Kitabı oku: «Exodus»

Yazı tipi:

Armageddon, die Suche nach Eden

Band 11

Exodus

© 2013 Begedia Verlag

© 2013 Ben B. Black

ISBN: 978-3-95777-023-3 (epub)

Idee und Exposé: D. J. Franzen

Umschlagbild: Lothar Bauer

Layout und Satz: Begedia Verlag

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Nachdem die Pilger die Suite 12/26 erfolgreich evakuieren konnten, trennen sich ihre Wege. Ein Teil der Gruppe unter Sandra will den Major und seine Armee unter Beobachtung halten. Die restlichen Pilger sollen sich mit dieser Rückendeckung nach Süden durchschlagen.

Doch die Gruppe der Pilger fährt im Kreis, da alle Straßen weitgehend blockiert sind und große Herden Stinker wie Zugvögel nach Süden wandern. Auch die Wächter müssen sich vor den immer weiter ausholenden Patroullien der Armee des Majors zurückziehen und treffen schließlich wieder auf die anderen Pilger. Da es auf Dauer zu gefährlich wäre, an einem Ort in der Nähe der Arme des Majors zu bleiben, beschließen sie erneut, einen Versuch zu wagen, um nach Süden zu gelangen. Auch wenn es keiner zugeben mag, drückt diese Entscheidung doch auf ihre Stimmung.

Denn so, wie einst das Volk Israel Ägypten verließ, machen auch sie sich auf den Weg, um eine neue Heimat zu finden.

Es ist für sie der große …

... Exodus

Kapitel I

Neue Ziele

Das Heulen des Windes klang wie der mehrstimmige Gesang von Dämonen. Ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher, in meinem ganzen Leben niemals etwas Schauerlicheres gehört zu haben als das. Dieser stetig auf- und abschwellende Ton zehrte an meinen Nerven.

Beinahe hätte ich trocken aufgelacht, konnte mich aber im letzten Moment gerade noch zusammenreißen. Welche Nerven denn? Besaß ich so etwas überhaupt noch? Zumindest Schmerz war für mich nicht mehr wirklich existent – dumpfe Empfindungen schon, aber eben nicht mehr. Gut, okay, da gab es noch die Nerven im übertragenen Sinne, aber auch bei denen war ich mir beileibe nicht sicher, ob ich davon noch welche besaß. Zwar spürte ich eine kalte Wut in mir, die mehr oder weniger zu meinem ständigen Begleiter geworden war, aber so richtig aus der Fassung bringen konnte mich nichts mehr.

Zum Glück bot mein untoter Körper mir auch ein paar Vorteile, sonst hätte ich inzwischen vermutlich längst alles darangesetzt, mich vollends vom Leben zum Tod zu befördern. Unter anderem machte mir die Kälte nichts aus, die meine Begleiter schlottern ließ. Und er machte mich nahezu unsterblich – zumindest solange keine essenziellen Teile davon beschädigt wurden.

Mist, da war es wieder! In welchen Bahnen dachte ich denn inzwischen? »beschädigt«, was für ein Wort im Zusammenhang mit etwas, das eigentlich ein Mensch hätte sein sollen! Wäre »verletzt« in dem Fall nicht deutlich angebrachter? Nein, vermutlich nicht, denn Verletzungen konnten heilen, Beschädigungen mussten hingegen repariert werden.

»Ich gehe mich mal draußen umsehen«, erklärte ich. »Vielleicht kann ich abschätzen, bis wann der Schneesturm, der uns hier festnagelt, endlich nachlässt.«

Ich wartete erst gar nicht auf eine Antwort, sondern ging bereits bei den letzten Worten auf die klapprige Tür zu, die unseren Unterschlupf mit dem derzeit so ungastlichen Draußen verband. Ich musste einfach für ein paar Minuten aus dieser Enge heraus, die mir plötzlich den Atem zu rauben drohte, den ich ohnehin nicht mehr wirklich brauchte. Vielleicht würde ich ein paar klare Gedanken fassen können, wenn mir der Sturm ordentlich um die Nase wehte, sozusagen das Gehirn frei pustete. Einen Versuch war es zumindest wert.

***

»Was will sie draußen?«, fragte Mareike leise, nachdem sich die Tür der kleinen Hütte hinter Sandra geschlossen hatte. »Sie wirkte irgendwie – wie soll ich sagen? - deprimiert.«

»Ich habe keine Ahnung«, gab Thilo ebenso leise zurück. »Vermutlich möchte sie einfach eine Weile alleine sein, denn dass sie nach dem Wetter sehen will, halte ich für einen vorgeschobenen Grund.«

»Du hast es also auch gesehen?«

»Was meinst du?«

»Na, diesen merkwürdigen Blick in ihren Augen. Denkst du, sie tut sich etwas an?«

»Nein, das glaube ich nicht.« Thilo schüttelte entschieden den Kopf. »Sandra ist stark, auch wenn sie immer wieder an sich zweifelt. Vermutlich ist sie sogar deutlich stärker als sie selbst glaubt. Und sie hat geschworen, die Pilger sicher nach Eden zu bringen.«

»So wird es wohl sein.« Mareike zwang sich zu einem Lächeln. »Und auch nach diesem Sturm wird irgendwann wieder die Sonne scheinen, so war es bisher jedenfalls immer.«

Sie blickte sich in der Hütte um, obwohl es eigentlich nichts zu sehen gab. Neben ihr und Thilo hielten sich hier noch Erich, Marion, Lemmy, Belinda, und Bernhard auf, alle, so gut es ging, in Decken gehüllt, um der Kälte zu trotzen.

Nachdem der neuerliche Sturm eingesetzt hatte, waren sie mehr durch Zufall über diese Hütte gestolpert, die wohl zu früheren Zeiten Waldarbeitern als Unterschlupf gedient hatte, wenn diese von schlechtem Wetter überrascht wurden. Hier drin gab es nichts außer ein paar roh gezimmerter Bänke. Selbst das Schloss, dass die Tür gesichert hatte, war primitiv und für Bernhards Fähigkeiten noch nicht einmal ansatzweise eine Herausforderung gewesen.

Aber gut, sie wollten sich hier ja auch nicht häuslich niederlassen, sondern nur das Ende des Sturms abwarten, um dann weiter Richtung Süden zu gehen, nach Eden, ihrem eigentlichen Ziel.

»Hey, nicht einschlafen!« Thilo rüttelte Mareike sanft an der Schulter. »Wenn du einschläfst, besteht die Gefahr, dass du erfrierst, und das willst du mir wohl nicht antun, oder? Außerdem wird das Heulen des Windes leiser, ich denke, wir haben es bald überstanden.«

In diesem Moment flog die Tür der Hütte krachend auf, und Sandra stürmte herein. »Nicht mehr lange, dann können wir endlich wieder aufbrechen. Allerdings gibt es eine kleine Planänderung!«

***

Vielleicht hätte ich doch nicht ganz so brachial in die Hütte zurückkehren sollen, denn in den Gesichtern, die sich mir bei meinem Eintreten ruckartig zuwandten, spiegelte sich Erschrecken und teilweise auch ein kleines bisschen Angst wider. Aber der Gedanke, der mir draußen gekommen war, hatte mich dermaßen überwältigt, dass ich für einen Moment nicht mehr daran gedacht hatte, die Kräfte meines untoten Körpers zu zügeln.

