Kitabı oku: «Göttergold»

Doris Benz und Ben Schreger
GÖTTERGOLD
Historischer Roman
über die späte Bronzezeit

ISBN 978-3-99025-427-1
© 2020 Freya Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Layout: freya_art, Regina Raml-Moldovan
Lektorat: Dorothea Forster
Coverdesign: Ben Schreger
Bildverweise: Cover: Das Amulett auf dem Buchcover zeigt zum einen das Modell einer vereinfachten Darstellung der Sonnenscheibe des Sonnenwagens von Trundholm/Dänemark, fotografiert von Udo Lunddahl, und zum anderen die Darstellung einer bronzezeitlichen Bernsteinscheibe aus Dänemark aus dem Ölbild „Bronzezeit IV-II“ von Jens N H Erdmann. Beiden Künstlern gilt unser besonderer Dank für die Freigabe ihrer Werke.
Zum Sonnenwagen von Trundholm: Nordische Bronzezeit (15. bis 14. Jh. v. Chr. – Periode II); Fundort: Im Moor von Trundholm, Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen
Zur Bernsteinscheibe: Nordische Bronzezeit (17. bis 13. Jh. v. Chr.– Periode II); Dänemark – Fundort unbekannt, Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen
© Adobe Stock: Goldtextur スタジオサラ,
printed in EU
Inhalt
VORWORT
ERSTES Buch
Im Zeichen des Orakels
Das Sonnenfest
Des Schlachters Ruf
Fieberträume
Aufbruch
Ardevi
Zweites
Schwarzmoos
Tara
Die Tore von Thaine
Das Band
Der Stachel
Drittes
Sernagrund
Vom feurigen Fischer
Stimmen
Auf dem heiligen Berg
Die heilige Hochzeit
Die steinerne Stele
Sernagrunds Maskenträger
Im Schatten des Todes
Traumbilder
Abschied
Viertes
Hedars Haus
Schreie im Schwarzmoos
Das rote Tuch
Mitten in der Nacht
Augenblicke
Der Schwur
Fünftes
Reisewege
Jago
Die Felsen von Kar
Der Schlucht entgegen
Die Brücke
Ambera
Lichtblicke
Die Rückbesinnung
Aufwärts
Sturmkrieger
Rovera
Die Stimme des Wassers
Sechstes Buch
Morgendämmerung
Sternenstaub
Der Ruf
Ausklang
Nachwort
Anmerkungen
Danksagung
Schauplätze
Literaturliste
VORWORT
„Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier, wacht auf im Menschen!“, heißt es im Altindischen. Die stein-, kupfer- und bronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas mit ihren vorkeltischen Riten beziehen sich stark auf dieses Weltbild.
Längst schon sind sie aufgewacht, die Menschen, und haben sich der kostbaren Erze in den Steinen bedient. Und so war der Zeitsprung zwischen der Steinzeit und dem Metallzeitalter ein epochaler Schritt. Mit der Verhüttung und Weiterverarbeitung von Kupfer und Zinn zu Bronze ab 2200 v. Chr. entwickelte sich in Mitteleuropa wirtschaftlicher Reichtum und gesellschaftliche Macht. Waffen, Geräte und Schmuck aus Bronze waren die Errungenschaften einer neuen Zeit. Kriegerische Auseinandersetzungen um diese Metalle nahmen zu. Von nun an sollte das Gold den Göttern nicht mehr allein gehören.
Kupfer, Bronze, Zinn, Bernstein und Glas als Zahlungsmittel bedeuteten Umwälzungen in der Gesellschaftsstruktur. Der Handel florierte schon damals über riesige Distanzen von der Ostseeküste bis ins heutige Ägypten. Selbst ein so mächtiges Gebirge wie die Alpen stellte keine unüberwindbare Barriere für die Handelsbeziehungen zwischen Nord und Süd dar. Ein neues Wirtschaftssystem war geboren. Es bildete sich eine Oberschicht heraus. Großsiedlungen und aufwendige Befestigungsanlagen nahmen ihren Anfang. Besonders deutlich wird dies mit der Epoche der Spätbronzezeit von 1300 bis 800
v. Chr. Sie steht für das Bindeglied zur darauf folgenden Eisenzeit, in der das Streben nach Macht durch das neue, noch härtere Metall endgültig den Sieg davontragen sollte.
Die späte Bronzezeit zeugt von hoher Handwerkskunst, von beachtlichem mathematischem Wissen und von einer Ideenfülle, die uns auch heute noch staunen lässt. Mit vielfältigen Kultgegenständen wurde damals versucht über die begreifbare Welt hinauszuschauen. Die Ausläufer ihrer facettenreichen Ausdruckskraft finden sich noch heute in religiösen Fruchtbarkeits- und Jahreszeitenritualen. Und immer wieder ist es der Sonnenmythos, der sich, wie auch in anderen Kulturen, nicht nur in der Kunst offenbart hat, sondern auch in Religion, Philosophie, Heilwissen und Himmelsbeobachtung; dies alles vor dem Hintergrund des gewaltigen Naturgeschehens. Der Mensch hatte sich dem Götterwillen bedingungslos zu beugen. Ernteausfälle und Hungersnöte vertrieben ganze Sippen auf der Suche nach einer besseren Zukunft aus ihrer Heimat. Dann aber entschieden nicht mehr nur die Götter über Freud und Leid. Die Metalle machten ihnen ihre Erhabenheit streitig. Der Mensch strebte immer mehr nach Reichtum und der damit verbundenen Macht und begann seine Zäune zu übersteigen ...
Begeben wir uns nun auf die Reise in die ausgehende Epoche der Spätbronzezeit im 9. Jh. v. Chr., in eine Zeit, in der das Gold den Göttern nicht mehr allein gehören sollte ...
Bei der Entstehung des vorliegenden Romans konnten wir zurückgreifen auf unsere eigenen Vorstudien. Richtungsweisend aber war der konstruktive Kontakt zu Dr. Jürg Rageth vom Archäologischen Dienst Graubünden in der Schweiz. Ihm, als dem weltweit bekannten Experten für bronzezeitliche Forschung, sind wir für die Begleitung unserer Texte zu ganz besonderem Dank verpflichtet!
Die Autoren
Niedereschach und Schorndorf im Jahr 2020
„Nicht die Form der Welle ist es, die sie zur Welle macht,
die Kraft ist es, die sie bewegt ...“
– Keltische Weisheit –
Erstes Buch
Im Zeichen des Orakels
Auch in diesem Jahr erhob sich das Wetter: Der Regen wurde zum größten Feind für die Bewohner des Beleintales in den südlichen Waldbergen. Das Tal, das sich von der Großen Ebene des Stromes Rhenair im Westen bis zum Sonnenberg im Osten hinzog, barg an seinem Ende das Stammesdorf der Lomer. Der Winter hatte noch bis ins Frühjahr hinein ihre Siedlung in eisigem Griff gehalten. Danach tat ein regenreicher Frühsommer sein Schlimmstes, und so kam es, dass fast die gesamte Saat von Emmer und Dinkel und Gerste verfaulte. Es gab eine Hungersnot. Viele Kinder überlebten nicht. Die Sorge um die Zukunft des Stammes griff um sich, und lähmende Angst erfasste die Herzen der Lomersippe.
Die nur aus wenigen Häusern bestehende Siedlung befand sich auf einer Anhöhe über dem Talgrund, umgeben von Feldern und Kleeweiden, die an dichten Wald grenzten, der überwiegend aus Buchenbäumen bestand. In den Häusern mussten die Vorräte aus dem letzten Jahr streng eingeteilt werden, und die Gesichter der Bewohner kündeten davon – wie die regenschweren und dunklen Wolken über den Dächern. Unter einem dieser Dächer lebte Jor, der Sippenführer.
Er öffnete einen Holzkasten und entnahm ihm einen Tonkrug mit Honigwein. Während er in Erwartung seines Gastes den Verschluss aus Birkenpech öffnete und zwei Becher zur Hand nahm, fiel sein Blick durch eine offene Luke auf den Dorfplatz. Dort ragte die Stammeslinde in den grauen Himmel. Sie rief Erinnerungen wach an die vielen heiteren Feste lange zurückliegender Jahre. In diesen Tagen jedoch war alles mager und verhalten ausgefallen. Am Essen musste gespart werden, auch im Hinblick auf die bevorstehende Sonnenfeier. Stattdessen hatten die Lomer unter dieser mächtig ausladenden Lindenkrone nur wenige und stille Bittfeste zelebriert.
In diese schweren Gedanken hinein klopfte es an die Tür. Es war Pjat, das Oberhaupt der Talischen. Die Lomer nannten sie so, da die Siedlung der Talischen zwar nur wenige Steinwürfe entfernt, jedoch um ein paar Baumlängen tiefer lag als das Dorf der Lomer. Trat man vor die Einfriedung der Lomersiedlung, so konnte man auf die Hausdächer der Talischen hinabblicken und die Windrichtung am Rauch aus ihren Firstluken ablesen. Regen troff Pjat von Kappe und Umhang und hinterließ beim Eintreten kleine Pfützen. Jor begrüßte den Gast und forderte ihn auf, am Herdfeuer Platz zu nehmen. Nun ergriff Pjat das Wort: „Nicht das erste Mal ist es, dass wir uns ratlos gegenübersitzen und einer auf des anderen Entscheidung wartet.“
„Die Verantwortung ist zu groß, um solche Entscheidungen allein zu treffen“, bemerkte Jor.
„Wartet Jedaure auf uns?“
Jor bejahte. Sein nachdenklicher Blick glitt erneut aus dem Fenster.
„Jedaures Rat ist meine ganze Hoffnung, denn unter meinen Leuten sind nicht alle einer Meinung. Es gibt da Zweifler.“
„Nicht nur unter euch, Pjat, auch bei uns sind Stimmen laut geworden, die in Frage stellen, ob das Leben an den Seen jenseits des Weißen Gebirges wirklich einfacher ist? Nicht alle trauen den Berichten der Händler, die erzählen, dass es dort sehr mild sei und das Wetter meist gut. Wie ein schmales Band soll sich der lange See von den Bergen bis in die fruchtbaren Ebenen des Südens ziehen, in denen Früchte und Getreide doppelt so groß wachsen und in der halben Zeit reifen sollen wie bei uns. Kann man dem Glauben schenken? Ich wünschte es mir, aber ein Abschied von hier, der ist mehr als schwer. Dieses Tal ist seit Langem unsere Heimat. Aus jeder Pflanze, jedem Baum, jedem Tier, aus jeder Quelle und jedem Stein weht hier der Geist unserer Ahnen.“
„Nun gut, Jor! Es gibt gewiss immer wieder Aufschneider unter den Händlern. Aber etwas Wahres muss ja wohl daran sein.“
„Wer weiß?“, spann Jor die Gedanken von Pjat fort. „Ich denke da an die Begegnung mit Laraun aus der großen Höhensiedlung über dem Rhenair. Er sprach davon, dass ein paar seiner Leute ebenfalls ihre Auswanderung erwägen, obwohl es sich dort – wie wir wissen – deutlich leichter lebt als bei uns. Wir sind einfache Bauern, die Bergsiedlung aber beherbergt viele Handwerker. Ihre Waren haben einen guten Ruf und sind begehrt. Wir mit unseren einfachen Geräten können da nicht mithalten. Außerdem ziehen bei ihnen die Händler durch, und der Warentausch hat immer schon Wohlstand mit sich gebracht. Wen wundert’s, dass Laraun also der Meinung ist, die heimische Erde mache eher satt als alle Versprechungen der Welt.“
„Womit er nicht ganz unrecht hat!“, bekräftigte Pjat.
„Ihre Speicher sind besser gefüllt als unsere. Noch ist das so. Aber was ist, wenn das nasse Wetter auch ihnen die Ernte verdirbt? Dann wird sich der Tauschhandel von wertvoller Ware gegen Nahrungsmittel zuspitzen. Einfache Leute wie wir stehen dann am Ende mit leeren Händen da.“
„Sei es wie es will, doch bevor es so weit ist, müssen wir handeln, nicht nur reden“, sagte Jor mit auffordernder Geste.
„Wir müssen endlich Klarheit haben. Die Götter allein kennen unseren Schicksalsweg, und Jedaure ist die Brücke zu ihnen. Komm!“
Sie erhoben sich und traten aus der Tür. Der Regen hatte aufgehört. Feiner Nebel zog in Schwaden durch die Gassen. An einem Haus, in dessen Türbalken ineinander verschlungene Kreise und ein fünfzackiger Stern eingeritzt waren, machten sie Halt. Holunderbüsche umrahmten den Eingang. In ihren Blütendolden sprühten winzige Tröpfchen wie aus einem Sternenhimmel im Zwielicht des Nebels hervor. Bald würde die Sonne die feuchten Schwaden verzehren.
Auf Jors Klopfen hin erschien eine hohe Gestalt mit schlohweißem Haar und Bart. Es war Jedaure, der alte weise Mann, der im Lauf der Zeit über die Siedlung der Lomer hinaus bekannt geworden war. Woher er wirklich stammte, wusste niemand genau zu sagen. Ebenso wenig, warum er sich als gebildeter Mann bei den Bauern, die ihn verehrten, im Beleintal niedergelassen hatte. Er half ihnen, die Zeiten für Aussaat und Ernte zu bestimmen. Er weissagte ihnen, er leitete ihre Opferrituale, und er gab ihnen aus den Himmelszeichen nützliche Ratschläge. Beim Herannahen erkannte man ihn am Klingeln seines Kettengehänges am Gürtel.
Die Stammesführer traten ein und trugen dem Weisen ihr Anliegen vor. Da ergriff Jedaure einen Lederbeutel und forderte sie auf, ihm zu folgen. Zu dritt verließen sie Haus und Dorf. Ihr Ziel war ein mächtiger Hügel, der den Blick auf die beiden Siedlungen freigab. Biegsame Weiden wuchsen dort. Jedaure schnitt Zweige von ihnen und band sie zu zwei großen Ringen. Er legte sie so zu Boden, dass sie sich überschnitten. Nun entnahm er dem Beutel eine Handvoll Zierscheiben aus Bronzeblech. Die Scheiben trugen in der Mitte eine Ringöse, an der jeweils ein Anhänger von menschenähnlicher Gestalt befestigt war. Mit den Scheiben in der linken Hand – es waren sieben an der Zahl – kniete sich Jedaure vor den beiden Ringen nieder. Dann begann er mit geschlossenen Augen zu sprechen, das Gesicht nach Osten gerichtet:
„Regen, Regen, wenig Brot,
alles Werden ungewiss,
bar von Hoffnung in der Not,
alles wankend, alles trauernd
um der Kinder frühen Tod.
Raub und Grauen, Krieg und Schande,
alles aus dem rechten Lot.
Im Dunkel liegt der Weg,
erloschen ist das Morgenrot.“
Er hob den Arm zum Himmel und bat:
„Entsiegelt euch, ihr großen Götter
zu Einem, das uns helfen kann,
euch gilt mein Ruf, führt ihr uns an!“
Der Arm sank nieder. Die rechte Hand ergriff eine der Scheiben. Voller Ehrfurcht vernahmen Pjat und Jor die Stimme, die fortfuhr:
„Zeigt mir den Weg, zeigt mir die Brücke,
die alles überwinden hilft,
vereint in diesem Augenblicke!“
Jetzt warf Jedaure die erste Scheibe. Sie landete vor einem der beiden Schnittpunkte.
„Die Mitte ist der Weg, die Mitte ist die Brücke,
und nur der Brückenschlag von beiden Seiten
kann sicher uns zu neuen Ufern leiten.“
Es folgte die zweite Scheibe. Sie traf in den rechten Ring.
„Ein Lichtgedanke – nur ein Wort,
ihr Götter, sendet in die Kreise,
dass Segen ruhe auf der weiten Reise.
Lasst fallen euren dichten Schleier,
und zeigt euch im Orakelspiel
als Antwort auf das ferne Ziel.“
Die dritte und vierte Scheibe folgten dicht aufeinander. Sie fanden ihren Platz in der Schnittmenge der beiden Ringe. Jedaure verfiel in einen Sprechgesang, dessen Sinn Pjat und Jor nicht verstehen konnten, so angestrengt sie auch lauschten. Die fünfte und sechste Scheibe waren an der Reihe. Eine traf mitten in den linken Ring, die andere landete außerhalb. Die Blicke der Dorfhöchsten begegneten sich kurz, aber vielsagend, danach starrten sie wieder gebannt auf Jedaures Hand, die sich anschickte, die letzte und siebte Scheibe zu werfen.
„Sei verbunden diesem Bunde,
himmelan und zeitenlos,
ruhend in der Götter Schoß,
siebte, letzte, heilige Zahl,
du bestimm‘ in dieser Runde,
ob zu lassen dieses Tal,
ob zu rüsten und zu reisen?
Ach, ihr Götter gebt uns Kunde,
ist die Ferne uns verheißen?“
Pjat und Jor stockte der Atem. Wo würde sie landen? Sie fiel genau in die Überschneidung der beiden Ringe. Drei Scheiben befanden sich nun darin. Pjat und Jor wagten sich nicht zu rühren. Jedaure öffnete die Augen. Lange Zeit herrschte Schweigen. Dann machte sich Jedaure leise murmelnd daran, die Lage der Figuren an den Ringösen zu deuten. Die beiden Dorfführer erschauerten angesichts der Bedeutung dieses Augenblicks. Gebannt starrten sie auf Jedaure, und so bemerkten sie die Jungengestalt nicht, die sich hinter einem der Büsche verborgen hielt und deren Augen das Geschehen erspäht hatten.
Es war kurz vor dem Sonnenfest, als Nalumbin, der Sohn von Jor, seinen Blick von einem Felszacken aus in die Ferne schweifen ließ. Am südlichen Horizont erhob sich die mächtige Kette des Weißen Gebirges. Zwei Sonnenläufe waren vergangen, seitdem er Jedaures Orakelspiel heimlich belauscht hatte. Die Vorstellung, über das Weiße Gebirge zu ziehen, begeisterte ihn; endlich zu sehen, welche Landschaften dahinter lagen. Über die Gefahren einer Überschreitung des gewaltigen Gebirges war er sich mit seinen vierzehn Sommern nicht im Klaren.
Jetzt aber galt sein Interesse den Vorbereitungen zum kommenden Sonnenfest. Endlich war er alt genug, um mit den Erwachsenen auf den Sonnenberg zu ziehen. Es sollte sein erstes und zugleich letztes Fest auf dem Berg sein; ein Berg, dessen Gipfel in seiner Form an den kraftstrotzenden Nacken eines Stieres erinnerte. Die Götter hatten entschieden, dass die Bewohner von Nalumbins Dorf gemeinsam mit den Talischen fortziehen würden.
Eine seltsame Spannung lag über der Siedlung, und nicht einmal die wärmende Sonne, auf die man so lange gewartet hatte, konnte sie durchbrechen.
Nalumbin vertauschte seinen Standort mit dem Wipfel eines Baumes über der Siedlung. Er sah, wie seine Mutter und Schwester vor dem Haus saßen und aus Zweigen und Blumen Kränze und Girlanden flochten und wie sein Vater das Feuerbecken vorbereitete, in das er anderntags das noch glühende Holz aus dem Herd legen würde.
Es sollte auf den Berg getragen werden, der aufgehenden Sonne entgegen. Mit ihren Strahlen würde sie die Glut neu beleben. Körbe mit Feldfrüchten und Saatgut und Deckelgefäße mit frisch geschöpftem Wasser aus der Quelle wurden auf Karren verladen. Neue Kleidungsstücke, Fibeln und Broschen kamen hinzu. Auch Bündel von sorgsam ausgewähltem Holz für das Festfeuer, das kein Blitz getroffen haben durfte.
Als dann die Talischen aus der Nachbarsiedlung eintrafen, lag nicht nur der Duft von frisch gebackenem Brot über dem Ort, sondern auch eine Stimmung, die die Vorfreude auf das Fest dämpfte. Sie alle wussten, dass es ihr letztes Sonnenfest auf dem heiligen Berg sein würde. Und da spürte auch Nalumbin den Abschiedsschmerz, der wie eine unsichtbare Hand nach der soeben noch hoch fliegenden Freude griff. Als er sah, dass die Talischen sogar ihren Pflug auf eine von Ochsen gezogenen Schleife geladen hatten, da erkannte er, wie groß ihre Sorge um die künftige Fruchtbarkeit ihrer Äcker und damit um ihrer aller Überleben sein musste.
Hatten sie die Absicht, den Pflug morgen auf den Berg zu schaffen, dass auch er am Segen der Sonne teilhaben konnte?
Es war Abend, als Nalumbin mit zwei anderen Jungen das Vieh von der Waldweide in den Pferch der Siedlung trieb. Die Sonne entsandte ihre letzten Strahlen in die Wipfel der Stammeslinde inmitten des Dorfplatzes, während die Gassen zwischen den Häusern bereits im Schatten der kommenden Nacht lagen.
Die bis zur Erde herabreichenden Dächer mit ihren spitzen Giebeln stachen schwarz in den rot glühenden Himmel. Aus einem der Häuser drang leiser Gesang. Auf dem Rückweg sah Nalumbin durch die offene Tür, wie Jendur, der Töpfer, im Schein seines Herdfeuers den Trichterrand eines wohlgeformten Tonkruges verzierte.
In Gedanken versunken war Nalumbin vor dem Haus stehen geblieben, als ihm eine vertraute Stimme ins Ohr flüsterte:
„Ist es nur der Schein von Jendurs Feuer, der deine Augen zum Glänzen bringt, oder spiegeln sich Sorge und Schmerz in ihnen?“
Es war Jedaure. In den Zeiten seines Heranwachsens hatte Nalumbin ihn häufig aufgesucht, um seinen Wissensdurst zu stillen. Auch wenn der weise Mann über die pausenlose Fragerei des Jungen oft ungehalten war, so mochte er ihn dennoch und war stets bereit zu antworten.
„Jedaure, wird der Weg übers Gebirge schwierig sein?“, fragte der Junge.
„Wenn die Götter gnädig sind, ist kein Ziel zu fern. Aber wehe dem, der ihren Zorn zu spüren bekommt. Dann schleudern sie Steine, Schnee und Eis von den Bergen. Die Windgeister fegen über Höhen, zerbrechen Brücken und Stege, entwurzeln Bäume und jagen durch Schluchten, die so tief sind, dass das Auge vergeblich nach ihrem Grund sucht. Und die Kälte streckt ihre eisigen Finger nach allem aus, was lebt. Und dennoch ziehen die Menschen seit ewigen Zeiten über die Berge und versuchen durch Opfergaben die Götter milde zu stimmen und deren Wohlwollen zu erlangen.“
„Ziehen sie auch zum Langen See?“
„Auch zum Langen See.“
„Jedaure! Erzähl mir vom Südland!“, bat Nalumbin.
„Das will ich gerne tun. Bei einem Schluck Gärigem jedoch wird der Geist wacher und die Zunge lockerer. Also, lauf rasch in mein Haus und bring mir einen Becher davon!“
Nalumbin ließ sich dies nicht zwei Mal sagen. Voller Spannung auf Jedaures Bericht eilte er davon. Seine Neugier galt nicht nur dem Südland, sondern auch Jedaures Behausung mit all den seltsamen Dingen. Er kannte den Platz, an dem sich das Gewünschte befand, denn bei so manchem Gespräch hatte sich Jedaure des Kruges bedient und den Becher geleert. Beides, Krug und Becher, standen auf einem ausladenden Wandbrett neben dem Herd. Die Nähe des Feuers hielt das Getränk angenehm warm und damit verträglich. Nalumbin schenkte ein. Es zischte und roch säuerlich und gleichzeitig nach süßreifen Waldbeeren.
Mit dem vollen Becher in der Hand verharrte er. Er konnte nicht anders, denn der Anblick der Sammlung an fremdartigen Gebilden auf dem Brett fesselte ihn auch diesmal. Da waren ein winziger Kessel auf vier Rädern, ein verzierter Schwertgriff, Kamm und Rasiermesser, Spiralringe – alles aus Bronze, und versehen mit geheimnisvollen Zeichen. Neben Kettengehängen aus Tierzähnen, geschnitzten Masken und Kugeln aus farbigem Glas behaupteten sich kleine Figuren aus Horn und Wurzeln, als wollten sie jeden Augenblick lebendig werden.
Dazwischen versteckte sich ein Kästchen, dessen Außenseiten und Deckel weiches, faseriges Leder überzog. Ein Schmetterling und ein vierblättriges Kleeblatt waren auf dem Deckel eingeprägt; Kunstwerke aus mattgrauem, mit Hammer und Punzen bearbeitetem Metall, die Nalumbin schon immer bewundert hatte. Diesmal stand der Deckel offen, und die seit Langem unbeantwortete Frage nach seinem Inhalt erübrigte sich jetzt.
Voller Ehrfurcht berührte Nalumbin das hellbraune Leder, während sein Auge einen flachen Stein von ungewöhnlicher Farbe erfasste. Es war nicht der Schein des Feuers, der den Stein im Kästchen rosa schimmern ließ, es war der Stein selbst. Bis auf die Farbe unterschied er sich nicht von dem harten körnigen Gestein, wie es mit seinem grünlichen Grau in den Waldbergen vorkam, und in dem sich der Wald widerspiegelte.
Das Besondere aber an dem Stein waren seine Ritzzeichen: Die Köpfe von zwei vogelartigen Wesen, die mit großen kreisrunden Augen in entgegengesetzte Richtungen schauten; sie saßen auf lang gezogenen, geschwungenen Hälsen, die am Rand des Steins endeten. Zwischen beiden Köpfen ließ sich ein Kreissymbol aus vier Ringen erkennen. Die fremdartigen Bilder muteten seltsam an. Warum hatten die Vogelwesen keine Körper? Jetzt erst bemerkte Nalumbin, dass die Kante unter ihren Hälsen abgebrochen zu sein schien.
„Nalumbin! Wo bleibst du? Ich warte nicht länger!“ Es klang ungeduldig. Es war Jedaures Ruf.
Ein letzter Blick noch beim Verlassen von Jedaures Haus! An der Wand blinkten im Feuerschein Schallbleche und eine Lure auf! Mit dem überschäumenden Becher in der Hand rannte Nalumbin hinüber zu Jendurs Werkstatt, bemüht, nichts von dem edlen Tropfen zu verschütten. Als dann Jedaure einen tiefen Zug nahm, wiederholte Nalumbin die Frage, die ihm nach wie vor auf den Lippen brannte: „Warst du schon einmal im Südland?“
„Nein, aber ein alter Freund mit Namen Arfund ist mehrmals übers Weiße Gebirge in den Süden gezogen. Nicht nur in seinen jungen Jahren. Er kennt die Wege wie kein anderer. Über seine Reisen hat er mir viel und so ausführlich berichtet, dass ich am Ende meinte, selbst unterwegs gewesen zu sein. Noch immer sehe ich das Bild vom Langen See vor mir, das er mir geschildert hat: Tiefblaues Wasser zwischen steil aufragenden Bergen, die sich nach Süden bis zu den fruchtbaren, sonnigen Ebenen hinziehen. Zu jeder Jahreszeit ein Hauch von Frühling. Frisches Grün, saftige Uferwiesen! – Ich habe dir doch schon öfters von den Nachbarbergen unserer Waldberge im Nordosten erzählt ...“
„Du meinst die Tafelberge, deren Gipfel so aussehen als hätten die Götter sie auf halber Höhe abgeschnitten?“, fiel Nalumbin Jedaure ins Wort.
„Ja, so ist es! Östlich von diesem Gebirge, am Divonefluss, gibt es Siedlungen, die an den alten, in alle Himmelsrichtungen führenden Handelswegen liegen. Hier befördern die Händler ihre Geräte, Waffen und Schmuck, aber auch Feuerstein, Gold, Glaspaste, Rohkupfer und lebensnotwendiges Salz. Dort, in der Thainesiedlung, diesem wichtigen Ziel- und Ausgangsort, ist mein Freund Arfund sesshaft geworden. Vor drei Sommern hat er mich besucht. Unser ganzes Dorf hat ihn angestaunt – er ist eine wilde Erscheinung. Erinnerst du dich noch?“
Oh, ja! Nalumbin erinnerte sich genau an den Besucher von damals. Nie zuvor hatte er einen solch abenteuerlich aussehenden Mann gesehen. Derbe Gestalt. Ein breiter, gedrungener Rücken, stämmige Beine und Arme. Gekleidet in Fell und zerfranstes Leder. Um den Hals ein Bündel von Raubtierzähnen, das ihm dieses wilde Aussehen verlieh.
„Auch die Völker des Südens scheuen den Weg nicht über das Weiße Gebirge, ebenso wenig wie mein Freund Arfund“, fuhr Jedaure fort.
„Zu den großen Handelsstätten bringen sie kostbare Keramik, Öl und feine Gewürze, die man nur mit Gold aufwiegen kann. Auch neues Handwerk in der Herstellung von Gerätschaften gelangen über diese alten Wege zu uns.“
Mit einer Handbewegung deutete Jedaure auf die offene Töpferwerkstatt. Dabei begann das Kettengehänge aus den vielen kleinen Bronzeringen an seinem Gürtel zu klingeln und er fuhr fort:
„Sieh her! Meine Ringe! Auch das Zinn, das zur Herstellung von Bronze benötigt wird, kommt von weit her aus den Landschaften im Westen an den Küsten des Großen Meeres. Du siehst, wie die Dinge sich vereinen. Das Ferne wird nah und das Nahe wird fern.“
Aus der Werkstatt drang Sprechgesang. Jedaure und Nalumbin sahen, wie sich Jendur nach getaner Arbeit auf den Boden setzte. In sich versunken, beschwor er nun mit seltsamen Lauten den schönen Krug, der vor ihm stand.
„Wird Jendur diesen Krug morgen opfern?“
„Ja, das wird er tun. Auf dem Sonnenberg wird er ihn im Schein der Mondin in eine Felsspalte werfen. Der Krug wird zerbersten, und jede Scherbe wird der Göttin geweiht sein. Doch hör! Jendur besingt den Krug. Er dankt der Göttin für die Erde, aus der er ihn schaffen konnte. Sein Loblied wird in jeder Scherbe klingen bis hin zum kleinsten Splitter. Keines Menschen Hand wird den Krug, wenn er erst zerbrochen ist, je wieder für sich nutzen können. Was für diesen Krug gilt, gilt auch für das Gold. Gold, das gehörte früher nur den Göttern. In diesen Tagen aber mehren sich die Schurken, die es den Göttern streitig machen. Der Glanz des Goldes widerspiegelt sich auf schlimme Weise in ihren Augen. Sie sind geblendet von Reichtum und Macht. Wehe uns, wenn diese Macht missbraucht wird. Dann ist das Unheil nahe, denn die Götter werden zürnen. – Doch jetzt lass' uns mit Freude auf den morgigen Tag blicken! Zum ersten Mal wirst du auf dem Sonnenberg durchs Feuer springen. Es ist das Feuer, in dem der Sonnenfunke wohnt!“
Diese aufmunternden Worte ließen das Bild des Herdfeuers in Jedaures Haus aufflackern. Nalumbin sah das Wandbrett mit dem Lederkästchen, das sich ihm unerwartet offen gezeigt hatte, und ohne nachzudenken, ob er ein Recht hatte, nach dem Sinn seines Inhalts zu fragen, brach es auch schon aus ihm heraus: „Jedaure! Das schöne Kästchen mit dem Schmetterling und dem Kleeblatt! Ich hab' hineingeblickt! Der Deckel war offen! Ich wollte nicht neugierig sein, aber der Stein mit den Vogelköpfen, er hat mich angeschaut! Was hat er zu bedeuten? Woher kommt seine rötliche Farbe?“
Es kam keine Antwort. Als Nalumbin den Blick hob, sah er in ein Gesicht, dessen Miene sich verfinsterte, so wie auch das Tageslicht schwand. Jedaures Hand umklammerte den treuen Begleiter, seinen Stab, als suche sie Halt. Nalumbin fühlte sich unwohl in seiner Haut. Warum hatte er sich nicht beherrscht und geschwiegen? Hatte er Jedaure mit seiner Neugier verärgert? Nalumbin fühlte sich schuldig. Er fror. Dann, nach geraumem Schweigen, sagte Jedaure:
„Du musst jetzt gehen!“
Als hätte Jedaure es geahnt, hörte der Junge auch schon die Stimme seines Vaters:
„Nalumbin! Komm endlich her!“, rief es durch die dunkle Gasse. „Der Karren belädt sich nicht von allein!“
„Ich komme, Vater!“
Eine Geste des Abschieds, dann ein letzter Blick in Jedaures Gesicht, und Nalumbin konnte nicht anders, als unschlüssig stehenzubleiben. Er sah, wie Jedaures Züge sich nach einem Schluck aus dem Becher plötzlich entspannten, und wie der Kummer einem nachsichtigen Lächeln wich. Da fielen Kälte und Unwohlsein von Nalumbin ab.
