum auch immer, deinen Tod! Doch wenn du stirbst und das könnte ich nur verhindern, wenn wir dich in Einzelhaft stecken, dann wird Vera für immer gebrochen sein. Das werde ich nicht zulassen! Darum werde ich kämpfen, auch wenn es mein Untergang ist."
Beate sah mich an und drehte mein Kinn in ihre Richtung. Zum ersten Mal sah ich diese schöne Frau aus dieser Nähe. Die Gesichtszüge waren sehr fein gezeichnet, ihr Mund hatte genau die richtige Größe und ihre wunderschönen smaragdgrünen Augen funkelten wie kleine Diamanten. Kein Wunder, dass sich Vera in Beate verliebt hatte. Sie nahm meine Hand in ihre und sagte dann zu mir: "Wir kämpfen zusammen. Für Vera!"
"Für Vera", schwor ich ihr.
Beate lehnte sich gegen mich und ich legte meinen Arm um sie. Über eine Stunde saßen wir so zusammen und keiner wollte den anderen loslassen, bis sie mich schließlich fragte: "Bist du mir nicht böse wegen Vera?"
"Böse? Nein! Vor Vera hatte ich nie eine längere Beziehung, erst als sie in mein Leben trat, wusste ich, was es bedeutet, jemanden wie sie an der Seite zu haben. Sie verdient es, glücklich zu sein, genau wie du."
***
Jetzt saß ich hier und hatte noch immer keine Ahnung, wie ich meinen Kampf zu führen hatte, als Jessika in mein Büro kam. In der linken Hand trug sie zwei Kaffeetassen und in der rechten den Generalschlüssel. Sie schloss die Tür, steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch und sperrte die Tür hinter sich ab.
Mit einem fragenden Gesicht reichte mir Jessika eine der Tassen und setzte sich mir gegenüber auf den Besucherstuhl.
"Also?", wollte sie wissen.
"Also, was?"
"Ich habe diesen Blick in deinen Augen schon einmal gesehen. Vor über 20 Jahren, du warst verzweifelt und wusstest nicht weiter. Es ist genau derselbe Blick wie damals."
Ich grinste verlegen. Ja, Jessika kannte mich besser als ich mich selbst. Ihr reichte ein kurzer Blick in mein Gesicht und schon wusste sie einfach alles. Natürlich hatte ich Jessika über die Entwicklung informiert und ihr jede Neuigkeit mitgeteilt, doch von meinem inneren Kampf wusste sie nichts.
"Peter, wir hatten doch ausgemacht, dass wir das zusammen durchstehen, was soll also diese Lonely-Ranger-Nummer?"
"Ganz ehrlich?"
"Du erwartest hoffentlich keine Antwort darauf!"
"Ich habe Angst um dich und ich habe Angst um Vera. Wir haben Trommer von Anfang an unterschätzt und nicht annähernd mit einer solchen Skrupellosigkeit gerechnet. Als wir die Idee hatten, Beate zu retten, kam mir der Gedanke, diesem Mistkerl in die Suppe zu spucken, echt toll vor. Im Gegenteil, ich hielt es für genau die Action, die ich schon immer wollte. Aber jetzt, wo ich damit konfrontiert werde, dass vielleicht die wichtigsten Menschen in meinem Leben dadurch in Gefahr geraten, kommt mir die Idee nicht mehr so großartig vor."
"Es ist etwas spät, sich darüber Gedanken zu machen, oder?"
Da ich nicht antwortete, fuhr Jessika einfach fort. "Angenommen, nur mal angenommen, wir hätten genau gewusst, was für ein Schweinehund dieser Staatsanwalt ist… denkst du wirklich, wir hätten uns anders entschieden?! Wir hätten genau dieselbe Nummer durchgezogen und Vera hätte ebenfalls keinen Rückzieher gemacht! Also, hör auf zu jammern, pack die Ellbogen aus und fang an zu kämpfen! Oder muss ich dich daran erinnern, wieso du hier im Knast Bad-Man genannt wirst?!"
Wieder einmal hatte Jessika den richtigen Ton getroffen und ich sah sie dankbar an. "Nein, Wonder-Woman, das musst du nicht", grinste ich. Unsere "Team-Namen" hatten wir schon vor vielen Jahren bekommen und mittlerweile waren sie Programm. Ich, der Bad-Man, hatte kein Problem damit, einem Möchtegern, ob Anwalt oder Ministeriumsfuzzi seine Grenzen aufzuzeigen. Ging mir so einer gegen den Zeiger, ließ ich ihn schon einmal ins offene Messer laufen, was mir eine Menge Feinde, Anzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden eingebracht hatte. Jessika, die Wonder-Woman, fand dagegen immer einen Weg Vorschriften, Gesetze oder Anweisungen so auszulegen, dass Frank keinen Ärger hatte. Damit stellten wir einfach das perfekte Team da. "Du hast Recht, es ist Zeit die Ellbogen auszupacken!"
***
Ein Freund namens Krischan
Einer meiner Lieblingskollegen hieß Krischan. Er war ein waschechter Kasache und hatte recht früh die Heimat mit seinen Eltern verlassen. Mit ihm hatte ich meine ersten Missionen im Kampfeinsatz. Später kamen noch einige Weitere dazu. Wir lernten uns besser kennen und wurden ein heimliches Liebespaar. Mein Onkelchen hatte da bereits seine Hand schützend über mich gehalten und er war sich sicher, dass ich trotzdem weiter lernte und Erfahrungen sammelte.
"Dagan, das ist nicht gut, wenn eine so junge Agentin sich in einen erfahrenen Kommandoführer verliebt, das wissen Sie genau", hatte der Truppführer zu Dagan gesagt, aber dieser beruhigte ihn. "Lassen Sie die Kleine machen, ich vertraue ihr vollkommen. Sie wird hier viel lernen und sich dabei ihre Hörner abstoßen. Ich habe mich mit Krischan unterhalten und wir wollen das weiterlaufen lassen."
"Gut, Sie sind der Boss, ich halte diesen rothaarigen Wirbelwind aber für ein paar Nummern zu sexy."
"Danke, Ferdinand, aber diese Kleine ist besser als Eleonore Finkally, vertrauen Sie mir."
"Eleonore Finkally, die war bi und eine Spitzenagentin. Sie hat Mann und Frau geleichermaßen vernascht und umgekehrt oder sie eben erledigt."
"Sehen Sie, Caroline wird noch besser als sie, merken Sie sich meine Worte!" Dagan wusste eben, dass ich ein kleine Wilde war und das galt auch für das private Leben. Krischan konnte mich immer wieder zügeln und mir meine Grenzen aufzeigen, er war mein Ausbilder und Freund und Liebhaber dazu. Die Härte des Jobs sollte ich recht schnell und brutal erfahren.
Damals waren wir in der Karibik eingesetzt. Wir hatten auf einer Insel einen Auftrag und sollten eine Familie befreien, die den dortigen Machthabern als Druckmittel und Geiseln diente. Krischan war der Kommandoführer und ich seine Stellvertreterin, Scharfschütze und Funker. Unser dritter Mann, Herale Livingston, war der Sprengstoffexperte, Sanitäter und als begnadeter Nahkämpfer nahezu unbesiegbar. Krischan wies uns nochmals in die Lage ein.
"Herale und ich erkunden hier diese Gebäude, hier, hier und das da. Caroline, du gibst uns von hier oben aus Feuerschutz. Sammelpunkt ist dieser Stall da unten. Die Aufständischen sind garantiert randvoll mit Drogen und fackeln nicht lange. Caroline, du hältst Kontakt zur Einsatzzentrale. Unser Auftrag ist eindeutig. Rettung der Bürger und der Kinder. Keine Feindhandlungen, ist das allen klar? Funkkanal 13, Backup ist 31, die Luftretter sind dieses Mal Jellyfish 1 und 2. Noch Fragen?" Dann kam die verhängnisvolle Stunde, als Krischan und Herale die Häuser erkundeten.
Unser Befehl lautete: verdeckt die Lage aufklären, einen Rettungsweg auskundschaften und sichern, keine Kampfhandlungen ausführen. So lautete damals der Befehl, heute würde das anders aussehen.
Als Krischan und Herale von den Aufständischen überrascht wurden, erhielten ihre Funkgeräte Treffer infolge von Splittern. Dadurch war ich taub und ohne Informationen und konnte nur warten. Plötzlich ging die Schießerei los und ich konnte nicht einordnen, ob meine Freunde dabei waren oder nicht. Ich wusste nur, dass unsere Schutzpersonen zwei Häuser weiter nördlich waren und auf uns warteten.
Doch leider waren wir alle drei verraten worden.
Unser ganzer Plan war offengelegt worden und nur die Tatsache, dass ich meine Positionsänderung selbstständig durchführte und das Haus wechselte, rettete mein Leben. Der Dachstuhl jedenfalls, in welchem ich liegen sollte, ging kurz darauf durch zwei Handgranaten in Flammen auf.
Sie hatten Krischan und Herale gefesselt und trieben sie aus dem Haus auf die Straße. Die Terroristen würden sie für alle gut sichtbar aufhängen, das war mir klar. Und ich, ich hielt mich damals an meine Befehle, und die hießen: keine Kampfhandlungen. Ich wartete also auf meine Chance. Aber die Chance kam nicht. Verstärkung hatte ich bereits zweimal angefordert, aber auch sie kam nicht.
Stattdessen hatten die fünf Terroristen meine Freunde gefangen, zogen die beiden Kinder unserer Schutzpersonen aus dem Haus und stellten sie genau vor Krischan und Herale.
Offenbar wussten die Terroristen auch von mir, nur waren sie sich nicht ganz sicher, ob ich in dem brennenden Dachstuhl umgekommen war. Der Suchtrupp traute sich nicht in das brennende Haus hinein.
Jetzt hatte ich vor mir die beiden Kinder, dahinter meine Freunde und insgesamt fünf verrückte und zugedröhnte Terroristen, die alle und jeden ermorden würden.
Über Funk forderte ich erneut Verstärkung an, aber es gab keine und es hieß nur: "Halten Sie sich an Ihre Befehle!"
Unten auf der Straße tobten die Terroristen und schrien wirre Kommandos. Die Lage drohte aus dem Ruder zu laufen. Schließlich zog einer der Terroristen den Vater der Familie aus dem Haus, ließ ihn vor den Kindern hinknien und schrie ihn an.
Der Anführer baute sich vor dem zitternden Mann auf: "Du Volksverräter, du hast einen Pakt mit den Gringos gemacht. Wieso hast du für uns nicht die Drogen geschmuggelt? Du bist ein Verräter und Verräter dulde ich hier nicht!"
Dann erschoss er den Vater vor den Augen der heulenden Kinder. Anschließend drehte er sich wie ein Verrückter bei einem Veitstanz und schoss mehrfach in die Luft. Die Kinder schrien und rissen sich los. Auch wenn es noch so grausam war, das war meine Chance. Meine einzige Chance.
Noch nie in meinem Leben hatte ich so schnell dreimal hintereinander geschossen und akkurat getroffen. Von den Terroristen fielen fünf getroffen zu Boden, vier der Terroristen hatte ich glatt paarweise durchschossen, weil sie hintereinanderstanden. Den Einzelnen, der den Vater aus dem Haus gezogen hatte und wie verrückt tanzte, hatte ich als Letzten getroffen.
Aber es gab Opfer. Der Vater der Familie lag erschossen am Boden und Herale war schon vorher an der Lunge verwundet worden und spuckte Blut. Er starb auf dem Heimflug an einer Embolie in meinen Armen.
Mit Tränen in den Augen starrte ich Krischan fragend an. "Wieso haben die mich nicht schießen lassen, ich hatte sie alle im Visier. Ich hätte sie ausgeschaltet und Herale würde noch leben, ich habe versagt!"
"Nein, Caroline, Schatz, komm her zu mir, da setz dich. Du konntest nicht anders, unsere Befehle waren nun einmal so. Das ist manchmal ein verdammt dreckiger, harter Job, aber hier sind noch zwei unserer Agenten versteckt und die wären womöglich dann aufgeflogen. Das war wichtiger. Herale war mein Freund, einer meiner besten Freunde sogar, aber auch er kannte das Risiko." Ich sah in seine wunderbaren Augen, die mich anfunkelten.
"Schatz, du hast dich ganz hervorragend verhalten. Du hast die restliche Familie und die beiden Agenten und mich gerettet. Also komm her, weine dich aus, aber unser Job verlangt ab und zu Blutzoll!"
"Verdammt, ich sehe den Vater noch genau vor mir", sagte ich zu Krischan und er lächelte mich an. "Ja, ich kenne das, mein Liebling. Das geht dir nie wieder aus dem Kopf, also erinnere dich daran, damit du dir immer die vollen 100% der Leistung abverlangst." Auf dem Flug zurück erzählte er mir, wie auch sein erster Einsatz mit Verlusten abgelaufen war, und ich erkannte in seinen Augen, dass diese Erinnerungen unvergessen blieben.
"Weißt du, Caroline, ein guter Soldat hat mir einmal folgendes gesagt: von Zeit zu Zeit muss der Boden der Gerechtigkeit mit dem Blut von Helden getränkt werden."
"Ja! Aber es tut so weh." Krischan umarmte mich erneut und drückte mich zart, dann küsste er mich sanft und streichelte mir durch meine Haare. "Ja, es tut weh und das ist gut so, das zeigt dir, dass du da drinnen Mensch geblieben bist."
So musste ich immer wieder an den erschossenen Vater denken. Sein Bild ging mir lange nicht aus dem Kopf. Krischan gelang es, mich wiederaufzubauen und mir klarzumachen, dass so etwas geschah und man einige Dinge nicht ändern konnte. Dafür liebte ich ihn. Einen besseren Freund und Ausbilder hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Ganz abgesehen davon war er auch ein begnadeter Liebhaber.
***
Erkenntnisse
Es war die erste Krisensitzung, an der Beate teilnahm. Da wir es nicht riskieren konnten, Beate über den Flur gehen zu lassen, beschlossen wir, die Sitzung in Veras Wohnung abzuhalten, als Vera noch Dienst auf der Krankenstation hatte. Während Beate auf dem Bett saß und ich auf und ab ging, saß Jessika am Tisch und machte sich Notizen.
"Also", sagte ich, "Trommer erscheint und besteht auf gelockertem Vollzug. Er kauft sich Torres, um dich", ich sah zu Beate, "abstechen zu lassen..."
"Peter!", wandte Jessika ein. "Bitte!"
"…um dich töten oder zumindest schwer zu verletzen", verbesserte ich mich.
"Danke", nickte Beate und zwinkerte Jessika zu.
"Wir wissen weiterhin, dass dein Prozess auf einer Falschaussage basiert."
"Das passt", warf Jessika ein. "Trommers Ziel war, Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, denn im geschlossenen Vollzug wäre ein Anschlag um ein vieles schwieriger. Es wäre zeitlich nicht abzusehen gewesen, wann dieser erfolgen würde. Um Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, musste gegen das Urteil zwingend eine Revision vorliegen. Wahrscheinlich hat Trommer damit gerechnet, dass Beates Anwalt sofort Revision einlegt. Da dieser es aber nicht direkt im Anschluss an die Urteilsverkündung tat, musste er selbst dafür sorgen. Wäre das Gericht seinem Revisionsantrag nicht gefolgt, hätte er mit neuen Erkenntnissen, die durch die Falschaussage entstanden, dem Gericht gar keine andere Wahl gelassen, als die Revision zuzulassen."
"Hm, das macht irgendwie Sinn… aber wir wissen auch, dass Trommer Generalstaatsanwalt werden will… Wie passt das ins Bild?"
Jessika hatte ihren Stift auf den Tisch gelegt und rieb sich die Schläfen. Ich konnte ihre Gedanken rasen hören. Sie sah Beate an, schließlich sagte sie: "Das gehört alles zu seinem großen Plan!"
"Zum großen Plan?", fragte Beate und auch ich war stehen geblieben.
"Hier geht es nicht darum, dass Trommer Generalstaatsanwalt wird, hier geht es um viel mehr! Um General zu werden, brauchst du nur genug Freunde mit dem richtigen Parteibuch. Aber wenn du höher hinauswillst und ich meine viel höher, dann musst du die Öffentlichkeit für dich gewinnen, und zwar die breite Öffentlichkeit! Trommer konnte nicht wissen, wie die Leute reagieren. Hätten Meyer und die anderen Ermittler die Öffentlichkeit informiert, oder die ganze Sache mit der Falschaussage wäre durchgesickert, hätte er mit Sicherheit einen Weg gefunden, um Beate öffentlich rehabilitieren zu können. Trommer, der große Retter! Aber angenommen, zwischen Prozessende und seiner Bewerbung zum Generalstaatsanwalt würde die Stimmung in der Öffentlichkeit umschlagen, oder einer der früheren Ermittler packte im Nachhinein aus, hätte er ein ernstes Problem! Also musste Beate so schnell wie möglich sterben! Meyer und die anderen Ermittler sehen sich auf diese Weise mit der Tatsache konfrontiert, dass sie eine gehörige Portion Mitschuld an Beates Tod tragen, also halten sie die Klappe.
Seit der Verhandlung und besonders nach Beates Tod hat Trommer das Scheinwerferlicht und die Auftrittsbühne, die er von Anfang an wollte. Seit ihrem Tod reden die Leute über ihn, dabei muss es nicht unbedingt nur Gutes sein, nein, das interessiert ihn einen Dreck, denn solange die Leute über dich reden, solange bist du in ihrem Gedächtnis!" Sie sah Beate direkt ins Gesicht, als sie fortfuhr. "Ob tot oder lebend, verurteilt oder freigesprochen, du hast ihm das gegeben, was er wollte, eine ganz große Bühne! Genau das war von Anfang an sein Masterplan!"
"Scheiße!", fluchte ich laut. "Dieser Schweinehund!" Gleichzeitig war das eine gute Nachricht, oder? Was würde geschehen, wenn wir Trommer damit drohten, Beate der Öffentlichkeit zu präsentieren?
"Ich weiß, was du denkst", warf Jessika ein, "nein, das funktioniert nicht. Nicht, solange Meyer und die anderen dichthalten."
"Meyer ist der Schwachpunkt in Trommers Plan", meinte ich und begann erneut auf und ab zu gehen, "wenn wir Meyer dazu bringen auszupacken, fliegt alles auf."