»Nun schaut nicht so.« Ich versuchte ein Grinsen, was mir aber den Reaktionen der anderen zufolge nicht sonderlich überzeugend gelang. »Es ist doch eine gute Nachricht, dass wir bald weiter können, oder nicht?«

»Was für eine Planänderung?«, brummte Lemmy, und es klang nicht eben begeistert. »Paar Details musste uns schon verraten tun, sonst is’ nix mit Freudentanz und so.«

»Wir haben einen großen Fehler begangen«, eröffnete ich.

»Welchen von den vielen Fehlern der letzten Zeit meinst du?« Marion sah mich mit einem schwer zu deutenden Blick an. »Von denen hatte doch jeder für sich ein besonderes Format. War da tatsächlich einer darunter, der noch größer als seine Kollegen war?«

»Wo’se recht hat, hat’se recht«, knurrte Lemmy. »Verdammpt viele Haufen Scheiße, was’wa die letzten Wochen und Monate erlebt haben. Kann mich nich’ erinnern, dass einer davon deutlich mehr gestunken hätte als die anderen, war ja auch irgendwie kaum möglich …«

Zorn wallte in mir hoch. Konnten oder wollten sie mich nicht verstehen? Ihre ablehnende Art, für die ich ja noch ein Stück weit Verständnis aufbringen konnte, gepaart mit einer gewissen Lethargie und Gleichgültigkeit machte mich rasend.

Nur mit Mühe brachte ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle. So ruhig und sachlich, wie es mir in diesem Moment möglich war, fuhr ich schließlich fort: »Ich weiß zwar nicht, was ihr alles als Fehler anseht, mir geht es jedenfalls um die Tatsache, dass wir uns zu weit von der Armee des Majors entfernt haben. Wie Hühner auf der Flucht haben wir die Beine in die Hand genommen und sind aufs Geratewohl in Richtung Eden losgetappt. Das war ein Riesenfehler.«

»Hätten wir bei diesem größenwahnsinnigen Irren bleiben und warten sollen, bis er uns alle zu Zombies macht?«

Aus Marions Augen schossen jetzt förmlich Blitze in meine Richtung, und ich konnte regelrecht sehen, was sie nicht aussprach: »Hätte es dir besser gefallen, wenn wir alle so wie du geworden wären?«

Das Misstrauen saß offenbar tief in ihr verwurzelt, aber mich wunderte ohnehin, dass Thilo und die anderen Jugendlichen es nicht teilten. Bei Lemmy konnte ich mir nie sicher sein, was er dachte oder auf wessen Seite er stand, trotzdem genoss er bei Marion wesentlich größeres Vertrauen als ich.

Und dann war da noch Erich. Er hatte nicht gezögert, sich mit mir zusammen auf die Suche nach Jörg, Lemmy und den anderen zu machen. Seine Motive lagen dabei mehr oder weniger offen: Verliebt bis über beide Ohren besaß er nur noch Augen für Marion. Nun, sollte er, immerhin misstraute er mir nicht – oder falls doch, verbarg er es sehr, sehr gut.

»Ich rede doch gar nicht davon, dass wir uns dem Major anschließen sollen«, stellte ich klar. »Falls du es schon vergessen haben solltest: Ich hatte ebenfalls schon das Vergnügen mit diesem Durchgeknallten. Teil seiner Gefolgschaft zu werden, lag für mich nie im Bereich des Denkbaren. Weshalb ich mich damals auch sehr schnell wieder dort vom Acker gemacht habe, und zwar deutlich schneller, als ihr das geschafft habt.«

»Beruhigt euch doch mal, Mädels.« Erich machte mit den Händen eine Geste, die uns beschwichtigen sollte. »Wir müssen zusammenhalten, da ist keinem damit gedient, wenn wir uns gegenseitig unterschwellige Vorwürfe an den Kopf werfen, oder?«

»Das nennst du unterschwellig?«, brauste Marion auf, und die Blitze aus ihren Augen trafen nun auch den blonden Hünen. »Also mir war sofort klar, was Sandra damit ausdrücken will. Dir etwa nicht?«

»Sie hat es sicher nicht so gemeint. Wir sind alle ein wenig überreizt, was aber auch kein Wunder ist, oder?«

»Bist wohl neuerdings unter die Hobbypüschologen gegangen, wie?« Lemmy sah den anderen mit einer Mischung aus Belustigung und Sorge an. »Das wird unsere Damen aber nicht beeindrucken tun, weißte?«

»Wollen wir nicht lieber mal hören, was Sandra uns mitteilen möchte?«, ließ sich Thilo vernehmen, bevor wieder einer der Erwachsenen etwas sagen konnte. »Zanken könnt ihr danach immer noch, wenn ihr unbedingt wollt.«

Das saß! Marion und ich senkten zeitgleich den Blick. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Lemmy und Erich grinsten. Obwohl Thilo gerade einmal knapp sechzehn Lenze zählte, bewies er in dieser Situation einmal mehr Führungsqualitäten, von denen wir Erwachsenen uns alle eine Scheibe abschneiden konnten.

»Ihr gebt mir also recht? Fein.« Thilo nickte. »Also, Sandra, was ist denn der große Fehler, und welche Planänderung resultiert daraus?«

Ich straffte mich und sah die anderen wieder direkt an. »Wie ich schon sagte, der Fehler besteht darin, dass wir uns zu weit von der Armee des Majors entfernt haben.«

Marion wollte etwas erwidern, doch Erich legte ihr die Hand auf den Oberarm, und sie klappte den eben geöffneten Mund wieder zu.

»Auf diese Weise bekommen wir nicht mehr mit, was er vorhat«, fuhr ich fort. »Nach dem, was Lemmy über ihn erzählt hat, ist nicht auszuschließen, dass der Major sich ebenfalls in Richtung Eden aufmachen wird.«

»Woran wir ihn wohl kaum hindern können«, nuschelte Marion.

»Aber wir könnten versuchen, die Pilger zu warnen, falls der Major und seine Leute ihnen zu nahe kommen. Das würde ihre Chancen, sich rechtzeitig zu verstecken und unentdeckt zu bleiben, drastisch erhöhen. Findest du nicht?«

»Vielleicht. Genau kann man das erst sagen, wenn es soweit ist.«

»Was soll’n’wa also machen tun?« Lemmy sah mich aufmerksam an. »So deiner Meinung nach, mein ich.«

»Wir müssen zu diesem Einkaufszentrum zurück und dort Beobachtungsposten beziehen. Wenn der Tross weiterzieht, sehen wir, wohin sie sich wenden. Wenn sie nicht nach Süden gehen, ist alles in Ordnung, und wir können unseren Marsch nach Eden fortsetzen.«

»Und wenn nicht?« Mit einem Mal war alles Schnoddrige aus Lemmys Stimme verschwunden, und seine Augen taxierten mich.

