Kitabı oku: «Kalte Zukunft»

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Table of Contents

  Teil 1: Alternativen

  Kapitel 1

  Kapitel 2

  Kapitel 3

  Kapitel 4

  Kapitel 5

  Kapitel 6

  Kapitel 7

  Kapitel 8

  Kapitel 9

  Kapitel 10

  Kapitel 11

  Kapitel 12

  Kapitel 13

  Kapitel 14

  Kapitel 15

  Kapitel 16

  Kapitel 17

  Teil 2: Vorbereitungen

  Kapitel 18

  Kapitel 19

  Kapitel 20

  Kapitel 21

  Kapitel 22

  Kapitel 23

  Kapitel 24

  Kapitel 25

  Kapitel 26

  Kapitel 27

  Kapitel 28

  Kapitel 29

  Kapitel 30

  Kapitel 31

  Kapitel 32

  Kapitel 33

  Kapitel 34

  Kapitel 35

  Teil 3: Fusionen

  Kapitel 36

  Kapitel 37

  Kapitel 38

  Kapitel 39

  Kapitel 40

  Kapitel 41

  Kapitel 42

  Kapitel 43

  Kapitel 44

  Kapitel 45

  Kapitel 46

  Kapitel 47

  Kapitel 48

  Kapitel 49

  Kapitel 50

  Kapitel 51

  Kapitel 52

  Kapitel 53

  Kapitel 54

  Kapitel 55

  Kapitel 56

  Kapitel 57

  Kapitel 58

  Kapitel 59

  Kapitel 60

  Kapitel 61

  Kapitel 62

  Teil 4: Erare humanum est

  Kapitel 63

  Kapitel 64

  Kapitel 65

  Kapitel 66

  Kapitel 67

  Kapitel 68

  Kapitel 69

  Kapitel 70

  Kapitel 71

  Kapitel 72

  Kapitel 73

  Kapitel 74

  Teil 5: Judaskuss [Epilog]

  Kapitel 75

Kalte Zukunft

Benjamin Blizz

© 2015 Benjamin Blizz

© 2015 Begedia Verlag

Lektorat - Uwe Helmut Grave, Harald Giersche

Umschlagbild und Illustration - Jan Robbe

Covergestaltung und Satz - Begedia Verlag

ISBN 978-3-95777-036-3

Besuchen Sie unsere Webseite:

http://verlag.begedia.de

Teil 1: Alternativen

Kapitel 1

27. Februar 2023

American Airlines Sonderflug

Luftraum über der Westsahara

»Darf ich Ihnen noch ein Getränk servieren, Sir?«, riss ihn die nervtötend piepsige Stimme der beflissenen Stewardess aus dem Halbschlaf.

Gottverdammt, das Einzige, was ich wirklich möchte, ist meine Ruhe! Was werde ich wohl wollen, wenn ich meine Augen geschlossen habe?, faltete er sie in Gedanken zusammen und stellte sich ihren schockierten Gesichtsausdruck vor. Stattdessen streckte er sich jedoch und lächelte ihr freundlich zu. »Noch einen Kaffee, bitte!«

Das dumme Ding hatte vermutlich seinen ersten Tag und bemühte sich, perfekt zu erscheinen, um den Chief Purser, den ranghöchsten Steward der Kabinenbesatzung, der seit dem Start mit Argusaugen über all ihre Schritte wachte, zu beeindrucken.

Er konnte es der jungen Frau nicht einmal verdenken. In diesem Alter hatte er sich selbst noch der Illusion hingegeben, die Welt sei gemeinhin ein perfekter Ort, wenn man sich nur genügend anstrengte. Wie er diesen uneingeschränkten Optimismus doch vermisste. Jung sein bedeutete, dass einem alle Wege offenstanden, und selbst wenn nicht, erfreute man sich der vermeintlichen Tatsache, dass es schon irgendwie laufen würde.

Pustekuchen!

Zu dieser simplen Erkenntnis gelangte wohl früher oder später jedes denkende Mitglied der verkorksten Gesellschaft mit ihrem monotonen Alltag von Arbeit, Bier und Sportschau.

Die andere Variante war jedoch noch viel schlimmer: Man versuchte, diese Erkenntnis auszublenden, sie zu verdrängen, glaubte fest daran, eines fernen Tages etwas an der ›o heiligen Zukunft‹ ändern zu können. Diesen Weg hatte Shane O’Brien, gebürtiger Brite mit mütterlicherseits deutschen Vorfahren, gewählt – und büßte nun jeden Tag dafür.

Als ihm zum ersten Mal bewusst geworden war, wie schlecht es wirklich um die Welt stand, war es bereits zu spät gewesen. Auf der Autobahn des Lebens hatte er die richtige Ausfahrt verpasst; und Wenden war keine Option, es sei denn, man wollte fortan als gemeingefährlicher Geisterfahrer umherirren, bis einen irgendwann irgendjemand aus dem Verkehr zog. Nein, er war gezwungen, dem ihm vorbestimmten Weg ins Ungewisse weiter zu folgen. Klar, er hätte sich treiben, die Welt an sich vorbeiziehen lassen können, doch dann würde er noch fahren, wenn die Straße längst zu Ende war. Bevor die letzte Ausfahrt auftauchte, musste er sein Ziel erreicht haben. Bis dahin gab es noch so viele Dinge zu erledigen, so viele Artikel zu schreiben …

Würden seine Bemühungen überhaupt eines Tages Früchte tragen? Er wusste es nicht, und das machte es ihm außerordentlich schwer, weiter an seinen Idealen einer heilen Zukunft festzuhalten.

Was war er überhaupt für ein Mensch, den Wink des Teufels nicht verstehen zu wollen, dass die Erde nicht mehr nur auf den Abgrund zusteuerte, sondern den kritischen Punkt längst überschritten hatte? Nach Auffassung derjenigen, die ihn für seine innovativen Ideen lobten, war er ein unverbesserlicher Altruist, nach Auffassung seiner Ex-Verlobten ein unverbesserliches versoffenes Arschloch. Er wollte nicht wählen, also akzeptierte er beides.

Der einzige Grund, der ihn eben daran gehindert hatte, statt des Kaffees einen gedankenvernichtenden Bushmills Single Malt Whisky zu bestellen, war die bevorstehende Ankunft in Sun City, wie sie in eingeweihten Kreisen genannt wurde.

Natürlich hatte man ihn eingeladen. Wer lud ihn denn nicht ein, wenn es um die Zukunft der ganz großen Wirtschaft innerhalb der immer kontroverser diskutierten Energiepolitik ging? Jeder erhoffte sich einen guten Artikel von ihm. Das war es, was die Big-Bosse von ihm wollten, was sie dazu brachte, ihm förmlich sonst wo rein zu kriechen und ihn mit Präsenten und Angeboten aller Art zu überschütten.

Vor seinem inneren Auge sah er eine abstruse Schlagzeile aufblitzen: Shane O’Brien, Chefredakteur der Future Economy und Top-Berater aller Energieunternehmen, erschlagen von gewaltigem Werbepräsent! Das amüsierte ihn ungemein – und dabei hatte er doch kaum etwas getrunken.

Genauso schnell wie der verrückte Gedanke gekommen war, verschwand er auch wieder.

Shane atmete tief durch, versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Im Grunde genommen freute er sich sogar auf das bevorstehende Zusammentreffen. Im Vergleich zu anderen aussichtlosen Projekten entsprach dieses nämlich ganz seinen Vorstellungen.

Als er vor einigen Jahren von dem kühnen Vorhaben, eine flächendeckende modifizierte Fotovoltaik-Anlage in der Wüste Nordafrikas zu erbauen, gehört hatte, war er sofort hellauf begeistert gewesen. Natürlich gab es bereits Solarstrom-Anlagen in Afrika, Kalifornien und anderen sonnenreichen Ländern, doch diese übertraf in Größe und Effizienz ihre Konkurrenten bei Weitem. Das System, das die Effizienz der Anlage auf so einmalige Weise steigerte, nannte sich PECS – Photon Element Coil System –, ein neuartiges Verfahren, bei dem die Technik der Photonenspule nochmals verbessert worden war. Endlich ging mal jemand einen Schritt in die richtige Richtung; umso mehr hatte sich Shane darüber gefreut, eine Einladung zur Eröffnung der Anlage und des angrenzenden Unternehmenskomplexes erhalten zu haben.

Neben ihm waren noch zahlreiche Vertreter verschiedener Energieunternehmen, Umweltschützer und Investoren geladen. Es versprach eine interessante Runde zu werden.

Die Stewardess kam mit dem Kaffee. Er lächelte ihr aufmunternd zu, während sie ihm einschenkte und sah ihr hinterher, als sie eine graziöse Wende machte und in der Kabinenküche verschwand. Talent hatte sie, angesichts eines so ausladenden Hüftschwungs in elf Kilometern Höhe.

Shane lehnte den Kopf zurück. Der Sessel war bequem und lud zum Versinken ein. Wenn die Lichter in der Kabine gedimmt wurden, konnte man ihn zu einem Bett umfunktionieren – kein Vergleich zu den engen Sitzen in der Economy-Klasse. Schon seit einigen Jahren reiste er nur noch First-Class – ausgenommen Privatjets – und hatte die damit verbundenen Annehmlichkeiten zu schätzen gelernt.

Noch lag die Boeing 747-800 der American Airlines ruhig in der Luft, doch schon bald würde sie von Turbulenzen, die berüchtigt für diese Gegend waren, unangenehm durchgeschüttelt werden. Der strahlendblaue wolkenlose Himmel versprach zwar einen ruhigen Sinkflug, aber dieser Anblick war trügerisch. Clear-Air Turbulenzen traten vor allem dort auf, wo man sie am wenigsten erwartete.

Es hatte Shane zunächst verwundert, als man ihm angeboten hatte, an einem Testflug teilzunehmen, der von einer renommierten Airline durchgeführt werden und bei dem auch gleich das Personal, das für die Eröffnungsfeier benötigt wurde, eingeflogen werden sollte. Warum sollte AA sein Streckennetz um eine Fotovoltaik-Anlage in Nordafrika erweitern wollen?

Doch dann war durchgesickert, dass der Betreiber der Anlage plante, in die Tourismusbranche einzusteigen – auch wenn Shane sich bisher noch nicht so recht vorstellen konnte, was man darunter zu verstehen hatte.

Jedenfalls verfügte der in der Demokratisch Arabischen Republik Sahara erbaute Unternehmenskomplex über eine eigene Start- und Landebahn, die sogar für größere Maschinen ausgelegt war und auf die das Flugzeug jetzt Kurs nahm. Sun City war nur ein Zwischenstopp. Die meisten Passagiere steuerten Johannesburg International an.

Shane nahm sein Netbook aus der Tasche und stellte es vor sich auf das kleine Edelholztischchen, um vor der Landung noch rasch seine E-Mails durchzusehen – eine Routinearbeit, die er mehrmals täglich hinter sich brachte. Heute war jedoch etwas anders: Sein Ordner für Familie und Freunde, in dem sich normalerweise nur vergessene Geburtstagsglückwünsche befanden, enthielt ausnahmsweise eine Nachricht, die sein Interesse weckte. Wenn er es sich recht überlegte, war dies die erste E-Mail aus diesem Ordner, die er überhaupt las. Sie stammte von Chantal, seiner Ex-Verlobten.

Chantal. Der Name war ihm von Anfang an zuwider gewesen und hatte augenscheinlich wie ein schlechtes Omen auf ihrer Beziehung gelegen. Zum Glück war ihre Person nicht mit der heruntergekommenen Nachbarschaftsprostituierten vergleichbar, an die er bei diesem Namen immer denken musste. Im Gegenteil, ›seine‹ Chantal war das pure Leben: spontan, witzig, einige Jahre jünger als er und mit der göttlichen Gabe gesegnet, nicht alles unnötig und breit ausdiskutieren zu müssen. Außerdem teilte sie seine Passion für edle Whiskys und nahm nie Wasser zum Verdünnen, wie es die meisten Frauen taten.

Warum, zum Teufel, hatte es mit ihnen nicht funktioniert? Ja, er kannte die Antwort auf diese Frage, doch verspürte er nicht die geringste Lust, sich jetzt damit auseinanderzusetzen.

Shane öffnete die im Imperfekt verfasste und mit wasserperlendem Hintergrund unterlegte Nachricht und suchte zwischen Passagen wie ›deswegen konnte ich dich einfach nicht mehr ertragen‹ und ›weil du einfach nur eine stinkende Schnapsleiche bist‹ nach dem Satz, der konkret aussagte, warum sie ihn wirklich verlassen hatte. Endlich hatte er die betreffende Stelle gefunden und betätigte innerlich sofort die Entfernen-Taste, um sich vorzustellen, wie die Buchstaben einer nach dem anderen verschwanden.

Wie hatte sie ihn bloß wegen James Paterson in den Wind schlagen können? James, der nicht einmal seine eigene Krawatte binden konnte, ohne dabei wie ein erdrosselter Pinguin auszusehen. Und dann war der Funke zwischen den beiden auch noch im Yoga-Kurs übergesprungen. Beim Yoga! Hallo, geht’s noch?

Shane hatte es sich bisher tapfer verkniffen, Paterson als Schwulen abzustempeln. Was konnten Homosexuelle dafür, wenn sich manche Männer effeminiert und seltsam benahmen?

Er spülte seine aufsteigende Wut mit einem Schluck Kaffee herunter und dachte, dass sich Chantal keinen besseren Zeitpunkt hätte aussuchen können, um ihm diese Nachricht zu schicken. Angekündigt hatte sie sie ihm bereits vor Wochen, bis dato aber wahrscheinlich nie die passenden Worte gefunden.

Erfreulicherweise hielt ihn die Bordansage vom Weiterlesen ab: »Sehr geehrte Damen und Herren, Ladys and Gentlemen, wir haben unsere Reiseflughöhe verlassen und beginnen nun mit dem Landeanflug. Wir bitten Sie, die Sicherheitsgurte anzulegen und die Rücklehnen in eine aufrechte Position zu bringen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.« Shane fühlte sich nicht angesprochen. Nachdem sie über dem Atlantik in heftige Turbulenzen geraten waren, hatte er ohnehin darauf verzichtet, den Gurt wieder abzulegen.

Er verbannte Chantal aus seinen Gedanken und konzentrierte sich auf die weiteren Nachrichten. Eine stammte von Richard Feyn, dem Hauptgesellschafter von Future Economy. Das Wirtschaftsmagazin hatte sich vor etwa zwei Jahren aus der Financial Times Deutschland abgespalten und erfreute sich seitdem größter Beliebtheit, was nicht zuletzt auf Shanes Artikel und Kolumnen zurückzuführen war. Nicht nur das Magazin, sondern auch Shanes Konto hatte im Zuge dieser Entwicklung einen großen Sprung nach vorn gemacht.

Das Einzige, was er sich von all dem Geld nicht leisten konnte, war Freizeit. Zwischen Auslandsaufenthalten, Firmenbesuchen und Schreiben fehlte ihm schlichtweg die Zeit, die Früchte seiner harten Arbeit unbeschwert zu genießen. Während sein nagelneuer Aston Martin DB11 mit umweltschonendem Wasserstoffantrieb in der Garage seiner kleinen Villa in Frankfurt am Main dem Staub anheimfiel, setzte seine Jacht im Bootsschuppen Rost und andere schwer zu entfernende Ablagerungen an, die er sich lieber nicht genauer vorstellen wollte.

Die übereifrige Flugbegleiterin, deren fliederfarbene Bluse einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté freigab, lächelte ihm vom Platz eines fettleibigen Asiaten aus zu und schickte noch einen vielsagenden Blick hinterher. Augenscheinlich versuchte sie, ihm Avancen zu machen, doch er ließ sich nicht auf das Spiel ein. Kaum dem Teenager-Alter entsprungene Gören interessierten ihn nicht, sei ihr Hüftschwung auch noch so verführerisch! Umgekehrt interessierten sie sich zu seinem Leidwesen für ihn, denn für einen Mann seines Alters sah er noch blendend aus.

Sein nicht unbedingt gesunder Lebensstil hatte in den über fünfzig Jahren, die er nun schon auf dieser Erde weilte, weniger Spuren an ihm hinterlassen, als man hätte erwarten sollen. Das ergrauende, aber feste Haar im Salt’n-Pepper Style trug er kurz und gepflegt, genau wie den akkurat getrimmten Dreitagebart. Sein Gesicht besaß markante Züge, wirkte dabei aber mehr freundlich als hart – was im Kontrast zu seinem oft aufbrausenden Verhalten stand, doch das sah man einem Menschen glücklicherweise nicht auf Anhieb an.

Auf das Motto ›Kleider machen Leute‹ gab er meist nicht viel, trug heute aber aus gegebenem Anlass einen maßgeschneiderten Armani-Anzug, der in punkto Kostspieligkeit nur noch von der unter seinem Hemdärmel hervorschauenden Omega-Uhr übertroffen wurde. Mit diesem Outfit zollte er ausschließlich den Kreisen Tribut, in denen er sich beruflich bewegte – viel lieber wäre er in kurzer Hose und bedrucktem T-Shirt angereist.

Gedankenverloren ließ er seinen Blick aus dem Fenster schweifen. Sah die weitläufige Wüste unter einer dünnen Wolkendecke vorbeiziehen. Nur vereinzelt zeichneten sich Gebäude und Straßen in dem aschgelben Sandmeer ab. Alles wirkte so trostlos, so monoton, dass sich trotz der vermutlich abartig hohen Temperaturen eine eisige Kälte um sein Herz klammerte. Vielleicht machten ihm aber auch nur die Turbulenzen zu schaffen …

Shane zwang sich, seinen Fokus auf einen bestimmten Punkt in der Ferne zu richten, doch je näher sie dem Boden kamen, desto unangenehmer flimmerte die Luft über dem kochenden Sand und er musste den Blick abwenden.

Wieso stecke ich Idiot bei dieser Hitze in einem Armani-Anzug?

Das Display in der Rückenlehne des Vordersitzes zeigte nun die Wetterbedingungen des Zielortes, doch Shane ignorierte die Anzeige. Dass es draußen brüllend heiß war, konnte er sich auch so denken.

Um sich aus der Luft einen umfassenden Überblick zu verschaffen, drehte er den Kopf, stierte aus dem gegenüberliegenden Fenster und wartete darauf, dass die ersten voneinander abzugrenzenden Konturen sichtbar wurden. Stopp! Hatte er nicht eben etwas Grünes aufblitzen sehen?

Das Flugzeug neigte sich langsam zur Seite und flog eine weite Rechtskurve, um zur Landung anzusetzen. Nun sah Shane in aller Deutlichkeit, was sein Blick bisher nur kurz gestreift hatte: eine ausladende, grün leuchtende Oase, die sich über eine gewaltige Fläche hinter den Gebäudekomplexen und zur Rechten der Solarstromanlage erstreckte. Palmen und Sträucher so weit das Auge reichte! Doch damit nicht genug: Unzählige kleine Flüsse schlängelten sich durch die Vegetation und mündeten in einen großen See mit kristallklarem, hellblauem Wasser. Es war ein wunderbarerer Anblick.

Die Betreiber hatten nicht übertrieben, als sie in dem Einladungsschreiben ein überwältigendes Naturschauspiel angekündigt hatten. Eine Oase in der Wüste erinnerte daran, dass selbst unter extremsten Bedingungen etwas wirklich Schönes gedeihen konnte.

Nur mit Mühe konnte sich Shane davon losreißen, vor allem, wenn die Alternative war, sich Feyns Ermahnungen bezüglich seines bisweilen überbordenden Temperaments antun zu müssen»Geh sparsam mit deinen Kommentaren um, Shane!« Darauf ließ sich auch diese Mail reduzieren. Stets derselbe Tenor, nur mit neuen Floskeln umschrieben.

Seit Shanes unschöner Auseinandersetzung mit einem Vertreter eines großen Energiekonzerns war Feyn um den guten Ruf seines Magazins besorgt und geizte daher nicht mit Ermahnungen dieser Art. Früher hatte Shane nie lange gefackelt und jedwede Kritik entrüstet von sich gewiesen, doch im Laufe der Jahre war er etwas selbstkritischer geworden. Feyn hatte recht, in seinen Äußerungen bezüglich Öl, Erdgas und Atomstrom wurde er tatsächlich immer ›radikaler‹ – was vor allem daran lag, dass seiner Ansicht nach die konventionellen Energiegewinnungsmethoden dem absoluten Untergang geweiht waren. Trotzdem scheffelten die meisten Energieunternehmen in ihrer Ignoranz und Geldversessenheit damit immer noch Milliarden, statt sich mutig an der Erforschung zukunftssicherer Energiequellen zu beteiligen. Methoden wie Fracking waren in Shanes Augen der Gipfel dessen, was man der Erde antun konnte.

Er klappte das Netbook zu und verstaute es in seiner Aktentasche, in der sich noch ein altmodischer Terminkalender und ein Ersatzunterhemd befanden sowie einige Unterlagen, die er auf dem Flug eigentlich hatte durchsehen wollen. Als er den Reißverschluss der Tasche zuzog, ging ein Ruck durch das Flugzeug, und das Quietschen von Bremsen erfüllte die Kabine. Sie waren gelandet, zweifelsohne. Der Pilot aktivierte die Schubumkehr und die Maschine wurde langsamer. Während sie zum Terminal rollte, bedankte sich der Copilot bei den Fluggästen für ihre Anwesenheit und wünschte ihnen noch einen schönen Tag.

Mühsam, als wäre er am Polster festgebacken, stemmte sich Shane aus dem Sitz, klemmte sich die Aktentasche unter den Arm und steuerte auf den Ausgang zu. Obwohl das Flugzeug über eine Gangway mit dem Terminal verbunden war, schlug ihm eine brütende Hitze entgegen.

Dann mal rein ins Vergnügen!, dachte er sich und ging auf das Empfangskomitee zu.

Kapitel 2

»Im Namen von Hawkes Energy möchte ich Sie ganz herzlich in Sun City willkommen heißen, Mr. O’Brien. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.«

Diesmal lächelte ihm eine schwarzhaarige Asiatin zu, wahrscheinlich eine Japanerin, aber das konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Trotz seiner ausgedehnten Reiseerfahrung fiel es ihm immer noch schwer, einige ethnische Gruppierungen auseinanderzuhalten.

»Danke der Nachfrage; es war so angenehm, wie ein Fünf-Stunden-Flug nur sein kann«, bemerkte er ironisch und reichte sein Handgepäck einem Roomboy in adretter Uniform, der sich bisher diskret im Hintergrund gehalten hatte.

»Ich bin die Hotelmanagerin, mein Name ist Amaya Ling. Wenn Sie irgendetwas benötigen, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.«

»Der Regen in der Nacht - ein interessanter Name«, bemerkte Shane zur Überraschung der jungen Managerin.

Sie schaute ihm fasziniert in die Augen, als ob sie darin nach einer Erklärung für seine Sprachkenntnisse suchte. »Eine … treffende Übersetzung«, begann sie zögerlich. »Entschuldigen Sie, wenn ich irritiert wirke, aber bislang sind mir nicht viele Menschen begegnet, die auf diesem Gebiet bewandert sind, und Sie sehen nicht aus, als hätten Sie asiatische Wurzeln.«

Shane lächelte entwaffnend. »Nein, in der Tat nicht. Allerdings werden Sie noch viel erstaunter sein, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass Ihr Vorname japanischen, Ihr Nachname hingegen chinesischen Ursprungs ist. Äußerst merkwürdig.«

Mit beinahe mystischer Stimme wies er sie auf diesen Umstand hin, als wäre er ein Zauberer, der sein Publikum mit der Magie seiner Worte fesseln wollte. Sie konterte mit einem herzerwärmenden Lächeln und gratulierte ihm konsequenterweise mit einer westlichen Redewendung: »Hut ab!«

Shane ließ seinen Blick schweifen. Alles wirkte so mondän, wie man es von den Riesen der Energiebranche erwarten konnte: edle Marmorfliesen im Schachbrettmuster, weiß getünchte Wände, mit Samt bespannte Stühle … er hätte den Raum mit geschlossenen Augen beschreiben können.

»Würden Sie mir bitte folgen?«, sagte Miss Ling und führte ihn von der Gangway fort. »Ich schlage vor, dass ich Sie zunächst mit den Annehmlichkeiten des Hotels vertraut mache, bevor ich Ihnen Ihr Zimmer zeige.«

Ihre spitzen, hochhackigen Schuhe klackten auf dem kalten Steinboden, als sie dicht gefolgt von Shane die klimatisierte Wartehalle durchquerte. Sie kamen zu einem Durchgang, vor dem ein Ganzkörperscanner und ein Röntgengerät für Handgepäckstücke standen. Ling nickte den Sicherheitsleuten kurz zu und schritt dann durch den Scanner.

Als sie Shanes skeptischen Blick bemerkte, erklärte sie kurz: »Eine Routinekontrolle. Zu Ihrer eigenen Sicherheit!«

Belustigt und zugleich resigniert schüttelte der Journalist den Kopf. »Sie haben eine wundervolle Art, von den Tatsachen abzulenken, aber ich lebe nicht hinter dem Mond, wissen Sie? Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir es mit einer neuartigen, hochsensiblen Technologie zu tun haben, an deren Geheimhaltung und Schutz Hawkes Enterprises sehr gelegen ist. Ich bin schließlich seit über zwanzig Jahren im Geschäft.« Befreit, das losgeworden zu sein, legte er ohne weitere Aufforderung Armbanduhr, Gürtel sowie Brieftasche ab und ließ sich durch den Scanner führen.

Auf der anderen Seite wurde er von Ling in Empfang genommen, die ein wenig wie vor den Kopf gestoßen wirkte, allerdings ihre professionelle Freundlichkeit aufrechthielt. Shane konnte sich gut vorstellen, was in diesem Moment in ihr vorging. Erst hatte er sie für sich eingenommen und ihr dann ihre eigene Unzulänglichkeit vor Augen geführt. Bereute er seine spitze Bemerkung? Ein wenig, aber im Gegensatz zu ihr würde er sich nicht weiter damit befassen.

Versöhnlich nahm er das Gespräch wieder auf, so als wäre nichts geschehen. »In Anbetracht der Ausmaße der Kollektorflächen stelle ich es mir schwierig vor, überall einen hohen Sicherheitsstandard aufrechtzuerhalten. Man sagte mir, es sei in letzter Zeit vermehrt zu Übergriffen seitens einheimischer Extremisten gekommen.«

Auf Lings Gesicht trat ein Ausdruck von Überraschung, aber auch Verärgerung. »Ich weiß nicht, woher Sie diese Informationen haben und kann Ihnen versichern, dass es sich nicht um Übergriffe, sondern lediglich um friedliche Protestaktionen gehandelt hat – von Nomaden, die seit Jahrtausenden diese Wüste bevölkern und in unserer Anwesenheit eine Schändung ihres Lebensraumes sehen. Bisher haben sie jedoch keine aggressiven Tendenzen oder Absichten gezeigt; sie wollen schlicht und ergreifend, dass wir ihr Land verlassen.«

Shane konnte förmlich spüren, wie es in Ling kochte. Sie empfand offenbar große Sympathie für die Wüstenbewohner, daran änderte auch ihre Anstellung bei diesem Unternehmen nichts. Er vermutete, dass ihr eigener kultureller Hintergrund maßgebend für ihre Anteilnahme war.

»In den Nomaden hat man praktischerweise einen Verantwortlichen gefunden«, fuhr die Managerin fort.

»Einen Verantwortlichen wofür?«, hakte Shane sofort nach. Seine journalistische Neugier wurde schlagartig geweckt, und einmal angefacht brannte sie wie ein Napalm-Feuer.

Ling stockte, und aus den Augenwinkeln konnte Shane sehen, wie sich ihr Gesichtsausdruck verhärtete. Es schien, als würde sie abwägen, wie viel sie sagen konnte. Sagen durfte.

»Die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten ist kein Kinderspiel. Dass es da zu gewissen …« Sie zögerte.

»Es gab also Schwierigkeiten, verstehe ich Sie da richtig?«

»Nun ja …«

»Und Sie denken, dass die Nomaden als Sündenbock dafür herhalten müssen.«

Mit seinen Schlussfolgerungen manipulierte Shane die junge Frau geschickt und sie ging ihm in die Falle.

»Ja, aber die Nomaden können es unmöglich gewesen sein.«

Shane ließ nicht locker. »Weil …?«

Doch Ling durchschaute sein Spiel allmählich und unterbrach ihn barsch. »Hören Sie, wir haben hier alles unter Kontrolle, verstanden? Ich schlage vor, ich zeige Ihnen nun das Hotel. Sollten Sie weitere Fragen haben, die Sicherheit betreffend, wenden Sie sich bitte an Mr. Fritzsch. Er ist dafür zuständig.«

Shane begann, die junge Frau zu mögen. Sie konnte sich ja doch behaupten! Was für ihn leider bedeutete, dass sie wahrscheinlich keine weiteren Informationen mehr über die Zwischenfälle mit den Nomaden preisgeben würde. Deshalb beschloss er, es vorerst dabei zu belassen.

Sie betraten eine gähnend leere, dem Bauhaus-Stil nachempfundene Hotellobby. Klare Formen und gradlinige Schnitte dominierten das Bild. Ein Atrium mit exotischen Grünpflanzen und künstlichem Flusslauf lud zum Verweilen ein.

»Warum ist es hier so leer?«, erkundigte sich Shane. Von den Mitarbeitern, die gemeinsam mit ihm das Flugzeug verlassen hatten, fehlte jede Spur.

