Kitabı oku: «Was den Raben gehört»

Yazı tipi:

Beate Vera

Was den Raben gehört

Ein Provinzkrimi aus Berlin

Jaron Verlag

Originalausgabe

1. Auflage 2017

© 2017 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin. Foto: © iStock,

Gregor Bister

E-Book-Umsetzung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN: 978-3-95552-240-7

Für

Maarten

Never f***ing ever!

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1: März 1965

Kapitel 2: Advent 2012

Kapitel 3: Juni 1964

Kapitel 4: Advent 2012

Kapitel 5: Juni 1964

Kapitel 6: Advent 2012

Kapitel 7: Juli 1964

Kapitel 8: Advent 2012

Kapitel 9: Juli 1964

Kapitel 10: Advent 2012

Kapitel 11: August 1964

Kapitel 12: Advent 2012

Kapitel 13: September 1964

Kapitel 14: Advent 2012

Kapitel 15: September 1964

Kapitel 16: Advent 2012

Kapitel 17: Oktober 1964

Kapitel 18: Advent 2012

Kapitel 19: November 1965

Kapitel 20: Advent 2012

Kapitel 21: Dezember 1965

Kapitel 22: Advent 2012

Kapitel 23: Januar 1965

Kapitel 24: Advent 2012

Kapitel 25: 4. März 1965

Kapitel 26: Advent 2012

Kapitel 27: 4. März 1965

Kapitel 28: Weihnachten 2012

Epilog

Aus Leas Küche

Thanks & Slainte

In dieser Reihe bereits erschienen

1
März 1965

Im Keller eines noch fertigzustellenden Hauses in einem Neubaugebiet im Süden West-Berlins sitzt ein Mann und rührt Mörtel an im Schein einer Taschenlampe. Er hat die Ziegelsteine, die er benötigen wird, ordentlich neben eine Aussparung unter der Kellertreppe gestapelt. Bei dem Schutt und dem Dreck, den die Bauarbeiter dort liegen gelassen haben, wird niemand die Blutflecke bemerken, die auf dem Boden bereits gefroren sind. Der Mann haucht Wärme in seine Hände und schiebt den Eimer mit dem Mörtel vor die Nische. Während er die erste Reihe Mauerziegel setzt, blickt er auf die beiden Körper, die in der kleinen Erweiterung der Waschküche liegen und zügig ihre Wärme verlieren. Die Eiseskälte um sich herum spürt er nicht, zu heiß kocht die Wut in ihm. Heute hat er den Beweis für ihren Verrat gesehen – und gehandelt. Er greift in seine Jackentasche und knirscht mit den Zähnen, als seine kalte Hand die Medaille an dem feinen Silberkettchen berührt.

Anfang Dezember war ein strenger Winter eingebrochen. Die Kinder aus den bereits fertiggestellten Häusern im Neubauviertel hatten sich über weiße Weihnacht freuen können. Sie waren entzückt gewesen von der Schneedecke, die alles überzogen hatte und erst im Januar wegen hoher Temperaturen kurz einer unangenehmen Schmelze gewichen war. Ende Februar brachte dann ein eindrucksvoller Schneesturm die Stadt zum Stillstand. Am 4. März liegt der Schnee noch immer dreißig Zentimeter hoch. Die Stadt hat zweitausend zusätzliche Helfer eingestellt, die hunderttausend Kubikmeter Schnee räumen. Es ist viel zu kalt, um mit den Bauarbeiten in der Neubausiedlung fortzufahren, und so umgibt eine gespenstische Stille den letzten Bauabschnitt des Eifelviertels.

Die neue Mauer wird den Arbeitern nicht auffallen, da ist der Mann sich sicher. Ihr Schaffen hat sich bislang weder durch große Akribie noch durch gesteigerte Arbeitsmoral ausgezeichnet. Keine Wand innerhalb der quaderförmigen Häuser, die nach der Mittagspause errichtet wurde, haben sie gerade gezogen. Fliesen und Innenausstattungen einiger geplanter Küchen und Bäder sind auf wundersame Weise aus den ihnen bestimmten Häusern in andere gelangt, deren Eigentümer über gute Verbindungen zur Baufirma und deren Subunternehmen verfügen. Vermutlich werden die Arbeiter annehmen, dass ein anderer Trupp bereits tätig geworden ist, und im Nebenhaus weitermachen.

Er benötigt etwas über eine Stunde, um die rund sechzig Ziegelsteine in der Eiseskälte zu setzen. Mehrfach muss er das Wasser, das er braucht, um den Mörtel anzurühren, auf einem kleinen Gasbrenner erwärmen. Konzentriert setzt er Stein um Stein. Als die Mauer fertiggestellt ist, schiebt er den Mörteleimer in die Ecke zurück, aus der er ihn geholt hat. Er wirft einen letzten Blick auf die neue Wand. Dann nimmt er das kleine Kind an die Hand, das seiner Arbeit regungslos beigewohnt hat, steigt mit ihm die Kellertreppe hinauf und verlässt das Haus am Ende der Straße. Er zieht das Kind auf einem Schlitten hinter sich her, den Dürener Weg hinunter, und summt dabei leise den neuen Hit dieser Band aus Liverpool. Seine Stiefel knirschen im Schnee.

2
Advent 2012

Rolf Prinz’ Mangel an Empathie wurde nur noch von seiner Inkompetenz übertroffen. Der gering geschätzte Ermittlungsleiter der vierten Berliner Mordkommission, die an jenem Tag Rufbereitschaft hatte, war clever genug, sich smarte Assistenten an Land zu ziehen, die die Arbeit für ihn erledigten und ihn gut dastehen ließen. Auch riss er sich gerne Fälle unter den Nagel, bei denen keine unmittelbaren Ergebnisse erwartet wurden. Dabei störte es ihn nicht, wenn die gar nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fielen. Auch die anstehenden Ermittlungen wären eigentlich Sache des LKA-Dezernats 12 gewesen, dessen Aufgabe neben den sogenannten Vermisstensachen Identifizierungsmaßnahmen zur Namhaftmachung von unbekannten Toten war, doch Prinz hatte ohne großen Widerstand seinen Willen durchsetzen können und die Ermittlungsleitung übernommen.

Nachdem er sich den Tatort kurz und lustlos angeschaut hatte, stand er nun vor dem Reihenmittelhaus, in dessen Keller zwei skelettierte Leichen gefunden worden waren. Geräuschvoll putzte er sich die Nase, hustete lautstark und stöhnte beim Betrachten des Inhalts seines Taschentuchs erbarmungswürdig, sodass niemand den geringsten Zweifel daran haben konnte, wie schlecht es um seine Gesundheit stand. Feingefühl gehörte wahrlich nicht zu seinen Stärken, und er vergaß keinen einzigen Affront gegen seine Person. Nach wie vor war er beleidigt, weil ihn seine Kollegin Merve Celik vor drei Monaten hatte sitzenlassen, um sich mit diesem Küstenheini Martin Glander selbstständig zu machen. Celik & Glander – Private Ermittlungen, dass er nicht lachte! Zähneknirschend erinnerte er sich an den letzten Fall, bei dem sich ihre Wege gekreuzt hatten: die Entführung einer Oberschülerin im September. Er selbst war auf einer falschen Fährte gewesen, und Glander und Celik hatten den Täter überführt. Und jetzt diese Geschichte hier, schon wieder in direkter Nachbarschaft zu Glanders neuer Flamme – wie hieß die noch gleich? – Lea Storm. Würde er den Mann denn nie loswerden?

Prinz’ Laune hatte sich seitdem genauso wenig gebessert wie das Wetter. Der Berliner Advent war wie immer nass, kalt und einfach nur zum Abgewöhnen. Oder zum Auswandern. Prinz spielte regelmäßig mit dem Gedanken, eine Eigentumswohnung auf den Kanaren zu kaufen. Noch reichte das Geld nicht, aber jedes Jahr im November wurde sein Wunsch konkreter. Alt würde er jedenfalls nicht in diesem Moloch Berlin. Auf gar keinen Fall!

Prinz fühlte eine Erkältung im Anmarsch. Vor dem Reihenhaus zog es wie Hechtsuppe. Und alte Fälle wie dieser interessierten ihn nicht die Bohne, schon gar nicht an einem Freitag, kurz vor dem Wochenende, und noch dazu jwd, janz weit draußen, am Stadtrand. Seinen Mangel an Enthusiasmus musste er aber verbergen. Die beiden Frauen neben ihm sahen ihn schon vorwurfsvoll genug an.

Sigrun und Gudrun Lehmann, die eine Bankerin, die andere Maklerin von Beruf, wie sie ohne Umschweife preisgegeben hatten, als sie sich ihm vorgestellt hatten, wohnten direkt im Haus nebenan und piesackten ihn mit ihren Fragen und Informationen. Wenn er ihr Geschnatter richtig verstanden hatte, waren sie direkt um die Ecke, im Monschauer Weg, aufgewachsen und hielten sich für Expertinnen in allen Kiezbelangen. Hatten diese beiden Schrapnells denn nichts Besseres zu tun? Jetzt quasselten sie schon fünf Minuten unablässig auf ihn ein, und er hatte ihnen nicht wirklich zugehört. Sein Assistent Fellner würde später alles zu Protokoll nehmen, das würde vollkommen ausreichen. Prinz ging sowieso nicht davon aus, dass sie einen Täter finden würden. Dieser Fall war kälter als seine Füße – aber es half ja alles nichts.

Lutz Harnack, Professor der Pathologie und rechtsmedizinischer Leiter des forensischen Teams, das Prinz für diesen Fall zugeteilt war, trat aus dem Haus und kam zu ihm herüber. Harnack schien das schlechte Wetter gar nicht zu bemerken, oder vielleicht trug er auch etwas sehr Warmes unter dem weißen Overall des Kompetenzzentrums Kriminaltechnik des LKA Berlin, kurz KT. Er hatte an diesem Freitag den Dienst eines Kollegen übernommen, der den Hochzeitstag mit seiner Gattin in Paris verbrachte, und würde nun die Untersuchungen des Tatorterkennungsdienstes koordinieren.

»Auf den ersten Blick handelt es sich bei den Skeletten um einen Mann und eine Frau, die Beckenknochen weisen eindeutig darauf hin. Beide waren zum Zeitpunkt des Todes erwachsen, die Handwurzelknochen sind erkennbar zusammengewachsen. Der Mann starb vermutlich an einem Schlag auf den Schädel mit einem stumpfen Gegenstand, zumindest klafft ein großes Loch in seinem Pericranium, und sein Kiefer ist zertrümmert. Ein Ziegelstein oder ein großer Hammer, so etwas in der Art kämen dafür in Frage. Die Frau wurde erwürgt, ihr Zungenbein ist gebrochen, das konnte ich deutlich sehen. Weitere Fremdeinwirkung konnte ich bei einer groben Betrachtung der Knochen zunächst nicht ausmachen. Ich denke, ich werde neben den Kollegen vom Personenerkennungsdienst, die die üblichen DNA-Spuren – falls wir noch welche finden – und die Zahnprofile auswerten werden, noch die 45 zurate ziehen und die Überreste der Textilien genau prüfen lassen. Ich hoffe, dass sie uns Aufschluss über die Herkunft der beiden Toten geben können. Die beiden Skelette werden eine Reihe von Kollegen beschäftigen, das ist bereits abzusehen.«

Die KT 45 war die für Textilkunde zuständige Unterabteilung der Abteilung KT 4 des Landeskriminalamtes. Dort arbeiteten die Naturwissenschaftler unter den Kriminaltechnikern.

Prinz zog einen Flunsch. Was das wieder alles kosten würde!

Harnack hielt Prinz einen der kleinen Folienbeutel entgegen, die die KT zur Beweissicherung verwendete. »Diesen Ring habe ich bei der weiblichen Leiche sicherstellen können.« Erst jetzt schien er die zwei Frauen neben Prinz zu bemerken und räusperte sich mit einem Seitenblick auf die beiden. Harnacks Beruf erforderte eine vielen seiner Mitmenschen unangenehme Faszination für den Tod in all seinen grauenvollen Facetten. Harnack war beseelt von seinem Fachgebiet und ein weltweit gefragter Dozent und Sachverständiger. Den Tod zu entschlüsseln war sein Lebensinhalt, und er schien keinen Kripobeamten darum zu beneiden, sich mit lebendigen Menschen auseinandersetzen zu müssen.

Die beiden Damen neben dem Kriminalhauptkommissar starrten kreidebleich auf das durchsichtige Plastiktütchen, das Harnack Prinz immer noch vor die Nase hielt. Die Frau in Türkis griff die Hand der Frau in Zyklam neben sich und flüsterte entsetzt: »O mein Gott, Siggi, das ist Mamas Ring! Sieh doch nur! Das ist der Ring mit dem Diamantsplitter, den sie als Ehering trug. O Gott, Siggi, das ist Mama da unten im Keller!«

Danach brach das blanke Chaos um Rolf Prinz aus.