»Wenn nicht, müssen wir in ihrer Nähe bleiben, damit wir die Pilger gegebenenfalls rechtzeitig warnen können.«

»Und falls der Major schon weitergezogen ist?« Erich kratze sich nachdenklich im Nacken. »Willst du sie dann verfolgen?«

»Haben wir eine andere Wahl?« Während ich sprach, wurde ich immer lauter. »Nein, die haben wir nicht! Wir alle haben geschworen, auf die Kinder aufzupassen, zur Not unser Leben für sie zu opfern. Also sollten wir auch genau das tun!«

Auf meine Worte folgte eine Stille, die schwer auf dem kleinen Raum lastete. Schließlich war es Marion, die zu meiner Überraschung als Erste wieder sprach: »Du hast recht, und es tut mir leid, dass ich dich so angegangen bin. Jörg wird zwar alles tun, was in seiner Macht steht, um den Major daran zu hindern, für die Pilger zur Gefahr zu werden, aber vielleicht ist das nicht genug.«

»Genau«. Erich nickte. »Wir müssen so etwas wie die fernen Wächter der letzten Pilger nach Eden werden, damit diese eine reelle Chance haben, Eden zu erreichen, ohne in die Fänge des Majors zu geraten. Außerdem müssen wir verhindern, dass Bane und seine Truppe nach Eden gelangen, denn andernfalls ist auch das kein sicherer Ort mehr. Wir müssen also den Major und seine Armee der neuen Ordnung im Auge behalten.«

»Klingt, als hätten’wa ’nen Plan.« Lemmy nickte nun ebenfalls. »Dann lasst uns ma’ aufbrechen tun. Der Sturm is’ vorbei, und bisschen Weg hamm’wa noch vor uns.«

***

»Dort vorne, das sieht gut aus.« Marion deutete auf ein Haus, das einsam am Waldrand stand. »Scheint verlassen zu sein.«

Hinter der Gruppe lag ein zweitägiger Gewaltmarsch, der sie wieder relativ nahe an das Einkaufszentrum herangeführt hatte, wo sie den Major und seine Leute vermuteten.

»Zumindest sind im Moment keine Knirscher in der Nähe«, informierte Thilo die anderen. »Im schlimmsten Fall halten sich in dem Haus also ein paar normale Menschen auf.«

»Im schlimmsten Fall …« Marion sah den Jugendlichen von der Seite an. »Du tust ja gerade so, als ob es etwas Schlechtes wäre, normal zu sein.«

»So habe ich das doch gar nicht gemeint. Es war nur … es war nur …«

»Ist schon gut, Junge.« Lemmy legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Wenn Marion mal durchatmen tun tut, dann kommt sie selba drauf, wie du’s gemeint hast.«

»Glaubt ihr wirklich, dass hier noch jemand am Leben ist?«, fragte ich. Irgendwie schien mir diese Vorstellung unpassend zu sein.

»Wir werden es herausfinden.« Marion wirkte jetzt sehr entschlossen. »Das Haus ist für unser Vorhaben ideal, zur Not müssen wir es eben requirieren.«

Da geht wohl gerade der Kommisskopf mit ihr durch, dachte ich, zog es aber vor, es für mich zu behalten. Als ob man in diesen Zeiten noch irgendetwas requirieren konnte. Im Zweifelsfall nahm sich der Stärkere vom Schwächeren einfach das, was er brauchte. Und wenn es sich als nötig erwies, konnten wir verdammt stark sein …

***

»Hallo? Ist da jemand?« Marion legte die Hand hinters Ohr und lauschte. »Jemand zuhause?«

»Wie in einem schlechten Film«, witzelte Thilo, fing sich dafür aber einen strafenden Blick von Marion ein. »Ich meine ja nur. Ist doch irgendwie der Klassiker, dieses ›Ist da jemand?‹. Und in den ganz schlechten Filmen kommt daraufhin immer das Ungeheuer um die Ecke und bringt alle um.«

»Tu’s ma’ nich’ beschreien tun, Jungchen.« Lemmy schüttelte missbilligend den Kopf.

»Jetzt macht euch doch mal locker«, sprang Bernhard seinem Bruder zur Seite. »Wenn hier Stinker wären, hätten wir sie längst gespürt.«

»Sicher?« Lemmy sah ihn prüfend an.

»Natürlich bin ich si… Scheiße! Was …?« Benhards Augen wurden immer größer, er keuchte. »Das gibt es doch ni…«

»Was ist los?« Marion klang alarmiert.

Ich griff ebenfalls nach meiner Waffe. Wir alle verließen uns darauf, dass die jungen Leute die Gegenwart von Knirschern rechtzeitig spürten und uns dann warnen konnten. Aber was, wenn dem aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr so war?

Wir alle wurden sichtlich nervös – alle bis auf Lemmy. Wusste der etwas, das er uns verschwieg? Oder hatte er gar …? Ein Verdacht keimte in mir.

»Lass den Quatsch, Lemmy!« Ich sah den großen Zottel mit strafendem Blick an. »Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für irgendwelche blöden Streiche.«

»Meinste etwa mich?«

Lemmy blickte drein, als könne er kein Wässerchen trüben, trotzdem sah ich aus dem Augenwinkel, dass sich Bernhard sichtlich entspannte. Zwar hatte ich nur auf den Busch geklopft, damit jedoch offenbar ins Schwarze getroffen.

»Die Hütte scheint leer zu sein«, ergriff ich wieder das Wort. »Also lasst uns mal reingehen. Und vergesst nicht, mit euren Schuhen den Schuhabstreifer ordentlich zu malträtieren, schließlich wollen wir unser neues Heim nicht gleich mehr als unbedingt nötig einsauen.«

Obwohl niemand auf unser Rufen reagiert hatte, gedachten wir trotzdem nicht, leichtsinnig zu sein. Als erstes durchsuchten wir deshalb das gesamte Haus vom Dachboden bis zum Keller, fanden aber tatsächlich alle Räume verlassen vor. Wie es aussah, lebte hier schon seit einiger Zeit niemand mehr, was uns nur recht sein konnte.

Wie Marion bereits gesagt hatte, war das Haus für unser Vorhaben ideal. Es lag weit genug vom Einkaufszentrum entfernt, damit wir nicht Gefahr liefen, entdeckt zu werden, auf der anderen Seite jedoch auch nahe genug, dass wir die Bewegungen der Armee des Majors beobachten konnten.

Doch noch gab es keinen Grund zur Freude, denn bisher wussten wir nicht, ob Bane und seine Truppe überhaupt noch dort lagerten, wo wir sie vermuteten.

»Marion und Lemmy kommen mit mir«, entschied ich deshalb. »Wir schauen beim Einkaufszentrum nach dem Rechten. Die anderen bleiben hier und sehen zu, ob sich hier etwas Essbares oder andere nützliche Dinge finden lassen.«

Hatte ich mit Widerspruch von Marion oder Lemmy gerechnet, wurde ich enttäuscht. Zumindest im Moment schienen sie mich als Anführer zu akzeptieren, was sich aber jederzeit ändern konnte. Speziell der große Zottel schien mir derzeit wieder äußerst unberechenbar zu sein.

***

Etwa nach einer halben Stunde Fußmarsch hörten wir verdächtige Geräusche. Sofort verharrten wir bewegungslos an Ort und Stelle. Die Geräusche kamen langsam näher, und uns wurde schnell klar, dass wir es mit einer von Banes Patrouillen zu tun haben mussten.

Ich überlegte gerade, ob wir uns ein Stück zurückziehen sollten, um eine Entdeckung zu vermeiden, als die Männer die Richtung wechselten und sich wieder von uns entfernten.

»Wir sind offenbar schon dichter dran, als ich dachte«, flüsterte ich.

»Dann können wir ja umkehren«, gab Marion ebenso leise zurück. »Wir wissen jetzt, dass der Major noch hier ist.«

»Wie sicher bist du dir, dass das seine Leute waren, und nicht irgendjemand anderes? Bevor ich das Lager nicht mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich gar nichts.«

Das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich wollte ich die Gelegenheit nutzen, um vielleicht einen Blick auf Jörg zu erhaschen oder wenigstens etwas über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen. Die anderen ging das jedoch nichts an, schließlich erzählten sie mir auch nicht alles.

»Wenn’s denn sein muss«, gab sich Lemmy schicksalsergeben. »Dann turnen wir halt noch bissi in der Kälte rum. Aber nich’ mehr lange, hörst du? Es wird nämlich bald dunkel.«

Ohne ein weiteres Wort setzte ich mich wieder in Bewegung. Die beiden anderen folgten mir mit ein paar Schritten Abstand.