"Nein!", ergriff Beate das Wort. "Das kommt nicht in Frage!"
"Was?!"
"Du hast gesagt, Meyer wollte seinen Enkel an der Kita abholen und jemand anderes hatte das Kind schon aus der Kita geholt. Ich habe selbst…" sie unterbrach sich und schluckte schwer, "…ich hatte ein Kind! Ich kann die Ängste, die Meyer in diesem Moment ausstehen musste, sehr gut nachvollziehen. Und wenn das alles stimmt, was ihr über Trommer herausgefunden habt, wird er nicht zulassen, dass Meyer auch nur ein Wort sagt. Also denke ich, dass das Kind in ernster Gefahr ist. Das werde ich auf keinen Fall zulassen, eher springe ich vom Dach!"
Sprachlos sah ich zu Beate, dann zu Jessika und auch deren Blick sagte, dass Beate hier ein reales Szenario aussprach. Nein, ich hatte keine Kinder, doch allein der Gedanke, dass Trommer ein Kind in Gefahr brachte… nein, dass WIR ein Kind in Gefahr brachten, ließ mich erschauern.
"Beate hat Recht", meinte Jessika. "Es muss einen anderen Weg geben und die Zeit arbeitet gegen uns. Heute Morgen, eine Stunde vor Fristende hat Trommer seine Bewerbung als Generalstaatsanwalt bekannt gegeben. Er wird schon bald merken, dass er keinen Obduktionsbericht von Beate vorliegen hat und das wird ihn bestimmt verunsichern. Sein erster Gang wird ihn hierher zu uns führen."
"Ja, das wird wohl so sein… ich denke, es wird wenig Sinn haben, ihn mit der Verwechselung der Institute hinzuhalten."
"Nein, die wird er schnell durchschauen und auch wenn er es nicht mit Sicherheit beweisen kann, so wird er doch annehmen, dass Beate noch am Leben ist. Peter, es ist an der Zeit, den Bad-Man herauszuholen."
"Den was?", fragte Beate und ich sah sie lächelnd an.
"Den Bad-Man! Das ist sozusagen mein anderes Ich."
"Und was hat der Bad-Man vor?"
"Ich werde Trommer fragen, wieviel ihm deine Leiche wert ist. Mal sehen, wie weit er mitgeht."
"Du willst ihn erpressen?! Er wird wissen, dass du bluffst, warum sollte er darauf eingehen."
"Ganz einfach. Er ist so weit gekommen, also wird er jedes Risiko vermeiden. Trommer wird sich eher auf einen Deal mit mir einlassen, als jetzt einen Krieg zu riskieren, auch wenn er nur zum Schein darauf eingeht."
Einen Moment schwieg Beate, dann schüttelte sie den Kopf. "Es ist ein Scheißgefühl, wenn um dein Leben gepokert wird, besonders wenn du weißt, dass dein Blatt ein Bluff ist…" Nun hob sie den Blick und meinte: "…aber es ist ein schönes Gefühl, dass es jemanden gibt, der bereit ist, dein Blatt zu halten." Nun sah sie mich direkt an und ihre Augen sprachen eine klare Aufforderung aus.
"Ähm ja… Da ist noch etwas, das du vielleicht wissen solltest", sagte ich zu Jessika.
Die zog ihre Augenbrauen zusammen, während sie mich aus schmalen Augen ansah. "Wieso habe ich bloß das Gefühl, dass ich mich gleich fürchterlich aufregen werde?!"
"Es geht um Vera", sagte ich nur. "Vera liebt Beate und Beate liebt Vera."
"Was?!"
"Glaub mir, mich hat es auch überrascht. Wir müssen eine Lösung finden, aber Vera ist emotional völlig durcheinander. Auf keinen Fall dürfen wir sie tiefer in den Plan einbinden, Vera würde Fehler machen und Fehler sind jetzt buchstäblich tödlich."
Jessika schloss die Augen und dachte nach.
"Lass uns allein!", sagte sie nach einigen Augenblicken zu mir, also erhob ich mich und verließ die Wohnung. Als ich die Tür von außen geschlossen hatte, forderte Jessika Beate auf, sich zu ihr zu setzen. Jessika wartete, bis Beate Platz genommen hatte, dann sah sie Beate in ihre grünen Augen.
"Hör mir gut zu. Peter und Vera sind meine Familie. Ich liebe sie und werde alles tun, um sie zu schützen. Ich will das nur klarstellen, denn wenn ich dir helfen soll, erwarte ich, dass du alles tust, was ich dir sage. Sofort und genauso wie ich es anordne. Sind wir uns einig?"
"Ja, ich habe meine Familie verloren, ich werde deine nicht in Gefahr bringen." Jessika und Beate sahen sich lange in die Augen, dann ergriff Jessika Beates Hand. "Ich weiß, es ist nur ein kleiner Trost, doch vielleicht hilft es wenigstens etwas, um dein Leid zu lindern, du hast jetzt eine neue Familie."
"Ich werde und kann meine neue Familie nicht mit meiner alten Familie vergleichen und will es auch nicht, aber es ist ein schönes Gefühl zu einer so tollen Familie dazuzugehören. Und ich werde, genau wie du alles tun, um meine neue Familie zu schützen."
"Das wirst du auch müssen. Aber keine Sorge, ich denke mir was aus."
"Ich weiß", lächelte Beate, "du bist die Wonder-Woman. Danke."
"Bedanke dich nicht zu früh. Egal, wie sich die Dinge entwickeln, eines ist sicher. Beate Fischer… wird sterben!"
***
"Du musst uns Zeit verschaffen!", sagte Jessika ein wenig später zu mir. "Das Ganze ist eine Nummer größer, als wir zu Beginn dachten und Trommer wird ab jetzt sicher jeden unserer Schritte genau beobachten. Wir müssen ihn lange genug hinhalten, um unseren nächsten Coup zu planen."
"Ich werde mein Bestes tun, aber es ist, wie Beate sagte: mein Blatt ist ein Bluff und Trommer weiß das."
"Nein, wir bluffen nicht, wir halten einen Royal Flash in der Hand und wir gehen all in! Wir lassen ihm keine Wahl, entweder er geht mit und er setzt alles, oder wir lassen ihn die Karten auf den Tisch legen."
"Wow… ein Royal Flash…. Cool! Scheiße, wir haben überhaupt nichts und wir haben auch nichts, was wir setzen können."
"Oh doch, Bad-Man, und der Einsatz wird dir gefallen… Wir haben Petra Strass!"
***
Neues Ziel Soulebda
Einige Wochen nach dem John-Mercury-Fall rief mich mein Onkelchen an, um mir eine vakante Stelle schmackhaft zu machen. "Mischka, meine liebe kleine Mischka. Du hast diesen letzten Fall wunderbar gelöst, ich möchte dir gerne einen Arbeitsplatz in der Südsee anbieten, der könnte dich sehr ansprechen."
So begann damals die Vorstellung meines Gönners und Förderers. "Schau dir diese Daten auf dem anderen Kanal an, diese Inselgruppe nennt sich Soulebda, sie ist wundervoll und geheimnisvoll zugleich. Hier leben moderne Menschen, die zugleich stolz auf ihre über 4.000 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Was dich interessieren könnte, auf dieser Insel gilt das Matriarchat und die Regentin ist eine sehr integre Frau. Schau dir doch die Daten und auch gleich diese Insel an. Für mich ist sie von Interesse, da sie sehr zentral im Südpazifik liegt. Noch eine Bitte, gib mir deine Antwort bis kommenden Montag."
Damit verabschiedete sich mein Onkelchen und auf meinem Notebook blinkte das Mailsymbol auf. Die geschützte Datei enthielt die genaue Lokation in der Südsee und eine Menge an Informationen, die ich mir ansehen sollte. Die Hauptinsel dehnte sich in Ost-West-Richtung mit zwei aktiven Vulkanen aus. Um die Insel herum befanden sich vier größere Inseln, die bewohnt waren und eine Vielzahl kleiner und kleinster Inselchen. Diese schienen jedoch weitgehend unbewohnt zu sein.
Die nächsten Nachbarn im Pazifik waren im Norden Nauru, im Osten Tuvalu, südlich gesellten sich die Fidschi-Inseln dazu, im Südwesten lag Vanuatu und im äußeren Westen befanden sich schließlich die Salomonen. Für mich lag diese Inselgruppe inmitten des riesigen blauen Pazifiks.
Soulebda, diese geheimnisvolle Insel, war sehr alt. Offenbar lag die Inselgruppe weit genug im Süden, sodass keine der größeren Mächte je in diese Richtung gefahren war, oder es gab keine Aufzeichnungen mehr darüber, dachte ich mir. Durch die fehlende Christianisierung blieben die uralten Lehren und Riten erhalten und schienen bis zum heutigen Tag noch gelebt zu werden.
Mir fiel positiv auf, dass die Regentin hier das Sagen hatte, ihr Mann als Regierungspräsident jedoch der Repräsentant war. Der Staat Soulebda hatte die Gerichtsbarkeit über das riesige Seegebiet bis zu den jeweiligen Nachbarn. Das hatte zur Folge, dass schwere Verbrechen direkt auf der Insel verhandelt und abgeurteilt wurden. Daher auch die Stellenbeschreibung. Gesucht wurde eine Henkerin oder ein Henker, der den verstorbenen, altgedienten Henker ablöste.
Die Inseln setzten sich folgendermaßen zusammen:
Im Nordosten lag Ni’jamong, der Name bedeutete auf Soulebdahea, der Sprache dieser Menschen, "Riesenschildkröte". Genauso sah diese Insel aus. Der Kopf befand sich dabei im Westen der kleinen Insel.
Im Nordwesten befanden sich mehrere sumpfige Inseln, die zu einer Gruppe gehörten. Diese abgelegene und unwirtliche Gegend wurde Ma’ninkal genannt, was "Rabeninsel" bedeutete und für die Gefräßigkeit der frechen Vögel stand, die hier brüteten. Über eine Besiedelung stand in dem Bericht nichts.
Im Südwesten lag Ka’lhlih, das bedeutete in der Sprache der Einwohner "Singender Papagei" und war wohl eine Insel voller Wunder. Hier nisteten Abertausende seltener Vögel und anderer Tiere. Der westliche Teil der kleinen Insel ähnelte einem Papageienschnabel.
Schließlich gab es da noch im Süden Poa’holh. Der Name bedeutet "Der lachende Kakadu" und es handelte sich um eine schöne, naturbelassene Insel mit dichten Wäldern, frischen Bächen und leicht zu besteigenden Höhen.
***
Die Zusage
Soulebda klang für mich sehr interessant. Ein abgelegenes Gebiet mit einer riesigen Ausdehnung, dazu die sichere Anstellung als staatliche Angestellte. Rasch machte ich die Online-Bewerbung fertig und informierte mein Onkelchen noch am gleichen Tag.
"Das ist gut für dich, eine solche Stellung bringt dich auf andere Gedanken und du kannst da vielleicht Dinge lernen, die unsere Leute dir nicht beibringen können. Schick mir deine Bewerbung, ich sorge dafür, dass sie auch ankommt."
"Onkelchen, wenn du mich auf diese Südseeinsel schickst, dann muss es gute Gründe dafür geben."
"Oh ja, das wirst du schnell erfahren, wenn du erst einmal dort unten bist." Was interessierte mein Onkelchen so sehr, dass er mich auf dieser Insel haben wollte? Ich las weiter und begann, mich langsam zu wundern. Diese Kultur dort war uralt. Mehrere tausend Jahre und damit viel weiter, als unsere Aufzeichnungen oder jene der Christen reichten. Bestenfalls die Chinesen hatten Aufzeichnungen, die vielleicht noch älter waren, aber diese galten inzwischen eher als Legenden. Das hier aber war verbrieft. Die Abgeschiedenheit hatte die Menschen geschützt. Jetzt machte eine kluge Politik der Regentin alles richtig, das Wissen der Altvorderen wurde erhalten und neues Wissen wurde integriert. Ich war überrascht, dies über einen Inselstaat zu lesen, der so weit im Nirgendwo lag.
Zwei Tage später hatte ich bereits die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Eine Videokonferenz wurde geschaltet und ich stellte mich den Fragen.
"Hallo Miss Miles, ich bin General Nassadir Chalis. Sie würden mir unterstellt sein. Ich bin auf Soulebda das ranghöchste Militärmitglied." Wir unterhielten uns recht ungezwungen, der General stellte einige Fragen, die ich beantwortete, und er war ganz offensichtlich schnell zufrieden. Nach gut einer Stunde lächelte er mich an und ich hatte meine neue Stelle auf dieser Insel Soulebda. Wieder einmal packte ich meine Sachen und flog in eine neue Zukunft.
***
Der Landeanflug auf die Insel war fantastisch. Ich konnte die Inseln über die Bordkamera gut sehen. Nach einer seidenweichen Landung überraschten mich die tropischen Temperaturen. Die unangenehme Feuchtigkeit, mit der ich gerechnet hatte, war nicht vorhanden, es war einfach nur sehr warm. Bei der Passkontrolle wurde ich auf die Seite gebeten und von zwei Polizistinnen begrüßt. "Miss Caroline Miles, Sie wurden uns zugeteilt, wir begrüßen Sie auf unserer Insel. Wenn Sie uns bitte folgen, Ihr Gepäck wird bereits zum Wagen gebracht."
Einer Reisenden im teuren Kostüm gefiel das ganz und gar nicht. Schnippisch reagierte sie: "Das ist wieder mal typisch, die jungen Frauen werden bevorzugt und wir aus der Business-Klasse müssen hier anstehen. Lassen Sie mich gefälligst auch durch die Kontrollen!"
Die ältere Polizistin mit höherem Dienstgrad schaute sich den Reisepass der Businessdame an und lächelte sie an. "Oh, Frau Dr. Ninnetaka, Sie sind wieder bei uns im Land, das freut mich. Gerne können Sie mitfahren, sobald die Kontrollen abgeschlossen sind. Übrigens ist die junge Dame hier unsere neue Henkerin. Ich denke, Sie wollen Ihren Ehemann im Gefängnis besuchen?"
Die aufgetakelte Frau blieb schockiert stehen und schaute mich mit großen Augen und offenem Mund an. "Die da ist die neue Henkerin?"
"Ja, in der Tat, wir bringen sie gerade zur Regentin. Wollen Sie immer noch mit uns fahren?"
Jetzt wechselte die Frau die Gesichtsfarbe und stellte sich anstandslos wieder in der Reihe an. Dass sie dabei einige Plätze in der Warteschlange verloren hatte, interessierte sie nicht mehr.
"Gehen wir, die bleibt jetzt friedlich."
"Wirke ich so abstoßend auf Geschäftsleute?", fragte ich die Polizistinnen und beide mussten kichern.
"Nein, gewiss nicht, aber ihr Ehemann ist ein verurteilter Mörder und er wird einer Ihrer ersten Kunden werden. Das wurde ihr jetzt schlagartig klar. So, da ist bereits unser Wagen."
Wir stiegen in einen zivilen Wagen und fuhren los. "Miss Miles, wir haben noch etwas Zeit bis zum Termin mit der Regentin, gestatten Sie uns, dass wir Ihnen einiges von unserer Stadt zeigen." Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Die Polizistinnen kannten nicht nur ihre Stadt, was nicht anders zu erwarten war, aber sie waren auch perfekte Fremdenführerinnen.
"Die Bibliothek, die müssen Sie einmal besuchen, die Bücher und Aufzeichnungen, die Sie hier finden, sind teilweise Tausende Jahre alt und reichen geschichtlich bis zu den alten Ägyptern."
Wir fuhren weiter. Mir fiel auf, dass ich Gebäude mit maximal zwei Stockwerken sah, aber nichts, was höher war. Die Polizistinnen stellten mir weitere Punkte vor, die interessant waren, ich sah auch diverse Statuen. Dann fuhren wir auf ein breit auslaufendes Gebäude mit vielen Anbauten zu.
"Das ist die Technische Universität, dahinter befinden sich die Fakultäten für Medizin. Die Fakultät für Stammeswissenschaften ist nicht viel kleiner."
"Stammeswissenschaften?"
"Das werden Sie noch ausführlicher erfahren, wir haben hier auf Soulebda nicht nur die konventionellen Wissenschaften, wie ihr Europäer das nennt, sondern noch deutlich ältere Naturwissenschaften, die über 4000 Jahre zurückreichen.
Dieses Wissen ist nie verloren gegangen und wird hier weiter erhalten und ausgebildet. Tatsächlich wissen unsere Stämme Dinge, für die die westliche Wissenschaft noch nicht einmal einen Namen hat."
Wir fuhren weiter und kamen zum Zentralkrankenhaus, das auf unserem Weg durch die Stadt lag. Es hatte große Ausmaße, war aber auch nur zwei Etagen hoch.
"Einige der Einrichtungen werden demnächst erneuert. Wie so oft war lange Jahre der Etat begrenzt, aber das ist heute anders. Was das genau bedeutet, werden Sie auch noch erfahren."
"Da vorne kommt der Regierungsbereich. Hier sehen Sie den alten Regierungssender. Der wird jetzt aber abgebaut und an einen anderen Platz neu errichtet. Die Satellitenanlage steht auf einem anderen Platz, diese sehen wir von hier aus nicht. Gleich daneben ist der neue Internetknoten untergebracht."
"Ah, Sie haben hier einige Internetleitungen, gut zu wissen."
"Nun, Miss Miles, Soulebda besitzt sogar einen eigenen CIX Internetknoten. Nicht so groß wie der DE-CIX in Deutschland, aber der SUL-CIX kann sich sehen lassen." Dabei grinste die jüngere der beiden breit. Offenbar war sie vom Fach.
Ich lachte: "Oh, ich entschuldige mich und freue mich zugleich. Ich glaube, dies hier ist ein Inselstaat mit unglaublichen Möglichkeiten und Geheimnissen."
"Miss Miles, solange Sie uns mit offenen Augen und ehrlicher Freude begegnen, ohne Lügen und Heimtücke, solange werden Sie von uns alles erfahren und erhalten."
Die beiden schauten mich abwechselnd an und lächelten sich zu. "Vielen Dank, ich versuche alles, was mir möglich ist und freue mich auf das Neue und Unmögliche, das ich hier noch sehen werde." "Oh, seien Sie versichert, da ist noch vieles zu erleben. Da vorne kommt der Palast. Da müssen wir hin."