*

Während das Drama in und vor dem Reihenhaus in ihrer Zeile im Dürener Weg in den nächsten Akt ging, fror Lea Storm auf ihrer Hunderunde erbärmlich. Dem Winterbeginn in Berlin hatte sie noch nie viel abgewinnen können. Er war ihrem Empfinden nach immer grau, nasskalt und trostlos. Schnee fiel, wenn überhaupt, erst im Januar – dann, wenn man ihn nicht mehr brauchte. Und dem black dog, dem schwarzen Hund, den einem diese Jahreszeit aufzwingen wollte, musste man aktiv entgegentreten. Warum der frühere britische Premierminister Winston Churchill gerade einen Hund als Sinnbild für Depressionen gewählt hatte, hatte Lea nie begriffen. Wenn sie selbst dieses Krankheitsbild mit einem Tier in Verbindung bringen müsste, würde sie eher an einen hässlichen Kraken denken. Viel passender fand Lea aber den Vergleich mit glitschigen dunklen Schlingpflanzen, in denen man sich verhedderte. Und gelang es einem, sich aus diesem Gewächs zu befreien, fand man sich in der Ödnis eines niedergebrannten Ackers wieder, in der man alleine auf weiter, karger Flur stand, ohne Hoffnung auf neues Grün. So fühlten sich Depressionen an. Auf gar keinen Fall rief diese Erkrankung das Bild eines so wunderbaren Tieres wie eines Hundes in ihrer Vorstellung hervor.

Am sonst so grünen südlichen Stadtrand der Hauptstadt zeigte sich die Natur Anfang Dezember von ihrer spärlichen Seite. Kahle Bäume und Büsche säumten die Wege des ehemaligen Grenzstreifens, auf dem Lea in Richtung Teltowkanal geradelt war. Schmuddelige Grau- und Brauntöne dominierten die Umgebung. Die Grünflächen entlang des Mauerwegs wie auch innerhalb der kleinen Reihenhaussiedlung im Eifelviertel, in der Lea wohnte, boten ein von Kälte und Mangel geplagtes Erscheinungsbild. Sie verlangten nach einer Lage Schnee, um unter dieser weißen Decke zu ruhen und sich zu erneuern.

Leas übliche Taktik, Datum und Wetter zu ignorieren und sich warm anzuziehen, um fünf Kilometer am Tag zu laufen, zeigte heute keine Wirkung. Sie litt an einer fiebrigen Erkältung. Ihren großen rotbraunen Schottischen Hirschhund Talisker beeindruckte das wenig. Er musste sich bewegen, über vierhundert Jahre des Jagens in rauem Klima prägten den Charakter seiner Rasse. Und so stand Lea nun neben ihrem Fahrrad am Ufer des Teltowkanals und wartete darauf, dass Talisker aus dem Unterholz zurückkehrte. Ihr Schädel dröhnte, ihre Nase war wund, und ihre Gelenke schienen vor Schmerz zu vibrieren. Sie hatte 39 Grad Fieber, und elend war eine reichlich unzulängliche Beschreibung ihres Zustands. Martin war auch noch nicht wieder von der Kieler Förde zurückgekehrt. Am achten Tag in Folge ohne ihren Freund, den Privatermittler, schrie jede Faser ihres Körpers nach ihm. Vermutlich war diese Gefühlswallung aber bloß auf die Grippe zurückzuführen. Lea wünschte sich sehnlichst zurück in ihr Bett. So schön die Vorstellung von ihrem großen Doppelbett, den warmen Decken und den vielen Kissen auch war, sie rückte in weite Ferne, als Lea ihre Nachbarin Carola Sabersky auf sich zukommen sah.

Carola war mit Horst unterwegs, dem Basset der Familie Sabersky, der seiner Kennung als Niederlaufhund immer mehr Ehre machte, da ihn fünf Mitglieder des sechsköpfigen Haushalts stets mit Leckerlis verwöhnten. Sein Bauch war nur noch wenige Zentimeter vom Boden entfernt, und seine prallen, kleinen Beinchen schienen unter der Last seines Wanstes immer krummer zu werden. Ein jedes Mal, da Lea Horst begegnete, musste sie breit grinsen – der Hund strahlte eine ansteckende Gemütlichkeit aus. Da er Talisker gerade einmal bis zum Kniegelenk reichte, fühlte sie sich immer an Pat und Patachon erinnert, die beiden dänischen Komiker aus den Stummfilmen der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, wenn sie die zwei Hunde zusammen sah.

Carola gestikulierte wild, während sie sich Lea näherte. »Hast du es schon gehört?« Ohne Leas Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. Die Geschichte musste gut sein, wenn sie sich so beeilte, sie Lea zu erzählen. »Deine neuen Nachbarn haben heute Morgen eine unglaublich gruselige Entdeckung gemacht, als sie im Keller mit der Kernsanierung weitermachen wollten. Ich hab sowieso nicht verstanden, warum die bei diesem Winterwetter ihre Bude renovieren wollen. Wenn sie Pech haben und die Temperaturen richtig tief unter null sinken, können sie sich warm anziehen! Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich meine, sie haben das Haus ja bereits bezogen und die alte Wohnung aufgegeben. Aber jetzt sind sie wohl doch erst mal in eine Pension gezogen. Kein Wunder, nach dem Fund!«

Lea mochte Carola Sabersky, deren Mann Arne, wie Carola immer wieder erklärte, nicht mit dem Gutsbesitzer Max Sabersky verwandt war, dessen früherer Landbesitz im nahegelegenen Teltow seit rund zwanzig Jahren für Restitutionsklagen sorgte, sondern aus Hamburg stammte. Lea bewunderte ihre Nachbarin für die unerschütterliche Ruhe, mit der sie ihr Familienleben managte. Vier Kinder an zwei verschiedenen Schulen und mit diversen Hobbys zu koordinieren, Haus und Garten in Schuss zu halten und die Familie samt den zahlreichen Haustieren zu versorgen war kein einfaches Unterfangen, zumal Arne seit drei Monaten vollkommen in seiner neuen Aufgabe als Schuldirektor des nahegelegenen Albrecht-Berblinger-Gymnasiums aufging. Der gutdotierte Posten verlangte ihm eine Menge Überstunden ab. Und Arne war ein Tausendprozentiger, für ihn gab es keine halben Sachen. Seine asketische Gestalt entsprach durchaus seinem Lebensethos. Carola dagegen hatte den Kampf gegen ihre Kleidergröße schon vor Jahren souverän aufgegeben. Schließlich war sie die Klügere, und die gab bekanntlich nach. Was ihre Hosenbunde auch alle taten, Gürtel hatte sie seit der Geburt der Zwillinge nicht mehr getragen. So lange Carola gelegentlich brauchte, um auf den Punkt zu kommen, so lange benötigte Lea so manches Mal, um auf den Punkt zu denken. Vielleicht war ihr die etwas jüngere Nachbarin deshalb so sympathisch.

»Was denn für einen grausigen Fund? Ich hab gar nichts mitbekommen, als ich aus dem Haus ging«, fragte Lea.

Carola schüttelte den Kopf. »Das sieht dir wieder ähnlich. Du bist sicher hinten raus und durch den Garten direkt auf den Mauerweg, was? Dabei muss da gerade das ganz große Kino in eurer Zeile losgegangen sein. Stell dir vor: Die haben im Keller zwei Skelette gefunden!«

Lea traute ihren Ohren kaum. Die neuen Nachbarn waren vor drei Wochen angekommen, nachdem der Vorbesitzer, Erwin Bäcker, in eine Wohnung in der Nähe seines Bruders und dessen Familie gezogen war. Bäcker war ein unkomplizierter Zeitgenosse gewesen, und alle hatten gehofft, dass sich auch die neuen Besitzer gut in die Nachbarschaft einfügen würden. Die Familie Wallace hatte Lea sofort zugesagt, allein wegen der Tatsache, dass Ryan Wallace, ein Studiomusiker – er spielte Gitarre, Bass und Klavier – aus Edinburgh kam. Leas Vater war Schotte, und sie hatte einen Großteil ihrer Jugend in Stirling verbracht, das nicht sehr weit entfernt von Edinburgh lag. Ryan Wallaces Frau Julia, eine geborene Almendinger aus dem Schwabenland, besaß einen Abschluss in Finance der Harvard Business School und hatte mit nur dreißig Jahren die Leitung des Controllings eines Biotechunternehmens übernommen, das seinen Sitz in Teltow hatte. Ryan wollte mit dem gemeinsamen Baby Danny zu Hause bleiben. Zu dem kleinen Rotschopf passte der schottische Name, dessen eigentliche Form Aidan so viel wie Feuer bedeutete, zumindest optisch sehr gut. Die glücklichen Eltern hatten ihrem neuen Leben am südlichen Berliner Stadtrand voller Zuversicht entgegengesehen. Lea mochte sich gar nicht ausmalen, wie sich die zwei nach dem Fund in ihrem Keller fühlten.

Ihre Neugier war sofort geweckt – zwei menschliche Skelette! Die mussten seit der Errichtung der Siedlung dort liegen, denn bislang war an dem Haus nichts Grundlegendes verändert worden. Lea selbst wohnte seit zwanzig Jahren im Dürener Weg. Ihr Grundstück grenzte an den ehemaligen Mauerstreifen, jetzt Teil des BUGA-Wanderwegs, und war eines der Filetstücke in der kleinen Siedlung im Süden Berlins. Ihr verstorbener Mann Mark hatte das Haus von seiner Großmutter geerbt, bei der er aufgewachsen war. Als sie nach deren Tod dort eingezogen waren, hatte Erwin Bäcker schon in der Siedlung gelebt, zwei Häuser von ihnen entfernt. Zwischen ihnen wohnten die Lehmann-Schwestern. Die Vorbesitzer von Bäckers Haus hatte Lea deshalb nie kennengelernt, eventuell stünde ihr Name noch in ihrem Grundbuchauszug. Da es sich um eine Eigentümergemeinschaft handelte, war der vollständige Grundbuchauszug Teil des Kaufvertrags, die Vorbesitzer würden darin erfasst sein, denn Marks Großmutter und ihr Mann hatten zu den ersten Käufern eines der Neubauten im Eifelviertel gehört.

Carola riss Lea aus ihren Gedanken. »Stell dir mal vor, du ziehst in ein Haus, in dem schon seit Jahren zwei Tote im Keller liegen! Gott, ist das fies! Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Und dann passiert das Ganze auch noch im Advent, das ist wirklich hart. Apropos, was macht ihr denn zu Weihnachten? Feiert ihr zusammen? Duncan kommt doch sicherlich heim über die Feiertage, oder?«

Leas Miene verdunkelte sich. Weihnachten war ein heikles Thema zwischen ihr und Martin. Das Tempo, das sie vorlegten, seit sie sich im vergangenen Juli begegnet waren, war atemberaubend, die Sinne betäubend und allgemein so verwirrend wie beängstigend. Lea berührte unwillkürlich ihren linken Oberarm, auf dem eine wellenförmige Narbe sie dauerhaft an die Gefahr erinnerte, in der sie im letzten Sommer geschwebt hatte. Obwohl beide Situationen ganz und gar nicht miteinander vergleichbar waren, verspürte sie ein ähnlich beunruhigendes Gefühl bei der Festtagsplanung.

Martins Schwester Melanie lebte mit ihren zwei Kindern in Teltow, und Martin verbrachte den Heiligen Abend gewöhnlich bei ihnen und übernachtete anschließend dort. Laut Martin war es der einzige Abend im Jahr, an dem seine geschiedenen Eltern an einen Tisch zu bekommen waren. Um siebzehn Uhr kam stets ein Nachbar als Weihnachtsmann verkleidet vorbei und verteilte Geschenke. Gegessen wurden Würstchen mit Kartoffelsalat, und später am Abend gingen sie zum Weihnachtsgottesdienst. Martin tat seiner Schwester diesen Gefallen, obwohl er der Institution Kirche mehr als skeptisch gegenüberstand.

Als halbe Schottin feierte Lea das Weihnachtsfest auf eine sehr andere, weitenteils angelsächsische Art. Und sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie gewillt war, von ihrer Tradition abzurücken.

»Duncan kommt mit Nina, seiner Freundin. Aber wir suchen noch nach einer angemessenen Form des Feierns, die uns unter den neuen Umständen allen zusagt. Du weißt ja, dass ich Weihnachten immer etwas anders als hier üblich verbringe.«

Ich, nicht wir. Es war das zweite Weihnachten ohne Mark. Wie die Zeit verging! Unter den neuen Umständen – gemeint hatte sie damit: mit ihrem neuen Mann. Da hatte sie aber fix Ersatz gefunden – Lea wusste, was einige Nachbarinnen so tuschelten. Auch wenn ihr und ihrem Sohn Duncan in der Regel schnuppe war, was über sie getratscht wurde, in diesem Punkt war Lea empfindlich, es traf sie sehr. Alles ging einfach zu schnell, es war zu früh, und – bloody hell! – sie verabscheute Mietweihnachtsmänner und alles, wofür sie standen! Je länger sie darüber nachdachte, desto größer wurde ihr Problem.

