Kitabı oku: «Warum ich das Lachen und Singen verlernte (Autobiografie)»
Inhalt
Grußwort
Manchmal gibt es Begegnungen, die man nicht vergisst. Ich hatte solch eine Begegnung mit Beate Sander.
Ich erkannte einige mir vertraute Muster wieder:
Grußwort
Vorwort
Warum dieser biografische Roman? Kurzvorstellung im Zeitraffer
1. Vor 75 Jahren: Die erste Lebenszeit im Drei-Mädel-Haus
Die Tagebucheinträge meiner Mutter als Grundlage für diesen Rückblick
2. Die Wirren des Krieges
Fehleinschätzung und Verdrängung des unermesslichen Leids so vieler Menschen
3. Das Bild meiner Eltern
Das Gottesbild meiner Eltern
Die Vernichtung unserer Güter im Bombenhagel
Mehr zum Ferninstitut und den beruflichen Aktivitäten meines Vaters
Ein Aprilscherz mit beinahe fatalen Folgen
Die Biografie als unerfüllter väterlicher Wunsch
4. Abenteuer am Meer
Ein seltenes Naturschauspiel an der Ostsee
Gefährliche Bekanntschaft mit Strudeln
Eine Ostsee-Sandbank – kein sicherer Warteplatz für Nichtschwimmer
5. Die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit
Das schlimmste Erlebnis: Wir sitzen im eigenen Luftschutzkeller, und eine Sprengbombe zerfetzt unser Haus
Meine Evakuierung ins Erzgebirge
Die Rückkehr nach Rostock mit Umzug in den Fliederweg
Das mit abgeschlagenem Kopf wegfliegende Huhn erinnert mich an den enthaupteten Piraten Störtebeker
Der Fluch meiner Mutter
Erst 13 Jahre nach Kriegsende kam das Ende für die Lebensmittelmarke
Ein Erlebnis mit Hühnern und Maikäfern
Die Explosion einer Handgranate im Gartenhäuschen
Ein Hornissennest in unserer großen Weide
Briketts nur von Russen stibitzen
6. Die Einquartierung der Russen
Meiner Familie blieb zum Bewohnen nur der Keller unseres Hauses
Würmer, Wanzen, Läuse und Flöhe als Begleiter der Russen und Nutznießer mangelnder Hygiene
7. Meine Schulzeit in der damaligen DDR
8. Aggressive, hungernde Ratten als Mitbewohner
Vermischte Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ bei mir Dichtung und Wahrheit?
9. Meine Leidenschaft für Hockey und Tischtennis
Als Rostocker Straßenmannschaft bis zur DDR-Jugend-Meisterschaft
Hockeypause wegen Großsachsenheim
„Das Wunder von Bern“ – Deutschland wird Fußballweltmeister
Meine Hockey-Stationen: Rostock – Westberlin – Würzburg
Vom Hockey zum Tischtennis
10. Ein Loch im Herzen und selbst ausgeheilte TBC
11. Die Flucht allein nach Westberlin
Von Rostock allein nach Berlin zu gelangen, war leicht – das Verlassenheitsgefühl zu überwinden, ungemein schwierig
12. Landfrauenschule und Gartenbaulehre
Nochmals im Blickpunkt: die Landfrauenschule Großsachsenheim
Meine eigenen Experimente decken sich mit neueren Hohenheimer Erkenntnissen
Die Gartenbaulehre – ein einziges Desaster
13. Der Quantensprung zur Wirtschaftswissenschaft
Gartenbau ade – Betriebswirtschaft o.-k.
Der innere Kampf und eine besondere Prüfung
Der Umzug des Ferninstituts in die Würzburger CASTELL-BANK
Sponsoring und Weichenstellung fürs Lehramt
14. Wie alles anfing: Start in die Pädagogik
Ein Vorfall, typisch für Kinder mit dem Rollenverhalten „Haustyrann“
Ein trauriges Geschehnis mit Vorahnung oder bloßer Zufall?
Erste Schritte ins berufliche Mittelfeld
Zu den Lebensverhältnissen eines Junglehrers vor über 50 Jahren
Mein pädagogisches Ziel: Fordern und fördern – Talente erkennen und auf Stärken setzen
Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus meiner fiktiven Tierschule
15. Der Wunsch nach Familie, Mann und Kind
Zurück zu meinem Ehemann
Berufsschullehrer im zweiten Anlauf
16. Hochzeitszeitungen als Fundgrube
Aus der Hochzeitszeitung für Renate und Jochen
Aus der Hochzeitszeitung für Christa und Klaus
Ein weiterer Blick in diese Hochzeitszeitung: Blau als Familienfarbe
Zwei Beiträge von mir ohne literarische Qualität
Dazu noch der Entwurf einer Kleinanzeige:
Aus der Hochzeitszeitung für Beate und Günther im Juli 1961. Zehn Gebote für das Brautpaar, zuerst Beate
Nun die Gebote für Günther
Eine Abhandlung aus Vatis Feder mit dem Titel: Was kann sie nicht?
17. Die ersten Jahre in Ulm
Kein Bedarf an technischen Fächern, dafür an Buchführung
18. Ich bin Mutter – welch’ Freude über Töchterchen Elke
Rückblick auf meine einsame, schwere Geburt
Der mittägliche „Fernküchenfraß“ – Kehrseite meiner Berufstätigkeit
19. Uwe – hurra, der Stammhalter ist da!
Eine leichte, angenehme Geburt zweieinhalb Jahre später
Zurück zu Uwes Geburt und seinen ersten Lebensjahren
Das zerhackte und später wieder zusammengeflickte Ehebett
20. Erfahrungen mit Kindern im Klinikum
Meine dritte Schwangerschaft mit Fehlgeburt wirft Fragen auf
21. Partnerschaftlich erziehen statt autoritär oder antiautoritär
22. Die Bildung meiner Kinder
23. Sport und Spiel mit eigenen Regeln
Gute Nacht-Geschichten, Urlaubsplanung und Spaß am Sonntagmorgen
Meckern im Urlaub ist üblich. Was tun, um dies zu vermeiden?
Spaß mit den Kindern am Sonntagmorgen im Bett
Elkes Liebe zu Pferden
24. Uwes grenzenloser Freiheitsdrang
Selbstständigkeit und frühzeitiges Lesenkönnen nicht konfliktfrei
Die eigenmächtige Zugfahrt ohne Begleitung nach Augsburg und zurück
Uwes Privater Tischtennisverein PTV
Rückkehr vom Schulausflug an den Bodensee – ohne Uwe
25. Mein Wechsel an die Realschule Pfuhl
Fächervielfalt als Meilenstein – Arbeit als Autorin und Dozentin
Meine Fächervielfalt: Ein Vers zum Geburtstag
Identifikations- und Rollenkonflikte durch Sozialwesen
Schwierige Schulbuchzulassungen
Die Schule – längst kein friedlicher Ort mehr
Dozentin für die Fachlehrerausbildung – kaum kombinierbar mit Mutterpflichten
Gute Industrie-Angebote – ebenfalls unvereinbar mit Familienpflichten
Ein neuer Chef als Nachfolger des Schulgründers
26. Sport in meinem Leben: vom Tischtennis zum Tennis
Über 100 Turniersiege, Länderauswahl und Bundesligaeinsatz
Aufstieg und Absturz der englischen Spitzenspielerin Judith Williams
Zurück zu meinem Tischtennisspiel
Glück: Mein Sieg über die Nationalspielerin Heide Dauphin
Pech: Der verschenkte Sieg über die Titelverteidigern Wiebke Hendriksen
Nicht enden wollender Frust: württembergische Senioren-Meisterschaften
Vom Tischtennis zum Tennis bis zum Gewinn der Stadtmeisterschaft
Der große Preis des TENNISMAGAZINS: eine 14-tägige Amerikareise
Das Besondere an Volkers Vorschlag, dem Türöffner für den ersten Preis
Der von mir gewonnene erste Preis für drei Personen in Florida vom 12. bis 26. Mai 1989
Mein Tennisspiel heute – geprägt von nachlassender Schnelligkeit
27. Start in die Aktienbörse und mein spannendes zweites Leben
Vom „Kleinen Grünen DAX“ zum Börsenführerschein-Projekt
Mit dem Börsenboom fing alles ganz harmlos an
Beate Uhse – aus Schülerblickwinkel mein Ebenbild
Das Bestsellerprojekt: „Der Kleine Börsenführerschein“
Auszug aus der siebenseitigen Titelgeschichte von BÖRSE ONLINE, 15. Februar 2001: „Machen Sie mit! Die Aktion Börsenführerschein“
„Der Kleine Börsenführerschein“ auf Platz Eins der Bestseller-Rangliste
Wie gewonnen – so zerronnen
Günthers Freundin Ruth
Mein Freund GG
Zurück zum Börsenführerschein-Projekt und dem veränderten Marktumfeld
28. Im Blickpunkt: Elke und Uwe als Erwachsene
Ein Rückblick auf Uwes Erwachsensein – Corinna, die richtige Partnerin
Provokation durch die Art sich zu kleiden
Das gemeinsame Buch: „Schwierige Schüler – schwierige Lehrer? Neue Wege des Konfliktmanagements im Schulalltag“
Die schwere Erkrankung meiner Enkelin
Elke auf dem Weg zum Erwachsensein: Selbstfindung in der schwierigen pubertären Phase
Elkes Reitbeteiligung mit dem Wunsch auf ein eigenes Pferd
In meiner Fantasiewelt verfestigt sich die Vorstellung, selbst das Kind von Elke oder Uwe zu sein
29. Der Tod meiner Eltern
Eine neue Sichtweise durch die Arbeit an dieser Biografie: Meinem Vater verzeihe ich voll
30. Günthers letzte Lebenszeit im Pflegeheim
Uwe als treusorgender Sohn für seinen an Demenz leidenden Vater
Auflösung und Renovierung von Günthers Wohnung
Günthers letzte eineinhalb Lebensjahre im Stuttgarter Pflegeheim
31. Mein schwerer Schlaganfall vor zwei Jahren
Dieses Kapitel soll Betroffene ermutigen, unverzagt zu kämpfen, statt aufzugeben und sich in sein trauriges Schicksal zu fügen
Stationen meines Gehirntrainings mit dem Ziel, wieder sprechen zu können
Zurück zu meinen früheren Aktivitäten
Der Grund für meinen schweren Schlaganfall
32. Mein heutiges Leben, und wovon ich noch träume
Jeder Tag beginnt frühmorgens mit einem gemütlichen Frühstück
Ein Meilenstein: der Lehrauftrag in Bochum
Warum Preisgabe der deutschen Sprache im Heimatland? Schafft sich Deutschland als Ort der Dichter und Denker selbst ab?
Neue Buchprojekte als Herausforderung nach meinem Schlaganfall
Was ich mir wünsche, wovon ich träume, worauf ich gern verzichte und was mich ängstigt
Wie und wann Zivilcourage zeigen?
Kindheitserinnerungen auffrischen durch eine Reise nach Rostock?
Keine Milliarde im Austausch mit Berufsverbot
Warum diese Biografie?
An welchen Vorbildern und Werten kann ich mich orientieren?
Die oft gestellte Frage nach den drei Wünschen
Wie würden meine Eltern und mein Mann wohl reagieren, könnten sie diese Biografie lesen?
Beate Sander
Warum ich das Singen und Lachen verlernte
Biografischer Roman – breit gespannt über eine
Brücke von 75 Jahren
Beate Sander
Warum ich das Singen und Lachen verlernte
Biografischer Roman – breit gespannt über eine Brücke von 75 Jahren
AtheneMedia
Grußwort
Manchmal gibt es Begegnungen, die man nicht vergisst. Ich hatte solch eine Begegnung mit Beate Sander.
Gerade war unsere Aktion „Handelsblatt-Leser stellen sich vor“ gestartet. Da meldete sich Beate Sander voller Elan beim Chefredakteur des Handelsblattes, Gabor Steingart. Sie wollte als eine der engagiertesten Leserinnen in den Handelsblatt-Club aufgenommen werden. „Interview, Fotoshooting und ab ins Blatt mit ihr“ lautete sein Kommentar.
So rief ich bei Beate Sander an. Ich erwartete eine junge Frau, klang doch die E-Mail so nach Wissensdurst und Tatendrang. Doch dann erklärte mir Beate Sander, dass sie – die 1937 in Rostock Geborene – gerade über ihre Biografie nachdenkt und ihr neuestes Börsenbuch „Der Ball muss ins Tor – was Fußball, Börse und Aktien vereint und spannend macht“ jetzt in Druck geht.
Wir telefonierten fortan häufiger. Beate Sander erzählte aus ihrem Leben und davon, wie sie das Singen und Lachen verlernte. Und ich hörte gespannt zu. Hatte ich doch kurz vor der Niederkunft mit meiner zweiten Tochter die Bücher von Sabine Bode „Kriegskinder – die vergessene Generation“ sowie „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“ gelesen und war ganz angefüllt vom Schicksal meiner Eltern und von dem der Autorin Beate Sander.
Ich erkannte einige mir vertraute Muster wieder:
1 Die Schwierigkeit, sich als Großeltern mit kleinen Kindern zu beschäftigen. Ihnen klang offenbar noch in den Ohren, dass kleine Kinder ja von all dem Krieg nichts mitbekommen hätten: „Ihr ward doch damals noch viel zu klein!“ mussten sie sich oft anhören.
2 Dass man nur mit ordentlicher Rendite, finanzieller Sicherheit und gestreutem Risiko richtig wirtschaften könne. Hatte diese Generation doch erlebt, wie durch eine einzige Bombe ein geliebtes Heim oder eine ganze Existenz zerstört werden kann.
3 Dass nur der etwas zählt, der arbeitet. Auch hier hatten die Kinder in der Nachkriegszeit erlebt, dass niemand etwas geschenkt bekommt ohne Leistung oder Gegenleistung, einfach, nur weil er da ist.
Wie sehr der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg einen Lebensweg prägen können, zeigt das Buch von Beate Sander, steht sie doch für ihre Generation und gleichzeitig als stetige Kämpferin gegen die Verhältnisse. Beate Sander gehört zu den wenigen Menschen, die offen darüber schreiben. Uns Kriegsenkeln ist es Ansporn und Warnung zugleich, wenn wir wollen, dass unsere Kinder das Singen und Lachen nicht verlernen – wie die Kriegskinder.
Essen, im März 2012
Anja Müller
Redakteurin Unternehmen und Märkte
Handelsblatt GmbH – Wirtschafts- und Finanzzeitung
Grußwort
Die Autorin Beate Sander überblickt als Kriegskind und Zeitzeugin eine Spanne von 75 Jahren: die letzten Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Beate Sander hat die Begabung, dieses Erlebte so spannend und emotional zu Papier zu bringen, dass der Leser diese Biografie in einem Zug vom Anfang bis zum Ende liest.
Offen und schonungslos beschreibt Beate Sander, wie sie in einem wohlhabenden, großbürgerlichen, aber emotional kalten Elternhaus aufwuchs und wegen ihres „Andersseins“ als Hochbegabte zur Außenseiterin wurde.
Der zweite Weltkrieg verändert ihr Leben und das ihrer Familie komplett. Jeglicher Wohlstand wird dahingerafft, und die Familie muss nicht nur um das physische, sondern auch um das materielle Überleben kämpfen.
Durch unermüdliches Lernen und mit Härte gegen sich selbst, schafft es die Autorin trotz fehlender Unterstützung durch das Elternhaus, auch ohne Abitur über Begabtenprüfungen Lehrerin zu werden und sich als renommierte Autorin von Fachbüchern und Lehrmaterial zu etablieren.
Ihre Ehe ist problematisch. Wieder erlebt sie emotionale Kälte und Werteverleugnung – diesmal durch ihren Ehepartner. Als Ehefrau und Mutter muss die Autorin die schwierige Dreifachbelastung von Beruf, Familie und Autorendasein allein meistern. Da verbietet sich der angebotene Höhenflug in der Karriere.
