Kitabı oku: «Mit Leichtigkeit ins neue Leben», sayfa 3
2. Oktober
Ich verbrachte die letzten vier Tage im Haus meines Bruders bei München, um auf seine beiden Kinder aufzupassen. Er selbst machte mit meiner Schwägerin einen Kurzurlaub. Der Ortswechsel tat mir gut, ich machte ausgedehnte Radtouren oder ging bummeln und kümmerte mich nachmittags und abends um die Kinder, und in den Nächten konnte ich sogar gut schlafen. Ich hatte am Abend meines Eintreffens nur mit meiner Schwägerin gesprochen. Sie war total schockiert und nahm mich gleich in den Arm. Am nächsten Morgen schickte sie mir eine liebe SMS. Abends rief ich Metin an und bat ihn um einen Neuanfang, der sich aber weiterhin unversöhnlich zeigte. Ich hatte Angst vor dem, was auf mich zukommen würde und wollte gar nicht mehr heimfahren.
4. Oktober
Wir saßen nachmittags gemeinsam beim Anwalt und reichten die Scheidung ein. Das Gespräch dauerte zirka eine Stunde. Ich sprach langsam und wählte die Worte bedächtig. Zuvor erklärte ich ihm, dass nur mein Mann die Scheidung wollte und ich zustimmte, weil ich ihn gehen lassen musste. Mein Name wurde an erster Stelle genannt, womit ich nicht einverstanden war. Der Anwalt erklärte, dass es sich nur um eine Formalie handelte. Ich musste mich die ganze Zeit beherrschen, um nicht zu weinen. Es sollte auf dem Papier eine einvernehmliche Scheidung sein, und dank unseres langjährigen Ehevertrages und Kinderlosigkeit sollte alles schnell über die Bühne gehen. Der Anwalt fragte: „Welches Trennungsdatum soll ich eintragen?“ Wir bestimmten ein Datum, das dreizehn Monate zurück lag. Wieder auf der Straße, weinte ich hemmungslos. Metin und ich sprachen nicht mehr viel, als wir noch einen Häuserblock zusammen gingen. Dann fuhr er mit der U-Bahn zu seinem Freund, ich fuhr nach Hause. Ich war wie paralysiert und konnte nicht fassen, was wir gerade gemacht hatten. Es war absurd, vor einem Scheidungsanwalt zu sitzen, wenn man es selbst gar nicht wollte.
9. Oktober
Metin war in den letzten vier Tagen in der Türkei bei seiner Familie gewesen, um an dem Grundstücksverkauf teilzunehmen. Ich hatte ihn zum Flughafen gebracht, und beim Abschied hatten wir uns nur die Hand gegeben, ich hatte ihm viel Glück gewünscht und bestellte seiner Familie viele liebe Grüße. Wir waren schon auf dem Weg, Fremde zu werden. Er wollte seiner Mutter noch nichts von unserer Trennung erzählen, genauso wie ich es gegenüber meiner Familie und den meisten unserer Freunde noch nicht tat. Es war wie nach dem Motto „Was man nicht sagt, ist auch nicht passiert“. Wir gingen in den letzten Tagen höflich miteinander um. Ich schlich durch die Wohnung und wollte ihn nicht verärgern. Ich war durch den Aufenthalt bei meinem Bruder etwas zur Ruhe gekommen und konnte wieder durchatmen. Dennoch hämmerte der Gedanke unserer Trennung in jeder Sekunde in meinem Kopf.
10. Oktober
Ich fragte Metin, ob er mit mir im Restaurant essen wolle. Er war einverstanden. Ich hoffte, an einem neutralen Ort, an dem wir nicht streiten konnten, noch einmal freundlich über alles reden zu können. Dies gelang uns auch. Er sagte, ich wäre hundertprozentig schuld an der Trennung. Er hätte sich ein Kind gewünscht. Er würde jetzt unter der Trennung mehr leiden als ich. Ich bezweifelte das. Ich erklärte ihm, wie schlimm diese Trennung, die ich nicht wollte, für mich sei, geschweige denn eine Scheidung. Wir sprachen auch wieder über unser Sexualleben, das in den letzten Jahren nicht gut war, und wir gaben uns gegenseitig die Schuld daran. Wir hatten es in allen Bereichen vernachlässigt, und es verlief immer gleich. Wir hatten des Öfteren unsere Wünsche verbal geäußert, jedoch hatten wir uns gegenseitig keine Mühe mehr gegeben, sie zu befriedigen. Er warf mir vor, seit langer Zeit nicht mehr von mir aus zu ihm gekommen zu sein und dass ich sonntags lieber allein oder mit einer Freundin eine Radtour gemacht hätte, als mich um ihn zu kümmern. Besonders diesen Vorwurf fand ich ungerecht, denn er verließ mich am Wochenende oft schon nach dem Frühstück, um sich mit seinen Freunden zu treffen.