***
Die Regentin
Der Regierungspalast befand sich am Rand der Stadt auf einer Anhöhe. Umringt von einem wunderschönen Palmenhain und von prächtigen Gärten umgeben fuhren wir auf ein edles Granitbauwerk zu. Die filigranen Arbeiten wirkten wie von Kinderhänden geformt. Zentral befand sich eine mächtige Kuppel, die Einzige, die ich bisher gesehen hatte, die sich über drei Stockwerke erstreckte. Irgendwie wirkte der Palast eindrucksvoll, aber nicht protzig. Vor dem Gebäude sahen wir einige Wachen in Uniform, Frauen und Männer paarweise und sie schienen bestens zurechtzukommen.
Lediglich die Bewaffnung war für eine Palastgarde nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ich erkannte nur die alten 45’er Colts 1911 Modelle. Dafür trugen die Wachen noch ein starkes Kampfmesser, das sah deutlich besser aus als die Pistole.
Wir hielten an einem bestimmten Punkt und wurden sogleich von Wachen begrüßt. "Bitte folgen Sie uns in den Palast, dort stellen wir Sie dann der Regentin vor."
Vor mir ging die dienstgradhöchste Polizistin und die jüngere Beamtin folgte mir. Im Palast war es deutlich kühler und wir hörten Mädchenstimmen, die sich unterhielten. Dazwischen tönten hin und wieder angenehm klingende Frauen- und ab und zu auch Männerstimmen. Aus einem der unzähligen Türen trat eine junge Frau, die mir sofort ins Auge fiel. Eine solche Südseeschönheit hatte ich noch nie gesehen, aber ehe ich sie genauer betrachten konnte, verschwand sie durch eine andere Tür.
"Wer war denn diese junge Frau?"
"Das war die Tochter der Regentin, sie bereitet sich auf die anstehenden Prüfungen vor. Sie heißt Penelope, ist 28 Jahre jung und studiert an der hiesigen Universität Wirtschaftswissenschaft, Sport und Geschichte. Dabei wird sie in keiner Weise bevorzugt. Sie muss schon zeigen, dass sie ihr Wissen hart erarbeitet hat. Aber glauben Sie mir, sie ist wirklich sehr gut."
"Wie spreche ich die Regentin überhaupt an, einfach nur Hoheit oder wie ist der Titel?" "Sprechen Sie sie einfach mit Regentin an. Alles andere hält sie für veraltet oder fehl am Platz. Mit Regentin verbindet sie, dass sie für das Volk da ist."
Eine mächtige Tür öffnete sich, zwei Wachen traten hindurch, dann folgte ein Offizier, der uns kurz mit Blicken überprüfte. Mit einem Nicken übernahm er die Verantwortung für mich. "Danke für alles", verabschiedete ich die Polizistinnen und der Offizier schaute mich strafend an. "Ruhe bitte!" Mehr sagte er nicht, da öffnete sich eine andere Tür und vor mir stand die Regentin. Zwei Schritt hinter ihr folgte ihr Gatte, der Regierungspräsident.
"Seien Sie gegrüßt, Miss Miles, ich freue mich, Sie kennenzulernen! Darf ich Sie Caroline nennen?"
Das Lächeln der Regentin war ehrlich und entwaffnend. Sie hatte mich mit diesem einen Satz bereits für sich gewonnen. Selten hatte ich einen Menschen mit einer so starken Ausstrahlung erlebt.
"Selbstverständlich, Regentin." Wir unterhielten uns zwanglos. Heylah ai Youhaahb, so ihr Name, war Regentin in der vierten Generation. Ihr Gatte, Sheramoh ai Youhaahb, war ein studierter Wirtschaftsökonom und Militär. Zusammen besaßen die beiden alles, was zum Regieren benötigt wurde: Wissen, Intelligenz und die Fähigkeit, Gefahr im Anzug zu spüren. Die beiden schienen sich perfekt zu ergänzen. Aus einer der Seitentüren huschte erneut Penelope, die Tochter der Regentin, musterte mich kurz mit einem Lächeln und war wieder verschwunden.
"Das war meine Tochter, Penelope, Sie werden sie sicherlich noch zu sehen bekommen." Danach folgte eine kurze Einweisung in meine Aufgaben, die Besonderheiten und nach einer knappen Stunde wurde ich an einen Oberst der Garde verwiesen, der mich genauer einweisen würde. Die Verabschiedung aus dem Palast erfolgte sehr freundlich.
Mit dem Oberst und einigen Verwaltungsangestellten fuhren wir vom Palast in ein gehobenes Villenviertel. Hier befand sich die Wohnung, in der ich leben und arbeiten würde. Wohnung war der falsche Ausdruck, es handelte sich um eine von mehreren Villen. Jede besaß einen sehr großzügigen Park- und Gartenbereich. Die Villa hatte ebenfalls zwei Etagen. Ich staunte über die gute Ausstattung.
Der Oberst führte mich dann in den eigentlichen Arbeitsbereich. Hierher würden die verurteilten Menschen überstellt und schließlich hingerichtet werden. Neben einigen Räumen war auf der Terrasse auch ein freistehender Galgen aus massivem Hartholz. Ich überzeugte mich von der Funktion und es war alles bestens gewartet. Die diversen Seile und Stricke, die mir zur Verfügung standen, waren erlesen. Die Maß- und Gewichttabellen, aus denen man die Fallhöhe und den Seiltyp entnehmen konnte, waren auch auf dem aktuellen Stand. Unnötig leiden müssten die Verurteilten hier also nicht. Das Material, das mir zur Verfügung stand, war das Beste.
So trat ich meinen neuen Job auf Soulebda an. Als Verwaltungsbeamtin war ich in das Palastleben eingebunden. Dazu zählten auch sehr viele sportliche Veranstaltungen.
***
Penelope
Penelope ai Youhaahb und ich trafen zum ersten Mal bei Wettbewerben der Universität aufeinander. Wie jedes Jahr wurden hier ausgiebige Spiele veranstaltet, so wie man auf Soulebda generell viel Wert auf Sport und Bewegung legte. Sie hatte einen wunderschönen, gebräunten Körper, ihre schlanken Beine waren sehr lang und verliehen ihr ein gazellenhaftes Aussehen. Die Mandelaugen harmonierten mit dem Kussmund und ihr schulterlanges Haar rundete das Gesamtbild ab.
Als das Los Penelope und mich im Staffellauf zusammenbrachte, funkte es sofort zwischen uns. Ab da waren wir häufig zusammen und bereits nach einem halben Jahr waren wir untrennbar und wurden palastintern schon als "das dynamische Duo" bezeichnet. Penelope war eine junge Frau, der man nichts vormachen konnte, kritisch hinterfragte sie alles und stritt gerne mit ihren Professoren. Diese trieben sie immer weiter zu Höchstleistungen an, forderten sie, aber förderten sie auch, wo es nur ging. Dass sie die Tochter der Regentin war, spielte für die Professoren keine Rolle. Penelope wurde auf die gleiche Weise behandelt wie die anderen Studierenden auch. Andererseits behielt die Regentin uns beide zunächst im Auge. Aber als sie sah, dass ich ihre Tochter zu weiteren Leistungen motivierte und da sie mich auch als normalen Menschen und nicht als Henker betrachtete, wurde klar, dass sie uns beiden vertrauen konnte.
In der großen Universitätsbibliothek saßen wir eines Tages an einem freien Platz, umgeben von Schriften und Büchern und wir erkundeten die Geschichte dieser einzigartigen Insel.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich mich für die Soulebdalesen so interessieren könnte. Das kulturelle und medizinische Wissen geht viel weiter zurück, als ich anfangs dachte. Die unterschiedlichen Stämme, die heute noch hier leben, bewahren Geheimnisse, die ich für unfassbar hielt."
"Ja, mein Volk wurde nicht von den monotheistischen Religionen verseucht. Diese Religionen, deren Gott als erstes Gesetz die Regel hatte, du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Egal ob Christ, Protestant, Jude, Muslim oder was auch immer, sie alle sind in etwa gleichgestrickt. Alte bärtige Männer geben den Ton an und wir Frauen haben zu schweigen. So wurden viele Völker vernichtet. Frauen, die klug waren, wurden eingesperrt oder gleich verbrannt, nur damit eine Kirche ihre Macht nicht wanken sah und die katholische Kirche war dabei die Schlimmste!"
So war Penelope, sie sah das große Ganze und hatte ihre klare Meinung zu den Fehler von anderen. Hier auf Soulebda hatte es diese religiöse Entwicklung und damit systematische Unterdrückung nicht gegeben. Nach und nach lernte ich auch die Sprache, die an das Polynesische erinnerte und entwickelte ein Gefühl für ihre Nuancen. Penelope war mir dabei eine vorzügliche Lehrerin.
Glücklicherweise waren die Bräuche hier auf Soulebda nicht so wie in vielen der angeblich so aufgeklärten westlichen Staaten und so erhielten wir von der Regentin sogar den mütterlichen Segen. Dadurch galten wir als "Ohm’Jouh", also als Lebenspaar, eine Tradition, die hier noch verbreitet war. Auf diese Weise wurden Penelope und ich ein Liebespaar.
***
So verging die Zeit auf Soulebda. Im Laufe der Monate wurde ich im Palast als Respektsperson angesehen, meine Ideen wurden mit Interesse gehört. Auf mein Urteilsvermögen konnte man sich immer verlassen und Heylah ai Youhaahb, die Regentin, unterhielt sich sehr gerne mit mir. Ihr Gatte bewunderte mich eigentlich nur wegen zwei Dingen. Das waren einmal mein Aussehen, genauer gesagt mein Busen, und zum anderen meine erstklassigen Schießergebnisse bei den Wettkämpfen.
Ja, das Aussehen und die Kleidervorschriften, das hatte mir am Anfang etwas Kopfzerbrechen bereitet. Im Regierungspalast waren nur traditionelle Kleider erlaubt, für Männer einen blauen Stoffrock und die Damen mussten in kurzen, knappen Uniformen erscheinen, die mehr zeigten, als sie verbargen. Im Traditionsbüro achtete man peinlich genau auf diese uralten Sitten. Das war ein alter Brauch. Es war früher einmal wohl etwas vorgefallen, das dazu führte, dass heute das Verstecken von Waffen durch diese Kleidungsvorschriften unmöglich gemacht wurde.
Ich war jedenfalls sehr erleichtert, als meine roten Haare endlich lange genug waren, um meine Brüste zu bedecken. Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich aber auch an diese kurzen Kleider und die Sonne verwöhnte unsere Haut dafür mit einer fast nahtlosen Bräune.
***
Tel Aviv
Wie jeden Tag ließ sich der General des Mossad, Dagan Mayr, von seinen Abteilungsleitern einen genauen Lagebericht geben. Da er die Männer und Frauen, die seine Abteilungen führten, sehr sorgfältig auswählte, wusste er, dass er sich auf die gelieferten Informationen absolut verlassen konnte.
"Also, ich fasse zusammen", meinte er, nachdem alle Bericht erstattet hatten, "die Welt ist ein gefährlicher Ort." Darauf gaben alle ein höfliches Lachen von sich. "Vielen Dank." Damit löste der General das Briefing auf und die Abteilungsleiter verließen den Konferenzraum, bis auf die zwei Majore, Benjamin Levi und David Lem, sowie Hauptmann Soraya Davidson, die auf ihren Plätzen blieben. Dagan wartete geduldig, bis der Letzte die Tür geschlossen hatte, dann lehnte er sich etwas bequemer zurück und auch die anderen wurden etwas lockerer. Jetzt saß hier kein General mit seinen Untergebenen am Tisch, sondern vier sehr gute Freunde waren beisammen, die einiges zusammen er- und überlebt hatten.
"Ben?", wandte sich Dagan zuerst an Levi. "Wie weit ist Krischan?"
"Krischan kam vorgestern in Alexandria an. Er nahm dort Kontakt zu einem Werber des alten Franzosen auf. Wie es scheint, treibt dieser Halunke sein Unwesen zurzeit in unserer Nachbarschaft. Aufgrund Krischans hervorragenden Referenzen wies ihn der Werber an, erreichbar zu bleiben."
"Dass die Referenzen ausgezeichnet sind, glaube ich sofort! Wie hast du das gedreht?"
"Wir hatten das Glück, einen irakischen Attentäter zu schnappen, bevor er sich selbst umbringen konnte. Sein Name ist Kata ben Hali. Er arbeitete lange Zeit auf eigene Rechnung, bis er merkte, dass seine Dienstleistungen sehr gut bezahlt werden. Allerdings stand er noch am Beginn einer Karriere, als wir ihn schnappten. Zu unserem Glück ist Halis Gesicht weitgehend unbekannt, also dachten wir, ersetzen wir ihn doch durch einen unserer Leute und schauen nach, wer Interesse an einem Attentäter hat. Und siehe da, prompt kam ein Angebot aus Kairo.
"Der alte Franzose in Kairo…", brummte Dagan, "das gefällt mir nicht."
"Unseren ägyptischen Freunden gefällt das sicher auch nicht. Es ist aber gut möglich, dass Kairo nicht das Ziel, sondern nur der Sammelpunkt für eine andere Aktion ist. Das ist noch nicht klar."
Mayr, der Levi gut kannte, zog die Augenbrauen zusammen. "Wo drückt dich der Schuh?"
"Caroline."
"Caroline? Caroline ist auf Soulebda, was hat sie…? Caroline?!"
"Die beiden stehen sich schon immer nah. Aber… in letzter Zeit stehen sie sich näher als sonst."
"Caroline und Krischan sind beide Profis, die wissen, was sie tun."
"Ich weiß! Ich will ihnen auch nicht unterstellen, dass sie unprofessionell oder gar unvorsichtig sind, aber… wir wissen alle, wie gefährlich es für uns da draußen ist. Jede Ablenkung und sei es nur ein Gedanke zur falschen Zeit, kann dich dein Leben kosten. Ich … ich habe bei der Sache einfach ein mieses Gefühl."
Das weckte Dagans Aufmerksamkeit! Wenn Levi ein mieses Gefühl hatte, war es besser, darauf einzugehen. "Wie weit ist die Operation?"
"Zu weit. Entweder wir ziehen es durch oder wir riskieren es, Krischan auffliegen zu lassen."
"Was denkst du?"
"Wir lassen den Einsatz weiterlaufen. Die Chance, den alten Franzosen zu erwischen, steht zu gut, um sie jetzt aufzugeben."
"Lem?", wandte sich Dagan an diesen.
"Ja… auch ich würde Krischan im Einsatz lassen. Der alte Franzose wiegt das Risiko auf."
Dagan ließ sich die Meinungen durch den Kopf gehen, als Soraya sich zu Wort meldete, "Ich weiß, keiner wird mich nach meiner Meinung fragen, aber ich würde Krischan von dem Auftrag abziehen, bis er seinen Kopf wieder frei hat."
Levi schmunzelte leicht, denn genau wie Lem wusste er, dass Dagan Soraya ganz sicher nach ihrer Meinung gefragt hätte. Aber sie genoss es einfach zu sehr, einem General unaufgefordert ihre Meinung zu sagen. Denn Sorayas Ideen und Überlegungen hatten schon zu viele Leben gerettet, als dass Dagan sie ignorieren würde.
Nun lag die Entscheidung bei ihm…
"Wir lassen den Einsatz weiterlaufen", entschied er schließlich und sah anschließend zu Levi. "Sonst noch etwas, das ich in Bezug auf Caroline wissen müsste?"
"MacFroody sucht sie noch immer, glücklicherweise ist er noch nicht auf die Idee gekommen, in der Südsee zu suchen. Allerdings wird er Caroline irgendwann aufspüren. Wir sollten ihm zuvorkommen."
"Der Mann ist, nein, er war, Vizedirektor der CIA, wir können ihn also umlegen, ohne dass unsere Freunde hinterm großen Teich verrückt werden."
"Wenn ich richtig liege, wird die CIA selbst dafür sorgen, dass MacFroody verschwindet, bevor er Schaden anrichten kann. Fest steht, dass wir Caroline auf Soulebda nicht so beschützen können, wie wir es hier tun könnten."
"Da ist was dran. Lem?"
"Wir sollten uns einen Plan zurechtlegen. Sobald MacFroody weiß, wo Caroline ist, muss sie von dieser Insel verschwinden. Soulebda ist nicht unser Spielplatz und wir sollten dafür sorgen, dass Froody zu uns kommen muss."
"Hierher wird er sich niemals wagen."
"Natürlich wird er das nicht, also lassen wir ihn in dem Glauben, dass er den Spielplatz wählt."
"Was schwebt dir vor?"
"Deutschland, dort wird sich MacFroody sicher fühlen."
"Deutschland… Hm, gibt’s was Neues aus Deutschland?"
"Momentan gibt es keine akuten Bedrohungen, aber da ist eine Sache, die uns etwas Kopfschmerzen bereitet, oder besser gesagt, jemand, der uns vielleicht einmal Kopfschmerzen bereiten könnte. Gerhard Trommer! Seines Zeichen Oberstaatsanwalt in Mainstadt und auf dem steilen Weg nach oben. Wir beobachten ihn erst seit kurzem und so wie es aussieht, wird er in Mainstadt der nächste Generalstaatsanwalt werden. Doch eine Analyse lässt mich zu dem Schluss kommen, dass er ein Ministeramt oder noch mehr anstrebt."
"Sehr schön, weiter."
"Normalerweise ist das ja nichts Ungewöhnliches, doch um seine Ziele zu erreichen, scheint sich Trommer der PfR-Partei zu bedienen, deren Parteimitglieder, wie wir wissen, nicht unsere Freunde sind. Ich stelle mir die Frage, benutzt dieser Trommer die Partei nur, da diese verblendeten Idioten jedem hinterherlaufen, solange er ihre Klischees bedient, oder teilt er deren Gedankengut? Dieser Fall wäre für uns der schlimmere."
"Ich hasse diese Nadelstreifen-Nazis!", fauchte Levi. "Da sind mir diese hohlköpfigen Glatzköpfe in ihren Springerstiefeln tausendmal lieber."
"Da bin ich ganz bei dir!", meinte Soraya.
"Du hast Recht, diese Sache müssen wir im Auge behalten. Ah, ich verstehe… du willst Caroline nach Mainstadt schicken. So kann sie Trommer beobachten und wir können gleichzeitig MacFroody in unsere Arena locken." Dagan blickte in die Runde und alle drei nickten ihm zu. "Mainstadt", lächelte Dagan und auch die anderen grinsten verschwörerisch, "ich kenne da zwei gute alte Freunde, die uns in dieser Sache sicherlich weiterhelfen können."
