Kitabı oku: «Das Schweigen der Familie»

Yazı tipi:

Faridi

Das Schweigen der Familie

Azoren-Krimi mit Rezepten


Ben Faridi

Das Schweigen der Familie

Der erste Baptista-Roman

Azoren-Krimi mit Rezepten


Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen- , Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

© Oktober Verlag, Münster

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung

des Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

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Alle Rechte vorbehalten

Satz: Anh Nguyen

Umschlag: Anh Nguyen und Linna Grage

unter Verwendung eines Fotos von biffspandex/istockphoto.com

Rezepte: Ben Faridi, Roland Tauber, Katharina Vogt und Laura Wiebold

Herstellung: Monsenstein und Vannerdat

ISBN: 978-3-938568-74-3

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Aber ich habe einen Mord begangen, einen Mord, den du mir nicht zumuten wirst, allein vor den Richter der Welt hinzuschleppen; feierlich wälz ich dir hier die größte grässlichste Hälfte zu.

Wie du damit zurechtkommen magst, siehe du selber.

Friedrich Schiller

Kabale und Liebe, 5. Akt, Letzte Szene

Dienstagmittag, 11. Juni

Jao Baptista hasste dieses Wetter auf den Inseln. Immer Wind und Regen. Und wenn die Sonne schien, war es wie in den Tropen. Warum mussten sie jemanden vom Festland nehmen? Missmutig stieg er in die Frühmaschine der TAP. Seine Haare standen wirr von seinem Kopf ab und seine Haut war vom Rasieren um diese frühe Uhrzeit noch gerötet. Letzten Monat hatte er mit Mühe und Antibiotika eine Lungenentzündung hinter sich gebracht. Nun sollte er in dieses miese Klima der Azoren. Sein Chef hatte natürlich keine erste Klasse genehmigt. Er mühte sich mit seinen zehn Kilo zu viel – wie der Arzt gesagt hatte – durch den engen Flugzeuggang. Ungeschickt zog er seinen Mantel aus und schleuderte einen Ärmel gegen das Gesicht einer Urlauberin, die auch sofort zu schimpfen anfing. Er dachte, dass er glücklicherweise kein Brillenträger war. Eine Brille würde bei ihm keinen Tag heil überstehen.

Dann zwängte er sich zwischen zwei ebenfalls korpulente Herren. Die kommenden drei Stunden durfte er zwischen den beiden verbringen. Seine Hose zwickte unangenehm und brachte die vom Arzt erwähnten Kilos unvorteilhaft zur Geltung. Krampfhaft versuchte er seine Unzufriedenheit zu ignorieren. Er wollte die Zeit nutzen, um das Dossier zu lesen. Schließlich war er beruflich unterwegs. Außerdem konnte er mit einer guten Vorbereitung den Fall schnell abschließen und rasch wieder nach Berlin oder Brüssel zurück. Aber die beengte Sitzweise und das Temperament der Nachbarn ließen das vorerst nicht zu. »Gestatten, Luìs da Silva«, begann der rechte Nachbar gleich zu reden. Unwillig murmelte Jao seinen Namen vor sich hin. Er wollte nicht unhöflich wirken. Kaum hatte Baptistas Zunge zur letzten Silbe angesetzt, fing auch schon das linke Mundwerk an zu sprechen. »Und damit die Heilige Dreifaltigkeit vollendet ist: Meine Mutter hat mich Sebastião Toledo getauft. Was führt Sie denn auf die grünen Inseln?« Es blieb offen, wen Senhor Toledo ansprach, aber wie zu erwarten, fühlte sich da Silva sofort aufgefordert. »Meine Mutter feiert ihren achtzigsten Geburtstag. Da ist Anwesenheit Pflicht.« Das Flugzeug startete durch und den drei Herren wurde kurz etwas übel. Für einen Augenblick herrschte Ruhe, doch dann plauderte da Silva munter weiter: »Meine Familie ist inzwischen nach São Miguel gezogen. Aber meine Mutter lebt noch immer in Flores. Sie kann einfach ihr Geburtshaus nicht verlassen. Sie kennen sich aus auf den Azoren, Senhores?« Toledo nickte, Baptista schüttelte den Kopf. »Aber Sie sind doch aus Portugal?«, fragte da Silva etwas verwundert.

Wenn das Leben nur so einfach wäre, dachte Baptista bei sich. Er war vor 46 Jahren in Deutschland geboren, genauer in Bonn, damals noch die Hauptstadt. Sein portugiesischer Vater war Kirchenrestaurator und hatte sich bei Arbeiten im Kölner Dom in seine deutsche Mutter verliebt. In seiner Jugend zog er dann öfter um, als er zählen wollte, immer den Aufträgen seines Vaters folgend. Vielleicht entschied er sich deswegen für den soliden Beruf des Polizisten und zog damit auch die Verachtung seines Vaters auf sich. Durch die vielen europäischen Sprachen, die er zumindest ansatzweise sprach, wurde Europol auf ihn aufmerksam und bot ihm die Mitarbeit in einer europäischen Sonderkommission an. Gemeinsam mit seinen Kollegen hatte er die Aufgabe, dort auszuhelfen, wo die örtlichen Behörden aus unterschiedlichen Gründen nicht eingesetzt werden durften. Seit dieser Zeit war sein Leben ebenso wechselhaft, wie das seines Vaters. Und er hatte das zweifelhafte Vergnügen, keine befriedigende Antwort auf seine Herkunft oder kulturelle Identität geben zu können. So wie jetzt.

»Ich spreche zwar etwas portogues, bin aber in Deutschland geboren. Meine Reisevorbereitungen waren zeitlich kaum erwähnenswert. Daher bin für eine erste Einweisung recht dankbar.« Da Silva nahm sich – begeistert über die anstehende Aufgabe – eine der Airlinemappen und blätterte eine Übersicht der Azoren auf. Mit seinen dicken weichen Fingern zeigte er auf São Miguel: »Das ist die Hauptinsel. Hunderttausend Einwohner, eine Million Touristen. Das sollte bekannt sein. Hier dann die westliche Inselgruppe mit Flores und Corvo, zwei wirklich winzigen Inseln.« »Das dort überhaupt Menschen leben, ist nicht zu fassen«, warf Toledo ein. »Und hier die mittlere Inselgruppe mit Pico, Graciosa, São Jorge, Terceira und Faial. Sie, verehrter Herr Baptista, wollen sicherlich auch ein wenig Abstand von der schlechten Luft auf dem Kontinent und nach São Miguel?« Warum kann ich nicht einfach zwischen zwei kreischenden Kindern sitzen, dachte Baptista. Da könnte ich wenigstens in Ruhe lesen. »Ich bin dienstlich unterwegs«, antwortete Baptista. »›Dienstlich‹ ist auf dem Kontinent«, meinte Toledo. »Auf den Azoren ist der wichtigste Dienst ein Galão am Morgen und ein köstlicher Terra Nova am Abend.« »Milchkaffee vertrage ich nicht gut, aber gegen einen Rotwein am Abend habe ich nichts einzuwenden«, versuchte Baptista das Gespräch höflich zu beenden. »Was wollen die Europäer denn schon wieder von uns?«, ereiferte sich da Silva. Zum Glück erschien in diesem Moment eine reizende Stewardess und servierte das Menü. Mit den heruntergeklappten Tischen war eine angenehme Sitzposition kaum noch möglich. Nach dem Essen wurden die beiden Herren zum Glück schläfrig und Baptista konnte endlich die Unterlagen sichten.