Fehler, die ihre Mutter bei ihrer Erziehung machte und unter denen sie als Kind so sehr litt, versucht sie bewusst, bei ihren beiden Kindern und ihren Schülern zu vermeiden.
In sozialpädagogische Lehr- und in Schulbücher für Wirtschaft und Recht fließt ihr Wissen ein, wie man Kinder und Jugendliche begeistert und für neue Dinge interessiert. Aus Pflichtgefühl unterstützt sie jahrzehntelang tatkräftig ihre Mutter, mag sie von ihr auch schlecht behandelt und nie akzeptiert worden sein.
Kaum zu glauben ist, dass Beate Sander im Laufe ihres Lebens auch sportlich so aktiv war, dass sie in den von ihr betriebenen Sportarten Hockey und danach Tischtennis auf Länderebene viele Turniererfolge erzielte und später im Tennis den großen Kreativpreis gewann.
Beate Sander kann sich zeitlebens immer wieder für neue Dinge begeistern und gibt diese Leidenschaft an ihre zahlreichen Schüler jeden Alters in Form von Unterricht, Lehrmaterialien und Büchern weiter. Ihr ganz großes Steckenpferd ist die Börsenberichterstattung mit der persönlichen Aktienanlage als Basis für finanzielle Freiheit und Unabhängigkeit.
Auch schwere gesundheitliche Rückschläge halten Beate Sander nicht von der Erfüllung ihrer anspruchsvollen Ziele ab. Im Gegenteil: Neue Herausforderungen sind für sie die Motivation, nicht aufzugeben und über sich hinauszuwachsen.
München, im März 2012
Dr. Barbara Kollenda
Vorstand SALUTARIS Capital Management AG
Vorwort
Warum dieser biografische Roman? Kurzvorstellung im Zeitraffer
Jetzt bin ich im 75. Lebensjahr. Und es wird Zeit. Es ist schon reichlich spät, um als eine der letzten Zeitzeugen zu berichten und zu erzählen. Worüber? Es geht um die letzten Kriegsjahre, die Kapitulation der Nazis, den Einfall der Russen. Da kommen große Gefühle auf: Liebe und Hass, Bewunderung und Verachtung, Freude und Kummer. Ich erlebe, als ob es gestern wäre, noch einmal den Bombeneinschlag in unser Haus nach einem Feindfliegerabschuss. Ich sehe die vielen fliehenden Menschen mit ihren Leiterwagen, erlebe unsere eigene Evakuierung, wobei ich im Erzgebirge lande: allein, verlassen, ohne Liebe und Ansprache. Nach Rückkehr in meine Geburtsstadt Rostock stehle ich wie ein Rabe bei den Russen Briketts, damit im bitterkalten Winter 1945/46 meine Familie überlebt statt zu erfrieren wie viele Kranke und auf sich alleingestellte alte Menschen.
Ich erinnere mich in Rückblenden an meine Kindheit in der Kriegszeit und nach dem verlorenen Weltkrieg mit bedingungsloser Kapitulation an die schwierigen Lebensbedingungen in der damaligen DDR. Tagsüber und in Träumen kehren meine Gedanken zurück in meine konfliktreiche Kindheit und Jugendzeit auf der Suche nach Mutterliebe. Vergebens. Ich empfinde in Bildern und Episoden nach, wie ich darunter litt, mit 14 Jahren alleingelassen aus Rostock zu fliehen. Ich trenne mich von meinem Wunschtraum, Pianistin zu werden.
Als eine Art Schatz verwahre ich in meinem Erinnerungskasten ein öffentliches Klavierkonzert, für dessen Finale ich mich qualifizierte. Eine Bach-Fuge. Für meine modebewusste Mutter gab es nichts Wichtigeres auf der Welt, als mich in einem hübschen Kleid herauszuputzen. Jahre später darf ich Ludwig van Beethovens schwierige, zu seinen bekanntesten Werken zählende F-Moll-Klaviersonate „Appassionata“ vortragen. Als ich auf die Pedale trete, bemerke ich mit Schrecken, dass ich unterschiedliche Schuhe anhabe. Wie peinlich!
Ich denke an meine zurückgelassene Kinderliebe Peter Wunderwald in Rostock, die einzige ganz große Liebe in meinem Leben. Auch mit Hockey ist es nun vorbei. Wir brachten es als Straßenteam bis zur DDR-Jugendmeisterschaft und waren bei den Ostblock-Weltfestspielen erfolgreich.
In Berlin bin ich unglücklich und vereinsame. Ich bin der Sündenbock meiner Mutter und meines Bruders, perfekt leider nur im Gartenbau und im Klavierspiel. Im Nachkriegsberlin mit seinen Bombenteppichen kann ich nicht mehr wie in Rostock hier und da die Rolle der lieben, fleißigen und begabten Tochter spielen, die bei Besuchen von Freunden und Geschäftspartnern mit Pianokunst beeindruckt. In der Hauptstadt im 6. Stock eines Hochhauses am Fürstenplatz in Charlottenburg gibt es keinen Garten, mit dessen geernteten Obst und Gemüse ich meine Defizite ausgleichen und Pluspunkte sammeln kann. Im Haushalt bin ich der Tollpatsch, „Schussel“ und „Steifbock“ beschimpft, der fast alles falsch macht und die Hausarbeit hasst, aber gern und gut kocht. Diese Einstellung hat sich bis heute nicht geändert. Ich habe jedoch gelernt, auch das verlässlich zu tun, was keinen Spaß macht, vielleicht sogar Abscheu erregt.
Ich entspreche nicht im Geringsten dem Bild meiner Mutter, interessiere mich nicht für Mode, Gesellschaftstanz, Königinnen, Prinzessinnen und Filmstars. Eher verhalte ich mich wie ein Junge, boxe, rauf mich, spiele heimlich Fußball und eifere meinem jüngeren Bruder Johann nach, der so gut wie alles darf. Es ist schwierig, sich als drittes Mädchen in der Geschwisterreihe zu behaupten, wenn schon 14 Monate später der ersehnte und verwöhnte Stammhalter geboren wird.
Meinen Vater mit Doktortitel und zwei Diplomen bewundere und vergöttere ich als Hobbygärtner, Unternehmer und Lehrer. Als ich mit 15 Jahren zufällig entdecke, dass ihn Pornografie nicht nur reizt und stimuliert, sondern er die Texte selbst verfasst und mit ekelhaften Zeichnungen illustriert, rede ich außer Belanglosigkeiten im Alltag nicht mehr mit ihm. Ich fühle mich innerlich leer, meines familiären Vorbilds beraubt.
Als Jugendliche fühle ich mich wegen anderer Vorlieben einsam, habe keine beste Freundin, bin sexuell verklemmt. Ich versuche aber trotz schlecht gemischter Karten, es beruflich zu etwas zu bringen, mag auch das Abitur als Türöffner fehlen. Begabtenprüfungen öffnen das Karrieretor einen Spalt weit. Lachen und Singen kann ich schon lange nicht mehr. Die Leichtigkeit des Seins kam mir abhanden. Was ohne Elternhilfe beruflich geht, schaffe ich. Daneben träume ich von einer Familie mit Kindern. Die Wirklichkeit sieht so aus: Heirat und Mutterschaft, zwei gesunde Kinder, für deren Bildung ich alles tue. Tochter und Sohn sind Akademiker und gute Eltern.
Als älterer Mensch erlebe ich neue, spannende Herausforderungen, bin auch nach der Pensionierung erfolgreich. Aber ich vernachlässige meine Großelternrolle.
In Rückblenden zeige ich das Kriegs- und Nachkriegsgeschehen auf. Ich bin mir bewusst, dass sich über einen Zeitraum von 75 Jahren manches verklärt oder verdüstert. Eigene Erlebnisse und Träume können sich miteinander vermischt haben, Wirklichkeit und Romanhaftes überzeichnet, ineinander verwoben und verschmolzen sein zu neuen Eindrücken. Oft habe ich mich in eine Fantasiewelt geflüchtet.
Dass ich noch lebe, kommt einem Wunder gleich. Ein schwerer Schlaganfall vor zwei Jahren, gewöhnlich tödlich verlaufend, ansonsten zur Schwerstbehinderung führend, mahnt: „Der nächste Tag kann dein letzter sein. Umgekehrt nutze die Chance, noch etwas zu schaffen, etwas Bleibendes und Ermutigendes zu hinterlassen.“
Liebe Leserinnen und Leser: Mein Leben war und ist ein ständiger Kampf gegen Bürokratie und Vorurteile, die ungeprüft als Wahrheiten und Weisheiten übernommen werden und die eigene Lebensgeschichte mit Einstellungen, Grundhaltungen und Handlungen prägen.
Ich möchte Sie ermutigen, zumindest hier und da gegen den Strom zu schwimmen, auch später noch beschwerliche, steinige Wege zu gehen, als Totschläger der Langeweile entdeckerfreudig und wissbegierig zu bleiben und sich etwas zuzutrauen. Das mag anstrengend sein, ist aber spannend und sinnerfüllend. Liebe Leserinnen und Leser, träumen Sie nicht nur vom Ruhestand, sondern erleben Sie wie ich den Unruhestand mit möglichst nicht endenden Herausforderungen.
Viel Lesefreude und Mut wünsche Ihnen die Autorin!
Beate Sander, Ulm, im Frühjahr 2012
1. Vor 75 Jahren: Die erste Lebenszeit im Drei-Mädel-Haus
Die Tagebucheinträge meiner Mutter als Grundlage für diesen Rückblick
Vor 75 Jahren war für meine Eltern während der Schwangerschaft noch nicht zu erfahren: Würde ich der ersehnte Junge oder wieder nur ein Mädchen sein? Zwei Töchter nacheinander verstärkten den bislang unerfüllten Wunsch nach einem Stammhalter massiv. Beim dritten Male müsste es doch endlich klappen. Joachim sollte ich heißen wie mein Vater, ein früher üblicher, gern gepflegter Brauch. Ein drittes Mädchen war nicht eingeplant – schon gar nicht väterlicherseits.
So kam der ersehnte Johann-Joachim erst zwei Jahre später auf die Welt. Als drittes Mädchen in dieser Geschwisterfolge nahm ich eine schwierige Rolle ein. Ich konnte sie nie richtig spielen.
Mein Vater – für Mutti war er unser Pappi, wir Kinder nannten ihn Vati, Freunde sprachen ihn mit Arzi an – wählte mit seinem Sinn für Humor und als Ausdruck künftiger Hoffnung für mich den Namen Beate, die Glückliche. Es gibt viele Mädchen und Frauen, für die dieser schöne, freudige Erwartungen weckende Name besser passen würde.
Die Fassade unseres schmucken Eigenheims, eine Villa in der gepflegten Rostocker Gartensiedlung Georgienweg, stattete Vati kunstvoll mit einem großen Holzschild „Drei-Mädel-Haus“ aus. Darin spiegelte sich etwas Ironie und leichter Spott gegenüber Mutti wider. Nach damaliger Expertenmeinung war die Frau an dem traurigen Zustand schuld, bislang nur Mädchen zu gebären. Wir Kinder nannten sie Mutti, für gute Bekannte war sie Muzi. Sehr gern ließ sie sich mit Frau Dr. Jaenicke anreden. Diese Erhöhung durch akademische Würden entsprach nicht den Tatsachen, hatte sie doch weder studiert noch promoviert.
Als dem Leben seine guten Seiten abgewinnender Optimist, der – wie er selbst sagte – beim Schweizer Käse nicht die großen Löcher, sondern den schmackhaften Käse wahrnahm, ließ sich Vati als Stehaufmännchen nie unterkriegen. Er dichtete anlässlich meiner Geburt im Dezember 1937:
„Christrosen blühen! Weihnachtszeit!
Friede auf Erden weit und breit.
Glocken läuten! Christ ist erstanden!
Zu Weihnachten in der Krippe fanden
wir unseres drittes Töchterlein.
Drum lasst uns froh und glücklich sein.“
Mutti vermerkt in ihrem Tagebuch, dass ich Joachim heißen sollte. Die Enttäuschung, dass ich nicht der ersehnte Stammhalter, sondern schon die dritte Tochter hintereinander war, muss riesengroß gewesen sein. Ich spürte Muttis Ablehnung. Platz für Liebe fehlte. Den Frust überdeckte nur eine gewisse Dankbarkeit, ein gesundes, kräftiges Kind geboren zu haben.
Vati, ein kreativer, auffallend liebenswürdiger Mensch von mittelgroßer Statur – der Ausdruck „untersetzt“ ist passend – hatte Sinn für Humor. Seine Fäuste dienten bei Streitigkeiten nie als Waffe. Mutti, eine wunderschöne blonde Frau, kam dem Adolf-Hitler-Mutter-Ideal nahe. Sie wurde mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet und war offensichtlich stolz darauf
Ich spürte und erlebte am Rande mit, dass Mutti im Gegensatz zum kritisch denkenden Vati den Führer verehrte, anhimmelte und bis kurz vor dem Zusammenbruch bewunderte. Erst 1944/45 änderte sich ihre Einstellung – erkennbar an einem typischen Verdrängungseffekt! Davon zeugen die von ihr herausgeschnittenen Tagebucheintragungen über die letzten Kriegsjahre. Gern hätte ich diese Aufzeichnungen gelesen, um ein genaues, wahrheitsgemäßes Bild zu gewinnen.
Wie ich dem Tagebuch entnehme, entwickelte ich mich im ersten Lebensjahr zunächst normal und altersgemäß. Ich sage mit elf Monaten Mama, Papa und ein paar andere einfache Wörter. Ein paar Monate später ist dies alles wie weggewischt. Ich spreche fast gar nicht mehr und nehme wenig von der Umwelt, so auch von Weihnachten, in mir auf. Nur am Christbaum mit den brennenden Kerzen sehe ich mich allem Anschein nach nicht satt. Mutti nennt mich „kleines Dummes“. Ich bin das Sorgenkind, später der Tollpatsch – willkommener Sündenbock für die Verfehlungen anderer. Mein Bruder Johann nutzt dies dreist aus, indem er bis zur Schmerzgrenze schwindelt. Stellt er etwas an, werde ich für diese Untaten oft genug verprügelt und eingesperrt. Als ich später Vati nach den Ursachen meiner abrupten Sprachstörungen frage, zuckt er die Achseln: „Ich glaube, du fielst als Baby mal vom Wickeltisch!“
Mein Anderssein gegenüber den beiden älteren Schwestern missfällt Mutti, bringt sie in Rage und verstärkt ihre Einschätzung, ein dummes drittes Kind zu haben. Wie peinlich! Ich entwickle mich auch körperlich nicht altersgemäß, kann mit 15 Monaten noch nicht laufen. Stattdessen krieche und krabble ich laut Tagebuch mit hohem Tempo vorwärts. Ein Kindermädchen soll es richten und sich um mich kümmern. Mit eineinhalb Jahren hole ich den Rückstand großteils auf. Ich mag Anna, unser nettes Kindermädchen. Sie ist mir zugetan.
Am liebsten bin ich bei Vati und will ihm im Garten helfen. Er nimmt mich gern mit und bringt mir vieles bei. Sobald ich richtig laufen kann, drängt es mich nach draußen. Wohin? In den parkähnlichen Garten. Die Pflanzen und deren Samen faszinieren mich. Finde ich Saatkörner, buddle ich sie ins Erdreich ein und beobachte, ob und wie sie keimen und wachsen. Passt mir etwas nicht, reagiere ich ungnädig, werde wütend und haue zornig um mich. Mein Bruder darf so etwas tun; für ein braves Mädchen ziemt sich dies nicht.