Ständig auf weitere Patrouillen lauschend näherten wir uns dem Einkaufszentrum immer mehr. Schließlich erreichten wir den Waldrand und blieben stehen.

»Siehste, alles noch da«, brummte Lemmy. »Jetzt zufrieden?«

»Ja.« Eine glatte Lüge, und ich erschrak darüber, wie leicht sie mir von den Lippen ging. Aber was sollte ich sagen? Unser heutiges Etappenziel hatten wir erreicht, wir sollten jetzt besser umkehren.

»Ich hätte gedacht, dass sie sich zumindest schon im Aufbruch befinden«, sagte ich stattdessen, und meinte es auch genau so, wie ich es sagte. »So wie ich den Kerl kennengelernt habe und nach allem, was ihr mir über ihn erzählt habt, bin ich davon ausgegangen, dass er längst nach den Pilgern oder euch suchen würde.«

»Das ist tatsächlich verwunderlich.« Marion nickte mit nachdenklicher Miene. »Bane hat auf mich den Eindruck eines größenwahnsinnigen Despoten gemacht, und die sind eigentlich zu allen Zeiten auch wahre Kontrollfreaks gewesen. Entweder ist er sich seiner Sache, dass wir ihm nicht entkommen können, äußerst sicher, oder es gibt etwas, was ihn aufgehalten hat.«

»Nicht etwas, sondern jemanden.« Hoffnung flackerte in mir hoch.

In Marions Augen sah ich, dass sie sofort dasselbe dachte wie ich: Jörg! Nur Lemmy zeigte sich weiterhin brummig und von allem unbeeindruckt. Sollte er doch, wenn er unbedingt meinte. Ich für meinen Teil hatte auf jeden Fall wieder etwas gefunden, das mich Hoffnung schöpfen ließ.

***

Als wir wieder bei unserem neuen »Heim« eintrafen, war es bereits fast dunkel. Die Armee würde heute sicher nicht mehr aufbrechen. Das Risiko, dass dabei etwas schiefging, war viel zu hoch, außerdem gab es für den Major keinen Grund es einzugehen.

Erich hatte einmal mehr seine praktische Veranlagung demonstriert und die Heizung zum Funktionieren gebracht. Ihm kam dabei zu Hilfe, dass die Heizung eine unabhängige Energiequelle hatte. Nach und nach wichen die Minusgrade aus den ausgekühlten Wohnräumen und machten behaglicher Wärme Platz. Trotzdem spürte ich deutlich, dass die Stimmung unter uns Wächtern immer noch gedrückt war. Im Moment saßen wir hier herum, waren zum Nichtstun verdammt, und keiner konnte sagen, wie lange dieser Zustand noch andauern würde. Kontakt zu den Pilgern konnten wir ebenfalls keinen aufnehmen. Thilo und die anderen Jugendlichen hatten es ein paarmal versucht, jedoch immer ohne Erfolg. Erste Sorgen machten sich breit, dass Roland, Gregor, Martin und den Kindern doch etwas passiert sein könnte. Vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund, warum der Kontakt nicht zustande kam, aber die Hoffnung daran schwand immer mehr.

Außerdem gab es noch eine ganze Reihe weiterer Dinge, die uns belasteten. Belinda trauerte um Levi, und auch Lemmy zeigte sich einmal mehr als unzugänglicher Griesgram, der sich vor uns allen verschloss. Aber zumindest hatten die Zankereien aufgehört, denn wir besaßen wieder ein gemeinsames Ziel.

Die einzigen, die sich nach und nach immer mehr mit der Lage zu arrangieren schienen, waren Erich und Marion. Der blonde Hüne bestand darauf, ab morgen gemeinsam mit ihr auf Patrouille zu gehen. Bildete ich es mir nur ein, oder schien sie dieser Idee gegenüber nicht abgeneigt zu sein? Nun, sollten die beiden, das war ihre Angelegenheit, solange ihre Wachsamkeit nicht darunter litt.

Für uns andere war es im Prinzip auch nur eine Frage der Zeit, bis sich die derzeitige Situation, die ein Stück weit an eine Art Stasis grenzte, wieder auflösen würde. Der Major würde nämlich sicherlich nicht ewig hierbleiben, und sobald klar war, in welche Richtung er aufbrach, wussten auch wir endlich wieder, was wir tun mussten. Mit ein wenig Glück konnten wir dann rasch den Pilgern in Richtung Eden folgen und uns am Ende selbst davon überzeugen, dass es ihnen allen gut ging.

Kapitel II

Ginkenbach ist überall

Das tiefe Brummen wurde immer lauter. Zwei Lichtfinger versuchten, das dichte Schneetreiben zu durchdringen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Schließlich schälte sich die Kontur eines Busses aus der wirbelnden Wand. Am Steuer saß ein Mann, der Ende vierzig, Anfang fünfzig sein mochte. Sein graues Haar trug er kurzgeschnitten, darunter saßen zwei Augen, die von Willensstärke und wacher Intelligenz kündeten, im Moment aber in höchster Konzentration leicht zusammengekniffen waren. Der Oberkörper des Mannes wirkte kräftig, und im Sitzen sah man ihm seine Größe von fast einsfünfundneunzig nicht an.

»Es ist eine gottverdammte Scheiße mit diesem Wetter!« Roland stand im Begriff, seine Faust auf das Lenkrad des Busses zu donnern, hielt sich aber im letzten Moment zurück, weil ihm einfiel, dass das bereits das letzte Mal zu Diskussionen geführt hatte, und dafür besaß er im Moment nicht die Nerven.

»Soll ich noch mal übernehmen?« Gregor sah seinen Freund mit Sorge im Blick an. »Du hast schon ganz rote Augen.«

»Weil deine ja besser aussehen …« Roland schüttelte entschieden den Kopf. »Wir brauchen dringend eine Pause, und zwar wir alle!«

»Wenn wir eingeschneit werden, sitzen wir womöglich den Rest des Winters fest, und das war es dann.«

»Und wenn wir den Bus schrotten, dann sitzen wir nicht nur den Winter über fest, sondern vielleicht für immer«, gab Martin zu bedenken, der dem Gespräch der beiden Freunde bislang schweigend gefolgt war.

»Ja, genau so habe ich mir das vorgestellt.« Rolands Miene verfinsterte sich immer weiter. »Wir können uns also zwischen Pest und Cholera entscheiden, ganz so wie zu den Zeiten, als wir noch als Wahlvieh an die Urnen gehen durften, um unser Kreuzchen an einer Stelle zu machen, wo es sowieso nichts bewirkt.«

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«, wunderte sich Gregor. »Ich finde nicht, dass sich unsere jetzige Situation …«

»Boar, Mann! Kannst du nicht einmal deine Klugscheißereien für dich behalten?« Roland funkelte den anderen wütend an. »Ich weiß selbst, dass das nicht zu vergleichen ist, okay? Was würde ich drum geben, jetzt gemütlich in eine Wahlkabine schlurfen zu dürfen, gefolgt von einem gepflegten Kneipenbesuch mit Weißwurst und Brezel. Manno!«

»Vorsicht!«

Martins Schrei gellte durch den Bus. Gleichzeitig griff Gregor beherzt ins Lenkrad und zwang das Fahrzeug, der leichten Rechtskurve zu folgen. Vor Schreck kuppelte Roland instinktiv aus. Der Bus rutschte noch ein wenig, dann stand er still.