Dossier Nr. 412-E. Das E stand für Estrangeiro, in der Fremde. Die Azoren haben in der Republik Portugal den Status einer autonomen Region und es war schon sehr ungewöhnlich, dass die administraçao in Brüssel um Amtshilfe gebeten wurde. Baptista schlug das Dossier auf und las. Es ging um den Mordfall Amaral. Vor genau sieben Tagen wurde die Leiche von Francisco Amaral grauenvoll zugerichtet und aufgedunsen im Hafenbecken der Insel Corvo gefunden. Corvo ist die kleinste der Azoreninseln. Sie besteht nur aus einem kleinen Vulkan und einem Dorf mit dreihundert Seelen. Dies war der erste Mord auf Corvo. Die Familie wollte bei dem einzigen Dorfpolizisten keine Anzeige erstatten, weil er der beste Freund des Ermordeten war. Der Bürgermeister entschied daher, in São Miguel um Amtshilfe zu bitten. Die zuständigen Beamten waren jedoch schlaue Füchse. Sie meldeten, im Moment gäbe es keine freien Kapazitäten und beriefen sich auf einen Paragrafen eines EU-Gesetztestextes. Demnach wird Fördergebieten der EU in begründeten Fällen kostenlose Amtshilfe gewährt.

Baptista rieb sich unzufrieden seinen Fünftagebart. Was für eine chaotische Vorgeschichte für einen Kriminalfall. Statt eines Polizisten, der sich vor Ort hervorragend auskennt, flog nun ausgerechnet einer vom Festland in einen der hintersten Winkel Portugals im Atlantik. Dabei war doch schon die Distanz zwischen den Bewohnern der Inseln und den Kontinental-Portugiesen berüchtigt. Er machte sich auf keinen freundlichen Empfang gefasst. Lustlos blätterte er weiter zu den wenigen bisherigen Fakten. Francisco Amaral war Landwirt, wie man im Amtsdeutsch sagte. Nun ja, das war in Corvo jeder irgendwie. Die Insel ist winzig. Selbstversorgung gehört zum Standard. Francisco wurde vor 55 Jahren als zweites Kind von Hernandez Amaral und Maria Ganao geboren. Der erstgeborene Sohn heißt Pão Amaral. Der tote Francisco war seit zwanzig Jahren mit Maria Grazia verheiratet. Sie hatten vier Kinder von acht bis vierzehn Jahren. Baptista versuchte sich etwas Auffälliges an diesem Lebenslauf zu merken, aber im Bericht gab es nichts.

Schließlich sah er sich den unangenehmsten Teil jedes Dossiers an: die Beschreibung der Leiche, der dazugehörigen Umstände und das forensische Gutachten. Der Tote wurde von der Betreiberin eines Restaurants gefunden, die das Putzwasser in das nahe gelegene Hafenbecken leerte. Es gab ein eigenartiges Geräusch, als sie das Wasser wegkippte. Daher beugte sie sich über den Quai, und stieß einen lauten Schrei aus. Zwei Fischer kamen angerannt und hievten mit Haken und Netzen den aufgedunsenen, scheinbar tonnenschweren Körper aus dem Hafenbecken. Als die Drei dann ihren Inselbewohner Francisco erkannten, rannten sie entsetzt zu dessen Frau Maria und alarmierten den Polizisten. Der forensische Bericht zeigte die üblichen schrecklichen Fotos. Baptista blätterte im Flugzeug schnell darüber hinweg. Er las schließlich, dass der Tod durch vier Messerstiche in den Rücken eingetreten war. Der Schädel war zuvor durch einen stumpfen Gegenstand verletzt worden. Zwischen zehn und zwölf Stunden hatte der Tote im Wasser gelegen, bevor er gefunden wurde. Franciscos Tod trat damit am Mittwoch gegen Mitternacht ein, vor sechs Tagen also. Baptista schlug das Dossier zu und packte es weg.

Da Silva wachte auf und begann Baptista noch ein wenig auszufragen. »Wo waren wir vorhin stehen geblieben? Sie wollten erzählen, wo die Reise hingeht.« »Ich bleibe nicht in São Miguel, sondern reise morgen früh nach Corvo weiter.« Da Silva zuckte merklich mit der Augenbraue. »Nach Corvo ausgerechnet. Was für eine Dienstreise kann man denn nach Corvo machen? Schon in Flores scheint das Ende der Welt erreicht. Wenn man nach Corvo will, überschreitet man die Grenze. Meine Großmutter sagte immer, der Vulkan dort führe direkt in die Hölle.« »So ein Unsinn«, wachte Toledo auf. »Belästigen Sie doch den Herren nicht mit diesem Aberglauben.« »Wieso Aberglauben? In Corvo hat der Teufel persönlich letzte Woche eine Leiche ausgespuckt.« Alle drei waren kurz still. »Alle denken, eine so kleine Insel könne ja wohl nur das Paradies sein. Ich bin auf Flores aufgewachsen, nur zehn Meilen entfernt von Corvo, und ich sage Ihnen, dass das die Hölle ist. Jeder beobachtet jeden, es gibt kein Entrinnen. Meine Geschwister und ich haben uns bei der ersten Gelegenheit aus dem Staub gemacht.« Baptista schaute da Silva interessiert an. »Aber nun ist es passiert: der erste Tote. Ein Wunder, dass es solange gedauert hat.« »Wie können Sie so etwas sagen?«, fuhr ihm Toledo dazwischen. »Ich fahre regelmäßig nach Corvo. Ich schwöre, dort leben die nettesten Menschen der Azoren, vielleicht auf diesem ganzen Planeten. Ob es ein Mord ist, steht doch noch gar nicht fest.« Die beiden ereiferten sich und vergaßen darüber, dass zwischen ihnen noch Baptista saß.

Das Flugzeug setzte zum Sinkflug an und landete, nicht ohne zuvor den Passagieren einen wunderschönen Ausblick auf São Miguel gewährt zu haben. Sogar Baptistas Herz öffnete sich. Im Gegensatz zu den anderen internationalen Flughäfen stiegen die Passagiere rasch aus und liefen unkompliziert über das Flugfeld zum Gebäude. Eines der vier Kofferbänder rumpelte los und Baptista nahm seinen zu schweren, alten Lederkoffer. Er konnte sich einfach nicht davon trennen. Damit hatte er seine ersten Reisen als Student gemacht. Man verabschiedete sich und Baptista stieg in ein Taxi ein, das ihn zügig zu seiner Pension in Ponta Delgada brachte, der Hauptstadt São Miguels. Es war früh am Abend. Morgen würde er zum Kommissariat und zum Leichenschauhaus gehen. Erst am späten Nachmittag würde die Maschine nach Corvo starten.