Onkel Pias aus Lüchow gibt Mutti laut Tagebucheintrag folgenden Rat: „Haue ihr tüchtig den Hintern voll. Denn das kann sie bei ihrer Natur gut vertragen. Die Kleine merkt auch ohne Verstand ganz genau, was du von ihr willst. Und du sparst dir und ihr für später viel Ärger, Kraft und Verdruss, wenn du jetzt nicht nachgibst.“ Dazu Muttis Originaltext im Tagebuch: „So, das schreibt der gute Onkel Pias, und Recht hat er. Im Übrigen nennt er dich seine Freundin und schreibt an anderer Stelle:‚Beatchen sieht ja fabelhaft aus. So etwas imponierend Steifnackiges und Selbstsicheres von Pose bei solch einem Knirps von Mensch! Sie ist bestimmt das Stärkste von deinen Kindern.“
Mutti befolgt den Rat von Onkel Pias bravourös. Sie verprügelt mich oft, auch mit dem Kochlöffel. Manchmal drängt sie mich an die Wand und schlägt von vorn gegen meinen Kopf, sodass ich mit dem Hinterkopf an die Wand pralle – dies mit dosiertem Kraftaufwand, sodass äußere Blessuren nicht auffallen. Seelische Schäden sind nicht sichtbar und bleiben im Unterbewussten verborgen. Meist ist mein Trotz der Anlass, den sie brechen will mit der häufig wiederholten Drohung: „Wenn ich weiß sage, ist es weiß, selbst wenn es schwarz ist!“ In solchen Augenblicken ist es wieder soweit, dass zwei Gefühle gegeneinander kämpfen: die Sehnsucht nach Liebe und der aufkommende Hass, begleitet von erlittenem Unrecht.
Trotz allem hält mich meine Mutter dank ihres ausgeprägten Pflichtbewusstseins und gegen Ekel ankämpfend am Leben, indem sie mir allabendlich einen Klistier in den Hintern einführt, um den zahllosen winzigen Madenwürmer den Garaus zu machen, die es sich in meinem Gedärm angesiedelt haben. Womöglich liegt darin der Schlüssel, dass ich ständig hungrig und gierig auf Essbares bin, ohne übergewichtig zu sein. Ein Mädchen hat sich zurückzuhalten und zu bescheiden. Ein weiterer Anlass, mich abzulehnen. Ihre Abneigung mir gegenüber wächst.
Ich halte Mutti zugute, dass sie es nicht leicht mit mir hat. Nachts schüttele ich im Schlaf mit dem Kopf so stark hin und her, dass sie mich im Bett festbindet – die allerschlechteste, wenngleich gutgemeinte Reaktion auf diese Abnormität. Diese oft bis ins Erwachsenenalter reichenden Schlaf- und Verhaltensstörungen, Fachausdruck Jaktation, deute ich als Hilfeschrei meiner Sehnsucht nach mütterlicher Liebe.
Mit elf Monaten sage ich Mama und Papa, danach spreche ich lange Zeit überhaupt nicht mehr – eine typische Begleiterscheinung dieser mit Frust und Liebesentzug verbundenen jahrelang andauernden Verhaltensauffälligkeit.
Später schäme ich mich gegenüber meinem Ehemann Günther und versuche alles, diese den Beischlaf belastende Störung endlich zu überwinden. Muss er es überhaupt merken? Als Ausgleich nehme ich sein heftiges Schnarchen geduldig hin, was ich sonst kaum täte. Seit wir getrennte Schlafzimmer haben und die Kinder erwachsen sind, schüttele ich nicht mehr im Halb- oder Tiefschlaf mit dem Kopf.
Mein Anderssein regt Mutti auf. Davon zeugen ihre Tagebucheintragungen. Der Vergleich mit meinen liebenswerten, pflegeleichten älteren Schwestern fällt für mich verheerend aus. Mutti tut sich schwer, ein solches Kind innerlich anzunehmen, geschweige denn zu lieben. Meine daraus erwachsenden Verhaltensstörungen verstärken bei ihr die Blockade, mich so zu akzeptieren wie ich bin. In einer Art Rückkoppelungseffekt verstärkt sich mein widerborstiges Benehmen. Ich kann richtig garstig, pampig, aufbrausend sein – keine Rezeptur für Sympathieträger, keine Impulse für Liebkosungen.
Ich denke, mein Gefühl täuscht mich nicht, dass meine Mutter mich zeitlebens ablehnte. Dies bekam ich auch später bei meinen Prüfungsnoten zu spüren. Auf „Mit Auszeichnung bestanden“ reagierte sie wegen meines übertriebenen Ehrgeizes extrem abweisend. Deshalb log ich sie als Test nach dem nächsten Examen an. Ich hätte Pech gehabt und nur die Gesamtnote „Ausreichend“ geschafft. Nie vergesse ich, wie nett Mutti da ausnahmsweise zu mir war.
Ich litt unter solchen Ungerechtigkeiten, berichtete Mutti doch mit unverhohlenem Stolz über die beruflichen Erfolge ihres Lieblingssohnes Dieter, dem verwöhnten Nachkömmling und Nesthäkchen. Ich meine, mich daran zu erinnern, dass sie ihr sechstes Kind abzutreiben versuchte.
Insgesamt ist ihr Pflichtbewusstsein, eine gute Mutter zu sein, die sich nichts vorwerfen muss, ihre herausragende Charaktereigenschaft. Es wird sie innerlich verletzt haben, als sie spürt, dass ich mich zu „Pappi“ hingezogen fühle und immer mitgehen will, wenn er als Hobbygärtner in seinem wunderschönen großen, parkartigen Gelände – ein gartenarchitektonisches Kunstwerk – werkelt. Weder eine kleine Rodelbahn noch zwei kleine ausbetonierte Gewässer fehlen: das eine ganz flach zum Plantschen, das andere etwas tiefer ausgeschachtet für ein paar Schwimmzüge. Dies alles baute und pflegte mein Vater selbst – bevorzugt am Wochenende und in den Ferien, wenn seine Handelsschule geschlossen war.
Laut Tagebucheintrag lebe ich in einer eigenen Welt. Ich interessiere mich zwar für Weihnachtsbaum und Adventskranz, sobald die Kerzen brennen. Sonst nehme ich wenig Anteil an meiner Umwelt und spreche fast nichts. Spielsachen sind mir gleichgültig, ausgenommen ein kleines Musikinstrument, das unterschiedliche Töne von sich gibt. Mit Puppen spiele ich überhaupt nicht. Ich lasse sie achtlos in der Ecke liegen und werfe sie auch mal an die Wand – wie beleidigend für meine Mutter. Wegen dieser Abneigung meide ich selbst heute noch Aktien von Unternehmen, zu deren Geschäftsmodell Puppen zählen wie die aufgetakelte Produktreihe Barbie vom amerikanischen Spielzeughersteller Mattel.
Meinen Kindern schenkte ich nur das, was sie sich wirklich wünschten, wie Chemie- und Physik-Experimentierkästen, Mikroskop, LEGO-Bausätze, Eisenbahnbücher für Uwe, schöne, bebilderte Literatur über Bauwerke und Malerei für Elke. Ich beschaffte Papier, Pappe, Farben, Stoff- und Tapetenreste mit allem erdenklichen Zubehör zum Malen, Basteln, Gestalten, für Rollen- und Ballspiele. Den Bedarf an Puppen deckten Oma Dorchen, Günthers Mutter, und mein Mann. Zum Glück war es wenigstens KÄTHE KRUSE statt Barbie-Kitsch!
Erst mit gut zwei Jahren spreche ich wieder mehrere Wörter, weitgehend ohne Satzzusammenhang. Immerhin verstehe ich anscheinend alles. Was mich laut Tagebuch fasziniert, ist neben den Pflanzen im Garten die Musik. Den Takt dazu schlage ich wie ein Dirigent mit erhobenem Arm und vorgestreckten Fingern. Ich laufe öfters weg, sodass mich Mutti, Vati und das Kindermädchen Anna suchen müssen. Die Turnstunde mit Tante Alida gefällt mir, wobei Mutti ärgerlich beobachtet, dass meine Körperstellung drollig und ungewöhnlich aussieht. Wie elegant und anmutig bewegt sich doch meine älteste Schwester Renate – für mich die heimliche Königin! Meine Schwester Christa schlüpft in meiner Vorstellungswelt in die Rolle des dienstbaren Geistes, wozu auch ich zähle.
Wegen meines widerspenstigen Benehmens werde ich erst im Sommer 1940 „auf Probe“ mittags am großen ovalen Esstisch in den Familienkreis aufgenommen. Wie demütigend, bislang allein am Katzentisch essen zu müssen. Ich nerve schon frühmorgens und entwickle mich zum Störenfried, indem ich im Haus herumrenne, die Türen zuschlage, während meine Mutter gern länger schlafen will. Vati ist Frühaufsteher wie ich.
Noch ist die Ehe meiner Eltern intakt, später eine von mütterlichem Hass geprägte und in Scheidung endende Beziehungskatastrophe. Am Familientisch bin ich ganz brav, gehe geschickt mit Schieber und Löffel um, passe auf, dass ich nicht aufs Tischtuch kleckere. Ungefragt rede ich kein Wort und schon gar nicht dazwischen. Ich will nie wieder an den „Katzentisch“ verbannt werden und nehme die Ankündigung „auf Probe“ ernst. Welch’ Zurücksetzung und nicht verwundene Pein, über ein Jahr lang jeden Tag mitzuerleben, dass mein jüngerer Bruder Johann schon längst am großen Familientisch mitessen darf! Er lässt mich spöttelnd seine Verachtung spüren – erste Anzeichen einer Großmannssucht.
Der Name „Katzentisch“ mag mitverantwortlich dafür sein, dass ich nie eine Katze haben wollte. Immer verband ich mit diesem Tiernamen den verhassten Tisch. Ich träumte davon, selbst Gastgeberin zu sein und Mutti dort zu platzieren.
Nachdem ich als Lehrerin viele Jahre lang Erziehungskunde unterrichtete, mangelte es mir nie an anschaulichen Beispielen, wie man mit schwierigen Kindern besser nicht umgehen sollte. Keineswegs wollte ich solche Erziehungsfehler bei Elke und Uwe machen. Drum habe ich mein eigenes Verhalten fortlaufend kritisch hinterfragt.
Bei Elke beobachtete ich kurzzeitig ähnliche Entwicklungsstörungen in Richtung „Hospitalismus“ nach ihrem Krankenhausaufenthalt mit eineinhalb Jahren. Damals – ich komme auf diesen gravierende Veränderungen im Klinikbetrieb auslösenden Vorfall noch zurück – wurde mir der tägliche Besuch ausgeredet. Welch’ grobe Fehleinschätzung seitens des Krankenpflegepersonals!
2. Die Wirren des Krieges
Fehleinschätzung und Verdrängung des unermesslichen Leids so vieler Menschen
„Der Krieg begann im letzten Jahr, 1939. Obwohl er nun schon ein Dreivierteljahr im Gange ist und gerade in diesen Tagen der Entscheidungskampf im Westen begonnen hat. Es geht um alles! Auch um eure Zukunft!“
So lautet ein Tagebucheintrag meiner Mutter. Danach sind einige Seiten herausgeschnitten. Ich vermute, dies waren Aufschriebe über die Verleihung des „Mutter-Kreuzes“ und die anfängliche Verehrung für den Führer Adolf Hitler. Schön, jung, blond, viele Kinder. Sie entsprach dem Führerideal.
Vati beurteilte die Lage kritisch und war das krasse Gegenstück von einem Nazi. Er äußerte zwar öffentlich keine Missbilligung. Das konnte er sich als Unternehmer – Ferninstitut und Handelsschule – nicht leisten. Aber er trat nie in die Partei ein und behandelte die Kriegsgefangenen, die bei uns eine Weile auf dem Acker arbeiteten, so menschenfreundlich, dass es mir auffiel. Die Leute bekamen immer genug zu essen. Nach den fehlenden Seiten folgen einige Einträge von Vati, die aber vergilbt sind. Danach ist Mutti erneut an der Reihe. Sie betont, ich sei ein eigenartiges Kind sei, das kaum sprechen, aber einiges verstehen und überlegt handeln würde.
Anfangs löste der Zweite Weltkrieg noch keine großen Ängste in der Bevölkerung aus, vorausgesetzt, man zählte nicht zu den erklärten Feindbildern und war kein Jude, den Hauptopfern des eskalierenden Rassenwahns. Die Olympiade 1936 in Berlin sorgte für weltweites Aufsehen. Adolf Hitlers Macht wurde gestärkt – eingebettet in imposante monumentale Bauwerke, die nicht jedem gefielen, Gefühle an Größenwahn aufkommen ließen, jedoch allgemein beeindruckten.
Verantwortlich war Hitlers „Chefarchitekt“ Albert Speer, 1937 zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Berlin ernannt und ab 1942 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition befördert. Albert Speer verstand es geschickt, sich nach Kriegsende reuevoll als Angehöriger der seltenen Gattung „guter Nazi“ darzustellen. So entging er der Hinrichtung beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Speer wurde im Oktober 1946 zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt. Hinter Gefängnismauern schrieb er ein Buch, um sich zu rechtfertigen und zielstrebig an seiner neuen Karriere zu basteln.
In den ersten Kriegsjahren 1939/1940 rechnete die Zivilbevölkerung mit einem raschen Sieg. Ein Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation stand nicht auf der Agenda. Noch schockierten die Menschen in der Heimat keine ausgelöschten Stadtkerne und die nicht enden wollenden Flüchtlingskolonnen. Noch fehlten die kilometerlangen Bombenteppiche, wie ich sie selbst Anfang der 1950er-Jahre in Berlin-Charlottenburg mit dem Blick aus dem Fenster direkt neben dem Fürstenplatz sah. Hier lebten wir eine Weile. Mir läuft es kalt über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen dort unter zusammenbrechenden Gebäuden umkamen oder verstümmelt überlebten.
Ich sinne darüber nach: Sind die Zerstörungen in Berlin so gewaltig, dass selbst sieben Jahre nach Kriegsende längst nicht alles wieder aufgebaut werden kann? Hinter diesen Ruinen, Trümmern und Geröll sehe ich die hässliche Fratze des mörderischen Krieges, wie ein Moloch alles verschlingend, Mensch und Tier, jung und alt. Wie oft habe ich mir die Bilanz dieses Kriegsgeschehens vergegenwärtigt und versucht, das Zahlenmaterial mit schrecklichen Bildern zu verdeutlichen und aufzuarbeiten: Millionen toter und verletzter, entstellter, ihrer Gliedmaßen beraubter Menschen! Bei Kriegsbeginn sah die Vorstellung völlig anders aus. Ruhm, Ehre, glorreicher Endsieg! Mich erinnert dies an einen Krebstumor, der anfangs unbemerkt wächst und nicht schmerzt, um danach seine todbringenden Metastasen im gesamten Organismus auszustreuen. Jetzt ist der Zeitpunkt verpasst, erfolgreich zu operieren.
Als sich der Zusammenbruch 1943/1944 abzeichnet, ist es zu spät, die wuchernde Krebsgeschwulst Nationalsozialismus zu vernichten und den nicht mehr zurechnungsfähigen Adolf Hitler von seinem Wahnwitz abzubringen. Mehrere erfolglose Attentatversuche unterstreichen dies.
Meine Eltern behaupteten, von der Judenverfolgung nichts gewusst zu haben – gewiss eine Ausrede. Sie haben sich herausgehalten und selbst nie aktiv mitgemacht, aber alles, was diese Grausamkeiten betraf, verdrängt. Gesellschaftsspiele mit Werbekampagnen und Titeln wie „JUDEN RAUS“ müssten doch die Zivilbevölkerung wachgerüttelt haben: „Es spielt sich unfassbar Schlimmes ab. Die Schikanen nehmen stetig zu!“ Als Schulkind spielte ich im Gedanken „NAZI raus“! Als Erwachsene denke ich mir ein „Börsen-Monopoly“ aus.