»Gerade noch mal Glück gehabt.« Gregor zog bleich und zitternd seine Hände vom Lenkrad zurück.

Etwa einen Meter vom Bus entfernt fiel die Böschung steil ab. Soweit es sich bei den schlechten Sichtverhältnissen erkennen ließ, ging es dort fast zehn Meter in die Tiefe.

»Die … die Leitplanke hätte uns doch gehalten, oder nicht?«, stotterte Martin.

»Träum weiter!«, brummte Roland in einem Ton, als sei nichts gewesen, aber er war ebenfalls aschfahl im Gesicht geworden.

Gregor drehte sich nach hinten. »Bei euch alles in Ordnung, Kinder?«

»Ich … ich denke schon.« Tom, der immer noch als eine Art Sprecher oder Anführer der Kinder fungierte, nickte unsicher. »Wir haben uns erst erschrocken, als Martin geschrien hat, aber es ist ja alles noch einmal gut gegangen.«

»So kann man das natürlich auch sehen.« Rolands Gesicht gewann langsam die Farbe zurück, während seine Miene noch grimmiger wurde, obwohl das kaum noch möglich zu sein schien. »Ich hätte uns gerade beinahe umgebracht, denn das Leitplänkelchen da vorne hat der Masse des Busses nicht das Geringste entgegenzusetzen. Was bin ich doch für ein leichtsinniger Hornochse!«

»Ich hätte dich nicht anquatschen sollen«, widersprach Gregor gepresst. »Dann wärst du nicht abgelenkt gewesen.«

»Und ich habe ebenfalls mein Teil dazu beigetragen«, sagte Martin. »Aber nach Schuld zu suchen bringt uns jetzt auch nicht weiter. Wir sind alle unverletzt, der Bus ist ebenfalls noch in Ordnung. Also lasst uns lieber über eine Lösung nachdenken.«

»Da gibt es nicht viel nachzudenken«, knurrte Roland. »Mitten in der Pampa stehen bleiben können wir auf keinen Fall, und weiterfahren ist ebenfalls äußerst riskant. Wie ich schon sagte: Pest oder Cholera, sucht euch was aus.«

»Dann lass uns wenigstens versuchen, den nächsten Parkplatz zu erreichen«, schlug Gregor vor. »Dort können wir zwei Stunden pennen und anschließend weiterfahren. Vielleicht lässt bis dahin auch das Schneetreiben ein wenig nach.«

»Wobei wir über kurz oder lang vermutlich ein anderes Problem bekommen werden.« Nun war es an Martin, eine finstere Miene zu zeigen. »Wenn es noch ein paar Stunden so weiterschneit, werden irgendwann alle Straßen unpassierbar sein, weil sich derzeit keine Sau mehr um den Winterdienst kümmert.«

»Tjaja, da fragt man sich in der Tat, wofür man eigentlich Steuern bezahlt«. Während er sprach, betrachtete Gregor intensiv seine Fingernägel, als ob es dort irgendetwas Interessantes zu sehen gäbe.

»Als ob du die letzten Monate auch nur einen Cent Steuern bezahlt hättest.« Rolands Miene hellte sich auf, und sein Mund zeigte den Ansatz eines Grinsens. Offenbar hatte die Witzelei seines Freundes genau seinen Humor getroffen. »Aber mal Spaß beiseite: Mit den Schneeketten sind wir relativ gut gerüstet. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht in eine größere Schneeverwehung reindonnern, dann kann eigentlich fast nichts schiefgehen.«

»Deine Zuversicht möchte ich haben.« Martin schüttelte ungläubig den Kopf.

»Musst du gar nicht.« Rolands Mund verzog sich nun zu einem richtigen Grinsen. »Die Rolle als Bedenkenträger steht dir viel besser zu Gesicht.«

»Ha, ha, sehr witzig. Ich lache später.«

»Deine Sache, aber vielleicht nicht gerade, wenn Gregor und ich unser Nickerchen halten.«

»Dann findest du meinen Vorschlag also gut?«, erkundigte sich Gregor.

»Nein, keineswegs. Aber haben wir eine andere Wahl?«

***

Tatsächlich fanden die Pilger nur wenige Kilometer hinter der Stelle, wo der Bus beinahe von der Straße abgekommen wäre, einen Parkplatz, der sogar über ein Toilettenhäuschen verfügte.

»Hah!«, freute sich Gregor. »Die Zivilisation hat uns wieder. Endlich mal wieder ein richtiges Klo!«

»Freu dich bloß nicht zu früh«, mahnte Roland. »Ich kann mir irgendwie vorstellen, wie es dort drin aussieht. Da geh ich zum Kacken lieber in den Wald und pfeife auf den Sitzkomfort einer Porzellanschüssel.«

»Ist das eure einzige Sorge?« Martin blickte entgeistert drein.

»Ich will dir mal was sagen, mein Freund.« Roland sah den anderen leutselig an. »Ich dachte zwar, du seist inzwischen von alleine darauf gekommen, aber ich erkläre es die gerne auch ein wenig ausführlicher. Der Mensch braucht genau drei Dinge, um zu überleben: Nahrung, Wasser und einen trockenen, warmen Platz zum Schlafen. Alles, was darüber hinausgeht, ist Luxus. Gregor und ich reden also gerade über Luxus. Willst du uns dieses kleine Vergnügen jetzt auch noch nehmen?«

»Das meine ich doch gar nicht.« Auf Martins Stirn bildete sich eine Unmutsfalte. »Meinetwegen könnt ihr euch bis an den Sankt-Nimmerleinstag Scheißhausgeschichten erzählen. Aber hat einer der Herren vielleicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass sich dort vielleicht Knirscher ›niedergelassen‹ haben könnten?«

Statt einer Antwort wandte sich Roland den Kindern im hinteren Teil des Busses zu. »Tom?«

»Keine Knirscher im näheren Umkreis. Und ich müsste dann auch mal Pipi.«

»Tut, was ihr nicht lassen könnt.« Martin verdrehte schicksalsergeben die Augen. »Eine Welt, in der sich alles um Fäkalien dreht, welch ein erstrebenswerter Zustand!«

***

Nachdem die diversen körperlichen Bedürfnisse befriedigt waren, machten die Pilger es sich im Bus leidlich bequem. Als der letzte von draußen zurückgekehrt war, stellte Roland den Motor ab, um Treibstoff zu sparen. So gut es ging, mummelte sich jeder in eine Decke und rutschte so dicht wie möglich an seinen Nachbarn heran.

Es dauerte nicht lange, bis in dem Fahrzeug Stille einkehrte, die nur vom gleichmäßigen Atmen der Schläfer und gelegentlichen Schnarchern unterbrochen wurde. Immer wieder zappelte eines der Kinder im Traum, beruhigte sich dann aber schnell wieder, wenn es die Nähe eines Gefährten spürte.

Auf diese Weise vergingen fast fünf Stunden – ein sicheres Zeichen dafür, wie nötig alle den Schlaf gehabt hatten.

Martin wachte als erster auf. Gähnend rieb er sich den Schlaf aus den Augen. Sein Blick fiel nach draußen, und er war mit einem Mal hellwach.

Das Schneetreiben hatte aufgehört, und die weiße Pracht glitzerte in der Wintersonne wie in einem Werbeprospekt für Skiurlaub in den Alpen. Die Kraft der Sonnenstrahlen reichte sogar aus, um das Innere des Busses ein wenig zu wärmen, sodass es sich hier im Moment gut aushalten ließ.