Dienstagabend, 11. Juni

»Boa tarde«, begrüßte er die Besitzerin. »Jao Baptista«, nannte er seinen Namen. »Ich hatte für eine Nacht reserviert.« »Herzlich Willkommen. Ich zeige Ihnen gleich Ihr Zimmer.« Sie führte ihn eine enge Treppe in den ersten Stock und öffnete eine quietschende Holztür. In dem kleinen Zimmer befand sich ein Bett, das mit einem schrecklich blau gemusterten Überzug bezogen war, und ein winziger Schreibtisch. »Es soll noch regnen«, gab ihm die Zimmerwirtin mit. »Eine gute Zeit für einen Galão nebenan.« Dann verschwand sie nach unten und hinterließ ihm einen kleinen Schlüssel mit einem riesigen Holzpflock. Ist das als Waffe gedacht, fragte sich Baptista unwirsch. Er wuchtete seinen Koffer auf das Bett, das sofort zu Ächzen und Stöhnen begann. Nur das Notwendigste für eine Nacht packte er aus. Dann zog er ein leichtes Baumwollhemd an und wollte losgehen. Sollte er einen Schirm mitnehmen, wie ihm die Zimmerwirtin geraten hatte? Draußen schien die Sonne. Ein Schirm war also unnötig, befand er. Er wollte lediglich einige Schritte am Hafen entlanggehen und ein leichtes Abendessen zu sich nehmen. Als er nach unten ging, war niemand am Empfangstisch. Er legte den schweren Schlüssel ab und trat vor die Tür.

Zum Hafen waren es rund zehn Fußminuten. Er atmete die frische Meeresluft ein und ging los. Ponta Delgada ist für Festlandsverhältnisse eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern. Trotzdem kommt hier schnell das Gefühl einer Großstadt mit ihren Schaufenstern und Restaurants auf. Der Hafen bot einen wunderbaren Ausblick, obwohl die rostigen Hafenanlagen hässlich und bedrohlich wirkten. Sie hatten gegen den blauen Himmel, das Meer und die Stadt keine Chance, eine negative Wirkung zu verströmen. Baptista entschied sich, direkt im Hafen an der prachtvollen Avenida Infante Dom Henrique entlang zu gehen und durch die engen Gassen zurück. Dort würde er schon ein Restaurant finden. Nach einigen Minuten wurde es dunkel. Zunächst dachte er, die Abenddämmerung habe eingesetzt. Dann sah er jedoch große dunkle Wolken über sich. Schlagartig begann es intensiv zu regnen. Baptista war in Sekunden von oben bis unten durchnässt. Die meisten Leute falteten ihren Schirm auf oder zogen sich direkt in einen Unterstand zurück. Verärgert dachte er an die warnenden Worte der Zimmerwirtin. Während er zurück in die Pension eilte, verzogen sich schlagartig die Wolken und eine tropische Hitze machte das Atmen schwer. Baptista schwitzte und fror zugleich. Kopfschmerzen machten sich bemerkbar. Er würde sicher wieder krank werden.

Als er in nassen Kleidern die Treppen hoch lief, erntete er von der Besitzerin einen verachtenden Blick. Seinen ordentlich gepackten Koffer musste er nun doch auspacken. Die nassen Kleider hängte er notdürftig über einige Bügel, wohlwissend, dass sie in der hohen Luftfeuchtigkeit nicht trocknen würden. Er nahm ein Aspirin gegen die Kopfschmerzen. Inzwischen war es schon nach neun. Er ging wieder los und wollte beim nächsten Lokal etwas essen. Doch die ersten beiden waren voll besetzt. Es war Haupt-Speisezeit. Die Kellner gaben ihm zu verstehen, dass sie ohnehin in einer Stunde schließen würden und er daher nicht warten brauchte. In einem leichten Anfall von Panik – Baptista hatte seit heute Morgen nichts mehr gegessen – eilte er Richtung Innenstadt. Schließlich bekam er in einem schäbigen Lokal einen Platz. Er bestellte Fisch und bekam ein öliges Etwas, von dem er anfangs nicht wusste, ob es wirklich essbar war. Wie lieblos kann man denn mit einem Lebewesen umgehen, fragte er sich. Er trank einen mittelmäßigen Rotwein und wurde gegen zehn Uhr tatsächlich gedrängt zu zahlen. Ihm war schlecht von dem öligen Essen, als er nach Hause lief. Er legte sich ins Bett und schlief schnell ein. Mitten in der Nacht wurde er aus dem Schlaf gerissen. Er hatte Magenschmerzen. Unruhig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab. Irgendetwas schien ihm an dem Fall Amaral merkwürdig. Er nahm noch ein Aspirin und schlug das Dossier auf.

Im Flugzeug hatte er den forensischen Bericht nur rasch durchgeblättert. Doch etwas war ihm aufgefallen. Er sah sich die schrecklichen Fotos der aufgedunsenen Leiche an. Der Gerichtsmediziner sagte, dass der Tod durch vier Messerstiche im Rücken eingetreten war. Beim ersten Blättern hatte Baptista auf dem Rücken kleinere Flecken bemerkt, die in dem Bericht nicht erwähnt wurden. Er dachte, dass es sich um Blut handeln würde. Er bemühte sich im schemenhaften Licht der kleinen Zimmerlampe, das Bild genauer zu erkennen. Die Flecken erinnerten ihn an einen anderen Fall. Damals waren es Abdrücke einer brennenden Zigarette. Wurde Francisco vor seinem Tod gefoltert? Wie können Menschen nur so hassen, fragte er sich. Dann schlug er nochmals im Bericht nach, aber dort war über die Flecken nicht das Geringste zu lesen. Was für eine Schlampigkeit. Oder Absicht. Er begann zu husten. Die Lungenentzündung machte sich wieder bemerkbar. Angeekelt von den Fotografien legte er das Dossier zur Seite. An Schlaf war nicht zu denken. Baptista nahm sich daher den Reiseführer über Corvo zur Hand.

Er entdeckte eine höchst ungewöhnliche Insel. Corvo ist die kleinste und nördlichste Insel der Azoren. Sie liegt nur wenige Seemeilen von der Nachbarinsel Flores entfernt und ist siebzehn Quadratkilometer groß. Am Fuß eines Vulkankraters befindet sich die Hauptstadt Nova do Corvo. Sie ist mit gut dreihundert Einwohnern die kleinste Gemeinde mit Stadtrecht in Portugal. Die Infrastruktur ist für europäische Verhältnisse völlig unterentwickelt. Selbst Priester und Ärzte waren noch vor zwanzig Jahren nur auf der Nachbarinsel zu bekommen. In dem Führer waren einige Bilder zu sehen. Ein Paradies, dachte er. Und nun ein Mord, der erste Mord in der Inselgeschichte. Wahrscheinlich wird sich niemand freuen mich zu sehen, ahnte Baptista. Seine Magenschmerzen ließen nach. Er löschte das Licht und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Eine Wasserleiche stach mit einem Messer wild auf seinen Brustkorb ein. Schweißgebadet wachte er auf. Seine Lungen schmerzten. Die Dämmerung hatte begonnen. Es war kurz nach sechs. Entkräftet und übermüdet stand er auf und rasierte sich. Der Spiegel war beschlagen. Er schnitt sich am Hals und begann zu bluten. Wie ein abgeschlachtetes Schwein, ging es ihm durch den Kopf. Mit einem Handtuch versuchte er vergeblich die Blutung zu stillen. Er nahm sein Hemd vom Bügel und ging gegen sieben Uhr nach unten in den kleinen Frühstücksraum.