»Sie sind der erste offizielle Gast«, erklärte ihm Ling. »Die anderen werden erst morgen im Laufe des Tages eintreffen. Aufgrund von engen Terminplänen hat sonst niemand den Testflug in Anspruch genommen.«

Shane nickte. »Unter anderen Umständen träfe das sicherlich auch auf mich zu, doch ich komme gerade aus dem Urlaub und wollte die Zeit zu Hause nicht ungenutzt auf dem Sprung verbringen. Stattdessen erschien es mir sinnvoller, mich hier vorab ein wenig umzusehen.«

Was er verschwieg, war die Tatsache, dass er zu besonderen Anlässen immer auf diese Weise vorging. Der Urlaub war lediglich ein Vorwand. Er pflegte grundsätzlich, die Lage zu sondieren bevor andere es taten, so war er ihnen stets einen Schritt voraus. Nur wenn ihn die Aussicht auf eine bestimmte Gala oder einen bestimmten Empfang in Langeweile versetze, zögerte er den Moment des Eintreffens so lange wie möglich hinaus.

Ling führte ihn durch einen langen, an eine Felsgrotte erinnernden Gang zum Wellness-Bereich. »Der Aqua-Park und die Saunalandschaft sind rund um die Uhr geöffnet«, sagte sie. »Der Massagetempel schließt täglich um 22:00 Uhr. Handtücher und Badelatschen erhalten Sie an der Rezeption oder vom Zimmerservice.«

Sie verließen den Nassbereich und besichtigten die Tagungsräume, die Tennis- und Squash-Plätze, den Kinosaal und das Kasino. Shane staunte nicht schlecht, was man hier in der kurzen Zeit alles geschaffen hatte. Wenn das PECS-Kraftwerk nur halb so überzeugend war wie das Hotel und das Freizeitangebot, dann waren dem Unternehmen positive Kritiken sicher.

»Eine Frage könnten Sie mir vielleicht noch beantworten«, wandte sich Shane beim Verlassen des Kasinos an Ling. »Warum baut man in dieser Einöde eine solch luxuriöse Ferienanlage und einen eigenen Flughafen?«

»Man hat mich gewarnt, dass Sie alles hinterfragen würden«, bemerkte Ling spitz und blieb kurz stehen.

»Das ist nun einmal mein Job«, meinte Shane. »Außerdem hinterfrage ich nicht, ich recherchiere. Wenn Ihre Arbeitgeber einen repräsentativen Bericht über ihr Unternehmen lesen wollen, brauche ich Informationen und keine Rätsel. Was verbindet diese Ferienanlage mit dem PECS-Kraftwerk?«

»Der Endkunde«, sagte Ling kurz und knapp.

Endkunde. Das Wort schwebte zwischen ihnen. Shane sah sie fragend an.

»Das ist eigentlich ganz einfach: Im Planungsausschuss diskutierte man die Bedeutung der Anlage im Hinblick auf die erklärten Unternehmensziele, und man wurde sich einig, dass diese ihre Umsetzung am besten in der Errichtung einer Ferienanlage finden würden. Immer mehr Menschen sollen von den Vorteilen alternativer Energien überzeugt werden. Sie können hier einen interessanten und erholsamen Urlaub verbringen und tun dabei gleichzeitig etwas für die Umwelt. Es sind noch weitere Projekte geplant, aber ich möchte Miss Meinhard, der Forschungsleiterin von Hawkes Enterprises, nicht vorgreifen.«

Shane bedankte sich für die Auskunft. »Das ist schon mal ein guter Anfang, auf dem ich meine Berichterstattung aufbauen kann.« Er bedachte sie mit einem freundlichen Blick, der sie für den ruppigen Kommentar von vorhin entschädigen sollte.

»Möchten Sie jetzt Ihr Zimmer sehen?«, fragte sie und konnte ihre Erleichterung, nicht länger über das Thema sprechen zu müssen, nur schwer verbergen.

»Ja, gerne. Aber zuvor müsste ich dringend wissen, wo …« Er sah sich suchend um und wirkte beinahe verzweifelt.

»Wenn Sie mir sagen, wonach Sie suchen, kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein«, schlug Ling vor. »Was kann denn nicht warten, bis Sie auf dem Zimmer sind?«

Seine vermeintliche Verklemmung erfüllte sie mit leichter Schadenfreude. Vom ersten Moment an, da sie Shane begegnet war, hatte sie die autoritäre Aura, die ihn umgab, gespürt und fühlte sich gleichsam davon angezogen wie abgestoßen. Wenn er nicht so eine fordernde und verletzende Art gehabt hätte, hätte sie möglicherweise versucht, ihn näher kennenzulernen. So aber hoffte sie lediglich, dass sie ihm nicht allzu oft begegnen würde.

Shane schaute sie lächelnd an und sagte: »Ich suche die Bar.«

Kapitel 3

Shane war ein wenig benommen von den Cocktails, die er getrunken hatte. Wankend stand er in seiner Suite und war sich unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte.

Aus dem Anzug musste er auf jeden Fall raus, so viel stand fest, denn trotz Klimaanlage schwitzte er sich halbtot. Seine Hände wanderten unter den Krawattenknoten, doch was normalerweise ein Akt von Sekunden war, zog sich heute hin. Das verdammte Ding wollte sich einfach nicht lösen! Aus einem Anflug von Nervosität heraus begann er, daran zu zerren und zu reißen, aber das verschlimmerte es nur noch. Ihn überkam regelrechte Panik, als er meinte, den Knoten noch fester gezogen zu haben. Die Krawatte schien ein Eigenleben zu entwickeln und ihn erwürgen zu wollen. Erst der Blick in den Spiegel brachte ihn wieder auf den Boden der Vernunft zurück und er riss sich den Stofffetzen erleichtert vom Hals.

Solche Panikattacken suchten ihn nur selten heim, aber wenn, dann trafen sie ihn mit voller Wucht. Chantal hatte gemeint, das könnte mit seinem ungesunden Lebensstil zusammenhängen. Wenn es etwas gab, das er noch mehr hasste als schlechten Whisky, dann waren das Seelenklempner. Aber auch zu richtigen Ärzten hatte er nur bedingt Vertrauen.

Als er sich auszog, versuchte er, den obligatorischen Blick in den Spiegel zu vermeiden. Er wusste, wie gut er aussah und dass sich das harte Training auszahlte. Das Einzige, was ihm ein Blick in den Spiegel also gebracht hätte, wäre Bestätigung gewesen, und die führte nur dazu, dass er sich noch ungesünder ernährte. Nur weil er vor Jahren mit dem Joggen und anderen Ausdauersportarten angefangen hatte, lagerten die Folgen seines nicht unerheblichen Alkoholkonsums noch tief unter seiner Haut, wo sie bisher nur Ultraschalluntersuchungen zutage fördern konnten. 20 Prozent Aufhellungen an der Leber hatte ihm der Arzt bescheinigt und zu einer ausgeglicheneren Lebensweise geraten. Einen Whisky weniger am Tag hatte Shane daraus gemacht und sich sogar daran gehalten.

Er sprang unter die Dusche, das half ihm meistens, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Angenehm temperiertes Wasser schoss aus unzähligen Düsen in den Wänden und in der Decke und massierte seine Haut. Ein Prozessor errechnete mit Hilfe von optischen Sensoren die Körpergröße der duschenden Person und regulierte dementsprechend den Wasserdruck an empfindlichen Körperstellen wie den Augen oder dem Mund. Technik, die in ihrer Ausgereiftheit beeindruckte, der Dekadenz aber die Krone aufsetzte.

Dasselbe galt auch für den Rest der Suite. Sie ließ keine Wünsche offen. In dem Wohnbereich mit Flachbildfernseher, Eckcouchgarnitur und Minibar hätten wahrscheinlich zwanzig Kinder dieses armen Kontinents Platz gefunden, die sich stattdessen in winzigen Wellblechhütten zusammenquetschen mussten. Aber daran wollte Shane erst gar nicht denken. Er war hier, um den Aufenthalt zu genießen und nicht, um sich über Armutszustände in der Dritten Welt den Kopf zu zerbrechen.

Er trocknete sich ab und ging hinüber ins Schlafzimmer, das auf die Oase ausgerichtet war und eine umwerfende Aussicht auf die Seenlandschaft bot. Falls die Sonne tagsüber zu grell hereinschien, konnte man die Scheiben per Knopfdruck verdunkeln.

Shane legte seine Wertgegenstände in den Safe und warf noch einen raschen Blick auf sein Smartphone. Er hatte versucht, Chantal zu erreichen, aber es war niemand rangegangen – sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen.

Es war schon eigenartig – nachdem sie ihn hintergangen hatte, hatte er erst nur Verachtung für sie übrig gehabt, doch jetzt, wo es endgültig vorbei war, ergriff eine Sehnsucht von ihm Besitz, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Das Einzige, womit er sie in all den Jahren betrogen hatte, waren seine Arbeit und der Alkohol gewesen.

Shane verjagte abrupt seine Gedanken – das war ein ganz schlechtes Thema, vor allem dann, wenn er angetrunken war. Er musste unbedingt heraus aus der Einsamkeit dieses Zimmers.

In kurzer Hose und Polohemd machte er sich zurück auf den Weg in die Gesellschaft. Er konnte grundsätzlich nie lange an ein und demselben Ort verweilen, ein innerer Drang zog ihn beständig weiter.

Die Empfangshalle lag wie vor zwei Stunden leer und verlassen da, nur dass jetzt ein altmodischer Gepäckwagen vor der Rezeption stand, der in Shane nostalgische Gefühle aufkommen ließ. Er liebte diesen Charme der Vorkriegsjahre des vergangenen Jahrhunderts.

Als er sich dem Tresen näherte, schoss plötzlich eine junge Frau mit blonden Haaren und sanften, ebenen Gesichtszügen dahinter hervor. Shane war versucht, sich wie ein Gentlemen zu benehmen und sich ihr vorzustellen, doch wie so oft übernahm stattdessen die kindliche Seite in ihm die Kontrolle über sein Handeln. Er räusperte sich affektiert.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes? Ich lasse den Sicherheitsdienst rufen, wenn Sie sich nicht erklären.«

Welcher Teufel ihn nur immer wieder ritt, wenn er solche albernen Bemerkungen machte!

Wie nicht anders zu erwarten, fuhr sie zu ihm herum und taxierte ihn mit einem bohrenden Blick. »Und Sie sind?« Ihre Stimme klang misstrauisch, aber nicht feindselig.

»Der Hotelmanager! Wenn Sie mir angekündigt worden wären, hätte ich selbstverständlich jemanden vom Service beauftragt, sich um Ihr Gepäck zu kümmern.«

»Das ist nicht Ihr Ernst.« Sie prustete los vor Lachen, was in Shane augenblicklich ein Gefühl von Sympathie weckte. Es war ein unbedachtes, nicht auf Gesellschaftsfähigkeit getrimmtes Lachen und deswegen mochte er es. Auch wie sie sich ansonsten präsentierte, gefiel ihm: Sie war dezent geschminkt, hatte einen unaufdringlichen Lippenstift aufgelegt und trug helle sommerliche Kleidung.

»Der Hotelmanager, soso. Ich hatte mir Miss Ling immer attraktiver vorgestellt.«

Es war ersichtlich, dass sie sein Spiel durchschaut hatte, und Shane war froh, dass sie nicht zu der Sorte Frau gehörte, die zum Lachen in den Keller ging.

»Estella Meinhard.« Sie reichte ihm über den Tresen die Hand.

»Shane O’Brien. Wenn Sie jetzt nicht wissen, wer ich bin, fühle ich mich ernsthaft gekränkt.«

»Oh, natürlich! Willkommen, Mr. O’Brien. So früh hätte ich Sie nicht erwartet, nachdem, was ich über Sie gehört habe.«

»Was haben Sie denn über mich gehört?«, fragte er.

»Man sagt, dass Sie ein Talent dafür hätten, auf den letzten Drücker zu erscheinen.« Sie nahm kein Blatt vor den Mund, noch eine Eigenschaft, die Shane bei Frauen zu schätzen wusste.

Er fand, dass ein Lob angebracht wäre. »Eine überwältigende Anlage! Waren Sie am Bau beteiligt?«

»Nein, ich bin die Forschungsleiterin unseres deutschen Mutterkonzerns. Womit scheinbar das Privileg verbunden ist, mir die Schlüssel selber holen zu dürfen.«

Wenn sie jetzt noch dem einen oder anderen Schlückchen nicht abgeneigt wäre, ja dann wäre sie perfekt, dachte Shane, auf den ein gesundes Maß an Sarkasmus so belebend wirkte wie die erste Tasse Kaffee am Morgen. »Kann ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

»Nein, danke. Dafür werde ich lieber das Personal bemühen.«

»Wie wäre es dann mit einem Drink?«, schlug er vor. »Ein Swimming Pool wäre jetzt genau das Richtige, passend zum Farbton Ihrer Augen und der unsäglichen Hitze da draußen.«

»Halten Sie mich etwa für eine reiche Millionärsgattin, die sich von so was bezirzen lässt? Mal im Ernst: Augen wie ein Swimming Pool!« Sie verdrehte selbige, also die Augen.

»Bitte verzeihen Sie mir meine Ausdrucksweise, mir scheint wohl die Hitze zu Kopf gestiegen sein«, zog er sich geschickt aus der Affäre.

»Hey, wie wäre es mit morgen?«, fragte sie, als er sich schon zum Gehen wenden wollte.

Die Schlacht war also noch nicht verloren.

»Ich nehme Sie beim Wort«, sagte Shane, kehrte ihr den Rücken zu und ging davon. Er wusste, wann ein starker Abgang gefordert war und konnte förmlich spüren, wie sie ihm entgeistert hinterherschaute.

Als er außer Sichtweite war, blieb er kurz stehen, um zu überlegen, was er als Nächstes machen könnte. Allein an die Bar zu gehen war keine Option, und so entschloss er sich, auf eigene Faust ein wenig das Gelände zu erkunden. Dass sich niemand auf den Gängen aufhielt, kam ihm dabei sehr gelegen. Je weniger Leute ihn behelligten, desto ungestörter konnte er herumschnüffeln.

Er ging am Kinosaal vorbei und kam zu einer Abzweigung, die gefühlsmäßig von der Hotelanlage wegführte – also genau in die Richtung, in die er wollte. Durch die Fenster sah er einen langen, schwach beleuchteten Verbindungstunnel, der hinüber zum Firmenkomplex führte, wo er die Laboratorien und das Kontrollzentrum der Solarstromanlage vermutete. Niemand hatte ihm explizit verboten, das Hotel zu verlassen, und so schlüpfte er durch die halb angelehnte Flügeltür und machte sich auf den Weg zur anderen Seite. Draußen brach soeben die Dämmerung herein.

Shane hatte kaum die Hälfte der Strecke hinter sich gelegt, als vor ihm plötzlich ein Mann in mitternachtsblauem Anzug auf den Korridor trat und ihm den Weg versperrte. »Kann ich Ihnen helfen, Sir? Dieser Bereich ist für Gäste gesperrt.«

Der Mann überragte Shane um einen Kopf und seine Stimme war von einer solchen Tiefe, dass man sie leicht mit dem Brummen eines Generators hätte verwechseln können. Er musste um die Vierzig sein, hatte ein breites kantiges Gesicht und dunkelblondes bis hellbraunes Haar, das sich an den Ecken bereits zu lichten begann. Mit seinem schmalen, säuberlich gestutzten Schnurrbart erinnerte er auf beunruhigende Weise an einen Tartar, und seine in Falten gelegte Stirn zeugte von unverhohlenem Misstrauen.

»Entschuldigen Sie bitte, das war mir nicht bewusst. Das entsprechende Hinweisschild muss ich wohl übersehen haben. Ich wollte mich eigentlich nur ein wenig mit der Anlage vertraut machen. Shane O’Brien, Future Economy.«

»Bill Fritzsch, ich bin der Sicherheitschef.« Mit seinem Händedruck brach er Shane fast die Knochen, und dieser konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei mehr um eine Machtdemonstration denn um Unachtsamkeit handelte. »Die Kameras sehen Sie überall«, fügte der Hüne mit schiefem Grinsen hinzu und deutete auf ein fast unsichtbares Loch in der Decke.

Shane musterte die etwa haselnussgroße Linse und freute sich über die interne Information, die ihm der Sicherheitschef höchstpersönlich so bereitwillig zugespielt hatte. Möglicherweise konnte er ihm noch weitere Interna entlocken und so mehr über die ungewöhnlichen Vorkommnisse in Erfahrung bringen, die Ling vorhin während ihres emotionalen Ausbruchs unbedachterweise erwähnt hatte. Ihr Gesichtsausdruck ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte ernsthaft mitgenommen gewirkt. An dem Ganzen war womöglich mehr dran, als es zu diesem Augenblick den Anschein hatte.

Er musste sich auf jeden Fall Gewissheit verschaffen, ob die Anschuldigungen gegen die Nomaden gerechtfertigt waren – seine Aufgabe bestand schließlich darin, das Konzept und die Umsetzung dieser Anlage auf Herz und Nieren zu prüfen. War die Technik des PECS-Kraftwerks unausgereift und Hawkes Enterprises versuchte nun, die Schuld abzuwälzen, würde er das in seinem Artikel erwähnen. Er fühlte sich nämlich in erster Linie seinen Lesern verpflichtet, die aus seinen Artikeln Rückschlüsse auf das Investitionspotential bestimmter Unternehmen zogen.

Als Wirtschaftsjournalist besaß er gewisse Ähnlichkeit mit einem privaten Ermittler. Statt ein Thema nur oberflächlich anzukratzen und wohlwollend darüber zu berichten, drang er oft tief in die Materie ein und förderte dabei nicht selten pikante Details zu Tage, die ein vollkommen anderes Licht auf bestimmte Sachverhalte warfen. Dabei kam man unweigerlich mit Wirtschaftskriminalität in Berührung – die Recherche ging dann nahtlos in das Sammeln von Beweisen über.

Shane hatte gehofft, dass es in diesem Fall nicht so weit kommen würde – das Projekt war wirklich vielversprechend –, doch hatte er einmal Witterung aufgenommen, gab es kein Zurück mehr. Er beschloss, den Sicherheitschef ein wenig auszuquetschen.

»Es ist wirklich ein glücklicher Zufall, dass ich Sie noch vor Beginn der Präsentation treffe. Ich würde nämlich gern mehr über Ihren Arbeitsbereich erfahren. Sie müssen wissen, ich bin Journalist und es gehört zu meinen Aufgaben, eine gründlich ausrecherchierte Reportage über die Anlage zu verfassen. Dabei möchte ich selbstverständlich auf alle Aspekte eingehen. Ein Blick hinter die Kulissen der Sicherheit wäre bestimmt überaus aufschlussreich, schon deshalb, weil geplant ist, künftig Angebote für Touristen einzurichten.«

»Dagegen gibt es im Prinzip nichts einzuwenden«, entgegnete Fritzsch nachdenklich, »aber ich muss zuerst mit Miss Meinhard Rücksprache halten.« Er wirkte nervös, obwohl es dafür keinen erkennbaren Grund gab.

»Wie praktisch, dass ich mich gerade ausführlich mit ihr unterhalten habe«, behauptete Shane dreist. »Sie hatte keine Einwände und auch Miss Ling verwies mich an Sie.« Mit dieser Halbwahrheit bewegte er sich auf sehr, sehr dünnem Eis, und er konnte nur inständig hoffen, dass es nicht auf der Stelle unter ihm nachgab.

Fritzschs Gesichtszüge entspannten sich. »Naja, man wird Sie schon nicht ohne Grund eingeladen haben«, meinte er und deutete mit einer knappen Geste auf eine graue Stahltür. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Sicherheitszentrale. Die neue Schicht hat gerade begonnen, es sollte also nicht viel los sein.«

Er öffnete die Tür und führte Shane in ein geschmackvoll eingerichtetes Büro, das durch eine Glaswand vom Rest der Zentrale abgetrennt wurde. Shane stellte sich vor, wie der Sicherheitschef hier saß, die Arme verschränkt, die Beine auf den Schreibtisch gelegt, und seine Mitarbeiter überwachte.

Shane ging ganz nah an die Glasscheibe heran und ließ seinen Blick schweifen. Was er sah, hätte einem Science Fiction-Film entsprungen sein können: Vor einer überdimensionierten Monitorwand, in der bestimmt mehr als vierzig Bildschirme verankert waren und von der ein einschläferndes, dunkelgrünes Leuchten ausging, saßen junge Männer und Frauen in einheitlichen schwarzgrauen T-Shirts und prüften die Anzeigen. Es sah aus wie auf der Brücke eines Raumschiffs.

»Sie haben hier keine Kosten gescheut, was?«

Der Sicherheitschef lächelte. »Sehen Sie den großen Tisch in der Mitte des Raums?«

»Sie meinen dieses futuristische Gebilde?«

»Ja. Das ist eine taktische Konsole, das Neueste, was die Sicherheitstechnik zu bieten hat.«

Shane ließ sich seine Überraschung nicht zu sehr anmerken, aber damit hatte er in der Tat nicht gerechnet. »Darf ich?«, fragte er und deutete auf die Tür zur Zentrale.

»Bitte, nur zu«, erwiderte Fritzsch. »Dafür sind wir ja jetzt hier.«

Als Shane die Zentrale betrat, wurde er von einem unangenehmen monotonen Summen empfangen, das von den elektronischen Geräten herrührte und einem durch Mark und Bein ging. Wie konnten sich die Mitarbeiter bei dieser Geräuschkulisse nur konzentrieren? Er hätte es keine zehn Minuten hier drinnen ausgehalten.

Fritzsch übernahm die Führung. Stolz schritt er an der Konsole entlang und fuhr mit den Fingern über den Rand. Der Bildschirm, ein Touchscreen mit selbstreinigender Oberfläche, maß ein Meter mal anderthalb Meter, hatte eine gestochen scharfe Auflösung und war horizontal auf einem Betonsockel montiert. Im Moment zeigte er eine topografische Darstellung des Geländes.

»Das Besondere an dieser Station ist, dass wir über einen Uplink auf einen Satelliten des Bundesnachrichtendienstes zugreifen können«, erklärte Fritzsch. »Das erleichtert uns zum einen die Lokalisierung defekter Kollektoren, zum anderen das Aufspüren potentieller Gefahrenquellen. In Kombination mit den Infrarot- und Bewegungsmeldern im Außenbereich ist somit eine lückenlose Überwachung der Anlage möglich.«

Shane war da skeptisch. »Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber wenn der Satellit vom Bundesnachrichtendienst genutzt wird, ist er doch nicht die ganze Zeit auf die Anlage ausgerichtet.«

Fritzschs Miene verfinsterte sich. Er hatte offenbar nicht erwartet, dass Shane diesen misslichen Umstand erwähnen würde.

»Nein, Sie irren sich nicht. Es ist in der Tat so, dass wir die Nutzung des Satelliten anmelden müssen. Jeder neue Verbindungsaufbau dauert dreißig Minuten.«

Shane beließ es dabei und nickte freundlich. Er wollte es sich mit Fritzsch nicht verscherzen. Zumindest nicht, solange er Informationen aus ihm herausholen konnte.

»Nehmen wir einmal an, es käme zu Handgreiflichkeiten: ein Ehepaar im Streit, eine eifersüchtige Freundin …«, deutete Shane schmunzelnd an. »Wie lange würde es dauern, bis Ihre Sicherheitskräfte eingreifen könnten?«

»Das hängt davon ab, wo sie gebraucht werden. Spätestens aber nach 120 Sekunden. So lange brauchen meine Männer, um den entferntesten Sektor zu erreichen.«

»Wie viele Sektoren gibt es insgesamt?«

»Zwölf«, sagte Fritzsch. »Wollen Sie einen Blick auf die Überwachungskameras werfen?«

Shane überging den diskreten Hinweis, er möge aufhören, sein Gegenüber mit Fragen zu löchern, und fuhr ungeniert fort.

»Wie sieht es mit dem Wissenschaftskomplex aus? Dort herrschen doch sicherlich strengere Sicherheitsvorkehrungen.«

»Tut mir leid«, wiegelte Fritzsch ab, »aber ich darf Ihnen diesbezüglich keine weiteren Auskünfte geben.«

Shane, der bereits mehr erfahren hatte, als er sich jemals zu erträumen gewagt hätte, lenkte besänftigend ein. »Das verstehe ich natürlich. Fühlen Sie sich bitte nicht unter Druck gesetzt. Aus mir spricht nur meine journalistische Neugier.«

Insgeheim überlegte er, wie er am besten auf sein eigentliches Interesse zu sprechen kommen könnte. Es war eine Gratwanderung, denn wenn er zu offenkundig vorging, würde Fritzsch misstrauisch werden und die Chance wäre vertan.

In diesem Moment knackte ein Lautsprecher und die aufgeregte Stimme einer jungen Frau war zu hören. »Johnson an Fritzsch. Bitte melden Sie sich.«

Der Sicherheitschef zückte sein Funkgerät und öffnete den Kanal. »Hier Fritzsch, sprechen Sie, Johnson.«

»Wir … haben hier etwas gefunden, Sir. Es wäre besser, wenn Sie sich das ansehen.«

Beunruhigung zeichnete sich auf Fritzschs Gesicht ab, und seinem Verhalten nach zu urteilen, erlebte er diese Situation nicht zum ersten Mal. »Verstanden, Johnson, ich bin auf dem Weg!« Der Hüne war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. »Entschuldigen Sie, Mr. O’Brien, aber die Pflicht ruft. Soll ich Sie hinausbegleiten?«

»Keine Sorge, ich finde schon selbst raus.«

Fritzsch nickte Shane kurz zu und stürmte aus dem Raum.

Shanes Nackenhärchen stellten sich in freudiger Erwartung auf. Vorausgesetzt, er ging geschickt vor, bot sich ihm jetzt die einmalige Gelegenheit, nach Hinweisen zu suchen.

In unmittelbarer Nähe hielten sich im Moment lediglich zwei Sicherheitskräfte auf. Einer von ihnen schaute kurz hoch, um Shane zu mustern. Dieser zweifelte nicht daran, dass sie ein Auge auf ihn haben würden, denn Fritzsch hatte ihn nur deshalb alleine zurückgelassen, weil er sich vollkommen auf seine Männer verließ. Doch Shane hatte vor, gerissener als sie zu sein.

Beiläufig schlenderte er auf einen Kaffeeautomaten zu, der gegenüber von Fritzschs Schreibtisch stand. »Ich nehme mir nur einen Becher und dann bin ich weg«, rief er dem Mann zu, der ihn aufmerksam, aber nicht sonderlich interessiert beobachtete. Die Begründung schien ihm zu genügen und er wandte sich wieder dem Geschehen auf dem Monitor zu.

Shane atmete erleichtert auf. Die erste Hürde war genommen, und während er die Liste der Heißgetränke überflog, legte er sich im Kopf die Orte zurecht, an denen er als Erstes suchen würde. Fritzschs Computer oder die akribisch sortierten Aktenordner im großen verglasten Wandschrank schieden von vornherein aus, das wäre zu auffällig, doch es gab noch andere Möglichkeiten. Aus Erfahrung wusste Shane, dass Telefonnotizen, Terminplaner und bekritzelte Schreibtischunterlagen wahre Fundgruben für Anhaltspunkte aller Art sein konnten.

Er bestellte einen Latte Macchiato, damit das Gerät für eine Weile beschäftigt war, und ging unauffällig zum Schreibtisch, der noch penibler aufgeräumt war als der Aktenschrank. Bis auf einige Berichte und Materiallisten konnte Shane auf Anhieb keine weiteren Unterlagen entdecken, weshalb er sich gleich der Schreibtischunterlage zuwendete. Wie er gehofft hatte, war Fritzsch nicht nur ein ordnungsliebender Mensch, er ging auch auf Nummer sicher, indem er selbst unwesentliche Gedankengänge schriftlich festhielt.

Shane verfügte über eine hohe Merkfähigkeit. Sein Gedächtnis galt als eidetisch, was sich auch mit zunehmendem Alter kaum geändert hatte und ihm hier und jetzt sehr von Nutzen war.

Konzentriert blieb er für einen kurzen Moment an einer auf die Schnelle dahingekritzelten, aber nahezu perfekten Zeichnung hängen, die Fritzsch am Rand der Unterlage hinterlassen hatte. Sie zeigte ein kleines Mädchen in der Umgebung der Oase. Fritzschs Tochter? Jedenfalls hatte der äußerlich grobschlächtige Sicherheitschef Talent. Wie leicht man sich doch in den Menschen täuschen konnte!

Neben der Zeichnung standen ein paar kurze Sätze:

Trojaner wurde aus dem System entfernt. Nach Serverupdate wieder fehlerfrei. Stephen trotzdem besorgt: Server nicht am Internet. Woher Trojaner?

Shane blickte nachdenklich auf die handgeschriebenen Zeilen. Ein Trojaner im Netzwerk der Anlage? Das war in der Tat besorgniserregend – wenn man bedachte, dass die Server höchstwahrscheinlich durch komplexe Firewalls und entsprechende Schutzprogramme gesichert wurden. Wie konnte also Malware in das System gelangen?

Trojaner waren Schadprogramme, die sich im Gegensatz zu Viren nicht reproduzierten und größtenteils absichtlich ins System eingeschleust wurden. Der Virus legte durch seine Vervielfältigung den Computer lahm, der Trojaner operierte dagegen im Hintergrund, indem er Backdoor- oder Spionageprogramme schuf.