„Im Kästchen liegt die Erinnerung an meine Heimat, an längst Vergangenes. Im Stein hat es sich verkörpert!“
„Nalumbin! Wie lange sollen wir noch auf dich warten?“ In Jors Stimme schwang ein drohender Unterton.
„Geh', Junge!“, befahl Jedaure.
Im Begriff zu folgen, wandte sich Nalumbin noch einmal um. Sein Gesicht war von Schatten umspielt, und die Stimme zögerlich, beinahe ängstlich:
„Jedaure, werde ich den Sonnenberg jemals wiedersehen?“
„Deine jungen Füße werden dich noch weit tragen!“
„Kann das Glück mit uns sein, auch wenn wir in die Fremde ziehen?“
„Mit einem großen Gedanken im Herzen wirst du jede Grenze überschreiten. Orientieren kannst du dich an den Sternen. Erreichen wirst du sie nicht, und das ist gut so. Das Glück ist immer umsonst. Erkennen musst du selbst, wo es liegt.“
Die Schritte des Jungen wurden rascher und verklangen. Die Mondin überschüttete nun die Siedlung mit ihrem Licht. Im Gebüsch sang der Nachtvogel. Jors Fackel erhellte den Platz vor dem Haus, auf dem der gepackte Handwagen stand. Letzte Handgriffe. Im Haus selbst flackerte das Herdfeuer. Knisternd rollte sich die Birkenrinde unter den sorgsam geschichteten Scheiten zusammen. Im Kessel kochten eine Handvoll Linsen und ein Stück Speck – die Mahlzeit, mit der sich die Familie am kommenden Morgen vor dem Aufbruch stärken würde.
Als dann das Feuer nur noch glimmte und Nalumbin sein Lager aufgesucht hatte, ließen ihn Jedaures Worte lange nicht zur Ruhe kommen. Aber auch die Vorfreude auf das Sonnenfest verwehrte ihm den Tiefschlaf. Bläulicher Morgenschimmer lag über der noch stillen Lomersiedlung, als er sich heimlich aus dem Haus stahl. Unter Jors Schnarchlauten war es seinen geschickten Händen gelungen, den Riegel fast geräuschlos wegzuschieben und die Tür zu öffnen. Auf bloßen Füßen huschte er zum Dorfplatz.
Sanft zupften die Windschwestern an den Blättern der alten Stammeslinde und verbreiteten ihren Duft. Nalumbins Augen suchten nach dem kleinen Holzschrein, der sich in der Krone des mächtigen Baumes verbarg. Von seinem Vater wusste er, dass dieser Schrein ein Kleinod hütete – einen Bernstein von unvergleichlicher Farbe –, den die Lomer ‚Träne des Meeres‘ nannten.
Die ersten Vogelrufe mischten sich in das Windgeflüster. Das Laubwerk der Linde, in dem sich das Geheimnis barg, zitterte und raschelte. Der Sand unter Nalumbins Füßen knirschte, als er den Stamm umrundete. Er hörte Tritte, die sich näherten. Bildete er sich dies ein? Waren es seine eigenen Schritte? Er blieb stehen und lauschte. Eine Stimme, die er kannte, rief: „Junge! Was tust du hier?“ Es war die Stimme von Jor. Nalumbin fühlte sich ertappt.
„Ich konnte nicht schlafen, Vater!“
„Du hast doch etwas im Sinn, sonst würdest du um diese Zeit nicht nach draußen schleichen! Was ist es, das dich beschäftigt?“
„Ich war in Jedaures Hütte. Hast du schon einmal das Kästchen mit dem Schmetterling und dem Kleeblatt gesehen? Der Deckel stand offen, und ich schaute hinein. Ein Stein liegt darin, der so ganz anders aussieht, als unsere Steine – mit seltsamen Zeichen darauf – zwei vogelartigen Wesen. Weißt du, was sie bedeuten?“
„Jedaure hütet so manche Besonderheit, deren Geschichte und mythische Bedeutung nur er kennt! Wenn dir das Kästchen mit dem Schmetterling aufgefallen ist, dann hast du sicher auch die anderen rätselhaften Dinge in seiner Sammlung bemerkt?“
„Ich habe Jedaure nach dem Kästchen gefragt. ‚In ihm liegt die Erinnerung an meine Heimat‘, hat er geantwortet. Hast du eine Ahnung, woher Jedaure stammt und wie alt er ist?“
„Das weiß niemand so genau!“
Jor zog den Sohn auf die tiefschattige Bank unter dem Baum. Zurückversetzt in die Tage seiner Kindheit erzählte er:
„Solange ich denken kann, hat die Erscheinung Jedaures einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Als ich alt genug war, fragte ich meinen Vater, so wie du mich jetzt fragst, nach dem Geheimnis um Jedaure, der damals schon alterslos zu sein schien. Wir saßen genau hier, am selben Ort, als ich seinen Geschichten aus längst vergangener Zeit zuhörte.“
Jor legte seinem Sohn den wärmenden Mantel um.
Dann fuhr er fort: „Von meinen Vater weiß ich, dass Jedaure in jungen Jahren in einem Land weit im Westen gelebt hat, mit Ufern, an denen sich steiler Fels mit der weißen Gischt des Meeres vereint. Und doch bleibt die genaue Herkunft Jedaures ein Rätsel. Es war dein Urgroßvater – sein Name war ‚Bardo‘ –, dem Jedaure vor vielen Sonnenumläufen einst ein dunkles Geheimnis anvertraut haben soll ...
Es hieß, dass eines Abends ein besonders vertrauter Schüler seinem Lehrmeister aufgelauert habe. Es soll an der Küste des Meeres an jenem Ort gewesen sein, an dem der weise Mann oftmals den nächtlichen Sternenhimmel und den Lauf der Mondin betrachtete, umringt von hohen Steinen. Der Schüler war der Schönheit eines kostbaren Bernsteins verfallen, der die Spitze eines Eichenstabes zierte – das Eigentum des Meisters! Der Schüler versuchte, diesem den Stab zu rauben. Ein heftiger Kampf entbrannte, wobei es dem Schüler gelang, dem Meister den Stab zu entreißen.“
Nalumbin lauschte in atemloser Spannung. Jor spürte seine Erregung und nahm seine Hand.
„Stell dir vor! Kaum aber war der Stab in der Hand des flüchtendes Diebes, sprach der Meister einen Fluch über ihn aus. Augenblicklich sandten die Meeresgötter ihre Fluten nach ihm. Die tosenden Wellen rissen den Frevler mit sich, und die tiefen, nachtschwarzen Wasser sollen ihn für immer verschlungen haben! Die Meeresgötter aber gaben den Stab mit der Bernsteinspitze wieder frei. Am Morgen darauf fand der weise Mann den Stab unversehrt inmitten des Steinkreises liegend! Warum es ihn dann von den Küsten des Meeres fortzog, darauf gibt es bis heute keine Antwort. Von meinem Vater weiß ich nur, dass die Füße des weisen Mannes ihn weit nach Osten trugen. So weit, bis sie schließlich die südlichen Waldberge erreichten.“
„Was ist aus ihm geworden?“, platzte es aus Nalumbin heraus.
„Das wirst du gleich erfahren, mein Sohn! Im Beleintal dann, in unserem Tal, in unserer Siedlung, suchte der fremde Wanderer Schutz vor Unwetter unter einer Linde, dem Baum, unter dem wir jetzt sitzen.
Und nun höre und staune: Als er seinen Stab gegen den Stamm dieses Baumes lehnte – so hat es dein Urgroßvater Bardo meinem Vater berichtet – soll sich etwas Unfassbares zugetragen haben: Unser alter Lindenbaum verneigte sich zum Erstaunen und auch zum Entsetzen der Lomer unter lautem Krachen und Ächzen vor dem Fremden mit dem prachtvollen Stab.
Die Äste des Baumes neigten sich so tief, als wollten sie nach etwas Bestimmtem greifen. Mit einem Donnerschlag, der die Luft zerriss, fuhr ein Blitz herab! Stimmen sollen im Blätterdach gewispert und geraunt haben! Als der Baum sich wieder aufrichtete, fand sich die abgebrochene Spitze des Stabes mit dem Bernstein unter einem herabgestürzten Ast am Fuß des Stammes. Aus dem Ast wurde später die Bank gezimmert, auf der wir jetzt sitzen! Der Baum hatte den Stein an sich genommen. In einem kunstvoll geschaffenen Eichenschrein wurde er hoch oben in der Linde verborgen und blieb bis heute das Allerheiligste für uns Lomer.“
„Und was geschah dann mit dem fremden Wanderer?“, rief Nalumbin aus, während sein Kopf Schutz suchend an die Schulter des Vaters sank. Die Linde schien ihm plötzlich unheimlich.
„Der fremde Wanderer hat sich bei uns Lomern niedergelassen. Da niemand wusste, wie er wirklich hieß, gab man ihm den Namen ‚Jedaure‘, was so viel bedeutet wie: ‚Der, zu dem die Bäume flüstern‘!“
Dieser Name ließ Nalumbin nicht nur verblüfft aufhorchen. Er sprang auf, wandte sich um, und seine Hände tasteten nach der Rinde des Baumes, als könnten sie dem Geschehen von damals nachspüren. Das soeben Gehörte schien ihm unglaublich.
„Dann sind der fremde Wanderer und Jedaure ein und derselbe?“
Jor spürte Nalumbins Erregung. Besänftigend zog er ihn wieder an seine Seite unter den Mantel.
„Ja! So wird es erzählt! Doch das alles war vor meiner Zeit. Ich weiß nur, dass Jedaure viel älter ist als die ältesten Bewohner des Beleintals! Und dein Urgroßvater Bardo starb schon vor langer Zeit!“
„War dein Großvater auch Sippenführer der Lomer, wie jetzt du und zuvor dein Vater?“,fragte Nalumbin.
„Ja, das war er. Der Stand des Vorstehers wurde schon vor Generationen auf den Sohn übertragen, sofern dieser seine Sache im Sinne seiner Sippe gut machte. Wenn nicht, wurde er davongejagt und geächtet. Wehe ihm, wenn er sich an Hab und Gut anderer vergriff, um seinen eigenen Besitz zu mehren!“
Bei dem Gedanken, dass er, Nalumbin, auch einmal dieses Erbe von Jor anzutreten hatte, wurde ihm fast schwindlig.
Mit stockender Stimme fragte er: „Muss auch ich eines Tages dein Nachfolger werden?“
„Es wird noch lange dauern, mein Junge. Ich habe vor, alt zu werden! Schließlich muss ich für die Sicherheit unserer Leute auf dem Zug über das Weiße Gebirge sorgen! Was danach geschieht, das wissen allein die Götter! Du hast also viel Zeit, dich auf deine künftige Aufgabe vorzubereiten!“
Der Warnschrei eines Eichelhähers rief Nalumbin und seinen Vater in die Wirklichkeit zurück. Diese Wirklichkeit war aufregend! Aufregend ob der Ungewissheit der Zukunft jenseits der Weißen Berge. Aufregend auch angesichts des hohen Festes auf dem Berg, an dem er, Nalumbin, zum ersten Mal den heiligen Stein sehen durfte.
Vater und Sohn traten aus dem Nachtschatten des Baumes und blickten hinauf in sein mächtiges Astwerk, in dem sich die ‚Träne des Meeres‘ verbarg. Die ersten Sonnenstrahlen vergoldeten die sommergrünen Blätter ...
Das Sonnenfest
Im Licht des jungen Tages bewegte sich der festlich geschmückte Zug der Lomer und der Talischen den Sonnenberg hinauf, langsam, schweigend. Nur die Stimmen der Vögel, das Rattern der Räder und das Gemecker der mitgeführten Ziegen waren zu hören. An manchen Stellen war der Pfad so schmal, dass die Karren und Schleifen in den Kurven mehrmals vor- und zurückgesetzt werden mussten, um weiter zu kommen. Häufig galt es auch den Weg von Steinen und Geröll freizuräumen. Über allem wogte der Buchenwald. Wie eine Schlange wand sich der Pfad dem Gipfel entgegen.
Höher und höher kletterte er, wurde steiler und steiler, bis nach einer Wegbiegung eine mächtige Felsplatte erreicht war. Dort hielt der Zug. Frei konnte der Blick über das Tal zum nebelverschleierten Horizont schweifen. Die steigende Sonne tauchte einen aufgerichteten Stein in gleißendes Licht. Es schien, als würde dieser Stein zwischen Himmel und Erde schweben, seiner gewaltigen Größe trotzend.
Jetzt wurden Mehl, Salz und Brotstücke zur Besänftigung der Windschwestern und Wolkengeister verstreut. Die sichere Ankunft auf dem Gipfel hing von ihrer Gunst ab. Mit tönernen Schellen rief man die Luftfeen an und bat um ihren Schutz. Für den Donnergott wurden die Ziegen gemolken und die Milch in steinerne Schalen gegossen; runde Vertiefungen, die in den felsigen Boden gehauen waren. Dem Berggeist gehörten Kuchen und Feldfrüchte. Eine Spalte im Fels verschlang sie. Die Bitte, den Berg betreten zu dürfen, war damit erfüllt.
Zum Zeichen der Verbindung mit den fruchttragenden Kräften der Erde berührten die Frauen den taunassen Grund mit Händen und Stirn. Unter den schräg einfallenden Sonnenstrahlen blinkten Tropfen an Halm und Blatt und vertrieben das Nachtdunkel aus den Bäumen.
Die letzte Wegstrecke stand bevor. Es bildeten sich Abstände zwischen den Gruppen. Als eine der ersten erreichten Nalumbin und sein Vater mit dem voll beladenen Karren den Gipfel. Als das Auge des Jungen zum ersten Mal die ungeheure Weite ringsum erfasste, durchlief ihn ein Schauer.
Noch stand die Sonne östlich vom Zenit. Kalt und scharf blies der Wind. Fester zog er den ledernen Umhang um die Schultern, den ihm seine Mutter eigens für den großen Tag des Erwachsenseins genäht hatte. Jetzt endlich stand er selbst auf dem heiligen Berg, dem Altar der Götter, dem Ort des Lichts und der Sonne näher als jemals zuvor.
Im Nordosten begrenzte das Massiv des Donnerberges den Blick. So nannten die Siedler des Beleintals den mächtigsten unter ihren Waldbergen, denn oftmals umtobten erzürnte Wettergeister seinen Gipfel, launisch, unberechenbar und von zerstörerischer Kraft. Im Sommer, wenn Regen fiel, verdichtete er sich zu Wänden aus Wasser; und im Winter, wenn es schneite, schlugen dem Wanderer Böe um Böe wie eisige Peitschenhiebe entgegen, erbarmungslos.
Das Gebrüll des Donners aber war die Sprache des Berges und wurde landauf und landab gehört, krachend und grollend bis hinab ins Beleintal. Darauf folgende Blitze fuhren wie glühend geschmiedete Schwerter herab und setzten den Himmel über dem Berg in Brand. Der Nachhall des Donners aber blieb noch lange in den Bäumen hängen, tief unten in den Tälern.
Am südlichen Horizont erhob sich die Kette des Weißen Gebirges, ohne Anfang, ohne Ende. Sie schien wie in ewiger Ferne und doch zum Greifen nah. Scharf zeichneten sich ihre Umrisse im wolkenlos blauen Himmel ab. Nun wanderte der Blick nach Westen und erfasste die Ebene, die sich tief und weit ausbreitete. Wie ein silbernes Band zog der Hauptstrom des Rhenair dahin. Seine Nebenarme verbanden sich zu einem funkelnden Netzwerk. Auch jenseits des Großen Stromes erhoben sich im Westen Berge.
Die Einheimischen erzählten sich, dass Westberge und Waldberge einst ein einziges Gebirge gewesen seien. Missgestaltete Dunkelwesen hätten darin gehaust. Als sie Zauberwaffen schmiedeten, mit denen sie den Waldgöttern ihre Macht zu entreißen versuchten, gerieten diese in großen Zorn. Sie schlugen das Gebirge entzwei und schoben die Hälften weit auseinander, bis ein breites Tal entstand.
Regen- und Flussgötter, Verbündete der Waldgötter, entsandten daraufhin ihre Fluten zu Tal und verschlangen die Abtrünnigen. In den Tiefen des Rhenairs sollten ihre Seelen für immer gefangen sein. In mondlosen Nächten höre man ihr Wehklagen, so hieß es.
Die Vorbereitungen für das nächtliche Fest dauerten bis zum frühen Abend. Der heftige Wind hatte sich gelegt. Die Wettergeister und Wolkenfeen waren den Feiernden wohlgesonnen. Noch einmal wurden die Ziegen gemolken. Auf einem mächtigen Steinblock, in dem viele kleine und große, zum Teil durch Rinnen verbundene Schalen eingehauen waren, ordneten die Frauen Blumengirlanden zu einem Rad. In die Schalen füllten sie Milch und Honig, Samen, Kräuter, Nüsse, Beeren, Blätter und Baumrinde. Auch Wasser, das sich mit dem Nacht- und Morgentau vermischen sollte – das Kostbarste, das es zu gewinnen galt. In ihm wirkten die Kräfte des Himmels und der Erde.
Nalumbin sah, wie Aithe, seine Mutter, und andere Frauen kleine, nackte Frauenfiguren aus Ton und Holz niederlegten. Auch sie sollten die zeugende Kraft der Sonne in sich aufnehmen und den Frauen Glück und gesunde Kinder bringen. Zwischen Flachs und Schafwolle warteten tönerne Spinnwirtel und Webgewichte auf das Erscheinen der Sonne; ihre Wärme würde die Schutzwirkung der anzufertigenden Kleidung verstärken und gegen Krankheiten schützen.
Allmählich breitete sich die Nacht auf dem Berg aus. Ein funkelnder Sternenhimmel zog auf, und das Licht der fast runden Mondin überschüttete den Berg mit seinem Glanz. Die Menschen ruhten. Nur Jedaure legte sich nicht nieder. Er wachte am Zeitenstein, seit die Mondin im Osten über dem Horizont aufgestiegen war. Als dann das Gestirn der Nacht vor die Rinne trat, die vor langer Zeit in den Steinblock gekerbt worden war, gab er das Zeichen zum Beginn des Festes. Mit drei Hornstößen weckte er die Ruhenden, und augenblicklich war alles auf den Beinen.
Bald erfüllten das Prasseln des Feuers und Sprechgesänge die Luft. Im rhythmischen Takt bewegten sich Hände und Füße der Feiernden, die das hell lodernde Feuer umkreisten. Trommeln, Flöten, Schwirrhölzer und Hörner erklangen. Schallbleche und Klapperringe mischten sich darunter. Die Ersten begannen mit dem Sprung durch das Feuer, dessen Lohe als heilkräftig galt. Nalumbin zögerte, als er an der Reihe war. Sein Herz schlug heftig. Noch im Sprung wunderte er sich, dass ihm das Feuer nichts anhaben konnte, und als er wieder sicher auf den Füßen landete, leuchteten seine Augen vor Stolz.
Jetzt verließen Jendur und Jedaure den Festplatz. Jendur trug den Opferkrug. Ein Scheppern und Klirren nun im Fels, und Jendurs Werk von Tagen war auch schon in Stücke zersprungen und konnte von keiner Menschenhand mehr gebraucht werden. Es gehörte allein den Göttern.
Als es an der Zeit war die Botschaft des gesungenen Wortes zu hören, ließ man sich am Feuer nieder. Zwei Sänger, Großvater und Enkelsohn, setzten sich einander gegenüber. Ihre Handflächen legten sie aneinander, verschränkten ihre Finger und wiegten ihre Oberkörper hin und her, vor und zurück. Die Gesänge der Ahnen erklangen. Der alte Sänger sang vor, der junge Sänger wiederholte die Worte. Es klang wie ein Echo. Sie sangen von einem Land, das sich der Sonne entgegenhob, getragen von vier goldenen Pfeilern. Ein Land, in dem es weder Krieg noch Klage gab.
Die Gesänge verklangen. Das Festmahl begann. Wie schon in den letzten Jahren fiel es nicht üppig aus. Die Jagd aber war erfolgreich verlaufen und so gab es Fleisch. Linsen- und Hirsegerichte dagegen waren knapp. Wildgemüse, Quark und kleine Kuchen, gesüßt mit dem Sirup von Veilchen und Holunder, rundeten die Mahlzeit ab. Gärgetränke aus Äpfeln, Hagebutten, Löwenzahn und Brombeeren, vermischt mit Honig und Quellwasser, sorgten trotz der Zukunftssorgen für Heiterkeit.
Bald schon stieg der neue Morgen rötlich dämmernd aus dem Osten herauf und weckte den Berg. Hoch aufgerichtet stand Jedaure am Opfertisch. Im noch nächtlichen Schatten hob er die Arme, bereit den Segen der Sonne zu empfangen. Tiefe Stille herrschte unter den Versammelten, als sich dann die ersten Strahlen im Opferwasser spiegelten. Die Sonnenkräfte, die nun diesem Wasser zuflossen, gab Jedaure weiter an die in langer Reihe vorbeiziehenden Menschen. Jedem Einzelnen benetzte er die Stirn.
„Die Kraft des Lichtes soll uns begleiten auf unserem Zug über Berg und Tal, durch Eis und Schnee, bei Sturm und Regen!“, sprach Jedaure mit fester Stimme und wandte sich an die beiden Stammesführer.
Da überreichte ihm Pjat auch schon eine kleine Schale aus blankem Gold, kaum größer als eine Faust. Jedaure stellte sie auf den Tisch. Reihen von kunstvoll getriebenen, kleinen und großen Perlbuckeln und ein Ringmuster umliefen sie. Woher die Schale stammte, dies war bis zum heutigen Tag ein Geheimnis geblieben. Für die Talischen, die fast allesamt Bauern waren, bedeutete sie eine Kostbarkeit von unschätzbarem Wert.
Der Überlieferung nach wusste man, dass die Vorfahren der Talischen das kleine Prunkstück beim Fischen in der Reuse gefunden hatten, zu Zeiten, in denen größte Not herrschte. Wissend, dass alles Gold den Göttern gehörte, gaben sie die Schale dem Fluss wieder zurück. Als sich dann anderntags die Schale erneut in der Reuse zwischen dem spärlichen Fischfang befand, begannen sie sich zu wundern, wie dies angesichts des rasch fließenden Wassers möglich war.
Sie fragten sich, ob es ein Zeichen der Götter sei, ihre Not zu lindern? Ein zweites Mal warfen sie das kostbare Gold zurück ins Wasser. Und siehe da! Das Kleinod befand sich ein drittes Mal in der Reuse. Hiermit war es gewiss: Es war die Dreiheit, auf der alles fußte. Damit sahen sie die Schale als ein Geschenk der Götter an. Die Götter selbst hatten sich ihrer angenommen! Und so verehrten die Talischen fortan dieses Geschenk und hüteten es streng.
Lomer und Talische umstellten nun den Steinernen Tisch. Nalumbin, der mit seinem Vater in Jedaures Nähe stand, sah zum ersten Mal die Schale. Noch nie zuvor hatte er Gold gesehen. Es war für ihn, als wäre die Sonne selbst mit ihrem Glanz herabgestiegen. Jetzt aber wartete auch der Schatz der Lomer darauf, ans Licht zu kommen.
Jedaures Hand hob den Deckel des Schreins, griff hinein, und da war sie – die ‚Träne des Meeres‘, eine in Bronze gefasste Scheibe aus Bernstein, durchsichtig wie Glas und von strahlender Schönheit!
Jedaure hielt den Stein gegen das Sonnenlicht. Für alle sichtbar erglühte er in feurigem Rot. Purpurfarbene, fast schwarze Linien durchkreuzten sein Inneres: Es war das versteckte und machtvolle Bild des Radkreuzes. Die bronzene Fassung, die den Stein umschloss, endete in einem Schaft, der sich zu einem Spiralmuster verjüngte. Dies ließ erahnen, dass der Bernstein Jedaures Stab einst als Spitze gedient haben musste.
Jedaures Kettengehänge am Gürtel klirrte und durchbrach die Stille. Sein Blick schweifte weit in die Ferne. Am Himmel segelte ein Falke. Nalumbin und alle anderen sahen, wie Jedaure den Stein der Lomer in die Schale der Talischen legte. Zum Zeichen der Zusammengehörigkeit beider Stämme goss er Wasser über die Stammesheiligtümer. Es war Wasser vom Morgentau, belebtes Wasser, in dem die Sonnenfunken wirkten.
In manchen Gesichtern schimmerte es tränenfeucht. Dann aber wich die Anspannung. Lomer und Talische schüttelten sich die Hände und beglückwünschten sich zum Sonnenfest. Noch einmal erklangen die Hörner, die Flöten, die Trommeln und die heiteren Gesänge. Jor verwahrte die beiden Kleinodien im Schrein. Jedaures Hand malte unsichtbare Schutzzeichen darüber. Damit war das Bündnis besiegelt. Bis zum Aufbruch der beiden Sippen sollte der Schrein hoch oben in der Lomerlinde verwahrt werden.
Mit einem letzten, ausgelassenen Tanz um den Altar verabschiedeten sich die beiden Sippen vom Berggipfel, der bald schon seine Umrisse in herabdrängenden Wolken verhüllte. Müde, aber glücklich über die Gnade, die ihnen die Sonne durch ihr Scheinen auf die Opfergaben erwiesen hatte, kehrten sie in die Siedlung am Fuß des Berges zurück, wo die Daheimgebliebenen sie erwarteten, Alte, die nicht mehr gut zu Fuß waren, und Kinder, darunter Nalumbins kleine Schwester Suri, die ihm mit strahlend blauen Augen entgegenrannte. Es war ein vertrautes Gefühl, die kleine Hand zu spüren, die nach der Hand des großen Bruders griff.
Nalumbin blickte in ein rosiges Gesicht. Grübchen in den Wangen verrieten eine Frohnatur. In Suris blonden Löckchen steckten Blumen und erinnerten an Schmetterlinge. Unter dem ausgefransten Rocksaum lugten zwei Füßchen so dunkel hervor, als hätten sie bald eine Wäsche nötig.
Vor aller Augen kletterte Jor nun mit dem Schrein in die Linde. Hoch oben befand sich eine Plattform, auf der er den kleinen Kasten wieder befestigte. Andächtig blickten Lomer und Talische in den Baum empor. Unzählige Sonnen und Monde schon hatte der mächtige Baum gesehen. Lange aber dauerte es nicht, und die Andacht wich erneut dem Frohsinn.
Die Lomerfrauen verteilten Mohnkuchen und Brot. Die talischen Männer füllten Becher um Becher mit ihrem letzten Honigwein. Gemeinsam lagerten sie alle unter dem Baum und verweilten dort bei Gesang und Gesprächen bis weit in den Abend.
Längst schon schwebte die Mondin am Himmel, als endlich Ruhe in den Häusern einkehrte. Noch immer berauscht von den Erlebnissen auf dem Sonnenberg, blieb Nalumbin auf seinem Lager noch lange ohne Schlaf. Wie im Traum zogen die Bilder der Nacht und des entschwundenen Tages vorüber.
Lebhaft stand der Augenblick vor ihm, als die ersten Sonnenstrahlen das Wasser auf dem Altar aufleuchten ließen. Wie ein Himmelsauge hatte ihn darin die Sonne angeblickt. Heiß und kalt war es ihm über den Rücken gekrochen. Am Tag, unter der Kraft des Lichtes, hatte er großen Mut, hatte sich als Mann gefühlt, ja unbändige Reiselust empfunden auf das große Abenteuer der Weißen Berge.
Neugier, Drang nach Wissen und Zukunft hatten die Oberhand gewonnen, jetzt aber, im Dunkeln, drohte das ängstliche Kind in ihn zurückzukehren, das Furcht hatte vor den bösen Geistern der Nacht. Nalumbin rollte sich zusammen, kroch tiefer unter sein Fell. Die bösen Geister – gab es sie, und was hatten sie vor ...
Des Schlachters Ruf
Jor war der Erste im Haus, den das Gebell der Hunde aus dem Schlaf riss. Sein vom Jagen geschärftes Gehör nahm das Surren von Pfeilen wahr, die klackend auf das Dach prallten. Feuerschein drang durch die Luke. Bei ihrem Öffnen sah Jor einen brandhellen Himmel. Sein Herz zog sich zusammen. Entsetzen! Das Dorf der Talischen! Es brannte! Über Jor erfasste ein mächtiger Windstoß die noch spärlichen Flammen und ließ den Dachfirst wie von Geisterhand auflodern.
„Räuber!“, schrie er: „Männer, schlagt die Pfeile ab, löscht das Feuer!“
Jetzt waren auch die anderen Männer der Lomersiedlung auf den Beinen, griffen zu allem, was sich zur Verteidigung fand, stießen die Türen auf und stürzten hinaus.
„Hierher, Jendur, zu mir ans Haupttor! Du, Tiann, übernimm die Ketten! Leuk und Norin, öffnet das Fluchttor!“, drang die Stimme seines Vaters an Nalumbins Ohr, während er sich aus dem Schlaf quälte. Danach hörte er die Schläge von aufeinandertreffendem Metall und das Krachen von Beilen, wie sie ins Holz des Palisadenrings schlugen. Schmerzensschreie, wilde Flüche und das Geklirr von Ketten zerrissen die Nacht.
„Was ist das?“, stammelte Nalumbin. Da spürte er auch schon Aithes Hand, die ihn hochriss.
„Raus, Kinder! Schnell, es brennt!“, befahl sie.
Sie drückte Nalumbin seinen Beutel in die Hand, warf ihm den Umhang zu und drängte ihn und die kleine Suri auch schon ins Freie. Am Fluchttor der Siedlung warteten bereits Leuk und Norin und entließen die Flüchtenden in den angrenzenden Wald. Auch die anderen Frauen waren bereits mit ihren Kindern und Bündeln auf den Beinen. Sie hasteten den Pfad entlang, der zu einem Felssporn führte. Darunter verbarg sich die Fluchthöhle.
Die Angreifer aber hatten die Absicht der Flüchtenden erkannt. Sie schnitten ihnen den Weg ab. Leuk und Norin kämpften mit Todesverachtung, um ihn zu verteidigen. Der Feind aber war in der Überzahl. Mit einem gellenden Schmerzensschrei sank Leuk zu Boden. Ein Schwert hatte ihn durchbohrt.
Da wurde Nalumbin im Gemenge von Aithe und seiner Schwester getrennt. Panische Angst erfasste ihn. Ziellos hastete er umher, stolpernd, schwankend. Sein Herzschlag dröhnte in den Ohren. Es knisterte und knackte im Unterholz. Schreie und Waffengeklirr hinter ihm trieben ihn wieder auf die Siedlung zu. Beim Anblick des brodelnden Feuers, das sich pfeifend in die Häuser hineinfraß, kamen ihm die Tränen.