Mittwochmorgen, 12. Juni

Die Zimmerwirtin begrüßte ihn schlaftrunken. »Bom dia.« Danach sprach keiner von beiden. Ungefragt bekam er einen Galão und einen kleinen Bolo, ein Brot aus süßem Hefeteig. In Zeitlupe aß er, um zu verhindern, dass er einen Hustenanfall bekam. Das warme Getränk tat ihm gut, obwohl er vom Koffein sicher bald Kopfschmerzen bekommen würde. So konnte sein Leben nicht weitergehen. Sobald er wieder in Berlin war, würde er seinen Job hinschmeißen und wieder anfangen zu schreiben. Und gesund leben, wieder eine Frau kennen lernen. All das, wofür das Leben da ist.

Der Schlag einer Standuhr weckte ihn aus seiner depressiven Stimmung. Es war schon acht Uhr. Das Kommissariat hatte auf, ebenso die Leichenhalle. Baptista stand auf, stieg mühsam die enge Treppe nach oben und packte seinen Koffer. Das Bett roch von der Nacht säuerlich nach Schweiß. Die Gedanken an die Leiche klebten in der feuchten Luft. Er war richtig krank, stellte er fest. Wahrscheinlich würde er bald Fieber bekommen. Wie auch immer: Heute Nachmittag flog die Maschine nach Corvo. Er musste sich beeilen. Schnaufend trug er den Koffer nach unten und bezahlte. Die Zimmerwirtin sah ihn mitleidig an. »Wo müssen Sie denn hin?« »Nach Corvo.« »Soll sehr schön sein.« »Oh, ich bin beruflich hier.« »Beruflich gibt es nicht. Man ist immer als ganzer Mensch unter Gottes Aufsicht.« »Sie haben Recht.« »Gott sei mit Ihnen und gute Gesundheit.« Baptista war froh, als er auf der Straße stand. Es war einfach furchtbar, unter Dauerbeobachtung zu stehen und schlaue katholische Sprüche zu hören. Zum Kommissariat war es nicht weit. Er ging zu Fuß. Die Sonne ging langsam auf und verbreitete in der hohen Luftfeuchtigkeit eine brütende Hitze. Sofort begann Baptista zu schwitzen. Er drückte sich an den Häuserwänden im Schatten entlang, bis er das Kommissariat erreichte.

Es war in einem ehrwürdigen Bau untergebracht, der ganz im klassizistischen Stil der prächtigen Palàcios gestaltet war. Er öffnete die schwere Holztür und trat ein. Rechter Hand befand sich der Empfang. Dort wurde er auch schon misstrauisch beäugt. »Bom dia, Senhor. Zu wem möchten Sie denn?« »Ich habe einen Termin bei Senhor da Rosa.« Der Portier war sichtlich zufrieden, einen bekannten Namen aus Baptistas Mund zu hören. »Da müssen Sie in den ersten Stock, gleich linker Hand.« »Obrigado«, bedankte sich Baptista und stieg die Treppe nach oben. Er fand die Tür gleich und klopfte an. »Herein«, rief eine kräftige Stimme, die zum Namen da Rosa nicht richtig passte. Als er die Tür öffnete, sah er da Rosa bei seinem zweiten Frühstück. Nach dessen Körperumfang zu urteilen, könnte es auch bereits das dritte Mahl sein. »Chamo-me da Rosa«, stellte sich da Rosa vor. »Und Sie sind sicher Senhor Baptista.« »Sehr erfreut.« »Möchten Sie einen Kaffee?« Baptista wollte ablehnen, um seine leichten Kopfschmerzen nicht zu verstärken, entschied sich dann jedoch, dass das unhöflich sei. »Sim, se faz favor«, bedankte er sich. Da Rosa verschwand durch eine Seitentür und Baptista hatte die Gelegenheit sich das wunderschöne Gebäude anzusehen. Man sagt, es würde für Portugal und die EU billiger sein, alle Bewohner der Açores in einem Vier-Sterne-Hotel unterzubringen, als ständig Zuschüsse zu allem Möglichen zu gewähren. Dieses Gebäude war mit Sicherheit ein Beispiel für diese These.

Nach einer übermäßig langen Zeit kam da Rosa mit dem Kaffee zurück. »Ich habe nicht so viel Zeit, weil mein Flugzeug nach Corvo heute Nachmittag geht.« »Keine Eile. In Corvo werden Sie die Zivilisation verlassen. Keine Ärzte, keine Priester.« »Warum kann der Fall nicht von einem ortskundigen Kollegen bearbeitet werden«, fragte Baptista. »Zu viel zu tun.« Das glaubt doch keiner, dachte sich Baptista. »Wie auch immer. In dem Dossier standen recht wenige Informationen zur Familie des Ermordeten. Können Sie mir noch etwas für meinen Aufenthalt auf Corvo mitgeben?« Der Beamte musterte ihn etwas zu lange. Baptista hatte den Eindruck, dass er überlegte, was er von seinem Wissen preisgeben sollte. »Wir sind hier auf São Miguel. Das ist mehrere hundert Kilometer von Corvo entfernt und dazwischen liegt der wilde Atlantik. Wir wissen auf den Inseln nicht viel voneinander. Von daher kann ich Ihnen nicht viel sagen. Corvo ist eine durchaus wohlhabende Insel. Man darf sich nicht täuschen lassen, weil viele Gebäude zerfallen wirken. Seit den schlechten Zeiten, die bis in die 70er Jahre dauerten, geht es denen recht gut. Sie erhalten aus EU-Töpfen eine Menge Geld. Eigentlich erstaunlich, dass dort bisher noch nicht viel mehr passiert ist. Man munkelt auch von Erzvorkommen, die es auf Corvo geben soll. Am besten telefonieren Sie mit dem Polizisten von Flores. Sie wissen doch, die Nachbarinsel. Hier ist seine Nummer.« Baptista verstand, dass er nun gehen sollte. Er stand auf und verabschiedete sich.

Draußen war das Wetter wieder angenehmer. Wolken verdeckten die Sonne und der stetige Wind erzeugte ein angenehmes Klima. Sollte er noch schnell zum Arzt? Dann würde er den Flug nicht mehr schaffen. In Corvo fände sich sicher mehr Zeit. Schnellen Schrittes ging er zur Gerichtsmedizin. Ein älterer Herr nahm ihn in Empfang.

»Ich habe den Obduktionsbericht gemacht, wie alle anderen auch, die hier auf den Azoren zu machen sind. Matteo ist mein Name.« »Danke für Ihre Zeit, Senhor Matteo. Können Sie mir die Leiche bitte zeigen?« Sie gingen in den Keller. Dort sollte die Kühlung auch in Notfällen auf natürliche Weise sichergestellt sein. »Auf São Miguel sind Kellerräume immer noch ungewöhnlich«, bemerkte Matteo. »Überall lauern vulkanische Quellen.« Er nahm eine Kladde aus einem Aktenschrank und öffnete dann den Kühlraum. Baptista begann sofort zu zittern und unterdrückte seinen trockenen Husten. Matteo schaute ihn überrascht an. »Nur eine Erkältung«, erklärte er. »Hier wird sich jedenfalls keiner mehr anstecken«, meinte Matteo mit einem trockenen Humor. Francisco Amaral lag auf einer Roll-Liege. Das war für Baptista der schrecklichste Moment bei jedem Mordfall. Der Leichensack wurde geöffnet. Gab es auf der Welt eigentlich überall die gleichen Leichensäcke?