Die Leute aus der Nachbarschaft, die gewöhnlich alles beobachten und darüber tratschen, mussten doch merken, wenn aus ihrer Siedlung jüdische Mitbürger plötzlich verschwanden. Wieso fiel nicht auf, dass Geschäftsräume, Türen und Fenster von Juden verrammelt wurden oder sich fremde Besitzer dort niederließen?
Musste nicht jedermann hellhörig werden, wenn jüdische Mitbürger den auf ihrer Kleidung aufgenähten gelben Davidsstern mit der Inschrift „Jude“ trugen? Konnte es länger verborgen bleiben, wenn rund 5,6 Millionen Juden durch Vergasen, Erschießen, Verhungern, Injektionen und medizinische Versuche Opfer des Hitlerschen Rassenwahns wurden? Schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen kamen allein in den Vernichtungslagern um. Die ersten Massendeportationen setzten bereits im Jahr 1939 ein. Da war ich noch keine zwei Jahre alt, zu jung, um Politik wahrzunehmen und zu verstehen.
Heute, 70 Jahre später, befriedigt es mich, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, selbst Überlebender des Warschauer Ghettos und einer der letzten Zeitzeugen, am 27. Januar 2012 im Bundestag in einer bewegenden Geschichtsstunde die Gedenkrede zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz hielt.
Freilich gab es noch nicht den sekundenschnellen weltweiten Datenfluss und die überbordenden Aktivitäten einer sich zum Moloch aufplusternden und vor Intimitäten nicht zurückschreckenden Medienindustrie. Die elektronische Datenverarbeitung und das Internet waren noch nicht geboren. Die Technologie rund um das Kriegsgeschehen steckte in den Kinderschuhen.
Zurück zum Tagebuch: „Bum-Bum“, so nannte ich den Fliegeralarm, verhasst schon wegen des Lärms und des plötzlichen nächtlichen Herausreißens aus dem Schlaf. Sobald die Knallerei begann – nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt arbeitete die Flakabwehr – presste ich beide Hände vors Gesicht. Originalton Mutti: „Es ist ja auch nicht schön, so aus seinem warmen Bettchen in den Luftschutzkeller zu wandern. Und doch können wir so froh sein, dass wir solch einen Keller haben mit Betten zum Weiterschlafen – in was für Räumen wohl viele Menschen die Zeit verbringen müssen.“
Im eigenen Luftschutzkeller, den Vati klug vorausschauend, vielleicht auch von bösen Vorahnungen getrieben, zusammen mit dem darüber liegenden Wintergarten gerade noch rechtzeitig bauen ließ, überlebte unsere Familie dieses Inferno 1944 unverletzt. Ein gerade abgeschossener feindlicher Flieger warf vor dem Absturz noch all seine Bomben ab und landete einen Volltreffer auf unsere Immobilie. Das Drei-Mädel-Haus zerbarst mittendurch. Nur der Wintergarten mit unserem Luftschutzkeller hielt der explodierenden Sprengbombe und den Druckwellen stand.
Weiter geht es im Tagebuch:„Du protestierst oft so energisch, wenn wieder mal Alarm ist, mit deinen Worten Bum-Bum. Wenn doch recht bald der Krieg zu Ende wäre. Wir entbehren ja noch nichts, haben keine Not und Sorgen. Pappi hält sie dank seines Fleißes von uns fern, und der Staat tut alles, was er kann, und zum Klagen ist kein Anlass. Aber es gibt täglich neues Leid in so vielen Familien. Der Feind wirft seine Bomben unter die Zivilbevölkerung der Großstädte.“
Schätzungsweise forderte der Zweite Weltkriegs bis zu 80 Millionen Kriegstote und 50 bis 60 Millionen durch direkte Kriegseinwirkung getötete Menschen. Weltweit verloren wohl rund 110 Millionen Menschen durch Waffengewalt ihr Leben. Genaue Zahlen fehlen. Die einzelnen Angaben weichen stark voneinander ab.
Im Januar 1941, ich bin nun drei Jahre alt, beendet meine Mutter ihre Aufzeichnungen. Sie vermerkt, dass ich jetzt im Satzzusammenhang spreche. Die letzte Seite ihres Tagebuchs gebe ich ungekürzt wieder:
„Nun gibt es aber für deinen Eigensinn nicht mehr immer die Entschuldigung: ‚Sie ist noch zu dumm!’ Du nennst dich zwar selbst ‚gute Ati’, aber das bist du nicht. Mit ‚Nati’ (Renate) verstehst du dich ja recht gut, aber mit ‚Kika’ (Christa) gibt es täglich Zusammenstöße. An Pappis Geburtstag sagst du mit einem Lichtlein und Blumen im Händchen: ‚Viel Glück, mein Pappi!’ Es ist wie mit allem bisher: Du lässt dir für alles wirklich Zeit, aber dann kommt alles, und unsere Sorge wandelt sich zur Freude.“
Ich bin ein Kriegskind, das in unruhigen Nächten auch heute noch von Fliegeralarm, einschlagenden Bomben, Flucht, Folter und von den in den KZs vergasten Menschen träumt und schweißgebadet aufwacht. Wie oft stürzt bei diesen Heimsuchungen unsere Villa, mein Zuhause ein! Der ätzende Brandgeruch riecht nach millionenfachem Mord. Hungrige Ratten fallen über mich her; ich kann ihnen nicht entrinnen.
Aber ich träume auch von einer Leiter, die zum Himmel führt, und die ich mühsam Stufe für Stufe erklimme, um ganz nach oben zu gelangen.
3. Das Bild meiner Eltern
Ich stamme aus einer einst wohlhabenden Familie – heute Besserverdiener genannt. Im Zuge der Kriegswirren verarmten meine Eltern und brauchten jahrzehntelang meine finanzielle Hilfe, sobald ich als verbeamtete Lehrerin Geld verdiente.
Mein Vater, Dr. Joachim Jaenicke, geschmückt mit einem Doktortitel ohne Plagiat und zwei Diplomen in Politik, Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, war in Rostock ein erfolgreicher Unternehmer mit Ferninstitut und privater Handelsschule. Dieses Anwesen lag mitten im Zentrum Rostocks nahe dem Marktplatz. Wir wohnten etwas außerhalb am Stadtrand in einer schmucken Gartensiedlung, umgeben von einem größeren Waldgebiet. Hier sammelte ich Pilze, Beeren und Bucheckern und träumte mit meinem Freund Peter über unsere gemeinsame Zukunft – er als Förster – ich als Pianistin.
Über die Familie väterlicherseits weiß ich wenig. Vati sprach nur ungern darüber und wich meinen Fragen geschickt aus. Vatis Mutter starb in jungen Jahren an Leukämie. Dieser heimtückische, damals immer unheilbare Blutkrebs raffte auch seine Zwillingsschwester im Alter von zehn Jahren hinweg. Ich befürchtete noch als Erwachsene, dass meinen Geschwistern, Kindern, Enkeln oder mir selbst ein ähnliches Schicksal durch vererbte Gene drohen würde. Diese Befürchtung bestätigte sich nicht. Es dauerte lange, bis ich die Angst überwand.
Mein Opa väterlicherseits, ein Apotheker, verstarb ebenfalls früh, woran, weiß ich nicht. Mein Urgroßvater war ein reicher Gutsbesitzer. In unserem Esszimmer hing ein großes Ölgemälde mit imposantem Blattgoldrahmen. Es zeigt ihn als einen von Gesundheit strotzenden, erhaben wirkenden Titan, der in stolzer Pose auf seine stattlichen Ländereien, sein Gestüt und die ihn umwogenden Kornfelder blickt. Den Apotheker, meinen unbekannten Opa, stelle ich mir als schmächtigen, blassen, stillen, unauffälligen Mann mit verkniffenen Mundwinkeln vor – im akkurat geschnittenen weißen Medizinerkittel geheimnisvolle Rezepturen anrührend. Suchte er die Zauberformel, um die seine Familie heimsuchende Leukämie zu bekämpfen?
Vati stammt aus dem thüringischen Jena. Warum er nach Rostock zog und hier seine berufliche Existenz aufbaute, weiß ich nicht. Er war nie ein Nazi, behandelte die bei ihm zeitweilig arbeitenden Kriegsgefangenen glücklicherweise menschenfreundlich. Zweifellos profitierte er in den ersten Kriegsjahren davon, dass viele Soldaten seine Fernbriefe für Bilanzbuchhaltung, Volks- und Betriebswirtschaftslehre sowie Steuerrecht bezogen. Es wäre unfair und verfehlt, ihn deshalb als Kriegsgewinnler abzustempeln. Mein Vater mit Unternehmerblut in den Adern erkannte als Geschäftsmann die Chancen und nutzte sie. Etwas für die Bildung zu tun, ist und war zu keiner Zeit und in keinem System ehrenrührig.
Für meine Mutter gilt abgewandelt: „Bauer sucht Frau – Bäuerin sucht Mann.“ Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, einer bäuerlichen Familie aus Lüchow bei Celle. Eine blonde, wunderschöne, grazile und charmante Frau, die es nicht nur meinem Vater angetan hatte.
Mutti hatte zwar nur einen Volksschulabschluss. Aber wer sie kannte, mit ihr sprach oder von ihr eingeladen wurde, sah sich einer gebildeten Dame mit feinen Umgangsformen und besten Manieren gegenüber. Bewandert in Literatur, Kunst und Kultur. Ausgestattet mit zielsicherem Geschmack, was gediegene Wohnungseinrichtung und modische Kleidung betraf. In ihre Familie passt sie ebenso wenig hinein wie ich in ihre Vorstellungswelt.
Mutti fand sich nie damit ab, dass mich Königshäuser, Filmstars, Schmuck und schicke Kleidung nicht interessierten. Umgekehrt störte mich an ihr, dass Äußerlichkeiten und Ambiente beherrschend waren für die Einschätzung anderer Menschen. Als ich ihr bei meinen seltenen Besuchen voller Stolz erzählte, dass ich einen großen Vortrag halten würde im Bonner Beethoven-Saal, fragte sie nicht nach Anlass und Thema, sondern nur, was ich anzuziehen gedenke.
Als mein Vater starb, galt ihr Blick allein der passenden Trauerkleidung. Nicht anders sah es aus bei der Taufe und Konfirmation meiner Kinder sowie bei Elkes Hochzeit. Die einseitige Ausrichtung auf Äußerlichkeiten und ihre übertriebene Eitelkeit entfernten uns menschlich noch weiter voneinander. Sicherlich würde meine Mutter auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel ablehnen, weil ihr schicke Kleidung wohl noch weniger bedeutet als mir selbst.
Zwischen Mutti und mir lagen Welten wie das trennende Gewässer in der großen symphonischen Dichtung: „Es waren zwei Königskinder.“ Am vorderen Ufer steht die Eitelkeit als Tugend, am hinteren Ufer die Eitelkeit als Untugend. Für mich gilt die umgekehrte Bewertung.
Meine Tochter Elke entsprach noch am ehesten ihrem Vorstellungsbild. Meinen Sohn Uwe, ein ausgesprochen sozialer Typ, stempelte Mutti allein wegen seiner Kleidung als „asozial“ ab. Sie bedachte ihn mit geringschätzigen Vorurteilen und lehnte ihn nicht minder ab als mich.
Umgekehrt waren Muttis Pflichtbewusstsein und ihre Verlässlichkeit zu bewundern. Ihr Perfektionismus verwandelte jedoch jede größere Feier zum Alptraum. Daher rühren wohl meine unausrottbaren Vorbehalte gegenüber Festlichkeiten mit vielen Gästen. Im krassen Gegensatz dazu motivieren mich eigene freie Reden vor Tausenden von Menschen in einer großen Halle oder Arena. Stets komme ich ohne Power Point und Spickzettel aus.
Meine Mutter verhielt sich mit ihrem „Betonkopf“ im Lebensalltag uneinsichtig bis hin zum Starrsinn. Sie wollte mich mit harten Strafen zum Spiel mit Puppen zwingen, verstärkte jedoch meine Abneigung. Typisch ist ihr schon erwähnter Anspruch: „Wenn ich weiß sage, ist es weiß, selbst wenn es schwarz ist.“ Gab ich nicht nach, winkten Schläge und Einsperren im dunklen, fensterlosen Abstellraum.
Als schlimm empfand ich ihr „Märtyrertum“, wie Vati es nannte, worunter er litt und sich mit einem Absacker tröstete. Man darf, aber muss kein Putzteufel sein. Wer freiwillig in diese Rolle schlüpft und einen Sauberkeitsfimmel entwickelt, sollte sich nicht selbst beweihräuchern. Niemand drängte Mutti dazu, ihren Haushalt perfekt zu führen, allwöchentlich sämtliche Fenster zu putzen, die Betten neu zu beziehen, täglich die Böden zu fegen, zu bohnern und die Küche nass aufzuwischen und zu schrubben.
Mutti hatte den Ehrgeiz, jedes Familienfest auf hohem Niveau auszurichten. Dabei begnügte sie sich nicht mit den Feierlichkeiten bei sich zu Hause. Gut, wenn ein solches Treiben befriedigt und das Selbstwertgefühl stärkt. Ein andauerndes Wehklagen widerspricht einem positiven Selbst- und Fremdbild. Ich ließ Mutti bei den Festlichkeiten für meine Kinder nie aktiv mitwirken, was die Spannungen verstärkte. Damit sie sich nicht einmischte, lud ich sie erst am Festtag ein.
Ganz klar: Ich stellte als Gastgeberin meine Mutter nie zufrieden. Ihr Rollenverständnis bezüglich Mädchen und Junge, Frau und Mann deckte sich mit der üblichen Einstellung vor mehr als 70 Jahren: Jungen sind etwas Besseres und verdienen bevorzugte Behandlung. Sie brauchen im Haushalt nicht mitzuhelfen, bekommen größere Essensportionen, dürfen sich prügeln, müssen aber auch tapfer sein. Bloß keine wehleidigen Angsthasen, keine Heulsusen, Petzen und Jammerlappen, die sich an Mutters Schürzenzipfel ausweinen!
Ein Alptraum mit Blickwinkel auf den eigenen Tod ist es, nach einem arbeitsamen, an Freuden, Sorgen, Ängsten und Leiden reichen Leben so menschenunwürdig enden zu müssen wie dies meiner Mutter widerfuhr. Ein solches Dahinscheiden wünsche ich selbst meinem Todfeind nicht. Wer mit 95 Jahren erst nach zehnjährigem Koma abberufen wird, verliert in diesem Jahrzehnt alles, was seine Persönlichkeit prägte: Schönheit, Anmut, Geisteskraft, die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse, Empfindlichkeiten und Wünsche zu äußern. Ich bin überzeugt, dass meine Mutter, könnte sie selbst bestimmen, ganz anders für sich entschieden hätte als meine sie zu Hause pflegende jüngere Schwester.
Bei aller Fürsorge ging es wohl letztlich um das Pflegegeld in Stufe III. Eine mobile Sterbeklinik mit wachsendem Zulauf in den Niederlanden ist die Reaktion auf die Ängste todkranker Menschen, die selbst bestimmen und der Gerätemedizin nicht länger hilflos ausgeliefert sein wollen.
Das Gottesbild meiner Eltern
Vati glaubte an Gott als Allmacht, als ein höheres Wesen, das die Natur erschuf und durch die Schöpfung für gläubige Christen wahrnehmbar ist. Dies erfuhr ich in Gesprächen; und darauf deuten einige seiner Gedichte hin. Zu seinem Vorstellungsbild passten weder der Himmel als Gottes Ort, noch die Hölle als Verließ der Verdammnis: Keine holden, lächelnden Engel als Heerschar. Keine Teufel als grausame Widersacher und Gegenspieler. Keine gottverdammten armen Sünder, schmorend in der blutroten Feuerbrunst der Hölle. Kirchen und Religionsgemeinschaften brauchte Vati zum Wohlbefinden und zur Werteorientierung nicht. Ich empfinde ähnlich.