Jetzt hatten sich die einzelnen Brandherde vereinigt. Rauchschwaden verdunkelten die Mondin. Ein Teil des Schutzzaunes aus aufgerichteten Stämmen war niedergerissen. Im Feuerschein der Flammen sah der Junge, wie Jendur gegen mehrere Angreifer mit einer bronzenen Sichel kämpfte, ihm zur Seite Tolte, der Weber, die schwere Steinaxt schwingend. Tiann ließ die Ketten durch die Luft rasen, und wehe jedem, der in ihren Sog geriet. Mit Kampfgeschrei rannten Pjat und seine Männer aus der Nachbarsiedlung herbei. Das Grauen packte Nalumbin, als er über einen abgeschlagenen Kopf stolperte. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, irrte er am Rand des Schlachtfeldes umher.
Eine Hand, die Nalumbin plötzlich auf seiner Schulter spürte, ließ sein Herz für Augenblicke stillstehen. Es war eine Hand, die sich blutig anfühlte. Es war die Hand seines Vaters, die den Sohn noch einmal berühren wollte. Sterbend brach Jor zusammen.
„Nalumbin! Rette die Schale, rette den Stein! Bring sie in Sicherheit! Hier, mein Dolch, nimm ...“!
Es waren Jors letzte Worte. Verzweifelt und in brennendem Schmerz umklammerte Nalumbins Hand noch einmal die blutige Hand des Vaters. Dann stürzte er blind vor Tränen davon, mitten durch den Schauplatz des Grauens, vorbei an Wimmern, Stöhnen und Klageschreien. Der Geruch von Blut folgte ihm bis zur Linde.
Eine nie gekannte Schwäche überfiel ihn und lähmte seinen Willen. Es war, als würde eine Nebelwand vor ihm aufziehen. Und doch drangen Stimmen und Hufschläge hindurch. Den Stamm der Linde umfassend, spürte er nach Augenblicken, die ihm wie Ewigkeiten schienen, seine Kräfte zurückkehren. Die Stimmen kamen näher.
„Rasch, den Dolch verstauen!“, befahl er sich.
Dann, ein Griff in den gespaltenen Stamm des Baumes, und schon zog er sich hinauf. Hinauf, nur hinauf in den Schutz des Baumes! Das Feuer, das die Nacht erhellte, entsandte flackerndes Licht bis in das Blätterdach und enthüllte den Schrein.
Mit zitternder Hand öffnete Nalumbin den Kasten. Sie griff nach dem Bernstein und steckte ihn in seinen Beutel. Ein zweiter Griff! Die goldene Schale der Talischen, die im Feuerschein aufblinkte.
„Was machst du da?“, schrie es von unten.
Die Stimme fuhr Nalumbin durch Mark und Bein. Die Schale entglitt seiner zitternden Hand, noch bevor diese sie in den Beutel stecken konnte. Mit leisem Klirren fiel die Schale in die Tiefe. Entsetzen packte Nalumbin. Zu Stein erstarrt verharrte er im Baum. Unter sich hörte er Schritte. Sie umrundeten den Baum. Er wagte kaum zu atmen. Die Schritte entfernten sich. Es war der Augenblick, in dem der Junge all seinen Mut zusammennahm und sich in fliegender Hast den Stamm hinabhangelte. Ein letzter Sprung, und er hatte wieder festen Boden unter den Füßen.
Doch noch bevor er nach der verlorenen Schale suchen konnte, bauten sich auch schon zwei dunkle Gestalten drohend vor ihm auf und wollten nach ihm greifen. Mit einem scharfen Haken entfloh er und hetzte auf den Wald zu, den Beutel fest umklammert. Die Furcht vor den nächtlichen Geistern verblasste vor der Angst, von den Gestalten ergriffen zu werden, die ihm auf den Fersen waren.
Er rannte und rannte, ohne jeden Plan. Äste und Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Scharfe Dornen griffen nach seinen Kleidern. Gebüsche und Baumwurzeln versperrten ihm den Weg und ließen ihn immer wieder straucheln. Dichter und schwärzer wurde die Wand aus Unterholz. Wie ein Rasender kämpfte er sich hindurch. Todesangst im Nacken erstickte jeden Schmerz. Dort, wo sich unerwartet Abhänge vor ihm auftaten, verließ er sich nicht auf seine Füße, sondern rutschte hinab. Nur fort, weit fort von den wilden Flüchen, die hinter ihm durch die Nacht hallten. Sein Atem dampfte, und er verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum, und er wusste nicht, ob seine Flucht durch den Wald jemals ein Ende nehmen würde.
Als ihm dann ein Bach den Fluchtweg abschnitt, hielt er erschrocken an. Die Angst vor den Verfolgern aber trieb ihn weiter. Eilends watete er ins Wasser, das im Licht der Mondin hell aufschimmerte. Unter seinen Füßen fühlte er große, runde Steine. Da geschah es! Er glitt aus und stürzte. Ein rasender Schmerz am Knöchel!
„Weiter!“, befahl er sich. Triefend nass humpelte er durch den Bach zum anderen Ufer, den Beutel immer noch umklammernd. Die Stimmen seiner Verfolger verloren sich. Irgendwann und irgendwo wich die Angst der Erschöpfung. Er sank auf den Waldboden.
Der Morgen dämmerte herauf. Prasselnder Regen weckte Nalumbin. Zitternd vor Kälte versuchte er aufzustehen. Es wollte kaum gelingen. Durch den Regenschleier nahm er in unmittelbarer Nähe übereinandergetürmte Felsblöcke wahr. Das Verlangen nach einem trockenen Unterschlupf war genauso stark wie der Schmerz im Fuß, und so schleppte er sich zu den Felsen, auf der Suche nach einem schützenden Dach, das es doch hier irgendwo geben musste.
Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Unter Ranken und Gesträuch verbarg sich eine höhlenartige Nische, in die er hineinkroch. Unter großer Anstrengung zog er seine nassen Kleider aus. Nur sein lederner Umhang schützte ihn. Seine Mutter hatte das Leder gut eingefettet. Ihr, dem toten Jor und seiner Schwester Suri galten seine Gedanken, bevor er auf dem moosigen Grund in schweren Schlaf fiel ...
Fieberträume
Der Tag war längst gegangen. Sturm war aufgekommen. Er fegte an der Felsspalte vorbei und entsandte sein Heulen in das Dunkel der Nacht. Nalumbin lag in schwerem Schlaf. Auch der Ruf des Eichelhähers, der den Morgen ankündigte, vermochte ihn nicht zu wecken. Fieber lähmte seinen Körper.
Unzählige Tropfen des nächtlichen Regens, die sich von den Baumwipfeln hinabstürzten, glänzten im Sonnenlicht und ließen die Welt vor der dunklen Höhle wie einen Kristall erstrahlen. Nalumbin aber hatte keinen Blick für die Schönheit des Morgens. Frierend und doch voll innerer Glut kroch er aus der Felsnische. Die Zunge klebte am Gaumen. Als er aufzustehen versuchte, durchfuhr ein brennender Schmerz den Fuß. Seine Hand tastete nach dem aufgeschürften Knöchel und fühlte unter der heißen, gespannten Haut eine starke Schwellung. Dann aber siegte der Durst über den Schmerz.
So sehr er nach seinem Sturz den Bach verflucht hatte, umso dankbarer war er nun, ihn in der Nähe zu wissen. Durch regennasses Gras kroch er fort, den kranken Fuß als eine Last mit sich ziehend, die sein Körper kaum tragen konnte.
Endlich, das Kinn auf einen flachen, glatten Stein am sumpfigen Ufer gestützt, gelang es ihm zu trinken. Beinahe unersättlich. Frische Kräfte kehrten in ihn zurück. Nicht für lange, jedoch lange genug, um einen Blick auf die Umgebung zu werfen.
Vor sich sah er die schaufelartigen Blätter des Wasserklees. Sie erinnerten ihn an die Frauen seiner Sippe, an Aithe, wie sie ihren fieberkranken Kindern mit dem Kraut Erleichterung verschafft hatten. Entschlossen riss seine Hand Blätter von der Pflanze. Den Kopf immer noch auf dem Stein, halb im Wasser liegend, umspült vom leise dahinplätschernden Bach, kaute er Blatt um Blatt. Es schmeckte unangenehm bitter und es kostete ihn Überwindung, den Brei zu schlucken. Und während er sich dazu zwang, war ihm, als flüstere es aus dem Bach:
„Es gibt noch andere Pflanzen an meinem Ufer, die dir helfen können!“
„Welche?“, wollte er fragen. Da trat auch schon Jedaure in seine Fieberfantasien und deutete auf Körbe mit Weidenrinde und wildem Flieder, und er konnte sich selbst sehen, wie er beim Schneiden und Pflücken der Heilmittel geholfen hatte. Jetzt verschwammen die Bilder.
Der Bach schwieg. Um Nalumbin wurde es Nacht. Eine innere Stimme aber rief ihn wach, die ihm befahl, den Kopf aus dem Wasser zu heben. Vom Fieber geschüttelt kroch der Kranke zurück zur Höhle.
Später, als sich der Tag neigte und der Durst wieder unerträglich wurde, verließ der Junge seine Behausung auf ein neues und suchte den Bach auf, nicht nur um zu trinken, sondern in der Hoffnung, einen Weidenbaum zu finden. Die Wegstrecke zu einer Gruppe Weiden, die auf einer verlandeten Bachschleife stand, schien ihm endlos. Getrieben vom Wunsch, den stechenden Schmerz im Fuß zu lindern, brachte er es mit vielen Unterbrechungen dann zuwege, mit dem Messer seines Vaters Bast und Rindenstücke von den Weidenstämmen zu lösen.
Unter ihnen wucherte wilder Knoblauch, der schon verblüht war. Die zerkauten Blätter drückte er auf den verletzten Knöchel. Von Jedaure wusste er um die reinigende Wirkung der Pflanze. Es brannte.
Zurückgekehrt in sein Lager, löste er die Lederschnur von seinem Beutel und band damit die Weidenrinde um den Knöchel. Erschöpft, willenlos und mit hämmerndem Kopf überließ er sich dem Schlaf. Immer wieder trat Jor in seine Fieberträume, fragte ihn nach dem Bernstein und der Schale. Nalumbin wollte antworten, wollte ihm sagen, dass er den Stein hatte retten können, doch die Zunge lag ihm wie ein Klumpen im Mund. Auch sah und hörte er seine Sippe, wie sie nach ihm rief. Er wollte aufspringen, wollte ihr entgegenlaufen.
Eine Macht aber drückte ihn nieder, schwarz und drohend – Fieber, das ihn umzubringen drohte.
Wie viele Sonnen und Monde auf- und untergegangen waren, wusste Nalumbin später nicht zu sagen. Er wusste nur, dass er sich von Zeit zu Zeit zum Bachufer geschleppt hatte. Der Bach – er war sein Lebensretter. Dem frischen Wasser verdankte er es, dass er lebte. Auch den Pflanzen dankte er. Sie hatten mitgeholfen, das Fieber und die Entzündung im Fuß zu bekämpfen.
Zum ersten Mal, auf schwachen, jedoch beiden Beinen verließ er humpelnd die Höhle. Er hatte Hunger, unsäglichen Hunger. Jetzt war der Jagdtrieb in ihm erwacht, denn die Beeren allein, die ihm die Vögel an einem Strauch übrig gelassen hatten, konnten den entkräfteten Körper nicht stärken. Und so, wie es ihn die älteren Jungen seiner Sippe gelehrt hatten, suchte er sich nun am Bach eine Stelle, an der sich kleine Krebse vermuten ließen.
Vorsichtig und langsam tastete er in das grün schimmernde Bachgeröll am Uferrand, wendete Stein um Stein. Seine Geduld wurde mit einem Krebstier belohnt. Er brach die Schale auseinander und schlang das weiße Fleisch hinunter. Flussmuscheln, die er ausschlürfte, rundeten diese erste Mahlzeit ab. Die Entzündung im Fuß war am Abklingen und die Schwellung am Zurückgehen, doch steigerte sich der Schmerz am Knöchel mit der Anzahl seiner taumelnden Schritte.
Heißhunger nach gebratener Nahrung überkam ihn. Er watete in den Bach. Nach langem Ausharren im kalten Wasser, was seinem kranken Fuß guttat, gelang es ihm einen Fisch zu fangen. In seinem Beutel fanden sich Feuerstein und Zunderschwamm. Jetzt galt es nur noch trockenes Holz zu sammeln. Er fand es unter Felsvorsprüngen und in geschützten Spalten, abgestorbene Äste, die Wind und Wetter den Bäumen entrissen hatten.
Nach mehreren Versuchen, Feuer zu entfachen, leckten dann endlich die ersten Flämmchen nach der aufgeschichteten Rinde. Blauer Rauch kräuselte sich. Aus den Flämmchen wurden alsbald Flammen. Zweige und Äste brannten hell. Darüber briet der aufgespießte Fisch. Betörender Duft stieg dem Jungen in die Nase, und in Erwartung der köstlichen Mahlzeit wurde ihm der Hunger fast zum Genuss.
Dann der erste Biss in den rauchgeschwärzten Fisch! Es war köstlich. Das Leben kehrte zurück. Jetzt hatte er das Gröbste überstanden. Er fasste neuen Mut und beschloss, noch am gleichen Tag nach Hause aufzubrechen. Der kostbare Stein in seinem Beutel rief ihn zur Pflicht. Der Gedanke aber an die goldene Schale der Talischen, die ihm entglitten und mit Sicherheit verloren war, bereitete ihm großes Unbehagen. Wie enttäuscht würden sie sein, wenn er ohne ihr Heiligtum zurückkehrte?
Wer waren die Männer, die sein Dorf überfallen und angezündet hatten? Waren Aithe und Suri noch am Leben? Und wie mochte es dem alten Jedaure ergangen sein? – Fragen über Fragen, die sein Herz bewegten und bei denen sich seine Stirn umwölkte.
Nachdem sich Nalumbin noch eine Zeit lang am Feuer aufgewärmt hatte, packte er zusammen. Gestützt auf einen Ast trat er den beschwerlichen Heimweg an. Immer wieder zwang ihn Schwäche zur Rast. So stand die Sonne schon weit über dem Zenit, als er sich seiner Siedlung näherte. Warum war es so still?
Warum schlugen die Hunde nicht an? Ein beklemmendes Gefühl beschlich ihn. Dem Land entströmte Brandgeruch. Eine entsetzliche Gewissheit griff nach ihm.
Und dann sah er es mit eigenen Augen, die brannten, tränenlos, fassungslos: Die Siedlung war menschenleer. Auch aus dem Dorf der Talischen wehte derselbe Gestank. Vom Haus seiner Eltern waren nur noch verkohlte Reste und Aschehaufen übrig. Alle Bauten boten denselben Anblick: Zerborstenes, wie von wütender Riesenhand durcheinander geworfenes Rundholz, schwarz und rußig!
Die wenigen nicht verbrannten Häuser wie verloren – leblos, menschenlos. Die Windschwestern trieben ihr Spiel mit einer offenen Türe und bewegten sie knarrend hin und her. Zögernden Schrittes näherte sich Nalumbin und trat ein. Es war Jedaures Haus. Es war leer. Kein Topf und kein Tiegel über dem Herd. Kein Feuer. Kein Krug und kein Becher. Keine wundersamen Gegenstände mehr auf dem Wandbrett, kein Lederkästchen mit Schmetterling und Kleeblatt.
Nur ein Bett, in dem ein zerfranstes Fell lag. Daneben ein unförmiger, großer Stuhl aus Birke und Binsen. Jedaures Ratsstuhl. Und da wusste Nalumbin: Sie waren fortgezogen. Ohne ihn.
„Warum haben sie nicht auf mich gewartet? Warum haben sie nicht nach mir gesucht?“, schrie es aus ihm heraus.
„Haben sie vielleicht geglaubt, ich bin verschleppt worden? Oder dachten sie etwa, ich sei tot?“
Doch das Haus blieb stumm, und so verstummte auch Nalumbin. Waren die Rufe seiner Sippe, die er im Traum gehört hatte, vielleicht Wirklichkeit gewesen? Bei diesem Gedanken wurde ihm das Herz so schwer, dass er meinte, er könne es nicht mehr tragen. Tränen flossen über sein zerkratztes Gesicht. Ausgelaugt von Schmerz und Kummer sank er auf Jedaures Stuhl und verharrte dort, bis irgendwann die Schatten des Abends den Raum verdunkelten. Mit ihnen meldete sich die Nacht mit ihren Geistern. In Jedaures Bett verkroch er sich unter das Fell, wagte sich nicht zu rühren. Verlassenheit drückte ihn nieder, und er glaubte nie wieder aufstehen zu können. Wie enttäuscht würde sein Vater – lebte er noch – von ihm sein, wenn er ihm ohne die Schale der Talischen entgegentreten würde!
Draußen pfiffen die Windschwestern und brachten Regen, der auf das Dach trommelte und dessen Eintönigkeit Nalumbin müde machte. Erschöpfung und Sehnsucht nach Geborgenheit nahmen ihn schließlich in die Arme und ließen ihn einschlafen.
Dann, im fahlen Licht eines nebeltrüben neuen Morgens, erblickte Nalumbin frisch aufgeschichtete Steinhügelgräber am Waldrand – auch Reste von Scheiterhaufen in einiger Entfernung. In einem der Gräber vermutete er die Asche und die Knochenreste seines Vaters. Er fragte sich, woraus wohl die Urne beschaffen war? Hatte Jendur, der Töpfer, falls er den blutigen Überfall überlebt hatte, vor dem Wegzug der Sippe noch Zeit für die Herstellung von tönernen Urnen gefunden, oder befanden sich die Leichenbrände in einfachen Behältnissen aus Holz? Oder hatte man die Reste der Toten ohne jeden Schutz auf den Boden der Gräber gestreut? Mit welchen Beigefäßen, Speisen und Getränken war sein Vater für die Reise in die andere Welt ausgestattet worden? Diese Fragen jagten Nalumbins Gedanken.
Den steinernen Hügel flankierten aufgerichtete Pfosten. Stoffbänder hingen an ihnen. Ihre Farben und Muster entsprachen denen von Jors Mantel. Ein flacher Graben umzog die Grabstätte. Versunken in Trauer und Hoffnungslosigkeit kniete Nalumbin davor.
Flüsternd, fast unhörbar, als wolle er die Ruhe der Toten nicht weiter stören, fragte er:
„Vater! Was soll ich tun? Welchen Weg soll ich nehmen? Wenn du doch nur antworten könntest! Nur ein Wort! Ein einziges Wort!“
Der kleine Steinhügel schwieg. Die Nebel begannen sich aufzulösen. Die Sonne stand am Himmel. Eine leere Stille lastete auf Jors Sohn. Tränen rollten über sein Gesicht. Er ließ es zu, denn es gab ja niemanden, der sie sehen konnte. Er sehnte sich zurück in die Welt seiner Kindheit, wissend, dass er an einem Scheideweg angelangt war. Er dachte an vergangene Feste, dachte daran, wie die Menschen fröhlich unter der Stammeslinde getanzt und gesungen hatten. Trauer mischte sich ein, aber auch Dankbarkeit. Trauer über das Verlorene.
Noch einmal rief ihn die Linde auf dem Dorfplatz zu sich. Nur wenige Äste zeigten noch grünes Laub. Die meisten Blätter hatte die Feuerhitze versengt; die einen schlaff geworden, die anderen spröde und wartend auf den nächsten Stoß der Windschwestern, der sie davontreiben würde. Nalumbin kauerte sich an den Stamm. Seine Finger ertasteten die Rinde – ein Stillstehen zwischen Heimat und Ferne.
Sein Blick wanderte über den Stamm, entlang von Spalten, Furchen und Rinnen, in denen es feucht schimmerte. Der uralte Baum mit seiner Rinde entführte ihn in winzige Welten: Landschaften, in denen sich schroffe Berge und tiefe Täler auftaten, durchzogen von Flüssen und Wäldern aus Moosen und Flechten. Auch die Wurzeln des Baumes, die weit hinab in das Erdreich griffen, bargen tiefe Spalten.
Vom Regen blank gewaschene Steine schimmerten wie aus einem dunklen Versteck im Sonnenlicht hell herauf. Als sich Nalumbin wieder vom Baum abwandte und ins volle Licht trat, zogen die Bilder des Sonnenfestes an ihm vorüber: Die letzten Schritte auf den Gipfel des Berges, der Sprung durchs Feuer, die goldene Schale der Talischen, wie sie unter den ersten Sonnenstrahlen aufgeleuchtet hatte.
Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Hatte ihm vorhin nicht etwas entgegengeblinkt, hatte heller geleuchtet als die anderen Steine? Mit klopfendem Herzen kehrte er zum Baum zurück, warf sich zu Boden und spähte ins Erdendunkel. Nun erkannte er das Muster auf dem Gegenstand, den er zuvor für einen Stein gehalten hatte: Reihen von zentriert angeordneten getriebenen Kreisen und ineinander verschlungene Doppelornamente, die an Flussschleifen erinnerten, und sich wiederholende Strichmuster – die Schale der Talischen!
In höchster Erregung spürte Nalumbin ungeahnte Kräfte zurückkehren. Das Leid, das ihn vor wenigen Atemzügen noch schwer niedergedrückt hatte, fiel von ihm ab. Ein fast schmerzhaftes Glücksgefühl durchströmte ihn. War es die Göttin, die die Schale vor dem Zugriff der Plünderer geschützt hatte, den Mördern seines Vaters? War sie es, die ihm soeben ein Zeichen gesandt hatte? – Es war der Augenblick, in dem er sein Schicksal annahm, und in dem sich die Verantwortung für den Bernstein der Lomer und für die Schale der Talischen tief in sein Herz grub.
Wo aber war der Weg, dem er folgen sollte? Von seinem Vater wusste Nalumbin, dass die beiden Sippen vom Sonnenberg aus zuerst nach Südosten ziehen wollten, um so manchen Waldberg zu umgehen. Wie lange waren sie schon unterwegs, fragte er sich? In den nächsten Tagen würde ihn sein Fuß daran hindern, ihnen zu folgen. Einholen konnte er sie nicht mehr. Das soeben noch empfundene Glücksgefühl wich Zweifeln, die jetzt in ihm aufkamen. Selbst wenn er den Langen See irgendwann erreichen würde, wie sollte er dann jemals den genauen Ort finden, an dem sich die beiden Sippen niedergelassen hatten?
Da fiel ihm das Gespräch mit Jedaure vor Jendurs Werkstatt ein. Jedaure hatte von den Tafelbergen erzählt, von ihren östlich gelegenen Siedlungen und von seinem alten Freund Arfund, der dort in der großen Thainesiedlung lebte und der den Weg übers Weiße Gebirge kannte wie kein anderer.
Wieder stand die wilde Erscheinung von Jedaures Freund Arfund mit ihrem mächtigen kahlen Schädel vor ihm, umrahmt von einem Kranz schwarzen Kraushaares. Das Gesicht, sturmerprobt, von dunkler Farbe, so wie die Augen, die unter dichten Brauenbüscheln in die Welt blickten, als würden sie alles durchschauen.
Einer, der die Welt kannte und der in Nalumbin das Fernweh geweckt hatte. Ja, wenn ihn jemand zu seinen Leuten führen konnte, dann war es Arfund.
Nalumbin wusste, dass die Divone auf der Baraanebene östlich der Waldberge floss. War er erst einmal dorthin gelangt, so würde ihn der Lauf des Flusses bestimmt durch die Tafelberge zur Thainesiedlung im Osten führen. Zu Arfund. Doch auch diese Reise konnte er nur mit einem gesunden Fuß überstehen. Wohl oder übel würde er noch ein paar Tage in der Siedlung ausharren müssen.
Es kostete ihn Geschicklichkeit und Geduld, bis es ihm gelang, die goldene Schale mit einem Stock aus dem Wurzelgeflecht des Baumes zu befreien. Ergriffen betrachtete er aus nächster Nähe das kostbare Wunderwerk. Mit der Schale in der Hand stand Nalumbin lange unter der alten Linde. Sie hatte sich mit Sonnenlicht gefüllt.
Es war dann der Hunger, der ihn zu den wenigen Häusern trieb, die das Feuer nicht ganz vernichtet hatte, um dort nach etwas Essbarem zu suchen. Unter herabgestürzten Dachsparren stieß er auf einen angekohlten Kasten mit Hirseresten. Voller Gier kratzten seine Finger jedes Korn zusammen und stopften es in seinen Mund. Im verbrannten Dorf der Talischen fanden sich in einer vom Feuer verschonten Vorratsgrube getrocknete Bohnen.
In den nächsten Tagen ergänzten Beeren, Pilze und ein paar Bachforellen die Mahlzeiten, und so ging es Nalumbin zunehmend besser. Sein Knöchel schmerzte zwar noch immer, doch wollte er keine Zeit mehr verlieren und beschloss aufzubrechen. In seinen Beutel steckte er den Bernstein und die in einen Fetzen Ziegenleder gewickelte Schale. Das Zweiglein mit Samen, das er von der Linde brach, kam hinzu. Ebenso ein paar Nüsse, die er in der Fluchthöhle der Lomer gefunden hatte.
Es war ein trauriger Abschied vom Grab seines Vaters, bevor er davonschritt; tief beseelt von dem Wunsch, an jenen fernen Ort zu gelangen, den er noch nicht kannte und von dem er nur eine vage Vorstellung besaß. Dann warf er sich den Umhang über und ging festen Schrittes davon, in der Absicht, sich nicht mehr umzuwenden und nur noch nach vorne zu schauen ...
Aufbruch
Von seiner Siedlung aus folgte Nalumbin stets dem Höhenkamm, der sich vom Sonnenberg nach Osten zum Donnerberg zog. Eine Strecke weit war er den Weg schon mit seiner Mutter auf der Suche nach bestimmten Pflanzen gegangen. Mit Büscheln an Kräutern, soviel sie tragen konnten, waren sie zurückgekehrt, und kein anderer als Jedaure war es dann, der die Pflanzen mit magischen Worten beschwor. In Wurzeln, Blättern und Blüten sollten die Kräfte wachgerufen werden, die Mensch und Vieh von Krankheiten heilen und vor umherschweifenden Geistern aus dem Schattenreich schützen sollten.
In Hochstimmung über das unerwartete Auffinden der Schale der Talischen und mit frischem Mut war es Nalumbins Ziel, den Donnerberg noch am selben Tag zu überschreiten. Je mehr sich aber der Tag neigte, umso langsamer und müder wurde sein Schritt und der Gipfel des Berges war immer noch fern. Der Schmerz im Knöchel quälte ihn und zwang ihn zur Rast. Unter einer Tanne von mächtigem Wuchs ließ er sich nieder. Er erinnerte sich, dass es der Ort war, an dem Aithe und er sich vor dem Rückweg zur Lomersiedlung ausgeruht und gestärkt hatten.
Die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit vertrieb er sich mit dem Schnitzen eines Bechers aus einem Stück Eschenholz. Als dann die Dämmerung das Land blau überschattete, beendete er sein Werk, auf das stolz zu sein, es keinen Grund gab. Schief und krumm stand der Becher vor ihm.
Während das Land in Finsternis versank, sank auch Schweres, Bedrohliches in Nalumbins Herz. Fernes Wolfsgeheul ließ ihn ängstlich in die Nacht hinaushorchen. Durch das Geäst des Baumes blickten Sterne auf ihn herab und hielten ihm seine Kleinheit und Schwachheit vor Augen.
Die halbe Nacht lang lag er wach. Unter seinem Umhang wälzte er sich ruhelos. Erst gegen Morgen fiel er in schweren Schlaf.
Es ging auf Mittag zu, als er wieder zum Aufbruch bereit war. Den Fuß hatte er in einem Bächlein gekühlt und mit dem Rest an Birkenbast verbunden, der sich in seinem Beutel fand. Von nun an gestaltete sich der Weg durch ein pfadloses Dickicht mühselig und kraftzehrend. Wunsch und Wille aber, das ersehnte Ziel zu erreichen, ließen ihn durchhalten.
Am frühen Abend endlich erreichte er den Gipfel des Donnerberges. Um freie Sicht zu haben, stieg er in den Wipfel eines Baumes. Vor ihm, am nordöstlichen Horizont, erhoben sich die Höhenzüge der Tafelberge. Berge, deren Gipfel in der Tat so eben waren, wie sie Jedaure beschrieben hatte. Vor ihnen erstreckte sich die Baaranebene. Irgendwo dort musste die Divone fließen.
Nach langem Schauen wandte Nalumbin den Blick nach Westen. Noch einmal wollte er den Sonnenberg sehen. Heimweh überkam ihn. Der Hunger aber trieb ihn fort. Vielleicht würde er irgendwo auf eine Siedlung stoßen und sich eine Mahlzeit erbetteln können. Entschlossen machte er sich an den Abstieg zu einem vorgelagerten Gipfel.
Schaudern überkam ihn, als er sich über den Rand eines Felsvorsprungs beugte und tief unter sich den Kessel eines kreisrunden Sees liegen sah. Bis auf eine Uferseite, von der aus ein Tal nach Nordosten führte, fiel das Gelände um den See fast senkrecht ab.
Dies musste der Dunkle See sein, ein Ort, den die Menschen mieden und in dem sich ein Schatz verbergen sollte. Dämonen der Unterwelt trieben dort ihr Unwesen und bewachten ihn. Wehe, wer ihnen zu nahe kam, der war verloren, erzählten sich die Leute. Ein Schritt zu weit ans Ufer, und die Dämonen griffen mit schlangengleichen Armen zu und zogen den Eindringling mit sich hinab in die Tiefen des Sees. Wie gebannt starrte Nalumbin in das dunkle Wasser. Es schien, als schaute der See zu ihm herauf, als wollte er ihn mit seinem finsteren Blick durchbohren und ihn festhalten. Nun verstand er, warum die Bewohner des Beleintals den Dunklen See auch das ‚Auge des Donnerberges‘ nannten.
Über Nalumbin rauschte es plötzlich bedrohlich. Ein großer Raubvogel schoss an ihm vorbei in die Tiefe. Nalumbin erschrak. Sein Herz schlug schneller.
„Die Dämonen mit den Schlangenarmen!“, fuhr es ihm durch den Kopf.
„Fort, nur fort!“
Und schon hastete er davon, mit einer Hand den Beutel am Gürtel fest umklammernd. Fels- und Steinbrocken, mächtige Farne und Wurzeln bremsten bald schon seine Schritte, und sein Herzschlag beruhigte sich wieder. Tiefer stieg er mit der Absicht, in das Tal zu gelangen, das er vom Felssporn aus erblickt hatte. Ein kleiner Bach begleitete ihn, als wolle er ihm den Weg weisen.
Die Strahlen der Sonne fielen schräg durch die Wipfel. Der Buchenwald warf lange Schatten. Ein paar Mal hatte Nalumbin versucht, Eichkatzen und Tauben mit einem Stein zu treffen. Die Versuche misslangen. Die Tiere waren flinker als seine Wurfhand. Steinschleuder und Bogen fehlten. Zu ihrer Herstellung würde er das Gedärm eines Tieres benötigen.
Durch Gebüsch und Unterholz zog es ihn voran, er war bestrebt, die grüne Kühle des Waldes hinter sich zu lassen. Steinblöcke und Baumstämme kehrten unter den Schatten des Abends ihre Gesichter und Gestalten hervor. Nalumbin bemühte sich, nicht hinzuschauen. Die Furcht vor den Geistern der Dunkelheit lauerte.