***
Washington / Dulles Airport
"Ich rieche wie ein Ziegenbock", dachte Mike Smith, während er einer Sicherheitsbeamtin seinen Ausweis entgegenhielt. "Wenigstens stinkt Dave genauso." Colonel Mike Smith und Lt. Colonel Dave Miller waren vor wenigen Minuten nach einem Langzeitflug von einem geheimen Auftrag aus Pakistan zurückgekehrt. Ihre Dienstränge und ihre Tätigkeit für die CIA garantierten, dass sie schnellstmöglich durch die Kontrollen kamen und den Ausgang erreichten, wo ein Fahrer bereitstand, um sie zu ihren Wohnungen zu chauffieren.
"Hör mal, Mike", sagte Dave, bevor sie in den Wagen einstiegen, "du sollst wissen, dass ich voll hinter dir stehe. Ich meine, der Chef wird ausrasten, wenn er mitbekommt, was wir da gedreht haben, aber ich werde dich nicht hängen lassen."
Mike, der mit Dave schon eine Ewigkeit zusammenarbeitete und den er besser kannte als sich selbst, nickte. Ja, der Chef würde bestimmt durchdrehen… Vor drei Wochen waren sie nach Pakistan geflogen, um ein Abkommen mit einem der Warlords im afghanischen Grenzgebiet abzuschließen. Dabei ging es hauptsächlich darum, gegen einen nicht ganz geringen Geldbetrag den Opiumschmuggel im Gebiet des Warlords zu unterbinden. Doch als Mike die Chance sah, durch ein gelegentliches Zudrücken seiner Augen gefangene US-Soldaten der Taliban freizubekommen, änderte er eigenmächtig die Verträge. "Mach dir mal keine Gedanken", antwortete er Dave, "Jetzt ist es Samstagabend, morgen ist Sonntag und bis am Montagmorgen habe ich mir etwas überlegt, das ich dem Boss erzähle…" Er brach ab, als sein Handy vibrierte. Mit einem Seufzen las er die Nachricht, sich sofort zu melden. "Scheint so, als ob ich schneller denken muss."
"Nein, scheint so, als ob wir uns beide schnell etwas überlegen müssen", meinte Dave, hielt sein Handy ebenfalls hoch und stieg ein.
***
Dreißig Minuten später traten Mike und Dave aus einem Waschraum, nachdem ihnen ein Offizier vom Dienst, der sie am Eingang schon erwartete, fünf Minuten gewährt hatte, sich etwas frisch zu machen. Nun führte sie der Offizier am Büro ihres Abteilungsleiters vorbei und steuerte die massive Flügeltür des Direktors an. "Ach, du dickes Ei, hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist." Bisher hatte Mike öfter seine Befehle gedehnt oder angepasst, je nachdem wie es die Situation erforderte, doch bisher hatte sein Boss ihm den Rücken freigehalten, da er Erfolg damit hatte, doch wenn sie zum Direktor mussten…
"Uff", stöhnte auch Dave, als er erkannte, auf welche Tür sie zusteuerten. Dort angekommen klopfte der Offizier an und wurde sofort aufgefordert, hereinzukommen. Er öffnete die Tür, trat zur Seite und ließ Mike und Dave eintreten, bevor er die Tür wieder von außen schloss.
Im Büro saß hinter seinem Schreibtisch der Direktor der CIA, neben ihm auf einem Stuhl saß Trout, der stellvertretende Chef der Abteilung Nachrichtenauswertung, und im Hintergrund sein Boss Kivel, Chef der Nachrichtenbeschaffung.
"Smith, Miller, reinkommen!", befahl Direktor Burnside. Mike versuchte, im Gesicht seines Bosses zu lesen, wie schlimm es stand, doch der hatte ein Pokerface aufgesetzt, also beschloss Mike, die Initiative zu ergreifen. "Angriff ist die beste Verteidigung!", sagte sich Mike, stellte sich stramm vor den Schreibtisch Burnsides und meldete: "Sir, ich möchte Sie bitten, keine dienstlichen Schritte gegen Lt. Colonel Miller einzuleiten. Das Abändern des Abkommens entstand allein durch meine Initiative. Ich habe die Möglichkeit, das Leben von US-Bürgern zu retten, gegen gelegentliche Drogenlieferungen im Grenzgebiet ab gewägt und mich für das Leben unserer Leute entschieden. Ich betone nochmals, dass ich diese Entscheidung allein getroffen habe."
Das ließ Dave allerdings nicht gelten! Ohne auf Mikes warnenden Blick zu achten, baute er sich neben Mike auf und sagte: "Sir, das stimmt nicht! Wir haben die Entscheidung gemeinsam getroffen!"
Burnside sah die zwei ausdruckslos an, dann blickte er an ihnen vorbei zu deren Abteilungsleiter: "Kivel, wovon reden diese Schwachköpfe?"
"Die Colonels Smith und Miller kommen gerade aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Smith sollte ein Abkommen mit einem der örtlichen Warlords treffen. In seinem Vorabbericht meldete Smith, dass er eigenmächtig den Vertrag mit dem Warlord änderte."
"Hören Sie, Kivel, Pakistan geht mir gerade am Arsch vorbei!", sagte der Direktor und schaute dann zu Mike und Dave, die noch immer strammstanden. "Seid ihr fertig? Wenn ja, dann halten Sie Ihre Klappe, packen Sie Ihren Arsch auf einen Stuhl und hören Sie zu!"
"Was zum Teufel ist hier los?!", zischte Dave, als er Mike anschaute, während sie auf zwei Stühle zusteuerten.
"Keine Ahnung, aber der Laden scheint zu brennen. Was sollte das gerade, willst du auch gefeuert werden?"
"Ich habe…"
"Sind Sie fertig mit Ihrem Schwätzchen?!", donnerte Burnside.
"JA, SIR!", riefen die zwei gleichzeitig.
"Schön! Trout, setzen Sie diese Spezialisten ins Bild!"
"Sir", nickte Trout, erhob sich und schaltete einen Beamer ein, der das Bild eines Mannes zeigte. Sofort verschlug es Mike den Atem! Nun wusste er, wieso sie im Büro des Direktors saßen! Das Bild zeigte John Allister MacFroody III, Trouts Boss! "Ich sehe, Sie wissen, wer das ist", kommentierte Trout Mikes Reaktion trocken. "Wie Sie sich sicher erinnern, wurden die Söhne von MacFroody vor nicht allzu langer Zeit im Staatsgefängnis von Phoenix hingerichtet."
"Ja, Sir ich erinnere mich. Ich muss sagen, obwohl ich ein Gegner der Todesstrafe bin, rechtfertigte die Abscheulichkeit der von den beiden Mistkerlen begangenen Verbrechen ein solches Urteil."
"MacFroody sah das etwas anders. Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seine Söhne freizubekommen. Pech für ihn, dass die Eltern des Opfers mehr Einfluss auf den Gouverneur hatten als er."
"Was eine eindeutige Schwäche unseres Systems ist! Wäre das Opfer eine namenlose Prostituierte gewesen, hätte MacFroody sicher keine Probleme gehabt, seine missratenen Bälger freizubekommen."
"Das mag sein, doch es ist nicht Gegenstand unserer Unterredung!", wies ihn Trout zurecht und warf ein neues Bild an die Wand. Das Bild zeigte eine sehr attraktive rothaarige Frau mit einem kühlen Blick. "Das ist die Frau, die das Urteil vollstreckte. Ihr Name ist Caroline Miles, sie ist israelische Staatsbürgerin und absolviert in Fort Benning eine Spezialausbildung, dazu arbeitet sie nebenberuflich im Strafvollzug.
Falls Sie wissen wollen, wieso sie als nicht US-Bürgerin als Henkerin arbeitet, die Anzahl von Freiwilligen, die diesen Beruf ausüben wollen, ist sehr beschränkt. Nach Vollstreckung des Urteils musste das FBI eingreifen und Miles außer Landes bringen, seitdem ist sie spurlos verschwunden. MacFroody hat seinen Abschied genommen, sich in Phoenix niedergelassen und all seine Energie darauf verwendet, Miles zu finden. So wie es aussieht, ist MacFroody fündig geworden, denn er hat sein gesamtes Vermögen zu Geld gemacht und ist abgetaucht. Egal, wie exzentrisch und korrupt MacFroody auch sein mag, er war nicht umsonst Chef der Nachrichtenauswertung. Er hat das Handwerk von Anfang an gelernt und hat unzählige Kontakte und Informanten, die ihn auch jetzt noch mit Informationen und Logistik unterstützen. Ihr Job ist es, finden Sie MacFroody, bevor er Miles findet!"
"Sir?", fragte Mike und Trout nickte. "Wie konnte Miles spurlos verschwinden? Ich meine, selbst wenn das FBI sie außer Landes gebracht hat, konnte es doch kein Problem für MacFroody sein, sie ausfindig zu machen. Besonders da er, wie Sie selbst sagen, noch zum Teil über die Ressourcen der CIA verfügt." Zu Mikes Verwunderung antwortete nicht Trout auf seine Frage, sondern Burnside, "Miles ist nicht irgendeine israelische Staatsbürgerin", sagte er finster, "Caroline Miles ist das Protegé von diesem Mann!"
"Ach, du Scheiße!", flüsterte Dave, der das Gesicht ebenfalls erkannte, das Trout an die Wand warf. Das Bild zeigte Dagan Mayr, General und Legende des Mossad. Der Mann, der wahrscheinlich nach dem Papst mehr Geheimnisse kannte als sonst jemand in der Welt.
"Sie kennen bestimmt die Gerüchte über Dagans geheimnisvolle Sonderabteilung, seinen Nichten und Neffen, und ich kann Ihnen versichern, sie sind alle wahr", übernahm Trout wieder. "Miles ist die Nichte Nr. 1! Ich muss Ihnen wohl nicht erklären, was es bedeuten würde, sollte MacFroody die Miles umbringen. Der Mossad würde Amok laufen und selbst, wenn nicht die CIA als solches Ziel der Vergeltung sein wird, wäre die Zusammenarbeit mit dem Mossad auf unbestimmte Zeit irreparabel geschädigt und das zu einer Zeit, in der wir im Nahen Osten zwingend auf deren Mithilfe angewiesen sind."
"Normalerweise wiederhole ich mich nicht", sagte Burnside, "aber finden Sie MacFroody und ziehen Sie ihn schnell aus dem Verkehr, bevor er Miles findet." Er hob einen versiegelten Umschlag hoch und hielt ihn Mike entgegen, der aufsprang und den Umschlag ergriff. "Vom Präsidenten persönlich. Sie sind ermächtigt alle Machtmittel einzusetzen, um MacFroody als Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes auszuschalten. Kivel, übernehmen Sie!"
"Ja, Sir! Los, ihr zwei, mitkommen!" Kivel stand auf und verließ mit Mike und Dave Burnsides Büro und ging in sein eigenes.
***
Der Auftrag
"Was für eine Scheiße, Boss", fluchte Mike, als sie in Kivels Büro angekommen waren.
"Das können Sie laut sagen."
"Wieso wir?", fragte Mike. "Ich meine, Trout hat doch sicher genug Spezialisten, die MacFroody besser kennen als wir, und die wissen, wie er denkt."
"Genau das ist Trouts Problem. MacFroody ist ein hervorragender Networker, Trout weiß nicht, mit wem MacFroody noch in Kontakt steht. Burnside hat euch aus zwei Gründen gewählt. Erstens: ihr seid zurzeit die einzigen, denen Burnside traut."
"Und zweitens?"
"Zweitens", schnaubte Kivel, "Zweitens: Burnside kennt dich und deine Methoden ganz genau. Denkst du, er weiß nicht, dass du im Einsatz deine Befehle so auslegst, wie du es für richtig hältst? Bis jetzt hattest du lediglich Glück, dass deine Eigenmächtigkeit zu einem guten Ergebnis geführt hat. Du hast einen Freibrief vom Präsidenten bekommen, fängst du MacFroody und Miles geschieht nichts, bist du Burnsides Mann der Stunde. Legst du MacFroody um oder Miles beißt ins Gras, bist du der Idiot, der seine Befehle missachtet hat."
"Das ist Bullshit!"
"Nein, Mike", antwortete Kivel, ohne eine Miene zu verziehen, "das ist Politik. Und jetzt ab nach Hause mit euch, ihr stinkt wie eine Herde Alpakas."
***
Deal or no deal?
Am folgenden Tag ging ich über den Flur, als ich eine bekannte Stimme hörte.
"Hallo, Herr Stein." Es war Trommer, der "zufällig" im Flur meines Büros erschien. "Ich hatte gerade hier zu tun. Hätten Sie wohl eine Minute Zeit für mich?"
"Selbstverständlich, Herr Oberstaatsanwalt. Am besten gehen wir in mein Büro", lächelte ich scheinbar ahnungslos und schloss die Tür auf. Trommer trat ein und ich erwartete, dass er sich erneut auf meinen Stuhl setzte, doch Trommer nahm dieses Mal betont locker auf dem Sofa Platz. "Ob du hier auch so locker sitzen würdest, wenn du wüsstest, dass ich vor weniger als vier Stunden hier eine heiße Nummer Sex hatte?", schoss es mir durch den Kopf, denn da hatten Vera und ich eine durchaus leidenschaftliche BDSM-Session auf dem Sofa genossen. Daran hatte auch Veras Liebe zu Beate nichts geändert, doch ich hielt lieber den Mund.
"Ich möchte mich trotz all der Unannehmlichkeiten, denen Sie ausgesetzt waren, dafür bedanken, dass Sie Frau Fischer entgegen Ihrer Bedenken in den gelockerten Vollzug verlegten."
"Ihnen ist schon zu Ohren gekommen, dass Frau Fischer dort erstochen wurde?"
"Ja, das war eine unschöne Sache."
"Unschön?! Nein, das ist scheiße! Unser Job ist es, die Sicherheit der uns überantworteten Menschen zu gewährleisten, dabei spielt es keine Rolle, ob diese Menschen schuldig sind oder nicht."
"Was wollen Sie hören? Dass es mir leidtut, dass ich einer Frau das Recht zukommen ließ, das ihr zustand? Das ich mir vorwerfe, mich an das Gesetz zu halten? Kommen Sie von Ihrem Thron herunter, Stein! Wenn Sie nicht in der Lage sind, unsere Gesetze und Ihre Aufgaben in Einklang zu bringen, suchen Sie sich einen anderen Job. Aber bitte", Trommer hob beschwichtigend die Hände, "ich bin nicht hier, um mit Ihnen zu streiten. Ich habe ein Problem, bei dem ich hoffe, dass Sie mir helfen können."
"Wenn es in meiner Macht steht, gerne."
"Herr Stein, ich bin etwas verwirrt", begann Trommer, "ich habe eine Obduktion der Leiche von Frau Fischer angeordnet und bekam keine Ergebnisse. Als ich beim Institut für Rechtsmedizin nachfragte, sagte man mir, dass die Leiche von Frau Fischer dort nicht ankam."
"Ja, da gab es wohl eine Verwechslung. Frau Fischer wurde nach Frankfurt gebracht und dort scheint man sie mit einer anderen Leiche verwechselt zu haben."
Ich konnte sehen, dass mir Trommer kein Wort glaubte, also holte ich die Unterlagen der Institute aus meinem Schreibtisch hervor. "Hier habe ich die Unterlagen von Frankfurt, die die Überstellung belegen."
"Ja, ich habe die Kopien der Institute gesehen… doch ich bitte Sie! Rote, lange Haare, perfekte Figur, grüne Augen… eine Frau wie Fischer würde sicher jedem Mitarbeiter im Gedächtnis bleiben. Doch niemand scheint Frau Fischer in Frankfurt gesehen zu haben… das macht mich nachdenklich."
"Nun, wie Sie sicher annehmen, würde eine derartige Erscheinung auch hier auffallen. Daher bin ich sicher, dass Frau Fischer auch nicht mehr hier ist, zumal es für Tote in unserer JVA nur sehr wenige Lagerplätze gibt. Eigentlich gibt es dafür überhaupt keine Lagerplätze bei uns."
"Ja, da stimme ich Ihnen zu, eine tote Frau Fischer würde sicherlich auffallen…"
Damit teilte er mir wohl mit, dass er mir Beates Tod nicht mehr abkaufte und eröffnete so die Verhandlungen. "Ich habe mit dem Bestatter geredet, und dessen Handydaten belegen seine Aussage, dass er von Mainstadt nach Frankfurt fuhr, ohne anzuhalten. Er sagte auch, dass nicht er, sondern dass Sie und Frau Müller den Sarg in den Transporter schoben und dass dieser recht leicht war." Nun war der Spaß vorbei, denn er sah mich scharf an. "Wo ist die Leiche?!"
Jetzt legte ich mich bequem zurück, als ich antwortete: "Ich habe da ein kleines Problem. Sie werden es kaum glauben, aber auch ich habe ein Rechtsempfinden. Ja, manchmal kotzt es mich an, wenn ich sehe, wie Abschaum, der einen großen Namen trägt, hier nach ein paar Jahren wieder herausspaziert, während kleine Fische die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Ich finde es scheiße, wenn Mörder hier im Warmen sitzen, während die Opfer sehen müssen, wo sie abbleiben! Aber mit all dem habe ich zu leben gelernt, womit ich nicht klar komme ist, dass Beate Fischer unschuldig ist, was den Mord an Ella betrifft. Wissen Sie, Beate hat ihre Kleine nicht umgebracht."
"Was soll das?", fragte er drohend.
"Ich dachte nur, Sie sollten das wissen."
"Lassen Sie den Quatsch. Ich weiß, dass Sie mit Meyer geredet haben und herumschnüffeln. Also, wollen Sie sich mit mir anlegen?"
"Ja, am liebsten würde ich dir eine in die Fresse hauen!", dachte ich mir, aber ich blieb ganz ruhig. "Nein, ich will mich keinesfalls mit Ihnen anlegen, ich dachte nur, Sie könnten mir vielleicht auch einmal einen Gefallen tun."
"Ich habe mich Ihrer Kollegin Tanja Schiller angenommen. Die obere Instanz wird sich mit Totschlag und 3 Jahren zufriedengeben. Das war der Deal und ich habe ihn erfüllt. Jetzt sind Sie dran."