Er wollte eventuell jetzt schon in seine Heimat zurückgehen, da er sich sowohl Sorgen um meine Schwiegermutter machte, die eine Operation vor sich hatte, als auch um seinen Bruder. Die beiden machten ihm ständig Sorgen. Metin telefonierte ein- bis dreimal in der Woche mit seiner Mutter, und nie hatte ich ihn hinterher gut gelaunt erlebt. Seine Mutter erzählte immer, wie schwer ihr Leben wäre, und sein Bruder bemühte sich auch niemals um eine Arbeit und lebte in den Tag hinein. Metin war meistens wütend auf seinen Bruder, und wenn ich mich einschaltete und ihm zustimmte, nahm er ihn stets in Schutz. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt, und ich mochte seine ganze Familie sehr gern.
Metin erzählte, dass er fast jeden Abend mit einem seiner türkischen Freunde im Krankenhaus wäre, da die Frau des Freundes kürzlich einen Unfall gehabt hätte, dort einige Monate würde verbringen müssen und er ihm aufgrund fehlender Sprachkenntnisse beim Dolmetschen half. So auch an diesem Abend, an dem wir nach dem Essen wieder in verschiedene Richtungen gingen.
14. Oktober
Den Vormittag verbrachte ich mit Ausmisten und packte eine Flohmarktkiste. Als ich mit Tränen in den Augen zwei Stofftiere, die als Brautpaar verkleidet waren und die wir zu unserer Hochzeit geschenkt bekommen hatten, in die Kiste packte und sie Metin vorher zeigte mit den Worten „Das alles ist jetzt vorbei“, war er sogar sehr lieb: „Du musst das verstehen. Sei nicht so traurig. Das ist das Beste für uns.“ Dann diskutierten wir wieder. Unsere Themen waren unter anderem: schlechter Sex, meine Saunabesuche, die er so hasste, Situationen, in denen mich andere Männer eventuell „oben ohne“ gesehen hatten (zum Beispiel beim Umziehen nach dem Schwimmen, obwohl ich immer aufgepasst hatte), und meine Ex-Freunde, die ihm immer ein Dorn im Auge waren (obwohl ich zu keinem Kontakt hatte). Schließlich war ich vierunddreißig Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Ihm war bewusst, dass er dieses Problem bei fast jeder Frau haben würde.
Er sagte: „Sag mir, was ich falsch gemacht habe, außer dass ich nicht arbeite. Du hast viele Bewerbungen für mich geschrieben und auch keine Arbeit gefunden.“
Ich konnte die Tränen nur mühsam zurückhalten: „Alles was wir zusammen gemacht haben, ist vorbei: Essen, Freunde treffen, Urlaub …“
Er antwortete: „Das können wir doch weiter machen. Du kannst immer zu mir kommen.“ Anscheinend war er hin- und hergerissen Dann sagte er noch: „Es gibt zwei Beatrice’ – eine herzliche und eine egoistische.“
21. Oktober
Wir hatten uns eine Woche nicht gesehen. Einige Nächte hatte Metin nicht zu Hause geschlafen. Einige Male lag in der Schmutzwäsche fremde Unterwäsche, die er sich anscheinend von einem Freund geliehen hatte, als er bei ihm nächtigte. Ich hatte alle körperlichen Symptome: Herzklopfen, Atemnot, Weinkrämpfe, Blasenstörungen, Ruhelosigkeit und Appetitlosigkeit. Dennoch hatte ich meiner Familie und den meisten Freunden noch nichts gesagt. Ich war in einer Art Warteposition und ungläubigem Schockzustand.