Carola lächelte sie an, ihr blieb Leas innerer kafkaesker Prozess verborgen. »Und ich fand immer, das klingt so entspannt und gemütlich. Ich darf gar nicht an das ganze Weihnachtstheater denken, das mir dieses Jahr wieder blüht. Arnes Mutter verbringt die gesamten Feiertage bei uns, und ich kann ihr nichts recht machen. Die Kinder sind davon auch nicht begeistert, weil sie noch näher zusammenrücken müssen, damit ihre Oma ein eigenes Zimmer hat. Ich ärgere mich jedes Jahr aufs Neue über diesen Ablauf. Na ja«, seufzte sie, »eines Tages fasse ich mir ein Herz und ändere alles. Ihr findet bestimmt eine Lösung. Ich muss weiter, Arne bringt heute die erweiterte Schulleitung mit zum Abendessen. Es ist ihre Weihnachtsfeier, und ich hab noch viel zu tun.«

In Gedanken versunken, schob Lea ihr Fahrrad zurück nach Hause. Gerne hätte sie Carolas Zuversicht geteilt. Was Weihnachten anging, hatte sie so grundsätzlich andere Wünsche als Martin. Noch mehr als ein schottisches Weihnachtsfest wünschte sie sich aber in diesem Moment ein Bett. Trotzdem wählte sie nicht den kürzeren Heimweg durch ihren Garten, sondern ging durch die Straßen des kleinen Eifelviertels zurück. Schon von Weitem sah sie die Polizeifahrzeuge am Ende des Dürener Wegs. Neben einem Streifenwagen parkte ein großer dunkler Volvo, und in der Einfahrt zu ihrer Zeile standen ein VW LT Kleinbus sowie ein weiteres Fahrzeug, das vermutlich auch der Kriminalpolizei gehörte. Die Autos ihrer Nachbarn kannte sie, diese nicht.

Prompt hielt sie ein Streifenbeamter am Anfang ihrer Straße auf. »Hier ist im Moment kein Zutritt.«

»Ich wohne hier. Lea Storm, Hausnummer 60.«

»Können Sie sich ausweisen?«

Bevor Lea ihren Ausweis zücken konnte, rief eine ihr bekannte Stimme: »Frau Storm! Ich habe gerade bei Ihnen geklingelt.«

Kriminalkommissar Harald Fellner, der Assistent von Glanders unsympathischem Exkollegen Rolf Prinz, kam Lea entgegen und wandte sich an den Schutzpolizisten. »Ist schon gut, Uwe, ich kenne die Dame. Sie wohnt hier. Kommen Sie, Frau Storm! Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Lea stöhnte innerlich. Eigentlich wollte sie nur unter ihre warme Bettdecke. Aber was hatte sie erwartet? Sie rang sich ein Lächeln ab, gab Talisker ein Zeichen und bat den Kommissar in ihr Haus.

*

Im Norden der Republik war das Wetter nicht besser, es war nass, kalt und für viele sicherlich trostlos. Martin Glander zog den Reißverschluss seiner Softshelljacke bis ans Kinn. Als Kind der Küste kannte er kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Er verriegelte die Tür seiner Fischerkate in Dänisch-Nienhof und verließ das Grundstück durch den länglichen Vorgarten. Bevor er in sein Auto stieg, blickte er noch einmal auf das kleine Häuschen, das er vor rund zehn Jahren von seinen Großeltern geerbt hatte.

Seine Eltern waren von der Kieler Förde nach Berlin-Wannsee gezogen, als er sechs Jahre alt gewesen war. Da Mutter und Vater viel gearbeitet hatten, hatten Glander und seine drei Jahre jüngere Schwester Melanie nahezu alle Ferien bei den Großeltern an der Ostseeküste verbracht. Die Bilder seiner Kindheit waren geprägt von diesen Wochen am Meer: Fischen mit Opa Jan mit anschließendem Flicken des kleinen Netzes, der frischgebackene Apfelkuchen seiner Oma Ellie mit dicker warmer Vanillesoße, Bücher, die ihm die Großeltern zuerst vorgelesen hatten und die er dann selbst in der Hängematte im Garten der Kate wieder und wieder gelesen hatte – Defoe, May, Lindgren und Kästner. Dörte kam ihm in den Sinn, das Mädchen, von dem er seinen ersten Kuss bekommen hatte. Was wohl aus ihr geworden war? Glander hatte eine halbe Ewigkeit nicht mehr an seine Sandkastenliebe gedacht.

Sein Leben hatte einen packenden Verlauf genommen. Nach dem vergeigten ersten Anlauf für sein Abitur hatte er die Chance bekommen, es in Eckernförde mit dem Eintritt in die Marine zu wiederholen. Darauf war die Ausbildung zum Waffentaucher gefolgt. Glander erinnerte sich gerne an diese Zeit zurück. Damals, mit zwanzig Jahren, war er sich unverwundbar vorgekommen. Er liebte das Wasser und war einer der besten Schwimmer seiner Einheit gewesen. Dennoch hatte er sehr schnell feststellen müssen, dass er sich nicht für den Dienst zur See fürs Vaterland eignete. Sein Ausbilder verfügte über gute Kontakte zur Berliner Kriminalpolizei und sorgte dafür, dass man Glander eine Chance als Kommissarsanwärter gab. Glander stieg zum Kriminalhauptkommissar auf und erreichte eine überdurchschnittlich hohe Aufklärungsrate, bevor sich wieder die alte Unruhe in ihm ausbreitete. Er war nicht geschaffen für enge Strukturen, unabhängig davon, ob sie militärischer oder bürokratischer Natur waren. Dennoch hatte er seinen Beruf nicht aufgegeben. Er hatte keine Alternative gesehen, denn er liebte das Ermitteln, die Suche nach Spuren und ihre Auswertung, das Denken out of the box, wie man jetzt neudeutsch zu sagen pflegte, also außerhalb der gängigen Muster. Seit es sie gab, löste er die Eckstein-Rätsel in der Zeit in weniger als einer Stunde.

Eine ganze Dekade lang hatte sich Glander mit seiner Situation arrangiert und das nagende Gefühl der Unzufriedenheit verdrängt. Erst als er von der Affäre zwischen seinem Kollegen und besten Freund und seiner Freundin Jessica erfahren hatte, war er wach geworden. Das war nun rund zehn Monate her. Er hatte überreagiert, das mochte sein, doch immerhin hatte er seinen besten Freund im Bett mit seiner Freundin erwischt. Und er hatte Kai nur ein blaues Auge geschlagen, damit war der doch noch gut weggekommen. All die Jahre, die man in seine Arbeit investiert hatte, zählten offensichtlich gar nichts, wenn man das Spiel nicht mitspielte. Seine Versetzung nach Brandenburg hatte Glander das deutlich vor Augen geführt. Er hatte schon zu lange auf der Abschussliste gestanden. Auch die schützende Hand seines Mentors Brachniks hatte die Abmahnung nicht abwenden können. Und nachdem kurz darauf im vergangenen Sommer erneut ein Fall an seinen verhassten Kollegen Rolf Prinz gegangen war, hatte Glander endlich den letzten Schritt getan: Er hatte gekündigt. Glander hatte sich eingestehen müssen, noch nie gerne ein Teamplayer gewesen zu ein. Seine Eltern hatten ihm größte Vorwürfe gemacht, immerhin verzichtete er auf einen erheblichen Teil seiner Pension. Sie wussten nichts von der üppigen Abfindung, die der Ausgang seiner letzten, inoffiziellen Ermittlungen als Kripobeamter im Sommer im Zuge seines einvernehmlichen Aufhebungsvertrags mit sich gebracht hatte. Es war ein turbulentes Jahr für ihn gewesen.

Glander war stolz auf die alte Fischerkate. Sie war ein Kleinod in der durchsanierten Ortschaft im Schwedeneck, in der viele alte Häuschen größeren und mondäneren Eigenheimen gewichen waren. Nichts mehr erinnerte an das pittoreske Fischerdörfchen, das seinen Großeltern Heimat gewesen war und in dem die Wurzeln seiner Familie lagen.

Glander brauchte das Wasser, Bergurlaube waren ihm ein Gräuel. Und er war froh, dass es im Berliner Südwesten genug Seen und Flüsse gab, in denen er sich, sooft es ging, tummeln konnte. Da er nur wenigen Lastern frönte, hatte er sich auch mit Mitte vierzig eine gute Figur bewahren können. Das Herumsitzen bei gleichzeitigem Leeren von Chipstüten gehörte nicht in sein Feierabendrepertoire. Glander liebte es, in Bewegung zu sein, auch geistig. Er war zufrieden damit, den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. Vier Monate zuvor hatte er mit einer ehemaligen Kollegin vom Berliner LKA, Merve Celik, eine eigene private Ermittlungsagentur gegründet.

Glander nahm noch einen letzten Zug von der rauen Meeresluft, die baldigen Schneefall ankündigte, zog die Jacke aus, warf sie auf den Rücksitz seines Audi A4 und stieg in den Wagen, um nach Berlin aufzubrechen, in sein neues Leben – und zu Lea. Beim Gedanken an das Wiedersehen mit ihr drückte er aufs Gaspedal.

3
Juni 1964

Die neue Siedlung mit familienfreundlichen Reihenhäusern im Süden Berlins befindet sich kurz von ihrer Fertigstellung. In die Häuser am Stolberger Ring und an seinen Querstraßen, Monschauer Weg und Eupener Weg, sind die ersten Eigentümer eingezogen. Lediglich im Bauabschnitt Dürener Weg sind noch einige Häuserzeilen im Rohbau. Verkauft sind bereits alle Parzellen des etwa zwanzig Hektar großen Viertels – ausschließlich an Ehepaare, die sich schriftlich verpflichtet haben, innerhalb der ersten fünf Jahre nach dem Einzug eine Familie zu gründen, wenn sie noch keine Kinder haben. Gewerkschaftsmitglieder erhielten Vorzugskonditionen, sodass eine bunte Mischung von Bewohnern entstanden ist: Arbeiterfamilien, Akademikerpaare, Selbstständige. Hier ist die breite Berliner Wirtschaftswundergesellschaft vertreten, die sich ihren Traum vom kleinen Eigenheim mit Garten erfüllen will.

Sigrun Lehmann ist gerade sechs Jahre alt, nach dem Sommer wird sie eingeschult werden. Ihre große Schwester Gudrun geht schon in die zweite Klasse der neuen Schule. Sigrun steht an der Hand ihrer Mutter in dem neuen Haus im Monschauer Weg und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie und ihre Schwester werden ein eigenes Zimmer bekommen! Ein ganzes Zimmer für sich alleine. Wie zwei Prinzessinnen! Dabei hatten sie sich zuerst gar nicht über den Umzug gefreut.

Ihre Mutter kniet sich neben sie und legt den Arm um ihre Hüfte. »Na, Spatz, was meinst du, gefällt dir unser neues Zuhause?«

Sigrun kann gar nichts sagen und drückt ihr Gesicht an die Brust ihrer Mutter. Die riecht so wunderbar, nach Marmorkuchen und nach ihrer Seife – einfach nach Mami. Bislang haben Gudrun und sie in einer Nische im Flur ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Moabit geschlafen.

Gudrun kommt aufgeregt ins Zimmer gerannt. »Siggi, hast du den Garten schon gesehen? Wir haben einen Garten! Los, komm mit, da steht ein Bäumchen!«

Annie Lehmann sieht ihren beiden Mädchen nach. Ihr Lächeln weicht einem besorgten Blick. Wie stellt Ernst sich das nur vor? Wie sollen sie diesen Kredit abbezahlen und dann auch noch ihrem Schwiegervater das Geld für die Anzahlung wiedergeben? Ernst verdient nicht viel, er baut Fernseher für Telefunken im Werk in Moabit. Es reicht gerade so für sie beide, die Mädchen und den kleinen Holger. Trotzdem hat Ernst darauf bestanden, eine Waschmaschine und einen Fernseher für das neue Haus zu kaufen. Dass sie wieder arbeiten geht, kommt für ihn nicht in Frage.

Sie folgt den Kindern in den Garten. Auf der Terrasse schläft Holger friedlich in seinem Kinderwagen. Die beiden Mädchen spielen Fangen, dann knien sie sich vor eine der wenigen Stauden, die Annie in die Beete, die den Rasen umrahmen, gepflanzt hat, und betrachten ein Insekt. Vor dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen einige Bauarbeiter und rauchen, das scheinen sie immer zu tun. Annie ist froh, dass sie keine Arbeiten mehr an ihrem Grundstück ausführen müssen. Die Arbeiter lösen Unbehagen in ihr aus. Manche von ihnen riechen schon am Morgen nach Alkohol. Jetzt sehen sie zu ihr herüber. Einer dreht sich kurz zu seinen Leuten, sagt etwas, und alle grölen. Der Arbeiter schaut wieder in ihre Richtung, hebt seine Bierflasche und prostet ihr laut zu: »Ein schöner Tag heute, junge Frau! Viel Glück im neuen Heim!« Er lacht anzüglich.

Sie sind grob, diese Männer, ungehobelt, und sie gehen derb miteinander um. Annie Lehmann kennt Männer dieses Schlages sehr genau. Sie wendet sich ab und geht zurück in die Küche. Ernst hat seinen Vater eingeladen, sie muss sich bei der Vorbereitung des Abendessens Mühe geben.