"Der Deal war, Beate in den gelockerten Vollzug zu verlegen, trotz der Gefahr, die ihr drohte. Den habe ich genauso erfüllt wie Sie Ihren Part. Jetzt aber geht es darum, eine Unschuldige auszuliefern! Ich schätze, da ist ein neuer Deal nur angemessen."
Trommer stand auf, holte sich einen der Besucherstühle und stellte ihn vor mich, dann setzte er sich mir gegenüber.
"Reden Sie!"
"Ich will Petra Strass." Ich ging davon aus, dass er mich fragen würde, ob ich verrückt sei, doch er dachte ganz in Ruhe nach und forderte mich anschließend auf, weiterzureden.
"Sehen Sie, ich persönlich glaube nicht, dass ein Mann wie Sie sich mit dem Posten eines kleinen Generalstaatsanwalts zufriedengeben wird. Ich denke, Sie sind auf den Weg nach ganz oben. Ich weiß, dass Meyer und die anderen mit ihrer Falschaussage Ihnen den Weg geebnet haben und das könnte fatale Auswirkungen für diese Leute haben. Doch grundsätzlich bin ich ein Fan von Ihnen, also schlage ich Ihnen eine Zusammenarbeit vor."
"Und wie soll die aussehen?"
"Ich könnte es so drehen, dass wir, um Beates Leben zu schützen, ihren Tod vorgetäuscht und sie sozusagen in Schutzhaft genommen haben, das würde ihr wundersames Auftauchen erklären. Im Gegenzug sorgen Sie dafür, dass die wahre Schuldige, Petra Strass, zur Verantwortung gezogen wird."
Trommer lehnte sich gedankenverloren nach hinten und schien über das Angebot nachzudenken. Mit Sicherheit überlegte er sich, wie er Beate und Petra Strass umlegen konnte, denn eines war klar! Beate durfte auf keinen Fall reden! "Also gut. Lassen Sie Beate von den Toten auferstehen und ich kümmere mich um Frau Strass."
"Ich werde Beate auferstehen lassen, sobald Frau Strass ihre gerechte Strafe erhalten hat."
Wir fixierten uns gegenseitig und keiner gab nach. Schließlich stand er auf, ohne den Blick von mir abzuwenden.
"Ich warne Sie, wenn Sie versuchen, mich hereinzulegen, werde ich Sie fertig machen."
"Keine Sorge, Herr Oberstaatsanwalt, ich betrachte das als Gentleman-Agreement. Sie bekommen Beate und ich die Strass. Und wer weiß… vielleicht können wir auch in Zukunft ähnliche Arrangements treffen."
"Das wird sich zeigen, wenn wir diese Geschichte hinter uns gebracht haben. Guten Tag, Herr Stein!"
Trommer marschierte aus meinem Büro und ließ mich zurück. "Das wird ein Wahnsinns-Showdown werden", dachte ich mir. Danach ging ich sofort zu Jessika, um ihr von dem neuen Deal mit Trommer zu berichten.
"Was denkst du, wird er machen?", wollte ich von ihr wissen.
"Trommer wird die Strass abschießen, und zwar mit einem Riesenrummel. Schätze, wir haben ihm gerade zum neuen Generalstaatsanwalt gemacht."
***
Aufstand der Häuptlinge
Leider gab es auf Soulebda nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Einige Jahre zuvor waren seltene Erden auf Soulebda gefunden worden und diese stellten einen unglaublichen Wert dar. Die Verwertung war geregelt und die Gewinne wurden durch die Regierung verwaltet und aufgeteilt. Aber auf zwei der größeren Nachbarinseln lebten und herrschten Häuptlinge, die sehr machthungrig waren. Sie waren mit der Gewinnverteilung nicht einverstanden und wollten die größten Anteile, obwohl sie auf ihren Inseln nichts zum Gewinn beigetragen hatten.
Im Norden, auf Ni’jamong, war das Häuptling Kazt’taeel und im Südwesten, auf Ka’Ihlih, handelte es sich um Häuptling Nick’Takk. Sie konkurrierten mit den Häuptlingen der anderen, kleineren Inseln und wollten schließlich sogar die Regentschaft auf Soulebda anfechten. Das konnte nicht ungestraft bleiben und die beiden Häuptlinge wurden zur Anhörung einbestellt. Aber anstatt sich bei ihrer Regentin zu melden, brachen sie einen Streit vom Zaun, der sich zu einem blutigen Aufstand entwickelte.
Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich mit Penelope auf der Schießbahn des Palastes, wo wir für die anstehenden Wettbewerbe trainierten. Plötzlich rannten zwei Mädchen der Leibgarde zu uns in den Raum.
"Penelope ai Youhaahb, Miss Miles, wir wurden alarmiert. Eine Revolte ist ausgebrochen und oben vor dem Palast wird geschossen. Penelope, wir bringen Sie in den sicheren Raum. Wollen Sie uns begleiten Miss Miles?"
"Nein, bleiben Sie bei Penelope zur Sicherheit, ich werde mich oben nützlich machen." Die Leibgarde begleitete Penelope in den sicheren Schutzraum. Mit ihren .45 Colts sahen die Mädchen der Leibgarde schlecht bewaffnet aus, aber mehr hatten sie damals einfach nicht zur Verfügung.
Lediglich zum Sport wurden die 9mm Parabellum Pistolen eingesetzt. Rasch sammelte ich alle Magazine und Munition, die ich fand und machte mich auf den Weg zum Kommandopunkt. Dort befanden sich bereits hinter dicken Schutzwällen einige Soldaten und ein Oberst der Garde, die mit der Absicherung beschäftigt waren. Ihre alten .45 Colts waren keine besonders gute Hilfe, aber es war nun einmal die Standardwaffe der Garde.
"Miss Miles, was machen Sie hier? Sie sollten besser im sicheren Raum bei Penelope bleiben, hier wird scharf geschossen. Unteroffizier, geleiten Sie Miss Miles zurück in den sicheren Raum zu ..." Der Oberst wollte mich gerade aus dem Gefahrenbereich entfernen lassen, da ging die Schießerei los.
Aufständische durchbrachen die Glasdecke und seilten sich schießend an den Wänden ab, andere stürmten nach vorne und schossen, was die Waffen hergaben. Die Angreifer waren glücklicherweise nicht darauf trainiert, im Laufen zu schießen. Um uns herum schlugen die Kugeln ein. Ich drückte einer Gardistin, die neben mir stand, die Patronen und Magazine in ihre Hände. "Bitte helfen Sie mir." Sie begann sofort, die Magazine zu befüllen und ich selbst fing an zu schießen.
Die Distanz der Angreifer war etwa so groß wie auf dem Schießstand und so rannten die Revoltierenden direkt in ihr Verderben.
Als der erste Ansturm vorbei war, standen die Soldaten mit offenen Mündern da und vor uns lagen gut zwanzig tote Revoluzzer auf dem Boden. Ab diesem Zeitpunkt war der Oberst froh, mich bei sich zu haben. "Miss Miles, ich wusste gar nicht, dass Sie so gut schießen. Danke, Sie haben uns sehr geholfen."
Er teilte mir die Frau, die mir bereits die Munition nachgeladen hatte, fest zu und wir zogen uns in den sicheren Schutzbereich der Präsidentenfamilie zurück, um sie zu beschützen. Auf dem Weg dorthin schossen wir uns den Weg frei.
Dort angekommen, luden wir erneut die Magazine nach. Aus einigen Ecken stürmten bereits die nächsten Widersacher und schossen auf uns. Wir wehrten uns mit wirkungsvollen Schüssen.
Ich ließ meine Beretta heiß laufen und meine Leibgardistin lud die Magazine ständig nach. Meine 9mm hatte einen enormen Hunger. 15 Schuss waren schnell verbraucht und meine Gardistin befüllte die Magazine erneut. Ich schoss fast nur Doubletten und die trafen. Ich erinnere mich noch gut an den erschrockenen Koch, der von einem Aufständischen als Schutzschild gehalten wurde. Aber zwei Schuss stoppten den Angreifer und der Koch sah zwar erschrocken aus, dafür aber sehr dankbar zu mir herüber.
Endlich im Zentrum der alten Bibliothek angekommen, wurde der Ansturm der Revoluzzer blutig gestoppt. Fast wäre es den Angreifern gelungen, die Regentin zu umstellen, aber wir waren die Kavallerie und befreiten die Regentin und ihren Mann. Anschließend hielten wir sie immer sicher abgeschirmt von den Angreifern.
Auf diese Weise eliminierten wir die Eindringlinge nach und nach. Die Bibliothek wurde gerade umgebaut. Dadurch stapelten sich dicke Bücher auf Paletten mehrere Meter hoch, was für uns günstig war, denn Papier stoppt Kugeln sehr gut.
"Da oben, Miss Miles!", rief der Oberst. Über die Deckenfenster drangen immer wieder neue Angreifer ein. Da wir die Türen der verlassenen Räume verbarrikadiert hatten, blieb den Angreifern nur noch der Angriff über das Dach.
"Es sind so viele, die vom Dach kommen", rief eine junge Gardistin verzweifelt. "Nur die Ruhe, einen nach dem anderen anvisieren, dann schießen. Danach ausatmen und weitermachen, das machen Sie gut!", motivierte ich die Frau. Sie schoss zwei Angreifer vom Dach und zielte auf den nächsten. "Danke, Miss Miles, das hilft, einen nach dem anderen!"
"Miles, die Tür vorne links!", rief der Oberst. Doch da fielen bereits die ersten Angreifer von meinen Kugeln getroffen zu Boden. „Ich habe sie!", rief ich zurück und der Oberst nickte nur. Durch diese Tür traute sich keiner mehr herein. Die Angreifer in den Fluren waren deutlich weniger als jene, die über das Dach kamen. Aber die Angreifer waren schlecht organisiert und ungeschickt. Vom Dach kommend waren sie gut zu sehen und jeder Getroffene stürzte sofort herab. Die Angreifer fielen wie reife Früchte von der Decke auf den Steinboden. Wer von ihnen nicht gleich tödlich getroffen wurde, starb beim Aufprall auf den harten Boden. Inzwischen ging die Munition der Gardisten langsam zu Ende und ich musste nach allen Seiten absichern. Jetzt luden bereits zwei Mädchen die Magazine nach und ich konnte so schneller und effektiver schießen.
"Es kommen nun weniger Angreifer vom Dach, aber vom Hauptflur kommen jetzt die Elitekämpfer. Miss Miles, ich brauche Sie jetzt für die am Boden! Das müsste dann der Rest der aufständischen Truppe sein." Die letzten beiden Angreifer schoss ich noch vom Dach, lud die Waffen nach und wir erwarteten die letzten Elitekämpfer.
Am Ende stürmte noch eine Gruppe Widersacher mit einem Häuptling als Anführer die Bibliothek, es war deren letztes Aufgebot. Wir schossen, was die Waffen hergaben. Der Häuptling selbst war voller Adrenalin und die Wachen schossen scheinbar vergeblich auf ihn. Erst durch zwei Schüsse in den Kopf konnte ich den Häuptling stoppen. Ein solcher Ablauf war uns in der Ausbildung beigebracht worden, diese Adrenalin-getränkten Angreifer schossen auch noch nach einem Herztreffer. Die Mediziner nannten das "die Minute des toten Mannes".
Als sich der Überfall zu Ende neigte und das Schießen aufgehört hatte, stand ich da, inmitten unserer kleinen Burg aus zerschossenen Büchern, verschwitzt und schmutzig. Ein Streifschuss hatte meine Schulter blutig gefärbt. In beiden Händen eine rauchende Waffe und um mich herum lagen leere Magazine. Der Boden war übersät mit verschossenen Hülsen.
Dann stürmten endlich die Regierungssoldaten die Bücherei. Mit Freudengeschrei fielen sich die Soldaten und Gardistinnen gegenseitig in die Arme und der Oberst machte vor seinem General Meldung.
Vor mir erhob sich die Regentin, Heylah ai Youhaahb, und kam auf mich zu. Sie rief etwas in der Sprache, die ich noch nicht ganz verstand, und die Anwesenden begannen einen lauten Singsang. Danach machte Heylah einige Bilder mit ihrem Handy und lächelte mich an. Mit beiden erhobenen Händen wies sie auf mich und begann ein Jubelgesang. Die Umstehenden sangen laut und klatschten mit. Mehr und mehr kamen dazu und machten mit. Jubelrufe und Freudenschreie waren neben dem Geklatsche zu hören. Erst da bemerkte ich, dass diese Ehrerbietung mir galt.
***
Die Ehrung
Am nächsten Tag wurden beim Säubern der Räume 180 erschossene Angreifer und drei erschossene Mädchen der Leibgarde gezählt. Angeblich hatten mehr als die Hälfte der Angreifer kleinere Löcher als jene, die von den 45er Kugeln der Gardisten stammten. Die darauffolgenden Autopsien der Angreifer bestätigten diese Aussagen. Diese Erkenntnis trug man offenbar auch der Regentin vor.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, wurde im Palast eine große Siegesfeier abgehalten und ich wurde von der Regentin persönlich eingeladen.
In einer großen Zeremonie wurden den Opfern gedacht und die überlebenden Soldatinnen und Soldaten des Angriffs wurden ausgezeichnet. Ganz am Ende wurde auch ich aufgerufen.
"Zum Abschluss des heutigen Freudentages rufe ich nun Miss Caroline Miles auf. Miss Miles, bitte."
Der große Empfangssaal im Palast war voll, nur der Gang in der Mitte wurde freigehalten. Über einen roten Teppich musste ich jetzt gehen, genau wie die anderen vor mir. Irgendwie fühlte ich mich dabei doch etwas unwohl. All die lächelnden Gesichter auf beiden Seiten und ich in meiner offiziellen Tracht, nur meine langen roten Haare bedeckten meine Brüste. Ich trat vor die Regentin und verbeugte mich, so wie es mir Penelope gesagt hatte. Der Gemahl der Regentin schaute ganz genau, ob ich mich auch tief genug verbeugte, was er wirklich sehen wollte, war mir aber klar.
"Erheben Sie sich, Miss Miles!" Damit trat ich neben die Regentin und sie lächelte mich mit freundlichem Blick an, nickte kurz und ihre Tochter Penelope trat vor mich. Unser beider Lächeln fiel allen im Saal auf. Dass wir beide zusammen waren, stellte auf Soulebda ja kein Problem dar.
Penelope nahm einen Orden von einem Samtkissen, das ihr eine Gardistin entgegenhielt, und legte ihn mir um. Dann trat sie neben mich an meine Seite und berührte sanft meine Hand mit ihrem kleinen Finger.
"Hiermit verleihe ich Ihnen, Miss Caroline Miles, den Orden Kahlscha’daar, das ist eine ganz besondere Auszeichnung. Sie, Miss Miles, haben sich während des Aufstandes als tapfere Heldin erwiesen und unerschrocken Ihr Leben für uns alle, die wir hier stehen, eingesetzt. Sie sind ein wahres Vorbild für uns."
Mit einem tosenden Beifall ging allerdings auch ein Gemurmel einher, das ich nicht einordnen konnte, und daher dachte ich, das sei, weil ich Ausländerin war. Erst später erfuhr ich, dass diese Auszeichnung für die Menschen auf Soulebda noch sehr viel mehr bedeutete. Sie enthielt einen Ehrenstatus, der mich als absolute Vertrauensperson der Regentin definierte.
Ab diesem Zeitpunkt war ich auf Soulebda so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wo ich war, erkannte man mich und grüßte sehr höflich. Ich selbst merkte, dass das von der Bevölkerung ehrlich gemeint war, denn die Regentin wurde von allen geliebt und ich hatte immerhin ihr Leben gerettet. Das Leben ihrer Regentin.
Meine geliebte Penelope bedankte sich auf ihre einzigartige Weise dafür, dass ich ihre Familie gerettet hatte. Außerdem überreichte sie mir ein großes, eingerahmtes Bild, es zeigte mich inmitten der Bücher stehend, mit den beiden Pistolen im Anschlag, verschwitzt und angeschossen. Das Bild, das damals die Regentin noch selbst geschossen hatte, war hervorragend ausgearbeitet und hätte für jede Action-Kinowerbung herhalten können.
Penelope und ich betrachteten an einem Sonntagabend das Bild, das in der Dienstvilla einen guten Platz gefunden hatte, als mein Handy summte. Penelope reichte es mir mit einem Grinsen im Gesicht. "Dein Freund Krischan ist da dran."
Krischan erzählte mir, dass er wieder für eine längere Zeit auf einen Einsatz gehen würde und es daher keine Kommunikation zu mir gäbe. Inzwischen wusste Penelope auch, dass ich noch für mein Onkelchen arbeitete und auch, dass Krischan bei ihm in Lohn und Brot stand. "Zwei Monate Funkstille, pass nur auf, dass du wieder in einem Stück und vor allem gesund heimkommst."
Penelope grinste, als sie mich erröten sah, und als das Telefonat beendet war, fielen wir beide uns in die Arme. "Ich sehe, wenn sich ein Mensch freut! Ich glaube, dieser Krischan sollte sich nicht so oft in der Welt herumtreiben und dich schnellstmöglich zum Altar führen."
"Oh, Penelope, ich fürchte, dass er sich für seinen Staat noch ein paar Jahre da draußen herumtreibt." Sie kam nah zu mir heran und wir umarmten uns ganz fest. "Wie auch immer, meine geliebte Caroline, ich werde dich auch immer lieben, vergiss das niemals." Danach küssten wir uns innig.
***
Polizeipräsidium Mainstadt
KHK Kurt Meyer saß an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
"Meyer."
"Hier Trommer! Kommen Sie in mein Büro!", erklang eine eindeutige Aufforderung, der Meyer sofort nachkam. Der Tod von Beate Fischer fraß sehr an ihm und zum tausendsten Mal fragte er sich, warum er den Mund gehalten hatte. Doch jedes Mal, wenn er sich dies fragte, wusste er auch die Antwort darauf… die hatte genau jetzt ihren Spaß in der Kita!
Mit einem mulmigen Gefühl machte sich Meyer auf den Weg zur Staatsanwaltschaft, dennoch nahm er sich vor, diesem Scheißkerl Trommer dieses Mal die Stirn zu bieten! Als er an Trommers Tür klopfte, saß der an seinem Schreibtisch.
