Kitabı oku: «Der Vorhang»
BEATRIX LANGNER
DER VORHANG
Eine (beinahe) wahre Geschichte
Roman

Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit, nur dass ihr wen’ger noch, als was die Zeit ist, seid.
Paul Fleming
wol, der das vergessen doch sehen und klagen kan, unselig aber, die auch das vergessen noch dazu vergessen.
Martin Luther
Wenn das triste Rinnsal an den feindlich-grauen Abhängen bis unten hin geflossen ist, kommt es bei einem Sumpf an, der hat den traurigen Namen Styx.
Dante, La Commedia
Ohne eine Ewigkeit, ohne einen feinfühligen und geheimen Spiegel, der auffängt, was je durch die Seele ging, ist die Weltgeschichte verlorene Zeit und in ihr unsere persönliche Geschichte – wodurch wir auf unbehagliche Art zu Gespenstern werden.
Jorge Luis Borges, Die Geschichte der Ewigkeit
Inhalt
Die Winterreise // Mutterkind Das Loch // Wabi-Sabi // Störungszone Familienalbum // Finis Germaniae Die Legende vom Nachkrieg // Der Vorhang Das geteilte Kind // Neue Leben Die unheilige Familie // Penelope 1957 Das Gedächtnis der Dinge // Gespenster Das Wäldchen // Das elfte Gebot Die Erinnerungen der Anderen // Das Gedächtnis der Bäume // Der Krieg um den Wald Schwarze Spiegel // Missglückte Heimat Das verschwundene Bergwerk
Die Winterreise
Unersättlich der Schlund, der an der Erde saugt; wie ein urzeitliches Insekt gräbt sich der Bagger in ihren Leib. Die Wunde. Das Loch. Es hat Dörfer verschluckt, jetzt frisst es sich an die Städte heran, auf Raupen bewegt es sich, es knabbert schabt scharrt, es schlägt seine Schaufelzähne knirschend durch Ton Schiefer Sand, seine Augen glühen weiß in der Dämmerung, träge wie ein Ozeanschiff in der Wüste bewegt es sich voran, Immerath schon verschwunden, Morschenich, Etzweiler, Kuckum, in Manheim schleicht eine magere Katze über den Schotter, Wind raschelt im Gesträuch, eingeschlagene Fenster, schiefe Türen, zerschlitzte Dachrinnen, Tapetenmuster und BRAVO-Poster halten noch die Wände der Häuser zusammen, in denen Menschen gewohnt haben, bevor eine Macht, unsichtbar wie Strahlung, sie aus ihren Dörfern vertrieben hat und aus ihren Häusern und Höfen und Gemüsegärten, Feuerwehrschuppen, Kirche, Friedhofskapelle, Schützenverein, alles weg, sogar die Toten mussten umziehn mitsamt ihrer Mitwohnerschaft aus fettem Gewürm, aber bevor die Dörfer sterben, verschwinden die Kinder von den Dorfstraßen, Schulen werden geschlossen, Buslinien eingestellt, dann kommen die Konzernvertreter mit ihren Aktentaschen, aus denen sie Kaufverträge ziehen, und erst Jahre danach erscheinen am Dorfrand die ersten Maschinen, größer als Ozeanschiffe und höher als der Immerather Dom, und der Wind ist dann schwer von Staub, der über die aufgelassenen Scheunen und Ställe und Äcker bläst und die dünne Lößschicht davonträgt, bis das Land nackt und leer unter der brennenden Sonne glüht, wo nichts lebt als streunende Katzen, die von barmherzigen Händen gefüttert werden. Das ist wie im Krieg, sagen die Bewohner der Bucht, das ist der Krieg der Industrien gegen die Stille in den Höfen.
Weißt du noch, sage ich, das war in diesem heißen Sommer, du hattest das Sommerkleid mit den großen schwarzen Knöpfen an, schäumend schoss die Kall, oder war es die Rur, zwischen den dicht bewachsenen Ufern, das Wasser sprang über große Steine, immer schneller, immer lauter schwoll das Rauschen bis zu einem bedrohlichen Brüllen, du bist in deinen Badeanzug gestiegen, hast dir die Locken unter die Gummibadekappe gestrichen, die mit kleinen weißen Gummiröschen verziert war, und mit gestreckten Zehen den Ufergrund abgetastet, ich sehe dich vor mir, wie du einen Fuß vor den andern gesetzt und dabei so komisch mit den Armen gerudert hast, um nicht auf den glitschigen Steinen das Gleichgewicht zu verlieren, dann bist du in die Knie gegangen, hast die Arme mit zusammengelegten Handflächen nach vorn gestreckt und dich sacht in die reißende Strömung gelegt. Ich wandte mich ab und spielte mit dem Hund, wir wälzten uns im Gras, bis ich aus weiter Ferne undeutliche Rufe hörte. Die Strömung hatte dich schon weit weggerissen, ich rannte am Ufer entlang, deine Badekappe hüpfte auf und ab wie ein Ball in dem strudelnden Wasser, der Hund bellte aufgeregt, du warfst die Arme hoch, um dich dem eisernen Griff der Strömung zu entwinden, ich winkte und schrie gegen das Brüllen des Flusses an, Ufergesträuch zerkratzte mir die Arme, da erschien neben dir etwas Dunkles, die Schnauze steil aufgereckt, paddelte der Hund mit allen Kräften dem Ufer entgegen, du hast dich an seinem Halsband festgehalten und ziehen lassen, bis du wieder stehen konntest, und bist hustend und keuchend aus dem Wasser gestiegen, dein Haar klebte am Kopf, der Hund brach mit großen Sprüngen durch das hohe Gras, umkreiste uns bellend, schüttelte das Wasser aus dem Fell, setzte sich auf die Hinterbeine und sah uns aus bernsteinfarbenen Augen erwartungsvoll an.
An diesem Tag lernte ich ein neues Wort. Lebensgefahr.
Durch die Fenster flutet Nachmittagssonne, dein zimtfarbenes Haar schimmert im Gegenlicht, Schneelicht, Winterlicht. Im Radio summt leise klassische Musik, du sitzt im Sessel, den Kopf angelehnt, die Lider halb geschlossen, die weiße Stirn faltenlos, Porzellanhaut. Ein Schmetterling, eingepuppt in die Hülle einer Greisin, so sitzt du da, die kleinen Hände im Schoß gefaltet. Ich schalte das Radio aus und den Fernseher an. Hallo Deutschland, deine Lieblingssendung.
Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie lächelt mich an. Sie lockt mich, sie schneidet mir Grimassen, sie lallt und flüstert, erinnere dich, stammelt sie, damit du vergessen lernst. Sie gibt mir zu verstehen, dass ich meinen Erinnerungen nicht trauen darf. Es gibt eine Kunst des Vergessens, sagt sie, wie es eine Gedächtniskunst gibt. Du musst nur wollen, du musst dir mehr Mühe geben. Das Gedächtnis arbeitet wie ein Abraumbagger, es kehrt das Unterste nach oben, es wirbelt Zeiten und Orte durcheinander, saugt Bilder Stimmen Geräusche aus der Tiefe der Zeit an die Oberfläche und transportiert sie in die Gegenwart. Erinnerungen können nur formen, was das Gedächtnis herauffördert; was es verbirgt, bleibt für immer verborgen. Erst wenn das Vergangene zu viel von der Gegenwart besetzt, greift das Vergessen ein. Hier verschwindet ein Name, an den du dich beim besten Willen nicht mehr erinnern kannst, dort ein Wort, Gesichter verblassen, dann ganze Sätze, Kapitel, bis die Seiten in deinem Lebensbuch unleserlich geworden sind. Nur manchmal noch steigen sie ungerufen aus dem Nichts herauf, herrenlose Frachtstücke aus einer anderen Zeit, Knopfschachteln und Glasmurmeln, rosa Petticoats, mit Goldflitter bestreute Glanzbildchen und der klebrige Nebel von Haarlack, der sich mit dem stechenden Geruch von Lösungsmitteln im Treppenhaus vermischt hat.
Du musst alles vergessen, hast du gesagt, sage ich, aber ich konnte nicht. Ich bin zurückgekommen. Wie oft habe ich mir vorgestellt, wie es sein würde zurückzukommen, aus meinem untergehenden Land in die missglückte Heimat, wie oft habe ich mir ausgemalt, wie ich am Bahnhof Zoo in den Interzonenzug nach Köln steigen und, berauscht von Freiheit, die Luft eines anderen Planeten atmen würde, während vor dem Abteilfenster andere Flüsse in einem anderen Land an mir vorbeizögen. Als es dann an einem regnerischen Wintermorgen Anfang Januar endlich so weit war und ich mit rasendem Puls, den blauen Reisepass in der Hand, an den Uniformierten in ihren Glaskäfigen vorbei durch den unterirdischen Gang im Bahnhof Friedrichstraße lief und die Tür am Ende des Gangs aufstieß, das Tor in die Freiheit, da zersprang mein Herz fast vor Angst und mit jedem Schritt wurde mir beklommener zumute, als würde der Tartaros mich im nächsten Moment verschlingen, das Reich der Toten, und der Styx mich in seine Tiefe reißen, der Fluss ohne Wiederkehr, der Grenzfluss zwischen den Lebenden und den Toten.
Dein Kopf ist auf die Brust gesunken, du schnarchst leise. Der rechte Fuß ist grotesk verrenkt, deine rechte Hand liegt in deinem Schoß wie ein toter Fisch. Auf dem ovalen Couchtisch nadelt das Weihnachtsgesteck. Ich stopfe es in den Mülleimer, wische den Tisch ab und nehme eins deiner selbstgehäkelten Spitzendeckchen aus der Schrankwand. Ich breite es auf der Tischplatte aus und stelle eine leere Vase darauf. Rosige Dämmerung legt sich über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser. Im Zimmer ist es fast dunkel, im Fernsehen läuft ein Film über Nashörner.
Der Zug war halbleer, sage ich, das Abteil eisig kalt. Ein grauer, regnerischer Wintertag zog hinter den Zugfenstern auf, Nebelbänke verdeckten die vorbeifliegenden Dörfer und Städte und Bahnhöfe. Sieben Stunden später ratterte der Zug über die Rheinbrücke, vor dem Milchglashimmel duckte sich der Kölner Hauptbahnhof wie ein stählerner Spinnenleib zu Füßen des Doms, dessen Turmspitzen sich im Dunst verloren. Auf der Treppe zur Plattform drängte sich eine dichte Menschenmenge. Von den neben mir Gehenden hörte ich, dass zur Stunde der neue Erzbischof von Köln mit einem feierlichen Hochamt eingeführt werde. Widerstandslos überließ ich mich dem Sog der Körper, der mich durch das Hauptportal schleuste, das Kirchenschiff war grell ausgeleuchtet, es roch nach Parfüm und Weihrauch, Menschen in Pelzen und gepolsterten Jacken reckten die Hälse, um einen Blick auf den Kardinalbischof zu werfen, dessen zweispitzige Mütze neben dem goldenen Hirtenstab langsam über den Köpfen der Menge durch das Mittelschiff zum Altarraum schwebte. Unter den Klängen der mächtigen Domorgel, die in diesem Moment kantilierend einsetzte, verschmolz die wogende, dampfende Menge zu einem einzigen Körper, von dem ich, die Besucherin von einem andern Stern, ein winziger Teil war. Über mir stieg in erhabener Symmetrie das Deckengewölbe auf, als wollte es meiner unverhofften Anwesenheit an diesem Ort die Feierlichkeit eines Wunders verleihen, und war es denn nicht ein Wunder, dass ich hier war, an diesem nasskalten Dreikönigstag, den es nach allen Regeln der Vernunft für mich gar nicht geben durfte, in dieser Kathedrale, in der ich nicht hätte sein sollen, an dieser Stelle des Universums, genau unter dem Scheitelpunkt der Rippen des linken Seitenschiffs, an der meine Anwesenheit nicht vorgesehen war, in dieser Stadt am Fluss, aus der man mich vor langer Zeit vertrieben hatte.
