Kitabı oku: «Die Magie von Winterhaus»
Ben Guterson
DIE MAGIE VON
WINTERHAUS

Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Mit Illustrationen von Chloe Bristol

Für Jan, John, Dave und Mary

Inhalt
ERSTER TEIL: DIE GEFAHREN DES STURMS
KAPITEL 1: DER EINGANG STECKT UNTER STEINEN
KAPITEL 2: VOLLER ELAN NACH HAUSE
KAPITEL 3: EINE GABE SUCHT IHRESGLEICHEN
KAPITEL 4: WOHIN DIE SEELE SENDEN?
KAPITEL 5: EINE RÜGE FÜHLT SICH UNGERECHT AN
KAPITEL 6: EIGENE WEGE HEIMLICH GEHEN
KAPITEL 7: ES SENKT SICH ERSCHROCKENE STILLE ÜBER DEN SAAL
KAPITEL 8: DIE STILLE NACH DEM STURM
KAPITEL 9: EIN GANG IN DER NACHT
ZWEITER TEIL: DAS BEBEN DEHNT SICH AUS
KAPITEL 10: KEIN FREUND IN DEM ÜBLICHEN SINNE
KAPITEL 11: «ES WAR MIR WIRKLICH EIN VERGNÜGEN.»
KAPITEL 12: IN NORBRIDGES SCHRANK IST EINIGES VERSTECKT
KAPITEL 13: EINE WUNDERBARE MISSION
KAPITEL 14: EIN BESUCH BEI DER KINDLICH ALTEN DAME
KAPITEL 15: EIN BESENSTIEL IST EIN GEFÄHRLICHES DING
KAPITEL 16: DIE VERWIRRUNG GEHT IN DIE NÄCHSTE RUNDE
KAPITEL 17: ICH HABE EVENTUELL ETWAS HERAUSGEFUNDEN!
KAPITEL 18: UND GLEICH DARAUF STANDEN ALLE VOR GRACELLAS TÜR
DRITTER TEIL: DIE GEHEIMEN GEDANKEN DES RILEY GRANGER
KAPITEL 19: DIE BROSCHÜRE NIMMT GESTALT AN
KAPITEL 20: FERN UND NAH IN AUSBLICKEN – DIE CAMERA OBSCURA IN AKTION
KAPITEL 21: EIN FEUER LÖST EINE HEFTIGE DISKUSSION AUS
KAPITEL 22: RILEY GRANGERS ANSICHT BARG EINEN KONFLIKT ZWISCHEN FREUNDEN
KAPITEL 23: GEDICHTE, DOCH AUCH GEDANKEN
KAPITEL 24: DIE WORTE AN DER WAND REIMEN SICH … NICHT NUR!
KAPITEL 25: EINE BELIEBIGE ANSAMMLUNG VON WÖRTERN
VIERTER TEIL: MIT GLAUBEN UND WÜNSCHEN DER DUNKELHEIT ENTGEGEN
KAPITEL 26: FREDDY ENTDECKT DAS TUCH – UND ELIZABETH WEICHT VOM WEG AB
KAPITEL 27: EIN ZUFÄLLIGES TREFFEN BEI DER ALTEN MINE
KAPITEL 28: WIE DER PERMAFROST ERNEUT FÜR ANGST UND SCHRECKEN SORGT
KAPITEL 29: VON DEN ÄNGSTEN EINER NACHT
KAPITEL 30: WER KOMMT ZUM ABENDESSEN?
KAPITEL 31: DIE PARTY IST EIN VOLLER ERFOLG
KAPITEL 32: EIN ALTER BRIEF – EIN DÜSTERES GEHEIMNIS
KAPITEL 33: DIE NACHT EILT DEM ENDE ENTGEGEN
KAPITEL 34: EIN WUNSCH VOLL EBENSOLCHER MACHT
DANKSAGUNG
Leseprobe
KAPITEL 1
KAPITEL 2
«In Bruno Gestens erstem Roman Der Bruchstück-Betrug zitiert eine der Figuren aus erfundenen Büchern, ein sinnloses und gleichzeitig großartiges Unterfangen.»
Aus: Ewiges Marbella von Pierre Menard
ERSTER TEIL

KAPITEL 1
DER EINGANG STECKT UNTER STEINEN
An einem eiskalten Samstagnachmittag Mitte März fuhr Elizabeth Somers allein durch die Winterlandschaft, als sie ein blutrotes Tuch entdeckte, das neben der Loipe an den Ast einer Erle gebunden war. Sie hatte gerade umkehren wollen, zum einen, weil ihr Großvater Norbridge sie gebeten hatte, nicht länger als zwei Stunden wegzubleiben, zum anderen, weil sich der Himmel mit Wolken verdunkelt hatte und außerdem noch eine Menge Hausaufgaben auf sie warteten. Aber gerade als sie die Spitzen der Stöcke in den Schnee grub, um ihre Langlaufskier zu wenden, hatte das Stück Stoff ihre Aufmerksamkeit erregt. Es war ein rotes Taschentuch, das schlaff an dem Ast hing, der einzige Farbklecks in dem ansonsten schier endlosen Weiß, durch das sich die Loipe zog.
Elizabeth hielt an und betrachtete das Tuch. Es war ausgefranst und hing anscheinend schon eine ganze Weile da. Sie zupfte mit ihren behandschuhten Fingern daran, aber der Knoten war fest. Der Atem stand ihr in kleinen Wölkchen vor dem Gesicht, und der Schweiß auf ihrer Stirn wurde kalt, als ihr klar wurde, dass sie auf diesem Pfad noch nie so weit gefahren war. Sie drehte sich um und betrachtete das verschneite Tal, in dem sie sich befand. Nirgends waren Häuser zu sehen, nur winterkahle Tannen und Erlen und – weit im Osten – hohe Berge unter einem ergrauenden Himmel. Alles war still.
Wer bindet hier draußen, mitten im Nirgendwo, ein Tuch an einen Baum?, wunderte sich Elizabeth.
Noch einmal blickte sie sich um, dann musterte sie den Boden vor ihren Skispitzen. In dem Pulverschnee prangten Fußabdrücke, die von dem Baum auf einen Geländeanstieg zuführten, der etwa hundert Meter nördlich hinter der Biegung eines vereisten Bachs lag.

Das Gefühl überkam Elizabeth, diese mittlerweile vertraute Intuition – bei der ihr Magen absackte und es in ihrem Kopf zu surren begann –, dass hier in der Umgebung mehr verborgen lag, als man auf den ersten Blick sehen konnte: eine Überraschung, die auf sie wartete, vielleicht sogar eine Person.
«Hallo?», rief sie und schaute zu dem Hügel. «Ist hier jemand?»
Sie bekam keine Antwort. Nur der Wind seufzte in den Baumkronen, ehe es wieder ganz still wurde.
«Ich habe keine Angst», flüsterte Elizabeth.
Sie zog sich die Mütze tiefer über die Ohren, während sie noch einmal rechts und links die Loipe entlangschaute. Dann löste sie die Bindung ihrer Skischuhe, trat aus den Skiern und folgte den Fußspuren.
Direkt hinter dem gefrorenen Bach führten die Spuren einen gewaltigen verschneiten Erdwall hoch, dessen obere Kante bis zu den Kronen der ringsum stehenden Erlenbäume aufragte. Als Elizabeth ein paar Schritte weiter hinaufstieg, gelangte sie zum Rand eines baumlosen Kreises, der so riesig war, dass die Eisbahn des Hotels Winterhaus gut und gerne zehnmal hineingepasst hätte. Schneebemützte Felsblöcke bedeckten den Kreis. Was vor ihr lag, sah aus wie ein großer Teich, den man mit Felsgestein aufgefüllt hatte, eingefasst von einer wallartigen Böschung, auf der sie jetzt stand.
Was ist das bloß?, fragte sich Elizabeth.
Die Fußspuren zogen sich bis zu einer kleinen Lichtung inmitten der Felsbrocken hinunter, und Elizabeth folgte ihnen. Als sie den Boden der Senke erreichte, fiel ihr ein schiefer Pfosten auf, an dessen Spitze ein verbeultes Schild aus beige lackiertem Metall hing. Vor den schneebedeckten Steinen fiel es kaum auf. Es sah aus, als gehöre es zu der Landschaft. Elizabeth rieb sich den Schnee von der Brille und betrachtete das Schild. Die orangefarbenen Buchstaben waren so verblasst, dass man sie kaum noch lesen konnte.
GEFAHR! DIE RIPPLINGTON MINENGESELLSCHAFT ERKLÄRT DIESE MINE, DEN «SILBERWEG», FÜR GESCHLOSSEN! DIE MINE WURDE VERSIEGELT UND IST NICHT MEHR ZUGÄNGLICH! ZUR SICHERHEIT ALLER HABEN WIR DEN EINGANG AUFGESCHÜTTET, ABER WIR KÖNNEN KEINE HAFTUNG FÜR PERSONEN ÜBERNEHMEN, DIE VON DIESEM PUNKT AUS WEITERGEHEN! KEHREN SIE UM! ES IST NICHT SICHER HIER!
Elizabeth spürte ein Flattern in ihrer Brust. Sie wusste, dass sich die unzähligen Gänge des Silberwegs, der vor über einem Jahrhundert aufgegeben worden war, von hier aus in alle Richtungen erstreckten und unter dem Winterhaus ein wahres Labyrinth aus Tunneln bildeten. In einem dieser Gänge hatte Elizabeth vor fast drei Monaten Norbridges Schwester Gracella überwältigt, die Zauberin, die versucht hatte, Macht über sie zu erlangen. Sie wusste auch, dass Gracella zwar besiegt war, dass ihr Körper aber immer noch in jenem düsteren Tunnel unter der Erde lag. Durch eine dunkle Magie war ihr irdischer Leib nicht nur zu Stein erstarrt, er ließ sich auch keinen Zentimeter bewegen, und Norbridge hatte sie vorsorglich dort, wo sie lag, in Beton einschließen lassen und die Türen im Winterhaus, die zu den unterirdischen Gängen führten, versiegelt. Elizabeth wurde klar, dass der einzige Zugang zum Silberweg die kreisrunde Öffnung war, über der sie stand und die mit tonnenschwerem Felsgestein gefüllt war. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, als sie das verbeulte Warnschild noch einmal las.
Elizabeth wollte gerade umkehren, als sie unter ihren Füßen ein kaum merkliches Rumpeln wahrzunehmen glaubte. Es war wie ein weit entfernter Donner, und ein Teil von ihr war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt etwas gespürt hatte. Sie stand da und wartete ab, ob sich das Rumpeln wiederholen würde, aber alles blieb still.
Der Wind frischte auf, und als sich Elizabeth erneut abwenden wollte, war ihr, als ob ein schwacher blutroter Schimmer durch den Schnee in der Mitte der Felsbrocken dringen würde. Schnell schüttelte sie den Kopf und legte die Hand auf ihre Brust, wo unter ihrer Jacke der blausilberne Anhänger mit dem Wort «Glaube» darauf lag.
«Ich habe keine Angst», sagte sie.
Wieder kam eine Windböe, diesmal stärker als die erste. Elizabeth blickte noch einmal auf das Schild. Der Wind fegte nun über den kreisrunden, versiegelten Minenschacht, und Elizabeth drehte sich um und kraxelte die Böschung hinauf bis zum oberen Rand. Als sie sich ein letztes Mal zu der baumlosen Ebene umblickte, meinte sie wieder, im Zentrum einen trüben rötlichen Schimmer aufsteigen zu sehen. Aber das ist doch unmöglich, dachte sie. Gleichzeitig drohte die Angst, die in ihr aufstieg, sich zu einer regelrechten Panik auszuwachsen, sodass sie nun so schnell sie konnte zum Weg zurückrannte, wobei sie aufpassen musste, um nicht im Schnee auszurutschen und hinzufallen. Als sie ihre Skier erreichte, fühlte sie wieder, wie die Erde rumpelte. Sie erstarrte und lauschte. Der Himmel wurde immer dunkler.
Donner, dachte sie, als sie in die Bindungen ihrer Skier stieg, wunderte sich aber, dass sie den Blitz übersehen hatte. Das ist bestimmt Donner.
Das rote Taschentuch flatterte vor ihr am Baum, als wieder eine Böe über die Schneelandschaft fegte. Elizabeth zog an dem Tuch und brach dabei den dürren Ast ab. Dann knäulte sie das Stück Stoff zusammen und warf es in einen Schneehaufen. Sie stapfte zurück zur Loipe und schob sich mit den Skistöcken so kraftvoll an, wie sie konnte. Mit eiligen Schritten machte sie sich auf den Rückweg zum Winterhaus. Und die ganze Zeit versuchte sie, eine Angst zu verdrängen, die sich beharrlich in ihren Geist bohrte: Was, wenn Gracella doch nicht tot ist?
Wieder rumpelte die Erde.