"Kommen Sie herein und setzen Sie sich", forderte er Meyer auf.
Als Meyer saß, legte Trommer die Ermittlungsakte Fischer auf den Schreibtisch und schob sie Meyer hin.
"Ich möchte, dass Sie sich die Akte nochmal vornehmen und sich einige Ungereimtheiten ansehen. Frau Strass scheint in einigen Passagen ihrer Aussage die Unwahrheit gesagt zu haben. Klären Sie das. Ihre Ergebnisse werden Sie ausschließlich mir zukommen lassen. Haben Sie das verstanden?"
Meyers Hände zitterten, als er völlig überrascht die Akte an sich nahm. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, Trommer zu sagen, was er ihn könne… Doch hier und jetzt hatte er die Gelegenheit ein Unrecht wieder gut zu machen, wenn auch zu spät für Beate… oder für sich selbst.
***
Vorbereitungen
Mit einem Pling teilte mir mein Computer mit, dass ich eine neue Mail erhalten hatte. Da ich mit den Gedanken sowieso nicht bei der Sache war, klappte ich die Akte vor mir zu und öffnete das Mailprogramm. Die Nachricht kam von Jessika und lautete: "Sieh dir mal den Gefangenen aus Zelle 19 Trakt 4 an."
Auch wenn Trakt 4 nicht in "meinem Haus" lag, habe ich dennoch Zugriff auf alle Daten, da Richard Facher, der Leiter des Traktes 4, und ich uns gegenseitig vertraten.
Der Gefangene Nr. 19 saß wegen Mord, Raub und Dokumentenfälschung in lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Ich besorgte mir Zugriff auf die Prozessunterlagen - der elektronischen Akte sei Dank - und studierte die Akten der Nummer 19, dessen richtiger Name Jarvis Dunkowski lautete. Ich beschloss gedanklich, bei 19 zu bleiben.
Das Hauptgeschäft von Dunkowski war die Besorgung von gefälschten Reisepässen für eine Mafia-ähnliche Organisation. Dazu suchte sich Dunkowski Personen aus, die den zukünftigen Benutzern der Pässe äußerlich ähnelten und stahl ihnen ihre Pässe. Diese wurden dann nur auf das Nötigste abgeändert und die Mafia benutzte jeden Pass immer nur einmal.
Um sicherzugehen, dass nicht die Pässe vor der Benutzung als gestohlen gemeldet wurden, brachte Dunkowski die Besitzer der Pässe um.
Offiziell verbuchte Dunkowski acht Morde, davon drei Frauen. Ich sah mir die Bilder der Opfer an… Dunkowski schien eine Leidenschaft für Blondinen zu haben. Jessika hatte Recht, Dunkowski war genau der Mann, den ich brauchte, dennoch zögerte ich… durfte ich mit so einem Kerl Geschäfte machen? Heiligte der Zweck die Mittel? Wie weit würde ich ohne ihn kommen? Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht sehr weit ohne professionelle Hilfe kommen würde, also schluckte ich die Kröte herunter und setzte mich an den Computer. Zunächst musste ich die "Bezahlung" klar machen, denn auch hier - gerade hier - hinter Gittern war nichts umsonst.
Ich durchsuchte die Vollstreckung und Führungsakte und fand, was ich suchte. Dunkowski hatte strengstes Post- und Einkaufsverbot, außerdem hatte seine Freundin schon mehrfach einen Besucherantrag gestellt, den das Gericht jedes Mal abgelehnt hatte. Perfekt! Wenige Klicks und ein paar anders gesetzte Häkchen und schon durfte Dunkowski seine Freundin sehen, Briefe erhalten und auf Einkauf gehen. Als ich fertig war, begab ich mich in den Trakt 4 zu Dunkowski, inständig hoffend, dass mir Richard nicht über den Weg lief. Ich hatte Glück, niemand sah mich und wer mir über den Weg lief, interessierte sich nicht für mich. Dann ein schneller Blick und ich schlüpfte in Dunkowskis Zelle.
"Oh, hoher Besuch, der Bad-Man persönlich. Haben sie dich von deiner Station verjagt?"
"Nein, Jarvis, mich verjagt niemand, denn ich bin der Beste in meinem Job. Ich bin sogar so gut, dass niemand weiß, wo ich gerade bin."
"So, so, und was willst du hier bei mir?"
"Ich brauche Hilfe und du bist genau der Mann, den ich suche."
"Ich? Hört sich an, als ob du ziemlich verzweifelt bist, wenn du mich schon um Hilfe bitten musst."
"Verzweifelt nicht, Jarvis, es gibt genug Passfälscher hier im Trakt, die ihr Handwerk verstehen, aber du sollst angeblich der Beste sein." Ich hatte gelernt, dass Schmeicheleien meistens bei Verbrechern funktionierten, wenn man etwas von ihnen wollte. Auch Dunkowski sprang darauf an.
"Das stimmt! Wegen meiner falschen Pässe sitze ich nicht hier. Scheiße, meine Ausweise sind überall durchgekommen."
"Ja, ich habe es gelesen. Du hattest das Pech, das dein Boss erwischt wurde und einen Deal mit dem Staatsanwalt gemacht hat, er hat dich verpfiffen und seinen eigenen Hintern gerettet. Schöner Boss."
Als Antwort spuckt Dunkowski auf den Zellenboden.
"Jetzt zu meinem Anliegen. Ich brauche echte Ausweise und Papiere für jemanden, der nicht existiert. Wie komme ich da ran?"
"Eigentlich ganz einfach. Du nimmst einen falschen Reisepass, gehst zu einem Einwohnermeldeamt einer großen Stadt. Dort sagst du, dass du die letzten Jahre im Ausland gelebt hast und möchtest jetzt wieder hier leben. Alle deine Papiere außer dem Reisepass sind im Ausland leider verloren gegangen. Ist der falsche Pass gut, bekommst du einen vorläufigen Ausweis, bis der Neubeantragte fertig ist. Wenn alles gut geht, bekommst du den neuen echten Personalausweis innerhalb einer Woche und mit dem kannst du dann die anderen echten Papiere anfordern. Alles, was du brauchst, ist ein gut gefälschter Reisepass."
"So einfach geht das?"
"Jede Bürokratie hat ihre Schwächen, Bad-Man."
"Also gut, reden wir nicht weiter Drumherum. Ich brauche einen deiner hervorragenden Pässe, was musst du dafür haben?"
"Was springt für mich dabei heraus? Komme ich hier raus?"
"Nein. Erstens ist das hier ein privater Auftrag und zweitens ist das, was ich vorhabe, nicht ganz legal."
"Warum sollte ich dir dann helfen?"
"Ich habe in deiner Akte gelesen, dass deine Freundin schon drei Anträge auf Besuch gestellt hat, aber alle wurden abgelehnt und es scheint so, als ob du sie nie mehr sehen wirst. Ich habe, als Zeichen meines guten Willens, die Anweisung abgeändert. Wäre dir nächste Woche Samstag recht?"
Dunkowski biss die Zähne zusammen, während er mich anstarrte. "Wenn du mich verarschst, leg ich dich um, Bad-Man!"
"Ich verarsche dich nicht, es ist mein voller Ernst. Außerdem habe ich deine Postsperre aufgehoben, verlasse mich aber darauf, dass deine Briefe privater Natur bleiben. Also was ist, haben wir einen Deal?"
"Wie lange darf sie bleiben?"
"10 Stunden, von 10 bis 20 Uhr."
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Jarvis musste tatsächlich kämpfen, um seine Tränen zurückzuhalten.
"Also gut, wir sind im Geschäft, Bad-Man. Ich brauche ein originales Dokument, wenn möglich von einer Person, die dem neuen Inhaber ähnlichsieht, auch was Alter und Größe betrifft, Bilder und wenn es geht, ein paar unterschriebene Dokumente."
"Geht klar. Wie lange wird es dauern."
"Eine Woche, außer meine Zelle wird gefilzt, dann war’s das."
"Keine Sorge, das wird nicht geschehen. Gut, sobald ich den Ausweis habe, sorge ich auch dafür, dass du auf Einkauf gehen kannst, der erste geht dann auf mich. Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass dieses Gespräch nie stattgefunden hat?"
"Welches Gespräch?"
Ich ließ Dunkowski wieder allein und schaffte es ungesehen wieder aus Trakt 4 herauszukommen. Gut, Punkt eins in Angriff genommen. Zurück im Büro gab ich Jessika Bescheid, dass der Ausweis in Arbeit war. Schnell ging ich eine Etage höher in meine Wohnung, wo die meisten Unterlagen von Vera lagen, suchte ihren Reisepass sowie ein paar Dokumente mit ihrer Unterschrift und wurde schnell fündig. Aus Beates Akte entfernte ich das Passfoto und ersetzte es durch ein Foto einer schon entlassenen Frau, die ihr halbwegs ähnlich sah. Jetzt musste ich nur noch einen passenden Namen finden, was gar nicht so einfach war. Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir etwas Gutes einfiel. Oh ja, ... Der Name passte… Alle Unterlagen, die Bilder und den neuen Namen packte ich in einen Umschlag auf dem "Verteidigerpost" vermerkt war und ließ ihn über die Hauspost Dunkowski zukommen.
***
"Hast du Hunger?", fragte Vera und schaute zur Tür herein.
Jetzt, wo sie mich fragte, stellte ich fest, dass ich einen Mordshunger hatte, außerdem war es schon ziemlich spät. Also beschloss ich, Feierabend zu machen.
"Ja, ich habe einen Riesenhunger. Wollen wir was bestellen?"
"Ich habe da eine andere Idee", zwinkerte sie mir zu, "komm mal mit."
Sie brachte mich zu ihrer Wohnung und schob mich zur Tür hinein.
Ich traute meinen Augen nicht! Auf dem Tisch stand ein Menü, das selbst den besten Sternekoch blass aussehen ließ. Dazu waren im Kerzenlicht vier Gedecke aufgetragen und Jessika saß schon am Tisch.
"Ich weiß, es ist nicht viel, aber es soll ein kleines Dankeschön sein, das ihr für mich kämpft", sagte Beate und bat mich, Platz zu nehmen. Hm, allein der Duft des Essens war unglaublich gut, das Essen selbst war fantastisch und der Wein perfekt dazu gewählt. All das führte dazu, dass wir es tatsächlich schafften, einen schönen Abend zu verbringen und unsere Sorgen für einen kurzen Moment zu vergessen.
Während wir aßen, hielten Beate und Vera Blickkontakt wie zwei verliebte Teenager. Sie hielten auch Händchen, strichen sich gegenseitig über den Arm und ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden auch unter dem Tisch Kontakt hatten.
Jessika sah mich grinsend an und verdrehte ihre Augen, was mir sagen sollte: "Nimm‘s nicht so schwer!" Und ich? Einerseits wurde mir hier deutlich vor Augen geführt, dass ich Vera als Partnerin verloren hatte, andererseits freute ich mich für sie.
Nachdem wir mit dem Essen fertig waren und unsere Gastgeberinnen den Tisch abgeräumt hatten, verabschiedete sich Jessika. "Danke für den schönen Abend. Wir sehen uns morgen." Sie stand auf und sowohl Vera als auch Beate verabschiedeten sie mit einem Kuss.
Da ich mir sicher war, dass heute Abend zwischen den beiden rothaarigen Schönheiten noch die Post abgehen würde, beschloss ich, die Beiden nicht länger mit meiner Anwesenheit zu stören, also stand auch ich auf und verabschiedete mich ebenfalls. "Ich werde dann auch mal die Biege machen, bis morgen, ihr zwei." Doch Vera hielt mich am Arm fest und zog mich vom Tisch weg in Richtung des Betts.
"Weißt du, Bad-Man", sagte Vera und schubste mich aufs Bett, "wir zwei hätten da noch ein ganz bestimmtes Dankeschön für dich."
***
Personalfragen
War das eine Nacht!
Wo ich diese Energie hergenommen habe, weiß ich nicht, doch meine beiden Frauen hatten das Letzte aus mir herausgeholt. Beate hatte mich damit überrascht, dass sie eine von Veras Gerten unter dem Kissen hervorzog, mir diese mit beiden Händen entgegenhielt und gemeinsam mit Vera vor mir auf die Knie ging, was die Nacht zu einem unvergesslichen Erlebnis machte.
Ein Blick auf meinen Terminplaner sagte mir, dass ich heute Vormittag noch einen Termin bei einem Abteilungsleiter hatte. Ich beschloss aber, diesen auf den Nachmittag zu verschieben.
Um mich etwas zu erholen, packte ich mich auf das Sofa im Büro, doch an Schlaf war nicht zu denken, denn zu viele Gedanken spukten in meinem Kopf herum. Irgendwann fielen mir dann doch die Augen zu, bis mich der Duft von frischem Kaffee weckte. "Meine" Jessika hatte an mich gedacht und mir einen großen Becher auf den Schreibtisch gestellt - und daneben lag ein Stapel Akten. Auch das ist typisch für Jessika. Die Arbeit schläft eben nie.
Kaum hatte ich an sie gedacht, kam Jessika auch schon herein und fragte mich, ob alles in Ordnung sei.
"Ja, warum?"
"Du hast Augenringe und siehst aus, als ob du die ganze Nacht nicht geschlafen hast."
"Tja, Bad-Man sein ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja erledigen", grinste ich, was Jessika genervt aufstöhnen ließ. "Scheint wohl so zu sein. Hier liegen übrigens die Akten der neuen Bewerber."
"Welche neuen Bewerber?"
"Da Tanja jetzt hier im Gefängnis einsitzt, wurde ihre Stelle neu ausgeschrieben. Frank will, dass wir uns die Bewerber ansehen und eine Vorauswahl treffen. Während sich der Bad-Man von der Nacht erholen musste, habe ich schon mal ein paar Kandidaten ausgesucht, jetzt komm in die Gänge, da sind die Bewerbungsunterlagen. Du hast drei Stunden dafür, dann hast du einen Termin mit Frank im Konferenzsaal."
"Auch das noch", dachte ich. Bis jetzt hatte ich gehofft, einen Termin mit Frank umgehen zu können. Zumindest bis die Sache mit Beate erledigt war, denn wenn einer Lunte roch, dann Frank. Wir kannten uns seit Ewigkeiten und Frank war nicht einfach mein Chef, nein, er war auch mein Freud, der sich darauf verließ, dass ich ihm jeglichen Ärger vom Hals hielt. Momentan tat ich aber eher das Gegenteil davon.
Mit seiner Stelle als Direktor hatte er einiges an Verantwortung zu tragen, doch er ließ mir in allen Belangen freie Hand, die einzige Bedingung war, dass es keinen Ärger gab. Dennoch, er kannte mich gut, und ich durfte ihn nicht unterschätzen und schon gar nicht ein falsches Wort fallen lassen.
Also machte ich mich über die Akten her. Es waren sechs Bewerber, davon zwei Frauen. Anscheinend hatte die Emanzipation in diesem Job noch nicht vollständig Fuß gefasst.
"Was war das?", fragte ich mich, als ich die Akte der zweiten Frau vom Stapel nahm, denn die Akte hatte einen Knick im Deckel, was absolut ungewöhnlich für Jessika war. Ich schlug die Akte auf und mein Herz bekam einen Aussetzer.
"Verdammt, Jessika, ich liebe dich!", schoss es mir durch den Kopf, als ich ihren Gedanken begriff und ich grinste in mich hinein. Jessikas Plan war genial und gefährlich zugleich…
Ein grober Überblick reduzierte die Auswahl auf zwei Bewerber.
Von den vier Aussortierten waren zwei Bewerber eindeutig Spinner, die keine Vorstellung hatten, was auf sie zukommen würde.
Die andere Frau kam aus dem medizinischen Bereich und würde sich sicher mit Vera einen Konkurrenzkampf liefern, was unsere Belegschaft als Letztes gebrauchen konnte.
Der Letzte der vier war gerade erst volljährig geworden und ich glaubte nicht, dass er dem psychischen Druck, den der Job hier forderte, auf Dauer standhalten würde.
Somit blieben ein ehemaliger Armeeangehöriger und eine Frau übrig.
Der Armee-Typ hatte das Zeug dazu, sich im Gefängnisalltag zu behaupten, er war mehrmals im Auslandseinsatz gewesen und hatte haufenweise Belobigungen. Die Frau war nach einem längeren Bildungsaufenthalt, der sie durch mehrere Länder geführt hatte, wieder im Land. Sie war als Verwaltungsangehörige eine Zeitlang durch die Staaten getingelt, hatte in verschiedenen Staatsgefängnissen gearbeitet und sogar einen Abstecher nach Singapur gemacht, um den dortigen Justizbehörden über die Schulter zu schauen.
Sie wurde schnell mein Favorit, also schaute ich mir die Akte genauer an.
Sarah Schlosser, 35 Jahre, keine Familie, und bis jetzt bei sieben amtlichen Behörden im Ausland beschäftigt gewesen.
Fairerweise schaute ich mir die Akte des Armeetyps noch einmal an. Wenn ich Frank etwas ablenken wollte, musste ich ihm schon mehr als einen Kandidaten bieten und so beschloss ich, alle Akten mit in die Besprechung zu nehmen.
Pünktlich stand ich im großen Besprechungssaal des Verwaltungsgebäudes. Außer Frank waren noch Abgeordnete des Ministeriums, Mitglieder des Personalrates sowie die Frauenbeauftragte anwesend.
"Gut", dachte ich, "eine Verbündete habe ich schon mal". Mir war aber klar, dass ganz egal, was die einzelnen Teilnehmer anführen würden, entscheiden würde letztlich Frank. Ihn musste ich überzeugen. Die Konferenz begann und wie üblich hatte jeder Teilnehmer seinen Favoriten.
Schnell stellte sich heraus, dass das Rennen zwischen dem Armee-Typ und der Medizinerin stattfinden sollte, wobei der Armee-Typ deutlich mehr Anhänger hatte. Ich hielt mich noch zurück und erst, als Frank mich aufforderte, meine Meinung zu äußern, tat ich das.
"Also, ich schlage Sarah Schlosser vor", warf ich in den Raum und alle sahen mich verwundert an, denn deren Name war bisher noch gar nicht gefallen. Das heißt, nicht wirklich alle waren verwundert, Frank lächelte in sich hinein.
Nach einer kurzen Stille brach ein wirres Stimmengewitter über mich herein.
Ich wartete, bis sich der Sturm gelegt hatte, dann erklärte ich meine Entscheidung.