4
Advent 2012

Natürlich war Glander bei Wittstock / Dosse wieder einmal abgelichtet worden. Sicher hatte er auch dieses Mal kein gewinnendes Lächeln aufgesetzt. Aus keinem ersichtlichen Grund wurde die Geschwindigkeit dort auf achtzig Stundenkilometer begrenzt, und keine zweihundert Meter dahinter stand der Blitzer. Glanders Ärger legte sich erst, als er im Norden Berlins auf den Stadtring fuhr. Auf Höhe des Kaiserdamms hatte die Vorfreude auf sein Wiedersehen mit Lea dem Ärger über den bevorstehenden Bußgeldbescheid um Längen den Rang abgelaufen. Bei der Ausfahrt Steglitz war er aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Date, als sein Handy die Titelmelodie der alten Fernsehserie Die Profis spielte. Die beiden MI5-Agenten waren die Helden seiner Jugend und sicherlich prägend für seinen Berufsweg gewesen. Glander schaute kurz auf den angezeigten Teilnehmer und nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen. »Lutz! Was macht das Formaldehyd?«

Ganz seiner Art entsprechend kam Harnack ohne Umschweife zur Sache. »Martin, ich fürchte, was ich hier habe, wird dir gar nicht gefallen. Ich sitze bei Lea im Wohnzimmer, zusammen mit ihren beiden Nachbarinnen, den Damen Lehmann. Im Keller der Nummer 56, also im Nachbarhaus der Lehmanns, wurden die skelettierten Überreste zweier Toter entdeckt, die eines Mannes und einer Frau. Ich fand bei dem weiblichen Skelett einen Ring, und die Lehmann-Schwestern sind überzeugt davon, dass er ihrer Mutter gehört habe, die Mitte der Sechzigerjahre spurlos verschwand. Ein in den Ring eingraviertes Datum scheint das zu belegen, es ist das Hochzeitsdatum des Ehepaars Lehmann. Ich schätze, ein Gebissvergleich des weiblichen Leichnams wird abschließend bestätigen, dass es sich bei der Toten um Annie Lehmann handelt. Den gehen wir direkt am Montag an.«

Glander schüttelte den Kopf. In dem kleinen Viertel am Stadtrand gab es nicht wenig Klatsch und Tratsch, aber vom Verschwinden Annie Lehmanns hatte er noch nichts gehört. Dabei wurden ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit potenziell verwerfliche Handlungen von Nachbarn angetragen. Das fand er nach wie vor kurios. Viele der älteren Anwohner hielten ihn offenbar für eine Art richterliche Instanz. Und Glander hatte in den letzten Wochen seit seinem Einzug bei Lea mehrfach klarstellen müssen, dass er kein Kripobeamter mehr war. Einige Nachbarn hatte er aber nicht davon überzeugen können. Kurz bevor Glander nach Dänisch-Nienhof aufgebrochen war, hatte ihn Hartmut Michalke, ein Anwohner des Dürener Wegs, mit seinen Schwadronaden über Handfeuerwaffen genervt, und Glander hatte sich beim besten Willen und der Anwendung aller ihm bekannten Gesprächstaktiken nicht aus der Situation herauswinden können.

Die Michalkes waren aktive Schützen. Das Ehepaar hatte einen Waffenschrank im Keller, beide hatten entsprechende Lizenzen und wähnten nun, in Glander endlich einen ebenbürtigen Gesprächspartner in der Nachbarschaft gefunden zu haben. Glander war immer wieder baff über diese sehr speziellen West-Berliner Charaktere, die ohne Unterlass redeten. Antworten waren dabei gar nicht vonnöten, Hauptsache, sie erzählten. Zu dieser Sorte Mensch gehörten auch die Lehmann-Schwestern. Glander hatte für seine Verhältnisse zu oft Ausreden erfinden müssen, warum er keine Zeit hatte, um mit ihnen über die neuesten Entwicklungen des ehemaligen Parks-Range-Geländes zu reden. Dieses Areal hatte eine sehr umstrittene Baugenehmigungshistorie, bei der sich der Berliner Senat einmal mehr von seiner inkompetenten Seite gezeigt hatte. Das Verschwinden der eigenen Mutter mochte allerdings die Verschrobenheit der beiden Lehmann-Schwestern erklären. Die waren, objektiv betrachtet, keine unangenehmen Nachbarinnen. Das lag auch daran, dass sie nur selten daheim waren. Gudrun und Sigrun Lehmann besaßen je ein eigenes Pferd, das in einem Reitstall in Brandenburg untergebracht war. Ihr sehr spezieller Kleidungsstil sorgte regelmäßig für ein Schmunzeln bei den Nachbarn. Besondere Favoriten aus den Kleiderschränken der Schwestern waren die wattierten Morgenmäntel, die ihren Farbkonzepten entsprachen und ein breites Grinsen auf den Gesichtern der Nachbarn hervorriefen. Gudrun, die ältere der beiden Schwestern, bevorzugte ein kräftiges Rosaviolett, Sigrun ein leuchtendes Blaugrün. Glander zog eindeutig Leas Stil vor, der sich durch viele gedeckte Farbtöne auszeichnete.

Bevor seine Gedanken in Leas Richtung abdriften konnten, fragte Glander Harnack: »Wer ermittelt denn? So ein alter Fall ist vermutlich eine ziemlich harte Nuss.«

»Und auch das wird dir nicht gefallen: Prinz hat sich den Fall an Land gezogen. Und er zeigt sich so motiviert wie eh und je.«

Glander fuhr sich durchs straßenköterblonde Haar. Lea hatte ihm einmal eine perfekt passende englische Beschreibung für seinen ehemaligen Kollegen geliefert: Rolf Prinz sei nicht in der Lage, seinen Weg aus einer Papiertüte heraus zu ermitteln, strotzte aber vor Selbstbewusstsein. Niemand konnte sich erklären, wie er seinen Posten so lange hatte halten können. Sicherlich spielten dabei die hervorragenden Assistenten, die er sich stets auszusuchen pflegte, eine bedeutende Rolle. Nicht umsonst hatte Glander sich gemeinsam mit Merve Celik selbstständig gemacht, Prinz’ letzter Assistentin. Sie war eine ausgezeichnete Kripobeamtin gewesen und hatte eine hohe Aufklärungsrate vorzuweisen, auch wenn Prinz sich mit diesen Erfolgen geschmückt hatte. Man munkelte, dass er beste Verbindungen in die oberste Führungsebene hatte. Glander vermutete, dass er das Glück gehabt hatte, vor vielen Jahren bei irgendeiner Schmutzwäsche das Waschbrett gehalten zu haben, und nun davon zehrte.

»Na, da erwartet hoffentlich niemand unmittelbare Erkenntnisse«, konstatierte Glander trocken.

Aufgeregt warf Harnack ein: »Eben! Und deshalb möchten die Damen Lehmann, dass du dich des Falles annimmst. Warte mal, ich gebe dir Lea, die hat die beiden gerade mit Hochprozentigem versorgt. Hier ist sie.«

»Hallo, Martin! Bist du noch weit weg? Die beiden sind völlig durch den Wind. Es gibt da auch noch einen kleinen Bruder, Holger, zu dem sie aber schon jahrzehntelang keinen Kontakt mehr haben. Was ich bislang aus ihnen herausbekommen habe, ist nur, dass die Familie all die Jahre dachte, die Mutter habe sich aus dem Staub gemacht und die Familie sitzenlassen. Schon das wäre ja hart genug …«

Glander konnte sich eines leichten Anflugs von Stolz nicht erwehren. Lea war offiziell keine Mitarbeiterin seiner Agentur, dennoch hatten die Ereignisse im September ihr Interesse für seine Arbeit geweckt. Das war nicht von der Hand zu weisen. Lea hatte in Schottland Anglistik, Germanistik und im Nebenfach Psychologie studiert. Nach der Krebsdiagnose ihres Mannes hatte sie ihre langjährige Tätigkeit als Simultandolmetscherin aufgegeben und bisher noch nicht wieder aufgenommen. Sie hatte erst einmal wieder Boden unter den Füßen gewinnen müssen, wie sie es formulierte. Trotz einiger sehr guter Angebote schien sie nicht in ihren alten Beruf zurückkehren zu wollen. Der Fall im September hatte zudem etwas ganz anderes bei ihr in Bewegung gesetzt: Lea hatte ein paar alte Kontakte spielen lassen und sich eine Gasthörerschaft für Forensische Psychiatrie an der Freien Universität Berlin verschafft.

Erst jetzt bemerkte Glander, wie erkältet Lea klang. »Lea, mach langsam, ich bin in zehn Minuten bei euch. Ist deine Erkältung nicht besser geworden?«

»Nein, im Gegenteil, ich bin ziemlich erschöpft, aber ich kann die beiden jetzt auch nicht heimschicken. Ich meine, stell dir vor, du hast beinahe fünfzig Jahre in dem Glauben gelebt, deine Mutter habe dich und die Familie im Stich gelassen, und dann findest du heraus, dass sie ermordet wurde!«

»Ich weiß. Das muss sehr schlimm für die beiden sein. Wie gesagt, ich bin gleich da, und dann rede ich mit ihnen. Ich bin schon am Hindenburgdamm.«

Sie verabschiedeten sich, und Glander rief Merve an.

*

Merve Celik, Exkommissarin des LKA 1 und Glanders Partnerin in der Ermittlungsagentur Celik & Glander, legte die Farbrolle in den Tiegel und wischte sich mit dem Handrücken eine Strähne ihrer schwarzen Lockenpracht aus dem Gesicht, die voller apfelgrüner Farbsprenkel war. Günay hatte auf der Farbe bestanden, und Merve wusste, dass es sinnlos war, mit ihrer fünfjährigen Nichte zu diskutieren, wenn die sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Merve hatte auch gar nicht vor zu diskutieren. Günay und ihre zwei Jahre ältere Schwester Gülsen hatten genug durchgemacht. Merves Schwester Sevgi hatte ihren Mann nach acht Jahren Ehe verlassen. Acht Jahre, in denen er sie regelmäßig geschlagen und erniedrigt hatte. Merve hatte davon erst erfahren, als ihre Schwester mit den Kindern eines Tages vor ihrer Wohnungstür gestanden hatte, weil er sich auch an ihnen hatte vergreifen wollen. Kadir, Merves Schwager, tobte vor Wut über den angeblichen Hochverrat seiner Frau und lauerte ihr ein paar Tage später vor der Kita auf. Acht Wochen lang hatte Sevgi anschließend im Krankenhaus gelegen. Sie würde für immer entstellt bleiben, aber wenigstens lebte sie.

Ein Blick aus dem Fenster ließ Merve über das nasskalte Wetter fluchen. Die Farbe würde eine ganze Zeit lang zum Trocknen brauchen, und Günay würde noch ein paar Tage auf ihr Zimmer warten müssen. Merve stieg die Treppe hinab und ging ins Wohnzimmer. Sevgi saß auf dem Sofa und nähte einen Vorhang. Als sie Merve bemerkte, blickte sie von ihrer Arbeit auf und lächelte. Zwei wulstige Narben, Folgen der tiefen Schnitte, die ihr Mann ihr zugefügt hatte, durchzogen ihr Gesicht und verzerrten ihr Lächeln. Sevgi hatte drei Bauchoperationen durchstehen müssen, aber die Ärzte hatten gesagt, alles sei gut verheilt und sie habe großes Glück im Unglück gehabt. Wie jedes Mal, wenn sie ihre Schwester ansah, musste Merve an den Anruf ihres Kollegen denken, der ihr von dem Angriff auf ihre Schwester berichtet hatte. Gewaltige Wut durchströmte sie, und ihre Hände begannen zu zittern.

Sevgi legte ihr Nähzeug beiseite und zeigte neben sich auf das Sofa. »Komm, mach eine Pause, der Tee ist noch warm. Oder willst du lieber ein Bier? Das ist im Kühlschrank.«

Kadirs Prozess würde im März beginnen, bis dahin saß er in U-Haft. Die Mädchen waren in therapeutischer Behandlung und schienen gute Fortschritte zu machen. Endlich wieder ein eigenes Zuhause zu haben tat ihnen gut. Merve war sehr gerührt davon, wie schnell Lea ihrer Schwester und den Kindern dieses Haus im Dürener Weg vermittelt hatte. Es hatte seit dem Sommer leer gestanden, da der Besitzer ums Leben gekommen war, ein im Ausland lebender entfernter Verwandter kein Interesse daran hatte und auch der Makler es nicht losgeworden war. Lea hatte damals die Leiche des Hausbesitzers gefunden und Glander bei den Ermittlungen kennengelernt. Später hatte sie einen lächerlich geringen Kaufpreis mit dem Makler verhandelt, und jetzt gehörte dieses kleine Reihenhaus Merve. Die hatte es mit dem großzügigen Honorar für ihre letzten Fälle anzahlen können und finanzierte den Rest und die Renovierung durch einen günstigen Kredit. Die sanitären Einbauten und das Verlegen der elektrischen Leitungen hatte sie von Fachleuten machen lassen, den Rest erledigte sie selbst mit der Hilfe der Nachbarsfamilie, den Saberskys.