Mutterkind
Ein sonniger Novembermorgen, vor mir stürzt das Land in die Tiefe, die Grube das Loch die Wunde, in meinem Rücken die letzten Häuser von Angelsdorf, im goldenen Licht glänzen Stoppelhalme über der fetten, krumigen Erde. Hier ist das Ufer. Über mir der niedrige Himmel des Nordens. Du musst alles vergessen, so lautete mein Urteil, und ich habe es versucht, ich habe sie mit der Muttermilch aufgesogen, die deutsche Krankheit, ich habe Vergessen getrunken, ich bin das vergessene Kind, der Bastard mit dem Mutternamen, euer gehorsames Hündchen, allmählich verschwimmt hinter dem dunstigen Horizont mein Jahrhundert, das Jahrhundert der Kohle und der Krematorien, Heidewitzka Herr Kapitän, ein Riss geht durch Deutschland, ich hole tief Luft und stürze mich in die Tiefe, der Rheingraben ist eingebrochen, in den Riss strömt von Norden das Meer, die Kölner Bucht läuft voll, zwischen Mönchengladbach und Koblenz breitet sich ein dreißig Kilometer weites Schelfmeer, auf der andern Seite liegt Belgien oder was davon noch übrig ist, das Ruhrgebiet ist abgesoffen, aus der Bottroper Innenstadt ragt ein Steinkorallenriff, Düren ist ein Fischerdorf am Arnoldischen Meer, am Strand von Jülich bauen braunhäutige Kinder Sandburgen, auf der Kölner Domplatte sitzen die Touristen unter Sonnenschirmen und sehen dem Platschen der Wellen zu, das keckernde Lachen einer Entenfamilie zerhackt die sommerliche Stille, unter einem ausgedehnten atlantischen Hochdruckgebiet wiegen sich Kokospalmen im Wind, Kinder lassen Segelschiffchen über die Hohe Straße gleiten, ihre Mütter sitzen auf einer Bank und erzählen den Kleineren Märchen von heiligen Männern, die in grauer Vorzeit hier Kraftwerke gebaut haben, und von den guten Riesen Zweiachtacht und Zweifünfneun, die den schwarzen Strom und den Wohlstand in die Bucht gebracht haben.
Du hast den schönsten Bauchnabel der Welt, sage ich und ziehe dir vorsichtig das Nachthemd über den Kopf. Eigentlich nur eine zarte Hautfalte, kaum sichtbar, wirklich ein Wunder der Hebammenkunst. Wenn nicht das fingerlange Schlauchstück drinstecken würde, würde man ihn gar nicht bemerken. Durch den Schlauch fließt eine milchkaffeefarbene Flüssigkeit in deinen Magen, die nach Muttermilch riecht und mir jeden Morgen von Neuem Übelkeit erregt.
Tägliche Verrichtungen. Essen, schlafen, duschen. Wer sagt mir, dass danach irgendwann noch etwas anderes kommt, das besser wäre als das hier. Jeder Tag beginnt und endet auf die gleiche Art, mit dem Blick in deine schönen leeren Augen, grüne Augen mit zarten goldenen Sprenkeln. Mit der Zeit habe ich gelernt, deine Windeln zu wechseln, dich zu waschen, die entzündeten Augen zu reinigen, die PEG zu kontrollieren, dich vom Bett in den Rollstuhl und vom Rollstuhl in den Sessel und vom Sessel wieder ins Bett zu heben, geduldig zu sein, wenn du jammerst, dich zu beruhigen, wenn du um Hilfe schreist und den Grund dafür nicht sagen kannst. Mit dem feuchten Waschlappen streife ich über Gesicht, Hals, Schultern, Arme, fädle die mageren Arme durch das Trägerhemdchen, ziehe dir den Pullover über den Kopf und kämme dein zimtfarbenes Haar, das im Morgenlicht leuchtet wie die Fresien, die es seit ein paar Tagen im Supermarkt gibt.
Schlaf noch ein bisschen, flüstere ich, ich muss jetzt arbeiten, und drücke dir einen Kuss aufs Haar.
Schade, flüsterst du und krampfst deine mageren Finger um mein Handgelenk, dass die Knöchel weiß und spitz hervortreten.
Ist ja gut, sage ich und versuche, dir meinen Arm sanft zu entwinden. Du hältst mich fest, als ich mich aufrichten will. In deiner Hand ist so viel Kraft, dass sie mich niederzwingt, erschrocken knie ich vor dir.
Ich bin doch nebenan, sage ich, du musst nur rufen.
Ist gut, flüsterst du und lässt mich frei.
Der Linienbus fuhr vom Busbahnhof hinter dem Dom, sage ich, ich erwischte gerade noch den letzten. Hinter den beschlagenen Fenstern Schwärze, es regnete noch immer, stumm reihten sich kleine Dörfer mit schmucklosen Häusern in einer endlosen Ebene, kein Baum, kein Strauch, nur vereinzelt leuchteten in der Ferne die roten Rücklichter fahrender Autos. Nach einer Stunde hielt der Bus vor dem Bahnhof von E., die Straße verlor sich im Dunkel der Felder, der Bus wendete und fuhr leer zurück. Ein paar Häuser weiter wurden an der Tür eines Lokals Fremdenzimmer angeboten. Drinnen war es laut und verqualmt, an den Tischen saßen Männer, die Unterarme auf die Tische gestemmt, der Wirt trocknete sich die Hände an dem fleckigen Geschirrtuch am Gürtel, auf dem Fernsehbildschirm über den Köpfen lief Fußball, ich fragte nach einem Zimmer, von der Antwort verstand ich nur so viel, dass er nicht mehr vermiete, ich solle im Rheinischen Hof nachfragen, dat kansse ze Fohß jänn, Meechen, de Stroos runner, ich bedankte mich und lief los, eng an den einstöckigen, braun verkachelten Häusern entlang. Mit feinen Nadeln stach der Regen ins Gesicht, eisiger Wind riss an den Ohren. Niemand war mehr unterwegs, wie ausgestorben die Straße, die sich schwarzglänzend unter meinen Schritten hinzog. Hier war es. Kino, Rheinischer Hof und daneben das Kleine Kaufhaus mit dem großen Schaufenster, unser Laden, das einzige Haus in der Straße, das statt der braunen Kacheln am Erdgeschoß einen weißen Anstrich trug. Alles war noch genau so, wie ich es mir in all den Jahren meiner Abwesenheit vorgestellt hatte, sogar der rote Kaugummiautomat hing noch immer neben der Ladentür, wie in Bernstein gegossen, konserviert für die Ewigkeit. Nur die eisernen Säulen, die den schmalen Gehweg markierten, säumten als Grenzpfähle der Gegenwart, wie mir das Gedächtnis zuverlässig meldete, die Straße, hinter der einmal die fremden Städte lagen und die Kindheit endete.
Das Hotel war verschlossen. Ich drückte die Nachtklingel; nach einigen Minuten öffnete ein Mann. Mürrisch ließ er mich eintreten, nachdem er überall Licht gemacht hatte. Im Schankraum, der zugleich Hotellobby war, roch es nach Bier und kaltem Zigarettenrauch. An einer Wand hingen hinter Glas Fotos von Karnevalsprinzen. Ich legte meinen Pass auf den Tresen, der Mann blätterte ratlos darin herum und verlangte dann, dass ich sofort bezahle; gehorsam zog ich meinen einzigen Fünfzig-D-Mark-Schein hervor und reichte ihn ihm.
Dat is aber ohne Frühstück, brummte er und steckte den Schein achtlos in seine Hosentasche.
Kein Problem, sagte ich, nahm meine Tasche und stieg die Treppe hinauf. Hinter mir erlosch das Licht, eine Tür schlug, ein Schlüssel drehte sich im Schloss, ich war allein. Im Zimmer brannte eine nackte Glühbirne an der Decke, im Nachttischschränkchen lag, in schwarzes Kunstleder gebunden, ein katholisches Gebetbuch. Schrank, Bett, Nachttische, zwei Stühle, alles helle Esche oder Birke, frühe sechziger Jahre, Gelsenkirchener Barock, das zwanzigste Jahrhundert war hier vor langer Zeit eingedöst. Ich stellte die Tasche ab, wusch Gesicht und Hände über dem kleinen Waschbecken und zog die Gardine zurück, das Fenster ging auf einen kleinen Garten mit niedrigen Obstbäumen, so viel war in der Dunkelheit zu erkennen. Es war noch zu früh zum Schlafen, ich war hungrig, das Zimmer war ungeheizt, also behielt ich den Mantel an und ging durch das kalte, stille Haus noch einmal hinunter auf die Straße. Es nieselte. An manchen Hauseingängen blieb ich stehen, berührt von dem einen oder anderen heranwehenden Gesicht, einer Straßenflucht, einem Zimmer mit Blick auf ein Vorgärtchen, die wieder verschwanden, ohne deutlich zu werden. Etwas fehlte. Kein inneres Bild wollte sich einstellen, das meine eigene Anwesenheit an diesem Ort, in dieser Straße beglaubigt hätte.
Ich bog in eine Seitenstraße ein, unversehens wuchs vor mir die Masse der katholischen Kirche in den diesigen Himmel, an deren eine Seite sich der rote Backsteinbau der alten Volksschule lehnte. Durch die Schraffur des Regens, der wieder stärker geworden war, sah ich das Klassenzimmer mit den hohen Fenstern, die Bank ungefähr in der Mitte, meine Bank, das schräge Pult aus speckigem Holz, darauf die Schiefertafel mit dem Schwämmchen, den hölzernen Griffelkasten, ich hörte, wie der Schiebedeckel scharrte, dieses herrliche Geräusch, bevor die Griffelspitze sich auf die Tafel senkt, ich erkannte meinen Griffel, schiefergrau mit einer Binde aus Papier, ich sah die Weidengerte in der Hand des Lehrers, ich hörte das Sirren der Luft, aber ich sah nicht das Kind, nicht die vorgestreckten Handflächen. Es ließ sich nicht blicken. Es musste aber doch hier gewesen sein, vielleicht stand es neben der Tafel, verdeckt von dem Kartenständer mit der großen Landkarte von Deutschland, diesem von blauen Schlangenlinien geäderten, mit Gebirgsrippen durchzogenen buntscheckigen Gebilde, im Norden grün, in der Mitte gelb, grün und braun und nach Süden immer brauner, vielleicht hatte der Lehrer es wieder in die Ecke gestellt, Gesicht zur Wand. Es war nicht da. Meine Erinnerung ließ mich im Stich, sage ich, ausradiert, ausgelöscht das kleine Mädchen, das ich doch zweifellos einmal gewesen sein musste, aus dem Bild getilgt, als hätte es dieses Kind nie gegeben. Meine Kindheit war ein leerer Brunnen.