"Ich sehe bei Sarah den klaren Vorteil, dass sie diese Tätigkeit mit einer gewissen Leidenschaft ausübt. Der Mann, der von der Armee kommt, sieht in diesem Job lediglich eine gut bezahlte Arbeit. Dasselbe gilt für die andere Frau. Doch beide sind es nicht gewohnt die zweite Geige zu spielen, in einem gewissen Maß ist das auch ok, doch hier brauchen wir keine großen Egos oder Karrieremenschen, sondern Teamspieler." Es schadete sicher nicht, an den besonderen Geist in unserer JVA zu appellieren. "Dass es hier so gut läuft, ist der Verdienst von uns allen und von unserer Einstellung zueinander."
Wieder wurde eine laute Diskussion geführt, aus der Frank und ich uns heraushielten. Er zog die Augenbrauen zusammen, als er sich zu mir herüberbeugte. "Warum?"
"Ich habe einfach ein gutes Gefühl bei ihr."
Seine Augen durchbohrten mich beinahe, während er mich lange und nachdenklich ansah.
Unglaublich, Peter, der abgebrühte Bad-Man, schwitzte innerlich und hoffte, dass sein Chef es nicht bemerkte.
"Also gut", sagte er schließlich leise zu mir. "Ich vertraue deinem Urteil und nehme die Schlosser."
"Ich bin sicher, sie wird dich nicht enttäuschen", nickte ich zuversichtlicher, als ich tatsächlich war, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen.
Frank dagegen hatte seinen Blick noch nicht von mir abgewandt, als er meinte: "Ich hoffe, du weißt, was du tust."
Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, dann gab Frank seine Empfehlung an die einzelnen Abteilungen und niemand widersprach seiner Wahl.
Als die anderen gegangen waren, hielt mich Frank zurück.
"Ich hörte, du hast jetzt einen neuen Freund, Trommer."
"Naja, ich würde Trommer nicht als Freund bezeichnen, und ich glaube auch nicht, dass Trommer diesen Begriff kennt."
"Trommer und ich haben zusammen studiert. Er war schon immer rücksichtslos, wenn es darum ging, ein Ziel zu erreichen. Sei vorsichtig, mach ihn dir ja nicht zum Feind."
"Habe ich nicht vor."
"Gut, " lächelte er, dann froren seine Gesichtszüge ein, als er mit eisiger Stimme fortfuhr, "ich habe heute Morgen übrigens einen Bericht aus Freising bekommen. Elvira Torres wurde bei ihrem ersten Freigang zu ihrer Tochter bei einem Verkehrsunfall getötet. Ein LKW hat sie erfasst und über hundert Meter mitgeschleift. Die Leiche soll ziemlich mitgenommen aussehen. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag."
Wahrscheinlich konnte man mir das Entsetzen ansehen, das ich empfand, doch Frank war schon gegangen. Wie vor den Kopf geschlagen taumelte ich zum nächsten Stuhl und ließ mich hineinfallen. "Trommer, du Schwein!", war der erste Gedanke, der sich in mein Gehirn einbrannte! Der zweite lautete: "Auf was hast du dich da eingelassen?!" Dann kam ein dritter Gedanke, ein Gedanke, den ich niemals für möglich gehalten hätte: "Ich bringe dich um!" Das Erschreckende an diesem Gedanken war, ich meinte ihn ernst! TODERNST!
***
Zwei Tage später
"Stein", meldete ich mich übel gelaunt am Telefon. Die Nachricht von Torres' Tod hatte uns völlig aufgewühlt. Besonders Vera nahm es sich schwer zu Herzen. Beate tröstete sie, so gut es ging. Zwar sagte ich mir, dass - wenn wir nicht eingegriffen hätten - Beate jetzt tot wäre und die Wahrscheinlichkeit, dass Trommer Torres auch in diesem Fall hätte umbringen lassen, sehr hoch war, doch es half wenig – wir fühlten uns mehr als schuldig.
Da ich bis zur Fertigstellung des Passes zur Untätigkeit verdammt war, vergrub ich mich in der Arbeit, bis mich das Telefon herausriss.
"Hallo Mister, es interessiert mich einfach. Heute Mittag im Schiller", erklang Meyers Stimme und direkt danach hatte er auch schon wieder aufgelegt.
Mit einem mulmigen Gefühl verließ ich kurz vor Mittag die JVA und schaute mich mehrmals um. "Du wirst paranoid", sagte ich mir, doch wie sagt man so schön, Vorsicht ist besser als Nachsicht, und siehe da, Arschgesicht und sein Kumpel waren tatsächlich in meiner Nähe. Die beiden Pflaumen benutzten denselben Wagen wie neulich und hatten augenscheinlich noch nicht genug! Anscheinend war meine Lektion von neulich nicht ganz angekommen und insgeheim hoffte ich, dass mir die beiden Gelegenheit gaben, dies zu verdeutlichen.
Dieses Mal war ich zuerst im Schiller, Meyer kam pünktlich und setzte sich zu mir. Ich musste nicht, wie beim letzten Mal, in die Ecke rutschen und Meyer sah um einiges besser aus als bei unserem vorherigen Zusammentreffen.
"Was hast du mit Trommer gemacht?", fragte er ohne Umschweife.
"Wie kommst du denn darauf?"
"Seit ein paar Tagen bearbeite ich wieder den Fischer-Fall. Diesmal will ich gleich wissen, wohin die Reise geht. Was hat Trommer vor?"
"Wir wollen die Strass zur Rechenschaft ziehen."
"Wir? NEIN! Das willst DU. Aber Trommer will etwas anderes. Was?"
"Ich vermute, dass er sie medienwirksam abschießen wird. Er wartet nur auf den richtigen Moment."
"Jetzt sagst du mir, was du weißt, oder ich lasse eine Riesen-Bombe aus Scheiße hochgehen. Und die wird gewaltig stinken."
"Auf einmal bist du wieder der Alte! Wieso hat das solange gedauert? Wusstest du, dass deine Kollegen mich überwachen?"
"Die beiden Witzfiguren? Ja, die habe ich gesehen. Du hast die beiden ganz schön fertig gemacht. Dein Freund hatte eine gebrochene Nase und einen Jochbeinbruch."
"Hat er verdient und falls er mir nochmal dumm kommt, gibt’s einen Nachschlag."
"Zurück zu dir. Pack aus!"
"Es ist so, wie die Fischer sagte: Die Strass hatte ihren Mann angestiftet, die kleine Ella umzubringen. Sie hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen, denn er hatte er weniger Geld für sie, weil er Unterhalt zahlen musste. Also musste die Kleine weg. Da Beate arbeitete, musste er ihr keinen Unterhalt zahlen, nur der Unterhalt für Ella kostete ihn eine schöne monatliche Summe. Also brüteten sie detailliert den Plan aus, den die Strass dann der Polizei erzählte. Beate kam genau eine Minute zu früh, oder zu spät, je nachdem wie man es sieht. Zu früh, was den Plan der Strass angeht, zu spät, um Ella zu retten. Beate konnte Ella nicht mehr retten und rastete aus. Den Rest kennst du. Das heißt nicht ganz. Beate hat zuerst alles versucht, um Ella wiederzubeleben und die Strass hat sie dabei verhöhnt, dann erst hat Beate zum Messer gegriffen."
"Weiter."
"Das war´s."
"Nein, das war nur die Hälfte! Woher weißt du das alles?"
"Hör zu, Meyer. Du bist mein Freund und ich will dich nicht anlügen. Ich schwöre dir, dass es genauso gelaufen ist. Reicht das? Falls ja, hast du Gelegenheit, das Wunder einer wahren Auferstehung zu erleben."
"Ach, du Scheiße…", Meyer sah mich völlig sprachlos an, nur langsam dämmerte es ihm, dass er nicht am Tod einer unschuldigen Frau schuld war. Plötzlich stahl sich ein Ausdruck von Erleichterung in sein Gesicht! "Du… Du! Also gut, du Wahnsinniger. Ich werde mir noch einmal die DNA-Beweise vornehmen. Ich glaube, an der Leiche der kleinen Ella wurden welche von der Strass gefunden. Mal sehen, wie sie das erklärt."
"DNA von Strass an Ella? Das wusste ich ja gar nicht."
"Nein, das weiß noch keiner."
"Denkst du, du bekommst genug für eine Anklage zusammen?"
"Kein Problem, und dieses Mal muss ich nichts fingieren."
"Wie lange wird das dauern?"
"Ich schätze, Trommer wird in zwei Wochen die Bombe platzen lassen. Wie ich unseren geschätzten Oberstaatsanwalt kenne, wird er das Gericht schnell überzeugen und der Prozess wird ein buchstäblicher kurzer Prozess werden. In ungefähr drei Wochen wird Strass in einer deiner Zellen sitzen."
Ich hatte also drei bis dreieinhalb Wochen bis zum Showdown. Nicht gerade viel, aber besser als nichts.
"Danke, dass du mich informiert hast."
"Pass bloß dich auf", warnte mich Meyer eindringlich, "die Witzfiguren folgen dir nicht umsonst."
"Ach, mit denen komme ich schon klar."
***
Die Verlegung
Ich versuchte, mich so sanft wie möglich aus Veras Arm zu lösen, ohne sie aufzuwecken. Tatsächlich gelang es mir und Vera drehte sich im Schlaf zu Beate um und schmiegte sich fest an diese. Eigentlich müsste mir das einen Stich in mein Herz geben, doch ich freute mich für die beiden, zumal sie mich bereitwillig in ihr neues Leben aufgenommen hatten.
In Veras Gesicht lag ein tiefer innerer Frieden und auch Beate schien im Schlaf ihre neue Liebe für immer festzuhalten. Der Stich ins Herz kam erst jetzt bei dem Gedanken, dass ich vielleicht nicht die anbahnende Katastrophe verhindern konnte, dass mein Plan vielleicht scheiterte und dass Beate tatsächlich sterben musste. Nein, so durfte ich nicht denken, ich musste den Kopf frei bekommen und diese Gedanken verbannen! Das ging am besten mit einer guten Tasse starken Kaffee, also braute ich mir eine.
Während Vera und Beate fest schliefen, lag ich noch wach, da sich mein Gedankenkarussell drehte. Einmal hatte ich in einem Buch den Satz gelesen: "Wer nur reagiert, verliert." Trommer hatte die Initiative an sich genommen und ich reagierte bloß, das musste sich ändern, also beschloss ich, aktiver zu werden. Mit der Tasse in der Hand begab ich mich ins Büro. Um halb sechs war ich allein auf dem Gang, sah man von Decker und seinen Leuten ab, die sich auf den Schichtwechsel vorbereiteten.
Erneut dachte ich an Vera. Vera durfte auf keinen Fall etwas von unserem Plan mitgekommen. Wir hatten nur den einen Versuch und ich konnte keinesfalls riskieren, dass ihre Hormone uns in Gefahr brachten. Wenn der Showdown begann, musste Vera… Tja, das wusste ich noch nicht.
Ich musste diesen Punkt mit Beate bereden und das unter vier Augen. Sie musste mir dabei helfen, Vera im richtigen Augenblick loszuwerden.
"Sie haben Post", verkündete der Rechner. Ich öffnete mein Postfach und sah, dass es neue Aufgaben von Jessika gab.
"Gefangene 33 in Trakt 3."
Ich öffnete die Personalakte der angegebenen Frau und schaute sie mir an. Luise Pleitz, 56 Jahre, saß wegen Heiratsschwindel.
Heiratsschwindel? Ich wollte Jessika schon zurückschreiben, ob es ein Scherz sei, dann erst verstand ich, was Jessika beabsichtigte.
Also begab ich mich in Zelle 33, Trakt 3. Dort saß Luise Pleitz an ihrem Tisch, hatte ihr Frühstück vor sich und hörte sich mein Problem an. Anders als bei Dunkowski konnte ich Luise Pleitz für ihr Entgegenkommen einiges an Hafterleichterung verschaffen, etwas, auf das Luise sofort ansprang.
"Was Ihre Frau braucht, ist eine Legende. Sie kann nicht einfach auf einem Passamt aufschlagen und sagen: "Hallo, hier bin ich, leider habe ich alle meine Papiere verloren." Auch nicht, wenn sie hier eine Wohnung sucht. Sie hat Nachbarn, die Fragen stellen werden, irgendwann kommen neue Bekannte, die wissen wollen, was sie vorher getan hat und wo sie war. Sie muss eine schlüssige Geschichte haben und darf sich auch Jahre später nicht verraten. Am besten bleibt sie so nahe an der Wahrheit wie möglich."
"Sie hat ihren Mann mit einem Messer filetiert und ihr Kind verloren."
"Oh…, " seufzte Luise, "das kann man dann wohl nicht nehmen."
"Nein", antwortete ich und umriss ihr meine Idee, ohne auf Einzelheiten einzugehen.
"Sehr gut", lobte sie mich, "das wäre Plan B. Etwas, das völlig anders ist als die Realität. Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken befasst, in meiner Branche tätig zu werden? Sie hätten Zukunft."
"Ich fessle die Frauen lieber anders an mich."
"Ist es die Frau aus den Nachrichten?", fragte sie mich plötzlich.
Da ich keine Antwort gab, lächelte sie still und verriet mir augenzwinkernd: "Ich habe nie geglaubt, dass sie ihr eigenes Kind umgebracht haben soll. Wenn dieser Mistkerl Hand an mein Kind gelegt hätte… also, wenn ich ihr helfen kann, dann gerne. In ein paar Tagen haben Sie eine hieb- und stichfeste Legende."
"Super", dachte ich, "jetzt hatte Beates Fanclub schon eine Vorsitzende." Eigentlich sollte ich aufpassen, dass der Deckel auf der Sache blieb, dies hier trug sicher nicht dazu bei. Eine Stunde später musste ich mir von Jessika bittere Vorwürfe anhören, dass ich eine weitere Mitwisserin geschaffen hatte.
"Als ich sagte, dass du dir die Person ansehen sollst, habe ich nicht daran gedacht, dass du sie einweihst. Ich dachte, du kommst von allein auf den Punkt."
"Tut mir leid, aber in so etwas bin ich Amateur."
"Ein blutiger noch dazu. Hast du vergessen, was mit Torres geschah?!"
"Nein! Mist, was tun wir mit Luise jetzt?"
"Das, was du ihr versprochen hast. Ich sorge für eine Verlegung. Nachdem sie die Legende fertig hat, kommt sie in eine andere Anstalt in der Hoffnung, dass Trommer keinen Verdacht schöpft! Aber ab jetzt keine Mitwisser mehr. Falls nötig, sprich erst mit mir."
"Ich verspreche es."
"Was macht ihr neuer Pass?"
"Jarvis sagte, er braucht eine Woche, also noch drei Tage."
"Jarvis können wir nicht verlegen, er darf mit niemandem reden."
"Sobald er den Pass hat, bekommt er seine Bezahlung. Anschließend wird er ganz sicher mit keinem reden, Jarvis wird seine neuen Freiheiten bestimmt nicht aufs Spiel setzen."
"Du willst ihn wirklich seine Freundin sehen lassen?"
"Warum nicht. Ich denke nicht, dass er Probleme macht, und Decker weiß nur, dass Besucher- und Einkaufsperre aufgehoben ist. Ich habe Jarvis und seiner Freundin die Verheirateten-Zelle gebucht", grinste ich, "Außerdem ist morgen Einkauf. Ich habe ihm ein Sonderkonto eingerichtet und ihm ein Limit von 1000 Euro gegeben. Das sollte reichen."
"Hauptsache, er hält anschließend den Mund."
"Das wird er garantiert."
"Gut, denn auch meine Macht ist begrenzt, ach ja, bevor ich es vergesse, zwei Dinge noch. Vera muss mit Beate heute auf die Krankenstation. Frauenangelegenheiten, also frag erst gar nicht. Schemmlein ist nicht da und Vera hat das Kommando, es wird also keine Probleme geben. Das Zweite, die Malinowski wird heute verlegt. Decker ist schon instruiert und er hat ein Sonderkommando bereitgestellt, das dafür sorgen soll, dass Malinowski keinen Ärger macht."
Mist, mir gefiel es überhaupt nicht, dass Beate hier im Gefängnis herumlief, aber auch Vera kannte das Risiko und wenn sie beschloss, es einzugehen, war es sicher wichtig.
Die Malinowski bereitete mir da mehr Kopfschmerzen. Diese Frau war einfach nur böse. Ein Hannibal Lecter im Körper einer 130 Kilo schweren und 1,95 Meter großen Frau. Malinowski hatte aus purer Mordlust mehr als 10 Menschen umgebracht und 5 weitere schwer verletzt. Mehrere Gutachter hatten ihre volle Schuldfähigkeit bescheinigt und bestätigt, dass es ihr nur ums Töten ging. Während ihrer Zeit in der Untersuchungshaft hatte sie mehrfach die Beamten angegriffen und einige davon schwer verletzt. Heute sollte sie von der U-Haft in den geschlossenen Vollzug verlegt werden und Decker hatte schon eine Mannschaft eingeteilt, die ausschließlich für die Malinowski zuständig war. Teamchef war Hannes, ein 1,90 Meter Hüne, der trotz seiner Arbeit hier immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte. Hannes war der Typ, auf den man sich verlassen konnte, wenn es rund ging. Um zwei Uhr sollte Malinowski hier ankommen, bis dahin waren es noch sechs Stunden.
"Ok. Hoffen wir, dass alles gut geht."
***
Pünktlich trafen Decker, Hannes und vier weitere Beamte ein, um die Verlegung durchzuführen. Würde es nach mir gehen, hätte ich die Malinowski in eine kleine Metallbox mit Rollen gesperrt und selbst gefahren, so aber wurde sie in Hand und Fußschellen gefesselt, in den Lastenaufzug gesteckt und in "meinen" Flur gebracht. Ich erwartete die Gruppe am Aufzug und als die Tür aufging, sperrte ich den Mechanismus, um zu verhindern, dass der Aufzug sich im falschen Moment schloss. Meier trat als erster heraus, dann die Malinowski flankiert von zwei Beamten, danach kamen Decker und die restlichen zwei Wachleute. Wir mussten zwar bis zum Ende des Flures, aber da konnte eigentlich nicht mehr viel geschehen.
Die Prozession setzte sich in Bewegung, ich hielt mich vorne neben Hannes auf und die Malinowski trabte scheinbar friedlich hinter uns her.