Während Shane den Hinweis gedanklich verarbeitete, wanderte sein Blick zu einer herkömmlichen Pinnwand aus Kork, die an der Wand rechts neben Fritzschs Workstation hing. Die bunten Zettel, teils übereinander gepinnt, erinnerten ihn an einen Baum, was der äußerst kreative Fritzsch mit dieser Anordnung wahrscheinlich auch bezweckt hatte. Es musste schwer für ihn sein, einer verhältnismäßig eintönigen Arbeit nachzugehen, die ihm keine Möglichkeit bot, seine ausgeprägte künstlerische Ader auszuleben.

Ein roter Zettel in der Mitte des Baums stach aus der Masse hervor. Neben einer Telefonnummer, die Landesvorwahl gehörte zu Kanada, standen wieder einige Notizen:

Materialversagen unwahrscheinlich. Kabelbrände werden hauptsächlich durch defekte Sicherungen verursacht. Speed Cable Inc. liegen keine Vergleichswerte vor. Sollen Verteilerkästen überprüfen!

Allmählich dämmerte Shane, wofür man die Nomaden verantwortlich machen wollte und warum Ling von ihrer Unschuld überzeugt war. Erst ein Trojaner-Befall im Computernetzwerk, dann defekte Teile in den PECS-Modulen – das war ganz sicher nicht die Handschrift technikverachtender Wüstenbewohner.

»Ihr Kaffee wird kalt!« Ertappt zuckte Shane zusammen, fing sich aber sofort wieder und drehte sich mit dem unschuldigsten Lächeln, das er zustande bringen konnte, zu seinem Gegenüber herum. »Oh, ich war ganz in Gedanken. Der Jetlag, wissen Sie?«

Der junge Sicherheitsmann fixierte ihn aus schmalen, dunkelbraunen Augen. Noch wirkte er lediglich misstrauisch, aber das konnte schnell in Feindseligkeit umschlagen, sobald ihm klar wurde, dass Shane sich unerlaubt Einsicht in vertrauliche Unterlagen verschafft hatte. Höchste Zeit, zu verschwinden!

Mit einem dankbaren Nicken nahm Shane dem Sicherheitsmann den Kaffeebecher aus der Hand und wandte sich zum Gehen. »Ich werde mich für ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Kaffee ist das beste Einschlafmittel.«

Während er den Rückzug antrat, spürte er den wachsamen Blick des jungen Mannes in seinem Rücken. Ob der Verdacht geschöpft hatte? Shane konnte es nicht mit Gewissheit sagen, aber von nun an musste er sehr vorsichtig sein. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.

Kapitel 4

28. Februar 2023

Sun City

Obwohl das Bett bequem, die kalte Dusche erfrischend und das Frühstücksbuffet überwältigend gewesen waren, erfreute sich Shane nicht des Gefühls des Ausgeschlafen-Seins. Gähnend blickte er zu Estella Meinhard hinüber, die soeben mit der Hoteldirektorin Miss Ling und einem Gefolge herausgeputzter Zimmermädchen in Richtung Flughafengebäude verschwand. In Kürze würden die weiteren Gäste eintreffen.

Als Erstes Thalia Morgan, der weibliche Nachfolgepart Al Gores, wie sie von den Medien genannt wurde. Wie Gore war sie zunächst Politikerin gewesen und hatte sich dann dem Umweltschutz gewidmet. Nun zählte sie zu den weltweit angesehensten Frauen und war zugleich Vorsitzende der Green Earth Foundation und Beraterin zahlreicher renommierter Umweltschutz-Organisationen. Shane freute sich bereits darauf, sie wiederzusehen, dennoch hielt er es nicht für nötig, zum Empfang zu erscheinen.

Er studierte die weiteren Namen auf der Gästeliste und das geplante Programm. Unter Thalia Morgan standen David Meier, Vorstandsvorsitzender des marktbeherrschenden deutschen Energiekonzerns, Lennard Frank, privater Investor in Begleitung seiner Frau Marie, einige ihm unbekannte Investoren und hochrangige Wissenschaftler sowie William Crosswind, republikanischer Energiepolitiker, der seine Traditionsverbundenheit überwunden hatte und innovativen Technologien nun aufgeschlossen gegenübertrat.

Vorsichtig nippte Shane an seinem kochend heißen Kaffee. In ihm rumorte es – ein natürlicher Widerwille gegen jedwede Form von Empfängen und Zusammentreffen sogenannter Eliten, denn bei Veranstaltung dieser Art wurde von ihm erwartet, die Gäste zu hofieren und ihnen so viel Ehrerbietung und Aufmerksamkeit zu erweisen, dass sie sich bedeutender fühlten als der Durchschnitt der Menschen. Doch was unterschied sie vom Rest der Bevölkerung? Sie leisteten einen hohen Beitrag, ja, obschon die Auslegung dieses Aspekts natürlich sehr relativ war. Aber leitete sich daraus der Anspruch auf Besserbehandlung ab? Dieses alberne Getue – die heuchlerischen Zusicherungen und die immer gleichen, nichtssagenden Floskeln –, all das versetzte Shane innerlich in Rage.

Dort, wo der Flyer ein Bild einer PECS-Solarzelle zeigte, erschien nun in Shanes Kopf das Gesicht der jungen Forschungsleiterin. Eine kindliche Schwärmerei sorgte dafür, dass er ihr offenes freundliches Lächeln nicht mehr vergessen konnte. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt; allerdings war er sich über seine Gefühle auch nicht wirklich im Klaren. Er musste sie unbedingt besser kennenlernen, andernfalls könnte sie eine Leere in ihm zurücklassen, die er sich wahrscheinlich nie verzeihen würde.

Eigentlich war es lächerlich! Er hatte sie gerade einmal fünf Minuten mit ihr unterhalten und trotzdem übte sie eine Faszination auf ihn aus, die ihn an die Zeit seiner Jugend erinnerte. Wie hieß es doch so schön: Ein paar Minuten, um jemanden zu mögen, eine Stunde, um sich in ihn zu verlieben – und ein Leben, um ihn wieder zu vergessen.

Er versuchte, die kreisenden Gedanken in seinem Schädel zur Ruhe zu bringen und widmete sich weiter dem Flyer. Das Programm sah erst für 15:00 Uhr ein erstes gemeinsames Zusammentreffen aller Gäste in der Bibliothek vor. Demnach blieb ihm noch genügend Zeit, um im Pool ein paar Bahnen zu ziehen. Wenn es einen Sport gab, der Shane erfüllte, dann war es das Schwimmen. Das Wasser vermittelte ihm das Gefühl, getragen zu werden; gleichzeitig umhüllte es seinen Körper wie eine wärmende Schutzschicht, die ihn gegen die störenden Einflüsse des Alltags abschottete. In seiner Schulzeit hatte er sogar den ersten Platz der britischen Meisterschaft im Freistilschwimmen bei den unter 20jährigen gewonnen. Aus dem ehemaligen Leistungssport war mit den Jahren jedoch nur noch ein erholsames Hobby geworden. Wie so viele Dinge im Leben, für die er nie die Zeit fand.

Vom Tisch aus beobachtete er die emsigen Angestellten, die seit dem frühen Morgen förmlich aus allen Löchern gekrochen kamen und sich in Scharen ihren Aufgaben widmeten. Jedes Mal, wenn er so viele arbeitende Menschen sah, musste er unwillkürlich an einen Ameisenstaat denken. Aber was war die Menschheit genaugenommen denn mehr als ein Ameisenstaat?

Kapitel 5

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten!«, verschaffte sich Estella Meinhard breit lächelnd Gehör.

Die in Smalltalk vertieften Gäste wandten sich ihr zu und verstummten in ihren Unterhaltungen.

»Setzen Sie sich doch bitte!«

Estella deutete auf die gepolsterten Ledersessel mit rotem Brokat. Shane kippte den letzten Rest Champagner noch halbwegs würdevoll herunter und folgte ihrer Anweisung.

»Als Erstes möchte ich Sie noch einmal ganz herzlich im Namen von Hawkes Energy und Hawkes Enterprises begrüßen. Mein Name ist Estella Meinhard, aber Sie haben mich ja bereits beim Empfang kennengelernt. Warum Sie alle hier sind, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erläutern, da ich davon ausgehe, dass Sie unser Einladungsschreiben gelesen haben – oder zumindest Ihre Sekretärinnen!«

Zögerliches Lachen breitete sich in der Bibliothek aus.

»Bevor ich nun weiter auf unser Vorhaben und das Programm der nächsten zwei Tage eingehe, möchte ich Sie noch mit den Projektleitern der Anlage bekannt machen.«

Zwei Männer in Anzug und eine wenig attraktive Frau gehobenen Alters traten vor. Den einen Mann erkannte Shane als Bill Fritzsch, den Sicherheitschef.

»Mister Heckler ist der leitende Wissenschaftler des PECS-Kraftwerks und für alle dortigen Aufgaben verantwortlich«, stellte sie den graubärtigen Mann ganz links vor. Die Gäste schenkten ihm einen kurzen Beifall.

»Danke!«, sagte Heckler verlegen. »Neben dem reibungslosen Ablauf der Anlage beaufsichtige ich unter anderem auch unser technisches Labor, in welchem wir unsere Forschungen zu einer effizienteren Energiegewinnung aus alternativen Quellen betreiben. Der Großteil der Forschung von Hawkes Enterprises findet jedoch in unserem Hauptsitz in Deutschland statt. In den nächsten Tagen werde ich gerne all Ihre technischen Fragen beantworten.«

Wieder Beifall. Nervös trat der Wissenschaftler zurück.

»Nun darf ich Ihnen Mrs. Blinow, die Geschäftsführerin von Sun City vorstellen.«

Shane musterte die pummelige Russin und ertappte sich dabei, wie er sie unwillkürlich mit einem Walrossweibchen verglich und ihr Gesicht in Gedanken um spitze Stoßzähne ergänzte.

»Wie Miss Meinhard bereits erwähnt hat, bin ich die Geschäftsführerin unserer kleinen Stadt in der Wüste und somit hauptsächlich für Ihr Wohlbefinden und das der zukünftigen Besucher verantwortlich. Sollten Sie irgendeinen Wunsch haben, zögern Sie nicht, ihn mir oder Miss Ling mitzuteilen. Im Laufe des heutigen Dinners werde ich Sie mit der Planung unserer zukünftigen Urlaubsanlage vertraut machen.«

»Da werden Sie sich vor Fragen kaum retten können«, kam es aus der Menge. David Meier hatte ein breites, unhöfliches Grinsen aufgesetzt und sah sich Bestätigung suchend um.

Shane war ihm erst zwei- oder dreimal begegnet, aber das Verhalten des Vorstandsvorsitzenden war stets dasselbe: rüpelhaft und abwertend, was auch die eher verhaltenen Reaktionen der anderen Anwesenden erklärte.

»Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Urlaubsanlage mitten in der Wüste zu errichten und diese auch noch an ein Kraftwerk zu koppeln. Hier gibt es doch für Touristen rein gar nichts von Interesse. Einen trostloseren Ort habe ich noch nie gesehen.«

»Ich glaube, Sie brauchen eine neue Brille, David«, ergriff Lennard Frank zum ersten Mal das Wort. »Haben Sie denn noch nicht einmal die Zeit gefunden, aus dem Fenster zu schauen?«

Frank spielte natürlich auf die Oasenlandschaft an, doch Meier schien offensichtlich nicht zu wissen, wovon der Privatinvestor sprach – zumindest ließ sein gleichgültiger Ausdruck darauf schließen.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, Lennard«, erwiderte er leicht gereizt. Kichern breitete sich aus, was die schlechte Laune des ungemütlichen Geschäftsmannes nur noch verstärkte.

»Beim Dinner können wir uns gerne darüber unterhalten«, sagte Blinow und sorgte damit wieder für Ruhe.

Shane ließ seinen Blick durch die auf antik getrimmte Bibliothek schweifen. Das Höflichkeitsgeplänkel interessierte ihn herzlich wenig. Ob die Bücher echt sind?, fragte er sich mit einem gewissen Amüsement. Aber es wäre wohl ziemlich unangebracht gewesen, Buchattrappen in die Regale zu stellen.

Der Raum wurde durch altmodische Kerzenleuchter mit Glühbirnen erhellt und besaß weder Fenster noch andere Türen als die, durch die sie gekommen waren.

Shane lehnte sich zurück. Die Zeit, die Estella brauchte, um Fritzsch vorzustellen, konnte er dazu benutzen, sich einen Überblick über die anderen Gäste zu verschaffen. Es bereitete ihm immer wieder ein heimliches Vergnügen, andere zu beobachten, wenn diese nicht damit rechneten.

Beispielsweise Thalia Morgan, die bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte. Sie saß aufrecht auf ihrem Stuhl und gab sich interessiert, doch wenn man genau hinschaute, konnte man ihre nervös zuckenden Augenlieder erkennen, was ein Zeichen für unruhige Langweile war.

Meier trommelte, ohne einen Hehl aus seiner Nervosität zu machen, auf der Armlehne herum. Ein Wunder, dass er überhaupt erschienen war.

»Dann bedanke ich mich an dieser Stelle für Ihre Aufmerksamkeit und überlasse Sie wieder der Gesellschaft der anderen.« Mit diesen Worten wollte sich Estella Meinhard verabschieden, doch bevor sie den Raum verlassen konnte, erhob sich Shane von seinem Platz.

»Ich hätte vorher noch eine Frage, Miss Meinhard!«

»Ja?«, sagte sie höflich.

»Wir wissen jetzt, wer hier wo das Sagen hat, aber über Sie haben wir noch nichts erfahren. Weshalb übernehmen Sie diese Präsentation, wo Sie doch offensichtlich nicht die Leiterin dieses Projekts sind?«

An ihrer Reaktion konnte Shane erkennen, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Die Frage war natürlich überflüssig, er wusste, wer sie war und was sie hier tat, aber ihn reizte der Versuch, sie dazu zu bringen, noch mehr Details über sich selbst preiszugeben. Im Grunde genommen hatte sie es sich auch selber zuzuschreiben, dass er sie bloßstellte, denn schließlich gebot es die Höflichkeit, ein paar persönliche Eckdaten mit einfließen zu lassen, wenn man sich vorstellte.

»Entschuldigen Sie, das muss mir wohl entgangen sein. Wir Wissenschaftler denken oft außerhalb normaler Maßstäbe«, versuchte sie ihre Nervosität zu überspielen. Gelingen wollte es nicht so recht, aber niemand schien sich daran zu stören. »Ich bin die Forschungsleiterin unseres Mutterkonzerns Hawkes Enterprises. Normalerweise arbeite ich in Deutschland, aber da unser Tochterunternehmen hier in der Sahara das weltweit erste und größte PECS-Kraftwerk eröffnet, habe ich es mir nicht nehmen lassen, die Präsentation persönlich zu übernehmen. Wenn Sie noch mehr über mich erfahren möchten, Mr. O’Brien, schlage ich vor, dass Sie das Dossier lesen, das Sie in den Händen halten!«

Das versetzte Shane einen fühlbaren kleinen Stich in die Magengegend. »Autsch!«, flüsterte er in sich hinein. Aber ihr konsternierter Gesichtsausdruck war es wert gewesen! Derartige Sticheleien waren es, die ihm zu seinem geteilten Ruf verholfen hatten.

Die Gäste erhoben sich und fanden sich zu Grüppchen zusammen, um die vorangegangenen Gespräche wieder aufzunehmen. Estella warf Shane von der anderen Seite des Raums einen beleidigten Blick zu. War das eine Aufforderung? Gemächlich schlenderte er in ihre Richtung, schüttelte Meier, Morgan und Lennard die Hand und begrüßte deren Frauen mit einer leichten Umarmung.

Ein junger Mann, schätzungsweise um die Fünfundzwanzig, musterte ihn verstohlen von der Seite. Shane wusste nicht, wer er war, verspürte jedoch von Anfang an eine natürliche Abneigung gegen ihn. Trotzdem wagte er den Sprung in die Offensive und ging auf ihn zu.

»Sind wir uns schon einmal begegnet? Ich habe ein furchtbar schlechtes Gedächtnis. Shane O’Brien …« Er streckte ihm die Hand entgegen. Der Mann zögerte, griff dann jedoch zu.

»Dirk Wagner. Ich bin der persönliche Assistent von Herrn Meier«, sagte er in gebrochenem Englisch. »Und nein, wir sind uns noch nicht begegnet.«

Shane verabschiedete sich höflich und zog, sobald er außer Reichweite war, eine hässliche Grimasse.

»Ja, er ist wirklich etwas unangenehm«, sagte Meinhard, die sich unbemerkt an ihn herangepirscht hatte. »Er ist ein bisschen wie Sie, finden Sie nicht?«

»Oh, ich bitte Sie! Ich habe wenigstens Stil, was man von diesem … Individuum da nicht behaupten kann.«

Sein Kommentar brachte sie zum Lachen. »Da wir uns noch nicht lange kennen, würde ich nicht so weit gehen, Sie als überheblichen Kotzbrocken zu bezeichnen …«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Shane mit schiefem Grinsen.

»Was ich eigentlich nur sagen wollte, ist, dass Sie eine ganz spezielle Art haben«, beendete Estella den unterbrochenen Satz.

»Ich nehme das mal als Kompliment. Sagen Sie, kommt es oft vor, dass Sie vor Publikum sprechen, oder war das Ihr erstes Mal?«

»Sind Sie von Geburt an so taktvoll oder üben Sie noch?«, entgegnete sie schlagfertig. Sie lernte offenbar schnell, denn das war die einzige Möglichkeit, mit Männern wie Shane umzugehen. Sie bewies Selbstbewusstsein und das gefiel ihm, zwang ihn aber, seine Taktik zu ändern.

»Die Frage war durchaus ernst gemeint«, behauptete er. »Als ich das erste Mal vor mehr als 50 Personen sprechen musste, habe ich mich jedenfalls nicht besonders wohl gefühlt. Ich glaube, seit der Grundschule hatte ich nicht mehr so gestottert.«

»Und warum sind Sie jetzt so ein viel gebuchter Redner? Ich dachte, Sie seien Wirtschaftsjournalist.«

»Bin ich auch, aber im Laufe der Zeit hat sich mein Aufgabenbereich, sagen wir mal, erweitert. Manche Unternehmen bilden sich regelrecht etwas darauf ein, wenn ich für ihre jeweiligen Projekte referiere. Ich nehme an, aus dem gleichen Grund wurde ich auch hierher bestellt. Ich soll einen Artikel verfassen, der Ihr Projekt als einzigartig und aussichtsreich verkauft, richtig? Aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Ich verfasse nichts, was ich nicht vertreten kann. Jeder glaubt, mich manipulieren zu können, aber sobald ich dahinterkomme, schreibe ich gar nichts mehr.«

Er legte größten Wert darauf, seinen Standpunkt von Anfang an klarzustellen.

»Die Aussicht auf einen werbeträchtigen Artikel war sicherlich einer der Gründe, weshalb man Sie eingeladen hat«, sagte Estella, »aber das alleine war nicht ausschlaggebend. Sie wurden uns … empfohlen; Mr. Barthel hält große Stücke auf sie. Er spricht nur in den höchsten Tönen von Ihnen. Er sagt, Sie hätten ein gutes Gespür für interessante Stoffe und nahm an, dass das Projekt auf Ihr Interesse stoßen würde – genau wie der Rest unseres Unternehmens.«

»Der Patrick Barthel?« Shane war überrumpelt.

»Ich weiß nicht, welchen Patrick Sie meinen, aber er ist es vermutlich«, erwiderte Estella Meinhard.

»Mir war nicht bewusst, dass Mr. Barthel für Hawkes Enterprises tätig ist. Wir haben schon länger nicht mehr miteinander gesprochen. Kennen Sie ihn?«, fragte Shane nun brennend interessiert.

»Kennen? Er ist mein Onkel.«

So ein Zufall!, ging es Shane durch den Kopf.

Patrick Barthel war einer der besten Freunde seines Vaters gewesen und das, was einem Mentor am nächsten kam. Im selben Moment, in dem Shane an seinen Vater denken musste, übermannte ihn wieder die alte Trauer. Auch noch nach so vielen Jahren wurde ihm bei dem Gedanken an das, was seinem Vater zugestoßen war, ganz anders – was sich vermutlich niemals ändern würde. So hätte sein Vater nicht sterben dürfen. Nicht auf diese Weise!

Shane zwang sich, wieder an Patrick zu denken, um nicht in grauenhaften Erinnerungen zu versinken. Patrick hatte sich damals seiner angenommen, ihn in seiner Karriere gefördert und sein Interesse für Politik und zukünftige Energien bestärkt. Eine Nichte hatte er jedoch nie erwähnt. Außerdem hatten sie sich mit der Zeit auseinandergelebt, nachdem Patrick sich entschlossen hatte, ein ›geheimes Projekt‹ zu betreuen.

»Ihr Onkel … er hat mich Ihnen nie vorgestellt«, sagte Shane indigniert.

»Naja, sagen wir … unser Verhältnis war in den letzten Jahren recht angespannt«, erklärte ihm Estella. »Ich war lange Zeit indisponiert, während ich am Prototyp gearbeitet habe. Er verübelt mir immer noch, dass ich …« Sie verstummte.

Shane hatte den Eindruck, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Ihre Worte wirkten gekünstelt, geradezu einstudiert. Außerdem: Was hatte sie mit dem Prototyp gemeint?

Shane kam sich übergangen vor. Er hatte ja nicht einmal gewusst, dass Patrick für Hawkes Enterprises arbeitete, dass sein Freund offenbar seit Jahren für eines der aussichtsreichsten Energieunternehmen schaltete und waltete. Und warum erfuhr er es ausgerechnet jetzt und auf diese beiläufige Weise?

»Entschuldigen Sie, aber was halten Sie davon, wenn wir uns heute Abend weiter unterhalten? Ich muss mich noch um die anderen Gäste kümmern«, sagte Estella, und es war unüberhörbar, dass ihr die Bahn, in die das Gespräch gelenkt worden war, nicht behagte. Sie sah Shane noch einmal kurz an und mischte sich dann unter die Gäste.

Überrumpelt starrte Shane ihr hinterher. Er fühlte sich auf einmal sehr verletzbar, ihm war, als würde die Welt im Schnelldurchlauf an ihm vorbeiziehen. Sein Kopf tat sich schwer damit, das zu verarbeiten, was er gerade erfahren hatte. Nichts wollte einen rechten Sinn ergeben. Die PECS-Anlage in der Wüste konnte er ja noch verstehen, bei der zukünftigen Freizeitanlage wurde es dann schon schwieriger; und wie Patrick an Hawkes Enterprises geraten war, blieb ihm vollends verschlossen.

Er griff nach einem weiteren Glas Champagner und leerte es in einem Zug. Der Schwindel, der ihn daraufhin erfasste, kam ihm nur allzu gelegen. Alkohol war immer ein tröstliches Pflaster.

***

Hätte ich doch bloß nichts getrunken!, kam ihm etwa zwei Stunden später die Erkenntnis, als sie in geschlossener Gruppe einen Rundgang durch die Freizeitanlagen innerhalb der Oase unternahmen. Es war heiß, sogar sehr heiß, aber unter normalen Umständen noch einigermaßen erträglich. Shane befand sich jedoch nicht in einem normalen Zustand, zumindest nicht normal in dem Sinne, wie andere es definieren würden. Für ihn war ein gewisser Alkoholpegel normal, und ›flüssiges Glück‹ konnte einem bei einer solchen Hitze leicht zum Verhängnis werden.

Blinzelnd folgte er der staunenden Gruppe über die natursteingepflasterten Wege.

»Zu ihrer Rechten präsentiere ich Ihnen unseren Schwimmteich. Bei über 150 Metern Länge können Sie hier so einige Bahnen ziehen.«

Die korpulente Geschäftsführerin führte sie bereits seit einer halben Stunde touristenmäßig herum und zeigte ihnen jeden Schlupfwinkel der Anlage. Sogar David Meier, der bisher starrköpfig auf seiner schlechten Laune beharrt hatte, taute nun allmählich auf und ließ sich sogar zu einigen lobenden Worten herab. Wie Mrs. Blinow allen ausführlich erklärte, war die künstliche Oase auf der Grundlage einer natürlichen kultiviert worden. Man hatte das Pflanzenwachstum angeregt und die Wasserstelle vergrößert, ansonsten aber nicht in die Natur eingegriffen.

Im Eingangsbereich lud Minigolf die Familien zum Spielen ein, während sich am anderen Ende eine komplette Driving Range befand. Daneben gab es drei Tennisplätze, eine Freilichtbühne für diverse Programmpunkte, eine gekachelte Poollandschaft, eine Bogenschießanlage und einen Grill- und Lagerplatz mit Berberzelten. Und das alles in der bezaubernden Landschaft exotischer Gewächse und schattenspendender Palmen.

Shane war begeistert. Hätte er Familie, würde er eventuell selbst zum Urlaub herfliegen. Wen die Oase nicht überzeugte, dem standen genügend Ausflugsziele zur Verfügung, darunter alte Grabstätten, Tempel und Pyramiden, die unter fachkundiger Führung besucht werden konnten.

Die PECS-Anlage geriet dabei fast schon in den Hintergrund, obwohl sie der eigentliche Grund für den Bau der Freizeitanlage war. Es war schon erstaunlich, wie geschickt die Entwickler ein überzeugendes Gesamtkonzept ausgearbeitet hatten, fand Shane. Die Besichtigung der modifizierten Solarstromanlage stand ihnen erst morgen bevor, aber Shane zweifelte nicht daran, dass sie ebenso beeindruckend und überzeugend sein würde wie die Freizeitlandschaft.

Einheimische Vögel nisteten in den Baumkronen und erfüllten die Luft mit unbekannten Klängen. Wie schön würde es erst bei Sonnenuntergang werden? Möglicherweise ließ sich Estella zu einem Drink in der lauschigen Atmosphäre der Strandbar überreden. Ihre distanzierte Haltung ihm gegenüber hatte sie jedenfalls weitestgehend fallengelassen und Shane schwor sich, ihr keinen Anlass zu geben, diese wieder einzunehmen.

Lennard Frank, der mit Abstand bekannteste und wohlhabendste der Privatinvestoren, ließ sich einige Schritte zurückfallen, um mit Shane auf gleicher Höhe zu gehen.

»Beindruckend, finden Sie nicht auch, Mr. O’Brien?«

»Selbst wenn ich Meier heißen würde, müsste ich diese Frage mit einem Ja beantworten.«

Frank schmunzelte. »Ich bin im Grunde genommen ein sehr weltoffener und liberaler Mensch, aber in Sachen Meier muss ich Ihnen zustimmen – da kommt wohl jede ambulante Hilfe zu spät.«

»Ich verstehe einfach nicht, wie ein Mann mit seinem Background und seinen Erfahrungen so negativ denken kann«, stimmte ihm Shane zu.

»Geld verdirbt den Charakter«, meinte Frank und öffnete den zweiten Knopf seines dunkelroten Seidenhemds.

»Wenn dem so wäre, müssten Sie ja der Teufel persönlich sein«, entgegnete Shane und brachte Frank erneut zum Lachen.

Shane mochte ihn. Sie waren sich zwar nur ein-, zweimal begegnet, teilten aber eine gemeinsame Überzeugung, nämlich, dass nur alternative Energien die Welt aus der Krise führen konnten. Man mochte sie Heuchler nennen, weil sie von den Vorzügen von Atom- und Kohlestrom ebenso profitierten wie alle anderen, aber der Unterschied war, dass sie nachdachten und sich nachdrücklich für eine energiepolitische Kehrtwende einsetzten. 2012 war eine solche eingeläutet, dann aber leider wieder fallen gelassen worden.

»Ich muss sagen, ich bin von der Idee begeistert«, setzte Frank an.

»Ja, Sie wären wohl nicht hier, wenn Sie nicht daran glauben würden. Haben Sie bereits investiert?«

»Nur geringe Beträge, aber ich plane größere Investitionen zu tätigen, sobald ich endgültig von dem Konzept und der Effizienz dieser neuen Solarzellen überzeugt bin. Wie Sie bestimmt wissen, habe ich den ursprünglichen Silizium-Zellen immer skeptisch gegenüber gestanden – nicht ohne guten Grund, wie die Erfahrungswerte zeigen, sie sind einfach zu ineffektiv. Aber durch das PEC-System soll ja gerade dieser störende Faktor beseitigt werden.

Meine größte Sorge gilt allerdings nicht den Zielen des Konzerns oder der Rentabilität, sondern der grundlegenden Einstellung der Menschen. Es muss noch eine Menge Aufklärungsarbeit geleistet werden, um dem Ottonormalverbraucher zu verdeutlichen, wohin uns unsere jetzige Energiepolitik führen wird. Erinnern Sie sich, 2011, das Reaktorunglück in Fukushima, Japan? Alle hatten angenommen, es würde danach zu einem Umdenken kommen … doch was ist tatsächlich geschehen? Im Deutschen Bundestag wurde ein Moratorium zwecks Aufschiebung der Entscheidung betreffend der Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke ausgerufen. Anstatt den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft zu veranlassen, hat man jedwede klare Beschlussfassung erst einmal vertagt. Und auch danach wurden die AKWs nicht abgeschaltet! Demonstrationen des Volkes gegen Atom- und Kohlestrom gab es schon seit Anbeginn dieser Technik, und im Laufe der Zeit haben sie an Intensität zugenommen – ebenso das strikte Vorgehen mit Polizeigewalt. Friedlichen Protesten begegnen die Staaten immer öfter mit offener Gewalt.«

Shane erinnerte sich, wie die Menschen gegen die Castor-Transporte demonstriert hatten und wie brutal die Polizei damals vorgegangen war. Auch in seinem Heimatort Canterbury hatte es Demonstrationen gegen Atomstrom gegeben, wie überall, doch stets waren die Regierungen eingeschritten.