Mutti glaubte an Gott gegenständlich und konkret. Für sie war die evangelische Kirche mit ihren Glaubensgrundsätzen wichtig. Sie ging zwar nicht übertrieben oft, aber zumindest an jedem kirchlichen Feiertag in die Kirche und bemühte sich sehr, uns Kinder zu gläubigen Christen zu erziehen. Bis zur Konfirmation waren Kindergottesdienste für uns verpflichtend. Tischgebete vor dem Mittagessen und abends beim Zubettgehen zählten zum eingeübten Brauchtum, an dem es nichts zu rütteln gab. Die Gebete stammten allesamt aus Vatis Feder. Ich weiß nicht, wo er sie aufschrieb. Sein wohl schönstes Mittagsgebet habe ich mir eingeprägt:
„Zu Ehren, was der Acker trägt,
was sich in Wald und Feldern regt.
Was Gott mit Sonnenschein und Regen,
mit Wärme, Licht und seinem Segen
aufwachsen und gedeihen lässt.
Wir falten die Hände und danken Gott,
der uns beschert das tägliche Brot.“
Die Vernichtung unserer Güter im Bombenhagel
Etwa zwölf Monate vor Kriegsende, im Jahr 1944, als eine Bombe nicht nur unser schönes Eigenheim auseinander riss, trafen Sprengbomben auch das Ferninstitut und die Handelsschule meines Vaters im Rostocker Stadtzentrum.
Nie werde ich vergessen, wie überall seine Fernbriefe, gebunden oder als Einzelblätter, durch die Straßen und Fußgängerwege flatterten, darunter die vielen mit einem Segelschiff-Dreimaster als Markenzeichen und Logo gestalteten Titelseiten. Diese Bilder als zementiertes Symbol des Kriegsschreckens brannten sich in mein Gedächtnis ein. Vatis stolzes Segelschiff auf den Weltmeeren – plötzlich verschmutzt, zertreten und vernichtet auf Rostocks Straßen und Fußwegen!
Als nach meinem schweren Schlaganfall der Tod an die Tür klopfte, richtete sich überlebensgroß mein neues Buch „Nachhaltig investieren“ vor mir auf: stolze Windräder auf dem Meer und zu Lande, Solaranlagen auf den Dächern und Feldern.
Im Zuge der Entnazifizierung musste sich Vati als Feldarbeiter verdingen. Wir wurden enteignet; und unsere Sparbücher verloren bei der Währungsreform ihren Wert.
Wir waren von einem Tag zum anderen keine reiche Unternehmerfamilie mehr. Irgendwann floh Vati nach Westberlin und hoffte, dort finanziell wieder auf die Beine zu kommen und seinem geliebten Ferninstitut neues Leben einzuhauchen. So ganz ist ihm dies nicht gelungen. Ob Berlin oder Würzburg: selten schwarze, eher rote oder gar tiefrote Zahlen. Unterkriegen ließ er sich jedoch nie.
Mehr zum Ferninstitut und den beruflichen Aktivitäten meines Vaters
In den ersten Kriegsjahren lief Vatis Ferninstitut ausgezeichnet, ohne ihn deshalb als „Kriegsgewinnler“ zu beschimpfen. Viele eingezogene Soldaten nahmen am Fernunterricht in Bilanzbuchhaltung, Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Steuerrecht, Kaufmännischer Schriftverkehr und „Gutes Deutsch“ teil. Dies geschah in der von Zuversicht geprägten Annahme, der Krieg wäre schnell vorbei. Ein erfolgreiches Fernstudium sollte nach dem „Endsieg“ die Rückkehr in ein normales Leben und den beruflichen Start erleichtern. Diese Ziele waren nicht verwerflich. Kurz vor dem Zusammenbruch 1944 und ab 1945 ging gar nichts mehr. In den ersten Nachkriegsjahren hatten die Menschen andere Sorgen, als Wirtschaftswissenschaften zu studieren und sich in Zahlenreihen zu vertiefen.
Die Bedürfnispyramide in der Nachkriegszeit lautete:
1. Welle: Essen und Trinken,
2. Welle: Wohnung und Kleidung,
3. Welle: Freizeit und Reisen,
4. Welle: Sicherheit, Bildung und Selbstverwirklichung.
So startete mein Vater in Westberlin einen neuen Anlauf – mit mäßigem Erfolg: die meiste Zeit mehr Verlust als Gewinn. Es wäre besser gewesen, sich anfangs mit einem bescheidenen äußeren Rahmen zu begnügen. Aber das entsprach nicht Vatis Wesensart. So gut dies gemeint war: Musste er für Renate und mich einen teuren Konzertflügel mieten? Hätte zum Üben nicht ein einfaches Klavier genügt?
Sein Lebensstil zeigt gewisse Parallelen auf zum miserabel wirtschaftenden, seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse lebenden hochverschuldeten Griechenland. Ein Staat, der ohne milliardenschwere Rettungsschirme und Schuldenschnitt der Pleite nicht entrinnen dürfte. Wenn Vati schon das eine oder andere Liebesabenteuer pflegte: Musste es unbedingt allmonatlich die Frankfurter Edelhure Rosemarie Nitribitt sein, deren Leben verfilmt wurde? Billig war sie nicht zu haben.
Vati versuchte, seinen Kontostand aufzubessern mit überdurchschnittlich gut bezahlten pornografischen Beiträgen. Er schrieb aber auch seriöse Artikel für eine Wochenzeitschrift.
Als ich dem WINKLERS VERLAG in Darmstadt – geführt von den Zwillingsbrüdern Hans und Heinz Grimm sowie Vetter Rüdiger Grimm – mein erstes Fachbuch anbot, hieß es: „Wenn Sie so genial und kreativ sind wie Ihr Vater, heißen wir Sie als blutjunge Autorin herzlich willkommen. Sind Sie so unzuverlässig wie Dr. Jaenicke, dann zum Teufel mit Ihnen! Dann wird dies Ihr erstes und letztes Buch bei uns sein.“ Ich hielt jeden Termin überpünktlich ein und schrieb etliche Bücher für den WINKLERS VERLAG – eine ausfüllende und harmonische Beziehung bis zur Übernahme durch den Braunschweiger Großkonzern WESTERMANN.
Aktuell spielt sich Schlimmes ab. Der gesamte Schulbuchbereich wird im „Bildungshaus“ zusammengefasst. Dies gilt auch für meinen Verlag BILDUNG EINS. Ob ich die erbetene Einverständniserklärung unterschreibe oder das unpersönliche Schriftstück wutentbrannt im Papierkorb zerknülle, ändern wird sich dadurch gar nichts. Autoren sind keine Nutznießer, wenn die Großen die Kleinen schlucken.
Obwohl ich vor einem Dutzend Jahren gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Knöpfel eine erfolgreiche Sozialwesen-Schulbuchreihe für Thüringen schrieb und bei mir alljährlich immer noch ein paar hundert Euro Honorar eingehen, kennt mich bei WESTERMANN niemand. Auf der DIDACTA 2011 in Stuttgart konnte ich keine Kontakte wegen einer Neuauflage anknüpfen. Vertröstung ja – aktive Kommunikation nein! Dabei werden Schulbuchautoren händeringend gesucht. Ähnliche Erfahrungen gab es mit dem HECKNERS und WOLF VERLAG nach der Übernahme durch BILDUNG EINS, meinen jetzigen Verleger. Dessen Schulbuchbereich wandert nun ins „Bildungshaus“.
All dies bewog meinen Sohn Uwe, der mit mir gemeinsam das vergriffene Sachbuch „Schwierige Schüler – schwierige Lehrer? Neue Wege des Konfliktmanagements im Schulalltag“ verfasste, in dieser anonymen Welt kein Buch mehr schreiben zu wollen. Aber tüchtige Schulbuchautoren braucht das Land – auch mit Blick auf die PISA-Studien.
Zurück zum Ferninstitut meines Vaters und den sich zuspitzenden finanziellen Sorgen. Es ist schlecht, Rechnungen ungeöffnet wegzulegen und von wundersamen Visionen zu träumen. Dennoch musste unsere Familie nie hungern.
Es gab keine Räumungsklagen, keinen am Mobiliar klebenden Kuckuck. Mein Vater als Lebenskünstler und Stehaufmännchen zog gerade noch rechtzeitig den Kopf aus der Schlinge. Er war der Igel, nicht der Hase. Finanzielle Unsicherheit und beidseitige Seitensprünge machten die Ehe meiner Eltern zur Hölle. Dabei liebte mein Vater meine Mutter zeitlebens, während sich bei ihr Hassgefühle eruptionsartig entluden. Von diesen Hasstiraden blieben wir Kinder nicht verschont. Wir sollten für Mutti Partei ergreifen und Vati bei Familienfestlichkeiten aussperren. Zu Elkes und Uwes Taufe und Konfirmation lud ich abwechselnd ein.
Vati stellte seine Lehrbriefe selbst her. Er besaß eine Maschine, Modell „ROTOPRINT“, die mithilfe von Wachsmatrizen Tausende preisgünstiger Vervielfältigungen in flottem Tempo produzierte. Jedes mit der Schreibmaschine eingegebene Schriftzeichen durchlöcherte die Wachsmatrize als Druckträger. Hielt ich eine beschriftete Matrize gegen das Licht, so war der Text anhand jedes ausgestochenen Zeichenabdrucks gut lesbar – ebenso die mithilfe von Kohlepapier entstandene Kopie nach Beschriftung. Im Anschluss an den Vervielfältigungsprozess waren die Druckträger mit saugfähigem Papier von den schwarzen Farbresten zu säubern. Danach wanderten sie in die mitgelieferten Kartonagen. Auf dem Deckel musste die genaue Produktbezeichnung stehen – unerlässlich für rasches Wiederfinden.
Der Schwachpunkt lag darin, dass eine Korrektur bei der Texterfassung und danach nur ganz bescheiden möglich war. Es ließen sich nur einzelne Buchstaben und gleich lange Wörter mit dem lilafarbenen Korrekturlack ausbessern.
Bei Ergänzungen und Aktualisierungen ging dies nicht. Jede größere Korrektur machte es notwendig, eine neue, ziemlich teure Matrize zu beschriften. Schlich sich erst einmal der Fehlerteufel beim Tippen auf der mechanischen Schreibmaschine ein, so wuchs die Nervosität. Die Patzer mehrten sich. Also wieder eine frische Matrize und danach nochmals eine usw. Bei solchen Pannen half ich im Büro öfters aus.
Es war beschlossene Sache, dass ich dieses Ferninstitut später weiterführen würde. Eigentlich lief damals der Fernunterricht nicht schlecht. Erst mit dem Siegeszug des Internets und der Gründung zahlreicher Business-Schulen wurde es zusehends schwieriger, sich als Fernakademie mit Printerzeugnissen zu behaupten. Die zahlreichen ganzseitigen großen Werbekampagnen konkurrierender Ferninstitute sind verschwunden, mag sich dieser Markt aktuell auch wieder beleben. Die Online-Angebote haben diesen Markt empfindlich getroffen und ausgedünnt. Mein Vater, mit über 80 Jahren durch einen schweren Schlaganfall ans Bett gefesselt, bekam davon kaum etwas mit.
Gut, dass sich Vati in Westberlin bereits zweigleisig orientierte und in der Privaten Handelsschule Müller in Würzburg als Wirtschaftslehrer eingestellt wurde und eine wichtige Gelderwerbsquelle fand. So konnte er in seinen studierten Fächern unterrichten und den Lebensunterhalt seiner großen Familie sichern. Vatis große Liebe gehörte aber zeitlebens seinem Ferninstitut. Er tat alles, um seinen stolzen Segelschiff-Dreimaster in Würzburg wieder flott zu machen. Letztlich misslang dies trotz großen Einsatzes und zeitlebens nicht endender Leidenschaft.
Ein Aprilscherz mit beinahe fatalen Folgen
Mir fällt dazu eine kleine Geschichte ein, die um ein Haar tragisch endete. Ich wollte mir einen originellen Aprilscherz ausdenken: Mein Vater hatte im westfälischen Rheda bei Gütersloh, dort wo der BERTELSMANN-Konzern seinen Hauptfirmensitz hat, eine Partnerin. Sie war zuständig für den Vertrieb der in Würzburg hergestellten Lehrbriefe und schrieb meinem Vater öfters Briefe. Ich fing einen ab und öffnete den Umschlag vorsichtig, um ihn nochmals benutzen zu können. Frau Pulsfort schrieb ihre Mitteilungen auf einem eher seltenen Schreibmaschinenfabrikat. Ein solches Gerät stand auch im Bürohaus Sammetinger, Vatis Geschäftspartner und mein Sponsor für Wettschreiben. So war es kein Kunststück, einen Brief aus Rheda auf einem solchen Schreibmaschinentyp nachzuahmen. Absender war diesmal Herr Pulsfort. Ich fing den Postboten ab und bat ihn, den irrtümlich in der Handelsschule eingeworfenen Brief Dr. Jaenicke auszuhändigen. Mein gefälschtes Schreiben lautete in etwa so:
Sehr geehrter Herr Dr. Jaenicke,
meine Frau ist schwer gestürzt, sodass sie sich um den Vertrieb der Lehrbriefe vorerst nicht kümmern kann. Ich selbst bin beruflich dermaßen eingespannt, dass es unmöglich ist, für meine Frau einzuspringen. Sorgen Sie doch bitte selbst für Ersatz. Am besten, Sie schicken Ihre Tochter zu uns, oder Sie kommen selbst nach Rheda. Es ist dringend!
Mit freundlichem Gruß
Beim Mittagessen erzählte Vati, dass Schlimmes passiert sei: „Frau Pulsfort hat sich beim Sturz verletzt. Ich kann selbst nicht nach Rheda fahren wegen des Schulunterrichts und anderer wichtiger Termine. Du kannst ja leider auch nicht einspringen, weil deine Lehramtsprüfung ansteht. Aber ich habe eine brauchbare Lösung gefunden. Direktor Müller ist so nett, seine Sekretärin auszuleihen. Sie packt gerade ihre Sachen, um noch heute nach Rheda zu reisen.“
Erschrocken rief ich: „April – April! Der weiß nicht, was er will!“ Vati tobte vor Wut, sonst kaum seine Art. Er machte Anstalten, mich zu versohlen. Aber blitzschnell kam ihm die rettende Idee: „Ach was!Ich schicke jetzt Herrn Müller in den April. Er sollte dies dann auch mit seiner Sekretärin so machen. So verliert niemand sein Gesicht. Aber es ist höchste Eile geboten.“ All dies funktionierte in letzter Minute. Aber ich war gewarnt und für alle Zeiten belehrt. Meine Lust war vergangen, jemals noch eine Person in den April zu schicken.
Die Biografie als unerfüllter väterlicher Wunsch
Mein Vater wollte als beinahe 80-Jähriger selbst eine Autobiografie schreiben. Er kontaktierte uns und sammelte Materialien. Ich denke, sein schwerer Schlaganfall, der ihn bis zum Tod völlig hilflos an das Pflegeheimbett kettete, hinderte ihn daran, den Plan umzusetzen. Damit schloss sich auch das letzte Zeitfenster für unsere Versöhnung. Vielleicht hat mich sein Vorhaben inspiriert, dies bei genug Reife und Erfahrung selbst zu tun. Meine Sachbücher stufe ich als Übungsbecken zum Freischwimmen ein auf dem Weg zu einer guten Sprache im Bereich der Belletristik mit dem Ziel, künftig Firmenbiografien zu verfassen.