Wir frühstückten zusammen. Er war sehr wütend und beschimpfte mich fortwährend. Es ging wieder um ein Kind, das ich unter den gegebenen Voraussetzungen nicht haben wollte, obwohl er immer wieder für einige Zeit gearbeitet hatte und geholfen hätte, die Familie zu ernähren. Es ging um sein Traumauto BMW, das ich aus Kostengründen nicht kaufen wollte. Es ging um ein Haus, das ich stattdessen kaufen wollte. Er hätte sich an seinen religiösen Festen immer allein gefühlt, da ich das Gefühl für muslimische Feste nicht gehabt hätte. Er hätte meinetwegen kirchlich geheiratet. Ich hätte immer an Urlaub gedacht. So ging es weiter und weiter. Ich weinte und weinte. Er sagte: „Deshalb bin ich nie hier: Weil du immer weinst. Ich möchte das nicht mehr sehen.“
Er zeigte mir ein ausgefülltes Formular, mit dem er Sozialhilfe beantragen wollte. „Ich muss allein aufstehen.“
Ich sagte ihm, dass er bis zur Scheidung keinen Anspruch darauf hätte. Ich verteidigte mich: „Ich habe mich doch um alles gekümmert!“
„Was hast du denn gemacht? Du bist hundertprozentig schuld. Ich habe alles für dich gemacht. Alles. Du hast Geld, ich habe nichts.“
„Ich habe immer nur für uns gedacht und gearbeitet. Wir haben immer alles geteilt, was ich verdiente. Ich habe keinen Cent mehr gehabt als du. Du wirst dich wundern, wenn du allein wohnst.“
22. Oktober
Ich musste es nun im Freundeskreis bekannt machen. Ich hatte an alle Freunde, die es noch nicht wussten, per Brief die Nachricht über unsere Trennung geschickt. Nach und nach die Freunde mündlich zu informieren, war mir nicht möglich, weil es mir so wehtat. Es war besser, es alle auf einmal wissen zu lassen. Ich hatte eine Zeichnung von zwei Pinguinen aufgeklebt, die auf zwei Eisschollen in verschiedene Richtungen treiben, und einen Fünfzeiler geschrieben, in dem wir unsere Trennung bekannt gaben, uns gegenseitig für alles bedankten und uns vorgenommen hatten, niemals schlecht über den anderen zu sprechen.
26. Oktober
Als ich abends nach Hause kam und Metin sah, fing ich wieder an zu weinen. Ich musste mich aber beherrschen, da ich mit meinem Ex-Kollegen Richard, der in der Stadt war, zum Essen verabredet war. Leider hatte er im selben Restaurant, in dem ich das letzte Mal mit Metin gegessen hatte, eine Reservierung vorgenommen. Ich erzählte Richard stockend, aber beherrscht von unserer Trennung, ich hatte mich im Griff, und er hörte gut zu, war sehr betroffen und wünschte mir Glück. Als Langzeitverheirateter konnte er meine Situation zwar nicht so richtig nachvollziehen, versuchte aber trotzdem, mir beizustehen und gab mir einige Ratschläge. Als ich zu Hause ankam, war Metin immer noch da, was mich sehr verblüffte. Ich hatte nicht vermutet, ihn zu sehen. Er hatte etwas getrunken. Es war ihm ein großes Bedürfnis, mit mir zu reden. Wir hatten ein liebes Gespräch.
„Danke für alles. Ich MUSS allein aufstehen. Wir können weiterhin befreundet sein, aber das willst du nicht. Ich kenne dich. Ruf mich in einem Jahr an und frag: Was hast du gemacht, wie geht es dir? Du hast zu früh allen Bescheid gesagt. Was ist, wenn wir wieder zusammen sind?“
An diese Worte klammerte ich mich immer, wenn er sie sagte. Gleichzeitig war ich Realist genug, um zu wissen, wie lange ein Jahr dauert und was in diesem Jahr alles passieren kann.
„Aber du willst dich von mir scheiden lassen. Du willst mit deiner geschiedenen Frau wieder zusammen sein?“
„Es ist nur ein Papier. Ich möchte nicht, dass du weinst. Bitte mach es mir nicht so schwer. Deshalb gehe ich abends immer weg.“
Nach dem Gespräch ging es mir wesentlich besser. Zum Schluss umarmten wir uns. Er wollte mit mir Sex haben. Ich sagte, dass ich dann wahrscheinlich weinen müsste. Wir taten es nicht.