Durch die halboffene Tür sickert stoßweises Wimmern. Du rufst nach mir. Von draußen sind spielende Kinder zu hören, ihr Lachen treibt in kleinen Strudeln durch den Abend. Das Rufen wird lauter, energischer. MAMA, immer wieder diese beiden langgezogenen Silben. MA-MA. Ich öffne leise die Tür, setze mich an dein Bett und streichle beruhigend deinen Handrücken. Das musst du dir mal vorstellen, sage ich, die Straße und alles andere, das war alles noch da, Kirche, Schule, Häuser, Leuchtreklamen, Schaufenster, als wären wir nie weggegangen aus diesem Dorf in der Rheinischen Bucht, nur mich hatte man herausgeschnitten. Auf dem Rückweg zitterte in den schmutzigen Pfützen der mattrote Widerschein der Leuchtbuchstaben über der Sparkasse, aber dieses schwache Leuchten genügte, und in derselben Sekunde durchfuhr mich eine heftige Sehnsucht nach einem dieser heißen Sommertage zwischen Zuckerrübenfeldern und Kühltürmen, wenn die weiche Luft wie ein Streicheln den erhitzten Körper umströmte und der herbe Geruch von Heu in der Nase kitzelte und von den Hängen der Rureifel die Wildbäche rauschend hinunterstürzten und die ganze Welt atmete und bebte wie ein großes warmes Tier. Und als ich eine Viertelstunde später, zurück im Rheinischen Hof, unter das klamme Federbett kroch und vor Hunger nicht einschlafen konnte, da stand es auf einmal wieder klar und deutlich vor mir, das lange vergessene Wort, innen an die Augenlider geschrieben, LEBENSGEFAHR. Es hatte also all die Jahre still gewartet, um diesen einen Tag am Fluss für immer im Gedächtnis festzuhalten, eingeschlossen in diesem Wort.
Das Loch
Du musst alles vergessen, so war es doch, aber ich bin zurückgekommen, ich sitze am Abhang und starre in das Loch, durch die klare Herbstluft dringt das monotone Brummen starker Motoren, in konzentrischen Halbkreisen arbeitet sich der Bagger durch das Gelände, dreihundertvierzig Meter unter mir öffnet sich der Schlund der Zeit, Menschenzeit, Allerweltzeit, Niemandszeit, ein Meer aus Zeit, von Vergessen durchpflügt. Gierig schlagen die Schaufelzähne in das lockere Sediment, Kratzspuren, Schürfwunden, Zeitfalten hinterlassend, kilometerweit transportieren die Förderbänder den Abraum der Zeit zu den Absetzern, verlorene Zeit, überflüssige Zeit. Mitgerissen von der sanften Krümmung der Erde, klettern die Augen über die Terrassenhänge zu den schneeweißen Wolken über den Kühltürmen von Weisweiler. Wenn ich lange genug auf diese künstlichen Kumuli starre, die träge über den Novemberhimmel treiben, steigt vor mir eine andere, imaginäre, nein, ganz und gar reale Landschaft auf, eine Komplementärwelt, der Himmel ein tiefblaues Meer, die Wolken schwimmende Eisberge, Eisschollen treiben gemächlich zum Horizont, so weit der Blick reicht, die perfekte Täuschung, die Verwandlung der Welt in ihre Gegenwelt, Trompe-l’œil, die Krümmung des Raums zur Linse, durch die aus der ersten eine zweite Welt ersteht. Ich stürze mich in die Tiefe, über mir schlagen die Wellen der Luft zusammen wie das kühlende Dach eines Laubwalds an einem windigen Sommertag, rückwärts durch das Zeitmeer rutsche ich durch Keuper Hauptkies Rotton Bundsandstein Muschelkalk dem Grund entgegen, geschichtete Zeit, zwölf Millionen Jahre wie im Flug. Ein leises Knarren und Ächzen liegt in der Luft, ein Rauschen wie von starken Dieselmotoren, sonst ist es still, so still, dass ich mein Herz klopfen höre. Aber es ist nicht mein Herz, es ist der Flügelschlag der Ewigkeit.
Falls es ihn wirklich gibt, diesen Ort, sage ich, den die Dichter die Heimat der Seele nennen, diesen Sehnsuchtsort im Rücken der Zukunft, dann habe ich ihn jedenfalls nicht gefunden auf meiner Winterreise, an jenem verregneten Dreikönigstag des Jahres Neunzehnneunundachtzig. Dieses Überall und Nirgends der Morgenlandfahrer, das Einswerden aller Zeiten, für mich ist es verloren. So oft ich zurückdenke an meine Kinderjahre, ist da ein großes Nichts. Es gibt mich nur in der Gegenwartsform, im ewigen Präsens des Hier und Jetzt. Zwischen der Vergangenheit und mir klafft ein Loch, durch das meine Jahre davonschwimmen wie langsame Schiffe, beladen mit namenlosen Gesichtern und Stimmen, mit unbekannten Städten und fremden Zimmern.
Nebenan ist alles still. Ich stehe am Fenster. Durch das Fenster scheint eine schöne weiße Spätwintersonne, ich könnte spazierengehn. Die Dächer sind mit dicken Schneepolstern bedeckt, die über die Regenrinnen hängen und geräuschvoll abstürzen. Ich zucke jedesmal zusammen, aber ich bleibe sitzen, an meinen Schreibplatz vor dem Fenster, und sehe dem Tag beim Sterben zu.
Man muss zweimal an einen Ort gekommen sein, hat Marina Zwetajewa irgendwo geschrieben, das erste Mal, um wegzugehen, und noch einmal, um Abschied nehmen zu können. Noch einmal also, sage ich, ein halbes Menschenalter später, noch einmal mit der deutschen Bahn, noch einmal vom Bahnhof Friedrichstraße, wenn auch dieses Mal ohne Herzklopfen, ohne den blauen DDR-Pass und ohne die argwöhnischen Blicke der Zöllner, noch einmal für höchstens vierundzwanzig Stunden und keine mehr, nicht um zu bleiben nämlich, sondern: noch einmal, nur anders. Schließlich waren die Zeiten von Grund auf andere geworden, die Mauer war weg, die DDR war weg, ihre Denkmale geschleift, ihre Regierung vertrieben, ihre Machthaber vor Gericht gezerrt oder ins Gefängnis geworfen worden, ihre Insignien entweiht, ihre Prunkgebäude abgerissen, ihre Straßen und Plätze umbenannt, als sollte den Bürgern dieses gleichsam über Nacht verschwundenen Staates jeder Anhaltspunkt genommen werden, an dem ihre Erinnerungen haften könnten, vierzig Jahre ausgelöscht, verflucht im Gedächtnis der Nachkommen, damnatio memoriae, wie die alten Römer das nannten.
Die Sonne strahlte golden aus einem tiefblauen Himmel, als die Rezeptionistin im Arnoldshof mir den Zimmerschlüssel in die Hand drückte und mit slawischem Akzent zu verstehen gab, dass das Restaurant in der Wintersaison geschlossen sei. Auf dem Gang war niemand zu sehen, wer verirrte sich auch im November in diesen gottverlassenen Winkel der Bucht. Ich stellte meine Tasche ab, schob die Gardine zur Seite, warf einen Blick auf den Hotelparkplatz, wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser, ich tat alles genau so wie damals im Rheinischen Hof, als könnte durch die Wiederholung der abgerissene Lebensfaden zurück ins Gewebe der Zeit geschoben werden. Das Hotel befand sich an der Peripherie der Stadt, mitten in einem kleinen Dorf, das schon vor Jahren nach E. eingemeindet worden war. Ich beschloss, unterwegs zur Hauptstraße den Umweg über den Tagebau Hambach nehmen, der hier ganz in der Nähe sein musste. Es war sommerlich warm, viel Zeit blieb nicht, in dieser Jahreszeit ging die Sonne früh unter. Ein Hinweisschild behauptete, bis zum Grubenrand seien es nur noch anderthalb Kilometer. Hinter der kleinen weißen Dorfkirche lagen rechts und links Stoppelfelder, ich schwitzte, ich spürte das Gewicht des Körpers in den federnden Kniegelenken, das gleichmäßige Strömen des Bluts durch die erwärmten Muskeln, und trotzdem war in diesem Gehen etwas Stolperndes, eine seltsame Unsicherheit, die mich zwang, alle hundert Meter stehenzubleiben, sodass es für andere so aussehen musste, als betrachtete ich etwas am Feldrand, dabei sah ich angestrengt in mich hinein. Ob noch alles stimmte mit mir. Aber es stimmte natürlich schon lange nichts mehr. Was hätte ich sonst hier zu suchen gehabt, eine Schiffbrüchige, angespült in dieser Bucht am Rand der Nordeifel unter der glühenden Sonne des Klimawandels. Ich zog den Wintermantel aus und hängte ihn über die Schultern; beim Gehen rutschte er immer wieder herunter und landete im Straßenstaub, der feinpulverig und schmierig wie Lehm war.
Nach zwanzig Minuten endete die Straße an einem leeren Waldparkplatz. Eine Treppe führte über eine steile Böschung zu einer Aussichtsplattform. Ich stieg hinauf, und da war es. Das Loch. Ein gigantischer Trichter, dessen terrassenförmige Abhänge in allen Schattierungen von Ocker bis Saharagelb, Orange und Schiefergrau im Mittagslicht leuchteten. In regelmäßigen Abständen säumten grüne Kästen zwischen Bäumen und Sträuchern den Rand der Böschung, Hagebutten glänzten im staubigen Grün, leichter Wind wie am Meer raschelte in den welken Blättern. Am linken Grubenrand unterbrach ein bewaldeter Buckel die schnurgerade Horizontlinie, über der sich in makellosem Azur die gläserne Kuppel des Himmels wölbte, nur hier und da eingedrückt von den weißen Kuben der Kühltürme. Die andere Seite lag unter einer milchigen Dunstglocke, unter der sich das Ende des Lochs in der Ferne verlor. Auf den höher gelegenen Sohlen des terrassenförmig abfallenden Abhangs bewegten sich ameisenkleine Lastkraftwagen, und ganz unten, auf der tiefsten Sohle gerade noch erkennbar, stand klein wie ein Spielzeug der größte Bagger der Welt.
Mit ruhiger Präzision hebt und senkt sich die Bettdecke über deiner Brust. Frisch gewaschen, eingecremt und nach Pfefferminz und Veilchen duftend liegst du mit offenen Augen im Bett und greifst ängstlich nach meiner Hand. Schlaf schön weiter, sage ich und suche in meinem Gedächtnis, ob dieses maskenhafte Gesicht mit den steilen Jochbögen und der spitzen weißen Nase mich an jemand oder etwas erinnert. Wir spielen das alte Mutterkindspiel, aber die Rollen sind vertauscht, Anfang und Ende schließen sich zum Kreis. Der Tod, höre ich mich denken, wäre Erlösung. Aber deine vom Schlaf leicht geröteten Wangen sagen etwas anderes.