KAPITEL 2
VOLLER ELAN NACH HAUSE
Elizabeth hatte nur einen Gedanken, während sie sich so schnell wie möglich von der Mine und dem roten Taschentuch entfernte: Sie musste Norbridge von ihrer Entdeckung erzählen. Sie fürchtete sich – sowohl vor dem, was sie gesehen, als auch vor dem, was sie gefühlt hatte. Seit den Weihnachtsferien wohnte sie nun im Winterhaus, und alles war wunderschön: Morgens freute sie sich auf ihre neue Schule, abends las sie, trank heiße Schokolade oder besuchte Freunde. Sie verbrachte viele Stunden allein in der riesigen Bibliothek des Hotels, und an den Wochenenden ging sie Skifahren, Schlittschuhlaufen oder machte Spaziergänge um den gefrorenen Lake Luna. Und doch verspürte sie immer noch diese merkwürdige Verlockung, die ihr Gracella eingeimpft hatte, die sie aber nicht näher erklären konnte. Dieses Gefühl war beunruhigend.
Das alles ging ihr durch den Kopf, als eine Viertelstunde später wieder das Gefühl über sie kam. Sie blieb stehen. Sie war schnell gefahren, und es hatte angefangen zu schneien. Vor ihr gabelte sich die Loipe, und obwohl sie genau wusste, welcher Weg zum Winterhaus zurückführte, hatte sie das untrügliche Gefühl, dass sich auf dem Weg, den sie kreuzen musste, jemand näherte. Sie war diesen Weg selbst schon ein paarmal gefahren; er führte nach Süden, in das fünf Meilen entfernte Havenworth, wo ihre Schule war. Sie lauschte und wartete ab, ob jemand auftauchen würde. Und dann kam hinter einer Biegung, keine hundert Meter weit weg, eine Gestalt in einer silberfarbenen Jacke und einer roten Mütze in Sicht, die rasch auf Skiern in ihre Richtung glitt.
«Elizabeth!», rief der Skifahrer genau in dem Augenblick, in dem sie ihn erkannte. «Hallo!»
«Hyrum!», antwortete sie, und all ihre Angst und Sorge der letzten halben Stunde verflogen. Denn dies war Hyrum Crowley, der Referendar von Elizabeths Schule, den sie kannte, seit sie vor zehn Wochen an die Havenworth Akademie gekommen war – gleichzeitig mit Hyrum. Er unterrichtete sie nur zweimal pro Woche – in Englisch, dienstags und donnerstags, denn immerhin war er ja noch nicht mit seiner Ausbildung fertig –, aber Elizabeth hatte auch so schon den Eindruck, dass aus ihm ein ganz ausgezeichneter Lehrer werden würde. Dass er einundzwanzig Jahre alt war, seinen Abschluss an der renommierten Bruma Universität ganz in der Nähe gemacht hatte, sein schwarzes Haar stets gut gekämmt trug und fast genauso viele Bücher gelesen hatte wie Elizabeth (einschließlich ihres aktuellen Lieblingstitels, Der Gesang der Nachtigall) bestärkte sie nur in ihrer Einschätzung. Er war außerdem ziemlich nett, gerade alt genug, um erwachsen zu sein, aber noch nicht so alt, dass er das Gespür dafür verloren hatte, wie es ist, jung zu sein, zum Beispiel zwölfdreiviertel, so wie Elizabeth.
«Wow», rief Hyrum im Näherkommen. «Wie es aussieht, sind heute alle coolen Leute zum Skifahren unterwegs.»
Elizabeth lachte. «Kommen Sie aus der Stadt?», fragte sie, als Hyrum vor ihr anhielt. Er atmete schwer. Der Schneefall war dichter geworden und es ging jetzt beständig ein schneidender Wind. Elizabeth war Hyrum schon mindestens ein halbes Dutzend Mal auf den Loipen rund um das Winterhaus begegnet, und sie wusste, wie sehr er das Skifahren liebte.
«Richtig», antwortete er. Seine Augen strahlten. «Und es ist wirklich schön, dich hier draußen zu treffen.» Er schaute die Loipe entlang in die Richtung, aus der sie kam. «Bist du auf dem Heimweg?» Sie nickte, aber bevor sie etwas sagen konnte, kam er ihr zuvor. «Ich wette, du beeilst dich mit dem Nachhausekommen, weil du die Bio-Hausaufgaben von Mr. Karminsky noch nicht gemacht hast.»
Wieder lachte Elizabeth. «Das kriege ich noch hin.» Sie schob ihre Brille hoch.
«Ich treffe mich im Winterhaus mit dem Schulleiter», sagte Hyrum. Elizabeth erinnerte sich, dass Norbridge ihr gesagt hatte, er habe Professor Egil P. Fowles, den Rektor der Havenworth Akademie, zum Abendessen eingeladen. Mr. Fowles, ein netter, wenn auch sehr korrekter Mann, der seinen Tag durch regelmäßige Blicke auf seine Armbanduhr akkurat einteilte, war ein weiterer Grund, warum Elizabeth ihre neue Schule so gern mochte. Anders als auf der Schule in der kleinen Stadt Drere, wo sie seit ihrem vierten Lebensjahr bis zum letzten Weihnachtsfest bei ihrer Tante Purdy und ihrem Onkel Burlap gelebt hatte, machten alle Lehrer der Havenworth Akademie den Eindruck, als würden sie nicht nur ihre Arbeit mögen, sondern auch die Schüler. Und das war Elizabeths Meinung nach Egil P. Fowles zu verdanken, der in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel voranging.
«Bleiben Sie auch zum Abendessen?», fragte Elizabeth und gab sich keine Mühe, ihre Hoffnung zu verhehlen, dass er Ja sagen würde.
«Eins habe ich in der kurzen Zeit, die ich bislang hier verbracht habe, gelernt», gab Hyrum gespielt feierlich zurück. «Wenn Mr. Norbridge Falls zum Abendessen einlädt, lehnt man nicht ab.» Er schaute zum Himmel hoch. «Aber wir sollten uns beim Fahren unterhalten, finde ich. Ich glaube nicht, dass sich die Sonne heute noch einmal blicken lässt.»
Die Loipe verschwand allmählich unter einer Schicht Neuschnee, und der Himmel wurde immer dunkler. Spätestens nach einer halben Stunde war Elizabeth heilfroh, dass sie Hyrum getroffen hatte. Sie fuhren nebeneinander her und unterhielten sich über die Schule, das Winterhaus, die gepflegten Loipen und über ein Thema, das sie beide liebten: Bücher. Über eine Sache allerdings bewahrte Elizabeth Stillschweigen, nämlich darüber, was sie entdeckt hatte, bevor sie sich begegnet waren: die geheimnisvolle, verlassene Mine und das rote Taschentuch am Baum. Sie erschauderte und bekam es bei dem Gedanken an diese stille und einsame Stelle in dem trichterförmigen Mineneingang regelrecht mit der Angst zu tun.
«Hast du kürzlich mal wieder etwas von meinem Großvater gelesen?», fragte Hyrum, nachdem Elizabeth ein paar Bücher erwähnt hatte, die sie in den letzten Wochen durchgeschmökert hatte.
Eine der vielen interessanten Seiten von Hyrum Crowley war sein Großvater, Damien Crowley, der nicht nur vor Jahren in der Nähe von Winterhaus gelebt hatte, sondern auch Autor von unheimlichen und makabren Geschichten war, die Elizabeth liebte. Sie hatte noch nicht alle seine Bücher gelesen – soviel sie wusste, hatte er insgesamt neunundneunzig Romane geschrieben –, aber das würde sie irgendwann schaffen.
«Ich bin gerade mit Jeder Regenbogen hat einen schwarzen Rand fertig geworden», sagte Elizabeth, als das Hotel Winterhaus golden schimmernd und bekrönt von zahlreichen Wimpeln mit einem großen «W» auf dem Dach aus der verschneiten Landschaft vor ihnen auftauchte.
«Das hat mir richtig gut gefallen», sagte Hyrum. «Der Leprechaun, der in Wahrheit ein Vampir ist! Wow, ich habe echt keine Ahnung, wie mein Großvater auf all diese Geschichten gekommen ist.»
«Als Nächstes will ich Dunkelheit am Ende des Tunnels lesen.»
«Viel Glück beim Einschlafen danach!»
«Ich glaube, mein Lieblingsbuch von ihm ist bislang Colin Dredmares Kammer der Verzweiflung», sagte Elizabeth.
«Der absolute Gruselfaktor!», sagte Hyrum. «Ich mag am liebsten Malcolm Ghastford und das Geheimnis des wachsenden Kerkers.»
Ein Ereignis, das Elizabeth seit über einem Jahr nicht mehr aus dem Kopf ging, war der seltsame Fund in Gracellas altem Zimmer im Winterhaus. Sie hatte sich einmal heimlich hineingeschlichen – das Betreten des Zimmers war streng verboten, obwohl es nichts Besonderes und abgesehen von ein paar Möbelstücken auch leer war. Aber in der Schublade der Kommode hatte sie ein Buch von Damien Crowley mit dem Titel Die geheime Unterweisung der Anna Lux gefunden, das sie nur einmal kurz aufgeschlagen und dann liegen gelassen hatte. Sie hatte es nie erwähnt, niemandem gegenüber. Gelegentlich war sie in Versuchung gewesen, noch einmal in Gracellas Zimmer zu gehen, um sich das Buch genauer anzuschauen, besonders weil nicht einmal Leona Springer, die Bibliothekarin des Hotels und Elizabeths gute Freundin, irgendwo eine weitere Ausgabe des Titels hatte auftreiben können, trotz ihrer vielen Kontakte zu anderen Bibliotheken. Aber Elizabeth wusste, dass sie Gracellas Zimmer nie mehr betreten durfte. Die Neugier hatte sie einmal übermannt, und sie hatte Norbridge nie gebeichtet, was sie getan hatte. Sie schwor sich, dass es bei diesem einen Mal bleiben würde.
Elizabeth überlegte, ob sie Hyrum nach dem Buch über Anna Lux fragen sollte. Aber noch während sie die letzten Bäume hinter sich ließen und in die weite Ebene vor dem Winterhaus glitten, kam er ihr zuvor und sagte: «Professor Fowles hat kürzlich erwähnt, dass du wahrscheinlich eines Tages Winterhaus leiten wirst, weil du Norbridges nächste Verwandte bist. Stimmt das?»
Die Frage schreckte Elizabeth auf, obwohl schon andere sie gestellt hatten. Aber sie war sich noch nicht schlüssig, wie sie selbst dazu stand. Sie liebte Winterhaus von ganzem Herzen und hielt sich für den glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt, weil sie hier wohnen durfte. Aber der Gedanke, von Norbridge das Zepter zu übernehmen, verantwortlich zu sein für das ganze Hotel und jeden darin – das war zu viel für sie. Sie war zwölf Jahre alt, und es reichte ihr voll und ganz, hin und wieder in der Bibliothek auszuhelfen und pünktlich ihre Hausaufgaben abzuliefern.
«Ich weiß nicht», sagte Elizabeth, «wahrscheinlich schon …» Sie fühlte sich wie früher in Drere, wenn ihre Tante Purdy sie wegen einer fehlenden Socke oder einer anderen Kleinigkeit verhörte, mit der Elizabeth rein gar nichts zu tun gehabt hatte. Hyrums Frage hinterließ ein ängstliches und unsicheres Gefühl. Das Zischen der Skier im Schnee kam ihr plötzlich lauter vor, während sie überlegte, was sie sagen sollte.
«Wir sind fast da!», sagte Hyrum, und Elizabeth war froh, dass er die unbehagliche Stille durchbrochen hatte. In der Tat näherten sie sich rasch dem großen Hotelgebäude. Durch den wirbelnden Schnee sah Elizabeth, wie auf der gepflasterten runden Auffahrt vor der Lobby ein Auto anhielt und Personen ausstiegen.
«Sind das nicht diese Puzzle-Leute?», fragte Hyrum, der die Szene ebenfalls beobachtete.
Und richtig: Elizabeth sah, wie Mr. Wellington und Mr. Rajput, zwei Gentlemen, die seit fast zwei Jahren bei jedem Aufenthalt im Winterhaus an einem riesigen Puzzle mit fünfunddreißigtausend Teilen arbeiteten, ihren Ehefrauen aus dem Auto halfen. Dann gingen alle vier auf das Hotel zu. Sie wollte ihnen zurufen und sie begrüßen, aber sie war immer noch zu weit weg, und der Schnee schluckte alle Geräusche.
«Ich dachte, sie würden erst nächste Woche eintreffen», sagte Elizabeth.
Hyrum machte eine Kopfbewegung zum Hotel. «Gehen wir Hallo sagen.»
Elizabeth stieß sich auf den Skiern vorwärts. Während sich die Entfernung zum Winterhaus stetig verringerte, überlegte sie, warum ihr das frühe Eintreffen von Mr. Wellington und Mr. Rajput so komisch vorkam. Das Bild des rot gefärbten Schnees über dem Mineneingang zuckte ihr durch den Sinn. Doch dann erreichten sie und Hyrum die Auffahrt vor dem Grandhotel, und sie verscheuchte alle trüben Gedanken.

KAPITEL 3
EINE GABE SUCHT IHRESGLEICHEN
Die Lobby des Hotels Winterhaus war so riesig und so elegant, dass Elizabeth jedes Mal beim Hereinkommen beeindruckt war, obwohl sie mittlerweile täglich mehrmals hier durchging. Die Kandelaber, die glänzend polierten Holzpaneele, der dicke weiche Teppich mit dem Rautenmuster, die Gemälde und Elchköpfe an den Wänden, die sanfte Musik des Streichquartetts aus den Lautsprechern und das Aroma von Feuerholz, gemischt mit dem zuckersüßen Duft des weltberühmten Winterhaus-Konfekts, der «Flurschen». All das verzauberte Elizabeth immer wieder aufs Neue.
«Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt», sagte Hyrum, während er die Mütze abnahm und seine feuchten Haare schüttelte. Er und Elizabeth hatten die Skier neben der Eingangstür stehen lassen und waren in die Lobby gegangen. Hyrum blickte zu der hohen Decke empor und lächelte. «Du hast echt Glück, dass du hier wohnen darfst.»