4. Abenteuer am Meer
Ein seltenes Naturschauspiel an der Ostsee
Meine Eltern fuhren mit uns am Wochenende öfters an den nahe liegenden Ostseehafen Warnemünde zum Baden und in den Sommerferien für einige Wochen an die Ostsee. Es gab dort schöne Heilbäder wie Graal-Müritz, Ahrenshoop und Wustrow. Wir wohnten dort in einem schönen Hotel nahe dem Strand. Als wir erneut unsere Ferien im Ostseebad Ahrenshoop verbrachten, war eine Sturmflut angesagt. Mutti verbot uns eingedenk der Gefahr, dass die sich auftürmenden Wellenberge ungehorsame Kinder in den Abgrund ziehen und verschlingen würden, das Hotel zu verlassen und nach draußen zu gehen. Ich lief trotzdem weg – kaum sechs Jahre alt. Da ich recht gut schwimmen konnte, wollte ich selbst erleben, was sich da auf dem Meer zusammenbraute.
Ich lief zum verlassenen Strand und wurde Zeuge eines bemerkenswerten Naturschauspiels, wie es sich nach Aussagen ansässiger Fischer nur ein- oder zweimal binnen hundert Jahren ereignet. Auf einer Strecke von weniger als einem Kilometer kreuzten sich allem Anschein nach die Windrichtungen, sodass sich gurgelnde Strudel bildeten. Mit jeder Riesenwelle wurden Schlick und braune Algen an den Strand geworfen und seltsamerweise auch viele Bernsteine, die es sonst hier kaum gab.
Jetzt präsentierte das Meer seine sonst verborgenen Schätze und rückte freigiebig eine ansehnliche Anzahl heraus, darunter auch größere Bernsteine. Es kam darauf an, sobald die letzte Welle weg und die nächste noch nicht da war, blitzschnell nach einem Bernstein zu greifen. Da ich wie gewohnt mein Täschchen bei mir hatte, um Seesterne und Muscheln einzusammeln, konnte ich die Bernsteine gut unterbringen. So nutzte ich die kurze Zeitspanne zwischen zwei Wellenbrechern und bekam eine Menge wunderschöner Bernsteine zusammen, darunter einige mit eingelassenen Insekten. Fatal wäre es gewesen, habgierig zu sein und gleich nach zwei Bernsteinen zu greifen. Zu viel Gier ist schädlich, wie das oft hemmungslose Treiben an der Aktienbörse warnend zeigt.
Das Naturereignis währte nur mehrere Minuten. Ich denke, nach einer knappen halben Stunde war alles vorbei. Der Sturm wurde zwar stärker. Aber es gab keine sich aus zwei Richtungen vereinigenden und Strudel bildenden Wellen mehr, die diese Massen von Algen und Schlick von unten nach oben zum Strand wirbelten. Ich hatte so viele Bernsteine beisammen, dass meine Mutter für alle Töchter und sich selbst eine schöne Bernsteinkette anfertigen ließ. Trotz der Gefahr fühlte ich mich gut und spürte, Partnerin des Meeres zu sein.
Mutti erzählte, der Juwelier hätte sie betrogen und behauptet, die meisten Steine wären beim Durchbohren für die Kette in winzige Teile zerbrochen. Absolut unglaubwürdig – eine Lüge. Meine Kette besitze ich noch und trage sie, an das Abenteuer denkend, gern. Am nächsten Morgen suchten viele Badegäste das Ufer nach Bernsteinen ab, hatte doch das Meer nachts den Großteil des Strandes überflutet, sich im Morgengrauen aber zurückgezogen.
Das Meer hatte am Abend zuvor seine Schätze großzügig vor mir ausgebreitet und mir freundlicherweise etwas davon abgegeben, war danach aber nie mehr spendabel.
Gefährliche Bekanntschaft mit Strudeln
Mit den gurgelnden, einen Sog bildenden und in die Tiefe ziehenden Strudeln in der Ostsee machte ich als junge Frau unliebsame Bekanntschaft. Ich lief trotz Orkanwarnung auf eine Mole in Heiligenhafen – nicht zu verwechseln mit Heiligendamm, wo gerade das in Insolvenz geratene Fünf-Sterne-Luxushotel für Schlagzeilen sorgt. Ich ging die Mole entlang, um die tosenden, Gischt spritzenden Wellenbrecher aus nächster Nähe zu beobachten. Meine Lieblingsballade „Der Taucher“ von Friedrich Schiller mag meinen Abenteuerdrang und meine Neugierde angeregt haben. Noch heute kenne ich den Inhalt genau, durfte ich doch die beiden ersten Strophen bei einer Schulaufführung aufsagen:
„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
zu tauchen in diesem Schlund?
Einen goldnen Becher werf’ ich hinab.
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen.
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“
Der König spricht es und wirft von der Höh’
der Klippe, die schroff und steil
hinausdrängt in die unendliche See,
den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
zu tauchen in diese Tiefe nieder?“
Der Sturm packte mich und schleuderte mich zwischen Felsen und Strudel. Ich hatte selbst als geübte und durchtrainierte Rettungsschwimmerin großes Glück, dort allein herauszukommen. Immer, wenn sich eine große Welle näherte, versuchte ich, mich vom Felsgestein kraftvoll wie bei einer Wende im Schwimmbad abzustoßen. Nach einigen erfolglosen Versuchen klappte es. Meine zahlreichen Hautabschürfungen eiterten noch mehrere Wochen lang. Sonst aber trug ich keine ernsthaften Verletzungen als Bestrafung für meinen Leichtsinn davon.
Eine Ostsee-Sandbank – kein sicherer Warteplatz für Nichtschwimmer
Ich erinnere mich an ein anderes Ostsee-Erlebnis einige Monate vor dem Bernsteinabenteuer, als ich gerade anfing, mich schwimmend über Wasser zu halten. Wir waren wieder in Warnemünde, und meine älteste Schwester Renate, eine ausgezeichnete Schwimmerin, ging mit mir bis zur ersten Sandbank. Hier war das Wasser ganz flach: „Warte dort auf mich. Ich schwimme noch ein bisschen raus und bin bald wieder bei dir. Da du noch nicht richtig schwimmen kannst, darfst du die Sandbank nicht verlassen. Versprichst du mir das?“ Ich wartete eine Weile und merkte mit wachsender Angst, dass das Wasser plötzlich schnell anstieg. Von Renate weit und breit keine Spur!
Als mir das Wasser fast bis zum Hals kroch, blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zum Ufer zurückzuschwimmen; denn stehen konnte ich nirgends mehr. Ich gelangte schwimmend ans rettende Ufer und war stolz, es geschafft zu haben.
Wenig später kam Renate zurück – aufgelöst, zitternd und bibbernd vor Angst und Schuldgefühlen. Sie dachte, ich sei ertrunken, weil sie auf der Sandbank selbst nicht mehr stehen konnte. Ich weiß noch, wie sie mich – befreit von der Zentnerlast der Schuld – glückselig in ihre Arme schloss, mich herzte und liebkoste. Einfach nur, weil ich da war – unversehrt und quicklebendig. Solch wohltuende Liebkosungen waren für mich ein neues, als einmalig empfundenes Erlebnis.
Renate bat mich, von alledem Mutti nichts zu erzählen. Ich versprach es und hielt schon eingedenk der Streicheleinheiten gern mein Wort. Künftig brauchte ich niemanden mehr, der beim Baden auf mich aufpasste. Ich konnte, noch keine sechs Jahre alt, gut schwimmen, verspürte keine Angst und liebte den Wellengang. Je höher die Wellen, umso größer der Spaß und das Gefühl von Freiheit. Ich schwamm in der Folgezeit so gern und ausdauernd, dass ich frühzeitig das Frei- und Fahrtenschwimmerabzeichen ablegte und später den Rettungsschwimmerausweis erwarb. So durfte ich als Lehrerin rechtlich mit Schülern zum Schwimmen gehen.
Im Gegensatz zu den Bergen, die mir fremd blieben und denen ich wenig abgewinne, faszinierte mich das Meer zeitlebens und verleitete mich zu leichtsinnigen Abenteuern. So auch in den USA, als ich mich im Rahmen des vom TENNIS MAGAZIN gewonnenen Hauptpreises ungewollt in ein Haifischgebiet abtreiben ließ. Welch’ Glück, von den gierigen Raubfischen nicht entdeckt zu werden und unversehrt ans rettende Ufer zu gelangen – einige Kilometer vom Startplatz entfernt. Je höher die Wellen, umso lieber schwamm ich und spürte Seelenverwandtschaft mit einer Meeresjungfrau.
5. Die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit
Das schlimmste Erlebnis: Wir sitzen im eigenen Luftschutzkeller, und eine Sprengbombe zerfetzt unser Haus
Meine Erinnerungen reichen nicht bis ins Säuglingsalter zurück. Muttis Aufzeichnungen schließen diese Lücke. So erwies sich das von mir zwar aufbewahrte, aber zuvor kaum gelesene, bis dato missachtete und Hassgefühle weckende Tagebuch als willkommene Hilfe. Als ich das kleine Album bei meiner Hochzeit ausgehändigt bekam und darin über mich las wie „dummes Kind“, war ich restlos bedient und verbannte die Notizen im letzten Schubladeneck. Dort ruhte das Tagebuch unbeachtet ein halbes Jahrhundert.
Heute verkrafte ich es und kann damit leben, dass ich als „andersartiges Dummerchen“, als „Schussel“, „Tollpatsch“ und „Steifbock“ abgelehnt wurde. Die Notizen helfen mir, manches zu verstehen und aufzuarbeiten. Das Tagebuch bestärkt mich, dass sich auch mit schlecht gemischten Karten ein Spiel gewinnen lässt. Selbst ein ungelenkiges Kind, das außer einem „Befriedigend“ im Sport in allen anderen Fächern die Zeugnisnote Eins bekam, kann es mit Willenskraft und Leidenschaft bis zur Länderauswahl und Bundesliga bringen.
Ab meinem dritten Lebensjahr – die Endphase des Zweiten Weltkrieges mit den turbulenten Jahren 1944/45/46 – erinnere ich mich bruchstückartig. Besonders dramatische Geschehnisse gruben sich in mein Langzeitgedächtnis ein und sind abrufbar. Je länger ich an dieser Biografie schreibe und je öfter ich sie durchlese und ausfeile, umso mehr Verschollenes wird nach oben gespült. Selbst eine gründliche Psychoanalyse dürfte kaum mehr Verborgenes und Schlummerndes aufdecken. Und dies alles ohne Couch, hohen Zeitaufwand und beträchtliche Kosten.
Ich weiß jedoch nicht verlässlich, inwieweit sich hier und da Wirklichkeit und Traumwelt vermischen. So schließe ich nicht aus, dass ich manches Erlebnis überzeichnet schildere, obgleich ich dies nicht anstrebe. Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind für mich kostbare Güter, die ich nicht vorsätzlich beschädigen will. Für mich gilt: „Bin ich – schreib ich!“ Für Sprachkultur fühle ich mich mitverantwortlich.
Zurück zur Bombardierung, dem einschneidenden Erlebnis: In dieser Bombennacht in Rostock 1944, als unser schönes Eigenheim zerbarst, das Ferninstitut und die Handelsschule unter dem feindlichen Bombenhagel zusammenstürzten und dem Erdboden glichen, veränderte sich unser aller Leben. Ich zähle zu einer Generation ohne sorglose Kindheit und Geborgenheit. Dafür Angst und Spannung pur!
Ich weiß, dass ich immer unwirsch reagierte, wenn Mutti mich wegen „Bum-Bum“ aus dem Schlaf riss. Diesmal hatte sie es besonders eilig, mit uns Kindern in den eigenen Luftschutzkeller unterhalb des Wintergartens zu gelangen. Mutti duldete keinerlei Aufschub.
Vatis weitsichtige Planung, sich seinen Wintergartentraum im Doppelpack mit einem darunter liegenden eigenen Luftschutzbunker mit Betten, Tisch und Stühlen zu erfüllen, war lebensrettend für unsere Familie. Geld verdiente Vati als tüchtiger Unternehmer genug. Für jedes Kind legte er ein Sparbuch mit einer großen Summe an.
Kaum im Luftschutzkeller angelangt, legten wir uns schnell in unsere dort übereinander aufgestellten Betten. Minuten später gab es einen ohrenbetäubenden Krach mit nie zuvor gehörter Geräuschkulisse. Das Fundament wankte, die Wände wackelten: einstürzende Mauern, Staub, Steine – ein Inferno! War es ein Flugzeug? Eine Bombe? Ein Volltreffer oder nicht ganz so schlimm? Würde auch dieser Raum in Geröll, Schutt und zusammenbrechenden Wänden versinken? In jener Nacht war durch einen Dreifachschlag nahezu alles weg, was wir besaßen. Ich fühlte mich heimatlos und spürte meine Liebe zu dem nun unbewohnbar gewordenen Haus. Das anrückende Sprengkommando versetzte der Villa den Todesstoß.
Im Morgengrauen des nächsten Tages sah ich, dass unser schönes Haus in der Mitte durchborsten war. Die eine Hälfte – senkrecht aufgeschlitzt wie ein Fisch auf dem Holzbrett zum Entgräten – stand noch im Grundriss mit Parterre und erstem Stockwerk, halbierten Zimmern und einem Teil der ausgebauten Dachbühne. Die andere Hälfte hatte sich in einen tiefen Krater verwandelt – angefüllt mir viel Geröll. Die Bombe mit ihrer geballten Zerstörungswut hatte ganze Arbeit geleistet. Fast nichts mehr in diesem Haufen von Schutt war brauchbar. Das große Holzschild „Drei-Mädel-Haus“ und die Geldbörse meiner Mutter lagen oben auf dem Geröllberg – unversehrt.
Ich kletterte mühsam hoch, schnappte mir das Portemonnaie und hoffte auf Muttis Lob bei der Rückgabe. Aber sie hatte jetzt andere Sorgen, als sich über ein paar Geldscheine zu freuen oder meinen Mut anzuerkennen. Erneut fühlte ich mich zurückgestoßen.
Wegen akuter Einsturzgefahr wurde das gesamte Haus bis auf den nahezu unbeschädigten Wintergarten mit Luftschutzkeller niedergerissen. Ebenso schlimm sah das Anwesen unserer rechts neben uns wohnenden Nachbarn aus: ein komplett zerstörtes großes Gebäude, vom Wurzelwerk bis zur Krone beschädigte Bäume, aber eine weitere komplett überlebende Familie mit Sohn und Tochter.
Frank, der gleichaltrige Sohn unserer befreundeten Nachbarn, wurde wenige Jahre nach Kriegsende ein Opfer der sich in Rostock rasch ausbreitenden Kinderlähmung. Frank konnte sich hernach nur mühsam auf Krücken bewegen. Christa und ich erkrankten an einer leichten Form von Kinderlähmung (Polio). Mein Bruder Johann erwischte es schlimmer. Aber auch er trug keine bleibenden Lähmungen davon. Cousine Elsa war dagegen bis zu ihrem Lebensende an den Rollstuhl gefesselt, ohne je über ihr schweres Schicksal zu wehklagen. Einer solch tapferen Frau bin ich selten begegnet. Die allmählich in Vergessenheit geratenen Polio-Schutzimpfungen gab es damals noch nicht.
Meine Evakuierung ins Erzgebirge
Unsere Eltern brachten uns bei Freunden und Verwandten unter. Ich kam ins Erzgebirge, weiß aber weder, wie ich dort hingelangte, noch wie lange ich dort war.