Jetzt noch ein frisches Bad gefolgt von einem reichhaltigen und leckeren Essen, dann ist alles in Butter, ging es Martin durch den Kopf. Bei diesem Anblick könnte man fast vergessen, was mit dieser Welt nicht in Ordnung ist.

Ein Geräusch auf der anderen Seite des Ganges zog Martins Aufmerksamkeit auf sich.

Gregor erwachte ebenfalls und blinzelte. »Mann, ist das hell hier!« Er rieb sich noch eine Weile die Augen, dann starrte er mit offenem Mund nach draußen. »Geil!«

»Nicht so laut!«, flüsterte Martin. »Du weckst sonst die anderen.«

»Wenn gleich der Motor losrumpelt, werden die ohnehin wach«, gab Gregor gut gelaunt zurück. »Das da draußen ist so etwas wie Kaiserwetter, das müssen wir ausnutzen.« Sprach’s und begann, an der Schulter seines Freundes zu rütteln. »Los, Kutscher, erhebe er sich! Die Sonne scheint, wir können endlich weiter!«

Roland grunzte erst unwillig, sah dann jedoch ebenfalls hinaus. Mit einem Ruck setzte er sich kerzengerade auf. »Wieso habt ihr mich nicht früher geweckt? Wir müssen das schöne Wetter ausnutzen, und so weit nach Süden fahren, wie es irgend geht.«

»Witzbold.« Martin feixte. »Wir sind selbst gerade erst aufgewacht, wie hätten wir dich also früher wecken können, hm?«

»Stimmt.« Roland nickte. »Zimmerservice haben wir ja keinen an Bord. Also los, dann mal frisch voran! Gregor, es war eine gute Idee, hier ein Päuschen einzulegen. Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen.«

***

Konzentriert aber dennoch entspannt so gut es ging, lenkte Roland den Bus über die verschneite Landstraße. Ein allzu hohes Tempo konnte er dabei nicht anschlagen, das verboten schon allein die Schneeketten. Außerdem musste er den Zustand der Straße genauestens im Auge behalten. Trotzdem kamen die Pilger im Vergleich zu den letzten Tagen gut voran.

»Ich hoffe, dieses Eden liegt direkt am Mittelmeer«, sinnierte Gregor. »Ein bisschen mediterranes Klima hat nämlich noch niemandem geschadet.«

»Du träumst wohl schon vom Dolce Vita in Bella Italia, wie?« Roland grinste. »Oder darf es gar Südfrankreich sein?«

»Die Details sind mir nicht so wichtig, Hauptsache aus dieser Kälte raus und mal wieder einen leckeren Vino.«

»Da sagst du was, mein Freund, da sagst du was …«

Eine Weile schwiegen die Männer. Jeder hing seinen Gedanken nach und malte sich Eden in den schönsten Farben aus.

Gregor schreckte aus seinen Träumereien auf, als Roland unvermittelt bremste. »Was ist?«

»Da vorne, das sieht nicht gut aus.« Roland brachte das Fahrzeug vollends zum Stehen und deutete etwa zehn Meter voraus auf die Straße. »Da kommen wir so nicht durch.«

Vor ihnen türmte sich der Schnee über einen Meter hoch auf. Da würde der Bus selbst mit Schneeketten nicht durchkommen, das Hindernis war einfach zu hoch.

»Dann müssen wir wohl schippen.« Gregor seufzte schicksalsergeben. »Zum Glück habe ich ein paar Spaten eingepackt. Wenn wir alle mit anfassen, sollte es kein allzu großes Problem sein.«

»Wie, schippen?« Martin sah den anderen verwundert an.

»Na, die Schneeverwehung wegschippen, damit wir weiterfahren können. Was denn sonst?«

»Ja, gute Frage«, stimmte Roland seinem Freund zu. »Was denn sonst? Die einzige Alternative ist umkehren, und das will, glaube ich, keiner von uns.«

Gregor blickte zu den Kindern, doch Martin schüttelte den Kopf. »Zu anstregend«, flüsterte er.

Gregor seufzte und holte die Spaten aus dem Stauraum des Busses hervor. Mit unglaublicher »Begeisterung« machten sich die drei Männer an die Arbeit. Zum Glück war der Schnee nicht gefroren, sodass es ihnen keine große Mühe bereitete, ihn zur Seite zu schaufeln.

Dann passierte es. Roland stach seinen Spaten mit Schwung in die weiße Masse, als dieser plötzlich auf etwas Hartes traf. Da Roland nicht mit Widerstand gerechnet hatte, wäre ihm das Werkzeug durch den Ruck beinahe aus der Hand gerutscht.

»Holla!«, machte er überrascht. »Was war denn das?«

»Das klang nicht gut«, sagte Gregor, und dunkle Wolken begannen, über sein eben noch entspanntes Gesicht zu ziehen. »Wenn es das ist, was ich glaube, dass es ist, dann haben wir ein Problem.«

»Von was redest du?« Martin sah ihn fragend an.

»Davon, dass das vermutlich keine einfache Schneeverwehung ist«, erklärte Roland, dessen Gesicht sich ebenfalls verfinsterte. »Wenn es dumm läuft, liegt unter dem Schneehaufen ein umgestürzter Baum, und für den haben wir kein passendes Werkzeug dabei, oder, Gregor?«

»Nein, haben wir nicht.« Der Angesprochene schüttelte bedauernd den Kopf. »Eine ordentliche Säge war in der Fahrbereitschaft des Bunkers nicht aufzutreiben, und die Feuerwehraxt mag für verklemmte Türen ganz prima sein, aber Bäume, deren Holz noch feucht und zäh ist, hackt man damit nicht durch. Einmal ganz davon abgesehen, dass wir den Stamm in mehrere kleine Stücke zerlegen müssten, weil sie sonst zu schwer sind, um sie von Hand zu bewegen.«

»Wollen wir nicht erst einmal nachschauen, ob es sich wirklich so verhält, wie ihr vermutet?« Martin schien nicht bereit zu sein, einfach aufzugeben.

»Klar machen wir das«, brummte Roland. »Alles andere wäre wohl auch ziemlich töricht. Aber wenn Gregor recht behält – und das tut er meistens –, dann ist unsere Fahrt in dieser Richtung zu Ende.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schippte der große Mann weiter. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein dicker Baumstamm zum Vorschein kam, der quer über der Straße lag.

»Sag ich doch«, knurrte Roland. »Gregor irrt sich bei so etwas äußerst selten.«

»Und wenn wir versuchen, das Ding mit dem Bus wegzuziehen?«, fragte Martin. »Vielleicht können wir den Baum so weit bewegen, dass wir daran vorbei kommen.«

»Das kannst du vergessen.« Gregor schüttelte entschieden den Kopf. »Alleine, um den Baum freizulegen, schippen wir garantiert mindestens noch einen halben Tag. Dann wird es so sein, dass er mit den Wurzeln auf der einen und mit der Krone auf der anderen Seite festhängt. Wenn wir da einfach so dran zerren, riskieren wir nur, dass irgendetwas kaputtgeht.«

»Außerdem reicht die Bodenhaftung bei Weitem nicht aus«, stimmte Roland seinem Freund zu. »Die Schneeketten sind zum Fahren zwar okay, aber für so eine Aktion ist das Ganze viel zu rutschig. Mit den Pneus direkt auf einer trockenen Straße hätten wir vielleicht eine Chance. Aber so?«

»Also doch umdrehen.« Martin hob schicksalsergeben die Arme. »Dabei hatte der Tag so gut angefangen …«

***

Roland ließ den Bus langsam rückwärtsfahren. An ein Umdrehen an der Stelle, wo der umgestürzte Baum lag, war nicht zu denken gewesen, also blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich im Schneckentempo den Weg zurückzutasten, den sie gekommen waren.