Merve nahm neben ihrer Schwester Platz und legte den Arm um sie. Sie würde ihren Schwager mit keinem milden Urteil davonkommen lassen, das hatte sie sich an Sevgis Krankenbett geschworen. Und er täte gut daran, auch nach seiner Gefängnishaft nie mehr bei ihnen aufzutauchen. Bei dem Anblick ihrer Schwester durchflutete Merve erneut eine Welle des Hasses und der Ohnmacht. Während ihrer gesamten Kripolaufbahn hatte sie stets eine emotionale Distanz zu ihren Fällen und den Opfern bewahren können. Das hatte auch maßgeblich zu ihrer hohen Aufklärungsrate beigetragen. Im Falle ihrer Schwester wollte ihr das einfach nicht gelingen, sosehr sie sich auch bemühte. Sevgis Schicksal ging ihr direkt unter die Haut, sie wollte Rache. Ihr Schwager sollte genau die gleichen Schmerzen erfahren, die ihre Schwester erleiden musste. Sie würde für Gerechtigkeit sorgen. Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft würde sie alles dafür tun, dass die Beweislage wasserdicht war und er das höchstmögliche Strafmaß erhielt. Wofür arbeitete sie sonst auf der Seite von Recht und Gesetz? Ihr Handy riss sie aus ihren trüben Gedanken.

»Celik!«, meldete sie sich.

»Merve, ich bin’s. Hast du mitbekommen, was bei euch in der Straße los ist?«

Merve erhob sich vom Sofa. »Hallo, Glander! Nein, ich stand bis eben in einem Traum aus Apfelgrün. Ich bin am Malern. Was ist denn passiert?«

»Die neuen Nachbarn in Leas Zeile haben zwei Skelette in ihrem Keller gefunden. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei dem einen Leichnam um die Mutter der Runen handelt. Die ist Mitte der Sechziger spurlos verschwunden. Lutz rief mich gerade von Lea aus an, er sitzt mit den beiden bei ihr im Wohnzimmer.«

Die Lehmann-Schwestern trugen ihren Spitznamen »die Runen« nicht grundlos. Das Klischee der konventionellen, nüchternen und leicht versnobten Pferdefreundinnen in Barbourjacke und Cavallo Reitstiefeln traf ganz und gar nicht auf sie zu, denn die zwei hatten einen für diese Kreise eher ungewöhnlichen ausgeprägten Hang zur Esoterik. Sie ließen sich regelmäßig ihre Horoskope erstellen und sich vor wichtigen Entscheidungen von ihrer Seherin Tarotkarten legen. Vor diesem Hintergrund und in Anlehnung an ihre Vornamen hatte irgendein Nachbar ihnen vor Jahren diesen humorigen Spitznamen gegeben. Auf Merve wirkten die beiden Schwestern so humorig wie jüngere Versionen der schrulligen Brewster-Schwestern in Arsen und Spitzenhäubchen – also auch ein bisschen unheimlich.

Sie pfiff leise durch die Zähne. »Das ist krass. Hat Lutz gesagt, wer für den Fall zuständig ist?«

»Unser alter Freund und Kupferstecher: Prinz. Deshalb möchten die beiden auch, dass wir uns der Sache annehmen.«

Merve zögerte keinen Augenblick. »Ich bin in einer halben Stunde bei Lea. Bis gleich!« Dann erklärte sie Sevgi: »Ich muss duschen und dann rüber zu Lea. Wir haben einen neuen Fall. Ich erzähl dir mehr, wenn ich etwas weiß, ja? Das Zimmer ist fast fertig, die letzte Wand mache ich morgen. Kommst du alleine klar?«

Sevgi lächelte und nickte. »Ja, geh nur. Wenn etwas sein sollte, schicke ich eines der Mädchen zu euch.«

Merve drückte die Schulter ihrer Schwester und ging ins Bad im Obergeschoss.

*

Glander grüßte den Kollegen der Schutzpolizei, der an der geöffneten Tür des Hauses mit der Nummer 56 stand. Drinnen war einiges los: Das sechsköpfige Team der Tatortermittler war angerückt, ebenso drei Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens, das die Leichentransporte bei Hinweisen auf Gewaltverbrechen übernahm. Während die Überreste des ersten Opfers aus dem Haus getragen wurden, hielt Glander für einen Moment inne und senkte den Kopf. Jedem Toten und dessen Schicksal gebührte Respekt. Wenn es sich bei dem einen Leichnam tatsächlich um die Mutter der beiden Lehmann-Schwestern handelte, hatte das Kismet es wahrlich nicht gut mit ihnen gemeint.

Nachdem die Bestatter an ihm vorbeigegangen waren, begrüßte Glander Polizeimeisterin Griese, die sich vor Leas Tür die Beine in den Bauch stehen durfte. Karla Griese und Glander duzten sich seit ein paar Wochen zwar privat, offiziell waren sie aber beim Sie geblieben. Die Dinge waren kompliziert zwischen Schupo und Kripo, und er wollte ihr den Stand nicht erschweren. Karla Griese musste nicht überrascht tun, ihn hier anzutreffen. Der Buschfunk auf dem Revier 4 funktionierte bestens, und jeder, bis hin zur Kantinenkraft, hatte von Glanders Kündigung und seiner neuen Agentur gehört. Ebenso hatte sich seine Liaison mit der gutaussehenden Zeugin vom »Eifelkiller-Fall« im Sommer herumgesprochen.

Karla Griese schüttelte Glanders Hand. »Hauptkommissar Glander, schön, Se wiedazusehen!«

»Nur noch Glander, Frau Griese, der Hauptkommissar ist Geschichte. Wie ist denn die Lage drinnen?«

Karla Griese zog die rechte Augenbraue hoch. »Hauptkommissar Prinz is von nichts hier anjetan. Is ja ooch keen Wunda, so ’n alta Fall hat et in sisch inne Rejel. Fellner is ooch drin, der tut wie imma, watta kann. Dabei wär der viel lieba bei seiner kleenen Familie, der is doch jrade erst aus der Elternzeit zurück. Professor Harnack wollte noch uff Ihr Eintreffen warten, und die beeden Damen Lehmann jeben jrade ihre DNA-Proben ab. Frau Storm hält sisch wacka. Wenn Se mir die Bemerkung erlooben: Se würkt ziemlich krank uff mich, und nu hat se ooch noch den janzen Trubel hier am Hals. Juht, det Se jetzt da sind.« Sie zwinkerte ihn an und öffnete ihm die Tür.

Im Flur wurde Glander von Talisker begrüßt. Selbst wenn der große Hund sich vorsah, war es besser, dessen wackelndem Hinterteil aus dem Weg zu gehen, wenn man nicht ins Straucheln geraten wollte. Glander klopfte dem vierbeinigen Freund sanft auf die Flanken und wuschelte ihm durchs Fell, wobei er sich kaum bücken musste. »Hey, Digger, ganz ordentlich was los hier, was?«

Der Hund schaute missmutig zum Wohnzimmer, und Glander konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Lehmann-Schwestern gehörten nicht zu Taliskers Favoriten. Zu stark war ihr blumiges Parfüm, das sie literweise über sich zu versprühen schienen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass selbst das kräftige Veilchenodeur nicht den unter allem schwelenden Pferdegeruch übertünchen konnte, der Taliskers Jagdtrieb weckte. Wenn die beiden Frauen in der Nähe waren, war der Hund erheblich nervöser als üblich. Das hieß, er war ein wenig unruhig im Vergleich zu seinem sonst so stoischen Temperament.

»Ich weiß, T…«, Glander sprach den Buchstaben englisch aus, er hatte sich sehr schnell an Lea und ihren Hund gewöhnt, »… ich weiß. Pferdesalami ist was Gutes, hat meine Oma Ellie auch immer gesagt. Komm, wir gehen zu Lea!«

Bei der Erwähnung des Namens seines Frauchens spitzte Talisker die Ohren und wedelte erneut mit dem Schwanz, dann trottete er gelassen hinter Glander her.

Als Glander das Wohnzimmer betrat, bot sich ihm ein Bild geschäftigen Treibens. Sieben Menschen waren dort versammelt. Mit einer Größe von über ein Meter neunzig stach die massige Erscheinung seines ehemaligen Kollegen Prinz aus der Gruppe heraus wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Aber Glander wusste, dass dieser erste Eindruck leider gewaltig täuschte. Prinz lief vor Leas Esstisch auf und ab und kaute auf dem Nagel seines linken kleinen Fingers herum, während sein Assistent Fellner den beiden Damen Lehmann Fragen stellte. Lutz Harnack, Glanders alter Jugendfreund aus Wannsee-Tagen, saß mit Lea im Wintergarten und schaute besorgt zwischen der Szene am Esstisch und Lea hin und her. Eine seiner Kolleginnen war dabei, den beiden Nachbarinnen Speichelproben für die DNA-Analyse abzunehmen.

Sigrun Lehmann hatte ihren Mund geöffnet, sie wirkte sehr gefasst, wohingegen ihre ältere Schwester Gudrun hemmungslos weinte. Vor der lag schon ein Stapel benutzter Taschentücher, und sie zog gerade ein frisches aus einer Spenderbox. Als sie Glander bemerkte, sprang sie auf und warf sich ihm in die Arme. »Martin, ich bin ja so froh, dass Sie da sind! Stellen Sie sich nur vor: Man hat das Skelett unserer Mutter gefunden! Sie hat uns vor all den Jahren gar nicht verlassen! Man hat sie umgebracht …« Ihre weiteren Ausführungen gingen in einen Weinkrampf über.

Glander war unwohl, hysterisch heulende Frauen hatten immer diesen Effekt auf ihn. Er tätschelte halbherzig ihren Rücken und murmelte etwas Unverständliches über ihren Kopf hinweg, während er sich aus ihrer Umklammerung löste.

Lea kam herüber und versuchte die Nachbarin zu beruhigen. »Komm, Gudrun, ist ja gut. Setz dich wieder.« Sie warf Glander einen Blick über die Schulter zu. Sein Mund formte ein stummes Danke.

Die Mitarbeiterin der Kriminaltechnik trat zu ihnen. »Frau Lehmann, dürfte ich dann auch Ihre Probe abnehmen?«

Gudrun Lehmann atmete tief durch und nickte tapfer. »Aber natürlich, selbstverständlich. Entschuldigen Sie, ich bin etwas aufgewühlt. Was soll ich denn tun?«

Während ihr die kurze Prozedur erklärt wurde, trat Lea zu Glander. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte leise in sein Ohr: »Ich hatte mir unser Wiedersehen eigentlich etwas anders vorgestellt …«

Glander nickte und drückte sie kurz an sich. »Ich mir auch, glaube mir. Wie geht es dir?«

Lea winkte ab. »Grauenvoll. Ich wäre am liebsten oben in meinem Bett, aber es hilft ja nichts. Stell dir vor, letzte Woche meinte Gudrun noch zu mir, dass die neue Nachbarin ihrer Mutter sehr ähnele, zumindest ihrer Erinnerung nach, denn Annie Lehmann habe die Familie verlassen, als sie und ihre Schwester noch sehr klein gewesen seien. Und nun wurden ausgerechnet im Keller der Wallaces die sterblichen Überreste von Gudruns Mutter gefunden, direkt im Nebenhaus! Da hat sich der große Drehbuchautor etwas wirklich Schreckliches ausgedacht. Ich hoffe jedenfalls, der Spuk ist für heute bald vorbei.« Leas Gesicht war gerötet, ihre Augen glänzten fiebrig.

Glander hielt ihr die Hand auf die Stirn und entschied: »Für dich ist jetzt Schluss. Ich kümmere mich um den Rest. Leg du dich mal lieber hin. Du hast Fieber und gehörst ins Bett. Ich drehe nachher noch eine Runde mit Talisker und sehe dann nach dir.«

Lea ließ sich nicht zweimal dazu auffordern. Dankbar seufzend gab sie Glander einen Kuss und stahl sich aus dem Wohnzimmer. In der Küche mixte sie sich einen Hot Toddy im größten Kaffeepott, den sie besaß. Whisky, heißes Wasser und Honig – das uralte Grippeantidot ihrer Familie. Als es an der Haustür klingelte, ließ sie noch kurz Merve ein und zog sich anschließend ins obere Geschoss zurück. Talisker schlich hinter ihr die Treppe hinauf.

Lea entledigte sich ihrer Jeans, schlüpfte in ihren alten grauen Jogginganzug und fiel erschöpft ins Bett. Sie zog sich die Kapuze über den Kopf und schlürfte zügig an ihrem Hausmittelchen gegen Erkältungen.

Der große Hund machte es sich im Eingang zum Schlafzimmer bequem, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Sein Frauchen würde gleich in Ruhe schlafen. An ihm käme niemand vorbei.