Wann hat das eigentlich angefangen, sage ich, dieses Abbaggern von Gegend, Garzweiler, Inden, Erkelenz, Hambach, Hürth, Kerpen, was weiß ich, diese chirurgische Operation an einer ganzen Landschaft, ausgeführt mit der kalten Präzision des Pathologen, tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, wo noch vor fünfzig Jahren das Herz der alten Bundesrepublik schlug, diese alte europäische Kulturlandschaft zwischen Rhein und Maas im ökologischen Exitus, warum war mir das denn nicht schon bei beim ersten Mal aufgefallen, kein Baum und kein Strauch kilometerweit, diese flache Horizontlinie, wie das Kardiogramm eines Sterbenden auf einer Intensivstation, uralte Dörfer, die vor über tausend Jahren als Rodungsinseln in dem riesigen Wald zwischen Köln und Aachen gegründet wurden, Geiseln der Energiewirtschaft, die nun eines nach dem andern der Vorfeldräumung weichen mussten, wie das auf der Internetseite in Konzernsprache hieß, verschwunden in dem großen Loch. Ziehe durch, ziehe durch, durch die goldne Brücke, der erste nicht, der zweite nicht, der dritte muss gefangen sein. Entweihte Kirchen, abgeholzte Wälder, alte Handelsstraßen, die in diesem gigantischen Krater endeten, verändert bis auf den Grund diese Landschaft, in die ich nach drei Jahrzehnten, nein, nicht zurückgekehrt war, man kann nur zu etwas zurückkehren, das man kennt, sondern eben: noch einmal gekommen. Bis zur Unkenntlichkeit verformt die Bucht mit ihren alten Maiglöckchenwäldern und fruchtbaren Feldern und Weiden, mit Apfelbaumalleen und Dorfweihern, die ich all die Jahre im Kopf mit mir herumgetragen hatte in Ermangelung von etwas, das man wohl Heimat nennt.
Aber war denn sie, sage ich, die ostwestliche Reisende auf ihrem Aussichtspunkt dreihundertvierzig Meter über dem Abgrund, noch dieselbe Person wie damals auf ihrer Winterreise, und musste sie nicht genau in diesem Moment, bei ihrer zweiten Ankunft, und zwar zu ihrer eigenen Überraschung, feststellen, dass nicht nur sie es war, die sich verändert hatte, sondern genauso und noch mehr diese uralte Landschaft mit ihren Dorfangern und Löschteichen und Rübenäckern? Keine Rückkehr also, das war es nicht, aber was war es dann, sage ich, das mich an diesem sommerlich heißen Novembertag noch einmal in die alte Heimat verschlagen hatte. Ein Abschied hatte es werden sollen, ein Lebewohl, stattdessen war da jetzt dieses Loch, der Fußabdruck eines gigantischen Raubtiers, sechs Kilometer breit, acht Kilometer lang, fast vierhundert Meter tief, sodass es also diesen Ort nun zweimal gab, als Erinnerung und als Un-Ort. Was ich verloren hatte, war unwiderleglich und für immer als Verlust sichtbar, war Landschaft geworden.
Wabi-Sabi
Es ist kühler geworden, die Schatten verdichten sich, immer tiefer sinke falle stürze ich hinab, zum Ursprung der Wörter, ich bin zurückgekommen, aus meinem verschwundenen Land in die missglückte Heimat, doch wie weit ich auch komme, steht mir das Kind im Weg, das nach sich fragt, das vergessene Kind, zwischen der Erinnerung und dem Text, der ihm nachruft, mäandernd zwischen dem Körper der Schrift und dem Begehren nach einer lebendigen Berührung, rückwärts durch die Zeit graviere ich mich in die Haut der Erde, ich bin noch nicht geboren, nichts deutet auf einen Ursprung oder Anfang, ich bin das ungeborene Kind, das Kind ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, das vergessene Kind, auf seinem Fahrrad biegt es Richtung Angelsdorf ab, hinter den letzten Häusern springt es vom Rad, wirft die Sandalen in den Sand, rennt barfuß übers Feld, die Halme pieken, sie bohren sich schmerzhaft in die Fußsohlen, es ist schön, auf dem Heuturm zu sitzen und den Schmerz zu fühlen und die Hitze auf der Haut, und unter sich die goldglänzenden Stoppeln zu betrachten und über dem Wald der Wolkenatem der Kühltürme, du darfst vergessen, sagt das Kind, du bist nicht wirklich hier, ich erinnere mich an alles, ich bin, die du nie warst, ich bin der Text, der sich selber schreibt, ich schreibe mit kölnischem Umbra, mit meiner Kopfschrift Gedankenschrift Wolkenschrift schreibe ich an gegen die Diktatur der Zeit.
Hier ist die Grenze, das känozoische Ufer des Jetzt.
Eine dicke Stubenfliege taumelt seit Stunden im Kreisflug um die Deckenlampe, rast steil hinauf, stößt sich an Fensterleibungen, Schränken, Glasscheiben, ruht für Minuten aus, um erneut aufzusteigen, ich gehe in die Küche, um ein Stück Würfelzucker zu holen; früher sollen die Bauern auf diese Art ihre Fliegen durch den Winter gebracht haben. Es ist kein Würfelzucker da, also streue ich etwas losen Zucker auf die Untertasse und nehme noch zwei Stück weißen Kandis mit. Als ich zurück in dein Zimmer komme, ist alles ruhig. Von der Fliege keine Spur. Ich frage mich, ob sie von draußen kam oder schon den ganzen Winter, in einem Fensterspalt versteckt, mit uns gelebt hat. Die milde Luft irritiert sie vielleicht. Seit Tagen fliegen Wildgänse in Formationen über das Haus, eigentlich Zeichen des nahenden Frühlings. Aber der Wetterbericht sagt für das Wochenende die nächste Kälte voraus.
Im Grunde liegt mir nicht viel an Erinnerungen, sage ich, aber ich hänge an alten Sachen, ich hebe alles auf, in Kästen und Kartons türmt sich der Abraum meiner Lebenszeit über- und durcheinander, Hotelservietten aus Paris, München, Rom, Zeichnungen meiner Kinder, handgeschriebene Bahnfahrkarten, Theaterprogramme; Briefe Geliebter und Verstorbener. Oft träume ich von verlassenen Häusern, in einem davon gibt es ein Zimmer, das die Form eines U hat und sich fast um das ganze Haus zieht, mehr ein breiter Gang mit Fenstern als ein Zimmer. Ich gehe darin herum und sehe alles an wie eine Museumsbesucherin, alte Fotografien in kostbaren Rahmen, Porzellanfiguren, bestickte Kissen aus dunkelrotem Samt mit gelben Troddeln, dazwischen liegen Kleidungsstücke unordentlich verstreut herum, auf dem Tisch eine aufgerissene Kekspackung, so als hätten die Bewohner das Zimmer nur kurz verlassen. Durch eines der Fenster sehe ich auf eine Wiese mit Wäschetrockenplatz und einem kleinen Stallgebäude, davor steht eine Bank, auf der Bank sitzt ein alter Mann in einem rosa Hemd und raucht, den Blick versonnen in die Landschaft gerichtet, ringsum erstrecken sich blühende Wiesen, begrenzt von einem dunklen Waldsaum. Ich benutze das Zimmer nicht, mir genügt zu wissen, dass es da ist, seit Jahren unverändert, wie meine Vorgänger es verlassen haben. An einer der Wände hängen Uhren, viele Uhren in verschiedenen Formen und Größen; alle Zeiger stehen auf viertel nach neun, jedesmal, wenn ich von diesem Zimmer träume, zeigen alle Uhren exakt dieselbe Zeit an.
Vielleicht trägt jeder in seinem Leben so ein leeres Zimmer mit sich herum, sage ich. Ich wünschte nur, eines der Häuser, in denen ich im Traum so oft herumgehe, hätte wenigstens einen Dachboden, mit staubigen Koffern und Truhen mit verrosteten Schlössern, in denen ich nach Herzenslust wühlen könnte zwischen nach Lavendel duftenden Briefpäckchen, die von blassblauen Schleifen zusammengehalten werden, verrosteten Orden, geheimnisvollen alten Büchern in dicken Ledereinbänden, vergilbten Briefen mit roten Wachssiegeln, aus der Mode gekommenen Frauenkleidern oder was man sonst so auf einem Dachboden zu finden hoffen kann, aussortierte Lebenszeit, schäbiges Inventar zu groß bemessener Lebenspläne, von Selbstmörderinnen und gescheiterten Dichtern zurückgelassen, von Mäusen zernagt, Wabi-sabi, als könnte eine geliehene Vergangenheit einen für ein schlechtes Gedächtnis entschädigen.
Wenn ich vorhin sagte, sage ich, dass mir nichts an meinen Erinnerungen liegt, stimmt das also nicht ganz. Ich wollte damit sagen: Erinnerungen können täuschen, sie sind alles andere als fälschungssicher, man kann ihnen nicht trauen. Manchmal mache ich mir sogar Sorgen, meine Erinnerungslosigkeit könnte das erste Anzeichen einer Krankheit sein, die irgendwann zum vollständigen Verlöschen des Ich führen wird. Sagt man nicht, die Identität einer Person beruhe auf ihren ganz unverwechselbaren, einmaligen, persönlichen Erinnerungen? Wie die meisten Menschen kann ich mir eine Welt ohne mich schwer vorstellen. Wir datieren den Anfang unseres Lebens auf den Tag unserer Geburt; was davor liegt, bleibt unscharf wie ein verwackeltes Foto. Wer sagt mir denn, dass die Bilder in meinem Kopf mein Eigentum sind und nicht einer Romanfigur oder einem mir vollkommen unbekannten Menschen gehören, der mich auf dem Bahnsteig einer fremden Stadt in ein Gespräch verwickelt hat – als wären Erinnerungen etwas, das den Besitzer wechseln kann wie eine stumpf gewordene Perlenkette oder eine alte Uhr. Wie vertrauenswürdig sind die Geschmackspapillen eines französischen Schriftstellers der vorletzten Jahrhundertwende, der aus den Molekülen einer in Lindenblütentee getauchten Madeleine, die ihm Maman abends vor dem Schlafengehen gereicht hat, das tausendseitige Epos seiner verlorenen Jugend generiert haben will, bis in alle Einzelheiten der Tapetenmuster und Plisseefalten raschelnder Damenkleider? Was mich betrifft, habe ich nie verstanden, wie man sich nach etwas sehnen kann, das so unwiederbringlich verloren ist wie die Kindheit; wir lassen sie hinter uns wie eine Larve, ein durchsichtiges Gespenstchen; der Mensch platzt aus seiner Raupenhaut und fertig. Wie oft im Leben ändern wir uns noch, man muss davon nicht viel Aufhebens machen. Jede glückliche Kindheit ist nur die millionste Wiederholung anderer glücklicher Kindheiten, jede unglückliche wiederum ist es wert, vergessen zu werden.