Dr. Sternstreter, der Chefarzt des dortigen Krankenhauses, war einem Abenteuer mit meiner Mutter nicht abgeneigt. Dies geschah nach ihrer Aussage im Einvernehmen mit seiner gestrengen Frau, was anzuzweifeln ist. Für Frau Sternstreter war ich ein unwillkommener Gast. Sie ließ mich ihre Abneigung spüren und lebte nicht vor, was sie unter Strafandrohung verbot. Niemand durfte aus seinem Teller die Flüssigkeit schlürfen. Sie tat es selbst nur allzu gern mit der Aufforderung, schnell zum Fenster zu laufen, weil sich am Horizont gerade Spannendes abspiele. Als ich die Tante beim Schlürfen ertappte und ich ihr dies zu verstehen gab, hatte ich den letzten Rest von Sympathie verspielt.
Sternstreters hatten zwei Söhne, ein Zwillingspaar im Vorschulalter, das alles kaputt machte und zerschlug, was sich ihm in den Weg stellte. Deshalb wurden die aggressiven Zwillinge in ein kleineres Zimmer mit unverwüstlichem Mobiliar eingeschlossen. Die mich an Wilhelm Buschs böse Streiche ausheckenden Bilderbuch-Buben Max und Moritz erinnernden Jens und Karsten bekamen dort zu essen, wurden an- und ausgekleidet, mit Spielzeug versorgt usw. Ich habe nie erlebt, dass die hyperaktiven Jungen unbewacht aus diesem Raum herauskamen und wir miteinander redeten oder spielten.
Ich frage mich, wo die Ursachen dieser schweren Verhaltensstörung liegen. Zählten doch die Eltern der Zwillinge zur wohlhabenden, gebildeten Oberschicht. Gern wüsste ich, wie sich Jens und Karsten weiter entwickelten und was aus ihnen wurde. Einmal war ich selbst so verzweifelt, dass ich vom Balkon aus dem ersten Stock sprang und mir einen Nabelbruch zuzog. Chefarzt Dr. Sternstreter operierte mich.
Dr. Sternstreter ging fürsorglich und liebevoll mit mir um und erzählte mir augenzwinkernd, dass er auch all die vielen Madenwürmer aus dem Gedärm herausgespült und mich vom entzündeten Blinddarm befreit hätte. Er operierte so kunstvoll, dass nur zwei winzige, kaum sichtbare Narben Zeugen dieses Vorfalls sind. Warum ich damals vom Balkongeländer sprang, weiß ich nicht mehr.
Der groß gewachsene, schlanke, gut aussehende, charismatische Chefarzt aus dem Erzgebirge entsprach genau dem Männertyp, der bei Mutti Begehrlichkeiten weckte. Sie stritt diese Seitensprünge nicht ab, sah aber ihre eigene Untreue als Rechtfertigung und verdiente Strafe für die Verfehlungen meines Vaters an. Schuldgefühle kamen bei ihr nicht auf – auch nicht gegenüber der Ehefrau. Ich selbst war zu prüde und verklemmt für eheliche Untreue selbst während des Getrenntlebens. Meine Moral verbot mir den Ehebruch.
Vermutlich blieb ich etwa ein Jahr im Erzgebirge. Ich kann mich an einen Winter in dem hügeligen Gelände erinnern, wo ich rodeln, aber mangels Sportgeräts nicht Ski fahren durfte. Als Kind hatte ich Lust dazu, später nicht mehr.
Die Rückkehr nach Rostock mit Umzug in den Fliederweg
Bei Kriegsende 1945 waren wir wieder in Rostock vereint. Von unserem schönen Drei-Mädel-Haus stand nur ein Rest: der Wintergarten mit Luftschutzkeller. Dort wohnte jetzt ein älterer Mann, über dessen Position, Wohnberechtigung und Aufgaben ich nichts weiß. Später bemühten sich einige meiner Geschwister darum, Erbschaftsansprüche durchzusetzen.
Ich habe weder mitgemacht noch etwas von meinen Eltern geerbt. Mein Geld wollte ich mir selbst verdienen – möglichst so viel, um sorgenfrei leben zu können. Lotterie- und Lottogewinne interessieren mich nicht und lassen keinerlei Begehrlichkeiten und Neid aufkommen. Nie beteiligte ich mich an einem Glücksspiel – im Gegensatz zu Günther, der regelmäßig Lotto spielte und einmal einen Fünfer tippte. Geteilt hat er nicht mit uns.
Meine reiche Patentante, eine Freifrau von Flotow, Gutsbesitzerin mit feudalem, schlossähnlichem Besitz, lud mich im Vorschulalter bei sich ein. Ich erinnere mich an die prächtigen Räumlichkeiten, all die Vornehmheit, das nahe Gewässer mit blühenden Seerosen. Hier veranstalteten die Frösche nachts ein so lautes Quak-Konzert, dass ich nicht einschlafen konnte. Frau von Flotow überließ uns ihr Haus im Fliederweg, nicht weit entfernt vom Georgienweg, in dem bis zur Bombardierung unsere Immobilie stand. Das Haus im Fliederweg – ich weiß nicht, ob Vati es kaufte oder mietete – war kein hochherrschaftliches Anwesen, aber eine ordentliche, geräumige Bleibe, in der es sich als kinderreiche Familie gut leben ließ.
Für das mir anvertraute Federvieh gab es einen Hühnerstall im Freien mit überdachter Hütte – Schutz vor Dieben, Füchsen, Kälte und Nässe. Ebenso fehlte es nicht an Ställen für Hasen und Ziegen, um die sich Christa kümmerte. All dies hat wohl mein handwerklich begabter Vater gebaut. Den Tieren ging es gut und uns zunächst auch. Wir litten keinen Hunger. Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, Hühnereier und Ziegenmilch besserten die knappe Zuteilung der in Ost- und Westdeutschland eingeführten Lebensmittelkarten auf.
Gelegentlich wanderte ein Huhn in den Suppentopf und ein Kaninchen in den Back- und Bratofen. Die gemütlichen, kompakten braunen Rodeländer mochte ich lieber als die eher scheue weiße Leghornrasse. Aber letztlich sagte ich mir, wenn wieder ein Huhn für einen Fest- oder Feiertag zu opfern war: „Einerlei, ob braun, ob weiß – wichtig ist der Eierlegfleiß.“
Das mit abgeschlagenem Kopf wegfliegende Huhn erinnert mich an den enthaupteten Piraten Störtebeker
Es machte meinem Vater keinen Spaß, Hühner und Kaninchen zu schlachten. Die ganze Prozedur war diesem friedfertigen Menschen zuwider. Höchst ungern kam er der Bitte unserer Mutter nach, eine Henne für den Suppentopf oder ein Kaninchen für die Bratpfanne zu liefern. Aber wer sollte es sonst tun? Im Garten stand ein Holzblock, zweckentfremdet für Totschlag. Mit der einen Hand hielt Vati das Federvieh, mit der anderen das Beil. Nachdem die zitternde Henne auf dem Holzblock lag – in meiner Vorstellungswelt verknüpfte ich den Tötungsakt mit dem Einsatz der Guillotine in den Zeiten der französischen Revolution – hackte Vati mit einem kräftigen Hieb den Kopf ab. Freilich ist es ein Unterschied, ob Menschen- oder Hühnerköpfe rollen und warum dies geschieht. Ein- oder zweimal erlebte ich, dass das tote Huhn ohne Kopf noch einige Meter durch die Luft flog.
Damit wurde auch die im Unterbewussten schlummernde Sage vom gefürchteten Piraten Störtebeker wieder lebendig. Gerade läuft über Störtebeker ein zweiteiliger Fernsehfilm – eigentlich ein Grund, ihn sich anzuschauen.
Beim Köpfen der Hühner stellte ich mir vor, wie der mutige, auf das Wohl der Kameraden bedachte vierschrötige Kerl nach dem verkündeten Todesurteil mit dem Helgoländer Bürgermeister aushandelte, all jene Vitalienbrüder freizulassen, an denen er nach vollstreckter Enthauptung noch vorbeilaufen könne. Gemäß alter Chroniken und Überlieferungen soll dem Seeräuber dies bei elf Kameraden geglückt sein. Er wäre wohl noch weiter gelaufen, hätte ihn laut Legende der Henker nicht den Richtblock vor die Füße geworfen und zum Stolpern gebracht. Die Piratenflagge, ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen, ist für mich greifbar. Auch heute noch treiben Piraten ihr Unwesen auf den Weltmeeren. Sie müssen nicht befürchten, geköpft zu werden, mögen sie auch selbst vor brutalen Handlungen nicht zurückschrecken. Mit der jungen Piratenpartei verbindet mich dagegen nichts.
Eine den Tod besiegende Willenskraft, wie sie Störtebeker zeigte – ist ein einzigartiges, bewundernswertes Phänomen. Der Seeräuber Störtebeker, der sonst nicht als Vorbild taugt, nötigt mir bezüglich Unerschrockenheit, Mut und unbeugsamem Einsatz für Schutzbefohlene hohen Respekt ab.
Der Fluch meiner Mutter
Mein Bruder Johann stellte als verwöhnter Stammhalter allerlei an und war für jeden Schabernack zu haben. Er nutzte es weidlich aus, öfter über die Stränge schlagen zu dürfen als es sich für ein Mädchen ziemte. Gab es Ärger, redete sich Johann heraus, dass ich die Übeltäterin sei. So steckte ich als sein Sündenbock Prügel ein, ohne dass sich Mutti bemühte, die Wahrheit herauszufinden. Ich zahlte es Johann einmal mit dem Hockeyschläger heim.
Ich erinnere mich an den schlimmsten Fall dieser Art: Johann hatte genascht und mir die Schuld zugeschoben. Meine Mutter schimpfte und schrie mich an: „Gib es endlich zu! Du siehst, ich stille gerade und darf mich nicht aufregen!“ – Ich reagierte trotzig und ließ mich nicht unterkriegen: „Nein, es war auch diesmal Johann, großes Ehrenwort, nicht ich!“
Wir befanden uns in ihrem geräumigen hellgrün gestrichenen Schlafzimmer mit den schrägen Wänden und dem großen Ehebett, in dem rechtsseitig Vati und linksseitig Mutti schlief. Davor stand das Kinderbett von Maria, meiner jüngsten Schwester. Meine Mutter saß auf ihrer Bettseite und stillte gerade das Baby. Daran erinnere ich mich. Das heftige Wortgefecht dürfte den Säugling erschreckt haben. Die kleine Maria spuckte etwas von der getrunkenen Muttermilch aus.
Meine Mutter sah mich an. Ihren eisigen Blick, das vor Zorn gerötete Gesicht und ihren Wortschwall werde ich nie vergessen: „Es ist deine Schuld, dass meine Milch nun sauer ist und Maria spuckt. Ich verfluche dich für alle Zeiten!“
Ich wusste zwar nicht, was ein Fluch war. Aber es musste etwas Furchtbares sein. Ich sah mich in der Hölle schmoren, umzingelt von einem Flammenmeer, einer Feuerbrunst, glühend heiß, in den Farbtönen gelb, orange, grellrot, blutrot, dunkelrot. Ich wanderte auch diesmal in den licht- und fensterlosen Abstellraum. Hier gab es nicht einmal einen Stuhl, um sich im Dunklen hinsetzen zu können. Ich war verzweifelt. Was bewirkte dieser Fluch? Was würde geschehen? Wie sähe die Heimsuchung aus? Dieser Fluch dürfte das Band zu meiner Mutter für immer zerschnitten haben. Ich zerriss eine Karte von ihr, die ich sonst immer bei mir trug.
Erst 13 Jahre nach Kriegsende kam das Ende für die Lebensmittelmarke
Zugeteilte Waren mit genau dosierten Mengen wie Fleisch, Fett und Zucker waren ab 1958 auch in der DDR frei handelbar. In der Bundesrepublik geschah dies bereits 1950, also acht Jahre früher. Zuvor gab es Lebensmittelkarten in besonderen Ausgabestellen.
So wurden 1947 in Ostberlin in der Gruppe „V“ für die nicht arbeitende Bevölkerung täglich 300 Gramm Brot, 20 Gramm Fleisch, 7 Gramm Fett, 30 Gramm Nährmittel, 20 Gramm Zucker und 400 Gramm Kartoffeln zugeteilt. Wer seine Lebensmittelkarte verlor, war arm dran; denn es gab keinen Ersatz. Mit der Abschaffung der Lebensmittelkarten führte die DDR-Führung ein einheitliches Preissystem für Nahrungsmittel ein.
Die Preise waren jetzt höher als vor der Abschaffung. Aber niemand sehnte sich nach der knappen Zuteilung zurück. Jeder war froh, jetzt endlich satt zu werden. Dicke Mitbürger waren in den Zeiten der Lebensmittelkarten nirgends aufzuspüren. Allem Anschein nach gab es in der Nachkriegszeit keine Drüsenkranken – heute so oft als Begründung für Übergewicht und Fettleibigkeit genannt.
Ein Erlebnis mit Hühnern und Maikäfern
Dieses Beispiel aus meiner Kindheit mahnt, dass Mensch und Tier in ungewohnten Situationen in Panik geraten und an Herzversagen sterben können. Ich wusste, dass meinen Hühnern Maikäfer gut schmeckten und sie danach nicht weniger gierten als Investmentbanker auf eine hohe Bonuszahlung.
In sogenannten, sich alle vier Jahre wiederholenden „Maikäferjahren“ gab es davon so viele Käfer, dass sie bevorzugt Buchen kahl fraßen, waren doch diese jungfräulichen Blätter ihre Lieblingskost. Morgens ließen sich die Krabbeltiere, noch klamm wegen ihrer am Körper angewinkelten Beinchen, gut von den Bäumen herunterschütteln. Tagsüber funktionierte dies nicht. Abends wurde das gefräßige Getier so richtig munter und peilte bei Dunkelheit Lichtquellen an. Selbst wenn es heiß war und sie zu verbrennen drohten, mieden die herumfliegenden Maikäfer die Straßenbeleuchtung nicht.
Je nachdem, wie die Panzer vor ihren Augen und den großen Fühlern aussahen – bei den Männchen etwas länger als bei Weibchen – nannten wir sie Bäcker (braun), Schornsteinfeger (schwarz), Müller (weiß behaart), König (orange), Kaiser (hellrot), Papst (dunkelrot). Sobald sich beide Geschlechter paarten, waren sie durch eine Art Schlauch fest miteinander verbunden und konnten vorübergehend nicht wegfliegen und flüchten.
Renate und ich holten ein Säckchen voller Maikäfer, um unsere Hühner zu füttern. Das Getier durfte nicht entwischen und seine Eier im Garten ablegen. Bildeten diese kleinen schwarzen Eier doch die Vorstufe für die hässlichen, eklig aussehenden dicken Engerlinge, die in ihrer Fressgier über die Wurzeln unserer Nutzpflanzen herfallen und sie durchtrennen würden – erkennbar am verwelkenden Blattwerk. Also warfen wir die Käfer in die überdachte Hütte. Hier hielten sich unsere Hühner gern auf. Die Maikäfer versuchten mit viel Gesurre und Gebrumm zu entkommen, stießen dabei ständig gegen das Dach und die Wände des Gehäuses.
Bald waren so viele Käfer unterwegs, dass sich die kläglich gackernden Hühner ängstlich in einer Ecke zusammenkauerten statt die Eindringlinge aufzufressen. Wir trugen die zitternden Hennen nach draußen. Mutti zwang uns, die Käfer zu verbrühen oder zu ertränken, eine abscheuliche Prozedur, die jeden Tierfreund empören musste. Ich erinnere mich noch an den schrecklichen Anblick und den widerlichen Gestank. Aber wir mussten gehorchen und hatten keine Wahl. Was sollten wir sonst tun? Unsere Hühner beruhigten sich und pickten danach die vereinzelt noch in der Hütte befindlichen Maikäfer genüsslich auf. Unser Federvieh fürchtete nur Massenansammlungen, wie ich sie auch nicht ausstehen kann.
Es gab ein trauriges Maikäferlied, das in der
Endphase des Krieges in Rostock gesungen wurde:
„Maikäfer flieg.