»Solange das geschieht, solange die Regierungen den Wandel nicht ernsthaft unterstützen – reden können sie so viel sie wollen –, wird es verdammt schwer sein, etwas zu erreichen. Die Führungsebene von Hawkes Energy ist sich darüber im Klaren und arbeitet daher intensiv an entsprechenden Lösungen. Das bewundere ich und es veranlasst mich, meinen Beitrag zu leisten.«

Die Unterhaltung hatte sich wie von selbst entwickelt und sie sprachen nun fast wie vertraute Freunde. Gute Verbindungen können nie schaden, dachte Shane, für den zuallererst das Geschäft und erst dann das Soziale kam.

»Sie entschuldigen, sonst fühlt sich meine geliebte Frau vernachlässigt.« Frank beschleunigte seinen Schritt und schloss wieder zu seiner Ehefrau auf.

Shane überlegte kurz, auch die anderen Investoren in ein Gespräch zu verwickeln, entschied sich dann aber dagegen. Er wollte ihre politischen und wirtschaftlichen Einstellungen erst einmal unauffällig sondieren, bevor er sich auf Diskussionen einließ.

»Dürfte ich noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«, rief Mrs. Blinow in die Runde. Shane wunderte sich, wie weit sie bereits gegangen waren und wie wenig er von den Ausführungen mitbekommen hatte.

»Sie haben nun die äußere Erholungsanlage kennengelernt. Ich schlage vor, Sie nutzen die Annehmlichkeiten, die sich Ihnen bieten und entspannen sich bis zum Dinner. Sie werden rechtzeitig benachrichtigt. Miss Ling steht Ihnen weiterhin jederzeit zur Verfügung. Ich bedanke mich …«

Shane hörte nicht mehr zu. Er hatte ohnehin kaum hingehört. Für ihn erklärte sich das Freizeitangebot von selbst, im Urlaub ließ er sich schließlich auch nicht jedes Detail im Einzelnen definieren. Nur durch eigenes Erkunden konnte man das Potenzial solcher Möglichkeiten ausmachen.

»Spielen Sie Golf, Mr. O’Brien?« Es war Meier, der plötzlich neben ihm stand, den Blick geradeaus gerichtet, so als sollten die anderen nicht mitbekommen, dass sie sich unterhielten. Innerhalb der wenigen Sekunden, die Shane für eine Antwort blieben, ging er blitzschnell alle Möglichkeiten durch: Er konnte das Angebot ohne Begründung dankend ablehnen, einen triftigen Grund erfinden, warum er verhindert war oder die unausgesprochene Herausforderung annehmen.

Shane rief sich ein altes Sprichwort des chinesischen Philosophen und Militärstrategen Sun Tsu ins Gedächtnis, das in etwa lautete: ›Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten.‹

Mit diesem Sinnspruch ergab er sich seinem Schicksal.

»Ja, ein wenig. Es wird Zeit, dass ich wieder an meinem Handicap arbeite.«

Kapitel 6

Estella Meinhard lehnte sich in ihrem gepolsterten und mit feinem Nappaleder bespannten Chefsessel zurück und betrachtete nachdenklich die Fotovoltaik-Anlage, die wie ein Meer aus Spiegeln den Boden unter ihr bedeckte. Das ihr für den kurzen Zeitraum zugewiesene Büro befand sich unmittelbar über einigen PECS-Zellen und war über einen etwa zwei Meter hohen und breiten Stahl- und Glastunnel mit dem Forschungs- und Steuerungszentrum verbunden. Die Wände wie auch der Boden bestanden aus Glas, UV-undurchlässigem Glas, ansonsten wäre man im Inneren gegrillt worden. Das Büro gehörte eigentlich dem leitenden Wissenschaftler, Dr. Heckler, doch dieser hatte bereitwillig zugestimmt, Meinhard die Räumlichkeiten für die Dauer ihrer Anwesenheit zu überlassen. (Gut, dass er nicht wusste, dass sie sich auch mit etwas Kleinerem zufriedengeben hätte.)

Sie richtete sich wieder auf und aktivierte das große Datenterminal, von dem aus sie sich über eine mehrfach durch Firewalls geschützte Verbindung im Hauptrechner des Unternehmens einloggte, um einen aktuellen Statusbericht anzufordern, der innerhalb der nächsten Stunde eintreffen würde. Sie konnte es kaum erwarten, den Stand der Dinge in Deutschland zu erfahren, denn im Vergleich zu dem laufenden Experiment, das in den Geheimlaboren von Hawkes Enterprises unter Verschluss gehalten wurde und dessen Fortschritt sie brennend interessierte, war das PECS-Sonnenkraftwerk nur eine unbedeutende Spielerei.

Sie standen kurz vor einem Durchbruch, das spürte Estella, weshalb sie der Bitte, sich um die Präsentation in Sun City zu kümmern, nur ungern nachgekommen war. Patrick betonte stets, dass ihre Forschung noch in den Kinderschuhen stecken würde und dass ihr Ausgang ungewiss sei, doch er wusste nicht, was Estella wusste und darüber hinaus teilte er nicht ihren Optimismus, der allerdings, wie sie fand, unabdingbar für einen Mann seiner Position gewesen wäre. Onkel hin oder her … diese fehlende Zuversicht ließ ihn das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren. Ständig rief er in Absprache mit der Führungsriege weitere Projekte ins Leben, von denen er sich versprach, dass sie die Energiefront revolutionieren würden.

Estella schüttelte den Gedanken ab und versuchte sich stattdessen auf ihr Projekt zu konzentrieren, was sie jedes Mal aufs Neue in Euphorie versetzte. Woran sie arbeitete, war nämlich nicht nur streng geheim, sondern auch nobelpreisverdächtig, wenn nicht nobelpreissicher. Aber bevor sie nicht absolut überzeugt war, dass es funktionieren würde, durfte nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Estella seufzte. Das Warten wurde allmählich zur Qual.

Das alberne Quäken des Türsummers zerstörte das Bild, das sie eben noch vor Augen gehabt hatte und holte sie jäh in die Realität zurück.

»Herein«, rief sie, und der Sprachprozessor setzte ihren Befehl in die Tat um und entriegelte den Schließmechanismus der automatischen Schiebetür. Es war Fritzsch, der nervös auf der Schwelle wartete. Worauf wartete der Mann noch? Sie hatte ihn doch bereits hereingebeten. Manchmal wurde sie aus anderen Menschen einfach nicht schlau.

Ein Wink mit den Händen schien ihn zu beruhigen, und er betrat unsicher das Büro. Vor dem Schreibtisch nahm er Haltung an.

»Ich weiß ja nicht, wie Dr. Heckler mit Ihnen umspringt, aber vor mir brauchen Sie nicht zu salutieren. Rühren, Soldat!«

Der Scherz verfehlte seine aufmunternde Wirkung und der Hüne blickte nur noch irritierter. Sie versuchte es mit einem einfachen Lächeln.

»Was kann ich für Sie tun, Herr Fritzsch?«

Das Verhalten des Mannes stand ganz im Gegensatz zu seiner körperlichen Erscheinung. Gegenüber Vorgesetzten verhielt er sich laut seiner Akte umsichtig und bedacht, was sie nur bestätigen konnte. Aber er wäre nicht Sicherheitschef geworden, wäre er im Ernstfall nicht in der Lage, hart durchzugreifen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob man es Ihnen gegenüber erwähnt hat, Frau Meinhard, aber ich denke, Sie sollten wissen, dass wir mit Sabotageakten zu rechnen haben. Mrs. Blinow hielt es für unangebracht, Sie deswegen zu behelligen, da bisher nur Indizien vorliegen, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie darüber zu informieren.«

Estella stutzte. Sabotage? Sie würde auf jeden Fall ein ernstes Wörtchen mit Blinow und Heckler wechseln müssen. Wenn es etwas gab, das Hawkes Enterprises großschrieb, dann war das Sicherheit. Keine Meldung zu erstatten, selbst wenn kein begründeter Verdacht vorlag, war unverantwortlich. Sie mussten für alles gewappnet sein.

»Können Sie mir erklären, worauf sich Ihr Verdacht gründet?«

»Ja, Ma’am.« Fritzsch berichtete ihr detailliert von seinen Vermutungen und den Stellungnahmen, die er von Cable Inc. angefordert hatte.

»Die Kabelbrände können durchaus durch Materialversagen hervorgerufen werden, das ist nicht einmal ungewöhnlich, aber ich verstehe trotzdem Ihre Besorgnis«, sagte Meinhard. »Viel gravierender erscheint mir jedoch die Bedrohung durch die Trojaner-Angriffe. Dem sollten wir unbedingt nachgehen.«

Dass leichtsinnige Hacker versuchten, auf den Zentralrechner zuzugreifen, kam des Öfteren vor, doch das Netzwerk der PECS-Anlage war nicht internetgebunden, was bedeutete, dass sich jemand auf anderem Wege Zugang verschafft haben musste.

Estella bedachte den Sicherheitschef mit einem dankbaren Lächeln. »Sie haben richtig gehandelt, Herr Fritzsch. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und werde mich umgehend darum kümmern. Würden Sie mir einen Gefallen tun?«

»Ja, Ma’am?«

»Verstärken Sie die Wachmannschaften – und bewahren Sie Stillschweigen gegenüber den Gästen. Wir können es uns nicht leisten, sie zu beunruhigen. Ach ja, und hören Sie bitte auf, mich Ma’am zu nennen.«

»Ja, Ma’am.«

Estella verdrehte die Augen. Als sie sah, dass Fritzsch wie festgewurzelt vor ihr stehen blieb, wurde sie wieder ernst. Irgendwas bedrückte ihn, das merkte sie ihm an.

»Gibt es noch etwas?«

»Ja …« Fritzsch zögerte. »Mr. O’Brien hat Wind von der Sache bekommen. Er weiß, dass wir die Beduinen verdächtigen. Er hat Ling und mich dahingehend ausgefragt.«

»Und was haben Sie ihm gesagt?«

»Ich habe es nicht dementiert. Er sagte, Sie hätten ihn zu mir geschickt.«

Estella stöhnte. Das fehlte ihr gerade noch. Ausgerechnet O’Brien, der ihr noch vor wenigen Stunden klargemacht hatte, dass er nur schreiben würde, was er persönlich auch vertreten könne! Sie würde ihn, so gut es ging, ablenken müssen.

Fritzsch eilte aus dem Raum, offensichtlich beschämt, einen Fehler begangen zu haben. Sie machte ihm keinen wirklichen Vorwurf. Die wenigen Augenblicke mit Shane hatten ausgereicht, um ihr vor Augen zu führen, wie einnehmend der Mann sein konnte.

Sie stand auf, ging um den Schreibtisch herum und blickte auf die Anlage hinaus. Wenn es wirklich eine Bedrohung gab, würde sie sie aufspüren und neutralisieren. Was in der Wüste für Aufregung sorgte, konnte ihnen auch zu Hause gefährlich werden, und das Schlimmste war eine brodelnde Gerüchteküche. Die Zukunft war schon steinig genug, da fehlten gerade noch schlechte Kritiken und Hiobsbotschaften.

Ihre Gedanken schweiften erneut ab, während sie so dastand und in die Ferne schaute. Sie ertappte sich dabei, wie sie an O’Brien dachte und sich vorstellte, wie es wohl wäre, ihm bei einem weniger förmlichen Anlass zu begegnen. Vom ersten Moment an hatte sie gespürt, dass er eine schwierige, wenn nicht gar unangenehme Persönlichkeit war; trotzdem hatte sie eine gewisse Sympathie für ihn empfunden. Er war ein Macho, aber immerhin mit Stil, wie er selbst gesagt hatte.

»Estella, reiß dich zusammen«, sagte sie laut zu sich selbst. Aber gut sieht er ja schon aus …

Kapitel 7

»Bingo!«, schrie Meier enthusiastisch, als sein mit Brachialgewalt abgeschlagener Golfball durch Zufall die Fahne touchierte und etwa einen halben Meter vom Loch entfernt auf dem Green liegen blieb.

Meier spielte grauenhaft. Er schlug mit enormer Kraft ab, jedoch ohne jegliches Feingefühl. Shane ignorierte die Schadenfreude auf dem Gesicht des Topmanagers und konzentrierte sich stattdessen auf seinen eigenen Schlag – er atmete beim Ausholen ein und beim Schwung wieder aus. Der Ball flog eine perfekte Kurve, kam sachte auf und rollte zielgenau auf das Loch zu.

»Sie spielen gut!«, meinte Meier, ohne dass es auch nur ansatzweise aufrichtig geklungen hätte.

Nichts, was aus seinem Mund kam, klang aufrichtig. Wenn Shane abergläubisch gewesen wäre, wäre er sogar so weit gegangen, zu behaupten, den Mann umgebe eine böse Aura, denn alles, was er tat, die Art, wie er gestikulierte, artikulierte, ja sogar wie er atmete, zeugte von Verachtung gegenüber seiner Umwelt und seinen Mitmenschen. Jedes scheinbar freundliche Wort troff nur so vor Sarkasmus.

Überwiegend besaßen nur gefühlskalte und herablassende Persönlichkeiten wie Meier das Zeug zu Top-Managern. Man musste bereit sein, über Leichen zu gehen, wenn man in entsprechend hohe Wirtschaftspositionen gelangen und dort überleben wollte. Shane hätte es nicht gekonnt. Man mochte ihm zwar nachsagen, ein arroganter Arsch zu sein, aber im Gegensatz zu Menschen wie Meier besaß er ein Gewissen. Das unterschied ihn von ihnen.

»Mr. O’Brien, wie denken Sie über die Zukunft?«

Shane stöhnte innerlich. Ein Haken, es gab immer einen Haken! Sogar bei einer simplen Einladung zum Golfspielen.

»Die Jedi werden die Macht ergreifen«, antwortete er betont gleichgültig und wandte den Blick ab.

»Sind Sie in der Pubertät stecken geblieben? Auf eine vernünftige Frage kann ich doch wohl auch eine vernünftige Antwort erwarten, oder?«

»Erwarten können Sie sie, aber das heißt nicht, dass sie auch bekommen.«

Meiers Gesicht lief rot an. Ein Wunder, dass sein Golfschläger noch nicht das Zeitliche gesegnet hatte. Shane wartete einen Moment, bevor er fortfuhr.

»Sie wollen wissen, wie ich mir die Zukunft ausmale? Menschen wie Sie wird es dort jedenfalls nicht mehr geben und ebenso wenig die Überzeugungen, für die Sie stehen. Die Welt wird sauberer, gesünder und ausgeglichener sein. Vielleicht wird das Leben nicht mehr ganz so luxuriös sein, aber allemal lebenswerter als heute. Beantwortet das Ihre Frage?«

»Überaus.« Meier versenkte den Ball. »Sie müssen wissen, und ich sage das ganz offen, ich bin nur ein kleiner Fisch, ein Nichts im Vergleich zu den Vorstandsvorsitzenden der OPEC oder anderer Organisationen. Die würden sich auf einer popeligen Öko-Veranstaltung wie dieser nicht einmal dann blicken lassen, wenn das Leben ihrer Kinder auf dem Spiel stünde. Auch wenn das für Sie schwer vorstellbar sein mag, im Gegensatz zu denen bin ich ein weltoffener Gentlemen. Warum sonst sollte ich mich für das Konzept interessieren?«

»Wenn Sie dem Ganzen nicht abgeneigt sind, warum betonen Sie dann immer das Gegenteil?«, fragte Shane – und spürte im selben Moment Verärgerung in sich aufsteigen. Meier erzählte ihm diese kleine, nette Geschichte doch bestimmt nicht ohne Hintergedanken.

»Tun wir nicht alle, was wir tun müssen? Und erzählen Sie mir jetzt nicht, Sie würden keine vorgefertigten Meinungen vertreten. Ich habe einen Ruf und eine Karriere zu verlieren, dazu stehe ich. Was ist mit Ihnen?«

»Sie sind meiner Frage ausgewichen«, insistierte Shane, um nicht weiter auf Meiers Pseudo-Gewäsch eingehen zu müssen.

»Stimmt«, bestätigte er knapp.

Das Golfspiel war mittlerweile zum Erliegen gekommen, und weder Shane noch Meier machten Anstalten, es wieder aufzunehmen. Über die Fahne hinweg starrten sie sich finster an.

»Natürlich gibt es für alles eine Ursache«, sagte Meier nach einer Weile. »Aktion – Reaktion. Ich habe Sie nicht ohne Grund gefragt, wie Sie sich die Zukunft vorstellen.«

Shane wartete schweigend ab, was als Nächstes folgen würde.

»Sehen Sie, die Zukunft rast unaufhaltsam auf uns zu«, fuhr Meier fort. »Was jetzt ist, ist jetzt schon Vergangenheit.«

»Wenn Sie philosophieren möchten, kann ich Ihnen einen guten Debattierklub empfehlen.«

»Oh nein, Sie missverstehen! Ich möchte nur, dass Ihnen klar ist, worauf ich hinauswill.«

»Ich denke, ich habe verstanden, und die Richtung, in die sich dieses Gespräch entwickelt, gefällt mir nicht. Ich werde jetzt gehen.«

Shane wollte seine Golfsachen zusammenpacken, als ihn Meier unsanft am Arm packte und zu sich herumdrehte. »Einen Moment noch, Mr. O’Brien! Für alles gibt es mindestens zwei Standpunkte, Seiten, wenn Sie so wollen. Die Frage ist, auf welcher stehen Sie, oder besser gesagt, auf welcher werden Sie stehen? Was heute noch ein Spiel ist, könnte morgen schon Realität sein.« Ein schwer zu deutender Ausdruck trat auf Meiers Gesicht, als er sich zu Shane herüberbeugte und ihm ins Ohr flüsterte: »Sie wissen genauso gut wie ich, dass das derzeitige Machtgefüge im Wandel begriffen ist. Die Karten werden neu gemischt. Die falschen Leute zu verärgern könnte … gewagt sein, wenn Sie verstehen, was ich meine. Fassen Sie das bitte nicht als Drohung auf.«

»Keine Drohung, hm?«

Shane versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch unter der Oberfläche kochte er vor Wut. Am liebsten hätte er diesem hinterhältigen Schwein die Nase gebrochen, wenn nicht mindestens ein Dutzend Überwachungskameras auf sie gerichtet gewesen wären.

»Nehmen Sie Ihre Hände weg!«, zischte Shane. »Die Amerikaner haben für solche Situationen einen Grundsatz: Wir verhandeln nicht mit Terroristen! Guten Tag, Mr. Meier!« Für die Kameras setzte Shane ein breites Lächeln auf, packte jedoch im Verborgenen Meiers Daumen und drehte ihn herum, bis der Vorstandsvorsitzende leise quiekte. »Möge die Macht mit Ihnen sein!«

Wutschnaubend starrte Meier Shane hinterher, während dieser den Golfplatz verließ.

Was war das eben?, fragte sich Shane, als er außer Sicht war. Hatte der kleine Wicht gerade tatsächlich versucht, ihn zu erpressen? Shane konnte es einfach nicht glauben. Wie Meier selbst zugegeben hatte, war er, zumindest nach internationalen Maßstäben, nur eine unbedeutende Persönlichkeit. Die einzige Erklärung für sein Verhalten war, dass er von seinen Vorgesetzten angewiesen worden war, Shane unter Druck zu setzen. Denn denen war Shanes Einfluss auf die Wirtschaft und die Energiepolitik nur allzu sehr bewusst.

Für eine gute Sache zu kämpfen, bedeutete unweigerlich, sich mächtige Feinde zu machen – wie es augenblicklich aussah, sogar die gesamte Öl- und Atomindustrie. Aber niemand hatte gesagt, dass es einfach werden würde.

Kapitel 8

Gegen zwanzig Uhr öffneten sich die schweren Eichenholztüren des großen Speisesaals und gaben den Blick frei auf eine festlich gedeckte Tafel. Die Einzelheiten des Fünf-Gänge-Menüs, das von einem deutschen Sternekoch zubereitet wurde, konnten bereits vorab einer Karte entnommen werden. Der Hauptgang, Ente à l’orange, ließ Shanes Wut vom Nachmittag augenblicklich verfliegen. Das Leben war zu kurz, um sich über unangenehme Zeitgenossen zu ärgern. Das Einfachste war, ihnen einfach aus dem Weg zu gehen, und genau das hatte Shane vor. Magengeschwüre waren schon aus denkbar geringeren Anlässen entstanden und er wollte sein ohnehin schon immenses Glück nicht überstrapazieren.

Die Tafel im Saal war, wie bei einem festlichen Bankett nicht anders zu erwarten, entsprechend hergerichtet – weiße Tischtücher, Blumengestecke, edles Porzellan, Sitzkärtchen … Der Raum strahlte eine moderne, warme Atmosphäre aus, obwohl Shane sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, ein Tagungszimmer zu betreten. Wenn hier künftig auch die Touristen speisen sollten, und der Größe des Saals nach zu urteilen, war das anzunehmen, dann würde sich noch einiges ändern müssen. Es fehlte das gewisse Etwas, der unvergleichbare Charme, mit dem gute Restaurants für gewöhnlich bestachen.

Allmählich fanden sich auch die anderen Gäste ein, und sobald alle am Tisch saßen, gingen Kellner mit Silbertabletts voller Aperitifs herum. Es wurde getrunken, Höflichkeiten ausgetauscht und Spekulationen über die Qualität des Essens angestellt.

Shane hielt sich zurück, nippte gelangweilt an seinem Glas und prostete, wenn es der Moment erforderte, anderen Gästen zu. In Gedanken war er jedoch immer noch bei der indirekten Drohung, die Meier vorhin ausgesprochen hatte. Etwas daran hatte ihn beunruhigt, und für sein Ego war das schwer zu schlucken, da er für gewöhnlich kein Mann war, der sich ohne Weiteres einschüchtern ließ. Aber die Art und Weise, wie Meier vom ›Machtgefüge‹ gesprochen hatte, hatte in Shane unangenehme Assoziationen geweckt. Man konnte allerdings auch etwas Gutes darin sehen: Seine Position war jetzt klar.

Als Estella Meinhard ihre Stimme erhob, um die Gäste beim Dinner willkommen zu heißen, kehrte Ruhe ein. Alle warteten nun gespannt auf die Vorspeise, ein Rucola-Salat mit Pinienkernen, Joghurt-Dressing und gehobeltem Parmesan. Die gefüllten Teller wurden verteilt, die Unterhaltungen wieder aufgenommen. Shane saß neben Lennard Frank und Mrs. Blinow. Frank war ein angenehmer Gesprächspartner, Mrs. Blinow dagegen recht wortkarg, weshalb er nicht befürchten musste, in hitzige Diskussionen hineingezogen zu werden.

Shane ließ sich Zeit, um den Salat zu genießen. Er mochte den herben Geschmack des Rucolas, und das Dressing war vorzüglich. Frank schien seinen Geschmack nicht zu teilen, er stocherte nur zaghaft mit seiner Gabel in den Blättern herum, während Mrs. Blinow wie ein wild gewordener Stier darüber herfiel. »Köstlich!«, ließ sie ungeniert verlauten. Wahrscheinlich gab es da, wo sie herkam, nichts als Rübensuppe und Kohl zu essen.

Nach einer Weile legte sich das Klappern des Bestecks, und Estella verschaffte sich erneut Gehör, indem sie mit der Messerspitze gegen ihr Weinglas tippte.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben heute eines der Wunder unserer Mutter Natur kennengelernt – eine Oase in der Wüste. Ein Quell des Lebens in einer der lebensfeindlichsten Umgebungen überhaupt. Sie werden sich sicherlich gefragt haben, warum wir meinen, ausgerechnet hier eine Freizeitanalage für Touristen errichten zu müssen. Auf den ersten Blick mag es unlogisch und unrentabel erscheinen – doch hier bietet sich uns die einzigartige Möglichkeit, das Verhalten der Menschen gegenüber den natürlichen Energiequellen unseres Planeten grundlegend zu verändern. Denn bedenken Sie, dass natürliche, alternative Energiequellen oft nur da zu finden sind, wo, zumindest in den Augen unserer westlichen Zivilisation, extreme Lebensbedingungen vorherrschen. Zum Beispiel sind Sonnenkraftwerke nur dort wirklich rentabel, wo es eine sehr hohe Sonneneinstrahlung und eine damit verbundene unerträgliche Hitze gibt.

Oder denken Sie an sehr kalte Orte, in diesem Fall Island. In Island gibt es die meisten und aktivsten Geysire überhaupt. Wenn Sie nur ein wenig mit der Wirkungsweise eines Geysirs vertraut sind, wissen Sie, dass die Erdwärme beziehungsweise das Magma das Grundwasser stark erhitzt und anschließend nach oben drückt. Diese Wärme können wir uns zu Nutze machen, ohne Einfluss auf die Natur zu nehmen.

Ich denke, Sie verstehen nun, worauf ich hinauswill. Wir planen, an all diesen Orten sowohl umweltverträgliche Kraftwerke als auch Freizeitanlagen zu errichten, die die Menschen zum Umdenken anregen oder ihnen zumindest die Möglichkeit bieten, sich in einem zwanglosen Umfeld mit der Materie auseinanderzusetzen. Eines der Hauptanliegen von Hawkes Enterprises ist es, nicht nur die Energieversorgung der Zukunft zu sichern, sondern auch Aufklärungsarbeit zu leisten, sodass zukünftige Generationen in der Lage sein werden, eigene Wege und Lösungen zu finden.«

»Und Sie meinen wirklich, die Herzen der Menschen mit ein paar Vergnügungsparks erweichen zu können?«, fragte Meier zynisch, fand jedoch nur wenig Unterstützung. Etwas vorsichtiger fügte er hinzu: »Wollen Sie denn nicht erkennen, dass es die Menschen einen Dreck schert, woher der Strom kommt, der ihre Geräte speist, oder das Benzin in ihren Tanks, solange es nur in Strömen fließt? Unsere Gesellschaft ist hungrig nach Energie, nach Erdöl, Kohle, Atomstrom … das sind die Motoren unserer Wirtschaft. Wenn die Energiereserven schrumpfen, die Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann - und das wird früher oder später passieren, wenn wir uns auf alternative Energien verlassen –, dann wird Hawkes Enterprises eines der ersten Unternehmen sein, das den Zorn des Volkes zu spüren bekommt. Der Hunger nach Energie ist eine Abhängigkeit und kann durch alternative Energien nicht gestillt werden.«

»Wir sind nicht so blauäugig, wie Sie vielleicht denken mögen, Mr. Meier, und ich stimme Ihnen sogar zu, dass wir nicht ohne eine ausreichende Übergangsphase auskommen werden, aber Sie müssen doch auch einsehen, dass Kohle- und Atomstrom nicht länger ernsthafte Alternativen sind. Die Uran-, Kohle- und Erdölreserven neigen sich unweigerlich dem Ende zu. Womit wollen Sie den Energiehunger denn stillen, den sie eben so lebhaft beschreiben haben, wenn diese Reserven endgültig aufgebraucht sind?«

Shane nickte Estella anerkennend zu, Meier bedachte er mit einem Kopfschütteln. »Und ausgerechnet Sie sprechen von Abhängigkeit!«

Langsam wurde das Dinner interessant. Shanes Informationslücken begannen sich zu schließen. Er konnte jetzt nachvollziehen, warum Hawkes Enterprises eine Freizeitanlage gebaut hatte, auch wenn er dem Ganzen weiterhin kritisch gegenüberstand. Die Absicht hinter dem Projekt war zwar löblich, und er erkannte durchaus das Potenzial, doch er zweifelte an der Durchführbarkeit. Jedes Bauvorhaben benötigte nun einmal seine Vorlaufzeit. An verschiedenen Standorten bezugsfertige Anlagen zu errichten, würde mindestens fünf, wenn nicht eher sieben Jahre in Anspruch nehmen, und selbst dann musste das Projekt erst noch weltweit ins Rollen kommen – ohne Garantie auf Erfolg.

»Miss Meinhard?« Ein schüchtern wirkender Mann mit kurzem, schütterem Haar hob wie ein Schuljunge die Hand. Manchen Menschen sah man ihren Einfluss einfach nicht an. »Wir haben Ihr Unternehmen bereits bei diversen Projekten unterstützt und sind jedes Mal aufs Neue fasziniert von Ihrem Ideenreichtum, aber ich fürchte, ich muss Ihrem Enthusiasmus dieses Mal einen Dämpfer verpassen.«

Er schwieg verlegen. Estella bedeute ihm, fortzufahren, auch auf die Gefahr hin, dass er das Vorhaben in ein schlechtes Licht rücken könnte.

»Sie haben vollkommen recht, dass wir mit fossilen Energiequellen unseren Energiebedarf nicht mehr lange decken können, doch Sie sollten bedenken, dass natürliche, unbegrenzte Energiequellen oft nur mit erhöhtem Aufwand und entsprechenden Maschinen gefördert werden können und dass die Förderung nicht selten, wenn auch indirekt, ins Ökosystem eingreift.«

»Was wir an der einen Stelle nehmen, fehlt uns an der anderen«, ergänzte Lennard Frank, und auch Thalia Morgan sprang auf das Thema an.

»Wir bringen die Biorhythmen unserer Erde durcheinander«, sagte sie und wischte sich mit einer Stoffserviette die Mundwinkel ab. »Unsere Ökosysteme sind ohnehin schon stark belastet, an vielen Stellen sogar überlastet. Wenn wir nun unkontrolliert darin eingreifen, könnten die Folgen verheerend sein.«

»Welch ein Dilemma!«, ertönte ein Zwischenruf. Böse Blicke wanderten zu David Meier.