Elizabeth wollte ihm gerade beipflichten, als Sampson, ein Page, der kaum älter war als Hyrum, sie lautstark begrüßte. «Die weltberühmte Langläuferin Elizabeth Somers ist zurückgekehrt!», rief er von seinem Pagentisch aus und zeigte mit einem breiten Grinsen seine Hasenzähne.
«Hallo Sampson», sagte Elizabeth. Sampson war in ihren Augen nicht nur einer der besten, sondern auch der freundlichste Page im Winterhaus.
«Und Ihnen ein herzliches Willkommen, Mr. Hyrum Crowley», sagte Sampson. «Schön, Sie zu sehen. Ich bin froh, dass Sie und Elizabeth es noch vor dem Sturm ins Hotel geschafft haben.»
«Hey, Sampson», sagte Hyrum und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. «Da draußen schneit es schon tüchtig. Ist Mr. Fowles bereits eingetroffen?»
Sampson spähte durch das Glas der Eingangstüren. «Wir erwarten ihn jeden Moment.»
«Es wird auch mit jeder Minute kälter», setzte Elizabeth hinzu, doch ihr Blick wurde schon von einer Ecke der Lobby angezogen, wo auf einem langen Tisch das riesige Puzzle lag, dem der große, kahlköpfige Mr. Wellington und der kleine, rundliche Mr. Rajput in den vergangenen Monaten unendlich viele Stunden ihrer Zeit gewidmet hatten. Die beiden Männer kehrten mit ihren Ehefrauen drei- oder viermal im Jahr jeweils für zwei Wochen im Hotel ein und verbrachten dann die meiste Zeit damit, nach passenden Puzzleteilchen zu suchen. Das letzte Mal waren sie an Weihnachten da gewesen und hatten große Fortschritte an dem Motiv gemacht, das einen Tempel im Himalaja darstellte, wo Nestor Falls, der Gründer von Winterhaus, einmal gelebt hatte. Mittlerweile konnten sie es kaum noch abwarten, das Puzzle endlich fertigzustellen. Elizabeth half ihnen, sooft sie konnte – zum einen, weil sie Puzzles liebte, zum anderen, weil sie die geradezu unheimliche Gabe besaß, in Windeseile die passenden Puzzleteile zu finden. Mr. Wellington und Mr. Rajput waren immer dankbar, wenn sie sich zu ihnen gesellte.
Zu Elizabeths Überraschung standen die beiden Männer jetzt neben dem Tisch (ohne ihre Frauen, die sie nirgends entdecken konnte) und betrachteten das unfertige Puzzle, als ob sie bereits seit Stunden darüber brüten würden. Dabei hatten Elizabeth und Hyrum sie doch eben erst das Hotel betreten sehen. Es kam ihr merkwürdig vor, dass Mr. Wellington und Mr. Rajput sich sofort nach ihrer Ankunft an die Arbeit machten, ohne überhaupt ihre Zimmer aufgesucht zu haben.
«Ich wusste gar nicht, dass sie heute kommen wollten», sagte Elizabeth zu Sampson und deutete auf den Puzzletisch.
Er beugte sich zu ihr. «Es kam auch für uns unerwartet», sagte er mit gesenkter Stimme. «Mr. Wellington war ganz aufgeregt, wieder hier zu sein. Er hat Mr. Rajput angetrieben, er solle sich beeilen, damit sie mit dem Puzzle weitermachen können, und dann sind sie geradewegs zum Tisch gegangen, als ob sie es gar nicht abwarten könnten.»
Hyrum drehte sich zu Elizabeth um und warf ihr einen Blick zu, der besagen sollte: Wie seltsam! Doch dann zuckte er mit den Achseln und bedeutete Elizabeth mit einer Kopfbewegung, ihn zu den beiden Männern zu begleiten. «Wollen wir sie begrüßen?»
Sie schlenderten zum Puzzletisch, aber Mr. Wellington und Mr. Rajput schienen sie gar nicht zu bemerken, so sehr waren sie in die Puzzlestücke vertieft, die vor ihnen lagen.
«Hallo Mr. Wellington», sagte Elizabeth. «Hallo Mr. Rajput.»
Die Köpfe der beiden Männer ruckten hoch. Sie wirkten nicht nur überrascht, Elizabeth zu sehen, sondern auch leicht verdattert, wie jemand, der einer Person begegnet und weiß, dass er diese Person kennt, sie aber nicht einordnen kann.
Nach einer kleinen Weile kehrte der typische leutselige Ausdruck auf Mr. Wellingtons Gesicht zurück. «Ach ja!», sagte er überschwänglich. «Die liebe Elizabeth! Wie schön, dich zu sehen!» Er trat zu ihr und schüttelte ihr die Hand. Dann wandte er sich Hyrum zu. «Und unser junger Lehrer! Freut mich, freut mich, Sir!» Er drehte sich zu Mr. Rajput um, der zögernd vortrat. «Nun machen Sie schon, Mr. Rajput, kommen Sie und begrüßen Sie unsere Freunde!»
Der kleinere Mann hatte seine übliche freudlose Miene aufgelegt, als ob er gerade eine übergroße Enttäuschung erlebt hätte und jeden an seinem Gefühlsleben teilhaben lassen wollte. Er streckte Elizabeth die Hand hin. «Wir sind immer hocherfreut, wenn unser Wunderkind sich zu uns gesellt», sagte er. Sein Blick unter den schweren Lidern wandte sich Hyrum zu. «Auch wenn ich vermute, dass sie bereits den Nachmittag mit jugendlichen Vergnügungen verplant hat und sich nicht in der Lage sieht, hier bei uns zu verweilen, während wir auf unserem mühseligen – sehr mühseligen! – Weg voranschreiten, um dieses …»
«Mr. Rajput!», fiel ihm Mr. Wellington ins Wort und deutete auf Hyrum, um seinen Puzzlepartner aufzufordern, auch ihm die Hand zu geben. «Hören Sie doch auf zu murren!» Er lächelte Elizabeth zu. «Wir freuen uns, wieder hier zu sein, und wir konnten es gar nicht erwarten, unsere Arbeit an dem Puzzle aufzunehmen.»
«Das sehe ich», sagte Elizabeth und betrachtete das Puzzle auf dem Tisch. Die beiden würden noch einen oder zwei weitere Besuche hier im Hotel benötigen, um es zu vollenden, schätzte sie. Obwohl sie den Männern gerne half, wenn sie hier im Winterhaus waren, vermied sie es, in ihrer Abwesenheit auch nur ein einziges Puzzleteil anzurühren, aus Respekt Mr. Wellington und Mr. Rajput gegenüber. Es war deren Projekt. Wenn die beiden nicht da waren, stand sogar ein Schild auf dem Tisch – Mr. Rajput und Mr. Wellington, die seit Monaten an diesem Puzzle arbeiten, halten sich derzeit nicht im Hotel auf. Bitte lassen Sie das Puzzle unberührt! Vielen Dank. Mr. R und Mr. W –, das jede Ambition von Außenstehenden im Keim erstickte. So merkwürdig es Elizabeth auch vorkam, kein einziger Gast schien jemals Anstalten zu machen, die Bitte zu ignorieren oder auch nur infrage zu stellen. Viele Leute bewunderten das Puzzle, aber noch nie hatte sie gesehen, dass jemand versuchte, selbst ein Teil einzupassen.
«Nun, Sie beide verschwenden wirklich keine Zeit», sagte Hyrum.
Mr. Wellington wandte sich mit strahlenden Augen zu Mr. Rajput um. «Wir sind entschlossen, bis Ostern fertig zu werden», sagte er. «Wir hatten ursprünglich vor, erst nächsten Mittwoch herzukommen, doch dann haben Mr. Rajput und ich nach eingehender Beratung beschlossen, unseren Zeitrahmen zu erweitern, um den Fertigstellungstermin halten zu können.» Er beugte sich vertraulich vor und sagte munter: «Wenn wir jeden Tag vor dem Frühstück anfangen und bis spät abends dranbleiben, dann bin ich zuversichtlich, dass wir es innerhalb der nächsten zwei Wochen schaffen können! Wir haben keine Zeit zu verlieren, was, Mr. Rajput?»
Mr. Rajput zuckte müde die Schultern und ging zum Puzzle zurück. «Ich bin nicht derjenige, der meine Zeit mit einem Schwätzchen vergeudet», sagte er düster.
Elizabeth, die das Puzzle betrachtet und sich – nicht zum ersten Mal – darüber gewundert hatte, dass diese riesige Kiste und die vielen tausend Puzzleteile überhaupt existierten, spürte ein vertrautes Ziehen in ihrem Inneren.
«Hey!», sagte sie fröhlich und deutete auf ein Teil neben Mr. Rajputs Hand. «Ich glaube, ich weiß, wo das hingehört.»
Mr. Wellington schaute Hyrum an und machte ein Gesicht wie jemand, der gerade einen Zwanzig-Dollar-Schein auf dem Teppich gefunden hat. «Sie ist schon erstaunlich, ohne Frage», sagte er. «Wir wissen ja, was jetzt kommt.»
«Eins muss man der jungen Dame lassen», setzte Mr. Rajput hinzu. «Sie hat eine ganz außerordentliche Begabung für das Puzzeln.»
Das Teil, das Elizabeth entdeckt hatte, war ganz und gar blau – ein Stück des aus tausenden Teilen bestehenden Himmels –, aber etwas an seiner Form oder an der Art, wie es auf dem Tisch lag, erweckte das Gefühl in ihr. Sie nahm es, ging zu einer Gruppe von zusammengefügten Teilen am oberen Rand des Bildes und setzte es ein. Es passte perfekt.
«Genau dahin!», sagte sie triumphierend. Sie hatte keine Ahnung, wieso sie das konnte. Sie wusste nur, dass sie oft diese Intuition hatte, wenn sie den beiden Männern half. Sie spürte förmlich, dass ein bestimmtes Teil an eine bestimmte Stelle gehörte. Aber diesmal, als alle drei Männer sie bewundernd betrachteten, empfand sie eine ungewöhnliche Befriedigung darüber, dass sie ein passendes Teil gefunden hatte, eine Freude, wie sie sie vorher noch nie verspürt hatte.
«Wow!», sagte Hyrum. «Das ist wirklich eine Begabung.»
«Nein, eine Gabe», sagte Mr. Wellington. «Sie hat eine Gabe.»
«Und in einer Stunde hat sie eine Verabredung mit Mr. Falls», sagte jemand.
Elizabeth drehte sich um und sah Jackson hinter sich stehen, den ersten Pagen und Norbridges rechte Hand. Er sah wie immer tadellos und adrett aus in seiner roten Livree und mit der roten Kappe auf dem Kopf, den Messingknöpfen und dem Namensschild – ebenfalls aus Messing –, beides blitzblank poliert. Jackson war der erfahrenste und fähigste Angestellte des Hotels, und er genoss Norbridges und Elizabeths vollkommenes Vertrauen.
«Hallo Jackson», sagte sie, und Hyrum begrüßte ihn auch. Die beiden Männer am Tisch traten vor und schüttelten Jackson die Hand.
«Mr. Wellington, Mr. Rajput», sagte Jackson erfreut. «Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.» Er schaute sich um. «Sind Ihre Gattinnen mit eingetroffen?»
Mr. Wellington deutete die Treppe hinauf. «Sie sind schon nach oben gegangen.»
Jackson lächelte herzlich. «Wir sind überglücklich, Sie wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen.» Er wandte sich an Hyrum. «Und Sie ebenfalls, junger Herr. Schön, Sie zu sehen. Ihr Schuldirektor, Mr. Fowles, wird sicher gleich da sein. Zum Abendessen gibt es Forelle und Süßkartoffeln, und dann wird Miss Sunny Chen ein Violinkonzert im Saal der Künste geben, um acht Uhr. Sie spielt die Vinteuil Sonata. Ich bin sicher, das wird Ihnen gefallen.» Er nickte Elizabeth zu. «Und wie Miss Somers ja weiß, gibt es morgen eine Aufführung des Theaterstücks Isfaheen, die schwimmende Stadt, gefolgt von einem Vortrag über die Kunst der Verstellung der Stimme von dem berühmten Bauchredner Isaac Igbinedion. Sie sollten sich nichts davon entgehen lassen.»
«Der Aufenthalt im Winterhaus ist immer ein Vergnügen, Jackson», sagte Hyrum. «Aber wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne der Bibliothek einen Besuch abstatten. Es gibt da ein paar Bücher, die ich für den Unterricht nächste Woche brauche.»
«Gerne», sagte Jackson. «Das Abendessen wird um halb sieben serviert.»
Hyrum salutierte und lächelte den anderen zu. «Bis nachher», sagte er und wandte sich ab.
Eine unbehagliche Stille senkte sich über Elizabeth und die drei Männer, als sie Hyrum hinterhersahen. Elizabeth hatte den Verdacht, dass Mr. Wellington und Mr. Rajput es nicht erwarten konnten, sich wieder dem Puzzle zu widmen.
Jackson räusperte sich. «Gentlemen», sagte er gütig, «da Sie bereits mit Miss Somers’ Hilfe ein Puzzleteil gefunden haben, könnten Sie sich vielleicht überreden lassen, auf Ihre Zimmer zu gehen und sich vor dem Abendessen etwas auszuruhen. Das Puzzle wird auch später noch auf sie warten.»
Mr. Rajput schaute Mr. Wellington schulterzuckend an. «Möglicherweise sollten wir seinen Rat beherzigen. Denn da unsere junge Helferin nicht bleiben kann, sind unsere Aussichten, heute Nachmittag noch Fortschritte zu machen, äußerst gering. Wir sind beide aus der Übung.» Er rieb sich die Stirn. «Und ich bin müde.»
Mr. Wellingtons Blick huschte eilig über die Puzzleteile, die verstreut auf dem Tisch lagen. Dann strich er sich über das Kinn und lächelte Jackson an, woraufhin er tief Luft holte.
«Sie haben recht, Jackson», sagte er. «Eine kurze Unterbrechung wird wohl nichts schaden. Nun denn, auf in unsere Zimmer!» Er winkte Mr. Rajput, ihm zu folgen, und die beiden Männer gingen in Richtung Fahrstuhl. «Auf dass wir unseren Aufenthalt im Winterhaus genießen, wie immer.» Er drückte den Knopf und wandte sich noch einmal zu Jackson und Elizabeth. «Bis heute Abend.»
Mr. Rajput wedelte lustlos mit der Hand, als sich die Fahrstuhltür öffnete. «Wir sehen uns beim Abendessen, vorausgesetzt, uns stößt bis dahin kein Ungemach zu.»
«Sir!», protestierte Mr. Wellington, als er mit seinem Freund in den Fahrstuhl trat. «Natürlich sehen wir sie beim Abendessen. Und dann machen wir uns gleich wieder an die Arbeit an …»
Die Tür schloss sich. Elizabeth starrte sie an, als ob die beiden Männer ihre Meinung ändern und wieder zurückkommen würden. Dann blickte sie zu Jackson, der ebenfalls die Fahrstuhltür nicht aus den Augen ließ.
«Die beiden sind ja ganz wild darauf, das Puzzle fertigzukriegen», sagte sie.
«Das Reisen kann manche Leute ziemlich durcheinanderbringen», sagte Jackson mit hochgezogenen Augenbrauen.
Er schaute sich in der Lobby um. An einem Samstagnachmittag vor drei Monaten, in der geschäftigen Vorweihnachtszeit, wäre hier einiges los gewesen: Leute, die in alle Richtungen eilen – Angestellte bei den Vorbereitungen für die Festessen und Konzerte und Gäste auf dem Weg hinaus zum Schlittschuhlaufen oder hinein für eine Tasse heiße Schokolade im Wintersaal. Dann wirkte Winterhaus wie ein Bahnhof im Berufsverkehr. Aber jetzt, an einem dunklen Tag Mitte März, zwei Wochen vor Ostern, war das Hotel nur zur Hälfte ausgebucht, und die Abende verbrachte man im hoteleigenen Kino oder bei stillen Konzerten. Elizabeth liebte die Weihnachtszeit im Winterhaus, aber sie merkte, dass sie jetzt, da sie hier im Hotel wohnte, auch die ruhigeren Zeiten schätzte.
«Du sagtest, dass Norbridge mich sehen will?»
«Um vier Uhr im Observatorium.»
Das Observatorium befand sich im dreizehnten Stock, ganz oben, wo Norbridge ein kostbares Teleskop auf einem überdachten und von Fenstern eingefassten Balkon aufbewahrte, sodass es möglich war, die Welt rings um Winterhaus bei Tag und die Sterne und Planeten in der Nacht zu beobachten. Dort befand sich auch ein Büro, in dem er die wichtigsten Angelegenheiten des Hotels regelte.
«Ich glaube», sagte Jackson, «es geht um Elana.»
Elizabeth erschauerte. Elana. Es war in der Silvesternacht gewesen, in den düsteren Tunneln unter dem Winterhaus, dass Elana Vesper – oder besser gesagt Elana Powter, wie Elizabeth jetzt wusste – ein tragisches Schicksal ereilt hatte. Elana war von ihren Eltern, die mit Gracella unter einer Decke steckten, gezwungen worden, gegen Elizabeth zu intrigieren, um Gracella wieder zu ihrer alten Stärke zu verhelfen. Dazu wollte sich Gracella Elizabeths neu gewonnener Macht bedienen, doch Elizabeth entschloss sich dazu, diese Macht für sich zu behalten, und besiegte die böse Zauberin. Aber in der Schlacht in den verschlungenen Minengängen unter dem Hotel hatte Gracella in einem letzten, verzweifelten Versuch, sich selbst zu retten, Elanas Körper ihre Lebensjahre entzogen, mit dem Ergebnis, dass die zwölfjährige Elana nun eine schwache und runzelige alte Frau von neunzig Jahren war. Eine entsetzliche, erschreckende Tragödie, umso mehr, als sich herausstellte, dass Elana ein unschuldiges Bauernopfer ihrer eigenen hinterhältigen Familie war. Nach den dramatischen Ereignissen in der Silvesternacht waren Elanas Eltern und ihr Bruder verschwunden und hatten Elana allein zurückgelassen.
Elizabeth fühlte sich elend bei dem Gedanken an Elanas Unglück. Sie fand, dass das andere Mädchen viel schlimmer bestraft worden war, als sie es für die wenigen Hilfestellungen, die sie ihren Eltern bei ihrem üblen Plan geleistet hatte, verdiente. Wenn es irgendetwas gab, das ihr helfen konnte, wollte Elizabeth es ausfindig machen. Sie wusste, dass Norbridge genauso dachte. Im Augenblick wohnte Elana in einem Zimmer im vierten Stock, das sie nie verließ. Sie befand sich in einem Zustand permanenter Trauer und Verwirrung, und es war schwer zu sagen, ob sie überhaupt verstand, wo sie war oder was mit ihr geschehen war. Manchmal fragte sich Elizabeth, ob Elanas Geist sich durch die Ereignisse dauerhaft umnachtet hatte. So traurig es auch war, möglicherweise gab es keine Hoffnung mehr für sie.
«Ist etwas mit ihr geschehen?», fragte Elizabeth.
«Ich glaube, sie möchte mit dir und Norbridge reden», sagte Jackson. «Soweit ich das mitbekommen habe, geht es ihr besser. Hoffen wir, dass sie über den Berg ist.»
Diese Nachricht kam überraschend für Elizabeth und sie freute sich sehr darüber. «Das klingt ja großartig!» Sie schaute zu der Uhr auf dem Pagentisch. «Ich werde pünktlich um vier oben sein.»
«Wunderbar», sagte Jackson. Er nickte und wandte sich dem Tisch zu, wo Sampson ein paar Unterlagen durchblätterte. Dann ging er auf ihn zu. «Machen Sie keinen Buckel, Sir!», rief er. «Das ist schlecht für den Rücken und schlecht für die Wirbelsäule. Aufrecht stehen! Aufrecht!»
Elizabeth wollte sich schon der Treppe zuwenden, als ihr Blick wie von selbst noch einmal zu dem Puzzle wanderte und sie den unwiderstehlichen Drang verspürte, weitere passende Teile zu finden. Sie betrachtete den Tempel auf dem Motiv und das Wort, das in einer ihr unbekannten Sprache über den Türen eingemeißelt war. Mr. Wellington hatte ihr einmal erzählt, es bedeute «Glaube», und jedes Mal, wenn Elizabeth daran dachte, überkam sie ein tröstliches Gefühl. Mit einem Finger fuhr sie über die Buchstaben, als würde sie ein Blatt Papier glätten, und legte dann den Finger auf ihren Pullover, auf die Stelle, unter der sich der Anhänger mit demselben Wort darauf befand.
Ein Schauer überlief sie, ganz ähnlich wie das Gefühl, aber merkwürdig kalt und scharf. Ohne nachzudenken, nahm sie ein Puzzleteil in die Hand – wieder ein Stück des blauen Himmels – und starrte es an. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter, ob nicht etwa Jackson, Sampson oder sonst jemand herübersah, steckte sie das Puzzleteil in ihre Tasche, holte tief Luft und ging dann zur Treppe, hinaus aus der Lobby.
Sie hatte gerade eins der fünfunddreißigtausend Teile von Mr. Wellingtons und Mr. Rajputs Puzzle gestohlen.

KAPITEL 4
WOHIN DIE SEELE SENDEN?
Elizabeths Zimmer mit der Nummer 301 befand sich im dritten Stock und war so hell und freundlich, wie das Zimmer bei ihrer Tante und ihrem Onkel in dem schäbigen Haus in Drere düster und trüb gewesen war. Man muss sich vorstellen, in einem Hotel zu leben, wo für alles gesorgt und alles erledigt wird, aber mit all den Dingen, die einem lieb und teuer sind: die eigenen Bücher auf einem großen Regal aus Eichenholz, die eigenen Kleider in einem Kirschbaumschrank, die eigenen Poster an den Wänden – Huskies vor einem Schlitten, der junge Artus, der Excalibur aus dem Stein zieht, das Cover von Der Herr der Diebe, das Schnabeltier aus dem dritten Cattle-Battle Film Die Rückkehr der Heifers – und Ketten mit Glitzerkram, kleinen Fähnchen und Lichtern kreuz und quer über der Decke. So sah es in Elizabeths Zimmer aus. Sie liebte es. Und manchmal konnte sie kaum glauben, dass all das ihr gehörte. Am liebsten saß sie auf dem Sofa, schaltete die Tiffany-Lampe ein und las stundenlang. Wenn die Vorhänge offen waren und den Blick freigaben auf den Winterhimmel, den Lake Luna und die Berge dahinter, umso besser. Aber eine dunkle Nacht mit einem Halbmond war auch nicht zu verachten. Ihr zweiter Lieblingsort, gleich nach dem gemütlichen Lesesofa, war der kleine Schreibtisch neben dem Bett, an dem sie ihre Hausaufgaben erledigte, Bilder malte oder eine der Listen vervollständigte, die sie in ihrem Notizbuch anlegte. Erst kürzlich waren einige neue hinzugekommen: «Gründe, warum die Havenworth Akademie besser ist als die Mittelschule in Drere», «Die besten Vorträge im Winterhaus in diesem Jahr», «Lieder, die ich auf der Gitarre spielen werde, wenn ich Gitarrespielen gelernt habe», «Tattoos, die ich mir nie machen lassen würde, selbst wenn ich jemals auf die Idee kommen sollte, ein Tattoo zu tragen». Es fiel ihr leicht, sich an diesem Schreibtisch zu konzentrieren, ganz anders als in ihrem Zimmer in Drere, wo sie ihre Mathehausaufgaben hatte machen müssen, während nebenan der Fernseher ihrer Tante plärrte (Car Crash Chaos oder Wir lachen über die anderen! gehörten zu ihren Lieblingssendungen) oder sie sich die endlosen Klagen ihres Onkels über seinen Job anhören musste. Das Leben im Zimmer 301 des Hotels Winterhaus war ein wahr gewordener Traum.