*

Merve hatte sich mit den beiden Lehmann-Schwestern in den Wintergarten zurückgezogen, nachdem die Speichelproben genommen waren und die Kollegin von der Kriminaltechnik gegangen war, und schenkte ihnen gerade von dem kräftigen Glayva Liqueur nach, einem schottischen Whiskylikör, den Lea eigens für ihre beiden Nachbarinnen vorrätig hielt. Feine Aromen von spanischen Orangen, brasilianischen Mandeln, Zimt und Honig machten ihr den Mund wässrig, doch jetzt musste sie sich erst einmal um die beiden Frauen kümmern. Auch wenn das momentan nur das Anreichen weiterer Taschentücher und das Murmeln beruhigender Floskeln bedeutete. Glander war offenbar heilfroh, dass sie da war.

Hauptkommissar Rolf Prinz schaute sich diese Szene kurz an und wandte sich dann schroff an seinen ehemaligen Kollegen Glander. »Sie wird man wohl überhaupt nicht los, was? Ich rate Ihnen gleich eines: Halten Sie sich hier raus, das geht Sie nichts mehr an, das ist Angelegenheit der Kripo! Und Sie haben es ja vorgezogen, der nicht mehr anzugehören. Wenn ich mitbekomme, dass Sie mir hier wieder reinpfuschen, sorge ich dafür, dass Sie dieses Mal beide, Sie und die Celik, wegen Behinderung laufender Ermittlungen belangt werden. Und das nicht zu knapp. Da können Sie Gift drauf nehmen!« Großspurig stocherte er mit dem Zeigefinger in der Luft herum.

Glanders Widerwillen diesem ehemaligen Kollegen gegenüber war ihm selbst reichlich unheimlich, so intensiv war die Abneigung, die er empfand. Allein das Erscheinungsbild des Hauptkommissars war eine Zumutung. Glander wollte sich gar nicht ausmalen, wann der Anzug, den Prinz trug, das letzte Mal eine Reinigung gesehen hatte. Prinz war eigentlich in einem Alter, in dem es geboten war, auf Haare zu achten, die niemand sehen wollte, weil sie an unschönen Stellen wuchsen, doch das schien ihn nicht zu stören. Eine chronische Rhinitis ließ ihn unablässig die Nase hochziehen, wenn er sie nicht unter großem Radau putzte. Er bohrte ungeniert in Nase und Ohren, und es verlangte einem an manchen Tagen alles ab, sich länger als ein paar Minuten im selben Raum mit dem Mann aufzuhalten. Und auch das Zähneputzen schien der Kripoklops eher als Kür denn als tägliche Pflicht anzusehen. Sein ungepflegtes Äußeres stand in krassem Gegensatz zu seinem überaus gepflegten Haarschopf, und Glander rätselte einmal mehr, wie dem Kripobeamten dieser Widerspruch nicht beim Blick in den Spiegel auffallen konnte. Glander selbst kam ohne eine Dusche am Morgen gar nicht in die Gänge. Bei Prinz deutete alles auf eine oberflächliche Katzenwäsche und die anschließende Applikation einer üppigen Menge Aftershave hin, das von der ganz süßen und billigen Sorte, da waren sich alle Kollegen einig, wenn sie auch noch nicht herausbekommen hatten, welche Marke er kaufte. Stil verortete Prinz sicherlich am Ende eines Besens, jedenfalls sahen seine Anzüge danach aus: Sie waren alle aus reinem Polyester und entweder eine Kleidergröße zu eng, sodass sie über seiner Wampe spannten, oder erheblich zu groß und zerknittert, wobei keine seiner Hosen über die Knöchel reichte. Der Mann war ein wahres Erscheinungsguernica. Glander selbst trug eher ungern feinen Zwirn, aber für Anlässe, die das erforderten, besaß er durchaus die richtigen Anzüge nebst passenden, dezent gemusterten Seidenkrawatten einer nicht ganz preiswerten britischen Traditionsmarke.

Auch fachlich hatte die Prinzenrolle, wie man den beleibten Kripobeamten hinter vorgehaltener Hand nannte, eher wenig zu bieten. Dennoch war Prinz bei aller Unfähigkeit ein Meister im Taktieren, die Wendung »Teile und herrsche« hätte auch von ihm stammen können, wenn er zu jener Zeit schon gelebt hätte. Er herrschte jeden an, der ihm in die Quere kam, und teilte nach Möglichkeit niemandem etwas mit, zumal er in der Regel auch nichts mitzuteilen hatte. Merve konnte ein Lied davon singen, und auch Fellner, Prinz’ derzeitiger Kollege, hatte bereits den gramgebeugten Blick, der sich nach ein paar Wochen der engen Zusammenarbeit auf den Gesichtern aller Assistenten des Kriminalhauptkommissars zeigte.

Glander verkniff sich die Antwort, die er Prinz am liebsten gegeben hätte, er wollte den Mann möglichst schnell loswerden, um sich um die Damen Lehmann und dann um Lea kümmern zu können. Sachlich entgegnete er: »Herr Prinz, ich kann nun wirklich nichts dafür, dass hier Überreste von Toten gefunden wurden. Es ist das gute Recht der Hinterbliebenen, mir den Auftrag zu erteilen, der Sache nachzugehen, und das ist übrigens mein Beruf, auch wenn Ihnen das nicht passt. Sie können allerdings gewiss sein, dass ich, wenn ich etwas herausfinde, das Sie selbst nicht in der Lage wären herauszufinden, Ihnen dies selbstverständlich mitteilen werde. Und jetzt wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich den weiteren Ermittlungen woanders widmen könnten. Der Hund muss raus.«

Der Hund näherte sich mit seiner Lederleine im Maul und blickte Hauptkommissar Prinz vorwurfsvoll an. Dessen Gesicht nahm das unverwechselbare Rot an, das im gesamten Berliner LKA legendär war. Gleich würde es in ein leuchtendes Purpur übergehen. Er erhob seinen Zeigefinger noch ein letztes Mal, bevor er im Hinausgehen zischte: »Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!«

Fellner folgte ihm auf dem Fuße und drehte sich an der Tür noch einmal grinsend um, bevor er sie leise von außen zuzog.

Glander holte tief Luft und trat dann zu Merve und den beiden Nachbarinnen. »Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich halte es für das Beste, Sie gehen erst einmal nach Hause und versuchen sich zu beruhigen. Es gibt nichts, das Sie oder wir heute noch tun können.«

Gudrun Lehmann sah ihn traurig an. »Ach, Martin, das ist alles so schrecklich! Werden Sie uns helfen?«

Ihre Schwester Sigrun stimmte ein: »Ja, Martin, Sie müssen uns einfach helfen. Unsere Mutter wurde ermordet, Sie müssen den Mörder finden, bitte, Martin!«

Glander wechselte einen Blick mit seiner Kollegin, die ihm unmerklich zunickte. »Lassen Sie uns eine Nacht darüber schlafen, und wenn Sie möchten, dass wir uns der Sache annehmen, dann werden wir das morgen besprechen, okay? Es gibt, wie gesagt, nichts, das wir heute noch unternehmen können.«

Merve begleitete die beiden Frauen zu deren Haustür und versprach, sich am nächsten Tag bei ihnen zu melden. Anschließend ging Glander mit Merve und Talisker im Schlepptau den Dürener Weg bis zu der Zeile, in der Sevgi wohnte, hinunter und verabschiedete sich von ihr.

»Dann machen wir uns wohl mal Gedanken darüber, wie wir zwei Morde aufklären, die vor beinahe fünfzig Jahren begangen wurden.«

»Geht klar, Partner! Eine Zeitreise in die Sixties, das wird sicherlich interessant. Wir sehen uns morgen. Ruf mich an, wenn ihr so weit seid!« Mit einer militärischen Grußgeste drehte sich Merve um und lief zum Haus ihrer Schwester.

Glander schaute Talisker an. »Das wird alles andere als ein leichter Fall. Hoffentlich lösen wir ihn. Na komm, Digger, jetzt drehen wir erst mal eine Runde, und dann kümmern wir uns um dein Frauchen!«

5
Juni 1964

Annie Lehmann zieht ihren Lippenstift nach und richtet die Naht ihrer Nylonstrümpfe aus. Sie streicht ihren Rock glatt und betrachtet sich kurz im Spiegel. Ihre Kleidung ist alt, aber sauber und gebügelt. Annie hat sich angewöhnt, vormittags eine weiße Schürze zu tragen, die sie gegen Schmutz schützt, falls sich einer der Arbeiter verletzt.

Der Polier hatte ihr Angebot, als Krankenschwester vor Ort zur Verfügung zu stehen, dankend angenommen. Für jede Verletzung, die sie sich ansieht und versorgt, erhält sie einen kleinen Obolus. Und die Baufirma bezahlt ihr Mullbinden, Tupfer, Pflaster, Jod und alles, was sie sonst noch benötigt. Sie hat den Baustellenleiter um Diskretion gebeten, denn sie möchte nicht, dass Ernst früher als nötig von ihrem Zubrot erfährt. Sie fürchtet, dass dem diese Tätigkeit ein Dorn im Auge ist. Dem Polier ist es einerlei, er ist froh, eine Erste Hilfe vor Ort zu haben. Meist wird Annie zu einem Bauabschnitt gerufen, um dort kleinere Schnitte oder Verstauchungen zu behandeln, manchmal kommen die Arbeiter auch bei ihr zu Hause vorbei. Bislang musste noch kein Krankenwagen gerufen werden. Bald wird sie genug Geld zusammenhaben, um mit den Kindern fortzugehen, und es ist eine gute Arbeit. Sie wünscht sich sehr, wieder in ihren Beruf zurückzukehren, doch Ernst will davon in seinem falschen Stolz nichts wissen.

Was hatte Ernst sich nur bei dem Kauf dieses Hauses gedacht? Sie gehören nicht hierher. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, gehört sie nicht zu Ernst. Sie hätte sich nie auf ihn einlassen dürfen. Doch sie hat sich ihr Bett gemacht, und nun muss sie darin liegen.

Am vergangenen Freitag ist er wieder betrunken heimgekommen, dabei haben sie kaum genug Geld, um den Kühlschrank zu füllen und den Kindern ordentliche Kleidung zu kaufen. Gudrun braucht schon wieder ein Paar neue Schuhe, und Sigruns Mantel, den bereits ihre Schwester trug, ist für den Herbst nicht mehr zu flicken. Annie Lehmann ist sich der abschätzigen Blicke der Nachbarn wohl bewusst. Die anderen Kinder halten sich fern von ihren beiden Mädchen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihnen das auffällt. Was soll sie ihnen dann sagen? Holger gluckst in seinem Laufstall fröhlich vor sich hin. Sie betrachtet ihr drittes Kind, das seinem Vater so ähnlich sieht und das sie erst nicht haben wollte. Er darf auf keinen Fall werden wie Ernst: verschlossen, aufbrausend und ein Säufer. Auch wenn sie versteht, dass ihr Schwiegervater dafür verantwortlich ist, stößt es sie immer mehr von ihrem Mann ab. Das Trinken macht ihn bösartig. Sie sieht es kommen: Bald wird auch er ihr wehtun.

Annie Lehmann hat keinen ordentlichen Schulabschluss, die Möglichkeit dazu hatte sich für sie nicht ergeben. Ihr Vater war im Krieg geblieben, und ihre Mutter war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Annie ist in einem Heim aufgewachsen, das sie früh verlassen musste. Niemand hatte ihre weitere Schulbildung finanziert, deshalb nahm sie eine Arbeit im Krankenhaus an und machte dank der Unterstützung der ihr wohlgesonnenen Oberschwester eine Schwesternausbildung.

Im Krankenhaus lernte sie dann auch Ernst kennen. Er kam mit einer Schnittverletzung aus der Fabrik, und sie kümmerte sich um seinen Verband, nachdem er mit zwanzig Stichen genäht worden war. Er konnte die Augen nicht von ihr lassen und stand zwei Tage später mit Blumen vor dem Krankenhaus. Er schaute sie an, wie sie noch keiner zuvor angeschaut hatte. Bei ihrer ersten Verabredung roch er nach Alkohol, doch sie ignorierte ihre Bedenken. Wer würde sie denn sonst wollen? Sie heirateten, als Gudrun drei Monate später unterwegs war. Ihr Schwiegervater war außer sich, trieb aber die Hochzeit voran – kein Enkel von ihm sollte als Bastard zur Welt kommen. Ein Mann musste zu seinen Fehlern stehen und die Konsequenzen tragen. Die Verwandtschaft dachte sich ihren Teil, als sieben Monate später das erste Kind geboren wurde. Es lief von Anfang an nicht gut. Ernst steht unter der Fuchtel seines Vaters, und der regiert seine Familie mit reichlich Peitsche und ganz ohne Zuckerbrot. Den Druck kann Ernst nur ertragen, indem er trinkt.

Es klingelt an ihrer Haustür. Als Annie öffnet, steht ein ihr unbekannter Mann vor ihr. Er hat schwarzes volles Haar, eine Locke fällt ihm in die Stirn. Seine Augen sind strahlend blau. Annie ist sofort fasziniert von diesem Gegensatz. Der Mann blutet aus einer Wunde über dem linken Auge. Er sieht sie entschuldigend an.