„Nicht daran denken! Vorwärts, nicht zurückschauen!“
Bald schon führte ihn der Bach zum Ufer eines Sees. Die untergehende Sonne tränkte sein Wasser in glühendes Rot. Auf einem Stein sitzend tauchte Nalumbin die heiß gelaufenen Füße ins kühle Nass. Seine Hand ließ mit flachem Wurf Kieselsteine über die Wasseroberfläche hüpfen. Die Steine, sie zogen Wellenkreise; leichte Wellen, die über zitternde schwarze Baumwipfel glitten, die sich vom Ufer aus im Rot des Sees spiegelten. – Ein Farbenspiel, das ihm Jedaures Worte zum Feuer und Wasser ins Gedächtnis rief.
„Feuer ist mehr als das, was du am Herd spürst. Im Feuer ist der Sonnenfunke. Sonnenkräfte, die alles Lebendige durchdringen und ihm eine Ordnung geben. Auch im Wasser sind diese Himmelskräfte. Nicht die Form der Welle ist es, die sie zur Welle macht, sondern die Kraft ist es, die sie bewegt. Unvergänglich, so wie die Seele alles Lebendigen.“
Diese Worte Jedaures hatte Nalumbin damals nicht ganz verstanden. Doch hatte er es nicht gewagt, die Rede des weisen Mannes mit Fragen zu unterbrechen. Jetzt, wo er die Vermählung von Feuer und Wasser mit eigenen Augen sah, keimte eine leise Ahnung in ihm auf, was Jedaure gemeint haben könnte. War das Unsichtbare hinter den Dingen größer und bedeutender als das, was er sehen konnte? Im Blätterdach des Baumes über ihm flüsterte der Abendwind, als wolle er ihm antworten. Grillen zirpten. Vögel sangen ihr spätes Lied. Leuchtkäfer krochen hervor.
Es war schon dunkel, als noch immer ein roter Schein über dem Wasser lag. Die schmale Sichel der Mondin? Nein, denn diese verbarg sich hinter Wolkenfetzen. Der rote Schein aber leuchtete weithin: Es war der Schein eines Feuers, das in einiger Entfernung am Rand des Sees aufloderte.
Stimmen drangen an Nalumbins Ohr. War er auf eine Siedlung gestoßen? Als dann der Geruch von Gebratenem zu ihm herüberwehte, wurde ihm fast schwindlig vor Hunger. Nichts hielt ihn mehr zurück. Vielleicht konnte er von dem, was da so herrlich roch, etwas abbekommen?
Es dauerte nicht allzu lange, und die Stimmen rückten näher. Auch meinte er, ein paar Mal das Gebrüll von Rindern und das Schreien eines Esels gehört zu haben. Seine Hoffnung aber auf eine Siedlung sollte sich nicht erfüllen. Hinter einen Baum geduckt, blickte er auf abenteuerlich und finster aussehende Gestalten.
Wer waren die Männer, die um das Feuer saßen und die sich über gebratenen Fisch hermachten? Angst überfiel ihn. Was würde sein, wenn es sich um die gleichen Männer handelte, die sein Dorf niedergebrannt hatten? Wieder zog das Erlebte an ihm vorüber: die Gestalten, die die Linde umrundet hatten. Sein Sprung aus dem Baum. Die Hände, die nach ihm greifen wollten. Seine Flucht vor den Verfolgern in den Wald ...
Jäh riss ihn eine Hand aus seinen Gedanken und packte ihn im Nacken.
„Was machst du hier? Willst wohl stehlen?“, brüllte eine raue Stimme.
„Ich ... ich bin kein Dieb,“ stotterte Nalumbin.
„Warum schleichst du dich dann an wie eine Viper?“
„Weil ... weil ... Ich hab’ Hunger! Würd’ alles tun für ... für ein Stückchen von eurem Fisch.“
Da brachen die Männer, die ums Feuer saßen, in Gelächter aus.
„Hört euch das an! Kommt so ein Bürschchen mitten in der Nacht daher und will sich auf unsere Kosten den Bauch vollschlagen! Na, dann komm mal her!“
Widerstrebend näherte sich Nalumbin. Der Griff in seinem Nacken hatte sich gelockert. Einer der Männer, mit hellem struppigem Haar und Schnurrbart, erhob sich. In der Hand hielt er einen gebratenen Fisch, den er dem Jungen vor die Nase hielt. Als Nalumbin den betörenden Duft einatmete, wurde ihm vor Hunger fast schwarz vor Augen. Wie ein Hund schnappte er danach. Da hatte der Mann auch schon den Fisch in die Höhe gehoben und ließ ihn über Nalumbins Kopf baumeln, sehr zur Erheiterung seiner Gesellen. Noch ein paar Mal wiederholte sich das Spiel. Dann endlich überließ er dem Jungen den Fisch. Jemand warf ihm ein Stück Brot zu.
Kaum dass Nalumbin alles gierig schmatzend verschlungen hatte, spottete eine hagere Gestalt:
„Wünscht der junge Herr auch noch in den Schlaf gesungen zu werden?“
Wiederum stieg Gelächter aus den rauen Kehlen. Nalumbin sah sich Hohn und Spott preisgegeben. Zorn stieg in ihm auf.
„Mach nur große Sprüche!“, warf er dem Hageren entgegen.
„Willst mich in den Schlaf singen, wo sich dein Gesang doch wohl eher anhören dürfte wie das Röhren eines Hirsches!“
Die Runde brüllte vor Lachen. Doch lachte sie diesmal über den Hageren bei der Vorstellung seines Gesangs, denn so hager wie er war, so dünn war auch seine Stimme.
„Oho! Mumm scheinst du ja zu haben!“, sprach die Stimme, zu der die harte Hand gehörte.
„Von mir aus kannst du dich mit ans Feuer setzen. Erzähl, warum lauert ein Junge nachts ein paar harmlosen Händlern wie uns auf? Und das in dieser verlassenen Gegend!“
Felsengroß war der Stein, der Nalumbin bei diesen Worten vom Herzen fiel. Es waren also einfache Händler. Und doch keimte Unsicherheit in ihm auf, was er antworten sollte. Was würde sein, wenn die Männer den Inhalt seines Beutels entdeckten? Dann würden sie ihn erst recht für einen Dieb halten.
Es war der milde Blick aus den freundlichen Augen des Mannes, der Nalumbin das Brot zugeworfen hatte, der ihn dazu bewog, vom Überfall auf seine Siedlung zu erzählen. Den Inhalt seines Beutels aber verschwieg er. Als er seinen Bericht beendet hatte, herrschte Schweigen. Im Flackerlicht des Feuers schaute er auf sorgenvolle Mienen. Dann bemerkte der Mann mit der harten Hand:
„Es sind schwierige Zeiten. Nicht nur der Hunger ist’s, der sich in vielen Siedlungen als ungebetener Gast eingenistet hat, sondern auch die zunehmenden Überfälle von Diebesgesindel. Es sind die Metalle, von denen alles abhängt, und das bedeutet Macht und Reichtum. Weit im Osten soll es sogar ein Metall geben, das weit härter ist als unsere Bronze, und das zu Waffen geschmiedet wird, so wird erzählt. Die Rede ist von Eisen!“
„Ja, das war früher anders, als es nur den Stein im alltäglichen Leben gab, so jedenfalls erzählen’s die Alten“, warf ein anderer ein.
„Da gehörten Gold und ein Teil der Bronze allein den Göttern. Keinem Menschen, und sei er auch noch so schlecht gewesen, wär’s in den Sinn gekommen, die Götter zu bestehlen. Aber heute, da treiben sich viele Schurken auf den Wegen herum, die das Gesetz nicht mehr achten. Sogar auf Pferden kommen sie. Sie fallen über Händler wie unsereins her und brennen ganze Dörfer nieder. Sie morden und plündern. Wer weiß, was uns noch auf dem Weg zur Divone erwartet ...“
„Ihr zieht zur Divone?“, fragte Nalumbin aufgeregt.
„Ich bitte euch, lasst mich mit euch ziehen! Ich möchte zur großen Thainesiedlung, um einen Mann namens Arfund aufzusuchen. Ich bitte euch, Männer, nehmt mich mit! Dass ich euch nicht zur Last fallen werde, das verspreche ich! Gebt mir Arbeit, soviel ihr wollt!“
„Von mir aus!“ Fragend blickte der Mann mit der harten Hand in die Runde.
„Seid ihr einverstanden, den Jungen mitzunehmen?“
Da schüttelte der Hagere den Kopf, blickte Nalumbin scharf an, und bemerkte: „Ein Esser mehr? Das können wir uns nicht leisten!“
Daraufhin ergriff der Mann, der Nalumbin das Brot zugeworfen hatte, das Wort:
„Er könnte das Salz befördern. Mein Esel hat sich gestern den Huf verletzt und sollte keine großen Lasten tragen. Für Suppe und etwas Brot wird’s wohl noch reichen.“
Dieser Aussage konnte man sich nicht verschließen. Und nun gaben sich alle, bis auf den Hageren, einverstanden.
„Bis zur Divonesiedlung in der Baaranebene kannst du mit uns ziehen!“, sprach der Anführer.
„Von dort aus wird dich der Fluss durch's Tal der Steinriesen in die Tafelberge führen. Morgen früh aber wird gearbeitet, sonst gibt’s nichts zu essen! Feuerholz sammeln, Tiere versorgen!“
„Ich will mir Mühe geben!“, antwortete Nalumbin.
„Hier Junge, nimm!“, sagte der Anführer, indem er ihm eine Decke aus Ziegenhaar zuwarf.
Dankbar wickelte sich Nalumbin ein und legte sich nieder. Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete er die Fremden. Es waren derbe Gesellen, von Wind und Wetter gegerbte Gesichter, aus denen die Erfahrung sprach, Männer, die bunt gefärbte Kittel unter ihren Umhängen trugen. Da waren heitere, freundliche Mienen, aber auch verschlossene und mürrische. Zu den Letzteren gehörte der Hagere, der mit einer Fischgräte in seinen schief stehenden Zähnen stocherte und Grimassen zog.
„Was meinst du Fear, wie weit ist’s noch bis zur Baaranebene?“, fragte ein Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und dunklen Augen, die wie Kohlen im Feuerschein glühten. Auf dem Kopf trug er eine speckige Lederkappe, die mit ihm verwachsen zu sein schien. Der Anführer mit der harten Hand erwiderte:
„Wenn du mich fragst, so müssten wir’s in spätestens zwei Tagen geschafft haben. Es ist der Weg am Moor entlang mit dem unberechenbaren Nebel – ein gefährliches Stück.“
Schaudern überkam Nalumbin bei den Worten Fears, und er war froh, dass er in den nächsten Tagen und schwarzen Nächten nicht allein bleiben musste.
Im Einschlafen gaukelten die Bilder des zuvor Erlebten an ihm vorbei: Gesichter und Stimmen, kleine und große Gestalten im Feuerschein, eingehüllt in weite, dicht gewebte Mäntel, kupferbraun und hellgrün. Männer mit derben Fäusten und breiten Schultern, Fell- und Wollkappen auf dem Kopf, an den Beinen festgezurrte Stiefel aus Leder oder grobem Tuch. Brummendes Lachen klang nach und vermischte sich mit lauten Schnarchtönen. Und darüber wurde es Morgen. Nalumbins erster Gedanke beim Erwachen war:
„Ich muss mich sogleich nützlich machen, ich will den Männern beweisen, dass ich keine Last bin.“
Mit dürrem Reisig und spröden Baumästen kehrte er aus dem Wald zurück. Er entfachte das Feuer und trug Wasser für die Bereitung der Gerstensuppe herbei. Er machte sich nützlich beim Tränken und Füttern der Tiere und beim Aufladen der Waren auf die Rücken der Zugtiere. Als dann alle um den Kessel mit der dampfenden Suppe saßen, wies Fear seine Männer ein weiteres Mal auf die Gefahren des Moores hin, das vor ihnen lag.
Das frühe Mahl war beendet, das Feuer gelöscht, der Trupp zur Weiterreise bereit. Vielstimmiges Geschrei war zu hören, als man sich anschickte, die Furt eines wild dahinströmenden Baches zu durchqueren – die Guache. Ochsen und Esel waren beladen mit Rohkupferbarren. Die einen wiesen eine henkel-, die anderen eine rippenartige Form auf. Mit der Peitsche zwangen die Männer die Tiere ins Wasser.
Nalumbin hatte man einen Ledersack mit schweren Salzbrocken auf den Rücken gebunden. Er hatte Mühe das Gleichgewicht zu halten. Sein Fuß schmerzte. Die glitschigen Steine im Flussbett brachten ihn beinahe zu Fall. Fear bemerkte seine Unsicherheit.
„Wehe, du lässt das Salz ins Wasser fallen, dann gibt's Ärger mit meinen Männern! Du weißt ja, wie wertvoll es für uns ist! Dafür gibt’s Fleisch, Brot und Honigwein! Und zwölf erwachsene Männer wollen ernährt sein. Und du wohl auch!“
Dann, in leiserem Ton, sagte Fear unvermittelt: „Du hinkst. Warum hast du uns verschwiegen, dass du einen schlimmen Fuß hast? Nachher, wenn wir rasten, geh zu Fallain, der versteht sich aufs Heilen.“
Fear deutete auf einen Mann mit auffallend rotem, zerzaustem Haar. Es war derselbe, der Nalumbin das Brot zugeworfen hatte.
Nalumbin watete weiter, bemüht sich trittsicher zu zeigen. Unter dem Gebrüll der Ochsen, dem Geschrei der Esel, unter Stoßen, Ziehen und lautem Fluchen der Männer gelangte der Zug wieder ans trockene Ufer. Man beschritt nun einen Talweg, der in Richtung Nordosten führte, und der sich an den gefürchteten Sümpfen und Mooren vorbeiwand.
Es begann zu nieseln. Ab und zu kam die Sonne durch und zerfetzte die Nebelschwaden, die über dem Moor waberten. Geisterhafte Gestalten entsprangen ihnen, so erschien es Nalumbin. Baumskelette ragten aus dem sumpfigen Wasser. Dazwischen Inseln aus sattgrünen Moosen, bleichen Flechten und rötlichem Binsendickicht. Dunstschleier und Nebelstreifen, aus denen den Reisenden kalte Luft entgegenwehte. Sumpflöcher, die nach Tod und Verwesung rochen.
Vereinzelte, schwarzweiß gescheckte Birken, an denen Zunderschwamm in den seltsamsten Formen wucherte. Darüber, am Horizont, der Gipfel eines bewaldeten Berges, der nun in dunkle Regenwolken eintauchte.
Manche der Männer stützten sich auf Stöcke aus dem Holz der Haselnuss. Sie waren mit magischen Symbolen versehen. Mit ihnen hielten sie nicht nur die Tiere auf dem Weg, sondern sie sollten auch die Natur- und Schicksalsdämonen abwehren. Andere trugen kleine Kästchen aus Holz oder Metall um den Hals, in denen sie Stücke von Stoff oder Leder, Tierzähne, Klauen, heilige Pflanzen und Steine oder kleine Schellen aufbewahrten, die für sie als Besitzer magische, schützende Kräfte besaßen.
Am frühen Nachmittag, kurz vor dem Aufstieg aus dem Tal der Guache, musste der Fluss ein weiteres Mal durchquert werden. Am jenseitigen Ufer wurde kurz gerastet. Dann zog man weiter. Der steile Anstieg zur Hochebene war für die schwer beladenen Tiere nur schwer zu bewältigen, und so kam der Zug nur langsam voran. Auch Nalumbin keuchte unter der Last der Salzbrocken.
Es ging auf den Abend zu, als die Händler auf einer Waldlichtung in der Nähe einer Quelle das Nachtlager aufschlugen. Nalumbin wurde angewiesen, Holz und Reisig für das Feuer zu sammeln. Auch hielt der Wald eine Fülle von Beeren bereit, die gepflückt werden wollten. Fallain machte sich auf, um nach Heilpflanzen zu suchen. Nalumbin hörte, wie er mit den Pflanzengeistern redete und sie um ihre Hilfe bat, und er sah, wie Fallain nach Wurzeln grub und Rinde von Bäumen löste. Sorgfältig bereitete der Heiler dann sein Sammelgut mit dem Wasser aus der Quelle zu. Es galt einige Verletzungen bei Mensch und Tier zu behandeln.
Der Brei aus Pflanzen, den Fallain Nalumbin auf den geschwollenen Knöchel strich, als er an der Reihe war, tat alsbald seine Wirkung. Ebenso die Suppe, die Fear später austeilte. Erst recht aber das geräucherte Fleisch, das die Männer in einer kleinen Siedlung gegen Salz und Kupfer eingetauscht hatten.
Eine Weile noch saßen die Händler am Feuer, das die einbrechende Abendkühle fernhielt. Sie tauschten ihre Reiseerfahrungen aus. Einige von ihnen waren ziemlich weit herumgekommen. Es wurden Beschwörungen und Formeln ausgesprochen, die das Lager vor dem Zugriff der bösen Geister der Nacht und vor Schlangenbissen schützen sollten. Amulette wurden geöffnet, damit die darin enthaltenen Zauberstoffe ihre Wirkung entfalten konnten.
Fear trug einen aus Bändern geflochtenen Anhänger, der das getrocknete Herz eines Wolfs enthielt. Ein anderer, ein riesenhafter Mann namens Scroban, der durch besondere Stärke auffiel, führte die Klaue eines Bären mit sich. In Fallains Amulett befand sich ein Stück Leder mit geheimen Zeichen. Der Hagere verbarg in seinem Behälter das Auge eines Adlers. Steinerne Talismane mit von der Natur geschaffenen Löchern darin wurden in rhythmische Bewegung versetzt.
Ein besonders mächtiger Vernichter alles Bösen aber war das Feuer, das wieder die ganze Nacht über flackern würde. Nachdem die Wachen eingeteilt waren, sahen die Reisenden noch eine Weile dem Spiel der Flammen zu. Dann legten sie sich schlafen.
Die Nacht war klar, die Regenschleier hatten sich verflüchtigt. Noch war es finster bis auf den funkelnden Sternenhimmel. Bald würde über dem Lager wieder die silbrige Mondin schweben. Alles war ruhig. Die Tiere gaben kaum Laute von sich. Ringsum erhoben sich die schwarzen Bäume wie eine mächtige Wand. Erschöpft von den Anstrengungen des Tages lag Nalumbin noch eine Weile wach und schaute hinauf zum Himmel.
Er bat in Gedanken um Schutz für die Nacht. Bevor er in den Schlaf sank, tastete er noch einmal nach dem Beutel mit seinem kostbaren Inhalt. Auch an diesem Tag war er bemüht, seinen Schatz unter dem Umhang vor den Blicken der Männer zu verbergen. Das Letzte, was er noch hörte, war der Schrei einer Eule.
Die Behandlung, die Fallain an Nalumbins Fuß noch einmal vor dem Aufbruch am Morgen vornahm, zeigte Erfolg. Eingebunden in dicht gewobene Wollbinden und Birkenbast, trug ihn der Fuß deutlich leichter als am Vortag. Die Traglast drückte den Jungen nun weniger.
Bald schon erreichten sie den Rand der Waldberge. Die Landschaft fiel jetzt leicht ab hin zur Baaranebene und erleichterte ihnen das Vorankommen. Es eröffneten sich zwar nur wenige Sichtlücken inmitten des dichten Waldes, durch den sich schlangengleich der Pfad wand, und doch zeigte sich im Zurückblicken noch einmal von einer unbewaldeten Kuppe aus das mächtige Massiv des Donnerbergs.
In der entgegengesetzten Richtung, zum Sonnenaufgang hin, erhoben sich in der Ferne zwei stumpfe Bergkuppen, ein Zeichen, dass man sich der Divone näherte. Die Landschaft begann sich zu verändern. Mehr und mehr trat der dichte Wald zurück und machte lichten, von Eichen gesäumten Heckenlandschaften Platz, durchzogen von Siedlungen, Ackerland und Viehweiden. Die menschenarmen Waldberge hatte man hinter sich gelassen.
Eine Strecke lang begleitete ein munterer Bach den Weg. Die Tiere wurden getränkt, man wusch sich Schmutz und Staub ab, denn es sollte nicht mehr allzu lange dauern, und die Männer würden ihr Tagesziel erreicht haben. Zwei von ihnen, erfahrene Jäger, hatten mit der Wurflanze einen Hirsch erlegt. Ausgeweidet, das armdicke Geweih mit Waldgrün geschmückt, trugen sie ihn an eine Schulterstange gebunden.
Auch Nalumbin hatte Jagdglück gehabt. Es war ihm gelungen, an einem Waldteich eine Wildgans zu fangen. Voller Stolz, da man seine Geschicklichkeit anerkannte, überreichte er Fear die Beute. Darüber hinaus war er bei einem Abstecher in den Wald auf mehrere üppig ausladende Ringe an goldgelben Sommerpilzen gestoßen. Die Ernte war so groß, dass die Weidenkörbe dafür kaum ausreichten. Einen Teil der Pilze hatte er stehen lassen – er gehörte den Waldgöttern.
Die Schatten fielen länger, als sich der Zug der Divonesiedlung näherte. Der Weg wurde breiter und führte durch Weideland und vorbei an Feldern, auf denen Hirse, Gerste und Emmer im Wind wogten, längst nicht so ertragreich wie noch vor Jahren. Auch hier hatte das regenreiche Frühjahr seine Spuren hinterlassen.
Der Geruch von Wasser lag in der Luft, und somit sahen die Händler ihrer Begegnung mit den Divoneleuten entgegen. Als sich dann die ersten Häuser vor ihnen erhoben und ihnen der Duft von frischem Brot in die Nase stieg, da beschleunigten sie ihren Schritt in der Vorfreude auf eine handfeste Mahlzeit.
An manchen Häusern waren die Eingangspfosten mit Schnitzwerk versehen. Auf dem Dorfplatz, vor dem Speicherhaus, befand sich eine mit frischem Blut bestrichene Holzfigur. Nalumbin erkannte in ihr die Göttin der Waldberge. Männer und Frauen gingen geschäftig umher, verfolgt von den Augen ihrer neugierigen Kinder, die an dem bunten Treiben ihre Freude hatten. Stimmengewirr und Hundegebell erfüllten die Siedlung. Nun wurden die Geschäfte getätigt.
Fear bot dem Oberhaupt des Dorfes den erlegten Hirsch zum Tausch gegen Übernachtung und Verpflegung für seine Leute. Bronzeteile zum Umschmelzen sowie Salzbrocken und Glasperlen ergänzten die Gastgeschenke. Die Pilze übergab man den Frauen, die zum Essen für die Gäste rüsteten. Danach tauschten die Händler sorgfältig gewebte, mehrfarbige Spinnstoffe gegen Dörrfleisch und Mehl ein. Auch Speere, Keulen, Schleudern und Steingeräte gehörten dazu.
Die Lasttiere wurden entladen und die Waren im Speicherhaus verstaut. Bald darauf wurden die Reisenden von den Divoneleuten in ihren Häusern mit einem Gastmahl bedacht, bevor man ihnen ihre Nachtlager zuwies.
Nach den knapp bemessenen Essensrationen der vergangenen Tage genoss Nalumbin die aufgetragenen Speisen wie nie zuvor in seinem Leben. Eine junge Frau mit einem Lächeln, das ihn an seine Mutter erinnerte, füllte seine Essschale mit geröstetem Fisch, Wassernüssen, Sommerpilzen und Hirsebrei. An ihrem Rocksaum hing ein kleines Mädchen mit einer Holzpuppe im Arm.
Nach der Mahlzeit wurde eine Talglampe entzündet, bei deren Schein Fallain und Fear noch eine Weile mit ihren Gastgebern zusammensaßen. Der Hausherr hatte ein Messer zur Hand genommen und begann eine Figur aus einem Stück Holz zu schnitzen. Die Frau an seiner Seite wob auf einem Handwebrahmen an einem bunten Band. Neben ihr, in einem weichen Bettchen aus Binsen und Moos, schlummerte bald schon das kleine Mädchen.
Alte Geschichten, aber auch Neues, wurden ausgetauscht. Auf seinem Lager unter dem Vordach des Hauses sitzend, lauschte Nalumbin den Stimmen und spähte in die Nacht hinaus. Es war Fears Stimme, die jetzt fragte:
„Rudan, ist’s euch recht, wenn wir einen Tag Pause einlegen und erst übermorgen aufbrechen? Meine Männer möchten sich ein bisschen ausruhen, Bärte schneiden, Schuhe und Kleider in Ordnung bringen, bevor wir weiter nach Norden zum Schwarzen Fluss ziehen. Dort wollen wir Salz übernehmen.“
„Dagegen gibt’s nichts einzuwenden. Euer Geschenk können wir wirklich gut gebrauchen. Solch großzügige Gäste haben wir nicht alle Tage“, antwortete die Stimme des Hausherrn.
„Den Jungen, den Ihr bei Euch habt, den könnte ich morgen allerdings gut einsetzen. Er könnte Cerin im Holz helfen.“
„Gut, nehmt den Jungen, wie Ihr wollt, er ist ein guter Arbeiter.“
Unerwartet tauchte ein Schatten neben Nalumbin auf. Es war ein Junge, wie Nalumbin im Schein der Lampe, der durch eine Luke fiel, erkannte.
„Ich bin Cerin und schlafe heute Nacht draußen“, erklärte der Junge, während er sich mit seinen Fellen auf dem Birkenreisig einrichtete. „Und du ziehst weiter mit den Händlern?“
„Nein, von hier aus muss ich allein weiter. Die Händler ziehen nordwärts. Ich muss ostwärts entlang an der Divone.“
„Du meinst, du willst durch's Tal der Steinernen Riesen? Ganz allein?“, fragte Cerin, und es klang erschrocken.
„Warum nicht?“
„Dort, so erzählt man sich, hausen zu Stein gewordene Riesen. Ein Mal im Jahr, nach dem Sonnenfest, wenn die Mondsichel ganz scharf geschnitten ist und der Rest der Scheibe nur im Schattenriss zu sehen ist, wachen sie aus ihrer Erstarrung auf.
Es muss ganz fürchterlich sein, wenn sie mit ihren Riesenfüßen um abgelegene Häuser stapfen und mit schwarz behaarten Riesenpratzen nach einem lebendigen Opfer suchen. Zäune und Pferche übersteigen sie wie unsereins die Türschwelle. Wehe dem, sagt mein Vater, der dann Luken und Türen nicht fest verschlossen hat. Besonders auf Kinder haben sie's abgesehen, sagt mein Vater! Sein Vater hat solch einen Riesenfußabdruck einmal vor seiner Tür gefunden; mehr als zehn ausgewachsene Rettichwurzeln tief. Bei Tagesanbruch, wenn der Flug der Fledermäuse dem der Schwalben weicht, müssen die Riesen jedoch in ihre Felsen zurückgekehrt sein, sagt mein Vater. Das Licht der Sonne würde sie sonst vernichten.“
Bei der Vorstellung an die Riesen erschauerte Nalumbin auf seinem Lager, obwohl die Nacht noch warm war. Mit Sorge starrte er in den dunklen Himmel. Er konnte die Mondin nicht sehen. Sie verbarg sich hinter dichten Wolken, wie auch die Sterne.
„Du hast es gut, Cerin. Du kannst hier bleiben. Du bist in Sicherheit.“
„Sag das nicht!“, gab Cerin zurück.
„Ich würde einiges dafür geben, mit dir oder den Händlern gehen zu dürfen. Anderes kennenlernen. Fremde Landschaften sehen. Aber ich darf ja nicht fort. Immer muss ich helfen! Unkraut hacken, bis die Hände wehtun! Wasser schleppen! Den Stall misten! Die Ziegen hüten! Das Ried für die Dächer schneiden und bündeln!“
Ein Seufzer entfuhr Cerin. Dann fragte er:
„Wie kommt es, dass du allein unterwegs bist? Bist ja wohl kaum älter als ich. Und wo kommst du eigentlich her?“
Nalumbin schwieg. Als Antwort auf Cerins Frage tasteten seine Finger nach dem Beutel.
„Wenn du wüsstest, Cerin, wofür ich unterwegs bin“, dachte er. Und laut hörte er sich antworten:
„Das Weiße Gebirge. Das muss ich überwinden! In der großen Thainesiedlung, die östlich der Tafelberge liegt, soll es jemanden geben, der mir vielleicht helfen kann, hindurchzufinden.“
Mit einem Ruck setzte sich Cerin auf.
„Das Weiße Gebirge ... der Weg darüber soll gefährlich sein! Willst du etwa ins Südland, wo's auf den Äckern so reichlich wachsen soll, dass man's kaum nach Hause tragen kann, wie es manche Händler erzählen? – Ich wünschte, ich wär' dort, hier gibt's ja nur schuften von morgens bis abends“, sagte Cerin mit einem weiteren Seufzer.
„Ich auch“, bestätigte Nalumbin, „aber ...“
Er sprach die Gedanken, die er hegte, nicht aus; die Gedanken an seine Sippe, die ihn zurückgelassen hatte, und dass er, allein um sie wieder zu finden, sich ins Südland wünschte.
Der Lichtschein erlosch. Jetzt lag die Luke im Dunkeln.
„Ruhe, ihr beiden da draußen! Morgen heißt's früh aufstehen! Du, Cerin, und der fremde Junge, ihr kommt mit ins Holz. Die Fuhren richten helfen!“ Es war Rudans Stimme, Cerins Vater.
Da verstummten Cerin und Nalumbin, obwohl jeder noch viele Fragen an den anderen gehabt hätte. Auf die Schindeln des Daches klopfte Regen, der irgendwann verrauschte. Die beiden Jungen hingen noch eine Weile ihren Gedanken nach; der eine im sehnsüchtigen Rausch von Fernweh, der andere in quälendem Heimweh.
Am Morgen, als die Siedlung erwachte, glitzerten Wiesen und Baumblätter vom nächtlichen Zwischenspiel des Regens. Der Himmel wurde blau, und die Luft füllte sich mit Sonne. Die Geschäftigkeit begann. Nalumbin hörte, wie Cerins Mutter am Herd hantierte. Der Duft von gerösteten Nüssen entströmte dem Haus. Die Vorfreude auf diesen zeitigen Genuss ließ Nalumbin die sorgenumflorte Nacht vergessen. Die Mahlzeit aus Gerstensuppe und Nüssen stillte den Hunger und sorgte für Wohlbefinden. Bald schon fanden sich mehrere Männer und Jungen vor Cerins Haus ein. Pferde und Ochsen wurden angeschirrt. Mit Bronzeäxten, Sicheln und Sägeblättern, die Stiele und Griffe aus Eschenholz, zog man in den Wald.
Alle Bäume, die es zu fällen galt, wurden auf das Sorgfältigste mit der Haselrute ausgesucht, denn wehe den Männern, die versehentlich einen Baum schlugen, in dem der Waldgeist wohnte. Er würde nicht nur ihnen, sondern auch ihren Familien übel mitspielen. Mal war er gütig und freundlich, aber er konnte auch furchtbar zornig und voll der Rache sein.
Mit Brot und Salz brachte man diesem Herrscher des Waldes ein erstes Sühneopfer. Diejenigen, die ihn schon gesehen haben wollten, beschrieben ihn als ein behaartes Männlein mit grünem Haar, grünem Bart und mit blutroten, scharfen Krallen, das seine Freude daran hatte, Menschen in die Irre zu führen, Kinder zu stehlen und zu vertauschen. Rudan ermahnte die Jungen, still zu sein. Auch die Männer schwiegen. Eine Weile noch lauschten sie den Stimmen des Waldes, bevor sie mit der Arbeit begannen. Damit erwiesen sie dem geheimnisvollen Waldwesen ihre Ehrfurcht.
Holzfäller und Jungen, sie alle trugen ein Stückchen Lindenholz bei sich. Es sollte sie vor den Umtrieben des grünen Geistes schützen. Mit geschickt angesetzten Schlägen, die durch den Wald hallten, hieben nun die Männer Baum für Baum um. Die Jungen halfen beim Entasten der Stämme und beim Kleinmachen und Bündeln der Zweige.