Das Gesicht von Amaral war im Vergleich zu dem Foto kaum verändert. Matteo wendete den Körper. Die dunklen Flecken auf dem Rücken waren gut zu erkennen. »In Ihrem Bericht haben Sie diese Flecken hier nicht erklärt. Was glauben Sie, ist das?« Matteo schaltete das weißgrelle Untersuchungslicht ein. »Ich hatte es für Veränderungen der Haut durch das Wasser gehalten.« Baptista beobachtete Matteo genau. Aber er konnte an seiner Mimik nicht erkennen, ob das wirklich die Meinung des Arztes war. »Könnten es Verbrennungen sein?« »Das ist schwer zu sagen. Durch das Meerwasser wird die Hautoberfläche stark angegriffen. Wäre er an Land gestorben, könnte man das leicht herausfinden. Möglich ist es aber. Haben Sie einen Anhaltspunkt?« »Die Bilder haben mich an einen früheren Fall erinnert.« »Ich schicke eine Probe in das Labor. Vielleicht lassen sich noch ausreichend Erkenntnisse gewinnen.« »Danke.« Baptista verabschiedete sich und eilte zum Flughafen. Die Beamten musterten ihn unangenehm, weil er durch die Lungenentzündung wieder stark zu schwitzen begonnen hatte. Auf Corvo wollte er gleich einen Arzt aufsuchen. In der kleinen Maschine war es nicht voll. Er setzte sich auf seinen Platz und schlief sofort vor Erschöpfung ein.

Das Flugzeug landete auf einer winzigen Piste. Fast hatte man Angst, dass die Landebahn nicht ausreichte. Schon von oben sah man, dass Corvo – der Name bedeutet ›Rabe‹ – eine winzige Insel war. Baptista dachte an die vielen Vorurteile von Menschen gegenüber Raben. In der Renaissance wurden sie gerne neben Apollo oder Bacchus als Zeichen der Intelligenz gezeigt. Dann dachte man, sie würden andere Vögel töten und begann sie bis zur Ausrottung zu jagen. Warum nennt man eine Insel so? Das Wort Açores bedeutet ›Habicht‹. Dabei wirken diese Inseln friedlich, wie kaum ein anderer Ort.

Mittwochabend, 12. Juni

Die zehn Passagiere stiegen aus und wurden von der halben Insel interessiert willkommen geheißen. Es war früher Abend und man hatte offensichtlich Zeit. Ein vierzigjähriger Mann mit Krawatte und einem sympathischen Gesicht, das von dunklen Haaren eingerahmt war, kam auf Baptista zu. »Bem-vindo in Corvo. Sie müssen Senhor Baptista sein. Ich freue mich, Sie im Namen des Bürgermeisters willkommen zu heißen. Mein Name ist Delgado, Teo Delgado. Aber kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer.« »Sehr erfreut«, hustete Baptista. Sie gingen einige Schritte zu Delgados Wagen, einem einfachen Seat. »Ich hoffe, Ihr Flug war angenehm.« Wieder verfiel Baptista in einen Hustenanfall. Er hatte das Gefühl, kaum noch atmen zu können. »Danke, der Flug war gut. Ich benötige etwas für meine Erkältung. Wo gibt es denn einen Arzt?« Sie fuhren seit drei Minuten. Senhor Delgado hielt an. Baptista dachte, er habe eine falsche Frage gestellt. »Wir sind da«, seufzte Delgado, als wären sie seit Stunden unterwegs. »Einen Arzt gibt es erst übermorgen. Er kommt zweimal die Woche aus Flores. Bis dahin müssen Sie mit Kamillentee vorliebnehmen.« Corvo besaß ein einziges Hotel, das Casa de Hóspedes. Senhor Delgado – Dezernent für außergewöhnliche Angelegenheiten – wie er sich vorstellte, brachte ihn jedoch zu María Lancha, die ein Haus direkt neben dem Rathaus besaß. Sie stiegen aus. Delgado klopfte an die Tür und trat dann ein. Er rief etwas in das Haus hinein. Die Treppe knarrte und eine alte Dame, Senhora Lancha, stand vor ihnen. Sie begrüßte Delgado überschwänglich und beäugte Baptista misstrauisch. Schließlich entschied sie sich, ihm die Hand zu geben.

»Sie sind also der Polizist?« Senhora Lancha machte keinen Hehl aus ihrem Misstrauen. »Der arme Francisco. Nun soll ihm Gerechtigkeit widerfahren.« »Baptista. Sehr erfreut.« »Ihr Zimmer ist im ersten Stock.« Die beiden Männer folgten ihr die knarrenden Stufen hinauf. In einem sehr einfachen, aber sympathischen Zimmer stellte Baptista seinen Koffer ab. Er fühlte sich schrecklich und plante sich ins Bett zu legen. »Kommen Sie doch gleich mit. Meine Frau hat uns etwas zubereitet. Dabei können wir auch für morgen das Wichtigste besprechen.« »Ich fühle mich schrecklich«, meinte Baptista. Die Gesichter von Delgado und Lancha klappten schlagartig nach unten. Er hatte wohl eine ungehörige Beleidigung ausgesprochen. Er räusperte sich kurz. »Geben Sie mir fünf Minuten. Ich komme dann runter.« Die Gesichter der beiden hellten sich auf. »Sehr schön.« Die Tür fiel ins Schloss. Baptista fiel auf das Bett. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er hatte fiebrigen Schweiß auf der Stirn. Sein Brustkorb war ein einziger Schmerz. Er kramte einige Aspirin heraus und nahm zwei auf einmal. Durch das Fenster hörte er die Stimmen von Delgado, Lancha und zwei weiteren Personen. »... nicht richtig, dass ein Fremder hier rumwühlt.« »... unser Geheimnis ...« »Die interessiert doch gar nicht, was mit uns geschieht. Am besten reist er schnell wieder ab.« »... endlich hat es den Richtigen getroffen ...« Baptista ging vorsichtig ans Fenster und versuchte zu erkennen, mit wem Delgado und Lancha redeten. Das kleine Fenster ließen jedoch keinen Blick auf das Grüppchen zu. Das kann ja heiter werden, murmelte Baptista in seinen fiebrigen Kopf hinein. Rasch wechselte er das Hemd und ging nach unten. Sobald die Treppen knarrten, verstummten die Stimmen. Delgado saß scheinbar wartend in seinem Auto. Senhora Lancha zupfte alte Blumenblätter.