28. Oktober
Morgens sagte ich ihm, dass es mir seit unserem letzten Gespräch besser ginge. Er freute sich. Wir umarmten uns nochmals. Es ging mir so gut, dass ich mit ihm durch die Wohnung ging und ihm die Möbel zeigte, die er mitnehmen sollte, da er keine hätte. Er sagte, er bräuchte nur die Dolby-Surround-Anlage, alle anderen Möbel würde er sich vom Erlös des Grundstücksanteils kaufen.
29. Oktober
Metin schlief nicht zu Hause. Mein Bruder kam mit seiner Familie für ein paar Tage nach Berlin. Sie wohnten in einem Hotel. Abends gingen wir alle mit meiner Schwester und ihrer Familie, meiner Mutter, ihrem Bruder und seinen Kindern zum Essen. Ich informierte meine Familie darüber, dass Metin und ich uns einvernehmlich getrennt hatten und dass, sollten sie ihn treffen oder sollte er ab und zu wieder dabei sein, es schön wäre, wieder unbeschwert zusammenzusitzen. Ich wollte nicht schlecht über ihn sprechen. Es fiel mir unendlich schwer, das zu sagen, ich musste mich sehr darum bemühen, nicht die Fassung zu verlieren, und ich hoffte, dass das, was ich sagte, sich realisieren ließe.
Unsere Wohnung hatte ich gekündigt. Mir war klar, dass ich nach einem Auszug Metins nicht allein dort wohnen wollte. Meine Schwester Patrizia bot mir an, in ihr Haus zu ziehen, was sicher für einige Wochen gehen würde, bevor ich mir ein Zimmer in einer WG nehmen wollte. Sie wohnte zwar im Umland Berlins – aber bloß nicht allein wohnen!
1. November
Ich erhielt eine Postkarte meiner lieben Freundin Verena. Auf dem Bild war eine weiße Taube zu sehen, die aus einem offenen Käfig flog. Der Text: „Manchmal denkt man, es ist stark, festzuhalten. Doch es ist das Loslassen, das wahre Stärke zeigt.“ Sie hatte nur ein Herz gemalt und „deine Verena“ unterschrieben. Ich las den Text wieder und wieder, weinte und weinte und war unendlich dankbar, sie zur Freundin zu haben.
3. November
Ich war für zwei Tage mit einer Kollegin in Köln auf einer Messe. Es ging mir unglaublich schlecht, am liebsten hätte ich wie jeden Tag ununterbrochen geweint, aber ich musste mich beherrschen und mich auf die Gespräche konzentrieren und ließ mir nichts anmerken. Abends ging ich mit ihr essen und beim Verdauungsspaziergang am Kölner Dom vorbei. Wir gingen hinein. Es fand gerade eine Messe statt. Die Atmosphäre beruhigte mich etwas. Als ich endlich in meinem Hotelzimmer war, bekam ich plötzlich fürchterliche Bauchschmerzen und musste mich übergeben. Mir war total übel, ich bekam Schüttelfrost und schlief erst mitten in der Nacht ein. Am nächsten Morgen waren die Symptome Gott sei Dank verschwunden. Anscheinend hatte mein Körper total verrückt gespielt.
Wieder zu Hause angekommen, fühlte ich mich unendlich einsam, mein ganzer Körper schmerzte, und ich schrie und weinte vor Schmerz und Kummer. Ich schmiss mich auf mein Bett und trommelte mit den Fäusten gegen das Kissen. Mein Weinkrampf wollte nicht enden. Ich wusste nicht, wie ich die nächsten Monate überstehen sollte.