Bis Mittag hatten die Männer mit ihren Tieren mehrere Stämme zum Holzlager der Siedlung gezogen. Dort wurde eine Essenspause eingelegt, die Zugtiere gefüttert und getränkt.
Es versprach ein heißer Nachmittag zu werden, und so rannten ein paar der Jungen – darunter Cerin – zum Ufer der Divone, entledigten sich ihrer Kleidung und wateten ins Wasser. Neidvoll sah ihnen Nalumbin zu, wie sie untertauchten, Schweiß und Schmutz abwuschen und sich erfrischten. Jetzt hielt auch ihn nichts mehr.
Rasch warf er seine Kleider ab. Nun sprang auch er in den Fluss und ließ sich von der Strömung treiben. Kleine Wellen gluckerten gegen das Ufer. Dann tauchte er hinab auf den Grund und glitt über den Sand des Bodens zu Muscheln und grünlich bewachsenen Steinen. Als er mit einer Perlmuschel in der Hand auftauchte, sah er, wie sich zwei der Jungen am Ufer mit seinem Beutel vergnügten, indem sie ihn hin und her warfen.
„Was macht ihr da! Was fällt euch ein!“, schrie er, ließ die Muschel los und schwamm mit aller Kraft gegen die Strömung zurück zum Ufer.
Ohne auf seine Nacktheit zu achten, rannte er auf den Jungen zu, der jetzt den Beutel in der Hand hielt und erneut zum Wurf ansetzte. Er versuchte ihm den Beutel zu entreißen, doch flog dieser schon wieder durch die Luft. Diesmal verfehlte er sein Ziel und landete an der Uferböschung. Die Augen starr vor Schreck, stürzte Nalumbin auf seinen Besitz zu.
Einer der Jungen aber hatte den Beutel bereits ergriffen und machte sich einen Spaß daraus, ihn den Schwimmern zuzuwerfen. Wieder rannte er dem Beutel nach. Vergeblich. Der Beutel flog von einem zum anderen, vom Ufer zum Wasser und wieder zurück. Die Jungen lachten. Außer sich vor Zorn schrie Nalumbin:
„Hört auf! Das gehört mir! Hört auf!“
Mit einem Stück Treibholz versuchte er in seiner Verzweiflung auf den Werfer einzuschlagen, der jetzt den Beutel festhielt. Doch der Werfer war der Stärkere. Er entriss Nalumbin das Holz. Nalumbin wankte und stürzte. Dabei fiel der Beutel mit einem leisen Scheppern zu Boden. Nalumbin warf sich mit seinem nackten Körper auf ihn, zitternd vor Aufregung.
„Es ist genug!“, rief Cerin.
„Lasst dem fremden Jungen seine Sachen! Kümmert euch um euren eigenen Kram! Sieben gegen einen, das ist feige!“
Mit hochrotem Kopf, obwohl ihn das kalte Wasser der Divone abgekühlt hatte, kleidete sich Nalumbin hastig an. Danach verschwand er im Dickicht des Ufers zwischen Gestrüpp und Ranken. Er ließ sich nieder und tastete mit zitternder Hand nach dem Inhalt des Beutels.
Die goldene Schale und der Bernstein kamen unversehrt zum Vorschein. Doch seine Erleichterung wich urplötzlich einem Schrecken, der ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen wollte.
„Du trägst kostbare Dinge bei dir!“, hörte er eine Stimme hinter sich. Als Nalumbin aufblickte, sah er in Fallains Gesicht.
„Pass das nächste Mal besser auf sie auf! Ich habe dich gerade am Fluss mit den anderen Jungen beobachtet. Unachtsamkeit kann dir schnell zum Verhängnis werden. Einen armen Jungen wie dich wird man leicht für einen Dieb halten. Du musst wissen, dass die Gier nach dem Gold den Menschen verdirbt! Aus so manch bravem Mann wird beim Anblick von Gold ein kaltblütiger Frevler, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt!“
Bei diesen Worten erschauerte Nalumbin. Er glaubte für Augenblicke die blutige Hand von Jor auf seiner Schulter zu spüren. Ein ängstlicher und zugleich dankbarer Blick traf Fallain, und Nalumbin schwor sich, den Beutel von nun an wie seinen Augapfel zu hüten. Niemand mehr sollte seinen Inhalt zu Gesicht bekommen.
Der Tag neigte sich, als Rudan die Männer und Jungen anwies, die Arbeit niederzulegen. Der Tag war heiß gewesen, und die Sonne hatte die Wege nach dem nächtlichen Regen rasch getrocknet, und weder Zugtiere noch die mit Geäst beladenen Karren waren stecken geblieben.
„Wir haben gut daran getan, den trockenen Tag zu nutzen“, sagte Rudan.
„Das Wetter wird in den nächsten Tagen umschlagen. Ich danke euch allen, und auch dir, fremder Junge, für die harte Arbeit, die ihr geleistet habt. Ich danke der Göttin, deren Schutz uns vor Unfällen bewahrt hat. Dir, Waldmännlein, hinterlasse ich zum Dank, dass du uns wohlgesonnen bist, Speis und Trank.“
Rudan füllte einen Becher mit Waldbeerenwein und stellte ihn zwischen Moos und Waldklee. Hinzu kam ein Holzteller mit einem Honigkuchen. Beides, Becher und Teller, würden bis zum nächsten Holzeinschlag im Wald verbleiben. Dem aus hartem Holz geschnitzten Teller sah man die Spuren von so manchem Jahr mit Regen und Schnee an. Der Becher aber war aus Bronze, diente allein dem Grünen Waldmännlein und war unvergänglich, so wie der Wald, der nachwachsen würde bis in ferne Zeiten. – Und niemand würde es wagen, sich daran zu vergreifen.
Die Nacht war nicht mehr weit, die Abendmahlzeit beendet. Der Waldkauz schrie und der Marder legte sich auf die Lauer. Nalumbin hatte sich hinter Rudans Haus auf den Rumpf eines umgedrehten Bootes gesetzt und blickte auf den dunkel ziehenden Fluss, in dem das aufkommende Licht der Mondin zu zittern begann.
Ein sanfter, warmer Wind trug den Geruch von Tang und Wasser heran. Die Sorge vor dem Morgen überschattete das friedliche Bild. Morgen würde er fort müssen, den Schutz der Siedlung mit seinen freundlichen Gastgebern verlassen und wieder allein sein, auf sich gestellt.
Doch wusste er, dass er mit jedem Tag, an dem er länger hier blieb, seinem Ziel nicht näher kam. Ein dumpfes Gefühl erwachte in ihm: die Furcht, die mit zunehmender Dunkelheit wuchs und sein Herz schneller schlagen ließ. Wie ein übermächtiger Unhold stand die Vorstellung von den Steinernen Riesen über ihm. Schritte in seiner Nähe ließen ihn aufhorchen. Es war Fallain, der sich zu ihm setzte. Und als hätte Fallain seine Gedanken erraten, hörte der Junge ihn sagen:
„Ist es die Angst vor dem Tal der Steinernen Riesen, die dir im Gesicht steht?“
„Woher weißt du ...?“
„Ich habe Cerin davon erzählen hören, gestern Nacht.“
Stumm nickte Nalumbin und verkrampfte die Hände.
„Es gibt ein Mittel, um den Riesen den Appetit zu verderben, für den Fall, dass sich kein sicheres Dach über dem Kopf finden lässt. Nimm einen hohlen Ast, schnitze Augen und Mund hinein und entzünde darin ein Talglicht. Dann, setze dich mit ihm unter eine alte Eiche, bekränze dich mit ihrem Laub und binde dich am Stamm fest.“
„Ich glaube nicht, dass ich den Mut dazu hätte, mich anzubinden und nicht rechtzeitig weglaufen zu können“, warf Nalumbin ein.
„Hör zu“, fuhr Fallain fort.
„In der Eiche wohnt das kosmische Feuer, das Licht der Sonne, wie du weißt. Die Riesen werden dich zwar sitzen sehen, aber sie können dir nichts anhaben. Sie sehen das Feuer im Stumpf und spüren deine Verbindung zum Baum. Sie werden glauben, dass der Stumpf das Gesicht der Eiche sei – das Feuer der Sonne, das aus Augen und Mund leuchtet. Als Geschöpfe der Finsternis werden sie es nicht ertragen und vor seiner Wärme und seinem Licht fliehen. So einfach ist das.“
Fallain begann in seinen Taschen zu kramen. Er zog ein Stück Talglicht und ein Kästchen aus Schilfgeflecht hervor, kaum fingergroß.
„Hier nimm! Es wird dich schützen.“
Nalumbins Stimme zitterte, als er sagte:
„Manchmal, wenn mich der Mut verlässt, glaube ich, dass alles verloren ist, dass ich es nicht schaffen werde, was mir aufgetragen ist.“
„Du wirst es schaffen, was immer dir aufgetragen ist!“, sagte Fallain.
„Ich weiß, dass die schwerste Last die Verlorenheit ist! Nichts aber ist verloren, wenn es erst angefangen ist! Was begonnen wurde, findet immer seine Fortsetzung. Wenn nicht durch einen selbst, dann durch andere. Es werden Kräfte in dir wach werden, von denen du in deiner Verlorenheit noch nichts ahnen kannst. Und doch stehen sie schon bereit und werden zur rechten Zeit kommen. Also geht nichts verloren. Es findet alles wieder zueinander. So wie die Vögel auf ihrem Zug durch die Weiten des Himmels wieder zurückfinden! Es ist das große Ganze, in dem nichts verlorengeht!“
Er erhob sich und legte Nalumbin die Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich warm an.
„Ich bin gewiss, du wirst es schaffen!“
Die Stimme, die nun antwortete, hörte sich dagegen eher brüchig an:
„Ja, ich werd's schon schaffen. Danke für alles! Gute Nacht!“
„Gute Nacht und gute Reise ...“
Ardevi
Schon beim ersten Vogelruf, zwischen Dämmerung und Tag, erwachte Nalumbin. Neben ihm atmete Cerin, tief und ruhig. Nalumbin warf einen Blick auf den friedlich schlummernden Jungen und entdeckte in sich einen Anflug von Neid. Neid auf Cerin, der ein gutes Zuhause hatte und dennoch begierig war, in die Welt zu ziehen, es aber nicht durfte. Schon aber schämte sich Nalumbin seiner Gedanken, denn Cerin hatte sein Vertrauen und seine Freundschaft gewonnen. Rufe, Gelächter und Tierlaute drangen bald an sein Ohr.
Die Siedlung rüstete sich für den Tag. Türen und Luken wurden geöffnet, die Herdfeuer geschürt und Wasser herbeigetragen. Ein Windhauch, der nach feuchter Erde roch, vertrieb den letzten Rest an Müdigkeit. Nalumbin erhob sich. Sorgsam ordnete er Decken und Felle.
Darüber erwachte Cerin. Gemeinsam gingen beide zum Fluss, wo sie sich wuschen. Unterdessen rührte Cerins Mutter frische Kräuter in den köchelnden Gerstenbrei, zu dem sie den fremden Jungen einlud. Aufbruchstimmung lag in der Luft. Cerins und Nalumbins Blicke trafen sich und einer meinte des anderen Gedanken lesen zu können.
Cerin stellte sich die Landschaftsbilder vor, die auf Nalumbin jenseits der Weißen Berge warteten: unbekannte Wege, erfüllt von Licht und Freiheit, anders gebaute Häuser, anders sprechende Menschen – Erlebnisse und neue Abenteuer. Der Abschied stand bevor.
Die Stimme versagte Nalumbin, als er Fear, Fallain und Cerins Eltern für ihre Hilfe und Gastfreundschaft dankte. Dann geleitete ihn Cerin aus der Siedlung. Vor einer Anhöhe, auf der ein aufgerichteter Stein stand, trennten sie sich.
„Es ist schwer, hier wieder fortzugehen“, sagte Nalumbin.
„Es ist schwer, hierbleiben zu müssen“, antwortete Cerin.
Mit feuchten Augen blickte Nalumbin den neuen Freund an, der ihm jetzt einen Wanderstab überreichte.
„Da nimm! Von mir! Er soll dir Glück bringen auf deinem weiten Weg.“
Wortlos ergriff Nalumbin den Stock und stapfte davon. Der Stock war aus dem Holz der Haselnuss geschnitzt und mit Zackenmustern verziert. Noch einmal wandte sich Nalumbin um und hob die Hand zum Gruß. Cerin erwiderte ihn. Er blickte dem Scheidenden nach, so lange, bis dieser unter einem Blätterdach von Bäumen verschwand.
Der Ufersaum der Divone verbarg sich unter allerlei Weidengehölzen. Mit ihren Ästen griffen sie wie mit Fingern nach dem Wasser. Hopfen und Nachtschattengewächse schlangen sich durch bizarres Geäst. An manchen Stellen entließ die Divone ihr Wasser in kleine Nebenarme. Zwischen Inseln aus Erlen, Eschen und Strauchbirken wanden sie sich hindurch, änderten immer wieder ihren Lauf. Zwischen Wiesen und Auen zog sich der Fluss dahin.
Es war Abend, als der Schmerz in Nalumbins Fuß ihn dazu zwang, sein Nachtlager unter den herabhängenden Ästen eines Weidenbaumes aufzuschlagen. Eine Handvoll Nüsse, die ihm Cerin zugesteckt hatte, besänftigte den Hunger. Die Anstrengungen der letzten Tage machten sich nun breit. Müdigkeit überkam ihn, die stärker war als die Angst vor der hereinbrechenden Nacht. Er fiel in einen traumlosen Schlaf.
Am Himmel segelnde Falken, die ihre Rufe in das noch morgenschattige Tal entließen, weckten Nalumbin. Mit knurrendem Magen setzte er seinen Weg fort. Die steigende Sonne verwandelte das dunkle Wasser der Divone alsbald in eine golden glitzernde Flusslandschaft.
Immer wieder verschwand der Pfad im Grün der Hangwälder, die sich in weitem Bogen zu beiden Seiten des Tales erstreckten. Als dann die Nachmittagshitze lähmend über der Landschaft lag, sah sich Nalumbin vom Talgrund aus überragt von mächtigen Felsgebilden mit Spalten, Klüften und Türmen. Es schien ihm, als hätten die Götter hier selbst Hand angelegt und sich mit unbändiger Kraft Denkmäler geschaffen. Tier- und Menschengestalten mit fratzenhaften Gesichtern. Hohläugig starrten sie von den Wänden herab: das Tal der Steinernen Riesen.
Allmählich verbarg sich die Sonne hinter schwarzen Wolkenfetzen. Nalumbins Blick fiel auf den Kuckucksklee, der den Waldboden mit einem hellgrünen Teppich bedeckte. Im Mittagslicht hatte die Pflanze ihre zarten Blättchen noch aufgefaltet gezeigt. Jetzt waren sie zugeklappt. Ein Zeichen dafür, dass bald ein Gewitter heranziehen würde.
Wind kam auf und brachte Bewegung in Halme, Farnwedel, Blätter und Zweige. Die Bäume begannen zu schwanken. Der Eichelhäher gab seinen Warnruf weiter an die Tiere des Waldes. Es war schwülwarm. Blitze zuckten über den Wald. Krachender Donnerschlag ließ die Erde dröhnen. Die Luft zitterte.
Über die Bodennische, in der Nalumbin hockte, schoss der Sturm. Er zerrte an Gebüschen und riss Äste von den Bäumen. Ächzend stürzte ein abgestorbener Buchenast herab und hätte Nalumbin fast unter sich begraben. Da erkannte er die Gefahr, in der er sich befand, und flüchtete. In jähes Blitzfeuer getaucht, warfen die Bäume bebende Schatten. Regentropfen fielen.
Zwischen modernden Baumstämmen und dornigem Gestrüpp kämpfte sich Nalumbin voran, dem Flussufer entgegen. Die schwüle Luft ließ ihn wie im Fieber glühen. Als er das freie Feld erreichte, erschrak er beim Anblick der Felsgesichter, die auf ihn herabäugten. Täuschte er sich? Hatte sich nicht soeben ein Gesicht bewegt? Hielten die versteinerten Riesen das schwarze Gewitterdunkel bereits für die einbrechende Nacht und machten sich verfrüht auf den Raubzug?
Und da war sie auf einmal, die Furcht, die ihm die Kehle zuschnürte. Es gab keine Zeit mehr nach einem hohlen Baumstumpf zu suchen, es gab keine Zeit mehr ein Gesicht hineinzuschnitzen. Wohin nur sollte er flüchten? Wo sich verstecken? Prasselnder Regen setzte ein. Da tauchte am Flussufer im Regenschleier – zunächst als bleicher Schimmer – ein Felsblock mit einem dachartigen Vorsprung auf. Nalumbin rannte darauf zu.
Wie erschrak er aber, als ihm plötzlich eine sitzende Gestalt den Weg versperrte, in der Hand eine Angel. Im selben Augenblick stieß sein Fuß mit voller Wucht gegen einen hölzernen Trog. Der Trog schleuderte über den Uferrand ins Wasser. Die Gestalt sprang auf, packte den vor Angst schlotternden Jungen am Arm und schrie:
„Was fällt dir ein, meine Fische ins Wasser zu werfen! Tollpatsch, du! Mach schon, hol den Trog aus dem Fluss! Und dann fang mir neue Fische!“, befahl die Gestalt.
Nalumbin sprang ins Wasser und hechtete dem schwimmenden Trog hinterher, der rasch davontrieb. Glücklicherweise blieb das hölzerne Gefäß flussabwärts zwischen Geäst am Ufer hängen. Als Nalumbin mit dem Trog zurückstapfte, sah er, wie die Gestalt im rostroten Gewand die Felsnische verließ und dem Hangwald zuschritt. Ein Mal noch wandte sie sich um. Drohend reckte sie die Faust und schrie:
„Ich komme wieder! Wehe, du schleichst dich davon!“
Die Drohung, die die tosenden Lüfte herübergetragen hatten, gellte in Nalumbins Ohren und rief ihn zur Pflicht. Ein verirrter Sonnenstrahl leuchtete auf und fiel auf die Angelrute, die am Felsblock lehnte. Die schnell ziehenden Wolken löschten ihn rasch wieder und verdunkelten das Land. Schwer lag die Luft über dem Tal. Schwer rollte der Donner. Die Farben der Natur hatten keine Kraft mehr. Alles war von finsterem Grau.
Im Morast des Ufers fand Nalumbin einen Köder. Mit zitternder Hand warf er die Angel mit dem sich windenden Wurm aus. Alles um ihn herum schien sich in Schwarz aufzulösen. Übermächtige Angst ergriff ihn. Mit der Angel, an der plötzlich ein kleiner Fisch zappelte, stürzte er davon, dem Fremden nach, der ihm vielleicht Schutz gewähren würde. Nur nicht allein sein in der herannahenden Nacht! Der Trog blieb zurück.
Die Augen suchten nach dem rostroten Gewand. Hatte es nicht soeben im Steilhang über ihm rot aufgeleuchtet? War es der Fremde? Würde der Wald bald so dunkel sein wie das Innere eines Steins? Irgendwo musste der Fremde doch wohnen! Moderndes, nasses Laub bedeckte den mit Geröll übersäten Hang. Unter Nalumbins Füßen kam es ins Rutschen. Mit dumpfem Gepolter schlug es irgendwo unter ihm auf.
Und dann sah er sie plötzlich: Die Umrisse einer Leiter, die an der steil aufragenden Felswand lehnte. Und dann hörte er sie plötzlich: Töne, fetzenhaft durch den Sturm geisternd. Eine Flöte. Zögerlich kletterte er die schwankende Leiter hinauf, in der Hand den armseligen Fisch. Auf der obersten Sprosse angekommen, tat sich plötzlich eine mächtige Höhle vor ihm auf.
Da saß die Gestalt vom Fluss am Feuer, unbewegt bis auf die Finger, die die Flöte spielten. Rot züngelnde Flammen warfen ihren warmen Schein in Nischen und Ritzen, während draußen die Natur tobte.
Nalumbin setzte den Fuß über den Höhlenrand, nicht wissend, worauf er sich einließ. Seine Augen wanderten in ein rußgeschwärztes Deckengewölbe. Darin befand sich ein Loch wie ein Trichter. Es gab den Blick frei auf einen darüber getürmten Felsen.
Im hinteren Teil der Höhle erhob sich ein massiger Steintisch. Gefäße standen darauf. Im Licht einer Fackel blinkten sie auf. Tierfelle bedeckten den Boden. Büschel von getrockneten Pflanzen und Wurzeln hingen von Gewölbe und Wänden. Duft von Heu und Holzfeuer durchzog die Höhlenhalle. Nalumbin erschauerte. So etwas hatte er noch nie gesehen!
Der Mann am Feuer legte die Flöte aus der Hand, und doch war es, als stünden die Töne noch in der Luft. Er forderte Nalumbin auf, näher zu treten. Nalumbin wagte einen ersten Schritt. Da schoss ihm der Gedanke an den lächerlich kleinen Fisch in seiner Hand durch den Kopf, eine magere Beute, für die er sich schämte.
„Ich, ich hab' leider nur den Einen!“, hörte er sich stottern und hielt dem Mann mit einer hilflosen Gebärde das magere Fischlein hin.
„Wo ist die Angel? Wo ist der Trog?“
Ein heißer Schreck durchfuhr Nalumbin. Wo war die Angel? Den Fisch hatte er im Davonrennen vom Haken genommen. Wo hatte er die Angel verloren?
„Wo?“
„Ich, ich ..., hab' die Angel im Wald verloren, … hab' den Trog am Fluss vergessen.“ Zittern überfiel ihn. Erst jetzt bemerkte er, wie durchnässt er war.
„Ich geh' die Angel gleich suchen. Und, und den Trog hol' ich auch!“
Nalumbin machte Anstalten, die Leiter wieder hinabzuklettern. Draußen vor der Höhle tobte der Sturm mit unverminderter Gewalt.
„Bleib!“ Ein scharfer Blick traf den Jungen.
„Zieh' die Leiter hoch!“
Nalumbin versuchte die Leiter hochzuziehen. Sie war so schwer und unhandlich, dass er nach ein paar Versuchen aufgeben musste. Die Furcht vor dem harten Urteil des Mannes über seine Ungeschicklichkeit stand ihm im Gesicht.
Da erhob sich der Mann, packte die Leiter und zog sie mit festem Griff über den Höhlenrand. Danach verschwand er im Halbdunkel zwischen Körben, Truhen und aufgestapeltem Holz. Nalumbin, vor Kälte und Nässe schlotternd, wartete darauf, dass der geheimnisvolle Fremde ihn für sein Versagen strafen werde. Der Fremde aber kehrte mit einem Bündel Tuch zurück, das er dem Jungen zuwarf.
Nalumbin senkte den Kopf, entkleidete sich und hüllte sich in den groben Wollstoff. Der Fremde deutete auf eine lange Holzstange, die zwischen zwei Steinen steckte. Zu Büscheln gebundenes Schilfgras baumelte daran. Nalumbin schob ein paar Büschel beiseite und breitete die nasse Kleidung zum Trocknen über die Stange. Auch den Beutel legte er ab, wissend, dass jeder Versuch, diesen zu verbergen, ihn in den Augen des Fremden verdächtig erscheinen lassen würde.
Mit wortloser Geste forderte ihn nun der Mann auf, am Feuer Platz zu nehmen. Nalumbin ließ sich nieder. Unbehagen vermischte sich mit Neugier. Er wagte kaum eine Kopfbewegung, nur die Augen wanderten verstohlen umher und entdeckten sonderbare Dinge, die ihm unbekannt waren.
In einer Wandnische lehnte eine Axt von ungewöhnlicher Länge mit einem kreisrunden Knauf. Der Umriss der Axt erinnerte ihn an einen Menschen mit rundem Hut und langem, kurzärmeligen Mantel. Ein Stiergehörn lag daneben. Über der Nische ließ sich eine Ritzzeichnung ausmachen: Ein Mensch mit einer übergroßen Hand, in der sich Reihen von kreisrunden Vertiefungen befanden. Nalumbin spürte, wie der Mann ihn prüfend ansah, und senkte den Blick. Er fiel auf ein Gefäß am Feuer, das die Form eines Vogels besaß und von dunkel glänzendem Metall war.
Der Mann reichte ihm das seltsam geformte Gefäß. Es enthielt ein Gärgetränk, das nach Waldbeeren schmeckte, ein Trank, der ihn wohlig durchwärmte. Die Blicke begegneten sich.
„Dein Name?“ Die Frage kam plötzlich.
„Nalumbin“, antwortete der Junge und wartete auch schon auf die Frage nach seiner Herkunft. Die Frage blieb aus.
Der Mann nickte kurz und sagte: „Ich bin Ardevi!“
Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute der Fremde ins Feuer, als suche er dort Antworten auf Fragen, die er nicht aussprach. Die Flammen schwangen in die verdämmernde Höhle und warfen zitternde Schatten auf die Wände. Ein dicker Ast im Feuer brach. Funkenregen stob in die Luft. Roter Lichtschein fiel auf die riesenhafte Axt in der Wandnische und ließ ihre bronzene Klinge aufblitzen.
Der Fremde entzündete einen Span, erhob sich und trat an den steinernen Tisch. Nalumbin sah, wie er eine Öllampe entfachte und darüber Handzeichen machte. Dann, ein Geräusch, leise klappernd, das sich anhörte wie hingeworfene Holzstücke. Gespannt, was nun folgen würde, wartete Nalumbin, doch der Mann verweilte reglos am Steintisch – wortlos. Nur das herabströmende Wasser, das sich in der Steilwand des Felsens austobte, redete in dunklen Tönen.
Als der Fremde nach einer Weile ans Feuer zurückkehrte, sich darüber beugte und ein Scheit nachlegte, meinte Nalumbin ein feines Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen, das aber sogleich wieder einer harten Strenge wich. Dann, für Nalumbin völlig unerwartet, streckte ihm der Mann die Hand entgegen und sagte: „Du kannst heute Nacht hierbleiben!“
Froh über diese unerwartete Aufforderung ergriff der Junge zögernd die Hand. Ein kurzer, kräftiger Druck. Der Mann mit dem Namen Ardevi griff nach der Flöte und erneut erfüllte eine Melodie den Raum, stand in der Luft, als hätte sie Gestalt angenommen.
Verstohlen durchsuchten Nalumbins Augen die Höhle. Auf einem Holzgestell entdeckte er eine Anzahl faustgroßer Steine. Kreise und Spiralen, aber auch gekerbte Wülste und Linien, die Tannenzweigen ähnelten, waren in sie eingeritzt. Daneben stand eine Platte aus Ton, die in ihrer Form an die Sichelmondin erinnerte. An ihrer Oberkante zählte Nalumbin neun eingearbeite Zacken. Darunter befanden sich fünf kreisrunde Löcher. Auf einem der Zacken hing ein Holzring. Stellte das Ganze eine Art Kalender dar?
Vor dem Holzgestell war eine Schicht Lehm auf dem Boden aufgetragen. Fünf Kreise zeichneten sich darin ab, die so aneinandergereiht waren, dass sie wiederum selbst einen großen Kreis bildeten: ein Sonnensymbol. Mit Staunen betrachtete Nalumbin das feinst gearbeitete Kreisornament.
Die Flöte war verstummt. Ardevi hatte sich erhoben und war wieder ins Halbdunkel getreten. Nalumbin hörte leises Klappern und Rascheln. Dann das Geräusch von plätscherndem Wasser. Ardevi erschien und hängte ein mit Wasser gefülltes Henkelgefäß übers Feuer. Einem Deckelkorb entnahm er getrocknetes Fleisch, in feine Streifen geschnitten, gab es in den Kessel, fügte Bohnen, Kräuter und ein Bröckchen Salz hinzu.
Die Glut des Feuers verteilte er gleichmäßig unter dem Kessel. All dies geschah schweigend. Auch das Umrühren der dampfend kochenden Mahlzeit. Nalumbin sog den Duft der Kräuter ein. Unerträglicher Hunger bohrte in ihm. Seit den Nüssen von Cerin hatte er nichts mehr gegessen, außer ein paar Waldbeeren. Als Ardevi ihm eine Schale voll Suppe und Schmalzbrot reichte, glaubte Nalumbin zu träumen. Dankbar fiel er darüber her, während draußen immer noch der Sturm schrie.
Nach der Mahlzeit fiel die ungeheure Spannung von Nalumbin ab. Aus der Dämmerung löste sich die Nacht. Als sich Ardevi erneut an den Steintisch begab und Nalumbin die Öllampe aufleuchten sah und das Geräusch von hingeworfenen Holzstücken hörte, huschte er hinüber zur Holzstange, an der seine Kleidung trocknete. Mit hastigem Griff nahm er seinen Beutel zur Hand, in der Absicht ihn bei sich zu verbergen.
Im selben Augenblick wandte sich Ardevi um. Nalumbin fühlte sich ertappt. Mit unruhiger Hand ertastete er das Innere des Beutels. Prüfend traf ihn der Blick seines Gastgebers. Zu seiner Erleichterung spürte er das Kästchen, das ihm Fallain zum Abschied geschenkt hatte. Er nahm es heraus, kehrte zum Feuer zurück und tat so, als habe er weiter nichts gesucht. Dann öffnete er das Kästchen. Enttäuschung über seinen Inhalt stand ihm ins Gesicht geschrieben, die Ardevi bemerkte. Fragend sah er den Jungen an.
„Von einem Freund,“ sagte Nalumbin.
„Bloß ein bisschen Moos zum Feuermachen.“
Da streckte Ardevi die Hand aus und ließ sich das Kästchen reichen.
„Es ist kein einfaches Moos“, sagte er.
„Es ist Llap. Am siebten Tag nach Neumond, wenn die Abendsonne am Horizont verschwunden ist, schneidet man die seltene Zauberpflanze. Barfuß und mit gewaschenen Füßen muss man es tun, damit der Pflanzengeist nicht zürnt. Trägt man es bei sich, ist man stark wie ein Bär und mutig wie der Adler. Also hüte es gut!“
Da erkannte Nalumbin, wie wertvoll Fallains Geschenk war. Würde es ihm helfen, Arfund, den Händler, zu finden? Würde es ihm helfen, sein Versprechen einzulösen, das er seinem sterbenden Vater gegeben hatte? Wo war sie jetzt, seine Sippe? Waren Aithe und die kleine Suri noch am Leben? Und wie würde es dem alten Jedaure ergangen sein? In Nalumbins Erinnerung tauchten die Steinhügelgräber am Waldrand der Lomersiedlung auf.
In diese Gedanken hinein erhob sich Ardevi und trat an den Steintisch. Eine Weile noch betrachtete Nalumbin das Kästchen. Dann steckte er es wieder in den Beutel. Allmählich beruhigte sich sein aufgewühltes Herz. Am Feuer vergrub er sich tiefer in Ardevis wollene Tücher. Noch nahm er die Gestalt wahr, wie sie im Feuerschein die Arme ausbreitete, und wie die Flammen ihren Mantel aufleuchten ließen.
Die letzten Gedanken vor dem Einschlafen galten den Steinriesen, und er wunderte sich, dass er sich jetzt nicht fürchtete. Dann fielen ihm die Augen zu. Schwärze umgab ihn, die mit der Schwärze der Nacht draußen vor der Höhle verschmolz ...
Zweites Buch
Schwarzmoos
Nalumbin lag noch schlafend neben der Glut des Feuers, als Ardevi die Höhle über die Leiter verließ. Der nächtliche Regen hatte aufgehört. Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich durch das Gezweig der Bäume. Der Wald war erfüllt vom Gesang der Vögel. Ein frischer Morgenwind hauchte Ardevi entgegen. Auf dem Rücken trug er einen Korb, beladen mit Arzneien in versiegelten Tongefäßen: Kräuterpulver, Steinabrieb, Tinkturen, Öle und Salben. Mit dabei waren auch kleine mit Bast verschnürte Schachteln und Röllchen aus Rinde und Schilf, die getrocknete Beeren, Pilze und Moose enthielten. Lagen von Stroh und Laub schützten den Korbinhalt gegen Stöße.