»Steigen Sie ein. Das Essen wird Sie wieder aufpäppeln«, rief ihm Delgado zu. Du falscher Hund, dachte Baptista. »Gerne. Danke.« Er stieg ein und sie fuhren um zwei Straßenecken herum in die Rua da Fonte, wo sie vor einem einfachen Haus ausstiegen. An der Fassade blätterte Farbe ab und der Vorgarten war vollkommen ungepflegt. Als sie eintraten, sah Baptista jedoch sofort, dass sich der schlechte Eindruck lediglich auf die Fassade bezog. Der Innenraum war hervorragend eingerichtet und hatte beinahe etwas Luxuriöses. Senhora Delgado eilte ihm aus der Küche entgegen. Sie war umgeben von einem appetitanregenden Duft. »Sehr erfreut. Setzen Sie sich doch. Mein Mann serviert Ihnen einen kleinen Aperitif.« Ein scharfer Seitenblick zu ihrem Mann zeigte deutlich, wer in diesem Haus die Entscheidungen traf. Baptista konnte es nicht vermeiden, einen Blick auf das runde Hinterteil von Senhora Delgado zu werfen. Wie die meisten Frauen auf den Azoren war sie üppig und strahlte dadurch eine große Lebensfreude aus. Trotz seines fiebrigen Zustandes fühlte Baptista die Anziehungskraft, die Senhora Delgado auf ihn ausübte.

»Was möchten Sie, Senhor Baptista? Einen Maracujalikör?« Baptista wollte eigentlich nichts Alkoholisches. Doch als er den erwartungsvollen Blick von Delgado sah, stimmte er zu. »Man hat mir erzählt, dass es auf Corvo noch nie einen Mord gegeben hat. Stimmt das?« »Noch nie. Ich weiß nicht, ob Sie sich die Bestürzung hier überhaupt vorstellen können. Hier kennt jeder den anderen. Etwas mehr als dreihundert Personen leben hier. Wir stammen alle von zehn Familien ab. Durch Heirat sind die meisten miteinander verwandt. Auf dieser Insel gibt es noch nicht einmal Schlösser an den Türen.« »Das ist mir schon aufgefallen. Ich dachte aber, das sei eine Ausnahme.«

»Nein, nein. Niemand schließt seine Tür ab. Wozu auch? Warum sollte ich meiner eigenen Familie etwas stehlen. Hier müssen alle zusammenhalten. Wir sind eine kleine Herde auf einem brodelnden Vulkan. Gott schütze uns.«

»Normalerweise arbeite ich in Berlin und Brüssel, wie sie vielleicht wissen. Dort geschehen in jedem Stadtviertel jährlich dutzende Morde. Sie leben hier im Paradies.« Dann verfiel Baptista in einen Hustenanfall. Er sprang auf und suchte im Bad, das er zum Glück gleich fand, einen Moment Ruhe. Er schüttete sich Wasser ins Gesicht und stand auf seinen zittrigen Beinen eine Weile ruhig da. Wie soll ich das bis übermorgen schaffen, dachte er. »Alles in Ordnung?«, fragte die Senhora und klopfte leise an die Tür. »Ja. Bin gleich soweit.« Offensichtlich war er schon einige Minuten im Bad gewesen. Er riss sich zusammen und ging wieder ins Wohnzimmer. Senhora Delgado blickte ihn mit einem besorgten, warmen Blick aus ihren großen Augen an. Jao Baptista verschwand in diesem Blick, wurde aber jäh wieder herausgerissen, als Senhor Delgado einen Salat mit grünen Tomaten und einen duftenden Eintopf aus der Küche hereintrug. »Seit ich aus Berlin fort bin, hat mich eine elende Erkältung gepackt«, erklärte Baptista sein Verbleiben im Bad. »Da ist der Eintopf genau das Richtige. Aber zuvor nehmen Sie doch etwas Salat.«

Baptista nahm sich von den grünen Tomaten. Sie sahen nicht besonders schön aus. Und die Senhora hatte sich auch keine Mühe gegeben, die Tomaten irgendwie anzurichten. Lieblos, ging ihm durch den Kopf. Zwischen den Tomatenstücken fand er eingelegten Tintenfisch. Als er jedoch den ersten Bissen im Mund hatte, erfüllte ein wunderbares Aroma seinen Gaumen. Gartenfrisch und mit einer nussigen Note betörte der Salada de Polvo seinen Geschmack. Abgerundet durch einen Schluck Rotwein hätte er in diesem Moment sich nichts vorstellen können, das er lieber hätte essen mögen.

Danach erweckte der Eintopf bei Baptista einen vergleichbaren Eindruck. Farbe und Konsistenz waren beinahe unappetitlich. Nichts, das man einem Gast vorsetzen würde. Der Geschmack zarter Möhren und Zwiebeln, von deftigem Kohl, aromatischen Kartoffeln und Speck, bestreut mit frischen Kräutern, ergab jedoch einen unnachahmlichen Geschmack. Baptista dachte, dass das Essen ein wenig wie die Häuser auf Corvo sei: verfallene Fassade, aber wunderbares Innenleben.

Während des Essens war es recht still. Baptista blickte verschämt zu Senhora Delgado hinüber und bekam einige feurige Blicke als Antwort. Senhor Delgado schien mit dem Essen und dem Wein beschäftigt. Niemand wollte über den Mord sprechen. So beschränkte man sich auf Themen wie Wetter und Weinanbau. Letztlich wussten aber alle, dass es um ein unappetitliches Ereignis ging. Zusammen mit einem Schnaps wurde als geschmackliche Krönung ein Maçãs assadas, ein Bratapfel, serviert. Und erst nach dem Schnaps entstand ein ungezwungeneres Gespräch. Baptista fragte: »Was hat es eigentlich mit diesem Vulkan hier auf sich? In allen Reiseführern wird er erwähnt.« »Der Vulkan und wir, wir gehören zusammen. Den Krater nennen wir Corvianer nicht wie die anderen Bewohner der Açores Caldeira, sondern Caldeirão. Diese Insel ist ein Vulkan. Wir lieben ihn und verehren ihn. Er ist alles, was wir haben. Wissen Sie, Senhor Baptista, unser Leben hier ist sehr einfach. Wir bauen etwas Gemüse an und werden von Touristen besucht. Der Vulkan gibt uns guten Boden und er sorgt dafür, dass die Touristen kommen.« »Kann er denn nicht eines Tages ausbrechen?« »Das weiß nur Gott. Bis dahin ernährt er uns.« Baptista spürte, wie nach dem Wein und dem guten Essen seine gesamte Lebensenergie in Richtung Magen floss und für den Rest nichts mehr blieb. Er wurde stark fiebrig und konnte die Delgados nur noch schemenhaft erkennen. Senhor Delgado fuhr ihn dann zu seinem Zimmer.

Baptista ließ sich in seinen Kleidern auf das Bett fallen. Von unten hörte er wieder Stimmen. »Wenn er es herausfindet ... wir müssen Luìs warnen ...« Er war sich jedoch nicht sicher, ob er alles nur in seinem Delirium fantasierte. Mitten in der Nacht schreckte er auf. Etwas berührte ihn im Gesicht. Er fuchtelte panisch herum, bis er schließlich merkte, dass es sein umgeklappter Hemdkragen war. Baptista mühte sich auf. Seine Kleider waren durchnässt. Er zog sich einen Schlafanzug an. Dann nahm er wieder zwei Aspirin und öffnete das Fenster. Eine sternenklare Nacht. In Berlin mochte er den Mond, auch wenn man ihn nicht so oft sah. Hier erschien er ihm unheimlich. Einige Fledermäuse gingen auf Jagd. Baptista schloss das Fenster und schlief unruhig wieder ein.