Was ist das überhaupt, Kindheit, dieses geheimnisvolle Land, in dem die Dinge noch keine Namen haben und die Welt nichts ist als reine, unbeschriebene Fläche, in die sich die Wasserzeichen eines Sommernachmittags eingelassen haben, flackernde Lichtflecken auf Ziegelmauern, schattige Obstgärten, Leuchtschrift einer ewigen Gegenwart, aus der wir abends im Bett, wenn sich das Klacken der Absätze verspäteter Passanten wellenförmig in den vor Müdigkeit brennenden Gliedern ausbreitete, geheimnisvolle Signale empfingen, Morsezeichen aus einem unbekannten Universum, dessen nächste Sterne noch Millionen Lichtjahre entfernt waren. Als gebe es kein Innen, sind die Segel des Bewusstseins noch nicht aufgespannt, unberührt von den Rückspiegeln der Erinnerung, noch nicht in die Zukunft gerissen von der Zugluft der Hoffnungen. Diese Lust, zurückzukehren in das Paradies der unschuldigen Wörter, sie ist mir fremd, dieses Begehren nach einem anderen Körper, nach einem Ich jenseits des Selbst, das nur eine andere Art von Selbstliebe zu sein scheint. Wer sich erinnert, ist beteiligt. Es gibt keine unschuldige Erinnerung, wie es kein Vergessen gibt ohne den verborgenen Wunsch zu vergessen.
Störungszone
Ein leises Zittern des Bodens, der Abhang beginnt zu schwingen, die Bucht senkt sich, bricht von den Rändern ein und zerspringt in die Erftscholle und die Kölner Scholle, die sich diagonal ineinander verkeilen, vom Vikinggraben bis ins Rhonetal reißt die Erde auf, solche Störungen ziehen sich als breite Bodenwellen oder Hochgebiete durch Europa, wie die Ville, die westlich von Köln zu den Tälern der Swist und Erft abfällt, kopfüber stürze ich in den Spalt, schmatzend rutschen die nachkommenden Zeitalter nach, wie Synkopen im Strom der Zeit queren Falten und Risse das feste Felsgestein, ziehen sich als Flexuren oder Scherzonen durch den sedimentären Untergrund und hinterlassen horizontale Verwerfungen, im Unterschied zu vertikalen Einbrüchen infolge plattentektonischer Spannungen im tieferliegenden Gestein. Das Zerbrechen und Einsinken der Landschaft entlang solcher Störungszonen versetzt den vortertiären Untergrund in Bewegung, ältere Gesteinsschichten werden, wie im Harz und im Erzgebirge, aus dem Untergrund heraufgewälzt und legen sich als Deckgebirge über die jüngeren, und wie sich der Druck von unten auf die auf dem Magma schwimmenden Platten in immer stärker anschwellenden Subduktionswellen als Dehnung und Kompression auf der Oberfläche des Planeten fortsetzt, wird die Erdkruste in ständiger Spannung gehalten, der Boden zittert und zuckt, der Erdmantel schwingt wie eine Glocke, und alle paar Millionen Jahre ändern sich die Schichtungen benachbarter Gesteine, werden Gebirge verformt und Berge verworfen, stürzen Steilufer, tauschen Land und Meer ihre Plätze.
Hagel, Regenschauer trieben über das Dorf, die Sonne brach für Minuten durch die gewaltig aufgetürmten Wolkenberge, als wir das letzte Mal zu Vaters Grab gingen. Auf dem letzten Stück Weg musstest du alle paar Meter stehen bleiben. Wir pflanzten Stiefmütter, die Luft war mild. Stiefmütter im Frühling, Petunien im Sommer, hast du gesagt, die halten am besten. Danach brachte ich dich zurück nachhause, in jedem Zimmer tickte und pochte irgendwas, außer im Badezimmer, du hast Kaffee gekocht, wir setzten uns an den Couchtisch und sprachen über dies und das, mit langen Pausen, in die mit ungeduldigem Stakkato das Ticken der großen Wanduhr einfiel.
Wir könnten nächste Woche an die Oder fahren, sagte ich, da wolltest du doch schon lange mal hin.
Ach ja, sagtest du matt und sahst still auf deine im Schoß gefalteten Hände, das wär schön.
Zum Rauchen ging ich in den Garten. Irgendwo gackerten Hühner. In jenem Frühling träumte ich oft von dir. In einem dieser Träume standen wir aneinandergedrängt in einem überfüllten Hochbahnzug, der in einen Tunnel einfuhr. In einem andern Traum zogst du eine Schublade der Schrankwand auf und holtest einen Stapel Aquarelle hervor, auf einem der Blätter war ein Mädchengesicht zu sehen, ein zarter, leicht geneigter Madonnenkopf und während ich es ansah, schlug es die Augen auf und ich sagte, dass es sehr lebendig gemalt sei.
Als das Taxi zwei Monate später vor dem Haupteingang der Universitätsklinik hielt, war es halb drei Uhr nachts. Die graue Stille in der verglasten Lobby mit den Riesentopfpalmen erinnerte mich an ein Filmset. Der Pförtner zeigte mit ausgestrecktem Arm, welchen Fahrstuhl ich nehmen solle. Wir können im Moment nichts tun, rief der Stationsarzt mir im Gehen über die Schulter zu. Mit großen Schritten eilte er durch den Flur, groß, jung und sportlich gebräunt wie einer, der die Wochenenden auf dem Segelboot verbringt. Über einer Tür leuchteten die Buchstaben STROKE UNIT. Bei diesem Krankheitsbild stehe die Schluckstörung, er gebrauchte einen lateinischen Ausdruck, im Vordergrund, man müsse abwarten, bis die Schwellung im Gehirn zurückgegangen sei.
Am nächsten Morgen steckten in deinen Nasenlöchern zwei durchsichtige Schläuche, die sich unter dem Kinn vereinigten und hinter dem Bett in einem Gefäß mit einer klaren Flüssigkeit endeten, die lautlos blubberte. Das andere Bett war leer und mit einer Zellophanhülle bedeckt. Dein Mund stand weit offen, der rechte Winkel war kinnwärts verzogen, die Unterlippe hing fleischig herab, sodass man die pelzige Schleimhaut sah. Zwischen Ober- und Unterlippe spannte sich ein Speichelfaden, der wie ein Spinnweb im Luftstrom des Atems flatterte. Das Laken war verrutscht, eine Matratze aus grünem Plastik sah hervor. Die luftgefüllten Kunststoffkammern wölbten sich mit der Präzision eines Uhrwerks. Hinter der angelehnten Tür näherte sich das Klappern von Essenwagen, Stimmen, Schritte, und entfernte sich wieder. Draußen zog eine Gewitterfront auf. Die Gardine bauschte sich in unregelmäßigen Windstößen. Die alten Bäume im Park schüttelten sich wie traurige Tiere. Ich schloss das Fenster. Zwischen dem fernen Rollen des Donners zog jedesmal eine kleine, zitternde Stille ein. Dein Atem ging jetzt schneller, stoßweise hob sich der weiße Brustansatz über dem mit kleinen blauen Häusern gemusterten Kittel. Du hattest die Augen zu, das rechte Bein war unbedeckt, die Haut bis hinauf zum hellblauen Rand der Windelhose glatt und sehr weiß, und ich starrte auf dieses Stück weißer Haut, Mutterhaut.
Jeden Tag kam ich für ein paar Stunden, setzte mich an dein Bett und überließ mich dem Rhythmus der atmenden Matratze, dein Zustand war unverändert. Am fünften Morgen war das zweite Bett belegt. Die andere Frau schlief. Sie atmete laut und regelmäßig wie eine Maschine, kurz Ein, lang Aus, dazwischen das leise Fauchen ihres Luftbettes. Wenn die beiden Pumpen ansprangen, war es wie das Schnurren von zwei schlafenden Katzen. Von irgendwo läuteten Kirchenglocken. Die beiden Matratzen hoben und senkten sich sanft, sie trugen die Sterbenden über den schwarzen Grund des Schlafs, der ohne Erwachen ist, genügsam, zuverlässig wie Maulesel. Wenn ich mich lange genug auf den Rhythmus konzentrierte, meinte ich zu spüren, wie sich unter uns die Erde senkte und hob, ein lebendiges, atmendes Wesen.
Der zehnte Tag. Ich beugte mich über dein wachsbleiches Gesicht, in dem die Haut faltenlos gespannt war wie eine Silikonmaske. Du warst ruhiger als an den Vortagen. Du schlugst die Augen auf. Große graugrüne Augen, die mich mit einem Ausdruck von Erstaunen anstarrten. Ich erstarrte unter diesem leeren Blick. Ich hatte vergessen, welche Farbe deine Augen haben. Ich griff nach deiner linken, gesunden Hand, sie entzog sich, du drehtest den Kopf weg. Über der Nasenwurzel erschien eine steile Furche.
Ist schon gut, sagte ich schnell und streichelte die rechte Hand, die blaugeädert auf der Bettdecke lag und sich gegen die Berührung nicht wehren konnte, schob meine Hand unter deinen Kopf, zog das Kopfkissen hervor und schüttelte es auf. Du ließest mich gewähren und schliefst wieder ein. Ich sah auf meine Armbanduhr. Siebzehn Uhr achtzehn. Im Zimmer waren mindestens dreißig Grad. Du warst eingeschlafen und schnarchtest leise. Das Gebläse sprang an. Vom Klappern der Essenwagen auf dem Gang wachtest du auf, der Unterkiefer klappte schmatzend zu. Als habe ein Traum dir Erkenntnis geschenkt, sahst du mich mit einem Anflug des Erkennens an. Durch die Kanüle in deinem Handrücken tropfte Nährlösung aus einem Plastikbeutel in die Vene.
Siebzehnuhrvierundzwanzig. Ich ging zum Schwesternzimmer, hinterließ meine Telefonnummer und sagte, man könne mich jederzeit anrufen, auch nachts. Die diensthabende Schwester hatte hennarote Haare, die am Scheitel grau nachwuchsen, und trug eine dunkel getönte Brille. Sie notierte es auf einem Zettel und sagte, sie werde es in der Krankenakte vermerken.
Anderntags war dein Zimmer leer. Einen harten Herzschlag lang empfand ich nichts. Man hatte dich auf eine andere Station verlegt, aber das Zimmer sah genauso aus wie das andere, ein Zweibettzimmer, aus dem das zweite Bett entfernt worden war. Dein Sterbezimmer, dachte ich sofort. Deine Augen waren weit aufgerissen, als blickten sie in eine furchtbare Ferne. Ich folgte deinem Blick. An der Decke flackerte ein stummgeschalteter Fernseher, in dem eine Nachmittags-Talkshow lief, dazwischen Auto- und Joghurtwerbung.