»Eine Zwickmühle, mit der sich unser Unternehmen seit Jahren auseinandersetzt«, sagte Estella, »weswegen wir unsere Forschung auch auf andere Bereiche ausgeweitet haben.«

»Was meinen Sie mit ›andere Bereiche‹?« Shane reagierte blitzschnell. Als Journalist musste man den richtigen Moment abpassen, bevor sich einmal geöffnete Tore wieder verschlossen.

Estella hielt sich vage. »Sie verstehen sicherlich, dass sich einige Projekte noch in der Testphase befinden und ich Ihnen darüber leider keine genaueren Auskünfte geben darf.«

Gerade wollte Shane erneut nachhaken, als Frank intervenierte. »Ich für meinen Teil denke, dass das Projekt, weshalb wir hergekommen sind, ein guter Anfang ist. Wir werden sowieso niemals alle Probleme auf einmal lösen können. Deswegen sollten die Kraftwerke so umweltschonend und effizient wie möglich geplant werden. Mit meiner Unterstützung können Sie jedenfalls rechnen«, sagte er an Estella gerichtet und nahm Shane damit den Wind aus den Segeln.

»Danke, Mr. Frank«, entgegnete sie und setzte ihren Vortrag fort, der, je länger sie sprach, umso enthusiastischer wurde. Man konnte sehen, wie sie förmlich auftaute und ihre Unsicherheit abschüttelte.

Als sie zum Ende kam, waren alle ruhig geworden. Estella lehnte sich erleichtert zurück, und als hätte sie damit ein Startsignal gegeben, fluteten die Kellner erneut den Saal. Der Hauptgang, die lang ersehnte knochige Ente, wurde aufgetischt.

Kapitel 9

Wie ein Schatten glitt die Gestalt durch die langen Reihen der Solarkollektoren, ging geschickt den Überwachungskameras aus dem Weg und mied offene und einsehbare Stellen. Shadow hatte ein ganz bestimmtes Ziel und er würde es auch erreichen.

Soeben verschwanden die letzten Strahlen der untergehenden Sonne am Horizont und nur noch das klare, reflektierte Licht des Mondes und das der Sterne erhellte die Szenerie.

Shadow fröstelte. Zu lange schon saß er zwecks Tarnung in klimatisierten Räumen und überwachte Anzeigen und Messkurven. Das machte ihn weich und schwächlich, und manchmal ertappte er sich dabei, wie er sich ein dauerhaftes Leben in dieser Welt vorstellte und darüber fast seine wahre Bestimmung und seine Heimat vergaß.

Als Junge hatte er die Tage und Nächte immer im Freien verbracht, egal wie heiß oder kalt es gewesen war. Doch an diesem Abend spürte er, was es hieß, zu frieren. Der dünne Stoff seines schwarzen Pullovers vermochte ihn nicht zu wärmen, und er konnte es kaum erwarten, bald wieder in sein Quartier zurückzukehren.

Tagsüber war die Sahara glühend heiß, aber in der Nacht gab es keine Vegetation, die die gespeicherte Energie des Tages an die Umwelt abgab. Das helle Gestein und der fast weiße Sand besaßen eine viel zu hohe Albedo, als dass sie die Wärme hätten speichern können. Deswegen war es in der Wüste nachts lausig kalt.

Langsam bewegte sich Shadow weiter vorwärts und huschte zwischen zwei Kollektoren hindurch zur ersten Sammelstelle. Im Prinzip hasste er die Aufgabe, die vor ihm lag. Sie widersprach nicht nur seinen Prinzipien, sondern auch dem altehrwürdigen Kodex seines Volkes. Doch was blieb ihm anderes übrig als zu gehorchen – wenn ihm auf der einen Seite ein Haufen Geld winkte und auf der anderen der Tod drohte? Er hatte schlicht und ergreifend keine Wahl, also würde er tun, was er tun musste, das, was seine Auftraggeber seit Langem geplant hatten.

Schon seit Monaten weilte er unter den Mitarbeitern der Solarstromanlage, arbeitete Seite an Seite mit ihnen – und gleichzeitig gegen sie. Er war ihnen gegenüber unehrlich. Nur wenn er mit ihnen lachte, kam es von Herzen, und das versetzte ihm jedes Mal einen Stich. Wie konnte er Sympathie für den Feind empfinden? Aber respektierte nicht sogar Allah Mut und Tatkraft seiner Widersacher?

Shadow versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, solche Überlegungen führten zu nichts. Nicht seine religiösen Gefühle waren hier und jetzt von Bedeutung, sondern seine Kenntnisse der Physik, seine Bildung, die er an den Universitäten Europas erworben hatte und von der der Großteil seiner Landsleute nur träumen konnte. Zudem verfügte Shadow über konspirative Fähigkeiten, die ihn nahezu unentbehrlich für die Sache der Bewahrer machten. Wie viel Zeit und Geld war darin investiert worden, ihm eine perfekte Tarnung zu verschaffen? Die Bewahrer wollten keinen terroristischen Anschlag, keine offensichtliche Sabotage, sie wollten einen ›sauberen‹ Unfall. Deshalb war er hier und nicht einer der kaltblütigen Killer, die ihm schon so oft begegnet waren.

Leider hatten seine ersten Aktionen, obwohl er so behutsam wie möglich vorgegangen war, Aufmerksamkeit erregt, auch wenn er seine Spuren noch rechtzeitig hatte verwischen können. Trotzdem hatte Fritzsch Verdacht geschöpft, was dem Plan zum Verhängnis werden könnte. Von nun an durften Shadow keine Fehler mehr unterlaufen. Es musste absolut unwillkürlich aussehen, wenn er Erfolg haben wollte – haben musste, denn falls er versagte, würden sie ihn töten oder Schlimmeres mit ihm anstellen.

So war es nun einmal, wenn man für eine ebenjener Organisationen arbeitete. Man musste lernen, mit der Angst zu leben, akzeptieren, dass es einen irgendwann erwischen konnte. Es gab keine Sicherheiten, keine Garantien. Wer erstklassige Resultate ablieferte, wurde belohnt, wer sich Fehler erlaubte, bestraft. Shadow hatte sich bereits Fehler erlaubt, von denen seine Auftraggeber jedoch glücklicherweise noch nichts erfahren hatten, und wenn alles glatt lief, würde es auch so bleiben.

Er sah sich aufmerksam um. In einiger Entfernung trat ein Techniker in Overall soeben den Rückweg zum Kontrollzentrum an. Shadow hatte darauf geachtet, dass sich auch andere befugte Personen auf dem Gelände aufhielten, sodass er im Falle des Falles nicht der einzige Verdächtige war, der in Frage käme. Er war schließlich kein Anfänger!

Langsam näherte er sich dem Verteilerkasten, dessen Sicherungen er manipulieren musste, damit die Überladung später auch auf die angrenzenden Kollektoren übergriff. Die PECS-Module waren in verschiedene Bereiche und Unterbereiche unterteilt, um einen Großbrand zu verhindern. Shadows Aufgabe bestand darin, das zu ändern, indem er die Sicherungen zerstörte.

Allerdings konnte er sie nicht einfach zertrümmern; fiel eine der Sicherungen aus, wurde das im Kontrollzentrum angezeigt. Shadow würde deshalb präparierte Sicherungen einsetzen, die zwar zum betreffenden Zeitpunkt versagen, vorher aber nicht als defekt angezeigt werden würden. Dabei kam ihm zugute, dass in der Anlage viele experimentelle Technologien zum Einsatz kamen. Niemand würde später mehr mit Bestimmtheit sagen können, was genau zu dem Unfall geführt hatte.

Shadow erlaubte sich ein kleines Lächeln angesichts der Raffinesse, mit der er vorging.

Mit seiner Schlüsselkarte, deren Zugriffe glücklicherweise nicht gespeichert wurden, öffnete er den Verteilerkasten. LED-Lampen erwachten zum Leben und erhellten den Arbeitsbereich.

Er hatte so lange geübt, dass er das Auswechseln der Sicherungen im Schlaf hätte durchführen können, und so nahm das Prozedere lediglich ein paar Sekunden in Anspruch: Überbrückungsgerät anschließen, alte Sicherung ausbauen, neue einsetzen … es war ein Kinderspiel.

Er war nun fast am Ziel. Bald würde er nach Hause zurückkehren können.

Shadow blickte hinauf zur Überwachungskamera, die direkt auf ihn gerichtet war und winkte ihr dreist zu – sein eingeschleuster Trojaner II übertrug anstelle der echten Bilder eine alte Aufnahme. Der Trojaner II, eine komplizierte Weiterentwicklung des ursprünglichen Trojaners, war mit Abstand sein bisher bester Einfall gewesen. Das Programm gaukelte dem befallenen System vor, ein einfacher Trojaner zu sein, während es im Hintergrund trotz Entfernung ebenjener Schadsoftware weiterarbeitete. Somit gingen die Netzwerkadministratoren davon aus, die Gefahr gebannt zu haben, obwohl sie weiterhin aktiv war.

Shadow schraubte die letzte falsche Sicherung ein, schloss den Kasten und verschwand erneut in der Dunkelheit.

Kapitel 10

Das Dinner näherte sich dem Ende, was schon anhand der stark gemischten Gefühlsausbrüche festgemacht werden konnte. Zu Beginn hatten sich noch alle diszipliniert verhalten und halbwegs die Etikette gewahrt, doch nachdem die Diskussionen erst einmal in Gang gekommen waren, hatten sich die Gesprächsteilnehmer in unterschiedliche Lager aufgespalten und versuchten nun, das jeweils andere von ihren Idealen und Vorstellungen zu überzeugen. Hochrote Köpfe und drohende Zeigefinger waren die Folge.

Thalia Morgans bebende Unterlippe verriet, dass sie Meier am liebsten quer über den Tisch mit einem Stück ›Tart au chocolat‹ beworfen hätte – was vermutlich jeder gern getan hätte, selbst Crosswind, der als republikanischer Energiepolitiker noch annähernd auf Meiers Seite stand. Er war der einzige Amerikaner in einer Gruppe aus Europäern, was wahrscheinlich daran lag, dass Hawkes Enterprises seinen Hauptsitz in Deutschland hatte und vor allem auf europäischen Märkten führend war.

Shane schüttelte den Kopf, als er Meier puterrot anlaufen sah. Der Mann war schon immer unangenehm gewesen, doch heute setzte er dem Fass die Krone auf. Es schien, als stünde er unter noch größerem Druck als sonst, und das ließ ihn unvorsichtig werden, was man von ihm nicht gewohnt war. Sein Assistent – wie hieß er doch gleich? – flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er sich wieder ein wenig beruhigte.

Shane hatte allmählich keinen Nerv mehr, den Gesprächen zu folgen, geschweige denn, sich selbst daran zu beteiligen. Ihm stand jetzt der Sinn nach Abwechslung. Tagein, tagaus wurde sein Leben von Wirtschaftskomplotten, der Aussichtslosigkeit der Energiepolitik und anderen wirtschaftspolitischen Scharmützeln geprägt, und es wäre gelogen, würde er behaupten, dass es ihn nicht belastete. Wenn man sich der Problematik und den daraus zeitigenden katastrophalen Folgen erst einmal bewusst war, suchte einen zwangsweise die Angst heim. Die Ressourcenknappheit war kein fernes Schreckensgespenst, von dem zukünftige Generationen betroffen sein würden, sondern eine ganz reale Bedrohung im Hier und Jetzt. Selbst Shane, der mehr Tage hinter als vor sich hatte, könnte noch miterleben, wie die Infrastruktur zusammen- und das Chaos ausbräche. Wo es keine Energie mehr gab, konnte der gewohnte Lebensstandard nicht mehr aufrechterhalten werden.

Derlei Prognosen konfrontierten Shane stets aufs Neue mit seiner eigenen Sterblichkeit. Was, wenn das Klima plötzlich total umkippte und eisige Stürme Europa heimsuchten oder Vulkanausbrüche das Land verwüsteten? Es gab unzählige Szenarien, die denkbar waren, und fast alle gingen schlecht aus: schlecht für die Menschheit.

Mit einer kurzen Entschuldigung verabschiedete er sich von Mrs. Blinow, die ihm freundlich zuzwinkerte und verließ den Saal. Die Diskussionen waren so hitzig und der Geräuschpegel so hoch, dass ihm niemand Beachtung schenkte.

Er atmete erleichtert auf, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte und durch die große Empfangshalle wanderte, wo ihn angenehme Stille einhüllte. Ein paar Dienstmädchen warfen ihm vom Tresen aus heimliche Blicke zu und als sie dachten, er würde sie aus den Augenwinkeln nicht mehr sehen, tuschelten sie leise miteinander.

Sein Zimmer lag im ersten Stock, doch er nahm nicht die Treppe nach oben, sondern nach unten, wo sich ein kleines Spielcasino und die Bar befanden. Es fühlte sich seltsam an, allein durch die Gänge zu spazieren. Alles wirkte so leblos – was sich in Zukunft ändern würde, sobald sich hier haufenweise Touristen tummelten.

Shane hatte nicht damit gerechnet, die Bar geöffnet vorzufinden, aber anscheinend gab es einen Säufergott, der seine Gebete erhörte. Er trat ein und sah sich erst einmal um.

Ja, das war nach seinem Geschmack: ein lauschiges Plätzchen mit vielen Séparées, einem langen, stilvoll geschwungenen Bartresen und edlem Echtholzparkett. Im Hintergrund plätscherte ein Springbrunnen, das Licht war gedimmt und aus den Deckenlautsprechern rieselte dezente klassische Musik.

Shane setzte sich auf einen der Barhocker und gab dem jungen Barkeeper einen Wink.

»Sagen Sie, haben Sie Balvenie vorrätig?«

»Bedauere, Sir.« Der junge Mann suchte sicherheitshalber die langen Reihen funkelnder Whiskyflaschen ab, schüttelte dann aber den Kopf.

»Wie steht es mit Glenmorangie?«

Die Mundwinkel des Barkeepers schnellten nach oben. »Ich habe eine Flasche Jahrgang 2009.«

Shane nickte zufrieden und sah zu, wie sich die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas verteilte.

Der Barkeeper beugte sich ein wenig vor. »Wenn Sie mich fragen, kommt die leichte Vanille-Note erst durch den Oloroso Sherry wirklich zur Geltung.«

»Oh, Sie sind ein Kenner, angenehm erfreut!«, sagte Shane beeindruckt.

»Einen Gast, der zu mir in die Gruft hinabsteigt, während oben die Party in vollem Gange ist, muss man angenehm erfreuen.« Es lag weder Zynismus noch sonst eine Spur von Ironie in seinen Worten, nur Verständnis für Shanes Situation.

Der Geschmack des Whiskys und die gediegene Atmosphäre ließen Shane allmählich zur Ruhe kommen. Seine Gedanken hörten auf zu kreisen und eine wohlige Wärme breitete sich in seinem Bauch aus.

»Hier stecken Sie also«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme, und Estella Meinhard ließ sich neben ihm auf einem Barhocker nieder.

Shane musterte sie von der Seite. »Sollten Sie nicht da oben sein?«, fragte er ein wenig schelmisch und deutete auf die Decke. Andererseits überraschte es ihn nicht, sie hier zu sehen. Im Speisesaal schlugen sich in diesem Moment wahrscheinlich alle die Köpfe ein.

»Wer im Glashaus sitzt …«

»Schon gut, schon gut«, sagte Shane beschwichtigend. »Besorgen wir Ihnen erst einmal einen Drink!«

***

»Sie sind ganz schön gesprächig für jemanden, der mich gestern noch am liebsten in den Wind gestoßen hätte.«

»Sie hören nur nicht zu«, entgegnete Estella. »Ich sagte lediglich, dass ich noch einiges zu tun hätte.«

»Ja, stimmt, das sagten Sie.« Shane prostete ihr zu.

Er war gleichermaßen überrascht wie erfreut, dass sie bei ihm an der Bar geblieben war. Estella fühlte sich von seiner unverblümten Art offensichtlich weder abgestoßen noch schien sie davon sonderlich beeindruckt. Nach drei Drinks und einigen sarkastischen Bemerkungen entstand allmählich sogar so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen – falls es das zwischen Mann und Frau überhaupt gab. Wenn Shane O’Brien eines aus seinen Beziehungen gelernt hatte, dann, dass Frauen keine Kumpels und Männer keine besten Freundinnen waren. Das klärte sich spätestens, wenn die Gespräche auf Sport oder Shopping kamen.

»Haben Sie Geschwister?«, fragte sie ihn plötzlich.

»Nein, Einzelkind. Und bei Ihnen?«

»Drei Schwestern«, begann sie mit einem tiefen Seufzer. »Es war nicht immer einfach.«

»Kommen Sie mir jetzt bloß mit so einer kleinbürgerlichen Schreckensgeschichte.«

»Sie haben echt das Einfühlungsvermögen eines Hammers.«

»Aber dafür die Aufnahmefähigkeit eines Ambosses. Na kommen Sie, erzählen Sie schon!«

Estella musste lachen. »Okay, ja, ich bin in einer kleinbürgerlichen Familie aufgewachsen, und ja, ich wollte schon immer mehr erreichen als nur Kassiererin an einer verstaubten Supermarktkasse zu werden. Nur wie überzeugt man als Zwölfjährige seine Eltern, die beide im Baumarkt arbeiten, auf das Gymnasium gehen zu wollen? Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, und als ich alt genug war, auszuziehen, war ich auch schon weg. Ich jobbte neben dem Studium, um mich über Wasser zu halten. Solche Zustände haben Sie sicherlich nie kennengelernt – als Einzelkind.«

Shanes Miene nahm etwas Melancholisches an. »Nein, solche Probleme habe ich in der Tat nicht gekannt. Wenn Sie mich für so elitär halten, wieso unterhalten Sie sich dann mit mir?«

»Ich entdecke gerade ein neues Talent an Ihnen«, wich sie der Frage geschickt aus. »Sie verfügen über die Begabung, blitzschnell die Stimmung kaputtzumachen. Patrick meinte, ich solle mich vor Ihnen in Acht nehmen … genau das hat meine Neugier geweckt.«

»Das Bad-Guy-Phänomen, hm.«

Shane nutzte den Moment, um in ihren tiefblauen Augen nach der Persönlichkeit zu suchen, die dahinter steckte, denn er hatte den Eindruck, dass sie ihm etwas vormachte. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sie immer anziehender zu finden. Der Alkohol tat sein Übriges, und schon rauschte eine Welle unterschiedlichster Gefühle durch seinen Körper. Es kam nicht oft vor, dass ihn etwas so überrumpelte, und er wollte den Moment auskosten. Innerhalb kürzester Zeit hatte Estella etwas geschafft, woran bis jetzt noch jede Frau gescheitert war: das in ihm zu berühren, was ihn wirklich ausmachte.

»Es ist sehr … stickig hier drinnen, meinen Sie nicht?«, stammelte er etwas unbeholfen. »Vielleicht sollten wir ein paar Schritte …«

Sie überlegte einen Moment und nickte dann. »Ich kenne eine schöne Strecke.«

Draußen hatte es sich deutlich abgekühlt, und ein frischer Wind blies von Nord-Ost. Er reichte ihr sein Jackett, während sie sich in Richtung der Solarkollektoren auf den Weg machten. Die Strecke führte sie außen um den See herum, durch einen kleinen Palmenwald, der von Scheinwerfern farbig angestrahlt wurde. Danach kam eine Rasenfläche, auf der sie stehen blieben, um in den Himmel zu schauen.

»Die Sterne sind hier viel heller als bei uns in Deutschland«, sagte sie und streckte die Hand aus, als wollte sie einen der strahlenden Himmelskörper einfangen und zu sich heranziehen. »Zum Greifen nah.«

Shane folgte ihrem Blick. Alltägliches wie Sterne wurden zu etwas ganz Besonderem, wenn man sie mit einem anderen Menschen betrachtete.

»Ich hatte nie wirklich die Zeit, Dinge zu genießen.« Ein Hauch von Bedauern lag in seiner Stimme.

»Ich habe einen Weg gefunden, wie ich mich von der Zeit frei machen kann. Einmal im Jahr nehme ich Urlaub und reise an Orte, wo Zeit nur in Form von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang besteht. Ohne Uhren lebt es sich mitunter leichter. Wenn man erst einmal das Gefühl abgestreift hat, alles akribisch planen zu müssen, wird die Welt augenblicklich farbenfroher, freundlicher, ja sogar friedlicher. Manchmal wünschte ich, ich hätte vor zweitausend Jahren gelebt. Schade, dass so vieles von dieser Lebenseinstellung verloren gegangen ist.«

Shane nickte zustimmend. »Als ich noch ein kleiner Junge war, ist mein Vater oft verreist und manchmal durfte ich ihn sogar begleiten. Er brachte mich an zahlreiche außergewöhnliche Orte, und ich bin dankbar, dass ich an seiner Seite so viel lernen durfte. Aber die Erlebnisse waren auch … behaftet.«

»In welcher Hinsicht?«

»Mein Vater war Diplomat im Dienst der Queen, ein Weltverbesserer. Ich kam also nicht umhin, die Schattenseiten dieser Länder kennenzulernen. Nicht, dass er mich in direkte Krisengebiete mitgenommen hätte, aber ich habe vieles erlebt, was meine Weltsicht für immer verändert hat.«

»Es hat dich zu dem gemacht, was du heute bist«, sagte Estella und ging damit zum ›Du‹ über, was Shane nur recht war. Er hasste Höflichkeitsfloskeln, auch wenn sie manchmal notwendig waren, um in entsprechenden Gesellschaftsschichten verkehren zu können.

»Es gibt Momente, da wünschte ich, dass es nicht so wäre.«

Estella stand ihm nun genau gegenüber. Sie spürte, dass er etwas zurückhielt.

»Wie verarbeitest du die Gewissheit, dass die Welt, wie du sie kennst, nicht mehr lange existieren wird?«, fragte er nach einem Moment. »Kannst du dabei ruhig schlafen?«

»Ich kann nachvollziehen, wie du dich fühlst«, sagte Estella verständnisvoll. »Die meisten Menschen blenden einfach aus, was ihnen Angst bereitet; wir dagegen müssen uns tagtäglich damit auseinandersetzen. Ich für meinen Teil bin für ein Unternehmen tätig, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und unsere Zukunft zu sichern. Ich arbeite hart und wenn ich nach Hause komme, weiß ich, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan habe. Dann verbanne ich die Angst aus meinem Kopf und versuche, mein Privatleben zu genießen.

Ich kenne dich erst seit Kurzem, aber aufgrund dessen, was ich über dich gelesen habe und was Patrick mir über dich erzählt hat, kann ich davon ausgehen, dass auch du hart arbeitest. Du leistest einen wichtigen Beitrag, sorgst für Aufklärung, deine Artikel rütteln die Leute wach, und du hast bereits viel erreicht. Wir können die Zukunft ändern, aber nicht allein. Akzeptiere, was du bist und was du tust.«

Ihre Worte gaben ihm neuen Mut. Noch bis eben hatte er befürchtet, in eine weitere tiefe Sinneskrise zu verfallen, doch nun erschien ihm alles leichter, in einem neuen Licht. Er hatte seine Ängste mit ihr geteilt, zum ersten Mal einem anderen Menschen offen gesagt, was ihn wirklich beunruhigte; seit Langem konnte er wieder er selbst sein, ein gutes Gefühl, das nicht einmal Chantal, die er wirklich geliebt hatte, in ihm hatte auslösen können. Sie hatte ihn schlichtweg nicht verstanden.

»Was macht dein Vater heute?« Estella versuchte, das Thema zu wechseln, um ihn aufzuheitern, erreichte aber nur das Gegenteil.

»Er ist gestorben, vor vielen Jahren.«

»Tut mir leid, das wusste ich nicht.«

Ihre Überraschung war echt, obwohl es Shane wunderte, dass Patrick ihr nichts davon erzählt hatte; immerhin hatte Rod zu seinen besten Freunden gezählt, und Estella war seine Nichte. Aber vielleicht hatte sich Shane für wichtiger gehalten, als er es in Patricks Augen je gewesen war. Und dass Rod gestorben war, lag länger zurück als Estella alt war.

Shane wollte sich nicht weiter damit befassen und verwickelte die Frau stattdessen in ein Gespräch über die jüngsten kulturellen Ereignisse daheim – und sie stellten fest, dass sie beide eine Passion für Theater und Freilichtkinos hegten.

»Dort vorn ist eine kleine Anhöhe, von der aus man weit über die Kollektorfläche schauen kann«, sagte Estella.

Sie führte ihn zwischen einer Reihe über ihnen hinwegPalmen hindurch zu einem Zaun, der das Freizeitgelände von den Solarkollektoren abgrenzte. Im Licht der Sterne, das durch den umherfliegenden Sand seltsam surreal verwischt wurde, wirkten die Siliziumkolosse fast ein wenig wie mit Mottengarn umsponnene Bäume, die aus einem Moor ragten.

Shane deutete auf die riesige Fläche. »Ist das unsere Zukunft?«

Estella überlegte. »Vielleicht ein Teil von ihr«, entgegnete sie auf verstohlene Weise. »Aber lassen wir die Arbeit für den Moment ruhen.«

Sie lehnte sich gegen den Zaun und fasste mit den Händen nach den Maschen über ihrem Kopf, sodass ihre Bluse ein kleines Stück hochrutschte und den Blick auf ihren flachen, sonnengebräunten Bauch freigab. Schwärmerisch starrte sie in den Nachthimmel, und Shane fragte sich, ob sie versuchte, ihn zu verführen oder nur für einen Moment ihre schüchterne Art abgelegt hatte. Jedenfalls spürte er, wie ihm warm im Körper wurde, als er sie so dastehen sah.

Bevor er seine nächsten Schritte abwägen konnte, zerstörte ein plötzliches Rascheln den Zauber des Augenblicks. Estella fuhr herum. Fünfzig Meter von ihnen entfernt konnte man gerade noch einen dunklen Schemen zwischen den Solarkollektoren davonhuschen sehen.

»Da draußen ist irgendjemand«, flüsterte Shane und starrte konzentriert in die Dunkelheit.

Estella schüttelte den Kopf. »War bestimmt nur der Wind.«

Doch damit wollte sich Shane nicht zufrieden geben. Er hatte die Angst in ihren Augen aufblitzen gesehen, und ihr Atem ging schnell und stoßweise.

»Es ist absolut windstill. Da war jemand.«

»Kann sein, vielleicht ein Techniker«, räumte Estella ein, die sich mittlerweile wieder gefangen hatte und nun versuchte, ihren Schrecken herunterzuspielen. »Die müssen manchmal auch nachts raus, wenn Störungen auftreten.«

Shane blieb skeptisch, nickte aber. »Ja, schon möglich.« Er suchte noch einmal mit den Augen angestrengt die betreffende Stelle und die nähere Umgebung ab, konnte jedoch nichts entdecken. Wenn dort tatsächlich jemand gewesen war, war er nun verschwunden.

»Wir sollten wieder reingehen, es wird sehr frisch.« Estella blickte ebenfalls noch einmal über ihre Schulter, dann machten sie sich auf den Rückweg.

Kapitel 11

Zwei Stunden später lag Shane im Pyjama auf seinem Doppelbett und starrte an die Decke. Er fand keinen Schlaf. Selbst das leise Summen der Klimaanlage, das sonst immer eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte, vermochte ihn heute nicht einzuschläfern. Estella ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Wieso nur hatte der Schemen ausgerechnet in dem Moment auftauchen müssen, als es zwischen ihnen zu knistern begonnen hatte? Wenn er einmal eine Frau kennenlernte, die ihn wirklich verstand, musste natürlich alles schiefgehen. Aber so war das Leben: genauso wenig perfekt wie die Liebe.

Er dachte an das, was sein könnte, beschwor Bilder herauf, über die er früher nur gelacht hätte. Shane O’Brien, der daran denkt, sesshaft zu werden! Das war wirklich skurril!

Dennoch konnte er die Gefühle, die Estella in ihm weckte, nicht einfach ignorieren. So eine aparte junge Frau, mit der sich sogar ein Mann wie er eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte, begegnete einem schließlich nicht zweimal im Leben.

Während seine Augen allmählich zufielen, spulte sein Gehirn ihr Gesicht in Endlosschleife ab.

***

In Estella Meinhards Verstand schien ein Tornado zu wüten, der ihre Gedanken durchpflügte und eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Aus der anfänglichen Sorge um die Fotovoltaik-Anlage war inzwischen ein Sturm unterschiedlichster Gefühle geworden, von dem Augenblick an, als Shane in ihr Leben getreten war. Er war völlig anders als die Männer, mit denen sie für gewöhnlich ausging – junge, durchschnittliche Typen, die ihr das Gefühl gaben, überdurchschnittlich, ja unerreichbar zu sein. Shane rief keines dieser Gefühle in ihr hervor. Er war reifer, fordernd, männlich, ungestüm, aber auch gebildet, kultiviert und auf eine sehr spezielle Art und Weise verständnisvoll. Eine Mischung, die, wie sie zu ihrem eigenen Erstaunen feststellen musste, ihren eigenen Charakter widerspiegelte. Er war der Typus Mann, dem eine Frau gefallen wollte und nicht andersherum.

Wäre sie nicht wegen der bevorstehenden Präsentation und des schwer zu fassenden Gefühls der Bedrohung – das sich in ihrem Hinterkopf festklammerte, seit Fritzsch ihr von den Zwischenfällen erzählt hatte – so aufgewühlt gewesen, hätte sie ihre Bemühungen, Shane zu verführen, wahrscheinlich intensiviert, doch so hielt sie ihn lieber vorerst auf Abstand, obwohl ihr das schwerfiel.