Donnerstagmorgen, 13. Juni

Am Morgen wachte er mit bestialischen Kopfschmerzen auf. Die Sonne schien auf seinen Kopf. Bereits eine kleine Drehung nach links verursachte einen Schmerz, als würde ein glühend heißes Eisen in seine Augen gebohrt. Wie spät war es? Er blinzelte auf seine Armbanduhr. Kurz nach neun. Er wollte früh aufstehen, um sich eine Strategie für den Tag zurechtzulegen. Wollte nicht Delgado um zehn kommen? Schon das Denken führte zu einem leichten Wummern in seinem Schädel. Er griff zu den Aspirin. Zwei Stück waren noch in der Schachtel. Baptista entschied daher, nur eine zu nehmen und die andere für den frühen Abend zu bewahren. Morgen sollte der Arzt kommen. Er zerbiss die Tablette und wartete, bis die Wirkung eintrat.

Dann stand er auf und machte sich fertig. Qualvoll. Als er angezogen die Türe öffnete, war er bereits wieder schweißgebadet. »Bom dia«, begrüßte ihn die Dame des Hauses überschwänglich. »Einen Galão?« »Obrigado«, murmelte Baptista. »Ein herrlicher Tag, nicht wahr?« Baptista überhörte den Satz einfach. Als Kaffee und Milch seinen Hals hinunter rannen, begann er sich etwas besser zu fühlen. Senhora Lancha ließ sich nicht entmutigen: »Eine Cousine von mir lebte in Furnas auf São Miguel. Dort bin ich rettungslos den Bolos Levados verfallen, die sie in den nächsten Tagen hier zum Frühstück bekommen. Guten Appetit!« Baptista wollte noch immer nicht sprechen. Er biss in einen kleinen Bolo und spürte trotz seines schon wunden Halses ein angenehmes Gefühl. Dann kam auch schon Delgado. Nun krächzte Baptista auch sein »Bom dia.« »Wo fangen wir an?«, fragte Delgado. »Mit dem Ort des Geschehens. Wir sollten uns die Fundstelle ansehen. Danach möchte ich gerne mit der Familie von Francisco Amaral sprechen.« Sie stiegen in den Wagen und fuhren höchstens zwei Minuten zum Hafen. Auf der Hafenmauer saßen bereits die älteren Dorfherren und beäugten interessiert, wie die beiden ausstiegen.

»Wir haben insgesamt drei Häfen auf Corvo. Da gibt es einmal den alten Hafen Porto Novo. Er wird jedoch nicht mehr als Hafen benutzt. Eigentlich schwimmen wir und die Touristen nur noch darin. Hier stehen wir am Casa. Er ist am wenigsten geschützt. Aber die Mole entspricht modernen Anforderungen und da drüben gibt es sogar einen kleinen Kran.« Delgado wies nach rechts. »Naja, und dann gibt es noch den Fischerhafen de Boqueirao. Aber außer für kleine Boote ist er nicht zu gebrauchen.« Delgado grüßte einen Bekannten in einer Bar nebenbei. »Ein Cousin von mir. Kommen Sie. Hier an der äußeren Mole hat man Francisco gefunden.« Delgado parkte das Auto gegenüber der Gruppe alter Männer. Als sie ausstiegen, waren sie gezwungen an den Herrschaften vorbei zu gehen. Während Delgado allen freundlich zunickte, kam sich Baptista wie unter einem Mikroskop vor. Nicht dass er solche Situationen nicht kennen würde. Im Gegenteil, sie waren typisch für seinen Beruf. Aber er hatte auch nach über zwanzig Jahren keine Routine entwickelt. Jeder Tote stürzte Baptista in tiefe Trauer und die Beobachtung von Fremden verursachte Unbehagen. Damit lebte er und seine Gesundheit musste es ausbaden.

Delgado führte ihn zu einer niedrigen Hafenmauer. Kleinere Fischerboote hatten dort festgemacht. Obwohl die Boote verwittert wirkten, machte das Hafenbecken einen romantischen Eindruck auf Baptista. Vielleicht war es auch einfach die Vorstellung, auf einer winzigen Insel mitten im Atlantik zu sein. Dennoch brannte die Sonne dermaßen intensiv auf seinen mit Schmerzen angefüllten Kopf, dass ihm selbst keine Sekunde romantisch zu Mute war. »Stellen wir uns einige Fragen«, begann Baptista die beruflichen Überlegungen. »Kann der Mord hier geschehen sein? Und wenn nicht, wie gelangte die Leiche hierher?« »Als Todeszeitpunkt wurde Mitternacht angegeben. Um die Zeit ist hier niemand auf der Straße. Allerdings liegen um den Hafen herum einige Häuser. Dort hätte man sicher die Schreie gehört.« Baptista ließ seinen Blick schweifen.

Am Hafen waren die Fassaden besser gepflegt als etwa in Delgados Straße. Die Wände leuchteten weiß, Türen und Fenster waren in strahlendes Blau gefasst. Es gab drei kleinere Bars, die die Fischer und andere mit dem Wichtigsten versorgten. Wie kann man in so einer Umgebung einen Mord begehen, fragte sich Baptista. Möglicherweise gab es ein wirklich perfides und sadistisches Gehirn, das den Mord detailliert geplant hatte. Dann hätte er das Opfer betäubt und mit einem Wagen hier her gebracht, um es vor allen Augen in den Hafen zu werfen. Baptista erschien das völlig unglaubwürdig. Das sind Methoden der organisierten Kriminalität, die auf Corvo wohl nicht zu finden ist. Und überhaupt: Warum sollte man sich auf einer fast unbewohnten Insel ausgerechnet den Hafen für ein Verbrechen aussuchen? »Kann es sein, dass die Leiche hier angeschwemmt wurde?«, fragte Baptista. »Möglich ist das auf jeden Fall. Sehen Sie dort.« Delgado wies auf einen dunklen Fleck, der mit einem Netz an der Hafenmauer befestigt war. »Das ist ein toter Hai. Er wurde erst gestern vom offenen Meer hereingeschwemmt. Allerdings müssen dafür die Strömungen günstig stehen. Der Golfstrom erzeugt einen ungeheuren Sog, der alles von den Inseln wegspült.« Baptista sah auf den toten Fisch und überlegte, ob Fische auch Schmerzen spüren konnten.