»Verzeihung – Signora Lehmann? Können Sie mir helfen? Ich bin gefallen. Man sagte mir, Sie seien Krankenschwester.«

Er hat einen Akzent, der sie an den Sommerwind erinnert, der leicht durch die Baumwipfel streicht. Vermutlich ist der Herr einer der italienischen Gastarbeiter auf der letzten Baustelle im Dürener Weg. Wenn er tatsächlich gestürzt ist, denkt Annie, ist Ernst der Regierende Bürgermeister. Nichtsdestotrotz muss seine blutende Wunde versorgt werden, das erkennt sie sofort. Sie bittet ihn herein. »Kommen Sie mit in die Küche! Ich hole kurz mein Verbandszeug und etwas, um die Wunde zu desinfizieren.« Sie drückt ihm eines ihrer Taschentücher in die Hand, die sie immer in ihrer Schürze bei sich trägt. »Hier, halten Sie das unter die Wunde, damit Sie keine Flecke machen!«

Ein paar Minuten später sitzt der Fremde auf ihrem Küchenhocker. Während sie seine Wunde abtupft, zuckt er leicht zusammen. »Ich bin gleich fertig, es ist nicht ganz so schlimm. Wollen Sie mir sagen, was passiert ist? Wie heißen Sie denn?«

»Vieri, Gennaro Vieri. Ich bin gefallen. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe.«

»Herr Vieri, Ihr Auge schwillt an. Das wird ein ganz schönes Veilchen, aber die Wunde muss nicht genäht werden. Ich nehme an, Ihr Kollege hält gerade seine Hand unter kaltes Wasser. Gab es Streit?«

»Ich bin gefallen.« Vieri seufzt. »Es gibt immer Streit. Sie mögen uns nicht.« Er zögert und sieht zu ihr auf, er hat lange dunkle Wimpern. »Obwohl sie uns gar nicht kennen.«

Annie Lehmann hat es oft genug gehört. Ihr Schwiegervater nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Gastarbeiter geht, die seit einigen Jahren nach Deutschland kommen. Sie nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg, und keine deutsche Frau sei sicher vor ihnen – das sind seine ewigen Tiraden. Er nennt sie die Itacker und die Kanaken, das Kroppzeug. Laut seien sie alle, sie stänken nach Knoblauch, und Manieren habe keiner von denen. Annie denkt nicht oft über die Situation der Gastarbeiter nach, aber sie hat stets den Eindruck, dass sie genau diejenigen Tätigkeiten ausüben, die die meisten deutschen Arbeiter gar nicht machen wollen. Hatte nicht auch der Kanzler erklärt, dass das Land dringend Arbeitskräfte aus dem Ausland brauche? In Westdeutschland arbeiten sie im Bergbau, und hier in Berlin sind sie in den Fabriken von Siemens, Telefunken oder AEG am Fließband tätig, bei der Müllabfuhr oder auf dem Bau beschäftigt, wie dieser Mann vor ihr. Allerdings wirkt Gennaro Vieri nicht so ungebildet wie die Mehrzahl der Arbeiter, die in der Siedlung eingesetzt werden.

»Woher kommen Sie denn?«, fragt sie ihn, als sie Jod auf die Wunde tupft und ein Pflaster darüber klebt.

»Aus Neapel. Das liegt direkt am Mittelmeer.«

»Und woher können Sie so gut Deutsch?«

Er lächelt sie an und verneigt sich leicht. »Ma grazie, Signora Lehmann, vielen Dank. Ich habe es in Neapel gelernt. Die Arbeit ist knapp in meinem Land, hier gibt es viel zu tun. Als die neuen Verträge zwischen unseren Ländern geschlossen wurden, hielt ich es für eine gute Idee, Ihre Sprache zu lernen und hierherzukommen, um zu arbeiten.« Er schüttelt den Kopf. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie uns so ablehnen.«

Annie ist unsicher, was sie dazu sagen soll. Es geht sie ja auch gar nichts an. »Man muss sich eben anpassen …«

Vieri sieht sie voller Empörung an. Annie wird rot.

»Meinen Sie das wirklich? Und wie, denken Sie, muss ich das tun? Ich spreche Ihre Sprache, ich arbeite jeden Tag zehn Stunden, ich bin pünktlich, ich mache meine Arbeit, ich trinke nicht. Es reicht trotzdem nicht aus. Es wird nie ausreichen.« Er blickt zu Boden.

»Herr Vieri, es tut mir sehr leid, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Jeder hat doch Sorgen.«

Vieri erhebt sich. »Ja, Sie haben recht, Signora Lehmann. Bitte verzeihen Sie. Es ist nicht Ihr Problem. Was bin ich Ihnen schuldig?«

»Nichts, Herr Vieri. Es ist schon gut. Wir sind nicht alle so, wie Sie denken.«

Wieder bohrt sich sein Blick direkt in ihr Innerstes, so fühlt es sich zumindest an. Seine Stimme ist warm und weich, sie lässt Annie an Olivenhaine und Lavendelfelder denken, an das blaue Meer, das sie nur aus Magazinen kennt. Sie möchte, dass er weiterspricht. Doch er nickt ihr nur noch kurz zu und geht hinaus. Annie Lehmann tritt ans Küchenfenster und sieht ihm nach. Er ist mittelgroß und kräftig und läuft aufrecht und zügig. Sie ist beunruhigt und weiß nicht genau, warum. Annie Lehmann räumt das Desinfektionsfläschchen und die verbrauchten Tupfer weg und macht sich daran, das Mittagessen für ihre Kinder vorzubereiten.

6
Advent 2012

Sigrun und Gudrun Lehmann saßen nebeneinander auf dem Dreiersofa ihrer dunkelgrünen kunstledernen Sitzgruppe und blätterten durch ein altes Familienalbum, das auf dem höhenverstellbaren Mahagoni-Couchtisch lag. Der Sitzgruppe gegenüber befand sich ein übergroßer Flachbildfernseher in einer passenden Mahagoni-Schrankwand. Sie hatten die Jalousien hochgezogen, doch draußen herrschte noch das Dunkel der Winternacht. In der Scheibe des Fensters spiegelten sich die beiden Schwestern in ihren auftragenden Morgenmänteln unter dem gebogten, mit Blumenmuster verzierten weißen Store zwischen den Keramiktöpfen der Schamblume, des Safranwurzes, der Glückskastanie und des großen roten Weihnachtssterns wider. Ihre Augen waren mit tiefen Schatten unterlegt, sie hatten in der Nacht keine Sekunde geschlafen und endlos miteinander geredet. Erst früh an diesem Samstagmorgen hatten sie ein paar Stunden unruhigen Schlaf gefunden.

Das Album, gebunden in braunes, abgegriffenes Leder und mit Seiten aus schwarzem Karton, zwischen denen Spinnenpapier die alten Aufnahmen schützte, enthielt Fotos von ihren Eltern und ihnen beiden. Ihre Mutter lächelte auf keinem einzigen Bild, ihr Vater hingegen sah auf jedem Foto aus, als platze er beinahe vor Stolz. Auf den hinteren Seiten klebten Babybilder ihres kleinen Bruders Holger. Das letzte Foto im Album zeigte ihre Mutter vor einem Teller dampfender Spaghetti. Sie lachte in die Kamera. Auch auf der vergilbten Schwarz-Weiß-Aufnahme war zu erkennen, was für eine schöne Frau sie gewesen war, ganz der Typ Grace Kelly. Beide Schwestern konnten sich gut an jenes Mittagessen erinnern, es war das erste Mal gewesen, dass ihre Mutter etwas so Exotisches gekocht hatte. Sie hatten köstlichen Spaß daran gefunden, die langen Nudeln in den Mund zu schlürfen, und sie alle hatten viel dabei gelacht.

Das Album war das einzige, das sie besaßen. Ihr Vater hatte nach dem Verschwinden ihrer Mutter keine Fotos mehr von ihnen gemacht. Es war, als wäre auch er in jenem kalten Winter fortgegangen. Er hatte das Haus noch im Sommer 1965 verkauft, und sie waren in eine Wohnung in einem der Hochhäuser am Ostpreußendamm gezogen. Der Traum vom Häuschen mit Garten hatte nicht einmal ein Jahr gewährt. Nach ihrem Umzug hatten sie auch ihren Großvater nicht mehr gesehen. Ihr Vater hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen. Sie konnten sich nur noch vage an den rotgesichtigen älteren Mann erinnern, der immer sonntags zum Mittagessen bei ihnen gewesen war. Das Jugendamt hatte im Sommer 1965 bestimmt, dass der kleine Bruder bei der Tante leben sollte. Die wollte aber die Mädchen nicht aufnehmen. Als die zuständige Sachbearbeiterin des Jugendamts kurz darauf in Rente ging, wurde der Familie kein Interesse mehr entgegengebracht, und Sigrun und Gudrun Lehmann mussten zusehen, wie sie alleine über die Runden kamen. Gudrun übernahm den Haushalt und kümmerte sich, so gut es ging, um ihre kleine Schwester. Gudruns Klassenlehrerin, Fräulein Wolke, griff ihnen unter die Arme und sorgte dafür, dass der Vater die notwendigen Papiere unterzeichnete. Sie holte eine Nachbarin der Lehmanns, eine alleinstehende ältere Dame, ins Boot, die ebenfalls regelmäßig nach den beiden Mädchen schaute.

Ihr Vater trank immer mehr. Ende der Sechziger verlor er seine Arbeit, und für eine Weile war das Geld sehr knapp. Dann starb der Großvater und hinterließ ihnen ein kleines Vermögen. Durch die Unterstützung der älteren Dame von nebenan blieb die Familie zusammen, bis Ernst Lehmann 1976 an Leberzirrhose starb. Nach dem Tod des Vaters kehrte Holger zu den beiden Schwestern zurück. Er war der Tante zu anstrengend geworden. Gudrun war mit beinahe zwanzig mündig – das Gesetz zur Neuregelung des Volljährigkeitsalters war Anfang 1975 in Kraft getreten –, und so stand der mittlerweile vierzehnjährige Bruder eines Tages vor ihrer Tür. Die Geschwister kamen nicht gut miteinander aus, Holger schwänzte die Schule und hatte die falschen Freunde. Er geriet ins Visier der Polizei. Einen Sommer lang klaute und dealte er. Als Gudrun davon erfuhr, drohte sie ihm, ihn rauszuschmeißen. Der damals Fünfzehnjährige lachte sie aus, packte seine Tasche und verschwand. Seitdem hatten die beiden Schwestern nie wieder etwas von ihm gehört.

»Wir müssen ihn unbedingt finden. Martin muss nach ihm suchen, er hat doch sicherlich Möglichkeiten, die wir nie hätten. Unsere Annonce blieb ja leider erfolglos. Holger muss doch auch erfahren, dass Mama uns nicht einfach verlassen hat. Er muss die Chance bekommen, seinen Frieden mit ihr zu schließen. Gudrun, wenn ich überlege, wie oft ich sie zum Teufel gewünscht habe … Ich schäme mich so dafür.« Sigrun weinte leise.

Gudrun nahm die Hand ihrer kleinen Schwester und drückte sie. Sie hatte es immer gewusst. Die Erinnerung an ihre Mutter war verschwommen, doch das Gefühl von Sicherheit, von Wärme und Liebe war tief in ihr Unterbewusstsein eingebrannt. Niemals hätte die Mutter ihre Kinder verlassen. Sigruns Wut war im Laufe der Jahrzehnte in ein schweigendes Verdrängen der Vergangenheit übergegangen, sie hatte jedes Gespräch über die Mutter abgeblockt. Deshalb hatte Gudrun niemals mit ihr über dieses Gefühl geredet.

Ihr Blick fiel auf das letzte Foto im Album. Zum ersten Mal sah sie es deutlich im Gesicht ihrer Mutter, sie erkannte es an deren offenem Blick und ihrem strahlenden Lächeln: Annie Lehmann war verliebt gewesen in den Fotografen dieser Aufnahme.

*

Zwei Häuser weiter hatte sich Lea über Nacht von ihrem grippalen Infekt erholt. Ihre Wunderwaffe hatte die übliche Wirkung gezeigt. Das Fieber war verschwunden, ihr tat nichts mehr weh, und das bisschen Schnupfen machte ihr nicht viel aus. Sie fühlte sich noch etwas schlapp, aber die Aufregung über die Ereignisse des Vortags ließ sie ihre Puddingbeine ignorieren. Martin hatte einen neuen Fall, und dieses Mal würde sie richtig mit einsteigen. Sie stand vor Glander und Merve und hatte ein Glas frisch gepressten Orangensaft in einem Zug geleert.

»Jeder findet die beiden anstrengend und irgendwie seltsam, aber jetzt ist doch auch klar, warum sie so sind. Wir müssen ihnen helfen! Was meint ihr? Martin? Merve?«

Die Angesprochenen saßen mit ihren Kaffeebechern an Leas massivem Esstisch. Merve hielt Lea eine Taschentuchbox entgegen, mit der anderen Hand schob sie den Zucker hinüber zu Glander. Der schaufelte sich drei gehäufte Löffel in seinen dreifachen Espresso.