Durch grünes Dickicht wand sich der Pfad am Fluss entlang. Stellenweise verschwand er ganz im Gehölz. Dann hieb Ardevi mit einem sichelförmigen Messer den Weg frei. In Gedanken bat er die Baumfeen, die Störung zu verzeihen. Steil bergan führte der Weg auf eine karge Hochebene. Sie war übersät von hellen Steinen, geformt und ausgebleicht von Wind und Wetter. Sommerblumen wucherten zwischen ihnen.
Ardevis Ziel war die Siedlung der Firan. Über ihr spannte sich ein blassblauer Himmel, der die Landschaft in weiche Farben tauchte. Zwischen schlanken Wacholderbüschen weideten Schafe. Auf den Äckern, welche die Siedlung umgaben, hatte das Unwetter des gestrigen Tages seine Spuren hinterlassen.
Ein großer Teil des ohnehin dünn stehenden Korns lag vom Sturm niedergeworfen am Boden. Die Bauern gaben sich Mühe, die Ähren wieder aufzurichten. Kinder zupften Beeren von den Hecken, die die Äcker voneinander trennten. Von weitem schon wurde Ardevi an seinem rostroten Gewand erkannt, und so hoben sich auch schon die Hände zum Gruß.
Das Dorf der Firan zählte zu den größten auf der weiten Hochfläche. Es bestand aus gut zwei Dutzend Hauptgebäuden von unterschiedlicher Größe, die einen mit breiter Vorderfront, an denen starke Firstbäume die Hauptlast des Daches trugen; die anderen schmal und lang, zweischiffig. Hinzu kamen die Nebengebäude: Vorrats- und Arbeitshütten und Stallungen. Inmitten dieser Hofgemeinschaft befand sich der Dorfplatz, auf den nun Ardevi zuschritt. Eiligst verbreitete sich die Kunde von seiner Ankunft. Die Hunde hatten ihn schon längst gewittert und angeschlagen.
Die Frauen und Mädchen, die unter der Dorflinde saßen und Schafwolle kardeten und sponnen, schauten ihm erwartungsvoll entgegen. Was mochte da alles in seinem großen Korb stecken? Die Männer, die vor einem baufälligen Haus Holzstämme mit Säge, Beil, Spaltkeil und Meißel bearbeiteten, ließen die Arbeit ruhen und kamen herbei. Retir, der Sippenführer, war aus seiner Tür getreten und begrüßte Ardevi.
„Sei willkommen, Ardevi! Was hast du uns diesmal mitgebracht?“
„Die Stimme des Feuers, die Stimme des Wassers, die Stimme der Luft, die Stimme der Erde“, antwortete Ardevi, indem er den Korb absetzte.
„Was könnt ihr diesmal zum Tausch bieten?“
„Das Schaf ist geschlachtet, die Wolle gesponnen, das Tuch gewebt, der Trunk gebraut!“
„Das lässt sich hören!“, sagte Ardevi.
Retirs Frau reichte dem Gast den Becher und schenkte ein. Der erste Schluck des Gärgetränks war für Ardevi bestimmt. Nun kreiste der Becher unter den Männern. Ardevi stellte Fragen zu anstehenden Bauarbeiten, zu Handwerk und Handel. Es entspann sich ein lebhafter Gedankenaustausch.
Die große Rede aber galt letztendlich der Sorge um die Ernte, die auch in diesem Jahr wieder mager ausfallen würde. Ardevi entnahm seinem Korb eine Schachtel aus Birkenrinde, versehen mit einem hell schimmernden Deckel aus dem Holz des Holders. Ritzzeichen befanden sich darauf: Zacken und Kreise.
„Nehmt dies und vergrabt es in eurem Land. Es soll im Reich der Erde einen neuen Zyklus schaffen.“
Ardevi überreichte Retir die Schachtel. Mit Staunen blickten alle auf das seltsame Geschenk. Die Frage nach dem Inhalt wagte niemand zu stellen. Dann zogen die Firan auf die Felder hinaus. Ardevi überließ es Retir, den richtigen Platz für das Ritual zu finden. Inmitten von Brachland, durch das sich ein Bach schlängelte, hob Retir eine Grube aus.
Er legte Ardevis Gabe hinein und schaufelte Erde darüber. Alles schwieg. Nur der Schrei eines Adlers und das Klingen der Schellen an den Hälsen der Weidetiere war zu hören.
Als sich eine Wolke vor die Sonne schob und das Gras verdunkelte, sprach einer der Alten des Dorfes:
„Steig hernieder, Licht,
gib Sein und Werden.
Alle Mühe, alles Ringen
kann nur Frucht und Leben tragen,
wenn deine Helferhände dringen
tief in den Schoß dieser Erde.
Lass auferstehen Reife,
von Tag zu Tag,
von Nacht zu Nacht,
von Jahr zu Jahr.
Steig hernieder, Licht!“
Eine junge Frau trat herbei, anmutig und von klarer Schönheit. In der Hand hielt sie einen Krug mit Wasser, das sie dem Bach entnommen hatte. Ardevi blickte in Augen, die so blau leuchteten wie die blaue Wegblume. Seltsam fern und doch nah stand die Frau vor ihm. Mit einer Geste forderte er sie auf, den Krug auszugießen. Während das Wasser langsam im Boden versickerte, vernahm er ihre Worte.
„Kein ungetanzter Tanz mehr,
kein ungelebtes Leben,
alle Tränen weggewischt,
wie ein nimmermüder Bach sprudelt das Leben.“
Die Wolke, die die Sonne verdunkelt hatte, verschwand. Das Sonnenlicht ergoss sich aus dem Himmel. Das Gras leuchtete in hellem Grün. Die Menschen nahmen es als gutes Zeichen. Erleichterung machte sich breit. Noch immer stand die Frau vor Ardevi. Er sah auf ihren Scheitel, auf gelocktes, kupferrotes Haar, auf die Rundung der Schultern, auf die atmende Brust unter dem Stoff des Kleides. Auf ihren Lippen lag ein schmerzliches Lächeln.
Ein Mann erschien, breit und groß von Wuchs, mit einem dunklen Bart und zornfunkelnden Augen. Mit grobem Griff packte der Mann die Frau am Gürtel und zerrte sie mit sich fort. Die Hände vors Gesicht geschlagen, wandte sie sich noch einmal um. Ardevi vernahm den erstickten Ton, der ihre Kehle würgte, und der zu einem Stöhnen wurde.
Der Friede des Sommertages war gebrochen. Unmut machte sich breit. Frauen drängten zusammen und tadelten die harte Vorgehensweise des finsteren Mannes.
„Er heißt Math. Er hat sie aus dem Nordland mitgebracht und hält sie wie eine Gefangene“, hörte Ardevi die Frauen reden.
„Eifersüchtig wacht er über sie, dass sie sich ja keinem anderen Mann nähert. Sie wohnen drüben am Schwarzmoos in einem der zwei Häuschen. Manchmal hört man die Frau in einer fremden Sprache singen, und es klingt traurig. Vielleicht kommt dies vom Schwarzmoos, wo es ohnehin nicht geheuer sein soll. Die Schwermut ergreife einen, wenn man dem Moor zu nahe komme, sagen die Leute. Manchmal sieht man die Frau aber auch allein oben auf dem Findelfels. Wenn ihr Mann auf Jagd ist, sitzt sie dort von morgens bis abends und spricht vor sich hin. Sie heißt Dilata. Dieser Name ist hier fremd.“
Auch die Männer berieten den Vorfall.
„Ein finsterer Bursche, dieser Math. Jagen kann er wie kein anderer. Treffsicher ist er wie kein zweiter und stark wie ein Bär. Aber dass er sein Weib so hart anfasst, das ist nicht recht. Schön wie die Sonne ist diese Frau. Da kann man schon verstehen, dass er sie wie seinen Augapfel hütet. Und doch möchte man sich am liebsten einmischen.“
Allmählich verblasste die eben geschaute Szene. Die Leute machten sich auf den Weg zurück ins Dorf. Ardevi folgte. Bald schon umstanden sie ihn und baten um Medizin gegen ihre Beschwerden. Ardevi verteilte Arzneikräuter gegen Kopfschmerzen und Krämpfe. Tinkturen gegen Fieber und Wassersucht, gegen Husten und Heiserkeit, Salben und Tränke, die der Fruchtbarkeit der Frauen dienen sollten. Dazu Essenzen von getrockneten Blüten, Beeren und Nüssen für Herz und Magen.
Die Vielfalt von Ardevis Angebot war groß, und die Reihe derer, die seinen Rat suchten, ebenfalls. Im Tausch erhielt Ardevi geräuchertes Fleisch, Salz, Linsen, Erbsen und Hirse. Dazu Käse und Butter, eingewickelt in die kühlenden Blätter der Neunwurz.
Auch Werkzeuge nahm er entgegen: Feilen, Nadeln und Schnitzmesser. Kaum, dass der Tauschhandel abgeschlossen war, näherte sich Ardevi ein Mann, gebeugt von der Last seiner späten Jahre.
„Auch wenn ich dir nicht viel zum Tausch bieten kann“, sagte der Alte.
„So bitte ich dich, mit mir zu kommen. Mein Enkel wird von Tag zu Tag kränker. Nichts will helfen. Vielleicht sind's die Moorgeister, die von ihm Besitz genommen haben.“
Ardevi, der bereits zum Aufbruch gerüstet hatte, horchte auf und fragte: „Wo wohnst du?“
„Am Schwarzmoos“, antwortete der Alte. „Drüben beim Findelfels.“
„Ein weiter Umweg für einen Mann, der sein Tagewerk beenden möchte. Da muss sich der Tausch aber lohnen. Was ist es denn, das du bietest?“, fragte Ardevi.
„Ein Band, gewebt von der Mutter meines Enkels. Es scheint wenig, und doch ist es viel.“
„Viel vielleicht für dich, aber für mich?“
Der Alte gab keine Antwort, nur der Kummer sprach aus seinem Gesicht. Da nickte Ardevi kurz. Sein Ton war rau.
„Gehen wir!“
Der Alte wohnte nicht allein in der Hütte, die er und Ardevi nach einer guten Wegstrecke betraten. Ein junges Mädchen saß an einem Webstuhl und ließ das Schiffchen mit flinker Hand durch die Kettfäden gleiten. Das Mädchen war von außergewöhnlicher Schönheit.
Im Herd zischte und knatterte ein Feuer, das seinen Schein in den hinteren Teil der Hütte entsandte. Im Dämmerlicht sah Ardevi einen Jungen auf einem Laubsack und Fellen liegen. Gesicht und Arme waren geschwollen. Den Kranken hatte er schon beim Eintreten in die Hütte gerochen.
„Arwe“, sagte der alte Mann, indem er auf den Kranken deutete.
„Seit Tagen liegt er hier und kann sich nicht rühren vor Schmerzen.“
Jetzt trat auch das Mädchen hinzu. Mit einer weichen Handbewegung strich sie dem Jungen über die Stirn.
„Kannst du ihn wieder gesund machen?“, fragte sie Ardevi. Ein zartes Beben schwang in ihrer Stimme.
Ardevi beugte sich über den Kranken und betastete seine Gelenke. Doch bei aller Behutsamkeit schrie der Junge auf.
„Bring mir Himmelsbrot, Brennnessel und Tierfett! Und Bast vom Lindenbaum!“, wies Ardevi den Alten an. Zu dem Mädchen gewandt sagte er: „Kennst du die Waldbrustwurz?“
Das Mädchen nickte.
„Gut zwei Handvoll Samen brauche ich. Aber pass auf, verwechsle sie nicht mit dem giftigen Schierling. Bevor du gehst, koche einen Krug Wasser.“
Seinem Korb entnahm Ardevi blühendes Heidekraut, das er auf dem Weg zu den Firan geschnitten hatte. Nachdem das Mädchen das Feuer stärker angefacht und das Wasser zum Kochen gebracht hatte, zerkleinerte er das Kraut und übergoss es mit dem heißen Wasser. Inzwischen war der Alte mit einem Arm voll der angeforderten Pflanzen und dem gewünschten Fett erschienen.
Ardevi bat ihn, die Blätter von den Stängeln zu zupfen. Die Blätter des Himmelsbrotes zerrieb er in einem Mörser zu Brei, gab Talg hinzu und mischte beides zu einer Salbe. Mit ihr bestrich er die stark angeschwollenen Gelenke des Jungen: Finger-, Hand-, Arm-, Schulter-, Hüft-, Knie- und Fußgelenke. Wieder schrie der Junge auf!
Mit dem weichen Rindenbast umwickelte Ardevi die kranken Stellen, damit die Salbe gut einziehen konnte. Die Blätter der Brennnessel fügte er dem aus Heidekraut gewonnenen Absud hinzu. Beides vermengte er, goss heißes Wasser dazu und gab es dem Jungen in kleinen Schlucken zu trinken. Dem Alten trug er auf, dies noch mehrere Male am Tag in gleicher Weise zu tun.
Das Mädchen trat ein und reichte Ardevi ein Säckchen mit den Samen der Waldbrustwurz. Ardevi nahm ein paar Samen heraus, prüfte sie, indem er sie zwischen den Fingern rieb und daran roch. Als er alles für gut befunden hatte, verlangte er ein weiteres Gefäß mit kochendem Wasser. Wieder verließ das Mädchen den Raum. Die Türe blieb offen.
Ardevi hörte die Schritte des barfüßigen Mädchens auf dem Sandweg, der zum Nachbarhäuschen führte. Er hörte, wie es anklopfte, wie sich knarrend eine Tür öffnete. Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr. Jemand weinte. Dann ein leises Wimmern, ein hilfloses Schluchzen.
Eine Männerstimme schrie: „Du hast es nicht anders verdient! Und wenn du noch so weit fortzulaufen versuchst, ich werde dich finden, ganz gleich wo du bist! Du hast dem fremden Mann schöne Augen gemacht!“
Ardevi hörte es poltern. Es klang klatschend wie Schläge. Sofort verließ Ardevi den Raum. Er sah das Mädchen an der Tür des Nachbarhauses stehen. Eine mächtige Gestalt füllte ihren Rahmen.
„Was willst du?“, schrie der Mann, in dem Ardevi Math erkannte.
„Ich will Dilata um einen Trog bitten. Wir haben keinen mehr. Arwe ist krank. Ardevi, der Heiler braucht ein Gefäß.“
Mit einer heftigen Armbewegung gab der Mann den Weg frei und deutete auf ein Wandbord, auf dem ein paar Gefäße standen. Das Mädchen ergriff eines davon und hastete aus dem Haus.
Ardevi trat vor den finsteren Mann. Dabei fiel sein Blick in das Haus. Er sah, wie eine Frau am Boden kauerte. Unter einem zerrissenen Hemd sah er einen Rücken, über den sich blutige Striemen zogen. Rot gelocktes Haar fiel über die zuckenden Schultern. Neben ihr lag ein Amulett. Ihre Hand tastete danach. Der Mann sah es, entriss es ihr und schleuderte es durch die offene Luke. Ein Geräusch war zu hören, als schlüge Metall auf Stein.
Die Frau wandte den Kopf. Erschrocken blickte sie auf Ardevi. Ein kalter Windstoß fuhr herein. Die Spannung zwischen den Männern wuchs. Draußen heulte der Kettenhund. Mit einer Stimme, schneidend scharf, herrschte Ardevi den Mann an:
„Du bist zu weit gegangen, Math! Du hast diese Frau nicht verdient! Gib sie frei und lass sie in ihre Heimat zurückkehren!“
Außer sich vor Zorn stürzte sich Math auf Ardevi, die Fäuste zum Schlag geballt, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Ardevi duckte sich. Maths Faust traf den Türrahmen. Jetzt hielt ihn nichts mehr zurück. Sein Atem geiferte. Mit wilden Schlägen hieb er auf Ardevi ein. Ardevi, standhaft und mit angespannten Muskeln, wehrte die Schläge ab. Geschickt wich er zurück. Math folgte ihm. Aus seinen Mundwinkeln troff Speichel.
Plötzlich hatte er ein Messer in der Hand, mit dem er Ardevi angriff. Die Frau am Boden sah es. Blitzschnell erhob sie sich. Mit einem Sprung war sie hinter Math und trat ihm mit der ganzen Wucht ihres zierlichen Körpers in die Kniekehlen. Math verlor das Gleichgewicht. Lange genug für Ardevi, um dem Angreifer den Arm herumzudrehen und ihm das Messer zu entwinden. Es war der Augenblick, in dem die Frau aus dem Haus stürzen und in Richtung Moor fliehen konnte.
Auf dem Hof stand Arwes Großvater. Die Angst vor dem rohen Nachbarn stand ihm im Gesicht. Und doch wagte er es plötzlich, sich dem Rasenden in den Weg zu stellen. Wie ein welkes Blatt fegte dieser ihn zu Boden. Entschlossen, die flüchtende Dilata einzufangen, rannte Math davon, dem Moor entgegen, wo er alle Wege und Moorlöcher kannte, Dilata jedoch nicht.
Mit einer Stimme, die metallen klang, rief Ardevi ihm hinterher:
„Wenn du der Frau etwas antust, wirst du verflucht! Ich verfluche dich!“
Dann half Ardevi dem alten Mann vom Boden auf und ging mit ihm zurück an Arwes Lager. Das Mädchen reichte ihm das Gefäß mit heißem Wasser. Ardevi legte das Säckchen mit den Samen der Waldbrustwurz hinein. Seinem Mantel entnahm er einen Kristallstein, den er dem Alten mit den Worten überreichte:
„Sobald der Absud nur noch körperwarm ist, wasche Arwe damit. Dann lege den Stein auf seine Stirn. Und vergiss nicht, ihm von Nessel und Heide zu trinken zu geben.“
Das Mädchen hatte wieder seinen Platz am Webstuhl eingenommen. Hin und her glitt das Schiffchen. Dies erinnerte den Alten an sein Versprechen. Einem Wandkasten entnahm er ein Band und reichte es Ardevi. Ardevi hielt es übers Herdlicht und betrachtete es gründlich. Es war ein dicht gewebtes ockerfarbenes und starkes Band. Es war stark genug, das Gewicht eines Pfluges zu ziehen. Ardevi entdeckte ein eingewobenes Augenmuster darin.
„Behaltet es“, sagte er. „Wenn sich das Auge öffnet und den Vorhang der Nacht beiseitedrängt, erkennt es die Morgenröte.“
Ardevi legte das Band auf Arwes kranken Körper. Zu der jungen Weberin gewandt, sagte er:
„Wenn die Sonne am höchsten steht, webe mir ein neues Band. Farbe und Muster sollen dir überlassen sein. Wie heißt du?“
„Ich bin Tara!“
„Und wer bist du?“, fragte Ardevi den Alten.
„Ich bin Ribor, der Torfstecher.“
„Woher wusstest du, das ich mich bei den Firan aufhalte?“
„Dilata, die Nachbarsfrau, hat es mir erzählt und geraten, sobald wie möglich zu dir zu gehen. Sie sagte, wenn jemand helfen könne, dann nur du.“
„Und woher will sie das wissen?“
„Sie sagte, sie kenne dich.“
Da wandte sich Ardevi um und schritt unvermittelt zur Tür.
„Ich komme wieder“, kündigte er an.
„Bis dahin pflegt den Kranken, wie ich es euch gezeigt habe. Wiederholt die Waschungen und wendet die Salbe an.“
Ardevi verließ das Haus. Es zog ihn zum Moor. Ein schmaler Pfad, neben dem es in Tümpeln und Löchern gluckerte, führte hinein. Gelbe Schilfbüschel raschelten und flüsterten. Ardevi blieb stehen und ahmte den Ruf der Weihe nach, als erwarte er Antwort. Eine Antwort aber blieb aus.
Dies beunruhigte ihn; erst recht, als er an der Stelle, wo der Weg fast ganz im Dickicht verschwand, ein Lederriemchen fand, das zu einer Sandale gehören konnte. Den Vogelruf wieder und wieder in die Stille des Moores entsendend, versuchte er die Dunkelheit der Mooroberfläche zu ergründen, die sich düster zusammenballte. Doch das Moor blieb stumm. Nichts regte sich. Nach angespannter Suche kehrte Ardevi schließlich um.
Eilends ging er davon, in die entgegengesetzte Richtung, auf einen Abhang zusteuernd. Ein schmaler Grat führte ihn auf eine markante Felsnase, die Spitze des Findelfelsens. Senkrecht abfallend verloren sich die darunterliegenden mächtigen Wände im grünen Blätterdach des dichten Hangwaldes.
Sich am bemoosten Fels festklammernd ragte eine Eberesche auf, die sich im späten Licht fast schwarz gegen den Himmel abhob. Mit seinem Messer schnitt Ardevi ein paar Äste ab, entfernte die Blätter und kürzte sie zu geraden, gleich langen Stäben, neun an der Zahl. In jeden der Stäbe ritzte er ein Zeichen. Die gesungenen Worte, die seine Tätigkeit begleiteten, verhauchten im Rauschen der Windschwestern.
Das Auge nach innen gerichtet, warf er die zu einem Bündel gefassten Stäbe in die Luft. Kaum hörbar fielen sie zu Boden. Ardevi betrachtete ihre Lage. Sechs Stäbe lagen fächerartig ausgebreitet, ein siebter hatte sich quer darüber gelegt, die Spitze des Fächers zeigte nach Osten. Rechts und links davon flankierten je ein weiterer Stab in deutlichem, fast gleichen Abstand den Fächer. Ardevis Züge entspannten sich.
Durch eine aus zerklüfteten Steinen gebildete Spalte, die einer Luke glich, fiel sein Blick auf einen darunterliegenden Sporn. Er zwängte sich durch die schmale Öffnung. Mit einem Seil, das er an einem Felszacken befestigte, ließ er sich hinab. Von diesem tiefer liegenden Sporn aus gelangte er in eine Halbhöhle, die sich in der Felswand auftat. Zwei Sitze waren in den Fels gehauen. Den Boden überzog ein Muster aus feinen Rinnen.
Die Abendsonne fiel auf ein kreisrundes Loch in der Höhlenwand. Ardevi griff hinein und legte ein Päckchen ab. Ein herber Kräuterduft entströmte ihm. Er nahm die Flöte, deren Klänge nun den steinernen Raum ausfüllten. Dann brach er auf.
Der Rückweg war kühl und dunkel. Büsche und Bäume wurden fahl und sanken in die Schatten zurück. Erste Sterne glommen auf. Sicher schritt Ardevi durch die Nacht, getragen von einer Flut von Gedanken. Er sah Sternschnuppen, die regellos durch den Himmel jagten. Bei seiner Rückkehr in die heimische Höhle fand er Nalumbin vor, neben sich die Angelrute und den Trog mit ein paar Fischen darin. Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch.
„Warum bist du noch hier?“
Mit einer schwachen, unsicheren Handbewegung deutete der Junge auf den Trog und die Angel.
„Hier sind deine Sachen, und Fische habe ich auch mitgebracht,“ antwortete er zögernd. „Das Feuer hab' ich gehütet und ...“
„Und du dachtest, du könntest deswegen noch eine Nacht hierbleiben?“, unterbrach ihn Ardevi.
Nalumbin starrte hinaus in die Nacht. Er zog die Schultern hoch. Unsicherheit und Furcht waren ihm anzusehen.
„Aber morgen wirst du dich nützlich machen! Ich kann dich als Träger brauchen!“
Die Worte Ardevis ersparten Nalumbin die Bitte nach einem weiteren nächtlichen Lager. Er seufzte erleichtert, denn draußen vor der Höhle kündeten die Windschwestern von einem heranziehenden Gewitter.
„Jetzt nimm die Fische aus. Ich will essen!“ Und nach einer Weile fügte Ardevi hinzu: „Und du? Hast du Hunger?“
Nalumbin nickte. Wieder bohrte der Hunger in ihm.
„Dann mach schon, ich kümmere mich ums Brot.“
Da setzte sich Nalumbin an den Rand der Höhle und begann mit Jors Messer die Fische zu säubern. Die Innereien warf er in die Tiefe, aus der er Schritte zu hören glaubte. Waren es die Füße der Riesen, die umherstapften? Wo stand die Mondin? Doch da war keine Mondin. Die Schwärze des Waldes verschluckte jeden Lichtschein.
Als er sah, wie Ardevi im Feuer das Brot buk, wurde ihm leichter ums Herz. Trotz der kühlen Strenge gingen Kraft und Ruhe von diesem Mann aus, der ihm jetzt wieder so fremd schien, wie die Sonne der Mondin. Er war es, der diese Höhle wie mit einem unsichtbaren Schutzschild vor den Gefahren der Nacht abschirmte ...
Tara
Es war am frühen Morgen, als Ardevi und Nalumbin mit ihren Tragekörben den Wald verließen. Eine von Licht durchflutete Landschaft lag vor ihnen. Zwischen unzähligen hellen Steinen wuchsen rot blühende Zwergsträucher und dazwischen säulenartige Nadelbüsche. Ihnen entströmte ein würziger Duft. Ardevi hielt an. Seinem Korb entnahm er ein Tuch, das er unter einem der schlanken Büsche ausbreitete.
Mit seinem Stock stocherte und klopfte er in das dichte Gezweig. Dunkle, blauschwarz schimmernde Beeren fielen heraus und sammelten sich auf dem Tuch. Nalumbin wies er an, dasselbe zu tun und die Beeren von den abgeschlagenen Zweigen zu befreien. Wie Nadeln stachen sie in die Finger. Gegen Mittag beendeten sie die Ernte. Die mit Beeren prall gefüllten Tücher banden sie zu Beuteln. Danach setzten sie ihren Weg fort. Ziel war das Haus des Torfstechers Ribor am Schwarzmoos.
Beim Näherkommen hörten sie das Aneinanderschlagen von Webgewichten. Sie erblickten die Silhouette eines Mädchens, das beim Weben vor der Hütte saß. Weizenhelles Haar leuchtete ihnen entgegen. Eine schlanke, junge Gestalt, in graues Tuch gehüllt; eine rote Blüte über der Brust; die feinen Hände über dem Fadengespinst des Webstuhls, die wie Schmetterlinge dahinflogen. Verstohlen schaute Nalumbin zu dem schönen Mädchen. Aus Augen, grün wie junge Buchenblätter, traf ihn ein freundlicher Blick. Wie aus weiter Ferne und doch nah hörte er Ardevis Stimme:
„Lass sehen, Tara, wie weit du mit dem Band gekommen bist!“
Die Mädchengestalt erhob sich. Prüfend beugte sich Ardevi über den Webstuhl. Seine Hand befühlte den dicht gewobenen Stoff.
„Blau wie der Himmel und rot wie der Klee“, sprach er.
„Du hast gute Farben und Muster gewählt.“
Nun trat auch Nalumbin an den Webstuhl. Für einen Augenblick berührten sich die Schultern der beiden jungen Menschen. Nalumbin spürte die Zeit rinnen, unwiederbringlich. Schauder erfüllten ihn. Ribor kam herbei.
„Arwe geht es besser“, sagte er.
„Auf dir ruht der Segen der Götter, Ardevi!“
Ohne zu erwidern begab sich Ardevi ins Haus und stellte den Korb ab. Ribor, Tara und Nalumbin waren ihm gefolgt. Ardevi trat an Arwes Lager. Er befühlte seine Gelenke. Diesmal gab der Junge keinen Schmerzenslaut von sich. Tara sah einen Ausdruck von Zufriedenheit in Ardevis Gesicht. Mit einem Lächeln schaute sie zu Ardevi auf.
„Ich wünschte, ich könnte mehr tun, als nur ein Band für dich zu weben, zum Dank, dass du meinen Bruder gesund machst.“
„Noch ist er nicht gesund, Tara, es wird noch dauern, bis die Schwellungen ganz abgeklungen sein werden. Aber du kannst mich bei der Bereitung der Medizin unterstützen. Was wir jetzt brauchen, ist Wasser. Nalumbin kann dir beim Wassertragen helfen. Und du, Ribor, hol' Moorerde.“
„Da, nimm!“, sagte Tara und deutete auf die Krüge über dem Herd. „Ich zeige dir die Quelle.“
Nalumbin folgte ihr. Leichten Schrittes ging sie voran. An der Quelle knieten beide nieder und schöpften Wasser. Auf Taras hellen Armen schimmerten Wassertropfen im zarten Flaum. Nalumbins Auge umfasste den schönen Mädchenkopf, die Schultern und die rote Blüte am Kleid.
Ein Gefühl, wie er es noch nie erlebt hatte, überschwemmte ihn. Sein Herz schlug rascher. Er hob die Hand und wollte ihr über die Wange streichen. Aber er tat es nicht. Neben der plätschernden Quelle verströmten Moos und Kräuter ihren Duft. Nalumbin sog ihn ein, durchdrungen von Sehnsucht und Wehmut.
Als Tara mit Nalumbin in die Hütte zurückkehrte, war Ardevi dabei, Arwes Lager für die Behandlung herzurichten. Nalumbins Korb entnahm er einen Bronzekessel und ganze Bündel an Farnblättern. Den kranken Jungen setzte er auf eine grob gezimmerte Bank. Tara strich ihm über das Haar und drückte seine Hand.
„Es wird alles wieder gut“, flüsterte sie ihm zu.
Ein schwaches Lächeln huschte über Arwes Gesicht. Nun bedeckte Ardevi Arwes Lager mit den Farnblättern. Tara trat an den Herd und schürte das Feuer. Hell loderten die Flammen. Nalumbin goss Wasser in den Kessel und setzte ihn aufs Feuer. Ribor schüttete die Moorerde hinein. Mit einem Stock rührte er sie zu einem dicken Brei. Arwe wurde entkleidet. Behutsam legten sie ihn auf die Farnblätter, die ihn wie einen grünen Kranz umgaben.
„Wie ein Waldmännlein“, dachte Nalumbin , „so stelle ich es mir jedenfalls vor.“
Mit dem Handrücken prüfte Ardevi die Wärme des Moorbreies. Er nahm den Kessel vom Herd und stellte ihn neben Arwes Lager. Im Raum war es feuchtheiß. Es roch nach Krankheit und gleichzeitig Heilkräftigem. Nalumbin brach der Schweiß aus. Am liebsten wäre er ins Freie gelaufen. Die Anwesenheit Taras jedoch hielt ihn fest. Er hätte es, um in ihrer Nähe zu sein, an jedem noch so dumpfen, engen Ort ausgehalten. In seinen Augen leuchtete es, wenn sich ihre Blicke trafen. Ein paar Mal hatte ihn Tara angelächelt, scheu und zart.
Noch einmal prüfte Ardevi die Wärme des Moorbreies, bevor er ihn auf Arwes nackten Körper packte. An Fuß-, Knie-, Arm-, Hand- und Schultergelenken trug er die Masse besonders dick auf. Hin und wieder stöhnte Arwe unter ihrer Glut. Seine helle Haut verschwand unter dem schwarzen Schlamm, und nur das Gesicht leuchtete weiß hervor. Reglos lag er da, mit einem wollenen Tuch zugedeckt, atmete tief und ruhig. Seine Züge entspannten sich. Bald schon fiel er in leichten Schlaf.
Den Zweig, den Ardevi vom Wacholderstrauch abgeschnitten hatte, entzündete er nun an den Flammen des Herdfeuers. Mit dem brennenden Zweig in der Hand bewegte er sich im Kreis durch den Raum. Würziger Rauch durchzog die Luft und verdrängte den Krankheitsgeruch. Ardevi öffnete die Tür und forderte Ribor, Tara und Nalumbin auf, sich nach draußen zu begeben. Nach einer Weile trat auch er hinaus. Tara fuhr mit dem Weben des Bandes fort. Am Nachbarhaus knarrte die Tür. Heraus trat eine Frau: Dilata.