»Ich glaube, da vorne könnte es gehen!« Gregor kniete auf der hintersten Bank des Busses, starrte von dort auf die Straße und gab seinem Freund Anweisungen, damit dieser den Bus nicht versehentlich in den Graben lenkte. »Ein wenig links einschlagen, ein wenig mehr, jetzt wieder geradeaus. Ja, gut, noch ein Stück. Und anhalten!«

Gregor hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da wieselte er auch schon nach vorne. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier ein Feldweg abzweigt. Unter all dem Schnee ist es zwar kaum zu erkennen, trotzdem denke ich, dass es passen müsste.«

»Und auf dein Gefühl hin riskieren wir jetzt, den Bus in den Graben zu setzen?« Martin machte große Augen.

»Wo denkst du hin?« Gregor lachte, wurde aber sofort wieder ernst. »Natürlich überprüfen wir das zuerst, was hast du denn gedacht? Hier, dein Spaten.«

»Da hätte ich ja gleich zur Straßenmeisterei gehen können«, maulte Martin, beeilte sich dann aber, den Freunden nach draußen zu folgen.

»Versuch du an dieser Stelle dein Glück«, wies Gregor ihn an. »Roland schaut dort, ich da hinten.«

»Und was genau soll ich tun?«

»Einfach mit dem Spaten im Schnee stochern und schauen, ob hier ein Graben ist. Wenn wir das ein wenig systematisch machen, sehen wir gleich, ob Roland den Bus zum Umdrehen hier reinfahren kann.«

»Okay, verstanden.« Martin nickte.

Schweigend machten sich die drei Männer an die Arbeit.

Gut eine Viertelstunde später verkündete Gregor die frohe Kunde, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. Hier zweigte tatsächlich ein befestigter Weg ab, und Roland konnte endlich den Bus wenden, um wieder vorwärts fahren zu können.

»Uff«, seufzte Martin, als sie wieder im Inneren des Fahrzeugs saßen und erneut mit akzeptabler Reisegeschwindigkeit unterwegs waren. »Oft möchte ich das nicht mehr machen müssen, das geht ganz schön auf die Knochen.«

»Körperliche Arbeit ist nicht so deins, was?« Gregor grinste ihn an. »Aber ich gebe zu, dass es auch für mich einen ganzen Stall voll Sachen gibt, die mir deutlich mehr Spaß machen, als im Schnee zu wühlen.«

»Ein Glück.« Martin grinste ebenfalls. »Ich war nämlich schon dabei, mir irgendwie blöd vorzukommen.«

***

An der nächsten größeren Kreuzung bog Roland links ab. Sie befanden sich immer noch in einer Region, zu der sie keine Straßenkarte besaßen, aber ein Gefühl sagte ihm, dass er die richtige Entscheidung traf.

»Es können ja schließlich nicht alle Straßen durch umgestürzte Bäume blockiert sein«, gab sich Gregor zuversichtlich. »Das war früher auch die Ausnahme, warum sollte das jetzt anders sein?«

»Vielleicht, weil jetzt alles anders ist?«, unkte Martin. »Selbst das Wetter hat sich drastisch verändert, ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, die letzten Jahre irgendwann einmal so viel Schnee auf einem Haufen gesehen zu haben.«

»Strenge Winter hat es zu allen Zeiten gegeben.«

»Ja, vor allem in der Eiszeit, ich weiß.« Martin winkte ab. »Aber gut, ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Hoffen wir einfach, dass wir auf dieser Straße weiter kommen als auf der letzten.«

Während Martin sprach, kam Tom nach vorne zu den Männern. Er stupste Roland vorsichtig an und sagte: »Roland, halt bitte an.«

»Warum? Musst du schon wieder Pipi?«

»Nein, das ist es nicht.« Tom presste kurz die Lippen aufeinander, bevor er weitersprach. »Wir sind uns ziemlich sicher, dass es dort, wo die Straße hinführt, nur so von Knirschern wimmelt.«

»Was?« Rolands Augen wurden groß, während er gleichzeitig das Fahrzeug zum Stehen brachte. »Wie weit sind die noch von uns weg?«

»Das können wir nicht so genau sagen.« Tom machte eine entschuldigende Geste. »Einen Kilometer, vielleicht auch zwei.«

»Dann haben wir noch eine kleine Chance.«

»Was meinst du?« Martin wurde hellhörig. »Ich denke nicht, dass die Stinker uns schon bemerkt haben. Von was für einer Chance redest du also?«

»Davon, dass ich nicht schon wieder umkehren möchte.«

»Sondern?«

»Wir fahren vorsichtig weiter. Vielleicht haben wir Glück, und es gibt noch mal eine Abzweigung, die wir nehmen können, ohne zu dicht an die Zombies zu kommen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, nuschelte Gregor. »Oder wer auch immer sich dafür zuständig fühlt, seine Hand schützend über uns zu halten.«

***

Mit angespannter Miene stand Tom neben dem Fahrersitz und hielt sich mit einer Hand daran fest. So leise es mit einem Diesel möglich war, ließ Roland den Bus immer weiter nach vorne rollen, während Martin und Gregor nach einer Abzweigung Ausschau hielten.

»Immer noch nichts?«, fragte Roland nun bestimmt schon das zehnte Mal. »Da muss doch was kommen, das gibt es doch nicht!«

»Ich habe die Knirscher überdeutlich in meinem Kopf«, erklärte Tom. »Es müssen Hunderte sein.«

»Also kommen wir denen besser nicht zu nahe«, stellte Gregor fest. »Wie weit sind sie noch weg?«

»Das kann ich immer noch nicht genau sagen. Ich denke aber, dass wir jeden Moment den ersten von ihnen sehen müssten.«

Der Junge hatte noch nicht recht zu Ende gesprochen, als Roland einen Fluch zwischen den Zähnen zerbiss und das Fahrzeug anhielt.

Jetzt sahen es auch die anderen: Knapp einen Kilometer voraus befand sich die gesuchte Abzweigung. Genauer gesagt handelte es sich dabei um eine Kreuzung, über die ein schier endlos scheinender Strom von Zombies dahinwankte.

»Scheiße!« Gregor schüttelte ungläubig den Kopf. »Wo wollen die denn alle hin?«

»Südwesten«, knurrte Roland. »Sie gehen nach Südwesten, also genau dorthin, wo wir auch hinwollten.«

»Eden?« Martins Augen weiteten sich. »Meinst du, sie gehen ebenfalls nach Eden?«

»Vorhin sagtest du noch, dass du den Teufel nicht an die Wand malen willst«, erinnerte Gregor ihn an seine Worte. »Hat nicht lang gehalten, dieser Vorsatz, wie?«

»Aber was könnte denn sonst dahinterstecken?« Martin fuchtelte mit den Händen. »Bisher sind die Stinker doch überwiegend blöd in der Gegend herumgestanden, solange sie nichts zum Fressen gewittert haben, und auf einmal machen sie einen auf Zugvögel? Da steckt doch irgendwas dahinter!«

»Was auch immer das sein mag«, erwiderte Roland, »auf jeden Fall kommen wir hier nicht weiter.«

»Seht doch!«, rief Tom und deutete auf eine Stelle in der Zombiehorde, an der soeben Unruhe entstand.