Auch sie lag allein auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Was er wohl in diesem Moment dachte? Drehten sich seine Gedanken um sie oder um den seltsamen Vorfall heute Abend?

Beide hatten zweifelsohne jemanden gesehen – und dass es ein Techniker gewesen war, war ausgeschlossen. Vor dem Zubettgehen hatte Estella die Logdateien überprüft. Zwar hielten sich mehrere Techniker auf dem Gelände auf, aber alle weitab von der Stelle, an der sie gestanden hatten. Hätte Fritzsch sie nicht über die vorangegangenen Ereignisse informiert, hätte Estella dem kleinen Erlebnis wohl keine Bedeutung zugemessen, doch so bereitete ihr die merkwürdige Beobachtung große Sorge. Andererseits wollte sie auch nicht grundlos Alarm schlagen und eine Hysterie riskieren, falls dort vielleicht doch nur ein Tier oder etwas anderes Harmloses herumgestreunt war.

Mit einem unguten Gefühl schlief sie endlich ein.

Kapitel 12

1. März 2023

Sun City

Eine einsame, grau-braun gefiederte Wüstenläuferlerche stolzierte auf dem Glasdach über den Köpfen der Gäste entlang. Sie flog nur selten mehr als ein paar Meter und verbrachte die meiste Zeit auf dem Boden oder auf Gebäuden. Die Sonne brannte bereits sengend vom Himmel, wovon in dem klimatisierten Glastunnel jedoch nichts zu merken war. Die gläserne Verbindungsstrecke befand sich etwa drei bis vier Meter über dem Boden, und man hatte einen fabelhaften Ausblick auf einen Großteil der PECS-Anlage.

Estella drehte sich zu der kleinen Gruppe, die ihr aufmerksam folgte, herum und zeigte aus der Fensterfront.

»Sie kennen Solarstromanlagen bereits aus ihren Heimatländern: Flächen mit 1000 bis 1400 Solarmodulen, die eine Gesamtleistung von maximal zwölf Megawatt erreichen. Dort draußen befinden sich 30000 PECS-Module; die Leistung beträgt allerdings nicht etwa 500, sondern 2000 Megawatt. Aufgrund neuester Technologien ist es uns gelungen, die gewonnene Leistung mehr als zu verdreifachen. Nirgendwo auf der Welt werden Sie eine Technik wie die unsere vorfinden, zumindest jetzt noch nicht. Mister Heckler wird Sie in der anschließenden Präsentation mit dem PECS-Verfahren vertraut machen.«

Die Gruppe nickte anerkennend, während sie Estella Meinhards Ausführungen folgte.

Wo zum Teufel bleibt Shane?, fragte sie sich. Ob auch er an einer Magenverstimmung litt? Einige Gäste, darunter auch Thalia Morgan sowie Meiers Assistent, klagten seit den frühen Morgenstunden über Magenkrämpfe und Übelkeit. Möglicherweise war ein Teil des Menüs von gestern Abend verdorben gewesen, was sich Estella nur schwer vorstellen konnte. Doch auch sie verspürte ein unterschwelliges Rumoren, was ihre Arbeitsfähigkeit zum Glück nicht beeinträchtigte.

Nur um ganz sicherzugehen hatte sie Fritzsch angewiesen, die Reste des Essens auf Gifte untersuchen zu lassen. Das Ergebnis wartete bestimmt schon auf sie; falls tatsächlich etwas gefunden worden wäre, hätte man sie allerdings längst informiert. Zwar sagte ihr der Verstand, dass alles in Ordnung sei, aber ihr sechster Sinn, falls es etwas Derartiges gab, war anderer Meinung. Auch wenn es albern zu sein schien: Die Luft fühlte sich dicker an als sonst, so als hätte sich eine zähflüssige Bedrohung in ihr verfestigt.

Die heutige Präsentation entschied über Erfolg oder Misserfolg der weiteren Projekte. Hawkes Enterprises konnte ohne Unterstützung weiterexistieren, aber nicht expandieren. Dafür fehlten ihnen die finanziellen Mittel, die ihnen hoffentlich bald zur Verfügung gestellt werden würden, sollte es ihr gelingen, die potenziellen Investoren zu überzeugen. Ebendeshalb musste sie Überzeugungsarbeit leisten und durfte sich keine Fehler erlauben.

Noch verlief alles genau nach Plan. Die Gäste waren beeindruckt, und bis auf die Magenverstimmungen gab es keine Schwierigkeiten. Ohne Shane würde jedoch der Artikel wegfallen, von dem sie sich so viel erhofften, weswegen sie ständig verstohlen nach ihm Ausschau hielt.

Die Wüstenläuferlerche folgte dem Weg, den die Menschen einschlugen, und beobachte sie ebenso furchtlos wie neugierig. Nach einigen Metern endete der scheinbar schwebende Glastunnel und führte in einen großen Metall- und Betonkomplex. Die Wüstenläuferlerche zwitscherte aufgebracht, da sie die interessanten Gestalten nirgendwo mehr ausmachen konnte. Schnell wie der Wind rannte sie über das Dach, breitete ihre Flügel aus und kreiste langsam herunter, bis sie auf einem der Solarmodule für kurze Zeit hocken blieb. Doch auch hier wurde sie unruhig, hüpfte von Modul zu Modul und kreischte panisch. Sie roch etwas, was sie weder sehen noch zuordnen konnte. Ihr Instinkt riet ihr, schleunigst zu verschwinden. Mit kräftigen Flügelschlägen erhob sie sich, um das Gelände zu verlassen.

Gerade noch rechtzeitig!

»Sie werden nun Gelegenheit erhalten, die PECS-Module einmal aus der Nähe zu betrachten, bevor Ihnen Mr. Heckler deren Funktionsweise und das Kontrollzentrum erläutert«, informierte Estella die Gruppe und öffnete mit ihrer Schlüsselkarte eine der Schiebetüren zum Außenbereich.

Hitze schlug ihnen entgegen. Hitze, die nicht durch die natürliche Umgebung einer Oase abgemildert wurde. Lennard Franks Ehefrau fächerte sich mit einem asiatisch anmutenden Fächer frische Luft zu. Einer nach dem anderen verließen sie das schützende Gebäude.

Estella rümpfte die Nase. Ein undefinierbarer, leicht stechender Geruch lag in der Luft. Wahrscheinlich ein toter Vogel oder eine Echse, die in der sengenden Wüstensonne verrottete. Kaum hatte sich die Gruppe ein paar Schritte vom Eingang entfernt, wurde es erträglicher, und schließlich war von dem beißenden Geruch nichts mehr wahrzunehmen.

Ein kleiner, überaus lebendiger Vogel, den Estella als Wüstenläuferlerche identifizierte, flog kreischend über sie hinweg in Richtung See; Sie mussten ihn zu Tode erschreckt haben.

In geschlossener Formation durchquerte die Gruppe die Reihen von Solarmodulen, und Estella genehmigte sich ein zufriedenes Lächeln. Wenn den Gästen das ökonomische Wunderwerk der Anlage erst bewusst wurde, mussten sie den weiteren Projekten einfach zustimmen. Und noch konnte niemand auch nur ahnen, woran Hawkes Enterprises zurzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeitete …

Estellas Gedanken schweiften ab, Heckler übernahm derweil die Erklärungen. Sie stellte sich den Moment vor, wo sie und nur sie ganz allein ihre Entdeckung verkünden würde. Die Welt würde aufschreien und ihr zujubeln und die bedeutendsten Politiker würden ihr die Hände schütteln. Bald war es so weit! Bald würden sie die Führung auf dem weltweiten Energiemarkt übernehmen.

Der beißende Geruch schlug ihr erneut entgegen und riss sie aus ihren Gedanken. Was stimmte jetzt wieder nicht? Ihr Blick richtete sich gen Osten, von wo aus der Wind den Geruch zu ihnen herübertrug. Ein zartes Grau trübte den ansonsten strahlend blauen Himmel. Was ging dort vor sich?

Es dauerte einen Augenblick, ehe Estella bewusst wurde, worum es sich bei dem Grau handelte: Rauch, dünner, in der heißen Wüstenluft flimmernder Rauch! Und wo Rauch war, war auch Feuer. Es brannte!

»Nein, nicht auch noch das!«, flüsterte Estella ernüchtert, und in diesem Moment drehten sich auch die Gäste herum. Der Rauch verdichtete sich, Funken stoben in kleinen Fontänen aus den betroffenen PECS-Modulen. Dann überschlugen sich die Ereignisse!

Als wäre ihr entsetztes Flüstern ein Katalysator gewesen, sprühte es nun auch aus den anderen Modulen, und dicker schwarzer Qualm quoll daraus hervor. Er wehte zu ihnen herüber, beißend und unheilvoll. Die Gäste begannen zu husten und zu würgen und bedeckten in Eile ihre Münder. Heckler stöhnte und starrte entsetzt auf die flammenschlagenden Module. Mit der Hand stützte er sich auf einen Verteilerkasten, den er soeben hatte vorführen wollen. Ein schwerer Fehler …!

Estellas Verstand gewann wieder die Oberhand. Sie löste sich von der schrecklichen Szenerie und rannte los. Der Verteilerkasten war mit den Modulen verbunden, und wenn diese aus einem unerkenntlichen Grund überlasteten, wanderte die angestaute Spannung geradewegs zu ihm. Die Sicherungen würden anspringen, aber Stromstöße waren dennoch nicht auszuschließen.

Sie war nur noch wenige Schritte von Heckler entfernt, als es passierte. Mit einem ohrenbetäubenden Zischen explodierte der Kasten, und Hecklers Körper begann augenblicklich wild zu zucken. Eingehüllt in eine Wolke sprühender elektrischer Funken geriet sein Haar in Brand. Wie paralysiert sah die Gruppe zu, wie er bei lebendigem Leib verbrannte. Es war furchtbar! Er schien schreien zu wollen, doch seine Muskulatur war längst so verkrampft, dass kein Wort mehr über seine Lippen kam. Dann kippte er, einer brennenden Statue gleich, vornüber und schlug auf dem Boden auf.

Die Gäste schrien panisch. Aus einem auf den ersten Blick harmlosen Schwelbrand war eine lebensbedrohliche Gefahr geworden. Estella wollte ebenfalls kreischen, ihrer Panik Ausdruck verleihen, entsann sich aber ihrer Verantwortung. Mit eisernem Willen gelang es ihr, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Es lag nun an ihr, die Gäste in Sicherheit zu bringen.

Thalia Morgan versuchte, an ihr vorbei zurück zum Gebäude zu laufen, doch Estella setzte ihr nach und riss sie an der Schulter herum. Der Weg, den sie gekommen waren, wurde nun ebenfalls vom Feuer eingehüllt.

»Hören Sie mir jetzt alle zu!«, brüllte sie in Richtung der Gruppe und gestikulierte wild mit den Armen. »Wir werden das Gelände an einem der Wartungszugänge auf der Westseite verlassen!«

»Aber dann laufen wir mitten in die Wüste!«, brüllte Lennard Frank zurück.

»Bis zum Hotel ist es nicht weit. Wir müssen es versuchen, es ist unsere einzige Chance!«

Von einer kalten Wut getrieben, lief Estella den anderen voraus. Dieser Zwischenfall mochte das Aus für Hawkes Enterprises bedeuten, aber sie würde nicht zulassen, dass auch noch die Gäste zu Schaden kamen. Hoffentlich schlug der Brand keine konzentrischen Kreise. Dann säßen sie in der Falle, bevor sie den Wartungszugang erreichten. Doch noch deutete nichts darauf hin. Noch konnten sie es schaffen.

Eilig warf Estella einen Blick über ihre Schulter. Das halbe Feld stand mittlerweile in Flammen, und der Anblick trieb ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen. Was auch immer für den Brand verantwortlich war, ob menschliches oder technisches Versagen, es gefährdete nicht nur die Zukunft des Unternehmens, sondern auch ihre ganz persönliche. Das Projekt, an dem sie auf dem Stützpunkt in Deutschland arbeitete, war ihre Erfindung und tausendmal wichtiger als jedes gottverdammte Sonnenkraftwerk in einem afrikanischen Schurkenstaat. Die Daten durften auf keinen Fall verlorengehen.

Sie zwang sich, wieder an die Gäste zu denken und trieb sie weiter voran. Das Knirschen und Krachen umstürzender PECS-Module kam immer näher.

Sie rannte nach links. »Hier entlang!«

Der Wartungszugang war nun in greifbarer Nähe. Nur zwei-, dreihundert Meter und sie hatten es geschafft. Die Gäste begannen bereits zu schwächeln, doch die Aussicht, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden, ließ sie auch das letzte Stück der Strecke überwinden.

Hinter ihnen brach die Hölle los.

Kapitel 13

Ein markerschütterndes Donnern drang durch Shanes Ohren zu seinem schlafenden Gehirn vor. Die reale Lautstärke der akustischen Reize wurde durch den Restalkohol und einen Albtraum, den er noch immer durchlebte, unnatürlich verstärkt. Zu dem Donnern gesellten sich ein tiefes, Schmerzen bereitendes Brummen und ein nervtötendes Klingeln. Die einzelnen Geräusche verschmolzen zu einer Kakofonie des Grauens, und leuchtende Walküren auf gepanzerten Streitrössern sprengten in Shanes traumhafter Phantasie aus den Toren Walhallas. Die Donnerhufe der Apokalypse!

Schweißgebadet erwachte er und fand sich kerzengerade in seinem Bett wieder. Das Donnern wurde erträglicher, verschwand allerdings nicht. Bevor er auch nur die Augen aufschlagen konnte, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Das Klingeln waren Alarmsirenen, die er in seinem Albtraum auf groteske Weise interpretiert haben musste. Torkelnd, und mit Schwärze vor den Augen, sprang er aus dem Bett.

Er fand das Touchscreen für die Lichtkontrolle und regelte es hoch. Links oben an der Decke leuchtete bedrohlich eine rote Warnlampe. Was ging hier vor sich? Eine unterschwellige Panik, die ihn wie eine Schlingpflanze in den Würgegriff nahm, ergriff von ihm Besitz. Unwillkürlich musste er an die mysteriösen Virenangriffe und Systemschwierigkeiten denken, von denen ihm Fritzsch erzählt hatte. Eilig streifte er seinen Schlafanzug ab und schlüpfte in Jeans und ein schwarzes T-Shirt; beides hatte zusammengeknautscht auf dem Boden gelegen. Dreißig Sekunden später verließ er das Zimmer.

Der in Rot- und Goldtönen gehaltene Korridor lag verlassen, ja fast schon gespenstisch leer vor ihm. Unaufhörlich schrillten die Sirenen, und das rote Leuchten erinnerte ihn entfernt an einen alten U-Boot-Kriegsfilm, in dem soeben der erste Angriff erfolgt war. Der tonnenschwere Stahlkoloss müsste sich nun zur Seite neigen und zu sinken beginnen – das Hotel blieb jedoch glücklicherweise an Ort und Stelle.

Als er das Treppenhaus hinter sich gelassen hatte, änderte sich Shanes Stimmung abrupt. Dutzende Hotelangestellte rannten gehetzt durch die Gegend, telefonierten oder sprachen mit Technikern in blau-weißen Overalls. Ein Geruch, den er zuerst der Küche zugeschrieben hatte, stieg ihm in die Nase. Es roch brenzlig, sogar sehr brenzlig.

Die Techniker und Sicherheitskräfte versammelten sich am Durchgang zum Solarkontrollzentrum und starrten gebannt auf die schweren Stahlschotten. Was machten sie da? Warum öffnete niemand den Durchgang? Die Antwort erhielt er wenige Sekunden später, als sein Bewusstsein die Ereignisse in einen sinnvollen Zusammenhang brachte.

Es war bereits später Vormittag, die Präsentation, von der ihm Estella noch gestern Abend vorgeschwärmt hatte, hatte er also verpasst, aber der Rest der Gruppe musste sich auf der anderen Seite der Stahlschotten befinden. Und der stechende Geruch in der Luft ließ keinen Zweifel daran, dass es brannte.

Estella!

Kalter Schweiß lief Shane den Rücken herunter. Wenn ihr etwas zustieß …! Schuldgefühle suchten ihn heim. Wäre er doch nur rechtzeitig aufgestanden!

Bill Fritzsch, der hünenhafte Sicherheitschef, stürmte heran und stieß die Techniker beiseite, die sich an der Türsteuerung zu schaffen machten.

»Alle mal herhören!«, brüllte er und baute sich vor der versammelten Mannschaft auf. »Die Löschkräfte gelangen nicht ins Innere des Kontrollzentrums. Alle Zugänge sind verriegelt.«

»Unmöglich! In einem Brandfall schalten sich die Verriegelungen automatisch ab. Sie dürften überhaupt nicht aktiviert sein«, erwiderte einer der Senior Chiefs von der Technikcrew.

»Sie sind es aber, ob es uns nun gefällt oder nicht! Sehen Sie zu, dass Sie das in den Griff bekommen.«

Der Senior Chief wollte bereits davoneilen, als ihn Fritzsch noch einen Moment zurückhielt. »Was ist mit den Überwachungskameras? Können wir ermitteln, wo sich die Gäste zu diesem Zeitpunkt aufhalten?«

Der grauhaarige Mann schüttelte den Kopf. »Alle Kameras sind ausgefallen, selbst die im Hotelbereich.«

Shane drängte sich durch die Menge und schnitt Fritzsch das Wort ab. »Sind sie dort draußen?«

»Wir wissen nicht, wo sich die Gäste zurzeit aufhalten oder ob sie es bis zum Gebäude zurückgeschafft haben. Sicherheitskräfte sind bereits auf dem Weg, aber sie können das Gelände nicht betreten, solange die Kollektoren überlasten.«

»Dann schalten Sie sie ab.«

»Wenn wir jetzt abschalten, riskieren wir, dass die gesamte Kollektorfläche beschädigt wird.«

»Zum Teufel mit den Kollektoren, da draußen befinden sich Menschen!«, brüllte Shane.

»Wir tun unser Möglichstes«, entgegnete Fritzsch ausweichend.

»Vielleicht ist Ihr Möglichstes ja nicht genug«, meinte Shane grimmig. »Können die Löschkräfte das Kontrollzentrum denn nicht von hier aus erreichen?«

»Nein, sie hätten keinen Zugang zu den Hydranten.«

»Europäische Sicherheitsauflagen gelten hier draußen wohl nicht«, bemerkte Shane sarkastisch. »Aber lassen wir das. Wir müssen uns zum Kontrollzentrum durchkämpfen. Vielleicht hat die Gruppe es nie verlassen und sie sind jetzt dort gefangen.«

Fritzsch wollte schon den Kopf schütteln, doch da blitzte etwas in seinen Augen auf.

»Williams, Atemmasken!«, befahl er. Dann drehte er sich mit einem kritischen Gesichtsausdruck zu Shane herum. »Ich gehe, aber Sie bleiben hier.«

»Versuchen Sie doch, mich aufzuhalten«, sagte Shane entschlossen. Er würde nicht tatenlos herumsitzen, während Estella möglicherweise in einem brennenden Gebäude eingeschlossen war.

Als er die Entschlossenheit in den Augen seines Gegenübers sah, knickte Fritzsch ein. »Sie brauchen vernünftige Kleidung«, stellte er ohne weitere Umschweife fest.

Williams kehrte in der Zwischenzeit mit zwei Atemgeräten und Brandschutzanzügen zurück.

»Ich hoffe Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen«, meinte Fritzsch.

Drei Minuten später standen sie in voller Montur abwartend vor dem Stahlschott, das das Hotel von dem Forschungskomplex trennte. Sie mussten sichergehen, dass keine Flammenwand durch das Schott schlug, sobald es geöffnet wurde. Einer der Techniker gab Entwarnung.

»Sie sind sich der Gefahr wirklich bewusst?«, fragte Fritzsch noch einmal und bedeutete dem Mann an der Türsteuerung, innezuhalten. Seine bedrohliche Stimmlage wurde durch die Atemmaske noch verstärkt.

Shane nickte und formte mit Daumen und Zeigefinger ein O, wie er es beim Tauchunterricht gelernt hatte, worauf Williams den manuellen Mechanismus des Schotts aktivierte und sich dieses einen Spaltbreit öffnete.

Warmer finsterer Rauch schlug ihnen entgegen. Bevor er es sich anders überlegen konnte, schlüpfte Shane durch die schmale Öffnung und folgte Fritzsch in den Gang. Hinter ihnen schloss sich knirschend das Schott.

Kapitel 14

Im Kontrollzentrum war es stockdunkel geworden. Alle Lichter einschließlich der Notbeleuchtung waren nach der Systemabschaltung durch den Trojaner II erloschen; nur der schwache stroboskopförmige Lichtkegel von Shadows Taschenlampe erhellte noch die unmittelbare Umgebung.

Alles war nach Plan verlaufen, bis auf die Tatsache, dass er selbst eine Verletzung davongetragen hatte, die nicht beabsichtigt gewesen war. Nun saß auch er fest – was später immerhin jeglichen Verdacht von ihm ablenken würde.

Eine der Stromleitungen im Inneren war geplatzt und hatte einen der Serverschränke zum Wanken gebracht, der unglücklicherweise direkt auf sein Bein gefallen war. Er konnte den glatten Knochenbruch förmlich spüren und ohne fremde Hilfe würde er es nicht unter dem Monstrum hervorschaffen; blieb nur abzuwarten und zu hoffen, dass keine weiteren Leitungen in Mitleidenschaft gezogen wurden, die ihm gefährlich werden könnten.

Während er vor Schmerzen stöhnend am Boden saß, dachte er an seine Heimat. Nicht an die großen und von Abgasen verpesteten Städte Afrikas, in denen er sein Studium absolviert hatte, nein, die Wüste mit all ihrer natürlichen Faszination. Er stammte von den Beduinen ab, die schon seit Jahrtausenden von Ort zu Ort wanderten. Leider hatte er sich von seinem Stamm getrennt, seine Familie zurückgelassen, um die weite Welt außerhalb der Natur zur erkunden. Sein Vater hatte ihm diesen Schritt nie verziehen, und im Nachhinein schämte sich Shadow für seinen Entschluss. Was war nur aus ihm geworden? Anstatt an einer Universität zu lehren, sprengte er welche in die Luft.

Er konnte sich nicht einmal mehr genau daran erinnern, wann er zum ersten Mal mit den Brüdern seiner Organisation in Kontakt gekommen war. Dabei markierte dieser Tag einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Seitdem gab es für ihn kein Zurück mehr. Wer einmal dem Ruf des Dschihad folgte, war dazu verdammt, den Weg bis zum bitteren Ende zu gehen. Die Vergangenheit hörte auf zu existieren. Man ließ sein bisheriges Leben hinter sich, und jede Form der Reue, des Bedauern, war eine Todsünde. Allah und nur Allah alleine richtete über die Taten derer, die für ihn in den heiligen Krieg zogen. Shadow konnte sich dem nicht entziehen. Der Einfluss seiner Brüder reichte zu weit. Selbst wenn er sich dazu entschließen würde, den Schwur, den er vor genau acht Jahren in den Tiefen der pakistanischen Höhlen geleistet hatte, zu brechen, würden sie ihn jagen und zur Strecke bringen. Überall auf der Welt. Viele Male hatte er an diesem Punkt gestanden, die Zweifel in ihm die Oberhand gewinnen lassen, doch jedes Mal hatte schlussendlich sein Überlebenswille gesiegt. Er dachte daran, wie viel Macht und Einfluss die Terrororganisationen über die Jahre gewonnen hatten. Spätestens seit Nine-Eleven formierten sich die einzelnen Terrorzellen zu einem gigantischen weltweiten Netzwerk, dessen Ausmaße man erst begriff, wenn man sich mittendrin befand. Jede der scheinbar selbständigen Organisationen war mit den anderen auf eine verstrickte Weise verbunden. Die Unterschiede waren marginal. Das gemeinsame Ziel, entstanden aus dem fanatischen Dunst aus Glaubenskriegen, politischen Anschlägen und Wirtschaftssabotagen stand nun im Vordergrund – der Terror um des Terrors selbst willen, um jeden Preis.

Der ursprüngliche Gedanke jeglichen Terrors war die unwillkürliche Verbreitung von Angst und Panik durch angedrohte oder ausgeführte Gewalt. Alle Terroristen, ob Dschihadisten, extreme politische Opportunisten oder Guerillakämpfer trachteten in ihrem Handeln letztendlich doch nur nach einem: den Schrecken und die Verzweiflung in den Augen ihrer Opfer zu erkennen; daran weideten sie sich, dafür lebten sie.

Überdies traten sie aber auch für ihre Dogmen ein, wie auch Shadow für seine Überzeugungen eingetreten war. Das war es, was er bewundert hatte: diesen Tatendrang, etwas verändern zu wollen, auch wenn es mit den falschen Mitteln geschah. Das Gros der Bevölkerung verschiedenster Länder akzeptierte vorbehaltlos die vorgefertigten, von oben diktierten Meinungen. Es war richtig, sich dagegen zu erheben! Aber nicht mit Hilfe des Terrors, das hatte er inzwischen erkennen müssen.

Ein leises Poltern im Hintergrund ließ seine Gedanken pausieren. Langsam drehte er sich, so weit es sein gebrochenes Bein zuließ, herum, und spähte angestrengt in die Dunkelheit. War es den Rettungstrupps mittlerweile gelungen, durchzubrechen? Seine Hand schloss sich fester um die Taschenlampe. Ein Anflug von Angst streifte seinen Geist – unwillkürliche, instinktive Angst, die keine konkrete Ursache hatte. Mehr ein böse Vorahnung.

Er ließ den Lichtkegel der kleinen Led-Lampe kreisen, erst nach rechts dann nach links. Gerade als er zurückschwenken wollte, sah er etwas, das sich in der Dunkelheit bewegte: ein Schemen, der sich nur schwach vom Hintergrund abhob. Der Lichtkegel schnellte auf den Schemen zu, doch bevor er ihn erwischte, verschwand dieser hinter einem Büroschrank.

Shadows Herz begann schlagartig so laut zu pochen, dass er glaubte, es würde jeden Moment aus ihm herausspringen. Wer außer ihm hielt sich noch in dem Komplex auf? Die Techniker waren allesamt im Außeneinsatz und Heckler leitete mit Meinhard die Führung. War einer der Techniker früher zurückgekehrt und versuchte nun, die Verbindung zum Hotel wieder zu öffnen? Doch wieso reagierte die Person nicht auf das Licht? Sie musste es unweigerlich bemerkt haben. Oder hatte er sich den Schemen nur eingebildet?

Die nächste Möglichkeit war die beunruhigendste: Der oder die Unbekannte wollte nicht gesehen werden.

Jahrelange Undercover-Missionen hatten Shadows Überlebensinstinkte geschult, und er spürte: Wer oder was auch immer sich zusammen mit ihm hier im Raum aufhielt, war eine potenzielle Bedrohung. Fieberhaft suchte er seine Umgebung nach einem Gegenstand ab, den er notfalls zur Verteidigung benutzten könnte, entdeckte jedoch nichts außer einem Stapel Papier, der ihm höchstens weiterhalf, wenn er sein Testament hätte schreiben wollen.

Eine gespenstische Stille, die nur durch das Zischen beschädigter Stromleitungen und dem gedämpften Tosen aus der Wüste unterbrochen wurde, senkte sich über das Kontrollzentrum. Es polterte und krachte erneut, so als würde gerade ein Wandregal mitsamt Schrauben und Dübeln aus dem Mörtel gerissen. Shadow spitzte die Ohren und vernahm Schritte, leise und schlurfend. Die Taschenlampe fiel ihm vor Aufregung aus den Händen, schepperte geräuschvoll beim Aufprall und blieb irgendwo im Dunkeln liegen. Shadows Herz krampfte sich erneut zusammen. Ein länglicher Schatten, unverkennbar der eines Menschen, ragte vor ihm auf.

»Name und Dienstnummer!«, forderte eine relativ junge, aber dennoch schockierend harte Stimme.

»Brian Goldwer, 1876«, log Shadow, obwohl ihm eigentlich klar war, dass die fremde Person nicht dem Unternehmen angehörte. Sie war seinetwegen hier – und nur seinetwegen! Seine einzige Chance bestand darin, Zeit zu schinden.

»Können Sie mir aufhelfen, mein Bein ist eingeklemmt? Und was ist überhaupt passiert?«, erkundigte er sich so beiläufig wie möglich, doch es gelang ihm nicht, die Furcht gänzlich aus seiner Stimme zu vertreiben.

»Was passiert ist? Das dürften Sie doch wohl am besten wissen! Oder haben Sie nur versehentlich Trojaner ins Netzwerk eingeschleust und die Sicherungen der Sammelstellen ausgetauscht?«

Das Englisch klang grauenhaft, möglicherweise ein deutscher Akzent. Der Fremde war offenbar bestens informiert und wusste um seine wahre Identität. Shadow spürte, wie die Wahrscheinlichkeit zu überleben mit jeder Sekunde drastisch sank. Doch weshalb war der Fremde hier? Shadows Auftraggeber hätten niemals einen zweiten Agenten ins Rennen geschickt. Oder wussten sie von …

Nein, unmöglich! Sie konnten nichts davon erfahren haben, konnten den Diebstahl nicht bemerkt haben. Nicht jetzt schon!

»Keine Angst. Sie werden nicht auffliegen, das verspreche ich Ihnen.« Das Versprechen des Fremden war zu schön, um wahr zu sein – es war eine Lüge.

Shadow nahm all seinen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihn am stärksten beschäftigte. »Wer sind Sie und warum sind Sie hier?« In seinen eigenen Ohren klang es so banal und zugleich doch so bedeutend.