„Wie geht es Arwe, kann ich etwas für ihn tun?“ In der Hand hielt sie einen kleinen Beutel.
„Es sind Steine darin“, sagte sie. „ Heilsteine für Arwe.“
Sie öffnete den Beutel, nahm einen Stein heraus und hielt ihn ins Sonnenlicht. Er leuchtete in hellem Blau.
„Aus dem Land meiner Kindheit. Wir nennen diese Steine ‚Augen des Wassers'. Sie besitzen die Kraft der Erneuerung. Da nimm!“, sagte Dilata und überreichte Ribor den Beutel. Dabei fiel der Stein zu Boden, den sie in der Hand gehalten hatte.
Dilata bückte sich, um ihn aufzuheben. Ardevi hatte dieselbe Absicht. Dilata aber war schneller und nahm den Stein wieder an sich. Sie kniete vor Ardevi. Nach einigem Zögern ergriff sie nun entschlossen Ardevis Hand und ließ den Stein hineingleiten.
„Für dich“, sagte sie und lächelte ein vertrautes Lächeln. Ardevi sah es. Der blaue Stein lag angenehm in seiner Hand. Dilata sprang auf und verschwand in ihrem Haus, genauso unerwartet, wie sie erschienen war. Als sich die Tür hinter ihr schloss, hatte Ardevi das Gefühl, als würde der Himmel an Licht verlieren, als würde sich etwas verlieren, das sich aus der Tiefe entzündet hatte. Der Nachmittag rundete sich, der späte Sommer war auf seine Höhe gestiegen. Schwer und heiß lag die Luft über dem Land.
„Zum Abend hin werden Unwetter aufziehen. Zuvor noch, wenn die Sonne im Westen über dem Findelfels steht, nehmt Arwe das Moor ab“, sagte Ardevi.
„Führt ihn zum Waschen zur Quelle. Er wird gehen können. Die Farnblätter werft erst morgen weg, weit weg vom Haus, ins Moor, um die Krankheit zu bannen und zu wandeln. Wendet zwei Mal am Tage die Salbe an und bereitet frischen Trank. In drei Tagen komme ich wieder.“
„Ich danke dir, Ardevi! Ich wünschte, ich wäre ein reicher Mann, um dich angemessen zu entlohnen. Gib uns die Ehre, unser bescheidenes Mahl mit dir zu teilen“, bat Ribor.
„Tara hat Honigbrot gebacken, und ein paar Schluck Beerensaft sind auch noch da.“
Bei diesen Worten spürte Nalumbin, wie der Hunger wieder nagte, und er hoffte auch etwas von Taras süßem Brot abzubekommen. Tara verschwand im Haus, um Brot, Wasser und Saft zu holen und die Gäste zu bewirten. Mit Bedacht kaute Nalumbin Bissen um Bissen, nicht gierig verschlingend wie sonst, sondern auskostend, denn es war Taras Brot, das er aß. Ihre Hände hatten es geknetet und geformt. Er glaubte ihre Hände an seinem Mund zu fühlen.
Nach der Mahlzeit traten Ardevi und Nalumbin den Heimweg an. Aus der Fensterluke des Nachbarhauses blickte ihnen ein blaues Augenpaar so lange nach, bis sie einen Weg einschlugen, der im Schatten von Felsen verschwand. Immer wieder hatte sich Nalumbin nach der kleinen Siedlung am Moor umgewandt. Gewitterstimmung lag über erntegelben Feldern, reifendes Wildobst säumte den Pfad, der Wald war voller Beeren. Nalumbin ergriff eine bisher nicht gekannte Wehmut beim Entschwinden der Häuser. Der Himmel aber wurde dunkler, und Ardevi schlug einen rascheren Schritt ein. Bald würde dieser Tag in der Nacht versinken.
Sie erreichten die Höhle, bevor sich das Gewitter entlud. Beim Steigen mit den Körben über die Leiter wandte sich Ardevi nach Nalumbin um und sagte unvermittelt:
„Du hast gut getragen. Von mir aus kannst du heute Nacht noch einmal hier bleiben! Kümmere dich ums Feuer!“
Dankend befolgte Nalumbin die Anweisung. Ardevi blies die Flöte. Ein ungestümer Wind riss die Töne mit sich fort. Mit einem Trunk Wasser versuchte Nalumbin sein brodelndes Inneres zu kühlen. Alles, was an diesem Tag geschehen war, zog noch einmal an ihm vorüber. Erlebt hatte er in Ardevi einen Mann, ganz anders als zuvor.
Die Strenge und Verschlossenheit, die er ihm gegenüber gezeigt hatte, war an diesem Nachmittag im Schwarzmoos Einfühlsamkeit und Umsicht gewichen. Nalumbin hatte das Bild vor Augen, wie Ardevi dem kranken Arwe mit sanften Händen und gütigen Worten Erleichterung verschafft hatte. Alle Härte war von ihm abgefallen.
Da wurde in Nalumbin plötzlich der Wunsch wach, sich dem rätselhaften und sonst so verschlossenen Menschen anzuvertrauen, auch wenn Ardevi seltsamerweise kein einziges Mal nach dem Grund von Nalumbins Erscheinen und seinem Ziel gefragt hatte. Als Ardevi die Flöte beiseitelegte, fasste sich Nalumbin ein Herz und fragte:
„Kennst du den Weg nach Thaine?“
„Warum?“
Da sprudelte es aus Nalumbin heraus. Die Worte überstürzten sich. Er berichtete Ardevi vom Überfall auf seine Siedlung, vom Tod seines Vaters, von der Flucht vor den Räubern und von seiner Verletzung, die ihn für Tage und Nächte an der Rückkehr in sein Dorf gehindert hatte. Er zeichnete das Bild von der niedergebrannten, menschenleeren Lomer-Siedlung. Er erzählte vom Beschluss seiner Sippe, über das Weiße Gebirge ins Südland zu ziehen ...
Stumm hatte Ardevi während der Erzählung des Jungen ins Feuer gestarrt. Nur der Name ‚Arfund' ließ ihn den Kopf heben, als wäre dieser ihm bekannt, doch erwiderte er nichts. Seine Miene verschloss sich, wie so manches Mal zuvor, und so schwieg auch Nalumbin. Ardevis Augen wanderten hin und her zwischen dem Licht, das über die rußgeschwärzte Höhlendecke züngelte, und dem flackernden Feuer.
Nalumbin wusste, dass die weisen Männer aus Flamme, Geknister und der Richtung des Rauches die Zukunft ableiteten. Ob es ein solches Ritual war, das Ardevi vollzog, fragte er sich. Vor der Höhle sank die Dämmerung. Ein Seufzer entrang sich Nalumbin. Ardevi betrachtete den in Gedanken versunkenen Jungen.
Er spürte seinen Kummer, seine aufgewühlten Gefühle. Mit angezogenen Knien, die Arme um sie gelegt, saß dieser vor ihm. Die Erinnerung hatte Nalumbin mit einer solchen Wucht getroffen, dass es tief schmerzte. Eine unstillbare Sehnsucht nahm Besitz von ihm. Die Sehnsucht nach den Seinen, nach Aithes warmer Hand, nach Suri, deren blonde Löckchen er um ihr rosiges Gesicht fliegen sah. Wo waren sie jetzt? Waren sie noch am Leben? –
Es waren die immer wiederkehrenden bohrenden Fragen! Trauer stand in seinem Gesicht. Seine Schultern zuckten.
Ardevi sah es. Er erhob sich und entnahm einer Wandnische einen Krug. Er füllte einen Becher und reichte ihn Nalumbin, mit der Aufforderung, ihn in einem Zug zu leeren. Nalumbin gehorchte. Bald schon zeigte sich die Wirkung des Tranks.
Die Verkrampfung seines Körpers löste sich. Die Anspannung fiel von ihm ab. Bleierne Müdigkeit überkam ihn und entließ ihn bald schon aus der wirklichen Welt hinein in einen Traumschlaf, durch den die heimatlichen Bilder gaukelten. Dann aber schob sich leise das Bild eines blonden Mädchens dazwischen. Er sah die rote Blume, wie sie auf ihn zukam, größer und größer werdend.
Er sah die Augen, grün schimmernd, in denen goldene Fünkchen aufblinkten. Auch sie kamen näher, wurden größer und tanzten wie zarte, wärmende Flämmchen auf seinem nächtlichen Traumpfad ...
Die Tore von Thaine
Draußen, vor der Höhle, lockte der Tag, drinnen löste sich nur langsam die Nacht, während Ardevi am Steintisch den Göttern huldigte. Dann begann er mit der Bereitung der Grütze. Sie bestand aus Einkorn, Schmalz, Spindelwurz, Lauch und einem Bröckchen Salz. Kräuterduft stieg nicht nur beim Umrühren aus dem dampfenden Kessel über dem Feuer, sondern auch in Nalumbins Nase beim Erwachen. Wortlos reichte ihm Ardevi eine Schüssel voll mit der sämigen Suppe. Nalumbin schlürfte sie gierig.
Verstohlen betrachtete der Junge seinen Gastgeber, wie er mit regloser Miene ins Feuer starrte. Noch immer wurde kein Wort gesprochen. Nalumbin glaubte die Gedankenschwere hinter der Stirn des Mannes förmlich zu spüren. Was mochte wohl in ihm vorgehen? Welcher Sache oder wem galten seine Gedanken?
Als die Spannung kaum mehr zu ertragen war, entfaltete sich Ardevis kühles Gesicht und bekam Wärme. Der schroffe Zug um den Mund verschwand. Er hob den Kopf. Ein offener Blick traf Nalumbin, als er sagte:
„Du kannst mitkommen! Ich bringe dich deinem Ziel näher! Wir brechen auf, sobald die Sonne den Höhlenrand erhellt. Zuvor mach' sauber!“
Während sich Ardevi in der hintersten Felsnische zu schaffen machte, reinigte Nalumbin voller Aufregung und mit flatternder Hand den Kessel und die Gefäße mit den Wedeln des Schachtelhalms, die er anschließend ins Feuer warf.
Er hörte, wie Ardevi packte. Es raschelte, knisterte und klang hölzern, und manchmal klirrte es leise. Dann hörte er das Quietschen von Korbdeckeln. Und dann wusste er, dass sie Ware befördern würden. Wohin nur?
„Ich bringe dich deinem Ziel näher!“, tönte es noch immer in seinen Ohren. Sein Herz schlug schneller. Wo war das Ziel?
Ardevi erschien mit den Tragekörben. Er löschte das Feuer und machte Zeichen darüber. Die Körbe geschultert, verließen sie die Höhle über die Leiter und verbargen sie in ihrem Versteck. Dunkelgrüne Kühle erwartete sie, als sie in den Wald hineinwanderten, vorbei an üppigen Farnen und weichen Moospolstern.
Mit unruhigem Herzen stapfte Nalumbin hinter Ardevi her. Wohin würde Ardevi ihn bringen? Wann würden sich ihre Wege trennen? Es war dieser Gedanke, der ihm Kummer bereitete. Was würde danach auf ihn zukommen, wenn er wieder ganz auf sich allein gestellt wäre? Noch sättigte Ardevis nahrhafte Grütze seinen Magen, aber der Hunger würde ihm bald schon wieder auflauern.
Da war nichts, das er besaß, um es gegen ein Stück Brot zu tauschen. Und doch war er reich an Besitz, reicher als es sich die meisten Menschen vorstellen konnten. Er trug die Heiligtümer der Lomer und der Talischen bei sich. Sie aber waren über jeden Tausch erhaben. Sie gehörten den Göttern.
Er erinnerte sich an eine Erzählung von Jedaure über ferne Länder, weit, weit weg von kühlen Wäldern und schützenden Dächern. Jedaure hatte von Landschaften gesprochen, in denen nichts wuchs, kein Halm, kein Blatt; schattenlose Landschaften, in denen es nichts anderes gab als nur Sand, ausgedörrt von Sonne und ewigen Winden.
Er hatte das Bild gezeichnet von reisenden Händlern, wie sie durch die Einöde zogen, die sie „Wüste“ nannten, beladen mit wertvoller Ware. Doch ganz gleich, wie kostbar ihre Güter waren, sie nutzten ihnen nichts, wenn sie für sich und ihre Tiere kein Wasser fanden. Ganz gleich, ob aus Gold und Silber, ihre Waren hatten dann keinen Wert mehr, denn sie ließen sich nicht trinken. Es war allein das Wasser des Lebens, das dann zählte. Nun erst wurde Nalumbin die volle Bedeutung von Jedaures Bericht bewusst. Er selbst erfuhr es jetzt am eigenen Leib. Er war reich und doch bettelarm zugleich, so wie die Menschen in der Wüste ohne Wasser.
Es war Nachmittag, als die Wanderer den Wald verließen und eine steinige Hochfläche erreichten. Wolken verschleierten die Sonne. Hinter einer Biegung des Pfades, der leicht abwärts führte, sahen sie in der Ferne Rauch aufsteigen. Ardevi deutete darauf und sagte:
„Wir sind bald am Ziel. Die Siedlung der Firan! Dort werden wir uns trennen! Von dort aus musst du ohne mich weiter!“
Ardevi sah den schmerzlichen Zug um den Mund des Jungen. Seine Hand legte sich beruhigend auf Nalumbins Schulter. Es war eine Geste, die von Zuversicht sprach. Dann steuerte er mit raschem Schritt voran, in dem Entschlossenheit lag. Nalumbin folgte.
Der Wind frischte auf. Er trug die Geräusche eines geschäftigen Alltags herüber: Hammerschläge, rollende Wagenräder, Befehle aus Männerkehlen, Kinderlärm, Hundegebell und das Gemecker von Ziegen und Geblöke von Schafen und das Brüllen der Rinder. Die Wolken hatten sich zu einer grauen Decke geschlossen. Dünner Sprühregen fiel vom Himmel.
Als Ardevi mit Nalumbin den Rand der Siedlung erreichte, riefen ihm ihre Bewohner schon von Weitem ihren Gruß entgegen. Sogleich machte die Nachricht von seiner Ankunft die Runde. Retir, der Dorfführer wurde verständigt. Er empfing Ardevi auf dem Dorfplatz und hieß ihn willkommen. Die Frauen und Mädchen, die unter der Linde saßen und Schuhe und Umhänge flickten, ließen ihre Arbeit ruhen. Ihre Blicke galten nicht nur der kraftvollen Erscheinung Ardevis, sondern auch den beiden Tragekörben.
Was alles mochten sie diesmal enthalten? Die Mädchen in Nalumbins Alter starrten mit unverhohlener Neugier auf den gut gewachsenen fremden Jungen und tuschelten und kicherten. Aus Türen und Luken überflogen spähende Blicke den Hofraum. Kaum erkannt, dass es sich bei dem Besuch um Ardevi handelte, eilten die Firan aus Werkstätten, Häusern und Ställen herbei.
Ardevi und Nalumbin stellten die Körbe ab. Und wie schon zuvor bei Ardevis letztem Besuch reichte Retirs Frau dem Gast den Becher mit dem schäumenden Gärgetränk, der danach die Runde unter den Männern machte.
„Wer immer von euch diesen köstlichen Tropfen braut, er versteht sein Handwerk meisterlich!“, sagte Ardevi.
„Es ist kein Er“, sagte Retir.
„Es ist eine Sie. Meine Frau! Zusammen mit den Kindern sind ihr keine Wege zu weit und zu beschwerlich, um Holder, Schlehen, die roten Butten und den Honig herbeizuschaffen.“
Ardevi verbeugte sich vor Retirs Frau, öffnete den Deckel seines Korbes und überreichte ihr zum Dank ein paar blaugrün schimmernde Glasperlen. Retirs Frau errötete vor Stolz und schenkte nach.
„Da gerade die Rede von Wegen ist“, sagte Ardevi.
„Wann bringt ihr wieder Ware zur großen Thainesiedlung?“
„In frühestens zwei Tagen. Warum?“, fragte Retir.
„Könnt ihr meinen jungen Begleiter mitnehmen? Er will nach Thaine zu einem Mann namens Arfund. Kennt jemand von euch Arfund?“
Da trat einer von den Umstehenden zu Ardevi. Eine löwenartige, lehmfarbene Mähne umgab seinen Kopf. Unter einem gelblichem Bart versteckte sich der Hals auf breiten Schultern. Die wasserhellen Augen blickten scharf, als könnten sie selbst Wände durchdringen. Um seine Mitte trug er einen breiten Ledergürtel, an dem eine Reihe zauberkräftiger Gegenstände baumelten: gelochte Steine, Vogelkrallen, Fetzen von Schlangenhaut und kleine Beutel mit geheimen Inhalten.
„Ich kenne Arfund aus Zeiten, als ich noch die weiten Wege bereiste“, sagte der Mann.
„Damit ist es aber längst vorbei. Es sind die Knie, die nicht mehr so recht wollen. Doch bis nach Thaine schaffe ich noch immer unsere Warenlieferungen, zusammen mit Haber, dem Wagner.“
Ardevi griff erneut in seinen Korb. Während er dem Mann ein kleines Gefäß reichte, sagte er:
„Salbe ist drin. So scharf wie dein Blick. Schmier deine Knie zwei Mal am Tag damit ein! Du wirst sehen, es hilft. Wie ist dein Name?“
„Ruro!“, antworte der Mann. „Doch was bin ich dir und deiner Heilkunst schuldig?“
„Wenn du diesen Jungen mit nach Thaine nimmst, bist du mir nichts schuldig, Ruro. Er heißt Nalumbin und stammt aus den Waldbergen.“
Und zu Retir gewandt, sagte Ardevi: „Bist du einverstanden? Kann er mitfahren? Er wird sich nützlich machen, so wie ich ihn kenne!“
Retir nickte und sagte: „Dir einen Gefallen tun zu können, ist mir eine Ehre, Ardevi!“
Retir und Ardevi gaben sich die Hand, und damit war der Handel abgemacht. In höchster Anspannung hatte Nalumbin das Gespräch zwischen Ardevi und dem Sippenführer verfolgt. Das also war Ardevis Plan gewesen! Nalumbin fiel ein Stein vom Herzen. Bis vor wenigen Augenblicken hatte er noch geglaubt, den Weg nach Thaine, den er nicht kannte, allein antreten zu müssen, und doch war ihm geteilt zumute, auf der Kippe zwischen Dankbarkeit, Hoffnung und Wehmut. Es war soweit. Der Abschied von Ardevi rückte näher.
Nun wurden die Körbe geleert und die Waren verteilt. Diesmal waren es neben ein paar Salben vor allem getrocknete Kräuterbüschel, Heilsteine, Baumrinden und die langen Reiser der Erle.
Die Kräuterbüschel waren für die Ställe bestimmt. Sie dienten dem Schutz der Tiere gegen Flöhe, Wanzen, Mäuse und anderem schädlichem Getier.
Mit der Rinde der Erle würden die Firan Leder schwarz gerben. Die Reiser der Erle standen auch für Erneuerung, für die Überwindung aus dem Schattenreich in das Sonnenreich. Sie wurden über die Lager der Kranken gehängt.
Ardevi hatte die Pflanzen vor Tagen früh am Morgen gesammelt. Er hatte sich ihnen von Westen her genähert, das Gesicht nach Osten gerichtet. Zum Ritual hatten auch Zauberworte gehört, mit denen er dem Pflanzengeist erklärte, warum und wozu er sein Kraut benötigte, und in der Hoffnung, dass der Geist ihm nicht zürnen möge.
Noch am selben Nachmittag brach Ardevi auf, versehen mit Speck, Brot, Talg und Schmalz und einem prallvollen Lederschlauch mit dem edlen Gärgetränk von Retirs Frau. Der Korb, den Nalumbin getragen hatte, blieb vorerst bei den Firan. All die leeren Tongefäße, die Beutel und Schilfkästchen würden darin aufbewahrt werden. Ardevi würde sie bei einem späteren Besuch wieder mitnehmen, darunter auch die Töpfchen, die er im Schwarzmoos für die Heilung von Ribors Enkel zurückgelassen hatte und um deren Rückgabe er Ribor gebeten hatte.
Nalumbin begleitete Ardevi noch ein Stück weit aus der Siedlung. Unter einer alten, knorrigen Föhre nahmen sie Abschied.
„Ich kann dich nicht nach Thaine begleiten“, sagte Ardevi.
„Ich habe Ribor versprochen, dass ich mich während der nächsten Tage um den kranken Arwe kümmern werde!“
Ardevi reichte Nalumbin die Hand und drückte sie fest, dass es fast schmerzte. Dann stapfte er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Mit einem wehen Zug um den Mund sah ihm der Junge lange nach, bevor er zu den Firan zurückkehrte, um sich nützlich zu machen. Würde er Ardevi jemals wiedersehen?
Nalumbin wurde in Retirs Haus aufgenommen. Retirs Frau bereitete ihm einen Schlafplatz unter dem tief herabgezogenen und schützenden Dach. Nach getaner Arbeit und nach einer bescheidenen Abendmahlzeit, zu der Nalumbin eingeladen war, verkroch er sich auf sein Lager.
Mit dem Aufsteigen der Mondin kehrte Ruhe in die Siedlung ein. Die Vögel waren verstummt. Hin und wieder schlugen die Hunde an. Nalumbins Gedanken schweiften in die Ferne zur Divonesiedlung und zu Cerin. Wie lange lag es zurück, seit er, ähnlich wie jetzt, unter Rudans Dach genächtigt hatte? Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein, und doch wusste er, dass es nur Tage waren. Fallain trat in seine Gedanken, und er sah sich mit ihm auf dem Rumpf des Bootes sitzend, wie er ihm ein Stück Talglicht und das Kästchen aus Schilfgeflecht geschenkt hatte. Und er hörte noch einmal seine Abschiedsworte.
„Ich bin gewiss, du wirst es schaffen!“
„Ja, ich werde es schaffen!“, flüsterte er vor sich hin. Er setzte seine ganze Hoffnung auf Arfund. Arfund war die Brücke zu den Seinen. Jetzt musste er nur den Mut aufbringen, um die Geister der Nacht, die da draußen irgendwo lauerten, aus seinem Denken zu vertreiben. Als sich ihm dann Retirs Hund zu Füßen legte, fiel die Angst von ihm ab, die sich bei Einbruch der Dunkelheit leise herangeschlichen hatte. Hatte der Hund seine Verlassenheit gespürt? Nun empfand er eine plötzliche Freude beim Gedanken an den übernächsten Tag, der ihm Thaine ein Stück näherbringen würde. Dann begann er zu träumen.
Die Gestalt Ardevis erschien ihm, wie er durch Wald und Flur schritt, auf der Suche nach heilenden Pflanzen, und er sah Cerin, wie dieser ihm beim Aufbruch aus der Divonesiedlung nachgewunken hatte. Dann schob sich das Bild eines schönen Mädchens dazwischen und wollte nicht weichen. Es war Tara.
Zwei Tage später trieben kalte Winde Schwaden von Nebeln vor sich her. Regenwolken hingen tief herab. Die Geräusche eines anbrechenden Morgens drangen aus der Siedlung. Der für Thaine bestimmte Karren stand bereit, voll bepackt, die Ochsen angespannt. Ruro und Haber riefen sich gegenseitig Befehle zu. Sie spannten eine Plane aus Tierhaut über den Karren. Nalumbin zog seine Kappe dichter in die Stirn. Retir verabschiedete den kleinen Trupp und bat um gute Tauscherlöse.
Was die Firan brauchten, waren Werkzeuge wie Hammer, Meißel, Sägen, Seile und Feilen, im Tausch gegen zugeschnittenes Bauholz, Wagenräder, Dachschindeln und hölzerne Tröge. So kurz geraten und stämmig Ruro war, so hochgewachsen und hager war im Gegensatz zu ihm sein Begleiter, der Wagner Haber.
Die Stirn über dem schmalen Schnurrbartgesicht verschwand fast ganz unter einer breiten Kappe. Auch die Glatze, die rosa glänzte, wenn er die Kappe abnahm, was selten vorkam. Seine Augen blickten freundlich und sein Mund umspielte ein gutmütiges Lächeln. Er mochte den Jungen, den sie nach Thaine mitzunehmen hatten. Gestern hatte er ihm den ganzen Tag in seiner Werkstatt geholfen, und er hatte sich im Umgang mit Holz als geschickt erwiesen.
Es war an der Zeit aufzubrechen. Die Peitschen knallten. Die Ochsen brüllten und zogen an. Der Wagen rumpelte aus der Siedlung. Die Männer und Nalumbin gingen zu Fuß. Die Last auf dem Wagen war zu groß, um noch drei Menschen mitzubefördern.
Das Zwielicht des nebligen Morgens lag wie ein Schleier über der Landschaft. Der Pfad stieg leicht an. Es begann heftig zu regnen. Der Pfad weichte auf, und die Tiere kamen nur mühsam voran. Die Räder hinterließen tiefe Spuren im Morast.
Nalumbin trottete hinter dem Wagen her. Der Hunger nagte. Er dachte an Ardevis Grütze von vorgestern und meinte ihren Geschmack auf der Zunge zu spüren. Er versuchte den Gedanken daran zu verjagen, aber es gelang nicht, und der Weg schien ihm endlos. Die Schuhe waren nasskalt und schmutzig.
Als dann irgendwann der Himmel heller wurde und die Wolken auseinandertrieben und sich plötzlich eine Flut von Sonnenlicht über Tier und Mensch ergoss, drang der Ruf Habers erlösend an sein Ohr:
„Zeit für Mittag!“
Ruro hielt die Tiere an. Auch sie bekamen Futter. Haber verteilte Brot, Schmalz, gekochtes Bohnenmus und getrocknete Äpfel. Im Nu war Nalumbins Missstimmung verflogen. Freude sprang ihm aus dem Gesicht. Haber sah es und dachte zurück an die Zeit, in der er in Nalumbins Alter gewesen war und ständigen Hunger gehabt hatte.
Ohne dass Ruro es merkte, schob er dem Jungen noch ein Stück Brot zu. Dies erinnerte Nalumbin erneut an Fallain, wie er ihm am Feuer der Händler das Brot zugeworfen hatte. Aus seiner Heimat kannte Nalumbin den Brauch, jedem Besucher Brot und Salz als Freundschaftsgeste und zum Zeichen der Friedfertigkeit zu reichen. In den Häusern der Lomer und der Talischen durfte der sich fortpflanzende saure Teig als Urstoff des Backens nicht ausgehen. Er wurde genauso gehütet wie das Herdfeuer.
Der Weg, der sie von der Firansiedlung aus stets nach Osten entlang der Hochflächen über der Divone geführt hatte, fiel nun in steilen Windungen zum Fluss ab. Dort, an seinen Ufern, wurde der Pfad deutlich breiter. Am frühen Nachmittag mehrten sich die Händler, die nach Thaine unterwegs waren. Andere wiederum befanden sich auf dem Rückweg. Die einen zu Fuß, mit Tragekörben oder Holzgestellen auf dem Rücken, die anderen mit Zugtieren und Karren. Es war eine bunt gemischte Gesellschaft, die sich auf Wegen traf, die aus allen Richtungen zur großen Marktsiedlung führten, vorbei an eingezäunten Gehöften im Umland von Thaine.
Eine Furt durch die am Fuß der Höhensiedlung fließende Divone ermöglichte ihre Überquerung für die Reisenden, die von der anderen Seite des Flusses von Osten her auf Thaine zusteuerten. An der gleichen Stelle erwies sie sich auch für flache Boote schiffbar. Dies war von großem Vorteil. Sie war der Dreh- und Angelpunkt der Handelswege, und jede feindliche Bewegung war von der Höhensiedlung aus rechtzeitig auszumachen.
Die Acker- und Viehbauern aus der Umgebung aber waren mit der Nahrungsversorgung Thaines stark gefordert. Die Einen gelangten zu Wohlstand und Reichtum, die Anderen gerieten mehr und mehr in die Schuld von Thaines Herren. Es war eine Zeit angebrochen, in der das Gold nicht mehr allein den Göttern gehörte.
Der Weg hinauf zum Bergsporn, auf dem die Siedlung lag, bedeutete für die Tiere mit dem schwer beladenen Wagen eine letzte Anstrengung. Ruro und Haber trieben zur Eile. Ihre Waren sollten unverzüglich ihre neuen Besitzer finden. Der Tauschhandel verlief nicht immer reibungslos, wie sie aus Erfahrung wussten. Ihr Plan war es, dass sie noch am selben Tag die Höhensiedlung verlassen würden.
Für den Aufenthalt über Nacht forderte Thaine von den Händlern zusätzliche Abgaben von Waren für Herberge und Schutz, was seinen Reichtum ständig mehrte. Nalumbin hatte Mühe, dem holpernden Karren zu folgen, denn jetzt meldete sich der Schmerz im Fuß. Seine Aufregung aber wuchs mit jedem Schritt, mit dem er sich dem ersehnten Ziel näherte.
Als dann das Gespann vor den Toren Thaines anhielt und Haber und Ruro um Einlass baten, gingen Nalumbin die Augen über. Nie zuvor hatte er eine Siedlung wie diese gesehen. Im Schutz von mächtigen Wall- und Grabenanlagen drängten sich die Holzhäuser. Dazwischen verliefen Gassen, in denen unzählige Menschen geschäftig hin und her eilten.
Die Luft war erfüllt von den Rufen der Händler, dem Rattern von schweren Wagenrädern und dem Gebrüll der Zugtiere. Bronzegießer, Feilenhauer, Goldschmiede, Wagner und Stellmacher, Drechsler, Zimmerleute und Töpfer boten ihre Waren feil, und auch aufs Spinnen und Weben verstand man sich hervorragend. Feinst gewobene Stoffe wurden gehandelt und traten zusammen mit Bronzegefäßen und Töpferwaren von hier aus die Reise an über die alten Wege, die alle weit in nördliches und nordöstliches Land zu den großen Meeren führten und auch über das Weiße Gebirge in den sonnigen Süden.
Der Ruf von der soliden Güte der Waren aus Thaine hatte sich weit verbreitet. Aber auch so manches kostbare Erzeugnis aus den Südländern wurde hier von weit gereisten Händlern zum Tausch geboten: bronzene Bogenfibeln und Gewandschließen nach neuester Mode, Schmuck, kostbares Öl, Honig und Gärgetränke in versiegelten bauchigen enghalsigen Henkelgefäßen aus Ton bis hin zu Bernstein von den Ostmeeren.
Nachrichten wurden ausgetauscht und Pläne zu neuen Bauweisen erörtert, wie sie in den Südländern weit jenseits der Weißen Berge bereits erprobt worden waren.
Auf dem großen Handelsplatz inmitten von Thaine trennten sich die Wege von Nalumbin und den Männern aus Firan. Haber und Ruro wünschten dem Jungen viel Glück bei der Suche nach Arfund. Zuvor hatte sich Ruro unter den Einheimischen nach der Lage von Arfunds Haus erkundigt und Nalumbin den Weg beschrieben.
Es sollte sich auf der flussabgewandten Seite Thaines am äußeren Siedlungsrand befinden, hieß es. Nalumbin schlug die Richtung ein, die ihm Ruro genannt hatte. Bald schon aber hatte er das Gefühl, sich verlaufen zu haben. Er irrte von einer Gasse in die nächste, vorbei an Werkstätten und vorbei an offenen Haustüren, wo es verführerisch duftete, und an denen Frauen den vorüberziehenden Händlern frisch gebackene, süße Kuchen im Tausch gegen Nadeln, Faden, Knöpfe, Bänder und Kämme anboten.