»Im Obduktionsbericht stand, dass er einige Stunden im Wasser lag. Tagsüber wäre es wohl ausgeschlossen, dass er diese lange Zeit unbemerkt blieb. Über Nacht ist das natürlich denkbar. Trotzdem: Ihn mitten im Hafen abzuwerfen erzeugt unnötige Aufmerksamkeit.« Bei diesen Überlegungen beließen es die beiden. »Kommen Sie. Ich bringe Sie nun zu seiner Frau.« Delgado lief in Richtung Wagen. Wieder wurden sie von den rund zehn älteren Männern argwöhnisch betrachtet. »Sag schon, Teo. Es war doch Pão. Das Schwein!« Baptista sah etwas erschrocken auf. Der Mann, der ihnen die Worte zurief, hatte ein verwittertes Gesicht. Tiefe Furchen zogen sich vom Mund nach unten. »Wer ist das?«, raunte er Delgado zu. »Ach, der alte Bastelio. Die Sonne hat sein Gehirn ausgetrocknet, als er einmal zu lange auf dem Meer blieb. Nehmen Sie ihn bloß nicht ernst.« »Und dieser Pão. Warum verdächtigt er ihn?« »Pão ist ein Einzelgänger. Er ist der Bruder von Francisco und tickt nicht mehr ganz richtig. Er wohnt am Rand des Kraters. Bei Vollmond zündet er ein Feuer an und tanzt laut schreiend herum. Die Leute glauben, er sei an allem Schuld.« Dann wandte sich Delgado an Bastelio. »Sag deinen Schafen einen Gruß. Und mach ihnen keine Angst mit deinen Geschichten.« In Bastelios Gesicht machte sich beinahe ein Lächeln breit. Die anderen gaben ein leises Gekicher von sich. Delgado und Baptista verließen mit dem Auto Vila Nova und fuhren ein Stück auf einem Feldweg, bis sie ein Haus erblickten.

Maria Grazia arbeitete im Garten. Sie hatte die einfache Kleidung der Bauersfrauen an und zupfte zwischen den Beeten das Unkraut. Unwillig hob die fünfzigjährige rüstige Frau den Kopf, als sie das Auto wahrnahm. Delgado reichte ihr die Hand. »Maria, gut, dass du da bist. Das hier ist Senhor Baptista. Er untersucht den Fall.« Mit großer Skepsis betrachtete Senhora Maria Grazia den Herrn aus Europa. »Wie soll ein Fremder denn helfen können?«, meinte sie wenig erfreut. Das fragte sich Baptista auch. Dennoch sagte er mit überzeugender Stimme: »Nun ja, ich werde mein Bestes tun. Und Senhor Delgado unterstützt mich ja auch tatkräftig. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für einige Fragen?« »Zeit, Senhor Baptista, davon haben wir auf Corvo im Übermaß. Man kann daran ersticken.« Baptista war überrascht über die unverhohlene Feindseligkeit, die Senhora Grazia gegen ihn zu hegen schien. Aber er hatte bei den Angehörigen von Mordopfern in seiner Laufbahn schon oftmals sehr überraschendes Verhalten erlebt. Vor Jahren wurde auf einer Hochzeit der Bräutigam in der Kirche von seinem besten Freund erschossen. Als Baptista die junge Witwe besuchte, gab sie ihm eine heftige Ohrfeige und begann zu weinen. Die ersten Reaktionen können eine gute Hilfe bei den Ermittlungen darstellen. Man musste sie allerdings richtig zu deuten wissen.

Sie gingen in das Haus. Von außen schien es beinahe zusammenzufallen. Im Wohnzimmer knarrten die nicht gut befestigten Fensterläden im Wind. Sie setzten sich an den Esstisch. Baptista hustete und hatte zum wiederholten Male das Gefühl, dass sein Brustkorb platzen würde. Maria Grazia machte nicht die geringsten Anstalten, ein Wasser anzubieten, geschweige denn, dass sie Mitleid zeigte. So stand Baptista kurz entschlossen auf und holte sich selbst ein Glas Wasser aus der Küche. Er atmete tief durch und ignorierte sein nassgeschwitztes Hemd. »Senhora Grazia, ich habe von Francisco nur aus den Akten gelesen. Was für ein Mensch war Ihr Mann?« »Francisco war mein Mann.

Das ist im Wesentlichen alles.« Die Senhora schwieg. Alle schwiegen. Schließlich durchbrach Baptista das Schweigen. »Nach einem Mord möchte man gerne alles vergessen. Könnten sie dennoch erzählen, wie er war?« »Den Mord vergessen? Ha. Ich wurde gezwungen ihn zu heiraten, als ich sechzehn war. Damals hatte ich am Frühstückstisch gesagt, ich wolle nach São Miguel und Jura studieren. Mein Vater ist blass geworden und warf ein Messer nach mir. Meine Mutter schrie hysterisch, und eine Woche später war ich verheiratet. Francisco war damals dreiundzwanzig Jahre und was das Wichtigste war: Er kam aus der Familie der Amarals. Vielleicht war Francisco kein ganz schlechter Mensch. Aber er benahm sich wie ein Tyrann. Ich habe ihm nie den Tod gewünscht. Aber das Gute in der Welt ist durch seinen Tod nicht viel weniger geworden. Und das sage ich als seine Frau. Punkt.« Baptista hatte sich ein kleines Notizbüchlein auf den Tisch gelegt und versuchte mitzuschreiben. Er stockte jedoch mehrfach, weil ihm so ungeheuerlich erschien, was Senhora Grazia sagte.

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal lebend gesehen?« »Er lag betrunken am Dienstagnachmittag im Bett. Zuvor hatte er versucht, mich mit einer Zaunlatte zu verprügeln. Aber ich kann mich wehren. Am Ende war er es, der mit blauen Flecken im Dreck lag. Ich habe ihn ins Bett geschleift und bin mit den Kindern zu meiner Schwester gefahren. Als ich am Mittwochmorgen wiederkam, war Francisco weg.« »Wo sind ihre Kinder denn jetzt?« »In der Schule, Senhor. Wir sind hier zwar in der Mitte des Ozeans, aber eine Schulpflicht gibt es trotzdem. Allerdings befindet sich die weiterführende Schule auf Flores. Ich hoffe, dass meine Kinder bald nach São Miguel zum Studieren gehen und das tun, was ich nicht durfte.« »Darf ich mich im Haus kurz umsehen?« »Aber fassen Sie nichts an. Ich mag es nicht, wenn Fremde meine Sachen berühren!«

Baptista war froh, dass er dem unangenehmen Gespräch entfliehen konnte. Als er das Wohnzimmer hinter sich hatte, hörte er wieder dieses Wispern, dass er schon von seinem Hotelzimmer her kannte. Er ging sehr langsam, damit sein Kopfschmerz auszuhalten war. Im Schlafzimmer sah er, dass die Kleider von Amaral zu einem großen Berg aufgetürmt waren. Sie hat keine lange Trauerphase gehabt, dachte Baptista. Zu kurz. Niemand hatte Francisco am Abend seines Todes gesehen. Sie hätte ihn hier töten können und irgendwo ins Wasser werfen. Er würde ihr zutrauen, soviel Hass zu empfinden. Die Kinderzimmer wirkten aufgeräumt. Er dachte, dass er auch gerne Kinder gehabt hätte. Warum hatten Menschen wie Francisco Kinder und er nicht? Ihm wurde schwindelig. Er stützte sich auf. Dann ging er wieder zu den beiden anderen. Als er sich dem Zimmer näherte, hörten sie schlagartig auf zu sprechen. »Ich muss Sie leider bitten, sich für weitere Fragen bereitzuhalten.« »Wenn Sie dafür das Unkraut jäten ...« Baptista war versucht zu lachen, doch dann verstand er, dass Maria den Satz ernst meinte. Sie gab ihm zum Abschied nicht die Hand.

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