Einer der Untoten war unvermittelt stehengeblieben, so als sei seine Batterie leer. Der Zombie, der direkt hinter ihm ging, stieß zuerst gegen seinen Artgenossen, dann schien er zu begreifen, was mit diesem los war und grub augenblicklich seine Zähne in dessen Fleisch.

Als sei das ein Startsignal gewesen, stürzten sich alle Zombies im näheren Umkreis auf den jetzt bewegungslosen, zerrissen ihn in Windeseile und schlangen das kalte Fleisch gierig hinab.

»Piranhas sind ein Scheiß gegen diese Brut!« Gregors Stimme war seine Abscheu mehr als deutlich anzuhören.

»Und der Strom will kein Ende nehmen.« Martin klang verzweifelt. »Und jetzt?«

»Umdrehen, was sonst?« Roland legte entschlossen den Rückwärtsgang ein. »Ich habe nämlich keine Lust, darauf zu warten, bis einer von denen mitbekommt, dass hier frisches Dosenfutter für sie steht.«

***

Gegen Abend war die Stimmung auch beim letzten der Pilger endgültig auf einem Tiefpunkt angelangt. Jeder weitere Weg, den sie genommen hatten, stellte sich am Ende als Sackgasse heraus. Entweder war die Straße blockiert, der Bus zu groß oder sie trafen erneut auf Zombies, die alle ebenfalls grob in Richtung Süden unterwegs waren.

»Lange geht das nicht mehr gut«, erklärte Roland mit Blick auf die Tankuhr. »Wir fahren wie die Bekloppten und kommen trotzdem nicht vom Fleck. Verdammter Bockmist!«

»Fahr dort vorne mal links«, schlug Gregor vor, dessen scharfe Augen erneut eine Abzweigung vor den anderen entdeckt hatten.

»Was soll das bringen? Bis jetzt mussten wir immer irgendwann umdrehen.«

»Kommt euch die Gegend nicht bekannt vor?«, wunderte sich Martin. »Ich meine, wir seien schon einmal hier gewesen.«

»Schwer zu sagen.« Gregor tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze. »Im verschneiten Zustand sieht doch eine Straße wie die nächste aus.«

»Also gut, dann eben links«, brummte Roland. »Ein Weg ist doch so gut oder schlecht wie der andere, wir können also nur gewinnen.«

Im Inneren des Busses kehrte erneut Schweigen ein, das nur vom tiefen Brummen des Motors unterlegt wurde. Mehrfach musste Roland sich zusammenreißen, um nicht am Steuer einzuschlafen.

»Und ich hatte doch recht!«, riss Martins Stimme ihn schließlich aus seinem Tran. »Hier waren wir schon einmal.«

Gregor horchte ebenfalls auf. »Willst du etwa sagen, wir seien im Kreis gefahren?«

In diesem Moment verließ der Bus das Waldstück, durch das sie bis eben gefahren waren, und vor den Pilgern lag eine kleine Ortschaft.

»Scheiße, er hat recht!« Roland wurde bleich. »Wenn das nicht Ginkenbach ist, fress’ ich ’nen Besen.«

»Toll!« Gregor war mehr als deutlich anzuhören, dass er das genaue Gegenteil meinte. »Und was machen wir jetzt? Die letzten Tage waren somit wohl voll für’n Arsch.«

»Ja, in der Tat. Scheiße!« Roland hieb nun doch mit der Faust aufs Lenkrad, dann hellte sich seine Miene aber überraschend auf. »Vielleicht doch nicht! Man könnte es auch als einen Wink des Schicksals betrachten.«

»Das uns was damit sagen will?« Gregor glotzte seinen Freund leicht dümmlich an. »Am besten ist es nur daheim, oder so?«

»So ähnlich.« Roland nickte bedächtig. »Fassen wir mal zusammen: Im Moment ist einfach kein Durchkommen, zumindest nicht mit so einem Ungetüm wie diesem Bus. Also ist es wohl das Beste, hier zumindest so lange zu warten, bis sich der Schnee halbwegs zurückgezogen hat. Vielleicht schaffen wir es ja auch irgendwie, an geländegängige Fahrzeuge zu kommen. Aber wie auch immer, wir sind alle am Ende unserer Kräfte, wir müssen unseren Versuch, Eden auf diesem Weg zu erreichen, erst einmal als gescheitert betrachten.«

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, stellte Gregor mit Entschlossenheit fest. »Ich denke, du hast recht. Martin, wie siehst du das?«

»Es wird wohl wirklich das Beste sein, ja. Nachdem es in Ginkenbach keine Knirscher mehr gibt, sind wir hier einigermaßen sicher. Lasst uns wieder dieses Gemeindehaus beziehen, das war bereits das letzte Mal nicht die schlechteste Lösung.«

Wie schon einige Tage zuvor parkte Roland den Bus mitten auf dem Marktplatz. Ein Knöllchen würde er dafür sicher nicht bekommen, und falls je doch, zog er ernsthaft in Erwägung, es einfach nicht zu bezahlen.

Das Gemeindezentrum präsentierte sich noch im gleichen Zustand, in dem die Pilger es zurückgelassen hatten. Rasch brachten sie alles an Decken und Nahrung aus dem Bus ins Innere des Gebäudes, dann verrammelte Gregor die Tür. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, alles Weitere musste bis morgen warten.

***

Am nächsten Tag überraschte der Wettergott die Pilger erneut mit strahlendem Sonnenschein. Hoffnung darauf, dass der Schnee rasch schmelzen würde, bestand trotzdem keine, denn es war bitterkalt.

So warm wie möglich eingepackt durchstreiften die drei Männer die Ortschaft auf der Suche nach Brauchbarem. Sie hatten sich aufgeteilt, und jeder von ihnen befand sich in Begleitung zweier Kinder, damit sie nicht von Untoten überrascht werden konnten. Es war nämlich nicht auszuschließen, dass eine Gruppe der »Zugvögel« auf ihrem Marsch auch durch Ginkenbach kommen würde.

Immer wieder stießen sie dabei auf Heizmaterial, Konserven, Decken oder Kleidungsstücke. Alles, was noch halbwegs tauglich war, brachten sie in das Gemeindehaus und lagerten es ordentlich sortiert im dortigen Keller ein.

Dann machte Roland eine Entdeckung, die den Pilgern wieder neue Hoffnung gab. In einem der Häuser am Ortsrand fand er mehrere Funkgeräte, die von Batterien und dem Stromnetz unabhängig waren. Stattdessen verfügten sie über Solarzellen oder Kurbeln, mit denen ihr Akku aufgeladen werden konnte. Die Geräte mochten vielleicht nicht sonderlich leistungsfähig sein, dafür waren sie mobil und ermöglichten es den Pilgern, untereinander in Verbindung zu bleiben, auch wenn sie sich nicht in Sicht- oder Rufweite befanden.

»Super Sache!«, meinte Gregor strahlend, nachdem er und Roland die Funkgeräte getestet und die anderen in ihre Bedienung eingewiesen hatten. »Ein Hoch auf den Amateurfunker, der da seinen Basteltrieb ausgelebt hat. Auf diese Weise sollte es kein Problem mehr sein, es bis zum Frühjahr hier auszuhalten, ohne den Verstand zu verlieren. Mit ein wenig Vorbereitung können wir damit auch im nahen Wald jagen gehen, damit endlich auch mal wieder etwas anderes als der ewige Dosenfraß auf den Tisch kommt.«

»Solange keiner von uns dabei unfreiwillig zum Snack wird, ist alles in Ordnung«, witzelte Martin. »In diesem Sinne also: Horrido!«

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
140 s.
ISBN:
9783957770233
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Telif hakkı:
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