4. November
Metin und ich hatten uns eine Woche nicht gesehen und gesprochen. Er hatte nur eine Nacht zu Hause geschlafen. In der Post war ein Nachsendeantrag für ihn. Ich bekam einen erneuten Adrenalinstoß. Ich konnte durch das Brieffenster seine neue Adresse lesen. Sie war in einem Bezirk, in dem die meisten Türken in Berlin wohnen. Ich zitterte und weinte, als ich den Brief öffnete und mich vergewisserte. Ich beschloss, dort hinzufahren, wenn es dunkel war. Er war wirklich ausgezogen! Ich konnte nicht mehr klar denken und kaum noch atmen. Um 16.30 Uhr stand ich vor seinem Haus. Zwei Türken kamen aus einem Laden, der sich im Erdgeschoss befand. Ich fragte sie nach ihm, sie sagten mir, er wohne im Hinterhaus im Erdgeschoss. Als ich durch den Hof ging, konnte ich in ein Zimmer schauen, in dem das Licht brannte, und sah ihn. Vor dem Fenster gab es keine Gardinen. Ich ging zur Wohnungstür, wollte klingeln und spähte vorher durch den großen Spion. Ich sah den Flur, der in ein Zimmer mündete. Ich sah ihn umhergehen, dann sah ich eine schwarze Katze. Metin hasste Katzen. In diesem Moment kam eine junge Frau mit schulterfreiem T-Shirt und hochgesteckten Haaren aus einer Tür, die rechts vom Flur abging. Es war wahrscheinlich das Bad. Ich konnte nicht mehr atmen und war wie gelähmt. Sie ging zu ihm. In diesem Moment erhielt er einen Anruf und sagte danach auf Türkisch zu ihr, dass seine Frau vor fünf Minuten hier gewesen wäre. Anscheinend hatte ihn einer der Männer informiert. Er verzog das Gesicht. Sie sahen sich einen Moment schweigend an. Ich klingelte. Es dauerte einen Moment, bis er die Tür öffnete. Ich war wie panisch und stürmte an ihm vorbei durch den Flur in das Wohnzimmer, von dem aus die offene Küche und das Schlafzimmer abgingen. Ich sah sie nicht. Ich sah nur ein leeres Wohnzimmer mit einem Fernseher und einigen Flaschen auf dem Boden, eine leere Küche und im Schlafzimmer eine Matratze und einige Tüten. Er schrie: „Was machst du hier?“ Ich riss die Badezimmertür auf, und da saß sie auf dem Wannenrand. Sie war Türkin und sah aus wie Anfang zwanzig, das heißt zirka fünfzehn Jahre jünger als er, und ich fand sie ausgesprochen unattraktiv. Ich fragte sie, ob sie Deutsch versteht. Sie nickte. Ich fragte Metin, wie lange das schon ginge mit ihr. Er sagte: „Zwei Wochen.“ Ich schrie ihn an, dass er letzte Woche noch Sex mit mir haben wollte. Er schrie zurück, dass wir seit zwei Monaten getrennt wären.
Er wollte mit mir auf die Straße gehen, wo wir weitersprachen. „Ich habe gesagt, dass ich allein leben wollte. Ich habe gesagt: Ruf mich in einem Jahr an.“ Ich fragte: „Liebst du sie?“ Er antwortete: „Nein, aber ich probiere. Ich bin schon alt, und wir hatten kein Kind.“
„Ich bin schockiert. Erst sagst du, du willst allein leben, dann hast du schnell eine andere Frau.“
„Das ist mein Leben! Wir leben nicht zusammen. Die Wohnung gehört mir allein.“
„Sie hat eine Katze. Wenn die Katze auch da ist, wohnt sie bei dir.“
Ich redete ohne Zusammenhang: „Ich bin erstaunt, wie schnell das bei einer türkischen Frau geht. Oder du kennst sie schon länger und hast mich angelogen. Ich dachte, du hättest mehr Geschmack, sie ist sehr hässlich. Eine Frau mit Stil und Verstand macht das nicht.“
Als ich wieder in meinem Auto saß, rief ich Patrizia an und erzählte unter Tränen das soeben Erlebte. Sie war tief bestürzt und konnte es nicht glauben. Sie und Metin hatten sich auch immer gut verstanden. Danach rief ich Metin nochmals an, und wir hatten im Prinzip denselben Dialog wie wenige Minuten zuvor auf der Straße.
Ich konnte nicht wegfahren, ich musste noch einmal zurück- gehen, spähte noch mehrmals durch den Spion und die Fenster und drehte zwischendurch immer eine Runde um den Block, um meine Gedanken um das Gesehene, das so unfassbar war für mich, irgendwie zu ordnen. Einmal liefen beide herum und räumten etwas auf, das andere Mal sah ich beide, sich umarmend, auf der Matratze liegen. Dann stand er auf und hängte Handtücher vor die Fenster.
Irgendwann fuhr ich nach Hause. Mein Martyrium fing jetzt erst an. Solange wir noch zusammen wohnten, hatte ich auf einen Neuanfang gehofft, aber nun war er weg, noch dazu mit einer anderen Frau, und die Realität war schockierend.
Ich trank eine ganze Flasche Rotwein, fing an zu rauchen und weinte stundenlang. Mein Schmerz kannte keine Grenzen.