Aber als sie an diesem Nachmittag die Tür hinter sich abschloss und ihre Skikleidung auszog, fanden ihre Gedanken keine Ruhe. Sie musste ständig an den unheimlichen Mineneingang denken, an das merkwürdige Verhalten der Männer am Puzzletisch, an Elanas Zustand. Vor allem aber beschäftigte sie die Frage, warum sie ein Puzzleteil gestohlen hatte. Sie holte das kleine hölzerne Plättchen aus ihrer Tasche, legte es auf den Schreibtisch und betrachtete es: ganz und gar blau, die Ränder geschwungen und präzise ausgesägt, wie all die anderen Teile des Puzzles. Völlig normal. Was nicht normal gewesen war, war die Tatsache, wie schwer es ihr gefallen war, die Lobby zu verlassen, als sich das Teil in ihrer Tasche befand. Elizabeth vermutete, dass es an dem schlechten Gewissen lag, das an ihr nagte, aber sie hatte auch den seltsamen Eindruck gehabt, dass sie gegen eine Art Widerstand ankämpfen musste, als ob ein unsichtbares Band sie wieder zum Tisch ziehen würde.
Ich bringe es bald zurück, dachte sie und schob die Frage, was sie überhaupt dazu bewogen hatte, es mitzunehmen, beiseite. Sie legte das Holzplättchen in die oberste Schublade ihres Schreibtischs, duschte schnell und setzte sich dann hin, um das zu tun, was sie an den Samstagnachmittagen am liebsten tat: sich in ihren neuen Laptop einzuloggen, den Norbridge für sie gekauft hatte und den zu benutzen sie sich selbst nur dreimal in der Woche für eine halbe Stunde gestattete, um mit ihrem besten Freund Freddy Knox E-Mails auszutauschen.
Elizabeth mochte die Arbeit in der Bibliothek, wo sie Leona mindestens drei Nachmittage in der Woche und meistens auch an den Wochenenden half; bereitwillig führte sie samstagvormittags interessierten Gästen eine Stunde lang die Camera obscura im dreizehnten Stock vor, die Freddy repariert hatte. Sie hatte ihm versprochen, sich darum zu kümmern. Sie mochte auch ihre Schule und hatte sich sogar mit ein paar Kindern angefreundet. Aber worauf sie sich am allermeisten freute, war, einmal in der Woche eine Nachricht von Freddy zu bekommen, mit dem sie in den zwei vorangegangenen Weihnachtsferien etliche Abenteuer erlebt hatte und der in fünf Tagen zusammen mit seinen Eltern im Winterhaus eintreffen würde, um hier die Osterfeiertage zu verbringen.
Freddy war ein Jahr älter als Elizabeth. Seine ungeheuer wohlhabenden Eltern hatten allerdings viel mehr Interesse an den Dingen, die sie kauften, und an den Orten, zu denen sie reisten, sodass Freddy für sie immer erst an zweiter oder dritter Stelle kam. Vier Jahre lang hatten sie ihn ausgerechnet in der Zeit, in der die meisten Familien versuchten, zusammen zu sein, allein im Winterhaus gelassen. Freddy machte das nichts aus, denn er liebte das Hotel genauso, wie Elizabeth es tat. Was Elizabeth besonders an Freddy mochte, war der Umstand, dass er trotz des Reichtums seiner Eltern nicht hochnäsig und arrogant war, sondern im Gegenteil sehr nett und außerdem unglaublich intelligent. Er war ein erstklassiger Erfinder, der nicht nur die Camera obscura wieder zum Laufen gebracht, sondern auch im Jahr zuvor das «WalnussWunderWarm» erfunden hatte, ein brennbares Scheit aus gepressten Walnussschalen. Elizabeth fand, dass sie und Freddy sich in vielerlei Hinsicht ähnelten – hauptsächlich, weil sie beide von Natur aus neugierig und ganz verrückt waren nach allem, was mit Anagrammen, Codes, Rätseln und allerlei Wortspielen zu tun hatte. Sie waren schon im ersten Jahr im Winterhaus beste Freunde geworden.
Als sie ihren Laptop einschaltete, schaute sie zum Fenster, an dem die Vorhänge zurückgezogen waren. Im Schein der Lampen vor dem Hotel schwebte der Schnee durch das nachmittägliche Zwielicht wie Gischt von der Brandung einer Atlantikküste. Die Flocken waren überall, sausten in dichten Wolken durch den dunkler werdenden Himmel. Der Wind drückte gegen die Fensterscheibe, und Elizabeth zog ihren Pullover enger über die Schultern und wandte sich ihrem Computer zu, um Freddys E-Mail zu lesen:
Ihr obenauf stellend! Ähm, ich meine natürlich: Hallo beste Freundin! (Nur für den Fall, dass du das Anagramm nicht selbst lösen konntest …) Ich hoffe, deine Woche war besser als meine. Am Montag habe ich meine Brille zerbrochen. Am Dienstag sollte mich mein Dad eigentlich zu einem Hockeyspiel mitnehmen, aber dann sagte er, er könnte nicht mitkommen, also musste ich stattdessen mit unserem Chauffeur gehen. Aber das war lustig. Jacques ist ein echt netter Kerl, und wir haben jede Menge Popcorn gegessen, und ich habe drei Eiscreme-Sandwiches gefuttert. Aber die Albatrosse haben im Penaltyschießen verloren, was nicht so gut war. Und am Mittwoch habe ich eine Erkältung bekommen. Wenigstens war gestern ein guter Tag; wir haben unsere Halbjahresnoten bekommen, und ich habe überall eine 1. Manche Dinge ändern sich nie. Sollte ein Scherz sein! (Na ja, eigentlich stimmt es ja, zumindest in dieser Beziehung. Was macht denn bei dir die Schule?)
Und wie läuft es im Winterhaus? Klappt alles mit der Camera obscura? Hast du mittlerweile sechstausend von den Büchern der Bibliothek gelesen oder erst fünftausend? Geht es Norbridge gut? Und Leona? Und allen anderen? Ich bin immer noch ziemlich neidisch, dass du da wohnen darfst, aber ich freue mich auch für dich. Vielleicht kannst du Norbridge fragen, ob ich auch bei euch einziehen darf. (Wink mit dem Zaunpfahl: Oh bitte, ja, ja. Machst du das? Bitte?!?)
Ich habe ein bisschen geforscht, und hier sind ein paar Updates für dich. Mach dich bereit, vor Ehrfurcht auf die Knie zu sinken: Fred – Rufe – Kufe – Fuge – Flug – Klug. Du weißt, was ich meine, nicht wahr? Aber mal was anderes: Ich habe mir diese Website über Ahnenforschung angeschaut, von der ich dir erzählt habe – wogenauduherkommst.com –, um herauszufinden, ob es zwischen den ganzen Leuten, die Gracella geholfen haben, irgendwelche Verbindungen gibt. Also, wir wissen Folgendes: Riley Granger (oder, wie ich ihn nenne: «Der Typ, der vor langer, langer Zeit all die verrückten und rätselhaften Dinge im Winterhaus erschaffen hat, nur um uns in den Wahnsinn zu treiben») war der Vater von Ruthanne Sweth Granger, die Monroe Hiems heiratete. Ihr Sohn war Marcus Hiems (der aus diesem Grund die Geschichten über das Buch kannte) und der wiederum Gracellas Tochter Selena Winters heiratete. Außerdem heiratete Rileys Cousine Jenora Sweth einen Kerl namens Peter Powter, und die beiden bekamen einen Sohn, Ernest Powter, den Vater von Rodney und Elana. Die Powters sind mit Selena verwandt, weshalb sie so gut über Winterhaus Bescheid wussten. Aber ich habe Neuigkeiten: Peter Powter hatte eine Schwester namens Patricia, und sie war diejenige, deren Namen du in dem alten Gästebuch gefunden hast! Du weißt schon, die Frau, die mit dem alten Riley Granger im Winterhaus war. Unheimlich, was? Und interessant!
Und noch etwas habe ich herausgefunden. Zwar hatte ich keinen Erfolg in meiner Recherche über die Dredforth-Methode, aber vor ein paar Tagen bin ich auf einer Website mit dem Titel «Der blutrote Skarabäus» gelandet. Ich weiß nicht, wer das ganze Zeug zusammengestellt hat, aber es geht von vorne bis hinten nur um Magie. Ich habe dir das Wichtigste rausgeschrieben:
Der schottische Scharlatan und Bösewicht Aleister Winters deutete wiederholt an, dass er und sein Zirkel das Geheimnis des ewigen Lebens durch ein Ritual ergründet hätten, das er die «Dredforth-Methode» nannte. Winters glaubte, dass sich Seelen von menschlichen Körpern lösen und später wieder in sie einkehren könnten, wenn die Umstände optimal seien. Aber Winters behauptete, dass im Falle eines Todes die «unbehauste Seele» spätestens am Abend des dritten Vollmonds nach dem Dahinscheiden der Person mit dem Körper wieder vereint werden müsse, ansonsten sei sie für immer verloren. Der Schriftsteller Damien Crowley, der in den 1950ern dem Einfluss von Aleister Winters erlag, soll angeblich das Geheimnis der Dredforth-Methode in einem unveröffentlichten Roman verraten haben. Die meisten Wissenschaftler halten die ganze Geschichte um Winters und Crowley für reinen Humbug.
Irre, oder? Im Grunde genommen ist es so, dass Gracellas Mann diese magische Zeremonie entwickelt hat, über die wir beide mehr erfahren wollen, und dann hat Damien Crowley ein Buch darüber geschrieben. Wir müssen dringend miteinander reden, findest du nicht auch?
Okay, ich muss los. Oh, und bitte lass mir ein paar Flurschen übrig. Ich hoffe, meine Eltern ändern nicht wieder in letzter Minute ihre Meinung, wie an Weihnachten. Aber selbst wenn, dann werde ich dafür sorgen, dass sie wenigstens mich kommen lassen!
Bis bald,
Freddy.
PS: Ich hoffe wirklich, dass es Elana besser geht.
Elizabeth war sprachlos. Sie hatte zum ersten Mal in einem Brief, den sie vor zwei Jahren im Hotelzimmer von Selena Hiems gefunden hatte, über die Dredforth-Methode gelesen. Unterschrieben war der Brief nur mit dem Buchstaben D. Und obwohl sie keine Ahnung hatte, was es mit dieser Methode auf sich hatte, wusste sie genau, dass es sich um eine Magie handelte, mit der man Seele und Körper einer Person voneinander trennen konnte, um beides zu erhalten, wenn auch in einem geschwächten und beschränkten Zustand. Elizabeth hatte die halbe Bibliothek auf den Kopf gestellt, ohne dass es ihr gelungen war, mehr darüber in Erfahrung zu bringen.
Sie stand auf und ging zum Fenster. Der Schneefall schien noch dichter geworden zu sein. Sie zog die Vorhänge zu und kehrte zu ihrem Laptop zurück, um eine Google-Suche nach dem aktuellen Mondzyklus zu starten. Auf dem Bildschirm erschien eine Tabelle mit Daten, und es dauerte nicht lange, da dämmerte ihr eine schreckliche Erkenntnis: Der dritte Vollmond nach Gracellas Tod ist in zwei Wochen – in der Nacht vor Ostern.
Am liebsten hätte sie Freddy eine Antwort geschrieben und seine Entdeckung kommentiert und ihm außerdem erzählt, was sie an der Mine erlebt hatte und wie froh sie war, dass er bald hier sein würde. Aber sie wollte sich nicht verspäten. Sie konnte kaum erwarten zu erfahren, was mit Elana los war, und sie musste Norbridge unbedingt von dem roten Schimmer berichten, den sie im Schnee über der verlassenen Mine beobachtet hatte.
Und auch von der Dredforth-Methode, dachte sie. Ich werde Norbridge erzählen, was Freddy herausgefunden hat.
Sie klappte den Computer zu, stand auf und machte sich auf den Weg zum dreizehnten Stock.

KAPITEL 5
EINE RÜGE FÜHLT SICH UNGERECHT AN
Elizabeth klopfte an die Tür des Observatoriums, und als sie ein herzliches «Herein!» hörte, trat sie ein. Das Zimmer war klein und nur spärlich möbliert, doch das Messingteleskop auf dem verglasten Balkon war sehr beeindruckend. Norbridge hatte Elizabeth schon alles Mögliche gezeigt, von den Ringen um den Saturn bis zum weit entfernten Berg Mount Arbaza. Der aufregendste Anblick durch das Teleskop war für Elizabeth aber immer noch die Statue von Winifred, ihrer Mutter, auf der anderen Seite des Lake Luna. Der Weg dorthin war noch nicht frei, aber Elizabeth hoffte, dass sich das bald ändern würde. Sie konnte es kaum erwarten.
«Elizabeth, meine Liebe!», sagte Norbridge, der durch die Tür am Ende des kurzen Flurs trat, gleich neben dem Wohnzimmer. Er trug sein übliches Wolljackett, ein weißes Hemd, eine schwarze Fliege und schwere Stiefel. Sein schneeweißer Bart war so sorgfältig gestutzt wie immer. Das Gesicht mit den roten Wangen und den fröhlich funkelnden Augen wirkte so gut gelaunt, wie Elizabeth es von ihm kannte.
Norbridge breitete die Arme aus. «Da bist du ja!»
Elizabeth lächelte. «Jackson sagte, du wolltest mich sprechen.»
«Das ist richtig.» Er lockte sie mit dem Finger, ehe er sich abwandte und sagte: «Hier hinein, bitte. Ich muss ein paar Dinge mit dir besprechen.»
Auf dem Boden von Norbridges Büro lag ein silberschwarzer Navajo-Teppich. Der Raum wurde von zwei Lampen erleuchtet, und an den Wänden standen Vitrinen und Regale und ein unordentlicher Schreibtisch. Bodentiefe Fenster gaben den Blick frei auf den dunklen Himmel. Aber das Bemerkenswerteste an dem Raum waren die glänzenden Wandbilder aus blauen und weißen Fliesen, die Szenen aus der bewegten Geschichte des Hotels zeigten: beachtliche Leistungen im Bergsteigen, Skifahren oder sonstige Aktivitäten der Falls-Familie, daneben Ereignisse wie zum Beispiel die Landung des berühmten Ballonfahrers Hector Velasquez neben dem Lake Luna am Ende seiner faszinierenden Tour «Mit dem Luftschiff durch den ganzen Kontinent» oder den Abend, als die unvergleichliche Fado-Sängerin Helena Ferreira ihr melancholisches Live-Album «Ich sehne mich nach dem Puderzucker meiner Jugend» im voll besetzten Saal der Künste aufnahm, während das Publikum andachtsvoll lauschte und dabei Flurschen naschte. Das Album hatte es an die Spitze der Charts geschafft. Dutzende solcher Szenen schmückten die Wände in Blau auf Cremeweiß. Elizabeth fand, diese Fliesenbilder waren das Allerschönste im Winterhaus. Es gab sogar ein Bild ihrer Mutter als junges Mädchen. Der jüngste Mensch, der je den Mount Arbaza bestiegen hat: Die abenteuerlustige und furchtlose Winifred Falls, 11 Jahre alt lautete die Inschrift unter dem Bild, auf dem Winnie in einem dicken Parka auf dem Gipfel des Berges stand. Jedes Mal, wenn sie dieses Bild anschaute, war Elizabeth tief bewegt: Sie fühlte sich stolz und energiegeladen und gleichzeitig traurig, dass sie ihre Mutter vor acht Jahren verloren hatte.
Abgesehen von seiner Schönheit besaß der Raum allerdings noch eine andere, tiefere Bedeutung. Als Norbridge Elizabeth vor ein paar Monaten hierhergebracht hatte, war sie erst die fünfte Person, die diesen Raum betrat, nach Norbridges Großvater Nestor, Nestors Sohn Nathaniel, Norbridge selbst und Winnie. Die ersten drei waren die Männer, die das Winterhaus in seiner 120jährigen Existenz geleitet hatten, und die vierte Person war die Tochter, die dazu bestimmt gewesen war, das Hotel eines Tages zu übernehmen, ehe sie verschwand und frühzeitig den Tod fand. Und schließlich Elizabeth selbst. Sie erinnerte sich an Hyrums Frage von vorhin, ob sie eines Tages von Norbridge das Zepter übernehmen würde.
Norbridge lud Elizabeth mit einer Handbewegung ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf einen ausladenden Eichenholzstuhl und betrachtete sie einen Moment. Dann fragte er: «Wie war das Skilaufen heute?»
«Mir ist etwas Komisches passiert», antwortete sie, und dann erzählte sie ihm, was vorgefallen war, nachdem sie das rote Taschentuch am Baum entdeckt hatte. Norbridge lauschte aufmerksam, nickte hin und wieder und stellte die eine oder andere Frage. Als Elizabeth erwähnte, dass sie unterwegs Hyrum getroffen habe, starrte Norbridge zu Boden und strich sich über den Bart.
«Hm, das alles beunruhigt mich», sagte er. «Diese Mine ist seit 1887 versiegelt, und von dem Ende aus, das du gefunden hast, führt kein Weg hinein …» Er schaute nachdenklich zu dem hohen Fenster und strich wieder über seinen Bart. «Und du sagst, dass du wieder dieses seltsame Gefühl hattest? Und dass du einen roten Schimmer im Schnee gesehen und gespürt hast, wie der Boden erbebte?»
«Genauso war’s», sagte Elizabeth. Sie wusste, dass ihr Bericht besorgniserregend war. Deshalb hatte sie Norbridge ja so schnell wie möglich einweihen wollen. Als sie jetzt erkannte, wie sehr ihn das Ganze aufwühlte, wurde sie noch nervöser. Aber ein Teil von ihr war auch hocherfreut, dass er sie ernst nahm. Es hatte eine Zeit gegeben, als sie sich sehr über Norbridge geärgert hatte, weil er ihre Befürchtungen stets abgewiegelt hatte. Dass er nun wirklich und wahrhaftig in Sorge war und nicht den leisesten Zweifel daran hegte, dass ihre Wahrnehmung korrekt war, erfüllte Elizabeth mit Dankbarkeit.
«Was, wenn Gracella noch einmal versucht, zurückzukommen?», fragte Elizabeth. Sie dachte an das rote Taschentuch, das ganz offensichtlich mit einer bestimmten Absicht dort festgebunden worden war. «Und was, wenn jemand versucht, ihr zu helfen?»
Norbridge zögerte. «Aber dann stellt sich die Frage: Wer?»
Darüber hatte Elizabeth auch schon nachgedacht, und zwar seit sie der versiegelten Mine den Rücken gekehrt hatte. So viele Verdächtige gab es nicht. Gracellas Tochter Selena war in den unterirdischen Gängen gestorben, als Gracella Elana die Lebensjahre ausgesaugt hatte, und Elanas Eltern und ihr Bruder waren gleich darauf aus dem Hotel geflohen. Norbridge hatte seine Fühler ausgestreckt, um sie aufzuspüren, aber außer einem vagen Bericht über einen befreundeten Hotelier auf Malta, dass eine Familie, auf den die Beschreibung der Powters passte, in einer Ferienanlage namens Malstella Villa in der Nähe von Venedig gesehen worden sei, hatte er nichts zutage fördern können. Außer Elanas Familie fiel Elizabeth niemand ein, der Gracella wieder zum Leben erwecken wollte.
«Ich weiß es wirklich nicht», sagte sie. «Aber Freddy hat etwas über die Dredforth-Methode herausgefunden.» Sie erzählte ihm von dem «Blutroten Skarabäus», und Norbridge beugte sich interessiert vor.
«Vielleicht kannst du mir nachher helfen, diesen Internet Webplatz aufzurufen», sagte er. «Sagt man das so? Internet Webplatz?»
Elizabeth lächelte. «Sag einfach Website.»
Norbridge schwieg. Er deutete nur mit zwei gespreizten Fingern auf seine Augen, als ob er sagen wollte: Wir müssen beide Augen offen halten.
«Nun zu etwas ganz anderem», sagte er. «Ich wollte dir eine Neuigkeit mitteilen. Du weißt ja, dass ich mir große Sorgen um Elana mache und mir den Kopf zerbrochen habe, wie wir ihr helfen können. Idealerweise versetzen wir sie wieder in das Alter von zwölf Jahren, aber das ist nicht so einfach, wie es klingt.»
Elizabeth runzelte die Stirn. «Also, für mich klingt das ganz und gar nicht einfach.»
«Vollkommen richtig», sagte Norbridge. «Was es noch schwieriger macht, diese Nuss zu knacken. Wir sind wie ein Boot auf einem Fluss, ohne Paddel, wie ein Schneeball im Feuer von …» Er verstummte und wedelte seufzend mit der Hand, als wollte er die kleinen Metaphern vertreiben, die er so mochte und die Elizabeth so amüsant fand. «Ich weiß mir keinen Rat. Und da ich im Augenblick den Alterungsprozess nicht umkehren kann, wollte ich eine Möglichkeit finden, Elanas Traurigkeit etwas zu mildern und ihr zu helfen, wieder etwas munterer zu werden. Und ich bin sehr glücklich, dass sich diese Veränderung nun von selbst einzustellen scheint.» Norbridge beugte sich noch ein Stück weiter vor und musterte Elizabeth mit ernster Miene. «Ich habe heute Morgen eine Stunde mit ihr gesprochen und sie scheint endlich ein bisschen mehr sie selbst zu sein, nach all diesen Wochen. Sie ist verständlicherweise sehr traurig, aber immerhin kommuniziert sie wieder.»
«Das ist ja großartig!», sagte Elizabeth, nicht ohne sich gleichzeitig zu fragen, ob es auch eine Kehrseite zu Elanas Munterkeit gab. Vielleicht würde sie nun noch klarer begreifen, wie ausweglos ihre Situation war. «Ich wünschte, ich könnte etwas für sie tun.»
«Nun, ich denke, das kannst du. Sie möchte nämlich mit dir reden. Heute Abend, nach dem Abendessen, werden wir beide sie besuchen. Du kannst bestimmt helfen, sie ein wenig aufzurichten.»
Elizabeth war sich nicht sicher, ob das eine so gute Idee war. Sie war schon mehrmals bei Elana gewesen – aber nur, während sie schlief –, um ein Gebet zu sprechen, oder zwei oder drei, für irgendeine Art der Genesung.
«Meinst du wirklich?», fragte Elizabeth.
Norbridge hob die Hand. «Ich bin mir vollkommen sicher. Aber ich will dir zuerst etwas sagen. Sie weiß über vieles Bescheid, was für dich und mich wichtig ist. Ihre Eltern hatten keine Geheimnisse vor ihr, und Elana hat gut zugehört. Sie hat mir bestätigt, dass Gracella tatsächlich für den Tod deiner Eltern verantwortlich ist.» Er senkte den Blick und fuhr mit leiser Stimme fort: «Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen. Ich weiß, wie schmerzhaft das für dich ist – genauso schmerzhaft wie für mich.» Norbridge legte einen Moment lang die Hand vor den Mund, ehe er fortfuhr. «Tatsache ist, dass Gracella deine Mutter und deinen Vater aufspürte und ihr Auto mit schwarzer Magie von der Straße drängte. So jedenfalls erzählte es mir Elana.»
Elizabeth fühlte, wie ihr Magen nach unten sackte. Während der letzten Weihnachtsferien hatte Norbridge ihr erzählt, was er über den Tod ihrer Eltern, Winnie und Ferland Somers, herausgefunden hatte. Sie waren bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen, als Elizabeth vier Jahre alt war.
«Auf ein Detail, das Elana mir anvertraute, wäre ich niemals von selbst gekommen», fuhr Norbridge fort. «Sie sagte mir, dass Gracella ihre Lebenskraft dann am besten auffrischen kann, wenn sie … nun, es gibt keine Möglichkeit, die Sache zu beschönigen … wenn sie das Leben eines Mitglieds der Falls-Familie auslöscht. Ich dachte, sie sei einfach nur eine skrupellose Mörderin, die ihre Macht dadurch behält, dass sie wahllos andere tötet. Aber es stellt sich heraus, dass jemand mit dem Blut ihrer eigenen Familie für sie das ideale Opfer darstellt.» Norbridge schloss die Augen und erschauerte. «Allein darüber nachzudenken ist schrecklich, geschweige denn, darüber zu reden.»
Elizabeth schlug die Hände vors Gesicht. Sie dachte an ihre armen Eltern, an das Feuer und die Geräusche des Unfalls; die Erinnerung daran war nur verschwommen in ihrem Geist.
Sie ließ die Hände wieder sinken. «Warum bin ich nicht auch gestorben?»
Norbridge hob einen Finger und hielt für einen Moment inne. «Vielleicht, weil du die Letzte oder die Jüngste bist oder aus einem anderen Grund, der mir noch nicht klar ist. Aber sie konnte dich nicht zusammen mit deinen Eltern vernichten. Im Gegenteil: Als sie ihre Macht einsetzte, um euch alle drei loszuwerden, wäre sie dabei fast umgekommen. Im letzten Moment hat sie sich selbst gerettet, und zwar mit …»
«… der Dredforth-Methode?», fiel ihm Elizabeth ins Wort.
«Korrekt. Gracellas Helfershelfer – und ich bin mir ganz sicher, dass Selana und ihr Ehemann an vorderster Front standen – haben ihren Körper bewahrt. Elana erklärte mir auch, wie ihre Familie versuchte, dich dazu zu bringen, die Macht deiner Halskette für ihre Zwecke zu aktivieren.» Er tippte sich an die Schläfe. «Wir haben Glück, dass du nicht nur clever bist, sondern auch die Willenskraft hattest, allen Attacken zu widerstehen. Du hast Winterhaus schon zum zweiten Mal gerettet.»
Elizabeth fühlte, wie ihre Traurigkeit einer unbändigen Wut wich. Sie stellte sich vor, wie Gracella, Selena und all die anderen ihre bösen Pläne schmiedeten, einzig zu dem Zweck, sich einen Vorteil zu verschaffen und Winterhaus sowie die Menschen, die Elizabeth liebte, ins Unglück zu stürzen.
«Aber ich konnte meine Eltern nicht retten», sagte sie scharf.
«Du warst vier Jahre alt. Und Gracella war eine mächtige Zauberin.»
«Ich bin die einzige Überlebende.» Elizabeth hob die Stimme ein wenig und starrte Norbridge an. «Und vielleicht ist Gracella immer noch nicht wirklich tot.»
Norbridges Miene wurde ganz ruhig und seine Stimme sanft. «Elizabeth», flüsterte er.
Aus irgendeinem Grund regte sie das noch mehr auf, und trotz des Versuchs ihres Großvaters, sie zu trösten und zu beruhigen, geriet ihr Blut in Wallung. Das Gefühl erhob sich – ungebeten, wie es manchmal passierte, wenn sie es nicht kontrollieren konnte –, und sie lenkte ihren zornigen Blick auf ein Buch auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa. Mit einem Aufbrausen flog das Buch vom Tisch und knallte links von Elizabeth gegen die Wand, ehe es auf den Teppich fiel. Elizabeth hatte das nicht kommen sehen und war erschrocken – aber ein Teil von ihr war auch sehr zufrieden mit sich selbst. Dieses Gefühl von Macht war erregend. Mit einem erwartungsvollen, triumphierenden Gesicht schaute sie Norbridge an, obwohl sie den Vorfall nicht bewusst ausgelöst hatte.
Er allerdings blickte sie streng an, die Stirn drohend gerunzelt. Warnend richtete er einen Finger auf sie. «Tu das nicht!», fuhr er sie heftig an.
Elizabeth war wie vor den Kopf gestoßen. «Aber ich …»
«Ich sagte: Tu das nicht!», wiederholte Norbridge, noch lauter diesmal. «Du musst dich beherrschen. Zu jeder Zeit!»
Die Heftigkeit von Norbridges Reaktion verunsicherte Elizabeth, aber das Gefühl von Zufriedenheit über ihre eigene Macht war immer noch nicht gewichen. «Worüber regst du dich so auf?», fragte sie.
«Weil mir das nicht gefällt», sagte Norbridge und hob die Hand. «Meine Schwester hat solche Dinge getan, als sie in deinem Alter war. Ich mochte es bei ihr nicht, und bei dir mag ich es noch viel weniger.» Wieder hob er warnend die Hand. «Sie hat sich hinreißen lassen.»
Elizabeth verspürte den Drang zu erklären, dass er unmöglich diese Befriedigung verstehen konnte, die sie empfunden hatte, als sie das Buch gegen die Wand geschleudert hatte. Etwas an diesem Gefühl weckte in ihr beinahe eine Art Verständnis dafür, warum Gracella sich hatte «hinreißen lassen».
«Du hast mir gesagt, dass niemand im Winterhaus ihr zugehört hat», sagte Elizabeth mit mehr Erbitterung, als sie beabsichtigt hatte. «Vielleicht war sie bloß …» Elizabeth bereute die Worte, sobald sie ausgesprochen waren, auch wenn sie den Satz nicht vollendete. Norbridges Stirn legte sich in noch tiefere Falten, und er bedachte sie mit einem Blick, als würde er sie nicht wiedererkennen. Schweigen hing zwischen ihnen, dann stand Norbridge auf und ging zu dem Buch, das noch immer auf dem Boden lag. Langsam bückte er sich, hob es auf und legte es vorsichtig wieder auf den Tisch, mit der Vorderseite nach oben. Der Titel lautete Die Chroniken von Nord-Sembla.
«Ich werde vergessen, was eben vorgefallen ist», sagte er. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und widmete sich ein paar Unterlagen, ohne Elizabeth noch einmal anzuschauen. «Wir treffen uns um halb acht vor Elanas Zimmer.» Plötzlich schien er sehr beschäftigt zu sein.
Nach einer ganzen Weile, in der niemand mehr etwas sagte, stand Elizabeth auf und verließ schweigend das Zimmer.