»Wer ich bin, ist irrelevant! Warum ich hier bin? Wie Ihnen sicherlich bekannt sein dürfte, bestehen unsere Auftraggeber auf Diskretion. Äußerste Diskretion. Sie haben stets gute Arbeit geleistet, das wurde nicht vergessen, jedoch mussten meine Vorgesetzten leider eine Diskrepanz in der – sagen wir: Buchführung – feststellen. Das Stehlen beziehungsweise unerlaubte Kopieren vertraulicher Daten werten wir als illoyalen Akt. Es handelt sich hierbei schließlich nicht um ein Kavaliersdelikt. Nein, wirklich nicht.« Der Unbekannte ging leise vor Shadow auf und ab. Seine Stimme hatte nun etwas Süffisantes, Bedrohliches angenommen. »Über einen gestohlenen Keks könnten wir wohl noch hinwegsehen«, fuhr er fort, »doch in Ihrem Fall bedarf es einer entsprechenden Disziplinarmaßnahme. Ich habe entschieden, die Bestrafung hier und jetzt durchführen.«

Shadow wollte den Mund aufreißen, schreien, doch eine ungewöhnlich kräftige Hand schloss sich um seinen Kiefer und drückte so lange zu, bis sein Widerstand erlahmte. Die Hand hinderte ihn nicht nur am Schreien, sondern nahm ihm auch die Luft zum Atmen. Verzweifelt krümmte er sich vor Schmerz zusammen. Was das das Aus?

Eine schallende Ohrfeige befreite ihn aus seinem Krampf. »Nicht einschlafen! Noch nicht!«

Der Fremde verschwand wieder in der Dunkelheit, und Shadow vernahm erneut die Laute, die sich wie ein stürzendes Wandregal anhörten. Doch da war noch ein weiteres Geräusch, ein Knistern, das ihm nur allzu vertraut war. Während seiner Zeit an der Universität hatte er es nur allzu oft während seiner Experimente im Physiklabor vernommen. Dieses Knistern konnte nur durch elektrischen Strom hervorgerufen werden. Eine grauenhafte Vorahnung beschlich ihn. Das Knistern kam unaufhaltbar näher. Mit all seiner Kraft versuchte er, das gebrochene Bein unter dem Serverschrank hervorzuwuchten, doch es war aussichtslos.

Sich in sein Schicksal ergebend, schloss er die Augen und wurde mit einem letzten, wundervollen Bild belohnt, das seinen gesamten Geist auszufüllen schien. Mit der endlosen, unbeschreiblich schönen Wüste und seiner Familie vor Augen empfing er, was am Ende eines jeden Lebens stand: den Tod.

Der Starkstrom fraß sich in Nanosekundenschnelle bis hinauf in sein Gehirn und ließ sämtliche Gedanken explodieren. Seine letzten Sekunden waren erfüllender als alles, was er je zuvor gefühlt hatte.

Kapitel 15

Irrte er sich oder hatte er tatsächlich einen Schrei gehört? Shane atmete die schal schmeckende, aber gefilterte Luft durch das breite Mundstück tief ein und aus, bis sich sein Puls wieder normalisierte.

Zwar hatte er in seinem Leben viel erlebt, doch war er gerade dadurch vorsichtiger, ja sogar ängstlicher geworden. Seine Selbstsicherheit war ungebrochen, doch er ertappte sich des Öfteren dabei, wie er noch einmal alle Schlösser und Fenster vor dem Zubettgehen überprüfte. Kein Kontrollzwang, aber ein Zeichen, dass sich in seinem Leben etwas verändert hatte.

Als Jugendlicher hatte er sich unerlaubt Horror-Filme aus der Videothek ausgeliehen und am Wochenende, wenn die Eltern verreist waren, angeschaut. Mit zunehmendem Alter hatte er sich jedoch von solchen Filmen distanziert. Nicht, weil es ihn nicht weiter gereizt hätte, er liebte den Nervenkitzel, aber Erlebnisse in seinem Leben hatten dazu geführt, dass er die Dunkelheit und alles was damit zusammenhing, fürchtete. Erlebnisse, die tief verborgen in den hintersten Ecken seiner Erinnerung ihr Dasein fristeten, nun jedoch wieder an die Oberfläche zu gelangen drohten. Er begann daran zu zweifeln, ob es eine gute Idee gewesen war, vor Fritzsch den Helden markieren zu müssen.

Soeben ließen sie den langen und mit dichtem Rauch gefüllten Glastunnel hinter sich, stiegen eine Treppe hinab und postierten sich links und rechts der Zugangstür zum Kontrollzentrum. Fritzsch tastete vorsichtig die Oberfläche der Stahltür ab, um herauszufinden, wie heiß es auf der anderen Seite war. Der Rauch kam jedoch nicht aus der Schiebetür; die Quelle lag außerhalb des Gebäudes, von wo aus er durch eine undichte Stelle eindrang. Glücklicherweise sprangen just in diesem Moment die Kühl- und Luftfilteraggregate wieder an und begannen, die dichten Schwaden einzusaugen und abzuleiten.

»Ich denke, wir können es riskieren«, konstatierte Fritzsch. »Keine Hitze.«

Flink setzte er den Rucksack mit den Ausrüstungsgegenständen ab und holte eine kurze Brechstange zum Vorschein, die er gekonnt im Türspalt ansetzte. Gemeinsam wuchteten sie die schweren Stahlplatten auseinander.

Als ob es kein leichteres Material gibt!, dachte Shane säuerlich.

Als der Spalt breit genug war, quetschte sich Fritzsch dazwischen und stemmte die Platten endgültig auseinander. Augenblicklich wurde es wieder still – eine unangenehme, drückende Stille. Im Kontrollzentrum herrschte totale Finsternis. Shane hörte zwar das Knistern Funken schlagender Leitungen, eine Lichtquelle war jedoch nirgends auszumachen.

»Sie sind nicht hier«, flüsterte er, während er Fritzsch durch die Öffnung folgte.

Der Sicherheitschef ließ den Kegel seiner Taschenlampe über die Szenerie huschen. Es sah wüst aus, wie sich die Computer und Schaltpulte übereinander stapelten. Etliche Serverschränke waren, ausschließlich durch die Gewalt der Elektrizität, umgestürzt und blockierten nun den Weg. Ansonsten schien die Situation unter Kontrolle: keine Brände oder Gefahr durch einstürzende Träger. Shane räumte einige Trümmerteile beiseite, um eine Nische freizulegen. Sie mussten nach Überlebenden suchen.

»Oh, mein Gott!« Fritzsch stand einige Meter weit von Shane entfernt und beugte sich über etwas, das am Boden lag.

Shane eilte zu ihm – und stoppte jäh. Vor ihnen lag ein verrenkter, größtenteils verschmorter Leichnam. Fritzschs Taschenlampe tauchte die grausige Szenerie zudem in ein kaltes, unnatürliches Licht. Der bläuliche Schein der LED-Lampe ließ die Person, bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Mann gehandelt hatte, wie einen halbverwesten Zombie aus einem alten Gruselschocker aussehen.

Unwillkürlich stieg Übelkeit in Shane auf. Leichen waren für ihn kein unbekannter Anblick, nicht viele waren jedoch auf diese Weise verunstaltet gewesen. Instinktiv riss er sich die Atemmaske herunter, trat einen Schritt und sog gierig die relativ frische Luft ein, um nicht zu hyperventilieren.

»Ich werde … zusehen, dass ich die Seitentüren geöffnet kriege«, sagte Fritzsch gedrückt, überreichte Shane die Taschenlampe und stolperte davon.

Der Schock saß auch ihm tief in den Gliedern, was seine zitternden Händen nur allzu deutlich verrieten.

Shane blieb alleine mit den verkohlten Überresten zurück. Die Zeit schien stehen zu bleiben, dehnte sich ins Endlose: Alles wirkte so surreal und unheimlich wie auf einem Gemälde Dalis.

Obschon ihn der Ekel würgen ließ und er sich am liebsten übergeben hätte, ging Shane in die Hocke, um die Leiche genauer zu untersuchen. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt, er konnte nur noch nicht genau sagen was. Er versuchte sich alle Details einzuprägen: Die Spuren an der Leiche, die Umgebung … Das Stromkabel, das den Mann getötet haben musste, pendelte noch immer hinter ihm in der Luft. Es schien, als hätte eine gewaltige Macht die Leitung aus der Wand gerissen. Der Techniker – das schloss Shane aus dem Overall – hatte sich nicht in Sicherheit bringen können, da sein Bein unter einem Serverschrank eingeklemmt war. Ein furchtbares Ende, dem herannahenden Tod so gnadenlos ausgeliefert zu sein.

Ein dumpfes Geräusch ließ Shane aufhorchen. Es klang, als hätte jemand ein Notizbuch oder eine Zigarettenschachtel fallengelassen. Er stand auf und ging langsam in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Suchend tastete sich der Lichtkegel seiner Taschenlampe durch den Raum. Nichts! Nichts Ungewöhnliches, soweit er das beurteilen konnte.

Wo zum Teufel blieb Fritzsch? Die Türen müssten längst geöffnet sein!

Shane wollte einfach nicht verstehen, weshalb das Unternehmen nicht auf eine derartige Situation besser vorbereitet war. Vermutlich gab es nicht einmal ausgebildetes Lösch- und Rettungspersonal. Bei der Planung war ein Unfallszenario dieser Größenordnung anscheinend gar nicht berücksichtigt worden. Mindestens eine Person war jedoch bereits an den Folgen dieses Fehlers gestorben. Eine zu viel!

Shane blieb keine Zeit, seine in Gedanken formulierte Kritik zu Ende zu bringen. Vor ihm tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Schemen auf. Für einen kurzen Moment glaubte er, Fritzsch sei zurückgekehrt, doch die Person, die sich ihm unauffällig von der Seite genähert hatte, war klein und gedrungen. Ein warmer Luftzug eilte ihr voraus, und in letzter Sekunde duckte sich Shane unter dem heranrasenden Schlag hinweg

Seine Instinkte und die automatisierten Formen jahrelangen Kampfsporttrainings hatten ihn vor einem K.O.-Schlag bewahrt. Der Angreifer, durch die Schwungkraft des eigenen, trefferlosen Schlags ins Wanken geraten, taumelte auf Shane zu, der augenblicklich reagierte und ihn mit aller Kraft von sich stieß. Vor Wut brüllend schlug der Unbekannte auf dem harten Betonboden auf, rappelte sich jedoch mindestens genauso schnell wieder auf und stürzte sich erneut auf Shane. Nur diesmal war er vorbereitet, seine Attacken kamen jetzt schnell und gezielt.

Shane glitt die Taschenlampe aus den schweißnassen Händen. Sie zerschellte am Boden, und augenblicklich wurde das Kontrollzentrum in fast undurchdringliche Schwärze getaucht. Zwar konnte man noch Umrisse erkennen, doch viel mehr auch nicht. Der Angreifer umkreiste Shane in weiten Bahnen, versuchte sich an die Dunkelheit anzupassen, indem er absichtlich Gegenstände in eine andere Richtung warf und dann vorpreschte. Doch jedes einzelne Mal gelang es Shane, die Angriffe abzuwehren, die zusehends verzweifelter wurden. Er wartete, bis die Faust des Unbekannten ein weiteres Mal vorschnellte, packte ihn geschickt am Unterarm und rammte ihm sein Knie in die gefühlte Magengegend. Stöhnend krümmte sich der Angreifer zusammen. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Doch anstatt mit einem Tritt nachzusetzen, ließ Shane von ihm ab.

Was, wenn das Ganze nur ein Missverständnis war? So dunkel, wie es war, konnte er nicht einmal erkennen, auf wen er da einschlug. Dieser Augenblick der Unachtsamkeit wurde Shane jedoch zum Verhängnis. Blitzschnell richtete sich der Unbekannte auf, holte aus und versetzte ihm einen Schlag gegen die rechte Schläfe.

Es war wohl kein Missverständnis, brachte Shanes Verstand gerade noch hervor, bevor er zusammensackte und in ein Bad aus Schwindel und Desorientierung abtauchte.

Kapitel 16

Die Welt verschwamm vor Shanes Augen. Wie ein großer, milchiger Haufen lag sie vor ihm – besser gesagt: über ihm. Er nahm undeutlich wahr, wie sich der Fremde zu ihm herabbeugte; zwischen der trüben Masse, die sein Körper sein musste, blitzte etwas auf. Etwas Goldenes, klein, aber doch von Bedeutung. Ja, es war eine Goldkrone, da war sich Shane sicher.

Wie in einem Déjà-vu zog ein bereits durchlebtes Ereignis an ihm vorbei. Es war noch gar nicht so lange her …

Die Goldkrone in seiner verwaschenen Erinnerung gehörte dem jungen arroganten Assistenten von David Meier. Viele Menschen trugen solche Goldkronen, doch sein sechster Sinn beharrte auf dem jungen Mann. Wie war doch gleich sein Name? Dirk Wagner? Jedenfalls beugte sich Wagner, so er es denn war, in diesem Augenblick über ihn und streckte die Hand nach ihm aus, und das ganz bestimmt nicht, um ihm aufzuhelfen.

Shane mobilisierte noch einmal all seine Kräfte und rollte sich schwungvoll zur Seite, wobei er aus Versehen, aber doch wirkungsvoll Wagners Knie erwischte. Allmählich ließ auch der Schwindel nach; der Schlag hatte nicht ausgereicht, um ihn für längere Zeit bewusstlos zu halten. Zu seiner Überraschung ergriff Wagner die Flucht – völlig unerwartet, denn Shane kannte ja nun die Identität seines Angreifers. Der Mann war entlarvt und konnte nirgendwo hin.

Shanes Gehirnzellen begannen zu arbeiten. Hinter dem Ganzen steckte mehr als nur ein einfacher Brand, mehr noch als ein Sabotageakt. Was war Wagners Rolle in diesem abgekarteten Spiel?

Fritzsch zufolge hatte es bereits lange Zeit vor der Ankunft des Assistenten Probleme in der Anlage gegeben. Wagner schied für die Sabotage also aus. Doch aus welchem Grund war er sonst hier? War Meier ebenfalls involviert oder handelte Wagner auf eigene Faust? Shane würde es herausfinden, koste es, was es wolle!

Er kam sich vor wie in einem Spionageroman, nur dass er mittendrin war, statt gut behütet hinter den Seiten. Trotz des überwältigenden Schwindelgefühls und des Pochens hinter seiner Schläfe rappelte er sich auf. Er steckte zu tief in dem Ganzen mit drin, als dass er es sich jetzt noch hätte erlauben können, aufzugeben. Nicht nachdem ihm dieses Arschloch von Wagner fast das Licht ausgeknipst hätte. Die Situation hatte jetzt etwas Persönliches, und Shane lachte grimmig, als er auf den Ausgang des Kontrollzentrums zu stolperte. Meier hatte seine Drohung von gestern wahrgemacht und ihm seinen Assistenten auf den Hals gehetzt. Zu Schade, dass er nicht hatte zu Ende bringen können, womit er begonnen hatte. Schade für Meier! Shane schwor sich, ihm die Eingeweide rauszureißen, wenn er die nächsten Minuten überlebte. Hustend trat er auf den Gang vor dem Kontrollzentrum hinaus.

In welche Richtung war Wagner gelaufen? Den Glastunnel zurück zum Hotel konnte er schwerlich genommen haben. Welche Möglichkeiten gab es noch? Nur die Büroräume! Alle anderen Wege führten unweigerlich nach draußen, wo noch immer Brände wüteten.

Wagner hatte etwas gesucht – oder jemanden? Shane blickte flüchtig zu dem verkohlten Leichnam. War Wagner für den Tod des Technikers verantwortlich? Die Stelle, an der das Starkstromkabel beim Opfer angesetzt worden war, wirkte sehr punktuell, was darauf hindeutete, dass es absichtlich am Nacken, dort wo der Hirnstamm saß, angesetzt worden war. Indes nur eine Vermutung, die womöglich niemals bewiesen werden würde.

Mit noch immer pochenden Schläfen nahm Shane die Verfolgung auf: raus aus dem Kontrollzentrum, die Treppe hoch und nach rechts. In der Eile und durch den unerwarteten Zweikampf hatte er Fritzsch völlig vergessen, jetzt kam ihm der Sicherheitschef wieder in den Sinn. Ob Fritzsch etwas zugestoßen war? Wagner war schließlich alles zuzutrauen.

Shane fand sich in einem steril anmutenden und verlassenen Flur wieder, der durch einfallendes Sonnenlicht erhellt wurde. Mehrere eingefärbte Dachfenster befanden sich direkt über ihm. Die neue Umgebung bot einen starken Kontrast zum undurchdringlichen Halbdunkel des Kontrollzentrums.

Augenblicklich fühlte sich Shane wohler, selbstsicherer.

Alle Türen waren verschlossen, bis auf eine. Shane hatte das dumpfe Gefühl, dass das, wonach Wagner so dringend zu suchen schien, dahinter verborgen lag.

Der Rauch war weitestgehend durch die Filteraggregate entfernt worden, doch die Luft roch noch immer bitter und brannte in der Nase. Allzu lange durfte man sich auch dieser geringen Schadstoffkonzentration nicht aussetzen.

An jeder der Türen war ein kleines in Plastikschild mit dem Namen und der Position des Mitarbeiters, der den jeweiligen Raum bewohnte, angebracht. Auf der rechten Seite lagen ausnahmslos Wohnquartiere, bestimmt auch das des toten Technikers. Shane verlangsamte seinen Schritt, um den Rest der Strecke lautlos zurückzulegen. An die Wand gepresst tastete er sich langsam vor.

Auf einem der Schilder stand: Yusuf Bagdshira, Techniker. Die Tür war nur angelehnt.

Shanes Puls stieg rasant in die Höhe. Falls sich Wagner in dem Quartier aufhielt, lief er unter Umständen direkt in eine Falle.

Aber er war nicht so weit gekommen, um jetzt einen Rückzieher zu machen.

Ohne einen weiteren Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, stürmte Shane in das Quartier – doch statt Wagner beim Durchsuchen zu überraschen, blickte er nur in ein leeres, wenn auch chaotisches Zimmer. Bücher waren aus den Regalen gerissen worden, Speicherdiscs lagen hüllenlos auf dem Boden und auch das restliche Mobiliar war offensichtlich auf den Kopf gestellt worden. Wagner war zweifelsohne hier gewesen und höchstwahrscheinlich hatte er auch gefunden, wonach er gesucht hatte.

Wie hatte er nur geschafft, alles innerhalb weniger Minuten so gründlich zu durchforsten? Gedankenverloren hob Shane eine der zwei Zoll großen und grünlich schimmernden Discs auf, die in diesem Fall wohl, wie der Titel verriet, Lehrmaterial einer Universität enthielt. Dabei trat er versehentlich auf eine weitere Disc, die aber glücklicherweise weder zersprang noch sonstige Beschädigungen aufwies. Die Discs, die unter der Bezeichnung ›Laser Data‹ auf den Markt gekommen waren, hatten mittlerweile sämtliche Speichermedien, die es vorher gegeben hatte, abgelöst. Im Vergleich mit älteren USB-Sticks oder der guten alten DVD bestachen sie vor allem durch ihre fast absolute Robustheit. Weder Wasser, Hitze, Kälte, noch Stöße oder sogar schwere Belastungen wie Shanes Fußtritt konnten einer solchen Disc etwas anhaben. Vor allem deswegen hatte sie sich auf dem Markt durchgesetzt und nicht, wie einstmals vermutet, die schmalen Sticks.

Shane drehte sich um, bereit, den Raum wieder zu verlassen - doch neben der Tür, in einem toten Winkel, stand lässig angelehnt Dirk Wagner. In seiner rechten Hand hielt er einen futuristisch anmutenden Gegenstand, sehr wahrscheinlich eine Waffe. Sie war aus mehreren Stücken verschiedener Materialien zusammengesetzt und überaus eindrucksvoll. Ihr Lauf deutete direkt auf Shanes Brust.

»Ich hoffe, Ihre Neugier ist nun befriedigt. Ein Mann wie Sie stirbt doch sicherlich nicht gerne mit dem Gefühl, das Wichtigste verpasst zu haben«

Shane war zu geschockt, um auf Wagners Drohungen zu reagieren. Er hatte sich tatsächlich in Sicherheit gewägt, nicht damit gerechnet, dass ihn Wagner die ganze Zeit aus einem Schlupfwinkel beobachtete. Der Deutsche war in seine Muttersprache verfallen.

»Im Kontrollzentrum habe ich Sie verschont, Sie waren keine wirkliche Bedrohung für meinen Auftrag. Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie mich mit Bagdshira in Verbindung bringen! Sie können mir glauben, das Ganze bereitet mir keine Freude. Ich werde Sie nicht unnötig leiden lassen. Jetzt drehen Sie sich um!«

Wagner fuchtelte mit der improvisierten Kanone Marke Eigenbau herum und bedeutete Shane, sich auf das Bett zu setzen, das mit einer hellen Tagesdecke bespannt war. Der Assistent trug eine dunkle Hose aus dünnem Leinenstoff sowie eine dazu passende Strickjacke, aus deren Bauchtasche etwas hervorblitzte – eine Laser Data Disc. Danach hatte Wagner also gesucht, nach einer Disc, die mit ziemlicher Sicherheit brisante Daten enthielt. Doch welche Rolle spielte Yusuf Bagdshira dabei?

»Da sitzen bleiben«, sagte Wagner, während er mit der freien Hand etwas in sein Smartphone tippte. Endlose Sekunden vergingen, in denen Shane seine Chancen, lebend aus der Situation herauszukommen, drastisch schwinden sah. Wagner steckte sein Smartphone in die Hemdtasche und nickte mit dem Kopf in Richtung Tür. »Kommen Sie, wir machen einen kleinen Spaziergang!«

Shane tat wie ihm geheißen. So wie die Dinge lagen, bestand für ihn nicht die geringste Chance, den vermeintlichen Auftragsmörder zu überwältigen. Wagner verstand offenbar sein Handwerk und hielt konstant einen Abstand von mindestens zwei Metern; eine Distanz, die bei Weitem nicht ausreichte, um sich schnell herumzudrehen und seinen Gegner zu entwaffnen. Diese Machtlosigkeit war das Schlimmste an der ganzen Situation: dem Gegner schutzlos ausgeliefert zu sein, den eigenen Tod vorausahnend.

Als sie die nach unten führende Treppe erreichten, spürte Shane unterbewusst die Anwesenheit einer weiteren Person. Ob sich Fritzsch wieder erholt hatte? Wagner schien davon nichts mitzubekommen, immer wieder warf er hektische Blicke auf sein Smartphone. Was ihm kurz darauf zum Verhängnis werden sollte! Als sie die Hälfte der Treppe hinter sich gelassen hatten, geschah es. Wagner wurde nach vorne gestoßen, überschlug sich und stürzte an Shane vorbei die Treppe hinunter, wobei er gequält aufschrie.

Shane wirbelte herum. Oben, am Treppenabsatz, stand der junge Sicherheitsbeamte, der ihnen vorhin die Schutzausrüstung gebracht hatte. Lässig schwenkte er eine schwere Taschenlampe, die er Wagner von hinten über den Kopf gezogen hatte. Shane, der sich bereits mit seinem Schicksal abgefunden hatte, atmete erleichtert auf.

Williams grinste ihm stolz zu, merkte jedoch nicht, dass sich Wagner noch regte. Shane sah es kommen, schrie warnend auf, doch Williams war zu langsam. Stöhnend hob Wagner seine Waffe und schoss! Dann sackte er wieder in sich zusammen.

Der Schuss klang kreischend, so wie ein Luftpfeifer in der Silvesternacht, nicht zu vergleichen mit einem Schuss aus einer herkömmlichen Pistole. Das Projektil traf Williams in die Brust und fegte ihn von den Beinen.

Shane eilte zu ihm, riss mit einer einzigen Bewegung seinen Overall entzwei und presste ihn auf die Wunde, doch das Blut quoll erbarmungslos darunter hervor. Die Brust des jungen Mannes und das provisorische Verbandszeug färbten sich dunkelrot. Aus den Mundwinkeln liefen ebenfalls kleine rote Rinnsale. Für Williams kam jede Hilfe zu spät. Sein Körper zuckte noch einige Male, dann wurde er ruhig, unnatürlich ruhig.

Shane konnte seine Tränen nicht zurückhalten, der Schock setzte augenblicklich ein. Hysterisch versuchte er, einen nicht existenten Puls zu fühlen, einen nicht existenten Atem zu spüren, doch da war nichts außer dem tiefen Brummen der Aggregate.

Erst als ein zweites Geschoss dicht neben ihm in den Boden fuhr und den Beton aufspritzen ließ, realisierte er, dass die Gefahr noch nicht gebannt war. Wagner lebte und hatte noch immer, wenn nicht sogar noch entschlossener das Ziel, Shane zu töten.

Auf einer der Treppenstufen blitzte etwas auf: die Disc. Sie musste Wagner aus der Tasche gefallen sein, als ihn Williams attackiert hatte. Shane griff danach, sprang auf und rannte los.

Der schnelle Sprint und die Unterversorgung mit Sauerstoff forderten ihren Tribut. Shane begann zu keuchen. Er wurde langsamer. Verzweifelt warf er im Laufen kurze Blicke über die Schulter, doch von seinem Verfolger fehlte jede Spur. Dann sah er unter sich eine Bewegung. Wagner rannte genau unter dem Glastunnel zwischen den Solarkollektoren hindurch.

Kapitel 17

Schwer atmend erreichte Shane die massive Stahltür zum Hotel und hämmerte mit letzter Kraft dagegen. Unverzüglich wurde ihm geöffnet und ein Dutzend Augenpaare musterten ihn besorgt.

»Fritzsch ist verletzt, er braucht Hilfe!«, sagte Shane noch, bevor ihn ein Hustenanfall durchschüttelte.

»Was ist mit Williams?«, fragte ein Sicherheitsmann besorgt. »Er wollte nach Ihnen sehen, geht es ihm gut?«

Shane schüttelte den Kopf. »Holen Sie mir einen der Verantwortlichen, schnell!«, krächzte er. »Wir haben ein Problem.«

Die Betonung seiner Worte war eindeutig und der Sicherheitsmann eilte ohne weitere Nachfrage davon. Shane ließ sich japsend zu Boden sinken, wo ihm Wasser und ein Handtuch gereicht wurden, mit dem er sich den gröbsten Schweiß aus dem Gesicht wischte. Er zitterte. Jeder Muskel seines Körpers schmerzte und die Schmerzen wurden zusehends intensiver. Das Adrenalin, das bis eben noch durch seine Blutbahnen gerauscht war, verflog und hinterließ nichts außer physischer Qual. Für eine gewisse Zeit konnte der menschliche Körper jegliche äußere Einflüsse ignorieren und Kraftreserven mobilisieren, von denen man sonst nur geträumt hätte. Was danach auf einen wartete, war jedoch umso unangenehmer.

»Wie konnten Sie nur? Sie sind als Gast hier und mischen sich in Angelegenheiten des Unternehmens ein«, fauchte Amaya Ling.

Shane glaubte, nicht richtig zu hören. Ihn überkam kalte Wut. Langsam hob er seinen dröhnenden Kopf und sah ihr tief in die dunklen Augen.

Sie zuckte erschrocken zusammen und setzte augenblicklich zu einer Entschuldigung an. »Ich, äh …!«

»Ihre Anlage fliegt in die Luft, Ihr Sicherheitschef wurde niedergeschlagen und einer der Sicherheitsmänner ist tot«, resümierte Shane mit kalter Sachlichkeit. Bei der letzten Bemerkung stöhnte der Mann, der Ling herbeigeholt hatte, geschockt auf. »Und Sie wollen mir Vorträge halten? Schieben Sie sich Ihre Belehrungen sonst wohin! Ich wollte Sie warnen, Ihnen berichten, was geschehen ist, Sie vor weiteren Dummheiten bewahren, aber ich sehe, meine Unterstützung ist nicht gewollt. Wenn nur Sie davon betroffen wären, würde ich einfach nur abwarten und Tee trinken und mich dann an Ihrem entsetzten Gesichtsausdruck weiden, wenn Sie herausfinden, was passiert ist. Aber nun stehen Menschenleben auf dem Spiel!«

Er hielt nichts zurück, ließ seinem Ärger freien Lauf. Shane wusste, dass er zu hart mit ihr umsprang, doch es war ihm egal. Sollte sie von ihm doch halten, was sie wollte.

»Williams ist tot, wie konnte das geschehen?« Es war der Sicherheitsmann, der Shane von Anfang an ernst genommen hatte. Er trug einen schwarzen Anzug und ein Headset, mit dem er mit der Zentrale verbunden war. Sein Namensschild wies ihn als Martin van Holder aus: Hotelsicherheit und darüber hinaus Niederländer. Shane mochte die Niederländer, hatte sie schon immer gemocht.

»Ich weiß nicht, warum er sterben musste, aber ich weiß, wer ihn umgebracht hat.«

Shane holte tief Luft. Konnte er die Wahrheit sagen? Würde man ihm glauben? Was, wenn Ling darin verwickelt war? Er erzählte es trotzdem, darauf bedacht, nichts von der Disc oder Yusuf Bagdshira zu erwähnen. Das konnte er später noch nachholen, wenn alles vorüber war.

Mehrere der verbliebenen Sicherheitskräfte stoben auf Anweisung Martin van Holders davon, um die verschiedenen Eingänge des Hotels zu überwachen und Wagner umgehend festzusetzen. Niemand konnte wissen, was er als Nächstes vorhatte. Es war nicht auszuschließen, dass er zurückkehrte, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte.