5. November
In der Nacht machte ich kein Auge zu. Ich dachte nur an ihn und sie und machte mir ohne Ende Vorwürfe, dass ich auf allen Ebenen versagt hätte und dass er jetzt heiße Nächte mit ihr verbringen würde. Der Gedanke, dass er eine andere Frau umarmte und mit ihr schlief, war unerträglich. Mein Magen schmerzte, und ich lief wie ein Tiger in der Wohnung hin und her, unfähig zu einem klaren Gedanken. Mittags rief ich ihn an. Ich rechtfertigte mein gestriges Kommen: Ich hatte durch die Post von seiner Wohnung erfahren und wollte ihn sprechen. Woher sollte ich wissen, dass er nicht allein war?
„Ich wollte nicht, dass du weißt, wo ich wohne. Es ist schon vorbei mit ihr.“
„Bist du traurig?“
„Nein. Ich habe heute überlegt, ich gehe schnell in die Türkei zurück.“
„Du schläfst mit einer anderen, und ich wasche noch deine Wäsche.“
„So war das nicht.“
„Du kannst mir glauben: Das ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann.“
„Ja, das glaube ich.“ Dann sagte er noch: „Du respektierst meine Mentalität nicht.“
Der Tag war ein Albtraum. Ich machte einen Plan bis zu meinem Auszug: Ich musste einige Möbel verkaufen und weiter ausmisten. Am Schlimmsten war es, die Couch zu sehen, auf der er oft gelegen hatte, und seine leere Kleiderschrankhälfte.
Verena hatte mir einen Brief geschickt mit einem selbst verfassten Gedicht über den trüben November, Kummer und Schmerz. Es endete: „Denn wenn die dunklen Nebelschleier sich demnächst auch wieder heben, ist jeder Tag wie eine Feier, und weiter geht das schöne Leben.“ Das Gedicht war zwei A4-Seiten lang. Wie viel Mühe hatte sie sich gegeben …
6. November
Es ging mir so schlecht, dass ich mittags das Büro verlassen musste. Ich hatte starke Magenschmerzen, nicht mehr an mich halten können und meiner Kollegin Anita von der Trennung erzählt. Meine schlechte Verfassung war ihr schon seit Wochen aufgefallen. Sie umarmte mich und lud mich zu sich nach Hause ein, um einen entspannten Nachmittag mit ihrer Familie zu verbringen. Ich dankte und sagte ab – ein intaktes Familienleben war das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Sie lud mich ein, immer zu kommen, wenn ich mich schlecht fühlte, und sie bot sich an, mit ihrem Mann vorbeizukommen, wann immer ich Hilfe bei den anstehenden Wohnungsarbeiten bräuchte. Sie war so lieb, und das tat gut.
Als ich vor meinem Wohnhaus ankam, kam Metin die Treppe herunter. Er lud seine Sachen in das Auto seines Freundes. Als er mich sah, sagte er: „Entschuldigung, ich wollte nicht, dass du das siehst mit der Frau.“ Ich ging nach oben, er kam hinterher. Es ging um die Dolby-Surround-Anlage und den Fernseher.
„Ich habe gestern einen Fernseher gekauft. Ich wollte noch mal sagen: Sie wohnt nicht bei mir. Ich habe sie zweimal getroffen.“
„Aber ihre Katze ist bei dir.“
„Ich soll eine Woche auf ihre Katze aufpassen. Ich sage ihr, in drei Tagen soll die Katze weg. Ich will auch nicht mehr. Nochmal Entschuldigung. Ich komme noch einmal und hole den Rest. Ich schaffe nicht alles.“
„Wenn du nochmal kommst, kannst du das Auto nehmen. Es ist vollgetankt.“
„Ich nehme deine Sachen nicht. Ich komme morgen und hole den Rest.“
Ich glaubte nicht, was er gerade über sie gesagt hatte.
Dann ging er. Es war wohl einer der schlimmsten Momente bei einer Trennung: wenn die Haustür zufällt, und der andere ist definitiv weg. Ich stand noch lange regungslos da, aber mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Aus seiner Sicht war es richtig, dass er ging. Er war konsequent und brauchte Freiheit.
Abends besuche ich Tatjana, die Freundin meines Onkels, in ihrer Wohnung. Bloß nicht allein zu Hause bleiben! Hauptsache, ich konnte darüber reden.