KAPITEL 6
EIGENE WEGE HEIMLICH GEHEN
Elizabeth war verwirrt – sie schämte sich und fühlte sich gleichzeitig ungerecht behandelt –, und als sie vom dreizehnten Stock über die Treppe nach unten ging, war sie sich nicht schlüssig, was sie am meisten aufwühlte: die unangekündigte Manifestation ihrer Macht, die Aussicht auf ein Gespräch mit Elana oder die Neuigkeiten über ihre Eltern. All das hatte sie tief getroffen, besonders nach dem merkwürdigen Ereignis an der Ripplington Mine.
Aber musste Norbridge gleich so wütend werden?, dachte sie. Natürlich hatte sie ihn schon früher zornig erlebt, aber diesmal schien es ernster zu sein als sonst.
Sie grübelte weiter darüber nach und merkte, wie sich ihre Laune immer mehr verschlechterte. Den Rat, den Leona ihr einmal gegeben hatte – dass nicht andere ihre Gefühle kontrollieren, sondern nur sie selbst –, ließ sie nicht an sich heran. Und dann, als sie in den Flur im dritten Stock trat, sah sie, dass Freddys Werkstatttür offenstand. Abrupt blieb sie stehen, schaute sich um und überlegte, was es bedeuten konnte, dass ein Zimmer, das seit der Silvesternacht verschlossen gehalten wurde, plötzlich wieder zugänglich war. Vor fast drei Monaten war sie zum letzten Mal in der Werkstatt gewesen, als sie und Freddy den vierten und letzten Eingang in die geheimen Gänge unter dem Hotel hinter einer Wand aus Kisten gefunden hatten. Durch diesen Eingang hatten sich Gracella, Selena und Elana in die Tunnel geschlichen.
Elizabeth stand da und lauschte. Dann ging sie leise weiter, ohne den Blick von der Werkstatttür abzuwenden. Von drinnen kam kein Geräusch, und sie verspürte auch keinen Hauch des Gefühls in sich. Sie berührte leicht den Türgriff und trat dann in den Raum, der noch genauso aussah wie beim letzten Mal: eine Werkbank in der Mitte, die Werkzeuge an den Wandhaken, jede Menge Holzplanken und Sägeböcke und überall Schränke und Regale. Die einzige Veränderung war, dass der vierte Eingang nun vollkommen zugemauert war. Elizabeth starrte die Wand an: Wenn irgendjemand noch einmal versuchen sollte, in die Tunnel zu gelangen, dann garantiert nicht von hier aus.
Sie ging zu der Stelle, wo sich die Tür befunden hatte, und fuhr mit den Händen über die rauen Backsteine. Dann klopfte sie leicht dagegen, als wollte sie überprüfen, ob sie auch echt waren. Aus einem Impuls heraus legte sie das Ohr gegen die Wand und lauschte, genauso, wie sie es vor drei Monaten getan hatte. Damals hatte sie ein weit entferntes Summen gehört und war diesem Geräusch gefolgt, bis sie tief unter dem Winterhaus auf eine rätselhafte Eisskulptur gestoßen war, die ihr geholfen hatte, die Macht in ihrer Halskette zum Leben zu erwecken. Und als sie jetzt ihr Ohr gegen die Wand drückte, erkannte sie zu ihrer großen Überraschung, dass das Geräusch immer noch da war! Sie hielt den Atem an und schloss die Augen. Das Summen war so leise, dass sie es kaum hören konnte – aber es gab keinen Zweifel: das gleiche Summen wie an Weihnachten.
Mit einem Ruck wich Elizabeth von der Wand zurück und schaute sich hektisch um. Sie erinnerte sich an etwas, und ohne darüber nachzudenken, was sie vorhatte, ging sie zu den Haken an der Wand, an denen die Werkzeuge hingen. Rechts davon, etwa in Hüfthöhe, hing ein silberner Generalschlüssel – jener Schlüssel, mit dem Elizabeth vor zwei Jahren die Tür zu Gracellas Zimmer aufgeschlossen hatte. Sie warf einen Blick zu der offenen Tür, dann nahm sie den Schlüssel vom Haken und verließ den Raum. Mit schnellen Schritten marschierte sie durch den Gang und bog dann links ab, zu Zimmer 333. Einen Augenblick später stand sie vor Gracellas Tür.
Zimmer 333 war eine Absonderlichkeit im Winterhaus, und es war der eine Ort, vor dem Elizabeth zurückschauderte, seit sie hier wohnte. Das Zimmer befand sich am Ende eines dunklen Korridors, von dem keine weiteren Türen abgingen, als ob der Gang von vornherein als Sackgasse geplant gewesen war, nur für dieses einzelne Zimmer. Die Deckenlampe vor der Tür leuchtete stets etwas trüber als alle anderen Lampen des Hotels, und auf einem kleinen Zettel neben dem Schloss an der Tür stand ZUTRITT VERBOTEN. Alles an Zimmer 333 wirkte düster, und oft konnte Elizabeth kaum glauben, dass sie einmal den Mut aufgebracht hatte, hineinzugehen. Jetzt ignorierte sie all ihre Befürchtungen; sie sagte sich, dass sie lediglich wissen wollte, ob das Anna Lux-Buch noch dort lag, wo sie es zurückgelassen hatte.
Elizabeth schloss die Tür auf und trat ein, wobei sie das Licht einschaltete. Es hatte sich nichts verändert: ein Bett in der Ecke, mit einer Wolldecke und blauen Kissen, ein klobiger Schreibtisch, ein leeres Bücherregal und ein paar Stühle. Alles war so schlicht und uninteressant wie damals, als sie das erste Mal in diesem Zimmer gewesen war.

Sie ging direkt zum Schreibtisch und zog die oberste Schublade auf – und dort lag das Buch: grau, schmucklos, fest gebunden, als ob es all die Monate nur auf sie gewartet hätte, Die geheime Unterweisung der Anna Lux.
Genau da, wo es die ganze Zeit war, dachte Elizabeth.
Das Gefühl summte durch sie hindurch. Sie griff sich das Buch, schlug das erste Kapitel auf und las den ersten Satz – Worte, die sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten: Es war einmal ein Mädchen, das so sehr von Magie und Zauberei und allerlei rätselhaften Dingen fasziniert war, dass es beschloss, eine Hexe zu werden.
Sie wollte das Buch zurücklegen und das Zimmer verlassen, aber aus irgendeinem Grund blätterte sie zum Vorsatzpapier ganz vorne im Buch. Und dort fand sie eine Widmung, geschrieben mit schwarzer Tinte und in einer ordentlichen Handschrift: Für Gracella – eines Tages wirst du allen zeigen, was sie nicht erkannt haben. Damien Crowley.
Elizabeth legte die Hand an die Stirn. Jemand näherte sich. Rasch legte sie das Buch zurück, schloss die Schublade und durchquerte mit schnellen Schritten den Raum. Sie lugte durch die Türöffnung, sah niemanden im Gang, schaltete das Licht aus und verließ das Zimmer. In dem Moment, als sie die Tür abschloss, kam Sampson um die Ecke.
«Elizabeth!», rief er. «Was machst du da?»
«Ich … ich dachte, ich hätte etwas gehört.» Elizabeth schaute hinter sich zu Gracellas Tür.
Sampson kam zu ihr und blieb neben ihr stehen. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er die Tür, als ob er allein durch die Macht der Konzentration herausfinden könnte, ob sich jemand in dem Zimmer befand. Dann wandte er sich mit einem Lächeln an Elizabeth und sagte: «Vielleicht hast du nur den Sturm draußen gehört. Der Raum ist verschlossen.»
Zögernd erwiderte sie sein Lächeln. «Das wird es sein. Der Sturm.»
Ein unbehagliches Schweigen senkte sich über den Gang.
«Sag mal, war die Werkstatttür offen?», fragte Elizabeth. Der Schlüssel in ihrer Tasche fühlte sich bleischwer an, und ihr wurde klar, dass sie ihn bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zurückbringen musste.
«Ganz richtig», grinste Sampson. «Mr. Norbridge will, dass ich …» Er schlug die Hand vor den Mund, ließ sie wieder sinken und sagte: «Nun, das wirst du schon bald sehen. Meine Lippen sind versiegelt.»
Elizabeth lachte erleichtert. Sie war froh, dass sie nicht länger über Zimmer 333 redeten.
«Ich verstehe schon, Sampson», sagte sie. «Hier ist doch ständig irgendwas los.»
Er nickte ihr zu. «Da hast du recht.» Und mit einem letzten Blick auf Zimmer 333 sagte er: «Aber jetzt muss ich mich wieder an die Arbeit machen. Und du solltest dich nicht in diesem Gang herumtreiben.»
«Einverstanden. Ich folge dir», sagte sie leichthin. Und als sie hinter Sampson durch den Korridor ging und er ihr erklärte, wie herrlich das Osterfest im Winterhaus werden würde, kreiselte ein einziger Gedanke durch Elizabeths Kopf: Damien Crowley hatte das Buch für Gracella dort hingelegt. Unter diesem Gedanken lag ein anderer, tieferer, einer, der nicht so leicht zum Schweigen gebracht werden konnte, weil er den Worten, die sie sich selbst oft sagte, einfach zu ähnlich war: Eines Tages wirst du allen zeigen, was sie nicht erkannt haben.