Über den endlosen Korridor stürmte ich zum Dienstzimmer. Die Schwestern saßen beim Kaffee. Als ich verlangte, dass der Fernseher ausgeschaltet wird, sahen sie mich mit einem Ausdruck von Hass an. Ich fuhr hinunter in die Lobby, um mich zu beruhigen. In der Cafeteria saßen fünf beleibte türkische Familienväter über fünf gewaltige, mit Schlagsahne gefüllte Windbeutel gebeugt. Zum Rauchen ging ich in den Park. Zwischen der Nierenstation und der orthopädischen Abteilung öffnete sich das Gelände in einen großen Garten, der von lindengesäumten Spazierwegen umgrenzt wurde. Großbürgerliche Backsteinvillen reihten sich, die Giebel zum Park ausgerichtet, mit weißen Säulen und verglasten Loggien, aus einem Rosenbeet stieg schwerer Duft auf, ein paar Schritte weiter lag in einem Rondell aus weißem Kies ein mattgrüner Teich, halb verdeckt von einem niedrigen Schilfstreifen. Ich setzte mich auf eine der weiß gestrichenen Bänke und betrachtete die Rosen, das Schilf, die Wolken aus grauer Seide, die sich am Himmel bauschten. Ein junges Paar setzte sich auf die Nebenbank, das Mädchen rittlings auf den Schoß des Jungen. Sie küssten sich, die Hand des Jungen fuhr langsam ihren Rücken hinunter in ihre Jeans. Das Mädchen warf mit beiden Händen ihre langen Haare in den Nacken und bog lachend den Oberkörper zurück. Der Junge drückte seinen Kopf gierig in die flache Mulde zwischen ihren Brüsten.
Auf dem Rückweg zur Station nahm ich den falschen Fahrstuhl und irrte durch Gänge, über Treppen. Die letzten Besucher waren gegangen. Die Türen standen offen, meine Augen streiften flüchtig über faltige Arme, Beine, nackte Bäuche, magere Schultern, knochige Rücken mit spitz hervorspringenden Wirbeln, entblößte Hintern. Das Fernsehgerät war ausgeschaltet. Deine Augen rollten unruhig unter halbgeschlossenen Lidern. Vielleicht träumt sie, dachte ich, vielleicht ist in ihrem Gehirn nicht alles dunkel. Ich versuchte zu lesen, aber es war zu heiß, die Wörter zerflossen gleich hinter den Augen.
Achtzehnuhrfünfunddreißig. Ein langer Seufzer entfuhr deiner Brust. Ich starrte mit angehaltenem Atem auf das Betttuch, bis mir schwindlig wurde. Das Gebläse sprang schnurrend an, die Matratze atmete ruhig und gleichmäßig. Zehn Sekunden, zwanzig, vierzig. Nach einer Ewigkeit hob sich deine Brust in kurzen, krampfhaften Stößen und förderte aus der Tiefe des Bauchs rettende Luft hervor, die Lunge fand in ihren Rhythmus zurück. Ich starrte noch immer abwechselnd auf meine Armbanduhr und das Laken, unter dem sich der magere Körper abzeichnete. Achtzehnuhrsechsunddreißig. Du schlugst die Augen auf und hobst den Kopf ruckhaft vom Kissen, mit diesem Ausdruck des Erstaunens, den ich schon kannte. Ich nahm einen Zellstofflappen und befeuchtete deine Lippen, die aus winzigen Rissen bluteten. Schlaf weiter, sagte ich, ich bin ja da. Du sankst gehorsam zurück und schliefst wieder ein, ich glaubte eine Art Lächeln, ein winziges spöttisches Aufwärtszittern der Mundwinkel zu erkennen. Ich lauschte dem leisen Gurgeln in der Luftröhre, bis die Nachtschwester den Kopf ins Zimmer schob und wusste doch, dass ich den Tod, wenn er anklopfte, nicht erkennen würde.
Nachdem man dich in eine Reha-Klinik verlegt hatte, fuhr ich jeden zweiten Tag mit dem Auto in den idyllischen Ort zwischen Seen und Wäldern. Manchmal ging ich vorher schwimmen. Vor dem Eingang der Klinik saßen die Rollstuhlfahrer und rauchten, einer hatte nur ein Bein, die meisten hatten ihren rechten oder linken Arm unbewegt vor sich auf den Oberschenkeln liegen. Einen Kinderlatz vorgebunden, das Gesicht mit Schokoladenpudding beschmiert, saßest du, mit schiefem Kopf zur Seite gesunken, in einem Faltrollstuhl. An manchen Tagen ließ man mich vor der Tür warten. In deinem Zimmer roch es schwach nach Exkrementen und Desinfektionsmitteln. Das Bett war jedesmal neu bezogen. Du bekamst die Erlaubnis zu kleinen Ausfahrten. Ich schob dich hinunter zur Cafeteria. Die Rückwand des Fahrstuhls war verspiegelt, nach einem flüchtigen Blick drücktest du mit den Fingerspitzen dein Haar hinter den Ohren zurecht, wie Doris Day in ihren besten Jahren, und ich fragte mich, ob die Person im Spiegel für dich wohl dieselbe sei, die ich sah. In der Cafeteria bestellte ich zwei Tassen Kaffee und ein Stück Sahnetorte. Mit großen Augen verfolgtest du jede meiner Bewegungen. Ich stellte das Tortenstück vor dich hin, mit großer Ruhe griff deine linke Hand nach dem Kaffeelöffel, drückte ihn geschickt in die Torte und ließ die weiche, süße Masse andächtig in deinem Mund verschwinden.
Wenn das meine Mutter wäre, sagte die Stationsärztin, würde ich keine Minute zögern. Ihre Stimme war zu schrill, ihr Makeup zu dick, die Mascara zu schwarz, ihre Zehennägel leuchteten alarmrot. Sie bestand darauf, eine PEG zu legen. Ein durchsichtiger Schlauch wurde am nächsten Tag durch den Bauchnabel in den Magen geführt und an eine Pumpe angeschlossen, durch die eine hochkalorische Flüssigkeit lief, die dich nach wenigen Tagen rosig und glatt aussehen ließ wie ein junges Mädchen. Ich kaufte einen Strohhut mit einer hellblauen Seidenschleife und eine hübsche hellblaue Bluse für dich. Wenn das Wetter schön war, fuhr ich dich hinunter zum Seeufer. Der Park war uferwärts abschüssig, wir saßen im Schatten hoher Linden, Ausflugsdampfer zogen lautlos vorbei, keckernde Enten umringten uns bettelnd. Nach ein paar Minuten sank dein Kopf auf die Brust, ein Arm hing leblos herab, das gelähmte Bein rutschte grotesk verdreht von der Fußstütze.
Auf dem Rückweg sah ich ein großes grünes Heupferd; es hatte sich auf den Betonstufen zum Aufzug verirrt, an den Hinterbeinen hatten sich Staubgespinste verfangen, der schlanke hellgrüne Körper mit den zart geäderten Flügeln schien leblos, ein menschliches Haar oder so etwas war wie eine Fußfessel zwischen die Gelenke gespannt und behinderte es. Hektisch tasteten die Fühler nach einem Ausweg. Ich schob den Werbeprospekt eines Seniorenheims, das ich am Vormittag besichtigt hatte, unter das bewegungslose Insekt und trug es zurück auf die Wiese. Ich hatte mir schon fünf oder sechs angesehen, sie hießen Rosenhof oder Seeresidenz und hatten menschenleere Terrassen und gepflegte Gärten, in denen niemand spazieren ging. Ich entfernte vorsichtig die Fußfessel, das Wesen zuckte, versuchte aber nicht zu fliehen, als hätte die Gefangenschaft es in einen Zustand der Betäubung versetzt. Vorsichtig begannen die Fühler zu tasten, dann verschwand es mit stockenden kleinen Hüpfern im Graswald.
Familienalbum
Weißer Dunst liegt über dem Loch der Wunde, ich grabe mich in seinen Boden, ich trage seine Schichten ab, aber noch immer nirgends ein Anfang oder Grund, scheinheilig sticht die Sonne aus dem makellosen Blau, wie ein riesiges Buch erhebt sich das Relief der Grube, in samtiges Grün gebettet, die sepiafarbenen Seiten von einem jähen Windstoß aufgeblättert, aus der waldigen Umgebung, verwischt die Abdrücke Millionen Jahre alter Chimären aus der Kindheit des Planeten, aus ihrem ewigen Schlaf gerissen die Wesen, die im Buch der Erde träumten, unlesbar geworden das Alphabet der Schöpfung, ausradiert unter den Raupenketten der Riesenbagger, ich steige hinab in das Buch, um die Schrift zu lesen, dumpfer Druck legt sich auf die Ohren, es ist totenstill, kein Vogel singt, ich stürze, die Erde empfängt mich sanft, ein paar Hundert Meter rutsche ich durch lockeres Sedimentgestein aus Kiesel, Schotter, Tonschiefer, Muschelkalk, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, es ist kälter geworden, Europa erstarrt unter pleistozänem Eis, Schwarz wird Weiß und Weiß wird Schwarz, unter meinen Schritten zerplatzen Jahrtausende, ich erschaffe sie neu, aus einer Handvoll vergifteter Flüsse und toter Gletscher komponiere ich mir ein Anthropozän, auf dem Hintergrund meiner eigenen Unwirklichkeit will ich eine wirkliche Welt beschreiben, ich nehme den Oberkiefer eines Schnabeltiers, einen Berg zerbrochener Saurierrippen, eine Handvoll Baumsamen und vermische alles mit jurassischem Sand, ich atme Morgenluft, am diluvianischen Horizont wird es schon hell.
Das Radio läuft leise, Schlager der siebziger Jahre, unterbrochen von Werbung. Du sitzt im Sessel. Ich fülle Tee in den Plastikbeutel, kontrolliere den Schlauch und schließe die Pumpe wieder an, die leise schnurrend anspringt.
Du hast nie viel von deiner Kindheit erzählt, sage ich. Vielleicht fangen wir mit Esther an, die eines Tages nicht mehr zur Schule kam, Esther Donnerstag, weißt du noch, du hast den Namen mal erwähnt, ich habe ihn mir gemerkt, eindeutig ein jüdischer Name, ihr wart vier Freundinnen, hast du gesagt, Ruth, Esther, Hilde und du. Es gibt ein altes Foto, so um Neunzehndreiunddreißig oder spätestens fünfunddreißig aufgenommen, also im Jahr der Nürnberger Gesetze, eine Schulklasse voll kleiner Mädchen, sage ich, du in der vorletzten Reihe, ein hübsches blondes Kind mit kurzgeschnittenem Haar und schmollend aufeinandergepressten Lippen, da warst du acht oder zehn, aber wer könnte Esther sein, das jüdische Mädchen, vielleicht die Dunkelhaarige da in der zweiten Reihe mit dem wachen Blick, oder die mit den Zöpfen?
Schon komisch, sage ich, dass ich dir dein Leben erzähle, obwohl es normalerweise umgekehrt sein müsste, aber was ist schon noch normal zwischen uns, die natürliche Ordnung steht auf dem Kopf, die Zeit folgt nicht mehr dem Lauf eines Menschenlebens von der Wiege bis zur Bahre, wie man so sagt. Sie läuft rückwärts. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, Monat für Monat für Monat. Nach dem Winter wird es wieder Herbst, der Sommer wird mit Regentagen und Hitze am Mittag kommen, die Zeit zieht uns mit sich in den dunklen Grund und so wird es nie enden, es wird immer so weitergehen, sage ich, bis mein Leben vorbei ist.
Ich stelle das Bügelbrett so, dass du mich sehen kannst. Nach ein paar Minuten fallen dir die Augen zu, das Kinn sinkt auf die Brust. Du schnarchst leise, der rechte Arm rutscht leblos vom Schoß, aus dem linken Mundwinkel sickert Speichel.