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist in Pommernland.
Pommernland ist abgebrannt.“
Die Explosion einer Handgranate im Gartenhäuschen
Dicht vor Kriegsende suchten wir Kinder Flaksplitter. Ich weiß nicht, wozu sie nützlich waren und was wir damit anfingen. War es Imponiergehabe? Eine Art Mutprobe, sich heimlich so dicht an die Flak heranzuwagen? In der Ferne sah ich manchmal zahllose Leiterwagen mit Flüchtlingen, darunter einige langsam trabende abgemagerte Pferde, Klepper genannt. Sie wirkten hungrig und müde mit ihren gesenkten Mähnen.
Aus all diesen Vorgängen und Geschehnissen konnte ich mir keinen Reim machen. Meine Fragen lösten bei Erwachsenen nur ein trauriges, resignierendes Kopfschütteln aus.
Ich erinnere mich, dass ein mir gut bekannter Junge neben mir auf der Straße eine Handgranate entdeckte, sie aufhob und schwungvoll in ein nahes Gartenhäuschen warf. Angst? Abenteuerdrang? Mutprobe? Neugierde? Oder alles zusammen? Das Gartenhäuschen explodierte. Große Flammen schossen nach oben, eine Feuerbrunst. Wir machten uns, so schnell uns unsere Füße trugen, aus dem Staub. Der Junge blieb, da unerkannt, als Täter ungeschoren.
Für mich war diese Phase ein spannendes Abenteuer – gewürzt mit Angst und Furcht. Wie schlimm muss es für Eltern sein, in solchen Zeiten zu leben – noch dazu mit einem halben Dutzend halbwüchsiger Kinder. Je näher das Kriegsende rückte, umso größer wurden die Gefahren und die Engpässe bei der Versorgung. Hinter vorgehaltener Hand war klar: Den Endsieg konnten wir uns abschminken. Adolf Hitler war ein „Unführer“, der das Volk in den Abgrund trieb. Kein Held, für den ein Idealist länger fallen durfte, sondern ein wahnwitziger Verbrecher. Besonders schlimm für Eltern und alte Menschen ohne Angehörige muss der Einfall der Russen im Jahr 1945 gewesen sein und alles, was damit zusammenhing.
Kurz vor dem Einmarsch der Sowjets fackelten die Nazis ein zum Kasernentrakt gehörendes großes Vorratslager ab. Ich sah, wie dringend benötigte Lebensmittel, Stiefel, Kleidung, Decken, Zeltplanen und andere Sachen verbrannt wurden und der Trupp jeden Bürger brutal mit Stockhieben daran hinderte, sich etwas davon mitzunehmen.
Soldaten mit Gewehren im Anschlag bauten eine Drohkulisse auf. Es war ja nicht nur Essbares knapp. An Seife, Pflege- und Reinigungsmittel, Stiefel und Anziehsachen war nicht zu denken – höchstens im Traum. Der Winter 1945/46 brachte krachenden Frost mit einem Minus von über 20 Grad. Eine sibirische Kältewelle wie Anfang Februar 2012. Nur mit dem Unterschied, dass es damals an allem mangelte.
Lederschuhe gab es schon lange nicht mehr zu kaufen – bestenfalls auf dem Schwarzmarkt oder mittels Beziehungen, das bekannte Vitamin B. Unser Schuhwerk bestand aus dem nicht wärmenden, unelastischen, nicht atmungsaktiven, luftundurchlässigen Bakelit. Ein billiger Kunststoff, der sich für vieles eignet und brauchbar ist – aber nicht für Kinderfüße. Ich hasste die drückenden Schuhe, die meine Füße verformten. Aber es gab nichts anderes. Erwachsene konnten vielleicht ihr altes Lederschuhwerk auftragen und notdürftig reparieren. Das übliche „Vererben“ herausgewachsener Klamotten von groß zu klein klappte nicht immer und überall.
Ein Hornissennest in unserer großen Weide
Ich kletterte gern auf Bäume, obwohl es Mutti streng verboten hatte. Und ich machte es mir ganz oben auf unserer alten Weide mit darunter liegendem Sandplatz zum Spielen recht gemütlich. Rief mich meine Mutter, überhörte ich dies geflissentlich. Sie wusste nicht, dass ich ein Plätzchen oben im Baumwipfel gefunden hatte. Dort ließ es sich so schön träumen. Mal sah ich mich als Pianistin in einem großen Klavierkonzert, mal als berühmte Forscherin. Mein Bruder Johann durfte auf Bäume klettern, galt dies doch als Zeichen von Mut, Tapferkeit, Körperbeherrschung und Geschick.
Als ich an diesem Tag fast bis zur Baumspitze geklettert war, störte ich, ohne es zu bemerken, einige Hornissen beim Nestbau. Es überraschte mich, dass diese Insekten mit ihrem gefährlichen Giftstachel in unserer alten Weide heimisch werden und sich hier niederlassen wollten. Nie zuvor sah ich in unserem Garten Hornissen. Wahrscheinlich stammten auch die schleimigen, weißfarbenen Aussonderungen und Beläge von ihnen, die ich ganz nahe von ihnen jetzt auf der Baumrinde entdeckte.
Die wespenähnlichen, aber viel größeren Insekten wirkten furchterregend und umkreisten mich aufgeregt. Ich bewegte mich nicht, verhielt mich regungslos, gab keinen Ton von mir.
Mir fiel ein Spruch ein: „Wer flieht, der stirbt. Wer sich tot stellt, überlebt!“ Welch’ Glück, dass mich keine Hornisse angriff! Der Stich hätte tödlich sein können – noch dazu im obersten Baumwipfel. Ich musste lange ausharren, bis diese gefährlichen Insekten mich nicht mehr umkreisten, sich beruhigten und ich vorsichtig nach unten klettern konnte – diesmal ungestört. Auf diese alte Trauerweide stieg ich nicht mehr. Sie war kein Ort mehr für Zuflucht und Träume, sondern Symbol meiner Ängste, die auch in Träumen wiederkehrten.
Briketts nur von Russen stibitzen
Ich fand schnell heraus, dass es als Kind meiner Altersgruppe nicht allzu gefährlich war, von den großen für die Russen angelieferten Briketthaufen den einen oder anderen Korb voll zu entwenden. Fatal und ein folgenschwerer Fehler war es, deutsche Kommunisten zu bestehlen, denen auch öfters etwas Heizmaterial zugeschoben wurde.
Beim Diebstahl erwischte Erwachsene wurden inhaftiert und – so brodelte es in der Gerüchteküche – manchmal in ein Arbeitslager nach Sibirien verbannt oder erschossen.
Meinen Schwager Klaus ereilte als Student ein solches Schicksal, nachdem er in seiner Universität beim Verteilen aufrührerischer Flugblätter ertappt und angezeigt wurde. Er kam als Strafgefangener in das sibirische Kohlelager WORKUTA im äußersten Norden, knapp 200 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Dieses riesige, in aller Welt gefürchtete Bergwerk zählt zu den unwirtlichsten Orten, in denen Zwangsarbeiter für die Sowjets schuften mussten.
Mütter und pubertierende Mädchen wie Renate mussten damit rechnen, bei Kontakten mit Russen missbraucht und vergewaltigt zu werden. Pädophile Russen waren dagegen kein Thema. Jüngere Kinder unter zehn Jahren wie ich hatten kaum etwas zu befürchten. Die meisten Russen waren kinderlieb und schauten eher weg, wenn ich Briketts klaute. Mit der Zeit lernte ich einige unkultivierte, aber nette und einfühlsame Russen kennen, die mir manchmal Fleisch und Zucker gaben für das eingetauschte unreife Obst aus unserem Garten. Nie rührte mich ein Russe unsittlich an.
Aus Dankbarkeit und um gutzumachen, war ich Jahrzehnte später damit einverstanden, dass eine Institution aus Moskau aus meinen Schulbüchern für Wirtschaft und Recht den didaktischen Aufbau honorarfrei übernehmen durfte. Schade, dass ich mangels Anwendung und Übung die russische Sprache verlernt hatte. Wie gern hätte ich sonst das Angebot, mit nach Moskau zu fahren, angenommen! Welch Genugtuung, didaktisch eine Wegbereiterrolle spielen zu dürfen.
6. Die Einquartierung der Russen
Meiner Familie blieb zum Bewohnen nur der Keller unseres Hauses
Im Jahr 1945, kurz nach Kriegsende, nahmen russische Offiziere mit ihren Burschen unser Rostocker Haus im Fliederweg in Beschlag. Einer ranghohen Russin war es zu verdanken, dass unsere Familie – wohl aus Rücksicht auf die sechs Kinder – im Keller verbleiben durfte. So drängten wir uns alle in dem einzigen Zimmer zusammen, das in besseren Zeiten für unser treues Kindermädchen Anna zweckmäßig eingerichtet war. Es gibt viele russische Familien, die heute noch in derart beengten Wohnverhältnissen leben.
Zum Keller gehörten der Ziegenstall und ein Raum mit Heizmaterial, in dem ein alter Kohleherd stand, Hexe getauft. Der Herd beheizte die gesamte Oberfläche und eignete sich zum Kochen größerer Mengen. Außerdem befand sich im Untergeschoss die Waschküche mit dem Kessel zum Befeuern, damit das Wasser heiß genug wurde, um das manuelle Waschen zu erleichtern. Welch anstrengende Arbeit, für eine Familie mit sechs Kindern und Kindermädchen die zweimal im Monat stattfindende „große Wäsche“ zu bewältigen! Am schlimmsten war das Auswringen nach den Spülvorgängen. Jeder musste mithelfen – je nach Alter und vorhandenen Kräften. Kein Vergnügen! Kaltes Wasser ohne Weichspülmittel.
Nach diesen Erfahrungen aus der Kindheit ist die Waschmaschine für mich die wichtigste elektrotechnische Erfindung im Haushaltsbereich. Es leben ja nicht mehr so viele Menschen aus kinderreichen Familien, die sich noch an die große Wäsche von Hand erinnern können. Die ersten einfachen Waschmaschinen kamen um 1950 auf den Markt – aber nicht zugänglich für gewöhnliche Privathaushalte in der DDR.
An Klavierspielen war nicht mehr zu denken. Unser schöner BECHSTEIN-Flügel wurde von den Russen für schreckliches Klimpern missbraucht. Wie sehr schmerzte dies meinen Ohren! Wie gern hätte ich hier geübt! Dennoch sollte ich froh sein, dass mein Wunschtraum, Pianistin zu werden, zerstob wie Staub im Sturm. Meine Finger blieben klein, und ich war nicht musikalisch genug. Für die zweite Liga hätte es gereicht. Aber nicht für die Weltklasse. Da reicht selbst mehrstündiges Üben an jedem Tag nicht aus.
Die Offiziere schossen zwar nach reichlichem Wodkagenuss manchmal mutwillig in der Umgebung herum, waren aber umgänglich. Einer der ungebildeten russischen Soldaten – heute hat sich dafür der Begriff „bildungsfern“ eingebürgert – glaubte, dass eine Toilette auch dazu diene, in der Kloschüssel Salat, Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel zu waschen. Ich sah, wie ein Bursche hier seine Heringe ausweidete und wusch. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass dafür die Spüle in der Küche der richtige Ort sei. Der freundliche Wassili, so hieß der junge Russe, nahm mich öfters auf den Arm und verwöhnte mich mit Zuckerstückchen. Er schmückte die Küche und die Herdplatten gern mit weißfarbenen Spitzendeckchen. Woher mögen diese Handarbeiten wohl stammen?
Ein Offizier, der um unser Kindermädchen Anna warb und danach verschwunden war, soll sich aus Liebeskummer in unserem Garten erschossen haben. Aber vielleicht war dies nicht wahr, und es brodelte nur die Gerüchteküche. Über solche Vorfälle und andere Tabuthemen herrschte Funkstille.
In diesem kalten Winter 1945/46 sind viele Menschen in unserer Nachbarschaft erfroren, vor allem alte Ehepaare und betagte alleinlebende Leute, die keine Briketts wie ich stibitzen konnten. Wer keinen Garten hatte, war übel dran, umso mehr, wenn das Hamstern bei Bauern und Schwarzmarktgeschäfte zu beschwerlich waren. Mein Vater kam von solchen Touren nie mit leeren Händen zurück.
Etwas zum Essen hatten wir immer im Haus – auch wenn es oft nicht schmeckte wie Griebenschmalz ohne Fett aus Zwiebeln und Äpfeln, Sirup aus Zuckerrübenschnitzeln, Steckrübensuppe und Runkelrübengemüse, wo allein schon der Geruch abstoßend war und das Hungergefühl verringerte. Hundekuchen aus alten Vorratsbeständen ersetzten Weihnachtsplätzchen, ein bisschen Kastanienmehl Getreide, selbst gesammelte und von ihren Hülsen befreite Bucheckern ergänzten den eigenen Nussbestand. Unser Walnussbaum trug nicht immer, und die Haselnüsse waren oft wurmstichig. Ich hatte im Wald einen Baum entdeckt mit ungewöhnlich großen Bucheckern – schmackhafter Ersatz für den Belag einer Bienenstich-Tortenkopie. Unsere Hühner lieferten ein paar Eier. Ältere Hennen ohne Eierlegfleiß landeten im Suppentopf.
Ein sich in unserem Garten verirrtes und von mir liebevoll gepflegtes Huhn hatte offene Lungentuberkulose und mich möglicherweise angesteckt.
Vati bemerkte dies beim Notschlachten. Die Lungenflügel waren dermaßen zerstört, dass wir das Tier sofort in ein tief ausgehobenes Gartenloch vergruben.
An hohen Feiertagen opferte Vati trotz Christas Protest einen Stallhasen als Festtagsbraten. Für ein von mir zum Schlachten ausgesuchtes Kaninchen empfand ich kein Mitleid, hatte es doch kurz zuvor seine eigenen Jungen aufgefressen. Die beiden Ziegen wurden nie geschlachtet. Sie lieferten Milch für die jüngsten Geschwister. Im Vergleich zu Flüchtlingen und alten Leuten ohne Familienanhang ging es uns einigermaßen gut. Es sprach sich herum, wenn in unserer Siedlung jemand erfror oder verhungerte. Ich machte schon kurz nach Kriegsende gern Geschäfte mit Russen, die an den Kasernengittern standen und darauf warteten, dass ich für sie etwas besorgte. Ich habe nie jemanden beschummelt und wurde ebenfalls von keinem Russen übers Ohr gehauen.
Schon bald nach Kriegsende wurde auf einem freien Platz Baumaterial angefahren, um hier ein Parteigebäude zu errichten. An die früher hier stehende hochherrschaftliche Villa erinnerten bis zum Beginn der Aufräumarbeiten der Bombenteppich und ein tiefer Krater. Die Eigentümerfamilie nebst dienstbaren Geistern war komplett ausgelöscht. Die frisch angefahrenen Holzbalken luden dazu ein, daraus schnell und heimlich Heizmaterial zu machen. Wir Kinder schafften abends bei Dunkelheit die Holzklötze gemeinschaftlich weg – für jede Familie ein Balken. Die Väter machten nachts bei Kerzenlicht daraus Kleinholz. Nach dem Holzfällen beschmutzte Vati das frische Material mit Brikett- und Koksstaub, damit bei einer Kontrolle kein Verdacht aufkam. Bei uns schaute niemand nach.
Da die Dachbalken auf Nimmerwiedersehen verschwanden, wurde der Bau des Parteigebäudes vorerst gestoppt. Verschwieg man diesen Diebstahl vielleicht aus Angst, wegen mangelnder Beaufsichtigung verantwortlich gemacht zu werden? Die Verbannung nach Sibirien hing wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Erwachsenen, die Fehler begingen oder aus nackter Not gegen die Auflagen des Regimes verstießen. Aufmucken konnte tödlich sein.
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