KAPITEL 7
ES SENKT SICH ERSCHROCKENE STILLE ÜBER DEN SAAL
Der Wintersaal sah wie immer festlich und fröhlich aus. Auf den mit blütenweißen Tischdecken überzogenen runden Tischen waren glänzende, edle Porzellanteller gedeckt, und die Kronleuchter funkelten wie Sternenhaufen, die hoch oben an der Decke schwebten. Die großen Fenster spiegelten so viel Licht und Farbe wider, dass der weitläufige Saal endlos erschien. Das Einzige, was auffiel, war der Umstand, dass nicht jeder Platz besetzt war. Wenn jemand daran gezweifelt hätte, dass Mitte März für das Hotel und seine Angestellten die ruhigste Zeit des Jahres war, hätte er sich mit einem Blick in den Wintersaal selbst davon überzeugen können. Im Kamin am vorderen Ende des Raums prasselte zwar ein fröhliches, nach Tannenholz duftendes Feuer und die wohlklingenden Töne von Bachs Goldberg-Variationen plätscherten aus unsichtbaren Lautsprechen in den vier Ecken des Saals, aber trotzdem konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass der Raum nur halb voll war.
Elizabeth trat durch eine kleine Seitentür und betrachtete die üppig gedeckten Tische. Sie aß alle Mahlzeiten hier, wenn sie nicht in der Schule war, aber der Anblick – und vor allem der Gedanke, dass dieses großartige Hotel jetzt ihr Zuhause war und sie nie wieder nach Drere zurückkehren musste – fühlte sich immer noch neu und fantastisch an. Sie zupfte ihren Pullover zurecht und horchte auf, als der wütende Sturm gegen die Fenster des Saals drückte. Während der vergangenen Stunde hatte sie sich allmählich dazu durchgerungen, jeden Groll gegen Norbridge beiseite zu lassen, und sie beschloss, zumindest für den Augenblick nicht mehr daran zu denken, dass sie sich in Gracellas Zimmer geschlichen hatte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass ihr Geist überquoll vor Grübeleien, und sie wollte einfach nur das Abendessen im Wintersaal genießen.
«Wir sollten uns schnell einen Platz sichern, bevor alles besetzt ist», sagte jemand hinter ihr. Elizabeth drehte sich um. Vor ihr stand Leona Springer, die Bibliothekarin des Hotels und die Person, mit der Elizabeth am vertrautesten war. Es lag nicht nur daran, dass Leona Bücher genauso liebte wie sie, Elizabeth konnte auch mit ihr über fast alles reden, selbst über die Probleme, die sie zuerst selbst zu lösen versuchte, ehe sie damit zu Norbridge ging. Leona schien immer in der Lage zu sein, eine Sache aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, und Elizabeth hatte großen Respekt vor ihrer Meinung.
«Hallo Leona», sagte Elizabeth und umarmte ihre Freundin. «Geh voraus, aber pass auf, dass du dich in dieser Menschenmenge nicht verirrst.»
«Und du behalte meinen Dutt im Blick», sagte Leona, «damit wir uns in dem Gedränge nicht verlieren.» Sie lachte laut auf und ging an Elizabeth vorbei. «Komm, suchen wir deinen ehrgeizigen Lehrer, Mr. Crowley. Er hat während der letzten ein, zwei Stunden in meiner Bibliothek gedöst … ähm, studiert, meine ich natürlich, während ich dieses tolle Buch gelesen habe, das du mir empfohlen hast. Die Sterne unter meinen Füßen, ein echter Hammer!»
«Freut mich, dass es dir gefallen hat», sagte Elizabeth und dachte einmal mehr, wie schön es war, eine Freundin wie Leona zu haben. Sie entdeckte Hyrum an einem Tisch im vorderen Bereich des Saals, neben ihm Professor Egil P. Fowles und die beiden Puzzle-Männer mit ihren Ehefrauen. «Ich habe Hyrum heute beim Skilaufen getroffen», sagte Elizabeth.
«Das hat er mir erzählt», nickte Leona. Sie blieb stehen und bedachte Elizabeth mit einem ernsten Blick. «Dieser junge Mann ist wahrhaft ein Gelehrter. Heute hat er Herbert Munchglicks Chaos und Charisma aus dem Regal geholt, dazu noch Die Peruvianischen Salzseen – ein geschichtlicher Abriss von Shannon Okello, Perlowskis Berichte von seinen Reisen nach Uqbar, und er hat sogar Marshall Falls’ altes Tagebuch durchgeblättert. Eine sehr außergewöhnliche Auswahl!» Leonas Augen weiteten sich erfreut, und Elizabeth drehte sich um. «Schau, er winkt uns zu.»
Kurz darauf hatten Elizabeth und Leona Platz genommen und alle anderen an dem runden Tisch begrüßt. Mrs. Rajput und Mrs. Wellington trugen elegante Abendkleider und funkelnde Juwelen und freuten sich sehr, Elizabeth wiederzusehen. Und Professor Fowles war von ihrer Anwesenheit so begeistert, dass man hätte meinen können, er würde gleich in Jubelgeschrei ausbrechen, obwohl er Elizabeth an fünf Tagen die Woche in der Schule begegnete.
«Elizabeth! Elizabeth!», sagte er aufgekratzt. Er trug wie immer seinen braunen Tweedanzug, dessen Stoff so dick war, dass er draußen im Schnee kaum einen Mantel brauchte. «Wie wunderbar, dich zu sehen!» Er schüttelte erst Elizabeths und dann Leonas Hand. «Und unsere liebreizende Bibliothekarin!», setzte er hinzu, bevor er auf seine Armbanduhr schaute, «welche die Türen der Bibliothek täglich außer sonntags um Punkt neun Uhr öffnet. Ich freue mich sehr über Ihre Gesellschaft.»
Es dauerte nicht lang, da setzte sich auch Norbridge zu ihnen – der Elizabeth kaum merklich zuzwinkerte –, und dann wurden Teller mit köstlichem Fisch und Süßkartoffeln, grünen Bohnen und Maisbrot mit Körnern aufgetragen. Alle Anwesenden – bis auf den düster dreinblickenden Mr. Rajput – erfreuten sich an dem leckeren Essen, den angenehmen Gesprächen und dem fröhlichen Gelächter. Elizabeth genoss den Abend so sehr, dass sie beinahe den Vorfall an der Mine, ihre Sorge wegen Elana und ihren unerlaubten Besuch in Zimmer 333 vergaß. Mit einem leisen Schuldgefühl dachte sie an das Puzzleteil, das sie in ihrer Schreibtischschublade versteckt hatte.
«Ich weiß nicht, ob allen Anwesenden bekannt ist», erklärte Professor Fowles, nachdem die leeren Teller abgeräumt waren und der Nachtisch in Form von Brombeertörtchen und Vanilleeis serviert wurde, «dass unser fleißiger Mr. Hyrum Crowley» – bei diesen Worten legte Egil eine Hand auf den Rücken des jüngeren Mannes und strahlte ihn an – «sowohl seinen Abschluss als Lehrer anstrebt als auch gleichzeitig ein Studium in vergleichender Literaturwissenschaft betreibt. Hyrum, vielleicht können Sie den Anwesenden von ihren augenblicklichen Forschungen erzählen.»
Hyrum, der immer noch den blaugestreiften Pullover trug, den er beim Skilaufen unter seiner dicken Jacke angehabt hatte, wischte sich den Mund mit seiner Serviette ab und legte die Arme auf den Tisch. Elizabeth dachte – nicht zum ersten Mal – dass er die geradeste Kinnlinie hatte, die sie je gesehen hatte, und dass sie noch nie erlebt hatte, wie jemand sich so zielgerichtet bewegte. Alle am Tisch sahen ihn erwartungsvoll an.
«Vielen Dank, Mr. Fowles», sagte Hyrum. «Es stimmt, während ich in Havenworth mein Referendariat mache, schreibe ich gleichzeitig an meiner Abschlussarbeit für die Universität, und zwar über Märchen, genauer gesagt, über alte Märchen. Die sind ziemlich furchterregend und … na ja, viel blutiger, als die meisten Leute wissen.» In gespieltem Entsetzen riss er die Augen auf. «Es ist sehr interessant, all die gruseligen Dinge zu erforschen, die hinter den angeblich so harmlosen Geschichten stecken, die wir alle aus Bilderbüchern und Filmen kennen.»
«Ein würdiger Erbe für das schauerliche Vermächtnis Ihres Großvaters», sagte Mr. Rajput mit ernster Miene. «Seine Bücher haben unzähligen Lesern schlaflose Nächte und fürchterliche Albträume beschert …»
«Mr. Rajput», sagte Mr. Wellington, «bitte, Sir. Sie sehen immer alles gleich schwarz. Das ist der Stimmung sehr abträglich. Sie sind mein guter und treuer Freund, aber ich möchte doch um etwas mehr Rücksicht bitten.»
Mrs. Rajput legte eine Hand auf den Arm ihres Mannes. «Mein Lieber», sagte sie freundlich und nickte zu Elizabeth hin. «Wir wollen doch niemanden ängstigen.»
«Ach, schon gut», sagte Elizabeth. «Ich habe schon viele Bücher von Damien Crowley gelesen. Colin Dredmares Kammer der Verzweiflung, Die Dunkelheit nach Mitternacht. Einen ganzen Haufen. Norbridge hat mir eins geschenkt, als ich das erste Mal im Winterhaus war.»
Vor ihrem inneren Auge sah Elizabeth das Anna Lux-Buch in der Schublade von Gracellas Zimmer. Sie hatte Norbridge nie danach gefragt – natürlich nicht –, aber es war ihr immer seltsam vorgekommen, dass Norbridge ihr ausgerechnet ein Buch von Damien Crowley geschenkt hatte, demselben Autor, der auch das Buch geschrieben hatte, das in Gracellas Zimmer lag.
«Damiens Werke waren früher bei den Gästen dieses Hotels sehr beliebt», sagte Leona. «Und bei vielen anderen Leuten ebenfalls. Aber ich fürchte, er ist aus der Mode gekommen. Die Leser von heute halten ihn für ‹ein bisschen zu makaber›. In Schulen und Bibliotheken findet man seine Bücher kaum noch.»
«Er ist in Havenworth aufgewachsen, wissen Sie», sagte Norbridge zu Mr. Rajput. «Ein echtes Original. Er ist oft im Winterhaus gewesen, als ich jung war.»
«So etwas wird heute nicht mehr geschrieben», sagte Egil P. Fowles. «Beunruhigend, aber mit Stil. Er hatte Geschmack!» Der Professor betrachtete seinen Nachtisch. «Er war mit Avery Dimlow befreundet, soweit ich mich erinnere. Mit dem alten Buchhändler in Havenworth.»
Ein Schauer durchzuckte Elizabeth. Sie war oft in Avery Dimlows Buchladen gewesen, auch wenn Avery selbst ein bisschen schrullig war. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, dass es eine Verbindung zwischen ihm und Damien Crowley gab.
«Ich kannte meinen Großvater kaum», sagte Hyrum. Er senkte den Blick. «Meine Mutter sagte immer, je älter er wurde, desto wunderlicher wurde er auch.»
«Wunderlicher?»
Hyrum warf den anderen am Tisch einen verstohlenen Blick zu. «Nun, er interessierte sich für … na ja, für Magie. Echte Magie. Schwarze Magie, sagt man.»
«Vielleicht hat er Forschungen angestellt», mutmaßte Mr. Wellington, «für seine Bücher.»
Schulterzuckend widmete sich Hyrum wieder dem Brombeertörtchen auf seinem Teller. «Ich weiß es nicht. In unserer Familie wurde nicht darüber geredet. Alle haben ihn nur den ‹komischen alten Damien› genannt. Ich habe nicht alles von ihm gelesen, aber ich weiß, dass seine Bücher mit der Zeit immer merkwürdiger wurden. Die Geschichten hatten ständig irgendetwas mit Magie zu tun.» Hyrum schob sich die Gabel mit einem Stück Törtchen in den Mund und kaute. Dann sagte er: «Ich persönlich finde seine späteren Bücher eher langweilig. Da gibt es eins mit dem Titel Die abscheuliche Rache des elektrischen Dosenöffners, das so gut wie unlesbar ist.»
«Ich bin ihm einmal begegnet», ließ sich Mrs. Wellington leise vernehmen, und alle wandten sich ihr zu. Draußen heulte eine Windböe auf. «Hier im Winterhaus. Damals war ich elf Jahre alt.»
Das Interessante an Mrs. Wellington war, dass sie eine Menge über die Geschichte des Hotels wusste, weil sie einmal als Kind mit ihrer Familie geraume Zeit hier verbracht und sich in Winterhaus verliebt hatte. Dieser Vorliebe für das Hotel war es zu verdanken, dass sie und ihr Mann und ihre Freunde, die Rajputs, so oft herkamen.
«Vielleicht erinnern Sie sich noch, Norbridge», fuhr Mrs. Wellington fort. «Ich glaube, Damiens zweites Buch, Der Turm der Schatten und die unersättliche Schlinge, war gerade erschienen und er kam eines Tages zum Abendessen.» Ein unsicherer Ausdruck überzog ihr Gesicht. «Du liebe Güte, ob ich wirklich weitererzählen soll?»
Wieder durchlief Elizabeth ein Schauer; sie spießte ein Stück Törtchen auf und schob es sich schnell in den Mund, um ihr Unbehagen zu überspielen.
«Bitte, fahren Sie fort», sagte Professor Fowles. «Sie haben uns neugierig gemacht. Wir zappeln sozusagen am Haken!»
Mrs. Wellington schaute sich am Tisch um und blickte dann zu Hyrum. «Wenn ich mich an diesen Abend recht entsinne, hielt Ihr Großvater Norbridges Schwester Gracella für sehr charmant. Sehr reif für ihr Alter. Sie war elf und er fast dreißig. Aber er stellte ihr während des Abendessens eine Reihe von Fragen, und es war nicht zu übersehen, dass sie in seinen Augen außerordentlich intelligent war. Er sagte: ‹Nun, vielleicht werde ich eines Tages ein ganz besonderes Buch für dich schreiben›, woraufhin wir alle lachten. Ich glaube, ich war sogar ein bisschen eifersüchtig. Sie wissen ja, wie man in diesem Alter so ist.» Ihr Blick wanderte zu Elizabeth, und sie wiegte reumütig den Kopf. «Oder in jedem Alter! Wie auch immer, das war’s. Keine besonders aufregende Geschichte, fürchte ich.» Sie fingerte an dem glitzernden Stein an ihrem Ohrring herum. «Sie erwähnten, dass er ziemlich oft im Winterhaus war, Norbridge», sagte sie dann. «Können Sie sich noch an seinen letzten Besuch erinnern?»
«In der Tat», sagte Norbridge. Es war Elizabeth nicht entgangen, dass ein Schatten über sein Gesicht gewandert war, während er zugehört hatte. «Es war vor fast fünfundzwanzig Jahren, und er blieb nur eine Nacht. Es war ein völlig ereignisloser Besuch. Er schien sehr müde zu sein. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, war ich sehr überrascht, ihn als Gast begrüßen zu dürfen, weil er so lange nicht da gewesen war und ich ihn aus den Augen verloren hatte. Ich hatte tatsächlich gedacht, er sei gestorben.»
«Ich erinnere mich noch an den Besuch», sagte Egil P. Fowles. «Und ich kann bestätigen, dass wir alle der Meinung waren, der gute Mann sei längst in ein Spukhaus im Himmel umgezogen. Das war irgendwie passend, nicht wahr, Norbridge? Wo doch Crowley so oft über die Toten geschrieben hat, die aus den Gräbern wiederauferstehen.» Er schaute sich am Tisch um. «Ein Skarabäus, ein von den alten Ägyptern verehrter Käfer, kommt in mehreren seiner Romane vor.» Noch einmal ließ er den Blick in die Runde schweifen. «Der Skarabäus ist ein uraltes Symbol für das ewige Leben. Für die Auferstehung.»
Jetzt war Elizabeth hellwach. «Glauben Sie, er hat wirklich über diese Dinge geforscht?», fragte sie mit einem Seitenblick auf Norbridge. «Über echte Magie, meine ich.»
Professor Fowles zog das Kinn ein. «Ich kannte den Mann so gut wie gar nicht, aber ich habe mich ein bisschen über ihn schlau gemacht. Die ägyptologische Gesellschaft von ‹Northern South Dakota› pflegt eine Website mit dem Titel ‹Der blutrote Skarabäus›, wo er hin und wieder erwähnt wird.» Er drehte sich zu Hyrum um. «Haben Sie weitere Informationen darüber, Sir?»
Hyrum tupfte seinen Mund mit der Serviette ab. Mit einer verschmitzten Miene sagte er: «Ich kannte Großpapa Damien eigentlich gar nicht, aber – du meine Güte! – dieses ganze Gerede über ihn wird mir langsam richtig unheimlich!»
Alle am Tisch lachten, und die Anspannung schien zu verfliegen. Aber Elizabeth fiel auf, dass Leona merkwürdig geistesabwesend zu sein schien, obwohl sie in das Gelächter der anderen mit einfiel. An der Geschichte über Damien Crowley war noch mehr dran, da war sich Elizabeth sicher.
«Es ist doch jedem klar, dass ich bei diesem Wetter niemanden vor die Tür lasse», sagte Norbridge und deutete dabei auf Egil und Hyrum. «Die Straßen sind unpassierbar, also müssen Sie über Nacht bleiben. Das wird ein Spaß! Um acht gibt es das Konzert, und danach eine Runde heiße Schokolade für alle! Eine Nacht, die man nicht so schnell vergisst!»
«Wir müssen uns um ein Puzzle kümmern», sagte Mr. Wellington und zwinkerte Mr. Rajput zu. «Musik und Belustigung, alles schön und gut, aber …»
Die Erde rumpelte.
Nicht nur diejenigen an Elizabeths Tisch, sondern alle im Speisesaal erstarrten und rissen die Augen auf. Der Wintersaal bebte etwa fünf Sekunden lang, und als das Rumpeln aufhörte, saßen die Menschen ängstlich da und warteten, was wohl als Nächstes geschehen würde.
Norbridge stand auf. «Wir haben wohl eine ganz außergewöhnliche Wettersituation, eine Kombination aus Schneesturm und Gewitter, ein Schneewitter, sozusagen!», rief er und blickte sich im Saal um. «So etwas passiert nicht oft, aber wenn, dann kann es ziemlich beängstigend sein.» Er legte die Handflächen gegen die Rippen, als wollte er noch mehr sagen, doch dann zögerte er. «Lassen Sie sich Ihren Nachtisch schmecken. Ich werde etwas überprüfen und bin gleich wieder da.»
Er beugte sich zu den anderen an seinem Tisch und sagte: «Ich habe unten in der Nähe der Airhockey-Tische in einem Schrank einen Seismographen. Ich will mir die Auswertungen nur kurz anschauen. Erstaunlich! Ein Schneewitter! Wer hätte das gedacht? Das ist zum letzten Mal vor achtzehn Jahren vorgekommen.»
Er wirbelte herum und rauschte aus dem Saal, wobei ihm alle nachschauten. Ein beunruhigtes Gemurmel erhob sich.
Professor Fowles war sprachlos, und Mr. Rajput schien so verstört zu sein, dass Elizabeth fürchtete, er würde anfangen zu weinen. «Schneewitter?», murmelte er.
«Gibt es so etwas wirklich? Ein Gewitter mit Schnee?», fragte Mrs. Rajput.
«Hätten wir dann nicht zuerst einen Blitz gesehen?», setzte Mr. Wellington hinzu.
Genau das hatte Elizabeth auch gedacht. Aber jetzt galt ihre Sorge Hyrum, der benommen wirkte und so kreidebleich geworden war, als würde er jeden Moment sein Abendessen wieder von sich geben.
«Geht es Ihnen gut, junger Mann?», fragte Leona.
Er zuckte zusammen und wandte sich ihr dann zu. «Bestens», sagte er schwach. Er straffte die Schultern und atmete tief durch. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, und der muntere Ausdruck kehrte auf seine Miene zurück. «So eine Erschütterung macht mich einfach nervös», sagte er und zuckte peinlich berührt mit den Schultern. Dann schaute er Elizabeth an. «Möchtest du vielleicht später eine Runde Airhockey spielen?»
Entspannt lachten die anderen auf, und der merkwürdige Moment war vergangen. Man wandte sich wieder dem Nachtisch zu. Aber Elizabeth ging einfach der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass sie auch vorhin, als unter der Mine die Erde gerumpelt hatte, keinen Blitz gesehen hatte.