»Dann war es wirklich Sabotage, den Brand meine ich«, sinnierte Ling und riss Shane damit aus seinen Gedanken. »Fritzsch hatte die ganze Zeit über recht.«

»Und Sie haben nicht auf ihn gehört«, stellte Shane kühl fest.

»Nein, doch, ja … ich wollte ihm glauben, aber es klang so haltlos. Ich wollte das Zusammentreffen nicht gefährden, weil es doch von so großer Bedeutung ist. Es stimmt, ich hätte mehr darauf eingehen müssen.« Sie ließ resigniert den Kopf hängen.

»Das hätten Sie Miss Ling, das hätten Sie«, brummte Shane.

***

Allmählich erholte sich sein Körper von den Strapazen des Kampfes mit Wagner. Sein Schädel brummte nur noch unterschwellig und das Brennen in seinen Lungen ließ langsam nach. Gemeinsam mit Ling, van Holder und dem Rest des Personals wartete er geduldig auf die Rückkehr der Gruppe um Estella. Es war ihnen gelungen, die Kollektorfläche zu durchqueren und die offene Wüste zu erreichen. Rettungstrupps hatten die völlig verstörten Gäste aufgegriffen und waren nun mit drei Jeeps auf dem Weg zurück zum Hotel.

Das Gesicht der jungen Forschungsleiterin erschien plötzlich vor Shanes innerem Auge. Hoffentlich geht es ihr gut, dachte er. Der Kampf auf Leben und Tod und die Ermordung Williams’ hatten sie vorübergehend aus seinen Gedanken verbannt, doch nun kehrte die Sorge um sie zurück.

Aus der Ferne hörte man Motorengeräusche, die immer näher kamen. Ein bis zwei Minuten noch, dann waren sie da. Sobald Estella versorgt war, wollte er mit ihr sprechen, und dann würde sich hoffentlich alles klären. Wagner würde gefasst und die Sabotage aufgedeckt werden. Um die weiteren Verstrickungen konnten sich die lokalen Behörden kümmern – sofern sich in einem Staat wie der Arabischen Republik Sahara jemand um die Belange eines multinationalen Energiekonzerns scherte.

Von der rätselhaften Disc hatte Shane noch niemandem erzählt. Ihr Inhalt würde hoffentlich Aufschluss über Wagners Ziele geben. Die Daten mussten höchst brisant sein, so brisant, dass Menschen bereit waren, dafür zu morden. Shane verschob alle weiteren Überlegungen, er würde sich später damit befassen, sobald die Verletzten in Sicherheit waren.

Das unverkennbare Rattern von Dieselmotoren drang zu ihnen herüber. Wäre die Situation nicht todernst gewesen, hätte Shanes Zeitungsartikel an dieser Stelle einen ironischen Unterton angenommen. Umweltverpestende Motoren machten sich nicht so gut für ein Unternehmen, dessen vorrangige Ziele dem Umweltschutz verschrieben waren. Indes bezweifelte Shane ernsthaft, dass er überhaupt noch einen Artikel schreiben würde, zumindest solange nicht, bis er alle Einzelheiten kannte.

Schlagartig wurde ihm etwas bewusst, an das er bisher nicht gedacht hatte. Seine Hand fuhr zu van Holders Schulter und rüttelte ihn durch. »Kontaktieren Sie die Männer in den Jeeps, schnell!«

»Was? Wieso?« Van Holder wirkte irritiert und seine Stimme wurde von dem einsetzenden Freudengeschrei der Hotelangestellten übertönt.

»Wagner könnte in einem der Jeeps sein!«, schrie Shane direkt in van Holders Ohr, um sich über das Geschrei hinweg verständlich zu machen. »Niemand von den Gästen weiß, was in der Zwischenzeit passiert ist«

Ling hatte ihren kurzen Wortwechsel belauscht und redete nun ebenfalls auf van Holder ein. »Tun Sie doch etwas! Wenn auch nur einem der Gäste etwas zustößt, werde ich Sie persönlich für …«

Gerade als der Sicherheitsmann sein Funkgerät zücken wollte, kamen die Jeeps um die Ecke geschossen und hielten mit quietschenden Reifen vor dem Hoteleingang. Den erschöpften Gästen wurde umgehend aus dem engen Innenraum geholfen. Allen stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Keiner lächelte, ja nicht einmal Erleichterung über die Rettung war aus ihren Augen zu lesen.

Während die wenigen Sanitäter und die beiden Hotelärzte sich unter die Leute mischten, versuchte Shane fieberhaft, Wagner in der Menge auszumachen.

Gemeinsam mit van Holder drängte er sich zwischen den anderen Gästen hindurch. Es herrschte das reinste Chaos. Shane blickte in verstörte, sonnenverbrannte Gesichter. Von überall her waren klagende Laute und empörte Äußerungen zu hören; jeder redete wild durcheinander. Unsanft stieß Shane Thalia Morgan beiseite, die sich nicht von dem bemühten Hotelpersonal beruhigen lassen wollte. Es wurde mit Schadensersatzklagen und geplatzten Investitionen gedroht. Inmitten des Getümmels erblickte Shane Estella. Sie stand ein wenig abseits von den anderen und starrte apathisch in die Wüste. Direkt hinter ihr befand sich David Meier, der verzweifelt versuchte, seine schweißnassen, zusammengeklebten Haare wieder in Form zu bringen.

Wo zum Teufel steckte Wagner? Shane wusste, dass er hier war; er konnte es spüren. Jeden Moment könnte er … da tauchte er wie aus dem Nichts auf, keine drei Meter von Meier entfernt, die provisorische Pistole erhoben. Er musste sich hinter dem letzten Jeep versteckt und auf den richtigen Moment zum Zuschlagen gewartet haben. Blitzschnell war er hinter Meier. Seine linke Hand schnellte vor und krallte sich um Meiers Kehlkopf, während er mit der rechten die Waffe an dessen Schläfe presste. Lennard Franks Ehefrau kreischte hysterisch auf.

Innerhalb weniger Sekunden stob die Menge auseinander: Gäste und Personal rannten kreischend durcheinander, stießen sich gegenseitig zu Boden und suchten verzweifelt nach einem Fluchtweg.

Ein Schuss fuhr in den Himmel.

»Ruhe!«, schrie Wagner, die Pistole bereits wieder auf Meier gerichtet.

»Ich werde ihn erschießen!« Meier begann unkontrolliert zu zittern, und Wagner hatte Schwierigkeiten, ihn auf den Beinen zu halten. Die kalte, berechnende Fassade des jungen Mannes bekam allmählich Risse. Schweiß lief ihm über die Stirn und die Handflächen. Shane hatte seinen Plan durchkreuzt, sodass ihm nur noch eine Geiselnahme als letzter Ausweg geblieben war. Jetzt hielt er seinem Vorgesetzten eine Waffe an den Kopf – sofern er überhaupt jemals für Meier gearbeitet hatte.

Van Holder reagierte blitzschnell, zog seine eigene Waffe aus dem Holster und richtete sie auf den Geiselnehmer. Wäre nicht schon ein heilloses Durcheinander ausgebrochen gewesen, wären die Dinge in diesem Moment endgültig außer Kontrolle geraten. Van Holder und Wagner starrten sich finster und kalkulierend an. Wagner benutzte Meier nun als menschliches Schutzschild, sodass ein Schuss auf ihn auch unweigerlich seinen Vorgesetzten getötet hätte.

»Dirk, bitte«, flüsterte Meier gerade so laut, dass es nur die Nahestehenden verstehen konnten.

Zum ersten Mal hatte Shane Mitleid mit dem dicklichen Atom-Lobbyisten. Niemand verdiente ein solches Schicksal, nicht einmal eine so niederträchtige und manipulative Person wie Meier.

Es entbehrte jeglicher Logik und jeglichen Verstands, aber wenn Shane gekonnt hätte, er hätte mit Meier getauscht. Ihm müsste Wagner eine Pistole an den Kopf halten. Das war etwas Persönliches, spätestens seit ihrem Zusammentreffen im Kontrollzentrum. Er hatte Wagners Pläne vereitelt und ihm die gestohlene Disc wieder abgenommen. Meier war, so ungern sich Shane das auch eingestand, ausnahmsweise unschuldig. Über van Holders Schulter hinweg starrte er den jungen Mann an.

Täuschte er sich oder flüsterte Wagner Meier etwas ins Ohr? Shane versuchte, genauer hinzusehen, doch da schwenkte auf einmal Wagners Waffe herum. Sie zielte nun nicht mehr auf Meiers Schläfe, sondern direkt auf ihn. Jetzt befand er sich in genau der Situation, die er eben noch in Gedanken heraufbeschworen hatte. In solchen Momenten bewies die Welt, welch makaberen Sinn für Ironie sie doch hatte. Shane kam nicht mehr dazu, den Gedanken zu Ende zu bringen. Die Zeit schien sich zu verlangsamen, stillzustehen.

Es krachten zwei Schüsse: Einer aus der Waffe des Sicherheitsmannes, donnernd und laut, der andere aus Wagners modifizierter Pistole – surrend wie ein Pfeil. Shane konnte nicht fassen, was geschehen war; Wagner hatte ihn verfehlt. Er wollte auf ihn zustürzen, ihm die Waffe entreißen …

Doch plötzlich gaben seine Beine nach. Weshalb nur sahen ihn alle anderen so bestürzt an?

Shane sackte langsam zusammen und blieb auf dem Rücken liegen. Seine Brust wurde eigenartig warm, dann begann das Herz übernatürlich laut zu pochen. Eine heiße Flüssigkeit breitete sich auf ihm aus. Die Zeit hörte auf, wie eine Schnecke dahinzukriechen und wurde immer schneller und schneller. Shane begriff allmählich: Das Projektil hatte ihn nicht verfehlt, es steckte zwischen seinen Rippen.

Verschwommene Gesichter füllten sein Blickfeld aus, doch eines stach besonders daraus hervor. Es gehörte einer jungen Frau; er war froh, dass sie da war. Ihre klaren, indigoblauen Augen zogen ihn auf den Grund des Meeres seiner Existenz hinab.

Das war es also, das größte Mysterium der Menschheit. Shane hatte sich Sterben viel spektakulärer vorgestellt, erfüllender – doch der Blick in Estellas Augen blieb das einzig Erfüllende in diesem Moment der Agonie, bevor er für immer in der Schwärze versank.

Teil 2: Vorbereitungen

Kapitel 18

10. Mai 2023

Sizilien

Palermo

Giacomo starrte mit abwesendem Blick hinaus auf das unruhige ›Tyrrhenische Meer‹. Dunkle Wellen mit weißen Schaumkronen rauschten heran und brachen sich am hellen Thassos-Marmor, der die Hafenmole befestigte. Im Laufe der letzten Jahre waren immer mehr Steinblöcke aufgeschichtet worden, um die gewaltigen Wassermassen daran zu hindern, noch weiter ins Land vorzudringen. Das Meer versuchte zurückzuerobern, was ihm genommen worden war.

Die Luft schmeckte salzig und erfrischte seine Sinne, so wie das Rauschen des Wassers sämtlichen seelischen Ballast davonspülte. Mit jedem Atemzug, den er tat, wurde er ruhiger. Verworrene Gedankengänge begannen sich zu ordnen und sein Kopf wurde wieder klar.

Es war erst früher Nachmittag, weshalb sich die meisten Touristen noch in den zahlreichen Restaurants entlang der Strandpromenade aufhielten. Giacomo hasste die Hektik und Rastlosigkeit der Menschen, vielmehr liebte er die Einsamkeit und die Ruhe. Obwohl oder gerade weil er einen Großteil seines Lebens in riesigen Metropolen verbracht hatte, fühlte er sich in ländlichen Umgebungen wohl. Er blendete all die Häuser, Menschen und Fahrzeuge hinter sich aus und konzentrierte sich voll und ganz auf das gewaltige Naturschauspiel.

Aus der ausgebeulten Tasche seines ockerfarbenen Leinenhemds brachte er eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und betrachtete sie nachdenklich. Der Geschmack echten Tabaks blieb unantastbar. Zwar gab es elektronische Nachbauprodukte, die mit Hilfe aromatisierten Wasserdampfs den Eindruck von Rauch erweckten, doch war das Erlebnis nicht mit dem echten, lungenverpestenden Qualm zu vergleichen.

Der tosende Wind machte es ihm nicht leicht, den Stängel zum Glimmen zu bringen, als wolle die Natur verhindern, dass er sich selbst vergiftete. Wütend schleuderte er die Packung von sich.

Als ob er das Meer strafen wollte, wandte er sich ab und betrachtete stattdessen die ›Ingresso di Villa Guilia al Foro Italico‹, eine winzige Parkanlage direkt an der Hauptstraße, die über die Jahre an Attraktivität gewonnen hatte. Dicht gedrängt stehende, schattenspendende Palmen und exotische Sträucher erweckten den Eindruck, als hätte man ein Stück Urwald an einem anderen Teil der Erde herausgeschnitten und hier wieder eingesetzt.

Ein Blick auf seine goldene Armbanduhr verriet ihm, dass es an der Zeit war … Eilig durchquerte Giacomo den Park, schob das kleine Gatter beiseite und hielt auf seinen Mietwagen zu, den er am Straßenrand geparkt hatte.

Der Alfa Romeo hatte sich im Zuge des Wasserstoff- und Elektro-Booms durchgesetzt. Von den Straßen Italiens war er nicht mehr wegzudenken. Nur die türkisfarbene Lackierung war Giacomo ein Dorn im Auge, auch wenn er sich beim Händler genügsam gegeben hatte. Er wollte, durfte nicht auffallen. Giacomos Vergangenheit und seine jetzige Profession verboten es ihm, in irgendeiner Weise auf sich aufmerksam zu machen. Manchmal wünschte er sich, wie ein normaler Mensch leben zu können, ohne die ständige Angst, erwischt zu werden. Er war einer der Besten auf seinem Gebiet, aber was hieß das schon?

Per Knopfdruck ließ er den Wagen an, der lautlos Bereitschaft meldete. Ein weiterer Vorteil der neuen Wasserstoffmodelle: Sie produzierten weder giftige Abgase noch Lärm, wodurch es in den meisten Städten erheblich ruhiger geworden war.

Er beschleunigte auf etwa vierzig Stundenkilometer und fädelte sich in den Verkehr ein. Bald darf man die Straßen nur noch mit Schrittgeschwindigkeit befahren, dachte er verächtlich. Er hatte schon die ursprünglichen fünfzig Stundenkilometer lächerlich gefunden, vierzig aber waren eine Beleidigung für jeden versierten Autofahrer.

Allerdings galt auch an dieser Stelle das Gebot der Vorsicht: Fuhr er zu schnell, riskierte er, von der Polizei angehalten zu werden, was wiederum bedeutete, dass er seine falsche Identität gefährdete. Man wusste nie, wem man begegnete. Im Normalfall war der falsche Pass, selbst der eingebaute Mikrochip, nicht vom Original zu unterscheiden, doch hatte es in der Weltgeschichte schon die unangenehmsten Zufälle gegeben. Giacomo glaubte, dass vor allem die naive Sorglosigkeit den meisten Verbrechern, ob nun Schmuggler, Bankräuber oder Auftragsmörder, zum Verhängnis wurde.

Kurz darauf verließ er die Hauptstraße und bog rechts ab. Auf dem ›Piazza Capitaneria del Porto‹ entdeckte er überraschenderweise eine Lücke und parkte den Wagen. Noch sieben Minuten! Sieben Minuten, die ihn vom wohl größten Auftrag seiner Karriere trennten. Er nahm es gelassen, Geschäft blieb Geschäft.

Auf dem Rücksitz lag ein dünner Basthut, den er sich beim Aussteigen lässig auf den Kopf warf und mit einer gekonnten Handbewegung zurechtrückte. Eine Signorina in einem feuerroten Sommerkleid bemerkte ihn und winkte ihm flirtend zu. Er vollführte eine charmante Verbeugung, ging aber nicht weiter auf das Spiel ein.

Sein Vorname passte zu ihm wie die Faust aufs Auge, denn er besaß nicht unerhebliche Ähnlichkeit mit dem charmanten Verführer vergangener Tage. Er war ein Casanova, die Frauen liebten ihn, was nicht nur auf sein gespielt zuvorkommendes Verhalten zurückzuführen war. Vermutlich lag es an seiner sonnengebräunten reinen Haut, seinen vollen schwarzen Haaren und oder dem muskulösen Körperbau. Eine flüchtige Bekanntschaft hatte ihm im Liebeswahn zugeflüstert, dass seine Augen denen eines wilden Stieres und einer zahmen Katze zugleich ähnelten. Er hatte sie nie wieder gesehen.

Obschon er sich vorgenommen hatte, es bedachtsam anzugehen, übermannte ihn nun doch die Aufregung, nachdem er die Hälfte des Piers hinter sich gelassen hatte. Wer mochte der ominöse Auftraggeber sein? In den Kreisen, in denen er für gewöhnlich verkehrte, war der Name noch nie gefallen. Wahrscheinlich würde er sich ohnehin nur mit einem Mittelsmann treffen. Die wenigsten Auftraggeber erschienen beim ersten Mal persönlich. Wenn sie es doch taten, dann sagte das etwas über sie aus, nämlich, dass sie entweder leichtsinnig und von sich selbst eingenommen waren, oder dass sie keine Konsequenzen scheuten, was Giacomo stets misstrauisch werden ließ.

Um nicht nachlässig zu werden, konzentrierte er sich wieder auf seine Umgebung.

Die Boote schaukelten geräuschvoll auf und ab und die Möwen zogen tief ihre Kreise. Es würde Regen geben und sich abkühlen, denn der Wind hatte aufgefrischt und zerrte nun energisch an seiner Kleidung. Fast hätte es ihm den Hut vom Kopf geweht.

Ein alter Seemann vertäute brummend seinen Kahn, griff nach der Whiskyflasche, die neben ihm auf dem Boden stand, und nahm einen tiefen Schluck. Leicht torkelnd wankte er an Giacomo vorbei in Richtung Hafenmeister. Hoffentlich lichten ihn ein paar Touristen ab, dachte Giacomo schadenfroh.

Am Ende des Piers saß ein Mann mittleren Alters auf einer steinernen Bank. Er trug Anzug und Krawatte, weswegen Giacomo nicht daran zweifelte, dass es sich bei ihm um seine Kontaktperson handelte. Niemand sonst hätte bei diesem Wetter Schlips und Kragen getragen. Auffälliger ging es kaum, aber Giacomo ermahnte sich, sein Gegenüber trotzdem nicht zu unterschätzen.

Schweigend setzte er sich neben ihn, und musterte die ungewöhnlich helle Haut des Fremden. Wie abgemacht lehnte eine Angelrute an der Bank.

»Invan si pesca se l’amo non ha l’esca«, sagte Giacomo das vereinbarte Codewort auf, was so viel bedeutete wie: Man fischt umsonst, wenn der Angelhaken keinen Köder hat. Es war ein altes Sprichwort und deswegen unverfänglich.

»Quanto è vero«, antwortete der Fremde, wonach beide für einen Moment den Fischerbooten hinterher schauten, ehe sie sich einander zuwandten. Aus den Augenwinkeln bemerkte Giacomo einen weiteren Anzugträger, der nicht weit entfernt auf einem der Boote stand. Sie wurden beobachtet. Giacomo deutete mit einer leichten Kopfbewegung in die Richtung, und der Fremde nickte.

»Alles in Ordnung. Nicht hinter jeder Ecke lauert der Feind, Signore.«

Ungeniert winkten sich die beiden Anzugträger zu.

Giacomo ging nicht weiter darauf ein. »Sie haben einen Auftrag für mich?«

»Nana, immer mit der Ruhe, Signor Salvadore!« Ein aufgesetztes Lächeln entblößte makellose Zähne von einem Weiß, das an poliertes Elfenbein erinnerte. »Ich werde Ihnen keine Mappe mit rot eingerahmten Photographien überreichen, und dann war’s das.« Der Mittelsmann schien äußerst belustigt. »Wenn Sie für uns arbeiten wollen, werden Sie Ihren eifrigen Abzugsfinger für eine Weile bandagieren müssen, fürchte ich.«

In diesem Augenblick begriff Giacomo, dass er es tatsächlich ganz nach oben geschafft hatte. Der Mann, mit dem er verhandelte, war nicht irgendein Lakai, sondern eine einflussreiche Persönlichkeit. Wie bedeutsam diejenigen sein mochten, die ihn geschickt hatten, konnte er nur erahnen.

Von nun an durfte er sich jedenfalls keine Fehler mehr erlauben, ansonsten würde man ihn am nächsten Tag aufgedunsen aus dem Hafenbecken fischen. Normalerweise wähnte er sich gegenüber seinen Auftraggebern im Vorteil, diese Selbstsicherheit war ihm jedoch mit wenigen Sätzen genommen worden. Der Fremde hatte Giacomo auf subtile Art deutlich gemacht, dass er nicht nur unbedeutend, sondern auch entbehrlich war. Das hatte er nicht erwartet, er war es gewohnt, gebeten zu werden, wenn jemand seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, er war nämlich kein Killer von der Sorte, die sich für keinen Auftrag zu schade waren.

»Signor Salvadore, man sagte mir, Ihre Erfolgsquote läge bei einhundert Prozent. Kann ich mich darauf verlassen, dass dies zutreffend ist? Sie müssen wissen, ich persönlich habe Sie vorgeschlagen; es hängt also viel davon ab, ob mein Vertrauen in Sie gerechtfertigt war.«

»Wenn ich mir Misserfolge oder Ungenauigkeiten erlauben würde, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich kann Ihnen versichern, meine Motivation ist das Geld, keine Religion oder pseudo-esoterische Scheiße. Ich hoffe, dies beantwortet Ihre Frage klar und deutlich.«

Giacomo lehnte sich zurück. Alles was er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Er hatte nichts zu befürchten.

»Genau das wollte ich hören.« Der Fremde taxierte ihn mit seinen strahlend blauen Augen. »Wenn Sie dabei sein wollen, brauche ich jetzt eine verbindliche Zusage. Danach gibt es kein Zurück mehr. Bedingungslose Loyalität setzen wir voraus. Wenden Sie sich gegen uns oder gefährden Sie in irgendeiner Weise die Operation, werden Sie eliminiert. Schließen Sie den Auftrag erfolgreich ab, erhalten Sie das Geld. Ein Vorschuss ist verhandelbar.«

»Wie viel?«, fragte Giacomo kühl. Stimmte die Summe, würde er ohne zu zögern einschlagen, denn er zweifelte nicht daran, dass eine Ablehnung seinen sofortigen Tod zur Folge haben würde. Mitwisser waren in diesem Metier unerwünscht, und Fehler wurden nicht toleriert. Man konnte sich bis zu einem gewissen Grad absichern, aber letztendlich stand man alleine da – gegen ein ganzes Netz von Auftragskillern.

Erfreulicherweise gab es selbst unter den brutalsten Auftragsmördern eine Art Ehrenkodex: Deal blieb Deal! Die Ehre spielte in der organisierten Kriminalität eine große Rolle. Giacomo musste unwillkürlich an Francis Ford Coppolas Mafiastreifen ›Der Pate‹ denken: Wie viel Wahrheit doch in dem alten Film steckte!

»Zehn Millionen, drei als Vorschuss. Jedes Teammitglied erhält dieselbe Summe.«

»Ich arbeite aus Prinzip nicht mit anderen zusammen.«

»Ihre Prinzipien gehen mir am Arsch vorbei, Mann.« Das künstliche Lächeln war einer steinernen Maske gewichen. »Die Mission ist für vier Personen ausgelegt. Finden Sie sich damit ab, oder gehen Sie. Ihre Antwort?«

Giacomo ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Das gehörte zum Spiel. Er bereute nur, die Zigarettenschachtel weggeworfen zu haben. »Einverstanden.«

Das breite Lächeln kehrte zurück. »Ich wusste, dass Sie die richtige Entscheidung treffen würden. Sie sind engagiert, Señor Salvadore. Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Leichtfüßig sprang der Fremde auf das Boot. Dem Stewart gab er ein Handzeichen, und mit dröhnendem Motor verließen sie das Hafenbecken und steuerten hinaus aufs offene Meer.

***

Das kleine Motorboot verfügte zwar über eine Kajüte, doch Giacomo hatte darum gebeten, an Deck bleiben zu dürfen. Über ihm leuchteten die Sterne mit einer Intensität, die er seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt hatte. Jede Minute, die er unter Deck verbracht hätte, wäre Verschwendung gewesen.

Insgesamt befanden sich fünf Mann an Bord: Der Fremde, der sich in der Zwischenzeit als Phillip Scholz vorgestellt hatte, drei namenlose Wachposten sowie er selbst. Die See hatte sich beruhigt, weshalb sie schnell vorankamen. Mit einer Geschwindigkeit von mindestens zwanzig Knoten jagten sie über die leicht wogende Wasseroberfläche. In der Ferne tauchten mehrere Inseln auf. Giacomo spähte angestrengt in die relative Dunkelheit, bis er die einzelnen Konturen klar voneinander abgrenzen konnte.

»Wir sind bald da«, stellte Scholz überflüssigerweise fest.

Als Gesprächspartner war er denkbar ungeeignet, wenn nicht sogar unangenehm. Nach mehreren Versuchen, etwas aus ihm herauszuquetschen, hatte Giacomo aufgegeben und sich mit der Tatsache abgefunden, dass er gegen eine Wand redete.

Er hoffte nur, dass die hinter Scholz stehenden Aufraggeber großzügiger mit ihren Informationen waren. Wenn er eines hasste, dann waren es schlecht abgeklärte Missionen. Um ein perfektes Ergebnis garantieren zu können, benötigte er alle Informationen, die er kriegen konnte, nur so ließen sich Fehlkalkulationen und Fehlentscheidungen noch im Vorfeld verhindern. Allerdings schienen die Drahtzieher alles andere als Anfänger zu sein, darum vertraute er ihnen. Vorerst.

Am Ufer der ersten Insel tauchte eine nicht unbedeutende Anlegestelle auf, an deren Seiten weitere Bote vertäut lagen. Bullige Wachposten in schwarzen T-Shirts patrouillierten bewaffnet mit Maschinenpistolen davor auf und ab. Im Giebel des Bootschuppens brannte eine einsame Glühbirne, ansonsten gab es keine erkennbaren Lichtquellen. Nur die auf einer Anhöhe erbaute Villa strahlte noch etwas Licht ab.

Giacomo meinte, die meisten Mafiaverstecke zu kennen, doch diese Insel war ihm nicht vertraut. Entweder gehörte sie einem eher unbedeutenden Mafiosi, oder er hatte die Ausmaße der Organisation unter- und seine Rolle darin überschätzt.

»Aussteigen!«, befahl einer der muskelbepackten Bodyguards mit russischem Akzent.

»Nana, Signor Salvadore ist unser Gast. Wo bleibt dein Benehmen, Gregor? Als neulich die nette Signorina zu Besuch war, hast du doch auch geschnurrt wie ein Kätzchen«, spottete Scholz.

Giacomo deutete einen übertriebenen Knicks an, der selbst den finsteren Gregor zum Lachen brachte. Kriminelle verfügten über einen ausgeprägten Humor. Nicht selten diente ein qualvoller Akt, den die Polizei gemeinhin als Mord bezeichnete, zur humoristischen Erquickung mancher Mafiabosse. Giacomo war stets darauf bedacht, nicht zu einem jener Vergnügen zu werden.

Die Villa war beeindruckend, mehrstöckig und von einer Eleganz vergangener Tage. Die mit Terrakotta geflieste offene Veranda besaß die Größe eines Basketballfeldes samt Schiedsrichtertribüne. Der Ausblick aufs Mittelmeer war ungetrübt, kein einziger Baum befand sich im Sichtfeld. Die Landschaft war geprägt von Zypressen, hohen Gräsern und Kakteen, die zwischen Steinansammlungen wuchsen. Eine Idylle inmitten des Ozeans. Unten hörte man die Wellen im vorgegebenen Takt der Natur gegen das steinige Ufer klatschen.

Irgendwann, wenn die Zeit gekommen war, würde sich Giacomo an einem solchen idyllischen Ort zur Ruhe setzen. Dann würde er einegenau zwischen sich und Villa erbauen, noch imposanter und luxuriöser als diese hier. Er würde eine nette Frau finden und mit ihr gemeinsam seinen Lebensabend verbringen. Bis jetzt war es nur eine schöne Vorstellung, doch der neue Auftrag und die unfassbar hohe Bezahlung konnten seine Zukunftsträume Wirklichkeit werden lassen. Wenn alles glatt lief, konnte er sich danach ein für alle Mal aus dem Geschäft zurückziehen. Er hätte ausgesorgt.

Nur mit Mühe gelang es ihm, aus der Traumwelt in die Realität zurückzufinden. Vor ihm lag der wohl mit Abstand schwierigste Auftrag seines Lebens. Die Zukunft war noch nicht geschrieben, alles war möglich. Der Erfolg könnte ausbleiben, die Auftraggeber nicht zahlen. Schon so manches Mal war es ihm nur unter Einsatz gewisser Druckmittel gelungen, sein Honorar einzutreiben.

Im ersten Stock brannte helles Licht, während das Erdgeschoss weitestgehend im Halbschatten lag. Scholz führte ihn durch die Terrassentür. Drinnen präsentierte sich ihm ein überaus geräumiges Wohnzimmer mitsamt angrenzendem Essbereich. Die Möbel – gleich mehrere Sofas, Sessel, Tische und Schränke – waren aus den teuersten Materialien gefertigt. Das Material der Bücherschränke erkannte Giacomo als westindisches Satinholz.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
580 s.
ISBN:
9783957770363
Yayıncı:
Telif hakkı:
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