Soll ich dir mal von dem Doktor erzählen, der dich auf die Welt gebracht hat? Er heißt Arno Philippsthal, sage ich, zu ihm geht Großvater, wenn die Kopfschmerzen wieder unerträglich werden, ein Granatsplitter spaziert seit der Schlacht vor Verdun in seinem Schädel herum. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1924 wird Dr. Philippsthal in den Fridolinweg gerufen. Als der Doktor eintrifft, ist das Kind schon abgenabelt und schläft erschöpft, in eine Decke gewickelt, im Wäschekorb. Er untersucht die Mutter, sie hat viel Blut verloren und ist blass. Er prüft die Nachgeburt und gibt Großmutter eine Spritze. Großvater wartet in der Küche. Schnee bedeckt den baum- und strauchlosen Garten wie ein gestärktes Tischtuch.
Was bin ich Ihnen schuldig, Herr Doktor, sagt Großvater und steht auf, als der Doktor in die Küche tritt.
Lassen Sie mal, sagt der Arzt, Ihr kleiner Weihnachtsengel ist gesund und die Mutter päppeln wir schon wieder auf.
Er zieht den Mantel an und schnallt vor der Tür den Arztkoffer auf den Gepäckträger seines Fahrrads. Es schneit immer dichter.
Frohe Weihnachten, er winkt Großvater zu. Frohe Weihnachten, sagt Großvater und winkt dem Doktor nach, der das Rad durch den Schnee schiebt.
Der Doktor hätte das Land verlassen sollen, sage ich und verstaue die gebügelte Wäsche in der Schrankwand. Warum ist er dageblieben, er war doch Jude, da muss er doch gesehen haben, was nach den Märzwahlen los war, die grölenden Horden, die in ihren kackbraunen Uniformen mit den roten Koppeln durch Lichtenberg zogen, das hat man schon hundertmal in Filmen gesehn, die Aufmärsche auf dem Alexanderplatz, die Hetzjagden auf Juden und Kommunisten durch Neukölln und Wedding. Ich kann dich nicht fragen. Deine Erinnerungen sind in den unendlichen Schleifen der Nervenbahnen verschwunden, verstummt wie Radiowellen aus dem Weltraum.
Nachdem die Schwester vom Pflegedienst gegangen ist, die jetzt zweimal am Tag kommt, halte ich deine Hand, bis du eingeschlafen bist. Wo bist du jetzt, denke ich, in welcher Welt. Wohin gehen all die Geräusche, Gerüche, Stimmen, die gelöschten Bilder, die nicht zu Ende gesprochenen Sätze, die nicht abgeschickten Briefe, die nicht erzählten Geschichten, die sich irgendwann abgelöst haben von den Personen, denen sie einmal gehört haben müssen. Wie viele Welten können in einem einzigen Blutgefäß zerplatzen, wie viele Bibliotheken, wie viele philosophische Systeme, wie viele neuronale Galaxien mit einem Schlag verlöschen. Gibt es ein Fundbüro für Erinnerungen, die von ihren Besitzern verloren wurden? Schweben sie vielleicht als herrenlose Zeitmoleküle durch den unendlichen Raum und vermischen sich mit dem Licht, das alle festen Körper durchdringt und uns umfließt, ein Fluidum, in dem die Nochnichtgeborenen schwimmen wie in einer Art Fruchtwasser, oder geistern sie als virtuelle Meme durch die digitalen Netze um die Erde und bilden ihrerseits wieder Netze, in denen die vergessenen Bilder als Avatare ihrer Besitzer weiterleben?
Soll ich dir sagen, was aus dem Doktor geworden ist, sage ich, du warst noch zu klein, du kannst es nicht wissen, aber es gab Zeugen, die später alles aufgeschrieben haben, der Doktor war gerade von einem Hausbesuch zurück, als sie ihn holten, Ende März dreiunddreißig, am frühen Nachmittag, ein Trupp SA-Männer in Uniform erwartete ihn vor der Praxis. Sie hatten keinen Haftbefehl, sie waren höflich und forderten ihn auf, zwecks Klärung eines Sachverhalts mitzukommen. Auf der Straße wartete ein Auto mit laufendem Motor. Der Doktor stellte die Instrumententasche ab, seine Frau stand in der Tür, die Männer nahmen ihn in die Mitte. Ich nehme meinen eigenen Wagen, sagte der Doktor. Er rechnete damit, dass sich alles schnell klären würde, ein Missverständnis. Er fuhr also im eigenen Wagen zum Biesdorfer Polizeiposten, hinter sich die Sicherheitsleute. Auf dem Revier wurde er gebeten, Platz zu nehmen. Das war das letzte Mal, dass man ihn sah. Der Doktor wurde in die SA-Kaserne in der General-Pape-Straße gebracht und die Treppe zu einem Keller hinuntergestoßen, in dem sich Zellen befanden, ein SA-Mann schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, er fiel zu Boden, die Misshandlungen gingen die ganze Nacht weiter, bis man den Schwerverletzten gegen Morgen in eine andere Zelle brachte, in der auf dem nackten Betonboden ein Mann lag, Fritz Fränkel, ebenfalls Arzt, mit psychologischer Praxis im bürgerlichen Wilmersdorf, auch ihn hatte man die ganze Nacht mit Lederpeitschen und Gummiknüppeln traktiert. Doktor Philippsthal verlor immer wieder das Bewusstsein, Fränkel musste ihn untersuchen, nachdem die SA-Schergen Eiswasser über den blutenden Körper gegossen hatten. Am nächsten Tag, es war der 22. März, wurde Arno Philippsthal halbtot ins Urban-Krankenhaus eingeliefert, sein Mithäftling Fritz Fränkel entkam noch am selben Tag in die Schweiz, nachdem er sich schriftlich verpflichtet hatte, Deutschland für immer zu verlassen. Vier Tage später brachten sie den Biesdorfer Arzt zurück in den Keller, wo die Torturen fortgesetzt wurden. Er konnte nicht mehr allein gehen und hatte am ganzen Körper Wunden, als er sechs Tage später ins Polizeikrankenhaus eingeliefert wurde. Arno Philippsthal starb am Morgen des 3. April 1933.
Und Esther? Eines Morgens sei sie nicht mehr gekommen, hast du erzählt, das war alles, sie kam einfach nicht mehr zur Schule, mehr war aus dir nicht herauszubringen. Vielleicht ist es dein Schicksal, im Augenblick zu leben, sage ich, deiner Erinnerungen beraubt, dieser vollkommen nutzlosen Erinnerungen. Damit du Esther vergessen konntest und den Tag, an dem sie nicht mehr zur Schule kam, sodass der Zustand der Auslöschung, in dem du dich seit zwei Jahren befindest, vielleicht nur die äußere Form eines Verstummens ist, das schon viel früher angefangen hat, lange vor meiner Zeit.
Ich komme vom Einkaufen zurück, du liegst noch im Bett, mit rotgefrorenen Händen streife ich über deinen mageren Unterarm, du machst Huch und verziehst den Mund zu einem lustigen Grinsen.
Draußen schneit und friert es, sage ich, richtiges Schneetreiben heute.
Wirklich? fragst du und ziehst komisch den Kopf ein. Sie wird wieder sprechen lernen, denke ich erfreut, das ist ein gutes Zeichen.
Du greifst nach meiner eiskalten Hand, drückst sie an die Lippen und ziehst sie unter die Decke an deine Brust.
Auf dem Foto, das auf deinem Nachttisch steht, sieht man eine Gruppe von zehn, fünfzehn Menschen verschiedenen Alters vor einem niedrigen Häuschen stehen, sie lächeln, es ist diese Art von Lächeln, wie es Leuten in den Fotoateliers aufgesetzt wird, ein etwas verlegenes, pflichtgemäßes Lächeln, das Foto muss ungefähr 1936 in der Siedlung am östlichen Stadtrand aufgenommen worden sein, in der du geboren bist, du sitzt vorn in der ersten Reihe und blickst launisch schmollend direkt in die Kamera, hinter dir, ziemlich genau in der Bildmitte ein etwa vierzehnjähriger Junge mit abstehenden Ohren, ein Blumensträußchen am Revers seines dunklen Anzugs, wahrscheinlich dein jüngerer Bruder am Tag seiner Konfirmation, sage ich. Großmutter steht links am Rand in einem festlichen Kleid mit kleinem weißem Kragen, leicht wie eine Feder, hinter ihr ein Mann mit abstehenden Ohren, daneben eine ältere Frau mit rundem Gesicht, sie hat sich bei einem schlanken Mann untergehakt, in der hinteren Reihe ein Mann mit Halbglatze in den Vierzigern, eine alte Frau mit eingesunkenen Augen, fast verdeckt von einer anderen mit bäuerlich groben Zügen, und rechts am Rand der Gruppe mein unbekannter Großvater, ein schlanker, freundlicher Mann um die vierzig, leicht auf einen Stock gestützt, er starb in dem Winter vor meiner Geburt. Offensichtlich handelt es sich um eine Familienfeier, diese Menschen da sind deine und meine Familie, sage ich, aber nirgends erkenne ich etwas wie Ähnlichkeit, für mich sind es Fremde, ich kenne nicht einmal mehr ihre Namen, ihre Gesichter sagen mir nichts, und wozu auch, wir waren eine ganz normale deutsche Familie. Soviel ich weiß, war niemand Nazi, niemand wurde verhaftet oder deportiert, bei uns gab es weder Juden noch Kommunisten. Alle Familienfotos sehen sich sowieso zum Verwechseln ähnlich, alle Hochzeits- und Konfirmationsbilder, alle Kinderfotos, alle Urlaubsschnappschüsse, ebenso gut könnte ich in einem der Fotoalben auf dem Flohmarkt blättern. Die große Geschichte, die Geschichte der Kriege und der Straßenschlachten, der Gefängnisse und der Irrenanstalten, der Todeslager und der Gettos bleibt darauf unsichtbar, denn mit jeder Generation fing immer wieder alles von vorn an, wie oft auch die politischen Zeiten sich änderten. Und als nach dem Kaiser die Republik und nach der Republik das tausendjährige Reich und auf den braun angestrichenen Sozialismus der rote Sozialismus folgte, nahmen unsere Leute davon wenig Notiz, solange sie nur genug zu essen für sich und ihre Kinder und ein friedliches Dach über dem Kopf hatten, wie sie dann schließlich auch von ihrem eigenen Schwächerwerden wenig Aufhebens machten, bis sie eines Tages spurlos von der Erde verschwanden. Nichts wurde aufgeschrieben oder aufgehoben, keine Briefe, Tagebücher, nicht einmal Geburts- oder Heiratsurkunden. Offenbar gab es in ihren kleinen Leben nichts, das die Mühe wert gewesen wäre, und so wurden sie vergessen, wie sie selbst vergessen hatten.