KAPITEL 8
DIE STILLE NACH DEM STURM
Als Elizabeth kurz vor halb sieben zu Elanas Zimmer kam, wartete Norbridge bereits auf sie. Sie wollte gerne wissen, ob er irgendetwas über das Rumpeln herausgefunden hatte, einerseits, weil sie neugierig war, andererseits, weil sie das Gefühl hatte, dass sich durch dieses Thema die Anspannung, die vorhin zwischen ihnen geherrscht hatte, ein wenig auflockern würde. Aber Norbridge breitete einfach die Arme aus und drückte Elizabeth, die sich bereitwillig hineinwarf, an sich. Die beiden hielten sich eine Weile fest, dann öffnete Norbridge mit einem liebevollen Blick auf Elizabeth die Tür.
Elanas Zimmer wurde von einer kleinen Lampe auf dem Nachttisch neben dem Bett erleuchtet. Elizabeth war bestimmt schon ein Dutzend Mal hier gewesen, um Elana zu besuchen, aber so wie jetzt hatte sie das andere Mädchen dabei nie erlebt: Elana war wach, saß aufrecht im Bett unter ihrer Decke, den Rücken gegen zwei dicke Kissen gelehnt. Und nicht nur, dass ihre Augen geöffnet waren – sie las sogar ein Buch, Merkwürdiges aus dem Geheimarchiv der Mrs. Basil. E. Frankweiler. Und sowohl der Titel des Buchs als auch die Tatsache, dass Elana munter war, versetzten Elizabeth in Erstaunen.
«Ich liebe dieses Buch!», rief Elizabeth. Dann schlug sie die Hand vor den Mund. «Tut mir leid. Ich wollte nicht so laut reden.»
Elana legte das Buch mit einer zierlichen Bewegung auf die Bettdecke und betrachtete Elizabeth mit einem leidenden Blick. Sie sah aus wie eine steinalte Frau. Verschwunden waren das glänzende schwarze Haar, der lebhafte Blick und die glatte Haut, auf die Elizabeth früher so neidisch gewesen war. Elanas strahlende Jugend war den Zeichen des Alters gewichen: Ihr Haar war schütter und weiß und ihr Gesicht so faltig und eingefallen, dass Elizabeth sich unwillkürlich fragte, wie Elana es fertigbrachte, sich im Spiegel zu betrachten. Natürlich war es völlig in Ordnung, alt zu werden, dachte Elizabeth, aber der Sprung von einem zwölfjährigen Mädchen zu … so etwas, war schon ein Schock. Kein Wunder, dass Elanas Blick so erschöpft wirkte.

«Ich liebe das Buch ebenfalls», sagte Elana. Ihre Stimme klang genauso alt, wie ihr Körper aussah.
Norbridge atmete tief durch. «Ich dachte, Besuch würde dir guttun», sagte er zu Elana. «Und Elizabeth wartet schon seit Wochen darauf, dich sehen zu können. Vielleicht möchtet ihr beide …»
Noch bevor Norbridge den Satz beenden konnte, rannte Elizabeth zum Bett und schlang die Arme um Elana. Minutenlang verharrten beide ganz still in ihrer Umarmung. Als sich Elizabeth schließlich von dem anderen Mädchen löste, schaute Elana sie nur an. Immer noch sagte keine von beiden ein Wort.
«Möchte jemand ein Flurschen?», fragte Norbridge und zog eine Tüte mit den Süßigkeiten aus seiner Tasche. Elizabeth lachte, Elana lächelte, und die Stimmung entspannte sich ein wenig.
Elizabeth setzte sich auf das Bett. «Das alles tut mir so wahnsinnig leid.»
«Ich bin diejenige, die sich entschuldigen müsste», sagte Elana. «Ich wollte dich so oft vor den Gefahren warnen, davor, was meine Tante und meine Eltern vorhatten.»
«Du konntest dich schlecht gegen deine Familie stellen», sagte Norbridge sachlich. «Das verstehen wir. Jeder würde das verstehen. Es war eine unmögliche Situation, und du solltest dir keine Schuld geben.»
«Sie wussten alles über Winterhaus», sagte Elana. «Aus den Geschichten, die man sich seit Jahren in unserer Familie erzählt. Daher kannten meine Eltern auch das Buch und die Gänge, und so hat Tante Selena uns dazu gebracht, ihr zu helfen. Was sie uns alles versprochen hat! Und Gracella hat uns allen Angst gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht Nein sagen konnte.»
«Bitte, du musst dich nicht rechtfertigen», sagte Norbridge und ließ die Tüte mit den Flurschen spielerisch von einer Hand in die andere wandern. «Was passiert ist, ist ein schreckliches Unglück. Und ich bin sehr betroffen darüber, wie deine Eltern reagiert haben, dass sie einfach auf und davon sind. Dich trifft keine Schuld.»
Elanas müde Augen wanderten zu dem Buch auf ihrem Schoß. «Ich weiß», sagte sie leise.
«Wir werden dir helfen», sagte Elizabeth und nahm Elanas Hand. «Ich weiß noch nicht wie, aber wir lassen uns etwas einfallen.» Sie schaute ihren Großvater an. «Nicht wahr, Norbridge?»
Elana legte den Kopf schräg und blickte ebenfalls zu ihm hin. «Was könnten Sie denn tun? Ich weiß, dass niemand …» Sie hob stumm die Hände und starrte sie an, als ob sie nicht ihr gehören würden. Dann ließ sie sie wieder sinken. «Ich weiß, dass es nichts gibt, was man tun könnte.»
«Da wäre ich nicht so sicher», sagte Norbridge. «Ihr beide versteht besser als die meisten Menschen, dass in der Falls-Familie und in diesem Hotel eine Menge Magie stecken.» Er hob den Arm und ließ seine Muskeln spielen. «Selbst in diesen alten Knochen!»
Sein Blick wanderte von Elana zu Elizabeth, die beide schwiegen. Und dann warf er ohne jede Vorwarnung mit einer blitzschnellen Bewegung die Flurschen hoch in die Luft, schnippte mit den Fingern, und Elizabeth wurde für den Bruchteil einer Sekunde von einem Blitz geblendet. Als sie wieder sehen konnte, war die Tüte mit den Süßigkeiten verschwunden und an ihrer Stelle schwebten zwei Luftballons, einer silbern, der andere lila. Sie schaukelten an der Decke, als ob ein Kind sie losgelassen hätte und nur die Zimmerdecke sie daran hindern würde, weiter hinaufzufliegen. Und als ob das nicht genug wäre, glitten die beiden Ballons plötzlich langsam nach unten, auf die beiden Mädchen zu. Aber als Elizabeth nach dem lila Ballon greifen wollte und Elana nach dem silbernen, zerplatzten sie gleichzeitig mit einem scharfen Knall.
Staunend lachte Elizabeth auf. «Wow!», rief sie.
Elana lächelte schwach, aber sie schien sich ehrlich zu freuen. «Also das war echt cool», sagte sie. Und Elizabeth lachte wieder, denn was Norbridge getan hatte, war so entzückend gewesen, und außerdem war es schön zu wissen, dass die wahre Elana – das zwölfjährige Mädchen – irgendwo noch in dieser alten Frau steckte. Bis eben schien sie die Hoffnung verloren zu haben. Vielleicht fand Norbridge tatsächlich eine Möglichkeit, Elana wieder in ihr altes Selbst zurückzuverwandeln.
«Hast du in letzter Zeit noch andere gute Bücher gelesen?», fragte Elana Elizabeth, und dann unterhielten sich die beiden Mädchen, als ob dies ein ganz gewöhnlicher Besuch an einem ganz gewöhnlichen Tag wäre. Nach zehn Minuten hatte Elizabeth den Eindruck, dass Elana trotz ihrer Müdigkeit nicht mehr ganz so oft an ihre unglückliche Lage denken musste.
«Kannst du mir ein paar gute Bücher aus der Bibliothek bringen?», fragte Elana nach einer Weile.
«Ich suche dir all meine Lieblingsbücher heraus», versprach Elizabeth.
Dann, ganz plötzlich, flatterte das Gefühl in ihr auf.
«Hört mal zu, ihr beiden», sagte Norbridge. «Ich muss vor dem Konzert noch ein paar Dinge erledigen. Elizabeth, wenn du gerne noch eine Weile bleiben möchtest, kein Problem, aber …»
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn verstummen. Bevor Norbridge antworten oder die Tür öffnen konnte, wurde sie schon aufgestoßen. Zu Elizabeths Überraschung stand Lena Falls im Türrahmen, die ältliche Tochter der ältesten Bewohnerin des Hotels, Norbridges neunundneunzigjähriger Cousine Kiona Falls. Lenas graue Haare waren gekämmt, energisch reckte sie das Kinn vor, und sie machte in ihrem dunkelblauen Bademantel den Eindruck, als ob das Zimmer, vor dem sie stand, ihr gehören würde und sie vollkommen perplex war, weil sich Fremde darin befanden.
Norbridge stand auf. Er wirkte etwas fassungslos, die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. «Lena?», sagte er, obwohl es egal war, was er sagte, denn Lena konnte seit sechzig Jahren nicht mehr hören und sprechen. Soweit Elizabeth wusste, hatte Lena in den vergangenen zwanzig Jahren ihr Zimmer immer nur am Heiligen Abend für das Festessen im Wintersaal verlassen, und vergangenes Weihnachten nicht einmal das. Sie döste meistens den lieben langen Tag, und niemand, nicht einmal ihre Mutter Kiona, wusste, was in ihrem Kopf vorging oder warum sie sich so weit vom Rest der Welt entfernt hatte. Sie konnte essen, war in der Lage aufzustehen und zu laufen; sie konnte lediglich nicht kommunizieren. Und eins war gewiss: Sie hatte seit Jahren ihr Zimmer nicht ohne Begleitung verlassen.
Norbridge streckte den Arm aus, um Lena willkommen zu heißen, und sie nickte ihm zu, als ob sie sich tagtäglich begegnen würden. Mit einem weiteren Nicken begrüßte sie Elizabeth. Und dann marschierte sie geradewegs auf das Bett zu, nahm Elanas Hand in ihre beiden Hände und starrte ihr in die Augen, als ob sie nur aus dem Grund gekommen war, um die Farbe von Elanas Pupillen zu studieren.
Im Zimmer war es vollkommen still, während Lena dasaß und starrte.
«Gibt es etwas, das Sie sagen wollen?», fragte Elana schließlich.
«Sie kann nicht sprechen», erklärte Norbridge. «Und sie kann auch nichts hören.» Und dann setzte er leiser hinzu: «Ich glaube es nicht, dass sie tatsächlich hier ist.»
Elizabeth schaute ihn verwirrt an. Lena schloss die Augen und neigte den Kopf nach vorn. Ein paar Sekunden lang bewegte sie stumm die Lippen. Dann ließ sie Elanas Hand los, stand auf, drehte sich um und verließ das Zimmer wieder. So schnell, wie sie gekommen war, so schnell waren die drei anderen wieder allein, und die Aura von Ratlosigkeit, die durch Lenas Auftauchen entstanden war, verstärkte sich noch.
«Was war das denn gerade?», sagte Elana. Und nachdem Norbridge ihr erklärt hatte, dass die taubstumme Lena seit dreiundzwanzig Jahren kaum das Bett verlassen hatte und fast nur noch in ihrer eigenen Welt – in ihrem Kopf – lebte, starrte Elana ihre Bettdecke an und dachte nach.
«Es war, als ob sie mir etwas sagen wollte», flüsterte sie.
Wieder wallte das Gefühl in Elizabeth auf, und wie um Norbridge vorzuwarnen, dass die seltsamen Ereignisse dieses Abends noch nicht zu Ende waren, wies sie mit dem Kinn auf die Tür, kurz bevor es ein weiteres Mal klopfte.
«Herein», sagte Norbridge. Als die Tür aufging, sahen sie Sampson, der hinter einem Rollstuhl stand, in dem Kiona Falls saß, bis zum Kinn eingewickelt in eine schwere Decke, auf dem Kopf eine rosa Bommelmütze und im Gesicht einen fragenden Ausdruck.
«War meine Tochter gerade eben hier?», wollte Kiona wissen. Sampson hinter ihr verzog leicht das Gesicht, als ob er keine Ahnung hätte, was hier los war, und lediglich die Anordnungen der alten Dame befolgte.
«Ja, das ist richtig», sagte Norbridge. «Sie ist vor zehn Minuten gegangen. So etwas haben wir seit … mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr erlebt!» Er ging zu Kiona, beugte sich zu ihr und küsste sie auf beide Wangen. «Was geht denn hier eigentlich ab, wie man heutzutage so sagt. Kannst du uns das erklären, meine Liebe?»
Kiona hob die Hand und drehte sich ungelenk zu Sampson um. «Danke, dass Sie mich hierher begleitet haben, guter Mann. Sie schieben ganz ausgezeichnet.»
Sampson grinste und schaute zu Norbridge. «Miss Falls hat auf einem kleinen Ausflug hierher bestanden.»
Kiona salutierte zu Elana gewandt. «Ich wünsche dir einen guten Abend, meine liebe Elana. Es freut mich, dass es dir so gut geht.» Sie legte die Hand über ihr Herz. «Es wärmt mich. Bis in mein Inneres.» Mit der Hand immer noch auf der Brust lächelte sie Elizabeth an. «Und meine liebe Cousine wievielten Grades auch immer, es ist ein großes Vergnügen, dich zu sehen, wie üblich.» Sie schüttelte verwundert den Kopf. «Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass du deiner Mutter mit jedem Tag ähnlicher wirst.»
Kiona senkte die Hand und blickte Norbridge an. «Ich kann es nicht erklären, aber in den vergangenen drei Tagen ist meine Tochter irgendwie … aktiver geworden. Lebendiger, wacher, mehr da! Sie hat nie besonderen Wert auf die Zeichensprache gelegt, aber gestern fing sie plötzlich an, etwas zu buchstabieren. Anfangs dachte ich, es wäre ihr eigener Name, aber dann erkannte ich, dass sie Elana meinte. Und dann wurde mir klar, dass sie das Mädchen zu sehen wünschte.» Sie verzog das Gesicht. «Oder ‹die Frau› sollte ich wohl besser sagen.» Sie warf Elana einen unsicheren Blick zu. «Es tut mir leid. Ich weiß nicht …»
«Es ist schon gut», sagte Elana und starrte auf ihre Hände.
Kiona legte kurz die Hand an die Stirn, als wolle sie sich für einen Leichtsinnsfehler entschuldigen, dann fuhr sie fort: «Lena hat immer und immer wieder den Namen ‹Elana› buchstabiert, und eben bin ich aufgewacht und sie war weg! Stellt euch meine Überraschung vor. Sie schläft seit dreiundzwanzig Jahren neben mir, und dann auf einmal …», Kiona wedelte mit der Hand, «… verschwunden!»
«Das ist merkwürdig», sagte Norbridge. «Sehr merkwürdig.» Er biss sich auf die Unterlippe.
«Ich dachte mir, dass sie hierherkommen würde», sagte Kiona, «obwohl ich wirklich keine Ahnung habe, warum. Sie scheint sich regelrecht in eine Art Besessenheit hineingesteigert zu haben. Es ist unerklärlich.»
«Und sie hat nicht versucht, noch andere Wörter zu buchstabieren?», fragte Norbridge.
Kiona schaute einen Moment lang auf den Teppich, dann sah sie Norbridge an. «Sie buchstabierte zweimal das Wort ‹Methode›, aber ich weiß nicht, worauf sie hinauswollte.»
Eine unbehagliche Stille senkte sich über den Raum. Elizabeth wurde kalt. Lena meint doch wohl nicht die Dredforth-Methode, oder doch?, dachte sie.
Kiona wandte sich Elana zu, die sich gegen das Ohr tippte. «Wie ist es passiert?», fragte sie.
«Dass Lena Gehör und Sprache verlor?», sagte Kiona. «Ich wünschte, ich wüsste es. Sie war eines Tages zum Skifahren draußen und kehrte nicht zurück. Damals war sie zwanzig Jahre alt. Als man sie spät abends draußen gefunden hat, war alles anders. Sie war benommen und hat sich nie wieder richtig erholt. Vielleicht lag es an der Kälte oder … Ich weiß auch nicht. Lena hat sich nie dazu geäußert. Im Laufe der Jahre hat sie sich immer weiter in sich zurückgezogen.» Sie schüttelte den Kopf. «Sehr traurig. Sehr traurig für uns alle.»
«Sie haben bald Geburtstag, nicht wahr?», sagte Elana. Norbridge sog scharf die Luft ein, aber Kiona streckte die Hand nach ihm aus und beugte sich vor.
«Es ist schon gut», sagte Kiona. «Es macht mir nichts aus, darüber zu reden. Ja, meine Liebe, am zwölften Juni feiere ich meinen hundertsten Geburtstag. Ein Meilenstein, noch dazu an diesem Ort.»
Es war eine Besonderheit, die man unschwer an dem Familienstammbaum vor dem Wintersaal ablesen konnte: Fast jede Frau der Falls-Familie wurde hundert Jahre alt. Nicht neunundneunzig oder hunderteins, sondern genau hundert. Warum das so war, wusste niemand – weder Norbridge noch Leona oder sonst jemand im Hotel. Es war einfach so und gehörte zum Winterhaus wie der Schnee an Weihnachten und der Duft der Flurschen in den Gängen. Elizabeth hatte sich oft gefragt, was Kiona durch den Kopf ging, wenn sie an die bevorstehenden Monate dachte: Jeder Mensch weiß ja, was die Zukunft für ihn bereithält, auch wenn man nicht ständig darüber nachdenkt, aber ohne jeden Zweifel zu wissen, was der nächste Geburtstag bringt, war vermutlich kein schönes Gefühl.
«Haben Sie Angst?», fragte Elana.
Kiona lächelte leicht. «Ich hatte ein gutes Leben.» Sie zwinkerte Elizabeth zu. «Ich habe versucht, immer zuerst an andere zu denken, nicht an mich selbst, und ich muss sagen, dass dies in meinen Augen das perfekte Rezept für Glückseligkeit ist.»
Die Glocken des Hotels erklangen, um den Beginn des Konzerts in zehn Minuten anzukündigen.
«Pünktlich wie immer», sagte Norbridge, und alle lachten. «Ich muss jetzt los. Und du auch, Elizabeth, wenn du dir die Sonate anhören willst.»
«Und ich werde mich auf die Suche nach meiner Tochter machen», sagte Kiona. Sie schlug leicht mit der Faust auf die Armlehne des Rollstuhls und drehte sich zu Sampson um. «Volle Kraft voraus, junger Mann!»
«Aye-aye, Miss Falls», sagte er.
Elizabeth umarmte Elana zum Abschied. «Ich komme bald wieder. Und dann bringe ich dir neues Lesefutter mit. Der Sandelf wird dir bestimmt gefallen.»
Elana hob die Daumen. Sie schien fröhlicher zu sein, aber als Elizabeth sich auf den Weg zum Saal der Künste machte, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Elana mit den Tränen gekämpft hatte.