Lea zog ein Tuch aus der Box und schnäuzte sich laut. »Ach, kommt! Ich weiß doch, dass es euch in den Fingern juckt. Ich werde Margot fragen, ob sie weiß, was damals passiert ist.« Sie hielt inne, musste aber doch nicht niesen. »Noch besser: Ich rede mit dem alten Kowalski, der weiß bestimmt was, denn der war ein Nachbar von der Familie Lehmann. Ich bin sicher, der hat damals viel mitbekommen. Und ich glaube, Hardy Michalke ist hier aufgewachsen, bei dem kann ich auch mal nachfragen.«

Margot Wieland würde sich sicherlich noch gut an das Verschwinden der jungen Mutter erinnern. Sie war Mitte siebzig und sowohl körperlich als auch geistig erheblich fitter als eine Reihe jüngerer Nachbarn. Sie und ihr Mann waren eines der ersten Ehepaare, die ein Haus in der Neubausiedlung Monschauer Weg, so hieß das Eifelviertel offiziell, bezogen hatten.

Merve schüttelte lächelnd den Kopf und sah Glander dabei an. Auch sie hatte die allgemein als kauzig betrachteten Lehmann-Schwestern in ihr Herz geschlossen, seit die ihre beiden Nichten regelmäßig an den Wochenenden mit auf den Reiterhof nahmen. Dieser Fall, bei dem alle Spuren schon kalt waren, wäre keine leichte Aufgabe, aber genau das war es, was sie und Glander daran reizte, das wusste Lea. Der Hilfe von Lutz Harnack konnten sie sich gewiss sein. Er würde auch dieses Mal die Vorschriften ignorieren und Glander die Ergebnisse seiner Tests mitteilen, wenn sie vorlägen. Glander hatte ihr erzählt, dass er den alten Freund in der gemeinsamen Schulzeit einmal aus dem Wannsee gezogen hatte, nachdem die Klassenrowdys ihn mitsamt seinem schweren Ranzen hineingestoßen hatten. Glander war damals schon wie ein Fisch geschwommen und hatte gewusst, dass der Brille tragende Klassenkamerad nicht schwimmen konnte und untergehen würde wie ein Stein, also war er hinterhergehechtet und hatte den prustenden Lutz aus dem Wasser gezogen. Danach hatte es Senge für den Anführer dieses gefährlichen Streichs gegeben, und Lutz hatte fortan Ruhe. Er war seitdem Glanders ergebenster Freund und scherte sich nicht um die innerbehördlichen Regeln, wenn es um Glander ging. Erachtete er es für nötig, fanden seine Ergebnisse den Weg zu seinem alten Jugendfreund und Lebensretter.

Glander öffnete seinen Laptop. »Okay, dann wäre das entschieden, wir helfen den beiden. Lea, du befragst die Nachbarn. Sie sollen dir alles erzählen, an das sie sich erinnern können – vom Verschwinden von Annie Lehmann und von ihrem Eindruck von der Familie. Frag sie auch, ob ihnen irgendwelche Fremde in der Gegend aufgefallen sind. Es ist lange her, aber die Leute waren damals alle relativ frisch hierhergezogen, ich kann mir vorstellen, dass sie sich an diese Anfangszeiten noch gut erinnern. Merve, du durchforstest bitte die Zeitungsarchive und bringst in Erfahrung, ob in der Zeit um das Verschwinden von Annie Lehmann irgendetwas Interessantes vorgefallen ist. Und du suchst den kleinen Bruder. Der war zwar noch keine drei Jahre alt, als seine Mutter verschwand, aber ich möchte ihm trotzdem ein paar Fragen stellen, und die Runen haben uns ja gebeten, ihn ausfindig zu machen. Sie sagten, sie wüssten nicht, wo er sich jetzt aufhält. Der Kontakt sei abgebrochen, nachdem er als Teenager in die falschen Kreise geraten sei. Vielleicht lebt der Kollege noch, der damals die Ermittlungen in der Vermisstensache Annie Lehmann führte, und kann uns seine Eindrücke schildern. Merve, kannst du deine Bekannte aus der Personalabteilung bitten nachzuschauen, ob sich etwas findet? Ich werde mich dann, sobald es geht, mit dem Kollegen treffen. Wie wollen wir den Fall nennen? Merve, du bist an der Reihe, einen Namen auszusuchen.«

Glander und Merve hatten sich dafür entscheiden, ihren Fällen Namen zu verleihen. Fallnummern waren schön und gut, und sie mussten solche auch vergeben – ihre Steuerberaterin bestand darauf –, aber jede Sonderermittlung beim LKA oder BKA bekam einen Namen, und sie gaben nun ihren Fällen auch welche.

Merve überlegte nicht lange. »Rabenmutter. Das ist eines der gemeinsten Wörter der deutschen Sprache. Gudrun Lehmann hat den Begriff gestern mehrfach verwendet, angeblich haben die Nachbarn ihre Mutter damals so genannt. Eine Frau, die ihre drei Kinder einfach so zurücklässt, war ein gefundenes Fressen für die Geier. Gudrun Lehmann sagte mir auch, es hätte ihr jedes Mal wehgetan, wenn sie dieses Wort hörte, denn sie habe nur gute Erinnerungen an ihre Mutter. Sie sei sehr liebevoll gewesen. Genau genommen ist dieses Wort in solch einem Zusammenhang total unpassend. Weibliche Raben sind sehr vorbildlich in der Aufzucht ihres Nachwuchses. Und generell sind diese Tiere sehr erfindungsreich und intelligent. Deshalb müsste die Bezeichnung Rabenmutter eigentlich ein Kompliment sein. Bedenkt man dies, wäre der Begriff wiederum sehr passend, denn Annie Lehmann hat ihre Kinder ja nicht im Stich gelassen.« Mit einem düsteren Blick in die Runde fügte sie sotto voce hinzu: »Sie wurde ihnen genommen …«

Glander nickte bekräftigend. »Also dann: Wir ermitteln im Fall Rabenmutter. Ab jetzt läuft die Uhr, und es werden Belege gesammelt.« Als er Leas zweifelnden Blick bemerkte, zwinkerte er ihr zu. »Keine Sorge, die beiden bekommen Vorzugskonditionen. Wir möchten sie ja noch möglichst lange als Nachbarinnen behalten. Dennoch mache ich gerne alles beim Fiskus geltend, was möglich ist.«

Glander fuhr kurz darauf in seine Agenturräume in Schöneberg und Merve in ihre Wohnung in Kreuzberg. Da Lea zunächst nicht so recht wusste, was sie mit sich anfangen sollte, backte sie Zucchinimuffins. Die ließen sich schnell zubereiten, und das Hantieren in der Küche lenkte sie ab, sodass sie ihre Gedanken sortieren konnte.

Die Nachbarinnen waren wohl bei ihren Pferden, denn als sie ihnen Bescheid geben wollte, dass sich Martin und Merve des Falles annehmen würden, reagierte niemand auf ihr Klingeln. Lea hinterließ ihnen eine kurze Notiz. Anschließend schaute sie im Grundbuchauszug nach, der dem alten Kaufvertrag ihres Hauses beilag, und fand die Namen der Erstbesitzer, die das Haus Mitte der Siebziger an Erwin Bäcker verkauft hatten. An einem Sonntag wollte sie den für ihre kleine Siedlung zuständigen Verwalter nicht mit einem Telefonat belästigen, deshalb schickte sie ihm eine SMS mit der Bitte, sie möglichst zeitnah wissen zu lassen, ob und, wenn ja, wie die Erstbesitzer zu kontaktieren seien. Die müssten weit über achtzig sein, wenn sie noch lebten.

Lea holte die Zucchinimuffins aus dem Ofen, stellte sie zum Abkühlen auf die Arbeitsplatte und brach dann zu ihrer üblichen Mittagsrunde mit Talisker auf. Auf dem Rückweg traf sie auf eine kleine Gruppe von Nachbarn.

In Reihenhaussiedlungen neigen die Bewohner zur Clusterbildung, wenn etwas den Alltag unterbricht, und das Eifelviertel stellte da keine Ausnahme dar. Die Nachbarn standen einmal mehr dicht zusammen, und alle waren sie in warme Mäntel oder Jacken gekleidet. Lea wunderte sich wie jeden Winter darüber, dass fast keiner von ihnen eine Mütze trug. Es war kalt, und der Wind war unangenehm. Ab November war die Beanie ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Garderobe, je nach Winterwetterlage sogar bis in den März hinein. Die älteren Nachbarn schienen für Wind und Kälte am Haupt unempfindlich zu sein.

Zu den Hundebesitzern, denen Lea regelmäßig begegnete, hatten sich auch einige andere Eigenheimbesitzer gesellt. Und Lea war klar, dass sie nicht einfach so an ihnen vorbeigehen konnte.

Zu ihrer Erleichterung entdeckte sie ihre Freundin Kati Keller in der Menschentraube. Der Tratsch würde deshalb nicht allzu lange dauern. Sie waren beide geübt darin, sich gegenseitig aus derartigen Situationen herauszuhelfen. Madame Bovary, Bo, Katis Irish-Setter-Hündin, schmachtete Talisker an, der zielsicher ihr Hinterteil unter die Lupe nahm. Doch dieses Mal war das nur eine freundschaftliche Begrüßung, wie sie unter Hunden so üblich war. Und da die beiden großen Tiere schon viel Bewegung hinter sich hatten, legten sie sich kurz darauf entspannt nebeneinander aufs Straßenpflaster.

Hartmut, Hardy, Michalke war wie üblich nicht zu überhören. Seine Statur verlieh seiner herrlichen Berliner Schnauze eine kräftige Lautstärke. Er trug einen ordentlichen Kessel vor sich her. Und so mancher Opernsänger hätte nicht wenig für seinen Klangkörper gegeben. »Det muss man sich ma vorstelln! Da lebste jahrzehntelang mit so ’ne Leichen im Kella. Det dit keena jemerkt hat! Det muss man doch jerochen ham! Jenfalls ann Anfang. Ick kann det jar nich jloom. Bei uns inne Siedlung! Det is doch wie auss ’n Fernsehn. Kohl Käs Eifelviertel, oda? Frau Storm, wat sagen Sie denn dazu? Det is doch allet in Ihre Zeile passiat.«

Frau Storm hatte dazu keine Meinung, die sie in dieser Runde hätte mitteilen wollen. Cold Case Eifelviertel traf es allerdings gut. Seit sie ihrem fiebrigen Infekt mit dem schottischen Wasser des Lebens am Vorabend hatte Einhalt gebieten können und wieder erheblich besser beieinander war, hatte sie an wenig anderes als an den grausigen Fund, der zwei Häuser weiter gemacht worden war, denken können. Sie zwang sich zu einer gelassenen Antwort. »Offensichtlich sind manche Häuser solider gebaut worden als andere, Herr Michalke …« Den Rest des Gedankens ließ sie bewusst in der Schwebe. Die Häuser im kleinen Eifelviertel waren zwar in zwei verschiedenen Bautypen baugleich, dennoch gab es große Unterschiede in der Lärmdurchlässigkeit. Lea hatte einmal mit Margot Wieland über dieses Phänomen gesprochen, und die hatte nur gelacht und trocken gemeint, dass man beim Innenausbau in vielen Bauabschnitten offensichtlich nicht immer das gleiche Maß an Genauigkeit an den Tag gelegt habe. Die Pläne der Architekten hatten selbstverständlich Luftschichten zwischen den Brandmauern vorgesehen. Wenn aber, aus welchem Grund auch immer, ein Mauerstein aus dem oberen Stockwerk heruntergefallen und auf halbem Weg zwischen den Mauern stecken geblieben war, hatte man damals kein Aufheben darum gemacht, sondern unbeeindruckt weitergebaut. Die durch diese Nachlässigkeit erzeugten Lärmbrücken sorgten nun dafür, dass man in manchen der Häuser die Nachbarn husten hören konnte, während man in anderen dazu geneigt war, regelmäßig nachzuschauen, ob nebenan alles in Ordnung war, weil man so gar keine Lebenszeichen von drüben vernahm. Lea hatte Glück, ihre Zeile war solide gebaut. Überdies waren die Nachbarinnen Lehmann selten daheim und gingen generell zeitig zu Bett, sodass es auch abends sehr ruhig im Haus nebenan zuging.

Lea liebte diese Ruhe am Rande der bundesdeutschen Metropole und ganz speziell in ihrer abseits liegenden Ecke der Siedlung. Sie selbst fand es charmant, dass kaum eine der noch vorhandenen Wände im ursprünglichen Teil ihres Hauses ganz gerade war. Aber ihr verstorbener Mann Mark und sie hatten auch viel an dem Haus verändert. Es erinnerte nur noch vage an das Reihenendhaus, das im Frühjahr 1965 fertiggestellt worden war. Sie hatten einen Anbau von der Größe des Hauses und einen L-förmigen Wintergarten an den Süd- und Westseiten hinzugefügt. Mark hatte stützende Mauern durch Stahlträger ersetzen lassen und ihrem Heim dadurch ein offenes, lichtes und weitläufiges Flair verliehen, um das Lea nicht von wenigen Nachbarn beneidet wurde.

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23 aralık 2023
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