Bei all diesen köstlichen Düften wurde es Nalumbin fast schwindlig vor Hunger. Er blieb stehen, um nach dem Weg zu fragen. Er sah sich einer jungen Frau gegenüber, an deren Kleid ein kleines Kind hing. Vor sich, im Eingang ihres Hauses, hatte sie auf einem Brett ihre Kuchen aufgebockt. Nalumbin starrte darauf. Er glaubte, nicht länger widerstehen zu können. Seine Hand fuhr unter dem Umhang in den Beutel und fingerte nach irgend etwas. Da waren Stein und Schale, für die er sämtliche Kuchen Thaines und viel mehr hätte eintauschen können. Was war da noch? Ein Lederriemchen, zwei Holznägel, ein Knäuel Bast, ein geschnitzter Kamm, ein Fetzen Tuch, Feuerstein, Zunder und Fallains Kästchen.
Er zog das Lederriemchen hervor und bot es der Frau. In seinen Augen brannte es vor Verlangen. Die Frau sah den Hunger in seinem Gesicht. Sie reichte ihm ein abgebrochenes Stück Kuchenrand und wies mit einem freundlichen Blick das Lederband zurück. Nalumbin dankte mit einem verlegenen Lächeln und stopfte auch schon den Kuchenrand in seinen Mund.
Dann eilte er weiter, den Geschmack des Kuchens noch eine Weile auf der Zunge nachkostend. Die Süße des Gebäcks hatte ihm frischen Mut verliehen. Er überwand seine Schüchternheit und fragte sich durch das Gewühl von Thaine. Doch die einen verstanden seine Frage nicht, weil sie selbst fremd waren, die anderen wiesen ihn in die verkehrte Richtung, oder er verstand ihre Erklärungen nicht.
Erst als ihn ein Mann an der Hand nahm, dem der Name Arfund etwas zu sagen schien, und der ihn durch das Gewirr von Häusern und Menschen führte, und dann auf ein Haus am Ende einer Gasse zeigte, sah sich Nalumbin endlich dem Ziel nahe. Ein Apfelbaum stand vor dem Haus über dessen Türbalken ein Stiergehörn angebracht war. Unter dem Baum befand sich ein Sitzstein. Als Nalumbin vor dem Haus stand, pochte sein Herz vor Aufregung. Wie würde ihm Arfund begegnen? Ein Zögern. Zaghaft klopften seine Finger an die verwitterte Eichentür.
Doch es öffnete sich keine Tür. Er klopfte wieder. Diesmal lauter. Er wartete. Nichts rührte sich im Haus. Seine Faust schlug gegen die Tür. Diesmal ungestümer. Keine Schritte, die sich näherten. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht. Er starrte auf die Tür, stumm und plötzlich müde. Hinter seinen Schläfen zuckte es schmerzhaft. Auf der Türschwelle ließ er sich nieder. Wahrscheinlich war Arfund noch irgendwo in Thaine unterwegs, sagte er sich. Wie konnte er nur annehmen, dass er ihn auf Anhieb treffen würde! Er würde warten. Am Abend musste Arfund schließlich heimkommen! Nalumbin begann zu grübeln. Warten und Nichtwissen waren zermürbend.
Aus dem Nebenhaus trat ein Mann, in der Hand eine große Kanne. Ein prüfender Blick traf Nalumbin. Der Mann verließ die Gasse. Als er nach einer geraumen Weile wiederkehrte, saß der Junge noch immer vor dem Haus seines Nachbarn. Der Mann stellte die Kanne ab, aus der etwas Wasser schwappte. Dann trat er zu Nalumbin und sagte:
„Du bist noch immer hier. Was willst du?“
„Ich will zu Arfund“, antwortete Nalumbin.
„Ich ... ich bin gekommen ... will ihn was fragen!“, stotterte er.
„Was denn?“
„Ob er mich begleiten kann? Über die Weißen Berge ins Südland“, sagte Nalumbin.
Da lachte der Mann und sagte: „Du bist ein Träumer! Als würde Arfund jedem Dahergelaufenen zur Verfügung stehen, dazu noch einem Jungen. Arfund ist ein weit bekannter Wegführer!“
„Kann ich denn nicht hier auf ihn warten?“, fragte Nalumbin, und es klang alles andere als überzeugt.
„Du wartest umsonst“, sagte der Mann.
„Arfund befindet sich auf einer weiten Reise im Nordland. Es ist ungewiss, wann er wieder zurück sein wird!“
Bei diesen Worten war Nalumbin aufgesprungen. Es war, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Eine eisige Hand legte sich um sein Herz. Aus den rasch ziehenden Wolken, die Regen verkündeten, traf ein letzter glühender Sonnenstrahl die Gasse und mahnte an die bald einsetzende Dämmerung. Wo sollte er hin? Wie aus weiter Ferne tönte die Stimme des Mannes.
„Die Tore werden bald geschlossen. Wenn du über Nacht in Thaine bleiben willst, musst du eine Abgabe leisten. Ansonsten wirst du bestraft. Hast du etwas bei dir, das von Wert ist?“
Nalumbin schüttelte den Kopf. Die Hand, die den Beutel gepackt hielt, zitterte genauso wie seine Stimme.
„Ich habe nichts“, antwortete er.
„Nur Feuerstein und Zunder, einen Kamm und einen Lederriemen.“
Da lachte der Mann erneut und sagte:
„Heiligtümer sind das nicht gerade. Das wird nicht reichen fürs Übernachten. Du musst dich beeilen, denn bald schon blasen die Wächter in ihre Hörner. Dann werden Thaines Tore geschlossen!“
„Die Heiligtümer!“, schoss es Nalumbin durch den Sinn.
„Was, wenn die Wächter meinen Beutel durchsuchen und Stein und Schale finden? Sie werden mich für einen Dieb halten!“
Mit einem „Ich muss fort!“ stürzte er grußlos davon, mitten hinein ins immer noch umtriebige Thaine. Die vielfältigen Geräusche erdrückten ihn. Es war eine Verlorenheit, eine Einsamkeit, die ihn niederschmetterte, trotz der vielen Menschen um ihn herum. Es war die gleiche Einsamkeit, wie sie ihn damals bei seiner Rückkehr in sein abgebranntes, menschenleeres Heimatdorf überfallen hatte.
Er hastete durch die Menge, stieß gegen Händler, Wagen, Marktstände und spielende Kinder. Er stieß gegen einen Tisch. Äpfel kullerten zu Boden. Eine Frau bückte sich, um sie aufzulesen. Nalumbin stürzte davon in die Richtung, aus der nun die Rufe von Hörnern erklangen. Dort mussten Thaines Tore sein. Gleich würden sie schließen! Ein, zwei Baumlängen noch, und schon war der Junge an den in ihre Hörner blasenden Wächtern vorbeigeschlüpft.
Er rannte weiter. Fort von Thaine. Erst als ihn seine Füße kaum mehr tragen konnten, ließ er sich zwischen Gebüschen zu Boden fallen, ihre Stacheln kaum spürend. Er hatte das Gefühl, dass er schrumpfte, kleiner und kleiner werdend, bis zum Hineinsinken in die Erde, wo er von niemandem in seinem Elend gesehen werden konnte ...
Das Band
Von Lichtern durchwoben lag der Wald vor der Höhle und verströmte Kühle. Aus den Wipfeln der Bäume fiel glitzernder Tau. Ardevi hatte das Feuer neu entfacht. Darüber köchelte die Gerstensuppe. Morgenwinde trugen die Töne seines Flötenspiels davon und mischten sich unter den Gesang der Vögel. Als dann der Sonnenschein erlosch, verschleierte sich der Himmel. Die Farben wurden matter und die Vögel verstummten, bis auf das Kreischen der Elstern und das Geschrei der Raben.
Doch da war noch ein Geräusch, das an Ardevis Ohren drang. Ardevi legte die Flöte beiseite und horchte. War es ein Tier? Waren es Tritte? Es knackte und knisterte. Stein schlug auf Stein. Jetzt knarrte es. War es die Leiter, die er nach dem frühen Gang zu seinem Angelplatz nicht hochgezogen hatte? Das Geräusch kam näher, wurde lauter. Ardevi erhob sich. Die Holme der Leiter, die über den Höhlenrand hinaus ragten, schwankten. Ein dunkler Haarschopf erschien. Darunter ein Gesicht, das Ardevi kannte. Ein Gesicht, in dem sich Kummer und Müdigkeit abzeichneten. Es war Nalumbin.
Auf der obersten Sprosse angekommen, tat sich vor ihm die Höhle auf wie schon einmal, als er mit dem armseligen Fisch in der Hand hier Zuflucht gesucht hatte. Und wie schon einmal durchwanderten seine Augen das rußgeschwärzte Deckengewölbe. Da war der massige Steintisch. Da waren all die Büschel von getrockneten Pflanzen und Wurzeln, die Tierfelle am Boden, und – da war Ardevi! Und wie schon einmal erschauerte Nalumbin, als er nun in seiner ganzen Hilflosigkeit vor ihm stand. Ardevi blickte schweigend auf Nalumbin. Mit einer Handbewegung forderte er den Jungen auf, am Feuer Platz zu nehmen.
Die Grütze dampfte, und je länger Ardevi sie rührte, umso größer wurde Nalumbins Verlangen danach. In seinen Augen stand die blanke Gier. Wann hatte er zum letzten Mal etwas gegessen? Er wusste es nicht mehr. Doch, es war das abgebrochene Stück Kuchenrand gewesen, das ihm die Frau in Thaine geschenkt hatte.
Als ihm Ardevi die randvoll gefüllte Schale reichte, zitterte die Hand, die sie entgegennahm. Er fiel über sie her wie ein Hund über Fleischabfälle, die man ihm zuwarf. Er schlürfte, schmatzte, verbrannte sich die Zunge und hatte nur noch Augen für die Schale, die sich rasch leerte, und für den Kessel, in dem es leise blubberte, was vielleicht Nachschlag versprach.
Aber nicht nur der schier unersättliche Hunger hielt ihn im Griff, es war auch der Schmerz in seinem Knöchel. Zuviel hatte er seinem Fuß zugemutet. Verzweiflung, Ohnmacht und Trauer, und der Wunsch, bei Ardevi erneut Schutz und Hilfe zu finden, hatten den Schmerz verdrängt und ihn erbarmungslos vorangetrieben. Jetzt aber traf er ihn, der Schmerz. In seinem Fuß hämmerte und pochte es.
Auch wenn Nalumbin geglaubt hatte, dass er nie mehr satt werden könne, so geschah es doch. Eine Handvoll Nüsse und getrocknete Beeren rundeten die köstliche Mahlzeit ab. Die Wärme der Suppe und des Feuers durchströmten ihn wohlig.
Die Anstrengungen der letzten Tage forderten ihr Recht. Schläfrigkeit überkam ihn. Er kämpfte dagegen an, denn er wusste, dass Ardevi von ihm erwartete, dass er Kessel, Schalen und Löffel reinigte und sich ums Feuerholz kümmerte.
Dann vernahm er Ardevis Stimme, die klar und deutlich das Schweigen durchbrach, und er war augenblicklich hellwach.
„Die wichtigen Begegnungen von Menschen hängen von den Sternen ab. Nur dann, wenn sie für beide Seiten günstig stehen, will es das Schicksal, dass sie zusammenkommen! Zur rechten Zeit am rechten Ort!“
„Was meint Ardevi damit?“, flüsterte es in Nalumbin.
„Meint er Arfund und mich? Woher weiß er, dass ich Arfund nicht angetroffen habe? Oder vermutet er es nur?“
Frage über Frage drängte nach. Kannte Ardevi Zeit und Ort, an dem sich die für ihn, Nalumbin, so wichtige Begegnung erfüllen würde? Er versuchte aufzustehen. Jetzt, nachdem er eine Weile gesessen hatte, fiel ihm das Aufstehen schwer. Auf unsicheren Beinen kam er seinen Pflichten nach. Ardevi sah es.
„Du hinkst ja“, sagte er. „Zeig den Fuß her!“
Nalumbin zog den Schuh aus. Ardevi befühlte den geschwollenen Knöchel. Einer Wandnische entnahm er ein Deckelgefäß. Glibberige Salbe befand sich darin, mit der er jetzt Nalumbins Knöchel dick bestrich. Mit einer Lage Weidenrinde deckte er den Knöchel ab, und während er Nalumbins Fuß mit Werg umwickelte und ihn hochlagerte, sagte er:
„Ich muss morgen ins Schwarzmoos. Zu Arwe. Für den Fall, dass die Schwellung bis morgen abgeklungen ist, kannst du mich begleiten. Jetzt ruh dich aus und schlaf erst einmal!“
Bei diesen Worten erstand das Bild einer Mädchengestalt vor ihm. Wieder war es das Bild von Tara, das sein Herz berührte. Freude über eine Wiederbegegnung erhellte plötzlich und unerwartet die Düsternis seiner Hoffnungslosigkeit und vertrieb das dumpfe Schuldgefühl, ein weiteres Mal versagt zu haben. Seine Flucht hierher, und zu wissen, dass die Kluft zwischen ihm und den Seinen sich mit jedem Tag vergrößerte.
Mit jedem Tag, den er verlor. Er grübelte über Ardevis Worte zum Stand der Sterne nach: „Zur rechten Zeit am rechten Ort!“
Konnte es sein, dass kein Tag verloren war, dass es gar keine verlorene Zeit gab? Dass sich die Tage aufhoben im Warten auf dieses Zeichen zur richtigen Zeit? Dass dann die unsichtbaren Mächte und Kräfte ganz anders zusammenwirken konnten im Suchen und Finden des Ziels? Dies glauben zu können wünschte er sich, doch es wollte ihm nicht gelingen!
In diese Gedankenschwere hinein flutete die Wärme des Feuers, und ein Gefühl der Dankbarkeit brach in ihm auf. Zum ersten Mal, seit dem schrecklich Erlebten, seit dem Sterben seines Vaters, dessen Todesbild in ihm unauslöschlich stand, empfand er Geborgenheit. Er spürte ein Zuhause. Da war ein Mann, ein Mensch, den er zuerst für kaltherzig gehalten hatte. Aber die Geschehnisse vor Tagen im Schwarzmoos hatten ihn in einem anderen Licht erscheinen lassen. Da wurde Nalumbin bewusst, dass Ardevi nicht nur die äußere Größe besaß, sondern auch die innere.
Im Traum wechselten sich die Bilder ab: Ardevi, wie er ihm den Fuß salbte, Tara, wie sie ihm mit einem Lächeln die Hand reichte, Arfund, der wie ein rettender Pfad aus dem Nebel auftauchte, trotz seiner verschlossenen Tür in Thaine, Aithe, seine Mutter, wie sie um ihn weinte, dass es ihm tief ins Herz schnitt und er grenzenlose Sehnsucht empfand und tiefe Trauer über die weite Ferne von ihr ...
Am Morgen war Nalumbins Fuß so weit abgeschwollen, dass er Ardevi begleiten konnte. Ein stützender Verband aus Birkenbast und weichem Ziegenleder erleichterte das Gehen. Auf dem Weg zum Schwarzmoos durchstreiften sie die herbe Landschaft, auf der Suche nach Pflanzen und Beeren, die Ardevi zu Heilmitteln verarbeiten würde.
„Die gedörrte, zu Pulver zerstoßene Wurzel ist eines der besten Reinigungsmittel“, erklärte Ardevi beim Ausgraben von Zwergholunderwurzeln. „Das wird Arwe vollends gesund machen.“
In der Nähe einer Quelle lösten sie Rinde von Weidenbäumen. „Sie treibt das Wasser heraus und fängt die Hitze ab“, sagte Ardevi.
„Mir hat sie geholfen, als das Fieber in mir brannte“, erinnerte sich Nalumbin. „Auch vom wilden Flieder habe ich gegessen.“
„Dann hast du das Richtige getan. Die Pflanze kann Gliederschmerzen lindern, Erkältungen fortschwitzen und das Blut verdünnen. Woher wusstest du das?“
„Von Jedaure und von den Frauen meines Dorfes. Auch habe ich gesehen, wie sie kranke Kinder durch einen gespaltenen Weidenbaum gezogen haben, um die Krankheit abzustreifen. Es gab aber nur einen einzigen solchen Baum, eine halbe Tagesreise entfernt, am Ufer eines Baches.“
„Wenn kein großer Spalt vorhanden ist, kann man ihn herrichten. Man schlitzt den Stamm auf. Das kranke Kind muss vor Sonnenaufgang hindurchgezogen werden. Danach verbindet man den Baum. Und so, wie der Stamm wieder zuwächst, heilt auch die Krankheit“, bemerkte Ardevi.
Sie gelangten zu einer Buche von mächtiger Höhe, mit einem Stamm, stark und dunkel glänzend. Ardevi schnitt Zweige vom Baum. Ihre Blätter waren von hell leuchtendem Grün, das Nalumbin an Taras Augen erinnerte. Beim Gedanken an das bevorstehende Wiedersehen mit Tara spürte er das Blut rascher fließen. Röte stieg ihm ins Gesicht. Unter gesenkten Lidern mühte er sich seine Gefühle zu verbergen.
„Der sichtbare Baum ist der Körper der unsichtbaren Gottheit“, sagte Ardevi. „Im Rauschen der Krone vernimmst du das Raunen des Großen Geistes. In der Buche offenbart sich Jenseitiges. Die Kräfte aus den Blüten der Buche gibt der Seele Anstoß, sich den Urbildern zu öffnen. Der Schöpfung.“
Die Tragekörbe füllten sich. Zweige von einem Vogelbeerbaum, der mitten aus dem Fels wuchs, kamen hinzu. Nalumbin entsann sich, dass auch Jedaure mit den Früchten des Baumes die Winterkrankheiten der Kinder vertrieben hatte. Auch der Walddistelstrauch, den Ardevi gefunden hatte, war ihm nicht unbekannt. Einmal, als die Großmutter, von einem schlimmen Husten geplagt, zu ersticken drohte, hatte Jedaure die getrockneten Blätter entzündet und die Kranke den Rauch aus einiger Entfernung einatmen lassen. Zuvor waren die Kinder wegen der Giftigkeit der Pflanze aus dem Haus geschickt worden. Der Rauch hatte der Großmutter geholfen, sich von üblem Schleim zu befreien. Die schreckliche Atemnot fand so ein Ende.
Die rote, feurige Kornrade, die gelbe Kamille und die blaue Kornblume ergänzten die Sammlung. Der Wald hatte junge Efeublätter geliefert, und das sumpfige Ufer eines Teiches spendete handtellergroße Blätter und Wurzeln der Neunkraftwurz. Ebenso das Tausendkrankheitskraut mit seinen sattgelben Blüten und das zartblau blühende Grundheilkraut.
Es war früher Nachmittag, als Ardevi und Nalumbin sich dem Schwarzmoos näherten. Vor Ribors Haus saß Arwe auf einem gespaltenen Baumstamm, der als Bank diente. In den Händen hielt er einen flachen Tierknochen, an dem er mit einem scharfen Steinsplitter feilte. Bei diesem Anblick legte sich ein Ausdruck von Zufriedenheit auf Ardevis Gesicht.
„Was sehe ich da“, sagte er. „Du bist in der Lage, deine Finger wieder zu bewegen? Was soll das werden?“
„Ein Kamm für dich“, antwortete Arwe und stand auf. Ein bisschen mühselig zwar, doch aus eigener Kraft. „Du hast mich gesund gemacht, und dafür möchte ich dir etwas schenken, auch wenn es heute noch nicht fertig werden kann.“
Ardevi fasste Arwe unter dem Kinn und zog sein Gesicht empor.
„In deinen Augen sehe ich noch einen Rest von Krankheit. Du musst aufpassen, dass sie nicht wiederkehrt. Wo ist Ribor?“
„Beim Torfstechen.“
„Und Tara?“
Es war Nalumbin, der die Frage unversehens gestellt hatte. Erschrocken blickte er um sich, als habe er damit zu viel gewagt.
„Da kommt sie“, sagte Arwe und deutete zum Waldrand.
Nalumbin fühlte, wie sein Herz Sprünge machte. Dann sah er Tara näherkommen und mit ihr ein Bild von Schönheit. Ihr leichter Schritt, die Fülle von weizenhellem Haar, die rote Blüte am grauen Kleid. Dieses Bild packte ihn an einer Stelle seines Wesens, die dagegen nicht gewappnet war. Tara kam herbei und begrüßte die Besucher. Nalumbin verlor sich in Taras Augen, als würde er in ein Meer eintauchen.
„Für euch!“, sagte sie und bot Ardevi und Nalumbin ein Körbchen mit Beeren. Verlegen starrte Nalumbin das Mädchen an, unfähig zuzugreifen, sich zu rühren.
Verwundert über sein seltsames Benehmen fragte Tara: „Was ist mit dir?“
Da schoss Nalumbin die Röte ins Gesicht. Er erwachte aus seiner Starre, griff in das Körbchen und schob ein paar Beeren in seinen Mund, ohne zu wissen, was er aß. Er sah nur die Hand, die ihm das Körbchen entgegenhielt, schmal und feingliedrig.
Dann verschwand sie im Haus. Mit dem neuen, fertig gewebten Band und mit dem alten Band, das ihr Großvater Ardevi versprochen hatte, kehrte sie wieder. Lächelnd reichte sie Ardevi das neue Band. Ardevi betrachtete es lange.
„Es ist schön, fest und ebenmäßig“, sagte er. „Du bist eine gute Weberin. Wer hat dich das gelehrt?“
„Meine Mutter. Sie hat mir gezeigt, wie man gute Wünsche hineinwebt. In dieses Band habe ich viele gute Wünsche hineingewoben.“
„Welche Wünsche hast du denn hineingewoben?“, fragte Nalumbin, froh, mit dieser Frage endlich seine hilflose Verlegenheit überwunden zu haben.
„Darüber darf niemand sprechen, auch ich nicht, sonst gehen die Wünsche nicht in Erfüllung. Man wünscht auch nichts für sich selbst, sondern darf dies nur für andere tun.“
„Das andere Band, ist es auch ein Wunschband?“, wollte Nalumbin wissen.
„Es ist das Band unserer Mutter“, antworteten Tara und Arwe wie aus einem Mund.
„Es gehört dir, Ardevi. Hier nimm auch dieses Band!“, fuhr Tara fort.
„Ich will es nicht“, sagte Ardevi. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich noch viele Wünsche darin verbergen. Wünsche die euch beiden gelten.“
Tara nickte und sagte lebhaft: „Wenn man ein solches Band weiterschenkt, dann gehen die guten Wünsche auf den neuen Träger über. Es ist dann ein Freundschaftsband. Und es bringt auch Glück dem, der es schenkt.“
„Kann man auch böse Wünsche hineinweben?“, fragte Nalumbin.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Tara unsicher. „Vielleicht?“
„Dazu erzähle ich euch eine Geschichte. Setzt euch!“, forderte Ardevi auf.
Tara und Nalumbin ließen sich neben Arwe nieder. Ardevi setzte sich auf einen Holzklotz, den Ribor zum Spalten des Feuerholzes benutzte. Gespannt schauten sie ihn an.
„Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen und einem Stück Stoff, einer Matte, wie man sie zum Warmhalten für kleine Kinder gebraucht“, begann Ardevi.
„Der kleine Junge hatte eine Schwester, die am selben Tag, zur selben Zeit geboren war, eine Zwillingsschwester, die er sehr liebte. Die beiden spielten zusammen, meist in ihrem Versteck, verborgen unter einem Rosenhag, wenn sie nicht gerade zur Feldarbeit gebraucht wurden. In diesem Versteck verwahrten sie die Matte aus den Tagen ihrer frühen Kindheit. Ihre Mutter hatte sie gewoben, und sie war das Einzige, das ihnen von ihrer Mutter geblieben war, denn die Mutter war nach der Geburt der Kinder gestorben. Eines Nachts erkrankten beide am Fieber.
Der Vater rief den Heiler und bot ihm ein junges Schaf, wenn er die Kinder gesund machen würde. Doch alles war vergebens. Das Fieber wollte nicht weichen. Besonders das Mädchen wurde gepeinigt. Das Fieber stieg und stieg und stieg, zehrte schließlich den kleinen Körper aus. Obwohl auch das Leben des Jungen zu erlöschen drohte, gelang es ihm, sich verständlich zu machen. Dies geschah in Fieberträumen, in denen er immer wieder um die kleine Matte aus dem Versteck bat. Niemand aber verstand, was damit gemeint war. Da richtete sich die Schwester mit letzter Kraft noch einmal auf. Die Todesgöttin stand schon an ihrem Lager. Das Kind deutete nach draußen und hauchte: ‚Holt die Matte unserer Mutter. Sie wird meinem Bruder helfen. Für mich ist es zu spät.'
‚Wo finde ich sie?‘, fragte der Vater. ‚Wo?‘
‚Sie ist im ...‘
Die Antwort erstarb. Die Augen der Schwester schlossen sich und ihr Mund blieb stumm.
Da machte sich die Sippe auf die Suche nach der Matte. Das Oberste wurde zuunterst gekehrt. Speicher, Ställe, Gerätehaus, Pferch und Garten durchstöbert. Der Vater kletterte auf den alten Efeubaum, in dem er die Kinder oft schon hatte sitzen sehen. Am Ende des Tages, bei Einbruch der Dunkelheit, hatte man die Matte noch immer nicht gefunden. Doch wieder und wieder verlangte der todkranke Junge nach ihr, so wie seine Schwester im tödlichen Fieber zuvor. Da beschloss der Vater in seiner Not, eine andere Matte zu besorgen.
Mitten in der stürmischen Nacht klopfte er an die Tür des Einsiedlers, von dem er wusste, dass er von seinen früheren weiten Reisen kostbares Tuch mitgebracht hatte, das er wie seinen Augapfel hütete, denn er war ein geiziger Mann. Der Vater versprach dem Einsiedler nicht nur das Schaf, sondern auch Bronzeringe, wenn er ihm das schönste von all den Tüchern überließe.“
Ardevi hielt mit der Erzählung inne. Sein Blick schweifte in die Ferne und verweilte dann im Wipfel eines Baumes, aus dem eine Schar Krähen mit hörbar wildem Flügelschlag und misstönendem Geschrei aufstob. Tara, die Hände ineinander verschränkt, rief erregt: „Und hat er das Tuch bekommen, der Vater?“
Auch Nalumbin konnte die Spannung kaum ertragen.
„Hoffentlich ist es nicht zu spät für den Jungen!“, brach es heraus.
Da fuhr Ardevi fort: „Ja, er hat das Tuch nach langem Hin und Her bekommen. Wie fassungslos war er aber, als der Junge schon bei der ersten Berührung mit dem kostbaren Stück zu weinen begann und trotz seiner Kraftlosigkeit laut aufschrie:
‚Das tut mir weh!‘
Der Vater untersuchte das kostbare Stück, fand aber nichts daran auszusetzen. Das Tuch war prachtvoll, weich und leicht. Und so legte er das kranke Kind darauf. Wieder schrie der geschwächte Junge, so klagend und herzzerreißend, dass es allen Umstehenden durch Mark und Bein ging.“
Tara wollte der Atem stocken. Nalumbin scharrte unruhig mit den Füßen. Beide hingen an Ardevis Lippen. Sie konnten den Ausgang der Geschichte kaum erwarten.
„Der Vater rollte die Matte zusammen und warf sie enttäuscht in die Ecke“, fuhr Ardevi fort. „Dabei war ihm, als erhielte er einen leichten Schlag. ‚Es wird wohl das nahende Gewitter sein‘, dachte der Vater. In der Tat, der Himmel hatte sich verdunkelt. Mächtig rollte Donner über den Wald. Noch einmal richtete sich der Junge mit letzter Kraft auf, wie zuvor seine Schwester. Er deutete auf die Tür. Sie wurde geöffnet und herein schoss der Hund. Er leckte die Hand des Sterbenden. Dann sprang er zur Tür, blieb kurz stehen, wendete den Kopf und jagte davon, zum Rosenhag am Waldrand, wo Blitze die dunklen Wolken zerrissen und in die Erde fuhren. Der Vater trat vor die Tür und sah, wie der Hund etwas aus dem Gebüsch zerrte. Es war die Matte, gewebt von der Hand der Mutter!“
Taras Brust entrang sich ein langer Seufzer. Arwe stand Schweiß auf der Stirn, den er mit feuchter Hand abwischte. Nalumbin hörte auf zu scharren. Schwüle lag in der Luft. Am Horizont wetterleuchtete es. Ein aufbrausender Wind schüttelte die Bäume und drohte Taras Frage davonzutragen:
„Die Matte, hat sie ...?“
„Ja, sie hat dem Jungen das Leben gerettet. Er wurde darauf gebettet und noch während der Nacht begann das Fieber zu sinken.“
„Ist der Junge wieder ganz gesund geworden? Ist er noch am Leben?“, fragten sie aufgeregt.
„Seht mich an!“, antwortete Ardevi. „Hier bin ich.“
Hinter den schwarzen Zacken des Waldes verdüsterte sich der Himmel. Ardevis Züge hatten sich verdunkelt. Nur ein leises Zittern um die Mundwinkel, das Tara bemerkte, verriet die Heftigkeit seiner Gefühle.
„Die Erinnerung an seine Schwester schmerzt ihn“, dachte Tara still bei sich.
„Ich kann es fühlen. Jetzt, nachdem Arwe so krank war, erst recht.“
„Was war mit dem Tuch des Einsiedlers?“, fragte Arwe.
„Mein Vater hat es zurückgebracht und erfahren, dass es aus dem Land des Gelben Flusses stammt, wo viele Menschen in Knechtschaft zu leben gezwungen sind. So schön das Tuch auch war, es muss viel Leid gesehen haben. Ich, als krankes Kind, hatte es wohl gespürt. Warum ich euch die Geschichte erzählt habe?“
„Wegen des Wunschbandes!“, rief Tara aus.
„Stellt euch vor, ich hätte böse Gedanken für den, dem ich ein Band oder Stoff zu einen Mantel webe. Es ist wie mit den Pflanzen, mit denen dich Ardevi geheilt hat“, sagte sie, das heiße Gesicht zu Arwe gewandt. „Die Kraft, die in ihnen steckt, sieht man ihnen nicht an.“
„So ist es!“, bekräftige Ardevi. „Es ist nicht die Form der Welle, es ist ...“
„Es ist die Kraft, die dahintersteckt!“, unterbrach ihn Nalumbin mit heftiger Geste. „Genau das! So hat es mir Jedaure erklärt!“
Ein Blick der Verwunderung traf Nalumbin, den dieser aber nicht bemerkte.
„Es ist in allem diese Kraft. Und wehe, wenn wir diese Kraft nicht verstehen“, fuhr Ardevi fort. „Dann verformen wir den Kreis, der alles miteinander verbindet. Dann fällt alles auseinander und die Kraft kann sich nicht erneuern. So unsichtbar die Gedanken auch sind, sie können vieles bewirken. Sie sind hinter den Dingen, in den Dingen. Es gibt Zeiten, in denen wir dieses Unsichtbare wahrnehmen können, so wie damals der kranke Junge ...“
Nalumbin ertappte sich, dass er in Gedanken abgeschweift war und Ardevis Worten nicht mehr folgte. Es war die rote Blüte an Taras grauem Kleid, auf der sein Blick haftete. Er tauchte ein in dieses Farbenmeer von Rot. In ihm sah er die ganze Mädchengestalt mit ihrem Zauber, die ihn festhielt. Und wäre Ribor jetzt nicht aufgetaucht, einen Karren hinter sich herziehend, und hätte es nicht schon wieder grell wettergeleuchtet, er wäre am liebsten für immer so sitzen geblieben.
Der Beutel an seinem Gürtel wog plötzlich schwer, dass er meinte, zu Boden gezogen zu werden. Sonst spürte er kaum sein Gewicht. Er hatte sich daran gewöhnt. Der Beutel war ihm zum Teil seines Körpers geworden. Jetzt aber war diese Schwere fast unerträglich. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, das durch nichts und niemanden gebrochen werden durfte.
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