Wir hatten etwa ein Drittel des Flures passiert, da kamen uns Vera und Beate entgegen.
"Verfluchter Mist! Ausgerechnet jetzt!", dachte ich. Andererseits war es die perfekte Zeit. Niemand, auch Decker nicht, würde auf Vera und ihre Begleitung achten. Vera hatte Beate so unkenntlich gemacht, wie sie nur konnte. Die Haare waren unter einem Kapuzenshirt verborgen, das Gesicht halb verdeckt und der Blick nach unten gerichtet. Um es so normal wie möglich aussehen zu lassen, hatte sie Beate am Arm gefasst und führte sie wie jede andere Gefangene.
Um sich nicht an uns vorbeidrücken zu müssen, hielt Vera Beate an einem Verbindungsgang an, um uns passieren zu lassen. Vera lächelte freundlich, als Hannes und ich an ihnen vorbeigingen, während Beate zu Boden schaute, um ihr Gesicht nicht zu zeigen.
"Hallo", sagte einer der Beamten, die die Malinowski führten, zu Vera und nickte ihr zu. Das war genau die Sekunde Unaufmerksamkeit, auf die Malinowski gewartet hatte! Sie rammte den Beamten dermaßen fest in die Seite, dass dieser buchstäblich zur Seite flog. Krachend gaben seine Knochen nach, als er gegen das Geländer des Ganges geschleudert wurde. Der zweite Beamte war allein kein Gegner für dieses Kraftpaket. Sie warf ihn förmlich gegen Decker, der in dem engen Flur zwischen den sichernden Beamten und Malinowski stand und dadurch zu Boden fiel. Vera stand der Malinowski am nächsten und sie packte Vera an ihrer Kehle.
Sofort sprang ich die Malinowski an, doch mir erging es nicht anders als Decker. Sie schubste mich gegen Hannes, doch bevor einer von uns wieder auf die Beine kam, sprang Beate die Malinowski an. Die Kapuze war von Beates Kopf gerutscht und ihre feuerroten Haare wirbelten durch die Luft. "Hände weg von ihr!", kreischte sie und ließ ihre Stirn gegen die der Malinowski krachen und stach ihr dann einen Finger direkt ins Auge.
Die Malinowski schrie auf und ließ Vera los, um sich Beate zu schnappen, doch Hannes, Decker und ich waren wieder auf den Beinen und ergriffen die wütende Frau. Beate, die sich losreißen konnte, kümmerte sich um Vera, die auf dem Boden lag und sich die Kehle hielt. Hannes versuchte, die Malinowski zu Boden zu zwingen, doch die wehrte sich mit Erfolg. Selbst zu dritt hatten wir erhebliche Mühe, die Oberhand zu gewinnen. Als einer der sichernden Beamten dazukam, schaffte es die Malinowski, einen Arm frei zu bekommen und griff nach dessen Reizgasgerät.
Das reichte! Ich drehte mich zu Hannes, der mir am nächsten stand, zog ihm den Teleskopschlagstock aus dem Holster und schlug der Malinowski auf beide Knie. Brüllend, wie ein angeschlagener Ochse, ging sie zu Boden und schrie wie verrückt. Ich schob den Schlagstock zusammen und steckte ihn Hannes zurück in den Holster, dann sprang ich schnell zu Vera, die noch immer am Boden saß.
"Bring sie weg!", raunte ich Beate zu und gab ihr meinen Generalschlüssel.
Spätestens jetzt würde Frank durchdrehen, denn ich gab einer Gefangenen den Generalschlüssel des Gefängnisses! Beate zog sich schnell wieder die Kapuze über und half Vera beim Aufstehen. Sie versuchten es, genauso zu machen wie vorhin, doch diesmal sah es eher so aus, als ob die Gefangene führte. Davon hatten die anderen glücklicherweise nichts mitbekommen. Hannes hatte die Malinowski im Würgegriff und hielt sie am Boden, während Decker sich um den bewusstlosen Beamten kümmerte. Malinowski wütete noch immer, doch mit zerschlagenen Knien hatte sie keine Chance mehr.
Ich griff nach meinem Handy und rief Decker zu: "Ich rufe Schemmlein!" Der nickte nur, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.
"Was ist?", meldete sich Schemmlein am anderen Ende. "Ich habe frei! Halt dich an deine Freundin."
"Wir haben einen Notfall. Es gibt mehrere Verletzte, Vera ist ebenfalls verletzt!"
"Fünf Minuten!" Das Gespräch war beendet.
"Schemmlein kommt!", sagte ich zu den anderen.
"Was machen wir mit der Furie?", wollte Hannes wissen.
"Warte, ich habe eine Idee." Ich lief zur nächsten Abstellkammer und holte eine metallene Rollliege, die recht stabil sind. Diese rollte ich zu Hannes und zu viert schafften wir es die Malinowski darauf zu legen und mit Hand und Fußschellen daran zu fesseln.
Jetzt war die Lage unter Kontrolle und Schemmlein kam um die Ecke gerannt. Er schaute sich erst den bewusstlosen Beamten an, dann die Malinowski.
"Was ist mit Vera?"
"Sie konnte zur Krankenstation gehen."
"Gut, hast du noch so ein Teil?", fragte er und klopfte auf die Liege.
"Klar."
Erneut lief ich zur Abstellkammer und holte eine weitere Liege, auf die wir den bewusstlosen Beamten legten. Beide wurden zur Krankenstation gebracht, wo Vera schon alles für die Notfälle bereit gemacht hatte.
"Vera, wie geht’s dir?", fragte Schemmlein.
"Geht schon wieder", krächzte sie heiser.
"Komm her und lass mich nachsehen!"
Schnell schaute sich Schemmlein sich ihren Hals an und meinte: "Ganz schön gequetscht, geht es?"
"Keine Sorge, ich schaffe das."
Nach und nach trafen die benachrichtigten Helfer ein und kümmerten sich um die Verletzten. Wir gingen aus dem Weg und verließen die Krankenstation.
"Mann, das war vielleicht was", sagte Hannes. "Ähm, Bad-Man, was ist mit dem Bericht über die verbotenen Schläge auf die Knie?", fragte er.
"Lass ihn den Bericht schreiben", sagte Decker zu Hannes. "Er musste ja auch unbedingt zuschlagen."
Hannes grinste. "Wer war bloß diese Gefangene? Habt ihr gesehen, wie sie die Malinowski angesprungen hat, um Vera zu helfen? Das war verdammt mutig."
"Ja!", brummte Decker und trat einen Schritt näher. "Eigentlich sollten wir doch jeden hier drinnen kennen, oder?!"
Bevor ich dazu etwas sagen konnte, kam Schemmlein heraus und gab Entwarnung. Der Beamte hatte zwar ein paar Knochenbrüche, sonst aber keine schwereren Verletzungen. Decker bedankte sich aufrichtig bei Schemmlein und ließ mich stehen.
Erleichtert machte ich mich auf den Weg zu Beate, die schon aufgelöst in Veras Wohnung wartete und sofort auf mich zustürmte.
"Wie geht’s Vera?"
"Alles ok. Sie ist nicht ernstlich verletzt."
"Ein Glück, ich dachte…"
Beate fing an zu reden und erzählte die Dinge aus ihrer Sicht und während sie erzählte, schweiften meine Gedanken ab. Ich musste mir eingestehen, dass mir Beate wichtiger geworden war, als ich zugeben wollte. Ich hatte wirklich Angst um BEIDE Frauen gehabt. Beate hatte sich wie eine Löwin vor Vera geworfen, ohne sich Gedanken um die eigene Sicherheit zu machen. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, dass Beate ihren Mann mit dem Messer in Scheiben geschnitten hatte. Wahrscheinlich hatten weder er noch Petra Strass und schon gar nicht Beate selbst geahnt, was für eine Bestie in ihr schlummerte und nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Beate würde das, was sie liebte, immer verteidigen und das mit allen Mitteln. Vera konnte sich glücklich schätzen, so eine Liebe gefunden zu haben, denn nicht viele hätten es gewagt, die Malinowski anzuspringen. Das alles brachte meine Gedanken zurück auf das Wichtigste. Wenn mein Plan nicht funktionierte, würde Beate sehr wahrscheinlich sterben und Vera daran zerbrechen.
"Und ich?", fragte ich mich selbst. "Ich selbst würde nicht zerbrechen, oder?" Ich beschloss, es erst gar nicht darauf anzulegen, unser Plan musste klappen! Es würde keinen Plan B geben und es wurde Zeit, die nächste Phase des Plans umzusetzen.
***
Legendenbildung
Von Luise Pleitz bekam ich gegen Nachmittag Beates Legende. Noch in ihrer Zelle las ich mir ihren neuen Lebenslauf durch, er stimmte perfekt. Nicht nur, dass er schlüssig war, nein, er war auch so einfach gehalten, dass er glaubhaft und zudem leicht zu merken war. Die Orte, an denen Beate gelebt haben soll, gab es wirklich und alle waren Großstädte, die jeder schon einmal gesehen hatte oder zumindest aus dem Fernsehen kannte. Zwar bestand die Wahrscheinlichkeit, dass sich Dritte tatsächlich zur selben Zeit am selben Ort aufgehalten hatten, doch in einer Stadt wie London oder New York machte das keinen Unterschied. Luise Pleitz hatte sich mit ihrer Arbeit selbst übertroffen. Damit sollte Beate klarkommen. Als ich mich bedankte und ihre Zelle verlassen wollte, hielt sie mich einen Moment zurück.
"Sagen Sie der Frau, dass ich ihr alles Gute wünsche."
"Ich richte es ihr aus, versprochen."
Schon am nächsten Tag wurde Luise Pleitz in eine Freigänger-Einrichtung am anderen Ende der Republik verlegt und nicht nur Jessika war sehr erleichtert, als der Bus mit Luise als Mitwisserin das Gefängnis verlassen hatte. Mit den Unterlagen von Pleitz suchte ich im Anschluss Dunkowski auf. Jarvis hatte den Pass beinahe fertig, alles, was er noch brauchte, waren die Orte, an denen Beate bzw. die Frau, auf die der Pass ausgestellt war, sich aufgehalten hatte.
"Brauchst du noch etwas?"
"Nein, das reicht. Und danke für den Einkauf. Es tat richtig gut, sich mal wieder was Gutes leisten zu können. Die Frau muss dir einiges bedeuten."
Ich schwieg kurz. "Ja, sie bedeutet mir sehr viel."
"Kein Problem. In zwei Tagen hat sie ihren Pass. Was ist mit meiner Bezahlung?"
"Die wartet auf dich am Samstag. Ich habe für euch die Ehe-Zelle gebucht."
"Dann werde ich mir richtig Mühe geben und keine Sorge, ich werde mich wie ein Gentleman benehmen."
"Das will ich hoffen."
"Du wirst es nicht glauben, aber mir ist klar, dass ich diesen Knast nie mehr verlassen werde. Ich habe vor, mich zu ändern und der Pass soll der erste Schritt sein. Vielleicht bekomme ich ja einen Bonus… später."
"Du hilfst, ein großes Unrecht aus der Welt zu schaffen und bekommst ganz sicher einen Bonus dafür… später."
"Ich hoffe, du hast Recht, Bad-Man. War schön, mit dir Geschäfte zu machen."
Ich nickte ihm zu und verließ seine Zelle. Im Büro setze ich Jessika von Beates neuem Lebenslauf in Kenntnis. Da ich es versprochen hatte, informierte ich sie vorab über meine Absicht, Randy zu kontaktieren und erklärte ihr auch, was ich von Randy wollte.
Randy war unser Computer-Fachmann und ein Experte für alles Technische. Ok, er war ein Nerd, der die Welt am liebsten von seinem Monitor aus betrachtete, aber er war der Einzige, der mir meiner Meinung nach beim großen Finale helfen konnte. Bei der Sache mit dem öffentlichen Strafregister hatte er auf meine Bitte hin die Server so manipuliert, dass sich bei den Kommentaren die Begeisterung in Grenzen hielt und die Kritik lauter erschien, als sie tatsächlich war. Ihm war ein solcher Pranger genauso zuwider wie Frank und mir und so half er uns bereitwillig, dafür zu sorgen, dass es nun kein Register gab. Damit hatte Randy bewiesen, dass er durchaus im Stande war "ein Ding zu drehen".
Jessika gab mir ihr Einverständnis und ich musste mir überlegen, wie ich Randy dazu bringen konnte, mir zu helfen. Der heutige Abend war dazu ideal, denn heute Abend hatte Mike zu unserem Herrenabend eingeladen, bei dem auch der Whisky aus meiner verlorenen Wette ausgeschenkt wurde. Es war einer der Abende, an dem Probleme aus der Welt geschaffen wurden, bevor sie überhaupt zum Problem werden konnten. Es war allerdings auch der Abend, an dem ich gegen Trommer in die Offensive gehen würde!
***
Randy
Mike, Frank, Randy und ich machten uns über die zwei Flaschen Scotch Single Malt her, die mich ein kleines Vermögen gekostet hatten. Obwohl ich ein großer Liebhaber dieses wunderbaren Gesöffs war, musste ich mich zurückhalten, um nicht eine unbedachte Äußerung fallen zu lassen, denn Frank, der Falke, würde sie nicht einfach überhören.
Ein paar Stunden später saßen wir in einem vollgequalmten Zimmer, rauchten teure Zigarren und leerten die Whiskeyflaschen.
"Ich habe gehört, dass es mit der Malinowski Ärger gegeben hatte."
Typisch Frank, wahrscheinlich wusste er schon von dem Vorfall, bevor wir die Krankenstation erreicht hatten. "Eine geheimnisvolle rothaarige Gefangene soll Vera Müller gerettet haben. Decker erzählte, dass die Gefangene schneller war als du." Wobei er mich grinsend ansah. Natürlich gab es dazu jede Menge bissige Kommentare, auf die ich gar nicht einging. Ich fragte stattdessen nach dem verletzten Beamten.
"Er wird noch eine geraume Zeit dienstunfähig sein, aber es sah wohl schlimmer aus, als es ist."
"Ich hätte die Malinowski mit einer kleinen Box in ihre Zelle fahren sollen, dann wäre das nicht passiert."
"Das wäre Verschwendung von Justizmitteln. Solche Personal-Boxen sind teuer."
"Haha."
"Morgen wird es offiziell, Sarah Schlosser wird zum nächsten Ersten eingestellt."
"Danke, dass du meiner Empfehlung gefolgt bist."
Kurz verfinsterte sich seine Miene, als er mich von der Seite anschaute. "Hast du sie schon getroffen?", fragte er.
"Nein, sie kommt erst in ein paar Tagen hier an und meldet sich bei mir, sobald sie in der Stadt ist."
"Wie ist sie denn, auch so ein geiles Teil wie Tanja?", fragte Randy.
"Bis jetzt kenne ich nur das Bild aus der Bewerbung. Aber das sieht nicht schlecht aus."
So zog sich der Abend weiter hin. Wir plauderten, qualmten Zigarren und genossen den Whisky, bis schließlich Trommer zur Sprache kam.
"Trommer wird in ein paar Tagen bekannt geben, dass er sich als Generalstaatsanwalt beworben hat", erzählte Mike, "ich schätze, er hat gute Chancen."
"Wow, das nennt man Karriere", meinte Randy.
Ich spürte Franks Blick auf mir, als Randy weitersprach: "Ich wette, der marschiert direkt zu einem Ministerposten weiter."
"Gut möglich", sagte ich nur. "Ich finde es nur unglaublich, dass er dafür diese braune Kackpartei benutzt."
Dann wurde auch Mike auf Franks Blick aufmerksam.
"Habe ich was verpasst?", fragte er und stellte sein Whiskyglas ab. "Was ist los? Ich kenne euch zwei, da ist doch was im Busch!"
"Wusstet ihr, dass an der Leiche der kleinen Ella DNA-Spuren von der Strass gefunden wurde?", fragte ich in die Runde.
Plötzlich wurde es sehr still und selbst Randy bemerkte, dass es hier um etwas Großes ging.
"Im Ernst? Petra Strass war am Mord der Kleinen beteiligt?", fragte Mike ungläubig. "Wieso weiß das noch niemand?"
"Bevor die Leiche der Kleinen beerdigt wurde, hat ein gewissenhafter Ermittler noch einmal die ganze Leiche nach DNA untersucht. Er konnte die gefundene DNA nicht zuordnen und hat sie mit der großen Datenbank abgeglichen, aber es gab keinen Treffer. Doch anscheinend wurde die Strass vor zwei Wochen wegen einer Alkoholfahrt registriert und ihr wurde eine Blutprobe entnommen. Jedenfalls hat der Computer plötzlich ihren Namen ausgespuckt."
"Das ist der Hammer", staunte Mike. "Trommer schläft mit einer Verdächtigen, wenn das rauskommt…" Mike und Randy fingen sofort eine lebhafte Diskussion über die Folgen an, während Frank sich zu mir beugte.
"Hast du eine Ahnung, was das bedeutet?", fragte mich Frank leise.
"Ja, ich weiß genau, was das bedeutet."
"Trommer wird Amok laufen! Gnade dir, wenn du mit dieser Wendung etwas zu tun hast."
"Nein, das glaube ich nicht, dass ich das Ziel seiner Rache sein werde. Er weiß es nämlich schon."
"Er weiß es und schläft mit der Alten immer noch?" Mike schaute mich ungläubig an.
"Was ist mit der Fischer? Was sagt sie dazu?"
"Beate Fischer wurde vor ein paar Wochen erstochen", antwortete ich, während Frank mich durchdringend ansah, nein, er durchbohrte mich fast mit seinem Blick.
"Du spielst mit dem Feuer, pass auf, dass du dich nicht verbrennst!", flüsterte er leise und fügte hinzu: "Du bist mein Freund, aber wenn das schief geht, kann dir niemand mehr helfen."
Das war deutlich und Frank beließ es damit. Nach einer weiteren Flasche Whisky aus Mikes Beständen beendeten wir den Abend gegen zwei Uhr nachts. Als wir uns von Mike verabschiedeten, bestiegen wir übrigen drei ein Taxi, das zuerst Frank absetzte. Etwa 500 Meter vor Randys Wohnung, ließ ich den Taxifahrer anhalten und bezahlte ihn. Randy, der wusste, dass es bei mir ab und zu eine Überraschung gab, sagte nichts und stieg mit mir aus.
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