Und trotzdem, sage ich, bestehen die meisten von uns auf unseren ganz persönlichen, einzigartigen Erinnerungen; wir wollen nicht untergehen in diesem Meer aus Zeit, das uns jeden Augenblick von allen Seiten umflutet, denn unter der verborgenen Tiefe brodelt das Schweigen, das Unausgesprochene und Unbewusste, und eines schönen Tages könnte es uns passieren, dass die vielen verstreuten Erinnerungen ans Licht der Gegenwart drängen, die Schädelkapsel ihrer Besitzer durchbrechen und sich anderer, fremder Gehirne bedienen, um sich wie ein Magmastrom aus einer unterirdischen Plume über die ganze Erde zu verbreiten, und die Erinnerungen aller Menschen, die je auf ihr gelebt haben, werden sich in einem gewaltigen stream of conciousness auflösen wie Würfelzucker in einem Glas Tee.
Finis Germaniae
Hier ist das Ufer. Über mir der niedrige Himmel des Nordens. In langen Wellen bäumt sich das Land, schiebt drängt drückt der Bagger den Leib der Erde, weit und breit nichts als Sand, roter gelber brauner Sand, der in den Augen brennt und zwischen den Zähnen knirscht, wie ein Sandwurm winde ich mich durch Sedimentschichten, die das pleistozäne Eis zurückgelassen hat, mein stratigrafischer Körper wächst rückwärts durch Raum und Zeit, auf der Suche nach den unterirdischen Wäldern tauche ich auf den Grund des Jetzt, an der Grenze zum Neogen stößt mein Fuß an grobe Flusskiesel, das muss schon das Miozän sein, das Meer ist zurückgekommen, Farnwedel winken mir zu, wagenradgroße Ammoniten schweben traumverloren vorbei, Knochenfische grasen in den Seelilienwäldern, in meinem Rücken versinkt die schwarze Sonne des Holozän, Kinder, wie die Zeit vergeht, zwölf Millionen Jahre bin ich schon unterwegs, wie tief muss man steigen, um sich selbst auf den Grund zu kommen, wenn da immer noch eine und noch eine Zeit ist, dieser ewige Wechsel von Eiszeiten und Warmzeiten, Überflutungen und Dürren ist auf die Dauer ermüdend, ich sehne mich nach den heißen Sommern des Anthropozän, du musst dich entscheiden, sagt das Kind, wie der Wind nicht von Westen und von Osten zugleich weht, so kann niemand in zwei Zeiten leben.
Es ist Mai, ein durchscheinendes Grün flirrt in den Bäumen, in den Liegestühlen am Berliner Wannsee halten ein paar ganz Mutige ihre Gesichter in die Sonne, die Zufahrtsstraßen zur Reichshauptstadt sind verstopft, pausenlos rollen Militärkonvois in die Stadt, Soldaten sitzen auf den offenen Ladeflächen, viele lächeln und winken, denn sie leben. Ernst wie ein künstliches Altertum streben die Säulen des eingestürzten Reichstags in den Himmel, die nichts zu tragen haben als ein paar Kubikmeter Luft; über dem Portal der Reichskanzlei hängt gefährlich schief der preußische Adler, das Hakenkreuz in den Krallen, und über den Ruinen ein gleichgültiger Himmel.
Zunächst hatte es so ausgesehen, als wäre nur ein Krieg verloren, nicht das Reich. Der deutsche Reichskadaver zuckt im Phantomschmerz, seine ausgebluteten Provinzen sind eine nach der andern von ihm abgefallen, Elsass, Lothringen, das Saarland, Schlesien, Ostpreußen. In panischer Flucht vor der vorrückenden Roten Armee ziehen die Karawanen aus dem Osten über die Landstraßen des Reichs, hochbeladene Pferdewagen, die von Menschen gezogen werden, Ochsengespanne und Handkarren. Nur oben im Norden streckt die mörderische Krake noch ihre Tentakeln aus. Wie Ratten kriechen sie aus ihren Löchern, KZ-Kommandanten, Sturmbannführer, Reichsärzte, SS-Generäle pressen ihre im Dienst fettgewordenen Altmännerärsche in Wehrmachtsuniformen, die noch nach Kampfer riechen, um sich im Schutz der Dunkelheit zur dänischen Grenze durchzuschlagen und die letzten freien Überseehäfen in Norwegen zu erreichen, vorbei an den britischen Posten, bei denen sie sich mit gefälschten Kennkarten als einfache Landser ausweisen, ausgestellt in der Sonderzone Mürwik.
Seit Wochen ankert der Kraft-durch-Freude-Dampfer Rheinfels mit eintausendsechshundert von der Gestapo verschleppten KZ-Häftlingen im Flensburger Hafen, bewacht von einhundert SS-Männern. Am Strand von Fahrensodde treiben Leichen im flachen Wasser, von Stutthof sind sie herübergetrieben worden, gut zu erkennen in ihren gestreiften Lagerjacken. Es nieselt leicht, die Wolkenbäuche hängen tief über diesem Drecksloch von Landschaft, wo Kühe zwischen Flugzeugen grasen, als ein paar Tage vor Pfingsten ein Mann in Wehrmachtsuniform quer über einen Acker durch den Modder eilt, gut sichtbar vor dem flachen Horizont, während ein anderer Mann in derselben Uniform, bloß ein paar Kilometer weiter südlich und in entgegengesetzter Richtung, dasselbe tut. Die Männer sind ungefähr im selben Alter, um die fünfzig, Brillenträger. Der eine, ein gewisser Heinrich Hitzinger, den Kragenspiegeln nach Unterscharführer der Geheimen Feldpolizei, wird am Pfingstsonntag von einem britischen Posten aufgegriffen und zur alliierten Kommandantur nach Lüneburg gebracht. Für den andern, ehemals Buchhalter bei Orenstein & Koppel und vor einer Woche noch Obergefreiter und Hilfskoch in einem dänischen Polizeigefangenenlager, ist der Krieg auch ohne Kapitulationsurkunde vorbei. Bloß nicht sich jetzt noch erwischen lassen in diesem allgemeinen Tohuwabohu, also nimmt er die Beine in die Hand und nichts wie ab durch die Mitte, Heidewitzka, Herr Kapitän, und wie sich also der eine, dieser Hitzinger mit den tadellos manikürten Fingernägeln, noch am selben Tag in seiner Lüneburger Zelle mittels einer Cyankalikapsel in die Hölle befördert, wo man ihn auf der Stelle als Reichsheini alias den schärfsten Bluthund des Führers, Judenschlächter von Europa, Reichsführer SS und Chef des Ersatzheers erkennt und mit einem groben Fußtritt weiterschickt zum Satan persönlich, taucht der andere leise pfeifend in einer Kiefernschonung unter. Um etliche Backenzähne, eine Niere, den halben Magen und etliche Illusionen über die menschliche Natur ärmer, klettert er ein paar Monate später in Hannover auf das mit Kriegsheimkehrern übervolle Dach eines Güterzugs und lässt sich mit steifen Gliedern, aber dafür gratis, am Berliner Nordbahnhof abliefern. Ich sehe ihn vor mir, den abgemagerten Endvierziger mit tief gekerbten Magenfalten und Geheimratsecken, ein bisschen kurzsichtig hinter der Wehrmachtsbrille, aber sonst gut im Schuss für sein Alter, ich sehe ihn vor mir, weil in seinen Adern Blut mit einer ähnlichen chemischen Zusammensetzung wie in meinen fließt, weil die Struktur seiner Aminosäuren wie ein langsamer Fluss durch viele Generationen bis zu mir getragen wurde. Ich sehe ihn, wie er durch die Stadt irrt, die er nach sechs Kriegsjahren nicht wiedererkennt und ich weiß, als er in einem der südöstlichen Vororte die Straße mit dem Kopfsteinpflaster erreicht hat, an deren Ende sein Reichsheimstättenhäuschen zwischen mageren Rotdornbäumchen steht, unversehrt und einladend mit seinen grünen Fensterläden, dass da niemand auf ihn wartet.
Doch zunächst ist es immer noch Mai, klar und kalt zieht die Morgendämmerung auf, im Treptower Park leuchten Tulpen, Spatzen lärmen im Flieder, zwischen Brandnestern flattert Wäsche, Fliegen summen in der milden Luft, fette, schillernde Fliegen, denn es sind noch nicht alle Toten begraben. In den Bombentrichtern der Reichshauptstadt biegen sich junge Birken, der Wind weht sommerlich heiß, er bringt Staub, überall nichts als feiner Sand und Staub, zerriebene Materie, in der Luft, auf dem Asphalt, Staub legt sich auf Wimpern und Haare, dringt in die Schleimhäute, pudert das Gras, das aus den Ritzen der Steine drängt, nach den letzten starken Nachtfrösten brennt die Sonne aus einem wolkenlosem Himmel, an den Rändern der Bombenkrater blühen wie eiternde Wundränder Polster von Löwenzahn und Narzissen, Bienen summen, Wespen und Hummeln schwärmen aus. Immerhin, es ist noch Leben in diesem stumpfsinnigen Schutthaufen, aus den Sandkratern quellen Büschel von Melde, Boretsch, Scharbockskraut, was Mensch ist, hat sich unter die Erde zurückgezogen, in die Katakomben unter den Ruinen, in die Bunker, Stollen, Keller, Tunnel unter der zerstörten Stadt. Praktisch denken, Särge schenken, sagt man in Berlin. Über der flachen Silhouette lastet steinerne Stille, Kaskaden aus rötlichen Ziegeln stürzen wie Brandung über aufgebogene Straßenbahnschienen, lecken in Wellen über das Kopfsteinpflaster, dazwischen bewegen sich die Stadtbewohner langsam wie auf Eisenschuhen, niemand beeilt sich, die zähe, menschenverschlingende Zeit ist zum Stehen gekommen, und über den lichtlosen Nächten wölbt sich ein sprachloses Nichts.
An einem sonnigen Vormitttag, drei Tage nach Pfingsten, verreckte im Hinterhof des örtlichen Polizeireviers in der Nähe des Ostseehafens Flensburg das Großdeutsche Reich, es verreckte an Blutverlust, an Fäulnis, an Atemnot, es verreckte an seinen Totengräbern, es verreckte unter der Last von fünfundfünfzig Millionen toten Körpern. Von tausend Jahren waren noch gut neunhundertachtundachtzig übrig, als an diesem Morgen drei Männer – der eine in Zivil, die anderen beiden in operettenhaften Uniformen – den staubigen Dorfanger der Sonderzone Mürwik überqueren. Sie klettern auf den bereitstehenden Lastwagen und klopfen sich den Staub von den Mänteln. Zwei Stunden später treten sie durch eine niedrige Tür in den Hof des Polizeigebäudes, wo sie von einer Armada aus Fotografen und Kamerateams erwartet werden. Der Großadmiral streift im Gehen seine Lederhandschuhe über und streicht mit der Rechten über die Aufschläge seines Generalsmantels, der Generalmajor zupft an seinen Manschetten, nur der Minister, als Einziger barhäuptig, blickt routiniert in die Kameras. Mit der steifen Würde einer Feuerwehrkapelle, die Hände auf den Rücken, schreiten Speer, Dönitz und Jodl unter dem Blitzlichtgewitter der Weltöffentlichkeit mehrmals das Hofgeviert ab, bis alle Kameras den Moment festgehalten haben, in dem die geschäftsführende deutsche Reichsregierung von der Hinterbühne der Weltgeschichte abtritt. Ende der Vorstellung. Das letzte Stück eine billige Burleske, dilettantisch wie die Generalprobe eines Amateurtheaters.
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