KAPITEL 9
EIN GANG IN DER NACHT
Um halb elf, nach dem Konzert mit Sunny Chen und anschließend der versprochenen heißen Schokolade und nachdem Elizabeth Mr. Wellington und Mr. Rajput geholfen hatte, vier weitere Puzzleteile zu finden, und sie noch dazu einen weiteren Punkt auf ihrer Liste «Vor- und Nachteile am Leben im Winterhaus» ergänzt hatte – «Vorteil Nr. 48: Man lernt nette und berühmte Musiker kennen» –, saß sie an ihrem Schreibtisch und schrieb ihre E-Mail an Freddy zu Ende. Sie stimme ihm zu, schrieb sie, dass es in Bezug auf Riley Granger und die Dredforth-Methode vieles zu besprechen gebe, und dann berichtete sie ihm von allem, was ihr im Kopf herumging: von Elana, der Mine, Lenas überraschendem Auftauchen, den Puzzle-Männern, dem Rumpeln im Wintersaal sowie von der Schule und den Büchern, die sie kürzlich gelesen hatte.
Ich freue mich wirklich, dass du an Rosten kommst, schrieb sie zum Schluss. Ich meine natürlich, an Sorten. Nein, an Ostern. Aber im Ernst, es ist toll, dass wir uns so bald schon wiedersehen. Deine Freundin Habt Zeile (Das ist ein Anagramm für «Elizabeth», nur für den Fall, dass du aus der Übung bist!»)
Sie klickte auf «Senden», dann zog sie die Schublade auf und betrachtete das blaue Puzzleteil. Ich gebe es bald zurück, dachte sie, schob die Lade wieder zu und grübelte über das Rumpeln beim Abendessen nach. Nach dem Konzert hatte Norbridge ihr erzählt, dass der Seismograph etwas registriert hatte, das einem sehr schwachen Erdbeben gleichkam, und er meinte, er könne sich erinnern, dass dergleichen bereits drei Mal geschehen war, jedes Mal ohne ein weiteres Anzeichen von Gewitter, wie etwa einen Blitz.
«Vielleicht war es nur eine ganz natürliche Erdbewegung», sagte er. «Hitzekammern oder Eisbrocken oder irgendetwas Ähnliches. Hoffen wir, dass dies auch die Erklärung für deine Beobachtung an der Mine war.»
Elizabeth war darüber sehr beunruhigt, und während sie noch über die zahlreichen Höhen und Tiefen des Tages nachdachte, wurde ihr klar, dass sie nichts lieber wollte, als sich auf ihr Sofa zu setzen und sich von einem guten Buch die trüben Gedanken vertreiben zu lassen.
Sie nahm Dunkelheit am Ende des Tunnels von ihrem Nachttisch, ließ sich auf das Sofa plumpsen und fing an zu lesen.

Um Mitternacht stand Elizabeth auf. Sie verließ ihr Zimmer und wanderte durch die kalten, düsteren Gänge des Hotels, bis sie in der Bibliothek stand, wo alles dunkel und zerstört war. Das Winterhaus war verlassen – keine Gäste, keine Angestellten, keine Falls-Familie mehr; alle waren fort, und das große Hotel war still und leer.
Eine Stimme rief ihr zu, als sie mitten in der riesigen Ruine der Bibliothek stand. Sie rief ihren Namen: Elizabeth. Dann noch einmal. Und noch einmal. Dreimal insgesamt.
Ein blutrotes Licht erschien oberhalb der Treppe im zweiten Stock des hohen Saals.
Ich habe diese Bibliothek auch geliebt, sagte die Stimme. Viele Stunden habe ich hier verbracht. Genau wie du.
Obwohl sie nichts weiter sehen konnte als das schwache rote Licht, schaute Elizabeth aufmerksam nach oben und lauschte der Stimme, die dort aus dem Dunkeln kam. Sie ging zur Treppe und legte die Hand auf das Geländer. Ein mächtiges Verlangen, ganz nach oben zu steigen, überkam sie, während die Worte noch in ihrem Kopf widerhallten: Genau wie du.
Eine kleine Lampe auf einem Tisch neben der Treppe flackerte auf. Elizabeth empfand den unerklärlichen Wunsch, mit dem Finger darauf zu deuten und die Lampe durch einen Strom ihrer magischen Macht zu Boden zu werfen.
Ja, kam die Stimme wieder. Das verstehe ich. Diese Macht. Wer wollte sie nicht einsetzen?
Elizabeth streckte den Finger in Richtung Lampe aus und verspürte das vertraute Flattern in ihrer Magengrube. Dann fühlte sie, wie sich etwas Heftiges, Drängendes in ihr löste, etwas Mächtiges, das ihr große Befriedigung verschaffte.
Genau wie du.
Immer noch wies sie mit dem ausgestreckten Finger auf die Lampe und konzentrierte sich, bis sich ihr Blick verschleierte und ein Summen ihren Geist ausfüllte.
Genau wie du!, ertönte die Stimme noch einmal, und das Summen wurde so laut, dass sich Elizabeth unwillkürlich die Ohren zuhielt und …
Keuchend schreckte sie vom Sofa hoch und schaute auf die Uhr. Mitternacht. Der Albtraum verblasste.
Sie will mich in Versuchung führen, dachte Elizabeth, als sie sich aufsetzte und durchatmete, um wieder zur Ruhe zu kommen. Gracella führt mich in Versuchung. Aber trotzdem musste sie ständig daran denken, dass sie zu gern gesehen hätte, wie die Lampe auf dem Boden zerbrach.
Elizabeth stand auf und ging zum Fenster. Im schwachen Schein der Außenbeleuchtung vor dem Hotel sah sie, dass der Schnee noch dichter fiel als vorhin. Hohe weiße Hügel wuchsen aus der Erde und erstreckten sich bis in die kalte Dunkelheit des Lake Luna. Der schwarze Himmel wogte vor Schneeflocken. Elizabeths Herz schlug immer noch schnell, und sie überlegte kurz, dass sie jetzt ihren Schlafanzug anziehen, ein Glas Wasser trinken und ins Bett gehen sollte. Doch eine merkwürdige Ruhelosigkeit hatte sie gepackt, und noch während sie zu ihrer Zimmertür schaute, merkte sie, dass sie bereits den Griff herunterdrückte und hinaus auf den Gang trat. Sie wollte jemanden sehen, irgendjemanden, wollte ein bisschen Gesellschaft haben, ein kurzes Gespräch führen – und so ging sie zur Treppe und lief schnell hinunter in die Lobby.
An Weihnachten war die Hotellobby selbst mitten in der Nacht hell erleuchtet gewesen, aber an diesem Abend, bei diesem Sturm und mit verhältnismäßig wenigen Gästen herrschte in der großen Eingangshalle eine dämmrige Stille, genauso wie in Elizabeths Zimmer. Niemand war zu sehen, die Kerzenleuchter waren dunkel und die Laternen, die vor der Eingangstür Wache standen, warfen einen geisterhaft trüben Schein durch die hohen Fenster. Auf dem Pagentisch stand neben der silbernen Glocke ein Schild: BITTE LÄUTEN SIE, WENN SIE ETWAS BRAUCHEN. WIR SIND JEDERZEIT FÜR SIE DA.
Elizabeth wollte schon auf den kleinen Knopf oben auf der Glocke drücken, doch dann hielt sie inne und schaute zu dem Tisch mit dem Puzzle. Sie empfand einen Anflug von Neugier – so ähnlich wie das Gefühl, aber nicht annähernd so intensiv – und sie merkte, dass sie wie magisch von den Puzzleteilen angezogen wurde. Mr. Wellington und Mr. Rajput hatten das Schild aufgestellt, das immer da stand, wenn sie sich im Hotel befanden, aber im Augenblick nicht puzzelten: LAUFENDE ARBEITEN; BITTE NICHT BERÜHREN.
Das Puzzle lag vor ihr.
Nach einem kurzen Blick über die Schulter stützte sich Elizabeth auf den Tisch und betrachtete die Teile. Das Puzzle war schon fast fertig, und das zusammengesetzte Bild stimmte größtenteils mit der Illustration des steinernen Tempels auf der großen Blechdose überein, in der die Puzzleteile gelegen hatten. Elizabeth hatte oft über dieses Gebäude nachgedacht, seit sie das Puzzle zum ersten Mal gesehen hatte. Der Gedanke, dass Norbridges Großvater Nestor zusammen mit seinem Freund, dem mysteriösen Riley Sweth Granger, dort fünf Jahre verbracht und vermutlich uralte Geheimnisse enträtselt hatte, erregte und ängstigte sie zugleich. Sie konnte sich nicht vorstellen, an einem so trostlosen, entlegenen Ort zu leben.

Wieder fuhr sie mit dem Finger über die fremdartige Schrift über dem Eingang des Tempels, über das Wort, das «Glaube» bedeutete. Sie betrachtete die Ansammlung von hölzernen Einzelteilen, die verstreut auf dem Tisch lagen. Ihre Hand bewegte sich geradewegs auf ein schneeweißes Teil zu, das sie ohne zu zögern zu einem Bereich des Berges schob, wo es perfekt hinpasste. Erst dann wurde ihr klar, dass sie zum ersten Mal ein Stück eingefügt hatte, ohne dass Mr. Wellington und Mr. Rajput dabei gewesen waren.
«Wow!», sagte jemand hinter ihr, und Elizabeth wäre beinahe vor Schreck auf den Puzzletisch gefallen.
«Oh Mann!», rief sie, als sie sich umdrehte und Hyrum Crowley vor sich stehen sah, immer noch in seinem blau gestreiften Pullover. Er hatte die Hände erhoben, als wollte er sich ergeben. Ihr Schreck hatte ihn erschreckt, erkannte sie, als sie eine Hand auf ihre Brust legte. «Ich hätte beinahe einen Herzschlag bekommen!»
«Tut mir leid», sagte er mit Bedauern in der Stimme, die Handflächen immer noch ihr zugewandt, als ob er ihr zeigen wollte, dass er keine bösen Absichten hatte. «Du warst so bei der Sache, dass ich dich nicht stören wollte. Es tut mir wirklich sehr leid!»
Elizabeth atmete tief durch, um ihren rasenden Puls zu beruhigen. «Schon gut», sagte sie, während Hyrum an ihr vorbei zu dem Puzzle schaute. Sie wunderte sich, dass sie seine Anwesenheit nicht gespürt hatte; normalerweise wurde sie durch das Gefühl vorgewarnt, wenn sich jemand näherte. Vielleicht hatte ihre Aufmerksamkeit so ganz und gar auf dem Puzzle gelegen, dass ihr Geist für nichts anderes mehr empfänglich gewesen war.
«Wie machst du das?», fragte er. Seine Stimme, sein Ausdruck, ja seine ganze Haltung zeugten von seiner Ehrfurcht, als er das Puzzle betrachtete. «Das ist ein ganz erstaunliches Talent.»
«Ich weiß nicht. Es kommt einfach über mich.»
Hyrum schüttelte verwundert den Kopf und musterte das Puzzle. «Also, ich bin mir sicher, Mr. Rajput und Mr. Wellington sind heilfroh über deine Hilfe. Wenn das so weitergeht, schaffen sie es wirklich bis Ostern.»
«Es wird toll sein, mitzuerleben, wie sie das Puzzle vollenden.» Elizabeth dachte wieder an das eine Teil, das sie in ihrer Schublade versteckt hatte. Dann blickte sie sich in der dunklen Lobby um. «Sie sind noch auf? Es ist schon spät.»
Hyrum fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Haare. «Bei diesem Wind konnte ich nicht einschlafen.» Er wirkte verlegen. «Und dann habe ich angefangen, eins der Bücher meines Großvaters zu lesen, und danach kann man das Einschlafen ja erst recht vergessen! Ich habe gehofft, dass ich noch eine Kleinigkeit zu essen bekomme, aber wie es aussieht, ist der Laden dicht.»
«Wir können läuten, wenn Sie möchten.»
«Nein, schon gut.» Er hob den Kopf und schaute an die Decke. «Nachts, wenn niemand hier ist, sieht alles noch majestätischer aus.» Er seufzte ehrfürchtig. «Winterhaus.»
«Ich weiß», sagte Elizabeth. «Der beste Ort auf der Welt.» Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter. «Mir gefällt es übrigens sehr gut in Havenworth. Es ist viel besser als an meiner alten Schule.»
«Professor Fowles ist ein großartiger Schulleiter und seine Schule großartig. Eines Tages möchte ich dort als Lehrer unterrichten.»
«Ich finde, bislang machen Sie ihre Sache großartig. Das denken alle.»
Hyrum zuckte mit den Schultern. «Ich hatte Glück, dass ich die Stelle hier bekommen habe. Ich wollte schon immer in diese Gegend zurückkehren, immerhin stammt meine Familie von hier. Oder zumindest mein Großvater. ‹Winterhaus, Winterhaus!› Das habe ich so oft von meiner Mutter gehört, als ich klein war.»
«Ihr Vater kommt nicht von hier?»
Hyrum schüttelte den Kopf. «Nein. Ich habe ihn nie kennengelernt. Er starb drei Monate vor meiner Geburt.»
Elizabeth wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war eine Sache, wenn man die Eltern als Kind verlor, aber etwas ganz anderes – etwas Seltenes, Außergewöhnliches –, wenn man geboren wurde, nachdem der eigene Vater bereits tot war.
«Es tut mir leid», sagte sie. «Ich wollte Sie nicht traurig machen.»
«Schon gut», sagte Hyrum. Er lächelte ihr beruhigend zu, und in diesem Moment beschloss sie, ihm die Frage zu stellen, die ihr seit geraumer Zeit im Kopf herumspukte.
«Haben Sie jemals ein Buch Ihres Großvaters mit dem Titel Die geheime Unterweisung der Anna Lux gelesen?»
Überrascht legte er den Kopf schräg. «Das ist eine seltsame Sache mit diesem Buch. Meine Mutter sagte mir, dass nirgends mehr eine Ausgabe davon existiert. Großvater Damien hat es geschrieben und dann, kurz bevor es veröffentlicht werden sollte, hat er es sich wohl anders überlegt und den Verleger angewiesen, alle Exemplare zu vernichten. Niemand scheint den Grund dafür zu kennen, aber meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass er darin eine magische Zeremonie beschrieben habe und dann entschied, dass niemand davon erfahren solle.» Er zuckte mit den Schultern. «Woher weißt du von dem Buch?»
Die Frage machte Elizabeth verlegen. «Leona hat es einmal erwähnt.»
«Ich habe im Internet schon Websites gefunden, wo Sammler nach dem Buch forschen. Wenn ein Exemplar auftauchen würde, wäre das eine große Sache.»
Elizabeth dachte an den ersten Satz des Buchs: Es war einmal ein Mädchen, das so sehr von Magie und Zauberei und allerlei rätselhaften Dingen fasziniert war, dass es beschloss, eine Hexe zu werden.
«Hallo Leute», ertönte da eine Stimme. Sie drehten sich um und sahen Sampson hinter dem Pagentisch stehen. «Ich dachte mir doch, dass ich jemanden hier draußen gehört habe.»
«Hast du heute Nacht Dienst?», fragte Elizabeth.
«Jawohl», sagte er und rückte im Näherkommen seine rote Kappe zurecht. «Der dolle und draufgängerische Diener darf durchhalten in …», Sampsons Augen zuckten nach links und nach rechts, während er nachdachte, «… in Düsternis und Dunkelheit!»
«Wow, Sie sind ja ein echt poetischer …», setzte Hyrum an und suchte nach dem passenden Wort, «ein echt poetischer Page!», sagte er mit einem Fingerschnippen. «Nein, ehrlich, das war toll. Besonders um diese Uhrzeit.»
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.